Meine
Lebens-Erinnerungen.

Ein Nachlaß
von
Adam Oehlenschläger.
Deutsche Originalausgabe.
Zweiter Band.
Leipzig
Verlag von Carl B. Lorck.
1850.


Fahrt nach Kiel.

Hamburg, den 12. August 1805.

Endlich, liebe Christiane! sitze ich nun im römischen Kaiser in der Stadt Hamburg, und ergreife die Feder, um rasch zu erzählen, was ich langsam ausgestanden habe. Montag vor acht Tagen bestieg ich das Packetboot, das mich ans feste Land bringen sollte. Wir mußten den ganzen Tag still liegen, da nur ungünstige Winde wehten. Meine Reisegesellschaft bestand aus einem jungen Kaufmanne aus Amsterdam, einem Officier aus Schlesien, einem alten Branntweinbrenner, einem jungen zukünftigen dito von 20 Jahren mit einem Gemüth von 70, und dem lustigen Sohne des lustigen Kanalinspektors Schjott, der nicht den Mund aufmachen konnte, ohne etwas Lustiges zu sagen. Die französischen Schauspieler Theodor und Caleis und Theodor's kleiner, wilder, verzogener, zwölfjähriger Sohn, der schwedisch reden konnte, und kleine Figuren aus Papier mit Geschmack und Fertigkeit ausschnitt, deren er mir eine zum Souvenir gab, waren auch dabei. Außerdem war noch ein fader Hamburger Commis da, ein Engländer, ein Pole und eine kranke verdrießliche Madame. Da hast Du die Bewohner der Cajüte. Außerdem war das Deck voll von jüdischen und christlichen Landstreichern; im Ganzen mochten wir Summa Summarum etwa 70 Seelen sein. Den nächsten Tag hatten wir auch keinen Wind, sondern mußten langsam kreuzen. Nun zeigte sich bereits Mangel an Proviant und der Schiffer mußte die Nothflagge aufziehen, worauf zwei Boote von Kastrup auf Amager kamen, die einen Theil unserer Passagiere ans Land brachten. Die Kähne hatten volle Ladung und ein großer Theil der Passagiere nicht minder. — Erst Sonnabend Vormittag erreichten wir Kiel, nachdem wir 5½ Tage unterwegs gewesen waren. Das Wetter war schön; der Mond schien in der stillen Sommernacht über die große Wasserfläche dahin, während ich auf dem Verdecke mit den Franzosen Lieder sang. Am Tage unterhielten wir uns, spielten Karten und dann las ich in Peder Paars. In Kiel verabredete ich mit meiner Reisegesellschaft, eine Tour nach dem neugegrabenen Kanal zu machen. Aber ich verspätete mich; die Andern waren fort, als ich kam. Ich ließ mich nach Dorfgarten übersetzen, wo ich Thee trank und Herrn German traf, der mit den beiden jungen Grafen Ahlefeld, welche mir sehr freundlich alle Spaziergänge der Stadt zeigten, die Universität bezogen hatte. Von meinem kleinen Theodor nahm ich in Kiel Abschied und schenkte ihm eine kleine Brieftasche zum Souvenir. Nun reiste ich durch den schönen Theil von Holstein und kam an ein hübsches Städtchen. Als ich den Wirth nach dem Namen fragte, sagte er: „Unser Fleckchen wird Preetz genannt,“ also der Geburtsort der lieben Tante Drewsen, eben so freundlich und lieb, wie sie selbst ist. Sonntag Vormittag kamen wir nach Lübeck, frühstückten etwas und reisten gleich weiter, um noch vor Abend in Hamburg zu sein.

Brief aus Halle.

Halle, den 17. September 1805.

Beste Christiane!

Der Augenblick ist gekommen, wo ich Dir mittheilen muß, was ich bisher verschweigen zu müssen glaubte. Wozu ein langes Präludium zwischen uns, die wir uns kennen und verstehen? Gutes Mädchen! bei aller Liebe und allem Eifer für meine Kunst hat mein Herz doch niemals vergessen, was es Dir schuldet. Den Dichter aufzugeben, um Ehemann zu werden — keiner von uns wollte, daß ich das thäte; Beides zu vereinen betrachteten sowohl Freunde wie Feinde als einen schönen Traum, aber zuweilen steckt doch Etwas in den Träumen. Ich weiß nun mit Bestimmtheit, daß die Regierung Etwas für mich, als Dichter, thun will. Ich hatte meine poetischen Schriften dem Kronprinzen dedicirt, hatte einen vortheilhaften Eindruck auf Schimmelmann gemacht; nun mußte das Eisen geschmiedet werden, so lange es warm war. Aber was war zu thun? um eine Stelle anzuhalten? welche? Ich wollte ja unterstützt, als Dichter belohnt sein, und dieses konnte nur auf eine Art geschehen, indem ich um ein Reisestipendium nachsuchte. Das that ich denn auch; aber beim Abschiede konnte ich es Dir nicht sagen, weil ich fürchtete, es würde einen zu heftigen Eindruck auf Dich machen. Dazu kam, daß ich ja nicht wußte, ob meine Bitte erfüllt werden würde. Geschah es nicht, wozu Dir dann einen doppelten Kummer bereiten; erst durch den Abschied, dann wegen eines verunglückten Plans? Alle unsere Freunde und Freundinnen wußten es, nur Du nicht, nun weißt Du es. Vor einigen Tagen erhielt ich folgenden Brief von der Direction des Fonds ad usus publicos:

„Se. Königl. Hoheit der Kronprinz, dessen Aufmerksamkeit Nichts von einiger Bedeutung entgeht, das in einer oder der andern Beziehung zur Ehre und zum Ruhme des Vaterlandes und seiner Literatur beiträgt, hat sich durch das Schreiben, mit welchem Sie Höchstdemselben ein Exemplar der Gedichte zustellten, mit denen Sie vor Kurzem unsere poetische Literatur bereichert haben, veranlaßt gefunden, der Direction aufzutragen, sie möge Sie auffordern, daß Sie ihr eine bestimmtere Angabe der Reise einsenden, die Sie nach fremden Ländern zu unternehmen wünschen. Eine solche Reise ist für das wahre poetische Genie, welches das wichtige Studium des Menschen, der Natur und der schönen Kunst nicht aus den Augen verliert, von nicht geringerer Bedeutung als für den Gelehrten im Allgemeinen, und man darf hoffen, daß Herr Oehlenschläger daraus wahren Vortheil für die Literatur des Vaterlandes zu schöpfen wissen wird.

Schimmelmann.Reventlow.

Ich kenne Deine uneigennützige und reine Liebe, meine gute Christiane, so genau, daß ich überzeugt bin, dieser Brief wird Dich freuen, obgleich der Gedanke an eine längere Abwesenheit Deinen Augen Thränen entlocken wird.

Springforbi[1], den 13. September 1805.

Vor Allem, was ich Dir zu sagen habe, liegt mir Nichts so sehr auf dem Herzen, als Dir zu versichern, wie unendlich lieb mir die Nachricht war: „Oehlenschläger hat ein Reisestipendium bekommen.“ Ehe ich weiter gehe, muß ich Dir recht innig für die Vorsicht danken, mit der Du die längere Reise vor mir geheim gehalten hast, bis ich den ersten Kummer überwunden hatte. Alle Deine Freunde haben Dir hierin auch treu beigestanden, außer ***, welcher fürchtet, daß Du Dir unterwegs den Hals brechen werdest, was, wie er meint, auf solchen Reisen leicht möglich ist. Du weißt, er liebt es oft, an verkehrte traurige Möglichkeiten zu denken. Die Ueberzeugung, daß Deine Reise Dir ebenso angenehm wie nützlich sein wird, und die Hoffnung, daß sie Deine Gesinnung gegen Deine Christiane nicht ändern werde, soll mich während Deiner Abwesenheit aufrecht erhalten und trösten. Gesegnet sei der Augenblick, wo Du Deinen Entschluß faßtest, gesegnet sei Jeder, der zu dessen Ausführung beitrug. — —

Braunschweig.

Deine Christiane.

Auf dem Wege von Hamburg nach Halle wohnte ich in Braunschweig einigen Akten von Cherubini's herrlichem „Wasserträger“ bei, welcher daselbst französisch aufgeführt wurde. In Halberstadt sah ich zum ersten Mal in meinem Leben ein katholisches Kloster. Ein freundlicher Mönch führte mich umher und meine lebendige Theilnahme erfreute ihn. Das Interesse, welches die katholischen Kirchen durch die Werke der neuern Schule für mich bekommen hatten, fand hier reichlich Nahrung. Ich hatte mich bisher damit begnügen müssen, mich in dem Roeskilder Dome in eine längst verschwundene Zeit zu versetzen; hier lebte diese Zeit noch. Ich vergaß den Postwagen vollständig. Glücklicherweise hörte ich das Posthorn vor der Kirche schallen und mußte die kühlen Hallen verlassen, die hübschen Bilder und den freundlichen Mönch, um wieder in der heißen Sonnengluth auf der staubigen Landstraße dahinzufahren.

Ein Universalgenie.

Ein Reisegefährte in der Diligence amüsirte mich. Seiner eigenen Versicherung nach hatte der tausend Vollkommenheiten. Er war Officier gewesen, hatte Reisen nach Smyrna und Sibirien gemacht; er war Poet, und hatte Göthe, Schiller und Wieland zu Lehrmeistern gehabt. Göthe hatte seine Romanze in Wilhelm Meister „der Sänger“ gedichtet, als er ihn einmal auf der Mandoline spielen gehört hatte. Er war auch Philosoph und lieferte Recensionen in mehrere Journale. Aber sein eigentliches Fach war die Philologie, doch componirte er auch. Jetzt war er im Begriff seine Familie zu besuchen, die er seit vielen Jahren nicht gesehen hatte. Dies Letztere schien wahr zu sein; und je näher er seinem Geburtsorte kam, destomehr verdrängten Wahrheit und natürliches Gefühl alle eingebildeten Vollkommenheiten. Als er endlich zur Stadt hineinfuhr, war er ein ganz bescheidener, gemüthlicher Mensch. Ich reiste nach Quedlinburg mit einer ganzen Familie, Vater, Mutter und einigen reizenden Kindern. Ich glaube der Mann war Postmeister dort in der Stadt. Keins der Kinder war noch bisher da gewesen, wo sie nun ihre Wohnung aufschlagen sollten. Sie hatten vor Kurzem den Heerd verlassen, wo sie geboren waren und die ersten Tage der Kindheit verlebt hatten. Wo aber eine glückliche Familie auf Zufriedenheit und ein hinlängliches Auskommen innerhalb ihrer vier Wände hoffen darf, da fühlt sie sich bald zu Hause. Es schien, als ob der Vater bei dieser Beförderung sehr gewonnen habe, und Alle waren munter und zufrieden. Es war ein schöner Abend. „Sieh Vater,“ rief der kleine Junge, als wir uns der Stadt näherten, „das sind die Thürme von Quedlinburg!“ Für mich, der ich die häuslichen Freuden liebe, der ich wie ein armer Vogel mein Nest verlassen hatte und auf fremdem Zweige saß, war es natürlich sehr angenehm, ein liebliches Stilllebenidyll auf dem Postwagen mitten auf der staubigen Landstraße zu finden. Es wird es mir also Keiner verdenken, daß ich in Quedlinburg, mit der Freude Anderer beschäftigt, nicht nur meinen eigenen Kummer, sondern auch meinen eigenen Koffer vergaß; welchen Verlust ich erst am nächsten Sonntag Morgen in Halle entdeckte.

Giebichenstein.
Stillleben bei Reichardt's.

Ein alter Diener sagte mir, daß Steffens und seine Frau in Giebichenstein bei Reichardts seien, und daß man mich daselbst erwarte. Ich schrieb gleich einen Brief nach Quedlinburg, um meinen Koffer wiederzuerhalten. Der Diener lieh mir ein reines Halstuch, und so mußte ich in den Reisekleidern, in denen ich Tag und Nacht im Postwagen gesessen hatte, meinen Einzug bei Reichardts halten.

Sie empfingen mich Alle sehr freundlich. Nach Giebichenstein, das von Halle ungefähr so weit liegt, wie Friedrichsberg von Kopenhagen, kamen Steffens und seine Frau an jedem Sonntage. Mit Schleiermacher machte ich hier auch Bekanntschaft. Reichardt selbst war etwas kalt und zurückhaltend, aber sehr höflich; seine Töchter kamen mir ebenso wie Hanne mit schwesterlicher Freundschaft entgegen. Frau Reichardt war still und sanft; sie schien sehr hübsch in ihrer Jugend gewesen zu sein. Ich fühlte mich in dem schönen Giebichenstein bald heimisch, wo Reichardt mit Geschmack einen hübschen Garten angelegt und ein nettes Gartenhaus gebaut hatte. Hier gab ich bald den Mädchen Gelegenheit mich auszulachen. Denn mitten in der besten Unterhaltung schlug ich mit der Hand nach Etwas: „Was ist das,“ fragte die Eine. „Ach —“ antwortete ich, — das ist eine Gemse, die mich stechen will.“ — Ich wollte sagen: „Bremse!“ — Später neckten sie mich oft damit, indem sie sagten: „Oehlenschläger! wehren Sie sich, da ist wieder eine Gemse!“ Ich sprach noch sehr schlecht deutsch; sagte oft zu den Damen: „will Sie“ statt: „wollen Sie“, und machte Peer's Worte in Jakob von Tyboe wahr, daß der Teufel in dem Der, Die, Das stecke; das konnte man fast in vierzehn Tagen nicht lernen. Reichardt führte mich selbst in seinem großen Garten umher; er hatte seinen Kutscher und seinen Diener aus dem Waldhorn blasen lehren lassen und Abends bliesen sie oft im Gebüsch einige seiner Compositionen. Besonders gefiel mir die schöne einfache Melodie zu Göthe's: „Im Felde schleich ich still und wild.“ Oft musicirte der Vater am Pianoforte mit seinen Töchtern. Dann wurden mehrere Gesänge von Göthe mit Reichardt's Compositionen, und alte italienische Kirchengesänge von Lenardo Leo gesungen. Louise, die älteste Tochter, war wehmüthig und schwärmerisch; ihr Bräutigam, ein talentvoller, junger Maler, war in Rom gestorben; Alles was sie noch von ihm besaß, war eine kleine Copie von Raphael's Transfiguration; diese hing über dem Pianoforte, und sie ließ oft ihre großen braunen Augen (das einzige Schöne, das ihr neben einer schönen Gestalt die Pocken gelassen hatten) darauf ruhen, wenn sie mit schöner Stimme die alten katholischen Messen sang. Ihre Schwester Friederike, ein Mädchen mit Rosenwangen, blonden Haaren und blauen Augen, wurde während ich da war, mit Karl von Raumer, dem Bruder des Historikers, verlobt, und dieser kenntnißreiche, feurige Jüngling wurde bald mein Freund. Sophie war noch immer ein kleines, schelmisches Kind und der kleine vierjährige Fritz, der auf seinem Steckenpferd nach Lauchstädt ritt, war eigentlich der freundliche Hausgeist des Ortes.

Nach Lauchstädt fuhr ich ein paar Tage nach meiner Ankunft in Halle mit Steffens und hatte die Freude, zum ersten Male hier die Schauspieler von Weimar zu sehen. Ich merkte bald, daß Göthe's und Schillers Geister über ihnen schwebten. Sie spielten Picard's Parasit, von Schiller übersetzt, und der vortreffliche Becker gab diesen Character bis zur Vollkommenheit gut.

Erstes Zusammentreffen mit Göthe.

Wir besuchten an einem frühen Vormittage Göthe, der sich einige Tage in Lauchstädt aufhielt. Sein schönes, kräftiges Gesicht erfreute mich und flößte mir Ehrerbietung ein. Die braunen Augen erquickten mich, in denen ich zu gleicher Zeit Werther's Gefühl, Götz's gutherzige Kraft, Faust's Tiefsinn, Iphigenia's Seelenadel und Reinecke's Schalkhaftigkeit zu lesen glaubte. Er kannte Etwas von meinem Aladdin. Wilhelmine Wolf, eine Tochter des großen Philologen, hatte von dem nun verstorbenen Etatsrath Gjerlew, als er in Halle war, dänisch gelernt; sie hatte Göthe Noureddin's ersten Monolog übersetzt. „Wenn ich einen Dichter rasch kennen lernen will,“ sagte er zu mir, „so lese ich einen seiner Monologe, darin spricht sich sein Geist sogleich aus.“ Er lobte das Motiv des Noureddin, welchen Aladdin als einen Lotteriejungen gebrauchen will, der ihm mit verbundenen Augen das große Loos ziehen soll. Wie gern hätte ich länger mit diesem großen Manne gesprochen, aber die Höflichkeit gebot uns abzubrechen; er bat mich, ihn in Weimar zu besuchen.

Als wir zur Thür hinaustraten und wieder in der freien Luft standen, waren Steffens' und meine Gefühle sehr verschieden. Ich war entzückt, Göthe zum ersten Male gesehen zu haben, darüber, daß er mich als Dichter gelobt hatte; Steffens aber war entrüstet, daß er uns nicht zu Mittag eingeladen hatte, da wir doch nur seinetwegen nach Lauchstädt gekommen waren. Ich leugnete nicht, daß mir dies eine unendliche Freude bereitet haben würde; aber gerade weil sie so groß gewesen wäre, fand ich mich mit der Geduld in mein Schicksal, mit der wir Sterbliche uns allmälig daran gewöhnen, der irdischen Glückseligkeit zu entbehren. Aber Steffens schalt auf Göthe's Vornehmthuerei und Egoisterei. Ich leugnete nicht, daß trotz all' des Einnehmenden, das ich bei ihm gefunden hatte, etwas Stolzes, Abgemessenes und Kaltes da war — das nicht der Dichternatur anzugehören schien. Es versteht sich von selbst, daß das Gefühl der Gastfreundschaft etwas abgestumpft werden muß, wenn ein großer Mann an einem Orte lebt, an dem er häufig von Fremden heimgesucht wird. Die Bequemlichkeit verlangt — und die Oekonomie gebietet oft Einschränkung, aber Steffens war ein ausgezeichneter Mann, Göthe hatte selbst den jungen Dichter gelobt, den er zum ersten Male sah, und der aus einem fremden und unbekannten Lande kam; — er brachte seinen Tag in Lauchstädt ganz allein zu, stand sich gut, und konnte wohl den einen Tag zwei geistig Verwandte speisen, die sich nur nach dem Mannabrote seines Mundes sehnten. Nun mußten wir uns mit einer kurzen Ministeraudienz begnügen und wieder gehen. Glücklicherweise hatte er mich gebeten, ihn in Weimar zu besuchen. Dieß tröstete mich, aber die Höflichkeit kam nicht Steffens zu gut. — Merkwürdig ist es übrigens als ein Zug in der Göthe'schen Characteristik, daß er mir einige Monate darauf, als ich das Glück hatte, ihn auf eine kurze Zeit zu gewinnen und ihm zu gefallen, gestand, er hätte uns damals gern eingeladen — und er wisse selbst nicht, warum er es nicht gethan habe; aber ich weiß es jetzt: es war eine Art Geiz, nicht auf Geld, sondern auf Freundlichkeit; es war eine geistige Knauserei in der geheimen Furcht: daß zu Viel drauf gehen und daß ich zu Viel von — dem großen Göthe auf einmal bekommen würde.


„Jesus in der Natur.“

Während meines Aufenthaltes in Halle ging ich täglich an den Ufern der Saale entlang. Es ist eine wunderliche Natur in der Gegend; keine eigentlich steilen Berge, außer einigen jenseits des Flusses; aber der Boden selbst ist lauter Stein, so daß man auf einer Granitebene geht, während man sich auf hügelichem Felde zu befinden glaubt. Die alte Ruine jenseits des Flusses auf dem Berge versetzte mich in das Mittelalter zurück; man zeigte mir das Loch hoch oben auf der Mauer, von dem aus Ludwig der Springer mit außerordentlicher Kühnheit sein Leben gerettet haben soll. Auf diesen einsamen Wanderungen dachte ich oft mit Wehmuth an mein Vaterland und meine Freunde und schrieb mein Heimweh.

Meine „poetischen Schriften“ wurden ziemlich stark gelesen, obgleich ich von meinem Freunde H. C. Oersted, der es übernommen hatte mein Commissionär zu sein, hörte, daß sie nicht so stark gekauft wurden. Aladdin machte viel Glück; das allegorische Gedicht: „Jesus in der Natur“, brachte verschiedenartige Wirkungen auf die Gemüther hervor. Christiane schrieb mir:

Den 4. October 1805.

Karen Margrete (Rahbek) hat eine Einweihungsrede von Balle (damals Bischof in Seeland) in die Hände bekommen, in der sich ein achselzuckender Ausfall gegen Dich befindet. Ich will Dir die Stelle abschreiben:

„Aber man will wissen, daß die Geschichte Jesu zur Malerei über die verschiedenen Aenderungen der Natur bestimmt sei. Sie soll nur abbilden aber nicht erzählen: eine Goldgrube für Dichter, aber keine Quelle, um die Begriffe über wahre Religion aufzulösen. O Gott! welche Verwirrungen! Mit gleichem Rechte verwende ich jede andere Erzählung, sowohl aus den Begebenheiten des Alterthums, wie den Ereignissen der Gegenwart und all' unser Wissen verschwindet gleich dem Rauch und Dampf am sternlosen Lufthimmel.“

In einem: „Zuschauer“ mit einem Lobgedicht an Dich von Jens Müller, der, wie Du Dich entsinnen wirst, zugleich mit Dir eine Abhandlung über die nordische und griechische Mythologie schrieb, hat Rahbek in einer Note „einem der eifrigsten Freunde des Christenthums“ versichert, daß er den Dichter auf das Vollständigste mißdeute, wenn er glaube, daß dieser in der Geschichte Jesu nur eine Goldgrube für die Poesie finde, und daß es Dich tief schmerzen würde, Dich von einem Manne verkannt zu wissen, vor dessen Eifer für das Christenthum Du eine bis an Enthusiasmus grenzende Hochachtung habest.

In dem erwähnten Zuschauer hat Rahbek Beschuldigungen zurückgewiesen, die man ihm über das Schweigen machte, mit dem er vorher an Deinen Gedichten vorübergegangen ist; daß dies nämlich nicht für Gleichgültigkeit und Furcht, seine Meinung zu sagen oder dergleichen Aehnliches angesehen werden müsse. Er hat sich lange bei Aladdin, den er sehr hoch zu stellen scheint, aufgehalten, und viele Stellen abgedruckt; doch größtentheils um Deine Fertigkeit zu zeigen, mit der Du die Sprache nach Deinem Willen zwingst, und hat für ein anderes Mal mehr versprochen.


Hatte „Jesus in der Natur“ dem damaligen Bischof Seelands mißfallen, so fand er einen kräftigen Fürsprecher in dem zukünftigen Bischof J. P. Mynster. Dieser hatte mir versprochen, meine „poetischen Schriften“ zu recensiren; in einem Briefe von ihm, den 19. Juli 1805 schreibt er:

Habe Dank für Deine Gedichte, die mich sehr erfreuten. Daß Etwas darin nicht ganz nach meinem Sinne ist, wird Dich nicht wundern; wie mir aber sehr viel darin zusagt, wirst Du, so Gott will, erfahren, wenn ich darüber Etwas schreiben sollte. Das ist nicht so leicht und rasch gethan; denn die erste Begeisterung die ein Gedicht erweckt, ist nicht kritischer Natur, und es ist nicht so leicht zu sagen, warum das Gute gut ist. Besonders wird es mir schwer werden, gute und verständige Worte über das Gedicht „Jesus“ zu sagen, da ich hierzu nicht die Philosophie des Christenthums, ja kaum Fragmente derselben liefern kann. — Was Du über unsere Pflicht, nicht zu schweigen sagst, ist gerade dieselbe Stimme, die in meinem Innern spricht. Ich habe daher auch die Absicht, so Gott will, meinen Mund aufzuthun, und zwar auf verschiedene Arten, aber erst zu versuchen, welch' ein Echo meiner Stimme antworten wird; aber ganz vergebens soll es doch nicht sein; denn ich weiß, daß ich zu den Berufenen gehöre, und ich strebe Tag und Nacht unter Wachen und Gebet, auf daß ich auch einer der Auserwählten werde. Gott zum Gruß! — Aus dieser Recension wurde nun freilich nichts. Mein edler Freund fühlte sich später mehr gestimmt, das, was er von meinen Werken, namentlich von „Jesus in der Natur“ hielt, in einem Gedicht auszusprechen, worin sein Geist sich von dem Dichter zu dem Himmlischen emporschwingt.


Guter Humor meiner Umgebungen.

An der Munterkeit und Ausgelassenheit, mit der ich im Gespräch und in den Briefen mit meinen Lieben gern den ernsten Ton unterbrach, nahmen sie auch oft Theil. Frau Rahbek hatte einen natürlichen Hang zu Dergleichen und selbst unser lieber Prediger würzte das tägliche Gespräch mit satyrischer Schelmerei. In einem Briefe von Frau Rahbek, den ich in Halle bekam, schildert sie mir eine Reise, die sie und ihr Bruder zu Mynster nach Spiellrup vorhaben. Ihren Bruder Carl Heger nennt sie „Hufe“ nach Hufeland, dessen Buch über die Verlängerung des menschlichen Lebens, Carl Heger, der immer eingebildet krank war, sehr gründlich studirt hatte. Er fürchtete stets von all' den Krankheiten angesteckt zu werden, die ihm nahe kamen. Wir neckten ihn damit, daß er einmal geglaubt habe, er habe das Kindbettfieber, als es grassirte. Dr. Professor Mynster, der Bruder des Predigers, war der innige Freund dieses herrlichen Menschen und hatte sehr viel Nachsicht und Geduld mit Carl's Wunderlichkeiten, denen er doch selbst gewöhnlich einen so komischen Anstrich gab, daß sie durchaus nicht ermüdend waren. Einmal sagte er zum Professor Mynster: „Ich befinde mich wirklich nicht wohl; willst Du mir nicht Etwas aufschreiben.“ „„Ja““ — sagte Mynster und schrieb ihm ein Recept. Carl sah es an und sagte mit saurer Miene und etwas bedenklich: „Ja, ist das nun aber auch gut?“ — „„Ja““ — entgegnete Mynster, mit dem ihm eigenen süffisanten Humor — „„das ist das Beste; willst Du lieber das Nächstbeste haben, so kann ich Dir das auch aufschreiben.““

Briefe aus der Heimath.

Frau Rahbek schrieb mir im October nach Halle:

„Ich kann mir denken, wie angenehm Sie leben, und muß es daher um so liebenswürdiger von Ihnen finden, daß Sie trotzdem Heimweh fühlen, und besonders gefällt es mir, daß Sie uns das in so schönen Versen gesagt haben. Aber da wir gerade vom Reisen sprechen, kann ich Ihnen erzählen, daß Hufe und ich einen großen Reiseplan im Kopfe haben. Hier steht nämlich ein kleines Pferd und ein kleiner Wagen, die einem guten Freunde gehören, und da wir Erlaubniß haben, diese Equipage zu benutzen, so beabsichtigen wir, in 14 Tagen zu Job[2] hinauszureisen. Aber nun ist der kleine Umstand dabei, daß nur zwei Menschen auf dem Wagen sitzen können, und daß also einer von uns kutschiren muß. Das wird nun natürlich Hufe thun; aber er hat früher nie kutschirt, und obgleich er sich in diesen Tagen sehr darin übt, indem er an einem Bindfaden zieht, den er an ein Fenster gebunden hat, und der den Zügel vorstellen soll, so glaube ich doch, daß er ein kleines Schreckfieber bekommen wird, wenn es im Ernst ans Fahren geht. Wir wollen nicht weiter, als bis nach Kiöge fahren; dort werden wir Postpferde nehmen, und unser Rößlein stehen lassen, bis wir zurückkommen. Hier glaubt Keiner daran, daß wir zwei Cujone so Etwas unternehmen werden, und ich kann nicht leugnen, daß selbst ich es etwas gewagt finde; doch ist mir vor mir selbst nicht so bange, wie vor ihm. Wenn wir nach Spielderup kommen, so haben wir die Absicht, uns als zwei Schlächter zu melden, die von Kopenhagen gereist sind, um sich Rindvieh anzusehen. Könnte man so leicht nach Halle kommen, so sollte es gewiß nicht lange dauern, ehe ich da wäre.“


Von meinem Vater erhielt ich kurz bevor ich von Halle abreiste, als Antwort auf einen Brief, den ich ihm lange schuldig gewesen war, folgende Zeilen:

Liebster, bester Sohn!

Als ich Deinen lieben Brief bekam, erwachte der böse Gedanke in mir, Dich eben so lange warten zu lassen, wie ich hatte warten müssen; aber leider trat das Vaterherz gleich dazwischen, und so schwand auch dieser Vorsatz. Wie unendlich es mich freut, daß es Dir gut geht, brauche ich Dir wohl nicht zu versichern. Wenn Du nur ebenso zufrieden mit Deinem Stipendium sein könntest; aber guter Adam! Du weißt ja wohl, daß viele der hohen Herren Vorsteher in dieser Gemeinde wollen, daß die Natur sich mit Wenigem begnügen soll, und sie mögen ihre triftigen Gründe haben; denn, wo Nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren. Von mir sollst Du bekommen, was ich Dir versprochen habe, nämlich 100 Thaler jährlich. Ich wollte, ich könnte mehr thun, aber in diesen theuren Zeiten, wo ich doch auch eine Haushaltung führen muß, ist es mir ohne einen Glückszufall, der mich doch noch nie betroffen hat, unmöglich[3]. Uebrigens mußt Du, bester Junge! zuweilen an Deiner Lampe reiben, und, wie ich höre, hast Du es bereits gethan. Wenn nur nicht die Theaterdirection hinten ausschlägt, und Du einen Schlag vor die Stirn bekommst, wie weit Du auch entfernt sein magst. Daß Du Dich nach Deiner Heimath sehnst, ist natürlich, und, guter Adam! das natürliche Liebesband zerreißt erst im Tode. Wenn ich zuweilen allein dasitze, zum Fenster hinausschaue und des Morgens die Sonne aus dem Meere aufsteigen sehe, da bete ich mit gerührtem Herzen zu dem Allgütigen, und danke ihm, daß ich noch Dich und Sophie habe; und dann rollt oft eine Thräne der Liebe für Euch über meine Wangen, und besonders für Dich, Du Armer! der so allein, fern von mir dahin ziehen muß. — Gleich nachdem ich Deinen Brief erhielt war ich bei dem guten alten Etatsrath Heger und der kleinen Christiane und las ihnen denselben vor, was große Freude verursachte. Als ich fortging, liebkoste sie mich; ich drückte sie an mich, und sie sagte: „Du bist jetzt der einzige Oehlenschläger, den ich noch habe.“ — Das liebe Mädchen! aber Du, mein guter Sohn, darfst nicht eifersüchtig werden; das würde Dir Nichts helfen. Karen Margrete ist noch immer der Schelm, der sie stets war; wir kommen zusammen und machen uns gegenseitig zum Narren. — Ich lebe hier, wie ein altes Uhrwerk, einen Tag wie den andern, außer wenn die verwünschten Bêtes im l'Hombre bei alten Freunden des Abends etwas lange dauern. Daß ich viel zärtliche Grüße für Dich von Deinem leiblichen Vater, Deiner Schwester und allen Verwandten und Freunden habe, kannst Du Dir wohl denken. Aber vor allen Dingen sage Professor Steffens und seiner Frau meinen Dank für ihre Güte gegen Dich und sage Ihnen, daß ich wünschte, ihrem Sohne, wenn er herkommt, dieselbe Freundschaft bezeugen zu können; was nicht unmöglich ist, da ich noch zwanzig Jahre zu leben hoffe[4]. Na, guter Adam! habe ich nun nicht genug mit Dir geplaudert? Aber ich höre Dich sagen: man spricht gern mit alten Freunden; und darin hast Du Recht; denn wir Zwei kennen uns doch am längsten. Lebe wohl, guter Junge! Der Allmächtige bewahre und erhalte Dich, das wünscht Dein Vater

J. C. Oehlenschläger.


Achim von Arnim.

Achim von Arnim besuchte Reichardts auch in diesem Herbst. Er hatte kurz vorher mit Brentano sein Wunderhorn herausgegeben, aus welcher Sammlung Reichardt uns Abends oft Etwas vorlas. Er las gut, besonders trug er die Fischpredigt des heiligen Antonius vortrefflich vor. Achim's edle Gestalt und sein schönes Gesicht, seine Liebe zum Mittelalter und sein Vertrautsein mit demselben machten ihn mir lieb, obgleich seine eigenen Arbeiten mir nicht schmecken wollten; sie waren mir noch zu inhaltlos. In seinem reifern Alter hat er in mehreren Erzählungen ein schönes Talent an den Tag gelegt. Ich entsinne mich noch eines herrlichen Herbstabends, wo wir in Giebichenstein zusammen auf den Kirchhof gingen und die alten Grabsteine betrachteten, und als wir zum Thee nach Hause kamen, Reichhardt mich erfreute, indem er mir Klopstocks: „Willkommen, o silberner Mond!“ zu dem er eine seiner besten Melodien geschrieben hatte, vorsang.

Nun sing ich aber auch wieder an, mehr in der gegenwärtigen und in der jüngstvergangenen Zeit zu leben. Ich sah nicht ein, warum die Phantasie nur bei dem Mittelalter weilen sollte. Jetzt liebte ich auch wieder die Lessing'sche Verstandes- und die darauf folgende Gefühlsperiode. Denn hatte man damals auch viele verknöcherte Vorurtheile Verstand, und später viel Fades Gefühl genannt, so lebten wir nun wieder in einer Zeit, in der jede elende Phantasterei, wenn sie nur einen Rittermantel über die schwachen Schultern warf, für Poesie gelten wollte, und in der man, ziemlich barbarisch, jedes weiche Gefühl als eine moderne Affectation auszuschelten und zu verachten begann.


Lafontaine.

Eines Tages war ich mit Steffens bei einem andern Professor, ich weiß nicht mehr, welchem, in Gesellschaft. Dort war ein dicker, lustiger Mann, der eigentlich den Mittelpunkt für die gesellschaftliche Unterhaltung bildete; er erzählte viele Anecdoten sehr gut (doch nicht so gut, wie Rahbek), war überhaupt sehr gesprächig und fidel mit den Meisten der Gesellschaft. Aber Steffens verhielt sich ziemlich schweigend, obgleich er zuweilen lachte, wenn dieser Mann etwas Schnurriges sagte. Ich konnte es demselben auch ansehen, daß er sich vor Steffens verlegen fühlte, daß dieser ihm nicht behagte und er sich deshalb auch nicht an mich als Steffens' Freund wandte. Ich nahm Steffens bei Seite und fragte: „Wer ist der Mann?“ „Das ist Lafontaine“, war die Antwort. Lafontaine! der Romandichter, der mir in meiner frühesten Jugend so viele Thränen gekostet hatte! in dessen Erzählungen ich in jenem Alter ebenso verliebt war, wie viele Jahre darauf in Walter Scott's! der meine sentimentalen, erotischen Gefühle entwickelt, gepflegt, genährt und übertrieben hatte! — Dieser Mann, den ich vergöttert — und später nach echter Jünglingsart verachtet hatte, als ich einen andern poetischen Glauben annahm und zur Fahne der romantischen Schule schwor! dieser Mann saß hier als ein lustiger, lauter Gesellschaftsbruder, aß gut, trank gut, ohne daß man die leiseste Spur jener Geistesrichtung fand, die in seinen Erzählungen so monoton hervortritt! — Aber wie sollte sie auch hervortreten? für wen sollte der altmodische, dicke, rothwangige Prediger seufzen, in wen verliebt sein, mitten in einer Herrengesellschaft? Doch machte er keinen vortheilhaften Eindruck auf mich, obgleich ich, wie bereits bemerkt, kein so eifriger Romantiker und Anhänger der neuen Schule war, wie einige Jahre vorher. Dieses Doppelwesen gefiel mir nicht, und die Unmöglichkeit, im wirklichen Leben den Ton fortzusetzen, der in seinen Schriften so vorherrschend war, zeigte handgreiflich, wie unnatürlich und überspannt er sei. Denn wenn gleich das Ideale und das wirkliche Leben sehr verschieden von einander sind, so braucht sich ein schöner und großer Geist doch niemals in der Gesellschaft der Menschen so zu verleugnen und zu verwandeln, wenn das Ideale, was er sucht, nicht aus der Luft geholt ist.

In spätern Jahren habe ich es wieder versucht, einige von Lafontaine's Romanen zu lesen, aber sie waren mir zu sehr Milch und Wasser. Nicht das Gefühlvolle darin mißfiel mir, sondern gerade das Laue, Schlaffe, das Alltägliche im Gefühl. Es ist ein prosaisch knabenhaftes, kein poetisch männliches Gefühl. Später habe ich seine Lebensbeschreibung gelesen und diese schien mir eben so matt und schlecht erzählt wie die Iffland's. Ich besuchte ihn also nicht, obwohl sein hübsches Haus recht anmuthig auf einer Höhe vor Halle lag. Aber oft ging ich hinaus und setzte mich in Hölty's Stuhl, einen Steinsitz im Felsen an der Saale und dachte an die schönen Lieder: „Wer wollte sich mit Grillen plagen“ und „Ihr Freunde hängt, wenn ich gestorben bin, die kleine Harfe hinter dem Altare auf,“ in denen sich tiefe Wehmuth mit einem liebenswürdigen Streben nach Munterkeit und einer schönen Seelentiefe vereinigt.

Halle selbst war mir nur ein schwacher Ersatz für Kopenhagen. Die schmalen, schlecht gepflasterten Straßen, die vielen Braunkohlen gaben dem Ganzen ein trauriges, finsteres Colorit, und ich konnte das blaue Meer und die seeländischen Buchenhaine nicht vergessen.

Oft betrachtete ich im Vorübergehen dass große Rolandsbild aus Carl's des Großen Zeit, das auf dem Markte wie ein steinernes Gespenst aus dem dunklen Alterthume dastand und menschlicher Größe spottete. Hätte ich damals daran gedacht, daß der unglückliche Struensee in Halle geboren und erzogen war, so würde auch dies seine Wirkung gethan haben.


Schleiermacher.

Zuweilen machte ich lange Wanderungen. Mit Steffens, Schleiermacher und den beiden Raumers ging ich an einem heißen Sommertage auf den hohen Petersberg. Als wir uns der Ruine oben näherten, wunderte ich mich über einen seltsamen Laut; es war mir, als hörte ich viele Menschen einen Kirchenpsalm in der Burgruine singen. Und es war wirklich so. Mitten in der Ruine stand eine Kirche, die voll von Menschen war, da es gerade Sonntag war und Gottesdienst abgehalten wurde. Ich hörte einen mir aus meiner Kindheit wohlbekannten Psalm, den sie über die alten Marmorsärge der entschlummerten Landgrafen dahin sangen; und diese Verbindung der Vergangenheit und Gegenwart rührte mich außerordentlich. Mit dem verständigen Schleiermacher verlebte ich angenehme Tage. Er bekam Lust Etwas von meinen dänischen Gedichten kennen und Dänisch zu lernen. Ich fing an, ihm Vaulundurs Sage und Freia's Altar zu übersetzen und er war der Erste, der mich aufmunterte, ein deutscher Dichter zu werden. Er wiederum las etwas Griechisch mit mir; er las mir den ganzen Oedipus in Kolonos vor, um mich mit dem characteristischen Wohlklang der Sprache vertraut zu machen; er übersetzte mir das Stück Wort für Wort und lehrte mich das griechische Silbenmaß recht kennen und verstehen; wovon ich später, als ich Solger's Sophokles fleißig studirt hatte, in meinem: Balder der Gute, Gebrauch machte.

Diese Strenge der Uebersetzung in der Form, die oft an Pedanterie streift, welche dem gewöhnlichen Leser mißfällt, nützt gerade dem Dichter, der der griechischen Sprache nicht mächtig ist, und doch gern so viel als möglich ihren Klang, Tact und ihre Formen kennen lernen will. Für den wahren Dichter ist es leicht, sich alles dieses in einer lebhafteren und schöneren Natürlichkeit zu denken. Solger war gewiß ein besserer Philolog als Philosoph. Seinen Erwin, in dem er der Ironie als dem Höchsten der Poesie huldigt, habe ich nie verstehen können, und ich sehe nun aus Hegel's Aesthetik, daß dieser ihn angreift und tadelt.

Ich hörte in Halle Steffens' Vorlesungen über Naturphilosophie, Schleiermacher über Ethik und den berühmten Wolff über Archäologie. Mit Schleiermacher ging ich oft spazieren.

Es amüsirte ihn zuweilen, meinen allzukühnen Behauptungen mit schelmischer Ironie zu begegnen; er übersetzte gerade damals an seinem Plato. Er war mein Sokrates und ich beschuldigte ihn im Scherz, er wolle mich zu seinem Alcibiades machen; obgleich ich diesem weder in dem Heroischen noch in dem Schlechten glich. Schleiermacher war ein kleiner, hagerer Mann. Ein jugendliches Wesen fand man bei ihm nicht; aber er war edel. Als er mir auf seinem alten Klaviere einmal den Herrenhuter Psalm vorspielte: „Mach' uns unschuldig, wie die kleinen Blumen in des Frühlings Heiligthum“, gewann er mein Herz und behielt es seitdem immer. Die Tochter des gelehrten Professors Wolff, Wilhelmine, eine schöne, große, blühende Blondine, hatte ein freundliches Wesen; sie konnte, wie gesagt, etwas Dänisch, und da sie eine Freundin der Frau Steffens war, sah ich sie oft im Hause bei uns. Mit ihrem Vater entsinne ich mich nur einziges Mal gesprochen zu haben. Merkwürdig ist's, daß er, der große Philolog, der es so weit in fremden Sprachen gebracht hatte, der einzige war, der mir davon abrieth, Deutsch zu schreiben; er meinte, man könne nur in einer Sprache Dichter sein. Abstract genommen, werden die Meisten ihm gewiß Recht geben, und Wolff, bei dem doch eigentlich das Griechische und Lateinische stets im Gegensatze zu seiner deutschen Muttersprache war, und der vom Dänischen gar nichts verstand, mochte sich wohl zu einer solchen Meinung befugt fühlen. Er wußte, daß er mit all' seiner Gelehrsamkeit und seinem philosophischen Genie doch niemals Grieche oder Römer werden könne. Er wußte, daß ein großer Unterschied zwischen einem Deutschen aus dem 19. Jahrhundert und einem Griechen aus Perikles', einem Römer aus Augustus' Zeit stattfand. Aber er vergaß, daß der Däne und Deutsche Germanen, sie beide Brüder eines Hauptstammes sind, mit fast gleichen Characteren, Neigungen, Gefühlen und Ansichten, daß sie in demselben Zeitalter, einander nahe und in steter, geistiger Verbindung leben.

Erwachende Lust Deutsch zu dichten.

Noch hatte ich außer einigen Kleinigkeiten nichts Deutsches geschrieben; aber ich fühlte doch bald, daß es nicht lange dauern würde, bis ich in den Besitz einer Sprache käme, die meinen Leserkreis auf 40 Millionen Menschen mehr ausdehnte und mir die Freude bereitete, ausgezeichneten Männern wieder Etwas von den Producten meines Geistes mitzutheilen, um einigermaßen all' das Herrliche zu vergelten, das ich von ihnen empfangen hatte. Ja, ich fühlte mich bald so begeistert, auch Deutsch, das zwar nicht meine Muttersprache, aber doch meiner Mutter Sprache und die meiner Väter war, zu schreiben, — daß ich zwei Jahre darauf meinen Aladdin übersetzte.


Hakon Jarl.

Darüber vergaß ich aber doch nicht das Vaterländische. Der stille Herbst und der Anfang des Winters in dem einsamen Halle trieb mich im Gegentheil mit dem Gefühle, welches ich in meinem Heimweh ausgesprochen hatte, wieder nach dem Norden hoch hinauf. Glücklicherweise fand ich in der Universitätsbibliothek von Halle ein Exemplar von Schiönning's Folio-Ausgabe von Snorro Sturleson's Heimskringla! Ich fing gleich an, sie mit so großem Eifer zu lesen, wie man aufbewahrte Briefe von einem lieben Jugendfreunde, den man verlassen hat, liest; und kaum war ich etwas über Harald Schönhaar's Geschichte gekommen (an der ich ein paar Jahre früher hängen geblieben war), so fand ich in Hakon Jarl's Sage einen Stoff, der sich mir vortrefflich zur Bearbeitung zu eignen schien. Ich hatte diesen Stoff bereits einmal als Romanze behandelt, aber es schien mir als verdiene er mehr. Steffens und ich saßen in einem Zimmer bei einem Ofen. Er arbeitete in dem einen Winkel bei seinem Schreibtische an einem philosophischen Werke, — ich hatte mir einen kleinen Tisch ans Fenster hingeschoben, wo ich schrieb. Jedes Mal wenn wir, er einen Paragraphen seiner Abhandlung, und ich eine Scene fertig hatten, lasen wir uns das Ausgearbeitete gegenseitig vor. Auf diese Weise wurde Hakon Jarl in sechs Wochen gedichtet. Er gefiel Steffens sehr.

Schiller's Jungfrau von Orleans.
Schiller's Braut von Messina.

Ich hatte zum Theil gefürchtet, daß Steffens nicht mit meiner Tragödie zufrieden sein würde, da er damals Schiller verwarf. Als tragischer Verfasser war es mir Pflicht, Nothwendigkeit, Bedürfniß geworden, diesen großen Tragiker von Neuem zu studiren. Die eine Zeitlang stark glänzende Autorität der neuern Schule hatte mich — gegen die Stimme meines Herzens — dahin gebracht, Schiller zu verlassen. Es ist bekannt, daß weder Tieck, Novalis, noch beide Schlegel ihn für einen wahren großen Dichter gelten ließen, — obgleich er — als Göthe's und Wilhelm von Humboldt's Freund und als Schriftsteller von so großer Popularität — stets mit einer gewissen Achtung behandelt wurde, die doch hauptsächlich darin bestand, daß man ihn nicht tadelte, sondern größtentheils ganz still von ihm schwieg, während man jeden Augenblick Göthe vergötterte und Tieck lobte. Zum Theil war wohl Schiller selbst Schuld daran, indem er sich zu sehr von den Neueren entfernte. Und doch, obgleich er die romantische Richtung in der Poesie verwarf, hatte diese, ohne daß er es merkte, Einfluß auf ihn; er schrieb eine Tragödie, die er selbst romantisch nannte: „Die Jungfrau von Orleans“, und noch mehr — er brachte in seiner „Maria Stuart“ im Mortimer eine mißglückte Copie von Tieck's Golo in der Genovefa. Das Romantische konnte Schiller nicht glücken. Die Mischung von Naivetät, Schwärmerei, Ausgelassenheit, Sinnlichkeit, in der das Erotische und die Phantasie das Triebrad ist — lag außerhalb seines Wesens. Große Charactere konnte er schildern, tiefen Ernst, hohes Gefühl vermochte er darzustellen, originale Situationen und dramatische Handlungen zu erfinden, herrliche Gedanken entstanden in seinem Kopfe und sein edles Menschenherz konnte sie mit hinreißender Begeisterung ausdrücken; ruhiger, männlicher Tiefsinn erfüllte seine Werke; aber — es ging ihm eben so wie Michel Angelo im Verhältniß zu Correggio — in den romantischen Farbentopf konnte er seinen Pinsel nicht tauchen. Wollte er sich auf diese Weise bewegen, so war es als ob der Ritter im Harnisch Jäger werden, vom Pferde springen und mit schweren Stiefeln auf Abenteuer durch den Wald streifen wollte. Das Lustige, das eigentlich Erotische, Geschmeidige fehlte Schiller. Die Tragödie, die Jungfrau von Orleans ist nicht romantisch; daß sie auch keinen Anstrich von französischem Colorit hat, mußte die Folge davon sein, daß ein Deutscher mit Schiller's tief-ernstem Character den Gegenstand behandelte. Und doch wurde sie von allen geistvollen, poetischen Lesern und Zuschauern — die nicht durch die Vorurtheile einer Schule verblendet waren — für ein Meisterstück erklärt und ist auch ein solches. Die Jungfrau von Orleans selbst, Jeanne d'Arc, ist mit ihrer idyllischen Umgebung in ihrer prächtigen Heldennatur unvergleichlich gezeichnet. Schiller hat die Ehre der edlen Jungfrau gerettet, hat dem Bilde in der Geschichte den Geistesadel wieder gegeben, den Voltaire — einem frechen Satyr gleich — sich nicht entblödete, in seinem hohen Alter mit leichtfertigem Spotte zu besudeln. Und doch schämte A. W. Schlegel sich auch nicht, Shakespeare's Schilderungen der pucelle in Heinrich VI., wo er den schmählichen Lügen englischer Chronikenschreiber blind folgt, über Schiller's Raphael'sche Heldenmadonna zu stellen. — Die neuere Schule nannte also die Jungfrau von Orleans einen mißglückten romantischen Versuch, ohne die großen Schönheiten zu achten, die weder Tieck, Novalis, noch selbst Göthe im Stande gewesen wären hervorzubringen. Wahrscheinlich durch dieses Verkennen zu einer entgegengesetzten Richtung geführt, schrieb Schiller später eine Tragödie in theils griechischen Formen: „Die Braut von Messina“, wobei er sich in eine schiefe Theorie verirrte, wie der Dichter stets thut, wenn er die Reflexionen und den kalten Begriff über dem Genie und dem natürlichen Gefühle herrschen läßt. Hätte er einen Heldenstoff aus dem germanischen Alterthume auf diese Weise behandelt, so würden der griechische Chor und die einfache Anordnung in der Handlung ihre Wirkung gethan haben; es wäre natürlich erschienen; denn die alten griechischen, germanischen und skandinavischen Heldenzeiten gleichen einander. Aber hier verband jene Form sich mit einer modernen Intrigue; es wurde eine unnatürliche Vermischung von Alterthum und Gegenwart (sowie in der Jungfrau von Orleans der Aberglaube des Mittelalters sich mit dem Verstandselement der Gegenwart auch nicht recht amalgamirte) — und dies genügte der herrschenden Schule, dieses Werk als verunglückt zu verwerfen, — obgleich es in der Nation seine Wirkung durch unvergleichliche Characterschilderung und einen Dialog hervorbrachte, der dem Dichter den Rang eines großen Dichters gegeben haben würde, wenn er nie etwas Anderes als die Braut von Messina geschrieben hätte. Glücklicherweise schrieb Schiller vor seinem Tode sein Meisterstück: „Wilhelm Tell“, in dem weder das Romantische noch das Antike ihn verlockte — sondern wo er einen vaterländischen Stoff auf die historisch gründliche und doch poetische Weise behandelte, mit der er in seinem Wallenstein begonnen hatte. Daß auch Wilhelm Tell von Vielen getadelt wurde, weil man meinte, der fünfte Akt sei ein hors d'oeuvre, da er nicht die Handlung fortsetzte, sondern (was hier gerade von höchster Wichtigkeit war) den Gegensatz zwischen einem verbrecherischen Meuchelmörder (Parricida) und Einem, der einen Todtschlag aus edlem Beweggrunde begeht, (Tell) — in einem herrlichen dramatischen Verhältniß zu einander zeigte — das war ganz in der Ordnung, und gehörte mit zur Tadelsucht der damaligen Zeit gegen so vieles Schöne, die einer Periode folgte, in der man so vieles Unschöne bewundert hatte.

Steffens als Gegner Schiller's.

Auch mein lieber, höchst poetischer Steffens theilte damals noch die Vorurtheile der poetischen Schule gegen Schiller, was mir sehr leid that; besonders als er einmal anfing Wilhelm Tell in der Gegenwart eines jungen Schweizers, eines seiner Zuhörer, vorzulesen, das Buch aber mitten während der Vorlesung, so daß es auf den Boden hinfiel, mit den Worten fortwarf: „Das kann ich nicht länger aushalten.“ Ich konnte es auch nicht länger aushalten und ging auf mein Zimmer. Steffens folgte mir auf dem Fuße. Sein Zorn gegen Schiller galt eigentlich mir, weil er wußte, daß ich großen Werth auf Wilhelm Tell legte, und da er sich noch nicht von der alten Gewohnheit losreißen konnte, meinen Geschmack beherrschen zu wollen, so betrachtete er meine stumme Mißbilligung als einen vermessenen Aufruhr und verfolgte mich. Ich hatte vorausgesehen, daß dieß geschehen würde, und um eine heftige Scene zu verhüten, schloß ich die Thüre ab; aber unglücklicherweise war es eine Glasthür. Als er nicht gleich herein kommen konnte, schlug er die Scheiben ein, öffnete die Thür von innen und fragte mich nun erbittert, ob ich ihn aus seinem eigenen Hause ausschließen wollte? Dies war der Culminationspunkt des Zornes; denn kaum hatte ich ihm einige freundliche Worte gesagt und ihn daran erinnert, er möge sich hüten, seine Frau zu erschrecken, die hochschwanger war, so umarmte er mich brüderlich, schwamm in Thränen und küßte mich. Eine so wunderbare, leichtbewegliche Natur war Steffens, aber höchst liebenswürdig, poetisch, gedankenreich, originell. Ich habe keine ähnliche Natur gekannt. In Manchem glichen wir uns; ich war auch hitzig, hatte aber doch mehr von dem, was die Franzosen gros bon-sens nennen. Die augenblickliche Inspiration strömte stets über seine Lippen, ich verschloß meine Begeisterung mehr für meine Werke; in muntern Einfällen und poetischen Phantasieen begegneten wir uns unablässig, und dies gab unserm Zusammenleben einen großen Genuß und eine sehr angenehme Erquickung. Aber in seine Einseitigkeit konnte ich mich nicht länger finden. Auch Lessing's Nathan und Voß' Louise vertheidigte ich aufs Neue mit vielem Eifer, Lessing hatte ich niemals aufgegeben und gegen den Tadel der romantischen Schule, daß man ihn zu kalt verständig fand, hatte ich bereits in meiner Langelands Reise Etwas an Lessing mit den Worten geschrieben:

„Sag' wer lehrte Dich selbst den Verstand romantisch zu machen?“

Bei diesem Verhältniß war es um so merkwürdiger, daß Steffens nicht verstimmt gegen mich wurde und mich etwa durch Lauheit gegen meinen Hakon Jarl bestrafte. Im Gegentheil, er legte großen Werth darauf und dies war ein Zug seines guten Herzens; denn ein Anderer von seiner Klugheit, ohne sein Herz, würde genug zu tadeln gefunden haben, wenn er einmal Den tadeln wollte, der ihm oft genug schroff widersprach.


Aufnahme Hakon Jarl's.

Ehe ich weiter reise wird es meine Leser vielleicht interessiren, Etwas über die Wirkung, welche Hakon Jarl in der Heimath hervorbrachte, und über die Annahme des Stückes zu hören. Ich war im hohen Grade gespannt, ehe ich Etwas von dem Schicksal des Stückes wußte und fürchtete, daß es ebenso, wie Freia's Altar verworfen werden würde. Schleiermacher tröstete mich an dem Abend, wo Steffens uns das Stück vorlas und sagte, daß er, obgleich er sich nicht große Begriffe von der Theaterdirection mache, doch 4 Groschen gegen 10 Louisd'or wetten wolle, daß das Stück angenommen werde. Dies war mir um so wichtiger, als mein Reisestipendium, 500 Thaler, forderte, daß ich mir durchaus Etwas dazu verdienen müsse, wenn es genügen sollte. Ich hatte durch H. C. Oersted zwei Exemplare an die Gräfin Schimmelmann geschickt und hoffte, daß sie es für mich einreichen würde; die Gräfin aber, welche wahrscheinlich fühlte, wie komisch es sei, wenn Hakon Jarl einer Dame seine Einführung auf der Bühne verdanke, sandte Oersted das eine Exemplar zurück; er ließ es mich wissen und ich schrieb nun gleich einen Brief an die Direction. Hierauf erhielt ich die Antwort, daß sie das Stück zur Aufführung angenommen habe, selbst wenn der Verfasser dieselbe unbedingt ohne Veränderung fordere; da das Stück aber viel zu lang sei, so wolle sie mir sagen, was sie weggelassen wünsche, ohne, wie sie glaube, dadurch dem Ganzen zu schaden. Hierunter war nun: „Die Scene, in der Grib König spielt“, die Nichts mit der Haupthandlung zu thun habe, und eines so langen Zwischenraumes bedürfe es nicht, damit Bergthor seine Tochter einschließen könne. Eine Scene mit Karker brauche auch nicht so lang zu sein, „um Karker's Dummheit zu schildern, die ja so schon deutlich genug sei.“ „Einar's und Hakon's Scene würde Schwierigkeit bei der Aufführung finden, wenn der sichere Schuß gesehen werden solle, wo nicht, so würde die Scene ohne Effekt auf der Bühne sein.“ Auden's Offenbarung wünschte man auch weggelassen, die große Masse der Zuschauer würde sie uninteressant finden. Es würde dem Theater auch höchlich conveniren, und das Interesse des Publikums für den Helden nicht verringern, wenn Thora's letzte sentimentale Scene fortbliebe. Endlich ließ man mich wissen, daß vor Hakon Jarl ein anderes Originalstück (Die Danen-Frauen, von Möller) eingeliefert sei, welches gleich diesem einen Theil Unkosten erfordere; daher müsse die Aufführung des Hakon Jarl ausgesetzt bleiben, bis die Theatercasse im Stande sei, so viele Ausgaben zu machen.

So kam ich doch noch ziemlich gnädig davon. Der Geist, — wenn ich mich dieses Ausdrucks bedienen soll — in diesem Schreiben der Theaterdirection war Prof. Kierulf, ein sehr braver, gelehrter, in vielen bürgerlichen Dingen vernünftiger Mann, aber kein Schöngeist. Er konnte es wohl nicht vergessen, daß ich vor 10 Jahren als Knabe auf der Schulbank saß, wo er mich in der Geschichte examinirte. Daß er damals sehr zufrieden mit mir war, hatte er dagegen wahrscheinlich über den tollen Verfasser des tollen Freia's Altar vergessen. Ich fand es sehr natürlich, und habe in viel spätern Jahren ähnliche Schulmeistereien und Zurechtsetzungen von einem jüngern ähnlichen Kritiker geduldet, der später selbst zugestand, daß meine Schriften viel zu seiner Bildung beigetragen hätten.

Daß Hakon Jarl in meinem Familien- und Freundeskreise Freude und Begeisterung hervorrief, kann man sich denken. Christiane schrieb mir:

„Donnerstag kamen alle Deine Herrlichkeiten an; am Abend war ich bei Oersted, um Sophie Deinen Brief zu zeigen. Wir beschlossen gleich, daß Hakon Jarl am Sonntag Abend vorgelesen werden solle. Ich übernahm es sofort, nach dem Hügelhause hinauszuschreiben, um zu hören, ob es Rahbek Recht sei, und bekam die Antwort, die ich längst geahnt hatte: daß Rahbek auf eine so lange Reihe von Abenden keine Zeit habe, daß wir uns den Gedanken aus dem Kopf schlagen müßten, das Stück von ihm lesen zu hören. Karl schwor Stein und Bein, daß er es nicht lesen könne; aber nachdem er sich lange besonnen hatte, sagte er, daß er es verteufelt gern möchte. Ich bereitete ihn darauf vor, daß Vater mit zu Oersteds kommen wolle; da erschrak er sehr und meinte, daß Vater sagen würde, er lese jämmerlich vor; da aber Karen Margrete und ich ihn trösteten, so faßte er Muth. Er ging gleich zu Doctor Oersted hin, um das Stück durchzusehen um so bekannt damit zu werden, daß er wenigstens die Handschrift ohne Stockung lesen könne; Du kannst Dir aber leicht denken, daß, je mehr er las, ihm umsomehr angst und bange wurde, und er an demselben Abende ganz den Muth verlor. Von dem Augenblicke an, wo er versprochen, es uns vorzulesen, hatte er nichts Anderes im Kopfe, als die schwere Arbeit, die er übernommen hatte. Jeden Augenblick schlug er einen andern Menschen vor, von dem er schwur, daß er das Stück tausend Mal besser lesen könne als er selbst. Rosing lag ihm immer im Kopfe.“

Hier will ich Carl Heger's eigenen Brief mittheilen:

„In einem beständig steigenden Freudenrausch über Alles, was ich nun seit drei Tagen über Dich und von Dir gehört habe, Du herrlicher Junge! habe ich gelebt, und lebe ich, so zu sagen, noch jetzt. In solcher Verfassung kannst Du Dir leicht meine Unfähigkeit vorstellen, Dir Etwas mitzutheilen und zu schreiben, in dem Verstand wäre. Einen kleinen Anfang aber, um mich Dir ein Wenig zu zeigen, will ich diesmal doch mit Karen Margrete's Brief folgen lassen. Sie bittet mich auch so dringend darum. Und wenn es Dir lieb ist, daß ich zuweilen fortfahre, so soll es geschehen. Gott weiß, wie gern ich es thue.

Hakon Jarl.

Dein „Hakon Jarl“ wurde uns also, wie Du nun schon weißt, von Rosing vorgelesen. Ich glaube es wird Dich unterhalten, wenn ich Dir erzähle wie es zuging, und wie liebenswürdig und zuweilen komisch er sich bei der ganzen Geschichte benahm. Zugleich erfährst Du, was mir zur Entschuldigung dienen muß, wenn Du, was mich sehr schmerzen würde, unzufrieden damit sein solltest. Da wir es nicht aufschieben konnten bis Rahbek Zeit hatte, so hattest Du mich ja in Ermangelung seiner zum Vorlesen ausersehen. Du kannst Dir selbst denken, wie lieb mir das war. Aber, liebster Oehlenschläger! Du dachtest natürlich nicht daran, daß ein Fremder in dem Kreise sein könne, in dem es vorgelesen werden sollte, und Deine Freundlichkeit und gute Meinung über mich, die besser ist, als ich sie verdiene, täuschen Dich, so daß Du glauben konntest, ich sei im Stande, einer solchen Aufgabe auch nur einigermaßen zu genügen. Es wurde indessen bestimmt, daß ich es lesen sollte. Aber je länger ich darüber nachdachte, desto schwerer wurde mir die Aufgabe. Die erste Nacht schlief ich nicht. Ich habe mich nie profaner gefühlt. Den Abend vorher fand ich mich bei Hans Christian ein, um erst das Stück für mich selbst durchzulesen. Ich las ihm den ersten Act vor, überzeugte mich aber nun, daß ich meine Aufgabe ganz bestialisch lösen würde, wenn aus keinem andern Grunde, so doch, weil meine Furcht unüberwindlich sein würde. Auf dem Heimwege beschloß ich, den nächsten Morgen früh zu Rosing hinauf zu gehen und ihn zu bitten, daß er mich erlösen möchte. Er und seine Frau hatten mir vor langer Zeit eine Artigkeit erwiesen, für die ich versprochen hatte, mich mündlich zu bedanken, was aber doch vielleicht nie geschehen wäre, wenn mich dieses nicht veranlaßt hätte, obgleich ich ihm seit langer Zeit nicht das Geringste mehr nachtrug. Ich wußte, welch' einen enthusiastischen Freund und Bewunderer Du in ihm hast, und daß Du ihm „Freia's Altar“ vorgelesen hattest, ehe es eingereicht wurde; ich war überzeugt, daß Du ihm auch „Hakon Jarl“ vorgelesen haben würdest, wenn Du hier gewesen wärest; ich kannte ihn als einen Mann, der Geheimnisse zu bewahren weiß; kurz und gut, ich fand nicht die geringste Bedenklichkeit. Ich kam hinauf, und im Augenblick war die alte Bekanntschaft erneuert. Er war ganz so, wie ich es wünschte, und mir war gleich so zu Muthe, als ob ich den Tag vorher dort gewesen wäre. Ich benahm ihm gleich den einzigen Vorwand, den er hätte benutzen können, wenn er aus gleicher Furcht, wie ich, mir eine abschlägige Antwort geben wollte, indem ich nämlich innig seine stete Unpäßlichkeit beklagte, worauf er mir natürlich versicherte, daß er sich an diesem Tage sehr wohl befände. Ich rückte nun gleich mit meiner eigentlichen Bitte vor, und ersuchte ihn um ein Gespräch unter vier Augen. „Geht hinaus Kinder! und Du auch, Mutter!“ Nun fing ich an, und war eine Zeitlang sehr beredt. Als ich fertig war, strömte er von Deinem Lobe über und sagte zuletzt: „Ich bin so froh, so froh, Dich bei mir zu sehen, mein guter, guter Carl, daß ich wahrhaftig nicht weiß, was ich Dir abschlagen könnte, wenn Du mich darum bätest.“ Doch wünschte er einen Aufschub; da ich ihm aber versicherte, daß es unmöglich sei, ließ er seinen Schülern absagen und wir setzten uns gleich hin, um es zu lesen, wobei sie zuhören durfte. Als der erste Act gelesen war, rief er aus: „Das ist ein vortreffliches Stück! o, das ist ein göttliches Stück!!“ — „„Wird's angenommen?““ fragte ich. — „Ja, freilich wird's angenommen.“ Wir lasen weiter, aber als er mit Olaf näher bekannt wurde, brach bisweilen, wenn wir unterbrochen wurden, in den Pausen, eine etwas stürmische Aufregung los, er bekam nämlich Lust, den Olaf zu spielen. Wo Grib sagt: „Er segelt auf Elivaga's Wogen nach Niffelheim“, rief er aus: „Gott, welche Verse! Nein, die sind zu schön! Ich sehe ihn, weiß Gott, segeln!!“ Von Auden sagte er: „O, was ist das für eine schwierige Rolle.“ Einmal sagte ich ihm vom Hakon: „Das ist ein nordischer Heide, Rosing!“ — „Ja, ein schrecklicher — entsetzlicher Götzendiener!“ — Glaube nicht, guter Oehlenschläger, daß ich, der oft zur Unzeit scherzt, dies Alles schreibe, über das Du auch lachen wirst, etwa weil das Komische, das während der Lectüre vorfiel, mein Inneres jetzt mehr erfüllt, als Dein Stück. Nein: ich habe nichts Anderes im Kopfe und werde wahrscheinlich lange an nichts Anderes denken, als an Dein Stück. Welchen Eindruck die Scene in der Höhle, der sublime Epilog, kurz jeder einzelne Theil und das Ganze auf uns machte, als wir fertig waren — das kann ich Dir unmöglich ausdrücken. Was er gesagt hat, als wir den ersten Act gelesen hatten, wiederholte er mit noch erhöhterer Extase, als er das ganze Stück beendigt hatte. Sie war nicht weniger davon entzückt als er. Wie froh wir uns Alle am Nachmittage bei Oersteds versammelten, wie wir überhaupt Dein Fest begingen, dass muß Karen Margrete und Christiane Dir sagen und haben es Dir bereits gesagt. Ich will jetzt nur noch hinzufügen, daß er meinem Urtheile nach das Stück im Ganzen gut, und Hakon und vieles Andere, was Du Dir selbst sagen kannst, ganz vortrefflich gelesen hat. Ich wollte wünschen, Du hättest ihn sagen hören: „Goldharald, Graufell! — Was wollt Ihr, Mädchen! u. s. w.“ Ich sagte endlich zu ihm: „Nun Rosing! wird ein anderer Sterblicher als Sie, den Hakon spielen?“ — „„Nein,““ sagte er, „„ich glaub's bei Gott nicht!““

Und nun guter, theurer Oehlenschläger! ich war der Unbedeutendste von allen Denen, die Deinen Hakon hörten, aber doch weiß ich, daß Du meinen Dank nicht verschmähst. Habe also tausend Dank! Ich war der Unbedeutendste, und doch schien es mir bei der Lektüre, als ob ich viel besser geworden wäre. Ich weiß nicht, welche Talente, oder, wie viel ich besitzen könnte, und nicht bereitwillig eilen würde, Dir den Kranz um die Schläfe zu winden. Ich muß doch wohl auch etwas Kunstsinn haben, ob ich gleich, wenn ich mich auszudrücken versuche, gewöhnlich etwas Ungeschicktes sage.

Karen Margrete treibt mich an, ich muß also schließen. Habe Dank für die schönen Verse, in dem Briefe an meine Schwester, für das Lebewohl an Giebichenstein! Lebewohl! Habe Dank, daß Du meiner so liebevoll gedenkst, und behalte mich immer lieb, wie vorher!

Dein

C. Heger.“

Es war sehr hübsch von ihm, daß er Rosing veranlaßt hatte, den Hakon Jarl zu lesen. So konnte dieser große Künstler, an den ich, als ich das Stück dichtete, gedacht, und ihm die Rolle bestimmt hatte, den Hakon Jarl doch wenigstens im Kreise meiner Freunde vorlesen, wenn gleich Krankheit und darauf folgende Schwäche ihn verhinderten, jemals in dieser Rolle vor dem Publikum aufzutreten. Ein alter Zwiespalt, der zehn Jahre lang Carl Heger von Rosing getrennt hatte, mit dem er in seiner Jugend in innigster Freundschaft lebte, hörte bei dieser Gelegenheit auch auf.

Christiane setzt ihren Brief fort:

„Solch' einen Abend habe ich nie gehabt, mein guter Oehlenschläger; so ist mir noch nie zu Muthe gewesen! Rosing bat uns, Nachsicht mit ihm zu haben, da ihm Deine Handschrift ganz fremd sei. Er wurde zwischen Carl und mich placirt, damit wir ihm im Nothfalle helfen konnten, was doch selten nöthig war. Er las uns den Hakon Jarl meisterhaft, mit unglaublichem Enthusiasmus vor; jedes Wort that seine Wirkung; und ich mußte ihn küssen und umarmen, da ich Dich nicht hatte. Als ich allein war, äußerten sich meine Freude und mein Erstaunen in Thränen!“

Brief von Frau Rahbek.

Ich bekam auch einen Brief von Frau Rahbek, in dem sie schrieb:

Ehe ich weiter gehe, muß ich Ihnen doch sagen, wie sehr die schönen Verse, in denen Sie der Heimath gedenken, mich gerührt haben. Wie freut es mich, daß ich Sie gekannt habe, als — um Polekums (meines Vaters) Worte zu gebrauchen — „Ihre Geisteskraft sich noch nicht losgerissen hatte, sondern noch durch Ihr Alter und mehr dergleichen gefesselt war.“ Es hat mich dies unendlich bei jedem Riesenschritte erfreut, den ich Sie auf Ihrer Bahn machen sah, und wenn es mir noch eine Zeitlang vergönnt ist, zu leben, um mich über Sie zu freuen, über Alles was Sie sind und noch ferner werden, so wird mir dies gewiß Grund zu vieler Freude geben. Es ist unbestreitbar viel interessanter, etwas Großes und Bedeutendes entstehen zu sehen, als es zu sehen, wenn es bereits ist. Sie werden mich nicht mißverstehen, guter Oehlenschläger, und mich etwa für eine Schmeichlerin halten; ich sage, was mir einfällt, ohne meine Worte abzuwägen, und ich weiß, Sie rechnen es mir nicht so genau an, wenn ich zuweilen etwas Dummes sage. Ich habe Hufe beredet, Ihnen zu schreiben, da ich überzeugt bin, daß sein Besuch bei Rosings Sie amüsiren wird. Ich hatte wirklich nicht geglaubt, daß Rosing das Stück so gut vorlesen würde, wie er es that; ich halte es viel leichter, eine Rolle, die man auswendig gelernt hat, auf der Bühne zu spielen, als im Zimmer Etwas vorzulesen, das man gar nicht kennt. Aber Alles, was dies betrifft überlasse ich Hufe und Christiane, und will nur hinzufügen, daß Polekum froher und stolzer war, als er hätte sein können, wenn er selbst der Verfasser gewesen wäre, was Rahbek sehr geistreich so erklärt hat, daß er sich als der Verfasser des Verfassers fühlte. Für den Fall, daß Hufe es vergessen sollte, will ich Ihnen doch sagen, daß Polekum's Rührung über Ihren Hakon Jarl gestern damit endigte, daß er wollte, Sie sollten, sobald Sie nach Hause kämen, gleich wieder als Legationssecretair fortgehen. A propos, wenn Sie mich ein andermal bitten, Ihnen Etwas sorgfältig aufzubewahren, so vergessen Sie doch nicht den kleinen Umstand, mir Das zu schicken, was ich Ihnen aufbewahren soll. — Ich hätte wirklich nicht geglaubt, daß Sie so gut zeichnen könnten, wie es der Fall ist. Ich habe E*** niemals gesehen, aber Alle sagen, daß das Portrait vortrefflich ähnlich sei und jedenfalls ist es gut gezeichnet, wenn es auch nicht im Geringsten ähnlich wäre. Ihr Vater hätte zu Ihnen hinreisen, und sich malen lassen sollen, Sie würden es gewiß besser gemacht haben, als der Kerl, der ihn vor Kurzem so schmählich zugerichtet hat. Können Sie auch begreifen, wie es Polekum einfallen konnte, sich von H*** einen Miniaturmaler empfehlen zu lassen. Jetzt ist er das schlechte Machwerk losgeworden und hat sein Geld wiederbekommen. Polekum war im Anfange unschuldig genug, das Bild für gute Waare zu nehmen, und wenn Hufe und ich ihm versicherten, daß es nicht im Geringsten gleiche, sagte er vom Maler: „Er sagt doch, daß es ähnlich sei!“

Kritik über Hakon Jarl.

Obgleich nun Hakon Jarl viel Glück machte, so fehlte ihm doch ebensowenig, wie jedem meiner andern Werke, eine tadelnde Kritik. Einer meiner Freunde, ein tüchtiger Kopf, der viel Geistesbildung besaß, und mir sehr ergeben war, schrieb mir unter Anderem Folgendes:

„Eine Scene, von der ich bemerken konnte, daß sie großes Interesse für die Andern habe: Olaf's Zusammentreffen mit Hakon in der Bauernhütte, hatte es nicht für mich; sie macht Hakon so klein und er ist doch wirklich so groß. Er ist ebenso tapfer wie Olaf und gottesfürchtiger.“ — In einem spätern Briefe als Antwort auf einen, welchen ich gesandt hatte, fährt derselbe Correspondent fort: „Du hast Recht, Hakon ist auch groß; aber so groß, daß ich Lust haben könnte, Olaf, der über den unglücklichen Hakon triumphiren will, mit all' seiner Moral zur Thüre hinauszuwerfen u. s. w.“ In einer folgenden Antwort hatte ich meinen Freund wahrscheinlich darauf aufmerksam gemacht, wie natürlich es sei, wenn Olaf darüber zürne, daß Hakon ihm vor Kurzem meuchelmörderisch tödten lassen wollte, und daß es doch edel von ihm sei, sich in diesem Augenblicke nicht seiner Jugendkraft dem alten Hakon gegenüber zu bedienen, sondern seinen Vortheil aufzugeben und ihm wieder auf offenem Felde zu begegnen. — Ein anderer meiner Jugendfreunde, auch ein vortrefflicher Kopf und ein gebildeter Mann, der später etwas philiströs und böse auf mich geworden war, weil die neue romantische Schule mich begeistert hatte, hatte auch, wie verschiedene Andere später, Freia's Altar schlecht gefunden (ich rechne es noch zu meinen besten Stücken); von Aladdin und Vaulundur hatte er Nichts gesprochen, aber über den Hakon Jarl sagte er: „Ich nahm es mit der festen Ueberzeugung in die Hand, daß ich nicht eine Seite lesen würde, ohne auf eine von Oehlenschlägers gewöhnlichen Lapsereien zu stoßen; aber ich gestehe, daß ich's bis zu Ende las, ohne eine einzige zu treffen!“ — Ein großes Lob für Hakon Jarl. Später wurde dieser Mann wieder mein wahrer Freund, ich liebte ihn, denn er war ein vortrefflicher Mensch. Aber — so sind die Menschen, selbst die besten! auf diese Weise werden die Werke der Kunst immer beurtheilt; die wahre kräftige Stimme dringt aber selbst durch. Wehe dem wahren Künstler, der nicht Festigkeit genug hat, sich nicht erschüttern, sich von Dem nicht ablenken zu lassen, was seine Muse ihm in den besten Augenblicken lehrt; ohne dieses Selbstvertrauen, daß auch von Vielen für einen großen Fehler angesehen wird, wäre er verloren. Auch Göthe hat dies gefühlt, wo er sagt:

„Solcher Fehler, die Du, o Muse, so emsig gepflogen,
Zeihet der Pöbel mich, Pöbel nur steht er in mir.
Ja sogar der Bessere selbst, gutmüthig und bieder,
Will mich anders, doch Du, Muse befiehlst mir allein.“

Brief von Sophie Oehlenschläger.

Einen Tag bevor Hakon Jarl bei A. S. Oersted vorgelesen wurde, schrieb meine Schwester mir, der ich freundliche Vorwürfe gemacht hatte, weil sie mir noch die Antwort auf einen Brief schuldig war, Folgendes:

Kopenhagen, den 8. März 1806.

„Gott segne Dich, lieber Adam, daß Du so gut gegen mich bist. Ja Du hast Recht, Du sammelst glühende Kohlen auf mein Haupt; aber Du hast Unrecht, wenn Du sagst, daß ich Dir aus Gleichgültigkeit nicht geschrieben hätte; nun sollte ich Dir eigentlich beweisen, daß es nicht Gleichgültigkeit gewesen ist; aber das thue ich nicht. Du hast das doch wohl nie von mir geglaubt, nicht wahr? O nein, Du glaubtest nur, es zu glauben. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie oft ich Dir schreiben wollte, wie oft ich angefangen habe, aber dann immer meinte, es sei doch zu elend, was ich geschrieben hatte, so daß ich stets hoffte, daß mir etwas Neues, um nicht zu sagen Amüsantes begegnen würde; aber es blieb doch immer beim Alten. Wir haben, seitdem Du fort gereist bist, so so gelebt, Anders ist nie recht gesund, er arbeitet und leidet mit der ihm eignen milden Geduld. Gott im Himmel gebe ihm bessere Tage, er verdient sie gewiß. Ich war in der letzten Zeit ziemlich wohl und soll wie in meinen gesunden Tagen aussehen. Ich habe angefangen Clavier zu spielen. Es geht langsam, aber ich verliere den Muth nicht; denn meine Lust dazu ist zu groß; ich bedarf der Musik so sehr, sie thut mir so wohl. Mein guter Oersted wußte auch meine Lust zu erhöhen, er hat mir ein herrliches Pianoforte geschenkt. Etatsrath Heger war so gut es zu kaufen, und wenn ich Dir sage, daß er es ausgezeichnet gut findet, so kannst Du es gewiß glauben. Du hast keinen Begriff davon wie gut Heger gegen mich ist; er interessirt sich so sehr für mein Spiel, bringt mir seine Musik, schreibt Choräle für mich aus, stimmt mein Instrument und erzählt mit viel Nützliches, kurz wir sind die besten Freunde und ich habe den alten Mann recht lieb. Wenn er spielt, singe ich zuweilen mit; seitdem Du fortreistest, habe ich nicht viel gesungen; es war so wunderlich mit mir, ich fing so oft an, hörte aber stets mitten im Stücke auf, ohne es selbst zu bemerken; aber nun geht's besser, doch recht gut wird es nicht gehen, ehe Du wieder nach Hause kommst, und ich wieder singen kann: „Kennst Du das Land“, und Du sagen kannst: „Ja Sophie, ich kenne es“, und dann von dem schönen Lande erzählst. Wenn Gott mich so lange leben läßt, werde ich recht viele Freude haben. Ich habe im Winter meine Zeit auf eine herrliche Weise ausgefüllt; wir lesen Winkelmann's Geschichte der Kunst. Christian und Gierlew haben Beide gesucht, mir all' den Kunstgenuß zu verschaffen, den man hier haben kann. Ich habe die Sammlungen gesehen, die hier zu sehen sind. Das ist nun nichts gegen Das, was Du siehst; aber ich danke Gott dafür ebenso wie die Finnen für ihre Tannenbäume, wenn die Sonne sie bescheint; ist es doch ein freundliches Grün, das das suchende Auge stärkt und das sehnende Herz mit Hoffnung tröstet. Gierlew brachte mir einen Gruß von Dir. Du kannst nicht glauben, wie es mich freute, mit einem Menschen zu sprechen, der Dich gesehen und mit Dir gesprochen hatte; ich hatte ihn so viel zu fragen, ich hätte beinahe gefragt was für einen Rock Du anhattest, als er Dich sahe.“

„Mein kleiner lieber Schwager lehrt mich im Winter Astronomie. Es geht ihm gut; es ist ein Trost, den Menschen zu sehen, er ist mit der Gegenwart zufrieden, freut sich auf die Zukunft, ist stets in Activität und die schönste Harmonie, die man sich wünschen kann, herrscht in seiner Seele. Oft, wenn ich traurig war, hat es mich gestärkt, ihn anzuschauen; noch häufiger, wenn ich betrübt war, wußte er mir Kraft und Hoffnung einzuflößen.“

„Engelke, des seligen Möller's Wittwe wäre vor Kurzem beinahe selig geworden, nun erholt sich die Frau aber von Tag zu Tag. Sie hat immer sehr eifrig nach Dir gefragt; als ich ihr vor Kurzem erzählte, daß wir seit langer Zeit Nichts von Dir gehört hätten, sagte sie: Oellensläger ist meiner Seele ein rechtschaffener Mensch; daß er nicht schreibt, kann man ihm nicht anrechnen; er hat jetzt nur so viel damit zu thun, all' Das aufzuschreiben, was er sieht, um es später zu gebrauchen. Ja er ist wahrhaftig ein fleißiger Mensch, das weiß ich; als er in meinem Hause war, schrieb er oft halbe Nächte. Ja, ich kenne ihn, er hat fünf Jahre hindurch in meinem Hause gegessen und getrunken (die gehörigen Knixe und Complimente kannst Du Dir selbst hinzudenken).“

„Mir ist doch, als ob ich Dir etwas Neues von den Leuten erzählen sollte. Nun habe ich Etwas. Siehst Du, man sprach im Winter davon, daß Don Juan hier gegeben werden solle; aber es wurde aus einem prächtigen Grunde Nichts daraus. Kierulf fand, daß es dem Publikum schaden, und den Glauben an Gespenster befördern könne, wenn sich ein Geist sehen ließe, ihn aber ganz zu beseitigen, ginge auch nicht, meinte er; er schlug deßhalb vor es so einzurichten, daß einer von Don Juan's Freunden, um ihn zu erschrecken, den Geist spielen solle, doch so, daß es dem Publikum ein Geheimniß wäre. Kuntzen sagte zu der Veränderung geradezu nein; das Stück wurde aber auch nicht gegeben; denn Kierulf blieb bei seiner Behauptung, daß Alles, worin Geist sei, dem Publikum schade.“


Abschied von Halle.

Noch hatte ich mein Reisestipendium nicht bekommen; der Winter war vor der Thür und Frau Steffens erwartete ihre Niederkunft. Endlich kam das Geld. Die letzten vierzehn Tage in Halle wohnte ich im Gasthof zum Kronprinzen. Dort blieb ich so lange, bis die kleine Clara geboren war. Den letzten Abend waren Steffens und Schleiermacher bei mir. Steffens las meinen dänischen Hakon Jarl vor und Schleiermacher verstand fast jedes Wort davon. Es verursachte mir Schmerz, mich von diesen lieben Freunden zu trennen; doch hatte ich Hoffnung, Steffens bald in Berlin wiederzusehen. Schleiermacher schrieb zum Abschied die hübschen Zeilen von Novalis in mein Stammbuch:

Was paßt, das muß sich ründen,
Was sich versteht, sich finden,
Was gut ist, sich verbinden,
Was liebt, zusammen sein;
Was krumm ist, muß sich gleichen,
Was hindert, muß entweichen,
Was fern ist, sich erreichen,
Was keimt, das muß gedeihn.


Berlin. Der dänische Minister.

Als ich nach Berlin gekommen war, ging ich am ersten Abend in die Redoute, wo ich zum ersten und letzten Male die holde Königin Louise — merkwürdig genug — als Psyche, mit Schmetterlingsflügeln an den Schultern, sah. War es eine Vorahnung, daß die edle Seele bald dem Irdischen enteilen würde?

Reichardt war vorher mit Arnim nach Berlin gekommen. Er schlug mir vor, ein Zimmer neben dem seinigen in der Leipziger Straße zu miethen, und erwies mir viel Artigkeit; denn drei Wochen lang war ich fast immer mit ihm zu Mittag und Abend in großen Gesellschaften. Wie er es gemacht hat, weiß ich nicht. Ich hatte nichts Anderes zu thun, als mich anzukleiden und ihm zu folgen; ich kannte die Leute nicht zu denen ich kam und wußte selten ihre rechten Namen; als ein junger, verlegener Mann sprach ich auch nur wenig mit ihnen. Reichardt präsentirte mich als einen dänischen Dichter; und so kam ich an den Tisch wie die Kartoffeln, als sie zum ersten oder zweiten Male nach Europa kamen, auf den Tisch: als eine Naturseltenheit! Denn mit Ausnahme von Baggesen hatten die brillanten deutschen Gesellschaften damals noch keinen dänischen Dichter gesehen; später hat die Race sich bedeutend vermehrt.

Ich war bereits vierzehn Tage in Berlin gewesen, als Reichardt mich eines Morgens fragte: „Sind Sie bei Ihrem Minister gewesen?“ — „„Mein Minister?““ — „Nun ja, den dänischen Minister meine ich.“ — „„Nein, ich kenne ihn nicht, habe auch keinen Brief an ihn. Soll ich zu ihm gehen?““ — „Ja das versteht sich. Sie sehen ihn heut Abend beim Minister Schröter und müssen ihm nothwendig vorher Ihre Aufwartung gemacht haben.“ — „„Nun, dann werde ich sie machen.““ — Ich ging hin, Graf Baudissin kam mir in seinem Zimmer mit den Worten entgegen: „Womit kann ich Ihnen dienen?“ — Ich antwortete: „„Damit, daß Ew. Excellenz mir erlauben, Ihnen als reisender Däne meine Aufwartung zu machen!““ — Unser Gespräch war bald beendigt, und ich sprach mit ihm erst vier Jahre später, als ich nach meiner Rückkehr eines Abends beim Grafen Schimmelmann Correggio vorlas.

So sehr ich nun auch Reichardt verpflichtet war, daß er mich mit der großen berlinischen Welt bekannt machte, so amüsirte es mich meiner Natur nach doch nicht lange, eine Art geistigen Pumpernickels oder nordischen Schwarzbrotes in ihren Theezirkeln zu sein. Ich pflegte hauptsächlich die Bekanntschaften, wo ich eine Heimath wiederfand, die mir stets unentbehrlich war. In den Häusern von Reichardt's Schwiegersöhnen, den Geheimräthen Alberti und Pistor, bei Herrn von Schock, mit Pistor's Schwester verheirathet, bei Buchhändler Reimer und Professor Spalding war ich bald wie zu Hause. Diese braven Leute gingen mit mir, wie mit einem Bruder um und erwiesen mir eine Güte, die ich nie vergessen werde. Ich brachte fast jeden Abend bei einem von ihnen zu, und las ihnen oft Holberg's Komödien in der alten deutschen Uebersetzung zu ihrer Zufriedenheit vor, was eine große Ehre für mich war, da sie gewohnt waren, Tieck den Holberg bei ihnen vorlesen zu hören, der, wie bekannt, ein sehr großes Talent dazu hatte. Nun fand man, daß auch ich es recht gut machen könne, wenn gleich auf eine andere Art. Ich besuchte die geistreiche Hofräthin Herz; bei ihr nun in mehreren Gesellschaften las ich meinen Aladdin aus dem dänischen Buche Deutsch vor, freilich mit vielen Sprachfehlern, aber doch rasch und fließend. Ich ging mit dem verständigen, treuen Alberti spazieren, bewunderte die mechanischen Fertigkeiten des lebhaften Pistor; mit ihren Frauen sprach ich von Giebichenstein und Kopenhagen; und ein hübsches, kleines Kind war auch da, mit dem ich spielen konnte.


Die Hofräthin Herz. Fichte.

Ich besuchte Fichte. Er war erst etwas abstoßend gegen mich, aber wir wurden bald gute Freunde. Ich mußte mich an seinen docirenden Ton gewöhnen; er pflegte vorauszusetzen, daß man ihn nicht verstand und nicht begriff. Aber als er merkte, daß ich auf meine Weise menschlich denken könne, wurde er mir gewogen und sagte: „Oehlenschläger ist ein wackerer Mann! Er muß meine Wissenschaftslehre studiren.“ Dies schmeichelte mir; denn ich wußte, daß es das größte Lob war, welches er einem Menschen gab, wenn er ihn befähigt glaubte, seine Wissenschaftslehre zu verstehen. Bei unsern ersten Gesprächen kamen wir etwas in Reibung; Pastor Metger berief mich zu ihm. Wir sprachen von Iffland; Rabbek hatte mir einen Brief an Iffland mitgegeben, und, obwohl dieser eigentlich nichts weiter mit mir, als einem Anhänger der neuen Schule zu thun haben wollte, so gab er mir doch ein Freibillet fürs Theater. Dies war mir sehr lieb und verschaffte mit die Gelegenheit, oft sein großes Talent, besonders für das Komische zu bewundern; denn für das Tragische hatte die Natur ihm eigentlich keine Anlage gegeben; Alles war nur Studium und Routine, und deßhalb war er auch, meiner Ansicht nach, in ernsten, hohen Rollen affectirt und kalt. Dagegen besaß er in hohem Grade einfache Natürlichkeit und eine schalkhafte Ironie bei der Darstellung des Lächerlichen und Bizarren; in solchen Rollen war er unbezahlbar.

Fichte über Iffland.

Also — ich spreche von Iffland und lobe seine Kunst. „Ja,“ antwortete Fichte mit starker, verächtlicher Betonung, „er versteht die Erbärmlichkeit gar wohl darzustellen.“ Ich fühlte mich durch diese Worte und ganz besonders durch den Ton in dem sie gesagt wurden, gekränkt. Wer die Erbärmlichkeit bewundert ist selbst erbärmlich. Ich wagte ihm zu widersprechen und sagte: „Ich glaube, Iffland stellt nicht allein das Erbärmliche gut dar, sondern Alles, was komisch ist.“ — „„Was stellen Sie mir da auf?““ rief Fichte hitzig; und nun fing er an, weitläufig Etwas zu demonstriren, dessen Inhalt sein sollte, daß alles Komische erbärmlich oder jämmerlich sei. Ich fühlte, daß in seiner Beweisführung etwas Schiefes sei, konnte es aber nicht gleich herausfinden; ich wollte mich nicht in einen philosophischen Streit mit ihm einlassen, in dem ich gewiß zu kurz gekommen wäre, besonders wenn ich seine Worte und Ausdrücke gebrauchen sollte; und ich sagte: „Verzeihen Sie Herr Professor! im täglichen Gespräche wägt man seine Worte nicht so genau ab.“ — „„O mein Herr,““ rief er heftig, „„vor unnöthigem Geschwätz habe ich allen möglichen Respect! Ich überlasse Sie dem Herrn Pastor Metger!““ — Ich antwortete stolz: „Wenn zwei vernünftige Männer, wie Sie und ich, Herr Professor, mit einander reden, so schwatzen sie nicht, weil der Eine sich nicht der Redeweise des Andern bedient. Wie in aller Welt,“ fuhr ich milder und betrübt fort, weil ich nicht gern in Feindschaft von diesem ausgezeichneten Manne scheiden wollte — „können Sie verlangen, daß ich, ein junger Dichter, reden soll, wie Sie, ein alter Philosoph?“ — „„Darin hat er Recht!““ rief er gutmüthig und versöhnt zum Prediger, indem er mir die Hand reichte. — Von der Zeit an waren wir Freunde.

Umgang mit Fichte.

Fichte kam mir bei dieser Gelegenheit, wie ein gewisser alter General vor, der seine jungen Officiere bei erster Bekanntschaft stets beleidigte, nur um zu prüfen, ob sie Muth genug hätten, ihn herauszufordern. Er verehrte mir ein Entreebillet zu seinen „Anweisungen zum ewigen Leben“. Ich hörte ihn, kann aber nicht gerade sagen, daß es einen angenehmen Eindruck auf mich gemacht hätte. Er suchte mit vieler Umständlichkeit den Begriff von Sein und Dasein populär zu machen. Sein Gesicht war stolz und verdrießlich, gleichsam aus Mißvergnügen darüber, daß seine Rede nicht genug bewundert wurde. Eines Abends beim Geheimrath Hufeland sprach ich die ganze Zeit über mit Fichte. Ich bat ihn stets, zu bedenken, daß ich Dichter und nicht Philosoph sei, daß ich aber, da ich glaubte, der Dichter müsse von Allem Etwas kennen, auf der Landkarte der Philosophie doch nicht ganz unwissend in Betreff der Gegenden und Städte sei, die zunächst an das Reich der Poesie grenzten. Von Steffens sprach ich gar nicht, da ich wußte, daß sie sich nicht leiden konnten. Wir sprachen von Voß und Jean Paul. Um ihm klar zu machen, was ich von ihnen hielte, bediente ich mich einiger mir eigenen Ausdrücke. „Es ist vortrefflich, was Sie da sagen,“ rief er aus, „es ist besser, als was Voß und Jean Paul je in ihrem Leben gesagt haben!“ — „„Ach Herr Professor,““ antwortete ich, „„ich bitte!““ — „Oh“ fuhr er mit der ihm eigenen Süffisance fort, „ich werde es Ihnen auch eben so gerade heraus sagen, wenn Etwas kommt, was nicht gut ist.“

Ich las ihm einige Abende darauf meinen dänischen Hakon Jarl Deutsch vor, und er war ein sehr aufmerksamer Zuhörer. Im fünften Act, wo Olaf zu Hakon sagt:

„Mit seinem Blut muß er die Sünde büßen!
— So lang der Heide lebt,
Kann nicht des Christenthumes Rose blühen;“

wurde Fichte aufgebracht und rief in seiner gewöhnlichen verdrießlichen Art: „Was Teufel, geht ihn das an?“ — Ich schwieg und las weiter. Als ich fertig war und er das Stück sehr lobte, sagte ich: „Herr Professor, Sie wurden bei einer Stelle böse, wo Olaf über den Hakon spricht; finden Sie da vielleicht einen Fehler?“ „„Nein,““ entgegnete er ruhig, „„das galt nicht Ihnen. Als Dichter hatten Sie es ganz recht gemacht; aber der Kerl der Olaf hatte doch Unrecht!““

Fichte als Philosoph und Mensch.

Und doch wollte sein Freund Pastor Metger nicht zugestehen, daß er naiv sei, als wir später über Naivetät sprachen und Fichte behauptete, er sei im Besitze dieser Eigenschaft. „Nein, mit Ihrer gütigen Erlaubniß, Herr Professor,“ sagte der milde, bescheidene, aber auch wahrheitsliebende characterfeste Mann, „naiv sind Sie nicht!“ — „„Was,““ rief Fichte, „„ich wäre nicht naiv? Was sagen Sie dazu, Oehlenschläger?““ — Ich antwortete: „Wenn Naivetät darin besteht, eine gewisse kindliche Natur ohne Reflexion, ohne Rücksicht auf Convenienz zu zeigen, so kann man Ihnen gewiß nicht die Naivetät absprechen. Ich meine, jedes Genie, selbst ein philosophisches muß etwas Kindliches, Unbewußtes haben, sonst würde ihm ja die Grazie fehlen.“ — Hiergegen hatte der große Philosoph Nichts einzuwenden.

Zu gleicher Zeit, wo ich seine Vorlesungen über die Anweisung zum ewigen Leben hörte, las ich auch einige seiner populären Schriften. In Allem bewunderte ich den tiefen Denker, den Helden für Wahrheit und Tugend, den begeisterten Redner, den kräftigen Menschen. Fichte hatte meiner Ansicht nach nur einen Fehler: er glaubte, daß seine Denkungsweise die einzigwahre, die absolute sei. Aber es wäre gewiß schlimm um das menschliche Denken bestellt, wenn die Wahrheit sich nur auf eine Weise erkennen ließe. Was hätten denn zukünftige Geschlechter und deren große Männer anders zu thun, als das bereits Gesagte und Gedachte zu wiederholen? Es giebt nur Eine ewige Wahrheit, wie Eine ewige Schönheit; aber die Gesichtspunkte für das Wahre können ebenso verschieden sein, wie für das Schöne und eine ebenso große Mannigfaltigkeit gestatten. Wir stehen als Lehrlinge um das ewige Ideal der Wahrheit und Schönheit; Jeder macht von seinem Standpunkte aus seine Basreliefs; jedes wird anders — oft fehlerhaft — und doch können sie alle wahr und schön sein.

Fichte war ein tugendhafter, ehrlicher, kräftiger, guter Mann, aber auch stolz auf seine Vorzüge. Selbst in der Poesie hatte er Versuche gemacht und gezeigt, daß er Talent und Stärke in dem lyrischen Ausdrucke besaß. Wir sprachen von einigen lateinischen Hymnen, die A. W. Schlegel übersetzt hat. „Ich habe sie auch übersetzt,“ sagte Fichte, „aber ich will sie nicht drucken lassen; A. W. Schlegel ist mein guter Freund.“ — Zu einem andern guten Freunde hörte ich ihn sagen, als dieser meinte, daß es kein Verdienst für ihn sei, so geisteskräftig zu sein, da er auch körperlich stark wäre: „Meint Ihr, ich würde diese Waden und diese Schultern haben, wenn ich mir nicht jene Maximen angeschnallt hätte?“

Fichte's Aufenthalt in Kopenhagen.

Wie sehr freute es mich, als ich einige Zeit darauf hörte, daß Fichte in Kopenhagen gewesen sei, und daß der edle A. S. Oersted, der ihn als Jüngling so fleißig studirt hatte, ihn als Mann persönlich kennen lernte. Meine Schwester schrieb mir mit vieler Freude, daß sie mit Fichte im Südfelde spazieren gegangen sei, daß er einen Tannenzweig bei dem norwegischen Hause abgebrochen und ihr gegeben habe „damit sie davon ihrem Bruder einen Kranz flechten solle.“

Fichte schlief eine Nacht auf dem Friedrichsberger Schloß bei meinem Vater, und hier zeigte sich wieder ein Zug seiner Naivetät, indem er sich einen ganzen Abend mit dem Alten, der einen gesunden Menschenverstand hatte, aber nichts weniger als Philosoph war, über die verschiedenen philosophischen Ansichten und seine Streitigkeiten mit Schelling einließ. Er lieh auch meinem Vater eins seiner Bücher zum Durchlesen. Mit diesem Buche saß er gerade in der Hand, als Frau Rahbek ihn Tags darauf besuchte. „Was für ein Buch liest Du da?“ fragte sie ihn in ihrem gewöhnlichen scherzenden Ton; und er antwortete in demselben Ton, aber mit einem gewissen Stolz: „„Laß liegen Kind! es ist Fichte. Er war gestern Abend bei mir; wir sprachen bis in die späte Nacht zusammen; Du kannst glauben, da ging's auf die Systeme los!““


Erste Ereignisse in Berlin.

Aber ich kehre wieder nach Berlin zurück. Reichardt reiste im März nach Giebichenstein, und ich wohnte allein. Mein Wirth war ein alter Friseur, der mir gleich bei meiner Ankunft einen schlechten Streich gespielt hatte. Meine Haare mußten nämlich geschnitten werden, da sie seit einem halben Jahre keine Scheere berührt hatte; ich fragte ihn, ob er das Haar nach Berliner Mode schneiden könne? — „Das versteht sich,“ sagte er, „lassen Sie mich nur machen.“ Nun fing er an zu schneiden; aber da er ein alter Perückenmacher war, der nur mit todten Haaren zu thun gehabt hatte, so verstand er sich gar nicht darauf, mit den lebendigen umzugehen. Er machte einen Fehler nach dem andern, die er alle damit gut machen wollte, daß er noch mehr wegnahm; und so schor er mich ganz entsetzlich, so daß ich zuletzt nur einen kleinen Schopf auf der Stirn hatte. Mit dieser Coiffüre mußte ich alle meine Besuche mit Reichardt in der großen Welt, als dänischer Dichter machen. Die Leute glaubten vielleicht, daß das Mode in Kopenhagen sei und das verdroß mein patriotisches Gefühl. Indessen versöhnte ich mich doch bald mit dem armen Perückenmacher. Sein Sohn, der ein wirklich guter Friseur und Reichardts Diener war, wurde kurze Zeit nach Reichardt's Abreise krank und starb. Eines Abends, als ich spät nach Zwölf nach hause kam, sagte der Vater, indem er mir die Treppe hinaufleuchtete: „Sie haben wohl Nichts dagegen, daß ich nur für heute Nacht die Leiche meines Sohnes in das Zimmer des Herrn Kapellmeisters gestellt habe?“ — „„O nein,““ antwortete ich langsam. Er setzte das Licht auf den Tisch und ging. Reichardt's Zimmer grenzte dicht an das meinige. Ich fing an, mich auszukleiden und wollte so thun, als wenn Nichts geschehen wäre. Seit langer Zeit hatte ich, in dem bunten Treiben bei den vielen Gesellschaften, keine melancholischen Gedanken gehabt. Nun sollte ich Thür an Thür mit einer Leiche schlafen; das hatte ich nie gethan; nach dieser Nachbarschaft sehnte ich mich durchaus nicht.

Eine unruhige Nacht.

Die alten halbvergessenen Gespenstergeschichten erwachten wieder in meiner Erinnerung; und obgleich Hoffmann noch Nichts der Art gedichtet hatte, so begannen die berliner Theezirkel doch in meinem Gehirne sich mit dem Uebernatürlichen und Grausigen zu vermischen. Endlich konnte ich es nicht länger aushalten, kleidete mich wieder an, nahm meinen Hut, ging zu dem Vater des Verstorbenen hinunter und sagte: „Obgleich ich nicht abergläubisch sei, müsse ich mich doch davor hüten, meine Phantasie zu sehr aufzuregen, es sei mir zuwider bei einer Leiche zu schlafen, daher wolle ich in den goldenen Adler gehen und da bis morgen bleiben.“ Als ich aber dahin kam, war es zu spät und ich konnte kein Zimmer mehr bekommen. Ich versuchte es noch an ein paar andern Orten, immer später und vergebens. — Die Märznacht war sehr kalt. Ich lief die Straßen auf und ab, bis ich vor Müdigkeit und Schläfrigkeit nicht länger konnte. Es blieb mir nun nichts Anderes übrig, als wieder nach dem Leichenhause zurückzukehren. Ich that es, klingelte und der Alte, der nicht zu Bett gegangen war, leuchtete mir unverdrossen wieder die Treppe hinauf. Nun war das Gaukelspiel der Phantasie vorüber, wie auf einer Bühne, wenn die Lichter gelöscht worden sind. Ich sah nur den alten niedergeschlagenen Vater und ärgerte mich über meine vorherige egoistische Schwärmerei, die ein leerer Traum im Vergleich zu der wirklichen Trauer des alten Mannes war. Ich legte mich rasch zu Bett und schlief gleich ein.


Bekanntschaft mit Himmel.

Einige Tage darauf traf ich an der table d'hôte den Kapellmeister Himmel. Wir saßen zufälliger Weise neben einander. Er ließ sich in ein Gespräch mit mir ein und an einigen Aeußerungen merkte ich, daß er mich kenne. „Habe ich die Ehre, von Ihnen gekannt zu sein?“ fragte ich. „„Ja,““ entgegnete er, „„ich weiß, daß Sie ein guter, junger dänischer Dichter sind; und ich würde bereits früher ihre Bekanntschaft gemacht haben, wenn Sie nicht stets in der Gesellschaft eines Mannes gewesen wären, den ich für den Tod nicht leiden kann.““ — „Nun,“ antwortete ich, „da ich mit ihm umgehe, so zeigt das, daß ich ihn gut leiden kann.“ „„Nun, so wollen wir nicht mehr von ihm sprechen,““ sagte Himmel, indem er mein Glas füllte! — Er war sehr aufgeräumt und gesprächig, erzählte mir von seinen Reisen, und als wir gegessen hatten, fragte er, ob ich ihn nicht nach Hause begleiten wolle, er wohne gerade in der Nähe. — Da ich nun wußte, daß er kurz vorher eine Oper „Die Sylphiden“ componirt hatte, von der ich gern etwas hören wollte, so ließ ich mich nicht zwei Mal bitten. Er wohnte sehr hübsch und in seinem Zimmer waren elegante Möbel; aber Alles lag in größter Unordnung drüber und drunter. Die mediceische Venus stand mitten in der Stube. Rund umher lagen Guitarren, Bücher, Pomadenbüchsen, Eaudecologneflaschen, Stiefel u. s. w. Kaum traten wir ins Zimmer, so rief er: „Peter, Champagner!“ — Mit unglaublicher Schnelligkeit kam der Diener mit Wein und Gläsern auf einem Präsentirteller und öffnete die Flaschen, so daß der Champagnerschaum der Venus gerade ins Gesicht sprützte. „Herr Gott, Herr Kapellmeister, wie können wir jetzt trinken,“ fragte ich, „wir kommen ja eben vom Tisch?“ — „„Champagner kann man immer trinken, das ist ein unschuldiger Saft; thun Sie mir den einzigen Gefallen und trinken Sie noch ein Glas mit mir!““ — „Wohlan!“ entgegnete ich, „aber dann müssen Sie mir auch einen Gefallen thun und mir etwas aus Ihren Sylphiden vorspielen.“ „„Sehr gern!““ „„aber erst muß ich etwas still sitzen und wieder in Ordnung kommen; jetzt kann ich unmöglich spielen. Wollen Sie einmal sehen!““ — Er ging ans Pianoforte und seine außerordentliche Dicke verhinderte ihn wirklich daran die Tasten zu berühren; denn sein Leib ragte fast weiter hervor, als seine Arme reichen konnten. „„Das giebt sich Alles,““ sagte er, „„wenn wir nur einen Augenblick Geduld haben.““ Und kaum war eine Viertelstunde verlaufen, so hatte er wirklich so viel Raum gewonnen, daß er das Klavier mit den Fingerspitzen erreichen konnte. Welche Fertigkeit! welcher Vortrag! welche Grazie! So wie der Elephant seine ganze Geschmeidigkeit im Rüssel hat, so hatte Himmel sie in seinen Fingerspitzen. Alles, was er spielte, war schön, melodienreich und originell. Ich hatte bereits früher seine Fanchon gehört, in der sein Character sich treu abgespiegelt: keine Tiefe, kein wahrer Ernst; aber schöne Sinnlichkeit, anmuthige Liebe, und behagliches, munteres Wohlleben. Er konnte es doch nicht lassen, auf Reichardt zu sticheln, den er den Herrn „Salzdirector“ nannte, weil Reichardt die Aufsicht über die halle'schen Salinen hatte. Himmel meinte (mit Unrecht) daß er hiezu mehr Genie, als zur Musik habe; denn war Reichardt auch kein eigentlich dramatischer Componist mit kühner Einbildungskraft und Feuer, so hat er doch in andern Compositionen, besonders in den herrlichen Melodieen zu Göthe's Gedichten ein schönes Gefühl, einen feinen Geschmack und Sinn für Poesie gezeigt. Himmel's Bildung schien nur musikalisch zu sein; doch hatten die Welt und sein munteres sanguinisches Temperament ihm eine Politur als angenehmer Gesellschafter gegeben.


Alexander von Humboldt.

Mein höchster Genuß in Berlin waren Mozart's Meisterwerke, Figaro und Don Juan, die ich jetzt erst kennen lernte. Indem ich diese unvergleichliche Musik hörte, öffnete sich mir eine neue und doch so bekannte Welt. Ich hörte Sophokles, Shakespeare und Göthe in Tönen, wie ich sie später bei Raphael in Farben sah.

Steffens kam auch nach Berlin, und ich sah ihn oft bei Alberti's. Ich sprach zuweilen mit Alexander von Humboldt und hörte ihn oft in Gesellschaften von seinen Reisen erzählen. In der Akademie der Wissenschaften las er ein Mal, als ich zugegen war, eine Abhandlung über die üppigen Vegetationen der Natur vor. Er schloß mit der Bemerkung, daß dasselbe mannigfache Leben, das physisch in den wärmeren Himmelsgegenden blüht, sich moralisch und psychisch im Norden in der Phantasie und in den Werken der Dichter wiederhole.

Johannes Müller.

Den berühmten Historiker Johannes Müller sah ich auch mehrere Male. Reichardt sagte: „er gleiche einer Nachteule.“ Die Eule ist der Vogel der Minerva; in den Gesprächen mit dem großen Manne vergaß ich den Vogel ganz über die Minerva. Er schlug mir vor, eine Tragödie über einen gewissen historischen Gegenstand zu schreiben, den ich leider vergessen habe.


Abreise nach Weimar.

Beim Anbruch des Frühjahrs sehnte ich mich sehr darnach, nach Weimar zu reisen, um Göthe zu besuchen. Ich fuhr mit Steffens und Schleiermacher von Berlin nach Halle, wo ich drei Tage bei diesen Freunden blieb.

Ich befand mich nun wieder ganz allein in der weiten Welt auf einem Post- oder eigentlich Frachtwagen, auf dem ich in der Nacht in dem feuchten, kalten Aprilwetter auf einem Brett ohne Rückenlehne fahren mußte. Der Schlaf auf einer Bank in einer Bauernschenke stärkte mich für ein paar Stunden, und so kam ich nach Naumburg, wo ich bis zum nächsten Tage bleiben mußte.

Es war ein trauriger Frühlingstag und ich selbst war betrübt. Alle guten Freunde in Halle, Giebichenstein und Berlin hatte ich — vielleicht auf ewig — verlassen. Nun sollte ich neue Bekanntschaften schließen, um das Band bald wieder zu zerreißen, wenn es geknüpft war. Der Frankenau'sche Vers fiel mir ein:

„Die Freude gleichet dem flüchtigen Freund,
Den leicht wohl auf Reisen man findet;
Und der, indeß er vorüberzieht,
Uns zärtlich küßt — und verschwindet.“

Ich sah die merkwürdige Domkirche; aber das vermehrte nur meine melancholische Stimmung. Sie besteht eigentlich aus vier Kirchen, und eine davon ist unterirdisch. Eine alte Frau, die wie eine Hexe aussah, führte mich umher. Mit einem kleinen angezündeten Lichtchen in der Hand, stieg sie hinunter und führte mich vor den eisernen Kasten, in dem Tezel sein Ablaßgeld gesammelt und dabei gesungen hatte:

„Sobald das Geld im Kasten klingt,
Sobald die Seel' gen Himmel springt.“

Sie zeigte mir auch die Wand, wo eine Nonne früher eingemauert worden war, und wo sie Messe hören konnte, bis sie verhungerte. Dies Alles machte mich nicht munterer. Unglücklicherweise erzählte sie mir auch von den Hussiten vor Naumburg, da fiel mit das affectirte Kotzebue'sche Stück ein; ich sah nun Alles Grau in Grau, ging nach Hause und tröstete mich dadurch, daß ich einen Brief nach Kopenhagen schrieb.

Am nächsten Tage reiste ich nach Weimar; die Luft klärte sich auf, und der Himmel war blau. Göthe empfing mich sehr freundlich, und ich brachte drittehalb Monate in der fast täglichen Gesellschaft dieses großen Meisters zu.

Wieland, Herder, Frau Schiller.

Wie freute es mich, den klassischen Boden zu betreten, auf dem so viel große Geister gewirkt hatten. Der einzige, Göthe, stand dort noch, wenn auch nicht mehr jung, in seiner vollen Kraft. Wieland war alt, doch erquickte es mich, den Geist dieses freundlichen Greises, wie die Schneeblumen in dem Wintergarten zu finden, wo er so viele Sommer hindurch als Rose geblüht hatte. Ich hatte mit großem Vergnügen seinen Oberon gelesen. In seinem Geron der Adlige hat er gezeigt, daß er auch ernst und herzlich dichten konnte. In vielen muntern Erzählungen hat dieser deutsche Ariost Humor und schalkhafte Grazie an den Tag gelegt. Als Kritiker und Gelehrter haben seine Schriften großen Einfluß auf den Geschmack in Deutschland ausgeübt. Ich besuchte ihn mit Ehrfurcht, obgleich es damals nicht Mode war, Wieland zu achten; er war sehr mittheilend und lobte die dänische Regierung, daß sie den Dichter ins Ausland reisen ließe. In mein Stammbuch schrieb er:

Fuimus Troes.

Herder war nicht mehr; dieses große denkende Herz! das mit tugendkräftiger Menschenliebe und poetischer Begeisterung die ganze Erde umfaßte. Seine spätern polemischen Schriften, in denen Gereiztheit ihn unbillig machte, kannte ich nicht und habe sie später nicht kennen lernen wollen. Aber wie herrlich sind nicht seine Abhandlungen über die hebräische Dichtkunst, seine Ideen zur Geschichte des Menschengeschlechts, seine Sammlungen und Uebersetzungen von Volksliedern und Legenden, sein Cid und seine Predigten.

Auch Schiller fand ich nicht mehr. Aber ich fand seine Frau und Kinder und die hübsche kleine Wohnung in der Allée dicht beim Schauspielhause, wo er die unsterblichen Tragödien gedichtet hatte. Ich war dort bald zu Hause, und es freute mich, daß Frau Schiller fand, ich gleiche ihrem Mann etwas; nicht im Aeußern, sondern im Wesen und gewissen Bewegungen.

Nicht ohne inniges Mitleid konnte ich auf die lieben Kinder sehen, die so früh den großen, seltenen Vater verloren hatten. Wie gern hätte er noch mit ihnen gelebt! Wie wehmüthig betrachtete er die Züge der armen Kleinen zum letzten Male, als er fühlte, daß sein Herz brechen würde; dieses himmlische Herz, das hohe Begeisterung mit durchdringendem Verstande vereinigte.

Göthe über meine Danismen.

Auch Göthe war, obgleich er allzu oft Gefallen an einem gewissen hochmüthigen, zurückhaltenden Wesen fand, im Grunde gut, und wirkt in seinen vortrefflichen Werken durch die Phantasie hauptsächlich auf das Herz; in seinen Liedern, in Werthers Schwärmerei, in Götz' Edelmuth, Faust's Tiefsinn, Gretchen's und Klärchen's Liebe, in Tasso's Feinheit, in Iphigenie's Seelenadel, in den muntern Naivetäten, in Mignon, im Harfenspieler; und ganz besonders in Hermann und Dorothea, worin er der Humanität des achtzehnten Jahrhunderts das schönste Denkmal errichtete. Deßhalb freute es mich auch, wenn Schleiermacher von ihm sagte: „Der Göthe ist doch im Grunde eine gute Haut!“

Er empfing mich väterlich, ich war oft zu Mittag bei ihm und mußte ihm meinen ganzen Aladdin und Hakon Jarl aus dem Dänischen deutsch vorlesen. Da machte ich mich nun vieler Danismen schuldig; aber er verwarf sie nicht alle; er meinte, daß beide verwandten Sprachen, einer Wurzel entsprungen, einander geschwisterliche Geschenke machen dürften. „Hm! das ist hübsch!“ sagte er zuweilen, wenn ich einen gewagten fremden Ausdruck gebrauchte. „„Sagt man das auf Deutsch?““ fragte ich. — „Nein,“ entgegnete er, „man sagt es nicht, aber man könnte es sagen.“ — „„Soll ich es wieder ausstreichen?““ — „Nein, keineswegs.“ — Reichardt, der nach Weimar kam, wurde von Göthe gefragt: „Kennen Sie Etwas von Oehlenschläger's Gedichten?“ — „„Nein,““ entgegnete dieser, „„aufrichtig gesprochen, es amüsirt mich nicht, die deutsche Sprache radebrechen zu hören.““ — „Und mich,“ antwortete Göthe mit imposantem Feuer, „amüsirt es sehr, die deutsche Sprache in einem poetischen Geiste entstehen zu sehen.“

Verkehrte Urtheile über Göthe.

Doch was rede ich von Göthe's Meinungen über die Sprache? Es giebt ja Leute, welche glauben, daß er auch nicht Deutsch schreiben könne! Es gab ja Landsleute von mir, und giebt derer wohl noch, welche behaupten, daß ich nicht richtig Dänisch zu schreiben verstünde. Aber ich entsinne mich auch der Anecdote von einem Franzosen, der seinen Landsmann fragte: „Les allemands, est ce qu'ils ont une langue?“ — „„Non,““ entgegnete dieser, „ils parles seulement un patois; mais ils se comprennent entre eux.“

Die letzte Zuflucht, die eine feindliche Spitzfindigkeit annimmt, besteht darin, die Sprache eines Verfassers zu tadeln. Man braucht nur eine Periode aus ihrer Verbindung herauszureißen, um sie zu einem Gallimathias zu machen. So behandelte Baggesen mich stets mehrere Jahre darauf in seinen Kritiken. Und Menschen, die nicht halb so gut Deutsch verstehen, wie Göthe, geschweige denn gleich ihm in der Sprache denken und fühlen können, haben es gewagt, ihn eingebildet zu tadeln, weil er — der echte Dichter — der die reichen Schätze der Volkssprache in die Rede der gebildeten Welt hinüber führte, zuweilen aus Laune oder Eigensinn Ausdrücke gebrauchte, die nicht gang und gäbe im Munde der feinen Welt waren; oft wohl sogar polemisch, um einer kleinlichen Aengstlichkeit zu trotzen, und sie zu strafen, die nur Pedanterie zeigte, indem sie sich den Schein der Correctheit gab. So giebt es Leute, die in ihrer Thorheit z. B. die Sprache in Sophie's Reise von Memel nach Sachsen über die Sprache in Werther und Wilhelm Meister stellen! Aber Göthe ging stets seinen eigenen Weg; und das muß jedes originelle Genie thun.

Zuweilen können selbst tiefe und schöne Geister einander mißverstehen und verkennen; und deshalb bleibt für die kräftig Wirkenden nichts Anderes übrig, als sich mit allem Vermögen nach den Besten zu bilden und dann selbstständig zu handeln. Jede ungewöhnliche That ist eine Usurpation, eine Eigenmächtigkeit, die ihre Vertheidigung in ihrer Wirkung finden muß; und wollte sowohl ein Dichter, wie ein Feldherr stets zweifelnd erst Andere um Rath fragen, was er im entscheidenden Augenblicke thun soll; so würde kein Dichterwerk vollendet und keine Schlacht gewonnen werden. Darum darf man es auch nicht Einbildung oder übertriebene Eigenliebe nennen, wenn ein tüchtiger Künstler mit Rücksicht auf sein Werk, das meiste Zutrauen auf seine eigene Meinung hat. Wie sollte er sonst jemals Meister werden? Und wie sollte er sich sonst in dem Wirrwarr der literarischen Welt zurecht finden, wo die Ansichten sich jeden Augenblick auf das Lächerlichste widersprechen?

Als ich meinen Aladdin zu schreiben anfing, und meiner Schwester und einigen andern guten Freunden die ersten Scenen vorlas, fand er keinen Beifall. Ich ging mit meinem Manuscript in der Tasche betrübt nach Hause; und hätte meine eigene Ueberzeugung, daß er gut sei, nicht gesiegt, so wäre Aladdin nie erschienen und ich hätte nicht den Triumph gehabt, mit der Zeit selbst bei Denen Beifall zu ernten, die im Anfang die Arbeit verschmähten. — So ging es mir auch hier bei Göthe mit dem Hakon Jarl. Aladdin hatten wir in kleinen Portionen zusammengelesen, und er hatte ihn aufmerksam gehört und aufgefaßt; Hakon Jarl las ich ihm auf ein Mal nach Tisch vor. Er verlor den Faden, der Gang des Stückes verwirrte ihn; und er äußerte nach beendigter Lectüre, daß Einiges in der Composition des Stückes geändert werden müsse. Ich wurde ganz niedergeschlagen und wanderte in meinen finstern Gedanken in dem schönen herzoglichen Lustgarten umher. „Wenn der,“ dachte ich, „verfehlt ist, so weiß ich nicht, wie ich richtig dichten soll.“ In diesem Gedanken stand ich vor einem Sculpturwerke im Garten, wo eine Schlange in einen Knäuel beißt. Ich habe die allegorische Bedeutung desselben vergessen; aber es schien mir in jenem Momente, als ob es das Unglück sei, das in mein Herz biß. Da hörte ich in demselben Augenblick Etwas in meiner Nähe rieseln. Ich ging dahin, von wo der Laut herkam; es war eine Quelle, die sehr anmuthig aus der Felswand in den Fluß hinabstürzte, und in einem Steine eingegraben stand der schöne Vers von Göthe:

„Die ihr Felsen und Bäume bewohnt, o heilsame Nymphen!
Gebet Jeglichem gern, was er im Stillen begehrt!
Schaffet dem Traurigen Trost, dem Zweifelhaften Belehrung,
Und dem Liebenden gönnt, daß ihm begegne sein Glück!
Denn euch gaben die Götter, was sie den Menschen versagten:
Jeglichem, der euch vertraut, tröstlich und hülflich zu sein.“

Göthe über Hakon Jarl.

Die schöne Natur, der herrliche Tag und das humane milde Gedicht gaben mit wieder Muth und ich dachte: „Der Verfasser dieser Strophen kann Hakon Jarl nicht verwerfen.“ — Göthe hatte mich gebeten, ihm den kurzen Inhalt des ganzen Stückes aufzuschreiben. Ich brachte ihm das Verlangte, und nachdem er es gelesen hatte, billigte er durchaus den Gang des Stückes und fand nichts daran auszusetzen.

Die Bühne Weimars.

Ich erzähle dies damit man sehen soll, wie selbst Aladdin und Hakon Jarl augenblicklich von ausgezeichneten poetischen Männern verkannt wurden. Die Erinnerung an dieses Verkennen hat mich seitdem oft getröstet, wenn spätere Werke wieder auf Kosten jener verkannt wurden; und ich habe oft die Freude gehabt, solche Nebel verschwinden zu sehen. Göthe munterte mich selbst dazu auf, das Stück schriftlich zu übersetzen (denn ich hatte es bei ihm nur mündlich übersetzt), damit es in Weimar gespielt werden könne, was doch nicht geschah, da der Krieg dies verhinderte.

Es erfreute mich oft, das Schauspielhaus zu besuchen, und die Schauspieler zu sehen, wo und durch welche Göthe und Schiller so viel gewirkt hatten. Ich lernte das Künstlerpaar Wolf kennen und schätzen. Ich sah eine würdige Vorstellung von Göthe's Egmont; Becker, der den Parasiten in Lauchstädt gespielt hatte, war hier ein vorzüglicher Vansen. Die Transparentscene im letzten Acte wurde jetzt wieder gegeben. Während Schiller lebte, hatte Göthe gutmüthig sich darein gefunden, daß sie wegblieb, weil Schiller sie nicht leiden konnte. Nun ließ er das Stück wieder wie in alten Tagen aufführen und es war von guter Wirkung. Die Musik und das Bild wirken, nach dem langen Gespräch zwischen Egmont und Ferdinand, belebend und angenehm auf die Phantasie ein; und es erfreut den Zuschauer, sich die holde Clara glücklich, selig als einen Engel, als den Genius der Freiheit in Egmont's Traum vorzustellen. Doctor Riemer, Göthe's Freund und Secretair, und Joh. Heinr. Voß, der Jüngere, waren mein täglicher Umgang in Weimar und wurden mit mir innig vertraut. Göthe konnte den jungen Voß gut leiden und dieser war sein großer Bewunderer. Voß erzählte mir einen characteristischen Zug von Göthe. Dieser hatte ihm einmal, als Hermann und Dorothea in neuer Auflage erscheinen sollte, das Gedicht zur Durchsicht gegeben; denn alle Voß's hatten es vom Vater gelernt, Hexameter correct zu schreiben, und selbst „die alte verständige Hausfrau“ hatte ein Mal Göthe in sehr classischen Spondeen und Dactylen eingeladen, Stahlpunsch bei ihr zu trinken. Göthe schrieb schönere, leichtere, naivere, kernigere Hexameter, als Voß; aber er war nicht immer correct und deshalb ließ er sich gern bescheidene Bemerkungen gefallen. Aber ein Mal kam der gute Heinrich Voß mit einem gar zu vergnügten Gesicht und sagte mit triumphirender Demuth: „Herr Geheimerath! da habe ich einen Hexameter mit sieben Füßen gefunden.“ — Göthe betrachtete die Zeile aufmerksamer und rief: „Ja, weiß Gott!“ und Voß wollte ihm bereits den Bleistift reichen, als der Dichter ruhig das Buch zurückgab und sagte: „Die Bestie soll stehen bleiben!“

Eigenthümlichkeiten Göthe's.

Das Niebelungenlied war kurz vorher erschienen, und Göthe las uns einige Gesänge daraus vor. Da nun das Altdeutsche sehr verwandt mit unserm Altdänischen ist, so kannte ich viele Worte, die die Andern nicht gleich verstanden. — „Sieh' mal,“ rief dann Göthe lustig, „da haben wir den verfluchten Dänen wieder!“ — „Nein, Däne,“ sagte er einmal in demselben Ton, „hier kommt Etwas, was Du doch nicht verstehen kannst:

„Es war der große Siegfried, er aus dem Grase sprang,
Ihm ragete von dem Herzen eine Speerstange lang,“

Ihm ragete von dem Herzen eine Speerstange lang!“ wiederholte er erstaunt, indem er die Worte stark in seinem Frankfurter Dialekte betonte: „das ist capital!“

Ein Mal bei Tisch sprach er so eifrig und mit so viel Achtung und Kraft für Bürgerrecht und Bürgerehre, einem kalten Herrn gegenüber, der die Handlungsweise eines wackern Mannes verdrehen und verspotten wollte, daß ich's nicht lassen konnte, als der Fremde fortgegangen war, ihm um den Hals zu fallen und ihn zu küssen, was er herzlich erwiderte, indem er mit Wärme sagte: „Ja, ja, lieber Däne! Ihr meint's auch treu und gut in der Welt.“ — Er sagte gern „Ihr“ in vertrauter Rede zu Leuten, die er lieb hatte. Joh. Heinr. Voß (der Jüngere) erzählte mir, daß Göthe, als einmal die Rede auf mich kam, mit ungewöhnlicher Wärme und Freundlichkeit gesagt habe: „O, das ist mir ein herzlieber Junge!“ — Ich hätte kaum geglaubt, daß er nach der Trennung so bald sein Herz von mir wenden würde.

Die weimarische Fürstenfamilie.

Die alte Herzogin Amalie erwies mir die Ehre, mich zur Tafel zu laden; Reichardt war nach Weimar gekommen und wir fuhren zusammen nach Tieffurt. Sie war sehr gnädig, geistreich und trotz ihres Alters lebhaft und munter. Ich traf daselbst außerdem Wieland, Herrn v. Knebel, Göthe's Jugendfreund, und ihren Marschall, Herrn v. Einsiedel, der eine Uebersetzung des Terenz herausgegeben hat. Göthe hatte eins dieser römischen Lustspiele, ganz in alter Manier mit Masken, auf die Bühne gebracht; aber es blieb bei dieser einen Vorstellung, denn die Leute in Weimar wollten sich nicht um 2000 Jahre in der Zeit zurückversetzen lassen. — Nach der Mahlzeit bei der Herzogin ging Wieland in den Garten hinab und hielt unter einem großen, schattigen Baum sein Mittagsschläfchen. „Das thut er hier gewöhnlich im Sommer, wenn er bei mir speist!“ sagte die gute Fürstin. Wir gingen im Garten spazieren. Zur Theezeit kamen der Herzog, der Erbprinz, die Großfürstin und die Prinzessin von Weimar. Reichardt spielte ihnen vor, und ich mußte der Aufforderung zufolge einige alte dänische Kämpeweisen singen, die ihnen gefielen. — Sie waren Alle sehr freundlich, und Frau Schiller erzählte mir einige Tage darauf, daß die schöne, edle Großfürstin mit großer Gewogenheit von mir gesprochen habe. So hatte ich da die Freude, die Fürstenfamilie zu sehen und mit ihr zu sprechen, die so viele schöne Talente geehrt und belohnt, und zur Entwickelung der deutschen Literatur beigetragen hatte.

Frau v. Wollzogen, Frau Schiller's Schwester, die Verfasserin des geistreichen Romanes Agnes v. Lilien, und Frau v. Schardt, geb. Bernstorf, erwiesen mir auch viel Freundlichkeit.

Als ich fortreiste schrieb ich dem jungen Göthe meine dänische Uebersetzung von Göthe's Erlkönig in das Stammbuch und fügte zum Schluß die deutschen Verse hinzu:

Erinnern Sie sich, wenn längst ich schied,
Bei der Uebersetzung des Vaters Lied,
Des Dichters vom Lande, wo Nacht und Wind,
Und Elf und Schauder zu Hause sind.
In Weimar weht es schon mehr gelind;
Gott segne den Vater mit seinem Kind.

Denkblätter für mein Stammbuch.

„Ja, ja,“ sagte Göthe, als er es gelesen hatte, indem er mir freundlich ins Auge sah, und die Hand auf meine Schulter legte: „Ihr seid ein Poete!“ In mein Stammbuch schrieb er:

„Zum Andenken guter Stunden, dem Verfasser des Aladdin.“

Frau Schiller schrieb:

Der Sänger.

Er breitet es lustig und glänzend aus,
Das zusammengefaltete Leben;
Zum Tempel schmückt er das irdische Haus,
Ihm hat es die Muse gegeben.
Kein Dach ist so niedrig, keine Hütte so klein,
Er führt einen Himmel voll Götter hinein.“

Frau Wollzogen schrieb: (auch nach Schiller)

„Mit dem Genius steht die Natur im ewigen Bunde,
Was der eine verspricht, leistet die andere gewiß.“

Riemer schrieb die Göthe'schen Zeilen:

„Danke, daß die Gunst der Musen
Unvergängliches verheißt;
Den Gehalt in Deinem Busen,
Und die Form in Deinem Geist.“

Ich komme später in dieser Lebensbeschreibung darauf, von Herrn Riemer zu sprechen.

Nun verließ ich das deutsche Athen, wo ich so viele Freuden genossen, und ahnte nicht, daß ich diese Stadt nach wenigen Monaten als den unglücklichsten Schauplatz des traurigsten Krieges wiedersehen würde.

Jena. — Frommann. — Göthe.

Um Göthe's Gesellschaft noch acht Tage zu genießen, ging ich nach Jena, wo er sich etwas aufhielt, ehe er seine gewöhnliche Sommerreise nach Carlsbad machte. Es war ein schwüler Tag, als ich von Weimar nach Jena wanderte; ich war warm und löschte meinen Durst rasch an einer vorüberfließenden eiskalten Quelle. Als ich nach Jena kam, fühlte ich eine Engbrüstigkeit, die mich im Anfang ängstigte und ich dachte: „Solltest du dir durch das Trinken des kalten Wassers, als du erhitzt warst, geschadet haben?“ — Ich war mit Göthe bei dem Buchhändler Frommann; ich konnte mich aber nicht recht darüber freuen, weil mir so beengt war. Doch sagte ich es Niemandem. — Da sah ich zum Fenster hinaus und entdeckte einen großen strahlenden Regenbogen, in dem hauptsächlich der grüne Streifen, die Farbe der Hoffnung, vorleuchtete. Bei diesem Anblick schwand meine Furcht; und ein paar Tage darauf athmete ich wieder leicht, nachdem mir ein alter Arzt dort in der Stadt Kampfertropfen gegeben. Aber das Gefühl jenes Tages und das Bild des Regenbogens schwebte mir vor der Seele, als ich drei Jahre darauf den fünften Act von Correggio dichtete.

Bei Frommann's war ich wieder wie zu Hause. Sie waren Göthe's Gastfreunde, besuchten ihn in Weimar, und wenn er nach Jena kam, war er täglich bei ihnen, das heißt am Abend nach der Arbeit. Er bewohnte mit Riemer einige alte, kühle Zimmer ganz allein auf dem alten Schlosse. Hier saß der Poet in Ruhe und ließ indessen den Minister in Weimar zurück.

Dieses öde Schloß war wirklich ein vortrefflicher Aufenthaltsort zum Dichten und Schreiben; auch mußte es ja wohl schön sein, einen gebildeten gelehrten Freund bei sich zu haben. Aber das Dictiren, das Göthe anwandte, ist mir stets ein unbegreiflich Ding gewesen. Es giebt Augenblicke, meine ich, wo der Mensch mit sich und Gott allein sein muß, ebenso wie im Gebete, und der Augenblick des Dichtens ist ein solcher. In der Gegenwart eines Andern scheuet man sich doch immer etwas seine Gefühle zu äußern und sein Herz zu öffnen. Und kann man es nicht an Göthe's Schriften aus der spätern Periode sehen, daß er solch' einen Aufpasser im Augenblick der Empfängniß gehabt hat? Die ruhige, klare Darstellungsweise, Besonnenheit und Billigkeit haben vielleicht dadurch gewonnen; aber auch Begeisterung, kräftiges Gefühl, aufrichtige, herzliche Mittheilung? — Und soll wirklich der Dichter darnach streben, bei seiner Kunst kalt zu bleiben? Ist es eine Vollkommenheit mehr, daß seine Individualität sich in der Allgemeinheit verliert? In der Dichtkunst ist und bleibt meiner Ansicht nach das Subjective doch die Hauptsache. Je genialer ein Dichter ist, desto vielseitiger ist er gewiß auch; desto mehr verschiedene Objecte kann er durchdringen und darstellen. Aber die Poesie besteht gerade in diesem schönen Empfangen und Darstellen. In den Werken eines Dichters bewundern wir ganz besonders seinen Geist. Wenn wir den Straßburger Münster sehen, oder das Leben des alten Ritters Berlichingen oder das Mährchen vom Faust lesen, so wirkt das Alles ganz anders auf unsere Seele ein, als wenn wir Göthe's Beschreibungen und Bearbeitungen lesen. Deßhalb muß der Dichter, meine ich, sich ebensowenig allzusehr in dem Gewimmel der Objecte zerstreuen, als sich zu einseitig bei dem einzelnen Objecte aufhalten; er darf auch nicht suchen durch Kunst die Eigenheit seines Wesens (Originalität) in Allgemeinheit zu verwandeln. Er ist und bleibt doch eine schöne Ausnahme; das soll er sein und sich davor hüten, ein Sonderling zu werden. — Daß der große Göthe, obgleich er in späteren Jahren seine Gedichte dictirte, uns doch noch viel Schönes schenkte, das danken wir seinem mächtigen, durch keinen Zwang ganz zu fesselnden Genius. Aber ich bin überzeugt, er würde bis ans Grab noch mehr von seinem humoristischen Jugendfeuer, von jener schönen Leidenschaft eines gefühlvollen Herzens ohne Nachtheil für seine Kunst bewahrt haben, wenn er nicht dictirt hätte. Man brauchte ihn ja nur reden zu hören, um sich hiervon zu überzeugen.

Bekanntschaft mit Hegel.

In Jena machte ich die Bekanntschaft des Philosophen Hegel auf eine schnurrige Weise. Er war damals noch nicht so berühmt und vergöttert, wie er es viele Jahre später wurde, obgleich er bereits ein Mann in seinen besten Jahren war. Wir waren zusammen in Gesellschaft, wo ein Fremder eine sentimentale Arie beim Clavier singen wollte. Hegel und ich standen hinter dem Stuhle des Sängers; es wollte ihm nicht recht gelingen und die Verlegenheit, die in jedem Augenblicke das zarte Gefühl unterbrach, das dann wieder von Neuem angeknüpft werden mußte, war so komisch, daß weder Hegel noch ich uns des Lachens erwehren konnten. Nun mußten wir noch höflich sein, und daraus entsprang der komische Zustand, den man oft bei Kindern sieht, die nicht lachen dürfen und dadurch nur noch stärker dazu gereizt werden. Es amüsirte mich, mit dem tiefen Denker in dieser komischen Situation mich zu befinden. Das brachte uns gleich in eine Art Vertraulichkeit zu einander, und so lange ich in Jena war, erwies Hegel mir stets Freundschaft. Wir gingen täglich mit einander um, er war lustig und gutmüthig, ich bewunderte seinen Scharfsinn, und er achtete meine Ansichten und Gedanken, obgleich ich kein theoretischer Philosoph war oder sein wollte. Ich disputirte auch mit ihm, weil er Göthe's Götz von Berlichingen durchaus nicht leiden konnte.

Eine Landpartie.

Mit ihm, mit Major Knebel, Professor Schelfer und Doctor Seebeck bestieg ich eines Tags den Berg Gensich bei Jena. Knebel erzählte mir auf dem Wege Viel aus Göthe's Jugend. Es war ein warmer Tag und wir waren durstig. Am Abhange des Berges lag ein Garten, von wo Schelfer uns einige Hände voll Kirschen und Johannisbeeren holte. „Was wagen Sie da?“ fragte ich lachend. „„Es ist freilich Diebstahl!““ antwortete er, den Mund voll von Kirschen. „Ach,“ — sagte Hegel, „Schelfer ist Botaniker! daraus folgt, daß alle Kräuter und Früchte der Gegend ihm unterthänig sind. Wenn ihn Jemand mit seinem gestohlenen Gute treffen sollte, so braucht er nur zu sagen, daß er botanisirt und Alles ist in Ordnung.“ Auf dem Rückwege plagte uns wieder der Durst. Nun fanden wir zwar keine Johannisbeeren, dagegen aber einen klaren Bach, um den wir uns Alle niederlegten und Wasser durch Strohhalme einsaugten. Dies muß eine sehr malerische Gruppe abgegeben haben; aber sie war zugleich allegorisch: so saugen Helden, Philosophen, Gelehrte und Dichter Erquickung durch das kleine Saugrohr des Lebens aus der stets vorüberfließenden Lebensquelle ein, und vergessen nicht die schönen Augenblicke, wo sie es in brüderlicher Eintracht mit einander thaten.

Gedicht an Charlotte Schiller.

Göthe reiste bald nach Carlsbad, Frommann nach Gotha, ich wartete nur auf meinen Wechsel; er blieb vierzehn Tage zu lange aus. Indessen verlor ich den Muth nicht; ich brachte drei Acte meines Aladdin's in deutsche Jamben. Frommann wollte den Verlag übernehmen, wenn das Manuscript fertig sei, welches ihm dann gleich zugesandt werden sollte. Göthe hatte mir versprochen, den Hakon Jarl auf den besten deutschen Theatern zur Aufführung zu bringen. Endlich kam der Wechsel und zugleich mit ihm mein Landsmann, der Probst Engelbreth. Ich besuchte erst den Superintendenten Marezoll, dessen Predigten ich in Kopenhagen gern gehört hatte; ich grüßte ihn von seinen Freundinnen, Frau Rahbek und Christiane Heger; darauf reiste ich mit Engelbreth nach Dresden. Frau Schiller hatte mir die lyrischen Gedichte des seligen Schiller zum Geschenk gesandt; ich schickte ihr dafür folgendes Gedicht, welches an der Spitze meiner gesammelten deutschen Gedichte steht.

An Charlotte Schiller.

Der Sänger geht am schmalen Stege,
Im Schatten blühender Natur;
Verschmäht die gar zu breiten Wege.
Gepflastert durch des Haufens Spur;
Da muß er Vieles überwinden,
Durch manchen Dorn er dringen muß;
Wo er gehofft, den Bach zu finden,
Trifft er den brausend wilden Fluß.
Doch kämpft er gern sich, unverdrossen,
Selbst durch den tiefsten Tannenwald;
Wird er mitunter rund umflossen —
Es muß sich ja doch enden bald!
Wo Dornen stechen, blühen Rosen;
Das Dickicht führt zu einer Au',
Es endigt sich der Wolke Tosen,
Sie flieht und läßt den Himmel blau.
Und steht er endlich dann im Haine,
Im dunkelgrünen Buchenhain,
Röthlich beglänzt im Abendscheine,
Dann ist er länger nicht allein.
Wie durch der Aeolsharfe Töne
Die Lüfte gaukeln, voller Lust,
So zittert auch durch ihn das Schöne,
Und klingt hinaus durch seine Brust.
Und durch die Bäume drängt sich leise
Zum breiten Heerweg der Gesang:
Da kommt das Rad aus seinem Gleise,
Dem Fuhrmann wird's im Herzen bang';
Zum grünen Tempel der Gesänge
Fühlt er zu lenken sich geneigt;
Besinnt sich aber, folgt der Menge,
Glaubt, daß sich dort die Elfin zeigt.
Der Sänger wandert über Hügel.
Er steigt getrost, und kommt der Fluß,
Dann schwimmt er kühn; mit losem Zügel
Auf Abenteu'r er reiten muß.
Und Alles, was ihm so begegnet,
Dringt in sein Herz gewaltig ein;
Und ob es stürmet oder regnet,
Muß er doch wohl zufrieden sein.
Nichts Endliches kann ihn beglücken,
Nichts Endliches vernichtet ihn.
Und jede Kraft muß ihn entzücken
Und durch sein ganzes Wesen glühn;
Im Schauen muß er sich vertiefen,
Was ihn verhindert, merkt er kaum;
Es ist ihm, als wenn Viele schliefen;
Selbst freut er sich im schönsten Traum.
Doch hat er lange so mit Wonne
Den schönen Weg zurückgelegt,
Dann kommt der Abend, sinkt die Sonne,
Und kalt sich jedes Blatt bewegt,
Dann ist er Mensch; und er begehret
Nach dem, was wieder ihn belebt;
Was ihm der Augenblick verwehret,
Weil er nicht klug danach gestrebt.
Doch kommen Bauern her im Walde,
Und speisen ihn mit Obst und Brot.
Er ißt, trinkt aus der Quell', und balde
Vergißt er die verschwundne Noth.
Und mit der frühen Morgenröthe
Erwacht er bei dem ersten Schall,
Blickt um sich, greift und bläs't die Flöte,
Wetteifernd mit der Nachtigall.
Es kommen aber viele Tage,
Wo nicht die Sonn' im Walde scheint;
Es tobt kein Sturm; in stummer Klage
Nur Gras und Blatt und Hügel weint;
Es ist nicht Kampf, kein kühnes Ringen,
Ist lebenlose Trauer nur;
Die Harfe selbst kann hell nicht klingen;
Sie ist so schlaff, wie die Natur.
Dann sehnt er sich wohl nach den Mauern
Und in den lichten Saal hinein,
Wo Gäste sitzen ohne Schauern,
Bei schönen Frauen, gutem Wein.
Dann denkt er auch, wenn fern er schauet
Ein schönes, reichbegabtes Haus:
Warum ist es nicht Dir erbauet?
Und warum schließt Dich Alles aus?
Und weil er fühlt im tiefsten Herzen,
Was auf die weiche Seele fällt,
Müßt' ihn auch tief und bitter schmerzen
Die Stumpfheit, Blödigkeit der Welt,
Und die Verschmähung seiner Lieder,
Der Hohn, der Trotz, der Frevelmuth,
Wenn die Natur nicht freundlich wieder
Das Unheil machte immer gut.
Am Wege, dort wo er gesungen,
Neugierig horchten sie, im Flug;
Kaum aber war das Lied verklungen,
So hatten sie daran genug!
Er sang von Ceres Aehrenhaufen,
Die in den goldnen Garben stehn.
Sie gehn das Korn nur zu verkaufen;
Im Gelde nur das Gold sie sehn.
Jetzt singt er laut in ernsten Liedern
Von der verschwundnen Menschen Thun,
Erzählt von den verstorbnen Brüdern,
Die tief im moos'gen Grabe ruhn.
Er singt: Wie durch des Grabes Hügel
Sich hebet frisch der Rosmarin,
So hebt sich auf der Zeiten Flügel
Das Leben auch zum neuen Blühn.
Sie hören's nicht. Doch Ein'ge kommen,
Und sie verlassen ihren Weg;
Sie haben gern das Lied vernommen
Und folgen ihm auf seinem Steg.
Und hurtig wird der Bund geschlossen;
Die Seele kennt die Seele bald.
Und öfter folgen unverdrossen
Sie ihrem Freund durch seinen Wald.
Doch Männer sind zur That berufen,
Und That verhindert der Verein;
Sie müssen steigen ihre Stufen
Und mit sich selbst beschäftigt sein.
Das Lied giebt ihnen Muth und Leben,
Ermuntert gehn sie wieder fort.
Sie danken ihm, weil er gegeben —
Und — einsam steht er wieder dort.
Wer sitzet auf der Wolken Rande,
Den Lorbeerzweig in weißer Hand,
In himmelstrahlendem Gewande,
So fremd und doch so wohlbekannt?
Entfernet von dem Erdgetümmel,
Vernimmt sie doch das Lärmen gern;
Vergißt darüber selbst den Himmel;
Es klingt ihr wie ein Lied von fern.
Es ist die Muse. Freundlich schauet
Sie ihren vielgeliebten Sohn.
Ihr sanftes Auge sich bethauet;
Sie sinnt auf einen würd'gen Lohn;
Sieht, wie nach ihrem Götterbilde
Er strebt so treu, bei Tag und Nacht;
Und — eine Jungfrau — schön und milde,
Begegnet sie ihm auf der Jagd.
Erröthend nähert sich die Schöne
Verschämt dem vielgeliebten Mann;
Und — wie Telemachos Athene —
So staunet sie der Jüngling an.
Er kannte längst das holde Wesen,
Sieht sie doch jetzt zum ersten Mal.
Er kann in ihren Blicken lesen
Und fühlt der Göttin Liebestrahl.
Da singt sie: Jede schöne Blume
Hebt sich mit ihrer Blätterschaar
Vom Staub hinauf zum Heiligthume,
Und reichet Gott die Krone dar.
Doch stehn die Wurzeln tief im Grunde,
Worin der Lebenssaft sich regt;
Daß sie gedeih', daß sie gesunde,
Ist nöthig, daß sie Liebe pflegt.
Ich will die Gärtnerin im Garten
Dir werden, denn Du liebest mich!
Entwickle Blumen aller Arten!
Ich hege, Freund, ich pflege Dich.
Nie sollst Du Dich allein befinden;
Scheint nicht die Sonne länger warm,
Wenn Strahlen, Tag und Farben schwinden,
Dann ruhe süß in meinem Arm. —
Er sieht der Mittlerin des Lebens
Entzückt in's lichte Augenpaar.
Er überredet sich vergebens,
Daß dieß ein irdisch Mädchen war!
Er fühlt sich neubegeistert wieder,
Der Weg ist länger nicht so hart.
Er singt sein Heil, — und schöne Lieder
Verkünden ihre Gegenwart.
Sie hat mit Lorbeern ihn bekrönet,
Und durch ein wundersam Geschick
Sieht er sich plötzlich ausgesöhnet
Jetzt mit der Zeit, dem Augenblick.
Nun will er nichts von Trennung wissen!
Das Glück steht ihm nicht länger fern.
Was Lieb' erst hatte wild zerrissen,
Vereinigt Liebe wieder gern.
Ein jeder Sänger, dessen Leier
In Waldes Einsamkeit ertönt,
Trifft seine Muse, die ihn, freier,
Bald mit der ganzen Welt versöhnt.
So schmücktest Du dem großen Sänger
Den Weg mit lichtem Lebensmai;
Du machtest ihm den Busen enger,
Und dadurch ward der Busen frei.
Du lindertest so hold sein Leiden,
Da war das Leben nicht vergällt;
Beglücktest ihn mit Vaterfreuden
Und zeigtest heiter ihm die Welt.
Da ward er ruhig und geduldig,
Er fühlte sich von Gott bestrahlt.
Wir sind ihm, ach, so Vieles schuldig!
Doch Du hast ihm für uns gezahlt.
Drum nimm auch dieses Lied zum Danke,
Das treu aus meinem Herzen bricht;
Wohin ich in der Welt auch wanke,
Vergeß' ich Deiner Milde nicht.
Ich seh' im heil'gen Abendschauer,
Wenn düster die Cypressen wehn,
Dich, eine Blum', in Liebestrauer
Am Grabe des Geliebten stehn!

Antwort darauf.

Als Antwort auf dieses Gedicht erhielt ich folgenden Brief von ihr:

Weimar, den 14. Juli 1806.

„Ich fühle wohl, daß es mir nicht gelingen kann, Ihnen auszusprechen, was mein Herz bewegt, und doch möchte ich Ihnen sagen, wie tief mich Ihr Gedicht ergriffen!

Ich danke Ihnen, daß Sie mich verstanden haben, daß es Ihnen klar wurde, den Wunsch aufzulösen, der mich durch mein Leben begleitete. Ich danke Ihnen, daß Sie es ausgesprochen, was ich Schiller sein wollte.

Doppelt heilig ist mir dieses Gedicht, es wird mir ein süßes Andenken meiner Liebe bleiben, und ich werde immer mit Wehmuth bei dem Geiste verweilen, dessen schöne Phantasie in so reichen Formen die Gefühle meines Herzens ansprach.

So lange ein Herz fähig ist, sich vor den ungefälligen harten Eindrücken einer ungleichartigen Welt zu verwahren, so lange wird auch auf jedes Gemüth alles Große und Schöne, was Sie so tief zu fühlen vermögen, und mit solcher Wärme aussprechen, tief wirken. Ich hoffe, daß der Genius der Dichtkunst mir hold bleiben wird bis ans Grab, und mir solche freundliche Erscheinungen noch schenken, wie mir die Ihrige war.

Ich hoffe auch, wir sehen uns wieder, mein Antheil und meine Dankbarkeit werden stets Gefühle für Sie bleiben, die ich mir gern im Herzen aufbewahre. Möge die Welt immer Ihrem Geiste in einem hellen Glanz erscheinen und die Freude Sie begleiten! Leben Sie wohl und glücklich!“

Charlotte v. Schiller.


Reise nach Dresden.

Am 12. Juni zogen wir im schönsten Wetter von Jena durch Lützen und stiegen auf der Landstraße einen Augenblick ab, um den mit Pappeln umringten Stein in der Nähe zu betrachten, wo der große Gustav Adolph gefallen war. In Leipzig aßen wir Lerchen, besuchten die schönen Spaziergänge und das Grab des guten Gellert.

Mit uns waren zwei Juden, die auf dem Wege sehr andächtig beteten. Wir kamen an einem Galgen vorüber; in Folge dessen äußerte der eine Jude mit größter Bitterkeit seine Indignation über die übertriebene Gerechtigkeit. „Sie sind froh“ — sagte er — „wenn sie Einen zu hängen kriegen; damit die Gerechtigkeit nicht vergessen werden soll.“

Wir übernachteten in der Stadt Oschatz, welchen Namen August II. der Stadt gegeben, weil er daselbst ein hübsches Mädchen gesehen hatte.

Durch Meißen kamen wir an den herrlichsten Elbgegenden entlang nach Dresden, und hier traf ich wieder eine anmuthige Natur, wie ich sie, seitdem ich Dänemark verließ, nicht gesehen hatte; denn der Garten in Weimar war wohl schön aber klein; die Gegend bei Halle kann nicht mit der seeländischen verglichen werden, und Berlin liegt in einer Sandwüste.

Paßverdrießlichkeit.

In Dresden verlangte der Wirth meinen Paß. Ich hatte von Kopenhagen meinen Rathhauspaß mitgenommen, weil ich damals noch nicht wußte, ob ich das Reisestipendium bekommen würde. Als ich den Brief von der Direction des Fonds ad usus publicos erhielt, hätte ich gleich einen ordentlichen Paß von Hause verlangen sollen; aber das hatte ich vergessen. Ich war von Halle nach Berlin, von Berlin nach Weimar und Jena gereist, ohne daß Jemand verlangt hätte, meine Legitimation zu sehen. Ich sagte also dem Wirth in Dresden, daß ich nur einen dänischen Rathhauspaß hätte, daß ich aber gleich zu unserm Minister gehen, und ihn um ein paar Zeilen zur Aushülfe so lange bitten wolle, bis ich einen französischen oder lateinischen Paß von Kopenhagen erhielte.

Ich traf den Minister nicht zu Hause; aber um mich zu legitimiren, sandte ich ihm einige Briefe, und unter diesen den Brief von der Direction des Fonds ad usus publicos.

Der Minister von Bülow ließ mich rufen. Ich kam. Er trat mir langsam mit den Papieren in der Hand entgegen und sagte sehr ernst: „Ich sehe, Sie reisen auf Menschenkenntniß, und Sie haben keinen Paß? Wie soll ich das verstehen?“ Ich antwortete: „„Ew. Excellenz! gerade weil ich noch keine Menschenkenntniß habe, reise ich, um sie zu erlangen.““ „Ja, mein Herr,“ entgegnete er, „das ist ganz schön! Sie schicken mir Ihre Papiere, um mir Ihre Persönlichkeit zu beweisen; aber ich will Ihnen Etwas sagen! lassen Sie uns den Fall setzen: Sie verlieren diese Briefe, ein Anderer findet sie, und giebt sich für Sie aus (wir haben vor Kurzem einen solchen Fall gehabt); soll ich ihn deshalb gleich für Sie halten?“ — Ich entgegnete: „„Ich verdenke es Ew. Excellenz nicht, daß Sie an meiner Ehrlichkeit zweifeln; aber Sie können es mir auch nicht verdenken, wenn mir dies sehr unangenehm ist. Doch ich will Ihnen einen Vorschlag machen““ — fuhr ich lustiger fort — „„Sie hören doch, daß ich ein Däne bin; geben Sie mir ein Thema, welches Sie wollen; geben Sie mir Feder, Dinte und Papier; dann will ich Ihnen gleich einen Vers darüber machen. Es wäre doch wunderlich, wenn es sich so träfe, daß der unrechtmäßige Finder der Briefe auch ein dänischer Dichter wäre. Doch ich weiß ein besseres Mittel,““ sagte ich ernster, „„unten auf der Straße begegnete ich dem Herzog von Weimar; er hat mich bei seiner Frau Mutter der Herzogin Witwe gesehen; ich will Se. Durchlaucht um ein paar Zeilen bitten, durch die ich mich legitimiren kann, bis mein Paß von Kopenhagen kommt. Ich habe bereits darum nach Hause geschrieben.““ Nun fragte der Minister, ob ich mich nicht setzen wolle, es ließe sich wohl noch Alles in Ordnung bringen; aber ich verbeugte mich und empfahl mich gehorsamst.

Zusammentreffen mit Landsleuten.

Mehr Unannehmlichkeiten bereitete mir diese, freilich unverzeihliche Vergeßlichkeit nicht. Ich brachte dem Appellationsrath Körner einen Brief von Göthe; meine Landsleute Bröndsted und Koës kamen kurz darauf nach Dresden; Engelbreth war bereits mit mir angekommen. Bald traf auch Bischof Münter ein; und so wurde es mir leicht, meine Persönlichkeit, und daß ihr nichts Ungesetzliches anhafte, zu beweisen. Der Minister, der durchaus Nichts gegen mein Ich einzuwenden, sondern nur an dessen wirklicher Existenz gezweifelt hatte, lud mich später zu sich zu Tisch. Aber ich entschuldigte mich ehrerbietigst. Es war mir unangenehm, einen Mann wiederzusehen, der einen Augenblick an meiner Ehrlichkeit gezweifelt hatte. Es nützte Nichts, daß die Andern mir sagten: „Aber er kannte Dich ja nicht!“ — Mit jugendlichem Uebermuth antwortete ich: „„Er hätte mir auf mein ehrliches Gesicht hin glauben müssen.““ — Seine Töchter traf ich später zuweilen bei Körner's; sie waren sehr liebenswürdig und geistreich; wir sprachen oft freundlich mit einander und eines Abends begleitete ich sie bis an ihre Hausthür.

Komische Scene mit Bischof Münter.

Mit dem Bischof Münter traf in Dresden eine komische Szene ein, die ich, so unschuldig sie auch war, während seines Lebens doch nicht veröffentlichen wollte. Nun kann sie mit als ein Beitrag zu den nicht wenigen Anekdoten dienen, welche von den Zerstreutheiten dieses gelehrten gutherzigen Mannes erzählt wurden, deren doch viele erdichtet sind, oder ihn nicht betrafen.

Er hatte gehört, daß ich meinen „Baldur den Guten“ vollendet, und darin Trimeter, Anapäste und mehrere griechische Versformen angebracht hatte; als ein großer Freund und Vertrauter der Griechen, als ein Jugendfreund von Ewald, der auch einen Balder geschrieben hatte, wünschte er nun, das Stück zu hören. „Besuchen Sie mich morgen Nachmittag!“ sagte er, „und lesen Sie mir Ihren Baldur vor, dann wollen wir eine Tasse guten Thee zusammen trinken. Hier in Dresden giebt es keinen guten Thee, aber ich habe solchen von Kopenhagen mitgenommen.“ — Ich kam zur bestimmten Zeit, doch als ich ins Zimmer trat, fand ich den Bischof von einem Dampf umgeben, der ihn fast unkenntlich machte, und der mir, der ich aus der frischen Luft kam, so drückend auf die Brust fiel, daß mein erstes Wort war: „Um Gottes Willen, Ew. Hochehrwürden! wie können Sie das aushalten?“ worauf ich, ohne um Erlaubniß zu bitten, hineilte und beide Fenster weit aufriß. — „„Ja, ich kann es gar nicht begreifen, es raucht hier drin auch mitten im Sommer, wenn man gar nicht einheizt.““ — Nun entdeckte ich mitten im Rauch einen Theekessel auf einem Feuerbecken mit Kohlen, die noch nicht ausgebrannt waren und einen tödtlichen Qualm verbreiteten. „Das kommt vom Feuerbecken!“ rief ich. — „„Ja wahrhaftig,““ sagte der Bischof, „„das glaube ich auch, da hat Johann wieder (oder wie der Diener hieß) einen dummen Streich begangen. Johann! Johann! nimm gleich das Feuerbecken hinaus. Wie ungeschickt benimmst Du Dich?““ — Johann kam herein, setzte den Theekessel auf die Ofenplatte und nahm das Becken mit sich hinaus. Nun fing der Bischof an, mich sehr eifrig über den Baldur zu fragen. Als eine geraume Zeit darüber vergangen war, nahm ich mir die Freiheit, ihn daran zu erinnern, daß wir ja guten Thee trinken wollten. „Das ist wahr!“ rief er, „das hätte ich beinahe vergessen.“ Darauf warf er eine große Hand voll von dem guten Thee (es war grüner Thee) in die Kanne, goß sie voll lauwarmen Wassers (denn das Wasser im Kessel hatte zu kochen aufgehört), und ohne einen Augenblick zu zögern (da er sich darnach sehnte, das Stück zu hören), schenkte er die Tassen voll. Die grünen zusammengerollten Blätter hatten nicht Zeit gehabt, sich zu entfalten, und da die Theekanne eine große Oeffnung hatte, kamen mehrere Blätter in demselben Zustande in die Tassen, in dem die Hand sie in die Kanne gebracht hatte. So bekam ich also „guten Thee“ zum ersten Mal in Dresden, so wie man ihn in China selbst trinkt: mit den Blättern darin; aber wenn meine Dichterblätter dem Bischof nicht besser geschmeckt haben, als seine Theeblätter mir, so wäre es schlimm gewesen.

Das ließ ich mir damals nicht träumen, daß ich später zwölf Jahre im Hause dieses edeln Mannes wohnen, und daß er fast in meinen Armen sterben würde.


Theodor Körner.

Körner war Schiller's Jugendfreund gewesen. Auf seinem Weinberge hatte der unsterbliche Dichter seinen Don Carlos geschrieben. Die ganze Familie hatte sehr viel Sinn für Poesie. Theodor, der spätere Held und Tyrtäus war damals, als ich sie besuchte, ein hübscher vierzehnjähriger Knabe, der sehr fromm und aufmerksam zuhörte, wenn ich meine Gedichte vorlas. Seine Schwester Emma malte schön; ein Fräulein Kunze, welche dort im Hause war, sang vortrefflich. Der muntere, geniale Italiener Paër, den Napoleon später als Kapellmeister nach Paris berief, kam häufig in Körners Haus und ich hörte ihn oft selbst mit den Damen aus seinem Sargino singen. Fräulein Stock, eine vortreffliche Pastellmalerin, Frau Körner's Schwester, war munter und witzig und amüsirte sich zuweilen damit, mich meiner allzugroßen Jugendlichkeit und Vorliebe für das Blühende wegen zu necken.


Ansichten über Kirchenmusik.

Es freute mich, Musik in der katholischen Kirche zu hören, doch war die Musik hier nicht immer nach meinem Sinn: sie war mir zu sinnlich, zu lärmend. Ich vermißte die ernste würdige Erhebung, das treue innige Gefühl; und obgleich ich über die starken Diskantstimmen der Sänger staunte, konnte ich doch nicht umhin, an das Schicksal dieser armen Menschen zu denken, und dies störte mein religiöses Gefühl vollständig. Ich sprach einmal mit einem Landsmanne, der sich in Dresden niedergelassen hatte, über diese Sänger und äußerte ihm mein Mißvergnügen. Er war ein sehr tüchtiger Kopf und selbst ein guter Künstler; aber paradox und scharf in seinen Ansichten. „Sind Sie auch so ein nordischer Barbar, der der großen Kunst nicht einmal ein kleines Opfer gönnt?“ — „„Man sollte solche Virtuosen, wie die Baßgeigen, in Futterale hinstellen, wenn man sie gebraucht hat,““ entgegnete ich; „„es schneidet mir ins Herz, einen so aufgeschwollenen, schwammigen Halbmann zu sehen. Es widert mich an, daß ein armes Geschöpf, an dem die Menschen sich versündigt haben, als Wortführer für die Menschen auftreten und Bravourarien zu Gottes Ehre krähen soll. Das kann weder rühren, noch stärken, noch erheben; und was ist Kirchenmusik, wenn sie das nicht kann?““ — Der bewundernde Kenner zuckte die Achseln und hatte wahrscheinlich Mitleiden mit meinen Ansichten. Ein anderes Mal stand ich mit einem klugen Mann vor einem Portrait von Göthe, welches Buri gemalt hatte, und vor einer Copie von Leonardo da Vinci's Christus, wo er sagt: Gieb dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist. „Welch ein Unterschied,“ sagte ich, „auf diesen beiden Gesichtern!“ — „„Ja gewiß,““ entgegnete der Andere: „„Hier ist ein Antlitz voller Hoheit und Unschuld, und dort ein Mensch, der, wenn er in sein eigenes Herz blickt, lauter schwarze Flecken findet.““ — „Flecken finden alle Menschen in ihren Herzen,“ antwortete ich. „Das Andere ist ein Ideal; aber es erscheint mir trotz seiner Schönheit doch zu weibisch für einen Christus.“ So mußte ich mich größtentheils durchschlagen; denn ich hörte oft übertriebene, einseitige Ansichten, nicht der Modeansichten zu gedenken. Ich habe mich immer über jede Mode geärgert, die die Menschen in eine einseitige Richtung hineinziehen will. Nun sollte Alles katholisch, altdeutsch oder italienisch sein, und was nicht so war, das war vom Uebel. Ich fühlte einen Trieb in mir, mich der verschmähten Gegenwart und ihrer guten Leistungen anzunehmen. In diesem Vorsatz war ich durch Göthe, der dies Franz-Sternbaldisiren, wie er es nannte, auch nicht leiden konnte, bestärkt worden.


Ansichten über die Malerkunst.

Ich besuchte gern die Bildergalerie. Ich habe den Lesern erzählt, daß ich nicht unbewandert in der Zeichnenkunst war; und Alles, was die Malerei an Poesie in sich aufnehmen kann, konnte natürlich einem mit Worten malenden Dichter nicht fremd oder gleichgültig sein. — Aber das war bei Weitem nicht genug; das nannte man jetzt etwas Untergeordnetes. Mit dem religiösen Gefühle sollte man nun die Werke auffassen; nur so könne man ein Eingeweihter der Kunst werden. Ich dachte: Auch gut! Alles Poetische gründet sich ja zuletzt auf ein religiöses Gefühl; ich kann auch fühlen. Aber wieder vorbeigeschossen! Dies wurde trivial und sentimental genannt! Eine erhitzte Phantasie mußte mit mystischen Bildern ausgeschmückt werden; wenn diese Bilder auch zuweilen apocalyptisch sein mochten, so war das um so besser.

Wie leicht es war, einen solchen Kunstsinn, bei geistlosen ungebildeten jungen Männern zu wecken, ist leicht zu begreifen; und deßhalb traf ich auch jeden Augenblick Kunstkenner, welche nicht wußten, wie eigentlich ein Arm oder ein Bein aussehen müsse; die nie in ihrem Leben ein menschliches Antlitz mit Aufmerksamkeit betrachtet hatten, die kaum blau von grün unterscheiden konnten, aber doch sehr tief und vornehm über alte Meisterstücke redeten, und mit Verachtung auf Alles herabblickten, was während ihrer Lebenszeit geschaffen war, wenn es nicht einen gewissen Zuschnitt hatte. — Wenn ich von pecus imitatorum rede, so meine ich natürlich nicht die geistreichen Männer, die durch ihre Schriften Veranlassung zu dergleichen Uebertreibungen gegeben haben. Ich habe vor jedem genialen Blicke Achtung, vor jeder originellen Idee, selbst wenn sie übertrieben ist. Die neuere Schule hatte das Verdienst, die Welt mehr als früher auf die zu wenig bekannten Kunstwerke des Mittelalters aufmerksam zu machen; und ich glaube, daß die Gemälde jener Zeit mehr verdienen, Meisterwerke genannt zu werden, als die Gedichte. Welcher Mensch mit Geist und Herz sieht nicht ein, daß eine poetische Composition schöner characteristischer Gesichter, ein lebhaftes frisches Colorit meisterhaft genannt zu werden verdienen, wenn selbst das matteste Auge in unserer Zeit einzelne technische Fehler entdecken kann? Welcher verständige Kenner verachtet nicht eine oberflächliche, flüchtige, coquette Manier bei vielen neueren französischen und italienischen Malern, unter der sich eben soviel technische Fehler, wie in jenen Bildern verbergen; wo aber weder Geist noch Gefühl oder Phantasie die Fehler ersetzen.

Ich schreibe hier keine Kunstkritik, und werde mich wohl hüten, dieses Buch, wie die Mode ist oder war; mit weitläufigen Gemäldebeurtheilungen anzufüllen. Ich habe immer gesucht, Sinn und Auge für malerische und plastische Gegenstände zu bilden, wie es sich für einen Dichter und einen Lehrer in den schönen Wissenschaften ziemt; aber um ganz in die Einzelnheiten solcher Dinge einzudringen, muß man selbst ausübender Künstler sein. Winkelmann, Lessing und Göthe haben vortrefflich über Kunstwerke im Allgemeinen gedacht; Wackenroder und Tieck haben Bilder empfunden und schön darüber phantasirt; und ich habe gern und oft diese Abhandlungen und Herzensergießungen gelesen. Auch Fiorillo und Fernow habe ich gelesen.

Die Dresdner Bildergalerie.

O wie gern sah ich 1817 die Galerie in Dresden wieder! Wie bewundernd denke ich nicht noch der herrlichen Bilder Correggio's, von denen die in seiner ersten Manier mir doch kräftiger und raphaelischer vorkamen, als die berühmte Nacht. Wie erfreute mich der strenge und unterrichtende Christus von Giovanni Bellini, ein herrlicher Gegensatz zu dem süßen Christusantliz von Carlo Dolce, das sich in Harmonikatönen aufzulösen scheint. Ich sehe noch das schöne, klare Bild von Holbein, wo die fromme Bürgermeisterfamilie die Mutter Gottes anbetet. Ich entsinne mich sehr wohl der Gemälde von Raphael's herrlichen Schülern Francesco Penni, Giulio Romano und Andräa del Sarto. Und nun all' die niederländischen und flämischen Herrlichkeiten einer muntern und treu aufgefaßten Natur, deren wir viel ähnliche in Kopenhagen haben.

Raphael's Madonna.

Das erste Mal besuchte ich die Galerie in Dresden mit einer Freundin, einer herzensbraven Dame in mittleren Jahren, einem Fräulein Alberti, die aber im hohen Grade von der neuen Schwärmerei angesteckt war. Mit ihr trat ich vor Raphael's Madonna hin. Ich erstaunte über die übernatürliche Schönheit und Wahrheit in diesem Bilde; aber als ich meine Freundin weinend und fast knieend vor dem Heiligenbilde sah, und sie mich in einem Bekehrungstone fragte: „Nun, Oehlenschläger, was sagen Sie jetzt?“ antwortete ich kalt: „„Es ist sehr hübsch!““ — „Gott im Himmel!“ rief sie seufzend, „Sie nennen Raphael's Madonna hübsch?“ — „„Liebe Freundin,““ entgegnete ich, „„sagen Sie mir nur Eins: Glauben Sie, daß Raphael im Stande gewesen wäre, solch ein Bild zu malen, wenn er so dagestanden und geweint hätte?““

Ich trat später allein vor das herrliche Bild hin und begriff nicht, wie so viel jungfräuliche Geistesruhe, Schönheit und naive Kindlichkeit zu Zerknirschung und wehmüthigen Betrachtungen Veranlassung geben konnte. Daß Maria mit dem Jesuskinde von der Erde zum Himmel emporzuschweben schien, war ja auch lustig; das thut jede reine und unschuldige Seele. Als ich nach Hause kam schrieb ich ein dänisches Gedicht über diesen Gegenstand, das ich später in meiner Novelle „die Mönchbrüder“ angebracht habe.

Polemische Gedichte.

Noch ein paar andere kleine deutsche Gedichte verfaßte ich in Dresden, um meinem Herzen Luft zu machen; denn mir war wirklich unter den Kunstkennern wie einem Manne zu Muthe, der zwischen einem glühenden Ofen und einem offenem Fenster sitzt, wo es stark zieht, so daß ihm die eine Seite ganz heiß, die andere ganz kalt wird. Das herzlose Demonstriren nach spitzfindigen, einseitigen, abstracten Regeln, war mir eben so zuwider, wie eine kränkliche Schwärmerei.

Künstlers Morgen- und Abendlied.

O heiliger Gott, was Dir gehört
Tief in der menschlichen Brust,
Nicht die gesunde Freude stört,
Ist nicht Schmerz, ist Lust;
Aeußert in That sich und frischer Kraft,
In blühender Schönheit Schein,
Nicht die Blüthen weg es rafft,
Liebt nicht Grab und Gebein.
Christus verließ das düstre Grab,
Fuhr zur Hölle nur kurz hinab;
Jetzt des Vaters Rechte ziert,
Dort nun thätig mit ihm regiert.
Weg, Du trüber, papistischer Dunst!
Seufzen und weinen ist keine Kunst,
Wirken und weben,
Nehmen und geben,
Und tüchtig streben,
Das ist Leben!
So wollen wir leben
Und etwas leisten!
Mehr, als die Meisten!
Es ist Gottesdienst, ein Werk zu vollenden,
Wieder bilden muß Gottes Bild.
Das wollen wir führen in unserm Schild'.
Teufel noch 'mal! so wollen wir enden.


Krittlers Litanei.
(Am großen Bußtage zu singen)

Ach, lieber Herr Gott, laß mich nie
Urtheilen, wie ein hölzernes Vieh!
Laß' mich nicht in gemalten Personen
Nur sehn mathematische Dimensionen!
Lege mir etwas in den Ofen, lieber Herr Gott.
Es friert mich, lieber Herr Gott und Vater!
Blase mir ein wenig mehr Geist in die Nase hinein,
Es soll Dein Schade nicht sein.
Ich will Dich dafür in den Werken erkennen,
Auch wohl bisweilen mit Ehrfurcht nennen.
Amen! —
Aber wenn's nicht anders werden kann,
Ach, so hilf mir armen Mann,
Daß ich einsehe bald und ganz haarklein:
In's Parterr' kommt Keiner ohne Zettel hinein.
Laß' mich die thörichte Lust verlieren,
Treibe fort den eiteln Dunst;
Lehre mich, statt Werke der Kunst,
Tuch oder Leder zu penetriren.
Die Welt wird dadurch nichts verlieren,
Die Kunst wird dadurch nicht krepiren.
Ich bitte darum auf allen Vieren.
Kyrieleison. Amen!


Die Bedeutsamkeit der Kunst.

Daß aber diese herrlichen Werke meine Seele nicht allein zu polemischen Ausbrüchen hinführten, zeigt das Fragment eines Briefes, welchen ich, gleich nachdem ich in der Bildergalerie gewesen war, meiner Christiane schrieb:

„Gestern war ich zum ersten Mal in der Bildergalerie. Was soll ich Dir von den zwei Stunden Aufenthalt unter all diesen Herrlichkeiten sagen? Es ist wie der erste süße Kuß der Geliebten. Wahrhaftig ich kam

in ein' Galerie
Voll Menschengluth und Geistes;
Mir ward es da, ich weiß nicht wie,
Mein ganzes Herz zerreißt es,
O Maler! Maler! rief ich laut,
Belohn' Dir Gott Dein Malen;
Und nur die allerschönste Braut
Kann Dir für uns bezahlen.„

Und damit sind sie auch bezahlt. Denn das schönste aller Mädchen, die Unsterblichkeit, hat sie in ihren Armen emporgehoben und sie mit ewigem Lorbeer bekränzt. Wenn man so in wenigen Momenten mit einem flüchtigen Blicke die concentrirte Kraft der Genialität und des Fleißes von Jahrhunderten betrachtet, so wird Einem zu Muthe, als ob Gott in einer Offenbarung die Geschichte zurückgehen und sich vor uns zeigen ließe. Und das thut er. Die großen Mirakel des Lebens äußern sich durch die Kraft und das Gebet der Zauberer und diese Zauberer sind die Künstler. O, wie dankte ich Gott, daß ich auch ein Künstler bin, als ich mit bebendem Schritte den Tempel der Kunst durchwanderte, daß auch ich Bilder geschaffen hatte und schaffen sollte, die die Brust kommender Geschlechter mit Freude und Andacht erfüllen würden, wenn die meinige längst ihren letzten Saft einer kleinen bald dahinwelkenden Grabesblume gegeben, und mein Staub sich mit dem Staube meiner Mutter Erde gemischt hätte. Lebe wohl, meine beste Christiane!“


Der Maler von Kügelgen.

Ich machte die Bekanntschaft des Malers von Kügelgen, eines tüchtigen Künstlers und vernünftigen Mannes, der nicht von der neuen Krankheit angesteckt war. Er malte mein Bild, das wahrscheinlich noch in Dresden vorhanden ist.

Kügelgen's Ermordung.

Er malte auch den Philosophen Adam Müller, dessen Vorlesungen ich hörte, an denen ich mich aber nicht sonderlich erbaute. — Merkwürdigerweise hatte Kügelgen, als ich seine Bekanntschaft machte, ein großes Gemälde vollendet, welches den von einem Discus verwundeten Hyacinth in Apollo's Armen sterbend vorstellte. War es eine Ahnung von Deinem Schicksale, armer Kügelgen? Sein Leben war merkwürdig; als Jüngling verliebte er sich in ein adeliges Fräulein; der Vater erklärte, daß, wenn er sich ein so großes Vermögen erworben, daß er unabhängig leben könne, und sich dann adeln lassen wollte, er sie bekommen sollte. Kügelgen war mit diesem Vorschlage zufrieden, ging nach Rußland, wo gerade Kaiser Alexander auf den Thron gekommen war und eine Menge goldener Dosen mit seinem Bilde darauf verschenkte. All' diese Bilder bekam Kügelgen zu malen, und er hatte sich eine so große Fertigkeit darin erworben, den Kaiser zu treffen, daß er ihn aus dem Gedächtniß malen konnte. Hierdurch erwarb er sich ein bedeutendes Vermögen, ließ sich adeln, reiste nach Deutschland zurück, heirathete seine Braut und war viele Jahre glücklich. Aber er hatte doch stets einen auffallend melancholischen Zug in seinem Gesicht. Vor wenigen Jahren, als er sich einen Weinberg in der Nähe von Dresden gekauft hatte, und den Herbst und Winter seines Lebens so recht im Schoße seiner Familie genießen wollte, wurde er eines Abends auf einem Wege, wo sonst nie Jemand überfallen wurde, von einem Menschen gemordet, der sich nur seiner Kleider bemächtigen wollte, um sie zu verkaufen. Am nächsten Tage fand der unglückliche Sohn die Leiche seines Vaters nackt und auf ein abseits gelegenes Feld hingeschleppt. Welch sonderbarer Uebergang vom Glück zum Unglücke im Leben eines Menschen!


Während ich in Dresden war, wollten meine Landsleute Bröndsted, Koës und Engelbreth eine Fußreise in die sächsische Schweiz machen; sie schnürten ihre Bündel und wollten mich bestimmen mitzureisen. Aber es war mir zu heiß mitten im Sommer. Ich wußte im Voraus, daß die Sonnenhitze und das Erkälten mir einen starken Schnupfen verschaffen würde, der gleich das Vergnügen störte, und ich sagte: „Nein, Kinder, zieht in Frieden dahin! Ich bin keiner jener Liebenswürdigen, die, wie Nvmphe in Göthe's kleinem Vorspiel „Was wir bringen“ sagt, es sich so sauer werden lassen, überall die holden Naturscenen aufzusuchen. Nun bin ich in Dresden und hier will ich in Ruhe und Frieden meine Dresdner Freude genießen. Ich mag lieber ein gutes einfaches Gericht, als viele kleine Gerichte, nach denen man seinen Apetit berechnend eintheilen muß.“

Zacharias Werner. — Herr von Rumohr.

Die Freunde stellten mir vor, daß diese Sophismen nur ein schlechter Ersatz für die Schönheiten der riesigen Gebirge seien; ich aber sagte ihnen Lebewohl und wünschte, daß Rübezahl ihnen nicht allzuviel Hokuspokus auf dem Wege in die Berge machen möge, und sie gingen. Um frische Luft zu schöpfen wanderte ich an einem Nachmittag zur Stadt hinaus nach einem Theater, welches man scherzweise „die Saloppe“ nannte, und das nicht viel zu bedeuten hatte. Aber es war ein schöner Spaziergang, wie von Kopenhagen nach Frederiksborg, und der Ort selbst war angenehm. Im kühlen, grünen Schatten konnte man draußen sitzen und Eis essen, wenn man die Komödie nicht sehen wollte. Hier traf ich einmal Zacharias Werner, der sehr freundlich und holdselig gegen mich war, aber gleich wieder wie eine Sternschnuppe verschwand; erst drei Jahre darauf machte ich in Coppet seine eigentliche Bekanntschaft.


Ich ging auch an jedem Tage in die Gemäldegalerie, besah die Antiken und die Mengs'schen Abgüsse. An den Antiken waren viele Theile so schlecht restaurirt, daß sie wirklich Buddings oder Würsten aus irgend einer Restauration der Stadt glichen.

Neues Begegnen Ludwig Tieck's.

Eines Vormittags, als ich nach Hause kam, erzählte das Mädchen, daß ein gewisser Herr Ludwig Tieck dagewesen sei, der mich besuchen wollte. Ich lief gleich wieder in die Galerie hinauf, denn ich hoffte ihn dort zu finden. Ich traf daselbst Herrn von Rumohr, seinen Reisegefährten, der mich in die Bibliothek hinaufführte, wo Tieck über einem alten Manuscript des Heldenbuches saß. Er eilte mir freundlich entgegen. Wir sprachen vertraulich mit einander, wie Brüder, die lange von einander getrennt gewesen waren. — Sein hübsches characteristisches Gesicht, sein schönes Organ, seine bewundernswerthe Beredtsamkeit, seine geistvollen braunen Augen nahmen mich gleich persönlich für ihn ein, und ich gefiel ihm auch. Ich dachte an das schöne Verhältniß zwischen Franz und Sebastian, zwischen Albrecht Dürer und Lucas von Leyden, in seinem Sternbald; und in den wenigen Tagen, die wir hier zusammen waren, lebten wir auch ganz so wie jene Künstler miteinander. Ich las meinen Hakon Jarl, einen Theil des Aladdin und das Evangelium des Jahres vor. Er zollte mir seinen herzlichen Beifall, und beklagte, daß Novalis nicht lebte, um das Evangelium hören zu können. Ich aß eines Mittags mit ihm und Rumohr; Tieck und ich tranken Brüderschaft. Er las mir Holberg's „Hexerei oder blinder Allarm“ in der alten deutschen Uebersetzung vor; ich bewunderte sein Talent zum Vorlesen; es gefiel mir, daß er den Holberg etwas anders auffaßte, als wir Dänen gewöhnt sind; es klang mir, wie meine Muttersprache im Munde eines schönen, fremden Mädchens, anmuthig, obgleich mit einem etwas ausländischen Accent. Wir disputirten zuweilen auch ein wenig aber freundlich, ohne Bitterkeit. Ich gestand ihm, daß mir seine Liebe und Bewunderung für die altdeutsche Poesie etwas übertrieben erscheine; daß die alte Zeit wohl sehr poetisch geworden sei, aber keine großen Poeten hervorgebracht habe. Stoff zum Dichten gäbe sie vollauf; die alten Dichtungen seien merkwürdig, hätten schöne Stellen und seien voll herrlicher Motive. Auch meinte ich, daß man nicht allzusehr die Sache der Aristokratie und Hierarchie reden und nicht zu sehr auf Aufklärung schelten sollte. — Tieck billigte übrigens gar nicht die modernen Uebertreibungen, und das dumm andächtige Wesen ärgerte ihn auch. Wir waren beide beim Abschiede gerührt.


Bekanntschaft mit der Familie von Zeschwitz.

Kurz nach Tieck's Abreise fragte mich ein Herr von Zeschwitz, dessen Bekanntschaft ich gemacht hatte, ob ich mit ihm hinauswolle und seinen Bruder, den Amtshauptmann besuchen, der eine Meile von Dresden wohne. Ich nahm das Anerbieten gern an, und der joviale Amtshauptmann kam mir sehr freundlich entgegen. Er war unverheirathet und bewohnte ein großes Haus mit seinen Leuten. Munter und geradezu fragte er mich gleich, ob ich mit ihm eine Reise nach Teplitz machen wollte? „Ich habe meinen eigenen Wagen,“ sagte er, „wenn Sie mir das Vergnügen bereiten wollen, mein Gast zu sein, und mit mir zu reisen, so wird mir die Reise einen doppelten Genuß bieten.“ — Ohne mich lange zu bedenken, entgegnete ich: „„Sehr gern, aber ich muß erst nach Dresden, um meine Sachen zu holen.““ — „So lasse ich gleich anspannen,“ rief er, „Sie fahren nach Dresden, holen Ihre Sachen, kommen zurück, bleiben die Nacht bei mir und Morgen begeben wir uns auf den Weg.“ — „„Mit Vergnügen!““ entgegnete ich. — Und als ich kurz darauf nach Dresden hinrollte, dachte ich: „Das ist etwas Anderes! So will ich die sächsische Schweiz gern sehen! War es nun nicht gut, daß ich mich von den fußreisenden Landsleuten nicht verführen ließ?“

Vorher hatte ich von der Gegend rund um Dresden nur das schöne Tharand gesehen, welches von doppeltem Interesse für mich war, weil Steffens daselbst ein merkwürdiges Jahr seines Lebens zugebracht hatte. — Nun fuhr ich mit meinem muntern zuvorkommenden Amtshauptmann nach Teplitz, und bekam dabei zugleich Etwas von Böhmen zu sehen. Wir kamen an unzähligen großen Crucifixen und Heiligenbildern vorüber. In Teplitz war ein hübscher Park voller Herren und Damen, ein nettes Theater, gute Musik und ein gutes Wirthshaus. In Außig gingen wir in die Kirche. Eine Mutter trat gerade mit ihrer kleinen Tochter zu gleicher Zeit mit uns ein; sie sprengte dem Kinde etwas Weihwasser aus dem an der Thür stehenden Becken ins Antlitz. Die Kleine wußte noch nicht, was es sei, blinzelte mit den Augen und rieb sie mit den kleinen, niedlichen Händchen: Ein schönes Bild zwischen den Kirchenpfeilern während die Sonne ihre Strahlen vom Fenster schräg durch die kühle Halle sandte. — Wir segelten auf der Elbe nach Schandau, kamen aber post festum; es waren nur etwa noch ein Dutzend Badegäste dort. Auf Königstein, einer unüberwindlichen Bergveste von der großen Baumeisterin Natur aufgeführt, erstaunten wir über den tiefen Brunnen, der 900 Ellen senkrecht durch den Porphyr hinunter geht. Um uns die Tiefe begreiflich zu machen, senkten die Leute erst einen Kranz mit angezündeten Lichtern hinab. Der Schein verlor sich mehr und mehr und schien zuletzt ganz zu schwinden; aber plötzlich fing es wieder von neuem zu leuchten an und dies war der Widerschein auf der tiefen Wasserfläche des Brunnens; darauf wurde ein Eimer Wasser heraufgeholt und in einem alten Glase, auf dem Verse eingegraben waren, überreichte man uns das demantklare Wasser, eine Gabe von der Unterwelt, das eiskalte Blut des Riesen Ymer. Dann wurde ein Eimer Wasser hinuntergegossen; ich lauschte vergebens, wandte mich zu meinem Reisegefährten und sagte: „Ich habe Nichts gehört, hörten Sie Etwas?“ — „„Still!““ flüsterte er, und in demselben Augenblick fiel das Wasser erst mit rasselndem Tone hinab. — In solchen Augenblicken redet die ewige Naturkraft aus der Ferne mit großen Telegraphenbuchstaben zu unserer Seele.

Reise nach der sächsischen und böhmischen Schweiz.

Auf der Elbe segelten wir nach Dresden zurück und wenn ich die drückende Mittagshitze ausnehme, so hatten wir eine sehr angenehme Reise und sahen die herrlichsten Aussichten und Gebirgsgegenden.

Ich saß bereits mehrere Tage wieder ruhig an meinem Schreibtische, als meine Landsleute von ihrer Fußreise zurückkehrten und sonnenverbrannt, wie die Zigeuner, eintraten. — „Ei,“ rief ich, „seid Ihr endlich wieder da? Allmächtiger Gott, wie seht Ihr aus! Rübezahl hat Euch zu Mohren verwandelt.“ — „„Aber dafür haben wir auch etwas gesehen!““ antwortete Bröndsted mit stolzem Selbstbewußtsein. — „Und wenn ich nun eben so viel gesehen hätte, wie Ihr, obgleich ich bereits seit mehreren Tagen wieder an meiner Arbeit sitze?“ Ich erzählte ihnen meine Abenteuer. „„Je größer der Schelm, je größer das Glück!““ riefen sie Alle. — Kurz darauf reiste Engelbreth nach Dänemark, und ich, der ich zuerst die Absicht gehabt hatte, nach Wien und Italien zu gehen, beschloß, über Weimar mit Koës und Bröndsted nach Paris zu eilen, um in ihrer Gesellschaft zu bleiben.


Briefe aus der Heimath.