Meine
Lebens-Erinnerungen.
Ein Nachlaß
von
Adam Oehlenschläger.
Deutsche Originalausgabe.
Vierter Band.
Leipzig
Verlag von Carl B. Lorck.
1850.
Vorbemerkung.
Nur wenige Worte erlaube ich mir diesem vierten und letzten Bande der Erinnerungen vorauszuschicken.
Das eigene Manuscript des Verfassers endigt mit dem Anfang der Reise im Jahre 1844, Seite 151. Bei der Darstellung seiner spätern Lebensereignisse habe ich diejenigen seiner Briefe benutzt, die in meinem Besitze waren, und Auszüge aus denselben gemacht, je nachdem sie mir passend schienen. In diesen Briefen spiegelt sich seine Individualität so klar und lebendig in den verschiedensten Lebensverhältnissen ab, daß der Leser aus denselben ein weit besseres Bild von ihm erhalten wird, als eine noch so treue Erzählung, selbst wenn mir eine solche glücken könnte, zu geben vermöchte. Die Auszüge enthalten hauptsächlich, was das eigene Leben des Dichters, seine Urtheile und Ansichten über wichtige Zeitverhältnisse und Begebenheiten, Persönlichkeiten, Kunstwerke u. dgl. betrifft. Sollte man auch finden, daß einzelne kleine Züge hätten weggelassen werden können, so muß ich dazu bemerken, daß ich es für meine Pflicht hielt, mich nicht so sehr von Privatrücksichten leiten zu lassen, und daß ich dies und jenes beibehalten habe, was, wenngleich für die Gegenwart von wenigerem Interesse, einem kommenden Geschlechte von Nutzen sein und Aufklärungen geben kann, die man möglicherweise sonst vermissen würde.
Kopenhagen, im März 1851.
Johannes Oehlenschläger.
Literarische Fehde.
Ich hätte noch auf ein Jahr mit Bertouch leicht und angenehm nach Italien reisen können; aber das Heimweh, das mich vor neun Jahren in Rom ergriff, und mich verhinderte, Neapel zu sehen, ergriff mich nun wieder, und verhinderte mich Rom noch einmal zu sehen. Obgleich ich gewissermaßen durch einen freiwilligen Ostracismus aus meinem Vaterlande geflohen war, um den Haß meiner Feinde zu dämpfen, und ich gewiß klug gethan hätte, noch länger fortzubleiben, so konnte ich es doch nicht; ich sehnte mich nach meinem Hause, meinen Kindern; ich konnte nicht länger ohne sie sein. Ich schlug deßhalb Herrn Hjort (jetzt Professor in Sorde) vor, an meiner Statt zu reisen, und da er und Bertouch damit zufrieden waren, zog ich das häusliche Glück im Kreise meiner Lieben vor; aber es zog wieder von mehreren Seiten ein Ungewitter am Horizonte meines Glückes auf.
Baggesen hatte, während ich fort war, ein Singspiel, die Zauberharfe, geschrieben, welche Kuhlau componirte. Aus „Holger Danske“ und „Erik dem Guten“ hatte man bereits gesehen, wie wenig er sich zu dramatischer Dichtung eignete; nun da er „Ludlam's Höhle“ und „die Räuberburg“ als die elendesten Pfuscherarbeiten heruntergerissen hatte, verlangte man natürlich mehr von ihm, und es wurde doch noch weniger. Und hierzu kam noch das Gerücht, daß das Stück nicht Original von ihm sei, sondern daß er es nach einem ihm von einem Andern anvertrauten Manuscripte umgearbeitet habe. Baggesen bewies juridisch sein Recht an dem Stücke; und wenn man es ihm ästethisch absprechen wollte, so konnte dies meiner Ansicht nach nur geschehen, weil es zu mittelmäßig war. Da er nun mehrere Jahre hindurch fast ausschließlich meine dramatischen Werke als der Bühne unwürdig heruntergerissen hatte, so war es ganz natürlich, daß man mit seinem Benehmen unzufrieden war, und wenn es für das Auspfeifen überhaupt eine Entschuldigung giebt, so fand sie sich gewiß hier. Das Schlimmste war, daß Kuhlau's schöne Musik dabei ein gleiches Schicksal leiden mußte; und besser wäre es freilich gewesen, wenn man — was man auch Kuhlau's Genie schuldete — das Auspfeifen unterlassen hätte; um so mehr, als es über Den ausging, den man rächen wollte. Kurz nach meiner Rückkehr sollte Herr Violoncellist Funk ein Benefiz haben. Bei solchen Gelegenheiten wird ein beliebtes Stück gewählt, das Zulauf hat. Da dies nun mit Ludlam's Höhle der Fall war, so wählte er es. Aber das war ein gefundenes Fressen, für meine Feinde. Nun pfiffen sie auch hier; und so ging es mir wie Lars in Freia's Altar, dem Bilbo eine Ohrfeige giebt, weil Clotilde ihm einen Korb gegeben hat. Dergleichen geschieht oft im menschlichen Leben. Das Beste war, daß die Ohrfeige, die mir bestimmt war, weil Thalia Baggesen einen Korb gegeben hatte, mich nicht traf.
Todesfälle.
Aber bald sollte ich einen wirklichen Kummer erleiden. Meine geliebte Schwester Sophia, deren Munterkeit und Lebenskraft so lange gegen den Stoß angekämpft hatte, den sie in dem unglückseligen Scharlachfieber bekommen, mußte endlich unterliegen. Bis zur letzten Zeit war sie die Seele ihres Kreises. Nun kam ein hitziges Fieber und riß sie fort. Das letzte Mal, wo ich sie besuchte, saß sie aufrecht im Bette und sprach irre. „Gott segne Dich, meine gute Schwester,“ sagte ich beim Abschiede. „Ja,“ sagte sie, indem sie auf mich hinstarrte, „das wäre nicht so übel!“ — Ich glaubte doch noch nicht, daß sie sterben würde. O. H. Mynster, ihr Arzt, meinte auch, daß nicht alle Hoffnung verloren sei. Ich ging zwar betrübt, aber doch ruhig nach Hause; es ist nicht meine Art, die Hoffnung aufzugeben, ehe sie mich ganz entschieden verläßt. Ich wollte nach meiner Gewohnheit ein Wenig ins Theater gehen, um mich zu zerstreuen, als mich in demselben Augenblicke eine erschütternde Traurigkeit befiel. Ich ging in mein kleines Zimmer, warf mich auf die Knie und rief weinend: „Ach, meine geliebte Schwester! Nun stirbst Du gewiß in diesem Augenblicke! Habe Dank für alle Deine Liebe und schwesterliche Hingebung! Gott erfreue Dich in seinem Himmel!“ Eine Stunde darauf kam die Nachricht ihres Todes. Sie war gerade in jenem Augenblicke entschlummert.
Im October desselben Jahres verlor ich zwei meiner besten Freunde, Ole Hieronymus Mynster und Michael Rosing. Rosing war viele Jahre hindurch körperlich gelähmt gewesen. Ich besuchte ihn oft und las ihm die Tragödien vor, in denen er leider nicht mehr spielen konnte, die er aber, wie es seine bald funkelnden, bald thränenvollen Augen bezeugten, gut verstand. Wenn ich meine Visiten hübsch regelmäßig wiederholte, sagte er beim Eintreten: „Guten Tag, mein Sohn!“ wenn ich aber zu lange fort blieb, sagte er: „Guten Tag, Herr Professor!“ Bei seiner Beerdigung begegnete ich Rahbek auf der Treppe allein. Wir hatten seit der fatalen Freia's-Altars-Fehde nicht wieder mit einander gesprochen. Ich fiel ihm um den Hals, und nun waren wir die alten Freunde. Mynster wurde an demselben Tage, wie Rosing beerdigt und ich folgte ihnen Beiden zu ihrer letzten Ruhestätte.
Mein William hatte einen braunen Fleck auf dem Kinn, den ich gern beseitigt gesehen hätte. Ich hatte gehört, daß es hälfe, wenn man ihn mit dem Finger einer Leiche berührte, und wollte dieses Experiment versuchen. Ich fragte den kleinen vierjährigen Knaben, ob wir Mynster besuchen wollten. Das Kind wußte nicht, daß Mynster todt sei und konnte sich überhaupt noch keinen Begriff vom Tode machen. Mit Erlaubniß der Familie traten wir in die Leichenkammer. Es war dasselbe Haus, in dem der Verstorbene und ich so oft lustig mit einander gescherzt hatten. Nun lag er still und ernst da, als ich das Tuch zurückschlug: „Der gute Mynster schläft!“ sagte ich leise, „komm, William, willst Du ihn sehen?“ — Der Knabe näherte sich furchtsam, ich berührte sein Kinn mit dem kalten Finger der Leiche, und wir eilten fort. Erst auf der Straße fragte William: „Vater: warum war Professor Mynster so weiß im Gesicht?“ Ich gab ihm eine beruhigende Antwort. Die Kur half nicht; erst ein paar Jahr später verschwand der braune Fleck durch Hülfe des Professors Jakobsen, und hinterließ nur eine unbedeutende Narbe.
Der kleine Hirtenknabe.
Wenn die lieben Todten uns verlassen, knüpft uns das Band fester an die Lebenden. Das Jahr vorher hatte ich meine Tragödie die Blutbrüder, schön gebunden von Paris, ebenso wie mehrere Jahre vorher Hakon und andere nach Hause geschickt. Meine Frau hatte mir von der Freude geschrieben, die sie, Karl Heger, Boye und Hauch durch die plötzliche Ueberraschung gehabt haben, und ich beschloß selbst ein Mal, Zeuge einer solchen zu sein. Auf Friedrichsberg, wo Madame Voigt, die Wittwe des Schloßverwalters die Güte hatte, mir einige Jahre hindurch Zimmer für den Sommer zu überlassen, schrieb ich den kleinen Hirtenknaben, ließ ihn hübsch einbinden, und packte ihn mit einem Briefe ein, als ob er mit der Post von Paris käme. Eines Freitags nach Tisch, als die Leute beim Kaffee saßen, kam das Mädchen herein und brachte der Frau vom Hause das Paket. — Sie machte große Augen, wurde angenehm überrascht, und nun konnte ich, nachdem ich mich an der Verwunderung Aller geweidet hatte, mich selbst hinsetzen und ihnen das Stück vorlesen. — In demselben Jahre, am 3. September, schenkte mir Gott als Ersatz für so viele Verluste, meine jüngste Tochter Maria Louise.
Eine neue Bekanntschaft, die ich in der letzten Zeit gemacht hatte, und die zu einer wahren Freundschaft wurde, war die der liebenswürdigen Generalin Hegermann-Lindenkrone, vielleicht das poetischeste weibliche Gemüth, das Dänemark besessen hat; und in ihrem Familienkreise fand ich durchaus das Gepräge des freundlichen Geistes, der ihre Gedichte beseelt.
Im Jahre 1818 schrieb ich noch das Lustspiel Robinson in England. Ich hatte auch die Freude, unsern großen Landsmann Thorwaldsen wieder im Vaterlande zu sehen. Wir wetteiferten Alle, ihm zu huldigen, und bei dem Feste auf der Schießbahn, hielt ich eine Rede, und dichtete ein Lied, welches bei Tisch gesungen wurde, und sich in meinen Werken abgedruckt findet.
Die Götter des Nordens.
Die Götter des Nordens, eins meiner Hauptwerke, wurde im Jahre 1819 gedichtet. Ich wandte hier ebenso wie in Helge verschiedene Versarten zu diesen zwar zusammenhängenden, aber im Charakter und Wesen sehr abweichenden Fabeln an. Thor's Reise nach Jothunheim (bereits im Jahre 1805 gedichtet) diente dem Ganzen als Einleitung.
Am 28. November starb mein Waulundur, Christiane's Vater, mein alter Freund der Conferenzrath Hans Heger, mit dem ich mehrere Jahre hindurch in kindlichster Vertraulichkeit gelebt hatte. Er liebte mich wie ein Vater, und jedes Lorbeerblatt, das ich gewann, war, als ob er es selbst gewonnen. Der, welcher meine Gefühle für ihn näher kennen zu lernen wünscht, den verweise ich auf das Gedicht, welches ich bei seinem Tode, und auf ein anderes, welches ich kurz vorher zu seinem Jubelfeste schrieb. Beide befinden sich in meinen Werken.
Tordenskjold. Erik und Abel.
Meine folgenden Arbeiten (1820) war das Singspiel Tordenskjold und die Tragödie Erik und Abel. — Tordenskjold wurde angenommen und honorirt, aber nicht aufgeführt. Es hieß: „daß dieses Stück nicht aufgeführt werden könne, weil König Friedrich IV. darin auftrete.“ Die Erlaubniß, dänische Könige auf die Bühne zu bringen, ging nicht weiter, als bis zur Souverainetät. Christian IV. konnte folglich auftreten, aber Friedrich IV. nicht. Außerdem sang er im Stücke. Mir wäre Nichts leichter gewesen, als dieses Lied zu streichen; ja mit geringer Mühe hätte ich auch das Stück so umarbeiten können, daß der König nicht darin auftrat; aber dadurch hätte die Scene mit Tordenskjold an dramatischer Wirkung verloren; außerdem wußte ich, daß nicht deßhalb das Stück verworfen wurde, und als nun mein Freund Collin als Theaterdirector an betreffender Stelle darauf aufmerksam machte, daß das Stück angenommen sei, und daß es nicht anginge, mir meine Einnahme zu entziehen, so erhielt ich vierhundert Thaler, und war froh, da ich gern allen Chikanen ausweichen mochte, denen ich ausgesetzt war, wenn meine Stücke gespielt wurden, aber nicht das Geld entbehren konnte. Außerdem wußte ich, daß eigentlich nicht der angeführten Gründe wegen das Stück verworfen wurde; aber Rahbek vertraute mir, daß es folgendermaßen zusammenhänge: Ich hatte das Stück bei Schimmelmann's in einer großen Gesellschaft vorgelesen, wo Hofdamen und Hofherren zuhörten, und diesen gefielen die Scenen mit dem Matrosen nicht, der von Tordenskjold's Extraction von dem Kutscher der vornehmen Frau, u. s. w. spricht.
„Hättest du Ihnen wenigstens Namen als species gegeben,“ sagte Rahbek, „so hätten sie es vielleicht gehen lassen; aber nun wurde der vernünftige und der unvernünftige Hofmann als Genus genannt, und das konnte man nicht leiden.“ Das Stück wurde also nicht gegeben, und harrt noch eines guten Componisten, um vielleicht zu einer Zeit zu gefallen, wo dergleichen Einwendungen nicht mehr gemacht werden.
Tod Thaarup's.
Man las das Stück mit Vergnügen; ich hatte es Thaarup dedicirt, und hatte die Freude, diesen edlen Dichtergreis ganz zu gewinnen, der sich eine Zeitlang zur Partei meiner Gegner geschlagen hatte. In seinem letzten Lebensjahre besuchte er mich oft. Schon früher hatte sein gutes Herz und seine poetische Natur das Widerstreben oft besiegt, welches der Aeltere zuweilen empfindet, den Jüngern anzuerkennen. — Als ich das erste Mal ins Ausland reiste, sagte er zu Steffen Heger: „Wenn die Deutschen ihn nur nicht verderben!“ Heger las ihm als Antwort Etwas aus meinem Aladdin vor, und als Thaarup es gehört hatte, strich er sich auf seine gewöhnliche humoristische Weise das Kinn und sagte: „Laß ihn nur gehen! er wird sich schon hüten!“ — Ich hatte stets den Dichter des Erntefestes geliebt, und als er kurz darauf starb, schrieb ich aus vollem Herzen:
So lang noch Fischerdörfer stehn
Am dän'schen Strand beim Meerestang,
So lang noch Wellen rauschend gehn,
Stirbt, Ewald, nimmer dein Gesang.
Doch, Thaarup! auch dein Bildniß lebt,
Dein Lied klingt immer frisch und neu,
So lang noch wer die Sense hebt,
Und mäht das reiche, duft'ge Heu.
Und weht die Fahne stolz und frei,
Das weiße Kreuz auf rothem Grund,
So denkt, der Dän' des Lieds dabei
Das ihr zu Ehren sang dein Mund.
Ungefähr zu derselben Zeit gewann das Theater und besonders meine Stücke sehr viel durch das Erscheinen der beiden großen Talente Fräulein Brenöe und Herrn Nielsen auf dem Theater. Foersom war vor drei Jahren gestorben; in Ryge hatten wir den Mann, den charakteristischen Helden, den Greis für die Tragödie, aber es fehlte uns noch der Held als Liebhaber und die Liebhaberin. — Diesen Mangel füllten Herr Nielsen und Fräulein Brenöe aus. — Nielsen trat als Axel auf, zeigte was wir von ihm erwarten konnten und hatte unsere Erwartungen nicht getäuscht. Unter Fräulein Brenöe's ersten Rollen war Sophia in Erik und Abel, in der sie gleich die anmuthige und gefühlvolle Natur an den Tag legte, durch die wir später immer gerührt wurden. Ihr Genie für die Bühne zeigte sich bald in großem Umfange.
Erik und Abel.
Der kleine Hirtenknabe hatte Glück gemacht. Erik und Abel machte es auch (1821). Feindliche Brüder tragisch darzustellen, ist ein alter Stoff, an dem sich auch Neuere versucht haben. Wenn aber La Harpe von Racine's frères ennemis sagt: Sujet, qui ne pouvait guère réussir sur notre théâtre; ni l'un, ni l'autre des deux frères ne peut inspirer d'interet; tous deux sont à peu près également coupables, également odieux etc. — so paßt das nicht auf Erik und Abel. Der Erstere kommt seinem Bruder versöhnlich entgegen und rührt uns, da er in einem frommen Augenblicke ohne es zu ahnen von der Hand des Meuchelmörders fällt. An dem unglücklichen Abel rächt sich später, eben so rührend, das erwachende Gewissen. Der bloße Haß kann nie tragisch sein, ebensowenig, wie irgend ein anderes Laster; aber der Kampf des Hasses, des Lasters mit den edlern Eigenschaften in der Brust des Menschen, der Sieg oder die Niederlage desselben, dichterisch dargestellt, interessirt, begeistert und rührt.
Ich falle durch.
In dieser Zeit war ich zwei Mal in Lebensgefahr, und das merkwürdigerweise auf der Bühne in meinen eigenen Stücken. Eines Abends, als der kleine Hirtenknabe aufgeführt wurde, und ich gegen meine Gewohnheit auf die Bühne gegangen war, um mit Ryge zu sprechen, stürzte eine der größten Coulissen dicht an meinem Kopfe nieder. Wäre sie zwei Zoll näher gekommen, so hätte sie mich getödtet, und man hätte dann bei dem Aufgange des Vorhangs die Blutspur dem Publikum zeigen können; wo der Dichter des kleinen Hirtenknaben sein Leben beschlossen hat. — Das zweite Mal war es auf einem Privattheater. Ich war wieder in Borup's Gesellschaft eingetreten, und spielte zuweilen, wenn auch selten mit. Nun wollte man daselbst einmal Correggio aufführen, und wünschte, daß ich Michel Angelo's Rolle spielen solle. Ich that es; aber obgleich mein Spiel nicht mißfiel, so fiel ich doch in meinem eigenen Stücke durch. Ich ging nämlich beim Schluß des dritten Actes zur linken Seite hinaus, wo ich vorher nicht gewesen war. Einen einzigen Schritt weit von der Coulisse war eine Oeffnung nach dem Keller mit einer schmalen Treppe auf der entgegengesetzten Seite. Ich ahnte eine solche Fallgrube nicht, stürzte die Treppe hinab, und kam glücklicherweise davon, indem ich mir nur Haut und Fleisch am Schienbein verletzte. Es war doch ziemlich schlimm; denn ich konnte drei Wochen lang nicht gehen. Wenn ich einen Schritt mehr seitwärts getreten wäre, so wäre ich in den Keller gestürzt, und hätte wahrscheinlich den Hals gebrochen. — Als ich nach überstandener Gefahr und glücklich hergestellt, meinem Freunde J. P. Mynster dies Ereigniß und den ähnlichen Unfall erzählte, den ich vor zwölf Jahren in Italien zwischen dem vierten und fünften Acte Correggio's, den ich damals schrieb, in der Cascade in Tivoli gehabt hatte, sagte er: „Nun ja! das nächste Mal kommt es also zwischen dem zweiten und dritten Acte!“
In diesem Jahre verließ uns mein Freund Hauch, um ins Ausland zu reisen.
Holberg's Jubelfest.
Im Jahre 1822 sollte Holbergs Jubelfest begangen werden. Es war 100 Jahre, seitdem der große Dichter Dänemark durch seine erste Komödie, den politischen Kannegießer, erfreut hatte; und dieser Dichter Holberg war derselbe Professor Holberg, der Dänemark seine historischen Werke geschenkt hatte; und dieser Professor Holberg war derselbe Baron Holberg, der Dänemark seine Baronie Soröe verehrt hatte. Ursachen genug, sich seiner mit Dankbarkeit zu erinnern. Und doch war der Enthusiasmus nicht sonderlich groß. Die Damen können Holberg nicht leiden, weil er plump ist, weil keine Liebe in seinen Lustspielen vorkommt, und die Damen haben in Sachen des Geschmackes einen entschiedenen Einfluß auf die Männer. Was die Plumpheiten betrifft, so ist es leicht, die schlimmsten bei der Aufführung fortzulassen; und von der Liebe ist eigentlich auch nicht die Rede; aber Holberg's Stücken fehlt eine gewisse galante Plaisanterie; es wird nicht die Cour in ihnen gemacht, und das ist das Unglück! Wollten doch unsere Modedamen, die sich sonst soviel nach den Pariserinnen richten, von ihnen unsern Holberg so achten lernen, wie jene ihren Moliere schätzen; und wo die Dame, die Molière's muntern Witz und gesunde Satyre nicht zu schätzen weiß, für eine Gans gehalten wird.
Doch waren Leute genug von Geschmack und Verstand beiderlei Geschlechts in Kopenhagen, um das Fest zu feiern. Es wurde mir übertragen, ein dramatisches Vorspiel zu schreiben, und ich hatte die Freude, vier Abende kurz hinter einander die Anwesenden für unsern unsterblichen Dichter zu begeistern.
Robinson in England.
Da dieses Jubelfest so die Herzen im Tempel Apollo's verschmolzen hatte, schien es mir, daß es einmal Zeit sei, Robinson in England spielen zu lassen. Freilich hatte ich gehört, daß Mehrere unzufrieden mit der Theescene im Stück seien, weil sie darin Beziehungen auf sich zu finden glaubten. Ein Dichter kann nicht aus dem Nichts schaffen, und eine Satyre, die nicht die Mißbräuche der Zeit trifft, ist ohne Salz; aber ich war mir bewußt, daß sich keine Persönlichkeiten im Stücke fanden, und viele, die es gelesen, wünschten es aufgeführt zu sehen.
Rahbek, mit dem ich bei der Beerdigung unseres gemeinsamen Freundes O. H. Mynster wieder ganz versöhnt worden war, schrieb mir folgenden Brief darüber:
„ Ich danke Dir für Dein Lustspiel, das ich gleich zu lesen anfing, das ich nicht von mir legen konnte, bis ich es ausgelesen hatte, und ich beeile mich es Dir zu senden, damit es gedruckt, angenommen und aufgeführt werden könne, da wir so lange keine gute Originalcomödie gehabt haben.
Ich habe Dir, wie Du siehst, bereits gesagt, daß Deine Komödie gut ist, und trage kein Bedenken, hinzuzufügen, daß der ganze Theil, der zwischen Selkirk, William, Betty, Defoe und Sir Robert Edgarson, außerordentlich schön ist; nur möchte ich Du wolltest Peter, wie die Gärtner es nennen, strafen, d. h. etwas beschneiden. — Ich muß übrigens bei dieser Gelegenheit bemerken, daß, wie ich stets die drei ersten Acte Deines Correggio's für einen Nathan der Weise über Kunst gehalten habe, so finde ich, daß die Scene im Gelehrtenklub ein lucianischer Dialog über sogenannte Kritik, oder ein lehrreicher Commentar über Lessing's Worte sei, daß der, welcher eine Art von Kunstschönheiten schätzen könne, sei es als Dichter oder in andern Künsten, sich darum nicht einbilden darf, daß er alle zu beurtheilen verstehe; da es keine schlechtere aber auch keine gewöhnlichere Kritik giebt als die, welche incommensurable Größen mit derselben Elle mißt. Also — „Courage, mon ami! Voilà la bonne comédie, et peut-être quelque-chose de mieux!“
Ich ließ also das Stück aufführen, und es gewann großen Beifall.
Ein ausgezeichnetes Talent wurde erst bei dieser Gelegenheit erkannt und geschätzt. Unser witziger komischer Rosenkilde erwarb sich als Peter reichen Applaus.
Aber — es war ganz richtig — die Theescene konnte man nicht leiden, und obgleich sie ganz ohne Persönlichkeiten war, so wollte man doch Persönlichkeiten darin finden. Dies genügte einer gewissen Partei, mich zu kränken und Lärm im Stücke zu machen. Die unsinnigste Einrichtung, welche der Unverschämtheit und Ungerechtigkeit eine Hinterthür im Tempel der Musen öffnet, von der aus sie, ohne das geringste Risiko, ihres Sieges sicher, Geschmack und Genie verhöhnen können, fand früher im Theater und findet leider noch jetzt darin statt. Aus alten Zeiten her, wo man das Theater wie eine Bretterbude betrachtete, in welcher Menschen, die nicht auf qualificirte Achtung rechnen durften, sich dazu hergaben, die Leute wie andere Gaukler zu amüsiren, und wo die Stücke, welche man spielte, als eine Art Spaß betrachtet wurden, die nur hierzu daseien, und also von den Launen der hohen Herrscher (des Publikums) abhingen, nahm man an, daß das tyrannische Recht, das Urtheil über Leben und Tod eines Stückes zu fällen, mit den paar Groschen bezahlt sei, die man für ein Billet gegeben hatte. Dieses Recht wird noch jetzt geachtet. Jeder hat das Recht, sein Urtheil zu fällen. Das mag nun sein, und obgleich das Pfeifen im Theater eine alte Unsitte ist, die abgeschafft werden sollte, so könnte man sich doch wohl hierein finden, wenn es so eingerichtet wäre, daß das Publikum selbst das Urtheil fällen dürfte. Und aus Achtung für das Publikum ist ja diese Erlaubniß gegeben, sodaß die öffentliche Meinung den Ausschlag geben kann. Aber in der Art der Erlaubniß, die hier herrscht, liegt eine ebenso große Beleidigung gegen das Publikum, wie gegen den Dichter, der das Stück geschrieben hat. In Paris (von wo wir doch, was die Theatereinrichtung betrifft, unsere ganze Weisheit geholt haben) ist es ganz anders. Dort ist dieser Streit zwischen den Meinungen so gestattet, daß es ein wirklicher Streit wird, der sich mehr oder weniger auf ein ästethisches Urtheil stützt. Dort pfeift man in einem Stücke gleich an den Stellen, von denen man glaubt, daß sie es verdienen. Wenn diese Stellen nun von einer andern Partei in Schutz genommen werden, so kommt es darauf an, welche von beiden die siegende ist. Es trifft sich äußerst selten, daß die Meinungen gerade gleich getheilt sind. Die stärkere Partei siegt, die schwächere muß schweigen, und wenn das nicht geschieht, so heißt es: „A la porte!“ und die Spectakelmacher müssen hinaus, wenn sie nicht ruhig sein wollen. So vermag das Stück zu siegen, und das Publikum das Stück bis zu Ende zu sehen. Hier ist keins von beiden möglich; erst wenn der Vorhang fällt, ist es zu pfeifen erlaubt, früher zehn, jetzt fünf Minuten, bis das Gongon ertönt, dann kommt die Polizei und bringt die noch Pfeifenden fort. Aber in fünf Minuten können zwei, drei Menschen mit gellenden Pfeifen in größter Ruhe und unter dem Schutze der Polizei dem ganzen Publikum opponiren; und da das Schrillen der Pfeifen viel stärker ist als das Händeklatschen, so kann es dem Ohre so erscheinen als wenn der Kampf fast gleich wäre. Dies kann so oft wiederholt werden als Jemand Lust dazu hat, und das Pfeifen gilt nur den Dichtern, nie den Schauspielern; denn da erst gepfiffen werden darf, wenn der Vorhang gefallen ist, so kann der Tadel nie diese treffen.
So wurde auch einige Abende hintereinander von einigen Wenigen nach der Vorstellung von Robinson in England gepfiffen, während ein stürmischer Beifall des ganzen Hauses vergebens suchte, sie zu unterdrücken. Ich war selbst im Parket zugegen und blickte mit Gleichmuth auf die Pfeifenden, bis Collin mich einmal bat, fortzubleiben, um sie nicht zu irritiren. Das that ich denn auch, und so hörten sie endlich zu pfeifen auf, und das Stück wurde in aller Ruhe gespielt.
Ich hatte bisher fast alle meine dänischen Dramen und Erzählungen in das Deutsche übersetzt, auch einige lyrische; an das Epische wagte ich mich nicht. Nun bekam ich Lust, das neuere deutsche Publikum mit unserm großen Holberg bekannt zu machen. Herr Brockhaus in Leipzig übernahm den Verlag.
Die Inseln im Südmeer.
Und als ich wieder in die Uebung gekommen war, soviel Deutsch zu schreiben, bekam ich Lust, wieder einmal Etwas von vorn herein in dieser Sprache zu dichten, was, seit dem Correggio, nicht geschehen war. Ich bearbeitete mein altes Lieblingsbuch Albertus Julius ganz frei, und benutzte nur seine guten Hauptsituationen. Der Stoff gab mir Gelegenheit, eine Menge Charaktere zu schildern; poetische Begebenheiten zu erfinden und sie in natürliche Verbindung zu bringen. Man muß die Inseln im Südmeer nicht wie einen einzelnen Roman, sondern wie einen Cyklus von Erzählungen betrachten; nicht in einer losen Verbindung (wie in Tausend und einer Nacht oder wie in Boccaccio's Decameron), sondern im innern poetischen Zusammenhang und in einem Vereinigungspunkt von gemeinsamem Interesse. — Ueber dieses Werk erschienen in Deutschland drei für mich ehrenvolle Recensionen; einige andere rissen es herunter. In Dänemark wollten die Inseln im Südmeer lange Zeit nicht schmecken. Ich hatte die dänische Uebersetzung auf Subscription erscheinen lassen; glaubte man vielleicht, es koste zu viel und sei zu viel auf ein Mal zu lesen? ich weiß es nicht; genug, man war mit dem Buche unzufrieden, und ich glaube ganz besonders die, welche es nicht gelesen hatten.
Uebrigens will ich gern gestehen, daß die Inseln im Südmeer einen üblichen Fehler von Romandichtungen hatten, das Werk war zu weitläufig. Ein Drittheil hätte zum Vortheil des Werkes fortgelassen werden können. Dies ist bei den neuen Auflagen sowohl im Dänischen wie im Deutschen geschehen.
Brief an Walter Scott.
Obgleich ich nun in diesen größtentheils erotischen Erzählungen keineswegs Walter Scott nachzuahmen suchte, der fast gar nicht erotisch ist, so wird doch das folgende Fragment eines Briefes, den ich diesem großen Mann mit meinen Schriften ungefähr zu derselben Zeit sandte, da ich meinen Roman dichtete, den Leser überzeugen, wie sehr ich ihn bewunderte und liebte.
„Dem herrlichen Dichter, mit dem ich in vertrauter Bekanntschaft gelebt habe, danke ich einen mehrjährigen Genuß, ohne ihn jemals mit meinen irdischen Augen gesehen, ohne jemals seine Stimme gehört oder einen Druck seiner Hand empfangen zu haben. Ich kenne ihn nicht, aber ich kenne seinen rothhaarigen Campbell mit den langen Armen und der ausgedehnten Wirksamkeit; seine holde Diana Vernon, die in ihrer Kälte, wie der Mond leuchtet; seinen kräftig-schrecklichen Mac Merilles; seinen in seiner Unbedeutendheit höchst poetischen Simson mit den schiefen Beinen; seinen königlichen Bettler in dem zerfetzten Gewande. Ich sehe seine entsetzlichen Schwärmer in der dunkeln Hütte, wie sie auf die Uhr blicken und sie auf Zwölf stellen, damit sie ihre Opfer tödten können. Ich sehe Allen Mac Auley in seinen Plaid gehüllt mit stolzem, gerührtem Seherblick, einen wunderbaren Gegensatz, wie ein Funke in der Asche zu der fast erloschenen Flamme des Alterthums, zu dem sanguinischen, launischen Egoisten Dalgetty bilden. Ich sehe Maria Stuart, frei selbst als Gefangene, in ihrer Anmuth, und Elisabeth in ihrem eifersüchtigen Geistesgefängniß auf dem Throne. Ich finde dem Herzog von Argyle in dem schönsten Verhältniß zu der heroisch anmuthigen Jenny Deans. Die jüdische Madonna Rebecca erweicht mein Herz; und in der Schilderung ihres Vaters und des Narren Wamba, finde ich — wie in Allem — Shakespeare's Landsmann und Nachkommen. Der stolze Fergus rührt mich auf dem Wagen zur Richtstätte. Ich bin heimisch in Schottland, ohne dort gewesen zu sein; ich kenne die einsamen Wege über die Moräste des Landes hin nach den fernen Bergen; die Hütten mit ihren Rauchsäulen, die Felsen mit ihren Höhlen, den Bach mit seinen Elfen, das Kloster mit seinen Mönchen, die Burg mit ihren Rittern. Ja selbst in Glasgow habe ich einen vertrauten Freund in dem liebenswürdigen, thätigen Spießbürger Jarwin.“
„In allen diesen Gestalten treffe ich stets einen in den verschiedensten Gesichten sich offenbarenden Genius, den großen Dichter selbst; und diesem schreibe ich diese Zeilen, um ihm meine Gefühle an den Tag zu legen.“
Walter Scott.
Walter Scott gestand bekanntlich damals noch nicht, daß er der Verfasser der Romane sei; von seinen andern Poesien hatte ich in meinem Briefe nicht viel gesprochen. Er konnte mir also nur durch dritte Hand als Anonymus danken; das that er denn auch auf das Freundlichste und sagte mir viel Verbindliches, indem er mir auch seine Werke, sowohl die Gedichte, wie die Romane sandte.
Wir schrieben uns später einige Male. Sir Walter Scott wollte mir einen englischen Verleger für die Inseln im Südmeere verschaffen, die Herr Gillies nach dem deutschen Manuscripte, das ich ihm sandte, zu übersetzen versprochen hatte. Aber obgleich ich oft ehrenvoll im Edinburgh Magazine besprochen und stückweise übersetzt war, und obgleich Sir Walter Scott eine Vorrede zu meinem Romane schreiben wollte, gelang es ihm doch nicht, einen Verleger zu finden, der soviel bezahlen wollte, daß Herr Gillies und ich Vortheil davon haben konnten, wenn wir das Honorar theilten. Walter Scott, dem es leid that, nicht durchführen zu können, was er gehofft und wozu er mich selbst aufgemuntert hatte, schrieb an Feldborg, der damals in London war und meine Commission übernommen hatte: „Mr. Cadel says, no German Work has ever stood the expence of translating; and we know how very small that is. In short, I had the mortification to see, that he is not in humour with the undertaking. I wish, you would look into Constables shop, and talk with Cadel on the subject. He will tell you, that I offered to do any thing in my power, to make the British public acquainted with Mr. Oehlenschlaegers merit, and I will turn your evidence, that the matter does not miscarry for lack of zeal on my part.“
Uebrigens war für meinen Antheil nur die Rede von hundert Pfund. Kurze Zeit darauf hatte Sir Walter Scott selbst das Unglück, durch den Bankerott des Herrn Constable ein bedeutendes Vermögen zu verlieren, aber er verschmerzte seinen Verlust und hat uns später mit mehreren Werken erfreut, unter denen z. B. Quentin Durward und das schöne Mädchen von Perth sich mit jedem seiner besten Werke aus früherer Zelt sicherlich messen können.
Johann Ludwig Heiberg.
Indessen versahen andere Dichter die dänische Literatur und Bühne reichlich mit ihren Werken.
Ludwig Heiberg hatte bereits im Jahre 1814 sein Marionettentheater herausgegeben. Ein paar Jahr, bevor es gedruckt wurde, sah ich eins dieser Stücke, ich glaube Don Juan, bei seiner Mutter, Frau Gyllembourg, aufführen, und der poetische Geist und Ton darin, überraschte mich und gefiel mir ganz besonders. Das Stück wurde gut gespielt, woran ohne Zweifel der Dichter selbst Theil nahm. Es war auch wirklich etwas Kindliches darin, das mich rührte. Dies kam vielleicht zum Theil von der Erinnerung vergangener Jahre, wo der Dichter selbst Kind bei seiner Mutter gewesen war, deren Weihnachtsfeier, mit ihren Geschenken und Spielen sich diesem Marionettenspiele näherten, theils rührte mich das Kunstkindliche im Marionettenspiele selbst, die Erinnerungen an Kasperle im Thiergarten u. s. w. Vor mehreren Jahren hatte ich in Halle die Marionettentragödie Faust gesehen, in der sehr viel Gutes ist, besonders in den tragikomischen Scenen, und die Lessing in seiner Dramaturgie lobt. Und so mangelhaft es auch ist, könnte man doch wünschen, tragische Werke öfter so aufführen zu sehen; man müßte dann aber auch selbst soviel Phantasie mitbringen, daß sie die sonst unaufhörlich gestörte Illusion ersetzen kann.
Um ein großes tragisches Drama mit vielen Personen aufzuführen, wird ein großes Personal von so poetisch gebildeten Menschen erfordert, wie man sie selten findet. Im Marionettenspiele kann man sich die Diction von wenigen unsichtbar Spielenden meisterlich gesprochen denken, die mehrere Rollen ausführen. So wurde es ein Zwischending von Vorlesung und einem Bilde fürs Auge, mit dem man doch nicht zu scharf sehen, oder es bewaffnen durfte, wenn man nicht den Mangel der Pantomime entdecken wollte.
Als Heiberg diese Stücke: Don Juan und Töpfer Walter, drucken ließ, nannte er sie noch: Marionettentheater, weil er meinte, „daß der kindliche Geist der der eigentliche Charakter des Marionettentheaters ist, sich mehr oder weniger sichtbar durch dasselbe ziehe“. Aber hierin kann ich doch nicht mit ihm einig sein. Erstens liegt kein kindlicher Geist in irgend einem der Stücke des alten Marionettentheaters selbst; es war die Kunst in der Kindheit, die etwas Naives in ihren gestrandeten Versuchen und ihrer kecken Unwissenheit hatte. Diese Heiberg'schen Stücke sind, wenn man sie liest, durchaus nicht kindlich. Das erste: Don Juan, ist eine sehr gute freie Behandlung von Molière's Drama, besonders in den komischen Partieen. Aber ein Schauspiel, das Laster, Verbrechen, Ausschweifungen, Leichtfertigkeit und Spott, Scherz, Abscheu und Entsetzen darüber darstellt, kann doch nicht kindlich genannt werden. Der Töpfer Walter ist ohne Zweifel eine der poetischsten Dichtungen Heiberg's; besonders ist die Scene mit Walter und Ulf, wo der erste Gott und der Natur eine ewige Freundschaft schwört, sublim und tragisch erschütternd. Aber wenn man die Stellen ausnimmt, wo Doctor Pancreas Prügel bekommt, ist doch Nichts darin, das an das Marionettenspiel erinnert. Das Verhältniß zwischen Rosa und Walter ist anmuthig und rührend; aber merkwürdig ist es, wie der junge Dichter bereits hier fürchtet sentimental zu sein, sodaß er sich (mit der später so sehr gepriesenen Ironie) beeilt, den Eindruck auf den Leser zu vernichten, den seine Begeisterung geweckt hat, indem er Harlekin mit einer Plattitüde das Stück beschließen läßt.
Ein paar Jahr später erschien Heiberg's Weihnachtsscherz und Neujahrsspiele, eine Fortsetzung meines Sct. Hansspieles. Dieses Stück steht ohne Zweifel den frühern um Vieles nach. Es ist in seiner ganzen Composition eine Nachahmung von Tieck's „gestiefeltem Kater“, „Zerbino“ und der „verkehrten Welt“. Der ganze Spaß, die Illusion aufzuheben, und die Zuschauer selbst mit in die Handlung zu verwickeln, ist nach Tieck. Doch fehlt es mehreren Scenen nicht an Witz und Humor. Die kleine Nanine tritt schön und ergreifend auf; doch verschwindet dies, wenn sie in den Himmel kommt, und die Engel das irdische Weihnachtsspiel nur fortsetzen, das doch wohl eine Ahnung von etwas viel Höherm jenseits sein soll. Die Satyre über den Mangel an Fleisch und Blut in der Ingemann'schen Blanca ist treffend. In einem Dialoge, der sich nicht genügend in Kraft und Begeisterung erhebt, entwickelt sich ein dem Gil Blas entnommener Stoff der auf die Menge durch schöne lyrische Stellen wirkte, in dem aber der Haupteindruck doch peinlich wird, weil es ein Unglück ist, das durch Intrigue oder Mißverständnis ohne Entwickelung großer und interessanter Charaktere geschieht. Dem milden, ruhigen Ingemann, der die Literatur durch so viele schöne, besonders elegische Gedichte bereichert, und viele Leser dadurch erfreut hat, daß er in seinen dichterischen Erzählungen den Volkston zu treffen wußte, fehlt das Feuer, der Pathos, den die Tragödie nicht entbehren kann. Bei dem Norweger Boye, der kurz darauf mehrere Dramen für die Bühne dichtete, finden wir Feuer und Pathos; dagegen wieder zu wenig Milde und schaffende Phantasie.
Zeuthen und Rahbek.
Schrödersee.
In diese Jahre fiel meine Bekanntschaft mit der Zeuthen'schen Familie, welche später als unsere Kinder aufwuchsen, durch das ganze Leben fortgesetzt und zur Freundschaft wurde. Den alten Etatsrath Zeuthen hatte ich bereits in meiner Kindheit gekannt, als er, ein eifriger Freund der Schule für die Nachwelt sich derselben eifrig annahm und ich oft beim Examen den muntern, imposanten Mann mit dem klugen Gesichte und den feurigen braunen Augen als Director sah. Später in meiner Jugend, als ich Rahbek's Freund wurde, hörte ich diesen und Andere oft Gutes von Zeuthen reden; obwohl sie nicht miteinander umgingen. Zeuthen und Rahbek waren beide Jütländer, aus den Dörfern, nach denen sie genannt wurden. Sie waren beide mit dem reichen Knud Lyne verwandt, nach dem Rahbek seine Vornamen empfing, und von dem er viel erbte; Zeuthen zwar am meisten, aber Rahbek, soviel ich weiß, doch 12,000 Reichsbankthaler, für damalige Zeit eine nicht unbedeutende Summe. Zeuthen, der Jurist, später Assessor am Hof- und Stadtgericht und Geldmann war, schlug Rahbek vor, sein Vermögen so zu verwalten, daß er gute Zinsen erhalten und mit der Zeit durch Ankauf von Grundstücken gleich Zeuthen reich werden sollte. Aber das wollte Rahbek durchaus nicht, er trug das Geld in der Tasche; nach Rousseau'schen Ideen meinte er, Geld müsse ein gemeinsames Eigenthum für Alle sein; mit diesen communistischen Grundsätzen lieh er, oder richtiger gesagt, gab er seinen Freunden, was sie brauchten; er selbst machte eine Reise ins Ausland auf eigene Kosten, ohne Buch zu führen, oder auch nur etwas aufzuschreiben, und so währte es nicht lange, bis der gute Rahbek nicht einen Schilling mehr besaß, und oft in Verlegenheit gerieth, wenn die guten Freunde, an die er sich nun in der Noth wenden mußte, seine communistischen Grundsätze nicht theilten. Es währte dagegen nicht lange, als sich Zeuthen ein schönes Gut kaufen konnte. Dergleichen mochte Rahbek aber nicht, das war ihm zu vornehm. Daß zwei Menschen von so durchaus verschiedenem Character nicht Neigung empfanden zusammen zu leben, ist begreiflich, doch achteten sie gegenseitig ihre guten Eigenschaften und Zeuthen hatte auch Sinn für die schönen Wissenschaften; obgleich man eigentlich nicht sagen konnte, daß er ein Schöngeist war. In der ersten Zeit unserer Bekanntschaft hatte er ein prächtiges Fest veranstaltet, was er häufig that. Hier fand ich einen Mann bei Tisch, den ich oft in meiner Kindheit, in steifer Uniform als Gardecapitain im Friedrichsberger Schloßhofe herumstiefeln gesehen, und von dem ich damals nicht ahnte, daß ich jemals sein Tischnachbar werden würde; er war der Kammerherr Schrödersee. Obgleich ich glaube, daß er von einem gelehrten Großvater abstammte, hatte Schrödersee in seiner Jugend doch dem Studentenwesen einen tödtlichen Haß geschworen; er war ein sehr eleganter, steifer, gepuderter Officier; an der Fehde, die zu Ewald's Zeit zwischen jungen Officieren und Studenten, veranlaßt durch Bredal's dramatisches Journal, stattfand, soll Schrödersee kräftig Theil genommen haben, und man glaubt, daß Ewald eine Tirade in seinen brutalen Claqueurs auf ihn bezogen habe. Es war recht merkwürdig mit diesen Lieutenants- und Studentenfehden, die sich damals oft wiederholten; aber sie trugen doch alle nach und nach dazu bei, die häßliche feindliche Trennung zwischen Kriegern und Gelehrten aufzuheben, bis endlich die Jünglinge der militairischen Hochschule und der Universität einander wie Brüder herzlich umarmten. Hierfür können wir bereits Holberg danken, der in seinem Jakob v. Tyboe das us und das von verspottete. In Deutschland hielt sich diese Trennung bis in die neuesten Zeiten aufrecht, aber aus einem ganz andern Grunde, hier standen Adel und Bürgerschaft sich gegenüber; und hier ging es nicht wie im Norden, wo dieses Vorurtheil sich niemals eingewurzelt hatte, wo das deutsche „Von“, das uns von Holstein hergekommen war, sich nicht in die Marine eingenistet hat, und wo der Adel seinen Todesstoß im Jahre 1660 erhielt. Aber um auf Schrödersee zurückzukommen, so beschuldigte man ihn, in seiner Jugend zu jenen Bramarbasirern gehört zu haben. Wenn er im Parquet mit seinem gepuderten Kopfe und seiner großen Nase dastand, so blickte er oft auf eine Weise ins Parterre, welche die demokratischen Köpfe daselbst verdroß. Aber Schrödersee war in der Periode, wo ich ihn kannte, älter, zahmer und billigdenkender geworden. Wenn er auch keine Kenntnisse hatte, so war er doch ein witziger Kopf. Als der Danebrog-Orden auf mehrere Grade erweitert und er Ritter wurde, und man ihm gratulirte, antwortete er: „Er ist noch sehr jung!“ womit er meinte, daß er, als ein alter Cavalier, auf einen höhern Grad gehofft hatte. Als Graf Yoldy, früherer spanischer Minister, Oberkammerjunker wurde, auf welchen Posten Schrödersee gehofft hatte, scherzte der König einmal mit ihm und sagte: „Schrödersee! Ihr scheint mir in der letzten Zeit so steif geworden zu sein“. „„Ew. Maj.““, antwortete Schrödersee, „„das kommt daher, weil ich eine spanische Fliege im Nacken habe““. — Hier bei Zeuthens richtete er eine Replik an mich, die sehr gutmüthig und entschieden den Gegensatz von stolzer Eitelkeit war. Denn als der Wirth, wie ich zum ersten Male bei ihm speiste, nach alter Sitte einen Toast proponirte, „Denen zu Ehren, die die Kunst und Kultur im Lande befördert hatten“, rief Schrödersee laut über den Tisch mir zu: „Der Toast gilt uns Beiden“!
Einige Jahre darauf begegnete ich ihm wieder auf der Marmorbrücke beim Christiansburger Schloß. „Wie befindet sich der Herr Kammerherr“? fragte ich. „„Ach was, schlecht geht's mir““, antwortete er; „„ich bin ein altes Pferd; den man eine Kugel durch den Kopf jagen muß““! Damit zeigte er auf das Ohr, wo die Kugel hineingehen sollte, und verließ mich. Wenige Tage darauf begegnete ich auf derselben Stelle dem Oberhofmeister der Königin, Brockenhuus. Wir waren sehr gute Freunde vom Theater her, wo er mir einmal gesagt hatte, als er von seinen Vorfahren sprach: „Wir kamen mit Erik von Pommern hieher“. Bei dieser Begegnung auf der Marmorbrücke wandte er sich nun wehmüthig nach dem Schloß zu und sagte: „Sie können glauben, da habe ich viel Plaisir gehabt“! „„Nun““, antwortete ich, „„Ew. Excellenz können noch viel Plaisir auf der Welt haben““. „Ach“, seufzte er, „ich werde nie wieder soviel Plaisir haben“. Er ging; ich stand einen Augenblick im Nachdenken versunken, und gedachte der Zeit, wo ich als kleiner Knabe 1796 auf dieser Brücke stand, in der finstern Nacht das Schloß mit den gelben, rothen und blauen Flammen und mit der dunkeln Rauchwolke brennen und den Thurm wanken und mit starkem Geräusche mit drei Donnerschlägen durch alle drei Stockwerke hindurchstürzen sah. Sic transit gloria mundi!
Die Familie Zeuthen.
Der Leser verzeihe mir diese und ähnliche Ideenassociationen, welche einige Gleichheit mit der lange gestatteten lyrischen Unordnung in der Ode haben, und welche zu erwähnen zuläßt, was sonst nicht berührt werden könnte, und das doch nicht ohne Interesse ist und dazu beiträgt, ein Zeitgemälde zu vervollständigen.
Mehr als mit dem alten Zeuthen lebte ich mit seinem Sohne Wilhelm, Assessor im Hof- und Stadtgericht, später im höchsten Gericht, und mit dessen Frau und Schwester, die beide geistvolle und begabte Naturen waren. Wilhelm Zeuthen wurde mein Freund; wir brachten mehrere Jahre in traulichem Zusammenleben zu, und besuchten einander oft. Als seine und meine Kinder aufwuchsen, dehnte sich die Freundschaft auch auf sie aus, und wir brachten jeden Sommer mehrere Wochen bei ihm zu. Sein jüngerer Bruder lebte im Auslande, und ich lernte ihn nie kennen. Wilhelm Zeuthen war seinen Grundsätzen nach liberal; er liebte die Poesie und zeigte mir große Zuneigung. Dieser schöne, starke, feurige, junge Mann hatte dasselbe Unglück wie Bentzon: er hinkte etwas in Folge eines unglücklichen Zufalls in der Kindheit. Dadurch fehlte ihm die nothwendige Bewegung und das wurde ein Nagel zu seinem Sarge. Da er nicht genug gehen konnte, so versuchte er zum Ersatz auf einem kleinen Wagen ohne Federn zu fahren, der unmenschlich stieß. Einmal lud er mich schelmisch ein, solch eine Spazierfahrt mitzumachen, ich kannte den Wagen nicht, setzte mich hinauf, und wurde ganz entsetzlich durchgeschüttelt, ohne sein Mitleiden zu erwecken, da er meinte, daß mir, der etwas bequem sei, so etwas ganz gut bekommen würde. Er hatte eine ganz herrliche Tenorstimme und erfreute mich oft durch seinen Gesang. So lebten wir mehrere Sommer zusammen. Da starb er an einer plötzlichen Krankheit in Kopenhagen. Er sollte auf dem Kirchhofe seines Guts begraben werden, und seine Freunde zogen einen Tag vorher hinaus um ihn zu Grabe zu geleiten. Welch' trauriges Gefühl, als wir hier als Gäste zum letzten Male in seinem Hause schliefen. Wir saßen in der Dämmerung noch beim Mittagstische — da hörten wir einen Wagen auf dem Hofe rollen. Es war der geschlossene Wagen mit der Leiche. Unser lieber Wirth, unser lebensfroher, gastfreier Zeuthen saß nicht mehr unter uns — rothwangig mit den funkelnden, schönen, braunen Augen. Nun brachten sie seinen entseelten Körper. Wir erhoben uns Alle schweigend, drückten einander die Hände, und ich dachte: „Das ist das Loos des Schönen auf der Erde“.
Ich studire wieder Latein.
Im Jahre 1820 lag es mir als Professor ob, das Universitätsprogramm zu schreiben, und die lateinische Rede am Reformationsfeste zu halten. Ich hatte eine Zeit lang vorher wieder die Römersprache vorgenommen, die ich seit meiner juristischen Studienzeit versäumt hatte. Nun las ich fleißig, besonders Cicero's Schriften, doch auch die Dichter, von denen mich besonders Ovid interessirte, und ich gab Holberg fast Recht, daß er der beste der römischen Poeten sei. Er hat nicht Virgil's Reinheit und Klarheit, aber er ist origineller. Unter den Alten näherte er sich am meisten den modernen Dichtern, weil er der Einzige ist, der das Herz rührt. Das hat ihm eine gewisse Schule zur Last gelegt, und ihm weiche Sentimentalität vorgeworfen. Daß diese ihn oft, besonders in seinen Tristien hingerissen hatte, will ich gern zugestehen. Aber es waren auch nicht solche Klagen, die mich rührten. Seinen schönen, epischen Dichtungen Daphne, Philemon und Baucis, und besonders Pyramus und Thisbe, diese antike Romeo und Julie waren es, die im Vortrage und in der Schilderung der Göthe'schen Poesie gleichen. Da ich Dichtung und Studium nicht gut von einander trennen konnte, so übersetzte ich diese Sachen, ebenso wie ich vor einigen Jahren Horaz, Properz und Catull übersetzt hatte.
Aber nun sollte ich selbst Lateinisch schreiben! Es gab freilich einen bequemen Ausweg, dem es nicht an Beispielen fehlte, es von einem Andern machen zu lassen. Aber da ich es niemals leiden konnte, eine Fertigkeit vorzugeben, die ich nicht besaß, so beschloß ich lieber in Gottes Namen in meinen alten Tagen (ich war damals 40 Jahre alt) wieder in die Schule zu gehen, einen Lehrer im Lateinischen zu nehmen, und bei ihm täglich zu arbeiten. Das that ich denn auch und Herr Repp half mir ein Jahr lang treulich. Aber hier zeigte sich nun eine Eigenthümlichkeit, welche mich verhinderte, die Sache zur Reife zu bringen. Es ist mir stets unerträglich gewesen, viel Grammatik zu lernen; ohne diese hatte ich meine Muttersprache, und merkwürdigerweise auch die deutsche gelernt, in der ich nach dem Urtheil von Sachverständigen mit den Besten wetteifern konnte, obgleich ich — aus jenem Grunde — niemals kleine Fehler vermeiden konnte, die von Andern leicht geändert wurden. Mit dem Allernothwendigsten, den Declinationen, den Conjugationen und den wichtigsten Regeln versehen, begab ich mich auf das Glatteis des Styls, wobei oft der komische, aber sehr natürliche Fall eintrat, daß ein Satz, von dem mein Lehrer erklärte, daß er Ciceronianisch sei, mit einem argen Sprachfehler abwechselte, den ich doch gleich selbst ändern konnte, wenn ich darauf aufmerksam gemacht wurde. So saß ich also ein paar Jahre und übte mich, erst mit Herrn Repp, später mit meinem Freunde, dem Oberlehrer Olsen. Mit Repp fing ich auch an, Lateinisch zu sprechen, wenn wir nach Friedrichsberg zusammen spazieren gingen. Ich entsinne mich noch, daß ich ein Mal mit ihm in der Allee vor dem Kirchhofe bei einem schwierigen Satze stehen blieb, und es hätte mich gar nicht gewundert, wenn die Todten sich über meine Phrase im Grabe umgewendet hätten.
Indessen bekam ich im Laufe eines Jahres noch einige Fertigkeit, und flickte mein Programm und meine Rede zusammen, die von den Betreffenden durchgesehen und gereinigt, nicht ganz zu verwerfen war, und sogar vom Bischof Fogtmann der copia verborum wegen gelobt ward, die sich darin befand, was daher kam, weil ich unverdrossen mein Lexicon benutzt hatte. Außerdem gehen Geschmack und Wahl der Worte aus einer Sprachform in die andere über, und hierin kam mir meine Fertigkeit im Dänischen und Deutschen zu Hülfe. Oft, wenn mir ein Wort fehlte, das meine Lehrer mir gesagt hatten, schüttelte ich so lange mit dem Kopfe, bis das rechte kam, in dem die feine Nüancirung ausgedrückt war, die ich bezeichnen wollte. Ich kannte das Wort wohl, aber ich hatte es nicht gleich im Gedächtniß zur Hand.
Da ich nun einmal dabei bin, meiner lateinischen Arbeiten zu erwähnen, und wohl kaum wieder darauf zurückkomme, will ich bemerken, daß ich mehrere Jahre später, 1828 und 1829 zwei lateinische Reden als Dekan und Prodekan; 1832 wieder zwei als Rector, 1834 eine als Dekan, und endlich 1847 eine ganz kleine in derselben Eigenschaft hielt; von diesen ließ ich mir doch zwei von einem guten Freunde übersetzen, da mir schien, daß ich mich lange genug mit einer Uebung herumgequält hatte, bei der doch Nichts weiter herauskam.
Professorengesellschaften.
Da ich hier einmal bei der Universität bin, will ich, ohne mich ängstlich an die Chronologie zu halten, der Professorengesellschaften erwähnen, die eine Zeitlang fortgesetzt wurden. Diese Professorengesellschaften waren für mich die langweiligsten Gesellschaften, denen ich in meinem ganzen Leben beigewohnt habe. Nicht als ob es an vortrefflichen, geselligen Leuten gefehlt hätte; aber Ton und Einrichtung waren im Ganzen nicht nach meinem Geschmack. Eigentlich waren lange Abendgesellschaften, in denen weder musicirt noch Karten gespielt wurde, nie nach meinem Sinn, selbst wenn Damen daran Theil nahmen. Hier waren nun keine Damen, mit Ausnahme der Wirthin; es wurde Taback geraucht und Punsch getrunken. An keinem von Beiden konnte ich Theil nehmen, da ich in diesem Jahre starke Anfälle von Podagra bekam, welche Krankheit mich zwar nicht verlassen hat, aber doch in der spätern Periode meines Lebens viel milder geworden ist. Hierzu kam, daß ich verstimmt und zurückhaltend in einer Zeit war, wo ich so viele Gegner hatte; meine Collegen waren auch zum Theil aus Bescheidenheit und Delikatesse zurückhaltend gegen mich. Aber selbst an und für sich hatte hier, wie es wohl gewöhnlich der Fall ist, eine Versammlung von Gelehrten kein besonderes gesellschaftliches Talent. Sie gingen meistens mit ihren Pfeifen umher und unterhielten sich in einzelnem Gespräch. Sobald der Anstand es gestattete, zog ich mich zurück und ich glaube, daß Mehrere meinen Geschmack getheilt haben, weil die Gesellschaft in ein paar Jahren ganz aufhörte. Junge Studenten, bei denen jeder Gegenstand neu ist, und Veranlassung zum Gespräch giebt, können sich auf diese Weise wohl unterhalten; aber wenn der Aeltere sich auf solche Art unterhalten soll, so kann er auch mit Göthe sagen:
So gieb mir auch die Zeiten wieder,
Da ich noch selbst im Werden war.
Mit meinen Freunden, den Professoren Peter Erasmus Müller, Jens Möller und dem Arzt, Etatsrath Herholdt, setzte ich den Umgang fort, und wir spielten oft L'hombre zusammen. An P. E. Müller knüpfte mich besonders unsere gemeinsame Liebe zu dem Altnordischen. Mein Jugendfreund J. P. Münster, damals Prediger an der Frauenkirche, war auch in der Professorengesellschaft gewesen; er heirathete eine Tochter des Bischofs Münter, wir besuchten einander und sahen uns oft bei Rahbeks und Münters.
Siboni.
Ungefähr zu der Zelt kam ein Mann nach Kopenhagen, der Epoche in der musikalischen Welt machte, der Gesanglehrer Siboni. König Christian VIII. hatte, als Prinz, ihn in Italien kennen gelernt, wo Siboni sich als Tenorist auszeichnete; später wurde er Singmeister, und fast ebenso berühmt, wie jetzt Garcia geworden. Was Wunder daß man ihn unter sehr günstigen Bedingungen nach Kopenhagen rief. Der große, sehr schöne, kräftige Italiener kam, und machte gleich in der vornehmen Welt und besonders bei den Damen großes Glück. In den ersten Jahren spielte er zuweilen auch eine musikalische Heldenrolle auf der Bühne; aber obgleich er wie ein Held aussah, und sich einen Theil von Talma's Manieren angeeignet hatte, so ward ihm doch bisweilen die Stimme untreu, und wenn er gleich den Mangel an Kraft im Tone durch Triller und Rouladen zu verbergen suchte, so half das doch nicht viel, und er hörte bald selbst auf, als Sänger zu wirken. Dagegen wurde er nun ein vortrefflicher Gesanglehrer, dessen unser Theaterpersonal dringend bedurfte, auch bildete er einige gute Schüler, obgleich sein Umgang mit den Großen, die ihn Alle zum Privatlehrer für ihre Töchter haben wollten, ihm viele Zeit raubte.
Musikalische Zustände.
Einige Jahre vorher war Rossini aufgetreten und setzte die Welt durch sein Genie in Erstaunen. In seinen Opern hatte Siboni geglänzt, er konnte sie auswendig, betete ihren Componisten an; was Wunder, daß er versuchte, sie auf die dänische Bühne zu verpflanzen? Aber hier traf er auf Widerstand. Weyse und später Kuhlau hatten auf die dänische musikalische Welt eingewirkt, wo vorher Naumann, Schulz und Kuntzen geblüht hatten. Fremde, welche diese nicht kannten, beschuldigten die Dänen, unmusikalisch zu sein. Viel vortreffliche Stimmen haben wir nicht gehabt; die rauhe Luft in der Nähe des Meeres, der häufige Wind und Regen wirken nicht wohlthätig auf die Stimme ein; daß diese Elemente aber auch auf das Ohr und die Seele in Bezug auf Empfängniß musikalischer Eindrücke ungünstig einwirke, wäre wohl thöricht zu behaupten. Das tiefe Gefühl für das Poetische in der Musik hat der gebildete Däne wohl eben so gut, wie für die Poesie selbst; und dramatische Musik, welche Leidenschaften, milde Gefühle und Charaktere ausdrücken soll, muß immer poetisch sein.
Rossini, der schon als kleiner Knabe mit seiner Mutter auf dem Theater sang, entwickelte früh sein Talent, aber erst später seinen Geschmack und sein Gefühl. Nach vielen mittelmäßigen Versuchen componirte er die Oper Tancred, die außerordentliches Glück machte. Es zeigte sich außer der fruchtbaren Phantasie in der Erfindung von Melodieen, in Rossini's Compositionen eine Richtung, welche neu war, und also Aufsehen machen, eine Modesache werden und zur Nachahmung reizen mußte. Sowie Haydn und Mozart den eigentlichen Gebrauch der Blasinstrumente in die Musik einführten, so versuchte Rossini die menschliche Stimme selbst zu einem Blasinstrumente zu machen. Kein Instrument erreicht die Menschenstimme an Wohlklang; Rossini fand, daß besonders die Frauenstimme ebensogut wie Oboe, Violine und Clarinette, die schwierigsten Passagen in der Musik ausführen konnte. Nun componirte er Gesangsnummern, in denen Dieses stattfand, wo der eigentliche Gesang ganz von Trillern, Rouladen u. s. w. betäubt und verziert wurde, sodaß derselbe eine untergeordnete Rolle spielte. In seinem Vaterlande fand er schöne Stimmen, die durch Uebung vermochten, diese Compositionen mit größter Reinheit, Gewandtheit und Stärke auszuführen. Was Wunder, daß diese neue Erfindung, dieser bisher nicht dagewesene Genuß, eine außerordentliche Wirkung auf die Menge ausübte, die überhaupt stets mehr von dem Sinnlichen als dem Geistigen hingerissen wird. Ja selbst die tiefer und wahrer Fühlenden erstaunten über diese neue Erfindung, und die seltene Virtuosität in der Ausführung sagte ihnen im Anfange zu. Aber bald sahen alle wahren Kenner ein, daß dieser Luxus, wenn er fortgesetzt und übertrieben würde, zum Untergange des reinen Geschmackes und der wahren Musik beitragen müsse, weil dieser sich zu sehr von der Natur entfernte. Die italienische Musik hat oft an solchen Ausschweifungen und Uebertreibungen gelitten. Schon in der Mitte des 16. Jahrhunderts wollte Papst Marcellus II. die entartete Musik, als des Gottesdienstes unwürdig, aus der Kirche vertreiben, als Palästrina sie rettete.
Der abscheuliche Mißbrauch, Castraten Liebhaber spielen zu lassen, veränderte sich nun in Rossini's Zeit so weit, daß jetzt Frauenzimmer mit starken Altstimmen Liebhaber spielten, denn wirkliche Männer darin auftreten zu lassen — zu einer solchen Trivialität konnte die italienische Kunst sich nicht herablassen — deshalb hatte stets ein Frauenzimmer den Helden Tancred gespielt und gesungen, und das geschah auch hier. Diese musikalische „Haupt- und Staatsaction“ hat mir, trotz aller seiner schönen Melodieen und seines brillanten Accompagnements nie gefallen.
Da nun Siboni durchaus kein Interesse für die deutsche, französische und dänische Musik hatte, da bei festlichen Gelegenheiten nur Rossini'sche Opern aufgeführt wurden: so weckte dies das Mißvergnügen des Nationalgefühls, und gab Veranlassung dazu, daß sich eine Partei im Theater bildete, die, um sich zu rächen, stets die italienischen Opern auspfiff, welche den Tag nach dem Feste aufgeführt wurden, was gewiß sehr ungerecht war. Aber sie entschuldigte sich damit, daß sie nicht die Musik, sondern die Wahl der Opern auspfiff. Der Hof stand ganz auf Siboni's Seite; ich hatte gehört, daß der König böse auf mich sei, weil er glaubte, daß ich Theil daran hätte; ich eilte zu ihm hinauf, um ihn von meiner Unschuld zu überzeugen. „Ja,“ sagte er, „ich glaube wohl, daß Sie nicht unmittelbar daran Theil genommen haben, aber doch mittelbar.“ „„Weder mittelbar noch unmittelbar, Ew. Majestät!““ antwortete ich; „„ich hasse Spectakel im Tempel der Kunst zu sehr, und habe selbst zu viel durch Kabalen gelitten, als daß ich sie gegen Andere ausüben sollte.““ „Ja, ja!“ antwortete er und legte die Hand auf meine Schulter: „ich weiß, Sie sind ein braver Mann.“ Damit ging ich.
Ich nannte es unbillig, daß man die Rossini'schen Opern auspfiff, und das war es gewiß, wenn auch Dinge darin vorkamen, die gegen den guten Geschmack und den natürlichen Sinn verstießen, und als es erst Mode war, wurde, wie in der französischen Revolutionszeit, alle Musik, die den aristokratischen (hier italienischen) Schnitt hatte, zur Guillotine geschleppt. Es that mir unter Anderm sehr leid, daß wir nicht La gazza ladra zu hören bekamen, in welcher Oper auch das Sujet schön ist: eine stehlende Elster, die ein unschuldiges Mädchen auf das Schaffot bringt, aber sie im Augenblicke des Todes wieder rettet.
Bei Geheimrath Malling's hörte ich oft schöne Melodieen vortragen. Die älteste Tochter (später Frau Professorin Hohlenberg), hatte eine herrliche Stimme. In dieses Haus kamen auch Weyse und Siboni. Man kann sich nicht zwei verschiedenere Menschen denken. Jener bleich, kränklich, ein Sonderling, größtentheils fremde Musik verschmähend, und aus der Wieland'schen Schule hervorgegangen, auch die meiste neuere Poesie verdammend; aber Weyse war ein musikalisches Genie, phantasirte unvergleichlich schön, war in Sprachen und selbst in Metaphysik bewandert, witzig, schelmisch und unterhaltend, wenn er bei guter Laune war. Er ging am liebsten mit ganz jungen Leuten um, hatte eine große Anzahl von Freunden unter diesen, und spielte ihnen gern etwas vor. Er war ein ausgezeichneter Virtuos auf dem Fortepiano gewesen; später gab er sich nicht mehr damit ab; erst als Moscheles uns einmal besuchte, bekam er Lust, sich wieder zu üben, und Moscheles erstaunte über seine Fertigkeit, in der er selbst ihm nur wenig nachgab. Weyse war ein armer Kaufmannslehrling in Altona; hier entdeckte der Professor Cramer in Kiel sein musikalisches Genie und sandte ihn zum Kapellmeister Schulz nach Kopenhagen. Weyse hatte sich selbst mit einer gewissen Fertigkeit Klavierspielen gelehrt, Schulz mußte ihm erst den falschen Fingersatz abgewöhnen und ihm den richtigen lehren. Uebrigens that er in den ersten Jahren nicht viel, und Schulz soll einmal, unzufrieden darüber, gesagt haben: „Wenn ich sein Genie hätte, was würde aus mir geworden sein!“ Er meinte nämlich, verbunden mit der Charakterstärke und dem tiefen Gefühl, was er selbst hatte. Der Grundton in Weyse's Wesen war eine muntere Schelmerei, ein origineller Humor, daher ist gewiß auch der „Schlaftrunk“ als seine beste dramatische Composition zu betrachten; aber er besaß auch eine reiche träumerische Phantasie und ein fein elegisch schwärmerisches Gefühl. Das Spukwesen in Ludlam's-Höhle ist vortrefflich ausgedrückt, und in vielen Nummern zeigt sich auch tiefes Gefühl und schöne Humanität. Selbst von Denen, welche Weyse als Theatercomponisten nicht lieben, wurde doch seine Kirchenmusik sehr geschätzt. In dieser zeigen sich gewiß die erwähnten Eigenschaften oft mit den herrlichsten Harmonieen verbunden, welche darlegten, daß Weyse's Compositionen ihre Nahrung ebenso sehr in der gründlichen Bach'schen Schule, wie in der alten italienischen Kirchenmusik gefunden hatten, und daß er ein würdiger Schüler von Schulz war; doch fehlte ihm das warme Herz und die echte christliche Begeisterung desselben. In Weyse's Kirchenmusik finde ich den religiösen Künstler mehr als den religiösen Menschen; er ist auch nicht, wenngleich im Besitz viel reicherer musikalischer Mittel, nicht so originell und melodienreich als Schulz.
Kuhlau war durchaus anders als Weyse. Letzterer, der fast von seiner Kindheit auf hier gewesen war, war Dänisch geworden; Kuhlau blieb immer Deutsch. Kuhlau war ein schöner Mann mit rothen Wangen, hatte aber in seiner Jugend das Unglück gehabt, ein Auge zu verlieren. Er gab sich weder mit fremden Sprachen noch Wissenschaften ab; er trank sein Glas Wein, rauchte seine Pfeife Taback, war ein gelehrter Musiker und componirte schöne Musik. In seiner Musik waren nicht der Duft, die Schwärmerei, die geistigen Ahnungen, wie in Weyse's; aber mehr Körper, stärkere Effecte, größerer Melodienreichthum, und mehr lebendige dramatische Bewegung. Nach Kuntzen's Tod wäre es Weyse leicht geworden, Kapellmeister zu werden, wenn er es darauf angelegt hätte. Aber er war zu bequem für dieses Amt und verstand auch nicht, das Ganze mit Kraft und Bestimmtheit in Ordnung zu erhalten. Kuhlau wurde es auch nicht. Schall dagegen, der Concertmeister war, wurde nun Chef vom Orchester, wozu er sich vortrefflich eignete; dagegen verachteten Weyse und Kuhlau ihn als Componisten, woran sie gewiß Unrecht thaten. Kuhlau sagte von ihm: „Er kann nicht acht Tacte nacheinander richtig setzen.“ Das war sehr übertrieben; aber es ist ganz gewiß, daß Schall von Kindesbeinen auf beim Theater erst als Figurant, dann als Repetiteur, endlich als Concertmeister durch practische Uebung einen großen Theil Dessen ersetzte, was ihm als Theoretiker abging. Er war ein echt musikalisches Genie; seine erste Arbeit, „die Chinafahrer“ ist voller Leben und Humor. Zur Balletcomposition hatte er ein entschiedenes Talent. Zuerst zeigte er dies in kleinen komischen Balleten. Seine Compositionen von Lagertha, Rolf Blaubart und Romeo sind vortrefflich; und ungeachtet aller grammatikalischen Fehler (d. h. Fehler gegen den Generalbaß; den Kirnberger konnte er nicht verstehen, als mein seliger Schwiegervater ihm diesen lieh) waren seine Musikstücke voll Effect, Melodie, Charakter, und einige von ihnen in einem tragischen Fluge und einer Begeisterung, in der weder Weyse noch Kuhlau ihn erreichten. Aber Galleotti, der die Ballete zu Schall's Musik componirt hatte, war nun todt; die Ballete wurden nur selten aufgeführt und Bournonville, der später Galleotti bedeutend überragte, war noch nicht aufgetreten.
Die vortrefflichen französischen Singspiele hatte unser Theater von Monsigny's Deserteuren bis zu Boyeldieu's Rothkäppchen mit Glück aufgeführt; nicht die stark pathetische Musik darf man in diesen Stücken suchen; dagegen werden die Gefühle der Liebe, der Humanität, der Munterkeit, eines milden Mitleides, echte französische Nationalität, Anmuth und Naivetät in diesen originellen und schönen Compositionen ausgedrückt, und das französische Singspiel ist gewiß eine der schönsten Blumen in der französischen Kunst. Welche Namen begegnen uns hier nicht? Monsigny, Gretry, Daleyrac, Isouard, Mehul, Cherubini (ganz französisch in diesem Genre), Boyeldieu, sowie auch später Auber. Und die Texte zu diesen Stücken sind oft vortrefflich, wenn auch nicht von Seiten der Ausführung, so doch des Stoffes und der Situationen: der Deserteur, der Böttcher, Felix, Zemire und Azor, Richard Löwenherz, die kleinen Savoyarden, Joconde, der Schatz, Aschenbrödel, Rothkäppchen, die weiße Dame, der neue Gutsbesitzer u. s. w. Der große Gluck, obgleich ein Deutscher, hatte seine musikalischen Tragödien zu französischen Texten gedichtet. In Mehul fand er einen großen und würdigen Nachfolger, denn Joseph in Egypten verbindet die hohe Einfalt und den Pathos Gluck's mit musikalischem Reichthum und Anwendung von Instrumenten der neuern Periode. Auch Auber wußte sich dieses Pathos auf eine Weise zu bedienen, die in die politische Stimmung eingriff, sodaß seine Stumme von Portici der Vorläufer und Beförderer einer Revolution ward, sowie eine Comödie, Figaro's Hochzeit, der einer frühern gewesen war. Durch die schöne, genußreiche Verbindung von Poesie und Musik, von Schauspiel und Oper, hatte sich die Opéra comique in Paris stets ausgezeichnet, und, was gute Schauspieler betraf, dem Théâtre français fast stets die Spitze geboten. Auch bei uns hatte das Talent in diesen Stücken, von Frau Walters bis zu Madame Frydendahls, Gielstrup's, Knudsen's und Frydendahl's Zeit geblüht. So war der Zustand auf unserer musikalischen Bühne, als Siboni mit seinem mächtigen Rossini kam, der ganz Europa eingenommen hatte, und nun auch uns einnahm.
Der Wessel'sche Vers:
Die theuren Dänen will ich preisen,
Wenn sie bescheiden sich erweisen,
Die Tugend trifft sich selten an.
Doch wenn sie gar zu weit getrieben,
Daß Dänen alles Fremde lieben,
Ich nenn' es keine Tugend dann,
Denn er erniedrigt jeden Mann.
paßte nun hier in Kopenhagen sowohl auf unsere, wie auf seine Zeit; aber er konnte leicht mißverstanden werden. Es muß ein Unterschied zwischen den gebildeten Dänen (der größte Theil war vom Mittelstande), und zwischen den Vornehmen (der größte Theil war aus den Herzogthümern), gemacht werden. Von Königin Margaretha's Zeit an, haben der Hof und die Vornehmen stets Lust gehabt sich vom Volke durch die Sprache, erst durch Deutsch, dann durch Französisch und Italienisch zu trennen. Was mir besonders in Frankreich gefiel, war: daß das ganze Volk Eine Sprache redete, und daß das Land keine Hofsprache hatte. Aber selbst in Frankreich war die italienische Oper, wo das hohe Entrée den Mittelstand verhinderte hinzukommen, der Sammelplatz für den Hof und die beau monde. Hier sah man einander; die Oper war ein Sammelplatz, ein Salon, eine Fortsetzung und Variation der Hofvergnügungen; die Kunst wurde als etwas Untergeordnetes betrachtet, nur die Virtuosität war es, mit der man sich die Zeit vertrieb, und die man aus Eitelkeit protegirte.
Aber Eins dürfen wir bei dieser Gelegenheit nicht vergessen: Christian VIII. und seine holde Gemahlin, Caroline Amalie, waren in ihrer schönsten Zeit im schönen Italien gewesen, wo Alle sie bewunderten und darin wetteiferten, ihnen zu huldigen; hier hatten sie mehrere Monate in dem herrlichen Neapel gelebt, und Rossini's Musik von den größten Virtuosen vortragen gehört. Wie natürlich, daß sie einige Jahre nach ihrer Heimkehr sich freuten, diese lieben Jugenderinnerungen zu erneuern, die schöne Sprache wiederzuhören, mit der sie so vertraut geworden waren? Hierzu kam, daß immer einige gute Sänger da waren, die die italienische Kraft im Ton mitbrachten, welche unser Klima selten zuläßt, und Madame Forconi war zu gleicher Zelt eine sehr gute Schauspielerin voller Feuer und Gefühl.
Siboni war also eine Zeitlang hier der Herrscher über den Geschmack in der Musik. Es ist natürlich, daß man mehrere komische Anecdoten von dem feurigen Italiener erzählte, der auch gleichsam das Dänische auf seine Lippen zwingen wollte, ehe er es konnte. Seine Unwissenheit in der Sprache gab auch zuweilen Veranlassung zu lächerlichen Mißverständnissen.
Nun lernten wir also recht Rossini kennen, dessen Moses, Othello und besonders Wilhelm Tell ihn von einer viel größern Seite zeigten, als wir ihn anfangs gekannt hatten. Auch der herrliche Bellini, dessen Norma eine unvergleichliche Musiktragödie ist, erfreute uns. Den außerordentlichen Lärm und die Ausschmückungen durch Fiorituren vergab man gern dem Genie, wenn nicht die wirkliche Schönheit dadurch übertäubt und versteckt wurde, sowie später von Donizetti und besonders dem ebenso lärmenden, wie melodie- und characterlosen Verdi, der Jericho's Mauern durch Posaunentöne einstürzen läßt, wenn ein Mädchen eine süßliche Liebesarie singt; dessen tragische und komische Musik ganz in demselben Styl ist, und der das rothe Meer wie Eulenspiegel (aber ohne Witz) malt, indem er die ganze Wand mit Zinnober bestreicht; fügt man nun noch hinzu, daß diese lärmenden Opern nur einigermaßen damit entschuldigt werden können, daß sie für ungewöhnlich große Schauspielhäuser componirt sind, so fiel diese Entschuldigung ganz fort, wenn man sie in einem kleinen eingeschlossenen Raume, wie unser Hoftheater, hören mußte, wo sie — was mich betrifft — wie eine Bremse brummten, die Einem in's Ohr gekommen war.
Die Vaudevilles.
Man erzählt von einem preußischen Prinzen, daß er, als er einmal aus diesen Stücken herauskam, wo sein Ohr sehr gelitten hatte, sich an der milden Einwirkung des Zapfenstreichs erquickte, der ihn auf der Straße entgegenkam. Auf eine viel angenehmere Weise sorgte J. L. Heiberg für unsere musikalische Erfrischung. Er verfaßte eine Reihe burlesker Comödien, die er Vaudevilles nannte; aber sie standen sowohl im komischen Humor, wie in musikalischer Beziehung, weit über den meisten französischen Vaudevillen, von denen sich doch einige in der idyllischen und historisch-charakteristischen Art auszeichneten; Heiberg's Stücke waren alle Das, was die Franzosen Farcen nennen; aber meine Leser wissen, daß ich mit dieser Benennung nichts Tadelndes verbinde, da ich, im Gegentheil, selbst Schauspiele dieser Art gedichtet habe. Daß später mein Freia's Altar, den ich wohl an die Seite der Heiberg'schen Farcen zu stellen wage, in seiner fliegenden Post als ein jämmerliches Product heruntergerissen wurde, darein mußte ich mich, wie in so vieles Andere fügen. Diese Stücke sind ohne Zweifel im Besitz von Humor und luftigen Situationen; hierzu kommt, daß sie in musikalischer Beziehung weit die französischen Vaudevilles überragen, deren Dialog jeden Augenblick von einem einzelnen Vers unterbrochen wird, welcher einen kleinen witzigen Einfall (pointe) enthält, auf eine bekannte Melodie von Schauspielern gesungen wird, die gar keine Sänger sind ja größtentheils nicht singen können, und insofern gar keine Prätensionen machen, sodaß der Vortrag bei ihren Liedern mehr Recitation als Gesang genannt werden kann. Auf unserm Theater, wo Schauspiel und Singspiel verbunden sind, konnte Heiberg wirkliche Sänger anwenden. Seine musikalische Bildung und sein Geschmack gaben ihm Gelegenheit, ganz vortreffliche Musiknummern zu wählen, die durchaus zum Gegenstande paßten, was nicht wenig zum Erfolg der Stücke beitrug. Was ihnen aber noch mehr Beifall erwarb, war die Art, wie sie nach den Talenten der Schauspieler berechnet waren. So machte „König Salomon und Hutmacher Jürgen“, das in den Hauptsituationen große Aehnlichkeit mit dem Singspiel: der Einzug, vom Vater des Dichters, hatte, außerordentliches Glück, hauptsächlich durch Ryge's vortrefflichen Juden. In den „Aprilnarren“ stellte der herrliche Winslöw einen ganz eigenthümlichen Charakter in Zierlich dar. In „Der Recensent und das Thier“ und in „die Unzertrennlichen“ stand Rosenkilde als ein würdiger Nebenbuhler Brünet's und Potier's in seinem unvergleichlichen Trop und Hummer da. In „Die Dänen in Paris“ und in „Kjöge's Hauskreuz“ bewunderten wir Phister's herrliche, vortreffliche, dänische Bauerjungen. Was aber in diesen Stücken besonders dazu beitrug, ihnen die außerordentliche Kraft, mit der sie wirkten, zu verleihen, war: daß Thalia selbst vom Olymp herniederstieg und darin spielte. Sie trat zuerst vermummt, wie eine kleine tanzende Terpsichore im Ballet auf, und Heiberg war scharfblickend genug, um ihren Werth zu entdecken, sich ihrer anzunehmen, sie erziehen und in seinen Stücken auftreten zu lassen, wo sie alle Menschen durch ihre unbeschreibliche Grazie, ihre muntere Schelmerei, ihre Anmuth und ihr Genie hinriß. Später hat sie sein Leben als seine Gattin beglückt, und uns in vielen Rollen Gelegenheit gegeben, ihre Reife zu bewundern. Auch meine Stücke hat sie geehrt und ihnen genützt. Ihr Talent, einen liebenswürdigen Jungen zu spielen, zeigte sich in dem „kleinen Schachspieler“; in „Gyda“ war sie die tragische, abgelebte Hexe, und in „Dina“ und „Gudrun“ das anmuthige, blühende, eigenthümliche Weib.
Als ich eine Zeitlang Deutsch geschrieben hatte, gab ich meine dänischen Gedichte in drei Bänden heraus und schrieb einige Singspiele, ehe ich wieder größere Werke anfing. Es geht dem Dichter wie dem Maler; die Einförmigkeit ermüdet, die Abwechselung stärkt. Ein thätiger Geist kann nicht ganz ruhen. Aber es giebt eine leichtere Arbeit, die doch mehr erquickt, als die bloße Ruhe. Diese Arbeit kann auch ein angenehmer Genuß für den Leser und Zuschauer sein, dessen Geist nicht stets auf das Höchste gespannt sein will. Wenn man den Strom tragisch herabstürzen, die Quelle lyrisch durch Blumen dahin hüpfen gesehen, so kann man wohl zuweilen dem ruhigen muntern Bache folgen, wie er mit kleinen Steinen in seinem Bette spielt, oder im Schilfrohre schäumt. — Aber diese Freiheit versagte man mir. Ich durfte nicht komisch und lustig sein. Ich sei nicht komisch, sagten meine Tadler. Aber sie sagten es zu derselben Zeit, als sie behaupteten, daß ich auch nicht recht lyrisch, oder episch, oder tragisch, oder überhaupt echt dramatisch sei, daß all' meine Werke, bis auf die Romanzen, mehr oder weniger mißglückte Versuche seien, denen es an Charakter, Composition, Gedankenreichthum und Witz fehlte. Aber — mirabile dictu — doch sei ich ein wahres Genie und ein großer Dichter! — Also nur die Phantasie und das Gefühl sollten zuweilen unbewußt und wie im Traume über mich kommen und mich den Parnaß, wie einen Nachtwandler das Dach, im Mondenscheine ersteigen machen. Uebrigens war es merkwürdig, daß größtentheils Poeten, oder Leute, die selbst Verse machten, mich so streng tadelten.
Die Flucht aus dem Kloster.
Ein Stück, welches mir wirklich mißglückte, war „Die Flucht aus dem Kloster.“ Eine kühne Idee verführte mich, es zu schreiben. Ich wollte das Meiste von den Tönen in Mozart's Cosi fan tutte mit menschlichem Stoff verbinden, denn der Text, zu dem er die Musik componirt hatte, war wirklich unter aller Kritik. Hier ist nicht die Rede von der Ausführung oder von der poetischen Behandlung des Stoffes, sonst würde auch die Zauberflöte unter aller Kritik sein. Aber all' die poetischen Elemente: das Uebernatürliche, das Erhabene, das Erotische, das Anmuthige, das Luftige und Naive bewegen sich in der Zauberflöte wie in einem Traume, deutlich gemacht und poetisch ausgemalt durch die Musik, und wenn man nicht Schikaneder's Unsinn liest, und dem Dialoge nicht aufmerksam folgt, so genießt man durch Mozart, der hier zugleich Dichter und Componist ist, die schönsten Märchen. Aber Cosi fan tutte ist lauter schwache Unnatur. Zwei Liebhaber kommen nach einer fingirten Reise verkleidet zurück, um ihre Geliebten zu prüfen, ohne daß diese sie kennen, und hierdurch entstehen buhlerische Coquetterien (eine echte Wiener Torte), die nur den Wienern schmecken konnten. Aber Mozart's Musik schmeckte Allen; denn wenn man sie hörte, waren diese schönen Töne, in denen besonders das Adagio vorherrscht, voller Gefühl und Wahrheit. Aber ein neues Stück zu einer großen fremden Musik mit combinirten Nummern zu schreiben, wurde stets für eine Unmöglichkeit gehalten; und ich überzeugte mich davon, obgleich ein großer Theil recht gut ging und nur der letzte Act und der Schluß des Stückes sich nicht fügen wollte. Es wurde doch vier Mal kurz hintereinander aufgeführt.
Die Wäringer in Constantinopel.
Im Jahre 1826 schrieb ich die Wäringer in Constantinopel, in denen das herrliche Kleeblatt, Madame Werschall (jetzt Nielsen) als Maria, Ryge als Eremit und Nielsen als Harald mich kräftig unterstützte. Das Stück erwarb sich großen Beifall. Die folgende Tragödie: Karl der Große fand auch Beifall, aber kein so volles Haus. Ryge war hier wieder herrlich als Karl, nicht minder waren es Madame Werschall und Fräulein Pätges (jetzt Frau Heiberg), als seine Töchter Imma und Bertha. Ich habe dieses Stück vielfach umgearbeitet. Die Scene zwischen Karl und Wittekind endigt jetzt die Tragödie. Die Episode mit Gottfried und dem Bilde des Holger Danske ist aus dem Stücke herausgenommen und zu einem Nachspiel gemacht.
Von den Drillingsbrüdern von Damask, wozu Kuhlau herrliche Musikpieçen geschrieben hat, kann ich wohl sagen, daß sie nicht das Glück machten, welches sie verdienten. Dies entsprang hauptsächlich aus der Schwierigkeit, drei Schauspieler zu finden, die einander so glichen, daß es natürlich war, wenn man den einen für den andern hielt. Man wollte und konnte keine Masken gebrauchen; an die Leichtigkeit hingegen, durch aufgeklebte Augenbrauen, Nasen und Bärte, die Aehnlichkeit hervorzubringen, dachte man nicht. Winslöw war als Babekan und Madame Werschall als Lyra vortrefflich. Ich übersetzte später dieses Stück ins Deutsche; es erwarb sich Tieck's Beifall (ich hatte es ihm vorgelesen), und er las es selbst häufig in seinen Abendgesellschaften vor.
In den Longobarden, einem Stücke in Einem Akte, das darauf folgte, suchte ich Sophokles noch um einige Grade näher zu kommen, wie in Baldur und Yrsa, obgleich der Stoff in Baldur großartiger und in Yrsa rührender ist.
Hrolf Krake.
Im Jahre 1827 schrieb ich das Heldengedicht Hrolf Krake, der sich von meinen beiden andern epischen Gedichten: Helge und die Götter des Nordens, in Charakter und Colorit durchaus absondert, sowie auch diese beiden untereinander verschieden sind. Die Romanzen in Helge sind kecke, leicht hingeworfene Skizzen, starke Conturen der nordischen Natur und äußerer Thaten, wobei wohl auch mit einzelnen deutlichen Zügen der geistige Zustand angedeutet ist. Die Götter des Nordens sind große, sorgfältig ausgeführte Phantasie- und Naturbilder für religiöse und philosophische Ideen. Hrolf Krake nähert sich der Tragödie und ist mehr ein eigentliches Epos. Hier wird zwar auch das alte Heldenleben in epischer Vollständigkeit dargestellt; aber das Charakteristische, das innere Menschliche ist die Hauptsache. Tugend und Laster, Charaktere, milde Sitten und Barbarei kämpfen tragisch und rühren wie in der Tragödie zu Schrecken und Mitleid.
Vor vielen Jahren war von der Gesellschaft der schönen Wissenschaften ein Preis für eine gute Epopöe ausgesetzt. Der Pastor Jens Michael Hertz gab im Jahre 1804 sein in Hexametern geschriebenes befreites Israel heraus. Obgleich nun die Richter meinten, sie dürften dem Verfasser für das eingereichte Preisgedicht der epischen Poesie nicht das ganze Honorar geben, so bekam er doch 600 Reichsthaler; 400 Thaler waren also übrig geblieben, und erwarteten nach einem Verlauf von 23 Jahren den Würdigen, der sie verdienen könne. Ich hatte freilich bereits die Götter des Nordens und Helge gedichtet; da diese Gedichte aber nicht in Einem Versmaße zusammenhängen, sondern Cyklen mehrerer (freilich zusammenhängender) Gedichte waren, so wagte ich nicht, um die 400 Thaler zu bitten, da ich mich der Möglichkeit auszusetzen befürchtete, daß man sagen könnte, es seien keine ordentlichen Epopöen. Der Gebrauch, den Dichtern Honorar zu geben, die nicht darum ansuchten, war in der Gesellschaft noch nicht eingeführt, und ich erhielt also Nichts. Indessen lief mir doch das Wasser nach den 400 Thalern im Munde zusammen, und obgleich Hrolf Krake kein wirklich klassisches Epopöe war, da ich weder die Muse des Gesanges angerufen, noch Homer und Virgil nachzuahmen, sondern im Gegentheil so originell und national, als möglich zu sein versucht hatte, so dachte ich, daß es vielleicht doch anginge, und reichte der Gesellschaft durch Rahbek, welcher ihr Secretair war, das Gedicht ein.
Später hörte ich, daß Geheimrath Malling, der Präsident der Gesellschaft, Mühe gehabt hatte, mit dem Metrum zurechtzukommen, das ich im Hrolf Krake gewählt hatte; aber Hohlenberg, Professor der Theologie, sein Schwiegersohn, war dem Gedichte zu Hülfe gekommen, hatte es ihm vorgelesen; und hierdurch war er auf die Wirkung aufmerksam geworden, die ich durch das Versmaaß hervorzubringen gesucht hatte. Helge und die Götter des Nordens waren Verbindungen von mehr getrennten Gedichten, deren Verschiedenheit in Inhalt und Wesen auch Verschiedenartigkeit in Ton und Ausdruck erfordert. Hier kamen mir also die wechselnden Versformen (und bei Helge sogar die Tragödienform) sehr zu Hülfe. Aber Hrolf Krake war ein zusammenhängendes Ganze, bei dem der Grundton nicht verändert werden durfte. Ich hatte mich also nach einer Versart umgesehen, die durchweg gebraucht werden konnte; aber wie nun eine solche finden? Den Hexameter wollte ich nicht wählen, um in meinem Gedicht nicht das griechische Colorit vorwalten zu lassen. Man könnte sagen: Warum gebrauchtest Du denn den Trimeter in vielen Deiner nordischen Tragödien? ich antworte: Eine edle, große Sprachform mußte ich haben; die alte, nordische Poesie besitzt keine solche dramatische Form; der Trimeter hat eine hohe Einfalt, und das alte nordische Heldenleben zeigt in seinen großen Thaten eine gewisse Aehnlichkeit mit dem Altgriechischen; deßhalb ließ sich der Trimeter mit seiner kräftigen Würde sehr gut in das Nordische überführen ohne dessen Eigenthümlichkeit zu verwischen. Wenn ich nichts Anderes gehabt hätte, würde ich den Hexameter auch hier gebraucht haben; aber wir hatten, wenn auch nicht von der Edda und den Skalden her, so doch von den Kämpenweisen des Mittelalters einen epischen Grundton, der weder verschmäht noch verkannt werden durfte. Aber in den Kämpenweisen gehen die vier kurzen Zeilen zu sehr in das Lyrische über, und ermüden das Ohr durch die Wiederholung. In dem deutschen Nibelungenliede sind die Zeilen doppelt so lang und nehmen doppelt so viel Stoff in sich auf; aber auch so schien mir für ein großes Gedicht der Klang zu monoton wiederzukehren. Darin besteht der Vorzug des Hexameters, daß er den Wohlklang des Verses der Abwechselung der Prosa in Takt und Wortwendungen verbindet. Ich beschloß nun in dem Hrolf Krake selbst ein ganz episches Versmaaß zu bilden, indem ich die Verse, wie sie sich im Nibelungenliede finden, bald in größeren, bald in kleineren Perioden verband; mit einem Aufenthalt in den Zeilen, bald hier bald da, bald am Ende mit einem Reim; auf diese Weise schaffte ich mir selbst einen Vers, der noch nicht gebraucht war, und glaube dadurch auch die Versmonotonie vermieden zu haben, die sich in den schönen Dichtungen Ariost's und Tasso's findet.
Hrolf Krake wurde von der Gesellschaft der schönen Wissenschaften gut aufgenommen, und ich bekam die 400 Thaler.
Baggesen's Tod.
In dem Jahre wo ich Hrolf Krake schrieb, starb Baggesen in Deutschland. In den späteren Jahren nach meiner Erklärung an das Publikum hatte er aufgehört mich zu verfolgen. Der Tod versöhnt, und das ist das Schöne am Tode, daß er die ganze Schattenseite des Menschen im Dunkel des Grabes verschwinden läßt; die Lichtseite bleibt wie ein Lichtgenius zurück, wie das Unsterbliche, das, wenn der Mensch sich ausgezeichnet hat, nicht allein dem Himmel angehört, sondern auch etwas Himmlisches auf der Erde zurückläßt. Und das war mit Baggesen gewiß der Fall. Seine muntere Laune, sein Witz, seine augenblicklich aufflackernde Begeisterung, seine Beredsamkeit, sein durch viele Reisen und geistige Beschäftigung erworbenes Wissen und seine Menschenkenntniß, seine unendliche Freundlichkeit und Ergebenheit, wenn er gut gegen Jemand gestimmt war: alles Das mußte ihm Freunde und Bewunderer erwerben. Aber was ihm leider fehlte, war Ausdauer in Gefühl, Ansichten und Handlungen, und dieses Wanken störte die meisten schönen Verhältnisse in seinem Leben, wenn sie eine Zelt lang gewährt hatten. Er hatte nicht männliche Kraft genug, um seine Bestimmung recht zu erkennen und die Eitelkeit trieb ihn zu sehr nach dem Scheine zu haschen, und sich selbst und Andere durch Spitzfindigkeiten und Halbwahrheiten zu täuschen, die in einem fieberhaft erregten Zustande zu Unwahrheiten und Sünden gegen Recht und Billigkeit übergingen. Wenige Andere sind mehr von seinen glänzenden guten Eigenschaften eingenommen gewesen, als ich. In Paris lebten wir in brüderlichem Verhältnisse, erst in Kopenhagen wandte sich das Blatt ganz. Wenn ich im Anfange etwas geduldig und vorsichtig gegen ihn gewesen wäre, so würde er wohl nicht soweit gegangen sein. Eine gewisse Heftigkeit und Stolz in meinem Wesen fachte damals das Feuer an. Ich achtete vielleicht auch sein Genie zu wenig; erst mit den Jahren kommt man zu der besonnenen Billigkeit, die Jedem sein Recht widerfahren läßt und nicht von gewissen Vorurtheilen der Zeit beherrscht wird. Gegen Ende unsers Zusammenlebens war der Bruch so gewaltig stark geworden, daß erst der Tod eine Brücke über diesen Abgrund schlagen mußte. Das war nun geschehen; der Eindruck der milden friedlichen Tage kehrte zurück; die schöne Erinnerung rührte mich, und in diesem Gefühle schrieb ich folgenden Prolog, der auf dem Theater bei seiner Gedächtnißfeier gesprochen wurde.
Von wehmuthsvollem Schweigen tief durchdrungen
Stehn wir bei dieses Festes trübem Glanz;
Wer hat: „Als ich noch klein war“ je gesungen,
Und gönnt der Dichterurne nicht den Kranz?
Wer ging zur Schul' in seiner Kindheit Tagen,
Den Kallundborg'sches Lied nicht froh gemacht?
Wer hat den schwarzen Schülerrock getragen,
Und über Jeppe's Scherze nicht gelacht?
Wer, dem die Liebe einst geflochten hätte
Den Kranz, als sie im Herzen ihm erwacht —
Wer sang mit Baggesen nicht Henriette,
Und von Lyciliens, von Selinens Macht?
Wer saß mit Freunden bei dem heitern Mahle,
Und hat sich mit dem Dichter nicht vereint:
„Daß stets das Weib in holder Anmuth strahle,
Daß Bacchus Freude bringt, wo er erscheint?“
Wer fühlt' die Wangen bei der Heimkehr glühen
Und stimmt' nicht jubelnd mit dem Sänger ein:
„Daß nirgends so die Rosen roth erblühen,
Und daß die Dornen nirgends gar so klein?“
Von Stadt zu Stadt wirst Du nicht weiter wallen,
Du muntrer Sänger mit dem heitern Sinn;
Die stumme Harfe trauert in den Hallen
Ihr Leben schwand mit Deinem Leben hin.
Wohl bist Du todt! Doch in dem sel'gen Schlummer
Ward Deinem Herzen Ruh', es blutet nicht.
Gleich Wolkenschatten schwand des Lebens Kummer,
Und herrlich strahlt Dir jetzt das ew'ge Licht.
Es schwindet mit dem Tod des Lebens Grauen.
Es schweigt der Sturm — der Himmel strahlt im Glanz —
Und wenn wir weinend auf Dein Grab gleich schauen,
So tröstet uns darauf der Lorbeerkranz.
Tod meines Vaters.
Kurz darauf verlor ich meinen Vater. Dieser Greis zeichnete sich noch in einem Alter von 79 Jahren durch Kraft und Munterkeit aus. Seine blauen Augen strahlten, seine rothen Wangen glühten wie bei einem Jüngling. Wir nannten ihn den Alten vom Berge. Mehrere Jahre hindurch war es meine größte Freude, ihn am Sonntag mit Weib und Kindern zu besuchen, und die Kleinen da spielen zu lassen, wo ich als Kind selbst gespielt. Er war hitzig und aufbrausend, hatte aber das beste Herz, war versöhnlich, zuvorkommend, wohlthätig und von Allen die ihn kannten, wegen seiner Gutmüthigkeit und seines Humors geliebt. Er war eitel auf seinen Sohn; aber als vernünftiger Vater, der seinen Sohn nicht verziehen wollte, ließ er mich Nichts davon merken. Nur zuweilen überrumpelte ich sein Gefühl, wenn er meine Gedichte gelesen hatte. Er unterhielt sich gern mit Spaziergängern auf dem Schloßberge und besonders gern mit Studenten; dann leitete er die Rede auf mich, und wenn sie etwas Gutes von mir sagten, that es ihm wohl, da er sein Incognito noch unentdeckt glaubte. Das wußten viele gute Menschen und machten dem Alten oft die unschuldige Freude. Unser Freund Professor Sibbern schrieb vor einigen Jahren zu seinem Geburtstage ein Gedicht, in dem folgende ehrende Worte standen.
Vor manchem andern schönen Loos',
Das aus der Götter reichem Schooß'
Dem Menschen fällt, erheb' ich Eins,
Das ist, verehrter Alter! Deins.
Dir ward ein ewig wahres Gut:
Die rege Lust, der leichte Muth,
Und zu dem losen, heitern Scherz
Der rechte Quell, das edle Herz!
Der Jugend frischer Lebenssaft,
Des Mannes starke, rasche Kraft,
Dazu des Alters Ehrentracht:
Der weißen Haare Silberpracht.
Er hatte viel natürlichen Witz, von dem ich einige Züge anführen will. Als er einmal in der Stadt bei einer reichen Freundin zu Mittag gespeist hatte, wo aber der Ueberfluß nicht stets mit Geschmack und Ordnung vereinigt war, und wir nach der Rückkehr ihn fragten, wie es ihm gegangen sei, antwortete er: „Vortrefflich, ich lebte grade so gut wie Christus am Kreuze, ich bekam Essig und Myrrhen.“ Der König kam einmal hinaus, um eine Fuchsjagd im Südfelde zu halten. Die Treiber umringten es klappernd. Am Eingange zum Südfelde stand mein Vater und machte als Schloßverwalter die Honneurs. Der König ging voran und die Hofherren folgten in geringem Abstande nach. „Guten Morgen, Oehlenschläger,“ rief der König, „sind viel Füchse im Südfelde?“ — „„Noch nicht, Euer Majestät!““ antwortete mein Vater sich tief verbeugend, mit einem Blicke auf die Hofherren, „„aber sie werden gleich kommen.““ Das Gelächter, das Friedrich der Sechste aufschlug, zeigte, daß er ihn verstanden hatte. — Aber nicht immer gefielen dem Könige die Antworten des Alten. Als er einmal mit ihm über einige Zimmer im Schlosse zur weiteren Benutzung sprach, sagte mein Vater: „Euer Majestät! s' ist kein Loch mehr da, groß genug, daß ein deutscher Prinz darin liegen könnte.“ Mit ernster Miene aber schonendem Tone, sagte der König zum Oberhofmarschall: „S' ist Oehlenschläger!“ Er meinte also, „dem man Etwas zu Gute halten muß.“ Als mein Vater einmal den König um freies Holz bat, fragte dieser scherzend: „Sind Sie nicht Holzverwalter?“ — „„Ja, Euer Majestät!““ — „Und Sie wollen mich glauben machen, Sie hätten nicht freies Holz?“ — „„Vielen Dank, Euer Majestät!““ antwortete mein Vater, indem er sich wegen der in scherzendem Tone gegebenen Erlaubniß tief verbeugte. Mit seiner alten Magd hatte er, wenn er allein saß, viel komische Gespräche. Als Organist an der Friedrichsberger Kirche war er gewohnt, Begräbnisse mit derselben Munterkeit zu betrachten wie Hochzeiten und Kindtaufen; denn bei solchen Gelegenheiten ertönte die Orgel und war Etwas zu verdienen. Eine stille Beerdigung war früher eine Strafe, die nur Selbstmörder und andere große Verbrecher traf. Eines Winterabends sagte er zu dem Mädchen, die in demselben Zimmer spann, wo er im Lehnstuhle las: „Hast Du Aeltern?“ — „„Nein!““ — „Verwandte und Freunde?“ — „„Nein!““ — „Na, das hat nichts zu sagen, Du sollst doch ehrlich begraben werden, wenn Du einmal stirbst, Du sollst einen großen, festen Sarg von gutem Fichtenholz bekommen, und für ein hübsches Leichenhemde will ich auch sorgen.“ Das Mädchen dankte sehr, konnte aber nicht begreifen, woher diese Güte käme, da ihr nicht das Geringste fehlte, und sie zwanzig Jahre jünger war, als er. Aber es war, als er da saß und las, ihm eingefallen, daß sich so etwas ereignen könne, und so wollte er aus lauter Sorge für das arme Mädchen, da er fürchtete daß die bevorstehenden Ausgaben bei der Beerdigung sie ängstigen könnten, ihr den Stein vom Herzen nehmen. Auf diese Weise konnte er ihr nun nicht helfen, da er früher als sie starb, aber er half ihr doch wirklich während seiner Lebenszeit, und das auf eigene Weise. Er spielte in der Lotterie. Der Collecteur wohnte in der Friedrichsberger Allee und besuchte ihn mitunter des Vormittags. Als mein Vater sich einmal darüber beklagte, daß er nie Etwas gewonnen hätte, rieth ihm der Andere, weiter zu spielen, „man könne ja nicht wissen, ob das Glück sich nicht wenden würde.“ Mein Vater nahm also ein Loos, schenkte es aber dem Mädchen, und diese gewann wirklich 500 Thaler. Einige Zeit darauf wurde derselbe Collecteur ergriffen als Betrüger, der durch Taschenspielerkünste alle Nummern ziehen konnte, die er wollte, und sich dadurch große Summen angeeignet hatte, die er nachher wieder mit Dirnen und vornehmen Gästen vergeudete. Zuweilen hatte er gute Freunde gewinnen lassen; es mußte also meinem Vater lieb sein, daß er nicht gewonnen hatte, aber das Mädchen nahm es nicht so genau und bekam auf diese Weise mehr als sie zur anständigen Beerdigung brauchte.
Gegen das Ende seines letzten Lebensjahres begann mein Vater zu kränkeln und litt oft an Erkältungen. Im Frühjahr 1827 bekam er das kalte Fieber, das oft wiederkehrte, und in der Hitze desselben starb er in einer frühen Morgenstunde. Als ich hinaus kam und seine freundliche Leiche in der kleinen Kammer sah, wo ich als Knabe so viele Jahre neben ihm geschlafen hatte, sang eine Nachtigall draußen im Baum. Und — sonderbar — ich habe nie, weder früher noch später, eine Nachtigall daselbst gehört. Einige Tage später fuhr er den Hügel hinab, den er so oft betreten hatte, und in der Kirche, in der er 46 Jahre lang die Orgel gespielt und Psalmen gesungen hatte, wurde sein Sarg vor dem Altar hingestellt, und sein würdiger Freund, Herr Hofprediger Schiödte, der, obgleich ein jüngerer Mann, viele Jahre mit ihm umgegangen war, sprach ehrende Worte an seiner Leiche.
Nun wurde mir also das Friedrichsberger Schloß, das mir während meines ganzen Lebens meine eigentliche Heimath gewesen war, eine fremde Stätte, und der liebe Heerd von einer andern Familie eingenommen. Zufälligerweise geschahen gleich nach dem Tode meines Vaters viele Veränderungen an dem Schlosse, dem Garten und der Landstraße, welche viel dazu beitrugen, mir das Wohlbekannte fremd zu machen. Der kleine Garten meines Vaters, den er aus einem Steinhaufen in ein fruchtbares Plätzchen umgewandelt hatte, lag neben dem der Kronprinzessin. So lange der Greis lebte, konnte sie es nicht über sich gewinnen, ihm denselben zu entziehen, aber, als er nun todt war, wurde das Plankenwerk fortgenommen, dieser Platz verändert und mit den übrigen Anlagen verbunden. Einige Fruchtbäume blieben stehen, und hier muß ich einen schönen Zug vom Herzen der Kronprinzessin anführen. — Im nächsten Jahre in der Kirschenzeit schickte sie meinen Kindern einen Korb mit Kirschen, in welchem ein kleiner Zettel lag auf dem von ihrer Hand geschrieben stand:
„Von des Großvaters Baum
Caroline“.
Ich habe diesen Zettel in mein Stammbuch geklebt.
Carsten Hauch.
Kurz nach dem Tode meines Vaters kam mein Freund Carsten Hauch von seiner Reise ins Ausland zurück. Das Wiedersehen erfreute mich, denn ich hatte lange den Umgang dieses herrlichen Freundes entbehrt. Seine Reise hatte seine Kenntnisse vermehrt und erweitert, und ihn mit vielseitiger Bildung bereichert; auch den Musen hatte er gehuldigt und brachte mehre Dichtungen heim, die er in Italien geschrieben hatte. Von diesen gefiel mir Die Hamadryade am Wenigsten; aber da Ludwig Tieck besonders dieses Gedicht (das auch Deutsch geschrieben war) gelobt und sich erboten hatte, es mit einer Vorrede herauszugeben — was übrigens unterblieb, — so wollte ich nicht widersprechen.
In Tiberius bewunderte ich das vortreffliche historische Portrait und fand, daß Hauch den Tacitus meisterhaft in Poesie übertragen habe. In diesem sowie in den übrigen Stücken herrscht eine edle Indignation über die empörenden Laster der Erde, die sich in beißender, tragischer Satire ausspricht. Die vielen schönen pathetischen Stellen, die originellen Bilder, z. B. Gregor's Beschreibung der Kirche, Tiber's Monologe, zeugen von wahrem Dichtergenie. Nur scheint es mir, als ob in diesen Tragödien und später besonders in Don Juan zuviel Grau in Grau gemalt sei.
Daß er in seinem babylonischen Thurmbau (in dem übrigens viel Aristophanisches ist) zu weit ging, muß mit der Heftigkeit entschuldigt werden zu der man leicht verleitet wird, wenn man lange vergebens gegen Unbilligkeit und Spott ankämpft.
Meine gesammelten Werke.
Im Mai 1828 erhielt ich vom Buchhändler Max in Breslau einen Brief, der mich auf angenehme Weise überraschte. Als deutscher Verfasser hatte ich in oft wechselnden Verhältnissen zu deutschen Buchhändlern gestanden. Cotta kam mir liberal entgegen, bezahlte gut, that aber nichts, meinen Büchern Absatz zu verschaffen. Er druckte sie, wie der alte Brockhaus sagte, auf Löschpapier, ließ sie auf dem Boden liegen, ohne recht für den Absatz zu sorgen, und sie dann in seinen eigenen Blättern herunterreißen. Das Manuscript zum Palnatoke war ihm abhanden gekommen, doch fand er es aber nach Jahren wieder. Meinen Correggio ließ er auch mehrere Jahre liegen, ehe er ihn druckte. Kein ästhetisches Werk in Deutschland hat größeres Glück gemacht. Correggio wurde auf allen Theatern 30 Jahre lang gespielt, und Cotta, der keinen Contract mit mir geschlossen, hat gewiß mehrere Auflagen davon gemacht. Uebrigens glaube ich, daß er an den meisten meiner Arbeiten verloren hat; das Altnordische schmeckte den Deutschen nicht. Zuletzt hatte weder er, noch der jüngere Brockhaus Lust, meine Gedichte zu verlegen. Als ein Beispiel hierfür mag dienen, daß mir Brockhaus die Uebersetzung meines Helge zurücksandte, ohne das Werk verlegen zu wollen. Helge hatte ich nicht ganz allein übersetzt; ein Herr Voß in der deutschen Kanzlei hatte erst das Gedicht übersetzt und mir dann erlaubt, es ganz nach meinem Sinne zu bearbeiten. Das hatte ich dann auch gethan. So ist Helge in der Sammlung gedruckt, die später bei Max erschien, und so las Brockhaus das Gedicht, wie er mir versicherte, mit großem Vergnügen. Aber er wagte nicht, es zu verlegen, aus Furcht vor Mangel an Absatz. Die Uebersetzung von Tegnér's Frithiof war in Aller Mund und erlebte eine Auflage nach der andern; — aber Helge wurde nie besprochen und stets nur von Wenigen gelesen. Weshalb? theils wohl, weil die Kraft der Originalsprache nicht darin war; das war aber auch bei den Uebersetzungen des Frithiof nicht der Fall. Die Hauptursache war, daß Frithiof mit seiner sentimental-erotischen Lyrik den Damen gefiel; dagegen hatten nur wenige deutsche Männer Interesse für das Episch-Heroische in Helge.
Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, als Schriftsteller in Deutschland ferner noch aufzutreten, als Max mir schrieb:
„Euer Wohlgeboren wollen mir vergönnen einige Zeilen an Sie richten zu dürfen. Es betrifft Ihre Werke, welche vor vielen andern es verdienen, vollständig gesammelt in einer neuen Ausgabe zu erscheinen. Erlauben es Zeit und Verhältnisse an eine Gesammtausgabe Ihrer vortrefflichen Schriften zu denken, so wage ich es mich als Verleger anzubieten, — indem ich und meine Firma dadurch geehrt werden. Die Autoren sind einmal die Sonnen der Buchhändler, diese erhalten nur Licht und Glanz durch jene, und todt ist ihr Wirken, wird es nicht durch jene belebt“.
Das war nun eine erfreuliche Nachricht, und wir wurden bald einig.
Camma Rahbek's Tod.
Noch ein paar Jahre nach dem Tode meines Vaters blieb mir das Hügelhaus in jeder Beziehung ungestört. Rahbeks hatten keine Kinder, sie lebten in denselben Zimmern, auf dieselbe Weise, wie vor dreißig Jahren, wo ich ihre Bekanntschaft machte. Eines Abends, im Jahre 1828, als ich bei ihnen am Tische saß, schien es mir selbst so höchst wunderbar, daß ich kein rechtes Vertrauen zur irdischen Beständigkeit fassen wollte, sie erschien mir wie ein Blendwerk. Und das war es, denn kurz darauf verschwand die schöne Seifenblase. Camma Rahbek's Husten nahm immer mehr zu; sie hatte einige Jahre hindurch gekränkelt, und man gewöhnt sich endlich an so Etwas, daß man sich nicht mehr darüber beunruhigt, weil man immer hofft, daß es wenigstens beim Alten bleiben werde; aber der Lampe fehlt es endlich an Oel und sie geht aus. Rahbek hat im letzten Theil seiner Erinnerungen ihren Tod so anziehend und schön beschrieben, daß ich nichts Besseres thun kann, als den Leser, der mehr von ihr wissen will, darauf zu verweisen. Mein Freund, Bischof Mynster, hat uns eine vortreffliche Charakteristik von Beiden gegeben.
Als in den letzten Tagen ihr Husten sich sehr verschlimmerte, schenkte ihr Frau Brun eine hübsche Ziege, deren Milch sie trank, und die sie zu ihrem Vergnügen im Zimmer hatte. Ich pflegte ihr sonst selten Etwas von dem, was ich schrieb, vorzulesen, aber nun fühlte ich gleichsam einen Drang dazu in der Ahnung, daß es das letzte Mal sei. Ich hatte grade Karl den Großen vollendet, und Camma lag auf ihrem Sopha und hörte zu, während Rahbek an ihrer Seite saß. Ich entsinne mich noch, wie sie bei der Stelle zusammenschreckte, wo Wittekind Karl, der ihn bittet, die Axt liegen zu lassen, mit einem donnernden: „Nein, Karl“! antwortet. Sie folgte der Lectüre mit Theilnahme und Aufmerksamkeit. Dies war aber auch unser letzter geistiger Verkehr hier auf Erden. In der strengen Winterkälte bekam ich einen Podagraanfall; der starke Frost hat vielleicht auch ihr Ende beschleunigt; sie starb und ich konnte ihrem Sarge nicht folgen, aber ich schrieb ein Lied, das sich in meinen Gedichten findet.
Rahbek's Tod.
Rahbek folgte seiner Camma ein Jahr darauf. Dieser merkwürdige Mann hat viel zur Verbreitung der ästhetischen Kultur in seinem Vaterlande beigetragen, obgleich er oft verkannt wurde, und, wie dies häufig der Fall ist, viel von der Undankbarkeit einer jüngern Zeit litt. Rahbek's Geist war nicht tief, seine Phantasie nicht feurig, sein Verstand nicht scharf, aber mit einer außerordentlichen Liebe für den Theil der Poesie, für den er sympathisirte, hatte er seine Empfänglichkeit dafür, seine Einsicht darin durch unablässiges Studium und wiederholte Lektüre ausgebildet. Mit feinem Scharfblicke, Witz und Beobachtungsgabe ging er auf das Psychologische in den dichterischen Motiven ein; aber obgleich Ewald ihn erst geweckt hatte, und er diesen Dichter stets als unerreichbar groß ansah, so hatte doch Rahbek's eigene Natur ihm besonders die Schilderungen des Lebens lieb gemacht, die sich in den Iffland'schen Stücken finden, von denen wir nach seiner Zeit herrliche Früchte in den von Heiberg herausgegebenen Alltagsgeschichten, kurz, in dem poetischen Genrebild erhalten haben. In den besseren Iffland'schen Stücken spielte Madame Rosing in Rahbek's jüngern Jahren ganz vortrefflich; diese herrliche Künstlerin hatte einen tiefen Eindruck auf Rahbek gemacht, er liebte sie mit platonischer Liebe, und das trug gewiß nicht wenig dazu bei, ihn diese häuslichen Scenen lieb gewinnen zu lassen, die sein erstes sentimentales Entzücken über Rousseau's neue Heloise und Göthe's Werk verdrängte. Für das Pathetische hat er von Natur weniger Interesse, obgleich das Große und Patriotische stets einen tiefen Eindruck auf ihn machte. Aber in seiner witzigen kalten Stimmung konnte er auch oft das Schwülstige und Uebertriebene auffinden, das er ebenso sehr wie den Luxus und die Vornehmheit haßte.
Als Ryge einmal von Deutschland nach Hause kam, wo er Eßlair gesehen hatte, und nun Hakon Jarl wieder spielte, meinte Rahbek, daß er wider seine Gewohnheit ein Bischen zu stark auftrüge, und sagte, indem er ihn fortwährend durch sein Perspectiv ansah: „Ja, das ist ganz gut, aber die Natur ist nicht Deutsch“. Daß Rahbek witzig war, und daß seine Trinklieder mit das Beste sind, was wir in dieser Art besitzen, darüber sind Alle einig. Und ihm selbst lag doch nichts am Trinken, obgleich er sich in seiner Jugend in Dreyer's Klub und in der Norwegischen Gesellschaft aus Freundlichkeit und Nachgiebigkeit gegen die Anderen bisweilen einen Rausch getrunken hatte. „Der Wein schmeckt mir eigentlich wie Essig“, sagte er. Und darin hatte er Recht; denn der Wein, den er in einzelnen Flaschen täglich nach dem Hügelhause aus der Stadt holen ließ, hatte wirklich viel gemein mit dieser Säure. — Rahbek fehlte es an Charakterfestigkeit, so eigensinnig er auch war; eine gewisse Schwäche des Geistes verhinderte ihn zuweilen ganz aufrichtig zu sein; aber im Grunde war er ein sehr guter und sanfter Mensch. Er hatte nicht nur Witz, sondern auch echtes Gefühl als Dichter in seiner Bearbeitung von Der Todten Wiederkehr, seinem Marienhügel u. a. m. an dem Tag gelegt. In seiner Persönlichkeit war sehr viel Komisches. Zwei Dinge, zu denen die Natur ihm jede Fähigkeit versagt hatte, hatte er am liebsten werden wollen, und beklagte immer, daß ihm die Umstände dies versagt hätten, nämlich Soldat und Schauspieler. Im Studentencorps war er stets ein eifriger Krieger; obgleich er nicht das Exercitium lernen konnte, und selbst einmal gestand, „daß sie ihn zum Lieutenant à la Suite gemacht hätten, weil er nicht zum Gemeinen taugte“, trug er doch noch beständig die Uniform, nachdem sie die Andern schon längst abgelegt hatten. Comödie wollte er ungeheuer gern spielen. Einmal sollte Robinson in England in Borups Gesellschaft aufgeführt werden. Ich begegnete Rahbek sehr vergnügt auf der Straße. „Wo willst Du hin“? fragte ich — „„Ich will meine eigene Rolle spielen““. Es war die des Magister Romanus. Rahbek meinte, daß ich in der Replik, wo von diesem Magister gesagt wird, daß er für jede Meinung, die er sagte, wenn sie noch so alltäglich sei, eine classische Autorität anführen müsse, auf ihn gestichelt hätte.
Zur Charakteristik Rahbek's.
Rahbek war ein Cyniker; seiner Frau schenkte er oft schöne Kleider und Putz; er selbst aber ging in einem groben dunkelblauen Rock und kaufte sich erst einen neuen, wenn der alte ganz abgetragen war. Ich sah ihn einmal, wie er auf offener Straße, vor einem Kleiderladen, einen Rock anprobirte, den er kaufen wollte. Einen Regenschirm brauchte er niemals; oft kam er durch und durch naß vom Hügelhause zur Stadt, um Vorlesungen zu halten. Einmal wollte ihm der Pedell einen Rock leihen, da er wie eine gebadete Maus aussah, aber er nahm ihn nicht an; naß, wie er war, bestieg er das Katheder. Es wäre gewiß kein Wunder gewesen, wenn er in diesem Zustande eine ziemlich trockene Vorlesung gehalten hatte. Gastfrei empfing er seine Freunde bei seinen kleinen Abendgesellschaften; aber wenn man den ganzen Weg gekommen war, ohne beschmutzt worden zu sein, so konnte man dies doch unmöglich vermeiden, wenn man dicht an seine Hausthür kam, die durch einen Tümpel verschanzt war. Bischof Mynster schenkte Rahbek einmal etwas, das er selbst finden sollte, zu seinem Geburtstage; wenn es aber Andere nicht gesagt hätten, so würde er selbst es nicht entdeckt haben: es war nämlich ein eiserner Abstreicher, den Mynster draußen vor der Thüre hatte anbringen lassen. Als Rahbek todt war, that es den Leuten leid, zu hören, daß das liebe Hügelhaus, welches so reich an schönen Erinnerungen war, eingerissen und umgebaut werden sollte! Aber dies war wirklich durchaus nothwendig, denn das Hügelhaus war eine elende Baracke, die nicht länger stehen konnte. Bereits vor dreißig Jahren war es ein schlechtes Gebäude; aber es lag anmuthig bei dem Südfelde (wohin Rahbek übrigens niemals einen Fuß setzte) und er liebte die schöne Aussicht von dort. Eigentlich hatte Pram diesen hübschen Landsitz gefunden und Rahbek vorgeschlagen, dort mit ihm zu wohnen; denn von selbst wäre Dieser nicht darauf gefallen. Eines komischen Scherzes von Pram entsinne ich mich, den Rahbek mir erzählte. Als sie die Wohnung gemiethet hatten, ging Rahbek umher, die Zimmer anzusehen, und als er zu dem Zimmer zurückkehrte, wo er Pram verlassen hatte, lag dieser auf dem Rücken, alle Viere von sich gestreckt, auf den Dielen. Rahbek wurde ängstlich und glaubte, Pram hätte einen Anfall bekommen; dieser aber beruhigte ihn und sagte: „Mir fehlt Nichts; ich habe mich nur so hingelegt, damit das Zimmer ein Bischen höher wird“.
Besuch in Schweden.
Im Sommer 1829 bekam ich eines Tags einen Brief vom Literaten Ove Thomsen, in dem er mir vorschlug, mit ihm eine Lustfahrt auf dem Dampfschiffe nach Malmöe und Lund zu machen. — Eine solche Aufforderung war nöthig, denn sonst wäre es mir nicht eingefallen und ich hätte mich mit meiner gewöhnlichen Abendpromenade nach Friedrichsberg begnügt.
Mit meinem jüngsten Sohne William machte ich nun diese schwedische Reise, und als ich auf dem Schiffe stand und mich der fremden Küste näherte, konnte ich selbst nicht begreifen, warum es mir nie eingefallen war, öfter hinüber zu fahren. Von meiner frühesten Kindheit an hatte vom Friedrichsberger Hügel aus stets die Schoonen'sche Landstrecke den Horizont für mein Auge gebildet. Durch das Telescop meines Vaters hatte ich oft nach Malmöe hinüber gesehen, wenn der Sonnenschein daselbst auf den Kirchthurm fiel.
In dem Bade Ramlöse bei Helsingborg, war ich freilich schon gewesen. Um einmal an einer gesellschaftlichen Unterhaltung an diesem Orte Theil zu nehmen, und um das Gewimmel der Nachbarnation zu sehen, von der ich nur Einzelne kannte, fuhr ich eines Tags hinüber, als ein Ball stattfinden sollte. A. S. Oersted, Spieß, Winckler und noch viele Dänen fuhren mit. Man hatte nicht den König Karl Johann zum Feste erwartet; er kam, und dies veränderte die Situation etwas. Man hatte geglaubt, daß der Ballsaal zu öffentlichem Gebrauche sei, nun kam der schwedische Hof, aber die Fremden wurden sehr artig empfangen. Im Saal konnte freilich Keiner in des Königs Quadrille tanzen, der ihm nicht vorgestellt war, weshalb der Hofmarschall mit vieler Höflichkeit mehrere sich eindrängende Gäste darauf aufmerksam machen mußte. Ich drängte mich durch das Gewimmel, um in das Vorgemach zu kommen, das auch voller Menschen war. Hier wollte ich an der Thüre stehen bleiben, um den König zu sehen, wenn er vorbeiginge, weil ich doch diesen großen Helden und ausgezeichneten Menschen einmal in meinem Leben zu sehen wünschte. Ich hatte noch nicht lange gestanden, als sich ein Adjutant den Weg zu mir bahnte, und mich fragte: „ob ich Oehlenschläger sei!“ Ich antwortete: „„Ja.““ „Dann habe ich den Befehl, Sie zu Se. Majestät zu bringen.“ Ich folgte ihm und stand vor Karl Johann's ausgezeichnetem Antlitz. Er sprach sehr gnädig mit mir, und fragte mich unter Anderm, ob ich einige schöne schwedische Damen gesehen habe. Als ich es bejahte, lud er mich ein, da zu bleiben und mit zu Abend zu speisen. Ich saß lange und sprach mit dem alten Grafen de la Gardie, später aber, als ich in den Pavillon gehen wollte, um zu speisen, war dieser schon ganz besetzt, zum Theil von Dänen, die wohl kaum eingeladen worden waren. Ich bekam nichts. Dies gab mir Veranlassung, viele Jahre darauf den König Oskar zum Lachen zu bringen, als ich ihm erzählte, daß ich einmal von einem Souper mit trocknem Munde gehen mußte, obgleich sein hochseliger Vater mich selbst eingeladen hätte.
Lund.
Wir reisten also nach Malmöe. Der gegen alle Dänen so freundliche und äußerst gastfreie Landrichter Hoffmann näherte sich in einem Boote dem Dampfschiff, um uns zu empfangen. Im Wagen des Landrichters fuhr ich mit meiner Reisegesellschaft in die Stadt. Wie wohlgestimmt fühlte ich mich gleich bei diesem heitern Mann! Die fremde Küste übte, in der schönsten Jahreszeit vor uns ausgebreitet, ihre Zaubermacht auf uns aus. Wir waren von lauter zuvorkommenden Schweden umgeben; der früher dem dänischen Ohr so feindlich klingende Dialekt schmeichelte sich mit allem Wohlklange ein. Mein lustiger, herzlicher Wirth bewohnt ein Haus, das, wenn auch nicht regelmäßig, doch behaglich ist. Eine Menge Zimmer hängen voll von Kupferstichen und Gemälden; gute Möbel standen überall, und ein mechanischer Canarienvogel in einem Bauer wurde gleich in Bewegung gesetzt und mußte uns etwas vorpfeifen. Kleine Tannenzweige waren auf die Dielen gestreut. Dies ist ein allgemeiner Brauch in Schweden, und ich möchte ihn um Vieles nicht entbehren; es versetzte meine Einbildung ganz in das Land der Tannen- und Fichtenwälder.
Später gingen wir mit dem Probst Gullander in die Kirche, die ich so oft vom Friedrichsberger Hügel gesehen hatte. Hier traf ich Leichensteine und Tafeln voll von dänischen Grabschriften. Die Bauern in Schoonen haben noch sehr viel von unserer Sprache, und die andern Schweden sagen von ihnen, daß sie Dänisch sprechen. Der Knudsaal auf dem Stadthause, groß und schön gebaut, erinnerte gleichfalls an Dänemark; in der Vorhalle hängen die Bilder der Königin Margaretha und aller dänischen Unionskönige, und im Saale selbst ist der Hintergrund mit einem Bild geschmückt, das den König Knud den Heiligen in Lebensgröße darstellt. Ich sah auch die Portraits Karl XII. und Gustav III., beides schöne junge Köpfe; aber man kann sich keinen größern Gegensatz denken, von trotziger Ehrlichkeit und feiner List, die sich unter der Maske der Höflichkeit verbirgt.
Unser guter Landrichter fuhr uns darauf nach Lund, wo wir in dem Hause des verstorbenen Professors Lidbeck abstiegen, und wo der Adjunct Wieselgren mich bewirthete. Nach der Mahlzeit kam eine Deputation Lunder Studenten, schwarz gekleidet, mit Degen an der Seite, und luden mich ein, in nächster Woche dem Rectorwechsel und der Magisterpromotion beizuwohnen. Professor Engeström führte mich darauf in die Bibliothek, in das Museum und endlich in den botanischen Garten, wo die Studenten in einem Pavillon sich versammelt hatten. — Engeström sagte mir hier einige ehrende Worte; alsdann wurde ein vierstimmiges Lied gesungen.
Darauf ging ich mit Engeström zu Professor Lindfors, der Kindtaufe hatte und mich bei dieser Gelegenheit bei sich zu sehen wünschte. Wenn ich kurz zuvor in dem Pavillon die begeisterte akademische Jugend kennen gelernt hatte, so erfreute es mich hier, bei einem kleinen Feste, fast alle Professoren zusammen zu sehen und mit einigen Bekanntschaft zu machen, unter Anderen mit einem alten ehrwürdigen Juristen, der mir sagte: „Ich kenne auch Kopenhagen, aber nur aus dem vorigen Jahrhundert.“ Die idyllische Weise, wie solche Feste gefeiert werden in dem mit Blumen geschmückten Zimmer, wo der Wirth selbst mit dem Präsentirteller umhergeht und den Gästen Wein anbietet, erinnerte mich an meine Jugend, als ähnliche alte Gebräuche auch noch bei uns stattfanden und die Herzlichkeit und Festlichkeit noch nicht ganz und gar durch das galante und vornehme Element verdrängt waren.
Nun fuhr ich mit meiner Gesellschaft wieder nach Malmöe und glaubte Alles sei vorbei; aber wie ward ich überrascht, als ich eine weite Strecke von der Stadt entfernt alle Studenten wiedersah; als der Adjunct der theologischen Facultät Thestrup an den Wagen trat und in einer begeisterten Rede im Namen der Schweden für den Genuß dankte, den ihnen meine Schriften bereitet hätten. Unter einem oft wiederholten Hurrah fuhr ich tief bewegt davon, es erschien mir wie ein Traum. Ich, der zu Hause soviel Verfolgungen hatte erleiden müssen, der unaufhörlich in öffentlichen Blättern getadelt, der jeden Augenblick auf der Bühne angegriffen wurde, der nicht mehr in der galanten Welt Mode war, ich ward hier so aufgenommen! — Aber ich wurde deshalb nicht undankbar gegen mein geliebtes Dänemark. Die schöne Flamme eines begeisterten Augenblickes ergriff mich, aber ich vergaß nicht, daß es ein begeisterter Augenblick war; ich wußte, daß ich auch daheim Freunde hatte.
Der Dichter und die Eitelkeit.
Wenn man einander doch recht verstehen wollte! Viele glauben, daß wir Dichter, als höchst eitle Wesen stets Weihrauch verlangen; daß wir nicht glücklich seien, wenn nicht von uns gesprochen wird. Durchaus nicht! das allzugroße Lob ängstigt im Gegentheil, weil wir fürchten, daß die Tadelsucht auf den Augenblick, sich zu rächen harre. Wären wir doch so glücklich, eine ruhige, unerschütterliche Achtung, wie ein anderer ehrlicher Bürger im Staate zu genießen, der sich durch die Handlungen seines Lebens Zutrauen erworben hat. Aber nein! Erst zweifelt man, daß wir Dichter seien, und kaum haben wir dies bewiesen, so zweifelt man, daß wir es bleiben werden. Mit jedem neuen Werke müssen wir, wie vom Anfang an, Alles beweisen. Und gefällt ein Werk nicht, so übertäubt der Tadel eine Zeit lang alles frühere Lob. Alle Halbgebildeten wollen uns unsere Kunst lehren; eine Menge Leser trauen sich zu uns als Richter übersehen zu können. Also sind wir in unserer eignen Kunst die am Verstande Aermsten! Jean Paul sagt: „Wer sich, wie Adelung das Genie ohne Verstand denkt, der denkt es wirklich ohne Verstand! — Aber das geschieht doch oft. Die Reife und Menschenkenntniß, der Scharfsinn und die Urtheilskraft, die dazu gehören ein großes Dichterwerk zu beginnen und zu vollenden, kommen nicht in Betracht. Es glückt uns zuweilen,“ heißt es, — „und häufiger mißglückt es.“ „Wir sind große Kinder, die mit verbundenen Augen in das Glücksspiel des Genie's hineingreifen; Fruchtbäume, die reife oder unreife Früchte, gerade wie es sich trifft, den vernünftigen, gebildeten, geschmackvollen Essern darbieten!“ — Und mit dieser Achtung, die fast an Verachtung grenzt, sollten wir uns begnügen lassen! — denn was ist ein Künstler, wenn er nicht einmal ein Mann ist? Und was ist ein Mann, ohne Vernunft, ohne Geschmack, ohne Sicherheit in seiner Kunst? Ich will nicht ausführlicher erinnern, was ich durch unbilliges Herunterreißen gelitten habe; ich will nur noch erzählen, daß auch meine Kinder von anderen Kindern Hohn und Spott ertragen mußten, weil sie einen solchen Vater hatten. Das war auch ganz natürlich, denn Kinder sprechen nach, was sie von den Aeltern hören. Aber diese Stimmung war, Gott sei Dank, schon ziemlich vorüber. Heute hatte mein Sohn Freude an seinem Vater, und meine guten Landsleute hatten sich auch gefreut, was sie bei der Heimkehr mir durch ein Vivat kundgaben; auch das Jahr darauf ehrten mich dänische Studenten an meinem Geburtstage durch ein Hoch.
Nach oben gethaner Aeußerung hoffe ich, daß man mich weder der Eitelkeit noch des Hochmuthes beschuldigen wird, wenn ich mich künftig öfter bei der Güte und Ehre aufhalte, die mir daheim und in der Fremde erwiesen worden, ebenso wie ich früher oft bei der Feindseligkeit und dem Undank weilte, die ich ertragen mußte. Man hat mich zuweilen der Eitelkeit und Eigenliebe angeklagt. Es dürfte bei dieser Gelegenheit wohl der Ort sein, von diesen Fehlern und der Anwendung auf mich zu sprechen. Daß ich ehrlich und aufrichtig bin, glaube ich durch mein ganzes Leben bewiesen zu haben. Wir wollen erst die Eitelkeit vornehmen. Die eigentliche Eitelkeit besteht darin, daß man sich mit Kleinigkeiten brüstet, oder scheinen will, was man nicht ist. Diese Eitelkeit trifft mich nicht: ich hatte stets einen Abscheu davor, mich mit fremden Federn zu schmücken. In meiner Jugend suchte ich mein Aeußeres so hübsch als möglich zu machen; aber das war nicht Eitelkeit, um zu glänzen, sondern um den Damen zu gefallen, die mir stets außerordentlich gefielen. Diese Lust zu gefallen, die ja jedem Dichter bei seinen Werken vorschwebt, ist nicht Eitelkeit, sondern ein ganz natürlicher Trieb. Wozu sollte man sie sonst veröffentlichen? Ich leugne nicht, daß es Dichter giebt, selbst einige mit scharfem Verstande und viel Phantasie, die mit Recht eitel genannt werden können, weil sie mehr an sich selbst als an ihr Werk denken, aber derjenige, der mit warmem Herzen seine geistigen Erzeugnisse mehr als sich selbst liebt, wünscht ja nichts Anderes als Sympathie zu finden, das heißt Liebe und Harmonie in der Gedanken- und Gefühlsweise, und das ist nicht Eitelkeit: das ist eine der unentbehrlichsten Grundtriebe der Natur. Diese Lust zu gefallen leitet, mit Tüchtigkeit verbunden, zu all den liebenswürdigen, erquickenden Verhältnissen im Leben, die der kalte Egoist, der hochmüthig schweigt und sich selbst genügt, weder kennt noch zu denen er beiträgt. Er ist der wirkliche Eitle, denn er strebt nach einem Nichts, das weder Realität noch Idealität hat. — Was nun die Selbstliebe betrifft, so ist diese auch natürlich, wenn sie mit Liebe zu allem Guten außer uns verbunden ist. Als Christus sagte: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst,“ räumte er der Selbstliebe eine bedeutende Stelle ein. Wer nicht sich selbst und Andere belügt, gesteht auch, daß er sie hat. Sie ist genau mit dem Selbsterhaltungstriebe verbunden. Daß die heroische Selbstaufopferung für Andere etwas Großes und Erhabenes ist, das bei weitem nicht Alle besitzen, leugne ich nicht; die verschiedenen Tugenden strahlen in verschiedenen Richtungen; der Künstler ist meist gewöhnt, seine Lebenskraft seinem Werke zu opfern; doch kann auch er, wenn es die Noth verlangt und die Begeisterung ihn entflammt, Leben und Blut für Vaterland, Gesundheit, Glück und Freude, für seine Lieben aufopfern.
Es giebt noch mehrere Gründe das zu besprechen, was ich nun künftig besprechen werde. Es verschweigen, hieße meiner Biographie ihren halben Stoff rauben, hieße undankbar sein gegen die vielen Edlen, die dazu beigetragen haben, mir mein Leben zu versüßen; würde Züge vernichten und verwischen, die zur Charakteristik des Zeitalters gehören.
Zweite Fahrt nach Schweden.
Ich reiste also den Sonntag darauf mit meiner Familie nach Malmöe. Es war, als ob das Schicksal bestimmt hatte, daß ich die wenigen Tage, die ich in Schweden zubrachte, Zeuge der verschiedenartigsten Auftritte menschlicher Zustände, Leidenschaften und Gefühle sein sollte. Herr Crysander, Vorsteher des Irrenhauses, zeigte uns diese Anstalt; und hier sahen wir travestirte tragische Masken genug in einem lustigen Tanze. Einen eingebildeten Gott, eine 70jährige alte Jungfrau, die noch wie eine Hamlet'sche Ophelia mit Blumen und bunten Lappen schwärmte, einen verrückten Gelehrten, der täglich einen Bogen voll Krimskrams schrieb u. s. w. — Diese Scene wechselte mit einer durchaus entgegengesetzten Art. Der hochverdiente Landeshauptmann Baron Klinteberg war gestorben. So wie ich in der vorigen Woche eine Einladung in Lund zu einer Kindtaufe erhielt, so bekam ich hier eine zu einer Beerdigung. Eigentlich war es eine Beisetzung, denn die Leiche wurde Abends in eine Kapelle gebracht, um später beerdigt zu werden. Ich trat in den dunkeln Saal, wo schwarze Vorhänge das blendende Tageslicht verdeckten, und schwache Wachskerzen ihren Schimmer über den schwarzen Sarg warfen. Die angesehenen Männer der Gegend standen stumm in einem Kreise, der Propst Gullander trat hervor und sprach kräftig und rührend. Das Gefühl, daß ich hier als Lutheraner unter Lutheranern stand, die fast meine Sprache redeten, und ungefähr unsere Religionsbräuche hatten, brachte mich den Schweden noch näher; aber hauptsächlich daß ich mich als Christ und Mensch unter christlichen Menschen an einem Sarge befand! — Der edle Sohn, der durch den Tod seines edlen Vaters vernichtet war, rührte mein Herz, und ich fand es so schön, daß, als der Sarg auf den Leichenwagen getragen werden sollte, er selbst, nach dem Gebrauch des Landes, anfaßte und die Leiche des Vaters hinabtragen half, indem er sein Haupt über den Deckel hinbeugte und ihn mit Thränen benetzte.
Ernste und heitere Eindrücke.
Welch ein Unterschied! als ich später in der herrlichsten Abendröthe, im Treiben munterer Menschen, nach dem Hafen hinunter zum Dampfschiff ging, das gepfropft voll unter einem brüderlichen Hurrah von Dänen und Schweden nach Kopenhagen zurückkehrte.
Den Tag darauf aßen wir bei Kammerrath Qvenzel, wo die besten Männer Malmö's versammelt waren, und mir wieder ein Lied zu Ehren sangen. Ich saß neben der anmuthigen Frau Kiellander, einer jungen Dame voll Talenten und feiner Bildung. Ich ahnte nicht an diesem warmen Sommertage, daß sie den Winter darauf mit ihrem Manne und ihrem Kinde in den kalten Wogen unter dem Eise den Tod finden würde! —
Lund. Tegnér.
Nachmittags fuhren wir nach Lund, um das Concert von Fräulein Schoulz in dem alten Dom zu hören. Mit welcher Ehrfurcht betrat ich diesen Tempel! Eines der größten Denkmäler dänischer Geschichte. Absalon's, Anders Sunesen's und Saxos Heimath, von wo die älteste dänische Wissenschaftlichkeit ausging. Ich erhob die Augen mit Ehrfurcht zu der heiligen Wölbung, unter welcher der Staub so vieler dänischer Ritter und Geistlichen ruht. Ich sah in der Krypta den versteinerten Zauberer Finn die Säule umklammern, und oben in dem innern Chor stand der heilige Laurentius aus Erz gegossen, auf einer Säule, seinen Rost in der Hand haltend. In dem äußern Chor der Kirche war eine Erhöhung mit reichen Blumengewinden und Kränzen zum heutigen Feste gebaut. Aber heute Abend benutzte sie das junge schwedische Fräulein, und schlug wie eine Nachtigall ihre reinen Triller unter der Wölbung in die Abendröthe hinaus, zur Freude für die vielen Menschen, welche die Kirche anfüllten. Hier traf ich meinen Freund, den Bischof Tegnér wieder, der mich verschiedene Male in Kopenhagen besucht hatte.
Wir aßen Abends zusammen bei der Frau Bischof Faxe, und wurden durch die Studenten vom Tisch in den Lustgarten gerufen, um ein Vivat zu empfangen, das sich verstärkte, als wir unsern Dank und unsere Gefühle in einigen herzlichen Worten aussprachen.
Akademische Feierlichkeit.
Am nächsten Tage verkündete der tiefe, starke Glockenklang vom Thurme des ehrwürdigen Doms herab die Feierlichkeit. Man versammelte sich im Museum; die ganze gelehrte Welt aus den südlichen schwedischen Provinzen war zugegen und auch ein Theil der Honoratioren aus der Nachbarschaft.
Der Zug ging in folgender Ordnung zur Kirche: erst zwei kleine, hübsche, weißgekleidete Mädchen mit herabhängenden Locken, welche Körbe mit Lorbeerkränzen trugen; dann die jungen Gelehrten paarweise, die zu Magistern creirt werden sollten. — Nun bahnten die Pedelle, mit silbernen Sceptern in den Händen einer neuen Abtheilung den Weg, dessen erstes Paar war: Tegnér, der als Bischof in Wexiö für den abwesenden Schoonen'schen Bischof Faxe an der Stelle des Patrons Sr. königlichen Hoheit des Kronprinzen, dem Feste beiwohnte; neben ihm ging der Rector magnificus Engeström in rothem Sammtmantel und mit einem goldgallonirten runden Sammthut. Darauf kam der oberste Befehlshaber Schoonen's, Generallieutenant Baron Cederström, neben dem man mir einen Platz angewiesen hatte, dann folgte Baron Gustav Gyllenkrok, Generaladjutant Oberst Clairfeldt und alle Professoren und Adjuncten paarweise.
Wir gingen Alle, außer dem Bischof und dem Rector, mit entblößtem Haupte in die Kirche. Es war eine starke Sommerhitze, und ich mußte meinen Hut oft als Sonnenschirm über meinen Scheitel halten. Auf dem Wege, während der Zug sich Schritt vor Schritt durch die Stadt bewegte, hatte ich Gelegenheit die Bekanntschaft meines edlen Nachbars, General Cederströms zu machen; sein herrliches offenes Antlitz hatte mir gleich Vertrauen eingeflößt, und ich fand mich nicht getäuscht. Unsere Herzen kamen sich entgegen und ich merkte, daß es den edlen Kriegsmann erfreute, den dänischen Dichter durch einen Platz an seiner Seite zu ehren. So fand ich auch die anderen schwedischen Herren. Unter dem Geläute der Glocken und dem Donner der Kanonen traten wir in die Domkirche ein, die, obgleich sie voll Menschen war, doch durch ihre Kühlung erquickte.
Tegnér krönt mich als Dichter.
Tegnér hatte mir vorher gesagt, was er beabsichtige. „Zum Doctor kann ich Dich nicht ohne Wissen des Patrons creiren,“ sagte er: „aber er wird Nichts dagegen haben, wenn ich Dich als Dichter kröne“.
Nachdem er das Fest mit einer schwedischen Rede in Hexametern begonnen, und zum Schluß den Rector gebeten hatte, die Magisterpromotion zu beginnen, wandte er sich an mich, der zu seiner Seite am Hochaltare stand und sagte, erst zu Engeström und dann zu mir, mit lauter Stimme vor der Versammlung;
Aber bevor Du den Lorbeer vertheilst, so schenke mir einen.
Nicht für mich; in dem einen jedoch will adeln ich Alle.
Nordens Sängermonarch ist hier, der Adam der Skalden.
Erbe des Throns im Reich des Gesangs, denn der Thron er ist Göthe's.
Wüßte doch Oskar darum, im Namen des Theuern geschäh es.
Nun nicht ist's in dem seinen, noch minder in meinem, es ist im
Namen des ew'gen Gesangs, lauttönend in Hakon und Helge,
Daß ich Dir biete den Kranz; er wuchs wo Saxo gelebt hat.
Hin sind die Zeiten der Trennung — im Reiche des Geistes, dem freien
Sollten ja nimmer sie sein — und verschwisterte Lieder ertönen
Ueber den Sund und entzücken uns jetzt, und vor allen die Deinen.
Drum beut Svea den Kranz Dir — ich sprech' im Namen von Svea:
Nimm von dem Bruder ihn an, und trag ihn zur Ehre des Tages.
Mit diesen Worten setzte er unter dem Schall der Pauken, Trompeten und dem Donner der Kanonen einen Lorbeerkranz auf mein Haupt.
Alle lächelten mir dabei freundlich zu; ich war tief bewegt, faßte mich aber, und sprach ein Gedicht, das ich aus Dankbarkeit für all' die Güte und Ehre geschrieben hatte, die man mir bei meinem ersten Besuche erwiesen hatte; und in dem Dom von Lund ertönte wieder nach Verlauf von mehrern Hundert Jahren die dänische Sprache mit lauter Stimme von begeisterten Lippen.
Daß Tegnér sich in seinen Erwartungen nicht getäuscht hatte, zeigte der Ausfall, da seine schwedische Majestät einige Monate darauf mich mit dem Nordsternorden beehrte, und seine königliche Hoheit der Kronprinz seine Einwilligung dazu gab, daß die Universität Lund mir das philosophische Doctordiplom sandte.
Mittags nach der Promotion war große Studentengesellschaft in Lund, zu der die Honoratioren und Professoren eingeladen wurden. Ich ging zuvor in den Saal, um mir einen kühlen Platz zu suchen, aber es traf sich so, daß gerade die Ehrenplätze von der Sonne beschienen waren, und es gab dort keine Rouleaux. Das würde mir nun alle Freude gestört haben; aber kaum merkte man meine Noth in der Sonnenhitze, als einige rasche Hände ein paar Rouleaux improvisirten, was eine bedeutende Erleichterung verursachte, um so mehr, als ich — nach Tegnér's Beispiel — gewagt hatte, mein Halstuch abzubinden.
Hier wurden nun wieder Toaste ausgebracht. Als wir vom Tische aufstehen wollten, ergriffen mich ein Dutzend Musensöhne bei den Beinen und hoben mich auf ihre Schultern; das ist hier zu Lande Gebrauch, wenn man Jemand eine ganz besondere Ehre erweisen will. Dasselbe war wieder unten im Lusthause im botanischen Garten beim Kaffee der Fall, wo Professor Agardh mich durch eine kleine Rede ehrte.
Am Abend wagte ich mich, der fürchterlichen Hitze wegen, fast nicht auf den Ball. Ich ging in den Lustgarten hinab, setzte mich unter die großen schattigen Bäume und ließ mich mit ein paar stillen, freundlichen Bürgern in ein Gespräch ein, die auch dorthin gekommen waren, um sich in der Abendkühle zu erquicken.
Rückreise.
Ziemlich spät am nächsten Nachmittage fuhren wir im Wagen des Landrichters nach Malmöe. Ein kleiner, schelmischer Kobold, der wahrscheinlich meinte, daß wir Schoonen nicht ohne irgend einen Unfall verlassen dürften, zerbrach an unserm Wagen die Axe; aber es war nur eine Viertelstunde Weges von Malmöe. In der schönen Sommernacht genossen wir nun erst recht die Kühle und hatten einen angenehmen Spaziergang.
Am nächsten Tage segelten wir mit dem Packetboote bei gutem Winde nach Kopenhagen, und eine Lustreise war damit beendigt, die mir und meiner Familie unvergeßlich bleiben wird.
Ebenso glaube ich, daß viele Dänen freundlich des Besuchs gedenken werden, den der Dichter Axel's und Frithiofs mit Agardh, Thestrup und vielen Einwohnern Schoonen's, uns kurz darauf im Thiergarten bei Bellevüe machten, wo wir Gelegenheit hatten, unseren Nachbarn für all' die Gastfreundschaft, die wir bei ihnen genossen hatten, auch einige Freundlichkeit zu erweisen.
Der Bischof Münter.
Wunderlichkeiten des Bischofs Münter.
Unsere bisherige Wohnung in der Breiten-Straße war uns zu klein geworden; der Bischof Münter, der stets freundlich gegen uns gewesen war, und den ich oft bei seiner Schwester, Frau Brun, sah, überließ uns gern, unter günstigen Bedingungen, seine Parterre-Etage, die groß genug für uns war. Dieser feurige, gutmüthige Mann lebte mit seiner Gelehrsamkeit und Phantasie größtentheils in den südlichen Ländern, wohin die Theologie und Philosophie ihm winkten. Ich hatte seine Abhandlungen von den „Karthageniensern“ und „der Stellung des Weibes in den ersten christlichen Jahrhunderten“ mit vielem Interesse gelesen. Nur Schade, daß man so wenig erfahren kann, wo die Geschichte schweigt. Sollte man es für möglich halten, wenn man es nicht wüßte, daß man die Sprache eines Volks, welches an Stärke und weltgeschichtlicher Bedeutung mit den Römern wetteiferte, nur aus einer Replik in einem Lustspiele jener Zeit kennt? — Münter's Kirchengeschichte war auch sehr geachtet. Seine Uebersetzung der Offenbarung Johannis ist von einem guten Vorwort über die erste christliche Poesie begleitet und in der in Hexametern geschriebenen Uebersetzung erkennt man den würdigen Schüler Klopstock's. Münter liebte sehr die historischen Reliquien aus alter Zeit, er hatte eine Menge Steine mit Hieroglyphen aus Egypten, Mauersteine mit Verzierungen aus Babylon, Steine mit Fischen von den ersten christlichen Grabmälern her, Pagoden u. s. w. Dies Alles schenkte er dem Vaterlande und ließ es in die Wände der Amtswohnung des Bischofs einmauern. Eines Tages ließ er eine Pagode, die mit gekreuzten Beinen dasaß, in eine Nische setzen, die über einer Thür angebracht war. Etwas Zerstreutes hatte Münter immer in seinem Wesen gehabt. Er stand lange da und starrte die Pagode und die Nische an, endlich rief er dem Maurergesellen, der neben ihm stand, eifrig zu: „Die Nische ist zu niedrig; die Pagode hat keinen Platz, wenn sie aufstehen will“! „„Ew. Hochehrwürden““! antwortete der Maurergeselle ganz ernst, „„das thut sie wohl nicht““. Mit dieser Zerstreutheit verband Münter eine sanguinische Zuversicht, daß Alles was geschehen möchte gut ausfallen würde, die ihn selten verließ. Eines Mittags kam Sophie, seine Tochter, zu uns herunter, und theilte uns ganz erschreckt mit, daß ihrer Schwester Ida eine Fischgräte in den Hals gekommen sei. Ich eilte hinauf. Ein Barbier war bereits geholt und stand mit einem langen Fischbeine da und sondirte Ida's Hals, wobei ich, so wenig sie auch einer Wölfin glich, doch an die äsopische Fabel vom Wolfe und Kranich dachte. Ich wollte fragen, wie es gehe, als der Bischof mir entgegentrat. Er stand mit einer Correktur, die er sehr aufmerksam las, mitten im Zimmer, und rief in einem Tone, der zeigte, wie tief er in seiner Arbeit versunken sei: „Oehlenschläger! soll hier ein Komma stehen, oder nicht“? „„Ew. Hochehrwürden““! antwortete ich ernst: „„wir wollen uns doch erst nach dem Komma umsehen, das Ihrer Tochter im Halse steckt““. „O“, antwortete er ganz ruhig, „das wird sich schon wieder geben“. Und das war auch der Fall; aber das konnte er doch nicht so bestimmt voraus wissen. Er hatte auch gleich nach dem Barbier geschickt. Als dieser die Operation zur Zufriedenheit aller Theile gemacht hatte, schenkte ihm der Bischof ein Glas Wein aus der Flasche ein, die noch auf dem Mittagstische stand; und als der Barbier es mit einer tiefen Verbeugung und den Worten leerte: „Ew. Eminenz“! belohnte Münter ihn mit einem freundlichen väterlichen Lächeln.
Gerade so wie Bittermann im Menschenhaß und Reue und wie Bröndsted, stand Münter mit der ganzen Welt in Correspondenz; nur mit dem Unterschiede, daß die erstere erlogen, die beiden letzteren aber wirkliche waren. Das kam nun Keinem wunderbarer vor als mir, der ich das entschiedene Extrem davon abgab. Bröndsted hatte mir während unsers Aufenthalts in Paris einen Widerwillen gegen diese Passion beigebracht. Oft, wenn ich zu ihm kam, hatte er nicht Zeit mit mir zu sprechen, weil er Briefe schreiben mußte, sodaß ich, als ich einmal ärgerlich darüber aus dem Zimmer ging, sagte: „Ich wollte wünschen, ich wäre der abwesende correspondirende Freund“! Eines Tags begegnete ich Münter mit einem versiegelten Packet auf der Treppe, das ihm unfrankirt aus Italien geschickt worden war und einen Louisd'or kostete. „Ich weiß nun, daß es Nichts werth ist“! rief er verzweifelt. „„So schicken Sie es doch uneröffnet zurück, Hochehrwürden““! Aber das konnte er nicht über's Herz bringen. Er war auch neugierig zu wissen, was darin sei, bezahlte seinen Louisd'or, und fand — eine langweilige italienische Doctordissertation.
Er hatte mich sehr lieb, als ich aber Ritter vom Nordstern wurde, sagte er mir in einem Tone, als ob er mir eine Reprimande geben wollte: „Der König liebt das nicht“! Ich antwortete ihm, daß ich keine Schritte gethan hätte, um den Orden zu bekommen, und daß Bischof Tegnér mir geschrieben: „König Karl Johann hat hierdurch nur Schwedens Wunsch erfüllt“.
Tod des Bischofs Münter.
Wenige Jahre darauf kam Ida eines Abends zu uns herunter und sagte, daß ein apoplectischer Anfall ihren Vater getroffen habe. Ich eilte hinauf, nahm ihn in meine Arme, er war noch bei Bewußtsein, wurde zu Bett gebracht, starb aber in der folgenden Nacht.
Er war in der letzten Zeit nicht auf Rosen gewandelt; mit bewundernswürdiger Geduld aber hatte er ein schweres Hauskreuz getragen. Seine edle Gattin — mit ebenso viel Verstand, wie Gemüth begabt — verfiel in eine tiefe Melancholie, die bis zu ihrem Tode währte.
Nach Münters Tode wurde P. E. Müller Bischof, und ich blieb in dem Bischofshause wohnen. Man wünschte eine Büste von dem Dahingegangenen zu besitzen; Freund nahm eine Todtenmaske ab, und mußte sich nun mit einem Portrait von Hornemann und seinem eigenen Gedächtnisse helfen. Alles ging recht gut, bis auf die Augen. Da gab ihm ein Freund den Rath: „Die Augen“, sagte er, „sind ja noch da, frisch und klar; Sie brauchen Sie nur zu kopiren“. Das war ein Räthsel! Die Augen des todten Münter lebten noch! Aber der Freund hatte ganz recht. Er meinte die Augen von Frau Friederike Brun, die denen ihres seligen Bruders auf ein Haar glichen. Freund brachte die nach der Schwester modellirten Augen an der Büste des Bruders an, und Keiner zweifelte, daß es seine eigenen seien. Die sehr ähnliche in Marmor ausgeführte Büste wurde der Universität geschenkt, und im Consistorium aufgestellt.
Ein sonderbarer Besuch.
Ein Bekannter des Bischofs Münter machte mir in diesen Jahren einmal einen Besuch. Es war ein großer, stattlicher Schwede, der mir beim Eintritt seinen Namen nannte, den ich aber nicht verstand. Da ich mich nun genirte, ihn wieder darnach zu fragen, hoffte ich ihn im Laufe des Gesprächs nochmals zu hören, oder ihn durch Eins oder das Andere errathen zu können. Er sagte, daß er gekommen sei, um mich zu fragen, was ich von dem Stoffe zu einem Vaudeville halte, das er zu schreiben gedenke. Er erzählte es mir; es war recht hübsch, und ich hielt daran fest und dachte: es ist also ein Vaudevillendichter. Darauf sprach er von Münter, als von einem alten Freunde: „ich muß Ihnen sagen“, fuhr er fort, „daß ich auch Theologie studirt und die Offenbarung Johannis übersetzt habe“. — Ein Vaudevillendichter, dachte ich nun, der auch Theolog ist. „Münter ist auch Freimaurer“, fuhr er fort, „all seine Freimaurerei hat er von mir gelernt, denn ich bin Meister vom Stuhl“. Jetzt rechnete ich im Kopfe weiter zusammen: Vaudevillendichter, Theolog, Meister vom Stuhl. — Nun sprach er vom König Karl Johann, den er sehr lobte, und sagte: „Ich kenne ihn gut! Ich habe manches Glas mit ihm geleert“. Ich sagte: Vaudevillendichter, Theolog, Meister vom Stuhle, und ein Freund von Karl Johann. Er fuhr fort: „Hier in Dänemark tragen die Leute nicht ihre Orden; morgen gehe ich in die Kirche, da lege ich die meinigen an“. „„Das können Sie auch sehr gut““, antwortete ich, und er fuhr fort: „Ich habe sie alle mit“! Ich sagte: Vaudevillendichter, Theolog, Meister vom Stuhl, Karl Johann's intimer Freund, Seraphimritter. Endlich sprach der Fremde von seinem Sohne, den er daran erinnert hatte, daß ihr Stammvater zu den Ersten gehört habe, welche bei der Eroberung Jerusalems die Mauern dieser Stadt bestiegen. Nun wurde mir klar, daß es der Graf von Saltza sein müsse. Und der war es auch.
Als wir nun bekannt miteinander geworden waren, führte er mich zu seiner Familie nach dem Hôtel du Nord. Dort traf ich den schönen alten Grafen de la Gardie, dessen Bekanntschaft ich in Ramlöse gemacht hatte, und der mir erzählte, daß sein Ururgroßvater bei der Belagerung Kopenhagens Einer der Ersten auf dem Walle gewesen sei. Es war auch ein Baron Bannér dort, von dem Saltza scherzend erzählte, daß er von einem Koch abstamme, der bei einer wichtigen Gelegenheit den Seinigen dadurch den Sieg verschafft hatte, daß er seine Schürze und den Küchenbesen als Banner benutzte, und so die Fliehenden zurückrief. Später nahm Saltza mich in sein Zimmer, zeigte mir verschiedene fromme Bücher, und äußerte religiöse Ansichten, in die ich mich nicht weiter mit ihm einließ.
Schwedische Bekanntschaften.
Da ich hier von Schweden spreche, muß ich noch einige von den lieben Freunden nennen, die von Zeit zu Zeit über den Sund kamen, um uns zu besuchen. Schon im Jahre 1819 lernte ich Beskow kennen, der später einer meiner besten Freunde wurde, und auf den ich im Folgenden zurückkomme. Tegnér trat als ein munterer, rothwangiger, goldlockiger Jüngling bei mir ein, als ich schon ein paar Jahre Professor gewesen war. Früher hatte ich den noch blonderen Ling, Dichter und Fechtmeister gesehen, der in seiner Gylfe, Phantasie und Sinn für altnordische Poesie zeigte, ohne doch eigentlich den richtigen Ton in der Darstellung gefunden zu haben. Geijer schenkte mir in späteren Jahren auch einen kurzen Besuch, aber wir lernten einander doch nicht recht persönlich kennen. Er hatte meine früheren Arbeiten gelesen, später, vielleicht durch den häufigen Tadel bewogen den er über mich gehört hatte, sagte er selbst in einer Schrift, die von ihm erschien, daß er mir nicht weiter gefolgt sei. Obgleich er die harten Angriffe mißbilligt, so scheint es doch, als ob sie ihm das Zutrauen zu meiner Entwickelung geraubt hätten und er mich deßhalb fallen ließ. Ich selbst lernte diesen ausgezeichneten Mann erst kennen und schätzen, als ich seine Chronik des schwedischen Reiches las; philosophisch-dichterisch hat er die älteste Mythologie und Sagengeschichte des Nordens aufgefaßt, wie noch kein Anderer. Der Geschichtsschreiber Geijer war auch Dichter, hat gute Lieder geschrieben und selbst reizende Melodieen dazu componirt. Später besuchte mich Fryxell, und ich wurde sehr für diesen liebenswürdigen Mann eingenommen, durch dessen vortrefflich geschriebene Geschichte ich Schweden erst recht kennen gelernt habe.
Frederik Classon Horn.
Noch muß ich hier des unglücklichen Grafen Frederik Classon Horn erwähnen, der als Theilnehmer an dem Königsmorde Gustavs des Dritten nach Dänemark floh, wo er unter dem Namen Classon mehrere Jahre ein armes, kummervolles Leben führte. Ich lernte ihn bei Rahbeks kennen, und er besuchte mich. Er war auch Dichter, blies vortrefflich die Flöte und soll ein vorzüglicher Mathematiker gewesen sein. Obgleich er mir nie recht seine Reue über das Verbrechen eingestehen wollte, und, wenn man von Gustav III. sprach, sagte: „Das war, hol' mich der Teufel, ein sakermentscher Ränkemacher“, so konnte man doch die Gebeugtheit an seinem ganzen Wesen erkennen, denn Horn war weit davon entfernt, ein grausamer, blutdürstiger Mensch zu sein; phantastische Freiheitsschwärmerei mit persönlicher Unzufriedenheit verbunden, hatte ihn, ebenso wie Ribbing, mit Ankarström in Verbindung gebracht, der Gustavs eigentlicher Feind war. Die alten Aristokraten, Pechlin und Liljehorn, benutzten diese demokratisch gesinnten Jüngeren als ihre Handlanger, obgleich beide Parteien von entgegengesetzten Motiven getrieben wurden. — Als die Gefangenen im Correctionshause auf Christianshafen Aufruhr gemacht hatten, und mehrere von ihnen hingerichtet waren, schlug Steffen Heger, der viel mit Horn umging, ihm vor, daß sie eines Nachmittags hinausgehen wollten, um die Köpfe der Hingerichteten auf den Stangen zu sehen. Der phantastische Horn war gleich dazu bereit. Auf der Richtstätte beobachtete Heger, welchen Eindruck es auf ihn machte. Er stand lange still da, und starrte auf die leblosen Köpfe; darauf sagte er leise, indem er fortging: „Ich bin“, indem er den Zeigefinger in den Mund steckte, „hol' mich der Teufel! auch nicht weit davon entfernt gewesen“! — Ich beklagte oft diesen unglücklichen Mann, wenn ich mit ihm zusammen war und ihn betrachtete, ohne daß er es merkte. Er war groß und schlank, hatte ein sehr ausdrucksvolles Gesicht, Adlernase und feurige Augen, aus denen Begeisterung und Milde sprach. Ich stellte ihn mir als Minister mit Ordensband und Sternen vor, eine Stellung, die er in seinen Verhältnissen leicht hätte erreichen können, wenn nicht die verbrecherische That ihn in Armuth und Elend gestürzt hätte: ein Zustand, den er nach Allem, was geschehen war, doch ein Glück nennen mußte, da er dem Schafote entging. Gewiß muß etwas Schiefes in der Natur und ein Mangel an höherm Humanitätsgefühl in der Seele sein, die sich verlocken und verblenden läßt, einen Meuchelmord zu begehen.
Er schenkte mir seine Gedichte, in die er schrieb: „Meine Thränen bei Deinem Correggio waren ohne Zweifel ein Deiner würdigeres Opfer als diese Blätter“.
Mit Berzelius machte ich keine nähere Bekanntschaft. Er besuchte mich einmal den Tag vor seiner Abreise, und da er hörte, daß ich im Theater sei, sagte er: „Ja, ja, das ist nun sein Laboratorium“.
Kammerherr Ries.
Anekdoten von Christian VII.
Eines merkwürdigen Mannes muß ich hier erwähnen, den ich von meiner frühen Jugend her kannte, und dessen Bekanntschaft jetzt erneuert wurde. Es war der Kammerherr Ries. Er war Christian VII. dienstthuender Cavalier gewesen, und ich sah ihn täglich mit dem Könige spazieren gehen. Im Anfange meiner Dichterperiode besuchte ich ihn auf dem Friedrichsberger Schloß; er hatte meine Arbeiten gern, war selbst deutscher Dichter, und ich übersetzte ein paar seiner Stücke ins Dänische. Nun vergingen wohl zwanzig Jahre, ehe wir uns wiedersahen. Er war nach Christian VII. Tode Zollbeamter auf Fehmarn geworden. Er war mir stets gefolgt, seine Liebe zu meinen Schriften war gestiegen; beim Eintreten in mein Zimmer fiel er mir um den Hals und bat mich in dem kräftigen, herzlichen Tone, den ich von Alters her kannte, ihn Du zu nennen. Wir wurden bald Freunde und Vertraute, obgleich er um eine gute Zahl von Jahren älter war als ich. Er war ein großer, starker Mann, der seine Jugend unter dem Militair zugebracht hatte; sein ausdrucksvolles Gesicht war derb und ehrlich; ich nannte ihn meinen Götz von Berlichingen. Er hatte viel mit Christian VII. zusammen gelebt; ich bat ihn, seine Memoiren zu schreiben, die gewiß viel Interesse gehabt haben würden, er versprach es, aber es wurde nie Etwas daraus. Es war wohl auch noch zu früh, damals Etwas zu erzählen, was übrigens Alle wußten. Die Geistesschwäche des Königs hatte den sonderbaren Charakter, daß der äußere Anstand aufrecht erhalten werden konnte, ohne daß man ihn von seinem Hof zu entfernen, oder ihn abzusetzen brauchte; der Kronprinz, sein Erbe, wurde schon bei seinen Lebzeiten sein Nachfolger. Er war es, der die Macht in Händen hatte; Alles ging nach ihm, Alles bestimmte er, nur mußte Christian unterschreiben. Zuweilen hielt dies ziemlich schwer, wenn man ihn aber das drohende Wort „Absetzung“ ins Ohr flüsterte, so wurde ihm angst, und er that, was man wollte. Kleine Neckereien, eine Folge seiner Krankheit, suchte man durch Vorsicht zu verhindern. So waren die Pagen instruirt, bei der Tafel seinen Stuhl festzuhalten, wenn er zuweilen aufstehen wollte, um die Andern am Essen zu verhindern. Einen und den andern Pagenstreich dagegen konnte man doch nicht hintertreiben. Es war am Hofe verboten, mit ihm zu reden, und ihm zu antworten, wenn er fragte; nichtsdestoweniger hatte ihn ein Page doch einmal in einen Winkel zu locken gewußt, und ihm gesagt: „Verrückter rex! mach' mich zum Kammerjunker“. — Bei dieser Gelegenheit will ich auch erwähnen, wie er einmal einen Kammerherrn creirte. Er war genöthigt worden, die Kammerherrnbestallung für einen Mann zu unterschreiben, den er nicht leiden konnte. In demselben Augenblicke kam einer der niedern Hausofficianten ins Kabinet, in seiner gelben Jacke, die Mütze mit des Königs Namenszuge auf dem Kopfe, mit einer Tracht Brennholz auf dem Rücken, das er beim Kamine niederlegte. „Du, höre mal“! rief der König: „willst Du Kammerherr sein“? Auf die wiederholte Frage antwortete der Knecht, daß es nicht so übel wäre, wenn er es werden könnte. „Nichts ist leichter“! antwortete der König, „folge mir“! Es war gerade eine Versammlung des Hofes in dem großen Saal neben dem Kabinete. Der König faßte den Hausknecht bei der Hand, öffnete die Thür, trat in die Mitte der Versammlung ein und rief mit lauter Stimme: „Ich ernenne diesen Mann zu meinem Kammerherrn“. Der Marschall nahm später den Mann zu sich hinauf; dieser sah selbst ein, daß er nicht zum Kammerherrn paßte, und daß ihm mit einer Würde nicht gedient sein könne, zu deren Aufrechterhaltung ihm die Mittel fehlten; und er war deshalb sehr erfreut über die Nachricht, daß man, in Betracht der gnädigen Gesinnung, welche Sr. Majestät gegen ihn gezeigt habe, ihm ein schönes Bauerngut kaufen wolle. — Aber Christian hatte auch seine lichten Augenblicke. Einmal in einer ähnlichen Abendgesellschaft trat er mitten unter den großen Hofschwarm, machte ein Zeichen mit der Hand und rief: Ruhe! Und als Alle vor Verwunderung und Bestürzung schwiegen, declamirte er laut, deutlich, vortrefflich und mit tiefem Ernste Klopstock's Ode an die Fürsten. Als es geschehen war, lachte er laut und ging wieder. — In seiner Jugend hatte er (ebenso wie Gustav III. in Schweden, den er Vetter Don Quixote nannte) viel scenisches Talent gehabt, und soll den Orosman in Voltaire's Zaïre gut gespielt haben.
Ries versuchte auf alle Weise, ihn zu zerstreuen und zu unterhalten, so gut er konnte. Er war mitten im Treiben des Hofes sein einziger Umgang. Sie spielten täglich Billard zusammen; der König wollte immer hoch spielen. Ries that als ob er sich darin fand, und gewann scheinbar große Summen. Wenn er dann sagte: „Wollen Ew. Majestät nicht die Gnade haben mich zu bezahlen, ich brauche Geld“, so antwortete der König schlau: „Sprecht mit dem Kronprinzen“!
Aber obgleich nun Christian VII. auf seine Art Ries lieb hatte, und vom Morgen bis zum Abend mit ihm lebte, so war Christian doch so kalt, gefühllos und feig geworden, daß es ihn gar nicht geschmerzt hätte, wenn man ihm eines Tages erzählt haben würde: „Ries ist gefangen“! „Und“, sagte dieser, „hätte er gehört, daß ich hingerichtet werden sollte, so würde er nicht nach der Ursache gefragt, oder irgend einen Schritt gethan haben, um mich zu retten“.
Ries starb vor ein paar Jahren; in seinen Gedichten war Phantasie und Kraft, er hatte etwas „Bürger'sches“, und die Romanze glückte ihm am besten.
Commandeur Sölling.
Ein Mann, dessen ich mich gerade wegen seiner außerordentlichen Verschiedenheit von Ries bei dieser Gelegenheit erinnere, und der mich oft besuchte, war Commandeur Sölling. Keiner leugnet, daß der dänische Matrose stets etwas ganz besonderes Charakteristisches gehabt habe. So lange das deutsche Element hier in Dänemark herrschte, war der Seeetat fast das Einzige, was das nationale Gefühl repräsentirte. Unsere alten Wikingszüge, Knud's, Svend Gabelbart's, Waldemar's und Absalon's Heldenzüge, und (nachdem die unglückselige lübecker Zeit vorüber war, wo die deutschen Krämer auf ihren Schiffen hersegelten und uns in Zucht hielten) das Andenken an die Juels Hvidtfeldt, Adeler, und Tordenskjold frischte das alte nationale Gefühl auf. Diesem Gefühle setzte die Schlacht am 2. April 1801 die Krone auf, bei welcher Gelegenheit Nelson sagte: (Siehe: Southey, Life of Nelson): „Die Franzosen schlagen sich gut; aber das Feuer, das die Dänen vier Stunden lang ausgehalten haben, würden jene nicht eine einzige ertragen haben.“
Das muntere, schnelle, stolze, unerschrockene, launige, oft witzige Wesen, das sich so vielfach bei dem dänischen Matrosen zeigt, fand sich auch bei vielen der Officiere. Englisch und Französisch wurde auf der Seecadettenakademie gelehrt, aber nicht Deutsch. Mit dem Deutschen hatten die Söhne des Meeres Nichts zu thun; sie trugen kein Von vor ihrem Namen, und selbst der Adelige legte als Marineofficier das seinige ab. Ein gewisses Verspotten der Convenienz gehörte mit zu diesem Tone. Allmälig hörte dieser auf; Sölling aber war noch eines der Exemplare, die dieses Gepräge behalten hatten, er setzte es fort, und das stand dem kleinen gewandten, feurigen Seemanne gut, man mußte es ihm verzeihen, daß er das Wesen bisweilen mit einer Art Coquetterie übertrieb, und es ein Bischen zu lange als alter Mann fortsetzte. — Ein paar Anekdoten von ihm fallen mir ein. Als er ein Mal aus Westindien von einer mißglückten Speculation heimkehrte (die dänischen Marineofficiere hatten damals das Recht Handel zu treiben), bei seiner hübschen Frau auf Fredensburg zum Kaffee war und sie ihm ein paar Henkeltassen vorsetzte, sagte er: „Nein, liebes Kind, dazu haben wir, hol mich der Teufel, die Mittel nicht!“ Damit brach er die Henkel von der Kaffeetasse ab. — In der Operette Peter's Hochzeit kommt ein schöner Seemannschor vor, der vor mehreren Jahren bei der Aufführung auf Verlangen des Publikums wiederholt wurde; denn obgleich es eigentlich nicht gestattet war, sich nach dem Dacaporuf zu richten, so fand hier eine Ausnahme statt, und es wurde nicht als eine Wiederholung aus Kunstgenuß, sondern — was es auch war — aus Vaterlandsbegeisterung betrachtet. Es ist sehr möglich, daß Sölling auch damals Derjenige war, der Dacapo gerufen hatte. Das war aber schon lange her. Nun sollte wieder Peter's Hochzeit aufgeführt werden, und er ging hin, um sein Dacapo wieder zu rufen, da er aber nicht musikalisch war, so hatte er vergessen, daß die Strophen des Chores mehrere Male wiederholt werden. Kaum waren sie das erste Mal gesungen, so stand er im Parterre auf (ich war selbst zugegen) und rief sehr höflich, aber mit durchdringender Donnerstimme: „Dürften wir Sie wohl bitten, das noch ein Mal zu singen?“ Da die Wiederholung gleich kam, so nahm man weiter keine Rücksicht auf die Aufforderung und setzte den Chor fort. Sölling aber ließ sich nicht abschrecken, und als er merkte, daß es wirklich zu Ende sei, bat er noch ein Mal darum, und sein Wunsch wurde erfüllt. — Sölling hatte sich dadurch bei der Marine verdient gemacht, daß er die bedeckten Lootsenboote in Norwegen einführte, wodurch jährlich viele Menschenleben gerettet wurden. Hier stiftete er die Bombenbüchse, eine Anstalt in der alte Seeleute Aufnahme fanden. Wegen der Concerte, die jährlich zum Besten dieser Stiftung gegeben wurden, kam Sölling oft zu mir, um sich Lieder schreiben zu lassen. Bei solchen Gelegenheiten hatten wir lange Gespräche, in denen er mir seine Schicksale und Abenteuer erzählte. Diese Erzählung begleitete er stets sehr lebhaft mit starken Bewegungen und Ausdrücken. Einmal stand er mit mir am Fenster meines Zimmers, das nach der Universität zu lag. Hier erzählte er mir eine Geschichte, die ich vergessen habe, wie er einmal an einer Thüre gelauscht und durch eine Spalte in der Diele geblickt habe, um Etwas zu erfahren. „Ich zog den Rock aus, sagte er“ (dabei that er es), „warf mich auf die Erde“ (dieselbe Bewegung), „und sah durch die Spalte!“ (da legte er das Gesicht gegen meine Thür). „„Lieber Herr Commandeur!““ sagte ich: „„ich verstehe Sie auch ohne das. Was sollen die Leute denken, wenn man, von der Straße aus, sieht, daß Ihr Rock ausgezogen wird und Sie auf den Boden stürzen, während ich neben Ihnen stehe? Man muß ja glauben, daß ich Sie in meinem eigenen Hause überfalle und plündere. Und wenn nun Jemand kommt und die Thüre öffnet, so schlägt er Sie vor die Stirn.““ „O, es ist nicht so gefährlich,“ sagte er, und sprang wieder auf.
Reise nach Leipzig.
Dresden. Dr. Carus.
Im Jahre 1830 machte der Buchhändler Heinrich Brockhaus mit seiner Frau eine Reise nach Kopenhagen. Er besuchte mich. Frau Brockhaus und meine Tochter Charlotte wurden bald sehr gute Freundinnen, und da sie mich baten, diese mit nach Leipzig nehmen zu können, und mich, sie im nächsten Sommer abzuholen, willigte ich gern ein. Ich traf dort im Juni 1831, wie es verabredet war, ein. Während dieser Zeit hatte Charlotte Deutsch wie eine Eingeborne gelernt, und corrigirte mich zuweilen, wenn ich Danismen sagte. Ich hatte auch den Fischer übersetzt und umgearbeitet, den, da er nicht zum Accord mit Max gehörte, Brockhaus verlegte. Prinz Friedrich von Sachsen war damals in Leipzig und hatte die Revue über die Communalgarde abgehalten. Friedrich Brockhaus war hier sein Adjutant. Der Prinz lud mich Abends im Theater in seine Loge ein, und ich versprach ihm, meine Aufwartung zu machen, wenn ich nach Dresden kommen würde. Als wir von Leipzig abreisten, begleitete uns Charlotte's Freundin, Fräulein Ottilie Wagner, eine Schwester der Frau Brockhaus, nach Kopenhagen. Wir reisten zuerst nach Dresden und dann nach Berlin; aber ich hatte nicht Zeit, mich an diesen Orten lange aufzuhalten, da ich nach Hause mußte, um das Rectorat zu übernehmen. In Dresden war ich einmal bei dem Prinzen Friedrich zu Mittag. Hier traf ich den berühmten Dr. med. Carus, der in Dresden für eines der größten ästhetischen Lichter galt, und ein specieller Freund von Tieck war. Er kam mir nicht sehr freundlich entgegen, opponirte vornehm, und als die Rede auf Thorwaldsen kam, sagte Herr Carus, daß Thorwaldsen kein Bildhauer sei; er sei mehr Maler, und deshalb sei auch das Basrelief, das sich der Malerei mehr nähere, ihm am besten geglückt. Ich erstaunte höchlichst, und antwortete nur: „Wenn Thorwaldsen nicht Bildhauer ist, dann weiß ich nicht, was ein Bildhauer ist.“ Ich erinnerte mich meines Gesprächs vor 15 Jahren mit Tieck, als er sagte: „Wenn Canova ein Bildhauer ist, so weiß ich nicht, was ein Bildhauer ist“ und ich dachte: „Ihr guten Leute; wüßtet Ihr nur was Ihr selbst seid.“ Ich konnte leicht einsehen, daß ich als Dichter nicht viel in Carus' Augen gelten konnte, da mein großer Landsmann so abgefertigt wurde.
Zusammentreffen mit Tieck.
Aber Tieck fand ich sehr liebenswürdig, er kam mir freundlich entgegen und das rührte mich. Ich las ihm meinen Fischer und die Drillingsbrüder von Damask vor, die ihm gefielen. Ich dedicirte ihm beide Stücke mit folgendem Gedicht:
„Zu meinen Kindermärchen kehr ich wieder;
Doch kann der Mensch nicht aus sich selbst heraus.
Noch schwingt die Phantasie leicht ihr Gefieder,
Doch hat der Dichter Kinder, Weib und Haus.
Nicht mehr Aladdin er die Lampe scheuert,
Ein Fischer, harrt er an dem Strande dreist;
Hat sich das hübsche Wunder doch erneuert?
Zog er in seinem Netz hinauf den Geist?
Doch — wie die alten Bilder mich besuchen,
Und bringen wieder manch verschwund'nes Glück,
Kehrt auch lebendig — unter meinen Buchen —
Des Freund's Erinnerung mir treu zurück.
Dir reich ich gern, was in den letzten Träumen —
Zu sehn die nord'sche Muse sich gewagt,
„Ich habe nie verlangt, daß allen Bäumen
Dieselbe Rinde wachse,“ Lessing sagt.
Doch edler Tieck! wenn auch in ein'gen Dingen
Verschieden, stehen wir uns gar nicht fern:
Den Hippogryph mit breiten bunten Schwingen
Wir reiten nach dem Wunderlande gern.
Hast mir den Weg gezeigt, vom edlen Britten
In Sturm und Sommernacht vorher geritten:
Mein Tieck, ich seh' Dich wieder, helle Thränen
Stehn mir im Auge; Du bist wieder mein.
Holberg's Apostel und Du Freund der Dänen
Du hast nicht aufgehört mein Freund zu sein!“ — —
Tieck schrieb in mein Stammbuch:
Freud' ist mir jetzt geworden,
Es bringt mir lieben Gruß,
Der Dichter aus dem Norden,
Und seinen Bruderkuß.
Er sprach: Warum denn richten?
Da noch die Kraft gesund?
Weit besser klingt das Dichten
Von einem Sängermund.
So darf der Dichter sprechen,
Dem hold die Muse lacht;
Er wird die Lorbeern brechen,
Die sie ihm zugedacht.
Dein freundliches Gemüthe
Hat sich mir längst bewährt;
Mit Deines Kindes Blüthe
Bist Du zurückgekehrt.
Sie spricht des Vaters Wahrheit,
Sie lächelt seinen Blick;
So bleibt denn Lieb' und Klarheit
Der Zukunft auch zurück.
Und neu mit Dir verbunden
Reich ich die Freundes-Hand,
Wie wir uns früh gefunden,
Hast Du mich nie verkannt.
Wir Sanges-Brüder wallten
Durch manchen schönen Raum,
Lebendig festzuhalten
Des Lebens Wunder-Traum.
Seh' ich einst Deine Auen?
Kehrst Du zu unsern Gauen?
Grüß ich Dich dorten, hie?
Doch, wie sich's mag gestalten,
Wir bleiben stets die Alten!
Entfremdet sind wir nie!!“
Dein treuer Freund und Bruder
Ludwig Tieck.
Burgstorph. Rumohr.
So verbrachte ich einige schöne Tage mit Tieck; ja eines Abends nahm er sogar meine deutsche Uebersetzung des Holberg hervor und las uns ein Stück daraus vor, während er sich gewöhnlich an die alte Uebersetzung zu halten pflegte, was er auch wohl später wieder that. Die pedantische Weitläufigkeit im Styl und die Plumpheit in den Ausdrücken, die Holberg selbst weit übersteigen, waren für ihn, der das Original nicht kannte, nicht abstoßend. Tieck war als vortrefflicher Vorleser bekannt; dieses Talent hatte er entwickelt, als er eine Reihe von Jahren, als die Gicht ihn am Gehen verhinderte, fast jeden Abend in einem Kreise von Freunden oder Reisenden, die ihn besuchten, eins oder das andere Dichterwerk vorlas. Die Aerzte hatten ihm diese körperliche Anstrengung gerathen, die also ebenso nützlich für ihn, wie angenehm für Andere wurde. Es war für ihn ein doppelter Nutzen; denn er machte sich dadurch eine große Menge von Freunden verbunden, welche seine Gastfreundschaft, und jeden Abend eine so schöne Unterhaltung in seinem Hause genossen. Freilich mußte es ihm viel kosten; oft waren zwanzig und mehr Menschen jeden Abend zum Thee da. Ob Tieck damals eine Pension hatte, weiß ich nicht. Er schrieb jedes Jahr eine Novelle für Brockhaus' Urania, die ihm sehr gut honorirt wurde. Aber er stand in einem andern merkwürdigen Verhältnisse, das so charakterisch war, daß es hier besprochen zu werden verdient. Durch seine außerordentliche Persönlichkeit — er hatte ein schönes Gesicht, dessen große, braune, feurige, und wenn er wollte, milde Augen, welche Alle einnahmen, die ihm begegneten — durch seine Beredtsamkeit, die oft satyrisch und polemisch war, schuf er sich eine große Partei. Da er nun ganz sein eigener Herr war, kein Amt hatte, durchaus nicht von der Zeit abhing, und sehr viel Lust spürte, umherzureisen, und Kunstwerke und Naturschönheiten zu sehen, so fand er sehr leicht junge enthusiastische Freunde, die nichts mehr wünschten, als in dem innigsten Verhältnisse mit ihm zu stehen, und das Leben mit ihm zu theilen. So fand er früh einen Baron Burgstorph, später den berühmten Rumohr, die beide reich waren, und eine Freude daran fanden, Das herbeizuschaffen, was Tieck fehlte. Auf diese Art reiste er wahrscheinlich nach Italien. Daß Rumohr später Tieck nicht leiden konnte, beweist Nichts, da Rumohr ein Sonderling und rechthaberisch hinsichtlich seiner Kunsturtheile war (wenn auch wirklich ein seltener Kunstkenner); er wollte auch Poet, wenigstens Novellenschreiber sein, und hat als solcher wahrscheinlich Tieck nicht gefallen. In spätern Jahren hatte sich eine Gräfin Finkenstein aus einer der ersten preußischen Familien der Tieck'schen ganz angeschlossen. Tieck's Frau war eine Tochter des Predigers Alberti, seine Töchter, Dorothea und Agnes, waren bereits erwachsen. Nun lebten sie mehrere Jahre zusammen, und die Einladungen von Tieck geschahen stets im Namen der Gräfin von Finkenstein. Sie freute sich während der Vorlesungen zugegenzusein, und ihre Augen beobachteten die der Zuhörer, um zu sehen, welchen Eindruck der Vortrag ihres Lieblings auf sie machte.
Gräfin Finkenstein. Böttiger.
Tieck las den Holberg mit seiner gewöhnlichen Virtuosität und Laune vor; aber es fehlte ihm natürlich Etwas vom nationalen Elemente. Ich hätte gern auch einmal ein Stück von Holberg vorgelesen, um Tieck eine Idee von der Art und Weise zu geben, wie wir Dänen den Dichter auffassen; auch mir ist zu Hause Beifall beim Vorlesen von Dichterwerken geworden, obwohl ich nur selten las. Aber — ich merkte wohl, daß Tieck ein Bedürfniß hatte, selbst zu lesen, und sprach also nicht davon. Wenn es Dramen waren, so ging es gut; zuweilen aber las er ganz lange Novellen vor, und das war zu viel. Auch glückte ihm das Komische viel besser als das Tragische, wobei er nicht selten in einen trockenen, manirirten Ton verfiel. Wenn nun hiezu kam, daß die Fenster selbst in den Hundstagen geschlossen werden mußten, so verursachte mir das eine Betäubung, die zuweilen in unbezwinglichen Schlummer überging.
In Dresden besuchte ich auch meinen alten Freund Böttiger. Seit dem gestiefelten Kater, in welchem Stücke Böttiger eine persönliche Rolle spielt, war kein gutes Vernehmen zwischen ihm und Tieck gewesen, wobei die Schuld wohl mehr an diesem als an jenem liegen mochte. Tieck sprach stets mit Geringschätzung von Böttiger, der vorsichtige, artige, alte Mann dagegen wägte stets seine Worte ab. Nur einmal, da es ungeheuer heiß war, sagte er mit schelmischem Lächeln: „Sie sollen Tieck heute Abend hören! Sie Glücklicher“!
In mein Stammbuch schrieb er:
„Zweizüngig ward einst Ennius genannt
Auch Du, mein Freund, hast, wie bekannt,
Unsterblichkeit Dir in zwei Schwesterzungen
Mit aller Musen Gunst errungen.
Teutonia und Daniska legt' ein Lorbeerreis
Dir auf die Wiege. Wer möcht' nicht um diesen Preis
Zweizüngler sein in biedrer Männer Kreis?“
In Berlin ging ich gleich zu meinem alten Gönner, dem Grafen Bernstorff, der nun preußischer Minister war. Er kam mir mit offenen Armen entgegen, und sagte, indem er auf den Tisch zeigte: „Da liegen Sie! Ich habe mich gerade in diesen Tagen mit Ihnen beschäftigt“. Es war meine Deutsch geschriebene Selbstbiographie, mit der meine Werke bei Max anfingen.
Berlin. Wilhelm von Humboldt.
Ein paar Tage darauf fuhr ich nach Tegel hinaus, um den Staatsminister Wilhelm von Humboldt, nicht als Minister, sondern als Gelehrten, als Aesthethiker, und als Schiller's vieljährigen vertrauten Freund, zu besuchen. Es hatte sich bisher in meinem Leben noch nicht so gefügt, daß ich mit diesem seltenen Manne zusammengetroffen war. Seine Frau hatte ich in Rom 1809 sehr gut gekannt, wo ich sie zuweilen mit Frau Brun und Thorwaldsen besuchte.
Als ich nach Tegel in den kleinen Lusthain kam, der an das Haus stößt, wo er wohnte, stand Graf Raczynski da und zeichnete eine Waldpartie. Er war mehrere Jahre preußischer Minister in Kopenhagen, wo er mich gleich besuchte und mich zu seinem gastlichen Tische einlud. Er war reich, ein Pole von Geburt, Kunstkenner, Freund der Poesie, und zeichnete selbst. — Als ich ihm erzählte, daß ich Humboldt besuchen wolle, sagte er mir, daß er bereits dort gewesen, aber nicht angenommen worden sei. Ich wollte wieder umkehren; aber Raczynski sagte: „Nein, gehen Sie nur! Sie werden schon vorgelassen“! Er meinte wohl, daß, obgleich der Minister nicht für den Minister zu Hause sein wollte, um sich nicht mit Staatsangelegenheiten beschäftigen zu müssen, er doch gerade dadurch als Gelehrter und Kunstfreund eine Musezeit gewonnen hätte, die er dem Dichter schenken könne. Und das war auch der Fall. Humboldt kam mir wie ein alter Freund entgegen, ergriff meine beiden Hände, sah mich lange und freundlich mit seinen großen geistvollen Augen an, indem er ausrief: „Oehlenschläger“!
Wir hatten nun ein langes Gespräch, und ich mußte mit ihm durch den Wald zum prächtigen Grabmal seiner Frau gehen. Auf dem Wege stand Raczynski noch immer und zeichnete. Humboldt grüßte ihn freundlich, ohne das Gespräch zu unterbrechen, und ging weiter. Dies war das erste und letzte Mal, daß ich diesen ausgezeichneten Mann sah.
Raczynski. Stieglitz.
Mit Raczynski war ich im Theater und sah Devrient den Shylok und Madame Stich die Portia in Shakespeare's Kaufmann von Venedig spielen. Ich bewunderte hier die letzten Strahlen des großen Künstlergenies, das sich seinem Ende näherte. Madame Stich war anmuthig und herrlich als Portia. —
Einen angenehmen Abend brachte ich bei einer Familie zu, die später durch ihr unglückliches Geschick berühmt geworden. Es war dies beim Doctor Stieglitz und seiner jungen reizenden Frau. Hier traf ich auch Theodor Mundt als ganz jungen Mann. Er hat später in einer Schrift das unglückliche Ereigniß erzählt. Die junge Charlotte Stieglitz liebte ihren Mann sehr, und er sie; aber doch glaubte sie, von einer stillen, sonderbaren Schwärmerei ergriffen, daß sie ihn nicht glücklich mache. Sie sprach nicht darüber, und er hatte keine Ahnung von Dem, was in ihrem Innern vorging. Einmal, als er in Gesellschaft gehen wollte, hatte sie sich zu entschuldigen gewußt. Als er nach Hause kam, fand er das Haus in der gewöhnlichen Ordnung, aber seine Frau hatte sich zu Bett gelegt. Er näherte sich dem Bette, das auch sehr reinlich mit feinen, weißen Laken bedeckt war. Sie lag lächelnd in graciösem Negligée da. Aber einige Blutflecken erschreckten ihn, und als er die Decke zurückschlug, sah er die schöne Charlotte Stieglitz mit einem Dolche in der Brust in ihrem Blute schwimmen.
Prometheus. Tordenskjold.
Bei meiner Rückkehr in die Heimath wurde ich Rector, und war in den Jahren 1831, 32 und 33 sehr fleißig. Ich schrieb und hielt zwei lateinische Reden, gab die Monatsschrift Prometheus heraus, wobei ich nur wenig Hülfe hatte, und in der Vieles Original war; außerdem schrieb ich die Tragödien Tordenskjold und Königin Margareta.
Prometheus enthält unter Anderm Novellen vom Herausgeber, Urtheile über Heiberg's, Overskou's und Hertz's dramatische Arbeiten, die Vertheidigung Thomas Thaarup's gegen Molbech's Herabsetzung, eine Widerlegung der Beurtheilung desselben über Balder's Tod von Ewald u. a. m. Aber hiervon will ich keine Auszüge geben, da ich, wenn diese ausführlichere Lebensbeschreibung erschienen ist, gedenke, meine ästethischen Abhandlungen in einem besondern Bande herauszugeben.
Meine Tochter Charlotte.
Fräulein Ottilie Wagner, welche mit von Leipzig gekommen war, blieb ein Jahr bei uns und war Charlotte's vertraute Freundin. — Ich muß nun Etwas von diesem lieben Kinde, das mich so früh verließ, sprechen. Alle, die sie kannten, waren von ihrem Wesen und ihren Fähigkeiten eingenommen. Auf der Reise hatte sie auf Jeden, dem sie begegnete, einen angenehmen Eindruck gemacht, unter Anderen auf Tieck, was man aus dem Gedichte sieht, das er mir schrieb. Sie hatte viele Fertigkeiten, tanzte hübsch, spielte gut das Piano, sang mit Leichtigkeit und Grazie alle Mozart'schen und Rossini'schen Arien. Sie sprach Deutsch so gut wie Dänisch, konnte Französisch und Englisch, wie auch etwas Italienisch; alle weiblichen Arbeiten gingen ihr leicht von Händen. Sie war witzig, begeistert und oft beredt; aber eigentlich munter war sie nicht, und es fehlte ihr die im Leben nöthige Besonnenheit und Ruhe; sie nahm auch keine Rücksicht auf Verhältnisse; was sie wollte, das wollte sie. Wenn Alles nach ihrem Wunsche ging, war sie kindlich und sanft; aber Widerstand konnte sie zu einer Leidenschaftlichkeit bringen, die keine Vernunftgründe mehr annahm.
Liebe zur Poesie und Schauspielkunst hatte sie von mir geerbt; sie sah den jungen Ludwig Phister, der gerade damals anfing sich auszuzeichnen; er besuchte uns zuweilen, hörte sie singen und wurde von ihr eingenommen. Sie gewann ihn lieb, wollte ihr Schicksal mit ihm theilen, und betrat als seine Gattin selbst auf kurze Zeit die Bühne. Ich sah ein, daß es damit keinen Bestand haben würde. Obgleich sie das Hegersche Talent geerbt hatte, Leuten ihre Stimme nachzumachen, sodaß ihre Freunde und Freundinnen sich gruppenweise um sie versammelten, wenn sie ihnen dies Vergnügen bereitete, so besaß sie doch wohl kaum ein eigentliches Talent für die Bühne. Hatte sie auch viele Jahre hindurch als Dilettantin die größten Arien schön gesungen, so war dies doch für eine Künstlerin nicht genügend; es fehlte ihr die nöthige Schule, und Siboni, der sie sonst sehr lieb hatte, durfte sie doch nur in der kleinen Partie der Fanchon auftreten lassen. Und selbst hier hätte sie beinahe nicht ausgereicht; denn als sie eine kleine Arie singen sollte, vergaß sie gleich einzufallen und verneigte sich bittend gegen den Concertmeister Schall, welcher dirigirte. Aber er konnte nicht noch einmal anfangen, und schüttelte mit dem Kopfe. Nun faßte sie sich, fiel rasch im nächsten Tacte ein, und sang ihre Arie so gut, daß sie einen stürmischen Beifall erhielt, der kaum enden wollte. Aber sowohl sie als auch wir Anderen fühlten wohl, daß dieser Ausbruch des Publikums nicht als Beifall für die Sängerin, sondern als Theilnahme für die Tochter des Dichters betrachtet werden mußte. Sie wurde selbst bald dieser Versuche müde und trat zurück.
Plan Norwegen zu besuchen.
Ich hatte einen so freundlichen Empfang in Schweden gefunden, daß die Lust, Norwegen einmal zu sehen, natürlich in mir erwachen mußte. Ich zweifelte nicht daran, daß ich auch dort Freunde finden würde. Freilich war eine Zeitlang nach Norwegens Vereinigung mit Schweden eine eigenthümliche Stimmung gegen Dänemark und Alles was Dänisch war, eingetreten, sodaß dies fast von einem solchen Versuche hätte abschrecken können. Aber diese Verachtung, die fast in Haß überging, fand sich nur bei einigen exaltirten jungen Leuten, die freilich in den ersten Jahren den Ton angaben. Nun hatte der Sturm sich gelegt, Billigkeit war an seine Stelle getreten, die Stimme der Aelteren wurde wieder gehört. Von der Zeit an, wo ich denken konnte, bis zum Jahre 1814, d. h. von meinen frühsten Kinderjahren an bis in mein reifes Mannesalter, war ich gewohnt gewesen, die Norweger als meine Landsleute und Norwegen halb als mein Vaterland zu betrachten. Deshalb entstand auch, wenn ich dichtete, niemals in meinem Herzen die Frage, ob die Scene in Dänemark oder in Norwegen, ob der Held ein Norweger oder ein Däne sein solle. Und trotz der politischen Trennung ist dieses Gefühl bei mir nie erstorben, weil die Sprache und Literatur und viele Familienverhältnisse uns stets geistig verbinden.
Bei Rahbeks war ich als Jüngling gewöhnt begabte junge Norweger zu sehen. Das rasche, stolze Wesen der Bergbewohner sagte uns zu, weil es mit inniger Gutmüthigkeit verbunden war. Wenn sie uns recht kennen gelernt hatten, liebten sie uns. Ueber ihr zuweilen zu weit getriebenes Selbstgefühl scherzten wir. Eines Abends sagte Camma in dem muntern Tone, der ihr so gut stand, zu einem jungen norwegischen Maler Kalmeier: „Ich mag die Norweger sehr gern, wenn sie nur nicht so großmäulig wären; doch Kalmeier macht eine Ausnahme“. — „„Ich wär nicht großmäulig““? fragte Kalmeier in demselben lustigen Tone: „„ich bin es gerade erst recht““!
Meine Freundschaft zu den vielen Norwegern, mit denen ich in verschiedenen Zeiten verkehrt hatte, machte, daß ich Norwegen stets liebte. Baldur der Gute und die Götter des Nordens gehören ja ebenso sehr Norwegen, wie Dänemark; Hakon Jarl, Axel, Hagbarth, Stärkodder, Tordenskjold sind norwegische Helden. Ich meinte es sei unvernünftig und herzlos, wenn man diese Gedichte, als etwas der norwegischen Literatur Fremdes, von ihr trennen wollte. Aber es gab auch Niemanden, der das that, und als ich in das liebe Felsenland kam, fand ich die freundlichste Aufnahme.