Meine
Lebens-Erinnerungen.
Ein Nachlaß
von
Adam Oehlenschläger.
Deutsche Originalausgabe.
Dritter Band.
Leipzig
Verlag von Carl B. Lorck.
1850.
Bei meiner Heimkehr traf ich meine Christiane und ihren Vater nicht mehr in dem großen Hause und dem schönen Garten auf der Norderstraße; dieses war durch das Bombardement in Asche gelegt worden. Sie hatten nun eine beschränkte Wohnung an der Ecke der Büngaard-Gasse; aber der Alte hatte sein Bestes, seine Gemüthsruhe und die stille Munterkeit, gerettet. Er liebte wie früher Sprachstudien, Musik und mechanische Beschäftigungen. Mit Christiane besuchte ich die Gräfin Schimmelmann, die sie lieb gewonnen hatte und beständig bei sich sah. Auch mit dem Herzoge von Augustenburg hatte Christiane auf eine sonderbare Weise Bekanntschaft gemacht. Sie war gerade eines Tages mit der Gräfin in deren Schlafkammer, als der Herzog sich melden ließ. Die Gräfin Schimmelmann, die oft gute Einfälle hatte, bat nun Christiane — sie hatte gerade ihren reichen Haarwuchs bewundert — die Flechten aufzulösen, und sie von dem Kammermädchen so zurichten zu lassen, daß sie in den Haaren verborgen wie in einer Glocke stand. Darauf ging die Gräfin zum Herzog, und bat ihn, eine junge Dame mitbringen zu dürfen, welche wünschte, die Bekanntschaft seiner Durchlaucht zu machen. Und nun trat eine Gestalt ins Zimmer, von der man bis auf die Füße nichts weiter sah, als das reiche glänzende blonde Haar. — Auch die Bekanntschaft König Friedrichs VI. hatte Christiane auf eine eigenthümliche Art gemacht. Als die zwei Jahre von der Zeit meines Reisestipendiums verflossen waren, wollten Schimmelmann und Reventlow mir die sechshundert Thaler gern noch auf ein Jahr verschaffen; um aber eines guten Ausfalles gewiß zu sein, da die Poesie nicht in besonderer Gunst bei diesem guten, auf alles Nützliche väterlich bedachten Könige stand, wurde es bei Schimmelmann's folgendermaßen abgemacht: Christiane hatte sich in der letzten Zeit mit einer Freundin im Schönschreiben geübt und es darin weit gebracht. Nun mußte sie das Gesuch so schön, als möglich, schreiben und Schimmelmann brachte es zum Könige, dessen gutes Herz dadurch gerührt wurde, daß eine Braut auf diese Weise ihrem Bräutigam helfe; er bewilligte die Bitte, bewunderte die schöne Handschrift, und fragte, indem er mit dem Gesuch in das Cabinetsecretariat hineinging: „Kann Einer von Euch so hübsch schreiben?“
Meine Heimkehr und Professur.
Nach meiner Heimkehr machte ich dem Könige gleich meine Aufwartung. Es demüthigte mich Etwas, daß er, als ich ihm meinen Namen nannte, sagte: „So, so, Sie sind Oehlenschlägers Sohn!“ Meinen Vater kannte er natürlich vom königlichen Schloß her viel besser, als mich. Aber als das Gespräch gleich auf Axel und Valborg kam und er sagte: „Das Stück ist vortrefflich!“ fühlte ich mich wieder getröstet. Durch Schimmelmann's Einfluß auf den Herzog von Augustenburg und nach dessen Vorschlage, wurde ich kurz darauf als Professor der Aesthetik bei der Universität angestellt, ohne daß ich darum nachsuchte. Nach den geltenden Regeln hatte ich eigentlich keine Berechtigung, denn ich hatte nur das lateinisch-juridische Vorbereitungsexamen gemacht, wenn auch bereits vor 10 Jahren eine akademische Abhandlung geschrieben, die der Prämie würdig erkannt worden war, und dies hat vermuthlich zu meiner Anstellung beigetragen. Als ich dem Könige dafür dankte, sagte ich: „Ich muß die Gnade Ew. Majestät als einen Dichterlohn betrachten; aber dann muß ich auch glauben, Sie wollen, daß ich Dichter bleiben soll. Die Dichter gehören zu den Vögeln, welche in einem Bauer schlecht singen; ich glaube wohl, daß ich im Winter Professor sein könne, wenn ich im Sommer Poet sein darf, d. h.: wenn ich von den Sommervorlesungen entbunden werde.“ Dies fand er billig, und so hielt ich 22 Jahre lang, venia regis, keine Sommervorlesungen, bis ich mich ein Mal darein fand, um dadurch um so leichter eine kleine Gehaltserhöhung zu erlangen.
Dichter-Honorare.
Jetzt hatte ich 1200 Rbthlr., davon 600 von der Universität, 600 von der Finanzcasse. Daraufhin wollte ich mich nun verheirathen; man meinte, das müsse vortrefflich gehen, wenn ich Alles dazu legen wollte, was Aladdin's Lampe (die Poesie) einbringen würde. Ich glaubte es selbst; bis jetzt hatte ich mich nicht sehr viel mit der Oeconomie abgegeben, hatte mich mit meinen Ausgaben nach der Decke gestreckt, hatte keinen Schilling Schulden, sollte Honorar für Axel und Valborg bekommen, der bald aufgeführt wurde und hatte außerdem Correggio für die Einnahme des nächsten Jahres mitgebracht. Leider hatte ich mich aber nicht auf den Buchhandel verstanden, und litt deshalb einen unersetzlichen Verlust und verlor Einkünfte, die meinen Wohlstand hätten begründen können. Vieles konnte man aber auch nicht voraus wissen. Für meine ersten Gedichte gab Brummer mir 100 Rbthlr.; für die poetischen Schriften erhielt ich von Schubothe 6 Rbthlr. per Bogen, und mußte noch Vorwürfe hören, daß das Buch so groß geworden sei. Die nordischen Gedichte bekam ich etwas besser bezahlt, vielleicht das Doppelte; für Axel und Valborg erhielt ich endlich 300 Rbthlr.; aber 3000 Exemplare dieses beliebten Stückes sind gewiß im ersten Jahre verkauft worden. Für die folgenden Auflagen erhielt ich nicht einen Schilling. Nun war mir noch Correggio übrig, den mein früherer Verleger auch gern haben wollte. Als ich ihm erzählte, daß ich das Stück selbst verlegen würde, sagte er ganz betrübt: „Ach Herr Professor, das werden Sie doch nicht thun?“ — „Ja gewiß,“ antwortete ich, „es kann mir Keiner verdenken, daß ich mir selbst erwerben will, was ich nothwendig selbst brauche.“ Ich behielt es also, und ohne dieses Reiben der Lampe hätte mein Geist mir seine Gaben nicht gebracht. Aber er brachte nicht Gold und Edelsteine. Der größte Vortheil war in fremde Hände gekommen. Meine Schriften gingen wohl noch gut; aber nicht so reißend, wie in der ersten Frühlingszeit meines Auftretens, wo Alles neu und ungewöhnlich war. Ich verstand mich auch später nicht auf den Buchhandel, das wußte ich; Christiane verstand es auch nicht; aber sie wußte es nicht. Viel ging verloren; aber es kam doch so viel ein, daß ich in den ersten Jahren vor Nahrungssorgen sicher war.
Die Professur in Gefahr.
Ich muß bei Gelegenheit meiner Anstellung als Professor eines Mißverständnisses von Seiten meines Gönners, des Herzogs, gedenken, das mich fast um das Amt gebracht hätte, ehe ich es erhielt. Als ich ihn besuchte, um ihm zu danken, glaubte ich, daß ich ihm aus Dankbarkeit Etwas von meinen Plänen über meine bevorstehenden poetischen Arbeiten mittheilen müsse. Ich sagte ihm also, daß ich einen Roman schreiben wolle (aus dem nie Etwas geworden ist), in dem ich den Character der vier Religionen: des Christenthums, des griechischen und nordischen Heidenthums und des Muhamedanismus, darzustellen beabsichtige. Kurz darauf rief mich Schimmelmann zu sich, und sagte mir ganz betrübt, daß der Herzog befürchte mich zum Professor zu machen, weil ich meine Vorlesungen in einen Roman einkleiden wolle; daß ich durchaus zu ihm hineilen müsse, um dieses Mißverständniß zu heben, das das Schiff meiner Hoffnungen leicht stranden machen könne. Ich eilte also zum Patron, und erklärte ihm, daß das, was ich erzählt hatte, durchaus nicht meine Vorlesungen berühre: daß das der Plan zu einem Gedicht sei, welches ich im Kopfe hätte. Dies beruhigte ihn wieder; „denn,“ sagte er, „wenn das wäre! —“ Hierin lag gewissermaßen noch eine Warnung. Und als ich ihn verließ, mußte ich an den Kutscher denken, der auf die Polizei beordert war, weil er einen Menschen übergefahren habe, daselbst aber bewies, daß er es nicht gewesen sei; worauf der Actuarius, der doch meinte, daß er ihn nicht so ganz frei durchschlüpfen lassen könne, sagte: „Da Du es nicht gewesen bist, so mag es diesmal so hingehen; daß es aber nicht öfter geschieht!“ Uebrigens war der Herzog von Augustenburg mir stets geneigt, erwies mir Achtung und schrieb mir einen freundlichen Brief, als er sein Universitätspatronat niedergelegt hatte, in welchem er mir für den Correggio, den ich ihm gesandt hatte, dankte.
Eine Genugthuung.
Bei Schimmelmann's wurde eine Abendgesellschaft nach der andern gegeben, in denen ich Axel und Valborg, das in Kurzem aufgeführt werden sollte, und Correggio Deutsch vorlas; dieser letztere war noch nicht übersetzt. Alles Vornehme und zum Hof Gehörige (bis auf den König und die Königin) war zugegen. Eines Abends nach beendigter Vorlesung kam der Graf Baudissin, der einer der Zuhörer gewesen war, auf mich zu. Ich hatte ihn seit dem kurzen Besuch vor fünf Jahren in Berlin, wo er Minister war, nicht gesehen. Er begrüßte mich mit vieler Achtung, und manövrirte um mich her, indem er mir auf eine höfliche Weise zu Leibe rückte, bis er mich in einen Winkel des Saales gedrängt hatte. Er stellte sich fest und steif vor mich hin; ich merkte deutlich, daß Etwas in ihm gähre, womit er kämpfte, konnte aber nicht begreifen, was es sei; endlich zwang er sich, rasch und bestimmt zu sagen: „Ich habe Ihnen Unrecht gethan, ich bitte Sie um Verzeihung!“ Nun verstand ich ihn, und es rührte mich, diesen adelstolzen, strengen, militärischen Mann (er war damals Gouverneur von Kopenhagen) seiner Humanität (wegen deren er ebenso bekannt war, wie wegen seines Stolzes) dieses ihm gewiß nicht leichte Opfer bringen zu sehen. „Ew. Excellenz haben mir kein Unrecht gethan,“ sagte ich, „aber ich Ihnen, weil ich als ein junger Mann, der die herkömmlichen Formen nicht beachtete, es vergaß, Ihnen in Berlin meine Aufwartung zu machen, wo Sie Gesandter waren. Ich muß also Sie um Vergebung bitten!“ — Damit war der Frieden geschlossen; und nun hätte ich ihm freilich den Besuch machen sollen, den ich in Berlin vergaß, und von dem ich ihm selbst zugestanden, daß ich ihn ihm schulde, — aber — ich unterließ es wieder, und wir kamen wieder auf einen gespannten und fremden Fuß mit einander. Warum unterließ ich es denn? War es Hochmuth von mir oder Undankbarkeit? Nein, gewiß nicht; aber ich fühlte, daß dieser Mann und ich nicht sympathisirten, daß das aristokratische Vorurtheil ihn so sehr beherrschte, obgleich er ein sehr rechtschaffener Mann war, daß es früh oder spät mich wieder verletzen würde; und daher fand ich es für besser, gleich abzubrechen. An dieser stolzen Schwäche, die aus Eigenliebe und Eitelkeit entspringt, leiden viele Menschen; alle Stände sind davon geplagt. Zu einer Zeit, wo der Adel noch Etwas zu sagen hatte, war es natürlich, daß dieses Gefühl des Geburtsstolzes — eigentlich ein Unding — oft selbst edle Seelen beherrschte. So hat selbst der Sohn dieses braven Mannes, ein genialer, kenntnißreicher und höchst gebildeter Jüngling, der einem spätern, mehr aufgeklärten Zeitalter angehörte, Shakespeare's Uebersetzer, Tieck's Freund, u. s. w., einmal eine Abhandlung darüber geschrieben: daß kein Unadliger eigentlich das Gefühl der Ehre haben könne; worin er ganz Recht hatte, wenn er hiemit die falsche Don Quixottische Ehre meinte, welche das Mittelalter beherrschte.
Adelshochmuth und Pöbelplumpheit.
Obgleich ich als Dichter zu allen Ständen gehörte und mit ihnen umging, habe ich mich doch stets ebenso wenig in den Adelshochmuth, wie in die Pöbelplumpheit finden können; ich suchte das schön Menschliche im Palast wie in der Hütte, d. h. das Poetische; die höflichen Uebertreibungen gingen mich Nichts an; doch entschuldigte ich stets leichter die Plumpheit des Armen, als den Hochmuth des Vornehmen, weil der Mangel an Erziehung, der Beides hervorruft, bei jenem, nicht aber bei diesem verziehen werden könne. Das Rohe kann außerdem auch reif werden, nie aber das Verweste; selbst Barbarei kann sich zur Schönheit erheben, Luxus aber ist die ausgeartete, verirrte Schönheit; und im schlimmsten Falle ist es weniger gefährlich für die Gesundheit, in der Nähe eines Wagens zu stehen, der voller Dünger ist, als in einem Treibhause voll blühender stark riechender Blumen zu sitzen; der Gestank kann trotz des Widerlichen gesund sein; aber der übertrieben starke, feine Wohlgeruch ist tödtend.
Als einen Beweis, wie ich trotz meines freundlichen Umganges mit den Großen, stets Lust hatte, dem Adelsstolze, wo er sich geltend machte, mit dem meiner Ansicht nach nothwendigen Trotze des gesunden Menschenverstandes zu begegnen, will ich hier eine kleine Geschichte erzählen. Unter Denen, welche mir in diesen Kreisen ganz besondere Freundlichkeit erwiesen, befand sich der Kanzleipräsident Friedrich Moltke. Er war einer der Menschen, die selbst im Greisesalter Jünglinge bleiben. Für die Poesie hatte er eine ungeschwächte Liebe. Ewald war sein Lehrer gewesen und hatte ihm die schöne Ode: „Des Schwertes Sausen und der Lärm der Schilde“ gewidmet, welche so endet:
„Deshalb lächelnder Tugenden, reichen
Wissens glühender Freund, der die Erde
Liebet! Deshalb, mein edelster Moltke!
Füllst Du mir mächtig die Brust und der Harfe
Zitterndes Gold!“
In Ewald's letzten schwachen Tagen war Moltke Kammerjunker, ich glaube bei der Königin Witwe, und hatte ihm eine kleine Pension verschafft, indem er mit Begeisterung von ihm sprach. Bei alle Dem war Moltke Aristokrat, und man sagte, daß er sich nie mit dem kräftigen Demokraten Christian Colbiörnsen vertragen konnte, der Deputirter in der Kanzlei war, welcher Moltke als Präsident vorstand, und die Folge davon war, daß Moltke endlich aus der Kanzlei austrat und Stiftsamtmann in Aalborg wurde.
Der gefeierte Dichter.
Kurz nach meiner Heimkehr wetteiferten Viele der Großen, ebenso wie Schimmelmann's, mir Gesellschaften zu geben, z. B. der Staatsminister Graf Christian Reventlow, Graf Christian Bernstorff, Geheimrath Moltke und die Hofdamen Fräulein v. d. Maase, Gräfin Mynster und Fräulein Levetzau. Eines Abends war auch Moltke auf Friedrichsberg bei einer dieser Damen; er hatte dem König und der Königin seine Aufwartung machen wollen; diese aber waren bei dem Geheimrath Rosenkrone in der Friedrichsberger Allee. Rosenkrone's waren die Einzigen, welche der König und die Königin besuchten; das weckte vielleicht Moltke's Eifersucht ein Wenig und er machte nun seine Bemerkungen darüber, daß Rosenkrone's nicht aus alter Familie seien. Dies reichte hin, um mich den Bogen spannen zu lassen, und ich sagte: „Ew. Excellenz meinen, daß Rosenkrone ein Londemann ist! Ganz gewiß; sein Vater war Bruder des Schauspielers Londemann, der die dänische Bühne verherrlichte, und das Zwergfell der guten Kopenhagener unablässig erschütterte; aber vielleicht wissen Ew. Excellenz nicht, daß der vortreffliche Darsteller des Holberg'schen Henrik ein viel älterer Adelsmann war, als Sie selbst sind, obwohl ich weiß, daß Ihr Adel alt ist, und daß bereits zu Erik Menved's Zeit von einem Moltke gesprochen wird.“ — Moltke sah mich verwundert an und gestand: „Nein, das wisse er nicht.“ — „Das ist leicht zu beweisen,“ sagte ich, „Sie brauchen nur in der Vorrede zu der Folioausgabe des Snorro Sturleson nachzuschlagen, wo Sie sehen werden, daß Londemann gerade vom Snorro Sturleson abstammte; Snorro Sturleson stammt von Harald Schönhaar, und dieser von Regnar Lodbrok.“ — „Ja das ist sehr möglich!“ sagte Moltke artig und lenkte das Gespräch auf einen andern Gegenstand. Moltke war ein hübscher Mann, leicht und schlank, sehr rasch in seinen Bewegungen und trotz seines schneeweißen Haares glühten seine braunen Augen doch in jugendlichem Feuer.
Eine Anekdote von Thorwaldsen.
Das Schlimmste, was man dem Geburtsstolze anthun kann, ist, daß man auf Länder hinweist, wo es von Adligen wimmelt, wie Island, Schottland, Corsica, Ungarn, Polen. — Als Thorwaldsen mehrere Jahre nach diesem Gespräche heimkehrte, wollten ihm gern Alle, Jeder auf seine Weise, huldigen. Ich war eines Vormittags gerade bei ihm, als er auf ein Paar Stiefel wartete, mit denen der Schuhmacher ihn im Stiche ließ. Da trat der brave Finn Magnussen sehr ernst und feierlich ins Zimmer herein und legte Thorwaldsen eine Stammtafel vor, auf welcher bewiesen wurde, daß er (ebenso wie wahrscheinlich Finn Magnussen selbst) von dem norwegischen Könige Magnus Barfuß abstamme. „Das will ich glauben,“ sagte Thorwaldsen lächelnd zu mir, „darum bekomme ich heut auch keine Stiefeln!“
Reventlow. Bernstorff. Die Gräfin Mynster.
Um Thorwaldsen's willen gerieth ich doch etwas mit dem alten, feurigen Minister, Grafen Christian Reventlow ins Unklare, wie die Seeleute sagen. Ich war auch bei ihm eines Abends, saß an seiner Seite, und er machte mir das Compliment, daß ich für den Correggio verdiente Mitglied der Akademie der Künste zu werden. Aber als wir später von Thorwaldsen sprachen und Reventlow Canova weit über ihn stellte, nahm ich mir die Freiheit, durchaus der entgegengesetzten Ansicht zu sein. Reventlow glaubte, dies sei Parteilichkeit für einen Landsmann; aber ich antwortete: „Ew. Excellenz! in zehn Jahren wird Das, was ich jetzt sage, für eine Trivialität angesehen werden.“ — Der vortreffliche Bauernfreund Reventlow hatte viel mehr Sinn für das Oeconomische und Nützliche, als für das Schöne, und er bewunderte deshalb auch Rumford als einen der größten Männer der Zeit. Christian Bernstorff war durchaus entgegengesetzter Art, und das Aeußere dieser Herren entsprach ihrem Wesen. Reventlow groß, beweglich und stark, sah trotz seiner Sterne und Bänder wie ein sinnreicher, tüchtiger Handwerksmeister aus. Der rasche, feine Bernstorff war edel in allen seinen Bewegungen, wie ein englischer Lord. Er war nicht enthusiastisch wie seine Vetter, die Stolberg's, nicht schwärmerisch, aber ebenso poetisch in Bezug aus den Eindruck, und in seiner Ruhe billiger und vielseitiger. Sein Herz war vortrefflich. Es bildete sich zwischen uns eine auf geistige Sympathie gegründete Vertraulichkeit. Als ich einmal in einem solchen Augenblicke zu ihm sagte: „es sei doch ein schöner Beruf, Staatsminister zu sein,“ entgegnete er: „Ich habe nie Lust dazu gehabt; die Umstände haben mich dazu gemacht.“ Man hat ihm später vorgeworfen, daß er den Engländern zu viel getraut habe, und daß er ein Aristokrat gewesen sei. Dies letztere war gewiß stets auf eine sehr edle Weise, mit Bewunderung und Anerkennung alles Großen und Guten, der Fall. Er hat auch Gedichte hinterlassen, in denen seine edle Seele sich ausspricht. Seine schöne junge Gattin war seiner würdig und durchaus liebenswürdig. Ich besuchte sie oft auf Schloß Bernstorff.
Unter meinen neuen Freundinnen zeichnete sich die Gräfin Mynster, geborne Ompteda, Hofdame der Königin, aus. Sie war in ihrer Jugend sehr schön gewesen und sah noch gut aus. Sie war selbst deutsche Dichterin und übersetzte einige meiner Gedichte, unter andern „Die heimliche Stimme.“ Ich habe es mit einigen Veränderungen in der Ausgabe meiner deutschen Gedichte benutzt. Sie litt an einem schlimmen Uebel: einer überspannten Sentimentalität. Oft besuchte sie uns, und dann lasen wir gewöhnlich Gedichte mit einander. Sie strebte stets nach dem Hohen und ich versuchte oft, theils um sie wieder in's Gleichgewicht zu bringen, theils aus schelmischer Neckerei, sie in das Alltägliche herabzuziehen. Als wir einmal Schiller's „Lied an die Freude“ gelesen hatten, und sie zwischen den Sternen und den Millionen umherschwärmte, sagte ich: „Nun zur Veränderung ein anderes kleines Lied,“ und recitirte das Göthesche:
„Mich ergreift, ich weiß nicht wie,
Himmlisches Behagen.
Will mich's etwa gar hinauf
Zu den Sternen tragen?
Doch ich bleibe lieber hier,
Kann ich redlich sagen,
Beim Gesang und Glase Wein,
Auf den Tisch zu schlagen!“
Die letzte Zeile begleitete ich wirklich mit einem tüchtigen Schlage auf den Tisch, um sie von dem Firmament wieder in's Zimmer herabzuziehen; aber sie grollte mir sehr anmuthig wegen dieses burschikosen Wesens, das sie aus dem schönen Traume geweckt hatte.
Eine Vorlesung am Hofe.
Ich laß nun bald Correggio, bald Axel und Valborg so oft in diesen Gesellschaften vor, daß ich ihrer zuletzt ganz müde wurde; und Christian Colbiörnsen hatte gewiß vollständig Recht, daß er ein Mal bei Prinz Christian nach der Vorlesung von Axel und Valborg, sein Compliment über das Stück mit der Bemerkung begleitete, daß er meine, es müsse etwas wärmer vorgetragen werden. Variatio delectat. Ich hatte so oft meinen Vortrag loben gehört, daß es mir nun gefiel, von einem Manne kritisirt zu werden, der, wie man sagt, selbst Beredsamkeit besaß. Es war das erste und letzte Mal, daß wir zusammen sprachen; ich konnte ihm den wahren Grund des Mangels an Wärme nicht angeben, und begnügte mich damit, ihm höflich für seine richtige Bemerkung zu danken, indem ich die Hoffnung aussprach, daß ich es ein anderes Mal besser lesen werde.
Dieses andere Mal strengte ich mich auch wirklich an; denn da fand die Vorlesung bei dem König und der Königin selbst statt, welche auch den Correggio hören wollten und deshalb eine Assemblée in dem großen Palaissaale veranstalten ließen. Hier hatte ich einen kleinen amüsanten Prolog mit dem Oberceremonienmeister Charles Louis Bouz de la Calmette, der, um mir das Vorlesen leichter zu machen, mir vorschlug, ein Pult zu besorgen, an dem ich stehen könne, um mir die Brust nicht zu drücken. Aber da ich diesen alten französisch-holländischen Cavalier, der mit seinen gepuderten Locken und dem Haarbeutel im Nacken durchaus der vieux bon-temps angehörte, in Verdacht hatte, daß er mich wie einen andern Virtuosen behandeln wolle, der im Stehen spielte, während die Herrschaften saßen, so versicherte ich ihm, daß das Sitzen meiner Gesundheit durchaus nicht schaden, daß es mich vielmehr ermüden würde, fünf lange Acte hindurch zu stehen, und daß ich mir daher einen Stuhl ausbäte. Einige Jahre später dachte ich an diese Scene, als ich die Väringer schrieb, in der Scene mit Harald Haarderaade, wo der Kaiser dem Harald befiehlt zu knieen, dieser aber stehen bleiben will.
Das Brun'sche Haus.
Man hatte befürchtet, daß die Lectüre des langen Stückes seine Majestät ermüden würde; aber er hörte sehr aufmerksam vom Anfang bis zum Ende zu und schien zufrieden zu sein.
Das angenehmste große Haus in Kopenhagen war damals das Brun'sche. Hier war ein Sammelplatz für den Hof, für die beau monde und für die Künstler. Die anmuthige Ida sang vortrefflich, und die Musik war der Genius, welcher hier das Ganze verband und verschmolz.
Meine Heimat hatte ich außer bei mir selbst noch an vier Orten: bei meinem Vater, meinem Schwiegervater, bei Oersteds und Rahbeks. Bei dem Alten speisten wir gewöhnlich jeden Sonntag, wenn wir nicht auf dem Lande waren, und er ein Mal die Woche bei uns.
Rahbek empfing mich sehr liebevoll, und mir war es eine große Freude, die liebenswürdige Karen Margrete wieder auf dem Hügelhause zu sehen; aber Rahbek's Freundlichkeit für mich fing doch bald an, sich aus folgenden Gründen abzukühlen. Zuerst hatte er die Absicht, eine neue Zeitschrift herauszugeben, an deren Herausgabe ich mich betheiligen sollte; aber ich hatte durchaus keine Lust dazu, theils weil es mich im Dichten gehindert haben würde, wenn ich zu gleicher Zeit eine Zeitschrift und die Vorlesungen hatte besorgen sollen, theils weil Rahbek gerade damals durch eine zu flüchtige Behandlung seiner Arbeiten und dadurch, daß er sich in Federkriege einließ, einen Theil seines literarischen Ansehens eingebüßt hatte. Diese abschlägige Antwort sagte ihm nicht zu, und als eine junge Schauspielerin, auf die er außerordentlich viel hielt und von der er geglaubt hatte, daß sie die Hauptrollen in meinen Tragödien spielen würde, mir nicht gefiel, so trug auch dies etwas dazu bei, die Freundschaft abzukühlen. Doch war er an dem Tage sehr liebevoll, wo er zum Ritter des Dannebrogordens ernannt wurde, welche Ehre ich erst mehrere Jahre später erlangte. Er bat mich an dem Tage, wo er Ritter geworden war, die Nacht über bei mir bleiben zu dürfen, da es zu spät sei, nach dem Hügelhause zu gehen. Dies war das einzige Mal, wo er mein Schlafkamerad und zwar in einem sehr engen Bette war, und ich dachte dabei an die Nacht in Paris, wo Baggesen auf ähnliche Weise mein Gast wurde.
Rahbek hatte viel Eigenthümlichkeiten, und einer von dieser verdankte ich meine gute Stellung im bürgerlichen Leben. Er war nämlich mehrere Jahre lang Professor der Aesthetik an der Universität gewesen, als es ihm plötzlich einfiel, seinen Abschied aus einem höchst sonderbaren Grunde zu nehmen: weil man ihm vorgeworfen hatte, daß er die Kant'sche Philosophie nicht studirt habe. Nun lebte er davon, daß er schrieb und übersetzte und Lehrer der Geschichte und des Lateinischen in einer Privatschule war. Wäre dies nicht geschehen, so würde ich wahrscheinlich nie Professor geworden sein, und Gott weiß, was ich dann geworden wäre. Vielleicht wäre ich dann nach Deutschland zurückgegangen (wo Correggio viel Glück gemacht hatte) und wäre ebenso wie Steffens nach und nach ein Deutscher geworden.
Vorlesungen über Ewald und Schiller.
Aber das war nun, Gott sei Dank, nicht der Wille der Vorsehung. Ich wurde hier Professor und wenn ich auch kein Kantianer war, so hatte ich doch ein volles Haus im Ehlers'schen Collegium. Im ersten Winter las ich über Ewald, im zweiten über Schiller. Ich wiederholte diese Vorlesungen im Local der harmonischen Gesellschaft vor Herren und Damen, hatte viele Zuhörer und zählte unter diesen Schimmelmann, Bernstorff, Admiral Bille, Geheimrath Moltke, Oersteds, Professor Mynster, Etatsrath Kirstein u. s. w.
Aufnahme meiner Tragödien in der Heimat.
Ich war fünftehalb Jahre fortgewesen und hatte die Eitelkeit keines Menschen durch meine Anwesenheit verletzt; man hatte meine heimgesandten Schriften nur gelesen, wie man die hinterlassenen Werke eines todten Mannes liest, und so kam es denn mit mir, wie es oft viel Schlechteren begegnet, daß ich zur Mode geworden war. Hakon Jarl hatte außerordentliches Glück gemacht. Es war dies die erste auf die Geschichte begründete poetische Schilderung aus dem Heldenleben des heidnischen Alterthums, welche auf der Bühne dargestellt wurde. Dies allein hätte doch nicht soviel Wirkung auf das größere Publikum ausüben können, wenn nicht auch Hakon's Verhältniß zur Thora, oder richtiger gesagt: ihres zu ihm, die Herzen der Weiber gerührt hätte. Beim Palnatoke war dies nicht der Fall; da war gar keine Liebe und deshalb war das Schauspielhaus bei den ersten Vorstellungen auch ziemlich leer; aber Axel und Valborg machte Alles wieder gut; da gab's Liebe von Anfang bis zu Ende. Obgleich das Stück noch nicht gedruckt war, so war es doch überall bekannt, man hatte gewußt sich Abschriften davon zu verschaffen; diese wurden zu theuren Preisen verkauft, und so hatte man das Vergnügen, sich in die Mönchzeit vor Erfindung der Buchdruckerkunst zurückzuversetzen, wo ein schön abgeschriebenes Exemplar den Genuß erhöhte, weil es seltener war, und weil man etwas genoß, das Andern nicht zu Gebote stand. Reiche Engländer amüsiren sich ja noch oft damit, einige wenige prächtige Exemplare als Manuscript drucken zu lassen. — Correggio wirkte nun wieder auf eine andere Weise, während darin doch zugleich wieder Stoff genug für fühlende Herzen war. Sowie Hakon Jarl den Sinn für das Altnordische geweckt hatte, weckte Correggio den Sinn für die Kunst, und war vielleicht eine der ersten Triebfedern zu ihrem fleißigen Studium in Dänemark, das später reiche Früchte trug. Was die damalige Aufführung dieser Stücke betraf, so läßt dieselbe sich auf keine Weise mit der Aufführung späterer Zeiten vergleichen. — Meine Hauptstütze war gefallen; der Künstler, auf den ich am meisten gerechnet hatte, der herrliche Rosing war lebend todt. Seitdem habe ich selten an einen bestimmten Schauspieler gedacht, wenn ich meine Dramen schrieb, was ihnen oft geschadet hat. Denn man kommt hauptsächlich ins Schauspielhaus, um die Schauspieler zu sehen; sie können ein mittelmäßiges Stück interessant machen, und ein gutes Stück, das im Ganzen schlecht gespielt wird, wird langweilig. Aber es war mir unmöglich, die idealen und neuen Charactere, die ich darzustellen suchte, nach gewissen bekannten Menschen zu formen. Mit Rosing als Hakon Jarl war es doch etwas Anderes! Alles in dieser Rolle paßte für ihn. Er war voller Feuer und pathetisch, konnte kalt und klug sein, war ein Bewunderer des weiblichen Geschlechts und ein kräftiger Norweger von Nidaros. — So war er, als ich ihn kannte; jetzt bei meiner Heimkehr saß er, von einer schrecklichen Gicht darniedergebeugt und konnte weder Hand noch Fuß rühren. — Schwarz, früher in komischen Rollen vortrefflich, war später als würdiger Vater in bürgerlichen Dramen ausgezeichnet; Frydendahl, Thalia's auserwählter Liebling, konnte in mißglückten Versuchen unter Melpomene's Fahne Rosing nicht ersetzen.
Deren Darstellung auf der Bühne.
Aber ein ehrenwerthes Künstlerkleeblatt, ohne dessen Hülfe es mir unmöglich gewesen wäre, durch die Bühne zu wirken, darf ich nicht vergessen. Ich hatte die Freude, Diejenige, die mich vor 16 Jahren als Dyveke und Kathinka entzückt hatte, Heger's Gattin, früher Marie Smith, als eine edle Thora, als Valborg, als Marie im Correggio zu sehen. — Stephan Heger, der in der letzten Zeit ganz die Lust zu spielen verloren hatte, lebte durch meine Stücke gleichsam wieder für die Kunst auf. Der hübsche, gebildete, geistreiche Mann mit dem schönen Organ erfreute Alle als Einar Tambeskjälver, als Thorwald und als Giulio Romano.
Mein Freund der Schauspieler Foersom.
Der dritte im Kleeblatt war mein lieber Foersom. Er hatte sehr viel mehr, als was er auf dem Theater gebrauchte, aber Etwas, was er dort nothwendig haben mußte, fehlte ihm: ein starker Körper und ein deutliches Organ. Dies mußte er durch Anstrengung zu ersetzen suchen und die sichtbare Anstrengung in der Kunst schwächt stets den Eindruck. Aber Foersom war ein Mann von Genie. Er hätte ein vortrefflicher Philologe werden können, und er war Dichter; Dichter mehr als Schauspieler. Einige seiner lyrischen Stücke tragen unverkennbar das Gepräge der Originalität; als Shakspeare's Uebersetzer machte er Epoche. Seine Uebersetzungen bedürfen vielleicht der Berichtigung und es fehlt ihnen zuweilen die Feile; aber Shakspeare hat auch keine Feile gebraucht, und in Foersom's feuriger Uebertragung tritt der eigentliche Shakspeare oft stärker, als in A. W. Schlegel's oft allzu correcter und glatter Bearbeitung hervor, so gut diese auch übrigens ist.
Der Shakspeare'sche Humor war Foersom's eigentliches Element, und deshalb war auch der tiefsinnige, mit seiner Schwäche kämpfende Hamlet seine beste Rolle. — Friede sei mit Deinem Staube, guter Foersom! Ich bewahre noch das Exemplar Deines Lear's und Romeo's, in das Du geschrieben hast: „Dem Zwillingsbruder William Shakspeare's.“ Ich bin stolz darauf, daß Du mir das gesagt hast. — Geist und Gefühl des kräftigen Helden vermochte er darzustellen; aber das Erotische schien nicht gerade das zu sein, womit der tiefsinnige, launige Foersom am meisten sympathisirte.
Madame Schirmer als Thora.
Axel und Valborg machte Glück; doch entging es nicht dem Tadel der Mitglieder der ältern Schule. Der verstorbene Professor Kierulf fand es unnatürlich, daß Axel ein Schwanenlied sang, ehe er starb. Ich hatte nämlich „Schwanengesang“ über Axel's letzten Monolog geschrieben, worunter ich nichts Anderes, als seinen Herzensseufzer im Tode meinte. Es wäre vielleicht besser gewesen, jene Ueberschrift auszulassen. Als man Thaarup einmal während der Aufführung fragte: „Woran stirbt Valborg?“ antwortete er: „An einem Liede!“ Valborg's Tod mag etwas Auffallendes und für Viele etwas Unnatürliches haben; aber ich glaube doch nicht, daß es unmöglich ist, und das ist für den Dichter genug. Ich habe später einmal in Dresden eine Madame Schirmer gesehen, welche den Tod der Valborg dadurch motiviren wollte, daß sie vom 3. Acte an ein gewisses schmachtendes Dahinschwinden andeutete, welches Valborg zu verbergen sucht; aber dies verdirbt das Ganze, ohne die Einzelnheiten zu retten. Valborg's Herz muß plötzlich durch einen Nervenschlag brechen, den ihr überspannter Zustand herbeiführt. Sie stirbt also stark bewegt und entschlummert nicht elegisch. Es würde leicht sein, ihren Tod ohne Nachtheil für das Stück zu verändern; aber davor werde ich mich wohl in der Ausgabe der Tragödien selbst hüten. Die Leser sind nun einmal an die alte Form gewöhnt und mit ihr zufrieden, und würden eine solche Veränderung für einen Eingriff in das öffentliche Eigenthum ansehen. Wenn indessen Etwas an der sogenannten Künstlerunsterblichkeit ist, so muß sie doch wenigstens einige Menschengeschlechter überleben. Es wird also eine Zeit kommen, wo man sich auch von Jugend auf an die Veränderungen in einem Dichterwerke ohne Verlust persönlicher Gefühle und Erinnerungen gewöhnen kann. Für diese — und für die Leser der Jetztzeit, die sich, wenigstens in einer Biographie für die verschiedenen Ideen eines Verfassers interessiren dürften, will ich hier einen Monolog anführen, den ich in späteren Jahren gedichtet habe, und mit dem Valborg das Stück beendigen könnte, wenn Wilhelm seine letzte Replik gesagt hat, und sie todt glaubt.
Neue Schlußscene zu Axel und Valborg.
Valborg
(erhebt sich von Axel's Leiche und nähert sich Wilhelm):
Nein Herr! Ihr habt nicht recht gesprochen!
Hoch Euer Lied ich preise,
Doch Valborg's Herz ist nicht gebrochen.
Durch Aage's und Else's Weise.
Der Tod wird langsam mich bezwingen
Bis dann in's Grab ich steige.
Doch kann ich leicht dies Opfer bringen,
Daß meine Treu' ich zeige!
Kommt nun, Herr Bischof! zu Gottes Ruhm
Woll't mir den Segen ertheilen!
In jenem dunkeln Heiligthum
Will bis zum Tod ich weilen.
Kommt Jungfrau'n nun, und Ritter werth,
Es schaff't Euch keinen Harm!
Kommt, weih't mich, und werfet die dunkle Erd'
Ueber jung Valborgs Arm.
Nun gehet Valborg mit Nonnen daher
Und betet die frommen Messen.
Versäumen wird sie's nimmermehr
Und Axel nie vergessen.
Besser doch nimmer geboren sein,
Als nur sich in Leid zu versenken;
Wenn die Sonne taucht in das Meer hinein
Verlor'ner Freuden zu denken.
Gott denen verzeihe, die Ursach' sind
Daß die nicht zusammen geblieben,
Die einander so treu von Herzen geminnt
Und in Zucht und Ehren sich lieben!
So würde die Tragödie sich fromm und recht an das alte Lied anschließen, von dem sie ausging, und Valborg's Tod, wenngleich im Grund derselbe, würde natürlicher erscheinen.
Das Mißgeschick.
Ich hatte mir im ersten Winter nach meiner Rückkehr ein großes Zimmer gemiethet, in dem auch mein Bett stand. Hier empfing ich fleißig Besuch. Mein alter Freund Weyse kam auch zu mir, und wollte durchaus haben, daß ich ihm gleich ein Singspiel schreiben solle, welches er componiren könne. Hier fing nun mein Mißgeschick an; in dem sichern Vertrauen auf mein poetisches Ansehen und den Beifall, den ich unbedingt genoß, beeilte ich mich, mitten in dem Schwarm von Besuchen und Unterbrechungen eine Skizze, Faruk, zu entwerfen, die zwar nicht ohne Poesie war, aber doch keine strenge Kritik aushalten konnte. Weyse war sehr zufrieden damit und ging gleich an die Arbeit. Als er fertig war, mußte ich zum Könige hinauf gehen, und um ein Benefiz auch für den Componisten bitten; denn es war nur eins für den Verfasser bestimmt, das wir dann hätten theilen müssen, und damit war Weyse nicht zufrieden. Der König war im Anfange dagegen, und machte es mir zum Vorwurf, daß ich das Stück nicht Kuntzen, der Kapellmeister war, gegeben hatte; als ich aber seiner Majestät vorstellte, daß ein so großes Genie, wie Weyse, doch auch Gelegenheit haben müsse, sich zu zeigen, fand er sich darein, und bewilligte Jedem von uns ein Benefiz. Das erste kam mir zu; aber ich überließ es Weyse. Dasselbe mußte ich ein paar Jahr später mit Ludlams Höhle thun. Bei Faruk aber, das auch nicht gut gegeben wurde, begannen nun allmälig sich die Wolken des Tadels gegen mich zusammenzuziehen. Von Deutschland aus hatte ich weiter keine Hülfe, obgleich Correggio auf allen Bühnen gespielt wurde und eine Reihe von Jahren hindurch außerordentliches Glück machte. Aber — ich hatte nun Göthe gegen mich, ich hatte die sogenannte romantische Schule verlassen, und dadurch Tieck und Steffens gegen mich lau gemacht. Meine Gegner und Neider in Dänemark fingen an, die Köpfe zusammenzustecken. Sander war immer feindlich gegen mich; er hatte zwei Stücke: „das Hospital“ und „Knut Lavard“ geschrieben, die ausgepfiffen wurden; nicht von einer einzelnen kleinen Partei der Menge gegenüber, sondern die Menge selbst verurtheilte sie. Daran sollte ich nun Schuld sein, obgleich ich während der Execution nicht zugegen gewesen war und die Stücke vor meiner Heimkehr nicht kannte.
Sander und seine „Alphabete“.
Sander hatte mehrere deutsche Romane geschrieben, ehe er herkam und rühmte sich oft aller der „Alphabete,“ die er herausgegeben hatte. Das Glück, welches sein Niels Ebbesen machte, der Dänisch geschrieben war, nachdem er die Fertigkeit der Sprache erlangt hatte, übte einen schädlichen Einfluß auf seinen moralischen Character aus. Ein paar Jahre lang ging er in dem Glauben umher (in dem auch Rahbek ihn bestärkte), daß er ein sehr großer Dichter sei, und — wenn er so fortführe — Dänemarks erster Tragiker werden könne. Das Alles fiel nun zu „Hospital“ und „Knut Lavard“ hinab, und die Verachtung, die diesen matten Arbeiten gezeigt wurde, machte ihn ganz verdreht im Kopf. Ich habe erzählt, daß er eine kurze Zeit in der Schule für die Nachwelt, als ich noch Zögling daselbst war, Unterricht im Deutschen gab. Daß dieser Zögling vier Jahre darauf ihn verdunkeln würde, hielt er der Natur nach für ganz unmöglich und betrachtete es als eine abscheuliche Kabale. Ich erstaunte im hohen Grade, als ich den Mann, der in der Schule unablässig Tugend und Humanität im Munde führte, so schwach sah, daß er sich zu schamlosen Angriffen meines moralischen Characters herabließ. Es ging so weit, daß einer meiner Freunde ihm mit dem Gerichte drohte. Vor diesem Freunde that er privatim Abbitte, und entschuldigte sich damit, daß er krank geworden wäre, wenn er seiner Galle gegen mich nicht Luft gemacht hätte.
Die Dichtung und das Strenghistorische.
Aber Sander war nicht mehr gefährlich; dagegen traf ich bei meiner Heimkehr einen gewissen historischen Eifer an, der der Poesie mit dem Untergange drohte. Durch Dichterwerke angeregt, hatte man gelernt, die alten Heldensagen zu schätzen; man legte sich gründlich auf dieses Studium, und das war gut und recht; aber nun fand man, daß die Dichter die Geschichte allzu oberflächlich behandelt hätten; man meinte viel weiter in der Kunst zu kommen, wenn man sich nur an das Strenghistorische hielte. Die Dichter sollten treue Bilder des Alterthums zeichnen, durchaus ihre eigne Natur, die eigne Zeit, ihre Denkungsart verleugnen und sich in eine barbarische Zeit versetzen; erst dann erhielten ihre Werke tiefere Bedeutung, Wahrheit und Schönheit. — Ich glaubte und glaube noch, daß die Poesie sowohl Vergangenheit, wie Gegenwart, und weder das eine oder das andere allein sein sollte. Ich unterschrieb Schiller's Worte:
„Alles wiederholt sich hier im Leben,
Ewig jung ist nur die Phantasie;
Was sich nie und nirgends hat begeben,
Das allein veraltet nie.“
Der Dichter muß dem Ideale nachstreben; das menschlich Schöne besteht in einer harmonischen Verbindung geistiger und körperlicher Vollkommenheiten. Zu verschiedenen Zeiten hat bald das Geistige, bald das Körperliche geherrscht; der Dichter muß Etwas von Beiden aufgeben, um sie Beide vereinigen zu können. Seine Helden dürfen weder Barbaren noch Philosophen sein, sondern kräftige Menschen mit Verstand und Herz. Er muß also Etwas von der Bildung und Milde seiner Zeit über die allzu wilde Kraft der alten Heldenzeiten ausbreiten. Diese giebt die Handlung und die Charactere, aber er muß zu großem Theile die Barbarei entfernen. Kurz, er muß im Geiste Palnatoke's handeln, wenn dieser sagt:
„Ihr Brüder! Kraft und Frömmigkeit, das sind
Die beiden Flammen, die ins Leben strahlen.
Es scheint die Kraft der Sonne gleich am Tage,
Und weckt mit ihren starken Sommerstrahlen
Die schönen Blumen aus dem todten Grunde;
Es leuchtet Frömmigkeit ein bleicher Mond,
Verleiht den Blumen ihren schönsten Reiz.
Doch diese beiden Flammen müssen wechseln!
Denn wenn der Sonne Gluthen ewig brennen,
So wird der Garten einer Wüste gleich,
Der Held ein Irrlicht; strahlt der Mond
Beständig seine frommen matten Flammen,
So schwindet bald des Lebens Macht, der Mensch
Wird zum Gespenste, das vor seinem Tode
Umherirrt in der Nacht verschwiegnen Gräbern.“
Die Grundtvig'sche Schule.
In diesem Geiste habe ich meine Tragödien gedichtet. — Aber bei meiner Rückkehr fand ich einen neuen Absenker der neueren Schule mit einiger Variation der vorigen, aber doch in demselben Geiste, dessen Anführer Grundtvig war. Dieser geniale, aber — meiner Ueberzeugung nach — allzu einseitige und schwärmerische Mann hatte mit zwar seine „Scenen aus dem Untergang des Heldenlebens“ dedicirt, aber ich bemerkte doch bald, daß er zugleich gegen mich kämpfte.
Trotz all' der Huldigungen und des Lobes, das ich von ihm bekommen hatte, konnte ich doch nicht sonderlich zufrieden sein; seine Ansicht war, daß ich den ersten — halb geglückten, halb mißglückten — Versuch gemacht, und so eigentlich nur Anderen den Weg gebahnt habe. Ich las Grundtvig's Heldenscenen, und obgleich diese, wie er selbst sie nennt, nur Gespräche ohne dramatische Handlung und Kunst sind, so staunte ich doch über das Feuer und die Kraft in der Sprache, über die Vertrautheit mit den alten Sagen, welche ihn mit Wörtern und Ausdrücken und mit vielen characteristischen Zügen in den Schilderungen bereichert hatten, die dieses Buch zu einem merkwürdigen Produkte der dänischen Literatur machen. Er war in einer gewissen Richtung der Geschichte um einige Linien auf dem poetischen Compaß näher gekommen, als ich; aber alle seine Helden waren doch nur lyrisch begeisterte Wortführer der rohen Kraft; und dies geht sogar so weit, daß Vagn Akison ohne Mißbilligung der Anderen damit prahlt, einem Sklaven ein Auge ausgeschossen zu haben, als er es versuchen wollte, Palnatoke's Schuß nach dem Apfel auf des Sohnes Haupte nachzumachen. In der ältesten nordischen Geschichte finden sich doch nur wenige Züge solchen aristokratischen Hochmuths und solcher Grausamkeit, an denen die Geschichte des Mittelalters so reich ist. Was die objectiven Darstellungen betraf, so wagte ich stets zu glauben, daß ich mehr altnordisch sei, als Grundtvig, bei dem das subjective Streben sich stets vorherrschend äußerte.
Mein Briefwechsel mit Grundtvig.
Er ging bald einen ganz entgegengesetzten Weg. — Er bewunderte nicht mehr Thor's Hammer; nicht das Christenthum, wie ich es fühlte, stellte ihn zufrieden; er schrieb mir ein Mal einen Brief, und ich beantwortete ihn. Da wir später unsere Ansichten nie unterdrückt haben und diese in der langen Zwischenzeit wohl kaum viel verändert worden sind, will ich hier diese Briefe auszugsweise mittheilen. Grundtvig schrieb:
„Wie ich über Sie und Ihre Werke urtheile, wissen Sie vielleicht; aber ich will es Ihnen doch sagen; denn ich will mich nicht bei Ihnen einschmeicheln, unser Verhältniß aufklären will ich, damit es dann von unsern Herzen und nicht von Mißverständnissen abhängt, welche Stellung wir einander gegenüber einnehmen sollen.“
„Wenn Sie einst in der Erinnerung die Stimmung bei sich wiedergebären wollen, in der Sie Ihre poetischen Schriften dichteten, und sich diese Stimmung als eine feste, ruhige Ueberzeugung denken, von der Alles getrennt ist, was nicht im Christenthume wurzelt, so werden Sie besser, als es Worte auszudrücken vermögen, fühlen, wie ich Ihre neue Dichterlaufbahn beurtheilen muß; denn daß Sie, nachdem Sie Hakon Jarl's Denkmal beendigt hatten, eine neue einschlugen, ist Ihnen sicherlich bewußt. Daß ich nicht blind bin für die Schönheit Ihrer späteren Gedichte sowie für die bei Weitem größere Abrundung und Proportion derselben, werden Sie mir auf mein Wort glauben; aber es versteht sich von selbst, daß es mich innig betrüben muß, daß der religiöse Ernst Ihre Gedichte mehr und mehr verlassen hat, und in Ihren letzten Arbeiten durch ein gewisses Spielen mit dem Geistigen verdrängt wird, wie auch, daß ich diese Gedichte im Grunde viel weniger poetisch (begeistert) nennen muß. Am meisten schmerzt mich dies, weil eine solche Umwandlung ihren Grund im innersten Wesen des Dichters findet. Daraus folgt, daß er das ernste Nachdenken über sein eigenes geistiges Verhältniß zu Gott als dessen Diener auf Erden aufgiebt; daß er mehr Gewicht darauf legt, zu glänzen und Ehre und Beifall zu gewinnen, als seine Brüder zur Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit zu erheben.“
„Ich weiß, daß Sie und viele Andere in mir einen Schwärmer und Fanatiker sehen, aber glauben Sie mir, ich bin es nicht. Wenn das Leben eine Farce ist, welche endigt, sobald der Vorhang des Todes fällt, so habe ich entschieden Unrecht; aber das ist nicht zu befürchten; ich bin meiner Sache gewiß. Gäbe Gott, daß es mit Ihnen ebenso wäre! dann würde Ihr Herz eine reinere und stetigere Freude erfüllen, ein höherer Geist Ihren Gesang beseelen und Sie wieder mit ihren seltenen Gaben ein strahlendes Licht für tausend Ihrer Brüder werden, die in dem Schatten des Todes schlummern und unstet auf Irrwegen umherwandeln.“
Die Dichtung in ihrem Verhältniß zur christlichen Religion.
Ich antwortete:
„Wodurch verdiene ich die kränkenden Anschuldigungen, die Sie gegen meine höhere Menschlichkeit, das ewig Heilige, das sich mit der Gottheit und Ewigkeit verbindet, aussprechen. Worin habe ich in meinen späteren Werken eine Abweichung von meinem höhern Ziele gezeigt. Wahrlich, ich würde sehr betrübt sein, wenn ich nicht fühlte, daß meine Seele sich entwickelt und veredelt hat. Ich behaupte auch, daß mein Palnatoke, Axel und Valborg, Correggio und Stärkodder den Beweis dafür liefern. In Hakon Jarl zeigt sich noch der polemische Gegensatz zwischen der Form des Christenthums und der des Heidenthums. Hiermit sympathisirt Ihr polemischer Character am Meisten. Das Christliche äußert sich daselbst auch mehr in hervortretenden lyrischen Sentenzen Olaf's, der übrigens noch ein sehr mäßiger Christ war. In den anderen Stücken ist nicht vom Christenthum die Rede; aber ich glaube, es findet sich mehr wahres Christenthum darin. Denn die Ideen von der Versöhnung, der Liebe, die unverschuldeten Leiden der liebenswerthen Tugenden und die ewige Hoffnung werden in der Handlung dieser Stücke dargestellt und müssen einen Jeden, der nicht absichtlich seine Augen schließt, überzeugen, daß nicht irdische Eitelkeit ihren Verfasser begeistert hat.“
„Wie wir auch die christliche Offenbarung betrachten mögen, so muß man sie doch ihrem eigenen Geiste nach für das ewig Göttliche halten, das in der Zeit auf eine sinnliche Weise anschaulich wurde; Gott war es, welcher Mensch: der Geist, welcher Fleisch wurde und unter uns wohnte. Das Göttliche müssen wir als unveränderlich betrachten; aber das Sinnliche, das Menschliche, gehört der Zeit und wird mit ihr verändert. Statt sich nur stets an dem Christusbilde, wie die historische Bibelnachricht es umgiebt, zu halten, sucht der Dichter den Geist Christi mit mehreren Bildern zu vereinigen. Dies ist sein Wesen, und ohne dieses giebt es keine Dichtkunst.“
„Die ewige Liebe hat sich sowohl vor, wie nach Christus offenbart; er selbst steht als das schönste, heiligste Beispiel der Vereinigung des Göttlichen und Menschlichen da. Aber seine Stellung ist so hoch, daß der bescheidne Dichter, der daran verzweifelt, ihn so herrlich darstellen zu können, wie er es verdient, sich lieber in Demuth an etwas Menschliches wendet, das ihm gleich ist, und einen Schimmer seiner himmlischen Tugenden hat. Das Licht bricht sich in Farben; mit diesen können wir malen, nicht mit dem Lichte selbst. Ich habe Nichts dagegen, daß man dies ein Spiel mit dem Geistigen nennt; es ist ein Spiel, wie Correggio sagt; aber dieses Spiel schließt den höchsten Ernst in sich. Auch nach der Abrundung von Schönheit in der Kunst, welches Sie gleichfalls als etwas sehr Untergeordnetes zu betrachten scheinen, strebt der wahre Künstler; denn Schönheit ist nichts Anderes, als die vollkommene Form des Guten, und Abrundung ist Reife und die Herrschaft des Künstlers über das Werk.“
Damit war der Briefwechsel geendigt, und kurz darauf wiederholte Grundtvig in seiner Weltchronik, was er mir im Briefe gesagt hatte. Ich fühlte, wie unmöglich es mir werden würde, mit diesem Manne zu sympathisiren, dessen Feuer, Begeisterung, Beredsamkeit ich bewunderte, und von dessen gutem Willen ich überzeugt war, dessen Gefühl und Lebensanschauungen aber in zu starkem Gegensatz zu dem meinigen standen. Hier, wie so oft, erkannte ich die Wahrheit von Göthe's Worten:
„Ganz vergeblich versuchst Du des Menschen
Schon entschiedenen Hang und seine Neigung zu wenden;
Aber bestärken kannst Du ihn wohl in seiner Gesinnung,
Oder wär er noch neu, in Dieses ihn tauchen und Jenes.“
Ein Winter in der Heimat.
Den größten Theil des ersten Winters nach meiner Rückkehr nach Kopenhagen brachte ich in großen Gesellschaften zu; um mich wieder zu erholen und eine alte Freundschaft aufzufrischen, zog ich ein paar Wochen nach Friedrichsburg hinaus, wo mein Jugendfreund Winckler Regimentschirurg war. Während dieser Zeit war ich sein Gast. Wir wanderten in der stillen Winterlandschaft weit umher, sprachen viel mit einander und frischten alte, liebe Erinnerungen auf. Er machte mich mit der Familie des Justizraths und Gestütmeisters Nielsen bekannt, wo ich doch nicht den jungen Mann fand, der einige Jahre später so sehr viel zu dem glücklichen Erfolge meiner Tragödien auf der Bühne beitragen sollte. Es machte mir vielen Spaß, all' die gewaltigen Hengste ihre Capriolen machen zu sehen; einer der schönsten und stärksten von ihnen war Palnatoke genannt. Aber auch kleinere Thiere amüsirten mich in Friedrichsburg: ich hatte ein Zimmer gemiethet, da Winckler keines übrig hatte; hier waren Mäuse, und ich zog eine von diesen so, daß sie an mein Bein hinaufkroch und etwas Brot aß, das ich dort hinlegte, während ich am Ofen saß und las. Bei der kleinsten Bewegung schlüpfte das Thierchen wieder in sein Loch. Ich dachte hierbei an Norkroff und viele andere arme Gefangene, die in solcher Gesellschaft ihren einzigen Trost und Zeitvertreib gefunden hatten.
Meine Trauung.
Am 17. Mai 1810 speiste ich mit meiner Christiane bei ihrem Vater in Kopenhagen zu Mittag; darauf fuhr ich mit ihr allein nach Gientofte, wo Herr Pastor Höegh, nachdem ich ihm die nöthigen Papiere gezeigt hatte, mit uns in die Kirche ging und uns traute. Als Mann und Frau setzten wir uns wieder in den Wagen und fuhren nach dem schönen Christiansholm bei Seeluft, das uns Graf Schimmelmann freundlich zur Sommerwohnung angeboten hatte.
Dieser Sommer war schön und angenehm. Die munteren witzigen Fräulein Hammeleff, die Freundinnen meiner Frau, und der derbe, treue Norweger Reinhardt (später Professor der Zoologie und mit der einen Freundin verheirathet) bildeten damals hauptsächlich unsere Gesellschaft, wenn wir nicht auf Seeluft waren. — In diesem Sommer dichtete ich einige lyrische Gedichte, sowie die Erzählung Aly und Gulhyndy. Von den lyrischen Gedichten war Sigrid mit dem Schleier das längste. Da der Stoff romantisch ist und sich den Ariost'schen Mährchen nähert, schrieb ich es in Ottaverimen, und die Erinnerung an Italien, das ich vor Kurzem verlassen hatte, verlieh ihm ein südliches Colorit. Aber um doch Denen, die da behaupteten, „daß ich nicht mehr nordisch sei,“ zu zeigen, wie wenig ich das Nordische vergessen hätte, schrieb ich zu gleicher Zeit Harald Fangzahn, dessen Form stark nordisch ist, in einem schweren alten isländischen Ton, sowohl in Reimen, wie in Reimbuchstaben.
Die herausgekommene Sammlung unter dem Namen von Dichtungen, welche kurz darauf durch einen Band Erzählungen fortgesetzt wurden, fanden viele Leser und Liebhaber. Aber es hieß doch in gewissen Kreisen, „daß dies nur ein matter Abglanz meiner früheren Gedichte sei.“ Ueberhaupt — mit Ausnahme der Werke, die ich aus der Fremde ins Vaterland sandte, oder kurz vor meiner Abreise herausgab — ist das Meiste ziemlich streng getadelt worden, wenn es erschien, und gewann erst nach und nach Beifall.
So ging es selbst mit Correggio, obgleich Foersom durch seine geistvolle Darstellung diesem Character auf der Bühne Interesse zu verleihen verstand. „Um Gottes Willen,“ sagte ein Mann, der damals viel beim Theater zu thun hatte, „wie kann es nur das Publikum amüsiren, einen armen Maler ein ganzes Stück hindurch ächzen zu hören?“ Man hielt damals eine solche Aeußerung, die von einzelnen Anderen wiederholt wurde, für eine Einfältigkeit; aber wir haben gesehen, daß sie selbst von einem Göthe und Tieck unterstützt worden ist.
Meine Bekanntschaft mit Christian Stolberg.
Bei Schimmelmanns machte ich die Bekanntschaft mehrerer bedeutender Personen; unter anderen die des Grafen Christian Stolberg, der mir mit geistvoller Freundlichkeit entgegenkam. Sein genialer Bruder Friedrich Stolberg war nicht zugegen. Es würde mich gefreut haben, diesen Dichteraar zu sehen und zu sprechen, der Axel und Valborg liebte — wenn nicht der katholische Mysticismus bereits seine Flügel gestutzt hätte. Auch die Schwester des Grafen Stolberg, Käthchen, ein alte Dame, welche umherreiste, und sich bald bei dem einen, bald bei dem andern ihrer Freunde einquartirte, lernten wir kennen. Sie war immer entzückt und exaltirt, aber sehr gutmüthig und hatte vielen Verstand und Bildung. Als sie hörte, daß wir auf Christiansholm wohnten, sagte sie: „Ach, da muß ich Sie besuchen!“ Sie kam auch. Auf Christiansholm waren zwei große Zimmer mit Glasthüren zu beiden Seiten. Sie trat durch die eine herein; aber kaum sah sie durch die andere die Bäume, so rief sie: „Ach, wie schön! da müssen wir hinaus!“ worauf sie durch die andere ging, und wir mußten mit ihr weiter spazieren, ohne daß es ihr einfiel zurückzukehren. Man erzählte eine komische Geschichte von ihr, wie sie in Holstein, ich glaube beim Grafen Reventlow, in einem Saal der zweiten Etage, ohne es Jemand zu sagen, ein Blumenbeet angelegt hatte, indem sie unbemerkt Erde in ihrer Schürze hinaufschaffte. Diese Rabatte hatte sie voll Vergißmeinnicht gepflanzt und täglich sorgfältig mit Wasser begossen. Eines Morgens, als der Graf zur Decke seines Zimmers emporsah, konnte er nicht begreifen, was das für große, dunkle Flecken seien, die er daselbst bemerkte. Er ließ seinen Verwalter kommen, und als er ihn fragte, was das für Flecke seien, antwortete dieser: „Die hat Comtesse Käthchen gemacht, sie ist verrückt!“ Der Graf wurde über diese groben Aeußerungen böse; aber der Verwalter bat ihn mit hinauf zu kommen, und zeigte ihm das Blumenbeet, worauf der Graf antwortete: „Sie ist freilich verrückt; aber Sie sollen es doch nicht sagen.“
Käthchen Stolberg. — Characterzüge Schimmelmanns.
Hier muß ich einen Characterzug von Schimmelmann erzählen. Er hatte eines Abends ein deutsches Buch politischen Inhalts erhalten, und bat mich, ihm daraus Etwas vorzulesen. Das Buch gefiel mir nicht, weil der Ton mir darin affectirt und schwülstig erschien. Ich las deshalb die übertriebensten Tiraden in einem lächerlichen geschraubten Tone, worüber Schimmelmann endlich böse wurde, mir das Buch aus der Hand riß und sagte: „Nein, so könne man auch die Bibel lesen!“ Ich schwieg, obgleich ich heftig bewegt wurde. Er schwieg auch. Die Gräfin knüpfte ein neues Gespräch an; wir setzten uns zu Tisch. Es ging ziemlich still zu, und ich ging nach Hause, nachdem ich höflich, aber verlegen gute Nacht gesagt hatte. Am nächsten Morgen, als wir auf Christiansholm beim Frühstück saßen, rief Christiane, die zum Fenster hinaus die schöne Allee vor dem Hause hinunterblickte: „Da kommt wahrhaftig Schimmelmann!“ — Der herrliche Mann kam, um es wieder gut zu machen, obgleich ich doch eigentlich erst unartig gegen ihn gewesen war, indem ich ein Buch lächerlich machte, das er gern hatte, und aus dem er mich bat, vorzulesen.
Noch einen andern Zug von ihm muß ich erzählen. Es kam einmal in meiner Gegenwart die Nachricht von seiner Baronie Lindenburg, daß daselbst ein Schiff gestrandet sei, worauf er das Strandrecht hatte. „Das ist ein eigner Fall!“ rief er, und fuhr fort, indem er auf mich zeigte: „das muß Aladdin haben!“
Daß es ein falsches Gerücht war, und daß Aladdin also Nichts bekam, dafür konnte Schimmelmann nicht; er hatte doch den guten Willen gehabt.
Geburt meiner Tochter Charlotte.
Im nächsten Frühjahr 1811 am 21. April wurde meine älteste Tochter geboren; die Gräfin Schimmelmann hielt sie über die Taufe, und sie wurde nach dieser „Charlotte“ genannt.
Wir brachten wieder eine kurze Zeit des Sommers auf Christiansholm zu. Aber dies war das Kometjahr, und das führte eine abscheuliche Hitze mit sich, die ich nicht vertragen konnte. Im Anfange hielt ich mich doch noch tapfer, und um meinen Landsleuten noch ferner zu beweisen, daß ich das Nordische nicht vergessen hatte, dichtete ich die Tragödie Stärkodder. Aber kurz darauf bekam ich das kalte Fieber und die Gelbsucht. Christiansholm ist wunderschön beim Thiergarten gelegen; aber von Sümpfen umgeben; diese hauchten in dem heißen Jahre wahrscheinlich stärkere Dünste als gewöhnlich aus; es lagerte ein weißer Nebel über ihnen, wenn ich in der Abendkühle spazieren ging. Der vortreffliche Arzt Callisen besuchte mich. Er hatte mich stets seit der Zeit lieb gehabt, wo ich ihm bei seinem Rücktritt von der Universität ein Abschiedslied dichtete. Aber ungeachtet seiner Hülfe kam das kalte Fieber doch immer wieder.
Ein seltsamer Besuch.
Eines seltsamen Nachmittags aus jener Zeit entsinne ich mich noch deutlich. Meine Frau war in Kopenhagen, es regnete heftig; ich ging in den großen einsamen Zimmern allein, unbarbirt und gelb, wie ein Zigeuner umher und fing an, die Fieberkälte zu empfinden. In demselben Augenblick trat das Mädchen ein und sagte: „Die Gräfin Schimmelmann stehe draußen mit einer großen Gesellschaft, die mir eine Visite machen wolle.“ — Ich sah durch das Fenster eine Menge wohlgekleideter, munterer, gesunder Menschen, die von einem guten Mittagstisch kamen, und nun zum Dessert den Poeten in der Waldwohnung sehen wollten. Es war mir unmöglich, sie zu empfangen; das Mädchen mußte der Gräfin sagen, daß ich mich niedergelegt hätte. Von einem Winkel aus sah ich die große Gesellschaft wieder durch die Bäume verschwinden, und trotz meines Fiebers athmete ich einen Augenblick leichter, als ich der drohenden Gefahr entgangen war, den Schöngeist in einem Augenblicke spielen zu müssen, wo ich nichts weiter, als ein armer, kranker Mensch war. — Ich setzte mich nun in den Lehnstuhl und wollte mich wirklich auskleiden und zu Bette gehen, als ich in demselben Augenblicke die Augen aufschlug, und einen fremden Mann vor mir in der Halle stehen sah. Er war ziemlich schlecht gekleidet, hatte ein sehr blatternarbiges Gesicht und eine sonderbare Miene. In meinem Fieberzustande fing ich an, an die Möglichkeit eines Räubers zu denken, als er in demselben Augenblicke sehr freundlich den Mund öffnete, und sagte, daß er vom Dr. S. gesandt sei, ob ich ihm nicht die Schrift leihen wolle? — Ich glaubte erst, er wolle die Bibel haben; aber als es zu näherer Erklärung kam, war es „Bürger Qvist,“ der den Harlequin im Thiergarten spielte und gehört hatte, daß ich seine Komödie in Verse gebracht hätte (Sct. Johannisabendspiel) und nun wünschte, sie in dieser Gestalt zu lesen. Ich hatte das Gedicht nicht zur Hand und mußte ihn unverrichteter Sache fortgehen lassen. — Als er fort war, verfiel ich in verschiedene traurige Betrachtungen. „Es waren andere Zeiten,“ dachte ich, „da du noch als Kind dich draußen an dem Harlequin erfreutest. Nun sitzest du hier, hast Fieber und Gelbsucht und blickst dem prosaischen Entrepreneur in die Coulissen. Die Illusion ist aufgehoben, die Kindlichkeit verschwunden; und was ist der Mensch ohne Kindlichkeit und Illusion?“ — Nun kam das kalte Fieber, und so denkt ein Fieberpatient. Dem gesunden, frischen Dichter fehlt es nie an Kindlichkeit, nie an freudiger Illusion. Selbst in seinen Wehmuthszähren spiegelt sich ein schönfarbiger Regenbogen, der den Himmel mit der Erde verbindet; und seine begeisterte Kraft erhärtet diesen lustigen Bogen zu einer Brücke, auf welcher Thor mit allen Göttern herabreitet.
Das kalte Fieber kehrte immer wieder; ich wurde immer matter und gelber, und hätte mich meine Frau nicht, nach Callisen's Rath, in einen wohlverwahrten Wagen eingepackt, und mich zur Stadt gefahren — so hätte ich mich vielleicht niemals erholt.
Die Tragödie Stärkodder.
In meiner neuen Tragödie Stärkodder hatte ich die Idee der Reue und der Besserung eingeflochten. Wenn diese Worte nicht nur ein hohler Klang sind, so muß eine solche Veränderung bei dem Menschen möglich sein. Hier ist nicht die Frage: konnte ein Mann, wie Stärkodder, eine ehrlose Handlung begehen? sondern die Frage ist: konnte ein Mann, der jene Handlung begangen hat, ein Mann wie Stärkodder werden? — Und das glaube ich zur Ehre der Menschheit. — Man muß sich in jenes Zeitalter versetzen. Ein Mensch, der ein solches Verbrechen jetzt beginge, wäre ein Elender, der ohne Zaudern dem Tode überantwortet werden müßte. — Aber was wünscht Stärkodder? Nur den Tod! Und wie wird er gestraft? mit dem Leben, das ihm eine drückende Last ist. In den heidnischen Zeiten war Mord und Todtschlag so allgemein, daß man sich nicht die Bedenken über dergleichen Handlungen machte, wie in unseren Tagen; Geldgier war das allgemeine Laster der industrielosen Barbarei, und die Industrie hat es nicht ausgerottet, obgleich sie sich seltner so plumper Mittel bedient. — Er hatte in einem übereilten Augenblicke im Rausche den Mord begangen. Das Gewissen verfolgt ihn während glänzender Thaten, „jede einzelne groß genug für einen Mann, um der Unsterblichkeit gewiß zu sein.“
„Hier steht ein andrer Mann, ein fremdes Wesen;
Ein Name nur: Stärkodder ist geblieben
In der Vergangenheit. Was ist Stärkodder?
Ein Laut, ein Klang, ein Nichts! Und doch muß er
Für jenes jungen Thoren Unrecht büßen!“
Doch endlich werden die Götter versöhnt, — und diese nordisch-heidnischen Götter — die (gleich den griechischen) mehr die ewigen Naturkräfte, als die moralischen Vollkommenheiten repräsentiren, bedenken sich nicht, den tapfersten Sterblichen in ihre Zahl aufzunehmen.
Diese dramatische Handlung verband ich mit Episoden, indem ich mich in Bezug auf Solches an die Shakespeare'sche Historie, sowie in den großen Situationen an die lyrisch-pathetische griechische Tragödie hielt. Ich glaube, daß diese Episoden, die, wie Aristoteles es verlangt, theils nach Nothwendigkeit, theils mit Wahrscheinlichkeit der Haupthandlung angeknüpft sind, diese unterstützen und das Stück interessant machen, was heut zu Tage keine Tragödie entbehren kann; obgleich ich wohl weiß, daß das Pathetische das Interessante überwiegen muß, und auch hoffe, daß dies im Stärkodder wie in meinen anderen Tragödien der Fall ist.
Knudsen spielte den Stärkodder; und obgleich diese Rolle außerhalb seines Faches lag, kam ihm doch seine Begeisterung, seine Kraft und sein nationales Gefühl zu Hülfe und war von Wirkung; doch war es erst einem Ryge vorbehalten, den eigentlichen Stärkodder darzustellen.
Unbedeutendere Dramen.
Meine folgenden Dramen waren unbedeutender. Ein Maler kann nicht immer große historische Gemälde schaffen; er malt auch zur Abwechselung, während der Geist zu größeren Werken ruht, kleinere Genrebilder. Ich hatte Lust, den leichten französischen Conversationston in gereimten Versen zu versuchen, und schrieb den Canarienvogel. Ein Scherz mit einem gutmüthigen, alten Manne, der ohne Ursache aus seine junge, schöne Frau eifersüchtig ist, und dafür von seinem eignen Bruder durch einen kleinen Schrecken gestraft wird. Wäre man damals ebenso, wie jetzt, in dieser leichten gereimten Diction geübt gewesen, so hätte das Stück vielleicht mehr Wirkung hervorgebracht. Ich habe es später umgearbeitet und verkürzt und glaube, daß es dadurch gewonnen hat. In „Ehrlich währt am längsten“ verlangte ich zu Viel von dem theaterbesuchenden Publikum. Ich hatte nicht an Göthe's Worte in dem Vorspiel zum Faust gedacht: „Wir wollen stark Getränke schlürfen.“ Ich wagte ein kleines naives Idyll ohne Musik, ohne Intrigue, aber — nach dem Urtheil der Kenner — nicht ohne poetisches Leben darzustellen. Ein einfältiger, alter Bischof, übrigens ein gutmüthiger Mensch, der an der Ehrlichkeit zweifelt, wird durch die natürliche Unschuld eines jungen Hirten beschämt; und die Rheingegend des südlichen Deutschlands dient dieser Skizze zum Hintergrunde. Diese kleinen Arbeiten zugleich mit Faruk wurden nun von meinen Gegnern als mißglückte Bagatellen betrachtet, welche deutlich zeigten, daß ich nicht mehr Der sei, der ich gewesen war.
Die Tragödie Hugo von Rheinberg.
Mehr Wirkung machte die Tragödie Hugo von Rheinberg (geschrieben im Jahre 1813), obgleich sie weder vaterländisch noch historisch ist. Hier ist Alles in der von mir selbst erfundenen, tragischen Hausscene auf Effect abgesehen. Ritter Hugo und Frau Bertha fliegen wie Nacht-Schmetterlinge in das Licht, das ein unglückliches Schicksal ihnen vorhält. Kunigunde und Ritter Walther sind trotz ihrer tugendhaften Eigenschaften durch Unvorsichtigkeit und Eigensinn selbst Schuld an ihrem Unglücke. Sie bringt unvorsichtiger Weise Bertha auf die Burg zu Hugo, nachdem Walther Bertha verlassen hat, um auf Abenteuer auszugehen. In ihnen Allen geht etwas Gutes zu Grunde, welches Rührung erweckt. Ein Don Quixote aus dem Mittelalter, Moritz, und sein plumper Vater Ruprecht, werfen in humoristischen Scenen Lichtpartieen in das dunkle Gemälde. Auch sie gehen durch eigne Schuld zu Grunde. Der Eine im eitlen Gezänke, der Andere durch blutigen Rachedurst. Der dänische Harald ist der vernünftigste. Die Scene, in welcher er im Snorro Sturleson liest, und wo der Harnisch herabfällt, ist immer von Wirkung, obgleich man im Voraus weiß, was geschehen wird. Einige werden meinen, daß er leben bleiben und zum Vaterlande zurückkehren müsse; aber er ist doch auch einseitig leidenschaftlich in seiner Freundschaft und wünscht selbst den Tod, um seinem einzigen Freunde zu folgen. So gehen alle heroischen Personen in diesem Gemälde starker Leidenschaften zu Grunde; nur idyllisches Glück, auf bescheidene Weise und Genügsamkeit gegründet, zeigt sich als tröstender Gegensatz bei ihren Dienern.
Eine Burschenschaft. — Der Conferenzrath Brandis.
Während dieser Zeit lernte ich in den vornehmen Zirkeln einen höchst interessanten Mann, den humoristischen, genialen Etatsrath (spätern Conferenzrath) Brandis kennen. Wenn ich ihn hörte, so war mir's, als ob Kästner und Lichtenberg wieder auflebten, um mehr Witze zu machen, aber als ob Göthe ihnen seine geistreichen Beobachtungen für die kleinen characteristischen Züge des Lebens und seine freundliche Ironie geliehen hätte.
Brandis und ich bekamen Lust, eine derjenigen ganz entgegengesetzte Gesellschaft zu gründen, in der wir unsere erste Bekanntschaft gemacht hatten, wo aber doch auch den Musen gehuldigt werden sollte. Er hielt medicinische Vorlesungen und es waren mehrere Kieler Studenten nach Kopenhagen gekommen, um ihn zu hören. Nun stifteten wir eine Burschenschaft; er, um diesen Spaß noch ein Mal in seinem Leben durchzumachen, ich, um ihn überhaupt ein Mal durchzumachen, da ich ihn nie vorher gekannt hatte. Sein ältester Sohn, der jetzige Professor Christian Brandis in Bonn, und unser Freund (späterer Conferenzrath) Bech, der in Deutschland gewesen war, nahmen Theil daran. Die Gesellschaft war bald bei dem Einen, bald bei dem Andern, gerade so, wie ein Collegium politicum. Man saß da an einem langen Tische bei Butterbrod, Bier, Branntwein und Tabak. — Ich rauchte nicht mit, ließ mich aber gern von den Anderen einräuchern. Und nun kamen wieder alle alten, lustigen Geschichten an den Tag. Man konnte sich mit Rücksicht auf die Form keinen größern Unterschied zwischen diesem und dem feinen Damenzirkel denken; aber in der Hauptsache glichen beide Gesellschaften doch einander, in soweit, als sich geistreiche Menschen darin, zum Theil poetisch, unterhielten. Daß diese Burschenschaft übrigens von zahmerer Natur war, als die deutschen, war eine Folge der Ueberpflanzung auf dänischen Grund, und daß zwei Professoren als Mitglieder an derselben Theil nahmen.
Anekdoten von Brandis.
Von dem merkwürdigen Brandis muß ich etwas mehr erzählen. Er war von untersetztem, aber starkem Körperbau; sein außerordentlich ausdruckvolles, blatternarbiges Gesicht mit blauen Augen war voller Humor; sein großer, dicker Kopf mit buschigem, herabhängendem Haar glich etwas einem Löwenkopfe, weshalb Camma Rahbek ihn auch den Löwen nannte. Er war in seinen jüngeren Jahren Badearzt und Gastwirth in Driburg gewesen. In Hildesheim hatte er sich auch aufgehalten und in Göttingen studirt. Er wußte eine große Menge Geschichten zu erzählen, die sich alle mit ihm in diesen Orten ereignet hatten. In Holstein hatte er der Königin Maria Vertrauen gewonnen und war nun unter sehr günstigen Bedingungen ihr Leibarzt. In den erwähnten Kreisen war er oft zugegen gewesen, wenn ich meine Tragödie vorlas; aber er verstand nicht Dänisch und bemühte sich niemals, es zu erlernen. Doch gebrauchte er einmal in einem Wortstreit mit einem Dänen, der nicht Deutsch reden wollte, das Wort „Nidingsfärd“ (Bubenstück), und als sich dann seine Familie wunderte, wo er das Wort herbekommen habe, sagte er: „Hab' ich doch so viele Tragödien von Oehlenschläger hören müssen, muß ich doch Etwas davon behalten.“ Es war merkwürdig, daß er mich wirklich lieb hatte, und sich gern in Gespräche und Scherze mit mir einließ, während ihn meine Poesie, sowie überhaupt dänische Poesie durchaus nicht interessirte. „Diese Helge,“ sagte er einmal zu einem meiner Freunde, „mag ich nun gar nicht leiden.“ Und als ich nun später hierüber spottete und ihn darauf aufmerksam machte, daß er das verurtheilte Gedicht so wenig kenne, daß er glaube, Helge sei ein Frauenzimmer, lachte er selbst darüber. Er konnte es recht gut vertragen, wenn man ihn mit gleicher Münze bezahlte, wie ich es immer that. Einmal sagte er: „Mein Herr, wenn ich von Tugenden und Moralien hören will, gehe ich in die Kirche.“ Ich antwortete: „So hören Sie es ja gar nicht, denn in die Kirche kommen Sie nie.“ — Er lachte.
Einmal spielte man Shakespeare's Hamlet, und er kam mitten im ersten Acte. „Warum haben sie das Stück verstümmelt?“ fragte er, „es ist ja eine Scene vorher mit dem Geiste und dem Sohne.“ Ich antwortete: „Die Scene ist auch gespielt worden, aber Sie sind zu spät gekommen!“ — „So, so!“ sagte er. Darauf wandte er sich gegen das Parterre hin und sagte: „Warum sind denn so wenige Leute heute Abend hier? Die Leute haben keinen Geschmack.“ Und nachdem er das gesagt hatte, ging er selbst fort.
Einer seiner Söhne konnte ein wenig singen, und da er ein sehr zärtlicher Vater war, so arrangirte er seinetwegen zuweilen Abendconcerte, und lud Weyse und Kuhlau dazu ein; diese entschuldigten sich aber. Hierüber wurde Brandis böse. „Diese Musikanten,“ sagte er, „bilden sich so viel ein. In alten Tagen waren die Musikanten Kammerdiener.“ Es fiel mir zu spät ein, ihm darauf zu antworten: „Ja, und die Aerzte.“
Aus allen diesen Geschichten sieht man, daß Brandis unartig sein konnte; und wer ihn nicht persönlich kannte, wird nicht einsehen können, was etwa anziehend bei ihm war. Aber das war sein Witz, sein reicher Geist, seine Weltkenntniß und Beredsamkeit, obgleich er etwas stammelte, seine wissenschaftliche Bildung und sein Genie als Arzt. Wenn man gefährlich-krank war, so wandte man sich an Brandis, und die Aerzte selbst riethen dazu; aber gefährlich mußte es sein, sonst kümmerte er sich nicht darum. Als ich ihn nach dem früher erwähnten kalten Fieber eines Abends auf seinem Landsitze auf Oesterbro besuchte, wollte er durchaus spazieren gehen, und mit mir im Garten nach Sonnenuntergang plaudern. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß ich ein Fieberreconvalescent sei. „Ach, sein Sie kein Kind!“ sagte er. „„Wenn unser größter Arzt sagt, daß es keine Gefahr habe,““ fuhr ich fort, „„so bleibe ich; wenn ich meinem eignen Gefühl folgte, so ginge ich nach Hause.““ Ich hätte gut gethan, wenn ich diesem Gefühle gefolgt wäre; denn den Tag darauf bekam ich wieder das Fieber. — Einige seiner Witze will ich hier als Probe anführen. Von einem Manne, von dem man glaubte, daß er sich sehr viel Mühe gäbe, Orden zu bekommen, sagte er: „Er hat den Bandwurm.“ — Von einer Patientin, deren Verstand verwirrt gewesen war, und die nun wieder anfing, sich zu erholen, sagte er Einem, der fragte, ob sie nun bald wieder ganz vernünftig sein würde: „Ja, klüger, als sie war, ehe die Krankheit kam, kann ich sie nicht liefern.“ — Ein reicher Mann, der immer auf die finanziellen Zustände des Landes schalt, rief ein Mal in einem Gespräch mit ihm aus: „Ach, wir sind alle arme Hunde!“ — „Bitt' um Verzeihung, mein Herr!“ entgegnete Brandis, „Sie sind nicht arm, und ich bin kein Hund!“ — Als ein alter Mann, der sich mit einem hübschen jungen Mädchen verheirathet hatte, ihn fragte: „Darf ich Kinder hoffen?“ entgegnete er: „Nein — aber fürchten!“
Professor Schielderup.
Einen andern sehr witzigen Arzt, der noch mehr stammelte, als Brandis, muß ich bei dieser Gelegenheit nennen: den Norweger Professor Schielderup. Er war übrigens sehr verschieden von Brandis, lang und mager, mit einem sehr bescheidnen Wesen. Er befaßte sich nicht damit, Schöngeist zu sein, obgleich er das Schöne sehr achtete. „Ich bin solch' ein Vieh,“ sagte er ein Mal ganz ernst und bescheiden zu mir, „daß ich keine andern ästhetischen Schriften gelesen habe, als Wilhelm Meister und Benevenuto Cellini.“ Ich antwortete, daß der Anfang gut sei, er solle so fortfahren. — Eine Eigenthümlichkeit bei ihm war, daß er nicht stammelte, wenn er Vorlesungen hielt. Aber als er einmal in der skandinavischen Gesellschaft eine Abhandlung vorlas, kamen in derselben zuweilen Worte vor, über die seine Zunge ebenso wenig hinwegkonnte, wie ein Wagen über große Steine, die auf der Landstraße liegen. Ich brach beinahe in ein Gelächter aus, wandte mich in meiner Noth an meinen Freund, den Professor Thorlacius, meinen Nachbar, und sagte: „Ich kann mich vor Lachen nicht halten, meine Fingerspitzen sind ganz naß vor Anstrengung.“ Mit gutmüthigem Lächeln meinte Thorlacius, man dürfe keinen Naturfehler verspotten. „Ach, mein lieber Freund,“ sagte ich, „dieser Schonung bedarf ein so ausgezeichneter Geist, wie Schielderup ist, gar nicht. Eigentlich ist der Trieb, den ich zum Lachen fühle, nur eine Folge der Bewunderung und Achtung, die ich für ihn hege. Wenn ein Dummkopf stammelt, so ist das nicht lächerlich: es ist die rechte Melodie zum Text. Aber wenn es einem begabten Manne schwer wird, seltene Gedanken auszudrücken, wo ein Dummkopf sich mit größter Leichtigkeit äußert, so ist das eine Ironie, eine Schelmerei von der Natur, welche die muntere Fantasie zum Lachen zwingt.“ — Von Schielderup's Einfällen will ich nur zwei anführen. Er fuhr ein Mal in einer Leichenprocession nach dem Kirchhofe mit einem Spießbürger, den er nicht weiter kannte, der aber diese Gelegenheit benutzen wollte, um von Schielderup ohne Recept und Bezahlung zu erfahren, was er mit all' seinen Leuten zu Hause, die kränkelten, thun solle. Schielderup ließ ihn schwatzen und weitläufig Alles erklären, schwieg aber stockstill. Endlich, nachdem der Mann sich fast eine halbe Stunde expectorirt hatte, ohne Antwort zu bekommen, wurde er zuletzt ungeduldig und rief: „Aber Herr Gott, hören Sie denn nicht, was ich sage?“ — „Ja wohl,“ sagt Schielderup, „ich höre es.“ — „Aber warum antworten Sie denn nicht?“ — „Ich ha — habe keine Zeit!“ — „Was haben Sie denn zu thun?“ — „Ich fa — fahre!“ — Ein anderes Mal fragte ihn Einer mit einer rothen Nase, ob er ihm diese nicht fortschaffen könne? — „Ja,“ antwortete Schielderup, „es kommt nur darauf an, welche Cou — Couleur Sie lieber haben wollen?“
Meine beiden Söhne.
War ich so nun bald in vornehmer, bald in gelehrter Gesellschaft, so befand ich mich wiederum zu Hause, in häuslicher Ruhe in einem dritten, durchaus andern Kreise, in dem meiner Kinder. Lotte lief bereits wie eine kleine Puppe auf dem Fußboden umher, und unsere Wiegen waren, erst mit dem einen Knaben und dann mit dem andern in Bewegung. Johannes Wolfgang ist am 7. Februar 1813, William Conrad am 19. December 1814 geboren.
In diesem Jahre besuchte ich Frau Gyllembourg, frühere Frau Heiberg. Diese geistreiche, muntere Frau versammelte eine angenehme Gesellschaft um sich. Es kamen H. C. Oersted, Weyse und Pram zu ihr. Der junge Johann Ludwig saß als halb erwachsener Knabe da, und lernte damals wohl Manches von uns Aelteren. Ich ließ es mir am allerwenigsten träumen, daß ich wenige Jahre darauf so viel von ihm lernen würde.
Neue Umgangskreise.
In dieser Zeit erwarb ich mir ein paar Freunde, deren Verkehr mich viele Jahre hindurch erfreute, den Chef der Seekadetten, Capitain Peter Frederik Wulff (der als Admiral starb), und seine liebenswürdige Gattin. Wulff hatte sehr viel Liebe für die Poesie, schrieb selbst, gleich seinem Vorgänger Sneedorff, hübsche Verse, und übersetzte später mehrere von Shakspeare's Werken. Er nahm mich zuweilen mit auf das Kadettenschiff. Ich entsinne mich noch einer Partie, die wir zusammen nach Helsingör machten, wo ich einen angenehmen Abend in der Gesellschaft der Fräulein Tuxen (späteren Admiralinnen Rothe und Möller) zubrachte. Durch Wulff wurde ich auch mit dem Olsen'schen Hause bekannt, wo man stets einen lebendigen, muntern Kreis vieler Gäste fand. Etatsrath Olsen, ein kleiner, magerer, bleicher, leichtbeweglicher, sehr höflicher Mann, theilte die Gastfreiheit seiner Frau, und sie selbst hatte das liebenswürdigste Talent, Wirthin zu sein und Munterkeit und Zufriedenheit rund um sich her zu verbreiten. Ihre Schwägerin, Rittmeisterin Balle, war schön und anmuthig; was Wunder, wenn man gern dort in das Haus kam. Bei dieser Gelegenheit erneuerte ich eine alte Bekanntschaft. Ich traf nämlich bei Olsen's den Bischof Balle, mit dem ich nicht gesprochen hatte, seitdem ich als kleiner Junge von sechs Jahren zwischen seinen Knieen stand und hersagte, was ich auswendig gelernt hatte. Es war eigenthümlich, diesen alten Mann, der durchaus einer dahingeschwundenen Zeit angehörte, feierlich still, fast wie ein Gespenst, im Priesterrock mit steifem Kragen und gepuderter Perücke, mitten in den lärmenden, modernen, lustigen Cirkel hineintreten zu sehen und wie er sich an den Abendtisch setzte, wo fast von nichts Anderm als von dem Schauspiele und den Stücken gesprochen wurde, die kurz vorher gegeben waren; denn Olsen war Theaterdirector und die Damen hatten jeden Abend freies Entrée in der Directionsloge. Der alte Bischof kam nie ins Theater, sprach nie von diesen weltlich eiteln Dingen, und obgleich er nicht, wie sein Vorgänger Pontoppidan in seiner „Erklärung“ über „Comödien, Wirthshausgehen, die stets an und für sich Sünden sind, an Feiertagen aber doppelte Sünden,“ geklagt hatte, so war der Ton von Balle's „Lehrbuch“ doch nicht sehr verschieden von dem in Pontoppidan's „Erklärung.“ — Ich gewann übrigens sein Herz dadurch, daß ich ein Mal, als wir allein im Zimmer waren, ihm am Clavier viele der alten Psalmen, die ich auswendig wußte, vorsang; woraus er ersah, daß der Zucker, den ich von ihm am Altare bekommen hatte, doch nicht ganz ohne Wirkung gewesen war.
Der Schauspieler Dr. Ryge.
Bei meiner Schwester, die den Sommer immer in Friedrichsberg wohnte, bei meinem Vater auf dem Schlosse, und bei Rahbeks auf dem Hügelhause erneuerte ich das Andenken an liebe, verschwundene Tage, und sang mit Baggesen: „Ach, nie vergißt das Herz doch der ersten Jugend Kreis!“
Im Uebrigen sangen Baggesen und ich nicht mehr viel zusammen. Er besuchte mich oft, aber ich bemerkte bald, daß der Wurm des Neides an seinem Herzen nagte.
Ich hatte ein mächtiges Organ für meine Tragödien in Dr. Ryge gefunden, der Schauspieler geworden war und einen seltenen Beweis dafür abgab, was Enthusiasmus für die Kunst über weltlichen Vortheil und Ansehen vermag. Er war Stadtphysikus in Flensburg gewesen und hatte ein sehr einträgliches Amt, als er es plötzlich niederlegte, — einzig und allein, um dem Triebe seines Herzens als Tragiker zu genügen. Er war ein vortrefflicher Eleve Brandis'. Obgleich nun Brandis, selbst ein Mann von Geist, Sinn und Interesse für die schönen Wissenschaften hatte, so konnte er doch, in einer ältern Zeit gebildet, gewisse Vorurtheile gegen den Schauspielerstand nicht überwinden, und darüber ließ er sich auf seine gewöhnliche, derbe Art Ryge gegenüber, der hierin natürlich durchaus nicht mit ihm sympathisirte, aus. „Wissen Sie wohl,“ sagte Brandis einmal zu ihm, „daß Sie ein ausgezeichneter Arzt hätten werden können, wenn Sie Ihre Wissenschaft ferner gepflegt hätten?“ — „Es giebt Ihrer genug, die Menschen todt schlagen,“ antwortete Ryge; „wissen Sie wohl, daß ich lieber Statist beim Theater, als der ausgezeichnetste Arzt sein will?“ — Wie sonderbar geht's doch in der Welt zu! Hätte mir Jemand im Voraus gesagt, daß ein Stadtphysikus aus Flensburg bald als ein echter Hakon Jarl, Palnatoke, Wilhelm, Michel Angelo, Stärkodder u. s. w. auftreten würde — so hätte ich geglaubt, Holberg's Geert Westphaler erzählte verrückte Flensburgsgeschichten von seiner großen Reise von Hadersleben nach Kiel. Und doch war es so! Ryge's Liebe für die Kunst war außerordentlich. Ich entsinne mich noch, wie wir an einem herrlichen Frühlingstage zusammen nach Friedrichsberg hinausgingen und über eine Rolle sprachen, die er in einem meiner Stücke spielen sollte. Der Frühling war gerade in seinem schönsten Glanze erwacht; obwohl mich das Gespräch in hohem Grade interessirte, zog doch auch das herrliche Maigrün meine Aufmerksamkeit auf sich, und ich wollte, daß Ryge an meiner Bewunderung Theil nehmen sollte. Aber er würdigte vor lauter Verliebtheit in Melpomene, die Flora nicht eines Blickes (obgleich er seine Brille aufhatte); und als ich ihn fragte: „Aber erfreut denn die Natur nicht auch Sie?“ antwortete er auf seine gewöhnliche humoristische Weise: „Nein, beim Teufel, das thut sie nicht! Sprechen wir nun wieder von der Kunst.“
Der Kritiker Baggesen. — Zwei neue Singspiele.
Das Glück, welches meine Tragödien besonders durch Ryge's ausgezeichnetes Spiel machten, verdroß Baggesen. Er, der sich früher nie mit dramatischer Kunst abgegeben, und in seinen eigenen Versuchen gezeigt hatte, wie wenig er davon verstand, setzte sich auf das hohe Pferd und führte das große Wort. Aber in den ersten Kritiken zeigte er nur Unkenntniß und übertriebenes Selbstvertrauen, ein gewöhnlicher Fehler bei Recensenten; der Ton in seinem Tadel hatte noch nicht die Grenzen des Anstandes überschritten, obwohl man es wohl merkte, daß er es nicht gut mit mir meinte. Ich hatte einige Antikritiken, ohne alle Persönlichkeiten, nur wissenschaftliche Prüfungen der Baggesen'schen Sophismen, geschrieben; aber Benzon, der von Westindien nach Kopenhagen gekommen war und meine anderen Freunde riethen mir ab, mich in eine literarische Fehde einzulassen. Ich unterließ es also, habe dies aber später bereut; denn es würde Baggesen vielleicht auf seinem Wege aufgehalten und ihn verhindert haben, sich dann so stark zu verlaufen.
Weyse wünschte damals (1814) wieder ein Singspiel zu componiren und der herrliche Kuhlau, der nur erst durch seine Instrumentalmusik bekannt war, bat mich gleichfalls, ihm ein solches zu schreiben. Ich überlegte, was sich für das Genie Beider eignen könne. Kuhlau schien mir mehr lebendig und effectvoll zu sein; in Weyse's Musik hatte mich stets eine tiefe ahnungsvolle Phantasie mit ihren holden Träumereien hingerissen. Ich schrieb die Räuberburg für Jenen, Ludlam's Höhle für Diesen. Die Räuberburg hat ein buntes und trotz ihrer Darstellung von Gefahr und Grausamkeit, munteres Colorit. Die Scene spielt in der Provence; die provencalische Rose sticht sich in den Kranz der Liebenden, Töne aus der Zeit der Troubadoure klingen in einzelne Partien herüber; aus dem nahen Spanien schenkt Calderon ein wohlklingendes Versmaß um leicht über die Räuberscenen hinwegzueilen, in denen man mehr über die naive Grausamkeit der Räuber erstaunt, als sich über ihre Abscheulichkeit entsetzt. Ich wollte nicht die deutsche philosophirende Leidenschaftlichkeit, das merkwürdige phantastische Zähneknirschen, die sentimentale, hohe Verzweiflung nachahmen, die wir in Schiller's Räubern bewundern. In der Räuberburg sehen wir südliche Räuber, die so wenig an Gewissensscrupeln und dem Kampfe mit moralischen Gefühlen leiden, daß sie im Gegentheile mit Mord und Todtschlag, wie Knaben mit ihrem Steckenpferde spielen. Brigitte und Camillo sind die merkwürdigsten Charactere im Stücke. Das teuflische Element der ersten ist ganz natürlich; Wollust geht eben so leicht zu Grausamkeit, wie zu phantastischer Schwärmerei über, und das Leben ist für sie nur ein nervenerschütterndes Spiel, welches um so genußreicher ist, je stärker es erschüttert.
In Ludlam's Höhle verschmelzen sich zwei verwandte Mährchen aus den „Neuen Volksmährchen der Deutschen“ mit einander. Die Idee von der Versöhnung hat der romantischen Mythologie Veranlassung zu solchen Darstellungen, wie die von Ludlam und der weißen Dame, gegeben. Ein Sünder konnte sich in seiner letzten Stunde bekehren und Verzeihung finden; wenn aber der Tod ihn überrumpelte, so fand er keine Ruhe im Grabe. Nun schauderte das Herz doch bei dem Gedanken an eine ewige Verdammung, die eine glückliche Reue zu rechter Zeit hätte verhindern können. Deshalb glaubte man, daß solche Todte als Geister umgingen, um Errettung zu finden. Und sowie Christus die Sünden der Menschen gesühnt hatte, so hielt man es für möglich, daß ein lebender, frommer, christlicher Verwandter durch seine Tugend und seine Unschuld die Sünde des Verstorbenen sühnen könne. Diese fromme Phantasie, die aus einem Gefühl der Barmherzigkeit für den Unglücklichen entstand, hat gewiß nichts Abstoßendes für unser Gefühl, und wenngleich unsere Philosophie nicht mehr daran glaubt, so können wir uns doch wohl mit poetischer Illusion auf einige Stunden in den Glauben einer alten Zeit versetzen und ihre Anschauungsweise theilen. Etwas Aehnliches thun wir ja auch immer, wenn wir uns in irgend einen andern Character und in Anderer Denkweise, als unsere eigene versetzen. Ich sehe also nicht ein, warum ein sinnreiches Gespensterspiel strenger von der Poesie und der Bühne ausgeschlossen sein soll, als das Zauberspiel. Es ist doch tragisch, und spricht unsere ernste, moralische Natur, sowohl in der Zeit, wie in dem nationalen Elemente mehr an. Es währte etwas lange, ehe das Stück angenommen wurde, und ich schrieb deshalb an Rahbek (der einer der Censoren war) einen Reimbrief, in Folge dessen es kurz darauf gegeben wurde.
Weyse's und Kuhlau's Musik entsprach ganz meiner Erwartung, die Stücke machten Glück auf der Bühne und wurden immer bei vollem Hause gegeben. Aber Baggesen riß sie herunter, wurde immer gröber und gröber und fand immer mehr und mehr Anhänger; denn da ich stillschwieg, glaubten Viele, daß doch wohl Etwas an seinem Tadel wahr sein müsse; obgleich die Meisten, selbst unter seinen Freunden, fanden, daß derselbe übertrieben sei.
Mißhelligkeit mit Rahbek.
Madame Händel-Schütz in Kopenhagen.
Mein Verhältniß zu Rahbek in dieser Zeit war mißlich. Wir konnten in Sachen des Geschmacks nicht sympathisiren, obgleich ich zu seiner Ehre sagen muß, daß er der Einzige aus der alten Schule war, der meine Arbeiten mit Beifall und Achtung aufnahm. Hätte ich seine Bewunderung für die junge Schauspielerin theilen können, die nicht nach meinem Geschmacke war, und wenn ich einmal im Theater nicht über einen zwar unverzeihlichen aber komischen Scherz über seinen Geschmack gelacht hätte, der von einem Professor Schütz gemacht wurde, so hätte sich wohl auch die Freundschaft nicht abgekühlt. Früher war ein deutscher Adliger hier gewesen, der die scenische Kunst unter dem angenommenen bescheidenen Namen Patrik Peale pflegte, wahrscheinlich um seiner Familie nicht Schande zu machen. Er hielt auch ästhetische Vorlesungen, die Rahbek mit vieler Andacht und großem Wohlbehagen anhörte. Das misfiel mir; denn Herr Peale war meiner Ansicht nach eine verschrobene langweilige Person. Kurz darauf kam die berühmte Madame Händel-Schütz mit ihrem Manne, Professor Schütz, nach Kopenhagen und zeigte ihre Copieen nach Raphael, Correggio, Guido Reni u. s. w., die alle durch Shawls, Tücher, andere Gewänder und fromme Stellungen ausgeführt wurden. Alles, was auf diese Weise darzustellen möglich war, stellte Madame Händel-Schütz wirklich mit vielem Geschmack und Studium dar. Aber da ihr gesundes, recht hübsches Gesicht durchaus nicht ideal, da ihr natürlicher Character munter und lebenslustig war, so konnte sie trotz der äußern, flüchtigen Aehnlichkeit doch vor wahren Kunstkennern niemals als ein Modell der unsterblichen Werke jener großer Meister gelten. Indessen amüsirte es die Leute doch eine kurze Zeit und mich auch, da ich sie von meiner ersten deutschen Reise her kannte. Und als ihr Mann, der durchaus nicht besser war, als Patrik Peale, über Rahbek wegen eines abschlägigen Bescheides, den dieser ihm gegeben, entrüstet, ihn auf dem Theater verspottete, indem er eine kleine ironische Vorlesung in seinem Geschmacke hielt, so lachte ich und daran that ich Unrecht. — Kurz daraus benutzte ich die Gelegenheit, indem ich einige von ihm entliehene Bücher zurücksandte, mich ihm durch ein freundliches versöhnendes Gedicht, das ich der Sendung beilegte, wiederum zu nähern.
Nun wurden wir zwar wieder gute Freunde; aber es hatte doch keine Art, und auf Veranlassung von Freia's Altar wurde die Freundschaft in ein paar Jahren ganz vernichtet. Aber ich komme hier zu einem Standpunkte, wo meine ganze literarische Wirksamkeit betrachtet und überschaut werden muß, um dem Leser einen richtigen Begriff von meiner Stellung und deren Folgen zu geben.
Mehreres hatte dazu beigetragen, daß ich meine Autorität zu verlieren begann, und der Autorität kann Niemand entbehren, der in seinem Fache kräftig wirken und auf die Menge Einfluß ausüben will. Zweifelt man an dem guten Geschmacke des Dichters, so ist das ebenso viel, als wenn der Kaufmann seinen Credit verliert. Beim Anfange meiner Dichterlaufbahn fing ich an, gegen den bestehenden Geschmack zu opponiren; dies war mir nicht wenig förderlich; denn Viele hatten Lust an Veränderung und Streit; der Neid sieht gern alte Mächte gestürzt, und kommt dazu nun noch, daß die Opposition wirklich für etwas Gutes kämpft, so ist es natürlich, daß sie auch bei den Besseren Unterstützung und Anhänger findet.
Rückblick auf meine erste Dichterperiode.
Wenig über zwanzig Jahre stand ich, fast noch ein Kind, mit wenigen Kenntnissen da, aber — man erlaube mir dies ebenso aufrichtig zu sagen — mit guten Fähigkeiten für mein Fach, und in dieser Lebensperiode entwickeln sich die Kräfte mit großer Schnelligkeit. Man fand mich bald im Besitz einer starken Phantasie, eines tiefen Gefühls, einer kecken muntern Laune; aber Philosophie, oder richtiger gesagt, Metaphysik zu studiren, dazu fühlte ich mich ebenso wenig getrieben, wie zur Mathematik. Indessen hatte sich mein gesunder Verstand doch auf natürliche Weise in der Schule des Lebens mehr als bei den meisten jungen Gelehrten entwickelt, welche die Welt nur aus abstracten Theorien kannten. Es war von den ersten Jünglingsjahren an eine meiner liebsten Beschäftigungen gewesen, über das Wesen und die Handlungen der Menschen nachzudenken, die Charactere und die Beweggründe der Handlungen im menschlichen Herzen zu erfassen, weshalb auch die Geschichte seit der Zeit, wo Dickmann in der Schule für die Nachwelt mit Geschmack für sie beibrachte, mir ebenso lieb war, wie die Natur und das Menschenleben. Im Anfange des Jahrhunderts herrschte die Rahbek'sche Schule. Ich nenne sie so, weil er es war, der in der Minerva und dem Zuschauer die Poeten zusammenhielt, und in seinen täglichen Aeußerungen die geltenden Ansichten allgemein verbreitete. In meiner Anfangszeit war der Geschmack sehr schlecht. Nicht als ob wir guter und großer Vorbilder entbehrt hätten. Wir hatten Holberg, Ewald, Wessel, Tullin gehabt; Thaarup hatte seine reizenden Idyllen, Baggesen seine Jugendarbeiten geschrieben. Aber, merkwürdigerweise, während die großen Deutschen, Göthe und Schiller, blühten, war man hier sehr wenig geneigt sie gelten zu lassen. Eigentlich liebte Rahbek nur den sentimentalen Göthe im Werther, ja sogar in Stella und Clavigo. Die damals bei uns besonders hochgeschätzten Dichter waren Iffland, Kotzebue und Lafontaine. Drei meiner Jugendfreunde, die beiden Mynsters und Benzon, theilten diesen Geschmack nicht; sie bewunderten Shakspeare, Göthe, Schiller, Jean Paul, Lessing, welche ich alle durch sie kennen lernte und fleißig studirte, als gerade Steffens kam. Er gab meinem Geiste einen ganz eignen Schwung. Der Mysticismus und das Poetische in der romantischen Träumerei des Mittelalters gefiel mir. Tieck und Novalis wurden meine Lieblingsschriftsteller, die Polemik der beiden Schlegel's im Athenäum und der Europa war ganz nach meinem Geschmack.
Rückblick. Studien ausländischer Dichter.
Das fromme Gefühl, die Liebe zur Kunst des Mittelalters, die ich in Tieck's ersten Schriften (er wurde dazu eigentlich durch den zu früh gestorbenen Wackenroder begeistert) und hauptsächlich bei Novalis (Hardenberg) fand, machten einen starken Eindruck auf mich. Göthe's kleine Abhandlung über den straßburger Münster hatte mich bereits früh erweckt. Friedrich Schlegel's lange Abhandlung über die romantische Kunst war aus der Goethe'schen entstanden; doch ging er weiter. Die Innigkeit, Frömmigkeit, Naivetät und echte Natur, der poetisch tiefe Sinn, der sich in den Bildern der alten italienischen, deutschen und niederländischen Schule findet, wurde durch Tieck, Novalis und Friedrich Schlegel recht einleuchtend und verdrängte die flache Bewunderung für das affectirt moderne Französisch-Griechische. Daß die griechische und gothische (oder altdeutsche) Architektur sich zu einander verhalten, wie die Formen der Mathematik und der Vegetation, wurde recht klar. Später haben Moller in seinem Werke: „Denkmäler der deutschen Kunst,“ und die Gebrüder Boisserée in ihrer Beschreibung über den kölner Dom und durch ihre herrlichen Gemäldesammlungen diese Ideen verbreitet. Daß sie von dem pecus imitatorum übertrieben und gemißbraucht wurden, darin mußten sie sich, wie alle andere Ideen fügen. Novalis, der in der tiefsten Bedeutung des Wortes eine „schöne Seele“ genannt werden kann, riß mich hin. Die Frömmigkeit in seinen herrlichen Psalmen, die sich meinem, von Kindheit auf bewahrten, religiösen Gefühl verband, begeisterte mich, das Gedicht: Jesus in der Natur zu schreiben. Dieses Gedicht ist nicht mystisch, aber mythisch; indessen entzückte mich eine Zeitlang das Mystische. Ich begann zu glauben, daß der menschliche Geist den ewigen Geheimnissen, die wir in unseren begeisterten Augenblicken fühlen und ahnen, auf dem speculativen Wege ein gut Theil näher kommen könne. Ich versuchte Schelling's Bruno zu lesen; aber ich konnte ihn nicht überwältigen; dagegen amüsirte es mich, hie und da, in Jakob Böhme's Aurora zu blättern, wo die wunderliche Mischung von seltenem Tiefsinne, hoher Begeisterung, der kühnste Flug, um auf seine Weise das Universum zu überschauen, die innigste Gottesfurcht, das ehrlichste Streben, sich mit Schwärmerei und ermüdender weitläufiger Wiederholung des Gesagten verbanden. Seine Engel erscheinen mir zuletzt doch, gleich den Posaunenengeln in einer alten Kirche, auf staubigen, vergoldeten Holzstrahlen zu sitzen, die von dem Triangel ausgingen, welcher den Namen Jehova, mit hebräischen Buchstaben geschrieben, einfaßt. In dieser Zeit machte ich die Bekanntschaft des Norwegers Nicolai Möller, der in Deutschland in Münster wohnte, ein Freund von Friedrich Stolberg und ganz befangen in der mystischen Philosophie und exaltirter Frömmigkeit war. Er besuchte uns in Kopenhagen. Meinen „Jesus in der Natur“ hatte er gelesen, und er gefiel ihm, aber nur als der erste Schritt des noch eiteln Weltkindes. Er wollte mich bekehren. Ich besuchte ihn und fand ihn Märtyrlegenden in einem großen französischen Folianten lesend. Als er mich dringend aufforderte, mich zu verbessern, und in mich zu gehen, um rechtgläubig zu werden, fragte ich ihn ganz naiv: wie ich das denn anfangen solle? — „Bete!“ sagte er, „Du sollst zu Gott beten, daß er Dich erleuchte!“ — „Leb' wohl Möller!“ antwortete ich freundlich, drückte ihm die Hand und ging. Ich sah ihn seitdem nicht wieder. Er war ein edler, geistvoller, schöner Mensch mit vielen Kenntnissen, sehr blond und von schwacher Gesundheit. Er starb, glaube ich, wenige Jahre darauf.
Also Novalis riß mich hin. Ich entsinne mich noch deutlich des Sommertages, als ich von dem Rundtheile in der Allee, wo ich wohnte, nach dem Schneckenberge im Friedrichsberger Garten ging, mich auf einen abgehauenen Baumstamm setzte, der wie ein Sopha zwischen zwei Bäumen lag, den Rücken auf einen Baum stützte, Heinrich von Ofterdingen las und von den naiven Schilderungen im ersten Theile und von der blauen Blume im zweiten hingerissen wurde, obgleich dies mir bereits damals etwas zu neblich zu werden anfing. Jetzt, wo ich dies auf dem Fasanenhofe 46 Jahre später schreibe, nahm ich auch ein Mal im Sommer Heinrich von Ofterdingen, ging auf den Schneckenberg, der gerade vor dem Hause liegt, setzte mich wieder auf den Baumstamm, der noch dalag, aber alt und verfault, und begann zu lesen. Aber es schmeckte mir nicht wie damals, obwohl ich glaube, daß mein Alter noch jugendfrisch war. Vieles in Novalis erfreut mich jetzt noch wie früher; die naiven häuslichen Schilderungen, das Bergmannsleben, die herrlichen Lieder, die ich übersetzt habe, viele seiner Psalmen, das liebliche Gedicht an Tieck auf Jakob Böhme. Aber der naive Roman (der auch nichts Altdeutsches hat) schwillt bald, besonders im zweiten Theil, zu metaphysischem und mystischem Nebel auf. Novalis trug den Wurm des Todes in seinem Herzen; dies stimmte ihn zu milden, rührenden, religiösen Gefühlen, und brachte ihn dahin, den Freuden des Lebens zu entsagen; doch liebte er und verlobte sich zum zweiten Male kurz nach dem Tode seiner ersten Geliebten. Aristokratische Launen hatte der gute Hardenberg nicht; doch war er nicht ohne geistigen Hochmuth; er sprach von Göthe, wie von einem englischen Mechaniker, der elegante Möbel macht; er selbst hatte die Absicht, außer Heinrich von Ofterdingen sechs Romane zu schreiben, welche seine Ideen über Physik, das bürgerliche Leben, den Handel, die Geschichte und die Liebe umfassen sollten. Er war polemisch, wie Schlegels, und glaubte eine neue Poesie zu erfinden.
Rückblick. Beziehungen zu deutschen Dichtern.
Von Deutschland aus hatte ich bei meiner Heimkehr keine Stütze mehr in Steffens, Tieck und Göthe. Von dem Ersten hatte ich mich selbst getrennt, nicht als Freund und Bewunderer seiner ausgezeichneten Eigenschaften, sondern ich war nicht länger sein ästhetischer Anhänger und Schüler. Obwohl mir sein Geist, seine persönliche Liebenswürdigkeit, seine Beredsamkeit, seine Begeisterung und unzählige poetische Funken stets unverändert lieb blieben, so wich ich doch nun so stark in meinen Ansichten von ihm ab, und war doch selbst so sicher in meiner Kunst geworden, daß ich mich in meinem Urtheile nicht mehr einem Manne unterordnen konnte, der ja eigentlich nur Dilettant darin war. Was Steffens als Naturforscher und Philosoph war, kann und will ich nicht beurtheilen. In der Poesie war er Dilettant. Auf Verse verstand er sich sehr wenig und machte selbst nur einige kleine Versuche. In den Novellen, die er später schrieb, waren wohl schöne poetische Stellen, aber sie waren doch zu weitläufig, zu sehr mit allgemeinen Reflexionen angefüllt. Daß sie Aufmerksamkeit erweckten, als sie erschienen, war natürlich, denn man fand Steffens' Geist darin; aber es fehlten ihnen Composition, Erfindung und originale Charactere. Als Geschmacksrichter war er ein vollständiger Anbeter Tieck's und glaubte fast blind an diesen. Tieck hat mir selbst erzählt, daß Steffens, als sie bei ihrer ersten Zusammenkunft von Wieland sprachen, die gewöhnliche allgemeine Hochachtung für diesen Dichter äußerte. Tieck hatte ihm in Vielem widersprochen, ohne darum doch Wieland ein dichterisches Verdienst abzusprechen. Von Tieck ging Steffens in eine Restauration und ließ sich in einen heftigen Streit mit einem Bewunderer Wielands ein, wobei Steffens, den Dichter herunterriß und viel strenger gegen ihn war, als Tieck kurz vorher. Durch diesen polemischen Enthusiasmus, der mehr aus persönlicher Gereiztheit, als aus klarem Verständniß der Dinge entsprang, litt ich in meinem spätern Zusammenleben mit Steffens oft, und war gewiß nicht der Einzige, dem es so erging.
Rückblick. Steffens.
Ein echter Richter des Geschmacks konnte er also nicht sein, er hatte nicht die Ruhe, die Besonnenheit, die Liebe zu dem vielseitig Objectiven, welche dazu gehört, um sich dieses als sein Eigenthum zu erwerben. Steffens brachte seine Abstractionen hinüber in das Reich der Kunst, gewisse Ideen, d. h.: Ansichten, eine gewisse Art zu denken und zu fühlen, wollte er überall wiederfinden; hiervon hing sein Lob oder Tadel ab. Mit einzelnen Zügen, aus der Geschichte und Poesie herausgerissen, construirte er sich beide nach seinem Kopfe, aber er irrte sich oft in historischen Daten, und viele poetische Werke be- und verurtheilte er, ohne sie recht zu kennen. Begeisterung für mich hatte er nur so lange, wie ich sein Schüler war; doch muß ich hierbei eine Ausnahme machen. Als Max in Breslau, wo Steffens Professor war, später meine deutschen Schriften herausgab, schenkte er ihm ein Exemplar und er las sie. Dadurch erwachte die alte Liebe für den dänischen Dichter, zu dessen Bildung er selbst beigetragen hatte. Er schrieb mit einen sehr freundlichen Brief und einen sehr schmeichelhaften Artikel in den Blättern für literarische Unterhaltung, worin er mit der Aeußerung endigte, daß es Deutschland noch obliege, ein gründliches und klares Urtheil über meine Werke zu fällen. Aber von diesem klaren Urtheile gab er selbst nur mittelmäßige Proben, als er mehrere Jahre darauf in seinem: „Was ich erlebte“ Tieck's alte, von mir gestochenen Trümpfe gegen meinen Correggio wieder ausspielte und die Scene, in der Cölestine den Correggio krönt, als meiner durchaus unwürdig erklärt. Ich selbst glaube, daß sie eine der hübschesten ist, die ich gedichtet habe. — Als ein Characterzug von Steffens' Auffassung des Objectiven kann angeführt werden, daß er an derselben Stelle in dem Buche, wo er dem Leser ein Bild von mir, seinem mehrjährigen, täglichen Umgangsfreund geben will, von meinen kleinen, „schwarzen“ Augen spricht.
Rückblick. Tieck.
Tieck, mit mehr Genialität und Originalität als Steffens, genirte trotz der großen Einseitigkeit in seinem Geschmacke nicht im täglichen Umgange. Er hatte Nichts von nordischer Gereiztheit, wie Steffens und ich; er imponirte im Gegentheile durch eine persönliche Ruhe, welche mit einer großen Beredsamkeit und einer gewissen Vornehmheit, die ihre Wirkung that, verbunden war. Aber seine Urtheile und Ansichten waren oft sehr übertrieben. Es ging uns umgekehrt: ich vertheidigte das Billige und Milde mit Leidenschaft, er das Bittere und Strenge mit Besonnenheit. Die Deutschen haben oft diesen Character, den ein gewisser Buchhändler, als man von einem gewissen Dichter sprach, die „stille Wuth“ nannte. Ich darf sagen, daß ich all' das echt Geniale und Dichterische bei dem herrlichen Tieck bewunderte und noch bewundere. In meinen Uebersetzungen seiner Werke habe ich das gezeigt, obgleich ich wagte, sie zusammenzuziehen und zu verkürzen. Aber Tieck wollte eigentlich Nichts von mir wissen. Wenn ich bei ihm war, ihm selbst Etwas vorlas, gewann ich ihn; aber was sonst von mir herausgegeben wurde, las er nicht. Es ist merkwürdig: die Verachtung und der Mangel an Sympathie, der sich in der neuesten Zeit in Deutschland im Großen gegen Skandinavien gezeigt hat, äußerte sich regelmäßig im Voraus in der Literatur. Die Deutschen konnten es nicht leiden, daß wir eine Literatur hatten, die es wagte, mit der ihrigen zu wetteifern, daß wir eine Geschmacksbildung und eine poetisch-entwickelte Sprache ebenso früh besaßen, wie sie. In der spätern Zeit schlug Tieck's Geistesrichtung eine sonderbare Volte. Anstatt romantisch-phantastisch und witzig ausgelassen zu sein, wurde er kalt verständig. Er schrieb eine Reihe von Novellen, in denen sich schöne Stellen vorfinden, und der „Aufruhr in den Sevennen“ ist der vortreffliche Anfang zu einem unvollendeten Werke; aber im Ganzen genommen wurden diese Novellen doch das Organ für ziemlich einseitige ästhetische Betrachtungen und eine etwas an Pedanterie grenzende Lebensphilosophie, welche eine Zeitlang sehr gelobt wurde. In einem von Tieck's letzten Werken, Vittoria Accorombona, ist mehr Geist und Kraft, als in den meisten früheren Novellen; es herrscht Leidenschaft darin; aber auf merkwürdige Weise werden in ihnen abscheuliche Verbrechen als Ausschweifungen großer Geister mit einer Art Bewunderung und Entschuldigung à la Victor Hugo und mit einer zwar nicht geradezu ausgesprochenen aber doch deutlichen Verachtung gegen den gewöhnlich prosaisch-moralischen Abscheu vor Lastern, die mit großen Eigenschaften verbunden sind, geschildert. Dies stand nun wieder in einem wunderbaren Gegensatze zu der Liebe, welche Iffland, im Anfang eine Zielscheibe des Tieck'schen Spottes, in dessen späteren Tagen fand, wo er als Theaterdirector in Dresden unablässig die Iffland'schen Stücke aufführen ließ.
Rückblick. Göthe und Schiller.
Von Göthe schied mich nun die unglückliche Geschichte mit Correggio. Aber wenn dies auch nicht der Fall gewesen wäre, so hätte Göthe, wie er jetzt war, mir doch kaum noch in der dramatischen Kunst zu Nutz und Frommen sein können. Ich habe nie recht erfahren, weshalb Correggio ihm so sehr misfiel. Wenn er ihm zu weich und gefühlvoll war, so lag das im Stoffe. Ich habe vor und nach diesem Stücke in einer langen Reihe nordischer Tragödien Heldenkraft geschildert, aber um diese Stücke kümmerte er sich auch nicht, und hat — außer Hakon Jarl — wahrscheinlich kein einziges recht gekannt. Ich konnte Göthe nicht mehr als Lehrer in meiner Kunst betrachten. Ich war nach eigenen Grundsätzen, eigenem Gefühle fortgeschritten und suchte in meinen Dramen auf keine Weise, ihm oder Schiller nachzuahmen; so sehr ich ihr Genie in ihren vorzüglichsten Werken liebte und bewunderte, so war doch die Richtung, welche sie am Schluß ihrer dramatischen Dichterperiode einschlugen, meiner Ansicht nach eine Abweichung vom Rechten. Das Rhetorische, das Raisonnirende, die Lust, sinnreiche Sentenzen aufzustellen, hatte zu sehr überhand genommen. Es ist gewiß, daß der Vers in der Tragödie bedeutend zur Kraft und Würde des Werks beiträgt; aber man muß sich in jeder Kunst, sowie im Leben selbst, vor Vornehmheit und Pedanterie hüten. Indem man die Sprache allzu abstract nur mit Rücksicht auf Ausdruck, Gedanken und Bilder betrachtet, verliert sie die Naivetät, die Einfalt, welche das Große und Schöne nicht entbehren können.
Schiller und Göthe bewunderten mit Recht die Griechen, und glaubten in ihnen die wahren Vorbilder für ihre Kunst zu finden. Schiller beklagte sich bei Humboldt, daß er nicht Griechisch könne, und wollte es auf seine alten Tage lernen; aber Humboldt rieth ihm davon ab und meinte, das sei nicht nöthig. Wahrlich es muß ein großer Genuß für einen Schöngeist sein, den Aeschylos und Sophokles mit Leichtigkeit in der Ursprache lesen zu können. Zwei Dinge habe ich besonders in meinem Leben entbehrt: Griechisch zu können und gut vom Blatt auf dem Fortepiano zu spielen. Dies würde nicht schwierig gewesen sein, wenn es zur rechten Zeit gelernt worden wäre. Aber man hilft sich, so gut man kann; durch Hülfe guter Uebersetzungen eignet man sich den Geist und das Wesen des Dichters an; Compositionen, Characterzeichnungen, Gedanken, Bilder, all' dieses kann die Uebersetzung geben, das Einzige, welches fehlt, ist die Diction; aber die Sprache ist gerade des Dichters eigenes Element, und den Mangel des Fremden erstattet ihm die Natur. Merkwürdig! Weder Thorwaldsen noch ich konnten Griechisch; aber wenn ich meinen „Baldur,“ „Yrsa,“ „Die Longobarden,“ „Das Land gefunden und verschwunden“ in sein Museum lege, so wage ich zu fragen, ob Viele, die Griechisch verstehen, es viel besser, als wir hätten machen können. Es ging dem Dichter hier mit dem Griechischen, wie Peter in Jakob von Tyboe mit dem Deutschen: „er könnte es wohl schreiben, aber nicht lesen.“ — Göthe wußte etwas Griechisch, und was ihm fehlte, das wußte Dr. Riemer, sein Secretair und seine rechte Hand.
Aber nun die Griechen! Finden wir nicht Einfalt und Naivetät in ihren Dialogen? Ganz gewiß! In den Chören finden sich zusammengedrängte Wortwendungen, Gedanken und Betrachtungen; aber die Gespräche sind viel weniger geschmückt, fallen viel mehr in den gewöhnlichen Unterhaltungston. Wo das Pathetische herrscht, tritt das Lyrische besonders in den Chören hervor. Schiller verliebte sich so sehr in diese Chöre, daß er sie an unpassendem Orte in seiner „Braut von Messina“ anbrachte, wie ich bereits im zweiten Theile dieses Buches erwähnt habe. Schiller beging einen noch größern Fehler: er wollte in dem Vorworte zu seinem Stücke beweisen, daß es so sein müsse, daß die dramatische Kunst erst ihre rechte Bedeutung erlangte, wenn der Chor wieder eingeführt würde. Wie würde Jodelle, der erste Franzose, der französische Tragödien nach griechischem Zuschnitte zusammenflickte, sich gefreut haben, wenn er solche Aeußerungen von einem großen Dichter einer Nachbarnation erlebt hätte, die später so lange für das Natürliche kämpfte. Aber Schiller bedachte sich und ging in sich. Er schrieb glücklicherweise seinen meisterhaften „Wilhelm Tell“, ehe er starb, und damit machte der Dichter alles Das wieder gut, was der Philosoph verbrochen hatte. Jene abstracte Dictionsvergötterung, diese Vornehmheit im Style, daß die dramatische Bewegung sich dem Menuette nähert, und die einförmige Ausdrucksweise, welche das Characteristische verwischt, liebte Göthe auch sehr und sie kam zum Ausbruch in seiner „Natürlichen Tochter,“ die so vornehm und kalt ist, als ob sie von Stein wäre; noch mehr in seinem „Elpenor“ und „Epimenides.“ Obgleich Göthe als Jüngling oft das Burschikose mit dem schönen Derb-Natürlichen verwechselte, scheint er mir doch mehr Sinn für das echt Heroische in seinem „Götter, Helden und Wieland,“ als in seiner „Natürlichen Tochter“ zu haben, wenn er den Herkules munter von Wieland sagen läßt: „Der kann nicht begreifen, wie ein Gott ein Flegel sein kann, und sich betrinken, seiner Gottheit unbeschädigt.“
Die neue Schule verwarf Schiller und erkannte ihn nicht für einen großen Dichter; aber das Volk trug ihn auf den Händen, und Göthe, den die neuere Schule vergötterte, fühlte doch, was Schiller war. Glückliche Umstände hatten eine — wenn auch nicht gerade warme Freundschaft (denn sie wurden nie Kameraden, wie Göthe später mit Zelter) — so doch ein auf Wissenschaftlichkeit, Kunst, persönliche Achtung und Wohlwollen schön gegründetes Verhältniß zwischen ihnen gestiftet. Schiller und Göthe hatten die Xenien geschrieben, in denen sie muthwilliger, als es sich für ihr Alter geziemte, manche Persönlichkeit unvorsichtig angegriffen und Veranlassung zu einem Tone gegeben hatten, den sie selbst später haßten. Sie glaubten gegen ein wildes, rohes Wesen ankämpfen zu müssen, welches in seiner Plumpheit die deutsche Tragödie verderben könnte. Was sie hiermit meinten, ist nicht leicht zu sagen; denn es gab ja damals keine anderen Dichter von irgend einigem Einfluß, als Tieck, der seine „heilige Genoveva“ und „Octavian“ (Letzterer mehr Komödie als Tragödie) geschrieben hatte; aber keines von diesen beiden Stücken war für das Theater; daß sie trotz vieler Ausschweifungen viel Genie und Natur zeigten, ist gewiß. Schlegels schrieben „Ion“ und „Alarkos,“ worin sie sich mehr als Philologen und Stylisten, denn als Poeten zeigten, und für sie war keine Gefahr; denn Göthe brachte selbst Ion auf die Bühne. Aber Tieck trat, von Schlegels unterstützt, auf eine sonderbare Weise als Shakespeare's Apostel auf. Nun genügte nicht die Bewunderung und Liebe für die besten Werke des großen Dichters, welche Garrik, Lessing, Schröder und Göthe gelehrt hatten; sondern man sollte Alles bewundern, und selbst Das, was bisher für verfehlt und geschmacklos, der Zeit angehörend betrachtet wurde, in der Shakespeare lebte, sollte nun für Schönheiten und Muster gehalten werden, die man bisher aus Mangel an Fähigkeit, recht in Shakespeare's Geist einzudringen, übersehen und lächerlicher Weise verkannt habe. Diese Kritik, welche Tieck sehr vornehm aussprach, wobei er sich zugleich selbst zu einem Theil von Shakespeare's geistigem Ich machte, war nun freilich tadelnswerth. Aber es half Nichts, daß Schiller, als er den Macbeth übersetzte, die Hexenscenen modernisirte und sie zu philosophischen Reflexionen machte; er verwischte dadurch das Romantische, Volksthümliche, Poetische, tragisch-Grauenhafte, obgleich seine eigne herrliche Dichternatur sich nicht verleugnete, da er in seiner Umarbeitung das herrliche Lied vom Fischer hineindichtete. Noch weniger half es, daß Göthe und er auf den wunderlichen Einfall geriethen, Voltaire's „Mahomed“ und „Tancred“ und Racine's „Phädra“ zu übersetzen. Das Beste in diesen Stücken ist ohne Zweifel die lebendige und rasche Leidenschaftlichkeit und Begeisterung, die sich in den anapästischen, französischen Alexandrinern ausspricht. Indem man diese in ehrbare, gravitätische deutsche Jamben verwandelte, stutzte man den französischen Adlern die Flügel, ohne Löwen aus ihnen zu machen. Das Gedicht, welches Schiller bei dieser Gelegenheit an Göthe schrieb, ist sehr merkwürdig.
„Nicht in alte Fesseln uns zu schlagen
Erneuerst Du dies Spiel der alten Zeit,
Nicht uns zurückzuführen zu den Tagen
Characterloser Minderjährigkeit. —
Erweitert jetzt ist des Theaters Enge,
In seinem Raume drängt sich eine Welt.
Nicht mehr der Worte rednerisch Gepränge,
Nur der Natur getreues Bild gefällt;
Verbannet ist der Sitten falsche Strenge,
Und menschlich handelt, menschlich fühlt der Held.
Die Leidenschaft erhebt die freien Töne
Und in der Wahrheit findet man das Schöne.
Doch leicht gezimmert nur ist Thespis' Wagen,
Und er ist gleich dem Acheron'schen Kahn:
Nur Schatten und Idole kann er tragen;
Und drängt das rohe Leben sich heran,
So droht das leichte Fahrzeug umzuschlagen,
Das nur die flücht'gen Geister fassen kann.
Der Schein soll nie die Wirklichkeit erreichen,
Und siegt Natur, so muß die Kunst entweichen.
Nicht Muster zwar darf uns der Franke werden,
Aus seiner Kunst spricht kein lebend'ger Geist:
Ein Führer nur zum Bessern soll er werden.
Er komme wie ein abgeschied'ner Geist,
Zu reinigen die oft entweihte Scene,
Zum würd'gen Sitz der alten Melpomene.“
In diesem Gedicht hat der oft so tief denkende, philosophische Schiller sich wirklich der größten Widersprüche schuldig gemacht.
„Du führst uns nicht zurück zu den Tagen characterloser Minderjährigkeit“ (d. h. zu Ludwig's XIV. verschrobener sclavischer Zeit); das würde nun auch nichts helfen, „da nicht mehr der Worte rednerisch Gepränge, nur der Natur getreues Bild gefällt;“ da „der Mensch fühlt und handelt menschlich, und man in der Wahrheit nur das Schöne findet.“ Mehr Lob kann man der Zeit nicht geben, die man tadelt, mehr die Zeit nicht tadeln, die man loben will. Aber was sollte denn nun geschehen? Das Gespenst der Kunst, „woraus kein lebendiger Geist spricht,“ sollte wiederkehren, um die Bühne zu reinigen, um mit seinem conventionellen Besen die Apfelsinenschalen und faulen Aepfel wegzukehren, die von der Galerie der Gegenwart auf das Theater herabgeworfen sind. Das bessere Theater wird mit dem Karren der Thespis verglichen, wo die ersten rohen, tragischen Versuche gemacht wurden, und wo die Schauspieler sich das Gesicht mit Hefe beschmierten. Das gute Theater wurde einem schwachen, schwankenden Boote verglichen, auf dem Charon die Todten zur Unterwelt führt. Eben erst war davon die Rede, daß „nur der Natur getreues Bild gefällt;“ nun heißt es: „siegt Natur, so muß die Kunst entweichen.“ Ich glaubte immer, daß die Natur gerade ihren schönsten Sieg in der Kunst fände; denn die Kunst ist ja nichts Anderes, als die verschönerte Natur, kein todtes Schattenbild, welches fürchten muß, daß das Boot umwerfe, so daß also die Todten in Gefahr schweben zu ertrinken, und aufs Neue zu sterben.
Aber wie gesagt, bei Schiller war diese schiefe Richtung nur die Frucht eines übrigens zu billigenden Grolls, als er sich verschmäht und verkannt fühlte. Sein herrlicher „Wilhelm Tell“, der allen folgenden Zeiten zum Muster dienen kann, ist ein Meisterstück und in der „Braut von Messina“ finden sich, ungeachtet der erwähnten Fehlgriffe, herrliche Dinge und Scenen, die des großen Meisters vollkommen würdig sind. Schiller hatte seine Dichterkraft nicht verloren, als er starb; sein Körper, nicht sein Geist unterlag. Obgleich zuweilen etwas zu streng (z. B. gegen Bürger), war er doch der edelste Mensch, der liebevollste Mann und Vater. Sein schöner Tod ist äußerst rührend; das Menschliche, das Humane beseelte ihn; selbst den eine Zeit lang zu großen Hang zur speculativen Philosophie bekämpfte er, um naiv zu bleiben. Er beklagt sich selbst oft in seinem Briefwechsel mit Humboldt darüber, daß sie seinen freien Dichtergeist zu sehr in spitzfindige Labyrinthe gebracht habe. Hätte Schiller länger gelebt, so bin ich gewiß, daß ich in ihm einen Freund, einen Vater gefunden haben würde; dessen versicherte mich seine edle Gattin so oft.
Aber mit Göthe? Aus den Augen, aus dem Sinn! Er ergriff jeden Gegenstand, der ihm begegnete, mit aufmerksamer Genialität. So gefiel ihm auch mein Wesen, — der junge, fremde, ihn bewundernde Lehrling. Aber als ich, auch als deutscher Dichter, auf meinen eigenen Füßen stand — als Deutschland anfing, aufmerksam auf mich zu werden, war es vorbei. Ueber meinen Palnatoke, den ich ihm früher gesandt hatte, sprach er kein Wort. Correggio konnte er nicht leiden, der war zu sentimental. War Palnatoke auch zu sentimental? Nein! Göthe konnte nun das Heroische ebenso wenig, wie das Gefühlvolle, leiden. Helden hat er eigentlich nie geschildert. Der kräftigste, liebenswürdigste Mann, den er gezeichnet hat, ist Götz von Berlichingen, der doch auch meist in idyllischen Verhältnissen auftritt und an rathloser Unbestimmtheit zu Grunde geht. Göthe's Frauen sind stets die genialsten, frischesten, naivesten, hinreißendsten Personen in seinen Dramen, die weit über seinen Männern stehen: Clärchen, Gretchen, Philine, Mignon, Iphigenia, die Prinzessin in Tasso, Dorothea! Man hat so viel von Göthe's Vollkommenheit in der Form gesprochen. Keiner kann sein göttliches Genie mehr bewundern, als ich — aber — Vollkommenheit in der Form? Ja, die deutsche Sprache brachte er in seinen besten Werken dahin; aber er übertrieb die Art, Worte zusammenzudrängen und umzubilden, zuletzt so, daß die Sprache mit der Natur und Klarheit zugleich ihre Ehrlichkeit verlor und er bewegte sich endlich dergestalt in vornehmen oft verschrobenen Redensarten, daß man nicht weiß, was er sagen will. Vieles trug dazu bei, seine Dichterkräfte zu zersplittern. Ich zweifle nicht daran, daß er auch als Physiker Proben seines seltenen Talents gegeben hat; aber — wäre es vielleicht doch nicht besser gewesen, wenn er uns mehrere gute Dichterwerke statt der weitläufigen Farbenlehre u. s. w. gegeben hätte? Göthe hat viel geschrieben; rechnet man aber alle die wissenschaftlichen Betrachtungen, Abhandlungen und Studien ab, so ist die Anzahl der Dichterwerke nicht so groß für einen Mann, der in seinem 83sten Jahre starb, und seine volle Kraft bis zuletzt behielt. Aber nicht allein die Wissenschaft war es, die ihn von der Kunst abzog; eine sonderbare, allzugroße Vorliebe für das Fremde: das Altgriechische, das Römische, das Italienische und endlich das Orientalische zogen ihn fast in dem Moment von dem Nationalen ab, wo das Schicksal den excellenten Göthe nach Weimar rief und ihn zur Excellenz machte.
Manche werden vielleicht finden, daß ich hier allzu lieblos und unehrerbietig über Göthe spreche; aber ich lasse ihm gewiß in Allem Recht widerfahren, was Recht ist; ich spreche hier nicht aus Rache als der von ihm Verschmähte; über das Geschehene sind bereits 40 Jahre dahingegangen. Ich bin nun selbst ein Greis von 70 Jahren, nur wenige Jahre vom Grabe entfernt, in welchem er bereits ruht. Hier kann also nicht die Rede von eitlem Grolle sein; ich liebe ihn beständig, habe nie aufgehört, ihn zu lieben; und Baggesen's bitterste Feindschaft zog ich mir kurz nach meiner Heimkehr von Göthe dadurch zu, daß ich ihm seinen unwürdigen Spott über den großen Mann vorwarf. Aber in einem Dichterleben ist das Verhältniß, in dem ein Dichter zu irgend welchem andern von Bedeutung steht, von Wichtigkeit; denn dies ist theils aus früheren Werken hervorgegangen, theils hat es zu späteren Veranlassung gegeben und somit auf den Geschmack und die ästhetische Bildung des Zeitalters eingewirkt, was wichtiger ist, als viele kleine Züge des täglichen Lebens, in denen die meisten Menschen einander gleichen. Ich muß mich deshalb bei dieser Gelegenheit aussprechen. Von dem Verfasser der natürlichen Tochter, des Epimenides, Elpenor; vom Verfasser des zweiten Theiles des Faust und dem Bewunderer des italienischen Manzoni konnte ich keine Sympathie für meine nordischen Begeisterungen und Arbeiten erwarten. Dies fand sich denn nun auch mehrere Jahre darauf, als Göthe's und Zelter's Briefwechsel erschien, vollkommen bestätigt. In einem Briefe des Letzteren an den Ersteren beklagt Zelter sich darüber, daß die Theaterdirection in Berlin ihm ein Stück von mir gegeben habe, um Musik dazu zu schreiben. Nachdem er zuerst das Stück wie das elendeste Zeug von der Welt durchgegangen ist, schließt er: „Das Stück hat auch barbarische Namen: Axel und Valborg.“ Göthe giebt ihm vollständig Recht und sagt: „Wenn diese Nordländer ihre Bären auf den Hinterfüßen zu tanzen gelehrt haben, glauben sie was Rechts gethan zu haben. Dieser gute Oehlenschläger ist auch einer von diesen Halben, die sich einbilden, ein Ganzer zu sein, und noch Etwas drüber. Ich habe von dem Gezücht viel ausstehen müssen.“
Rückblick. Göthe und Zelter.
Dieses „Ausstehen“ bestand nun darin, daß er sich darein finden mußte, als ich ihn etwas spät des Abends in der Nachtjacke überraschte, ihm um den Hals fiel und ihm auf ewig Lebewohl sagte, nachdem er sich geistig von mir getrennt hatte. Doch darf ich nicht vergessen, daß er ganz freundlich sagte: „Nun, leben Sie wohl, mein Kind!“ worin doch wieder eine Annäherung lag. Aber ich kannte ihn; Explicationen konnte er nicht leiden. Hätte ich ihm später geschrieben, ihm einige andere Arbeiten gesandt, so wären wir vielleicht wieder in ein freundliches Verhältniß zu einander getreten. Aber — ich war zu stolz — nicht den ersten Schritt zu thun, sondern um mich in seine Gnade hineinzubetteln. Saumselig im Briefschreiben war ich immer; ich schrieb meinen besten Freunden nicht, viel weniger nun ihm.
Was übrigens die starken Expressionen zwischen ihm und Zelter in Bezug auf mich betrifft, so betrachte ich diese gar nicht als eine Beleidigung; denn weder Göthe noch Zelter haben diese Briefe selbst herausgegeben, und es ist ein sehr schlimmer Gebrauch, einen jeden Wisch, den ein ausgezeichneter Mann geschrieben hat, nach seinem Tode herauszugeben, um Geld zu verdienen. Wenn das immer geschähe, so könnte man ja kein vertrauliches Wort mehr schreiben. Tritt man öffentlich auf, so soll man bedenken, was man sagt und seine Ausdrücke abwägen; aber das Sprüchwort: „Gedanken sind zollfrei“ erstreckt sich auch auf die Vertraulichkeit zwischen Freunden; und man sagt Vieles in der Verstimmtheit, was man gar nicht so böse meint. Hätte Göthe an Schiller oder Humboldt geschrieben, so hätte er seine Worte gewiß mehr abgewogen; aber mit Zelter genirte er sich nicht. Dieser natürlich aufgeweckte Kopf, aber ohne wahre Bildung, obgleich er Baumeister und Musicus war, hatte sich vollständig in Göthe vergafft und liebte ihn, wie ein Pudel seinen Herrn liebt. „Wenn er einen D... macht,“ soll er gesagt haben, „ist es besser, als was alle die Andern machen.“ Als sein Sohn starb, vergaß er bald seinen Kummer darüber, als Göthe ihn Du nannte, und ferner immer mit ihm auf Du und Du stand. Ein Beweis seiner sonderbaren Unwissenheit (aus der hervorzugehen scheint, daß der Baumeister nicht viel mehr war, als Mauermeister) war, daß er Göthe einmal in einem Briefe fragte: „Was war Byzanz? Wo war es? — Kannst Du mir hierüber nach Deiner und meiner Art in kurzen und wenigen Worten Aufschluß geben?“ Man sieht hieraus, daß Zelter wenigstens kein Architekt der byzantinischen Schule gewesen ist. — Ein Mal, als er Göthe Samson's Geschichte als ein vortreffliches Süjet zu einer Oper empfiehlt, findet er sich sehr geduldig darein, daß Göthe Samson den dümmsten Lümmel nennt, der sich jemals von einer gemeinen Dirne narren ließ. Aber Zelter componirte schöne Melodien zu einigen göthe'schen Liedern, z. B. zu „Gott und die Bajadere“ und seine Composition zu „Johanna Sebus“ ist herzergreifend schön.
Das Plumpe in Göthe's Aeußerungen über mich in diesen Briefen beleidigte mich also nicht, aber diese abgerechnet sah ich doch in Allem deutlich, wie gering er meine Arbeiten achtete, und wie wenig ihm daran lag, sie zu kennen.
Ein deutsches Gedicht, welches ich vor ein paar Jahren über Göthe geschrieben habe, in welchem ich ihn in dem Ton zu characterisiren suche, in dem er selbst dichtete, mag diese Betrachtung über den großen Mann schließen.
Ein Gedicht über Göthe.
Erstes Bild.
Da steht der junge Wolfgang schön,
Gar lieblich, treulich anzusehn.
Von Leipzig nach Dresden will er wandern
Aber allein, und nicht mit Andern;
Genießen will er Natur und Kunst
Ohne Geschwätz und falschen Dunst.
Er will sich bei Freunden nicht einquartiren,
Die Freiheit würde dabei verlieren;
Im Gasthof auch nicht gern er steckt,
Davon hat der Vater ihn abgeschreckt.
So kehrt er bei einem Schuster ein,
Als könnt es gar nicht anders sein.
Da ruhet er aus und geht nicht weiter,
Der Wirth begegnet ihm freundlich heiter.
Die kleine Mahlzeit ist bald verzehrt,
Und als er nach dem Schlaf begehrt,
Zeigt ihm die Wirthin ein gutes Bett,
Als wenn's ihm die Musa bereitet hätt'.
Da hängt ein Bild ihm unbekannt,
Dem Bette nah, dort an der Wand.
Es ist der Holzschnitt von Hans Sachs;
Der Wolfgang freut sich dessen stracks,
Und eingeschlafen ist er kaum,
So hat er einen schönen Traum
Von Hans Sachs und dem Sängerwesen,
Wie Ihr's könnt in seinen Schriften lesen.
Früh nächsten Morgen auf er steht,
Und in die Galerie hingeht.
Zwar stand er da vor den Meisterstücken
Der Italiener, die ihn entzücken,
Doch fühlt er sich gezogen bald
Zu der Deutschen und Holländer Aufenthalt,
Dem heitern Wesen, der frischen Natur,
Die schon er kennt, geht er auf die Spur;
Und was entsprungen aus diesem Geist,
Bei ihm die größte Kraft beweist.
Und als er steht in des Schusters Laden,
Glaubt er noch Schalken und Ostaden
Zu sehn, so lustig und heiter mild
Steht Alles vor ihm als gutes Bild.
Es kommt die Nacht, und schlafend kaum
Entzücket ihn ein schöner Traum.
Es spricht zu ihm im Ton der Geister
Vom Holzschnitt her der alte Meister:
„Es hat Natur Dich auserlesen
Vor Vielen in dem Weltwirrwesen,
Daß Du sollst haben klare Sinnen,
Nichts Ungeschickliches magst beginnen;
Die Welt soll kräftig vor Dir stehn,
Wie Albrecht Dürer sie einst gesehn;
Ihr festes Leben und Männlichkeit,
Ihre innere Kraft und Ständigkeit,
Der Natur Genius an der Hand,
Soll Dich führen durch alle Land.“
Da öffnet sich das Zimmer weit
Und steht gar in hoher Herrlichkeit
Der Straßburg da, der Riesenthurm,
Wobei der Mensch sich fühlt ein Wurm.
Doch auch ein Geist mit seltner Macht,
Weil selbst es seine Hand vollbracht,
Da sieht er Götz mit der Hand von Erz,
Doch mit dem menschlich warmen Herz:
Da sieht er Clärchens, Gretchens Gesicht, —
Correggio, Rafael malen nicht
Gesichter schöner, und doch vollbracht,
Als hätte sie Dürer selbst gemacht.
Da spricht Hans Sachs: „Das sollst Du singen,
Den Eichenkranz wird es Dir bringen.“
Der junge Wolfgang es treu verspricht,
Daraus entstand manch schön' Gedicht.
Zweites Bild.
Aber hier in Roma, da liegt im Bette der Dichter,
Klopft auf dem Rücken der Frau fein des Hexameters Takt,
Klagt, weil er nicht ein Römer, ein Italiener geworden,
Morgenländer und Türk, seufzt, weil er Deutscher und Christ;
Haßt dabei das Kreuz wie Tabak, wie Wanzen und Knoblauch;
Alles aus Norden ist ihm lächerlich, erbärmlich und schlecht;
„Vieles hat er versucht, gezeichnet, in Kupfer gestochen,
„Nur ein einzig Talent bracht et der Meisterschaft nah:
„Deutsch zu schreiben! Und so verdarb, unglücklicher Dichter!
„Er im schlechtesten Stoff leider nun Leben und Kunst.“
Ist es denn wahr, was er so in übler Laune gesprochen?
Nein, nicht ganz; doch Natur wird durch das Künsteln geschwächt.
Ideal muß auch Natur sein. Nicht unnational sein
Muß der Dichter, sonst hört er auf, ein Dichter zu sein.
Waren denn Iphigenia nicht und die beiden Lenoren
Schön? O ja, recht schön kann die Kreolin sein
Aus dem Zwittergeschlecht, halb deutsch, halb wälsch und griechisch.
Erst als er wieder ganz ward ein Deutscher, da entstand
Dorothea so schön, noch schöner, als Gretchen und Clärchen.
Hätt' uns aus dieser Tonn' mehr nur der Göthe gezapft!
Rückblick. Jean Paul Friedrich Richter.
Aber ehe ich diesmal Deutschland verlasse darf ich doch nicht vergessen, daß ein großer deutscher Dichter, den ich gar nicht persönlich kannte, und der, was Genie und Intelligenz betrifft, Göthe und Schiller nicht nachstand, meinen Aladdin auf das Schmeichelhafteste in den „Heidelberger Jahrbüchern“ besprach. Dies war Jean Paul Friedrich Richter! Dieser eigenthümliche Genius, der die schönsten Schilderungen des Lebens und des Menschenherzens in humoristische Ausschweifungen kleidet, voller Phantasie, Witz und Weisheit, aber leider auch oft so eingehüllt in neblige Extravaganzen und ermüdende Weitläufigkeiten, daß es große Mühe und Anstrengung kostet, sich durch diese Sümpfe, Dünste und Dornhecken zu den schönsten Waldpartieen und Feenschlössern durchzuarbeiten. Dieser eigenthümliche Genius, der, obgleich es ihm in seinen eigenen Werken nicht möglich ist, lange bei einer Vorstellung zu bleiben, ohne sie gleich durch andere, oft himmelweit verschiedene zu unterbrechen, doch im Stande ist, mit Tiefe und Gründlichkeit in die menschlichen Charactere einzudringen, sie bei Anderen aufzufassen, sie selbst zu zeichnen und zu erfinden und dies Alles durch jene Engelgutherzigkeit zu verbinden, die ihn zu einem würdigen Bruder von Claudius und Pestalozzi macht. In seiner Aesthetik, in seiner Levana, seinen Recensionen hat er gezeigt, mit welcher Feinheit und Richtigkeit er im Stande war, in das Wesen der Poesie und fremder Dichterwerke einzudringen. Ihm fiel es nun auch ein, meinen Aladdin zu recensiren, und ich will hier einige seiner eigenen Aeußerungen mittheilen:
„Der Däne Oehlenschläger giebt hier die Wunderlampe, das bekannte Mährchen aus Tausend und Einer Nacht. Er habe Dank für diese Um- und Empordichtung eines Gedichts. Gedachte Tausend und Eine Nacht wäre ganz zu theatralisiren, wenn es mehrere Oehlenschläger gäbe. Ein rührend schönes Gedicht an Goethe — eine nach dem Phöbus gewandte Sonnenblume — und eine Vorrede voll reiner, heller Aesthetik öffnen, wie eine Eingangsmusik, dem Leser Ohr und Auge für das schöne Schauspiel. Das Schauspiel zerfällt in zwei Spiele, Thalia und Melpomene, indeß folgte jene dieser weit genug auf die Bühne nach. Er durfte sich dies als ein Schüler und Freund Shakespeare's, Goethe's und Gozzi's erlauben. Wenn der Schuster Sindbad vor dem Bösewicht Hindbad, dessen ruchlose Predigt sammt den Predigerkritiken humoristisch genug ist, sich selber zu einem Hofnarren abzurichten und einzuschulen sucht, und auf mehrere Einfälle fällt, um damit anzufragen, ob diese einen Narren versprechen, so besteht, neben diesem Lachen, doch die Erhabenheit und Fürchterlichkeit der nächsten Zukunft. Uebrigens hat dem Verfasser der Himmel Sinn und Kraft für das Komische bescheert; ein rein komisches Gedicht von diesem Dänen wäre eine schöne Weinlese für uns. — Mit dem glücklichen Ohre für den Wechsel seiner Versgebäude überwindet er in seinen Terzinen und Stanzen die Schwierigkeiten, welche die meisten Dichterlinge, ja Dichter der neuern Schule stehen lassen als Zugabeschönheiten. Das Werk beginnt mit komischen Menschen und Scenen, spielt sich durch zarte romantische Dichtungen weiter, bis es wie ein Tag beschließt mit immer mehr hier aufgehenden Sternen des Erhabenen und Schauerlichen; und man träumt der reichen Farben- und Lichtwelt noch lange nach“.
Rückblick. Jean Paul über Aladdin.
In diesem ehrenden Lobe findet sich doch auch ein gerechter Tadel. „Allerdings verschwamm sich der Verfasser zuweilen in jene italienische, ja oft in Tieck'sche Weitschweif- und Weitläufigkeit. Nur die Sache ergreife den Dichter, nicht das selbstsüchtige Genießen und Ausdehnen seiner Empfindung derselben. Shakespeare war in die Sache verloren, und daher bei aller Fülle von Bildern und Kräften, nirgends zum Verschwender zerflossen“. Hauptsächlich tadelt Jean Paul mit Recht zwei Gedichte: „Die Verwesung“ und ein Gespräch zwischen den beiden Fee'n „Unschuld und Rache“, die nicht in dem dänischen Aladdin stehen.
Jean Paul endigt seine Recension mit folgender Aeußerung: „Dank gebührt der Kraft, welche, ohne einen Uebersetzer, gleichsam auf einer Landesgrenze gepflanzt, über zwei Nationen zugleich den Ueberhang seiner Blüthen und Früchte ausbreitet. Die Zeit wird ihn noch mehr, gleich einem Diamant, zugleich verdichten und verdurchsichtigen, und er wird immer mehr, statt des Zauberspiegels, den Zauberstab halten lernen.“
An Jean Paul.
Und diesem Manne schrieb ich nicht, und dankte ihm nicht aus vollem Herzen für eine solche Anerkennung. Es ist unverzeihlich! Diese üble Gewohnheit, meinen Freunden nicht zu schreiben, hat mir in meinem Leben sehr geschadet, mich manches schönen Genusses beraubt, manch edles Verhältniß abgekühlt und zerstört. Ich vergaß sie nie, ich gedachte ihrer oft; aber — ich mochte keine Briefe schreiben. Einige Entschuldigung mag darin liegen, daß ein Verfasser, der viel schreibt, nicht das Bedürfniß, das Vergnügen am Briefschreiben, wie Andere empfindet. In welcher Stellung auch der gebildete Mensch im Leben sein mag, treibt es ihn doch zuweilen, seinen Gedanken, seinen Gefühlen Luft zu machen. Aber diese läßt der Dichter in seinen Werken ausströmen, und wo die Anderen sich nach Mittheilung sehnen, sucht er Ruhe. So wird es eine Gewohnheit bei ihm, es zu unterlassen; und wie schwierig es ist, eingewurzelte Gewohnheiten abzulegen, weiß Jeder. Doch kann ich mich durchaus nicht ganz entschuldigen. Auch mochte ich niemals recht gern Visiten machen; doch freute es mich sehr, wenn meine Freunde zu mir kamen. Ich war von Kindheit, von der Jugend an daran gewöhnt, größtentheils allein zu sein, und zu schweigen. „Mein Herr,“ sagte Frau Staël-Holstein einmal scherzend in ihrem deutschen Patois zu mir, „Sie sind gar zu selbständik.“ Eine gewisse Verlegenheit überkam mich immer in Gesellschaften. Mein Gesicht war nicht scharf, mein Gehör nicht fein, mein Gedächtniß im Augenblick nicht sicher; traf ich Animosität und einen Ton mir gegenüber, dem es an Freundlichkeit und Zutrauen fehlte, so verlor meine Geistesruhe das Gleichgewicht; in der Jugend verlief ich mich dann oft; als ich älter wurde, schwieg ich, um es nicht zu thun. Aber — um auf Jean Paul zurückzukommen, that ich denn Nichts für ihn? Nein! aber ich hatte bereits, ein paar Jahr ehe er jene Recension schrieb, ein Lied auf ihn gedichtet, das erst acht Jahre, nachdem Aladdin erschien, in meiner deutschen Gedichtsammlung gedruckt wurde. Ob Jean Paul es jemals gelesen hat, weiß ich nicht, denn ich hörte Nichts mehr von ihm. Seine liebenswürdige Tochter, Frau Förster, deren Bekanntschaft ich im Jahre 1844 in München machte, kannte es nicht, und wurde sehr erfreut als ich es ihr mittheilte. Hier ist es:
Der Wunderbaum.
Es stand ein großer Baum im großen Garten;
Ihr glaubt es kaum,
Doch Blumen, Früchte trug von allen Arten
Der Wunderbaum.
So groß wie eine königliche Eiche
Der Stamm erschien;
Im Laub da blühten Rosen, roth und bleiche
Durch's Rosmarin.
Die Blätter wickelten sich mannigfaltig
So grün und dicht;
Die Aeste breiteten sich aus gewaltig
Im Sonnenlicht.
Bald wölbten sie hinunter sich zur Aue,
Wie Lindenzweig';
Bald schossen sie die Flügel weit in's Blaue
Cheruben gleich.
Bald schwarz und dick und knotig war die Rinde
Voll Schwamm und Kraut;
Die zarten Zweiglein waren glatt und linde,
Wie Mädchenhaut.
Man konnte Aepfel, Birnen, Kirschen finden,
Wo man nur las;
Die Aeste schüttelten in Sommerwinden
Die Frucht in's Gras.
Des Tag's da krochen Affen in den Zweigen
Und neckten sich;
Des Nachts da stand der Baum so still und eigen
Und schauerlich.
Die Nachtigall im kalten Mondlichtsbade.
Erschrak und schied;
Denn in dem Stamm sang zaubernd die Dryade
Ihr Todtenlied.
Von Vielen ward der Baum geliebt; genossen
Von Wen'gen ganz.
Doch Jeder fand, was er gesucht, entsprossen
Im Sonnenglanz.
Wer Früchte liebte, sagte: Ei, da seh' ich
Den Apfelbaum;
Wer Schatten suchte, seufzete: Nun geh' ich
Zum Frühlingstraum.
Wer Blumen wollte, sagte: Sieh da glühet
Mein Blumenstrauß;
Wer Lieder wünschte, sagte: Sieh da blühet
Mein Vogelhaus.
Wer gar nichts liebte, sagte: Zwinge, zwinge
Dein Plaudermaul!
Wer Alles liebte, sagte: Singe, singe
Noch lang, Jean Paul!
Die Periode der Opposition.
Ich wende mich nun zu der Epoche, in der sich die Opposition gegen mich am stärksten erwies. Die Erfahrung, daß ich nicht mehr zur romantischen deutschen Schule gehörte, und keine Unterstützung bei deren Führern fand, daß Göthe den Correggio getadelt und mir den Rücken gekehrt hatte, trug gewiß nicht wenig dazu bei, meinen Gegnern und Neidern Muth zum Tadeln zu geben. Hierzu kam, daß auch Grundtvig mich mit seinen vielen Anhängern verlassen, und daß ich selbst mir geschadet hatte, indem ich einige Kleinigkeiten schrieb, die freilich an Werth weit unter den Hauptwerken standen.
Die Baggesen'schen Angriffe.
Baggesen griff mich an. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß er hierzu von Anderen angetrieben wurde; denn seine Umgebung hatte immer großen Einfluß auf seine Handlungen.
Baggesen's Betragen war wirklich so kindisch, daß das Ganze jetzt, wo es vorbei ist, mehr wie eine Comödie, als eine Tragödie zu betrachten sein würde, wenn es nicht so weit gegangen wäre, daß er selbst dadurch um alle Achtung kam.
Alles, was Baggesen bisher unternommen hatte, war in einer Art geistigen Spieles geschehen, das ihn und die Andern amüsirte, so lange es dauerte. Seine besten Gedichte, die Frucht einiger Vormittage, waren Kleinigkeiten, die er später in der Tasche umhertrug und seinen Freunden vorlas. So lange er nicht beißend und erbittert wurde, war er eine höchst interessante angenehme Persönlichkeit. Er konnte einen großen Theil des Geistes der großen Männer, mit denen er umging, nachahmen und sich aneignen; wie ein Chamäleon empfing er die Farbe; sie verschwand aber bald wieder vor einer andern. Mit Wieland war er Wieland, mit Fichte Fichte, mit Jakobi Jakobi, mit Reinhardt Reinhardt, mit Jean Paul Jean Paul, mit Voß Voß. Aber gründlich hatte er sich Nichts erworben und mit eigener Originalität gestempelt. Das, was er am Allerwenigsten verstand, worauf er sich am Allerwenigsten gelegt und wozu die Natur ihm das geringste Talent verliehen hatte, war das Dramatische, und nun beschloß er doch, dramatischer Recensent und Geschmacksrichter für die Bühne zu werden. Ich war nicht der Einzige, den er herunterriß; es ging auch über Holberg her, dessen plumpe Sprache er tadelte und dessen Schilderungen der Sitten und Verhältnisse er modernisirt haben wollte. Hier trat ein Anonymus auf, Peter Wegner (Adolf Boye), der ein gefährlicher Feind für Baggesen wurde. Das Einzige, was den hohlen Kritiken dieses Letztern noch etwas Salz verlieh, war der witzige Ton der ungerechten Angriffe. Man sagte: „Baggesen habe die Lacher auf seiner Seite.“ Nun bekämpfte Peter Wegner ihn von einem vernünftigen und wahrheitsliebenden Standpunkte aus mit gleichen Waffen, aber mit viel größerer Kraft, welche das Bewußtsein der guten Sache giebt, und mit seiner satyrischen Fregatte schoß er das Baggesen'sche Seeräuberschiff in den Grund.
In allen Literaturen findet man Beispiele genug, daß ausgezeichnete Schriftsteller aus Neid von weniger Begabten, ja selbst von Pfuschern angegriffen wurden. So sehen wir in der Vorrede zur zweiten Hälfte des Don Quixote, daß Cervantes über einen Anonymus klagt, welcher behaupte, einen andern bessern Don Quixote, als der Dichter selbst, herausgegeben zu haben. Was hat Shakspeare nicht verdauen müssen, ehe er zu Ehre und Würden gelangte? Lessing wurde von Klotz und Götze; Göthe von Kotzebue von Menzel und Pustkuchen als ein schlechter Poet heruntergerissen. So hatte ein gewisser Paulli in Holberg's Zeit den politischen Kannegießer umschrieben. An und über diesen Paulli und Consorten schrieb Holberg witzige Vorreden unter dem Namen von Hans Mikkelsen und Just Justesen. Peter Wegner versetzte sich ganz in den Holberg'schen Ton und schrieb: „Ein kleines nützliches Unterhaltungsbuch“ an Baggesen, in welchem Holberg selbst die Baggesen'schen Angriffe mit der Geißel der Satyre widerlegt.
Auch Thaarup und Rahbek wurden plump von Baggesen angegriffen. In der sogenannten Judenfehde, welche darin bestand, daß man, durch das Beispiel fremder Nationen dazu aufgemuntert, ein paar Abende hindurch mehreren Juden die Fenster einschlug, übersetzte Thaarup eine mittelmäßige Farce: „Unser Verkehr“ gegen die Juden. Das hätte er unterlassen sollen. Aber in Folge dessen warf Baggesen ihm vor, daß er nicht Dänisch schreiben könne. In seinen besten Werken hatte Thaarup stets ein sehr reines und gutes Dänisch ohne Einmischung von Germanismen geschrieben, was man nicht von Baggesen und während meines Aufenthalts in Deutschland auch nicht von mir sagen konnte, weil es fast unmöglich ist, sich bei längerem Aufenthalt in einem fremden Lande vor jeder Einmischung einzelner fremder Worte zu hüten. Baggesen gebrauchte immer deutsche Redensarten. — Das Lob, welches Rahbek seinen Reimbriefen gespendet hatte, mußte ihm zu bitteren Angriffen gegen Rahbek dienen. Er kehrt stets zu diesem Lobe zurück, als ob es nie früher so gehört worden wäre, und thut, als ob er aus Groll über so übertriebenen Ruhm, das Bedürfniß fühlte, Rahbek zu verhöhnen. Das Wunderlichste war, daß er mitten unter diesen unbefugten und bitteren Angriffen gegen Andere sich selbst mit Mitleid, wie ein armer verfolgter Mann betrachtete. Er schrieb unter Anderm hierüber eine Elegie, welche Peter Wegner gleichfalls in seinem Unterhaltungsbuch unter dem Namen von Just Justesen verspottete; er nannte es ein weinerliches Stück, das gut zu allen Instrumenten paßt, besonders zur Sackpfeife und Drehorgel.
Diese Persiflage Peter Wegner's darf nicht als der freche Angriff eines jungen Menschen gegen einen Mann von Renommé und unbezweifelten Verdiensten betrachtet werden; selbst einem unbedeutenden Schriftsteller gegenüber ist die Persiflage eine schlechte Waffe; nur Eins giebt es, das sie mit Recht angreift: das ist die Persiflage selbst; sowie man Skorpionstiche durch zerdrückte Skorpionen heilt. Daß Baggesen diese Waffe vorher leider in hohem Grade gebraucht hatte, daß es besonders über mich herging, ja zuletzt bis zu den gröbsten Beleidigungen, Unwahrheiten und Schmähworten gesteigert wurde — es wäre Feigheit von mir, wenn ich dies verschweigen und in meiner Biographie nicht erwähnen wollte, jetzt, wo alle Menschen diese Angriffe lesen können und sie aufbewahrt sind, nicht in den ersten Tagesblättern, denn da würden sie mit dem Tage verschwunden sein, und dann würde ich ihr Andenken gewiß nicht auffrischen; aber sie sind neuerdings in Baggesen's gesammelten Werken erschienen, und, wenn nicht für die Ewigkeit, so doch für eine lange Zeit aufbewahrt. Doch allzu lange will ich bei dieser unangenehmen Angelegenheit nicht weilen und nur bemerken, daß Baggesen mich nicht wie einen übrigens verdienstvollen Dichter behandelte, der nur einige seiner Ansicht nach mißglückte Arbeiten hervorgebracht hatte, sondern wie einen dummen und unwissenden Jungen, der unbegreiflicherweise zu seinem frühern Renommé gelangt war; der nicht richtig über die gewöhnlichsten Dinge denken konnte und durchaus nicht im Stande war, seine Muttersprache zusammenhängend zu schreiben. So recensirte er Ludlam's Höhle, wo er unter Anderm über die Charactere des Stückes sagt, daß „die in der Suppenmalerei angebrachten rothen Krebse des Dichters nicht allein verzeichnet, sondern grau sind.“ Peter Wegner hat ihn auch in Veranlassung dieser Recension das ganze Uebergewicht seiner gesunden, ehrlichen, witzigen Kritik fühlen lassen. Auch der kecke, geniale Carsten Hauch griff Baggesen an und hieb seinen Geierschnabel in Dessen kritische Leber. Paul Möller schrieb die vortreffliche Parodie auf Baggesen's: „Als ich klein war.“ Zwölf ausgezeichnete Studenten glaubten Baggesen wegen seiner unwürdigen Aufführung gegen ihren Geschmackslehrer zur Rechenschaft ziehen zu müssen und forderten ihn auf Lateinisch heraus, um seiner eingebildeten Gelehrsamkeit zu spotten. Obgleich ich selbst ihm nicht antworten mochte, und es dessen auch nicht bedurfte, da die Anderen mir die Mühe ersparten, so schien es mir doch eine Pflicht gegen mich selbst zu sein, ihm öffentlich meine Verachtung gegen seine tiefe Beleidigung zu zeigen. Ich schrieb im „Fischer“ einen Chor, in dem ich ihn und Consorten auf aristophanische Weise geißelte. Es war natürlich, daß er also über den Fischer mit verdoppelter Erbitterung herfiel.
Baggesen's Art, mich zu recensiren war, wie gesagt, ohne alle ästhetische Bedeutung und befaßte sich nie mit dem Poetischen; dessen Mangel setzte er als Etwas voraus, das sich von selbst verstand. Seine Angriffe waren lauter Klagen über den Mangel an Ordnung und Zusammenhang in dem Materiellen, zu dessen Beobachtung es doch nur des einfachen Menschenverstandes bedurfte, und bei dessen consequenter Durchführung das Stück doch ganz unpoetisch sein konnte.
Einen starken Gegner fand Baggesen noch im Verfasser der zwölf Paragraphen. Wenn Peter Wegner Baggesen mit Büchsenkugeln traf, so schoß dieser ihn mit Kartätschenkugeln nieder; nur Schade, daß er in seinem Zorn auch das Gute und wirklich Dichterische angriff, das Baggesen hervorgebracht hatte; denn dadurch schwächte er seinen Angriff und seinen Sieg, wo er Recht hatte.
Hagbarth und Signe. — Helge.
Ehe ich den Fischer schrieb, dichtete ich im Winter 1813–14 Hagbarth und Signe, ein Seitenstück zu Axel und Valborg. Ungeachtet sie einander darin gleichen, daß Beides nordische Liebestragödien, ziemlich kurz, ohne Episoden, mit der Einheit der Zeit, des Orts und der Handlung sind, suchte ich doch im Wesentlichen diese Bilder sehr verschieden von einander zu zeichnen: Axel und Valborg im Geist des christlichen Mittelalters und Hagbarth und Signe in dem des nordischen Heidenthums; beide natürlich idealisirt und mit dem Gepräge von des Dichters eignem Herzen, seiner Phantasie und seinem Gedanken. Die Leidenschaft der mit Tapferkeit und Verwegenheit verbundenen Liebe, die sich plötzlich in den Herzen Hagbarth's und Signe's entzündet und ihnen Muth verleiht, das Leben zu wagen, und mit Heldentrotz den Tod für einander zu dulden, war der Gegenstand des einen Stückes; das durch das Christenthum gemilderte Gefühl, von den Jahren der Kindheit an gestärkt, das die Blume der Treue und Hingebung in Axel's und Valborg's Herzen zur Reife brachte, ist der Gegenstand des andern. So gleicht Hagbarth und Signe einem Nachtstücke, mit Tannen über dem Abgrunde, wo der Mond halb hervorbricht; Axel und Valborg ist ein mildes Gemälde blühender Natur in der Abendröthe. — In der Zeit, wo ich kleine Stücke und Singspiele geschrieben hatte, war Ingemann aufgetreten und hatte sich wohlverdienten Beifall durch seine lyrischen Gedichte erworben; auch bewunderte das Publikum seinen Masaniello und Blanca. Letzteres hatte Furore gemacht. Hagbarth und Signe machte doch auch Glück und nun fühlte ich mich gestärkt und begeistert, wieder ein großes Bild des Altnordischen zu malen, in dessen Geist ich mich durch Hagbarth und Signe wieder hineinversetzt hatte.
Um mich dieser Begeisterung recht ungestört zu überlassen, miethete ich mir ein Zimmer auf Friedrichsberg in der Küsterwohnung, und hier saß ich, wo nur eine Wand mich von der Schule trennte, in der ich meinen ersten nothdürftigen Kinderunterricht genossen hatte, und schrieb Helge. Ueber dieses Gedicht ist bei dänischen Lesern nur eine Meinung gewesen und Baggesen wagte nicht, es anzugreifen; er schwieg stockstill darüber. So hatte ich nun also, was nordische Heldendichtung betraf, meine Autorität wieder gewonnen; aber meine Tadler hatten doch viele Leute zu dem Glauben gebracht, daß die nordische Heldendichtung die einzige Sphäre sei in der ich mich mit Glück bewegen könne, und daß dem Verfasser des Sanct Johannisabendspiels, der Langelandsreise, Freia's Altars und Aladdin's von der Natur kein Beruf für das Komische und Witzige verliehen sei. Daß dies mich verstimmte, war natürlich. Nach Allem, was ich in der Kunst gewirkt hatte, noch wie ein Schulknabe betrachtet zu werden, der in seinen Zeugnissen bald Mittelmäßig, bald Schlecht erhielt, war ein trauriger Lorberkranz. Hiezu kam, daß sich meine ökonomischen Verhältnisse auch verschlechterten, theils durch Mangel an sicherer Einnahme, denn ich hatte nur 1200 Thaler Gehalt mit Weib und drei Kindern, theils durch mein schlechtes Buchhändlertalent. Die ersten meiner Werke, die reißend abgegangen waren, hatte ich den Buchhändlern fast für Nichts gegeben; nun verlegte ich selbst Werke, die von Baggesen und seinen Anhängern heruntergerissen wurden, und obwohl ich an ihnen Etwas hätte gewinnen können, wenn ich sie verkaufte, so verlor ich nun und gerieth in Schulden, die sich um Vieles steigerten, als im Jahre 1813 die Geldreorganisation eintrat, die nicht allein mich, sondern viele reichen Leute zu Bettlern machte!
Verfehlte Buchhändlerspeculation.
In solchen Stimmungen wird die Begeisterung für das Hohe und Große bei der Nation und zugleich bei dem Dichter geschwächt. Was dazu beitrug, diese allgemeine Verstimmung zu vergrößern, war Napoleon's Fall. Die Dänen hatten es stets mit ihm gehalten und theilten nicht die Freude der heiligen Alliance, als er das unglückliche große L'hombrespiel mit Blücher und Wellington gespielt, mit Spadille quaskirte, und, obgleich er beinahe gewonnen hätte — durch ein dreistes, unvermuthetes Ausspielen von Blücher, der in der zweiten Hand saß und das erste Mal gestochen war, es Wellington ermöglichte, Napoleon in der Hinterhand bête ja sogar codille zu machen.
Man weiß, daß es nicht meine Art ist, viel zu politisiren, das heißt, mich groß mit den Staatsbewegungen der Zeit und des Augenblickes zu beschäftigen. Hierzu gehört, daß man dem Journallesen einen so großen Theil seiner Zeit opfert, daß es dem Künstler und dem Dichter schadet, dessen Beruf es ist, nicht für den Augenblick, sondern, so gut er kann, für die Ewigkeit zu wirken, indem er die Erinnerungen der Vergangenheit und die Ahnungen der Zukunft mit der Zeit verbindet, in der er lebt. Aber ein Dramatiker, ein historischer Tragiker ist kein Kind, das nur in seinen eigenen Träumen dahingeht. Jede historische Tragödie ist politisch und in den Staatsverhältnissen der Zeitalter, der Nationen begründet. Diese braucht er nur nicht aus ermüdenden, weitläufigen Verhandlungen, sondern in der Quintessenz zu kennen. Diese Quintessenz war mir stets von Wichtigkeit, auch in der neuesten Periode meiner eignen Lebenszeit, und deshalb giebt es wenige historische Hauptwerke, die ich nicht gelesen.
Gedanken über Napoleon.
Es ging mir nicht wie vielen Anderen: ich lernte Napoleon im Anfange nicht von der brillanten Seite kennen; im Gegentheile von der Schattenseite. Während der Schlacht bei Jena war ich in Weimar von dem Haß der Deutschen gegen ihn umgeben. Ich lernte ihn bald als den herrschsüchtigen Unterdrücker kennen, später aber auch seine großen Eigenschaften schätzen. Das Große bei Napoleon bestand darin, daß er ein Genie war; und das Schöne seiner Zeit darin, daß das Genie herrschte. Denn das Mißverhältniß, in dem gewöhnlich die unterdrückten geistigen Kräfte zu der zufälligen oft kleinlichen Macht stehen, fand unter ihm nicht Statt; jede ausgezeichnete Tüchtigkeit, die sich ihm anschloß, konnte ziemlich gewiß sein, Glück zu machen. Napoleon war ein mathematisches Genie und ein großer Held. Aber er war auch Welt- und Menschenkenner, und verband mit seinem Genie in hohem Grade den unentbehrlichen (und doch so oft fehlenden) praktisch gesunden Menschenverstand. Kraft, Fleiß, Aufmerksamkeit, Ueberblick waren bei ihm außerordentlich, und machten ihn zu einem ebenso tüchtigen und seltenen Fürsten im Frieden, wie Helden im Kriege. Unglücklicherweise war er, wenn ich es so nennen darf, auf dem einen Ohre taub: das heißt, ein großer Theil des Lebens sowie auch der Zeit, die er nur halb verstand, entging ihm. Zwei wichtige Dinge fehlten ihm: er konnte nicht Deutsch und war kein Schöngeist. Als Repräsentant der neuern Zeit hätte er auch die letzten Kapitel der vorhergegangnen Zeit lesen sollen, und das hatte er nicht gethan; den ganzen Fortschritt der Intelligenz in Deutschland kannte und achtete er nicht. Er hatte Recht, sich von spitzfindigen, philosophischen Verschrobenheiten abzuwenden; aber er haßte alle tiefdenkenden, frei fühlenden Schriftsteller; er sonderte die Spreu nicht vom Weizen, und unter dem ihm verhaßten Namen von Ideologen verwarf er sie alle. Ehrgeiz hatte ihn stets hingerissen; nun auf der Höhe seiner Gewalt bekam leider Eitelkeit das Uebergewicht. Er begann als Vertheidiger der Freiheit, und endigte damit, Alleinherrscher sein zu wollen. Ganz Europa hätte er gern unter sein Scepter gebeugt. Es ist höchst wahrscheinlich, daß er den Ländern Wohlstand und gute Einrichtungen gebracht und unzählige Mißbräuche abgeschafft hätte; aber er hätte auch die schöne Verschiedenartigkeit der Nationen verwischt, deren es, um sie zu begreifen, zu schätzen, zu beurtheilen, eines poetischen Geistes bedarf. Und wenn er auch in sich selbst die Kraft fühlte, ein solcher Herrscher zu sein; was sollte nach seinem Tode werden? Sein Egoismus war unendlich, und die Eitelkeit untergrub seine Macht. Er gab Oesterreich nach und benutzte nach der Schlacht bei Austerlitz seine Vortheile nicht. Er wollte sich durch Verheirathung einem alten Herrschergeschlechte anschließen. Er hatte Nichts dagegen, obgleich er darüber lächelte, daß man ihn in die griechische Kaiserfamilie der Komnenen hineinlügen wollte. Es giebt ganze Nationen, die fast aus lauter Edelleuten bestehen: Die Isländer, die Hochschotten, die meisten Polen und Ungarn, und die Corsikaner wollen auch alle adelig sein. Diese Forderung wurde auf der kleinen Insel auf 400 Familien eingeschränkt, deren eine Napoleon's war. Aber es tröstete doch den Kaiser Franz ein Wenig, daß sein Schwiegersohn kein vollständiger Roturier war. Napoleon's Mangel an poetischem Sinn veranlaßte ihn, alle Menschen über einen Kamm zu scheeren; auf das Characteristische, das die Handlungen bestimmt, verstand er sich nicht. Deshalb täuschte er sich so sehr in den Spaniern, den Russen, und als die Begeisterung in Deutschland von den Universitäten her und durch die Dichter geweckt worden war, in den Deutschen. Er hatte kein warmes Herz; man konnte es nicht klopfen fühlen, wenn man ihm die Hand auf die Brust legte; aber er war freundlich und oft liebenswürdig im Umgang, wenn er nicht böse war; er konnte Scherz, selbst Neckerei (z. B. von der Herzogin von Abrantes) vertragen; er ließ sich, selbst ein Gelehrter, gern in Gespräche mit ausgezeichneten Gelehrten ein; auch vorzügliche Künstler und Dichter achtete er, aber es hatte doch keine rechte Art damit. Er sagte wohl einmal, hingerissen von Corneille's beredter Schilderung der Heldenkraft, daß er ihn zum Herzog machen würde, wenn er noch lebte; aber nun war Corneille glücklicherweise todt, und er wagte also Nichts bei diesem Versprechen. Daß er nicht den Muth hatte, seinen Freund Talma (der ihn so viel schöne Manieren gelehrt, und ihm in den Jünglingsjahren als armen Lieutnant Geld geliehen hatte) zum Ritter der Ehrenlegion zu machen, und so das elende Vorurtheil gegen den Schauspielerstand auszurotten, ist bekannt. Als er dem an den Felsen gefesselten Prometheus gleich war, liebte ich Napoleon wieder. Ich sagte wie Brutus in Shakespeare's Julius Cäsar: „Joy, for his fortune; honour for his valour; and death, for his ambition!“ Grausam war er nicht; denn daß er viele Jahre hintereinander die Menschen tausendweis auf dem Wahlplatz tödten ließ, kann nicht Grausamkeit genannt werden; dies war eine Kampflust, welche er mit dem ganzen Heere theilte, und bei welcher er sein Leben jedes Mal ebenso sehr aussetzte, wie das jedes Andern. Er entschuldigte sich hier mit Gründen, vor denen das fühlende Herz Abscheu empfindet, die aber Vernunft und poetisches Gefühl schwerlich angreifen konnte: „der Krieg stärkt Kraft und Muth des Mannes, rottet das Kleinliche aus und bietet Gelegenheit, Unzählige zu beschäftigen, die die Armuth sonst zu Grunde richten oder entsittlichen würde.“ Zu Napoleon's Zeit drohte kein Proletarier; kein Cartouche oder Mandrin wurde gerädert; unter Bonaparte wären sie vielleicht Generale geworden. Aber als er gegen das Ende hin seine Aufgabe übertrieb und Alle merkten, daß er nicht mehr für Frankreich, sondern für sich kämpfte, da verlor er auch das Zutrauen und die Liebe der meisten seiner Generale. Napoleon schlug seine Feinde in drei Lebensperioden auf drei Arten: erstens durch seine eigne und die Begeisterung und den Muth der französischen Revolutionsmänner; dann durch seine Kriegskunst, wie ein großer Schachspieler auf dem europäischen Schachbrette; endlich durch die Masse, durch das Uebergewicht der Truppen. Diese letzte Art war die am wenigsten ehrenvolle und richtete auch das Land zu Grunde, das er vertheidigen sollte; es raubte Frauen und Kindern ihre Männer und Väter; zwang halb erwachsene Knaben, die kaum das Gewehr schleppen konnten, mit in den Krieg zu ziehen; und die Felder konnten nicht hinreichend bebaut werden. Wenn der Krieg zu Ende war, fühlte Napoleon Mitleiden mit den verwundeten Kriegern. Aber das Leiden, welches das Gefühl zu augenblicklichen Thränen durch die Einwirkung eines sinnlichen Bildes auf die Phantasie rührt, ist nicht das wahre Mitleiden, das in dem Herzen und der Liebe wurzelt und dem verwandt ist, welches der Erlöser für die ganze Menschheit empfand. Dieses höhere Gefühl kannte Napoleon nicht. Deshalb war er sich auch trotz seines stolzen Ehrgeizes nicht der höhern Menschenehre bewußt. Mit dieser hätte er nicht angefangen, sein Heldenglück auf eine demüthigende Weise durch den Einfluß eines Weibes zu machen; hätte er nicht die Freundin des Revolutionsmannes Barras geheirathet, um weiter zu kommen; mit diesem Gefühle hätte er seine Macht nicht durch das gemeine Spioniren von Talleyrand und Fouché, zweier Elenden, die er selbst verachtete, gestärkt; mit diesem Gefühl hätte er nicht die unverzeihlichen Justizmorde an Palm und dem Herzog von Enghien begangen.
Aber ich weiß sehr gut, daß weder Alexander der Große, noch Julius Cäsar moralisch besser waren, als Napoleon; und wenn wir mit Alexander und Cäsar gelebt hätten, so würden wir sie trotz all' ihrer Fehler doch sehr vermißt haben, wenn sie dahingegangen wären und die Mittelmäßigkeit wieder in ihr altes Recht eingetreten wäre, und ihr einfältiges Haupt wieder erhoben hätte.
Wie bereitwillig ist das Herz nicht, den großen unglücklichen Mann zu entschuldigen und ihm zu vergeben, der, indem er außerordentliche Kräfte an den Tag legte, die Menschennatur zu unsterblicher Ehre führte? „Führe uns nicht in Versuchung,“ beten wir Alle; dem Dichter und Künstler ist es leicht, das zu entwickeln, was die Natur ihm gegeben hat; er braucht als Material nur das Bild der Natur, die Geschichte und seine eigne Phantasie. Aber der Held und der Staatsmann findet seinen Stoff in der Nation, in den bürgerlichen Institutionen und den Lebensverhältnissen. Die soll er ausbilden; und hier führt die widerstrebende Natur der Dinge ihn oft auf Irrwege, oft dahin, Mittel zu wählen, die vor dem Richterstuhle der Moralität nicht vertheidigt werden können, und doch die einzig möglichen waren, um das Ziel zu erreichen. Die Spitzfindigkeit, der Macchiavellismus entschuldigt sie; der Jesuitismus vertheidigt das Mittel des Zweckes wegen; aber dies ist eine gefährliche Philosophie, welche zu den größten Lastern und Verbrechen führt.
Der Gräfin Mynster letzte Tage.
Ich hatte gerade Helge, als eine Frucht meiner stillen Stunden in der einsamen Küsterstube, beendigt, als eine traurige Begebenheit mir den Aufenthalt daselbst zuwider machte, und mich veranlaßte, meine Sommerwohnung nicht mehr in dem schönen Septembermonat zu benutzen. Meine Freundin, Gräfin Mynster, hatte lange an einer tiefen Melancholie gelitten, welche anfing gefährlich zu werden, weil sie sich immer mehr und mehr dem stillen Wahnsinn näherte. Ich hatte sie lange nicht gesehen, als Frau Brun mich bat, nach Sophienholm auf Frederiksdal hinauszukommen, wo Gräfin Mynster versprochen hatte, sie zu besuchen. Frau Brun meinte, daß wenn es Jemanden gäbe, der die Gräfin Mynster aufmuntern und in eine heitere Laune versetzen könne, ich dies sein müsse, ich, dem es früher oft durch poetischen Scherz und freundschaftliche Liebe, zuweilen selbst durch einen etwas dreisten Spott gelungen war, die allzuweit in den höheren Regionen zwischen kalten Wolken umherschwebende Seele des edlen Weibes in die tieferen Thäler herabzuziehen, wo Wärme, Schatten, Blumen und Früchte waren. Ich kam also hinaus und fand sie im Sopha sitzen; aber kaum hatte ich sie gegrüßt und mein Auge auf das ihrige gerichtet, als ich sah, daß — es vorbei sei; es war nicht mehr die geistreiche, freundliche, nur allzu gefühlvolle Dichterin; es war das Gespenst der Dahingegangnen, das mit einem todten, träumenden Nebelblicke auf mich hinstarrte. Die Unterhaltung war matt und inhaltslos; sie antwortete kaum mit den nothwendigsten Worten, dann schwieg sie wieder und starrte vor sich hin. Wir gingen im Garten beim Wasser spazieren und ich achtete sorgfältig auf sie, doch ohne daß sie es merkte, weil ich fürchtete, daß sie hineinspringen würde. Als wir wieder ins Haus kamen, nahm ich mit einem Gefühle Abschied, welches ich unterdrückte, und in der festen Ueberzeugung, daß sie sich nie wieder erholen würde.
Dies war nur allzuwahr und ich sah sie nie wieder. Als Hofdame der Königin war sie mit nach Friedrichsberg hinausgefolgt; sie wohnte neben den anderen Hofdamen, die sie Alle liebten und sorglich beobachteten. Aber eines Tages hatte sie sich von der Tafel dispensirt, weil ihr nicht ganz wohl sei. Gleich nach aufgehobner Tafel eilte Fräulein Levetzau zu ihr — fand aber die Thür verschlossen. In Angst eilte sie zur Herrschaft zurück und theilte ihre Befürchtungen mit. Der König ging selbst zum Zimmer der Unglücklichen, ließ die Thür aufbrechen und fand sie — todt!
Leichenbegängniß der Gräfin Mynster.
Keine Leiche, welche nicht königlich war, durfte der Etiquette zufolge auf dem Schlosse bleiben. Man war in Verlegenheit, wohin man die Leiche bringen solle. Als ich dies hörte, sagte ich: „Bringt sie in meine kleine Küsterwohnung, dort kann ihr Sarg stehen, bis sie begraben wird und von da sind es nur wenige Schritte bis zum Kirchhofe.“ Damit war man auch sehr zufrieden und von hier aus ging auch der Zug, dem sich ihre Verwandten und alle Hofcavaliere anschlossen. Brandis und ich folgten auch; wir gingen zusammen. Wäre ich abergläubisch gewesen, so hätte ein eigenthümlicher Zufall mich unruhig machen können; aber ich kümmerte mich nicht darum und es hatte auch keine Folgen. Als der Sarg in das Grab hinabgesenkt war, wollte ich ihn noch einmal sehen, strauchelte aber über einen Erdhaufen, fiel und schlug mir den Nagel am rechten Daumen, so daß er blau unterlief. Ich zeigte ihn Brandis, der mir natürlich mit ernster Miene ein Unglück prophezeihte.
Die elendesten und dümmsten Gerüchte haben sich später über die Ursache des Todes dieses edeln Weibes verbreitet, als ob es Gewissensbisse gewesen wären. Ich, der ich ihr Freund war, und sie kannte, weiß, daß sie das edelste, reinste Herz war, dessen ganzes Unglück darin bestand, daß es sich einer allzu überspannten Sentimentalität hingab. Soviel ich weiß, ist diese Geisteskrankheit auch erblich gewesen, und sie war nicht die Einzige in ihrer Familie, die daran litt.
Vorbereitungen zur Königskrönung.
Im Sommer 1815 fand die Krönung auf Friedrichsberg statt. Ich schrieb ein Gedicht und ein Lied zu diesem vaterländischen Feste. In einer Audienz beim Könige bat ich ihn um die Erlaubniß, ihm das Gedicht vorlesen zu dürfen. Er gestattete es mir, stellte sich gerade vor mich hin, stützte sich auf seinen Säbel und blickte mich wie ein General an, der einen Rapport von seinem Adjutanten erwartet. Ich las, und merkte, daß es ihn rührte. Als ich an die Stelle kam:
„Wer hielt mit Vaterhand
Die grünen Inseln fest an Jotaland
Als rund Europa bebt'? Wer hat's gethan?
Er that es, Friederich, der echte Sohn von Dan!“
rollte eine Thräne aus seinem Auge herab, aber er verzog keine Miene, blieb in seiner militärischen Position und schlug mit der Hand nach der Thräne, als ob es eine Fliege gewesen sei, die sich auf seine Wange setzen wollte.
Als ich an die Stelle vom wunderbaren Glückswechsel des Geschickes kam, wie:
Margaretha's Vater
Ward der, der kurz zuvor nur Christophs Sohn gewesen,
schlug er das Auge nachdenkend empor, als ob er im Buche seines Gedächtnisses nachblättern wollte, wen ich damit meinte. Als ich fertig war, sagte er in einem fast barschen Tone: „Ich will Ihnen Nichts sagen; Sie haben selbst gesehen, welchen Eindruck Ihr Gedicht auf mich gemacht hat.“ Ich dankte ihm, erzählte, daß ich noch ein Lied zur Krönung geschrieben habe, und daß ich den Studenten vorschlagen würde, es auf Friedrichsburg im Schloßgarten zu singen, wenn er es erlaubte. Er erlaubte es, ich verbeugte mich und ging.
Der Oberhofmarschall Hauch.
Aber der Oberhofmarschall hatte indessen mit vieler Mühe, wie solch' eine Arbeit sie immer macht, ein weitläufiges Ceremoniel darüber ausgearbeitet, wie der Aufzug und die Einrichtung beim Krönungsfest sein sollte. Was das Ganze hier schwieriger machte, war die Lage des Schlosses mitten in einem See, wodurch der Platz sehr beschränkt wurde, da der Hof nur sehr enge Eingänge hatte. Wenn nun alle königlichen Personen, Minister und die Beamten der drei ersten Rangklassen, zugleich mit der Garde zu Pferde und zu Fuß Platz haben sollten, so blieb natürlich kein Platz für die Studenten übrig; und es wäre in dem engen Raume sehr schwierig gewesen, sie hin- und zurückgehen zu lassen. Hierin hatte nun der Oberhofmarschall vollkommen Recht; er hatte auch Ursache, ärgerlich zu werden, wenn er sahe, daß man seine mühevolle Arbeit verderben wolle, und da er heftiger Natur war, so war es natürlich, daß er böse wurde. Er hatte nur Unrecht, diesem Zorne Luft zu machen, und ihm einem Manne gegenüber zu äußern, der auch böse werden konnte. Hätte er freundlich geschrieben, mit ein paar Worten erklärt, weshalb er den Aufschub wünsche, und mich um denselben gebeten, bis der König nach Friedrichsberg zurückkehrte, so hätte ich mich gleich mit Vergnügen darein gefunden. Nun aber bekam ich ein paar schroffe Zeilen, in denen nur stand, „daß es sich auf keine Weise thun ließe, da kein Platz sei,“ mit der Unterschrift: „Pflichtschuldigst Hauch.“ Eine halbe Stunde darauf hatte er eine Antwort von mir, in welcher stand: „Se. Majestät haben uns zu kommen erlaubt und wir kommen. Pflichtschuldigst Oehlenschläger.“ Mit dieser Antwort ging er zum Könige, der aber sagte: „Er solle zu mir gehen und die Sache in Güte abmachen.“ Ich lag am nächsten Morgen noch im Bette, als das Mädchen hereinkam und sagte: „Der Oberhofmarschall sei da, und wünsche mit mir zu sprechen.“ Ich eilte in die Kleider. Die Einleitungsrepliken waren ziemlich warm und ich sprach endlich mit so lauter Stimme, daß er mich fragte: „ob ich nicht die Fenster nach der Straße hin öffnen wollte, damit die Leute uns hören könnten.“ Aber was war das Ende des Gesprächs? daß der edle Hauch mich umarmte, küßte und mir sagte: „Wenn man am Hofe lebt, so legt sich endlich eine harte Kruste wie eine Schale um das Herz. Wenn wir in der Zukunft Etwas mit einander abzumachen haben, so wollen wir zusammen sprechen. Die Buchstaben sind schwarz.“ — „Nun können Ew. Excellenz gewiß sein, in mir stets einen Freund und Bewunderer zu haben,“ antwortete ich. So schieden wir freundlich von einander, und dieses Verhältniß hat sich bis zum Tode des edeln Mannes viele Jahre darauf nicht verändert, wo ich ihm einen Grabgesang dichtete, und ihn zu seiner letzten Ruhestätte begleitete.
Aussöhnung mit Thaarup.
Bei dem prächtigen Krönungsfeste war ich auf dem Schlosse Zuschauer, und sah wie der König und die Königin vom Bischof Münter gesalbt wurden. Zu Mittag hatte Thaarup mich eingeladen. Wir hatten kurz vorher unsere alte Bekanntschaft erneuert. Er hatte seit mehrern Jahren Nichts von Bedeutung geschrieben. An die zwölf Studenten, die Baggesen auf gut Latein herausforderten, hatte er dagegen kurz vorher auch auf gut Latein in dem Tageblatt eine Ermahnung zu Mäßigkeit und Bescheidenheit gerichtet. Die Ermahnung setzte Viele, besonders der Sprache wegen, in Erstaunen, da Thaarup wahrscheinlich, seitdem er vor einigen dreißig Jahren seine Examenarbeiten geschrieben, seine lateinische Feder nicht eingetaucht hatte; und man weiß doch, daß es, — wie bei den Battemens im Tanz und den Solfeggien im Gesang, — steter Uebung bedarf, um gut Latein zu schreiben. Ich hatte mich mit diesem ehrwürdigen Veteran ausgesöhnt; sein schneeweißes, dichtes Haar, seine schönen, blauen Augen, sein römisches Gesicht und sein männlicher Ausdruck, in dem trotz des satyrischen Lächelns die Freundlichkeit strahlte, ließen mich in ihm noch den Dichter des „Erntefestes“ lieben. Aber was ihn mir bei dieser Gelegenheit noch lieber machte, war der verletzte Stolz mit dem er die Einladung zu dem Festessen abgewiesen hatte, das den Sängern und den Mitgliedern der Kapelle gegeben wurde. Thaarup fühlte, daß er wohl einen Ehrenplatz verdiene; aber da ihm der Titel des Etatsraths (den Prahm hatte) fehlte, so hatte er selbst für Proviant gesorgt. Er hatte auf einem Bauernwagen Schinken, Braten, Kuchen und Wein mitgenommen, sowie wenn man in früheren Zeiten von Kopenhagen aus in den Wald fuhr. Eine kleine Bauernstube hatte er gemiethet. Hier gebrauchte er selbst sehr fleißig den Propfenzieher, als der alte und der junge Dichter nicht fern von dem Treiben des Hofes auf das Wohl des Königs und der Königin tranken. Der kräftige Greis rührte mich durch seinen edeln Stolz; die Gedichte, welche er zum Fest geschrieben hatte, waren ziemlich matt; hier aber fühlte ich noch die Seele wieder in ihrer vollen Kraft blühen.
Einige Tage darauf wurde es den Studenten gestattet, am Nachmittage hinauszukommen, und das von mir verfaßte Lied auf dem Platze an der Steintreppe gerade über den Terassen zu singen. Die Stunde war, glaube ich, auf sieben Uhr festgestellt. Nun hatte ich die Dreistigkeit, am selben Tage den Mittag bei meinem Freunde Bech auf einem Gute vor dem Osterthore zuzubringen. Als es Zeit war, fuhr ich nach Friedrichsberg; der Wagen rollte rasch dahin; aber ich hatte vergessen, daß ich, wenn ich nach Friedrichsberg kam, erst seidene Strümpfe anziehen und die Stiefeln gegen Schuhe auswechseln mußte. Ich fürchtete, zu spät zu kommen, und bat den Kutscher, aus allen Leibeskräften zu fahren. Das that er denn auch; aber so langsam die Uhr ging, kam mir's doch vor, als ob sie rascher ginge, als die Pferde. Als wir an das Rondel vor dem Friedrichsberger Garten kamen, hatten wir Mühe, uns mit dem Wagen durch den breiten Menschenstrom zu drängen, der sich von der Allee aus bis in den Garten hinbewegte, um Zuschauer des Festes zu sein. Der Oberhofmarschall hatte mich mit Ungeduld erwartet, und als er hörte, daß es noch „Liebe ohne Strümpfe“ sei, und daß ich zu meinem Vater hinuntergehen wolle, um Toilette zu machen, bot er mir gleich ein Zimmer und seinen Diener zur Hülfe an, indem er mit dem Kopfe schüttelte, als ob er sagen wollte: „Die Poeten sind doch ein verdammtes Volk.“ Nun beeilte ich mich und kam auch noch zeitig genug zu den Majestäten, die uns sehr gnädig empfingen. Es war ein ungeheures Menschengewimmel da, und die Studenten sangen das Lied vortrefflich.
Ernennung zum Ritter des Dannebrogordens.
Der Dichter frühere Geltung.
Am Krönungsfeste wurde ich Ritter des Dannebrogordens, wofür ich wohl zum Theil meinen Krönungsgedichten zu danken hatte. König Friedrich VI. war aus der alten Zeit, und wenn ich von ihm sage, daß er mit allen seinen übrigen guten und vortrefflichen Eigenschaften sich nicht auf Poesie verstand und sie nicht genug achtete, so sage ich nur, was auf viele andere brave, ausgezeichnete Männer seiner Zeit paßt. Das Uebel, die Poesie gering zu achten, war ein alter Schaden, der sich besonders in den protestantischen Ländern gleich nach der Reformation zeigte, die trotz ihres großen Fortschrittes in der menschlichen Kulturgeschichte den Fehler hatte, das Schöne und die Werke der Phantasie zu wenig zu schätzen. Bei den Griechen genossen die Dichter die höchsten Ehren; die Römer ahmten ihnen nach und Augustus und Mäcen ehrten Horaz und Virgil auf gleiche Weise. In dem alten heidnischen Norden war der Skalde der Freund und Vertraute des Königs; in Italien, Spanien und Portugal traf es sich oft, daß Adelige Dichter waren; aber in der Periode, welche der Reformation voranging, war das Herz erschlafft, es herrschten keine ausgezeichneten Fürsten, große politische Unruhen hatten vorher Dante verfolgt; Petrarca schwärmte in seiner Einsamkeit; Ariost und Tasso waren in unsicherer Stellung; Cervantes lebte von Privatunterstützung; Camoëns starb fast Hungers. Die Königin Elisabeth von England war trotz ihrer großen Eigenschaften kein Schöngeist, hatte ein kaltes Herz, und die Mörderin der Maria Stuart ahnte nicht, welchen Schatz sie und England im Shakespeare besaß. Walter Scott hat in Kenilworth mit historischer Wahrheit den großen Dichter dargestellt, der beim Feste mit den anderen Domestiken in der Speisekammer ißt. Ludwig XIV. liebte die Poesie als zum höhern Luxus gehörig, und ein gewisses, geistiges Element, wenn es übrigens sclavisch seiner Allmacht und dem herrschenden Vorurtheil huldigte, gefiel ihm. Ludwig XV. hatte für nichts Anderes Sinn, als für Sinnlichkeit. Er hielt Diamanten und Glasperlen in der Kunst für Eins und Dasselbe. Wenn von Poeten die Rede war, so zählte er mehrere Dutzend an den Fingern auf, wobei Madame Pompadour ihm half. „Wie könnte man sie alle ehren und belohnen?“ fragte er, und Madame Pompadour gab ihm vollkommen Recht. Was damals Etwas dazu beitrug, der Poesie ihren Glanz wiederzuverleihen, war Friedrich's II. Liebe für das Französische und seine Freundschaft zu Voltaire, die, obgleich sie ein tragisches Ende nahm, doch lange Zeit hindurch Viel dazu beitrug, die französische Literatur zur Hof- und Toilettenlectüre zu machen. Merkwürdig ist die allgemeine Hochachtung, welche Klopstock sich erwarb; aber das konnte er zum großen Theil dem Stoffe seines Gedichts: die Messiade, danken; er bewegte mehr das religiöse, als das poetische Gefühl, und mit der Religion war es damals in vielen Herzen Ernst. Aber obgleich er seine Unterstützung von Dänemark erhielt, so merkte man doch lange Zeit nichts von einem Interesse für die dänische Kunst. Das Deutsche hatte bei dem Hof die Ueberhand gewonnen. Holberg, obgleich er für sein eignes Geld Baron wurde, ward von der vornehmen Welt doch nicht als Dichter geachtet; seine vortrefflichen Komödien wurden als Farcen für den Pöbel betrachtet. Unglücklicher Weise hatten Ewald und Wessel nicht Kraft genug, dieser Geistesrichtung entgegen zu arbeiten; sie suchten Trost in der Flasche, und ertränkten in derselben nicht nur ihre Sorgen, sondern zuletzt auch ihr Genie. Ausgezeichnete Gelehrte und Beamte hatten mit ihrer ästhetischen Bornirtheit dazu beigetragen, die schönen Künste in Mißcredit zu setzen. Ebenso wie Gram den Holberg verachtet hatte, so verschmähte Luxdorph den Ewald und fand seinen Balder unter aller Kritik. Friedrich VI. war kein Schöngeist; aber kein ausgezeichneter Beamter in seiner Umgebung war es in viel höherm Grade, als er; und bei den Gelehrten herrschte dasselbe Vorurtheil; sie achteten die Poesie nur in Nachahmung des Griechischen und Lateinischen.
Was in meiner Jugend doch Etwas dazu beitrug, die Poesie zu ehren, war das Glück, welches sie in Weimar gemacht hatte, wo ein junger Mann durch sein Dichtergenie sich zum Minister emporgeschwungen hatte, und wo die herrliche Herzogin Amalie die Schöngeister rund um sich her versammelte und Weimar zu einem Athen machte. Aber Weimar war ein kleines Herzogthum, welches in keiner weitern Berührung mit Dänemark stand; und Göthe war hier lange Zeit durch nichts Anderes bekannt, als durch ein Buch, das man auch nicht kannte, weil seine Uebersetzung von der Polizei, als die Moralität und Sitten verderbend, verboten war. Kein Wunder also, daß eine schöne Kunst verachtet wurde, die selbst ein Plato früher aus seinem idealen Staate ausgeschlossen haben würde. Der armen Poesie ist es immer schwieriger geworden, sich geltend zu machen, als der Sculptur, Architektur, Malerei und Musik, deren Werke die Großen theils kaufen und zu Nutzen, Bequemlichkeit und Pracht selbst behalten, theils sich damit ohne Anstrengung unterhalten konnten. Die Künste sind aristokratisch, aber die Poesie ist demokratisch; sie gehört dem ganzen Volke, ihre Werke können Alle lesen, und was das Schlimmste ist, die Poesie denkt und spricht; sie war stets der Dollmetsch für die edle wahre Freiheit, der sich das Gute und Schöne unterordnet, und alle liberalen Ideen sind erst von ihr ausgegangen. Deshalb haben auch die Alleinherrscher, selbst die guten, welche sich nicht auf sie verstanden, einen heimlichen Abscheu vor ihr gehabt, als ob ein Instinkt sie vor einer Frucht warne, in der sich heimliches Gift befinde.
Wenn die alten Skalden zum Preise der Könige sangen, erhielten sie einen goldnen Armring; als Friedrich VI. vor sieben Jahren den Dannebrogorden erweiterte, so daß derselbe nicht nur ein vornehmer Hofschmuck, sondern ein wirkliches Ehrenzeichen sein sollte, gab er gleich Thaarup, der ihn in dem Erntefest und in Peter's Hochzeit besungen hatte, diesen Orden. Vor sieben Jahren hatte ich bereits Aladdin und Hakon Jarl geschrieben; aber dafür bekam ich ihn nicht, nun erhielt ich ihn.
Einer, der ihn nicht bekommen hatte, nicht erhielt und mit Recht meinte, daß er ihn wohl verdient hätte, war Baggesen. Da Baggesen es nicht an Weihrauch für den König gespart hatte, und da er ein ausgezeichneter Dichter und als solcher von Friedrich VI. anerkannt war, so kann man sich die Zurücksetzung auf keine andere Weise erklären, als daß der König mit Baggesen's damaligem Benehmen unzufrieden war. Ein Mann, der in jener Zeit Baggesen's Vertrauen besaß, hat mir erzählt, daß derselbe deshalb besonders einen tödtlichen Haß auf mich geworfen hätte, und ich war doch ganz unschuldig.
Andersen Feldborg.
Im Sommer 1816 hatte ich die Freude, mit meiner ganzen Familie in Friedrichsberg bei dem Lieutnant Bonsach, dem Bevollmächtigten meines Vaters, zu wohnen. — Eines Tages, als ich in meiner Einsamkeit mit einem englischen Buche dasaß und mich darüber ärgerte, daß ich nicht besser Englisch verstand, trat ein Fremder ein, um meine Bekanntschaft zu machen. Er war bleich, von etwas gelber Farbe und blatternarbig; auch schielte er etwas mit dem einen Auge; aber sein Gesicht hatte einen gutmüthigen, muntern, etwas schelmischen Ausdruck. Er nannte sich Andersen Feldborg und kam geradeswegs von England, wo er mehrere Jahre gelebt hatte und ganz zum Engländer geworden war. Er war zu seiner armen Schwester (wie er sie nannte, obgleich ich glaube, daß ihr Nichts fehlte) herübergekommen, und, um so lange es ihm hier gefiele, Sprachlehrer zu sein. Ich zeigte ihm das Buch, in dem ich las, und sagte: „Nun das ist ja herrlich! da können wir gleich anfangen; ich bedarf gerade eines englischen Sprachlehrers.“ Diese Introduction war ganz nach seinem Geschmack; er gab mir eine Stunde und aß zu Mittag bei mir, was er später oft that. Er war ein wunderlicher Gesell. Er erzählte mir seine Erlebnisse; wie er als ganz junger Mensch die Idee bekommen hatte, nach London zu reisen, wo er ohne Zweifel in der äußersten Noth zu Grunde gegangen sein würde, wenn ihn nicht ein guter Mann getroffen und geholfen hätte, bis er bei einem Buchhändler angestellt wurde. Er verstand vortrefflich Englisch, wie ein Eingeborner, und verleugnete doch nicht seine Muttersprache. Er bekam bald so viele Stunden, als er gebrauchte, um anständig zu leben: aber er war ein großer Freund, halbe Tage vom Mittage an bei seinen Eleven, die bald seine guten Freunde wurden, zuzubringen, die ihn im Anfange gern von Sir Walter Scott, den damals die ganze Welt las und bewunderte, erzählen hörten. Dieser wunderliche, lustige, lebensfrohe und doch an die größte Dürftigkeit gewöhnte Mensch hatte zuweilen einen Anfall, der mich sehr beunruhigte, als ihn derselbe einmal bei mir befiel. Dies war ein Anfall, der früher eigentlich nur die Damen befiel, aber nun selbst bei diesen nicht mehr im Gebrauch war, und den man nur noch in den alten Komödien antraf, wenn die Väter sich zu streng gegen die Töchter zeigten: er fiel in Ohnmacht. Mir wurde ganz bange, ich hob ihn auf und rief nach Riechwasser, oder, in Ermangelung dessen, nach Essig. Aber ehe der Essig kam, schlug Feldborg die Augen auf, und als er sich in meinen Armen fand, rief er: „Das ist der dritte Dichter, in dessen Armen ich heute liege.“ Er hatte nämlich denselben Anfall bei Ingemann, und bei einem Dritten gehabt, dessen Namen ich vergessen habe. Als ich merkte, daß er die Sache hier auch von der muntern Seite auffaßte, hörte meine Furcht auf. Er erholte sich sehr bald und aß mit dem gewöhnlichen Appetit zu Mittag.
Er kam auch oft zu Rahbeks. Ein Mal blieb er des Abends so lange dort, daß sie ihm auf ein paar Stühlen ein Bett zurecht machen mußten, weil es zu spät war, um vor Thoresschluß die Stadt zu erreichen. Später, wenn dies wieder geschah, schlief er in einem kleinen Wirthshause auf der Westerbrücke, welches zum „blauen Ochsen“ hieß. Als er eines Abends etwas lange mit dem Fortgehen zögerte, machte Frau Rahbek ihn in ihrem gewöhnlichen scherzenden Tone darauf aufmerksam, daß das Hügelhaus nicht der blaue Ochse sei, worauf er schnell forteilte.
Auf Friedrichsberg hatte ich einen Besuch von dem berühmten E. M. Arndt, nicht dem früher erwähnten Sonderling, sondern dem Professor in Bonn, dem Verfasser vom „Geist der Zeit,“ nach seiner Art auch ein Alterthumsforscher. Er beschäftigte sich nämlich damit, die Spur der Ausbreitung der alten Volksstämme zu untersuchen, die sich natürlich nicht nach den gegenwärtigen geographischen Eintheilungen richteten. Arndt war in Schweden gewesen und hatte sich über die Dalekarlier gewundert, ein untersetztes schwarzhaariges, heftiges Geschlecht, von südlicher Natur, nach Arndt's Ansicht durch eine unbekannte Völkerwanderung zwischen die schlanken, blonden, ruhigen Skandinaven eingekeilt.
Bühnen-Conflicte.
In diesem Jahre bekam ich den unglücklichen Einfall, Freia's Altar zu einer Komödie umzuarbeiten, in der ich, trotz meiner Tadler, die Ausgelassenheit noch weiter trieb, die man in Freia's Altar getadelt hatte. Obgleich Verschiednes in der Umarbeitung wirklich besser wurde, z. B. Guilielmo's und Clausine's Liebesverhältniß, und obgleich Madame Geldschlingels Scenen den anderen wohl nicht viel in Heiterkeit nachgeben, ohne das Decorum zu übertreten (denn es ist, wie einer der Vertheidiger des Stückes richtig sagte, ein Unterschied zwischen einer betrunkenen Frau und einer Frau, die trinkt), so leugne ich doch nicht, daß das Stück durch diese Umarbeitung zu reich an Späßen wurde, und Etwas von seiner ersten jugendlichen Naivetät verlor. Bilbo, der der einzige eigentlich übertriebne Character im ersten Stück ist, wurde es hier noch mehr. Die Grille, das Stück so auf die Bühne zu bringen, lag wohl theils in einem gewissen Stolz, daß ich, der doch anerkannte Dichter, durch die ewigen Zurechtsetzungen von Leuten gelangweilt und geärgert wurde, die meine Kunst weder verstanden, noch den echten Sinn für sie hatten; theils war ein andres Stück von mir da, das aus demselben Sauerteiche bestand, wie Freia's Altar, und das viele Jahre hindurch (und auch lange Zeit nachher) ein Lieblingsstück des Publikums war und blieb. Dies war der Schlaftrunk, in welchem die komischen Charactere und der lustige Dialog durchaus mir gehörten, weshalb ich auch später dieses Stück in der Sammlung meiner eigenen Werke aufgenommen habe.
Freia's Altar ist als burleske Komödie gewiß viel poetischer und ebenso komisch, wie der Schlaftrunk. Sie hatte lange Zeit mit zur Lieblingslectüre der Jugend gehört; sie war mehrere Male auf Privattheatern mit großem Beifall vor Gebildeten und Ungebildeten gespielt worden. Was Wunder, daß ich (dem von der Gegenpartei nun alles komische Talent abgesprochen wurde) mein Stück gern einmal von unseren herrlichen Komikern aufgeführt sehen wollte? Aber dieser lustige Altar der Freia wurde stets von einem tragischen Geschick verfolgt, und ich benahm mich ungeschickt, um ihn zur Aufführung zu bringen. Wie sehr hätte ich mir Etwas von der Schlauheit wünschen können, mit der Beaumarchais in Frankreich, trotz des Verbots des Königs und der Polizei, seinen Figaro in Versailles zur Aufführung zu bringen wußte; was La Harpe, der ihm einige Tage nach der Aufführung begegnete, Veranlassung gab zu sagen: „Ich bewundere den Witz in Ihrem Stücke, und noch mehr den Scharfsinn, den Sie angewandt haben, um es zur Aufführung zu bringen.“ Ich war nun einmal böse und wollte es erzwingen.
Die Theatercensoren.
Rahbek und Etatsrath Olsen.
Es waren zwei Theatercensoren da; diese hatten, wie es in der Natur der Sache liegt, Macht über Leben und Tod der eingereichten Stücke in Bezug auf die Aufführung derselben, und von ihrem Urtheilsspruche ging es ohne Appell zur Execution. Rahbek und Etatsrath Olsen waren Censoren. Daß Rahbek es war, fand man trotz all' seiner Grillen und Einseitigkeiten in der Ordnung. Etatsrath Olsen war ein geselliger, angenehmer Mann, sehr sprachkundig und war Notarius publicus. Bei der Concurrenz um dieses Amt war er P. A. Heiberg vorgezogen, weßhalb dieser ihn in einer Streitschrift zum Gegenstande seines Spottes machte und versuchte, ihn, wenn auch in ein komisches Licht, so doch nicht in ein solches zu stellen, welches ihn zu einem Theatercensor geeignet machte. Olsen hatte selbst einige sehr unbedeutende Gedichte geschrieben; ich weiß nicht, ob er auf Grund derselben Censor wurde; wenn es der Fall war, so geschah dies damals vielleicht weder zum ersten noch zum letzten Male. Bredahl war schon zu Ewald's Zeiten Theaterdirector gewesen. Mein persönliches Verhältniß zum Etatsrath Olsen war ein höfliches. In sein Haus kam ich der Damen und der angenehmen Gesellschaft wegen. Er war auch einmal mein Gast; aber als Baggesen immer gröber und gröber gegen mich wurde, und da er zu Olsen's kam, zog ich mich zurück. Baggesen erwies Olsen große Achtung auch als Kunstrichter und gewann ihn ganz. Daß Olsen also, wenn es ohne Gefahr und Unannehmlichkeit geschehen könne, gegen mich sein würde, war im höchsten Grade wahrscheinlich. Was Rahbek anbetraf, so war, wie bereits gesagt, sein Geschmack beschränkt; das Burleske und Ausgelassene hielt er als unter der Würde der Kunst stehend. Die Wirkung, die es hervorbrachte, wenn das Genie, wie in Molière's und Holberg's Stücken, es schuf, bemerkte er nicht; übrigens konnte er auch nicht zu außerordentlicher Heiterkeit gestimmt und begeistert werden. Ich habe ihn nie ordentlich lachen sehen; ein schallendes Gelächter war Etwas, das ganz außerhalb seiner Natur lag; er bewunderte das Witzige verständig, ja selbst witzig, schelmisch und nicht ohne Humor; aber es war der gleichmüthige Humor, der nur in der Asche glüht und nicht zur Flamme emporschlägt. Das Starkkomische bei Molière und Holberg betrachtete er als Etwas, das nicht fortgesetzt werden dürfe, das der geschmacklosen Zeit angehörte, in der diese großen Männer gelebt hatten, und das diesen, ihrer wahren Verdienste wegen, verziehen werden müsse; diese bestanden in den Characterschilderungen und der moralischen Tendenz der Stücke. Für den eigentlich poetischen Duft dieser Werke hatte der gute Rahbek durchaus keinen Sinn, so wenig wie körperlichen Sinn für Blumenduft und andere Wohlgerüche, die er so sehr haßte, daß er ihnen Gestank vorzog.
Aber so eigensinnig er war, so gutmüthig war er, so leicht war er zu gewinnen, wenn man sich ein klein Wenig nach ihm richtete. Hätte ich mich zuerst an ihn gewandt und ihm gesagt: „Hör' einmal Rahbek! ich habe die Absicht, Freia's Altar umzuarbeiten; ich fühle selbst, daß das Stück zu ausgelassen ist; nimm Du es und mache mir einige Anmerkungen und Striche, wo Du es verändert wünschtest;“ so bin ich überzeugt, er hätte fast gar keine gemacht. Er, der lange Zeit ruhig zugesehen hatte, wie der Theaterübersetzer N. T. Brun jeden zweiten Abend die Stücke mit seinen eigenen unanständigen zweideutigen Späßen anfüllte, würde auch Freia's Altar mit seinen poetischen Scherzen durch den kritischen Schlagbaum haben schlüpfen lassen; der Theaterchef wäre dann auf seine Seite übergetreten, und Olsen war zu schwach, um dann den Schlagbaum allein niederzuhalten. Aber das that ich nun nicht; ich wollte es, wie gesagt, erzwingen. Es genügte nicht, daß ich Bilbo noch toller machte, als er zuerst war; ich schrieb auch eine Vorrede, in der ich einen schlechten Kritikus mit einem Manne mit belegter Zunge verglich, der nicht schmecken könne, weil sein Magen verdorben sei. Diesen Mann bezogen sowohl Rahbek wie Olsen auf sich; und da die Rache ihnen nur ein „Nein“ kostete, so sagten sie Beide: Nein — waren zum ersten und letzten Male in ihrem Leben einig — und das Stück wurde nicht aufgeführt.
Ich will den Leser nicht durch eine weitläufige Erzählung des Federkrieges ermüden, der hierdurch entstand. Ich schrieb eine Pieçe an das Publikum, die vielleicht einmal in einer Sammlung meiner kleinen Abhandlungen gedruckt werden wird. Rahbek und Olsen antworteten. Letzterer besonders mit vornehmer Verachtung über meinen schlechten Geschmack. Mehrere übernahmen meine Vertheidigung, unter Andern Sibbern, der in einer langen Abhandlung das Stück und die Einwendung der Censoren durchging und trotz ihres Tadels glaubte, daß es durch die Umarbeitung gewonnen habe.
Ein Reiseantrag.
In diesem Herbst, als die Theatersaison schon lange wieder angefangen hatte, und ich eines Abends auf meinem gewöhnlichen Platze im Parquet saß, saß auch der Oberpräsident Moltke auf dem seinigen, gerade vor mir. Im Zwischenacte erzählte er mir, daß der junge (spätere Baron) Bertouch eine Reise ins Ausland machen solle, daß sein Vater ihm einen ältern Mann zur Gesellschaft mitzugeben wünsche, der fremde Länder kenne und dem jungen Manne durch Rath und That nützen könnte. Er fragte mich, ob ich nicht Lust zu dieser Reise hätte, die, wenn ich wollte, nicht über ein Jahr währen sollte? Ich nahm das Anerbieten gern an.
Aber als sich die Stunde des Abschieds näherte, wurde mir das Herz schwer, und mich erfüllte eine tiefe Wehmuth, weil ich meine Familie verlassen sollte. Ich lag am Abend auf dem Fußboden im Zimmer beim Kaminfeuer, und ließ die Kleinen um mich herkrabbeln; ich spielte mit ihnen, wie ein Kind; sie lachten und waren lustig und merkten nicht, daß mein Gesicht jeden Augenblick in Thränen schwamm.
Mir war, als ob wir uns nicht Alle wiedersehen sollten. Aber in der Liebe liegt stets Furcht vor dem Scheiden, und ein wehmüthiges Gefühl folgt dem Gedanken an irdische Trennung und himmlische Wiedervereinigung, deshalb erweckt jeder Abschied auf lange oder kurze Zeit die himmlische Liebe in der Menschenbrust, und selbst in dem täglichen Lebewohl, einem Freunde gegenüber, liegt ja Etwas von diesem heiligen Gefühle.
Auszug aus meinen Reisebriefen 1817.
Beginn der Reise.
Es war kein Spaß für einen gegen Frost und Wind nicht sonderlich abgehärteten Dichter, der sich eben erst von einem ziemlich starken Anfall des Podagra erholt hatte, sich in den kalten Decembernächten auf offene Wagen zu setzen, dann in einem Boote von Laaland über das Meer und von Heiligenhafen durch Holstein zu reisen, bis wir an die Diligencen kamen; denn damals hatte man noch keine Eisenbahnen und keine Dampfschiffe. Ich beschloß deshalb so gekleidet zu reisen, daß ich nicht frieren konnte, und dies setzte ich auf folgende Art ins Werk. Ueber meinen täglichen Kleidern hatte ich folgende Kleidungsstücke. Ein Paar dicke mit Leder besetzte Reithosen gingen hoch auf die Brust hinauf. Dann ein Paar Seehundsstiefeln, die bis über die Kniee reichten. Ueber dem Rock, dem Ueberzieher und dem Mantel einen großen, dicken Bärenpelz. Auf dem Kopf eine Mütze von Bärenfell, die unter dem Kinn zugeknöpft werden konnte und den Nacken bedeckte. So hätte ich Parry und Roß auf ihrer Reise nach dem Nordpol, den ich ebenso wenig, wie sie, fand, begleiten können. Von der Kälte spürte ich also auf der ganzen Reise Nichts, außer, wenn ich in eine sogenannte warme Stube kam, wo ich mich auskleiden mußte. Von Friedrichsberg aus, wo ich von meinem Vater, der erst lachte und scherzte, aber in dem letzten Augenblick weinte, Abschied nahm, fuhr ich noch im geschlossnen Wagen und nicht so stark gegen die Kälte gewaffnet. Feldborg hatte Lust bekommen; mich ein Stück Wegs zu begleiten. Er hatte nichts Anderes mit, als ein kleines in ein Stück Papier gewickeltes Buch. Es war kein Platz im Wagen, da ich einen Reisegefährten hatte; ich gab ihm meinen Pelz und er setzte sich auf den Bock, wo sich der Schwager doch breit machte, weil ihm Feldborg's Liebkosungen nicht gefielen, der ihn, aus Furcht herabzufallen, zu fest und innig umarmte. Wir fuhren nach Kiöge. Am Morgen, als wir weiter reisen sollten, hielt ich meinem Gefolge eine Rede und sagte: „Meine Herren! Wenn man von einer fremden Stadt fortreist, so muß man erst all' die Dinge laut nennen, die man bei sich hat, um Nichts zu vergessen.“ Um ihnen nun gleich ein Beispiel meiner Lehre zu geben, nannte ich Alles, was mir an losen Reiseeffekten gehörte, vergaß aber meinen Hut, weil ich glaubte, ich hätte ihn auf dem Kopfe; das war aber unglücklicher Weise meine Mütze, und so vergaß ich auch wirklich den Hut. Jetzt verließ uns Feldborg. Wir gingen erst ein langes Stück dem Wagen voran, und er stolperte sehr gutmüthig mit seinen schwarzen Gammaschenstiefeln auf den gefrorenen Erdklumpen umher, um mich in dem bequemeren Geleise zu lassen. In schönem Wetter fuhr ich über Gaabensee nach Laaland. In meinen Pelz eingepackt litt ich weder von der Kälte noch von der Seekrankheit.
Ankunft beim Kammerherrn Bertouch.
Bei dem Kammerherrn Bertouch und seiner Gattin brachte ich angenehme Tage zu, und lernte den jungen, freundlichen Mann kennen, mit dem ich reisen sollte. In Wasserstiefeln watete ich mit dem Kammerherrn in Wald und Feld umher. Die Natur gewinnt nicht, wenn man sie im Winterkleide sieht, doch hat jede Jahreszeit ihren eignen Character; das Grün verschwindet nicht ganz. Laaland ist doch ein sehr flaches Land, und wenn man dort ist, bekommt man Lust, mit Hieronymus in Erasmus Montanus zu glauben: Die Erde ist flach.
Ankunft in Hamburg.
Ich bin nun in Hamburg, „sechzig Meilen weit von meinem Herzen,“ wie der Dichter Kruse sang. Meinen letzten dänischen Abend brachte ich in Kiel bei meinem alten Landsmanne Fischer, dem Gastwirth in der Stadt Kopenhagen zu. Er ist Däne mit Leib und Seele, erzählt den Holsteinern, daß er in der kleinen Königsstraße geboren sei, und an den Wänden hängen lauter nationale Bilder. Hier sieht man den Thurm der Frauenkirche von englischen Bomben in Brand geschossen, dort arbeiten Matrosen auf einem Schiffe, hier wieder steht der Schauspieler Knudsen an der Zollbude und singt vor dänischen Seeleuten. Ich war in Kiel auch Mittags beim Grafen Bernstorff; ich sah die liebenswürdige Frau Berger Weihnachtsgeschenke für die Kinder zubereiten und dachte an die meinigen. Einen angenehmen Abend brachte ich bei dem feurigen, witzigen Professor Pfaff zu. Hier traf ich Falk und Dahlmann, der seine literarische Laufbahn mit einer Abhandlung über meine Schriften, welche, ins Dänische übersetzt, gedruckt wurde, begann. Später scheint er sich nicht viel um dänische Literatur bekümmert zu haben, doch war er sehr höflich und artig.
Wir schliefen in Bramstedt. Am nächsten Morgen war Glatteis. Wir schnallten den einen Wagenstuhl rückwärts gegen den Wind; das milderte. Von Kiel nach Hamburg geht es über die Haide. Am ersten Tage ging ich über eine Meile in gutem Wetter zu Fuß; aber je mehr wir uns Hamburg näherten, desto schlimmer wurde es. Die Alster war weit über ihre Ufer hinausgetreten. Einige Bauern mußten uns den Wagen aus dem Morast und dem Eise herausholen. In der Nähe lag ein gestürztes Pferd auf dem Eise, das sich todt geschleppt hatte und der Karren stand umgeworfen daneben. Endlich kamen wir an den neuen, halbfertigen Landhäusern vorüber, die sich wieder aus ihrer Asche erhoben.
Heute war der erste Weihnachtstag; er fing mit einem außerordentlichen Nebel an, wie man ihn selten in Kopenhagen sieht. Es kommt daher, daß Hamburg nahe am Meere und bei der Alster und Elbe liegt. Gegen Mittag wurde es etwas klarer; ich hörte das Glockenspiel vom Kirchthurm. Man hat oft bei uns das Glockenspiel verspottet; nun haben wir keins. Es ist wahr; die Melodien lösen sich fast in Klingklang auf, aber sie tönen doch über die ganze Stadt, vor Aller Ohren, und das ist feierlich. Auf den Straßen begegnete ich Rathsherren mit Allongeperücken, wie in dem politischen Kannegießer; die Reutendiener gleichfalls mit Modesten, Pumphosen und Bratspießen an der Seite, wie die Alkalden in den spanischen Stücken. In der Kirche hörte ich die Kinder einen Weihnachtspsalm singen. Ich höre Kinder gern, und besonders zu Weihnachten in der Kirche singen. Der Organist spielte schön. Ich dachte an meinen Vater, der auch Organist war, und daß meine Vorältern es ununterbrochen viele Glieder hindurch in Schleswig und Holstein gewesen waren. Ich dachte an den großen Bach, der hier wahrscheinlich gespielt hat, an die Orgelkraft und an die tiefe Musik, die von dem Geschlechte Bach's über die weite Welt ausging.
Theaterbesuch. Bekanntschaft mit Perthes.
Wir haben uns einen Wagen von dem Juden Lazarus gekauft, der für dessen Tüchtigkeit einstehen will. Gestern hörte ich Don Juan und bewunderte Madame Becher als Anna; aber ich hätte beinahe das Stück nicht zu sehen bekommen, da ich meine Brille vergessen hatte, wenn nicht ein gutmüthiger Mensch mir ein Perspectiv geliehen hätte. Madame Becher singt gut; aber ich hätte fast über Mozart's Musik alle ihre Triller und Rouladen überhört.
Gestern Abend spielten sie das Käthchen von Heilbronn von Kleist. Walthers und Käthchens Charactere sind vortrefflich durchgeführt und zeigen sich in schönen Situationen. Den Cherub, der Käthchen beschützt, hätte ich lieber fortgewünscht; der liebe Gott hätte ihr doch helfen können; ebenso hätte ich gern gesehen, wenn sie Bürgerin geblieben wäre, und wenn Graf Strahl seine Eitelkeit ihrer seltnen Persönlichkeit geopfert hätte, statt daß sie nun, wie in allen Mährchen, des Kaisers Tochter wird.