Meine
Lebens-Erinnerungen.

Ein Nachlaß
von
Adam Oehlenschläger.
Deutsche Originalausgabe.
Erster Band.
Leipzig
Verlag von Carl B. Lorck.
1850.


[Vorwort.]

Als ich das erste Mal mein Leben niederschrieb, geschah es in Folge einer Aufforderung des Buchhändlers Max in Breslau, des Verlegers meiner deutschen Schriften. Ich mußte mich beeilen; und obgleich dies natürlich eine genaue Aufzeichnung vieler characteristischen Züge unmöglich machte; wie es mich auch zwingen mußte Vieles zu übergehen, das theils vergessen wurde, theils nicht ausgeführt werden konnte, — so dachte ich doch: Etwas ist besser als Nichts. Ich erinnerte mich so vieler Verfasser, die Nichts über ihre Erlebnisse hinterlassen hatten, weil sie es während ihres Lebens von einem Tage zum andern aufschoben. Damit dies nun nicht mit mir geschehen solle (theils wußte ich, daß Viele meine Biographie wünschten, theils fühlte ich mich dazu durch den dem Menschen eingegebenen Selbsterhaltungstrieb gedrängt), so schrieb ich sie rasch nieder und übersetzte sie später in das Dänische. Sie ist mit vieler Aufmerksamkeit und Theilnahme gelesen worden. Aber wenn ich diese Biographie jetzt lese, so finde ich sie so fragmentarisch und unvollständig, daß sie mich selbst auf keine Weise zufrieden stellen kann. Oft ist Das, was dort steht, nur die Ueberschrift zu Kapiteln, die nicht geschrieben sind. Da nun das philosophische Gesetz: „Kenne Dich selbst!“ nicht anders befolgt werden kann, als indem man sich selbst recht genau betrachtet, und sich in der Reihe aller seiner Handlungen, Meinungen, Gefühle und Verhältnisse verfolgt; — so ist ja eine solche Aufzeichnung eine Pflicht für Den, welcher sie zu geben vermag, und sie zu einem Nutzen und Vergnügen für Andere machen kann. Ich bin selbst ein großer Liebhaber von Biographien, wenn sie gut geschrieben sind; das heißt: wenn der Verfasser Das, was er erlebte, mit Geist und Herz aufgefaßt hat, und Phantasie genug besitzt, um all' die kleinen Züge darzustellen, die an und für sich unbedeutend erscheinen, aber zusammen genommen die Linien und das Colorit hervorbringen, welche eine bestimmte Physiognomie darstellen und den beachtenswerthen Menschen von der einförmigen Menge unterscheiden.

Aber während wir nun also mit Lust und Offenherzigkeit ans Werk gehen, begegnen wir auf dieser Rückreise des Lebens, ebenso wie auf der Hinreise, manche Klippen, die umschifft werden müssen, und Berge, die nicht überstiegen werden können, sondern die man umgehen muß.

Das Zartgefühl, die Bescheidenheit, die Schonung gebieten uns oft, Verhältnisse mit Anderen nicht zu berühren, über deren Offenherzigkeit wir kein Verfügungsrecht haben. In solchen Augenblicken fühlt man den Nutzen des Romans, in welchem der Dichter viel Wahres, Geschehenes und Erlebtes darstellen kann, das er sonst nicht mitzutheilen vermöchte, weil persönliche Verhältnisse oder Schonung ihn dazu zwingen, die Begebenheiten in den Schleier der Erfindung einzuhüllen. Wir sprechen hier nicht von dem höhern Gewinne: die einzelnen Züge zu etwas Besserem, zu etwas Zusammenhängendem und Vollkommenem zu idealisiren. Im Romane muß die Göthe'sche Form: „Wahrheit und Dichtung“, befolgt werden. Hier kann der Dichter die arme Wirklichkeit mit allen Reichthümern der Einbildungskraft, des Gefühls und Gedankens verschönern oder ausmalen. Aber in der Biographie selbst, scheint mir, darf dies nicht Statt finden. Das höchste Verdienst und größte Interesse der Biographie besteht gerade darin, daß sie eine wirkliche Lebensbeschreibung ist. Das Geschehene gewinnt, je mehr der Verfasser im Stande ist, es mit dem Gedanken, dem Gefühle und der Phantasie aufzufassen; aber hierin besteht das Ideale; nicht darin, Erfindungen mit Ereignissen zu vermischen, wodurch es weder das Eine noch das Andere wird, obgleich diese Mischung wohl, wenn der Verfasser Genie besitzt, auch sehr interessant werden kann. Und spricht man es, wie Göthe, offen auf dem Titelblatte aus, so hat man ja Keinen hinters Licht geführt. Göthe meint, es sei unmöglich, Etwas zu erzählen, ohne zu idealisiren. Sobald das Idealisiren in der Darstellung und nicht in der Composition liegt, huldige ich ihm; dann wird es zur „Wahrheit und Dichtung“, und so hat der große Dichter gewiß auch — bis auf einzelne Episoden — sein Leben erzählt.

Für mich hat die arme ehrliche Wahrheit, und die Gabe, das Leben in seiner Beschränktheit mit klarer Wahrheitsliebe auffassen zu können, auch einen eigenen Reiz; sie gehört der Biographie, sowie der Geschichte selbst an, und ich habe mich stets befleißigt, an ihr festzuhalten: sollte dies in einzelnen Kleinigkeiten nicht geschehen sein, so ist mir mein Gedächtniß untreu geworden.

Viele Bedenklichkeiten fallen hinweg, wenn die Menschen, mit denen man gelebt hat, gestorben sind, deßhalb sind die Lebensbeschreibungen am vertraulichsten und am wenigsten zurückhaltend in den Jugendjahren des Erzählers und werden verschwiegener und vorsichtiger, je mehr sich die Zeit seiner letzterlebten Periode nähert. Was nun das betrifft, so sind Viele heimgegangen, seitdem meine erste Lebensbeschreibung erschienen; ich habe freiere Hand bekommen, ich habe auch Manches seitdem erlebt, das sich erzählen läßt, und so bin ich also im Stande, meinen Lesern jetzt eine weit vollständigere Selbstbiographie, als das erste Mal mitzutheilen.


Aus einem Stammbuche, das von meinem Großvater und Vater deutsch geschrieben ist, ziehe ich folgende Aufzeichnungen als Einleitung aus. Erst die meines Großvaters August Henrich Oehlenschläger.


Aufzeichnungen meines Großvaters.

Anno 1672 — sagt er — wurde mein seliger Vater Christoffer Oehlenschläger geboren, und nach seines Vaters, Henrich Oehlenschläger's Tode, bekam er nach ihm, von Seiner hochfürstlichen Durchlaucht, dem Bischof von Eutin, den Organistenposten in Rensfeld. Anno 1696 starb mein Großvater. 1705 ging mein seliger Vater ein christliches Ehebündniß mit meiner Mutter Elisabeth Gerdes, in Schlutop geboren, ein. Anno 1715 den 2. Februar Abends zwischen 10 und 11 kam ich ans Licht und empfing durch Gottes Gnade den 6. dito die heilige Taufe. 1718 wurde mein jüngerer Bruder, Peter Christoffer, geboren. Anno 1729 den 11. December Morgens 10 Uhr schlief mein lieber Vater sanft und selig ein, und am 21. dito wurde er zu seiner Ruhestätte gebracht. Sein Leichentext war der 11. Vers des 84. Psalms: „Denn ein Tag in Deinen Vorhöfen ist besser, denn sonst tausend. Ich will lieber der Thür hüten in meines Gottes Hause, denn lange wohnen in der Gottlosen Hütten.“

Der Großvater meiner Mutter väterlicherseits hieß Marcus Gerdes, wohnte in Schlutop und war ein Fischer. Ihr Großvater mütterlicherseits, Peter Hofemann, war auch Fischer. — Anno 1737 ging mein Bruder Christoffer von Lübeck fort, und ich bekam einen Brief von ihm aus Bremen, in dem er schrieb, daß er beabsichtige, nach Holland zu reisen. Von Amsterdam meldete er mir, daß er Willens sei, entweder nach Ost- oder Westindien zu gehen, daß er nach Middelburg in Zeeland reisen und bei Einem wohnen wolle, der Ludwig Korn op de Kay hieß. In Amsterdam hat er einen Kaufmann gekannt, der Conrad Spiek hieß. Ein späterer Brief meldete, daß er in Ostindien employirt werden solle, wohin er mit dem Schiffe „Wickenburg“ gegangen war, und daß er keinen unserer Briefe erhalten hätte, weil sie alle von Jochum Havemann aufgeschnappt wären. Aus Batavia erhielten wir 1739 den 30. Januar einen Brief von ihm, worin er meldete, daß er „op de Guarnisoncammer“ angestellt sei, daß er die Kinder des ersten Buchhalters informire, und daß er Hoffnung habe, Buchhalter zu werden. Unsere Briefe an ihn mußten die Aufschrift haben: „Batavia in het Casteel op de Guarnisoncammer to behandigen: Pieter Christoffel Keulensläger“. Mehre Jahre darauf in meiner Kindheit suchte mein Vater Nachrichten über diesen Oheim mit dem veränderten Namen zu erhalten, von dem das Gerücht ging, daß er ein reicher Mann in Batavia geworden sei; aber wir hörten nie Etwas von ihm.

Mein Großvater verheirathete sich zum ersten Mal 1743 mit Anna Margaretha Faasch. Mit ihr hatte er einen Sohn Joachim Joseas; die Mutter starb 1746 und das Kind ein Jahr nachher. Darauf erzählt mein Großvater: „Anno 1747 den 12. Mai ließ ich mich mit meiner herzliebsten Gattin Tolstrup kopuliren. Gott, der das Herz des Menschen beherrscht, führe uns stets auf den rechten Weg, und vermehre unsere innige Liebe von Tag zu Tage, und füge es auch so mit uns, daß wir ihm allezeit danken, und seinen heiligen Namen loben und preisen müssen, Amen! Dazu helfe uns der Herr Jesus! Amen!“

In diesem frommen Ton sind alle Aufzeichnungen abgefaßt. Anno 1748 den 31. Juli wurde mein Vater Joachim Conrad geboren. Der geheime Conferenzrath Joachim Brockdorf auf Nöer war sein Pathe, und nach ihm ist mein Vater vermuthlich genannt worden.


Aufzeichnungen meines Vaters.

Nun kommen die Aufzeichnungen meines Vaters. Aus diesen ersehe ich, daß mein Großvater 1753 als Organist in Krusendorf starb, nachdem er sein Amt zehn Jahre lang „lobenswerth und als ein guter Christ“ verrichtet hatte. Das Jahr darauf verheirathete meine Großmutter sich wieder mit Marquard Bolt, der das Amt meines seligen Großvaters bekam. 1765 kam mein Vater nach Rendsburg zum Organisten Rosenbaum, blieb bei ihm zwei Jahre, und machte dort Fortschritte in der Musik. Und nun wurde der siebenzehnjährige Schleswiger von seinem Stiefvater nach Kopenhagen zu dem damals in Dänemark allmächtigen Grafen Adam Gottlob Moltke geschickt, der wahrscheinlich bei irgend einer Gelegenheit versprochen hatte, sich des Jungen anzunehmen, und ihn seiner Zeit zu befördern.

Meine Mutter.

Daß mein Vater ein tauglicher Clavierspieler gewesen sein muß, kann ich daraus wissen, daß er, wie er selbst erzählt hat, bei seiner Ankunft in Kopenhagen gleich den jungen Comtessen Unterricht auf dem Clavier gab. Auch habe ich noch ein Attest von dem Pastor Lorch an der deutschen Friedrichskirche auf Christianshafen, worin dieser meinen Vater nach abgelegter Probe wegen der Kenntnisse und der Fertigkeit lobt, deren es bedarf, um ein guter Schullehrer auf dem Lande in den deutschen Provinzen zu werden. Aber sowie Jacob dem Laban mehrere Jahre dienen, und erst die häßliche Lea nehmen mußte, ehe er die schöne Rahel bekam, so mußten in jenen Tagen auch die Bürgerlichen oft im buchstäblichen Sinne den Großen dienen, wenn sie von diesen befördert werden wollten. Dies war ein Schicksal, dem sich zuweilen selbst theologische Candidaten unterwarfen. Mein Vater, ein halber Bauerjunge aus den Hütten in Krusendorf, hat wahrscheinlich durchaus nichts dagegen gehabt, den Winkel im Dorfe mit dem Palais auf Amalienburg zu vertauschen, und Theilnehmer an allen großen Festen, Lustbarkeiten und Genüssen zu sein; gleichviel ob dies sitzend oder stehend, früher oder später geschah. — Hier lernte er meine Mutter Martha Maria Hansen kennen. Ihr Vater, ein Deutscher, war königlicher Bevollmächtigter. Meine Großmutter mütterlicherseits, Anna Maria, war die Tochter eines Bäckers Severin in Kopenhagen. Mein Großvater mütterlicherseits hinterließ bei seinem frühen Tode eine Wittwe mit drei Kindern. Die Eltern meiner Mutter waren also Deutsche, und sie, ebenso wie mein Vater, wurde deutsch erzogen. Mir ist, als ob mein Vater mir erzählt hätte, daß meine Großmutter nach dem Tode ihres Mannes mit ihren Kindern eine Reise nach Deutschland machte; aber in der äußersten Noth zurückkehrte. Meine Mutter war in ihrer frühesten Jugend auf dem Lande bei einem Verwandten: dem Verwalter Bruun aus Herlufsholm, im südlichen Seeland. Ich habe sie im Scherz erzählen hören, daß, wenn nicht Altersverschiedenheit zwischen ihnen Statt gefunden hätte, aus ihr und dem Sohne, der in die herlufsholmer Schule ging, und später der bekannte Dichter Thomas Christopher Bruun wurde, ein Paar hätte werden können. Von Bruun's kam sie als Wirthschafterin zum Prokanzler Cramer in Kopenhagen, der sie mit außerordentlicher Güte und Achtung behandelte, und ihr Bücher, unter andern seine eigenen Predigten verehrte, die ich noch besitze. Cramer's Haus war ein Sammelplatz für ausgezeichnete Deutsche, und dies hat gewiß viel zu der mehr als gewöhnlichen Bildung meiner Mutter beigetragen. Auch Klopstock kam dort ins Haus. Ich entsinne mich, daß meine Mutter mir erzählt hat, wie sie ihm einmal ihre silbernen Schuhschnallen lieh, als er zur Maskerade wollte. Sie liebte ihn übrigens nicht sehr, er war ihr zu überspannt; Gellert sagte ihrem Herzen viel mehr zu. Von Cramer's aus wurde sie Kammerjungfer bei der Gräfin Moltke; und das war in der damaligen Zeit für ein armes Bürgermädchen eben so viel, als ob sie zur Königin käme und ihr Glück machte. Meine Mutter soll in ihrer Jugend sehr schön gewesen sein. Mein Vater hat erzählt, daß mehre junge vornehme Damen sie beneideten, weil sie weißere Hände, als sie hatte, obgleich diese die ihrigen doch täglich mit Mandelkleie wuschen, und sie nur mit grüner Seife. —

Abstammung.

Man sieht also, daß ich von väterlicher Seite durch mehrere Glieder von angelsächsischen Musikanten und Fischern abstamme. Der Vater meiner Großmutter, von väterlicher Seite, Tolstrup war ein Jütländer, mein Großvater mütterlicherseits, Hansen ein Hochdeutscher, und der Vater meiner Großmutter mütterlicherseits, Severin, ein Kopenhagener. Weiter weiß ich nichts Zuverlässiges von meinem Geschlechte zu sagen. Daß der berühmte Adam Olearius oder Oehlenschläger, der die morgenländische Reise mit Paul Flemming machte und ein seiner Zeit klassisches Werk darüber herausgab, zu unserer Familie gehörte, ist wahrscheinlich. Sein Vater war Schneider und indem ich mit ihm in Verwandtschaft komme, könnte ich, sowie Göthe, Schneiderahnen haben. Er war nicht nur Lehrer, sondern auch Schöngeist, konnte gut persisch und übersetzte Saadi's Rosengarten und Lockman's Fabeln ins Deutsche. Da er Bibliothekar und Hofmathematiker des Herzogs von Holstein-Gottorp war, und nach seiner Reise wieder nach Holstein zurückkam, ist es um so wahrscheinlicher, daß er zu unserer Familie gehört. Zu den Patriciern Olenschlager in Frankfurt wage ich mich nicht zu rechnen, obgleich ich mich erinnere, daß mein Vater zuweilen von Frankfurt als einem Orte sprach, wo Verwandte leben sollten.


Stellung meines Vaters.

Von 1767 bis 1778 war mein Vater beim Grafen Moltke; darauf heirathete er meine Mutter und wurde Organist in dem eine Viertelmeile von Kopenhagen gelegenen Friedrichsberg. Meine Eltern wohnten zuerst in der nach Friedrichsberg führenden Vorstadt „Westerbrücke“ im Hause Nr. 53, gleich rechter Hand, wenn man aus der Friedrichsberger Allee kommt. Dieses kleine, mit Fachwerk gebaute Haus, steht zufällig noch jetzt so wie vor 70 Jahren. Das Jahr darauf 1779 wurde ich am 14. November geboren.

Ein älterer Bruder desselben Namens, wie ich, der ein Jahr früher geboren war, wurde nur 24 Stunden alt. Ein Jahr nach meiner Geburt erhielt mein Vater die Stelle als Bevollmächtigter auf dem Schloß Friedrichsberg bei dem Generalinspector Schmidt, einem sehr tüchtigen Manne und gutem Kopfe. Mein Vater hatte Hoffnung, nach ihm Schloßverwalter zu werden, wenn Schmidt seinen Abschied nahm und nach Jütland zog, denn er war ein vermögender Mann. Aber als ein Verwandter von Schmidt, ein junger Mann, Voigt, der die neue Gärtnerkunst in England gelernt hatte, nach Hause kam, erhielt er das Amt. Erst viele Jahre später wurde mein bei weitem älterer Vater, nach dem Tode des Jüngern, Schloßverwalter. Voigt gestaltete den in der Zeit Friedrich's V. angelegten Park „Söndermarken“ (das Südfeld) nach neuestem Geschmack um. Er war Gärtner mit Leib und Seele, zog bei den Gutsbesitzern in Seeland umher, half ihnen Gärten anlegen, und überließ meinem Vater das Schloß. Er erwies ihm all' die Achtung, die der Jüngere dem Aelteren erweisen kann, obgleich er über ihm stand. Er hatte ein freundliches Gesicht; wenn er mir in meinen Kinderjahren begegnete, so nannte er mich stets „Master Adam!“ Ich konnte nicht begreifen, wie ich schon Meister geworden sei; erst viele Jahre später begriff ich, daß dies eine Redensart war, die er von England mitgebracht hatte.


Schmidt wurde sehr alt, ich glaube gegen 90 Jahre. Ich besitze einen Brief von ihm, den er in hohem Alter an meinen Vater mit kräftiger Hand geschrieben hat, — in welchem er ihm zu seinen Kindern Glück wünscht, und aus dem ich sehe, daß dieser Greis Sinn für Poesie hatte.


Meine Geburt.

Bei meiner Geburt war ein berühmter Arzt Culpin, ein Deutscher, meiner Mutter behülflich. Kaum war ich zur Welt gebracht, als Culpin, ein flinker lustiger Mann, um meine Mutter, die ein Jahr vorher ein Kind verloren hatte, zu trösten und zu erfreuen, mich bei den Beinen nahm, ihr entgegenhielt und ausrief: „Meiner Seel' ein großer Junge!“ —


Man hatte damals die üble Gewohnheit, welche vielen Menschen an Gliedern und Gesundheit geschadet hat, die Kinder mit den Armen einzuwickeln. Ein kleiner Junge, der uns gegenüber am Eingange zur Allee wohnte, kam einmal herüber, um mich in der Wiege zu sehen, lief aber gleich wieder erschreckt nach Hause, und rief seiner Mutter zu, die ihn fragte, warum er so schnell zurückkomme: „Mutter! das Kind hat keine Arme.“ Dies war der jetzige Herr Justizrath Hvalsöe. Ich hatte viel vornehme Pathen in der Friedrichsberger Kirche; die Gräfin Moltke hielt mich über die Taufe. Als sie meine Mutter fragte: „Wie soll das Kind heißen,“ und meine Mutter geantwortet hatte: „Adam Gottlob,“ sagte sie: „Das will ich hoffen.“

Der Sohn, den meine Eltern ein Jahr vorher gehabt hatten, hieß auch Adam Gottlob. Er wurde, wie gesagt, nur 24 Stunden alt. Mein Vater, ein munterer, launiger Mann, pflegte oft, wenn er von seinen Kindern sprach, zu sagen: „Ja, mein ältester Sohn, der war ein ganz anderer Kerl, als dieser Poet.“


Ich entsinne mich noch deutlich des Morgens, wo das Mädchen hereinkam, und meinem Vater und mir sagte, die wir in einem Bett mit grünen, wollenen Gardinen im Comptoir, dicht neben dem sogenannten Ostthore im Schlosse, schliefen, daß meine Schwester Sophie geboren sei. Ich war damals dritthalb Jahr alt. Ich lag im Bett und sah einen großen Nagel in der Wand an, der mit Papier umwickelt war, und der Wind heulte im Schornstein und Ofen, wo man kurz vorher eine große Eule gefunden hatte, die herabgefallen war. Ich sehe meinen Vater noch den Kamin und das Fenster öffnen und die Eule über die Bäume auf dem Schloßberg wegfliegen.

Erste Jugendthat.

Die erste That, deren ich mich entsinne, in der Welt ausgeführt zu haben, war ein Mord in aller Unschuld an einem kleinen Hunde, den ich sehr lieb hatte. In dem gewölbten unterirdischen Gange, der vom Schloß zur Küche führt, sind zwei Luft- und Lichtlöcher, beide jetzt bedeckt, und das eine im Garten der Königin verborgen; aber damals waren beide zugänglich, unbedeckt und nur von einem Geländer umgeben. — Zu dieser Zeit war im Schloßgarten ein Handlanger, der Schulz hieß, mit einem großen schwarzen Bart, welcher mir Angst vor ihm einflößte. Vielleicht um mich vor den Löchern in dem geheimen Gange einzuschüchtern, hatte man mir gesagt, daß dieses unterirdische Gewölbe „Schulze's Kirche“ sei. Einmal, als ich im besten Spiele mit dem kleinen Hunde begriffen war, bekam ich den tollen Einfall, — nicht um dem Hunde zu schaden, oder weil ich böse auf ihn war; ich streichelte und küßte ihn im Gegentheil; — ihn in Schulze's Kirche hinabzuwerfen. Obgleich mir selbst davor bange war, dort hinunter zu gehen, so glaubte ich doch, daß der Hund daselbst gut aufgehoben sei. Vielleicht hoffte ich auch, daß er bald zurückkommen und mir Etwas von der wunderbaren Kirche erzählen könne. Ich eilte also aus allen Kräften, obgleich mein Vater mir auf den Fersen war, und warf ihn hinab. „Was hast Du gethan, Junge? wo ist der Hund?“ „Ich habe ihn in Schulze's Kirche hinuntergeworfen.“ — „Folge mir!“ — ich mußte mit in die schreckliche Kirche hinabgehen, und als ich dort meinen Liebling jämmerlich zerschmettert und todt fand, erfüllte ich das Gewölbe mit meinem Geschrei, und mein Vater hatte alle Mühe, um mich von der Höhle, von dem kleinen todten Hunde fortzubringen, den ich wieder lebendig küssen wollte.


Die Leibgarde.

Als kleiner Junge nahmen meine Eltern mich einmal nach Kopenhagen zu einigen Bekannten mit, wo ich beinahe das Leben verloren hätte, indem ich fiel und mir das Kinn zerschlug. Ich trage noch jetzt eine tiefe Narbe davon. Auf meinen Reisen im Auslande setzte mich dies in Respect, denn sie sah wie eine Narbe von einem Säbelhiebe aus, den ich in einem Duell bekommen hätte.

Was ich in dieser frühen Kindheit auf dem Schlosse am meisten liebte, war die Leibgarde. Ich hatte mir ein kleines Holzgewehr mit Kienruß überstrichen verschafft; damit stand ich immer in einer gewissen Entfernung von den Soldaten auf dem Schloßhofe und präsentirte nach dem Commando der Offiziere. Der Kronprinz, später Friedrich VI., sah mich daselbst oft von seinem Fenster aus, und soll einmal, als ich nicht da war, gefragt haben: „Aber wo bleibt denn Adam heute?“ — Wenn ich mich zuweilen dem Offiziere nähern durfte, und er mir erlaubte, seinen Säbel herauszuziehen und die Klinge zu betrachten, so fühlte ich mich von dem feierlichsten Gefühle durchdrungen. Die schöne blanke und blau angelaufene Stahlwaffe schien mir wie ein Talisman; wer sie in seiner Hand schwang, glaubte ich, müsse stets siegen und erobern. Wenn die königliche Familie im Herbst nach der Stadt zurückkehrte, so spielte die Leibgarde an dem Tage, wo sie fortging, immer einen andern Marsch, als den gewöhnlichen. Ich ging hinterher, als ob ich einer Leiche folgte, und am Hügel, wo wir uns trennten, weinte ich meine bitteren Thränen. Mein einziger Trost bestand darin, mit meiner Schwester Sophie in die leeren Zimmer hinaufzugehen, und Medicinflaschen zu suchen, deren dort immer viele standen. Wir wuschen sie aus und spielten mit ihnen, bis sie entzwei gingen. Zwei Mal wurde ich auf das Angenehmste durch einen Fund überrascht, den ich nie erwartet hatte: der eine war ein Kupferschilling, der auf einem Marmorconsoltisch bei einer Hofdame von Puder bedeckt lag; der andere ein Kuchen auf einem Brett in der Conditorei.


Wintervergnügen.

Im Winter fuhr ich mit einem kleinen Schlitten, der dem Kronprinzen gehörte, und den mein Vater unter anderm Gerumpel auf dem Boden gefunden hatte. Oft bat ich die Bauern vor dem Schloßthore, daß ich meinen Schlitten an ihren Wagen binden dürfe; und wenn sie es mir erlaubten, so fuhr ich mit ihnen den Berg hinunter. — Ein Mal wollte ein schlechter Kerl mir meinen Schlitten wegnehmen und griff nach dem Stricke, aber ich schlug seinen Arm so derb mit dem Besenstiel, den ich mit hatte, daß er los ließ. Mit zwei Besenstielen pflegte ich mich sonst auf dem Schlitten selbst den Berg hinunter zu schieben, wenn keine Wagen da waren.

Meine Schwester war zuweilen mit dabei. Sie spielte gern mit mir. Der Kronprinz, der uns im Sommer oft auf dem Schloßhof zusammensah, fragte mich einmal freundlich, als er an uns vorüberging: „Adam, wie heißt Deine Schwester?“ „Sie heißt Sophie,“ antwortete ich. „Sie sollte Eva heißen,“ meinte der Kronprinz.


Ich entsinne mich eines Winterscherzes, der nicht so munter ablief, wie die Schlittenfahrt. Es war ein schneeiger Tag, es begann zu thauen und ich machte einen meiner gewöhnlichen Schneemänner auf dem Hofe; die Augen von Kohlen und die Lippen von rothem Ziegelstein. Nun kam mir aber die Lust, in diesem Fache weiter zu arbeiten, und ich bekam einen — meiner Ansicht nach — köstlichen Einfall. Das eiserne Gitter des Schlosses stand an diesem Tage gerade nicht offen. Es fuhren viele Bauern von Kopenhagen nach Hause. Die Wachstube der Leibgarde war neben dem eisernen Thore, das Fenster lag nach der Landstraße hinaus und im Zimmer stand ein großer Tisch. Was hatte ich zu thun? Ich bedecke den Tisch mit Schneebällen, sowie ein Bäcker seine Fächer mit Pfannenkuchen, mache das Fenster auf und bombardire nun von meiner sichern Festung aus die Bauern, während sie vorüber fuhren, mit Schnee in den Nacken. Von ihnen hatte ich Nichts zu fürchten, denn erstens konnten sie nicht herein kommen und zweitens konnten und wollten sie nicht Pferde und Wagen verlassen. Aber ich hatte nicht an einen mächtigen Bundesgenossen gedacht, der sich der unschuldig Angegriffenen annahm, und mir unerwartet in den Rücken fiel. Dies war mein eigener, leiblicher Herr Vater, der die Thür der Festung öffnete, und meinen Rücken mit einem Endchen Tau verarbeitete, das er zu diesem Gebrauche mitgenommen hatte, ohne sich im Geringsten durch das Inventiöse der Ausführung und das Lustige der Situation bestechen zu lassen.


Die Schule.

Sie brachten mich zu einer verdrießlichen alten Frau in die Schule, wo ich der Gelehrsamkeit zu Liebe sehr Viel ausstehen mußte. Wir mußten stets auf den Bänken still sitzen, und unser einziges Vergnügen bestand darin, die Wolle aus unsern Jacken zu zupfen und kleine Kugeln daraus zu machen. Wenn sie es bemerkte, so schlug sie uns mit dem Fingerhut auf den Kopf. Zuweilen bekam man einen Schlag mit einem Stücke Brennholz, wenn gerade nichts Anderes bei der Hand war. Ich weiß noch, wie ich die Hühner und Enten auf dem Hofe beneidete, die da draußen in freier Luft umherlaufen und gakeln und schnattern konnten ohne bestraft zu werden. Unsere Lehrerin hieß Madame Bergau, ihr Mann war Maler gewesen; in dem Zimmer hing ein Portrait von ihm, wo er mit Palette und Pinsel saß; dies betrachtete ich häufig aufmerksam. Er sah so fromm und freundlich aus, während seine Wittwe uns schlug, wenn wir nicht unsere Lectionen konnten. Eines komischen Ereignisses entsinne ich mich aus jener Zeit. Eines Tages, als ich in die Schule gehen sollte, und etwas später kam, wollte ich quer über den offenen Platz, welcher sich damals vor dem Schulhause befand, gehen. Quer über diesen Platz lief ein Graben, den ich ganz vergessen hatte. Die Sonne schien mir in die Augen; das konnte ich nicht vertragen, ich machte die Augen fast ganz zu, lief vorwärts, und ehe ich mich's versah, stand ich bis an die Hüften im Graben im Schlamm. So kam ich in die Schule, wo ich ausgekleidet wurde und den Unterrock der Hausmamsell anbekam, während meine Beinkleider gewaschen, getrocknet und geplättet wurden, und mußte so den ganzen Vormittag sitzen zum Spott und Hohn für Knaben und Mädchen, die es nicht unterlassen konnten, mich auszulachen. Bald lachte ich mit ihnen, bald weinte ich, und so verging die Zeit, bis die Hosen trocken waren.


Mein Trost war Hübner's biblische Geschichte. Wenn wir unsere Lectionen gelernt hatten, bekamen wir Erlaubniß, ein Stück daraus zu lesen. Jeder hatte sein Lesezeichen von mehr oder weniger vortrefflichem Stoffe, von Kattun an bis zum Gold- und Silberbrocat. Meine Mutter hatte mir Zeichen letzter Art gegeben, die wohl auch Zeichen der verschwundenen Herrlichkeit der Zeit sein mochten, wo sie bei der Gräfin Moltke war. — Mit all' diesen Zeichen zwischen den Blättern konnte Hübner's Geschichte gar nicht zugemacht werden, sondern lag immer gähnend auf dem Rücken, und streckte die unzähligen Zungen bei Moses, Joseph, David, Salomon u. s. w., u. s. w. heraus.


Madame Bergau hatte einen Schwiegersohn, Herrn Kinderlein, der ein Kinderfreund war. Wenn er sie besuchte, war es ein Fest; denn erstens bekamen wir frei, und zweitens schnitt er unsere Federn, was Madame Bergau selbst nicht konnte.


Tragische Geschichte.

Zu dieser Zeit ungefähr muß folgende tragische Begebenheit eingetroffen sein, die einen großen Eindruck auf meine kindliche Phantasie machte. Ich hatte einen Vetter, einen jungen Menschen, der meine Eltern besuchte. Er spielte einmal mit mir, ich ritt eben auf seinem Kniee, und war seelenvergnügt, als es mir einfiel ihn zu fragen: „Was ist Dein Vater?“ — „„Landrichter!““ — „Landrichter!“ rief ich, „pfui!“ und sprang von seinem Kniee. Der Vetter machte große Augen und konnte nicht begreifen, woher diese Furcht und dieser Ekel vor dem Landrichter komme. Die Sache war die: Kurz vorher hatte sich ein Höker an einem Weidenbaume in der Friedrichsberger Allee gehängt. Mein Vater nahm mich mit, damit ich ihn sähe. Der Höker hing ganz niedrig, so daß die Füße fast den Erdboden berührten. Sein spanisches Rohr hatte er neben dem Graben eingesteckt, darauf hing sein dreieckiger Hut und die Zopfperrücke. Gerade gegenüber an einem Lindenbaume in der Allee war ein kleines Buch mit feinen Nägeln angeschlagen, in welchem berichtet stand, daß er sich aufgehängt habe, weil seine Frau ihn zum Hahnrei gemacht habe. Zwei Ruthen hatte er gebunden und unter den Baum gelegt, die eine war eine Birkenruthe, damit sollte die Frau gestraft werden, die andere war ein Dornenreis, und für ihren Buhlen bestimmt. — Von all' Dem verstand ich nicht das Geringste, sondern starrte nur mit Entsetzen auf den Gehängten hin. Er sollte abgeschnitten werden, aber Keiner wollte ihn anrühren, bevor der Landrichter angekommen sei und Hand an ihn gelegt hätte, um die Arbeit ehrlich zu machen. Ich sah ihn mit seinen Leuten kommen; er berührte die Schulter des Gehenkten, der nun abgeschnitten wurde. — Daher kam mein Entsetzen und mein Widerwillen gegen den Vater meines Vetters. Ich hatte keinen andern Begriff von einem Landrichter, als daß er ein Mann sei, der Leute abschneiden müsse, die sich selbst aufgehängt hätten.


Ich hatte Einen bei jedem zweiten Worte schwören hören und fand, daß es ihm gut stehe. Nun bekam ich auch Lust, und sagte eines Tages jeden Augenblick zu meiner Mutter: „Nein, das thut Adam weiß es Gott nicht.“ Statt mich zu strafen, sagte sie jedesmal ganz ruhig: „Nein, das thut Adam gewiß nicht.“ Auf diese Weise brachte sie mich bald dahin, das Schwören zu unterlassen.


Mein Vater pflegte zuweilen, wenn er mit mir spielte, mich in's Ohr zu kneipen und zu sagen: „Bist Du nicht meine Canaille?“ — Eines Tages, als Fremde bei uns waren, stellte ich mich mitten in's Zimmer, stützte beide Hände in die Seiten, sah meinen Vater starr an, und rief laut: „Bist Du nicht meine Canaille?“ Zuerst bekreuzte man sich über den kleinen, schon so früh verlorenen Sohn; aber als man hörte, daß es eine Liebesbezeigung sei, die mein Vater mich selbst gelehrt habe, lachte man um so mehr.


Die Schule des Küsters.

Aus der Schule der Madame Bergau avancirte ich in die des Küsters, wo Bernt Winckler, Sohn eines wohlhabenden Grundeigenthümers und Gärtners in der Stadt und ich Kameraden mit den Straßenjungen wurden. Wenn wir dazu kommen konnten, so spielten wir gern mit ihnen nach der Schulzeit Anschlagens, am häufigsten bei den Steinpfeilern des Thores, welches den Eingang zum Schloßgarten bildete. Hier saß ein alter Mann, der Brot, Aal und Branntwein verkaufte. Wenn ich ein paar Schillinge hatte, kaufte ich wohl ein Brot und ein Stück gebratenen Aal mit Salz und vielen Staub darauf. Das schmeckte mit besser als das leckerste Gericht zu Hause. Einmal wollte einer meiner Schulkameraden mich dazu verführen, auch einen Schnaps zu trinken. Ich hatte bereits das Branntweinglas in der Hand, als mein guter Engel in der Gestalt meines Vaters zum Gartenthor hereinkam. Vor Schreck verschüttete ich den Branntwein: glücklicher Weise sah er mich nicht und ging in der Ferne vorüber; aber die Furcht hatte mich davon curirt, dieses gefährliche Experiment zu wiederholen.


Naturgenüsse.

In dem von Voigt angelegten Südfelde hatte ich täglich ein Bild von englischer Natürlichkeit vor Augen, sowie in dem alten Garten von französischer Regelmäßigkeit und zwischen Beiden das italienische Schloß voll schöner Zimmer und Gemäldegalerien. Meine Umgebung war im Sommer und Winter so verschieden, wie die Natur. Im Sommer wimmelte es draußen von Menschen, von schönen geputzten Damen; der ganze Hof war dort, schöne Tafel- und Janitscharenmusik konnten wir Kinder jeden Sonntag hören. Von einer Galerie aus konnten wir die königlichen Herrschaften bei Tische sitzen sehen. — Das Südfeld dagegen war meist unbesucht, da es nur für den Hof bestimmt war. Aber mein Vater hatte den Schlüssel, und ich und meine Schwester machten viele Bekannte glücklich, wenn wir dort mit ihnen spazieren gingen. Da war es still und einsam, wie zehn Meilen von der Stadt. Wir besuchten das sogenannte Norwegische Haus, wo die große Natur im Kleinen täuschend nachgeahmt war; den Eremit in seiner Hütte, die Grotte mit den Crystallen und Erzstufen, einer Zauberhöhle gleich; das chinesische Lusthaus mit seinen großen Conchilienspiegeln, seinen bunten Bildern von Mandarinen und Damen mit Klumpfüßen; und den Glöckchen auf dem Dache, die sich im Winde bewegten und erklangen.

Einmal im Sommer machten wir gewöhnlich eine Wallfahrt nach dem Thiergarten, den schönen Strandweg entlang, oder über Ordrup, wo dann die uralten Buchen uns einluden, in ihrem Schatten die Erfrischungen zu genießen, die wir selbst mitgenommen hatten. Wir sahen dort den Seiltänzer und Kasperle, aßen im Grase und schnitten unsere Namen in eine dicke Buche, die sie noch trägt.


Leben im Winter.

Kam nun der späte Herbst, und zog die königliche Familie zur Stadt, so wurde auch der Schauplatz ein ganz anderer. Keine Musik mehr, keine Spaziergänger; aber Alles voll von Handwerkern und Arbeitsleuten auf dem Schloß und im Garten. Nun ging ich zwischen Maurern, Zimmerleuten, Tapezirern und Malern einher, zuweilen wagte ich mich sogar mit den Bleideckern aufs Dach hinauf. Und wie ich im Sommer die feine Lebensweise der großen schönen Welt bewunderte, so lauschte ich jetzt den Handwerksleuten ihr Wesen und ihre Eigenthümlichkeiten ab, und sah zu, wenn die Gärtner säeten, pflanzten oder Bäume pfropften. — Mit Eintritt des eigentlichen Winters waren wir auf dem großen Schlosse mit zwei Wächtern und zwei großen gelben Hunden ganz allein. Das ganze Schloß gehörte dann uns, und ich ging in die königlichen Zimmer, betrachtete die Gemälde und baute Luftschlösser. Wenn gutes Wetter war, so erlaubte mein Vater mir zuweilen in die Stadt zu gehen, um Bücher aus der Leihbibliothek zu holen. Mit sechs Büchern in ein blaues Taschentuch gebunden, auf meinen kleinen Stock gesteckt und so auf dem Rücken getragen, kam ich dann in der Dämmerung wieder nach Hause. Wenn wir Thee getrunken hatten, und das Licht auf den Tisch gesetzt war, so kümmerten wir uns nicht um Sturm, Regen oder Schnee. Mein Vater saß dann im Lehnstuhl mit dem kleinen Hund im Schlafrocke und las laut vor; oder ich selbst las leise und folgte Albert Julius und Robinson Crusoë nach ihren Inseln, schwärmte im Feenlande mit Aladdin umher, oder amüsirte mich mit Tom Jones und lachte über Siegfried von Lindenberg. Die meisten von Holberg's Comödien wußte ich halb auswendig.


Eine Hundegeschichte.

Ich habe eine Hundegeschichte erwähnt und muß noch zwei erzählen. Wir hatten ein Dienstmädchen die nicht viel taugte, die aber doch den kleinen Present sehr liebte. Als sie nun fortzog und in Kopenhagen in Dienst trat, verschwand der Hund eines Tages, alles Suchen war vergebens, er war nicht zu finden; das rief große Trauer in der Familie hervor. Ich und meine Schwester beweinten den kleinen verschwundenen Freund, und glaubten, er sei todt. Die schmerzliche Wunde fing bereits an zu verharrschen, als ich vierzehn Tage darauf mit meinem Vater nach Kopenhagen ging. Zufälligerweise begegneten wir dem Mädchen mit dem Hunde unter dem Arm. Kaum sieht sie mein Vater, so geht er ihr gerade auf den Leib, und mit den Worten: „Ei du Canaille! hast Du meinen Hund da?“ faßt er den kleinen Present ganz ruhig in den Nacken und reicht mir die Beute. Mehr Worte wurden nicht gewechselt. Aber mit welchem Entzücken ich den Hund nach Hause trug, und mit welcher Freude wir empfangen wurden, läßt sich nicht beschreiben.


Ernster, aber doch nicht so schlimm, wie sie hätte werden können, ist die zweite Geschichte: Ich kam eines Tages den beiden großen Doggen, die im Hofe angekettet waren, zu nahe. Der eine biß mir ein Stück aus dem Aermel und die Spur seiner Zähne saß in meinem Arm. Kaum sah meine Mutter dies, als sie die Wunde sorgfältig auswusch; darauf ging sie zum Wächter und sagte: „Er schießt mir gleich den Hund todt!“ — „„Gott bewahre, Madame, das ist ein königlicher Hund, von großer Seltenheit, ein Geschenk von einem vornehmen Herrn für das Schloß, das wage ich nicht.““ „Er schießt mir gleich den Hund todt,“ fuhr meine Mutter fort, „jetzt fehlt ihm Nichts, aber er könnte vielleicht toll werden; er hat meinen Sohn gebissen und ich muß für die Rettung meines Kindes sorgen. Das Kind einer Mutter ist mehr werth, als ein Hund. Ich nehme Alles auf mich!“ — Der Hund wurde erschossen, und die Eigenmächtigkeit nicht gemißbilligt, obgleich die mütterliche Sorge ohne Zweifel eine übertriebene Vorsicht veranlaßt hatte.


Ein Meteor.

Wenn mein Vater die guten Freunde im Städtchen Friedrichsberg besuchte, so spielten sie Quadrille, bis wir Kinder in Schlaf fielen, und wir wurden erst dann wieder geweckt, wenn wir nach Hause gehen sollten. Ich mußte gewöhnlich die Laterne tragen, und entsinne mich noch eines sehr kalten dunkeln Winterabends, wo wir durch den Garten zum Schloß gingen. Plötzlich wurde es ganz hell, ein schöner Mond schwebte langsam über den Himmel dahin und verschwand. Meine Kniee zitterten, ich glaubte der Mond sei herabgefallen und ich wunderte mich darüber, daß mein kleines Licht in der Laterne noch brenne. Nun erzählte mein Vater mir allerlei von Sternschnuppen und Nordlichtern, was er in „Gottsched's Weltweisheit“ gelesen hatte. Ich habe später nie ein so großes und schönes Meteor gesehen.


Kunsteindrücke.

Im Winter 1789 wurde unsere einförmige Lebensart eines Nachmittags unterbrochen, indem mein Vater und ich mit dem besten Freunde meines Vaters Winckler im Schlitten nach Kopenhagen fuhren, um die Illumination zu sehen, welche auf Veranlassung der Rückkehr des Kronprinzen aus Norwegen veranstaltet war. Ich wunderte mich über all' die Lichter in der großen Stadt und glaubte mich in die Feenmährchen Tausend und einer Nacht hin versetzt. Ich bildete mir sogar ein, daß der Schnee auf den Straßen, dem die vielen Lichter einen gelben Schimmer gaben, Sand sei, der auf das Pflaster gestreut war, um das Fest zu schmücken. Noch mehr wunderte ich mich im nächsten Jahre beim Einzuge über all' die schönen Sinnbilder und Ehrenpforten.


Ich ging übrigens nicht auf Rosen in meiner Kindheit, denn meine Eltern waren arm und litten an Nahrungssorgen. Dazu kam, daß meine jüngste Schwester Christine Marie mit einem Wasserkopf geboren wurde, und fünf Jahre in der Wiege lag, ehe sie starb, mit einem Körper wie ein Säugling, und einem Kopfe, größer als der eines erwachsenen Menschen. Ueber dieses große Unglück verfiel meine Mutter in eine tiefe Melancholie und war endlich für uns Alle und für sich selbst verloren. Aber der kindlich leichte Sinn tröstete mich, ich eilte rasch von dem Drückenden hinweg zu dem Schönen, wo ich mich meinen Träumereien hingab, die als Dichterknospen in der Phantasie des Knaben keimten. Das herrliche Schloß mit seiner gesunden frischen Luft, mit seiner schönen Aussicht vom Berge, seinem lustigen Menschengewühl im freundlichen Garten, seiner romantischen Einsamkeit in dem stillen, dunkeln, hüglichen Südfeld, Architectur und Malerei entzückten mich. Ich studirte die Bilder aus dem Schlosse täglich. In der kleinen Galerie machten die schönen Italienerinnen einen tiefen Eindruck auf mein Herz. Die Römerin in Bauerntracht, welche sitzt und näht; die Schöne, welche von der Maskerade mit der Maske unter dem niedlichen dreieckigen Hute kommt; die Blondine mit dem purpurfarbenen Mieder; die Schöne mit dem Tuche über dem Haar, und der schlanken Gestalt in dem grünen geschnürten Seidenkleide u. s. w. Als Gegensatz hing dort der starke Gustav Adolph mit seinem ehrlichen derben Rittergesicht. Auf den Plafonds sah ich die griechischen Götter; hier saßen sie alle bei der Tafel, dort fuhr Juno mit ihren Tauben, hier kamen Venus, Thetis, Neptun, Merkur zum Jupiter. Dort floh der finstere Haß mit den Fackeln in den Händen vor dem Frieden. Die herrliche Copie von Lorenzen nach einem von Rubens Meisterstücken, wo sie das Weib zu Jesus bringen, welcher sagt: „Wer sich ohne Schuld unter Euch fühlt, der werfe den ersten Stein auf sie,“ machte besonders einen außerordentlichen Eindruck auf mich, und macht ihn noch jetzt. Nie habe ich seitdem ein Gesicht von Jesus gesehen, das mir ihm so sehr gleichen zu müssen schien, wie dieses. Dies Gefühl kommt wohl daher, daß ich ihn so zum ersten Male gemalt sah; aber der Kopf Jesu in diesem Rubens'schen Gemälde ist auch voll großer Schönheit, Adel, Klarheit, Milde, Verstand und Gefühl. Das kastanienbraune Haar ist vielleicht etwas zu röthlich, das Gesicht etwas zu sanguinisch blühend; es fehlt das tief Mystische, das eigentlich Göttliche! aber wer könnte das auch wiedergeben? könnte es wohl selbst Raphael? könnte es Thorwaldsen? — Ich stelle diesen Jesuskopf von Rubens über den strafenden Jesus des Giovanni Bellini in der Dresdner Galerie, von Carlo Dolci's süß sentimentalem Christus nicht zu reden. Der Pharisäer und Saducäer Rubens, sind im höchsten Grade meisterhaft; welche vortreffliche Composition ist das Ganze! Der Pharisäer in der goldbrokatenen Kopfbedeckung mit dem prächtigen Bart, ein höchst merkwürdiges Gesicht! Man sieht, daß es ein Mann ist, der es vermag, die Ansichten seiner Zeit mit Energie zu beherrschen, und ihre Vorurtheile zu befördern. Man liest Bosheit, Strenge, Grausamkeit, Frechheit in dem verzogenen Lächeln, in den starrenden, tückischen Augen! Und nun der Saducäer — der nicht an die Unsterblichkeit glaubt, und deshalb seinen Körper recht gemästet hat, bevor die Würmer ihn verzehren; mit gemeiner phlegmatischer Ruhe blickt er auf Jesus; aber heimtückischer Zorn über das Ideale, das Göttliche, das sich geltend zu machen wagt, schwebt auch auf seinem feisten Antlitz. Auch die Sünderin ist gut; die Lust, welche Rubens hatte, blühende Weiber zu malen, war hier an ihrem Platze. Sie schämt sich; ihr Gesicht ist halb verborgen; schöne Züge, welche die Fülle bereits zu verwischen beginnt, zeugen von einem Weibe, das mehr Körper als Seele ist. Es ist nicht Reue, sondern nur Verschämtheit, die sich bei ihr äußert. Der Vater, der ihr gleicht und neben ihr steht, hat ihr bereits vergeben. Der Erlöser zeigt ihr auch keine besondere Aufmerksamkeit, sondern nimmt nur von ihren Verhältnissen Veranlassung, eine allgemeine Lehre für den Menschen zu entwickeln, indem er sie von einem entsetzlichen Tode rettet. — Was Wunder, daß ein solches Bild einen großen Eindruck auf meine kindliche Phantasie machen mußte? Ich machte durch dieses zuerst Bekanntschaft mit der religiös-historischen Malerei, und nach Allem, was ich später Herrliches und Großes in fremden Galerien gesehen habe, kehrt die Erinnerung doch oft dankbar zu Dem zurück, welches mir den ersten Eindruck gab.


Die herrlichen Landschaften von Poulsen, welche in demselben Saale hängen, wirkten auch stark auf mich ein. Ich lernte aus ihnen zuerst Norwegen kennen. Besonders stand ich immer staunend und betrachtete den schäumenden Sarp. Der Weg an den jähen engen Felsenklüften entlang, wo ein Pferd die Cariole hinunterzieht, indem es mit den bis zur Erde eingebogenen Hinterbeinen hinabgleitet, gefiel mir ganz besonders. — Fügte ich nun die Vorstellungen, welche mir diese Gemälde erweckten mit dem norwegischen Hause im Südfelde zusammen, das ich täglich besuchte, so bekam ich keinen ganz schlechten Begriff von Norwegen, wovon ich mich viele Jahre später überzeugte, indem ich das Original mit meiner kindlichen Vorstellung verglich. — Ein Bild in dem sogenannten Rosen- oder Maskeradensaal beschäftigte mich auch sehr. Dort sitzt ein berauschter junger Herr, mit weißseidenen Pantalons, einem Ritterhute, und einem Lächeln im Gesichte, das der Rausch fast zur Maske verwandelt, obgleich er die Maske abgenommen hat. Er hat ein großes Glas Rheinwein in der Hand, das er im Begriff ist zu verschütten. Ihm zur Seite stehen nüchterne Musikanten, die für's Brod arbeiten, während er trinkt. Der Türke (wahrscheinlich Friedrich IV.) lüftet die Maske der schönen Türkin etwas, mit der er neben mehreren anderen Schönen spricht. Wenn ich in meiner stillen Winterruhe ein Mal ein recht munteres Freudenfest mit glänzendem Gewimmel aller Stände haben wollte; — so ging ich blos in den Maskeradensaal hinauf, und stand und starrte dort empor, bis mir der Nacken steif wurde; — dann hatte ich mir ohne die geringsten Kosten das prächtigste Fest angerichtet.


Malerei und Musik trugen früher, als die Poesie dazu bei, meinen Dichtergeist zu wecken. Das Altarbild in der Schloßkirche und die Gemälde in der Friedrichsberger Kirche versetzten mich in die heilige Geschichte. Ich sah Christus als schönes, reines Kind vor den heiligen drei Königen und sah den entseelten Körper des Erlösers, vom Kreuz herabnehmen und einwickeln von den treuen Hinterbliebenen. Oben in den vergoldeten Wolken lag phantastisch das Lamm mit der Fahne auf dem Buche mit den sieben Siegeln. Durch ein kleines Schiff, welches in der Kirche zum Andenken an einen dort begrabenen Seemann hing, bekam ich den ersten Begriff von der Einrichtung eines Schiffes.


Die Musik wirkt mächtig auf das kindliche Gefühl ein, und ich hatte Musik von jeder Art; von Pfeifen und Trommeln der Leibgarde an, bis zu den frommen heiligen Tönen der zwei Orgeln. Die Tafelmusik konnte ich jedesmal hören. Die Blaseinstrumente waren höchst unterhaltend, aber wenn zuweilen Concert war, und das Saitenspiel dazu kam, so wurde es erst ein rechter Genuß. So hörte ich zeitig schon viele gute Compositionen.


Unser Prediger.

Und die Töne vermischten sich dann auch mit der Poesie. Unsere Mädchen sangen altnordische Heldenlieder; in der Kirche sang ich selbst Psalmen. Manches lustige Gesellschaftslied hörte ich, wenn Fremde bei meinen Eltern waren. Bei solchen Gelegenheiten kam zuweilen ein Canalinspector zu uns, der Schiött hieß, ein lustiger, aufgeweckter Mann, der im Stande war, einen ganzen Kreis zu beleben. Ein Mann, der meine Aufmerksamkeit auch sehr auf sich zog, war unser Prediger, Dr. später Prof. Schmidt. Sein Buch über die „Bestimmung der Thiere“ las ich mit großer Freude, als ich es später einmal als Prämie in der Schule bekam. Wir hatten vorher einen sehr ernsten und stillen Prediger, Herrn Bruun gehabt; gegen ihn stach Schmidt sehr durch sein geniales Wesen ab. Er predigte vortrefflich und begeisterte die Gemeinde; aber er scheute sich auch nicht, in gesellschaftlichen Stunden der Freude, ja sogar der unschuldigen Ausgelassenheit zu huldigen. So mußte mein Vater, wenn er Schmidt recht amüsiren wollte, ihm folgende deutsche Weise vorsingen:

Ich wollt' um tausend Thaler nicht,
Daß mir der Kopf ab wär';
So lief ich mit dem Rumpf herum,
Säh' Niemand, wer ich wär'.
Wenn ich kein Geld zum Saufen hab',
So geh ich und schneid' Besen ab;
Und lauf' die Straße auf und ab,
Und rufe, kauft mir Besen ab!
Damit ich Geld zum Saufen hab'.


Von den lustigen Einfällen des Canalinspectors Schiött entsinne ich mich nur eines; aber er konnte fast nicht den Mund aufmachen, ohne etwas Possirliches zu sagen. — Er suchte ein Mal um eine Zulage zu seiner Gage beim Kronprinzen nach. Dieser sagte im Scherz zu ihm: „Ei was, Schiött, Sie haben keine Noth, Sie gehen ja mit seidenen Strümpfen in den Halbstiefeln.“ „„Nehmen Sie sich in Acht, Ew. königl. Hoheit,““ — rief Schiött — „„es sind, hol' mich der Teufel, keine Socken an den Schäften.““


Sommergenüsse.

Im Sommer war es immer ein Festtag für mich, wenn mein Vater mich mit auf den sogenannten Entenhügel im Friedrichsberger Garten nahm, um Stachelbeeren zu pflücken. Wir hatten nur zwei Stachelbeerbüsche in unserm kleinen Garten, und trotz der jährlich wiederkehrenden Sehnsucht nach Stachelbeeren, fiel es meinem Vater doch nie ein, welche zu pflanzen. Aber auf dem Entenhügel wuchsen sie in Menge, da Keiner hinüberkommen konnte, der nicht den Schlüssel zur fliegenden Brücke hatte. Hier bekam ich die schönsten Stachelbeeren in Masse. Schlimm dagegen ging es mir ein ander Mal. Ich hatte von meiner Mutter nie Erlaubniß, auf eigene Hand weiter, als bis an die Grenze des Schloßberges zu gehen. Eines Tages, als ich auf einer Bank saß, kam der Hofgärtner Petersen vorbei und sagte: „Adam, willst Du Stachelbeeren haben?“ — „„Ja, gern.““ — „Dann komme mit!“ Ich folgte ihm den Berg hinunter in den Fruchtgarten hinein, wo er mir das herrlichste Bouquet Stachelbeerzweige, voll der schönsten Früchte, abschnitt. Mit diesem Strauß stürzte ich froh den Berg hinauf und nach Hause, um ihn meiner Mutter zu zeigen. Aber ach! das Stachelbeerbouquet hätte mich durch seine Ruthenform warnen sollen! Meine Mutter war in tödtlicher Angst wegen meiner Entfernung gewesen. Ich bekam die Ruthe! Nach überstandener Strafe und getrockneten Thränen setzte ich mich ganz getrost auf die Thürschwelle beim Bogengang hin, und pflückte meine Stachelbeeren von den Zweigen, so lange noch eine daran war.


Vogelschießen.

Eines lustigen Festes entsinne ich mich aus meiner frühen Kindheit, wo es mit mir leicht ein trauriges Ende hätte nehmen können. Es war bei einem Vogelschießen im Südfelde. Diese Schützengesellschaft hatte ihren Anfang unter den Küchenjungen gefunden, die Erlaubniß bekommen hatten, auf dem Küchenhofe mit Armbrüsten nach einem an die Planke befestigten Vogel zu schießen. Nun darf man unter den Jungen in der königlichen Küche nicht eben kleine Jungen verstehen, sondern dies waren Männer, die sich mehre Male in der Woche rasiren ließen. Einige unter ihnen waren verheirathet und hatten selbst Kinder. Die Benennung stammte aus alten Zeiten her. Diese jüngeren königlichen Köche hatten also jene Gesellschaft gegründet; die älteren nahmen daran Theil; unter ihnen waren einige, welche Aide-Köche hießen, Mundköche (die doch nicht die einzigen waren, welche für den Mund kochten), und auch der Küchenmeister, der Vornehmste, von dem ich in meiner kindlichen Einfalt nicht begriff, wie er nicht eben so vornehm, wie der Stallmeister sei, da er doch für Menschen und dieser nur für Pferde sorgte. Als diese Honeratioren hinzu kamen, nahmen auch die anderen Hofofficianten daran Theil: der Conditor, der Kammer- und Hoffourier, der Hofschreiber, der Silbermeister, der Kammerdiener und der Kammerlakai. Der Schloßverwalter und mein Vater kamen auch dazu. Nun erhielt die Gesellschaft Erlaubniß, im Südfelde zu schießen. Aber es währte nicht lange, ehe das in seiner Entstehung Geringe zu größerer Pracht überging, was leicht begreiflich ist, wenn man weiß, daß der Hoftapezirer, der auch in der Gesellschaft war, die Erlaubniß erhielt, auf königliche Rechnung Zelte aufzuschlagen. Die Köche und der Conditor lieferten kalte Küche und Confect. Beinahe hätte ich vergessen — der Mundschenk, der über den Wein verfügte, war auch dabei. Jeder suchte nach besten Kräften zu den Bedürfnissen der Gesellschaft beizusteuern. Jeder dachte, so wie der Wachtmeister im Wallenstein:

Ging es nicht aus seinen Kassen,
Sein Spruch war leben und leben lassen.

In der glänzenden Periode dieser Gesellschaft waren die Stifter bescheiden ausgetreten, während die Hofcavaliere sie mit ihrem Besuch beehrten und einzelne Schüsse thaten, so wie die Mitglieder der königlichen Familie in der dänischen Brüderschaft im Schützenhause. Zwei vortreffliche, starke Armbrüste, die mit einer Maschine gespannt werden mußten, vertraten den Büchsendienst, denn mit Pulver und Blei durfte im Südfelde nicht geschossen werden. Mit klingendem Spiele zog nun der Zug aus — und wenn man hört, daß gerade mein Vater Schützenkönig war, und mit einem grünen Band über dem Fracke voran ging, so kann man begreifen, welchen Eindruck dies auf uns Kinder machen mußte; wir waren auch geputzt und kurz bevor der Zug eröffnet wurde, nahm ich meine Schwester in einen Winkel und sagte: „Hör' mal, Sophie, weißt Du was, wenn unser Vater König ist, so müssen wir ja Prinz und Prinzessin sein.“ „„Ja““, sagte sie, „„das ist wohl nicht anders möglich.““ Indessen nahmen wir uns vor, durchaus nicht hoffährtig zu werden, sondern alle mögliche Herablassung gegen die anderen Kameraden zu zeigen, die das Schicksal nicht so hoch, wie uns gestellt hatte. Ob mich nun diese Prinzengedanken zerstreut machten, oder dies ein paar Blumen im Grase waren, welche ich pflücken wollte, genug, ich vergaß Alles, kroch unter der Schnur weg und wollte gerade auf die entgegengesetzte Seite hinüberspazieren, als ein eisenbeschlagener Bolzen, wie ein Vogel an meinem Kopfe vorübersauste. „Herr Jesus, mein Kind!“ schrie meine Mutter, welche auf einer Bank in der Nähe bei einem Zelte saß. — Mich hatte es nicht erschreckt, ich kam laufend mit Blumen in der Hand, und glaubte nur, ich solle ausgezankt werden, weil ich unter der Schnur hinweggekrochen war. Ein theilnehmender Freund brachte mir eine Tasse Eis aus dem Zelt, um mich meinen Schreck vergessen zu machen, den ich gar nicht empfunden hatte. Und während meine Mutter ihre Augen trocknete, und sie dankbar zum Himmel erhob, aß ich ganz gleichgültig mein Eis, und konnte nicht begreifen, worüber sie so gerührt war.


Ein Volksfest.

Aber von einem wirklich großen Volksfeste war ich Zeuge, ohne doch noch seine Bedeutung zu verstehen, als der Kronprinz Friedrich den Grundstein zur Freiheitssäule vor dem Westthore legte. Es war ein ungeheures Menschengewimmel, und ich konnte nicht begreifen, warum der Prinz an dem Tage, wie ein Handwerksgeselle mit Kalk und Steinen mauern solle. — Es erfreute meine kindliche Phantasie, die Säule sich erheben und mit den schönen Statuen geschmückt werden zu sehen. Ich hatte bereits eine dunkle Idee von der Kunst.

Ein herrlicher Mann, ein Freund meiner Eltern, besuchte uns häufig und sprach oft, besonders mit meiner Mutter, von Aehnlichem. Das war der Baumeister Professor Harsdorf. Ich sehe ihn noch, den freundlichen Greis in seinem grauen Rocke und mit dem dreieckigen Hute, mit dem spanischen Rohre in der Hand, kleine Locken an den Ohren und einem kleinen Zopf im Nacken. Ich entsinne mich daß er oft, aber milde und geduldig, über Schmerzen in der Seite klagte. Er schenkte meinen Eltern einige Kupferstiche für ihr Zimmer, die vier Jahreszeiten, mit französischen Versen darunter, und la bonne femme de Normandie von Ville. Ich habe sie geerbt und besitze sie noch. —


Eine Räubergeschichte.

Nachts schlief ich in dem Bette meines Vaters, wo er mich, ehe wir einschliefen, oft schalt, weil ich so unruhig lag. Diese Unruhe wuchs, je älter ich wurde, mein ganzes Leben hindurch. Ich manövrire die ganze Nacht mit den Decken, wie ein Seemann mit seinen Segeln; bald sind es zu viele, bald zu wenige. Doch stört dieses häufige Bewegen und Aufwachen durchaus nicht meine gesunde Ruhe; ich schlummere gleich wieder ein. In einer Nacht, als ich meinen Vater durch dieses Hin- und Herwerfen geweckt, meine Schelte bekommen hatte, und nun darauf lauerte, wie ich mich bald wieder unbemerkt umdrehen könnte — hörten wir, daß fern im Schlosse eine Fensterscheibe eingeschlagen wurde. Es war eine kalte Herbstnacht. Die beiden alten Wächter lagen ziemlich fern von uns und sie waren, nebst zwei Hunden, die ganze Besatzung der Festung. Mein Vater fühlte nicht die Verpflichtung im bloßen Hemde hinauszulaufen, um sich mit Räubern herumzuschlagen, wenn dergleichen da wären. Dies war auch ohne Beispiel, und er glaubte, sein Ohr habe ihn getäuscht. In diesem Glauben bestärkte ich ihn, obgleich ich selbst es auch gehört hatte, und — wir legten uns in Gottes Namen wieder ganz ruhig hin, um einzuschlafen. — Am nächsten Morgen entdeckten wir, daß, ganz richtig, ein Einbruch in die Schloßkirche Statt gefunden habe. Ein Dieb hatte eine der Fensterstangen ausgebrochen, seine Leiter an die Kirche gestellt und einen großen, massiv silbernen Altarleuchter gestohlen. Mein Vater eilte gleich zur Stadt und gab dies vor dem Oberhofmarschall und dem Polizeidirector an. Allen Goldschmieden in der Stadt wurde es bei Zeiten mitgetheilt. Es währte nicht lange, so kam ein Soldat und wollte ein großes Stück Silber an einen Goldschmied verkaufen. Er wurde festgehalten und gestand gleich, daß er den Leuchter in der Sandgrube im Südfelde beim Norwegischen Hause verborgen habe. Nur das eine Stück war abgeschlagen. Der Leuchter wurde wieder in Stand gesetzt, und mit dem andern in Verwahrung gebracht.


Kindlicher Stolz.

Ungeachtet meine Eltern sehr mäßig lebten, so kamen im Sommer doch viele Leckerbissen aus der Küche und Conditorei des Königs zu uns. Wir bekamen oft Eis in kleinen schönen Porzellanschalen. Es vergingen viele Jahre, ehe ich wußte, daß solches Eis eigentlich kalt sein müsse, da ich es früher immer zerlaufen wie Brei bekommen hatte. Es ging mir mit diesem Eis fast wie viele Jahre später mit Schlegel's Shakespeare; die Jamben wollten mir im Anfange nicht recht munden, weil ich vorher daran gewöhnt war, den Shakespeare in der Wieland'schen und Eschenburg'schen Prosa zu lesen.


Die hübsch gekleideten Pagen, welche ihre Schule mir gegenüber in dem andern Bogengang hatten, und in ihrer prächtig rothen Tracht, mit gelben Unterkleidern, weißseidenen Strümpfen und Goldtressen jeden Tag zur Tafel hinaufgingen, interessirten mich sehr; aber sie imponirten mir nicht. Die stolze Adelsmiene, die sich in meiner Kindheit noch oft zeigte, entdeckte ich auch in dem Gesicht einiger dieser Knaben, und sie erbitterte mich. So lange ich denken kann, war es mir unmöglich, Geringschätzung zu ertragen; sie konnte mich fast rasend machen, bis ich ihr im reiferen Alter erst mit Spott und dann mit christlicher Geduld zu begegnen lernte.

Meine Mutter sagte einst, ich könne mit den Pagen wohl auch einmal spielen, wenn sie es wollten. „Kann ich denn auch Du zu ihnen sagen?“ fragte ich. „Nein, das geht nicht.“ — „Dann will ich auch nicht mit ihnen spielen.“ —

Einmal hatte einer dieser Pagen Lust bekommen, meines Vaters Garten zu besehen und fragte mich, ob er mit hineingehen dürfe. Ich antwortete gleich Ja; mit vieler Freundlichkeit führte ich ihn umher und erzählte ihm ein Weites und Breites von dem kleinen Garten. Er maß mich mit einem vornehmen Blick, und fing an, von den Herrlichkeiten seines Vaters zu sprechen; ein Wort gab das andere, er wollte seinen Rang geltend machen, und ich gab ihm einen Hieb über den Rücken, mit dem er seiner Wege ging und mich bei den Anderen verklagte. Ich ging nach Hause. Es währte nicht lange, so kam der älteste Page in seinem vollen Staate, bevor er zur Tafel ging, in unser Zimmer, klagte mich an und bat meinen Vater, den ungezogenen Jungen im Zaum zu halten, der jungen Adeligen nicht den schuldigen Respekt erweise. Ich stand im Winkel, schwieg ganz still, und dachte, was soll daraus werden? Aber wie sehr erleichterte es mein Herz, als mein Vater sagte: „Ja, mein junger Herr! darauf kann ich mich nicht einlassen; geben Sie sich mit meinem Sohne ab, so müssen Sie auch mit in den Kauf nehmen, was daraus folgt. Ich weiß nicht, wer Recht und wer Unrecht gehabt hat.“ Damit ging der Page, und als mein Vater hörte, daß der Hieb als Strafe für Mangel an schuldiger Achtung vor seiner eigenen Person gegeben war, so hatte er Nichts weiter dagegen einzuwenden.


Zu den Lehrern der Pagen gehörte auch der Dichter Samsöe; aber ich kann mich durchaus nicht erinnern, ihn jemals gesehen zu haben. Ich ahnte nicht, daß mir gegenüber der Dichter wohnte, der mich einige Jahre darauf durch seine Tragödie Dyveke hinreißen würde. Und Samsöe ahnte eben so wenig, daß der kleine Junge, der da drüben spielte, nach ihm Tragödien schreiben würde.


Bernd Winckler.

Der Spielkamerad, mit dem ich am meisten umging, war Bernt Winckler, aber es war nicht Sympathie, die uns vereinigte; unsere Charactere und gewöhnlich auch unsere Ansichten waren äußerst verschieden, was auch die Ursache war, daß wir im Jünglings- und Mannesalter fast ganz aus einander kamen, obwohl wir gegenseitig stets unsere guten Eigenschaften achteten, und die Erinnerungen der Kindheit nicht selten unsere Gefühle verschmolzen. Sein außerordentlicher Witz, sein vorzügliches Gedächtniß und der bestimmte eigenthümliche Charakter übten ihre Macht auf mich aus; ich war unendlich gern in seiner Gesellschaft und wir vergnügten uns immer prächtig, so lange unsere Geister ruhig und friedlich auf einander einwirken konnten. Aber wenn er mich neckte, und wenn ich hitzig wurde — so war die Freundschaft für den Tag unterbrochen. Ich äußerte meine Gefühle stark, und wurde ungeduldig, wenn ich keine Sympathie fand; er kritisirte mich immer, und wenn ich Bitterkeit in der Kritik zu finden glaubte, — so wurde ich auffahrend und wägte nicht länger meine Worte ab. Aber ich schrieb ihm gleich Versöhnungsbriefe. Das Erste, wenn wir uns wieder sahen, war meine Frage: „G. oder F.?“ (Gutfreund oder Feind?) Und wenn er zuweilen kalt antwortete: „F.“, so ließ ich mich doch nicht abschrecken, sondern ruhte nicht eher, als bis ich ihn durch Freundlichkeit wieder gewonnen hatte. — Wir haben gewiß einen viel größeren Einfluß auf einander gehabt, als wir selbst wissen; denn indem wir beständig disputirten und mehrere Jahre hindurch uns unablässig Briefe schrieben, übten wir Mund und Feder.


Meines Vaters Umgang.

Der Umgang meines Vaters in Friedrichsberg bestand aus Winckler's Vater, dem alten Oberlandsinspector Berner, Hunäus, Dr. genannt, eigentlich nur Chirurg, und zuweilen dem Bäcker Kamphövener. Der alte Winckler war ein rüstiger, flinker, großer, hagerer Schwede, ernst in seinem Benehmen, munter und zufrieden in seinem Gemüth. Er war Gärtner gewesen, stand sich sehr gut, hatte Feld bei seinem Hause, einen prächtigen, gut gepflegten Garten, und wirthschaftete immer fleißig als Gärtner und Landmann. Er war ein großer Oekonom, und so sparsam und ordentlich, daß er, um ein einziges Beispiel anzuführen, eine Stecknadel in seinem Hemdkragen trug, die er viele Jahre eben so sorgfältig aufbewahrt hatte, wie ein Anderer seine Diamantbusennadel. Er bewohnte ein kleines unansehnliches Haus; aber es erfreute mich sehr, das Friedrichsberger Schloß mit Winckler's kleinem Zimmer zu vertauschen, wo Norcros und Drackenberger im Kupferstich über dem Büreau, besonders der Erste mit seinem langen Bart, im Gefängniß mit seinen Mäusen spielend, stets meine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Der alte Winckler erzählte gern von Drackenberger, der ein sehr hohes Alter erreicht hatte, und er ahmte ihm in sofern nach, als er selbst 92 Jahre alt wurde, und das Jahr vor seinem Tode eben so schnell von Friedrichsberg nach Kopenhagen ging, wie 50 Jahre vorher. Er las gern komische Romane, besonders Tom Jones und Siegfried von Lindenberg waren seine Lieblingslectüre. Mein Vater war vielseitiger und gebildeter; er war witzig und lärmend lustig, wenn Winckler ganz ernst dasaß; aber mein Vater liebte auch das Rührende und Schilderungen aus dem höhern Leben. Diese zwei Männer hatten einander sehr lieb, und die Freundschaft hielt sich so lange, wie sie zusammen lebten. Ich entsinne mich eines hübschen Zuges in dieser Beziehung vom alten Winckler. Mein Vater spielte oft als Organist bei Begräbnissen; Winckler, der einige Jahre älter, als er war, sagte einmal zu ihm: „Wenn ich sterbe, sollen Sie nicht für mich spielen; Sie sollen mich dann zum Grabe geleiten.“ Aber es geschah nicht; der Aeltere geleitete den Jüngeren zum Grabe.


Ideosynkratie.

Wenn unsere Eltern zusammen kamen und Quadrille spielten, waren der alte Berner und Hunäus der dritte und vierte Mann, wenn nicht Madame Winckler und meine Mutter eine Partie mitmachten; Berner wohnte neben Winckler. Der alte Oberlandsinspector war ein reicher Mann, ebenso wie letzterer; er besaß ein großes Haus, einen großen Garten, und wurde, da er auch der Aelteste war, stets mit einer gewissen Ehrerbietung von den Anderen behandelt. Er war ein kleiner, stiller, feiner Mann. Ich entsinne mich nicht, daß er jemals ein Wort mit mir gesprochen hätte. Hunäus war mit einem Verwandten seiner Frau verheirathet. Dieser war ein lustiger, humoristischer Mann. In jüngeren Jahren war er Schiffsarzt gewesen und nach Westindien gefahren. Jetzt hatte er ein Haus auf Friedrichsberg mit Feld und einem großen schönen Garten, und lebte theils von seinem Grundstück, theils von seiner Praxis, denn er war Arzt des Städtchens. Wenn er Einladungen für den alten Berner zu einer Quadrillepartie schrieb, so nannte er ihn stets Admiral, die Andern Capitains, und diese wurden dann von ihren Fregatten aus das Admiralschiff geladen. Er kam selten nach Kopenhagen, aber wenn er's that, so besuchte er gern einige alte westindische Freunde, wo dann alter Madeira zum Frühstück aufgetragen wurde; wenn er von da zurückkam, war er noch ein Mal so lustig, als gewöhnlich, und dann hieß es: der Doctor ist in der Stadt gewesen.


Ich hatte ihn sehr lieb, obgleich er mir zuweilen Kinderpulver gab. Eine eigene Geschichte muß ich in Bezug auf dieses Kinderpulver erzählen, da sie von psychologischem Interesse ist. Mein Vater hatte vom Gärtner Petersen „Malling's große und gute Handlungen einiger Dänen, Norweger und Holsteiner“ geliehen, theils um das Buch selbst kennen zu lernen, theils um mich nach all' den Mährchen, Romanen und Schauspielen, die ich verschlang, etwas Nützliches lesen zu lassen. Aber ein unglückseliger Umstand machte, daß viele Jahre vergingen, ehe ich an diesem, in mancher Beziehung vortrefflichen Werke Geschmack finden konnte. Ich entsinne mich noch, wie gestern, daß es in einem grünen Bande Morgens auf dem Tisch lag, wo Thee nach der neuen Mode getrunken wurde, nämlich mit Butterbrot dazu, was Petersen bei uns eingeführt hatte und uns eine herrliche Erfindung schien. Aber an diesem Morgen bekam ich kein Butterbrot; denn ich hatte Kinderpulver eingenommen. Das Pulver lag neben den großen und guten Handlungen; es war Etwas davon aufs Buch geschüttet worden; als ich dies in die Hand nahm, roch es in seinem grünen Einbande so stark nach Medicin, wie ein Patient in seinem grünen Schlafrock im Friedrichshospital; und ich warf es von mir. Es vergingen mehre Jahre, ehe ich mich dazu zwingen konnte, es zu lesen, und ehe der innere Geruch des Kinderpulvers aus „Malling's großen und guten Handlungen“ verging.


Ewald und Wessel.

Der Gärtner Petersen lieh uns auch Ewald's und Wessel's Schriften. Besonders die Kupfer in diesen Werken waren es, die meine Aufmerksamkeit zuerst anzogen. Mit Bewunderung betrachtete ich Ewald's Bild. Er sah krank und arm aus und ich erstaunte darüber, daß all' die schönen Dinge aus der Krankenkammer eines so unglücklichen Schwächlings gekommen sein sollten. Er sah gefühlvoll, gedankentief und freundlich aus. Die Haare waren, wie bei einem Bauer, von der schönen Stirn nach hinten gestrichen. Nun öffnete ich das Buch und fand mich plötzlich in das Paradies versetzt, das ich aus Madame Bergau's und des Küsters Schule sehr gut kannte. Es war mir sehr lieb, die nähere Bekanntschaft der Engel zu machen, denn ich hatte noch keinen rechten Begriff von ihnen gehabt. Nun sah ich sie, freundlich oder zürnend, mit Blitzen und Wolken in den Abildgaard'schen Zeichnungen. Ein kleines Versehen fand Statt, da wo Adam eilends herbeiläuft, um Eva an dem Essen des Apfels zu hindern; ich glaubte nämlich, weil er so wild und rasend aussah, mit hoch erhobenen Händen fechtend, daß es der Satan sei, bis ich besser unterrichtet wurde. Der liebe Harlequin, den ich so gern mochte, und im Thiergarten neben Kasperle sah, waren auch hier. Die Bataille auf dem Fußboden mit dem Schreiber war gerade nach meinem Geschmacke. — Der Herausgeber macht eine Entschuldigung, daß Chodowiecki das Stück mißverstanden, und Harlequin in seiner Harlequinstracht dargestellt habe; dies konnte ich natürlich nicht verstehen, und habe es auch später nicht verstanden. Ein Stück wie Ewald's Harlequin der Patriot, welches keine objective Wahrheit enthält, sondern dessen Werth in der satyrischen Fiction liegt, wo die Hauptperson eine lyrisch-komische Mythe, kein natürlicher Charakter ist, — ein solches Stück gewinnt gerade dadurch, daß Harlequin seine Maske eben so wie in den alten italienischen Komödien behält.

In Ewalds Rolf Krage öffnete die nordische Sage zum ersten Mal ihre Grabhügel vor mir, zeigte mir ihre Aschenkrüge und beschwor ihre Geister herauf. Auch hier waren es zuerst die Bilder, welche meine Aufmerksamkeit fesselten. Das eigenthümlich Geheimnißvolle in dem Walde mit den Lusthäusern und den Lampen; die Schildjungfrauen mit dem Helm und den langen Haaren; der wunderliche barbarische Trotz verbunden mit dem Gefühlvollen in den Gesichtern.

Wessel's Portrait war nun wieder ganz verschieden von Ewald's; es sah höchst launig aus, und der satyrische Spott in den starken Augenbrauen, die sich wie Bogen wölbten um die Pfeile des Witzes abzuschießen, wurde durch einen gewissen freundlich melancholischen Ausdruck in dem ganzen Gesicht gemildert.


Winckler zog Wessel, ich den Ewald vor, und wir stritten oft darüber, wer von diesen Dichtern der größte sei. Ueber Holberg fiel es uns niemals ein, zu streiten. Uebrigens hatte Winckler stets mehr Sinn für das Lustige; das Gefühlvolle wollte ihm nicht recht munden, bis er Lafontaine's Romane las, wo dann das Erotische sich in ihm zu entwickeln begann. Es war ihm leicht, Etwas lächerlich zu finden, wo man es am Allerwenigsten hätte erwartet haben sollen. Wenn ich ihn zuweilen mit hinauf in die königlichen Zimmer nahm, wo wir von einem dunklen Saale aus unbemerkt die Abendtafelmusik hören konnten, und ich entzückt über die schönen Töne dastand, amüsirte ihn nichts Anderes, als die allertiefsten Töne des Fagotts und des Waldhorns, welche ihn durch die sonderbarste Ideenassociation von der Welt dahin brachten, die Zunge halb entzwei zu beißen, um nur nicht vor Lachen zu bersten. Endlich steckte er mich auch damit an, und wir mußten fortlaufen, um nicht gehört zu werden.


Des Küsters Schule.

Des Küsters Schule war eine Schule für Straßenjungen, deren es in meiner Kindheit viele auf Friedrichsberg gab; denn es wohnten daselbst eine Masse armer Leute, welche in der Fabrik des Meister Collin (der Vater des noch jetzt lebenden Conferenzrathes) den Spinnrocken traten. In Flicken und Lumpen mit hölzernen Schuhen kamen diese Jungen in die Schule, die wie ein Schweinestall aussah, mit ausgetretenem Steinboden und Tischen und Bänken, wie in dem schlechtesten Krug. Winckler's älterer Bruder, Henrik, der auch dort hinging, und unser Primus war, weil er alle Anderen an Jahren und Kräften überragte, schnitt tiefe Rinnen in die Tische, mit Ausläufen an den Seiten; zuweilen nahm er dann Bier mit, goß es in die Hauptrinne und nun saßen die armen Jungen mit dem Munde an den Ausläufen, um etwas von dem Bier zu bekommen, das er ihnen in dem Troge schenkte. Ich saß oft im Winter auf einer alten Lade, die in der Nähe des großen Kachelofens stand, und amüsirte mich damit, den Schnee auf der Platte schmelzen zu lassen, den ich in der Tasche von der Straße mit hereingebracht hatte. In der Schule ging unser Präceptor, Lassen, oder wenn er abwesend war, der Küster, Herr Wiebe selbst, Beide dick, in Schlafröcken, mit Nachtmützen auf dem Kopf und langen thönernen Pfeifen im Munde einher. Jeden Sonntag schrie Herr Wiebe, wie ein Kiebitz, die Psalmen in der Kirche, so daß mein Vater oft alle Register, bis zum lärmendsten hinauf, welches zur Ueberschrift Mixtur hatte, ausziehen mußte, um ihn durch die Orgel zu übertönen. Seiner Gemeinde machte der Küster Besuche in einem hellgelben Fracke, mit schwarzen Knöpfen. — Die Evangelien, Psalmen, Pontoppidan's Erklärung, Schreiben und Cramer's Rechnenbuch waren die Wissenschaften, die gepflegt wurden; doch lernten Winckler und ich auch etwas lateinische Grammatik, aber blutwenig. Herr Wiebe schrieb ein Mal in mein Schreibebuch: ora et labora, was beweist, daß sowohl er wie ich Latein verstand. Wenn der Bischof Balle oder der Probst Bast zur Visitation kamen, so wurde die Schule so gut, als möglich geschmückt. Hier bekam ich zuerst eine Idee davon, was ein Souffleur sei, wenn unsere Mentors, die außerhalb des Kreises saßen, dessen Centrum durch den Bischof oder den Probst gebildet wurde, hier und da durch ein leises In's-Ohr-Flüstern dem schwachen Gedächtniß oder der starken Unwissenheit zu Hülfe kamen. So entsinne ich mich deutlich, daß, als der Probst mich einmal lächelnd fragte, was trockenes Wasser sei und ich ihm die Antwort schuldig blieb (Oersted bliebe sie ihm vielleicht noch heute schuldig) der Küster flüsterte: „die Wolken.“ Ich wiederholte dies ins Blaue hinein, und der Probst bewunderte meinen kindlichen Scharfsinn. Ich kann nie den Schulmeister in Holberg's „Weihnachtsstube“ fragen hören: „Gevatter, wollen Sie Sprüchwörter oder Sentenzen?“ ohne mich an jene Scene zu erinnern. Solche Verstandesübungen waren damals sehr üblich. Auch die Art, dieselbe Sache dreimal mit denselben Worten zu wiederholen, um sie recht deutlich zu machen, die man in allen alten Documenten findet, und über die Holberg sich in Else David Schulmeisters Rede lustig macht, war noch in meiner Kindheit in Gebrauch, und ich entsinne mich einer oratorischen Wendung in einer Leichenpredigt sehr gut, die folgendermaßen lautete: „Drei Tugenden zeichneten diese hohe Prinzessin aus: hohe Geburt, fürstliche Abstammung und königliche Schwägerschaft.“

Bischof Balle war ein liebenswürdiger Mann, den wir bald wie eine Gottheit anbeteten, die uns vom Himmel herniederkam. Seine große Gestalt imponirte, sein Gesicht war voller Würde, Milde und Begeisterung. Die Perücke, die Krause und der lange Priesterrock unterstützten diese Eigenschaften. Es hätte mir einige Jahre früher leicht eben so gehen können, wie dem Jungen, der als er zum ersten Male in der Kirche war, in dem Glauben, daß der Priester der Herrgott sei, die Mutter beim Hinausgehen fragte: „Mutter, warum schlug denn der liebe Gott so stark auf die Kanzel?“

Als ich noch in Madame Bergau's Schule ging, und der Bischof ein Mal in der Kirche visitirte, lernte ich zum ersten Mal, was Kabale sei, denn ich, der auch dabei sein wollte, um mir ein Buch als Belohnung meines Fleißes zu erwerben, erfuhr es erst zu spät, und mußte mich daher mit einem Stück Zuckerkant begnügen, welches er, in einem Stuhle vor dem Altar sitzend, mir in den Mund steckte. Die Bauernkinder von Walby kamen auch zur Visitation. Ich entsinne mich, daß er ein Bauermädchen fragte: „Christus sagte: Weib, was habe ich mit Dir zu schaffen? — War das ein Schimpfwort? Sagte Christus im Zorn Weib zu ihr? Nein keineswegs! Weib war ein Ehrenname und ist es auch noch heute.“


Erste poetische Versuche.

Bereits in meinem neunten Jahre hatte ich einen Morgenpsalm geschrieben, welchen Herr Lassen erwischte. Gegen den Inhalt hatte er Nichts einzuwenden, aber er tadelte, daß die Verse nicht die genügende Anzahl Füße hätten, um gehen zu können. Ich wagte, das Gegentheil zu behaupten; ein Psalmenbuch wurde als Schiedsrichter vorgenommen, und nun hatte ich den Triumph, daß der Küster zugestehen mußte, gegen die Füße sei Nichts einzuwenden.


Mit Wincklers war ich oft draußen im Felde bei der Ernte; ihre Felder lagen jenseits des Friedrichsberger Gartens. Ich erstaunte darüber, verschiedene Pfosten an den Gitterthüren von Wallfischzähnen verfertigt zu sehen, und bekam hierdurch zuerst eine Vorstellung von der Größe dieser Thiere. Hie und da stehen diese Zähne noch.

Einer ganz sonderbaren Jagd entsinne ich mich aus jener Zeit. — Wincklers hatten einen großen Schober auf dem Hof, in dem viele Feldmäuse steckten. Bernt machte mir den Vorschlag, ob wir nicht Katze spielen und die Mäuse fangen sollten. Hierzu war ich gleich bereit. Wir nahmen Jeder einen Eimer auf den Schober hinauf, und indem wir nun die Garben den Leuten zuwarfen, die sie in die Scheune schaffen sollten, ergriffen wir die Mäuse, schlugen sie auf den Hacken unserer eisenbeschlagenen Stiefeln todt, und warfen sie in die Eimer, die bald gefüllt waren. Das Merkwürdigste war, daß ich, sonst mitleidig und ängstlich vor Mäusen, bei dieser Jagd, sowie die Großen bei den Kessel- und Parforcejagden, jedes andere Gefühl verloren hatte, so daß ich nur daran dachte, die Mäuse zu ergreifen und sie zu vernichten.


Wintervergnügen.

Eine meiner größten Freuden bestand darin, im Winter Schlittschuh zu laufen. Als ich die armen Jungen auf Holzschuhen auf dem Eise hinrutschen sah, dachte ich, es müsse auch ganz hübsch sein. Ich bewog meinen Vater, mir ein Paar Holzschuhe zu kaufen; aber sie waren mir zu klein und drückten mich an den Zehen. Ich wollte es nicht sagen, um sie nicht wieder hergeben zu müssen; ich hatte oft gehört, daß man Schuhzeug austreten könne und hoffte, daß sie sich schon nach dem Fuße dehnen würden, wenn ich im Schnee mit ihnen umherginge. Aber als ich mich eine Stunde lang auf dem Eise umhergetrieben hatte, mußte ich nach Haus hinken und ein Vergnügen aufgeben, das mit so vielen Schmerzen erkauft war.


Es amüsirte Winckler und mich, mit Beginn des Frühjahrs, wenn es zu thauen anfing, auf großen Stücken Eis auf dem Gemeindeteiche umherzufahren. Ein Mal, als wir bei Berner's waren, fiel ich ins Wasser und wäre beinahe in den Schlamm gesunken, aber ich kam doch glücklich heraus und in die Gesindestube, wo ich mit einigen anderen Kleidern versehen wurde, so daß die Aeltern, die darinnen saßen und Quadrille spielten, Nichts davon erfuhren.


Freuden in der Stadt.

Wie der Mensch sich nach Veränderung sehnt, und oft das Schlechtere dem Bessern vorzieht, wenn es nur neu und ungewöhnlich ist, habe ich mit mir selbst in meiner frühern Kindheit erfahren. Da war eine alte Nähmamsell, die meiner Mutter half und zuweilen auf einige Tage zu uns kam; sie hieß Mamsell Kjöbel. Sie hatte eine Freundin, die mit einem Herrn Hegelund verheirathet war, der auf Ulfeldt's Platz in Kopenhagen wohnte. Dieser Mann besuchte auch zuweilen meine Eltern. Er hatte in seiner Jugend studirt; ob er von dem alten dänischen Dichter Hegelund abstammte, weiß ich nicht; aber er sprach einmal mit meinem Vater über Holberg, was das für ein großer Dichter sei, und führte zum Beweis dafür die Zeilen aus Peder Paars an: Aurora öffnete ihr purpurfarb'nes Thor, zum Frühstück holt sie Brot, in Fett getaucht hervor. Besonders dieses „getaucht“ bewunderte er so sehr. Ein schlechterer Dichter, meinte er, würde gesagt haben: „mit Fett belegt, oder mit Fett beschmiert.“ Aber der geniale Holberg hatte es unvergleichlich schön ausgedrückt: „in Fett getaucht.“ Ich hörte auf diese ersten ästhetischen Vorlesungen mit großer Andacht, und habe später oft ähnlichen beigewohnt, wenngleich in ganz anderer Einkleidung und nach höchstverschiedenen Theorieen. Diesen Herrn Hegelund besuchten meine Schwester und ich mit der Nähmamsell ein Mal im Jahre, mitten im heißesten Sommer. Und was waren alle Rosen, Levkojen, Goldlack und Ambra Friedrichsbergs gegen den Geruch von Theer, Klipp- und Stock-Fischen, der mir aus dem Laden des Seilers entgegenströmte, während das Auge auf den glänzenden Messern, Scheeren und dem bunten Spielzeug des Kurzwaarenhändlers ruhte? Selbst der Rinnstein schien mir etwas aromatisch Anziehendes zu haben, an das ich in der freien Luft auf Friedrichsberg nicht gewöhnt war. Nun kamen wir nach Ulfeldt's Platz! Darauf erstiegen wir eine steile Treppe bis in die vierte Etage eines kleinen engen Hauses. O Gott! welche Aussicht! das war etwas ganz Anderes, als das ewige tägliche Bild von der Ostsee, Amager, Schweden und der Hauptstadt mit ihren Thürmen, den Schiffen, dem Südfeld, von den Mühlen und dem Vieh auf dem Felde. In einem engen Kreise von Fleischbänken, wo das Fleisch in prächtigen Stücken mit der reichen Blume und mit künstlichen Würfelschnitten hing, erhob sich höchst romantisch die wunderliche Säule mit der Inschrift: „Zu ewiger Schmach, Spott und Schande für den Landesverräther Corfitz Ulfeldt.“ Es setzte mich auf eine eigenthümliche Weise in das Mittelalter zurück, ja sogar nach Mexiko, wovon ich vor Kurzem gelesen hatte, und meine kindliche Phantasie spiegelte sich vor, daß rund um die Säule Menschenfleisch hing, welches dem Vizlipuzli geopfert sei. Warf ich nun einen Blick zurück in das Zimmer, so weilte er bei einer Commode, voll der schönsten Gypsfiguren, an denen sich die Bildhauer- und Malerkunst in ihrer liebenswürdigen Kindheit vor der Zeit Cimabue's zeigte. Zwerge konnten die Augen verdrehen und die Zungen herausstrecken. Zu einem grünen Papagey hatte ich besonders Lust, und wer schildert meine Freude, als die Madame ihn mir verehrte, und ich ihn auf Friedrichsberg als den einzigen Ueberrest einer lieben verschwundenen Welt bringen konnte, die sich mir erst in den Hundstagen nächsten Jahres wieder öffnen sollte, „wenn wir so lange lebten,“ wie die alte Nähmamsell sehr vorsichtig hinzufügte, wenn sie uns diese Hoffnung machte.


Wir wollten also gern nach Kopenhagen, und es war ein Fest, wenn unsere Eltern zuweilen mit uns zu ihren Freunden, zu den Weinhändlern Colstrup und Böhling und zu Herrn Leppert, dem vornehmsten Schneider der Stadt gingen. Ein Kamerad von Colstrup und Böhling, der Weinhändler Bolten, hatte sich vor Kurzem zum Baron hinaufgeschwungen, und man sprach davon, daß es vielleicht auch ihnen glücken könne. Der Handel war in jenen französischen Revolutionsjahren außerordentlich vortheilhaft. Mein Vater hatte dem Böhling ein paar Hundert zusammengesparte Reichsthaler mit in sein Geschäft gegeben, von denen er großen Gewinn hoffte; aber es ging unglücklich, die kleine Summe wurde verloren; doch wir Kinder gewannen dabei, denn lange wurden uns als Zinsen einige Flaschen Kirschwein geschickt, der vortrefflich schmeckte. In diesen Gesellschaften herrschte viel Munterkeit, Böhling war ein lustiger Mann, aber der früher erwähnte Canalinspector Schiött machte besonders viel Scherze und leuchtete als erster Stern. Wenn ich nicht irre, so kam auch zuweilen ein Bildhauer oder Bildschnitzer Köpke dorthin, welcher den Eremiten im Südfeld gemacht hatte, der sich von seinem Lager in der Hütte erhob, wenn man auf ein Brett an der Thüre trat. Er sowie der verstorbene Schauspieler Knudsen trugen viel zur geselligen Heiterkeit in dieser Zeit bei.


Reinecke Fuchs.

Madame Leppert war eine muntere Frau, die, wenn wir Kinder die ihrigen besuchten, ihren zweiten Sohn bat, uns aus dem Eulenspiegel vorzulesen. Wir selbst besaßen die dänische Thura'sche Ausgabe vom Reinecke Fuchs. Einmal tauschten wir: wir bekamen Eulenspiegel und die Anderen Reinecke Fuchs. Aber dies reuete mich doch später, der Holzschnitte wegen, wo der Löwenkönig und die Königin mit Kronen auf dem Haupte sitzen, und die Zunge weit zum Halse herausstrecken, wo der Kater Hinze mit dem Bären Braun spricht, und wo Reinecke als Kapuziner kommt, auf der Leiter steht und sich vom Galgen losschwatzt; die herrlichen Kaulbach'schen Bilder machten in den Greisesjahren kaum den Eindruck auf meine Phantasie, wie jene schlechten Holzschnitte in meiner Kindheit.


Der älteste Sohn Leppert's war Student, ein freundlicher, stiller Mensch, der an der Brust litt. Er gewann mich lieb, es that ihm leid, daß ich so lange umherlief, ohne etwas zu lernen, deßhalb nahm er mich zu sich nach Hause; ich schlief oft in der Nacht auf seinem Zimmer, er fing an, mich etwas Geographie zu lehren, und schenkte mir einen Atlas, den ich noch viele Jahre nach seinem Tode benutzte.


Die Schule in der Stadt.

Ich war zwölf Jahre alt geworden, und noch hatte man nicht daran gedacht, mich etwas Ordentliches lernen zu lassen. Bernt Winckler, dessen Vater reich war, kam in die Schule für „Bürgertugend“ in Kopenhagen und hatte freie Wohnung. Mein Vater war arm, es war ihm unmöglich, das Schulgeld und zugleich eine Wohnung für mich in Kopenhagen zu bezahlen. An meine Zukunft wurde durchaus nicht weiter gedacht; es hieß, daß ich Kaufmann werden solle. Meine Mutter hatte eine Schwester, die mit einem wohlhabenden Kaufmanne Gjerlew verheirathet war, und sie machte uns zuweilen Vormittagsbesuche und wir ihr; aber ihren Mann sahen wir niemals. Als sie einmal hörte, daß ich Kaufmann werden sollte, sagte sie spöttisch: „Ein Kaufmann ohne Geld, ist eine Violine ohne Saiten.“ Dies war der einzige Trost, den ich von ihr bekam. — Glücklicherweise traf mich der Dichter Eduard Storm einmal im Friedrichsberger Garten. Er unterhielt sich mit mir, ich gefiel ihm, und er verschaffte mir einen Freiplatz in der Efterslägtsskole („Schule für die Nachwelt“). Gleich während seines ersten Besuchs bei meinen Eltern gewann er mein ganzes Herz. Er war ein kleiner Mann mit einem hellblauen Frack und einem breitkrämpigen runden Hut. Das Haar hielt er mit einem runden Kamme, so wie Ewald aus dem Portrait, nach hinten. Die großen blauen Augen strahlten voll Kraft und Laune, er war ein Norweger aus dem Guldbrands-Thale und ein ächter sokratischer Charakter. Nur über dummen Hochmuth vermochte er zu spotten, sonst war er die Freundlichkeit und Humanität selbst. Als er meine Mutter am Spinnrade fand, lobte er ihren Fleiß und erzählte auf seine launige Weise gleich von einem vornehmen Fräulein, das er einmal auf dem Lande getroffen, wo sie ein Spinnrad gesehen und ihn gefragt hatte, was das für ein Ding sei, worauf er geantwortet hätte: „Ein Bratenwender, meine Gnädigste!“ So kam ich also in die Schule, und ein Packhausverwalter Gosch nahm mich gegen sehr billige Bedingungen in Kost.


Krankheit meiner Mutter.

Aber außer Storm hatte ich gewiß noch einem andern Manne mein Glück zu verdanken; denn wenn er nicht Storm zuerst auf mich aufmerksam gemacht und mich als Eleve der Schule vorgeschlagen hätte, so wäre es kaum geschehen. Dieser Mann war der Maurermeister Lange, Major und Chef der Bürgerartillerie. Er war ein großer, starker, wohlgewachsener Mann, mit einem schönen Gesicht, einem vortrefflichen Organ und all' der Bildung, welche vorzügliche Naturanlagen ohne wissenschaftliche Erziehung, durch den Umgang mit Menschen sich selbst zu geben vermögen. Er hatte meine Eltern lieb, denn er war ein vertrauter Freund vom Bruder meiner Mutter gewesen. Ich habe bereits von der Familie meines Vaters gesprochen, ich muß noch hinzufügen, daß seine Mutter, nach ihres zweiten Mannes, Bolt, Tode von Schleswig herüber und in das Haus zu uns kam. Es war eine stille bejahrte Bauerfrau; die neue Welt, in die sie kam, kannte sie nicht, und lernte sie auch nie kennen. Es währte lange, ehe wir Kinder sie verstanden, und sie verstand uns gar nicht, denn sie sprach nur plattdeutsch. Ich entsinne mich nichts Anderes von ihr, als daß sie großen Respect vor der Noblesse hatte, und meinen Vater einmal mit gedämpfter Stimme und tiefer Ehrerbietung von Einem fragte: „Hat er die Slötel?“ Sie meinte den Kammerherrnschlüssel. Sie war ungefähr fünf Jahr bei uns im Hause, ehe sie starb; eine stille, weiche Seele, dankbar gegen ihren Sohn und sein Weib, weil sie ihr ein sorgenfreies Alter schenkten. In demselben Jahre lag die kleine Christine in der Wiege, wie ich bereits erwähnte, mit einem Wasserkopf, wie ein Kind, welches erst zu begreifen anfängt, und mußte also in der ganzen Zelt gepflegt werden. Dies und manches Andere versetzte meine arme Mutter in einen kummervollen, schwermüthigen Zustand, — es schwächte ihre Kräfte, die sie vergebens durch augenblickliche Reizmittel zu stärken suchte, — und diese herrliche Natur ging allmälig für uns verloren. In lichten Augenblicken gab sie noch stets Beweise von dem Geiste, dem Herzen und der Tüchtigkeit, mit der die Natur sie so reich bedacht hatte. Man sah noch die Ueberreste der frühern Schönheit. Mein Vater sagte oft in Augenblicken der übertriebenen Bescheidenheit, welche stets den heftigen Aeußerungen der Ungeduld folgten: „Sie hat mehr Verstand in ihrem kleinen Finger, als ich im ganzen Körper.“


Meiner Mutter Verwandtschaft.

Es hatten übrigens manche Verhältnisse zu ihrer Betrübniß und zur Schwächung ihrer Gesundheit beigetragen. Sie hatte einen Bruder gehabt, einen sehr hübschen jungen Mann, voll von Geist und Herz. Er erlernte die Maurerprofession, wurde Geselle, und war, wie ich kürzlich berührte, des Majors Lange Jugendfreund. Lange versicherte oft, daß, wenn das folgende Unglück nicht eingetroffen wäre, Hansen es eben so weit gebracht haben würde, wie er. Aber der junge Mann fiel einmal in einem Wirthshause in die Hände von Werbern, wurde Soldat und später war es keine Möglichkeit, ihn frei zu machen, da mein Vater nicht das Lösegeld für ihn zu zahlen vermochte. Ich hatte ihn vor Augen, als ich die Scenen mit Rudolf in „Dina“ dichtete. Die älteste Schwester, meine Tante, die wohlhabende Kaufmannsfrau, muß wohl nicht im Stande gewesen sein, etwas für ihre Familie zu thun, da ihr Bruder Soldat blieb und ihre Mutter in einer öffentlichen Versorgungsanstalt starb. Aus Verzweiflung verheirathete der junge Mann sich mit einem Dienstmädchen, bekam zwei Kinder — und hatte, dem Himmel sei Dank! bereits ausgekämpft und war gestorben, als ich zu denken begann. Mein Vater besuchte die Witwe einmal mit mir in ihrer Dachwohnung; und es ist mir, als ob ich nie, weder früher noch später, eine solch' unendliche Noth gesehen hätte. Es war ein harter Winter, und sie lag mit den Kindern im Bett, um nicht zu erfrieren. Mein Vater half, so gut er konnte. Von meiner Schwester weiß ich einen schönen und edeln Zug, der viele Jahre später eintraf, und den ich bei dieser Gelegenheit erzählen will, um ihn nicht zu vergessen. Eine der Töchter, Friederike, ein liebes und sehr gutes Mädchen, sollte einen Dienst suchen, als sie erwachsen war; meine Schwester hatte sich kurz vorher mit Oersted verheirathet, der Assessor im Hof- und Staatsgericht war, jedoch nichts übrig hatte, weshalb er in den ersten Jahren den Studirenden täglich noch viele Stunden Repetitorien gab. Um Friederiken so viel als möglich Gutes zu thun, nahm meine Schwester sie in Dienst, denn anders konnte sie ihr nicht helfen; aber man kann sich nicht vorstellen, welch ein schönes Verhältniß zwischen der Frau und der Dienerin, und doch zwischen zwei Cousinen, die Du zu einander sagten, herrschte. Nie überschritt Friederike die Ehrerbietung gegen ihre Herrschaft, nie war sie undankbar oder neidisch; und Sophie behandelte sie mit der edelmüthigsten Liebenswürdigkeit, und trug durch Gespräche und Bücher zu ihrer Bildung bei, ohne ihr darum ihren Stand zuwider zu machen. Später verheirathete sie sich auch gut, ist aber jetzt todt.

Da nun das unglückliche Schicksal meines Onkels den guten Major Lange schmerzte, und er durch Maurerarbeit auf dem Friedrichsberger Schloß die Bekanntschaft meiner Eltern gemacht und oft herzlich mit meiner Mutter von ihrem unglücklichen Bruder gesprochen hatte — so gewann er wohl auch mich armen Jungen lieb, und um doch wenigstens mich zu retten, sprach er mit Storm und verschaffte mir die Freistelle in der obengenannten Schule.


Ich werde Pensionair.

Nun ging eine große Veränderung in meinem Leben vor; als ich nach Kopenhagen zum Packhausverwalter Gosch kam. Dieser Mann war in seiner Jugend mit einem reichen Herrn als Kammerdiener mehrere Jahre in Europa umhergereist, er besaß mehr als gewöhnliche Bildung und einen vortrefflichen Charakter. Alles in seinem Hause war sehr ordentlich; er hielt Blätter und Journale, die, wenn sie gelesen waren, sauber in die Presse unter hübsche Marmorsteine gelegt wurden. An seiner Wand hing eine kleine Naturaliensammlung, von der ich mich noch des Schwertes eines Schwertfisches entsinne, das ich mit großer Aufmerksamkeit betrachtete. Kurz nach meiner Ankunft bekam er einige Kokosnüsse von Westindien. Ich hatte diese Frucht aus Robinson Crusoë kennen gelernt, und war sehr begierig auf ihre süße Milch; aber sie entsprachen nicht der Erwartung. — Da ich nicht gleich in die Schule eintreten konnte, sondern warten mußte, bis das Examen vorüber war, that Herr Gosch Alles, was er konnte, um mich vorzubereiten. Mit einigen anderen Knaben, Verwandten von Gosch, mußte ich mich im Schreiben üben. Einmal, wie wir so da saßen, kam Bruder Drees, wie wir ihn nannten, ein Student Werliin, der uns sehr lieb hatte und ein Vetter der anderen Jungen war, mit einem seiner Freunde durch das Zimmer. „Können Sie meinen Namen schreiben?“ fragte Letzterer mich freundlich. Ich schrieb Mango. „Das ist ganz richtig“, sagte er, „wenn Sie nur ein R hinzusetzen.“ Es war dies der verstorbene Major Mangor. Herr Gosch nahm mich eines Nachmittags mit, um Professor Vahl's Vorlesungen im Prinzenpalais hinter dem Schloß zu hören. Sie amüsirten mich sehr. Ich betrachtete die Klapperschlange und die Brillenschlange in dem mit Spiritus gefüllten Glase mit Neugier und Schauder. Aber wie groß damals schon die Lust bei mit war, das Theater zu besuchen, entsinne ich mich, indem ich eines Abends gedenke, als ich mit Herrn Gosch und einem Schiffscapitain aus Vahl's Vorlesungen über den Königsneumarkt ging. Als wir uns dem Theatergebäude näherten, sagte der Schiffscapitain ganz phlegmatisch: „Ich glaube, ich gehe heute in die Komödie, Adieu!“ Er ging. Mit schmachtenden, sehnsuchtsvollen Blicken schaute ich ihm nach, so lange meine Augen ihm folgen konnten; er öffnete die Thür, durch welche ich das Licht aus dem Vorsaale schimmern sah. „Gott, der Glückliche! und eine solch' himmlische Freude mußt du entbehren.“ — Ganz betrübt und muthlos folgte ich Herrn Gosch an der Reiterstatue auf Königsneumarkt vorüber in dem dunkeln Abend nach Hause.


Eintritt in die Schule.

Auch Storm bat mich, ihn im Schulgebäude in seinem hübschen Zimmer, vor welchem sich die Schlafkammer befand, zu besuchen. Hier sah ich die Jungen im Garten spielen, und freute mich sehr darauf, in eine Schule zu kommen, wo auch Spielen und Laufen gewissermaßen mit zum Unterricht gehörten. Was dies anbetraf, so war ich ziemlich vorbereitet darauf und hoffte, daß keiner meiner Kameraden mich überflügeln würde. Storm gab mir Unterricht in der Geographie. Als wir Dänemark durchgegangen waren, und er die Karte von Norwegen vornahm, sagte er mit seiner eigenthümlichen, herzergreifenden Stimme: „Nun kommen wir zu meinem Vaterland, mein Kind!“ Es währte nun nicht lange, so kam ich in die Schule, als Storm fand, daß ich genug wisse, um gleich in die dritte Klasse zu kommen. Vielleicht fand er mich auch zu groß und zu alt, um mich unter die kleinen Jungen zu setzen. Schon in der dritten Klasse ragte ich wie ein Riese hervor. Da ich in einem groben dunkelgrünen Rock ging, mit den schwarzen Haaren im Nacken, nannte man mich den Kutscher. Ich habe meinen guten Freund, jetzt verstorbenen Oberstlieutenant und Postmeister Schwarz, in Verdacht gehabt, diesen und mehrere Ehrennamen verbreitet zu haben, denn es amüsirte ihn mit seiner lustigen Eulenspiegelnatur, mir Spottnamen zu geben, um mich böse und auffahrend zu machen. Doch entsinne ich mich nicht, ihn jemals geprügelt zu haben, was doch wohl der Fall mit mehreren anderen Größern war; denn Schwarz war nur klein von Natur und schwach; ich besuchte ihn sogar und lernte dadurch seinen Vater kennen, vor dem ich eine an Adoration grenzende Ehrfurcht hatte, weil er ein sehr ausgezeichneter Schauspieler war.


Naschlust.

Ich brachte ein nicht unbedeutendes Vermögen von Friedrichsberg mit, welches ich, da ich nie mehr als zwei, oder höchstens vier Schilling besessen hatte, auszugeben eilte. Wir hatten nämlich zu Hause die Einrichtung getroffen, daß wenn wir Kinder eine kleine Büchse voll von dem Zucker sparten, den wir des Morgens zu unserm Thee erhielten, wir zwei Schilling bekamen. Ich gewöhnte mich nun daran, den Thee fast ohne Zucker zu trinken (obgleich ich ein großes Leckermaul war), und dadurch brachte ich es so weit, daß ich die kleine Zuckerbüchse voll schöner blanker neuer Zweischillingstücke bei meiner Ankunft in Kopenhagen hatte. Nun sollte man doch glauben, daß ich mit großer Sorgfalt bewahren würde, was ich so mühsam und mit so großer Selbstverleugnung gespart hatte, denn ich war keiner jener Milchbärte, die im Schlaf zu ihrem Vermögen kommen und sich deßhalb auch mit aller Macht befleißigen, es zu vergeuden, sobald sie mündig werden; ich hatte mir, wenn auch nicht mit saurem Schweiß, so doch mit süßem Mangel mein Eigenthum, wie der Geizige seinen lieben Schatz erworben. Und doch half es Nichts! In den ersten acht Tagen hatte ich, indem ich beim Spielwaarenhändler Violinen für meine neuen Kameraden, dagegen Macronen und Feigen beim Italiener für mich selbst kaufte, meine Schachtel gänzlich geleert. — Ich war besonders ein außerordentlicher Liebhaber von Feigen; wenn ich mir eine große Tüte davon gekauft hatte, pflegte ich gewöhnlich, indem ich die erste in den Mund steckte, im vollen Carriere die Straße entlang zu laufen, und ziemlich laut zu rufen: „O, glücklich' Land, das solche Feigen hat!“


Geheilte Verwegenheit.

Herr Gosch warf mir meine Verschwendung vor, als er sie erfuhr; doch — damit hatte es bald ein Ende, denn als ich nichts mehr besaß, gab ich nichts mehr aus. Aber ein anderes Spiel übte ich, das mir leicht theuer hätte zu stehen kommen können. Einmal, wie sie soeben in der vierten Etage oben im Zimmer saßen, sahen sie einen wunderlichen Gegenstand an dem Strick hängen, der vom Giebel bis auf die Erde herunterging; ich war es, der mit dem einen Fuß in dem eisernen Haken stand, und mit dem andern gegen die Wand parirte, wenn ich hin- und herschwankte, um nicht die Fensterscheiben entzwei zu schlagen. Es sah nur etwas gefährlich aus. „Ja, das will noch gar nichts heißen“, — sagte einer der Jungen zur Tante, wie wir die Frau im Hause nannten; — „aber er geht nie die Treppen hinunter, sondern rutscht immer reitend im vollen Carriere das Geländer hinab.“

Den Abend, nachdem das geschehen war, saßen wir Jungen mit Bruder Drees am Tische. Wir baten ihn, uns etwas vorzuzeichnen, denn er zeichnete hübsch. Er nahm ein Stück Papier, zeichnete eine Treppe mit einem Geländer und einen Knaben der hinabgefallen war und todt da lag. Die Eltern standen um die Leiche und rangen ihre Hände vor Verzweiflung. Er reichte mir das Bild, ohne ein Wort zu sagen. Ich betrachtete es, brach in Thränen aus, fiel ihm um den Hals und ritt seitdem nie wieder auf dem Geländer.


Sonderbare Garderobe.

Mein Vater mußte auf alle mögliche Weise sparen, und sehen, wie er mir billig Kleider verschaffen konnte. Nun hatte der königliche Garderobemeister ihm mehrere alte Kleidungsstücke verkauft, und so ging ich lange in dem hochrothen gewendeten Rock des Kronprinzen, den steifen Stiefeln des Königs, und aus einem cassirten Billardtuch hatte man mir grüne Hosen gemacht. Dies sonderbare Costüm reizte nun meine Schulkameraden, mich zu necken. Wegen der Schimpfworte, die ich hören mußte, setzte es oft Püffe; man klagte mich bei Storm an, aber er, im Vertrauen auf das fromme Gemüth, das er bei mir entdeckt zu haben glaubte, antwortete ihnen barsch: „Das ist gelogen!“ Ich erröthete, denn ich wußte, daß es nur allzu wahr sei, ließ ihn aber doch in seinem Glauben, weil ich es zu weitläufig und schwierig fand, ihm die Motive zu dieser scheinbar bösen Handlung zu erklären. Aber endlich überzeugte er sich eines Tages, da er mich und einen großen Jungen aus einer höhern Klasse im Garten sah, wie wir einander in den Haaren lagen. Gerade mitten in der Schlacht fiel die Richtung meiner Augen unter meinem linken Arm nach Storm's Fenster hinauf, und als ich daselbst ihn, als ruhigen Zuschauer mit den großen Augen entdeckte, ging es mit wie Aeneas, und ich konnte gleich dem betrunkenen Gärtner im Figaro, weder Hand noch Fuß von dem Finger rühren, der in Koch's Haaren steckte. Ich bekam ein „clamamus“, wie wir es nannten, in mein Censurbuch und war so unglücklich, es zu verlieren; zugleich aber doch so glücklich, daß mein Vater es erst sah und seinen Namen dazu setzte. Hätte ich es früher verloren, so würde Storm vielleicht geglaubt haben, daß ich das Buch fortgeworfen hätte, um der Strafe zu entgehen, und dann würde ich seine Freundschaft verloren haben, so aber kam ich mit einer Bemerkung in meinem neuen Buche davon, „ich solle es besser in Acht nehmen“. — Ich entsinne mich noch, in welcher Angst ich war, daß Storm mich in dem Verdacht der Unredlichkeit haben könne.


Der Lehrer Dickmann.

In der dritten Klasse war nur ein Lehrer, Spleth, ein ausgezeichneter Mann; er unterrichtete uns in der Geschichte, aber er war krankhaft still, ein Kantianer und nicht mit dem lebendigen Vortrage begabt, der den Kindern Lust zum Lernen giebt. Diesen besaß dagegen Dickmann in hohem Grade; aber zu ihm kamen wir erst in der zweiten Klasse. Die erste und zweite Klasse waren durch ein Vorzimmer getrennt, und geistig genommen, waren sie auch so verschieden von der unsrigen, daß man mit Recht sagen konnte, sie seien eine neue Schule, denn sie hatten lauter andere Lehrer. Dickmann hat einen großen Einfluß auf meine geistige Entwickelung gehabt; in den Jünglings- und Mannesjahren habe ich ihm zwei Gedichte gewidmet, und mit liebevollem Gefühle kehrt die Erinnerung wieder zu ihm zurück. Er war nicht groß von Wuchs, aber wohl gebaut, mit einem interessanten, schönen Gesicht, voller Feuer, Gefühl und Beweglichkeit. Er sah stolz, gutmüthig und ernst aus. — Mit Ehrerbietung trat ich in die Klasse ein, als ich dorthin avancirt war und Storm die Neuangekommenen dem ersten Lehrer der Schule vorstellte. Storm und Dickmann hatten gegenseitig große Achtung vor ihrer Tüchtigkeit und ihren Talenten; aber — obgleich sie Beide Norweger, tüchtige Köpfe und gute Menschen waren, so waren sie doch Beide grundverschieden. Dickmann stach schon gleich auf eine wunderliche Weise mit seinem Toupé und seinem kecken Zopf im Nacken gegen Storm ab, der mit seinen zurückgestrichenen Haaren, wie ein Sokrates oder Franklin dastand. Dickmann erinnerte mich immer, obgleich er kein Held war, an Heinrich IV. von Frankreich, weil dieser Dickmann's Held war. Das Chevalereske; das in manchen Beziehungen schwache und dann wieder kräftige Herz; das Ritterstolze und Leichtbewegliche; das beredte, tiefe Menschengefühl; die Begeisterung für die Liebe und den Wein; — all' dieses theilte Dickmann mit Heinrich IV. In Bezug auf sittliche Kraft stand Storm weit über Dickmann, der in Ewald's und Wessel's Schule gegangen war, sich an gewisse Freiheiten und Genüsse und daran gewöhnt hatte, sie wie eine licentia poetica zu betrachten, die sich nicht allein auf Poeten, sondern auf alle Schöngeister erstreckte. — Aber sie sympathisirten auch nicht in Schulangelegenheiten. Storm wollte, daß die Lehrer durchaus nicht schlagen sollten, sondern daß Alles durch Zeugnisse abgemacht und dann den Eltern überlassen werden müsse. Dies war Dickmann mit seinem raschen Charakter zuweilen zu weitläufig. Als wir zum ersten Mal eintraten, hielt er uns folgende Rede, die gerade nicht von der Art war, daß sie uns die Zukunft rosenfarben malte: „Es ist eine Bestimmung hier in der Schule, daß die Zöglinge keine Schläge, sondern nur schlechte Zeugnisse bekommen sollen, wenn sie ihr Pensum nicht können. Hiernach werde auch ich mich streng richten, und für Faulheit und Nachlässigkeit werde ich Euch niemals prügeln. Es ist Euer eigener Schaden und davon müssen Eure Eltern Euch curiren. Aber ich habe gehört, daß einige ungezogene Jungen unter Euch sein sollen, die zuweilen naseweis gegen die Lehrer sind. Seid Ihr es gegen mich, so bekommt Ihr Prügel! Dann ist es nämlich nicht der Lehrer, der den Schüler schlägt, sondern der erwachsene Mann, der sich von einem Jungen nicht beleidigen läßt.“ — „Habt Ihr's gehört“, sagte Dickmann — und wir hörten Alle sehr gut.

Was mich betraf, so war mir in diesem Punkte nicht bange, denn so lange ich gelebt habe, war es mir unmöglich, Dem Geringschätzung zu zeigen, dem ich Ehrerbietung schuldete. Ich und die Meisten waren auch nicht damit gemeint. — Dickmann machte auch, so viel ich mich entsinne, nur ein einziges Mal Gebrauch von seinem Vorbehalte. — Er kam einmal in übler Laune in die Schule: „Setzt Euch auf Eure Plätze“, sagte er zu den Jungen, welche in der Klasse spielten. Ein Einziger kroch unter einen Tisch, statt sich auf die Bank zu setzen und bekam ein paar wohlverdiente Ohrfeigen.


Knabenstreiche.

Uebrigens war in der ersten Klasse ein so guter Spectakelmacher, wie man ihn sich nur wünschen kann: der geschichtlich bekannte Jürgensen, der später das Königthum Island zu gründen versuchte. Er war ein ächter Eulenspiegel — und in diesem Eulenspiegelcharakter waren seine Streiche zuweilen recht witzig. So kam in der Zeichnenstunde, wenn Dinesen selbst nicht kam, ein gewisser Herr M. statt seiner. Dieser Mann, ohne besondere Bildung, erzählte uns oft alles Mögliche von den langen Reisen, die er gemacht haben wollte. Jürgensen wollte gern wissen, wo er in der Welt umher gewesen sei. „Ja“, sagte er, „hole mir eine Karte, dann werde ich es Dir zeigen.“ Nun eilte Jürgensen fort, holte eine Karte von Seeland und sagte: „„Ach, Herr M., nun seien Sie doch so gut, und zeigen Sie uns, wie weit Sie gereist sind.““


Wir hatten einen Lehrer in der Physik und in der deutschen Sprache, der Svendsen hieß. Er war ein vortrefflicher, guter Mensch, voller Feuer und Herzlichkeit, der uns wie ein Vater seine verzogenen Kinder liebte; aber deshalb konnten wir in seinen Stunden auch machen, was wir wollten. Deutsch lernten wir recht gut, aber von der Physik fast Nichts. Er hielt sich immer bei den ersten Definitionen auf. Ein Mal sollte er bei der halbjährigen Prüfung examiniren, kam zu spät — war ganz verlegen deshalb und um nicht noch mehr Zeit zu verlieren, rief er gleich, indem er sich setzte, dem ersten Schüler zu: „Was ist das?“ Hiermit stieß er so stark an ein Dintenfaß, daß er es umwarf. „O, ich bitte um Verzeihung!“ rief er zu den anwesenden Mitgliedern und Censoren und wischte die Tinte in demselben Augenblick mit dem Aermel seines hellgelben Sonntagsfracks ab. Er hatte nämlich den Schüler nach dem Unterschiede in der Physik zwischen Druck und Stoß fragen wollen. In den Stunden dieses Lehrers ging der Uebermuth so weit, daß ein Mal, während zwei Schüler sich aufopferten, sich an ihn zu drängen, ihm in die Augen zu sehen und auf Alles „Ja“ zu sagen, was er ihnen erzählte, die anderen sich wie die Furien in den Ballets mit alten Schreibebüchern schlugen, die zu Fackeln gedreht und mit Talg eingeschmiert waren. Mitten in diesem Teufelstanz trat Storm ein. Und was meint man, daß er that? Mit seinen großen funkelnden Augen starrte er, ohne ein Wort zu sagen, mit der größten Verwunderung, ob dieser Unverschämtheit auf uns Alle und ging darauf wieder langsam fort. Alle setzten sich voller Angst auf ihre Plätze; Alle liebten, achteten, fürchteten Storm, und waren bange, sich seine anhaltende Unzufriedenheit zugezogen zu haben. Aber als er uns wiedersah, that er, als ob Nichts vorgefallen sei. Er griff nicht in die Pflicht des Lehrers ein, dessen Aufgabe es war, sich selbst geachtet zu machen. Aber die Furcht vor einem solchen erneuerten Besuch machte, daß es von der Zeit an ordentlicher in Herrn Svendsen's Stunden wurde. Von diesem Svendsen erzählte man, daß er ein Mal vor meiner Zeit den Schülern hatte zeigen wollen, wie ein Floh auf dem Wasser ein kleines Schiff ziehen könne. Zu dem Ende hatte er eine große Wanne in das Schulzimmer bringen lassen; aber während die Andern auf das Schiff und den Floh hinstierten, der nicht recht ziehen wollte, weil Svendsen ihn nicht ordentlich vorgespannt hatte, amüsirte sich Jürgensen auf eigene Hand, indem er sich bückte und so lange am Spunde der Wanne wackelte und zerrte, bis er herausging und das Zimmer unter Wasser gesetzt wurde.


Daß diese Tollheiten, über die man fast immer lachen mußte, Storm nicht sonderlich zusagten, der ein intimer Freund von Jürgensen's Vater, einem vortrefflichen Uhrmacher, und einem der Stifter der Schule war, ist leicht zu begreifen. Wegen dieser Freundschaft wich Storm auch in Bezug auf den jungen Tollkopf von der Regel ab, und regalirte ihn zuweilen mit eigenhändigen Schlägen, um dem Vater die Mühe zu sparen. — Mehrere Mitglieder der Gesellschaft hielten in den zwei ersten Klassen Vorlesungen, unter Anderen der verstorbene Conferenzrath, damaliger Lector Saxtorph über Anatomie. Der Kammersecretair Rosenstand-Goiske las über Oeconomie und Bergwissenschaft, Storm selbst über nordische Mythologie und dänische Grammatik. Ich schrieb alle diese Vorlesungen, ebenso wie Dickmann's nach, und machte mehrere Jahre hindurch meine Excerpte, die ich später verloren habe. Ein Mal vor Rosenstand's Stunde hatte der Sohn des Materialhändlers Thomsen eine seiner gewöhnlichen Ladungen Citronats, eingemachten Ingwers u. s. w. mitgebracht, die er mit seltener Freigebigkeit besonders unter Die von uns vertheilte, welche ihm dann wieder bei gewissen Gelegenheiten Souffleurdienste leisten sollten. Diese Collation ward vom Katheder aus vertheilt. Als nun Rosenstand kam und den Tisch etwas von dem eingemachten Ingwer klebrig fand, sagte er mit Ekel: „Ach da ist Saxtorph wieder mit seinen Leichen gewesen.“ (Saxtorph hatte nämlich eine Woche vorher eine kleine Kinderleiche vor uns anatomirt). Wir ließen Rosenstand natürlich in seinem Glauben, da wir ihm nicht die Wahrheit sagen durften, und nun mußte der Diener hereinkommen und den Tisch abwischen.


Als Saxtorph uns zum ersten Male examinirte, war Storm zugegen. Die Reihe kam an Jürgensen. Saxtorph fragte: „Wo sondert sich der Speichel ab?“ „„In den Nieren,““ antwortete Jürgensen. Storm, welcher wußte, daß Jürgensen dies aus Muthwillen gesagt hatte, ging ganz ruhig hin und gab ihm eine tüchtige Ohrfeige. Um nicht mehr zu bekommen, fiel er unter den Tisch. Storm setzte sich wieder hin. Jürgensen kroch wieder auf die Bank mit einem ganz rothen Backen und Saxtorph setzte das Examen mit Jürgensen's Nebenmann in ungestörter Gravität fort, ohne durch irgend eine Mienenveränderung ein Erstaunen über das Geschehene an den Tag zu legen.


Als Jürgensen ein Mal aus der Schule ging, nahm er einem kleinen Mädchen, die auf der Straße saß und Obst verkaufte, einen Apfel weg. Als sie zu weinen und zu schimpfen begann, kehrte er sich, den Apfel essend nach ihr um, und sagte ganz ernst: „Pfui, Du unartiges Mädchen, wirst Du wohl ruhig sein, ich sage es gleich Deiner Mutter.“ Dadurch imponirte er der kleinen Fruchthändlerin so, daß sie still schwieg, und er ging mit seinem Apfel von dannen.


Endlich machte er es doch zu arg und der Vater nahm ihn aus der Schule. Wenn er nun in der Thür von seines Vaters Hause stand, so winkte er den kleinen Knaben, die aus der Schule kamen, als ob er ihnen Etwas zu sagen hätte. Wenn sie dann in den Flur kamen, schlug er sie mit einem Endchen Tau, das er hinter dem Rücken verborgen hatte, und lief in's Zimmer.


Der König von Island.

Diese Eulenspiegeleien setzte er in seinem spätern Leben fort und sein Königthum auf Island war eine Fortsetzung seiner Schulstreiche, nur nach einem größeren Maßstabe, der ihm indessen leicht den Kopf hätte kosten können.


Poetische Versuche.

Obwohl ich nie daran dachte, Dichter zu werden, so machte ich doch schon als Knabe Verse zu meinem eigenen Vergnügen. In Storm's dänischer Sprachstunde wurde ich bald der Beste, und ich gab Wochenschriften heraus, die „Mittwochspost“ in der dritten, und „Balder“ in der zweiten Klasse, welche meine Schulkameraden mit Schieferstiften bezahlten.

Ich fing auch an Komödien zu schreiben, und sie mit meiner Schwester und Winckler im Frühjahr und Herbst, wenn es noch nicht zu kalt war, im königlichen Speisesaale auf Friedrichsberg aufzuführen. Gewöhnlich hatten wir keine Zuschauer. Winckler, der in die Schule „für Bürgertugend“ ging, brachte zuweilen einen Kameraden von dort mit, der nicht viel Sinn für solche dramatische Uebungen zu haben schien und gewöhnlich einschlief. Winckler hatte eine außerordentliche Fertigkeit im Werfen und Treffen. Einmal als unser Zuschauer am entgegengesetzten äußersten Ende des Saales sitzend, auf seinem Stuhle eingeschlafen war, — wir spielten ein Stück von mir: Die belohnte Gastfreundschaft (worin ein fremder Herr incognito als Nothleidender ein paar arme Leute besucht um ihre Mildthätigkeit zu prüfen und sie dann belohnt) sagte Winckler, um die Illusion nicht zu stören: „Ach entschuldigen Sie, ich habe noch einen kleinen Hund mit, der auch Etwas bekommen muß.“ Damit nahm er einen halbfaulen Apfel vom Teller und traf den eingeschlafenen Zuschauer mitten auf die Stirn, so daß er erwachte und das Stück mit größter Aufmerksamkeit bis zu Ende anhörte.


Theaterspiel.

So wußte Winckler, obgleich eigentlich das negative, widerstrebende Princip meiner ersten Bestrebungen, indem er mit dem Spiele nur spielte, mir oft durch einen glücklichen Handgriff in der Noth beizustehen.

Eines Tags führten wir zum Beispiel ein großes Stück von mir auf, an dem mehrere Kameraden von mir Theil nahmen. Der Junge, welcher den Vater spielte, hatte eine der alten Perücken meines Vaters auf, und sah ganz verzweifelt aus, da er auch seine Rolle nicht konnte. Meine Schwester spielte die Tochter, die in Ohnmacht fiel, da sie nicht gleich ihren heimlichen Geliebten heirathen durfte. Der verzweifelte Vater, der seine Rolle nicht wußte, konnte dagegen alle Parenthesen und Anmerkungen an den Fingern hersagen. Indem nun die Tochter hinfällt, sagt er ganz ruhig: „Indessen sind sie ihr behülflich und bringen sie wieder zu sich.“ Und damit wollte er gehen, weil er nicht mehr wußte. Aber glücklicher Weise stand Winckler in der Thüre und warf ihn mit einem äußerst gewandten Stoße in den Rücken wieder mitten auf die Bühne, so daß das Stück von Neuem in Gang kam; denn der Stoß hatte eine magnetische Wirkung auf den Schauspieler, und die vergessenen Repliken erwachten alle wieder in seinem Gedächtniß.

Auch Storm sah uns ein Mal eine solche Komödie spielen und sagte scherzend zu mir: „Ei mein liebes Kind, Du bist ja ein größerer Dichter als Molière! Man hielt es für etwas Außerordentliches, daß er in acht Tagen ein Stück schrieb und aufführte, aber Du machst das Alles zusammen in einem.“ — Weder Storm noch ich glaubte damals, daß ich wirklich Dichter werden würde. Doch hatte ich eine gewisse geheime Ahnung davon. Auch Dickmann glaubte es nicht; er hatte überhaupt keine hohe Meinung von mir, mochte mich aber doch gern, und ich liebte ihn. „Bilden Sie Sich nicht ein, lieber Oehlenschläger,“ sagte er ein Mal in übler Laune, „daß Sie Genie haben, weil Sie diese Verse machen! Sie können ein tüchtiger Gelehrter, ein gewandter Geschäftsmann werden,“ (hier nannte er mir einen vornehmen Mann, der jährlich 3000 Thaler Einkünfte hatte und sehr elegant wohnte.) „Solch Einer,“ sagte er, „können Sie werden, aber Sie werden niemals ein Eduard Storm.“ — „„Es ist möglich,““ sagte ich mit verbissenem Zorn und die Hand in der Rocktasche geballt. Ich sah dies für eine ungeheure Beleidigung an, und doch hatte Storm nur 200 Thaler jährlich und bewohnte zwei kleine Zimmer eines Hinterhauses.


Da mein Geist mich doch stets zu dem Wissenschaftlichen hintrieb, so hatte ich in der letzten Zeit mit einigen Schulkameraden angefangen, Privatunterricht im Lateinischen bei Dickmann zu nehmen.

Meiner Schwester auf Friedrichsberg gab ich wieder in Verschiedenem Unterricht, wenn ich sie dort besuchte. Sie bedurfte nur wenig Anleitung, um Alles, was sie wollte, mit größter Leichtigkeit zu erlernen.


Ich hatte von Kindesbeinen an Lust, Anderen das zu lehren, was ich selbst lernte, und mochte gern Vorlesungen halten. Auch in der Kirche, wenn ich mich allein glaubte, bestieg ich die Kanzel und predigte laut. Der Prediger, Herr Bruun, war einmal in der Sakristei, ohne daß ich es wußte, mein Zuhörer gewesen, und rieth meinem Vater, mich Theologie studiren zu lassen.


Anatomische Studien.

Im Sommer ging ich jeden Abend nach Friedrichsberg; nur im Winter blieb ich in der Stadt. Einmal hatte ich einem meiner Kameraden (dem verzweifelten Vater) versprochen, ihm Anatomie zu lehren; ein Kinderskelett hatte ich mit hinausgenommen. Es stand auf dem Tisch, und ich schlief diese Nacht bei meinem Freunde, um den nächsten Morgen früh in das Südfeld zu gehen und Nüsse zu pflücken, was eigentlich nicht erlaubt war. Kaum waren wir ins Bett gegangen und hatten das Licht ausgelöscht, als wir Jemand an die Thür klopfen hörten. Wir schwiegen erschreckt und ich dachte an das Skelett, welches uns vermuthlich wegen des projectirten Nußdiebstahls strafen wollte. Wie leicht wurde mir aber wieder ums Herz, als unser Dienstmädchen mit einem Licht und meiner Nachtjacke hereintrat, die ich vergessen hatte.


In diesen Jahren gab mein Vater sich nicht viel mit mir ab und überließ mich meinen Lehrern. Ich entsinne mich, wie ich ihm zwei Mal, aus der Stadt kommend, erschreckt im Garten begegnete. Das erste Mal hatte ich mich bewegen lassen, die Schule zu schwänzen und einen guten Freund auf ein großes Linienschiff, den Elephanten, zu begleiten, das auf der Rhede lag. Damals fühlte ich mich zum ersten Male von den Geistern unserer unsterblichen Seehelden, Christian's IV., Tordenskjold's, Juel's, Adeler's und Hvidtfeldt's umweht. Das Tauwerk, die Segel, die schöne Kajüte, die Kanonen, die lustigen Matrosen, die hübsch gekleideten Offiziere, die gute Mahlzeit: Alles verwandelte den Elephanten für mich in ein Zauberschloß. — Aber als ich nun nach Hause mußte, fing mir das Herz zu klopfen an; ich war den ganzen Tag ohne Erlaubniß weggewesen. So begegnete mir mein Vater im Garten, wie Adam dem lieben Herrgott nach dem Sündenfalle. Aber nachdem er Alles gehört hatte, schalt er mich nicht. Es sei nicht Zeit gewesen, erst darum zu fragen, und ohne es darauf ankommen zu lassen, hätte ich einen seltenen Genuß und eine nützliche Erfahrung entbehren müssen. Ein anderes Mal begegnete ich ihm auch, als ich aus dem Wasser kam, aber triefend naß, denn ich war mit den Kleidern hineingefallen, und mußte so nach Hause gehen. Da aber all' meine Kleider durchnäßt waren, und mithin alle gleichmäßig eine dunklere Farbe bekommen hatten, bemerkte mein Vater, der mit einem Fremden ging, die Veränderung nicht. Ich zog meinen Hut sehr ehrerbietig ab, und glücklicher Weise hielt er mich nicht auf; ich lief zu meiner Mutter und sie half mir aus dieser, wie aus vielen anderen Verlegenheiten mit mütterlicher Liebe, und dankte Gott, daß ich nicht ertrunken war.


Besuch der Kunstakademie.

Eine andere Schule, in die ich auch gekommen war, mußte ich bald wieder verlassen, weil man mich nicht in Frieden ließ und der Feind mir zu stark war. Ich liebte das Zeichnen sehr; der Zeichnenlehrer in der „Schule für die Nachwelt“, Herr Dinesen, fand, daß ich Talent hatte, und da er zugleich Lehrer auf der Kunstakademie war, so schlug er mir vor, dorthin zu gehen. Ich kam in die erste Freihandzeichnenschule. Mit welcher Ehrfurcht betrachtete ich nicht die Gypsabgüsse der griechischen Meisterwerke, im Gefühl und der Ahnung einer Schönheit, die ich noch nicht verstand. Von Thorwaldsen wußten wir damals nichts weiter, als daß er ein ausgezeichneter Schüler gewesen und nun in Rom war. Ich sollte gerade in die nächste Klasse kommen, als ich die Zeichnenkunst aufgab. Wie sollte ich auch dazu die Zeit bekommen, wenn ich den Tag über in die Schule gehen, Abends bei Dickmann sein und dann noch meine Arbeiten machen sollte? Aber es war noch ein Grund vorhanden. Zu einer gewissen Jahreszeit besuchten die Malerburschen die Akademie. Diese großen Jungen schlugen sich immer, wenn sie kamen, und gingen auf Königs-Neumarkt und ließen uns Andere nicht in Frieden. Diesen Angriffen wollten meine Eltern mich nicht aussetzen; außerdem verstand ich nicht mit dem Rothstift umzugehen und war in der ganzen Zeit, wo ich die Akademie besuchte, von einem strahlenden Heiligenschein umgeben. Ich gab deßhalb das Zeichnen auf.


Privatstunden.

Aber auch bei Dickmann waren mir die Privatstunden zu drückend, wenn der Sommer kam und ich ganz den schönen Abendfreuden entsagen sollte, die ich bis dahin in der freien Natur genossen hatte. Hierzu kam noch, daß der gute Dickmann, der an Nahrungssorgen und häuslichem Kummer litt, täglich verdrießlicher wurde. Einmal, als er uns eine schwierige Stelle in einem lateinischen Autor übersetzt hatte, fragte er: „Verstehen Sie es nun Alle?“ — „Ja!“ lautete die Antwort. „Sie auch, Oehlenschläger?“ „Nicht ganz“, entgegnete ich, „wollen Sie vielleicht so gut sein, es mir noch einmal zu übersetzen?“ — „Ach“, sagte er mit einem verächtlichen Achselzucken, „ich sehe schon, wo es fehlt.“

Dickmann's Unterricht.

Er übersetzte es noch einmal, aber ich hörte kein Wort; ich war blaß, wie eine Leiche, und zitterte am ganzen Körper. — Kein Genie, das ließ ich gelten; aber nun nicht einmal Kopf genug zum Studiren, ein schlechterer Kopf, als all' die Anderen, das ging zu weit! — Ich lief zu meinem Vater und sagte ihm, daß ich keinen Beruf in mir fühlte, ein gelehrter Mann zu werden; ich hätte mehr Lust zum Kaufmannsstande und wünschte meine Abendstunden bei Dickmann aufzugeben. — Mein Vater ließ mir meinen Willen. Als ich Dickmann das letzte Monatsgeld gab, war er sehr gutmüthig und bat mich noch auszuharren. „Lieber Oehlenschläger“, sagte er, „kümmern Sie sich doch nicht um ein Wort, mit dem ich Nichts meinte. Fragen Sie alle meine Schüler, ob ich ihnen nicht oft viel schlimmere Dinge gesagt habe.“ Er brauchte nicht so viel zu sprechen, um mich ganz zu versöhnen und meine alte Liebe zu ihm wieder zu erwecken. Ich suchte nun aus allen Kräften, mich in seinen historischen Stunden auszuzeichnen. Wenn er uns unser Pensum aus Kall's Weltgeschichte überhört hatte (ein Buch, das ich auswendig lernte, eben so wie Pontoppidan's Erklärung in des Küsters-Schule), so hielt er uns Vorträge über die specielle Geschichte der verschiedenen Länder. Er hatte zu diesem Zwecke eine große Menge Excerpte aufgeschrieben und trug vortrefflich vor. In der ersten Klasse schrieben Einige während des Vortrags das Wichtigste dessen nach, was er sagte. Ich war in der zweiten Klasse und dort schrieb Keiner, außer mir. Eines Tages sagte er: „Ich möchte doch hören, was Sie da schreiben; lesen Sie es einmal vor!“ — Ich las mein Geschriebenes, gut stylisirt, vor, denn ich hatte die Feder schon früh führen gelernt. — „Wahrhaftig, das ist mehr als ich selbst machen könnte“, sagte er, und gab mir: „Ausgezeichnet gut!“ eine große Seltenheit bei ihm, da es sonst Keiner in der zweiten Klasse bekam. Ich war entzückt vor Freude, stürzte in der Zwischenstunde in die erste Klasse, mit dem Censurprotokoll in der Hand, rief: ich habe „ausgezeichnet gut!“ bekommen, und zeigte ihnen die Stelle, wo es stand. Einige schlugen ein lautes Gelächter auf; aber Dickmann setzte sie ernstlich zurecht, und erwies mir von dem Augenblicke an stets Achtung. Ich fuhr fort, die Vorträge nachzuschreiben und hatte mein kleines Schreibepult voller Excerpte über Mythologie, Geschichte, Oekonomie, Bergwissenschaft und Anatomie. Aber Dickmann wurde immer melancholischer, von Nahrungssorgen niedergedrückt, und seine Gesundheit schwächer. Die ganze Richtung, welche mein Geist einschlug, war nicht nach seinem Sinne. Wie alle Schöngeister der damaligen Zeit, hatte er einen überwiegend einseitigen Hang zum Sentimentalen. Ich fing nach der Natur des Knaben lustig und naiv an. Aber es war auch nicht durch seinen poetischen Geschmack, daß er Einfluß auf mich ausübte. Der war nicht sehr gut; er war, wie Viele jener Zeit, ein großer Bewunderer von Kotzebue und setzte ihn beinahe über Shakespeare. Doch Holberg, Ewald, Wessel bewunderte er, und später besonders Schiller. — Aber Dickmann's Vortrag in der Geschichte, die lebendige, begeisterte Art, in der er uns die Charakteristik der großen Helden und ihrer Thaten gab — riß mich hin.

Geschichts-Unterricht.

Ueberall, wo die Humanität den Sieg gewann, oder wo das Heroische sich auf eine edle, ungewöhnliche Weise äußerte — da war Dickmann begeistert, da flossen seine Thränen, da zitterte seine Stimme — da riß er uns Alle mehr oder weniger hin, besonders mich, der ganz entzückt war. Die Geschichte war mir stets theuer und mein Lieblingsstudium, als die Pflanzschule der Poesie, da mein liebstes und höchstes Streben stets dahin gegangen ist, große Thaten und Charaktere zu idealisiren. Aber so lieb wie mir die Geschichte war und ist, — so daß meine Lektüre fast immer historisch gewesen, — so fern war dagegen mein Geist der prosaischen herzlosen Art des Geschichtsstudiums, und diese widerte mich an, je mehr sie zu einem bloßen Namen- und Jahreszahlenregister, zu einer diplomatischen Abhandlung ward. Und doch wurde sie von Vielen nur auf diese Weise geachtet, von Vielen, deren größte Schultüchtigkeit ein gutes Gedächtniß war. Ich entsinne mich z. B. sehr gut, daß Professor Abraham Kall, dessen mächtiges Gedächtniß ihn, aber auf Kosten des Gefühls und der Phantasie, sehr gelehrt machte — Dickmann's Art, die Kinder in der Geschichte zu unterrichten, als bloßes Anekdotenwesen verwarf. Meiner Ansicht nach ist die lebendige Darstellung der charakteristischen Züge, welche die Personen bezeichnen und die Zeit, in der diese leben, gerade die rechte Weise, Kindern Geschichte vorzutragen; denn diese soll nicht nur ein Vademecum für den Zeitvertreib werden. Aber die Anekdote ist ja eigentlich nichts Anderes, als die kurze Erzählung einer einzelnen Handlung und deren Beweggründe. Das Leben aller Menschen besteht aus solchen. Es kommt nur darauf an, die wichtigsten, bedeutungsvollsten zu erzählen und sie so nach einander zu ordnen, daß diese Perlen, auf die Schnur der Zeitfolge gezogen, das Halsband der historischen Muse bilden. Aber in dem Gewimmel unbedeutender Namen, einförmiger elender Handlungen sinkt so zu sagen das Wirkliche, die wichtige Geschichte der Menschheit, unter. Diese Erinnerungsübungen mögen einem eiteln Gedächtniß schmeicheln und von der Einfalt bewundert werden — aber sie haben Nichts für das Herz und die Vernunft zu bedeuten. Der eigentliche Historiker muß zwar dies Alles kennen, so wie der Perlenfischer all' die Austern öffnen muß, die er trifft, um seinen Schatz zu finden; aber er soll uns mit den leeren Austerschalen verschonen.


Mnemotechnische Uebungen.

Dickmann hatte eine eigene Art, die er von seinem Rector in Bergen gelernt hatte, uns die Jahreszahlen besser im Gedächtniß behalten zu lassen, nämlich durch Worte, statt der Zahlen. Wenn dieses Wort nun in seinem Klange Etwas hatte, welches das Charakteristische bei einem Helden oder einer Begebenheit andeuten konnte, so war dies vorzuziehen, meistens aber war es nicht möglich. In wie weit diese Art der gewöhnlichen vorzuziehen sei, ist eine Frage. Gall hat ja einen Unterschied in den Organen für Namen- und Zahlengedächtniß gefunden. Daß man im Allgemeinen keine Erleichterung dadurch gehabt habe, muß ich voraussetzen, da diese Art, welche doch von Vielen gekannt war, wieder ganz aufgehört hat. Mir half es unendlich viel, da ich sonst die Zahlen gleich wieder vergaß. Zum Examen konnte ich dagegen dem Professor Kjerulf alle Jahreszahlen nennen, nach denen er mich fragte, und wenn die Anderen sie nicht wußten, so wandte er sich lächelnd an mich, und ich sagte sie ihm gleich, wenn ich nur erst das Wort mit meinem Finger aufs Kniee schreiben durfte, und mir Zeit gelassen wurde, es auszurechnen.


Dickmann hatte, ungeachtet seiner Melancholie, etwas Gutmüthig-Launiges in seinem Wesen, das uns sehr amüsirte. Er scherzte, ohne sich etwas an seiner Würde zu vergeben. Einer seiner Scherze war, daß er that, als ob er sich nicht unserer Namen entsinnen könne, und uns nur abwechselnd „Christoffersen“ oder „Blokkus“ nannte. Die Entstehung dieser Benennungen weiß ich nicht. Aber deßhalb ging es doch gleich ernsthaft mit den Fragen, und wenn Christoffersen oder Blokkus ihre Lectionen nicht wußten, so bekamen sie Ng., M. oder S., d. h. Nicht gut, mittelmäßig oder schlecht. Ich habe in der Schule nie „schlecht“ bekommen, nur zwei Mal „mittelmäßig“ und selten „Nicht gut“. — Dickmann liebte es, das Spießbürgerliche zu persifliren und erzählte uns, wie ein Innungs-Aeltester der Branntweinbrennerzunft einmal sehr gravitätisch seine Rede mit den Worten begonnen habe: „Meine Herren und Branntweinmänner.“

Der Mensch ein Lichtgießerschild.

Oft wenn er in Gedanken und seufzend da saß, sagte er scherzend, wenn er sah, daß wir's bemerkten: „Ach ja! was sind wir Menschen doch weiter als Lichtgießerschilde und Käse!“ Das erste Gleichniß hatte er von einem Friseur gelernt, der einmal, als er ihn bediente und ihn seufzen hörte: „Ach ja! was sind wir Menschen“, sagte: „„Ja, was sind wir wohl anders als Lichtgießerschilde!““ „Lichtgießerschilde?“ fragte Dickmann verwundert. „„Ja, Herr Dickmann, wenn wir's recht überlegen, so sind wir im Grunde genommen nichts Anderes; wir müssen uns ja nichts einbilden.““ „Ich bilde mir gar Nichts ein“, sagte Dickmann, „und will sehr gern gestehen, daß wir ungeheuer wenig sind; aber warum gerade Lichtgießerschilde?“ — „„'s hilft Nichts, Herr Dickmann, daß man sich Honig um den Mund schmiert, wir sind, weiß Gott, nichts Anderes!““ Es dauerte lange, ehe Dickmann den Grund zu diesem wunderlichen Gleichnisse erfahren konnte. Endlich sagte der Friseur: „„Was sind wir anders? Lassen wir uns vom Winde nicht hin- und herbewegen, gerade wie ein Lichtgießerschild?““ Nun verstand Dickmann ihn, und um das Gleichniß vollständig zu machen, fügte er „Käse“ hinzu, weil wir nach unserem Tode ganz so, wie der Käse, von Würmern verzehrt werden.


Aufenthalt bei Gosch.

Storm behandelte uns zuweilen mit einer gewissen launigen Ironie, die stets sehr gute Wirkung that. Er war weit davon entfernt, den spätern deutsch-philantropischen, moralischen, frommen Ton zu gebrauchen, der so leicht zu süßer Sentimentalität und dann zur Heuchelei übergeht. Wenn einmal Einer in seiner Stunde die Arme, wie ein Bauer, auf den Tisch gelegt, und den Kopf darauf gestützt hatte, so sagte er trocken zu seinem Pflegesohn Paul Rasmussen: „Ach Paul, gehe hinein und hole für N. N. ein Kopfkissen!“ Gleich zog N. N. seine Arme zurück. Storm hatte einmal Einem, der immer naseweis und altklug war, Etwas befohlen, das er nicht gethan hatte. „Warum hast Du Das nicht gethan?“ fragte er nun in Aller Gegenwart. — „„Ich meinte““ — „Du sollst nicht meinen!“ — „„Ich dachte““ — „Du sollst nicht denken!“ — „„Ich glaubte!““ — „Du sollst nicht glauben, sondern thun, was ich Dir sage.“

Zu Hause bei Gosch war eine Veränderung vorgegangen; wir zogen in ein anderes Logis, wohnten aber lange nicht so gut, wie früher. Hier bekam ich das Scharlachfieber in ziemlich hohem Grade. Als ich mich zu erholen anfing, aber noch sehr matt war, von meinen Eltern, meiner Schwester, meinem Friedrichsberg und der gesunden Luft getrennt, und außerdem fühlte, daß ich den Fremden zur Last sei, weil ich mehr Pflege, als gewöhnlich erforderte, — lag ich eines Tages im Bette, weinte und verbarg meine Thränen; da kam ein Junge zu mir, der Peter hieß und nicht gerade wegen seines brillanten Kopfes bekannt war; er spielte mit dem Papagey, dessen Bauer nicht fern von meinem Bette stand. Es amüsirte ihn, das Thier so wüthend zu machen, daß die Federn auf dem Kopfe sich sträubten. Während dies nun stets mit seinem scharfen Schnabel nach Peter's Finger hackte, der sich immer zeitig genug von den Stahldrähten zurückzog, starb dieser beinahe vor Lachen und stammelte (denn er stammelte immer etwas): „Ach! ha — ha — hat Po — Po — Polly eine kleine Perücke! Soll ich Polly die Pe — Per — Perücke abreißen!“ Dazwischen schrie der Papagey in seinem wüthenden Rasen; und diese Scene trug nicht wenig dazu bei, mich aufzuheitern, so daß ich mich bald erholte. Einige Tage darauf nahm meine Mutter mich nach Friedrichsberg hinaus.


Eine neue Heimath.

Gosch bekam eine Anstellung als Zollverwalter auf Fehmarn, und ich kam nun in das Haus eines Controleurs bei der westindischen Compagnie, der Laasbye hieß. Sein gutes sanftes Weib war eine vortreffliche Hausmutter; er war auch freundlich und erwies mir alles Gute, war aber ganz unwissend und ohne Bildung. In den ersten Tagen, um mir das Bittere der Trennung von meinen andern Lieben zu mildern, nahm er mich ein Mal auf die Zollbude mit hinaus, wo große Zuckerfässer aufgeschlagen wurden. Bei dieser Gelegenheit schenkte Einer der Leute mir einen ungeheuer großen Klumpen Zucker. Ich war bisher immer gierig auf Zucker gewesen, und hatte, da er mir nur in kleinen Quantitäten zugetheilt wurde, nie meiner Lust genügen können. Ich fing nun an, den Zuckerklumpen aus allen Kräften zu bearbeiten, aber am Ende schmeckte ich gar nichts mehr, und ich wurde seiner zuletzt so überdrüssig, daß ich ihn ins Meer warf, was mir später sehr Leid that, und mit schmachtenden Blicken stand ich oft am Ufer und starrte an dem Orte in die Wellen, wo der schöne Zucker ohne Nutzen geschmolzen war.


Mein Pflegevater.

Es war ein großer Abstand von Gosch's, wo ich Spielkameraden hatte, zu Laasbye's, wo ich mit den beiden stillen Leuten ganz allein war. Sie hatten nicht mehr als zwei Zimmer, einen sogenannten Saal von vier kleinen Fenstern und eine kleine einfenstrige Schlafkammer. In dieser Kammer wurde mein Feldbett aufgeschlagen, und da schliefen wir alle Drei. Glücklicher Weise war der Mann ein großes Kind; und so wie es oft zwischen unwissenden Erwachsenen und halb erwachsenen Knaben ergeht, welche die Schule besuchen — der Unterschied in der Bildung hebt die Verschiedenheit des Alters auf, und sie werden einander gleich — so ging es auch hier. Wir spielten zusammen. Ich hatte eine sogenannte flûte douce mitgebracht, auf der ich alle Melodieen spielen konnte, die ich hörte. Ich lehrte auch Laasbye darauf blasen, und bearbeitete sie nun jeden Abend im Dunkeln im Saale, während die Betten gemacht wurden. Des Abends las ich ihm laut aus Unterhaltungsbüchern vor, und es schickte sich durchaus nicht (die Dankbarkeit verbot es mir ganz und gar) leise für mich in meinen Schulbüchern zu lesen; doch fand ich noch immer des Morgens ein Bischen Zeit — und im Ganzen galt ich für einen tüchtigen Zögling in der Schule. Nur mit dem Französischen wollte es nicht recht gehen. Wir hatten einen Lehrer, Herrn Haslund, der sehr eifrig war und uns oft schlug; aber das half nicht viel; doch danke ich es seinen Püffen, daß ich das schwierige Verbum s'en aller, den Schlüssel zu vielem Andern, gründlich lernte. Herr Haslund war ein Jütländer, kahlköpfig, mit gepuderter Lockenperrücke und mit einem kleinen Zopf im Nacken. Er verstand nicht die Kunst, sich beliebt zu machen, und deshalb lernten Viele von uns Nichts. Wen ich nicht liebte, von dem konnte ich auch Nichts lernen. Es ging mir mit Marmontel's Contes moreaux und mit Fénélon's Telemaque, wie in frühern Jahren mit „Malling's großen und guten Handlungen.“ — es verging lange Zeit, ehe ich den bittern Geschmack aus dem Munde bekommen konnte, wenn ich diese Bücher lesen wollte.


Fortschritte in der Schule.

Indessen war ich in die erste Klasse gekommen und war ein ganzes Jahr Primus, weil ich in der Schule blieb und keine andere Bestimmung hatte. Die Anstalt war in vielen Beziehungen vortrefflich und in ihrem ersten blühenden Zustande eine Art Gymnasium und die erste im Lande, wo Ordnung und Geschmack in der Einrichtung herrschten, wo für die Bildung der Sitten und des Herzens gesorgt wurde. Die meisten der alten Schulen waren noch Pferde- oder Schweineställe, wo Einem zwar griechisch und lateinisch eingeprügelt wurde, die man aber oft noch roher verließ, als man hineingekommen war, ja die Knabenstreiche arteten nicht selten in Niederträchtigkeit und Schurkerei aus. Der einzige Fehler, welchen unsere Schule hatte, war, daß sie für eine Vorschule eine zu schöne Einrichtung besaß, und etwas Anderes war sie im Grunde doch für die Meisten nicht. Wer Militair werden sollte, kam von hier auf die Akademieen, wer studiren sollte, verließ die Schule, wenn er sie zur Hälfte durchgemacht hatte, oder nahm Privatstunden, was für einen muntern Jungen, dessen Phantasie auch der Freiheit und Natur bedurfte, zu anstrengend war. Ich wenigstens konnte mich noch nicht darein finden, zwei Stunden zu sitzen, wenn ich schon sechs gesessen hatte und dann noch zu Hause an meinen Aufgaben zu arbeiten. Die Schule „für Bürgertugend“ war ungefähr zu derselben Zeit, wie die Schule „für die Nachwelt“ gestiftet, es war eine gelehrte Schule, in der der alte Möller gute Studenten bildete; aber als Erziehungsinstitut hatte unsere Schule doch gewiß bei Weitem den Vorzug. Indessen fühlte ich doch selbst bald, daß sich auf diese Weise kein Weg für mich eröffnen würde; durch Winckler, der in die Schule „für Bürgertugend“ ging und starke Fortschritte machte, bekam ich auch Lust, dorthin zu kommen; ich bat meinen Vater darum, aber er schlug es mir rund ab. Storm hatte meinen Plan erfahren; als er ihn hörte, lächelte er und schwieg. Es blieb beim Alten; noch wußte ich selbst nicht recht, weshalb, endlich erfuhr ich, was man mir bisher aus einer falschen Schaam verschwiegen, daß ich einen Freiplatz hätte, und daß mein Vater nicht die Mittel besäße, für mich zu bezahlen, wenn er mich zugleich in der Stadt in Kost und Logis geben sollte. Sobald ich dies erfuhr, so fand ich mich geduldig in mein Schicksal und suchte in den letzten Jahren so viel als möglich von der Schule zu profitiren.


Die französische Revolution.

Es war die Zeit des Directoriums in Frankreich. Die entsetzliche Revolution war vor sich gegangen, ohne daß wir Kinder viel dabei empfanden und wir hörten auch von unseren Lehrern nicht viele Aeußerungen des Mitleids über Ludwig XVI. und die Königin Marie Antoinette. Das edle Feuer, welches die ersten, herrlichen kräftigen Männer der Revolution dazu gebracht hatte, die Sklavenbande der Despotie abzuschütteln, hatte sich der Herzen bemächtigt. In weiter Entfernung weckt Unglück das Mitleid nicht genügend, man merkte nicht recht, daß die erste herrliche Zeit der Revolution von dem Kanibalismus der Jakobiner durchaus verschieden war; man sah in dem König und der Königin von Frankreich Personen, welche die Constitution gebrochen und heimlich unter einer Decke mit Frankreichs Feinden gespielt hatten; dies schwächte das Mitgefühl für das tragische Schicksal des unglücklichen Königpaars. Darum konnte selbst der edle Storm ruhig an dem Tage hereinkommen, als die Zeitungen mit der Nachricht von König Ludwigs Hinrichtung eingetroffen waren, und sagen (doch natürlich ganz ohne Spott, nur in einem gewissen stillen Humor) — „Sie nannten ihn Ludwig Capet, nun ist er Ludwig Caput!“


Kinder machen, wie die Affen, Alles nach. Wir hatten auch ein Directorium gemacht, wo ich der erste Consul war, sowie Bonaparte, und ich hatte zwei Mitconsuln, die auch Nichts zu befehlen hatten, ebensowenig wie Sièyes und Cambacèrés. Das Spaßhafteste war, daß ich Gesetze für meine Republik entwarf, deren erster Artikel also lautete: „Da kein Staat ohne einen obersten Anführer bestehen kann, so wollen wir einen solchen wählen.“ Diesem Obersten mußte nun die Republik unbedingten Gehorsam schwören, und so ahmte ich, ohne es selbst zu wissen, Bonaparte vollständig nach, und stiftete eine Republik, wie später Dr. Francia in Paraguay. An der Spitze meiner Republik zog ich auch ein Mal gegen ein Heer der Schule „für Bürgertugend“ aus, und wir beabsichtigten eine Schlacht zu liefern, aber es wurde Nichts daraus, sondern blieb nur bei Märschen und Manövern.


Storm's Tod.

Das Merkwürdigste, das ein Jahr, bevor ich die Schule verließ, eintraf, war Storm's Tod. Er hatte einen schlimmen Husten, der überhand nahm, und ihn ins Grab legte; kurz vor seinem Tode war er zum Theaterdirector ernannt; und, ich hätte beinahe gesagt, es war gut, daß er starb; — denn es wäre nie gut gegangen. Ich kannte keinen Menschen, weniger zu diesem Posten geeignet, als den edeln, vortrefflichen Storm, wenn ich einige Andere aus späterer Zeit ausnehme. Er hatte ein mittelmäßiges Stück geschrieben, welches „Erast“ hieß und allgemein mißfallen hatte; — ob er auf Grund dieses Stückes zu dem Posten vorgeschlagen war, weiß ich nicht. Zur Administration des Theaters war er durchaus nicht geeignet; Er, der launische, sonderbare Junggeselle ohne Weltkenntniß, dessen ganzes Streben bisher nur dahin gegangen war, die Unschuld der Kinder zu bewahren, und mit frommer, stiller Weisheit die unverdorbenen weichen Herzen zu bilden. — Dieses Amt würde ihm gewiß viele Unannehmlichkeiten bereitet haben, vielleicht hätte er dadurch selbst Etwas von seinem herrlichen Gleichgewicht verloren. Er starb, da seine Gesundheit doch untergraben war, zu rechter Zeit. Daß er auch gleich in ein eigenthümliches Verhältniß zu dem ersten Theaterdirector gekommen wäre, welches sich nicht so leicht zur Befriedigung beider Parteien hätte ausgleichen lassen, wenn er sich wieder erholt hätte, erfuhr ich erst einige zwanzig Jahre später, eines Mittags beim Grafen Schimmelmann, als ich neben dem Oberkammerherrn Hauch saß und das Gespräch auf Storm kam. Ich lobte ihn, und Hauch sagte in der gutmüthigen Laune, die ihm eigen war und ihm so gut stand: „Ja, es war gewiß ein prächtiger Mann; aber mir hat er, trotzdem wir Amtsbrüder waren, nur ein einziges Wort gesagt, und das war: „Scheußlich!“ — „Wie, Ew. Excellenz?“ fragte ich verwundert. — „Ja!“ fuhr Hauch fort, „ich hatte ihn nie gesehen, noch gesprochen, als er Director wurde. In denselben Tagen erkrankte er. Ich schickte meinen Läufer hin und ließ fragen, wie er sich befinde. Er begegnete dem Läufer in der Thüre, antwortete „Scheußlich!“ und warf ihm die Thüre vor der Nase zu. Er hatte ganz Recht, denn wenige Tage darauf starb er.“


Es herrschte eine außerordentliche Betrübniß in der Schule, als wir eines Morgens hinkamen und hörten, Storm sei todt! Während er kränkelte, brachte ich ihm regelmäßig Melonen, Pfirsichen und Weintrauben von Friedrichsberg, die mein Vater sich für mich vom Hofinspector erbat, da ich wußte, daß Storm ein großer Liebhaber von feinen Früchten sei, und dies das Einzige war, was ihn in den letzten Tagen erquickte. Es war mir ein seliges Gefühl, wenn er meine kleinen Gaben freundlich annahm, er, der mir so viel geschenkt hatte, und sagte: „Hab' Dank, mein liebes Kind!“ — Nun aber hatte er mehrere Tage auf dem Friedrichshospital gelegen, und heute war er gestorben. Fast Alle weinten. Die Liebevollsten unter uns sehnten sich darnach, ihren entseelten Lehrer mit dem guten freundlichen Gesicht zu sehen, und ihm das letzte Lebewohl zu sagen.

In der ersten Stunde kam Lindrup, ein braver, tüchtiger Lehrer der Mathematik, aber so kalt, wie die Wissenschaft, in der er Unterricht gab. Er begegnete unserer Betrübniß mit einem unzufriedenen Gesicht, tadelte unser Gefühl als schwach, und als wir äußerten, daß es uns unmöglich sei, aufzupassen und um Erlaubniß baten, fortzugehen, um Storm's Leiche zu sehen, merkte ich deutlich, daß er es für Heuchelei und einen Deckmantel unserer Faulheit ansah. Er befahl uns, uns zu setzen, aufzupassen und versicherte, daß wir Storm keine größere Liebe erweisen könnten, als wenn wir fleißig wären und unsere Arbeiten gut machten. Wir setzten uns hin; aber ich erglühte und bebte vor Zorn. Das natürliche Dankbarkeitsgefühl für einen edeln Wohlthäter in einem jungen Herzen sollte unterdrückt werden, um Etwas ohne Aufmerksamkeit zu treiben, was wir eben so gut und noch besser morgen lernen konnten. Mit jedem Triangel und Zirkel, den er an die Tafel schrieb, wuchs mein Zorn. Ich veranlaßte meinen Nachbar Falch, den Lindrup gern mochte, um Erlaubniß zu bitten, daß er einen Augenblick hinausgehen könne. Er erhielt sie. Gleich lief er nach meiner Anweisung zum Etatsrath Professor Nörregaard hinüber, der im Vordergebäude wohnte und einer der Schuldirectoren war. Falch schilderte ihm unsere Trauer und bat, uns heute frei zu lassen, da wir nicht aufmerksam sein könnten. Er gab uns die Erlaubniß. Falch hatte sich wohl gehütet, von Lindrup's Ansicht zu sprechen. Er eilte wieder in die Klasse zurück und rief uns Anderen zu: „Nörregaard hat uns frei gegeben!“ — „Adieu, Herr Lindrup!“ rief ich, riß meinen Hut vom Nagel und stürzte mit den Uebrigen hinaus. — Obgleich Trotz in Dem lag, was wir thaten, hat Lindrup doch wohl durch näheres Ueberlegen gefunden, daß es ein verzeihlicher Trotz war, denn er faßte keinen Groll gegen mich und sprach nicht mehr von der Sache.

Ich ging mit mehrern Anderen nach dem Friedrichshospital. Als wir eintraten trugen zwei Männer eine Bahre mit einer zugedeckten Leiche über den Hof. „Können Sie uns nicht sagen, wo Storm's Leiche ist?“ — „Hier!“ — Wir folgten den Leichenträgern und waren somit das erste Grabgeleite des todten Freundes. Als die Bahre in der Kammer hingesetzt wurde, enthüllte man sein Gesicht; wir sahen es zum letzten Male, überließen uns unseren Gefühlen und gingen.


Einige Tage darauf wurde er auf dem Assistenzkirchhofe begraben. Die Zöglinge der Schule waren alle zugegen. Ueber seinem Grabe wurde später ein Monument mit einem Basrelief in Marmor, sein Kopf, nach einer sehr ähnlichen Zeichnung, welche sein Pflegesohn Paul Rasmussen aus dem Gedächtniß entworfen hatte, errichtet. Besser als in Marmor findet man dieses Bild in Kupfer gestochen, vor Storm's gesammelten Gedichten.


Storm als Dichter.

Storm war kein großer Dichter, er hatte keine schöpferische Phantasie, sein Gefühl konnte sich nicht vielseitig bewegen und verschiedene Eindrücke aufnehmen, er erglühte nicht von dem starken Feuer, dessen es zur höchsten Begeisterung bedarf, sein Witz und seine Laune waren nicht glänzend; er hatte sich nicht in sehr verschiedenen Lebensverhältnissen bewegt, und kannte die Welt mehr aus Büchern, als aus der Erfahrung. Sein „Erast“ ist eine schlechte Komödie, sein „Bräger“ ein schlechtes komisches Heldengedicht, und in den meisten seiner Verse finden sich nicht viele poetische Funken. Aber er war ein echter Christ, ein echter Norweger, ein echter Menschen- und Kinderfreund. Er hatte die Sprache zum Theil in seiner Macht, war von unseren alten Heldenliedern und den Schönheiten seines Vaterlandes begeistert, darum werden auch Zinklar's Weise, Jönndalen und einige seiner religiösen Lieder ihren Werth in der dänischen Dichtkunst bewahren.


Abermaliger Umzug.

Laasbye zog wieder in eine neue Wohnung, die noch weniger hübsch war, als die frühere. Erst viele Jahre später erfuhr ich, daß das berühmte Schauspielerpaar Preisler dort gewohnt hatte, wo ich viele Tage der Kindheit zugebracht und im Dunkeln mit Laasbye auf der flûte douce spielte. Nun wohnten wir bei einem Branntweinbrenner in einem beständigen Treberdampfe und dem schrecklichsten Gesinge der Straßenausrufer. Aber ich fühlte nichts von all' dem Drückenden um uns her, wenn ich Robinson auf seiner Insel folgte, oder in den Feenpalästen von „Tausend und einer Nacht“ umherschwärmte. Madame Laasbye's Bruder hieß Wulf, und war Koch in der königlichen Küche. Zuweilen besuchten wir Wulfs. Da war eine Dame, die als Mittelpunkt für die Bewunderung der Gesellschaft strahlte, Madame Obel, eine berühmte Fruchthändlerin. Sie war sehr dick und fett und mit schweren goldenen Ketten geschmückt, die sich mehrere Male um Hals und Arme schlangen, so daß sie mir zuweilen wie ein mexikanisches Götzenbild erschien. Von Wulf entsinne ich mich, daß er viele Jahre später, als er älter und Pensionair geworden war, mir oft im Friedrichsberger Garten begegnete, und mich jedesmal fragte, „ob ich nicht den Kukuk hätte rufen hören? ob ich nicht wüßte, wo der Kukuk sei?“ Ich konnte niemals begreifen, was er damit sagen wolle, bis ich entdeckte, daß der alte Mann vom Kukuk wissen wollte, wie viel Jahre er noch zu leben hatte. — Ich zweifle nicht, daß der Kukuk ihn genarrt hat. Er war mit seinen Prophezeihungen zufrieden, wollte aber der Sicherheit wegen sie doch immer wieder hören; bis er aus gewissen Gründen nicht mehr wiederkehren konnte. Er war nämlich todt, aber der Kukuk rief lustig fort.


Erste und letzte Jagdpartie.

Es herrschte stets ein munterer Ton zwischen Laasbye's und mir. Ich mochte gern scherzen und die Frau nannte mich Eulenspiegel. Ein kleiner Zug unsers gemüthlichen Verhältnisses mag statt mehrerer anderen hier stehen. Ein Freund des Mannes kam einmal, und schlug uns vor, auf die Spatzenjagd zu gehen. Es war im Winter. Ich war nie früher auf der Jagd gewesen, und so viel ich weiß, war dies auch das letzte Mal. Wir bekamen Jeder eine geladene Büchse und gingen nun die Landstraße nach Friedrichsberg hin, wo Spatzen genug zu sein pflegten. — Heute aber war unglücklicher Weise keiner da, oder mochte es vielleicht daher kommen, daß wir keinen treffen konnten? Genug, ein einziger Spatz war unsere ganze Beute. Den bat ich mir aus und ersuchte die Anderen, mich machen zu lassen, wenn wir zur Frau nach Hause kämen, die eine vortreffliche Haushälterin war, und uns versichert hatte, sie würde die Spatzen, die wir schössen, braten, daß sie wie Lerchen schmecken sollten. Aber zuerst ließ ich mir die Taschentücher der Anderen geben; damit stopfte ich mir die Taschen aus und ließ unseren einzigen Spatz halb aus der Tasche heraushängen. Mit vergnügtem Gesicht trat ich ins Zimmer und die Anderen folgten mir. „Na“, rief die Frau, „wie ist's gegangen, habt Ihr eine glückliche Jagd gehabt?“ Ich sagte kein Wort, sondern zeigte auf meine Tasche. „Jesus, mein Herzensjunge!“ rief sie, „Du hast ja so viel, daß sie herausfallen.“ Sie griff begierig zu, fand sich aber bitter getäuscht, und ich wurde wieder Eulenspiegel genannt.


Erster Theaterbesuch.

Meine größte Freude war's, wenn ich zuweilen ein Parterrebillet bekommen konnte. Dann spielte ich schon im Voraus damit, schloß die Augen, warf es in einen Winkel, ohne zu wissen, wohin, da ich mich erst auf der Hacke umdrehte; darauf suchte ich es, und wenn ich es fand, stürzte ich wie über einen wirklichen Fund und wunderte mich sehr und jubelte über das große Glück, gleich dem Bergmanne, der plötzlich im Kupferwerk eine neue Silberader entdeckt. — Dieses Spiel, die Augen zu schließen, Etwas fort zu werfen, um es dann wieder zu finden, wandte ich auch bei anderen Dingen an; aber es kam mir einmal bei einem neuen Federmesser theuer zu stehen, mit dem ich so im Friedrichsberger Garten spielte, und es nie wieder fand, da es sich im Sande verborgen hatte.