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Unsere Nachbarn.
Unsere Nachbarn.
Neue Skizzen
von
Ada Christen.
Dresden und Leipzig.
Verlag von Heinrich Minden.
1884.
Unbefugter Nachdruck wird gerichtlich verfolgt.
Der Liese
mit herzlichem Gruß
die Ada.
Inhalt.
| Seite | |
| Die Liese I. | [1] |
| „ „ II. | [19] |
| Der einsame Spatz | [41] |
| Nur ein Wort | [65] |
| Im neuen Hause | [89] |
| Mama muß tanzen | [131] |
| Nachbar Krippelmacher | [167] |
| Als er heimkehrte | [185] |
Die Liese.
I.
„Ja, das ist mir im Kopf geblieben, es ist wahr, Du hast Recht, ich weiß nicht, warum es so ist, aber die Leut’, denen etwas passirt ist, die habe ich nie vergessen können. Es giebt noch eine ganze Menge Bekannter aus unserer Kinderzeit, sie haben geheirathet, oder sind ledig geblieben so wie ich, sie haben Kinder bekommen, haben Glück damit gehabt oder sie sind ihnen an Kinderkrankheiten schon weggestorben, wie das so geht, es ist ihnen nichts besonderes passirt. Einer oder der Andere hat sich sogar viel erwirthschaftet und könnt’ sich die „blaue Gans“, wenn sie noch dort stehen würde, kaufen. Dasselbe Haus, wo er früher in der kleinsten Kammer gewohnt hat!... Mein Gott, er hat halt tüchtig gearbeitet und die rechte Zeit benützt. Das kommt nicht oft vor, und denjenigen, denen es passirt, denen ist es zu vergönnen.“
„Also reich geworden sind auch einige von unsern alten Nachbarn?“ fragte ich die Liese, und sie erzählte dann in ihrer behäbigen nachdenklichen Weise fort. Zuweilen sprach sie wie ein Kind, so schlicht und unklar darüber, wie die Dinge entstanden sind und warum sich Eines oder das Andere so begeben hat, wie sie es schilderte, immer aber voll von feinem Empfinden und manchmal mit dem überraschend scharfen Blick, der einsamen Menschen und besonders einsamen Frauen eigen ist, die bei regem hellem Verstand wenig Gedankenaustausch haben. Die Liese sah und sah immer wieder nach dem hin, was einmal durch seine äußere Form überraschend auf sie gewirkt hatte; sie dachte ab und zu über diese Erscheinung und fragte sich endlich: Warum ist dies oder jenes hier nicht so wie bei allen Andern?... War sie bei dieser Frage angelangt, dann schaute sie noch genauer hin, und es war dies recht ungewöhnlich bei dem unbelehrten, abgeschlossenen Mädchen; das flüchtigste Lächeln, der verschleierte Wehlaut, eine von der gewöhnlichen Umgebung unbeachtete, unbedeutende Bewegung oder Handlung wurde für sie zum richtigen Schlüssel für das Wesen derjenigen, welche ihre Aufmerksamkeit erregt hatten. Sie lernte durch ihre Gedankeneinsamkeit tiefer empfinden, schärfer beobachten und schmuckloser reden wie die meisten Menschen, denen ich in jenen Lebenskreisen begegnet bin. Anfangs wunderte ich mich über ihre langsame, grübelnde Art, über ihr bohrendes Denken, ihr geistiges Festhalten an dem, was ihr als ungewöhnlich auffiel, bald aber fand ich den ihr selbst unbekannten Zug des Außergewöhnlichen in ihr selbst.
Liese ist heute vierunddreißig Jahre alt, also ein altes Mädchen, und wahrhaftig eine alte Jungfrau. Sie ist eigentlich sehr hübsch, trüge sie anstatt des grau- und schwarzgestreiften Kleides ein farbiges, und anstatt der langen glatten Blendenscheitel das aschblonde Haar aus der Stirn gestrichen. Lernte der volle Körper ein Mieder kennen, so wäre die Liese vielleicht sogar eine begehrenswerthe, weil beachtete Frauenerscheinung. So aber ging und geht das Mädchen unauffällig durch die Welt, und das Ungewöhnliche dabei ist, daß sie sich das Leben nie anders gewünscht hat. Keine Jugendschwärmerei, keine Alterversorgungs-Sehnsucht hat sie aus dem Geleise gebracht; sie sitzt am Stickrahmen ganz in derselben Weise wie ihre selige Ziehmutter, die Frau Huber, sie hinsitzen hieß, als sie ein Kind von zwölf Jahren war. Wäre die „blaue Gans“ nicht niedergerissen worden, so säße sie wohl noch an demselben Fenster, anstatt daß sie jetzt der Stelle gegenüber sitzt, in dem einzigen alten Hause, welches noch dort steht und auch in seinem neuen Aufputz noch immer an die alte Zeit gemahnt.
Ich erinnere mich noch ganz genau des Tages, an welchem Frau Huber die Liese in die „blaue Gans“ brachte. Sie mochte damals ungefähr zehn Jahre zählen, ihre Mutter war gestorben, als sie zur Welt kam, und ihr Vater war damals gerade seit vier Wochen todt. „Zwei ältere Stiefschwestern, Kinder von der ersten Frau ihres Vaters, liegen auch bei den Eltern draußen, und so wär’ das Mädchen mutterseelenallein auf der Welt, wenn ich sie nicht genommen hätt’, wer weiß, was aus ihr geworden wär’, und wer weiß, was noch aus ihr wird, sie ist ein „Charfreitagskind“, mit solchen hat man selten Glück...“
So erzählte die Frau Huber meiner Mutter und den anderen Frauen, welche bei großen Fragen maßgebende Stimmen hatten in der „blauen Gans“.
„Mußt gut thun,“ mahnten Alle, und uns Kindern wurde gesagt: „Müßt freundlich sein, daß sie kein Heimweh kriegt, sie ist noch ärmer als Ihr Alle, sie hat nicht Vater noch Mutter.“
„Und was da Alles vorgefallen ist bei der Geburt von dem Mädel, ich sage Ihnen,“ flüsterte die Frau Huber meiner Mutter zu. Wir spitzten die Ohren, aber... „die Kinder sollen im Vorhaus spielen,“ hieß es, und die ganze Schaar sammt der schwarzgekleideten Liese wurde aus der Thüre hinausgeschoben.
Als wir wieder hinein durften, sahen die Frauen alle nur die Liese an, und meine Mutter sagte nach einer Weile: „So Gott will, wird aus dem armen „Charfreitagkind“ doch ein tüchtiges Mädel, gelt?“
„Glück habe ich wenig gehabt mit solchen Kindern,“ erwiderte Frau Huber seufzend, und sie wußte ein Lied davon zu singen, denn sie war die gesuchteste „weise Frau“ der Vorstadt.
Von jenem Tage ab blieb die Liese in der „blauen Gans“, die Frau Huber wurde ihr eine gute und liebevolle Mutter, ließ sie von der geschicktesten Weißstickerin unterrichten, und so saß sie an ihren Rahmen, lernte sich ihr Brod verdienen und wurde auch richtig ein tüchtiges Mädel. Als die Frau Huber starb, hinterließ sie ihr bescheidenes Hab und Gut — ihre eigenen Söhne waren draußen in der Welt wohlhabende Leute geworden — dem Ziehkinde. Liese betrauerte sie wie ihr eigen Fleisch und Blut, sie arbeitete aber weiter wie ehedem, legte Groschen zu Groschen und blieb einsam und allein auf dem alten Flecke sitzen.
So fand ich sie fast unverändert nach Jahren wieder. Warum sie nicht geheirathet habe, erklärte sie mir dahin, daß nie ein Mann bei ihr angefragt hätte, daß ihr selbst keiner besonders gefiel, daß sie viele üble Ehen, viel Kindersorgen und Freudlosigkeit gesehen hätte, selbst bei reichen Leuten unter ihren Kunden, wie sei das nun erst unter Ihresgleichen, bei Leuten, die mit blutwenig oder gar nichts zu wirthschaften anfingen. Bei ihrer Arbeit, die gepflegte Hände erfordere, ginge es mit Waschen und Fegen, Flicken, Kochen und Kinderwarten nicht an, daß sie aber ihr Handwerk, welches sie nähre, aufgeben solle, um sich von einem Manne füttern zu lassen, das könne sie nicht begreifen; gut ist gut, sie lebe behaglich ohne Herrn und Ernährer. Die Selbständigkeit sei viel werth. „Wer nicht anders kann, dem muß man sein Recht lassen, wem es aber so besser zu Gesicht steht wie mir, der thut wohl,“ schloß sie mit ruhigem Lächeln ihre Erklärung.
Gegen solche Worte läßt sich nichts einwenden, und so leicht und einfach es klingt, so ist die Ausführung dieser simplen Grundsätze doch eine weit schwierigere, und das alte Mädchen mit dem schwarz- und graugestreiften Kleide hat weit mehr Verstand und Kraft dazu gebraucht, rüstig weiter zu leben und sich ein starkes ehrliches Herz zu erhalten, als es heute in seiner Einsamkeit und Gedankenabgeschlossenheit zu erkennen vermag.
Seit ich sie damals aufgesucht habe, begegnen wir uns im Jahre nur zweimal, und da im Theater, auf demselben Platze, wo wir als Kinder saßen... Zweimal im Jahre erlaubt sich die Liese, für ihr Geld zu weinen und zu lachen.
Am Allerseelentage wird auf allen Bühnen der Residenz ein gruseliges Rührstück gegeben, und diese erschütternde Geschichte sahen und sehen wir uns an der kleinsten Vorstadtbühne von der letzten Galerie herab alljährlich an. Wir sitzen da ganz am äußersten Ende der ersten Bank, nur durch die Mauer von dem Schnürboden getrennt. Wir hören dort Alles sehr gut, aber die Mimen müssen weit an die Lampen vor und sehr inbrünstig zu den Soffiten emporjammern, wenn wir sie von Angesicht sehen sollen, doch die Liese kann die ganze Komödie auswendig und ist gewöhnt daran, sich auf diesem Platze ungestört auszuweinen. Ich glaube sie hat dieses rührende Stück eigentlich noch nie vollständig gesehen, und da sie an dem Herkömmlichen fest hält, wird sie es wohl auch kaum jemals sehen.
Der zweite Theaterabend, an welchem wir uns, so wie an dem ersten, um fünf Uhr Nachmittags bei dem Hinterthürchen in der Seitengasse treffen, ist der Fastnacht-Montag. Der alte Mann, welcher ein halbes Dutzend einflußreicher Stellungen an jenem Theater einnimmt, läßt uns durch die kleine Thüre in einen finsteren Gang ein, dort drücken wir ihm ehrlich unser Eintrittsgeld und noch eine Kleinigkeit darüber in die Hand und klettern im Finstern den uns wohlbekannten Weg hinan. Wir und die Mäuse, die hin- und herhuschen, sind die einzigen lebenden Wesen im Zuschauerraum... Nur neben uns, auf dem Schnürboden, da rollt und knarrt und raspelt es, und auf der Bühne, die von ein paar Lampen matt beleuchtet ist, da schlürfen und traben die Theaterarbeiter herum, schleppen Versatzstücke herbei und reden nicht zu viel und nicht zu laut, es klingt alles so verdrießlich in dem wiederhallenden Saal. Der ganze Zuschauerraum ist grau eingehüllt, lange Tücher hängen nämlich von der Brüstung der letzten Galerie bis hinab zu den vornehmsten Plätzen.
Und in diesem großen leeren Raum, in dieser anheimelnden Dunkelheit saßen wir als Kinder erregt von ahnungsvollem freudigem Schauern, da sitzen wir jetzt und flüstern und haben das Gefühl, als könnten wir das, was wir reden, eigentlich doch nur hier reden.
Dieser Abend bringt aber auch Abwechslung, fast jedes Jahr wird eine andere Posse aufgeführt; und die Liese lacht, daß ihre vollen rothen Backen noch röther werden und ihre graublauen Augen sich mit Thränen füllen, sie lacht, daß die ganze Umgebung mit lacht. Denn nach und nach sind lauter alte Bekannte droben angekommen...
Die einst neben uns als Kinder saßen, sind jetzt ehrsame Kleinbürgerfrauen, Blumenmacherinnen, Handschuhnäherinnen, Stickerinnen, Waschfrauen, Kutscherfrauen, zumeist das, was ihr Mütter waren oder noch sind. Es ist eine lustige Schaar Menschen, welche noch herzlich lachen können. In den Zwischenakten aber, und wenn ich die Liese dann ein Stück heimwärts begleite, plaudern wir weiter von vergangenen Tagen, von unseren alten Bekannten und Nachbarn. Da werden gleichsam die Todten lebendig, und die Lebendigen schreiten an mir vorbei in ihrer jetzigen Kleidung und ihrem neuen Gehaben, denn die Liese hat die Begabung, mir die Menschen, von welchen wir reden, sichtbar zu machen...
Ahnte sie, welchen Diebstahl ich begehe, wenn ich oft mit ihren Worten die Geschichten unserer Nachbarn, Freunde und Feinde erzähle, sie würde große Augen machen und verdutzt schweigen. Sie weiß es aber nicht, für sie bin ich, was ich einst gewesen, als das will ich ihr wenigstens gelten, denn nur so bleibt sie, was sie mir ist, und in solchem Verkehr vermag ich sie festzuhalten bei der Schilderung irgend einer Person, welche sich ihrem Gedächtniß besonders eingeprägt hat, „weil ihr was passirt ist.“
„Stehen Dir die langen Nägel nicht im Weg’ bei einer feinen Stickerei?“ fragte sie, als ich sie das letztemal im Theater sah, ganz verwundert. Ich hatte im Eifer des Gespräches mich vergessen und meine grauen Zwirnhandschuhe abgestreift, die, wie ich mich noch erinnere, nebst einem braunen Merinokleid unsern höchsten Sonntagsputz ehemals ausmachten.
„Freilich, freilich!“ erwiderte ich verlegen, denn ich hatte plötzlich den Gedanken, die Liese sieht doch, daß die Handschuhe und das Kleid und die Art... heute doch nur Etwas wie eine Maskerade sind, wenn auch die Menschen, denen mein Aeußeres gleicht, mir lieb geblieben sind und bleiben werden mein lebelang.
„Ja, warum hast sie aber?“ meinte Liese und lächelte gelassen, ich merkte nun erst, daß sie nur meine Eitelkeit beachtet hatte... Sie drückte mit ihrer vollen weißen Hand den glatten Scheitel noch flacher an die Schläfe und sprach wieder; mit einmal aber sagte sie, ihre erste allgemeine Rede wieder aufnehmend:
„Ja, ja!... reich sind auch einige geworden von unsern alten Freunden und Bekannten... wie ich Dir schon früher erzählt hab’... aber weißt, die, die durch ihre Arbeit reich sind, die sind noch ganz so gegen Unsereinen, wie sie früher waren... wenn sie auch Zeit gehabt haben, dieweil was Rechtes zu lernen, und sich ihre Haare, weiß Gott, wie hergerichtet haben...“ sie schaute dabei fest auf den Kronleuchter, „manchmal Reden führen, die sich gescheidter anhören, als es Unsereins gewöhnt ist, lange Nägel... tragen... so wissen sie doch, was sich gehört und an was der Mensch alleweil denken soll.“
„Oho, Liese!“ dachte ich, stellte mich aber an, als verstände ich ihre Worte nur im Allgemeinen.
„Aber die Andern!... ich sag’ Dir, der Tischlerbub’, weißt, dem sein sparsamer Vater viel Geld hinterlassen hat, und der Kleinholzhändler von der schmalen Brücke, weißt noch? na Du! der hat den Haupttreffer gemacht. Heute hat er ihn gemacht, morgen hat er seinen Holzladen zugesperrt und übermorgen ist er zuerst mit einem Pferd, den nächsten Tag mit zwei und alle Tage mit einem mehr gefahren, bis er soviel Pferde vorgespannt gehabt hat, wie Tag’ in der Woche, weißt, und Alle durcheinander wie in einer Kunstreiterei, so ist er durch alle Gassen gefahren. Ein Paar Andere sitzen alleweil auf dem Altan vor dem Haus, das sie geerbt haben, alle zwei haben sie schon Gliederreißen, aber anschauen lassen sie sich doch draußen, wenn der Wind noch so stark geht. Ich muß immer lachen, wenn ich aus meiner warmen Kammer gerade hinüberschau auf die halberfrorenen neuen Hausherren. Solche Leut’ werden noch viel auszustehen haben von dem zufälligen Geld, ich mein’ der Hochmuthsteufel und die Angst, daß sie es wieder verlieren, läßt sie gar nicht ruhig schlafen. Vielleicht ist es anders. Ich denk’ mir ja allerhand, wenn der Tag lang ist; meine Arbeit braucht keine besonderen Gedanken mehr, meine Hand geht wie eine Maschine auf und ab, auf und ab, auf und ab! Da kann ich an Alles denken, was ich gehört und gesehen hab’ und noch hör... und seh!“...
Liese holte tief Athem, lauschte ein wenig mit geneigtem Kopfe nach dem Schnürboden zu, denn es war schon der letzte Zwischenakt, da hasteten die Arbeiter neben uns und es knarrte und ächzte in dem Gebälke noch lauter. Ohne mich anzublicken wandte sich Liese zu mir und seufzte leise, das war etwas seltenes bei ihr, und ich bemerkte nun auch, daß auf ihrem Gesichte eine Verzagtheit und Bekümmerniß lag, die ich von früher nicht kannte, und wenn sie bis jetzt auch breit und langsam wie immer gesprochen hatte, so klang doch etwas Fremdartiges, Besorgtes aus ihrer Rede. Sie schwieg noch eine Weile, aber ganz plötzlich, als hätte sich die alte Liese im Innersten zusammengenommen, wandte sie sich zu mir, nahm meine Hand aus meinem Schoße, drückte sie recht warm, streichelte leicht darüber hin, und dann sagte sie noch langsamer als sonst:
„An Dich denke ich auch öfter... fürcht’ mich, daß ein Allerseelentag kommen wird, wo Dir die Geschichte, die sie da unten spielen, zu dumm ist... und Du magst sie nimmer sehen...“
Auf der Bühne wurde es hinter dem Vorhange schon lebendiger, ein leises Glockenzeichen rief die Schauspieler für den letzten Akt zusammen, die Liese stockte ein wenig und schaute hinab auf das langgezogene Apollogesicht, welches den Vorhang schmückt, dann drückte sie meine Hand kräftig und wisperte beinahe Wort um Wort:
„Seit ein paar Jahren fürcht’ ich das jedesmal... Ich hab’ Dich nicht gefragt... aber wenn Du doch kommst, dann freu ich mich... über... Dich... Ich bitt’ Dich, werd’ Du nicht anders... ich mein, für Dich ist es gerade so Recht...“
Der letzte Akt hatte eben angefangen, die Liese schaute schnell auf die Bühne hinab und sprach kein Wort weiter. Sie nahm auch das Gespräch nicht wieder auf als ich sie heimbegleitete, als wir durch die alten Straßen gingen, Hand in Hand, wie in vergangenen Tagen. Diesmal lief ich bis an ihr Hausthor mit, und „Uebers Jahr!“ sagte sie lustig, als wir Abschied nahmen...
Uebers Jahr!... Der Allerseelentag kommt nun bald, und ich werde die Liese wiedersehen. Was sie aber sagen würde, wenn es einmal zu Weihnacht an ihre Thüre pochen thäte, wenn sie aufmachte und der Briefträger würde ihr ein Büchlein hineinreichen, in welchem zuerst ihre eigene Geschichte gedruckt zu lesen wäre, und dann alle jene, welche sie mir so frisch und lebendig wiedererzählt hat, daß ich sie beinahe ganz so niedergeschrieben habe, die Geschichten jener unserer Nachbarn, „denen etwas passirt ist“.
Die Liese.
II.
Die ganze Geschichte ist eigentlich sehr mühsam zusammengetragen, aus Kindererinnerungen hervorgeholt, aus halbvergessenen Erzählungen herausgehorcht.
Die Liese selbst wußte am wenigsten davon zu sagen, oder wollte sie nichts wissen?... Meine Mutter erzählte mir erst jüngst wieder, was sie seinerzeit von der Frau Huber erfahren hatte, aber in ihrer geheimnißvollen, menschenfreundlichen Wichtigthuerei mochte sich die Frau, die am meisten davon wußte, wohl auch nur auf Andeutungen eingelassen haben. Eine alte Magd des „Doktors“, der immer und von allen mit besonderer Betonung genannt wurde, die wirklich nur zufällig über meinen Weg lief, konnte von den schweren Tagen, welche ihr Herr durchmachte, wenn ihm ein Kranker starb, viel sagen. Sie erinnerte sich ganz genau an die Frau Brauner, an die Mutter der Liese, sie wußte auch, wann sie gestorben war, und welche trübe Zeit ihr „Herr Doktor“ nach diesem Todesfall hatte. Die Alte war eine vorsichtige, im Schweigen geübte Person, sie erzählte nur was sie gesehen und gehört hatte, wenn die Frau Brauner zu dem Arzt kam wegen ihres Brustübels. „Wie sie das erste Mal gekommen ist, die Frau Brauner, war sie gerade vier Wochen verheirathet, und da sagte der Doktor schon: Es steht schlimm.“
Als sie mir das erzählte, unterbrach sie sich, besann sich eine Weile wieder und dann sagte sie, bekräftigend mit dem Kopfe nickend:
„Ja, ja, gerad vier Wochen war sie mit dem Brauner verheirathet. Sie kam dann fast jede Woche, und dabei wurde sie immer schmaler und weißer, und Thränen hat es da oft gegeben und Seufzer! Du mein Gott! Angst und bang ist mir geworden hier draußen im Vorzimmer, oder wenn sie so verweint an mir vorbeigegangen ist. Und der Herr Doktor war auch recht traurig immer, der hat so viel Mitleid gehabt, er war ein seelenguter Herr!... Aber helfen hat er nimmer können. „Ich habe sie zu spät kennen gelernt!“ hat er mir einmal zur Antwort gegeben, als ich ihn gefragt hab’, ob der schönen lieben Frau denn gar nicht zu helfen wär’. Besonders bang aber ist ihm worden, als die Aussichten auf das Kind da waren, freilich hat er stundenlang der weinenden Frau zugeredet und sie getröstet, aber sie muß selbst gefühlt haben, was ihr bevorsteht, und die Frau Huber, ihre Nachbarin, war auch voll Sorg’ und Unruh.“
Die alte Magd gedachte noch einer Menge Kleinigkeiten, welche mit dem Ereignisse zusammenhingen, am meisten aber kränkte sie sich darüber, daß der „Herr Doktor“ nach Italien, in seine Heimath, zu seiner Schwester gegangen ist, dort unverheirathet weiter gelebt hat und nur alle heilige Zeit einmal ein Lebenszeichen schickte. Seit einem Jahre wußte sie nichts von ihm.
Die Alte ist nun auch schon gestorben. Und der Doktor? Bei wem sollte ich nachfragen? Eine Art Scheu hielt mich ab, die Liese anzugehen, sie fragte ich nie nach ihm.
Am eingehendsten sprach der älteste Sohn der Frau Huber einmal mit mir von der Liese. Er war auf Urlaub daheim, und wir lachten alle viel über den frischen lustigen Mann, der mit schauspielerhaften Geberden seine Reden begleitete; die Geschichte von Liese’s Geburt, die erzählte er mir, die ich so ein halbwüchsiges Mädel war, weniger lustig und auch so zurückhaltend, als ob er sagen wollte: „Alles kannst und darfst Du nicht verstehen...“
Er leitete die Ereignisse wie eine Kindergeschichte ein; als ich später darüber nachdachte, da hörte ich geheime Thränen rieseln und wortlose Klagen wimmern... Vielleicht habe ich mehr gehört und gesehen, als sich in Wirklichkeit zugetragen hat, vielleicht weniger... So will ich denn Alles erzählen, wie ich es hörte, es geschieht damit Keinem ein Unrecht, aber die Liese bekommt alsdann erst das Buch, wenn ich die zweite Geschichte, welche ich jetzt niederschreibe, herausgeschnitten habe...
*
**
„Freilich sind sie schon fortgeflogen!“
„„Aber es regnet ja, was es nur Platz hat.““
„Da werden’s alle rostig auf der Reis’, gelt?“
„„Was? nachher können’s gar nimmer läuten?““
„Dummer Kerl!“
Den Schluß dieser Ausrufe machte ein Puff, dann erscholl ein langgezogenes Geheul durch den dämmerigen Dachboden, als aber ein bleicher, wässeriger Sonnenstrahl drüben schräg über den Kirchthurm fiel und die plumpen, grauen Steinzierathen beleuchtete, da schoben sich die Kinderköpfe mit versöhnten Gesichtern schnell zwischen die Gitter des Dachbodenfensters und starrten hinüber auf den Thurm und erzählten sich: „Es ist wirklich nichts drinn in der Glockenstube! Die Glocken sind alle miteinander nach Rom geflogen.“
Fünf Kinder waren es insgesammt, die ihre Schnäbel hinaussteckten, zwei kleine nette Mädchen mit gelben, sorgsam geordneten Haaren, und drei braune, zerzauste Buben. Die „weise Frau“, die unten im Erdgeschoß wohnte, hatte sie je mit einem rothen Ei und einem Stück Osterbrod versehen und so auf den Dachboden gelockt mit der Andeutung, daß sie noch eine oder die andere Glocke, welche sich verspätet habe, davonfliegen sehen könnten. Zuerst freilich hatte sie sich fürsorglich überzeugt, ob nicht mehr als die struppigen Schädel ihrer Buben durch das vergitterte Fenster hinaus könnten, und erst als der Kopf des Jüngsten die Probe überstanden hatte, fuhr sie lustig mit der Hand über alle anderen Köpfe und sagte:
„Bleibt’s nur da, bis ich Euch hol’!“
Dann ging sie hinaus, hakte das Vorhängschloß ein, drehte den Schlüssel um, steckte ihn in die Tasche und kletterte wohlgemuth die steilen Treppen hinab.
Unten im Erdgeschosse des alten Hauses, — es stand gegenüber der Kirche und dem Kalvarienberge, welcher die Kirche umgab, — lag eine bleiche Frau auf einem sorgfältig geordneten Bette, der Schimmer der scheidenden Jugend gab dem Antlitz einen rührendweichen Ausdruck, und wie sie dalag mit den geschlossenen Augen und Lippen, die Hände über der Brust gefaltet, glich sie eher einer Dahingeschiedenen als einer jener Duldenden, die ein neues Leben erwarten ...
„So, Ihre Mädeln und meine Buben sind alle miteinander eingesperrt auf meinem Boden, die werden dreinschauen, wenn’s keine Glocken davonfliegen sehen da droben, aber dafür hier unten einen kleinen Kameraden finden.“
Ein schwaches Lächeln der Kranken war die karge Erwiderung. Frau Huber zog ihre Schürzenbänder fester zusammen, strich mit der Hand über das Kopfkissen und sagte dann mit vertraulicher Lustigkeit:
„Zu den zwei kleinen Mädeln, von Ihrem Mann seiner ersten seligen Frau, jetzt so einen kleinen Buben von Ihnen dazu! Was? Das wär’ halt das Rechte. Der Herr ist soviel auf Reisen — da hätten Sie ein bisserl mehr Zerstreutheit — thäten Ihnen weniger kränken — na ja! so ein neugebornes Kind giebt eine Menge Arbeit, da kommen einem gar keine anderen Gedanken. — Und wenn man den allergröbsten und grauslichsten Mann hat, so kommt er Einem höflich und sauber vor, wenn man so ein kleinbeiniges, rothgesichtlertes Kinderl am Arm hat, zu dem er der Vater und unsereins die leibeigene Mutter ist. — Ich weiß das recht gut, mein gottseliger Mann war auch grad’ kein Engel, aber ein kreuzbraver Mann war er und darum hab’ ich ihn gut leiden können.“
Jetzt öffnete die Kranke die Augen, und zwar erst als sie hörte, daß ihr die Sprechende den Rücken zukehrte. Es waren große, schier zu große, blaue Augen, das Weiße war noch so rein wie es nur bei Kindern ist, aber die Augen hatten einen scheuen Ausdruck... wie hilfeflehend irrten sie von der Frau, die am Fenster stand, hinüber zu der Kirche, dann wieder zu der Thüre und schlossen sich endlich mit ergebungsvoller Demuth wieder. Frau Huber blickte erwartungsvoll auf das Zifferblatt der Thurmuhr, dann zog sie eine große, alte, silberne Männeruhr aus dem Schürzenlatz, verglich beide auf die Minute und ihr lustiges, freundliches Gesicht wurde immer besorgter. Sie räusperte sich verlegen und wandte sich um, als ob sie weiterreden wollte, im selben Augenblick aber rollte lärmend ein Wagen heran und hielt vor dem Fenster jählings an. Als ob sie die Kranke schützen wollte, so rasch eilte Frau Huber an das Bett und nahm sie in ihre Arme. So stark die Frau auch war, die stille Gestalt warf sich doch plötzlich auf den Kissen herum, daß ihr Häubchen zurückglitt und die dichten blonden Haare bis auf den Gürtel niederflossen.
Schon stapfte ein schwerer Schritt durch den Vorgang und polterte durch die Gemächer. Thüren flogen knarrend auf und fielen dröhnend zu, endlich quikte schon die Klinke an der letzten Stubenthür und auch diese wäre lärmend aufgestoßen worden, hätte die besorgte Wärterin sie nicht erfaßt und den vierschrötigen Mann, der pustend eintrat, am Aermel seines Reisepelzes gepackt. Mit dem Kinn nur wies sie über die Schulter nach dem Bette und flüsterte:
„Der Fanny geht es nicht gut, Herr Brauner, seit gestern ist es freilich ein wenig besser und ich glaub’, es wird sich schon machen, — aber die Nerven halt, und die Brust! Ich habe mir gedacht ich schreibe Ihnen, es ist gescheidter, Sie sind da, wenn — aber ich hab’ schon wieder Muth — jetzt geht es ihr besser,“ schloß sie beruhigend.
Der Mann schüttelte ungeduldig beide Arme und reckte den Kopf nur nach der Kranken hin: als er das todtenblasse Gesicht seines Weibes sah, schob er die flüsternde Frau ungeduldig beiseite, hastete zu dem Bette, ergriff den regungslosen blonden Kopf und horchte, indem er sein grobes, unschönes Gesicht nahe an ihre Lippen brachte.
„Fanny! ich bin es, Fanny!“ sagte er gütevoll, „Tag und Nacht bin ich gefahren, um Dich nicht allein zu lassen, gerade jetzt, weil die Frau Huber schrieb, daß schon jetzt...“ er schaute sich verwirrt nach der Pflegerin um und fuhr hastig, wie nachsinnend, mit der umgekehrten Hand über die geröthete Stirne hin und her. Die Wimpern der Kranken zuckten, es war, als ob sie die geschwollenen Lider nicht heben könne.
„Ich danke Dir,“ lispelten ihre weißen Lippen, und der schwerfällige Mann erschrak, daß er zitterte, als sie ihren Mund auf seine behaarte rauhe Hand preßte; doch als er sein Weib nun zärtlich küßte, da rann ein Schauer durch ihren ganzen Leib.
„Wo sind denn meine Kinder, Frau Huber?“ fragte Brauner mit unsicherer Stimme, während er immer auf die unbewegliche Gestalt vor sich niederschaute.
„Kinder kann man nicht überall brauchen an solchen Tagen, droben im Dachboden sind’s eingesperrt, da haben Sie den Schlüssel, auf meinem Boden sind alle beisammen.“
Draußen hatte sich ein Wind erhoben, der leicht an die Scheiben pochte, und der graue Himmel war übersät mit kleinen rosigen Wolken. Wie betäubt stieg der Mann die Treppen hinan, immer ließ er seinen gelbblonden Bart durch die Finger gleiten und murmelte, als ob er seiner eigenen Unruhe nachfragen wollte und sich nicht zurechtfinden könne mit etwas Unsichtbarem, Unfaßbarem, das ihn überall anpackte, für das er keinen Namen hatte:
„Was ist denn geschehen, was geschieht denn in meinem Haus?... Mein armes Weib!“...
Er öffnete die Bodenthür und setzte sich stumm mitten unter die Kinder auf einen bestaubten Balken. Sonderbar war es, und doch fiel es ihm in seinen Sorgen nicht auf, daß seine beiden Mädchen nicht aufjubelten wie sonst, wenn er von einer weiten Handelsfahrt unerwartet heimkam, sie kletterten still auf seine Kniee, schlangen die Aermchen um seinen Hals, schmiegten sich eng an ihn und sagten weinerlich:
„Mama ist krank, kommst Du darum?“
„Ja, Kinder, die Mutter ist recht krank, thut’s beten, damit sie wieder gesund wird.“
Er lüftete sein dickes grobes Halstuch rasch und legte seinen großen Kopf auf die flachshaarigen Kinderköpfe, so daß seine Augen nicht zu sehen waren.
„Ich habe Alles gethan, was ich konnte, um ihr Freud’ zu machen, und doch war sie nie recht glücklich,“ sagte er insgeheim, „immer so still und so für sich allein... Ich hab’ sie ja nicht zwingen können, daß sie mich nimmt... sie war arm und als Mädel gerade keine von den jüngsten... und eine Waise, ohne Freund und Stütze... Es war ganz anders... Alles anders wie mir, da die Erste geboren worden ist, die Selige hat ihre Freude gehabt, schon bei dem Gedanken an die Zukunft... und ich war ein heller Narr vor Glückseligkeit...“ er drückte das größere Mädchen fest an sich... „und heut’... heut’ ist die Frau in so schwerer Noth, und thut dabei, als ob wir gar nicht recht zusammengehörten!... Nein!... so thut sie nicht, das bild’ ich mir nur ein!... Warum aber bild’ ich mir das ein? Weil, weil... ei da! weil sie halt feiner und vornehmer ist in ihrer ganzen Art, als wie meine Selige war... als ich selber bin... Die große Beamtentochter ist halt doch was anders als das Kleinbürgerkind, die Selige... Ja, ja, das ist’s, wir wissen uns alle zwei noch nicht recht ineinander zu schicken... Nur gesund werden... gesund!... es wird sich schon machen!... Seid nur brav, Mädeln, macht’s der Mutter keinen Verdruß,“ setzte er laut hinzu, „denn Ihr habt’s gar eine gute, brave und feine Mutter.“ Dann grübelte er wieder bei sich weiter:
„Sie ist so eine eigene Person, sie hätt’ mich gewiß nicht geheirathet, wenn sie mich nicht gern genommen hätte...“
Eine trotzige, laute Kinderstimme schrie plötzlich in seine traurigen Gedanken hinein.
„Sie sein gar nicht davongeflogen, sie hängen noch drinnen im Thurm, grad’ wie die Sonn’ untergegangen ist, hab’ ich sie feuerroth herglänzen gesehen!“
Mit verachtungsvoller Ueberzeugung sagte das der älteste Sohn der Frau Huber und deutete auf den Kirchthurm, „die Frau Mutter plauscht allerhand solche Sachen, die gar nicht wahr sind,“ schloß er naserümpfend.
„Wart, Franzi, das sag’ ich der Frau Mutter, daß Du sagst, sie lügt!“ zeterte der Jüngste ritterlich und versteckte sich, da ihm die früher empfangenen Püffe noch vorschwebten, schnell hinter dem breiten Rücken des Herrn Brauner.
Da mit einmal scholl die Charfreitagklapper anstatt der Glocken und mahnte zum Abendgebet; die Kinder schraken zusammen und horchten hinaus in die graue Luft auf den fremden, ungewohnten Laut. Sie beteten und sangen aber nicht mit, wie sonst jedes Jahr, wenn sie mit den andern Buben hinter der Klapper herliefen von der Kirche ab, von Haus zu Haus durch die halbe Vorstadt. Deutlich scholl das Lied jetzt herauf, halb gerufen und halb gesungen von frischen Kinderstimmen:
„Wir ratschen, wir ratschen den englischen Gruß,“
„Den jeder Christ beten muß,“
„Fallt nieder, fallt nieder auf Eure Knie,“
„Bet’ fünf Vaterunser, fünf Avemarie.“
Die Kinder aber sangen das Lied wirklich nicht mit wie sonst; als die Stimmen schwiegen und die Klapper ertönte, lag es sogar wie Angst auf den jungen Gesichtern, das hohle, klanglose, eintönige Geräusch schien gleichsam herauszuwachsen aus der geheimnißvollen Dämmerung, es konnte nicht mehr voll heraufdringen zu ihnen, der finstere Kirchthurm drüben sah aus, als ließe er mit seinem Schatten zugleich Schweigen und Ruhe hingleiten über die Dächer... Weiter und weiter breitete sich der Schatten aus, kroch hinein bei den vergitterten Bodenluken... schwebte tiefer und tiefer hinab und hüllte allmälig die Erde ein. Die dunklen Schornsteine guckten fast drohend in die kleinen Fenster, jene, welche am fernsten standen, hatten schier menschliche, kampflustige Gestalten angenommen, das schaute sich aber nur so an, weil es zu regnen begonnen hatte und das Wasser rastlos, wie ein leichter Schleier, der hoch oben irgendwo abgewickelt wird, niederrann. Alles das sahen die Kinder nicht zum ersten Mal, und doch machte es sie diesmal ängstlich, und so kam es, daß sie näher und näher heranrückten an den schweigenden Mann, sich knapp neben ihm zusammenhockten, mit verhaltener Stimme ihr Abendgebet hersagten und alle mit heißer Sehnsucht hinabdachten an die hellen Stuben und dabei an die kranke Frau.
Unten hatte sich dem äußern Anschein nach wenig verändert, die Lampe war in der Krankenstube schon längst angezündet, aber ein grüner Schirm hielt das Licht von dem Bette fern; die Vorhänge und Fensterladen waren geschlossen, und es war so still in dem Gemache, daß der leiseste unterdrückte Seufzer der Leidenden hörbar wurde. Frau Huber saß neben dem Lager und sprach ununterbrochen zu ihrem Schützling, während sie aber doch ängstlich-gespannt auf das schmale, schattenhafte Gesicht blickte.
„Nicht einschlafen! — Soll ich Ihren Mann rufen, Fanny? — Er ist schon drüben in meinem Zimmer mit unsern Kindern. Soll ich ihn herrufen, damit er sein jüngstes Mäderl gleich sieht — oder — oder soll — soll der Herr Doktor hereinkommen und — und zuerst sagen, ob schon wer mit Ihnen reden darf? — Er wartet schon seit einer halben Stund’ — der Herr Doktor — da draußen im Nebenzimmer —“ Frau Huber stammelte und rang unter der Schürze die Hände, daß die Finger knackten, „die Leut’ im Haus werden freilich glauben, ich hab’ zum ersten Mal im Leben kein Vertrauen auf mich selbst. — Soll’ns glauben! — Ich hab’ denkt, für alle Fäll’ ist ein Mensch in der Näh’, der Einem eine gewisse Beruhigung giebt.“
Jedes Wort sprach die Frau Huber sehr eindringlich und voll Milde, so daß eine Art Doppelsinn aus ihren Worten zu hören war, besonders da sie immer nach der Thüre hinsah. Es gab eine lange Pause — eine ängstliche Pause — und sie machte sich mit dem neugebornen Kinde zu schaffen, damit sie genauer herabschauen konnte auf das Gesicht der Mutter..., und als Frau Brauner mit aufleuchtenden, flehenden Augen zu ihr hinaufsah, rannte sie zu der Thüre und winkte mit beiden Händen hastig hinaus.
Da wankte ein Mensch gebrochen und kraftlos in die Stube; auf das junge, schöne Männergesicht hatte verborgen gehaltene Seelenangst einen Ausdruck larvenhafter Starrheit gelegt, von den Nasenflügeln herab bis an das Kinnende zog sich etwas, das nicht Furche und nicht Falte war, sondern in seiner ungreifbaren Steifheit wie hingemalen, wie angeflogen erschien und doch wieder nicht äußerlich deutlich sichtbar. Der peinlich genaue Anzug, die regelrecht gebrannten, dunklen Locken, der duftende, glänzend-schwarze Bart, Alles das sah einer Maskerade ähnlich, etwa, als ob ein Greis mit morschem Knochengerüste Haut, Haare und Kleider eines Mannes angezogen hätte, welcher in der Vollkraft des Lebens ist; nur eine solche Verwandlung, wenn sie denkbar wäre, könnte ein Wesen schaffen, wie dieser Mann war. Er schleppte sich an das Bett, wo ihn zwei Augen erwarteten, die allein noch lebendig waren an dem schönen, feuchtkalten Leibe der Frau.
„Vergebung!“ flehte leise der Doktor, während er ihre Hand in der seinen hielt und scheinbar auf seine Taschenuhr sah, er zählte leise und mit bebendem Mund die Pulsschläge, die er nicht mehr fühlte.
„Habe... gebüßt... die einzige... Stunde Glück... in meinem... Leben...“ rang es sich von ihren weißen Lippen, dann schauerte der Körper zusammen in scheuer Zurückhaltung, der Blick rückte mühsam hinüber zu dem kleinen Kinde, die Hände der Frau falteten sich ruckweise über der Hand des Mannes und die vergehende Gestalt hauchte nur noch:
„Carl...“
„Fanny!“ stöhnte der Doktor.
Im dunkelsten Winkel der Stube, die Ellenbogen auf einen Stuhl gestützt, kniete Frau Huber und weinte in ihre Schürze und sprach:
„Herr, vergieb ihr, und lasse sie eingehen in Dein Reich. Amen.“
„Erbarmen!“ ächzte der Doktor mit dem erschütternden Klageruf, den übergroßes Herzeleid ausstößt, wenn es zur übermenschlichen Allgewalt in Vedrängniß und Verzweiflung emporfleht.
Keine Antwort...
„Höre mich!“ bat er in gedämpftem Ton, als wollte er die fliehende Seele festhalten, aber die Frau regte sich nimmer, stumm war ihr Geist hinübergewandelt in jene endlose Stille, in welche kein sehnsüchtiger Ruf der Liebe, kein harter Laut des Hasses dringt...
Er stand noch immer ohne seine Haltung zu verändern aufrecht neben dem Lager. Die eiskalten Hände der Todten lagen schwer auf seiner Hand.
„Was ist’s, Doktor? was ist’s!?“ jubelte Herr Brauner, der mit freudestrahlendem Gesicht hereingestürmt kam.
Der Angeredete ließ die Hände der Entschlafenen sachte niedergleiten, wendete sich um, griff wie blind mit einer zwecklosen Geberde vor sich hin, und sagte dann, während aus dem Schatten um seinen Mund tiefe Furchen wurden, mit einem fratzenhaft-starren höflichen Lächeln:
„Ein Mädchen.“
„Fanny! mein liebes Fannerl!“ kicherte in weichem Ton, überwältigt, hingerissen, Herr Brauner und berührte übermüthig-zärtlich und dennoch schüchtern die Wangen seines Weibes, doch wie von einem Schlage getroffen flogen die Hände zurück, er schaute Wahrheit-, Hilfeheischend auf den Arzt, dann wieder in das stille Gesicht der Todten... warf die Arme in die Luft und fiel nach rückwärts bewußtlos auf die Diele...
*
**
Das Alles geschah an dem Tage, an welchem die Liese geboren wurde.
„Man hat halt kein Glück mit einem Charfreitagkind,“ hat die Frau Huber noch oft gesagt, wenn sie Bruchstücke aus der Geburtstag-Geschichte ihrer Ziehtochter erzählte.
Der einsame Spatz.
Jeden Morgen mit dem Glockenschlage sieben ging er durch den langen Hof der „blauen Gans“, denn er wohnte im Hinterhause bei einem Kutscher in einer geräumigen, hellen Kammer.
Er war schon durch Jahre Schreiber bei ein und demselben Advokaten; das wußten die Nachbarn, aber Keiner konnte unterscheiden, ob der Mann alt oder jung sei. Er war sich gleichgeblieben dem äußeren Ansehen nach, seit er sich in der „blauen Gans“ eingemiethet hatte; das blonde Haar hatte fast dieselbe Farbe wie das bleichblonde Gesicht, seine Augen, die immer hinter einer goldenen Brille staken, waren weder blau noch grau, nur auf den Wangen hatte er je eine einzige Furche, wie sie selten bei einem Menschen zu sehen ist, denn sie zog sich scharf von dem äußeren Augenwinkel nieder und verlief am Halse in einen feinen Strich. Diese Furche gab dem Gesicht einen befremdlichen Ausdruck, weil es sonst ganz glatt und zart in der Farbe war, nur der eine Riß machte es eben, daß die Leute sein Alter nicht bestimmen konnten.
Der Mann mußte ganz allein auf der Welt stehen, denn nie suchte ihn Jemand auf, nie that er etwas dazu, sich an irgend eine Menschenseele anzuschließen, mit dem Glockenschlage sieben ging er am Morgen zu seiner Thüre hinaus, und wenn es Abends sieben Uhr schlug, hatte er die Klinke in der Hand und schritt in seine Kammer. Er grüßte und dankte höflich, und redete an Sonntagen und Feiertagen sogar einige Worte, wenn er heimkam, jedoch nur mit den Männern... Er saß auch öfter eine halbe Stunde lang in der Dämmerung vor dem Hausthore bei dem großen Stein und beobachtete die Kinder, wenn sie spielten oder sangen, an hohen Feiertagen rauchte er in langsamen Zügen lange an einer Cigarre. Den Rauch blies er in kleinen Wölkchen von sich, und hüstelte wie ein junges Mädchen, das heimliche Rauchversuche anstellt.
Sein ganzes Gehaben war bescheiden und still, aber nicht verschüchtert-demüthig. Ein ernstes „Sichselbstgenügen“ nannte es der alte Musikant, der oben in dem kleinen Aufbau wohnte. Der Advokatenschreiber sprach genau nach der Schrift, das wußten auch die Kinder zu beurtheilen, die ihn darob manchmal gar nicht verstanden. Mit dem Nachwuchs der „blauen Gans“ redete er noch am meisten, jedoch nur, wenn die Kinder allein waren und nicht gescholten, geneckt oder gehätschelt wurden von den Alten. Da saß er neben dem Steine vor dem Thore, blickte frohsinnig in das Kindergetriebe, sprach in seiner halblauten Weise zu den Kleinen und streichelte mit seinen weißen, zarten, faltenlosen Händen ihre erhitzten Gesichter, oder er nahm ein steifes Taschenbuch heraus, spitzte die Bleifeder und begann zu zeichnen, und wer ihm über die Achsel guckte, konnte alle Blätter voll Kinderköpfchen sehen. Wenn er das Buch schloß und einsteckte, liefen die kleinen Rangen lärmend zusammen, denn sie wußten, daß er ihnen insgesammt eine tiefe Verbeugung machte und heimkehrte. Wenn er ihnen den Rücken zuwandte, versuchten sie alle diesen vornehmen Gruß nachzuahmen, aber die biegsamen Körper purzelten auf die Erde und krabbelten sich lautlos wieder zusammen, weil sie sich nicht mehr zu lachen getrauten, seit der Laternenanzünder ihnen seine bekannt rasche und schwere Hand gezeigt hatte und ihnen vertraulich mittheilte:
„Wer dem „einsamen Spatz“ noch einmal nachmacht und ihn auslacht, kriegt von mir Schopfbeutler.“
Der „einsame Spatz“... Die Weiber im Hause hatten ihn so getauft, weil sie sich seinen Namen, Virgilius Stramirisko, nicht merken konnten.
„Hinter dem muß ein rechter Menschenfeind stecken,“ sagte die sehr lebhafte Frau Dunkel und schielte dem Schreiber nach, als er gemessenen Schrittes seinem Heim zuging, die Frau Huber aber meinte:
„Ah, bah! Menschenfeind! — Wer die Kinder und die Viecher gern hat, ist kein Menschenfeind.“
„Und reden thut er so schön Hochdeutsch wie unser Herr Lehrer,“ machte die Liese den andern Kindern begreiflich.
Das half aber alles nichts; ob man von ihnen fordern könne, daß sie einen Namen aussprechen sollen, an dem man sich die Zunge bricht, frugen die Weiber; „er bleibt der einsame Spatz, denn wo auf Gottes Erdboden giebt es einen Christenmenschen, den man buchstabiren muß?“ schrie die Frau Dunkel, „nimmt der Nam’ ein End’?“
„Vir-gi-li-us Stra-mir-is-kooo! hat kein End’, was?“
„Einsamer Spatz, halt!“ rief die Hausfrau, und dabei blieb es bis an sein Lebensende, diese Bezeichnung mochte den Frauen als die passendste erscheinen für den einsamen Mann, der sich nie um Weibsleute kümmerte.
Das war darum auch ein Köpfezusammenstecken, als er am Ostermontag Vormittag dem alten Musikanten eine Art Staatsbesuch machte, denn er hatte sogar seinen schwarzen Frack mit den kurzen Aermeln und langen Schößen angelegt. Die „blaue Gans“ war in ungewöhnlicher Bewegung, als nach dem Besuche die beiden Männer die Treppe herabkamen und an den Fliederbüschen hin- und herwandelten, in ein leises Gespräch vertieft.
Nachdem er einmal einen Nachbarn besucht hatte, wurde ihm schon von den Uebrigen mehr Aufmerksamkeit bewiesen, selbst die Frauen sagten nachsichtig:
„Er ist halt nicht gegen alle Leut zuthätig. Wer weiß, was ihm ein Frauenzimmer angethan hat. Na ja! — Es giebt genug Nichtsnutzige. Es kann ihm allerhand passirt sein und darum bleibt er allein.“
Ferner sahen die Frauen plötzlich, daß niemals ein Hut und ein Rock von ihren Männern am Sonntag so sauber geputzt sei, wie der des Schreibers an jedem Werktage, daß keines Menschen Haare so glatt gebürstet als die seinen, daß niemals Stiefel so blank gewichst waren und keines Mannes Vorhemden und Manschetten so fleckenlos wie die des einsamen Spatzen seien, und darauf verstanden sich besonders die Waschfrauen, die ja allzeit das große Wort führten. Kurz, seit dem Besuche bei dem Musikanten war ein günstiger Umschwung der Meinungen eingetreten, der sich immer breiter machte, denn sogar die Kinder machten dem Schreiber ihren besten Knix, seit sie die Großen so milde von ihm reden hörten.
Der alte Musikant, der unter den rüstigen Handwerkern des abgeschlossenen Kreises, ja noch über die „blaue Gans“ hinaus, der einzige Vertreter der Kunst war, hatte also doch Recht behalten, als er in seiner, immer über die Ausdrucksart der Nachbarn erhabenen Redeweise, ihnen den Einsamen näher zu rücken versuchte.
„Er ist vielleicht ein heimlicher Künstler,“ vollendete der Laternenanzünder die Erklärung des Musikanten. „Warum malt er alleweil was in sein Büchel mit dem Bleistift? — Warum zeigt er’s nicht her? Weil gewisse Leut’ gewisse Sachen haben, das weiß ich am besten.“
„Du?“ spottete Einer; „bist Du vielleicht beim Laternenanzünden auch ein heimlicher Künstler?“
„War’s! — mich hätt’ sollen mein Herr Vater zum Sänger lernen lassen, ich hab’ eine Stimm’ g’habt, daß der Stall zittert hat, und die Pferder vor der Schwadron scheu worden sein, wenn ich gesungen hab’! — Und was bin ich g’worden? — Laternenanzünder! Braucht dazu der Mensch eine schöne Stimm’?“
„Och God! och God! was in dem Mann alles gesteckt ist,“ jammerte seine runde Frau und rang verzweifelt die Hände.
Er machte eine beruhigende Bewegung nach ihr hin und sagte dann tröstend: „Aber unser alter Geiger, der ist was, der hat eine „Crimineser“. Der kann was! Das haben schon gescheidtere Leut’ gesagt, als wir alle miteinander sind, und der alte Herr wird schon wissen, was der „einsame Spatz“ inwendig ist.“
Der Laternenanzünder behielt in der That Recht; der alte Musikant wußte wirklich seit jenem Ostermontag, wie es in der Seele des Schreibers aussah... Er wußte, daß es gewisse Tage giebt, an welchen gewisse Menschen aus ihrem Geleise kommen und nichts Klares mit sich anzufangen wissen. Entweder scheint ihnen da die Sonne zu hell in ihre dunkle Stimmung, oder der trübe Tag legt sich bleischwer auf ihr Gemüth, oder der Wind trägt ihnen Töne aus verwehten Zeiten heran und raunt ihnen zu, was sie vor Jahren genau an diesem Tage und genau zu derselben Stunde geträumt, gehofft, gefühlt und versäumt haben, und dazwischen läuten plötzlich die Glocken allerwärts, sogar aus dem versunkenen Vineta herauf klingen sie und mahnen... mahnen... mahnen...
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Feiertage werden solche Tage genannt, das gewöhnliche, eintönige Arbeitsleben ist gestaut, wie sollte da der Gewohnheitsmensch nicht stutzig werden? Und wenn es nun gar Frühling ist und Ostern!... Ach, da ist ja die ganze Luft erfüllt von einer thörichten, weichen Sehnsucht, die gewissen Leute athmen sie ein und hauchen sie aus und gehen mit empfindlich geschärften Sinnen in den Frühling hinein... Erst wenn die Glocken verstummen und der Tag verblaßt, sind sie wieder so verständig, wie es sich für zweibeinige Dutzendwaare und für die Werkeltage des Lebens schickt.
Zum Glück giebt es nicht viele solche gewisse Menschenkinder, die vielleicht unentstandene Künstler sind, in deren Seelen an solchen Tagen die Schatten der Schöpfungen spuken, die nicht lebendig werden durften, die aber dennoch Gewalt haben, wenn die Stunde schlägt, und den Einsamen zwingen, weit hinaus zu laufen, von den Glocken und Menschenstimmen weit weg...
Der Advokatenschreiber, der am Ostersonntag hinausging vor die Stadt, war wirklich solch ein sonderbares Geschöpf. Zuerst nahm er seinen sauberen glatten Hut ab, lockerte mit fünf Fingern die flach niedergebürsteten Haare, so daß sie beinahe gefällig um die freie Stirn flatterten, dann nahm er vorsichtig die Brille ab und steckte sie behutsam in ihr Futteral, nun öffnete er langsam Knopf um Knopf an seinem festanliegenden Rocke, zog seinen knappen weißen Hemdkragen weiter auseinander, machte ein, zwei tiefe Athemzüge und schritt dann mit vorgestreckter Brust rasch hinaus durch die breite Allee... Je weiter er hinauskam zwischen den alten knospenden Bäumen, desto stiller wurde es um ihn, nur abgedämpft schwammen die Glockenstimmen durch die laue Luft ihm nach. Rechts und links auf den Feldern war die Saat schon handhoch aus dem Boden und stand so gleichmäßig und frisch da wie kostbarer grüner Sammet, und die Sonne schaute hellleuchtend herab auf diese junge Pracht. Sogar ein ganz kleiner Schmetterling mit blauen Flügeln, der viel zu früh erwacht war, flatterte wie ein bewegliches Veilchen zuerst über ein Stücklein Feld und dann immer einige Schritte vor dem einsamen Manne, der wie im Traum einherging. Ein voreiliger Kastanienbaum war über und über voll grüner Blätter, unter diesem blieb der Schreiber stehen und schaute zurück auf die dunstige Stadt... In den alten Nachbarbäumen hörte er den Frühling hantiren, denn manchmal purzelte eine klebrige leichte Hülse von den hochgeschwellten Knospen, und dann lösten sich die jungen Blätter auseinander gleich winzigen Fächern, langsam, geräuschlos... und doch hörbar für ihn, weil eben der gewisse Tag war...
Weiter, immer weiter wanderte er hinaus, nur hie und da begegnete er Leuten, die sich in Feiertagskleider gesteckt hatten und zum Weine liefen. Es mochte schon viel volle Schenken geben, weil bald kein Menschengesicht mehr zu finden war. Die ausgedehnten Ziegelschlägereien, die auf Büchsenschußweite rechts und links neben der Allee liegen, sahen an dem Tage erschrecklich verödet aus, überall nur die leeren, langgestreckten Trockenschuppen, dazwischen niedere festzugeschlossene Arbeitshäuser und jeweilig ein Ziegelofen, der mit seinem hohen Schornstein zum Himmel zeigte.
Jetzt war kein lebendes Wesen mehr zu sehen und kein Werktagslaut störte die Feierstille... Ach wie ihm das wohl that, sogar der kritzelnde Ton der Feder, die er Jahr um Jahr führte, schwand aus seiner Erinnerung ob dieser tiefen, sänftigenden, erhabenen Lautlosigkeit... Er hielt wieder inne und blickte aber nimmer zurück, ein klein wenig nur schaute er in sich selbst hinein mit festgeschlossenen Augen, dann aber sah er hinaus in die Landschaft... Mit einmal trug der Frühlingswind aus der Ferne leise Töne herüber, und da regte sich auch plötzlich auf einem grünen Fleck vor einem der Schuppen etwas Feuerrothes, Kleines, Rundes. Der „einsame Spatz“ schaute nachdenklich-prüfend auf den beweglichen Gegenstand, der noch am meisten einem rothen Bündel glich, und dann schritt er schneller aus, doch je näher er kam, desto hastiger hüpfte das Bündel in die Höhe, sprang hin und her, fuchtelte mit zwei Enden wie abwehrend und schrie ganz erbärmlich. Ein großer graugefleckter Hund, der alle vier Beine regellos herumschleuderte und seinen plumpen Kopf übermüthig nach rechts und links stieß, trabte und torkelte um den kreischenden Knäuel und wollte spielen, denn als der Mann seine Brille hervorholte, entdeckte er, daß er da ein kleines Mädchen vor sich habe, welches in ein großes grellrothes Umschlagetuch so eingeknotet war, daß es einem Bündel glich. Die Kleine zeterte geängstigt und wehrte den jungen Hund mit einem gleichfalls unförmlichen Etwas, das sie in der Hand hielt, ab. Als der Schreiber dem Kinde zu Hilfe eilte, machte der Hund noch ein paar täppische Sprünge, bellte in’s Blaue hinein, als ob er eigentlich lachte, und rannte davon.
„Bäh-äh-ääh!“ schrie das Kind aus vollem Halse und hielt das Etwas noch immer so hoch hinauf, als es anging.
„Sei stille. Der Hund ist fort. Komm her. Es geschieht Dir nichts!“
„Bäh-äh-ääh!“ heulte es hinter dem rothen Tuch, das auch über das Köpfchen gezogen war, hervor.
Der „einsame Spatz“ hatte sich niedergebeugt und trocknete mit seinem sorgsam gefalteten Taschentuche die nassen Wangen der Kleinen und zog dann ihren runden Arm herab, der auch ihm krampfhaft das vorenthielt, was nach den Begriffen des Kindes eine Puppe war.
„Lasse mich doch Deine schöne Puppe ansehen,“ schmeichelte er, doch als er dieses kunstreiche Ungethüm in der Nähe sah, lachte er so hell auf, daß die Kleine mitten in ihrem Jammer stecken blieb. Zuerst schaute sie verdutzt drein, dann hub sie an zu blinzeln und endlich kicherte sie lustig mit.
Sie war aber auch eine merkwürdige Erscheinung, diese Puppe... Auf irgend einen zerschlissenen Leinwandlappen hatte jemand Heu und Papierschnitzel gehäuft, die vier Enden zusammengenommen, fest zugeschnürt und dann mit Theer (es roch danach) vier schwarze Striche daraufgeklext, welche, schwerverständlich, Augen, Mund und Nase vorstellen sollten. Dieser Ball, welcher beinahe größer war, als der Kopf des Kindes, war auf ein Stück spanisches Rohr gebunden und somit auch zugleich der schlanke Leib dieser merkwürdigen Menschennachahmung hergestellt. Um noch ein weiteres für die Formenschönheit zu thun, war eine Spanne unter dem Kopfe ein ausgehöhltes Hollunderrohr in Kreuzform befestigt, und bildete so, da es kürzer war als das spanische Rohr, zwei ausgespreizte Arme. Die Bekleidung dieser Puppe bestand aus den bescheidensten Resten eines Kinderhemdes.
Der Mann beschäftigte sich beinahe neugierig mit dem fragwürdigen Spielzeug, und dadurch gewann er sich auch das Zutrauen des Kindes.
„Haa-a — had — die — Dedel — Haa-a!“ krähte sie vergnügt, hockte sich vor ihn auf die Erde und zeigte mit den kurzen Fingerchen auf das eckige Haupt der Puppe. Mitten auf diesem Ball war nämlich ein Stücklein verblichenes Rosaband festgenäht, das bis zur Hälfte ausgefranzt herabhing und bescheidene Versuche eines Zöpfchens zeigte.
„Richtig, Deine Gretel hat Haare!“ sagte der Schreiber mit gutgeheuchelter Bewunderung, setzte sich auf einen Haufen zersprungener Ziegel, zog das Kind zwischen seine Kniee und fragte:
„Bist Du ganz allein da?“
„Ja!“
„Wo ist Deine Mutter?“
„Bei — bei — Vada!“
„Wo ist Dein Vater?“
„Widhaus!“
„Im Wirthshaus?“
Das Kind nickte. „Ja!“
„Und was thust Du allein da?“
„Waden.“
Nun mußte er sich besinnen, aber er fand das Wort doch und frug: „Warten?“
Das Kind nickte wieder.
„Ja? Auf wen?“
„Auf die Henn’,“ erwiderte sie geheimnißvoll und mit verlegenem Pathos. Sie wandte sich von ihm und horchte hinauf in die Luft.
„Auf welche Henne, Kind?“
„Die Henn’ din — die oden Ei binnen dud, wenn die Dloden alle da dun sein.“
Eben kam ein leiser Schall angeflogen; die Kleine bewegte hastig die Arme wie Flügel und summte ein Sprüchlein vor sich hin, von dem der Mann nichts verstand als die gelallten Worte:
„Waze Henn’ und weiße Henn’,
Ode Ei dud binnen Menn’.“
Trotz aller Versprechungen wollte das Kind nicht mehr von seinem Zaubersprüchlein enthüllen; als der Mann aber nun wieder weiter wandern wollte, rief es bittend mit weinerlich verzogenem Gesicht:
„Dabeiben! dabeiben! domd das dose Hund!“
„Wie heißt Du?“ fragte der Einsame lächelnd, als sich die Kleine bequem auf seinen Schoß setzte, den Kopf an seine Brust legte, sich noch ein wenig zurechtrückte und dann mit zufriedenem Blick zu ihm aufschaute.
„Ich heiß’ — ich heiß’ —“ sang sie halblaut und schläferig lallend, wispernd sagte sie dann: „Veonida!“
Der Mann flüsterte das Wort nach, leise nur wie ein Hauch ging es über seine erbleichten Lippen.
„Veronika... Veronika... Veronika!“
Ach, das war ja der geliebteste Name im Himmel und unter der Erde für ihn, denn ein kleiner Hügel in fernem Lande deckte das kleine Mädchen zu, sein Schwesterlein, das so hieß...
Da waren sie nun, die vergessenen Zeiten und die geliebten Menschen. Lange schon schlief die kleine Veronika für immer, er aber hat sich doch nimmer zusammenraffen können seit ihrem Tode... Damals war er ein junger Akademiker und träumte davon, ein großer Maler zu werden, damit seine Schwester es recht gut haben könne; er zeichnete und malte, und ihr liebes, feines Gesichtchen kam immer und immer wieder auf Leinwand und Papier, wenn er einen Engel malen wollte. Die kleinen Ersparnisse der todten Eltern verbrauchte er für die Schwester und für seine Studien, doch als er sein erstes Bild für die Ausstellung malen wollte, erkrankte das Kind. Er warf den Pinsel beiseite und saß Tag und Nacht an dem Krankenbette, und als der Tod kam und die kleine Veronika an seine eisige Brust drückte, da ließ Virgil den Pinsel liegen und ging vom Friedhofe hinweg in die weite Welt. Seine wenigen Bekannten sprachen sich abfällig aus über den Schwärmer, der seinen ganzen Lebenszweck, sein ganzes Ziel und Glück auf die arme Karte eines zarten Kinderlebens gesetzt hatte, und die Menschen mied, weil sie ihm nicht ersetzen konnten, was er verloren an dem kleinen, schwachen, liebereichen Mädchen........
Alle diese Erinnerungen und Gedanken hatte der Name aufgerüttelt, und nun trug der Wind neue herüber... und aus der Tiefe klangen sie herauf, die Glockentöne des versunkenen Glückes... und große Tropfen fielen auf das dunkle Gesicht des Kindes....
Veronika regte sich im Schlafe, ließ die Puppe sinken und legte ihre Aermchen um den Hals des Mannes, und ihr Herz pochte ruhig und gleichmäßig an einem sehnsuchtsvollen, schnellschlagenden Herzen. So saßen die zwei wildfremden Menschen eng aneinander gepreßt in der Dämmerstille, bis der Tag verblaßt war und die Glocken verstummten...
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
„Tausend und tausendmal vergelt’s Gott!“
Ein stämmiges Weib rief das dem Fremden zu, der ihr Kind in den Armen hielt. Sie kam die Allee herabgehastet und war athemlos. Hinter sich zog sie einen Mann her, dessen Hand sie wie in einen Schraubstock geklammert festhielt, und um den sie sich weiter nicht viel kümmerte. Der Mann stolperte gleichmüthig durch dick und dünn, nur wenn sie rascher vorwärts lief, langte er mit der freien Hand nach seiner Mütze und zog sie tiefer in die Stirne. Er spitzte nachsinnend die Lippen und pfiff abgebrochen, als ob er über etwas ernsthaftes grübelte. Als die Beiden ziemlich nahe bei dem Fremden standen, ließ die Frau ihren unsicheren Eheherrn los, sie warf ihm einen fragenden Blick zu, den er damit beantwortete, daß er die Beine nach Matrosenart weit auseinanderspreizte, um mehr Festigkeit zu bekommen; trotzdem aber schwankte sein Oberkörper bedenklich rückwärts und vorwärts.
Das junge Weib nahm ihr Kind behutsam aus den Armen des freiwilligen Hüters und erklärte mit einer Kopfwendung gegen ihren Mann, halb anklagend und halb entschuldigend:
„Er war nicht zum Weiterbringen, der Meinige, ich hab’ ihn aus dem Wirthshaus holen müssen, sonst wär er erst in der Früh’ heimkommen. Wie so eine Zeit kommt, wissen Sie, ist er ein ganz anderer Mensch, er hat so seine gewissen Tag’!“
Der Angeklagte pfiff in etwas höheren Tönen harmlos weiter, als ob von einem Anderen die Rede wäre, er war hauptsächlich damit beschäftigt, seine Füße zu beobachten.
„Ich hab’ keine Ruh’ gehabt so lang ich fort war, wegen dem Kind, na ja! Der arme Wurm da, ganz allein! — Hat’s alleweil geschlafen? — Ich dank Ihnen tausend und tausend Mal! — Mitrennen mit mir hat’s nicht können, es ist zu weit, und den Bündel Mädel tragen — die ist gar schwer, na, Sie wissens ja eh’, gnädiger Herr,“ lachte sie innerlich belustigt und schaute gutmüthig-schelmisch auf den Schreiber.
„Veronika heißt sie?“ fragte er sanft, „sie ist ein hübsches, kluges Kind...“ Er knöpfte seinen Rock fest zu, strich sich Hut und Haare glatt und steckte die Brille wieder auf und wiederholte weich: „ein kluges, hübsches Kind.“
„Freilich, gewiß auch! sieht ganz ihrem Vater gleich, blitzsauber,“ setzte sie halblaut hinzu und schaute mit einer Art herben Stolzes auf die perpendikelhafte Gestalt des stillvergnügten Vaters, der noch immer sorglos weiter pfiff. Sie stieß ihn mit dem Ellenbogen in die Seite und sagte:
„Schämen sollst Dich, daß Dich unser Kind so seh’n muß!“
Er zwinkerte schlau hinter seiner Mütze und antwortete bedeutungsvoll:
„Schlaft.“
„Und der gnädige Herr, schlaft der vielleicht auch? Bedank Dich wenigstens bei ihm, daß er Obacht gehabt hat auf unsere Veronika.“
„Vi-va-ve-ronika!“ jodelte der Arbeiter nach der Melodie eines Volksliedes und war so entzückt über den Einfall, daß er seine Frau bei den Schultern nahm, liebkosend hin- und herschüttelte und sie dann in’s Genick küßte.
Die Frau machte ein ärgerliches Gesicht, doch in den Augen blitzte ein glückseliges Lachen, während sie sagte: „Bedank Dich, Ignaz!“
Er nahm die Mütze ab, wollte wieder zu pfeifen beginnen, blies aber nur mit vollen Backen in die Luft, dann blinzelte er nach seinem Weibe, drehte die Mütze energisch, ging breitspurig nach vorn und schüttelte den Kopf, weil es sich doch ein wenig schlecht anließ. Mit einmal aber bekam sein junges hübsches Gesicht einen unternehmenden Ausdruck, er schoß auf den Schreiber los, ließ gönnerhaft-heiter die Hand auf seine Schulter fallen und sagte dann zwinkernd und vertraulich, wie zu einem alten Bekannten:
„Nichts für ungut! — Die Meinige hat schon Recht, alleweil Recht!“ — er kicherte; „es giebt gewisse Tag’, wo mit gewisse Leut’ nichts anzufangen ist.“
Er salutirte wie ein Soldat, machte mit einem Ruck Kehrt, und marschirte krampfhaft-stramm seinem Hause zu. Die Frau schüttelte die Hand des Fremden und ging ihrem Mann auf dem Fuße nach. Durch die Bewegung mochte das Kind in ihrem Arm erwacht sein, denn ihre frische Stimme fragte laut und zärtlich:
„Na, ist die Henn’ kommen, Du — Du?“...
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Der einsame Mann schritt im Mondlicht mit ruhiger Seele heimwärts... Als er den alten Musikanten am nächsten Morgen aufsuchte, da hatte er das brennende Bedürfniß, zu reden, einem weichen Menschenherzen sein kleines Erlebniß zu erzählen, das ihn so ganz zurückgeführt hatte in die Vergangenheit. Nach etwa acht Tagen brachte er Abends um sieben Uhr eine über einen Rahmen gespannte Leinwand heim und trug sie in den Aufbau zu seinem neuen Freunde. Wieder nach einigen Tagen kam ein Bube hinter ihm heim, der eine Staffelei trug, dann schleppte er am Sonntag früh einen Farbenkasten daher, und endlich ging er selbst jeden Morgen um sechs Uhr zu dem Musikanten und malte bei ihm.
Wenn aber an Sonn- und Feiertagen der alte Musikant seine schönsten Weisen spielte und der „einsame Spatz“ still droben saß bei ihm und malte, da lauschte die „blaue Gans“, und die Nachbarn sagten:
„Aha! unsere Zwei künsteln.“
Nur ein Wort.
„Erinnerst Du Dich noch an die Prinzessin?“
So fragte mich die Liese, als wir neulich miteinander durch die wenigen unveränderten Gassen wanderten, die uns noch an die Kinderzeit gemahnen.
„Ei, freilich!“
Als sie bei uns in dem alten Hause eine Heimstätte suchte, war ich beinahe schon flügge und stand nur unter den scharfen Augen der Nachbarn, denn meine Mutter hatte den Bruder zu einem Lehrherrn in eine kleine Provinzstadt geführt und blieb auf Wochen hinaus der Gast seiner Meisterleute. Nun hatte ich die Kammer für mich allein und konnte darum ungestört von dem Gelärme des Buben und den Seufzern meiner Mutter über alle die Ereignisse und Menschen simuliren, die mir in die Augen fielen und die ich nimmer los bekam.
So wie damals gedenke ich noch heute unserer Nachbarn und an bestimmten Tagen auch an bestimmte Personen. Wie oft taucht das sinnende Mädchengesicht der Prinzessin vor mir auf im Wachen, im Halbschlummer und im Traume, und schaut mich an mit zudringlich sanften Augen. Ich sage mir dann vergeblich, daß sich dieses junge Antlitz verändert haben muß, aber es hilft nichts, es ist da in seiner ernsten milden Schönheit, so wie ich es vor langen Jahren sah.
Kleinigkeiten hatte ich wohl vergessen, die Liese mußte mir erst wieder sagen, daß die Prinzessin damals aus Italien kam. Warum sie zu ihrer alten Tante zog, zu jener argen Hausfrau, die in ihrem Besitzthum, der „blauen Gans“, so strenges Regiment führte, war uns damals unklar... Wir sahen nur eine üppige, schwarzgekleidete Gestalt aus einem Wagen steigen und streckten alle die Hälse lang aus, denn es war noch früh am Tage, und eine Wagenanfahrt war stets ein aufregendes Ereigniß für unsere, jedem Ueberflusse entlegene Gegend. Wir gafften alle nach der Ankommenden, die rechts und links blickte und dann wie gejagt die Stufen, die zu der Thüre der Hausfrau führten, hinanlief, sie pochte hastig und taumelte über die Schwelle als geöffnet wurde. Eine Stunde später wußten alle Leute in der „blauen Gans“, daß es die Nichte der Hausfrau sei, die nur bei ihrer Tante bleiben wolle, bis sie ihre Ausstattung hergerichtet habe.
„Ausstattung?“ fragten die jungen Mädchen neugierig in ihrer etwas schärferen Ausdrucksweise. „Heirathen thut die?!“
„Nein, heirathen nicht, sie geht in’s Kloster —“ sagte der einsame Spatz ganz leise und verbeugte sich höflich.
In’s Kloster! Das hatte die „blaue Gans“ noch nicht erlebt, das war etwas vollkommen Neues. In den ersten Tagen nach der Ankunft des jungen Mädchens wisperten und zischelten die Nachbarinnen nur so untereinander, denn die Hausfrau tauchte oft plötzlich an allen Ecken und Enden auf und lauerte horchend an allen Thüren, allgemach aber schwatzten sie doch lauter.
Vor meinem Kammerfenster, in der Ecke des Hofes, hatte sich die Hausfrau einen Garten zurechtrichten lassen, das war auch eine vielbesprochene Neuerung in dem alten Hause. Einige staubgraue Oleanderbäumchen, Epheuwände in rohen Holzkistchen, wilder Wein, von dem jedes Zweiglein und jede wässerig-gelbliche Ranke gestreckt und gebunden wurde, und im Winkel eine Laube, aus ungehobelten Staketen zusammengeschlagen und mit rothblühenden Beeren und wildem Wein übersponnen, so sah die erstaunliche Pracht aus, deren verläpperter Umzäunung sich die Kinder nur auf zehn Schritte Entfernung nähern durften. In diesem Gärtchen sah ich die „Prinzessin“, die eigentlich Caroline hieß, zum erstenmale genau.
Warum sie „Prinzessin“ genannt wurde, weiß ich nicht bestimmt, die Leute im Hause munkelten nur, daß sie vor vier Jahren ein vornehmer Herr, ein Herzog oder so etwas, von ihren Eltern fort und nach Italien mitgenommen habe, und daß sie nun auf und davon sei und den großen Herrn im Stiche gelassen hätte, seit Vater und Mutter kurz nacheinander gestorben. Die Weiber sagten flüsternd, daß die beiden Alten nicht ehrlich im Grabe verfaulen könnten, denn es sei doch ein schlechter Handel gewesen mit dem Mädel, und in’s Kloster gehe sie nur, weil sie sonst Alles erlebt, was Gott verboten habe, und nun für sich und die Alten büßen wolle.
„Aber das Heirathen hat sie doch nicht im Ernst probirt; soll mich nehmen,“ rief selbstgefällig der hübscheste und ärgste Lump, den die Vorstadt aufweisen konnte.
„Meinst’, Handschuhmacher, um ihr Geld könnst’ Du schon ein Aug’ zudrücken?“ kicherte ein zahnloser Mund.
„Alle Zwei, meinetwegen. Was wär’s weiter?... Bildsauber ist ja die Prinzessin. Soll gescheidt sein!“
So dachten und sprachen die Nachbarn, aber Keinem fiel es ein, sich das stille schöne Mädchen so genau anzusehen, wie ich es that, sobald sie in die Laube kam. Manchmal, wenn sie ganz allein dort saß, den blonden Kopf vorstreckte und die Hände flach übereinander auf den Knieen lagen, wußte ich nicht, ob sie mit offenen Augen schlafen konnte. Keine Bewegung des üppigen Leibes, kein Zug in ihrem weißen Gesichte verrieth was sie dachte, und über meine Arbeit hinweg schaute ich schier nach jedem Stiche zu ihr hin. Als sie aber eines Tages begann, mich anzublicken, unablässig, erwartungsvoll, aufdringlich, da ärgerte ich mich fast über diese großen, fragenden Augen. Und nun konnte sie stundenlang sitzen und in mein Gesicht starren. Es war mir oft, als müßte ich das abschütteln, grob werden oder davonlaufen. Ich spürte ihren Blick, meine Nadel fing stets an ungleichmäßig durch den Stoff zu fahren, ich bekam Herzklopfen und mußte an allerlei traurige Dinge denken. Warum ich doch am Fenster sitzen blieb? Zuvörderst war die Prinzessin die gehätschelte Nichte der bösen Hausfrau und hatte viel Geld, und zunächst war meine Kammer schmal und dunkel, das Fenster tief und niedrig, so daß ich nur vorne knapp am Fensterbrett Licht genug für meine Arbeit fand.
„Hat die Fräul’n Lina vielleicht eine unglückliche Lieb’ g’habt, oder so was dergleichen?“ fragte die Laternenanzünderin und fuhr mit der Schürze über die Augen.
„Ach was! — die Lina hat gar nie eine Liebschaft g’habt — sagt sie selbst — hat’s auch nicht nöthig — sie ist reich g’nug dazu — sie könnt heirathen wen sie wollt’ — aber sie will halt nicht“ — erwiderte die Tante protzig.
Die Beiden saßen breit in der Laube, hatten große buntbemalte Töpfe vor sich, die bis an den Rand mit starkduftendem Kaffee gefüllt waren, sie tranken schluckweise und schmatzten mit den Lippen.
„Und sie will halt einmal nicht!“ schrie die Hausfrau wiederholt, „und weil’s nicht will, so will’s nicht!“ sie schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und starrte die Laternenanzünderin herausfordernd an.
„Freilich, sag’ ich auch,“ erwiderte die Frau verbindlich, „aber — der Prinz?“
„Na, was weiter? — der ist älter als ihr leiblicher Großvater war.“
„So, so! — Ich hab’ halt g’meint — die G’schicht mit dem Kloster, schaun’s, daß ich Ihnen sagen muß, ist doch was Besonderes. — Warum denn justament in’s Kloster?“ —
„Da müssen’s schon die Lina selber fragen um das Warum, jedes Warum hat ein Darum,“ knurrte die Hausfrau verbissen, denn sie konnte die Antwort nicht verwinden und vergessen, welche sie von der Prinzessin auf dieselbe Frage erhalten hatte, sie sagte damals:
„Tante, ich suche nur ein Wort, ein Einziges... und weil die Menschen es nicht für mich hatten, weil ich es nie bei ihnen finden konnte, suche ich es bei Gott... finde ich es auch dort nicht, dann... dann...“
Die Frau Huber hatte seinerzeit den Ausspruch gehört und trug ihn weiter, er machte die Runde im Hause, alle Leute lachten, ich lachte darum auch, und die Hausfrau erläuterte ihn, als nachher wieder die Rede davon war:
„Ich sag’s Euch, sie ist eine überspannte Gredel, wie ihre Mutter, meinem seligen Bruder seine selige Frau eine war. Die hat gar angefangt zum Bücherschreiben! Ich bitt’ Euch, Leut’, schreibt ein ordentliches Weibsbild Bücher? — Die Lina hat das Verrückte von ihr d’ererbt.“
Langsam versickerte das Gerede wieder und die Leute kümmerten sich weniger um das Mädchen, nur ich hatte Tag für Tag durch ihre großen Augen zu leiden, und ich war seelenfroh, als der Herbst kam und sie seltener drüben in der Laube saß. Zuweilen fiel mir freilich ein, was das für ein Wort sein könne, das die „Prinzessin“ immer vergebens gesucht hatte und nun nur noch bei Gott finden könne. Am meisten quälte mich das Wort, als sie einmal an einem Herbstabend, angethan mit dem traurigen schwarzen Kleide, mutterseelenallein draußen saß. Sie war noch blässer als sonst und starrte nicht zu mir hin, sondern schaute empor zu den rosiggesäumten Wölkchen, die wie aufgebauschter Schaum bewegungslos am Himmel standen. Die großen Blätter des wilden Weines waren schon gelb und rothbraun, hie und da taumelte ein Blatt in der Luft, drehte sich und fiel auf ihr Kleid oder ihre Hände, sie aber fühlte und sah es nicht, das bemerkte ich, nur ihre Lippen bewegten sich unhörbar... sie sprach leise.
Ob sie wohl jetzt das Wort sagt, das sie bei den Menschen vergeblich gesucht hat?
Ich kramte zusammen, was ich an für mich schönen und bedeutungsvollen Worten jemals gehört hatte, zumeist fielen mir diejenigen ein, welche in den weinerlichen hochdeutschen Liedern vorkamen, die unsere alten und jungen Nachbarn in der Dämmerstunde sangen. Da war besonders eines, das sehr ergreifend gesungen wurde und immer dieselbe gerührte Stimmung hervorrief, es war die Geschichte eines Mädchens, das in’s Kloster ging:
„Und willst Du in’s Kloster gehen
Und werden eine Nonn’,
So will ich das Kloster anzünden,
Ja, ja, anzünden,
Daß ich wieder zu Dir komm’.“
„Ich hab’ in meinem Herzen
So viel von Lieb’ und Treu’,
Daß ich für Dich will sterben,
Ja, ja, will sterben,
Dann ist die Noth vorbei.“
Liebe und Treue!... Vielleicht sucht sie ein solches Wort und kein Mensch sagt es ihr, denn außer in so feinen schönen Liedern höre ich die Leute gar nie diese Worte aussprechen. Vielleicht ist gar irgend wie Einer, der auch aus lauter Lieb’ und Treu’ das Kloster anzünden thäte, in das sie gehen will, und der Eine weiß es nur nicht, wo die Lina und das Kloster ist, und darum kann er ihr das Wort nicht sagen... So grübelte ich vor mich hin, und wer ganz zufällig in das pochende Herz und in das ungeschickte Hirn hineinzublicken vermocht hätte, der hätte vielleicht ein zerfahrenes, ungelenkes Gedicht dort träumen und empfinden sehen.
„Fräulein Caroline!“ rief ich plötzlich mit einem großen Entschluß mitten aus meinen Träumen zu ihr hin.
Ihre fragenden, ernsten Augen senkten sich, sie neigte den Kopf ein wenig zur Seite und starrte mich dann wieder so an, wie sonst immer.
„Fräulein Caroline, ich weiß was!“ rief ich mit gedämpfter Stimme hinüber und winkte ihr mit beiden Händen.
Sie stand auf und lief zu mir herüber.
„Was sagen Sie?“ fragte sie leise.
„Ich hab’ schon gehört, daß Sie ein Wort suchen, alle Leut’ im Hause wissen es auch. Ich mein’, ich weiß das Wort!“
„Du?... Sie?...“ sagte sie leise, und ein schwaches Lächeln bewegte ihre zarten Lippen.
„Lieb’ heißt das Wort! Gelt?“ rief ich fröhlich.
„Arme Kleine,“ flüsterte sie, „wer hat Dir das Wort gesagt?... Liebe!... Davon reden Alle.“
Sie sah mich jetzt nimmer an und wendete sich um, als ob sie fortgehen wolle.
„Nicht? ist es das nicht,“ schrie ich aufgeregt ihr zu, „dann heißt es aber gewiß Treue, nicht wahr?“
Jählings wandte sie mir das weiße Gesicht zu, zwei große Tropfen zogen eine nasse Schnur über ihre flaumweichen Wangen und hastig fragte sie:
„Großes Kind, warum sagst Du mir das, warum denkst Du an ein Wort, das Du nicht empfinden kannst, warum... ach warum?!“ bat sie klagend.
„Weil ich halt neugierig bin,“ gab ich ehrlich zur Antwort. „Ich möcht’ wissen, ob Sie auch noch in’s Kloster gehen, wenn Einer das Wort zu Ihnen sagt.“
„Neugierig...“ sie seufzte schwer. „Hast Du Eltern?“
„Nur meine Mutter, aber die ist —“
Sie winkte abwehrend, stützte sich leicht an das Fenstersims und sprach weiter:
„Vielleicht ist es besser so... Denke nicht an das Wort... Vergiß auch die Worte, die Du mir gesagt hast... Glaub’s, Lieb’ und Treu’ giebt’s keine, Alle, die davon reden, lügen... Du hast es aber gut gemeint, ich dank’ Dir und werd’ später auch für Dich beten...“
Schwer, traurig, langsam fielen die Silben von ihren Lippen, und ohne Gruß ging sie davon.
So oft sie später auch an meinem Fenster vorbeiging, nie mehr sprach sie zu mir, und ihre großen Augen suchten mich nimmer.
Der Winter kam, und ich hörte nur von den Nachbarn, daß drei Näherinnen oben bei der Hausfrau saßen, und daß da zugeschnitten und genäht wurde, als ob es eine große Hochzeit geben sollte, derweilen aber nähten sie das Weißzeug, das die Prinzessin mitbringen mußte in’s Kloster.
„Dreimal so viel als die Nobelste, die drin ist, nimmt sie mit, die Lina,“ erzählte die Hausfrau, und wurde dunkelroth vor seltener Freude.
„Und was geschieht denn mit dem vielen Geld, das die Fräul’n hat?“ fragte der lange Laternenanzünder mit überlegener Miene.
„In’s Kloster gehen, heißt soviel, als wie sich hinlegen und sterben,“ erklärte die robuste Frau bestimmt. „Ich bin ihre einzige Blutsverwandte. Die eine Hälfte hat sie mir vertestamentirt und die andere Hälfte kriegt das Kloster.“
Etwa um Neujahr kam auch ein neuer Miethsmann in die „blaue Gans“: ein blutjunger Student, der immer nur singend oder pfeifend durch den Hof schritt. Er war so schlank, daß er sich im Gehen nach rechts und links wiegte wie ein geschmeidiges Rohr, und dabei hatte er breite Schultern und einen gedrungenen Hals, auf dem ein lachender wunderschöner Kopf saß. Die kurzgeschnittenen Haare glänzten wie ein Thierfell, so schwarz waren sie, und die Männer sagten scherzend:
„Der Teufelsbub küßt unsere Weibsleut’ nur mit seinen kohlschwarzen Augen.“