Unter den Wilden:
Entdeckungen und Abenteuer
Von
Dr. Adolf Heilborn
Mit 5 bunten Beilagen und
36 Textbildern von Erich Sturtevant
VERLAG VON RICH. BONG IN BERLIN
Alle Rechte, auch das der Übersetzung in andere Sprachen, vorbehalten.
Copyright 1921 by Verlag von Rich. Bong in Berlin.
Druck von Metzger & Wittig in Leipzig.
Inhalt
| Seite | |
| Vorwort | [5] |
| Die Entdeckung und Eroberung von Tahiti. Von Kapitän Samuel Wallis | [9] |
| Ein Südsee-Idyll. Von Kapitän James Cook | [57] |
| Kapitän Cooks Ermordung auf den Sandwichinseln. Von Kapitän James King | [133] |
| Eine Unglücksreise nach der Nordwestküste Amerikas. Von Kapitän John Meares | [205] |
| Reise nach Guinea und Gründung von Groß-Friedrichsburg. Von Major Otto Friedrich v. d. Groeben | [245] |
| Geschichtliches und Geographisches zu den Berichten der Entdecker | [287] |
[Vorwort]
In jedem gesunden Kinde steckt ein gut Stück Robinsonsehnsucht. Sie ist der letzte, kulturgezähmte Rest uralter Wanderlust, uralten Abenteuerdranges der Menschheit. Wie wir uns immer wieder in Pfeil und Bogen uralte Waffen verfertigen, im Spiele Hütten bauen oder Höhlen als Schlupfwinkel wählen, wie es uns immer wieder zum Tiere zieht, es zu liebkosen und uns gefügig zu machen, so überfällt uns eines Tages quälende Robinsonsehnsucht, und mit blanken Augen und roten Wangen verschlingen wir dann alles, was sie zu stillen uns verheißt. Unsterblicher Robinson, unsterblicher Lederstrumpf, roter Freibeuter, Peter Simpel und wie ihr euch sonst noch nennt, die ihr alle etwas von einem Don Quichotte habt und Väter einer so langen und manchmal auch recht langweiligen Reihe von Nachtretern geworden seid ... wie jedes echte Kind hab ich euch immer von neuem gelesen, bis ich euch fast auswendig konnte, und bis ich eines Tages in meines lieben Vaters Bücherschrank auf andre Helden und andre Abenteuer traf, Helden von Fleisch und Blut, wirkliche Menschen, nicht nur am Schreibtisch erdachte Gestalten, und Abenteuer, die wirklich erlebt, in Not und Tod, nicht nur zur Spannung naiver Leser ersonnen. Da standen in großmächtigen, altertümlichen Lederbänden mit roten und schwarzen Schildern auf dem goldgepreßten, dicken Rücken die Entdeckungsreisen des Kapitän Cook, sechs stattliche Bände, daneben die Reisen von Wallis, von Byron, von Carteret, von Meares, Portlock ... Reisen und Abenteuer in der Südsee, an den unwirtlichen Küsten Nordamerikas, unter braunen, nackten Wilden und Indianern. Ein Buch immer spannender als das andere, immer schöner, immer seltsamer. Was waren das für unvergeßliche Stunden des Lesens und Träumens. Das blaue Südmeer lag vor meinen Blicken, von weißer Brandung umgischt tauchten Koralleninseln daraus empor, mit rauschenden Palmenhainen voll seltsam bunter Vögel. Von Eiland zu Eiland zogen in flinken Kanus mit Mattensegeln die braunen Kanaken und kämpften in Panzern und Helmen mit Haifischzahnspeeren und sangen melodisch und sprangen zur Trommel ...
Sie sind Zauberer, diese großen Entdecker, voran, allen weit voran James Cook, der einem ganzen Zeitalter den Stempel seines Naturempfindens aufprägte. Eine Weltanschauung ward aus diesen Entdeckungsfahrten geboren, eine Naturphilosophie, die in Seumes Worten »Seht, wir Wilden sind doch beßre Menschen« gipfelte, die in Rousseaus Werken ihr »Zurück zur Natur« predigte. Auch unsre Zeit, durch soviel Blut und Grauen gegangen, hat diese Sehnsucht wieder, hat nach all der Übersättigung mit raffinierter Kultur diesen gesunden Hunger nach natürlicheren Verhältnissen. Darum gerade wird ihr die Kost, die hier geboten, besonders munden, werden diese uns überlieferten Erzählungen der Entdecker wie ein erfrischender Trunk nach ermüdender Wanderung wirken. Zumal die Jugend wird sie, des bin ich gewiß, mit Jubel begrüßen: ist doch der Robinson und all das andre in ihnen gleichsam beschlossen. Aus diesen Reisen und Abenteuern sind jene ersonnenen Geschichten ja erst geboren.
Aber nicht nur dem angenehmen Zeitvertreib müßiger Stunden vermögen sie zu dienen: es läßt sich aus ihnen auch unendlich viel lernen — nicht nur Erd- und Völkerkunde, auch Kulturgeschichte. Kein Geringerer als Schiller schrieb unter ihrem Eindruck die weithin weisenden Worte: »Die Entdeckungen, welche unsere europäischen Seefahrer in fernen Meeren und auf entlegenen Küsten gemacht haben, geben uns ein ebenso lehrreiches als unterhaltendes Schauspiel. Sie zeigen uns Völkerschaften, die auf den mannigfaltigsten Stufen der Bildung um uns herum gelagert sind, wie Kinder verschiedenen Alters um einen Erwachsenen herumstehen und durch ihr Beispiel ihm in Erinnerung bringen, was er selbst vormals gewesen, und wovon er ausgegangen ist. Eine weise Hand scheint uns diese rohen Völkerstämme bis auf den Zeitpunkt aufgespart zu haben, wo wir in unserer eigenen Kultur weit genug würden fortgeschritten sein, um von dieser Entdeckung eine nützliche Anwendung auf uns selbst zu machen und den verlorenen Anfang unseres Geschlechts aus diesem Spiegel wiederherzustellen.« Ich möchte mir wohl wünschen, daß meine jungen Leser bei wiederholter Lektüre auch auf solche Dinge ein wenig achtgäben.
In noch frischem Erinnern aus doch schon so fernen Jugendtagen habe ich gemeint, den Erzählungen jenen eigenen Reiz, jenen Schmetterlingsflügelstaub belassen zu sollen, der in der bisweilen etwas altmodischen Sprache der zeitgenössischen Übersetzer liegt — u. a. eines Georg Forster, dessen »Ansichten vom Niederrhein« mit Recht ja noch heute als klassische Prosa gelten — und nur nach heutigem Sprachgebrauch völlig Veraltetes geändert. Und freilich das köstlich barocke Deutsch Groebens, dessen »Guineische Reisebeschreibung« vor rund 20 Jahren wieder entdeckt zu haben ich mich rühmen darf, habe ich wohl oder übel in die Sprache unsrer Tage übertragen müssen; aber auch so dürfte dieses in seiner humorvollen Eigenart einzig dastehende Reisewerk der Wirkung gewiß sein. Gestrichen habe ich nur weniges, das, was mir für den erwünschten Leserkreis zu langweilig oder sonstwie ungeeignet erschien: astronomische, nautische Berechnungen und dgl.
Ich will mir schließlich noch wünschen, daß meine jungen Leser an dem von Sturtevants Künstlerhand dem Buche beigegebenen Bilderschmuck so viel Freude haben, wie ich sie empfinde. Der Künstler hat mit bewunderungswürdigem Geschick hier malerische Wirkung mit wissenschaftlicher Genauigkeit zu paaren verstanden. Alle Völkertypen, alle Gerätschaften sind nach Originalaufnahmen und Gegenständen des Berliner Völkerkundemuseums und meiner eigenen Sammlungen gezeichnet, und so dürfte dieser Bilderschmuck in seiner Art etwas Besonderes darstellen.
Dr. Adolf Heilborn.
[Die Entdeckung und Eroberung von Tahiti]
Von Kapitän Samuel Wallis
Am 18. Juni 1767, etwa 2 Uhr nachmittags, — wir waren kaum eine halbe Stunde lang unter Segel — entdeckten wir ein sehr hohes Land im Westsüdwesten. Da das Wetter trübe war und wir zugleich heftige Windstöße auszustehen hatten, ließ ich den »Delphin« beilegen und gedachte, die Nacht über, oder wenigstens bis der Nebel sich zerteilen würde, zu treiben. Um 2 Uhr des Morgens wurde es ganz klar, und wir gingen daher wieder unter Segel. Bei Tagesanbruch sahen wir das Land in einer Entfernung von ungefähr fünf Seemeilen weit vor uns und steuerten gerade darauf hin; als wir uns um 8 Uhr ihm näherten, mußten wir des einsetzenden Nebels wegen wieder beilegen. Endlich zerteilte er sich wieder, und wir wunderten uns nicht wenig, als wir uns von einigen hundert Kanus umringt sahen, die sich uns unbemerkt genähert hatten. Sie waren von verschiedener Größe und faßten bald mehr, bald weniger Leute, eines bis zu zehn Mann. Auf allen mochten meiner Schätzung nach nicht weniger als 800 Mann beisammen sein.
Nachdem sie sich dem Schiffe bis auf einen Pistolenschuß genähert hatten, hielten sie stille, betrachteten und bestaunten uns und besprachen sich untereinander. Mittlerweile zeigten wir ihnen allerlei Spielsachen und luden sie ein, an Bord zu kommen. Es währte nicht lange, so vereinigten sie sich und hielten eine Art Versammlung, um unter sich eins zu werden, was zu tun sei; endlich ruderten sie um unser Schiff herum und machten uns Freundschaftskundgebungen. Einer von ihnen hielt den Zweig einer Banane empor und beehrte uns mit einer Anrede, die ungefähr eine viertel Stunde dauerte, und bei deren Schluß er den Zweig ins Meer warf. Wir fuhren noch immer fort, sie einzuladen, zu uns an Bord zu kommen.
Endlich ließ sich ein ansehnlicher, starker, munterer junger Mann dazu bewegen. Er kam an der Besanleiter am Hinterdeck herauf und sprang von der hohen Bordwand auf das über dem Verdeck ausgespannte Segeltuch herab. Wir winkten ihm, daß er auf das Verdeck herabkommen möchte, und reichten ihm einige Kleinigkeiten hinauf. Er sah vergnügt aus, wollte aber nichts annehmen, bis einige von seinen Landsleuten, die sich ganz nahe an das Schiff gewagt hatten, nach dem Herleiern vieler Worte etliche Bananenzweige uns an Bord zuwarfen. Als er dies sah, nahm er unsere Geschenke an, und gleich nachher kamen einige andere dieser Eingeborenen, der eine von hier, der andere von dort her ins Schiff; denn keiner von ihnen wußte den rechten Zugang.
Einer von den Insulanern, die eben an Bord gekommen waren, stand auf der linken Seite des Verdecks nahe am Gange, als es einer von unsern Ziegen plötzlich einfiel, ihn von hinten mit ihren Hörnern gegen die Hüften zu stoßen. Er erschrak über diesen Stoß, wandte sich eilfertig um und sah die Ziege auf ihren Hinterfüßen aufgerichtet und in Bereitschaft stehen, ihm noch eins zu versetzen. Der Anblick dieses Tieres, das von allen, die er je gesehen, ganz verschieden sein mochte, jagte ihm einen solchen Schreck ein, daß er augenblicklich über Bord sprang, und alle seine Landsleute, die diesen Vorgang mitangesehen hatten, folgten ihm mit größter Eile nach. Doch währte es nicht lange, so erholten sie sich wieder von ihrer Bestürzung und kehrten an Bord zurück.
Einer der Eingeborenen hielt den Zweig einer Banane empor.
Nachdem ich sie ein wenig an den Anblick unsrer Ziegen und Schafe gewöhnt hatte, zeigte ich ihnen unsre Schweine und unser Federvieh. Sie deuteten mir durch Zeichen an, daß sie solche Tiere wie diese selbst hätten. Ich teilte hierauf Nägel und Kleinigkeiten unter sie aus und gab ihnen durch Zeichen zu verstehen, sie möchten gehen und uns einige von ihren Schweinen samt etwas Federvieh und Früchten an Bord bringen; es schien aber, als ob sie meine Aufforderung nicht verstehen könnten. Sie lauerten dagegen fleißig auf jede Gelegenheit, irgend etwas zu stehlen, was ihnen eben in die Hand kam. Wir ertappten sie aber gewöhnlich über der Tat. Endlich kam einer von den Schiffsunteroffizieren, der von ungefähr einen neubetreßten Hut auf dem Kopfe hatte, an die Stelle, wo sie standen, und fing an, sich mit einem von ihnen durch Zeichen zu verständigen. Während er sich also unterhielt, kam ein Eingeborener, riß ihm von hinten her plötzlich den Hut vom Kopfe, sprang damit über das Heckbord in die See und schwamm davon.
Weil wir nun an der Stelle, wo wir eben lagen, keinen rechten Ankergrund hatten, steuerten wir längs der Küste hin und schickten zu gleicher Zeit die Boote aus, näher an die Küste heranzufühlen. Die Insulaner versuchten es, in ihren Kanus dem Schiffe zu folgen; da sie aber keine Segel aufzuspannen hatten, blieben sie weit zurück und ruderten daher bald wieder nach der Küste zu.
Das Land bietet den anmutigsten und romantischsten Anblick, der sich erdenken läßt. Gegen die See hin ist es flach und mit Fruchtbäumen von allerlei Arten, insbesondere mit Kokospalmen bewachsen; dazwischen liegen die Häuser der Eingeborenen, die bloß aus einem Dache auf Pfählen bestehen und von weitem einer langen Scheune nicht unähnlich sind. Innerhalb des Eilandes und ungefähr drei Kilometer weit von der See hört das flache Land auf und grenzt an hohe Berge, die mit Gehölz bewachsen sind, und von deren obersten, sehr steilen Gipfeln große Wasserfälle sich mit lautem Getöse ins Meer herabstürzen. Hier sahen wir keine Sandbänke, dagegen war die Insel mit einer Reihe von Felsen umgeben, zwischen denen jedoch oft die Einfahrt möglich ist.
Der Anblick dieses Tieres jagte ihnen Schrecken ein.
Um 3 Uhr befanden wir uns einem großen Meerbusen gegenüber, und da wir deshalb Ankergrund vermuteten, legten wir bei. Die Boote wurden auch gleich zur Prüfung abgeschickt. Während ihrer Beschäftigung sah ich, wie eine große Anzahl von Kanus sich um sie her versammelte. Ich befürchtete, daß die Insulaner willens sein möchten, unsere Leute anzugreifen. Da ich nun gern allem Unheil vorbeugen wollte, so gab ich den Booten ein Zeichen, an Bord zurückzukommen, und feuerte, um den Eingeborenen ein wenig Ehrfurcht einzuflößen, zu gleicher Zeit eine neunpfündige Kugel über ihre Köpfe hinweg. Das Boot ruderte nun dem Schiffe zu. Der Donner des Neunpfünders hatte zwar die Insulaner erschreckt, doch ließen sie sich dadurch nicht abhalten, unseren Booten nachzurudern, und als sie diese nach dem Schiff zurückkehren sahen, suchten sie, einem von ihnen den Weg abzuschneiden. Da aber dieses Boot schneller segeln konnte, als die Kanus ruderten, ließ es die es umschwärmenden Eingeborenen bald hinter sich zurück. Inzwischen lauerten ihm verschiedene andere, die mit Insulanern gefüllt waren, unterwegs auf und warfen mit Steinen nach der Mannschaft, wodurch auch wirklich einige Bootsleute verwundet wurden. Der Offizier im Boot feuerte hierauf eine mit Schrot geladene Flinte auf den Mann, der den ersten Stein geworfen hatte, und verwundete ihn an der Schulter. Sobald die übrigen Kanuinsassen die Verwundung ihres Kameraden sahen, sprangen sie ins Meer, und die anderen Eingeborenen ruderten äußerst bestürzt und erschrocken hinweg. Nachdem unsere Boote wieder am Schiffe beigelegt hatten, ließ ich sie an Bord nehmen, und gerade wollten wir wieder weitersegeln, als wir ein großes Kanu uns nachsetzen sahen.
Da ich vermutete, daß sich in ihm vielleicht irgendeiner von den Anführern dieser Leute oder sonst jemand befinden könnte, der abgeschickt wäre, um mir eine Botschaft vom Oberhaupte zu bringen, hielt ich für gut, es zu erwarten. Es segelte sehr schnell und war bald an dem Schiffe, wir konnten aber unter allen Insassen keinen unterscheiden, der etwas mehr als der andere vorgestellt hätte. Jedoch stand endlich einer von ihnen auf, hielt eine Anrede, die ungefähr 5 Minuten dauerte, und warf alsdann einen Bananenzweig an Bord. Dies hielten wir für ein Friedenszeichen und erwiderten es, indem wir einen von den Zweigen, die von den vorigen Insulanern im Schiff zurückgelassen waren, dem Redner über Bord reichten. Mit diesem und einigen Kleinigkeiten, die wir ihm nachher schenkten, schien er sehr vergnügt zu sein und ruderte bald darauf mit seinem Kanu wieder weg.
Die Offiziere, die mit den Booten ausgeschickt worden waren, berichteten mir, daß sie hart an der Klippenreihe gelotet und hier ebenso tiefes Wasser wie an den andern Inseln gefunden hätten. Da ich aber auf der Seite der Insel war, die gegen den Wind hin lag, so konnte ich mit einiger Wahrscheinlichkeit erwarten, daß ich Ankergrund finden würde, wenn ich unter dem Winde hinsegelte. Ich steuerte also in dieser Richtung, fand aber, daß am südlichen Ende eine Menge Klippen sehr weit in See hinausliefen; ich faßte also den Wind näher und fuhr die ganze Nacht über fort, gegen den Wind zu steuern, um auf solche Weise längs der Ostseite der Insel hinlaufen zu können.
Um 5 Uhr morgens gingen wir wieder unter Segel. Eine merkwürdige Spitze, die einem Zuckerhute ähnlich sah, lag in Nordnordosten. Wir waren in dieser Lage ungefähr zwei Seemeilen weit vom Lande; dieses hatte hier ein sehr anmutiges Äußere und war mit Häusern der Eingeborenen weithin besät. Nahe an der Küste sahen wir verschiedene große Kanus unter Segel, sie steuerten aber nicht auf uns zu. Um Mittag waren wir zwei bis drei Kilometer von der Insel entfernt. Wir setzten unsern Lauf immer längs der Küste fort, bald kamen wir ihr auf eine halbe Seemeile nahe, bald hielten wir uns vier bis fünf Meilen von ihr entfernt, nirgends aber hatten wir bisher Ankergrund gefunden. Um 6 Uhr abends befanden wir uns einem schönen Flusse gegenüber, und da die Küste hier ein besseres Aussehen hatte, als an irgendeiner andern Stelle, beschloß ich, die ganze Nacht hindurch auf und ab zu steuern und am Morgen zu versuchen, Grund zu finden. Sobald es finster war, sahen wir sehr viele Lichter längs der ganzen Küste.
Bei Tagesanbruch schickten wir die Boote zur Prüfung aus, und bald nachher gaben sie uns durch Zeichen zu verstehen, daß sie einen 35 Meter tiefen Ankergrund gefunden hätten. Dies verursachte eine allgemeine und unbeschreiblich große Freude; wir liefen augenblicklich gegen den Strand hin und kamen in 30 Meter auf einem reinen Sandgrunde vor Anker. Wir lagen ungefähr eine Seemeile weit von der Küste und einem schönen Flusse gegenüber.
Sobald wir das Schiff gesichert hatten, schickte ich die Boote aus, um längs der Küste hin zu fahren und zugleich die Stelle, an der wir die Flußmündung sahen, in Augenschein zu nehmen. Um diese Zeit kam eine beträchtliche Anzahl von Kanus vom Lande her ans Schiff; sie brachten Schweine, Federvieh und Früchte in großer Menge mit sich und überließen uns alles gegen kleine Spielsachen und Nägel. Wir bemerkten, daß, sobald unsre Boote gegen die Küste hinruderten, die Kanus, von denen die meisten doppelt und sehr groß waren, ihnen nachsegelten. Solange sie noch in der Nähe unsres Schiffes waren, blieben die Kanus in achtungsvoller Entfernung; sobald aber die Boote von uns weg gegen die Küste liefen, wurden die Wilden kühner, und endlich rannten gar drei von ihren größten Kanus gegen eins von unsern Booten, stießen dessen Verdeck ein und rissen seine Ausleger hinweg. Die Insulaner machten sogar Miene, mit Keulen und Rudern unser Boot zu entern. Da meine Leute derart sehr ins Gedränge kamen, sahen sie sich genötigt, Feuer zu geben. Einer von den Angreifern wurde durch die Salve getötet, ein anderer schwer verwundet. Beide fielen gleich, wie sie getroffen waren, über Bord; augenblicklich sprangen ihnen alle ihre Landsleute, die in demselben Kanu gesessen waren, in die See nach, die andern beiden Kanus aber zogen sich zurück, so daß unsere Boote von nun an ungehindert weitersegelten. Sobald die in See gesprungenen Eingeborenen sahen, daß unsere Boote sich entfernten, ohne ihnen weiter Schaden zu tun, schwammen sie ihrem Kanu nach, schwangen sich hinein und hoben ihre verwundeten Landsleute an Bord. Sie stellten sie aufrecht in das Kanu, um zu sehen, ob sie stehen könnten; da aber die armen Verwundeten sich nicht aufrecht halten konnten, versuchten sie zu sitzen. Einer von ihnen war stark genug dazu und wurde in dieser Lage unterstützt; als sie jedoch hernach den andern völlig tot fanden, legten sie seinen Leichnam der Länge nach ausgestreckt in das Boot. Hierauf ruderten einige Kanus ans Land, kehrten aber wieder an das Schiff zurück, um mit uns zu handeln. Man sah also wohl, daß sie aus unserm Betragen unsre Friedfertigkeit erkannt hatten, und daß sie nichts zu befürchten hätten, solange sie uns ehrlich nahten, und sie mußten sich auch wohl bewußt sein, daß sie alle Schuld an dem Vorgefallenen einzig sich allein beizumessen hatten.
Nahe an der Küste sahen wir verschiedene große Kanus unter Segel.
Die Boote beschäftigten sich indessen bis Mittag vor der Küste und kamen alsdann mit dem Berichte zurück, daß der Grund sehr rein sei, daß die Küste ungefähr eine viertel Meile von der See weit etwa 9 Meter tief sei, daß aber an dem Orte, wo wir den Fluß gesehen hatten, sehr hohe Brandung an den Strand schlage. Die Offiziere sagten mir, daß es an der Küste von Eingeborenen wimmle, und daß viele von ihnen an das Boot geschwommen wären und ihnen einige Früchte und auch etwas frisches Wasser gebracht hätten; dieses Wasser hatten sie in Bambusgefäßen aufbewahrt. Unsere Leute berichteten auch, die Insulaner hätten sie recht bestürmt, mit ihnen an Land zu gehen.
Des Nachmittags schickte ich die Boote wiederum an Land. Ich gab ihnen etliche kleine Fäßchen mit, die oben gefüllt werden und einen Handgriff haben, an dem man sie trägt. Ich befahl ihnen, sie sollten sich Mühe geben, ein wenig frisches Wasser zu bekommen, weil wir bereits damals anfingen, Wassermangel zu leiden. Unterdessen blieben noch immer viele Kanus um unser Schiff herum, weiter ließ ich sie jedoch nicht kommen; denn die Insulaner hatten mich schon so oft und so vielfältig betrogen und bestohlen, daß ich mir vornahm, zunächst keinen mehr an Bord zu lassen.
Um 5 Uhr nachmittags kehrten die Boote zurück, sie brachten aber nicht mehr als zwei Fäßchen Wassers mit. Diese beiden Fässer hatten die Eingeborenen für sie gefüllt, für ihre Mühe aber hatten sie sich ohne weiteres mit den übrigen Gefäßen bezahlt gemacht. Unsere Leute wollten sich nicht an Land wagen, damit das Boot nicht unbesetzt bliebe; sie ließen indes vom Boote aus kein Mittel unversucht, um die Insulaner zu bewegen, die Wassergefäße wieder zurückzugeben. Doch da war alle Mühe umsonst. Die Eingeborenen legten ihrerseits unseren Leuten dringend ans Herz, zu landen; diese folgten jedoch dem Gebote der Klugheit und lehnten ab. Als unsere Boote wegruderten, befanden sich ihrer Aussage nach viele Tausende von Eingeborenen beiderlei Geschlechts und eine große Anzahl Kinder am Strande.
Am folgenden Morgen schickte ich die Boote von neuem an Land, Wasser zu holen. Ich ließ sie Nägel, Beile und mehr dergleichen Dinge mitnehmen, durch die sie meiner Ansicht nach die Freundschaft der Eingeborenen am leichtesten erlangen könnten. Mittlerweile kam vom Lande her eine große Anzahl von Kanus an das Schiff; die Leute brachten uns Brotfrucht, Bananen, eine Frucht, die einem Apfel ähnlich sah, aber ungleich wohlschmeckender war als dieser, auch Federvieh und Schweine. Alle diese Eßwaren überließen sie uns gegen einige Glasperlen, für Nägel, Messer und dergleichen mehr, und wir bekamen gleich dieses Mal Schweinefleisch genug, daß unsere ganze Schiffsmannschaft zwei Tage lang damit gespeist werden konnte und jeder Mann ein Pfund davon bekam.
Als die Boote zurückkamen, brachten sie uns nur einige wenige Kalebassen Wassers mit; mehr hatten sie nicht bekommen können, weil die Anzahl der Leute auf dem Strande so groß war, daß sie es nicht wagen wollten, an Land zu gehen. Die Eingeborenen suchten alles hervor, um unsere Leute zum Landen zu reizen: sie brachten Früchte und Lebensmittel allerlei Art, legten diese am Strande nieder und luden unsere Leute durch Zeichen ein, ihnen diese Vorräte verzehren zu helfen. Nichtsdestoweniger blieben diese fest; sie zeigten von ihrem Boote aus den Insulanern die Wasserfäßchen und forderten sie auf, die gestern verlorengegangenen wieder zurückzubringen. Dagegen blieben die Eingeborenen ebenfalls taub; unsere Leute lichteten also ihre Anker, sondierten in der ganzen Gegend herum, um zu sehen, ob das Schiff nicht näher gegen die Küste landen könnte, daß es die Wasserholer hätte beschützen können, und hätten sich in diesem Falle nicht gescheut, der ganzen Insel zum Trotz an Land zu gehen. Als sie mit dieser Untersuchung fertig waren und sich alsdann vom Ufer entfernten, warfen die Weiber mit Äpfeln und Bananen hinter ihnen drein, lachten sie tüchtig aus und ließen alle ersinnlichen Merkmale von Verachtung und Hohn gegen sie blicken. Meine Leute meldeten mir, daß 400 Meter weit von der Küste der Grund sandig und das Wasser 7 Meter tief sei, daß es noch einige Kabeltaulängen weiter vom Strande 9 Meter Tiefe gäbe, und daß also das Schiff an einer dieser beiden Stellen gut vor Anker liegen könnte. Der Wind blies hier gerade längs der Küste und verursachte eine hohe Brandung sowohl gegen das Schiff als gegen den Strand hin.
Den folgenden Morgen lichteten wir also bei Tagesanbruch wiederum die Anker, in der Absicht, den »Delphin« nahe an der Wasserstelle festzulegen. Als wir aber zu diesem Zweck weiter gegen den Wind hinsegelten, entdeckten wir vom Mastkorbe aus über das Land hinweg einen Meerbusen, der ungefähr 6–8 Kilometer weit unter dem Winde von uns liegen mochte. Wir steuerten sogleich darauf zu und schickten die Boote mit dem Senkblei voran. Um 9 Uhr gaben die Boote das Zeichen, daß sie in einer Tiefe von 21 Meter Grund gefunden hätten; diese Gegend war von einer Reihe von Klippen umgeben, um die wir herumlaufen mußten, ehe wir an den Ort hinsteuern konnten, wo die Boote lagen. Als wir nicht mehr weit von ihnen und gleichsam mitten zwischen beiden waren, stieß das Schiff auf Grund. Das Vorderteil saß unbeweglich fest, das Hinterteil hingegen war frei; wir warfen augenblicklich das Senkblei aus und fanden, daß die Tiefe des Wassers auf den Klippen oder auf der Untiefe von 31 auf 6 Meter abnahm. Wir beschlugen also in größter Eile alle Segel und warfen alles alte Geräte, das damals an Bord war, in die See. Zu gleicher Zeit setzten wir das lange Boot auf Wasser, legten den Strom- und den kleinen Anker mit allem dazugehörigen Tauwerk hinein und ließen das Boot über die Untiefe hinauslaufen. Hier sollte die Mannschaft die Anker fallen lassen, und wenn diese nur Grund gefaßt hätten, hoffte ich, der »Delphin« würde mit Hilfe der Schiffswinde von den Klippen abgebracht werden können. Allein zum Unglück fand sich über die Untiefe hinaus kein Grund. Unser Zustand war in dieser Lage ziemlich gefährlich zu nennen. Das Schiff schlug noch immer sehr heftig gegen die Felsen, und wir waren von vielen hundert Kanus umringt, die alle vollbesetzt waren. Ihrer Menge ungeachtet versuchten sie indessen doch nicht, sich an Bord zu wagen, sondern es schien, als wollten sie ruhig unser Scheitern erwarten. Eine ganze Stunde lang brachten wir in dieser Gefahr voller Schreck und Angst zu, ohne daß wir zur Befreiung des Schiffs viel unternehmen konnten. Endlich erhob sich zum Glück ein günstiger Wind vom Lande her, und durch dessen Beihilfe kam das Vorderteil des Schiffes wieder los. Nun ließen wir sogleich alle Segel fallen, und es währte auch nicht lange, so geriet das Schiff in Bewegung, und in kurzer Zeit befanden wir uns wieder in tieferem Wasser.
Darauf entfernten wir uns schleunigst von dieser gefährlichen Stelle und schickten die Boote unter dem Winde hin, um die Untiefe gehörig untersuchen zu lassen. Sie fanden, daß der Klippenzug sich ungefähr anderthalb Kilometer weit gen Westen in die See erstreckte, und daß zwischen Land und Klippenzug ein sehr guter Hafen lag. Der Bootsmann ließ also eines unsrer Boote am Ende der Klippen stillegen und einen Anker nebst kleinen Kabeltauen und eine tüchtige Wache an Bord des langen Bootes bringen, um es gegen alle Angriffe der Insulaner verteidigen zu können. Nachdem er damit fertig war, kam er selbst an Bord zurück und führte das Schiff um die Reihe von Klippen herum in den Hafen, wo wir um 12 Uhr in 30 Meter Tiefe auf einem guten Grunde von schwarzem Sand endlich vor Anker kamen.
Bei genauer Untersuchung fand sich, daß an der Stelle, wo das Schiff auf die Klippen geraten war, sich eine Reihe schroffer Korallenfelsen erhob, und daß das Wasser innerhalb dieser Riffe sehr ungleich von 10 zu 3½ Meter tief war. Zu unserm Unglück lag diese Stelle gerade zwischen den beiden Booten, die wir vorausgeschickt hatten, um uns die Hafeneinfahrt zu weisen. Die Leute in den Booten vermuteten indessen nicht, daß zwischen ihren Standplätzen eine solche Gefahr drohen könne; denn das eine Boot gegen den Wind hin befand sich in einer Tiefe von 21 und das andere unter dem Wind in einer Tiefe von 16 Meter Wasser. Kaum waren wir von diesen Felsenklippen losgekommen, als der Wind stärker zu wehen anfing, und obgleich er sich bald wieder legte, ging doch die Brandung so hoch und brach sich so ungestüm am Felsen, daß, wenn das Schiff eine halbe Stunde länger darauf festsitzen geblieben wäre, es unvermeidlich hätte zerschellen müssen. Wir untersuchten nun den Kiel, konnten aber keinen andern Schaden daran entdecken, als daß ein kleines Stück am Vorderteil des Steuerruders fehlte und vermutlich abgebrochen sein mußte. Es schien nicht, als ob wir ein Leck bekommen hätten. Unsere Boote büßten auf der Klippenreihe ihre kleinen Anker ein; da wir indessen hoffen durften, daß das Schiff selbst keinen Schaden gelitten hätte, ließen wir uns diesen Verlust nicht sehr zu Herzen gehen. Sobald der »Delphin« gehörig gesichert war, ließ ich alle unsere Boote bewaffnen und bemannen und schickte sie mit dem Bootsmann aus, um den oberen Teil des Meerbusens zu untersuchen, damit wir, wenn wir dort einen guten Ankerplatz fänden, das Schiff vermittels seiner Anker- und Kabeltaue innerhalb des Klippenzuges weiter hinaufziehen und alsdann sicher vor Anker legen könnten. Auf dem Klippenzuge lag eine große Anzahl von Kanus, und die Küste wimmelte von Leuten. Das Wetter war endlich wieder sehr angenehm geworden.
Um 4 Uhr nachmittags kam der Bootsmann mit dem Berichte zurück, daß es in dieser Gegend überall guten Ankergrund gäbe. Ich entschloß mich daher, am folgenden Morgen den »Delphin« die Bucht hinaufziehen zu lassen, und teilte unterdessen die Mannschaft in vier Wachen, wovon allezeit eine unter Gewehr bleiben mußte. Die Kanonen ließ ich alle laden und Pulver auf die Zündlöcher streuen; in die Boote ließ ich Musketen bringen und befestigen und befahl dem Rest der Mannschaft, der nicht auf Wache war, daß sich ein jeder auf dem angewiesenen Platze einfinden sollte, sobald es befohlen würde. Längs der Küste schwärmte eine große Anzahl von Kanus umher; einige von ihnen waren sehr groß und stark bemannt, andere, die viel kleiner waren, kamen mit Schweinen, Federvieh und Früchten beladen zu uns ans Schiff. Wir handelten ihnen diese Lebensmittel immer dergestalt ab, daß wir und sie mit dem Handel zufrieden sein konnten. Bei Sonnenuntergang ruderten alle Kanus an Land zurück.
Am folgenden Morgen um 6 Uhr fingen wir an, das Schiff in den Hafen hinaufzuziehen, und bald darauf stellte sich eine große Menge von Kanus am Heck des »Delphins« ein. Da ich sah, daß sie Schweine, Federvieh und Früchte an Bord hatten, befahl ich den Offizieren, diese Vorräte gegen Messer, Nägel, Glasperlen und andere Kleinigkeiten einzutauschen, und ordnete zu gleicher Zeit an, daß außer den hierzu ernannten Personen niemand im ganzen Schiff sich auf den Handel einlassen dürfe. Um 8 Uhr hatte sich die Anzahl der Kanus sehr vermehrt, und die zuletzt herangekommenen waren große Kanus mit 12–15 Mann Besatzung. Ich sah zu meinem größten Mißvergnügen, daß sie eher zum Krieg als zum Handel ausgerüstet waren, indem sie fast nichts als runde Kieselsteine an Bord hatten. Da mein erster Leutnant noch immer sehr krank war, so ließ ich Leutnant Fourneaux holen und trug ihm auf, die zur vierten Wache beorderten Matrosen beständig unter Gewehr zu halten, indessen ich durch den Rest der Mannschaft das Schiff in den Hafen weiter hinaufziehen lassen würde. Mittlerweile kamen von der Küste her unaufhörlich neue Kanus heran, die eine ganz andere Art von Ladung an Bord hatten, nämlich eine Anzahl von Frauen. Unterdessen zogen sich die mit Kieselsteinen bewaffneten Kanus immer näher um unser Schiff zusammen; einige der Insassen sangen mit rauher Stimme, andere bliesen auf großen Muscheln, andere auf Flöten. Es währte nicht lange, so gab ein auf einer Art von Traghimmel auf einem der größten Doppelkanus sitzender Mann ein Zeichen, daß er neben unserm Schiff anlegen wolle. Ich ließ meine Einwilligung erkennen, und als er hierauf dicht an das Schiff kam, reichte er einem von unsern Matrosen ein Bündel von roten und gelben Federn und verlangte durch Zeichen, ich solle das Geschenk annehmen. Ich nahm es auch unter vielen Freundschaftsbezeigungen zu mir und hieß sogleich einige Kleinigkeiten herbeibringen, um ihm diese anzubieten. Allein zu meiner großen Verwunderung hatte er sich während dieser Zeit schon wieder vom Schiffe entfernt und warf den Zweig eines Kokosbaumes in die Luft. Dies war, wie ich sogleich erfuhr, das Zeichen zum Angriff; denn auf allen Kanus erhob sich plötzlich ein allgemeines Jauchzen. Sie ruderten schnell gegen das Schiff an und ließen von allen Seiten her einen Hagel von Steinen hineinprasseln. Da sie uns auf solche Weise förmlich angegriffen hatten und nichts als unsere Waffen uns gegen eine solche Menge schützen konnte, befahl ich der Wache zu feuern. Zwei von den auf Verdeck befindlichen Kanonen, die ich mit Kugeln hatte laden lassen, wurden ebenfalls fast zu gleicher Zeit abgefeuert, und die Eingeborenen gerieten dadurch in nicht geringe Bestürzung. Doch in einigen Minuten hatten sie sich wieder erholt und griffen uns zum zweiten Male an. Mittlerweile hatte sich ein jeder von uns auf seinem angewiesenen Platze eingefunden; ich befahl zudem, daß die großen Kanonen abgefeuert und einige davon stets auf einen gewissen Punkt an der Küste gerichtet werden sollten, wo eine große Menge von Kanus noch immer frische Mannschaft einnahm und in der größten Geschwindigkeit gegen das Schiff heransegelte. Als das schwere Geschütz anfing zu spielen, waren gewiß nicht weniger als 300 Kanus, die zusammen wohl an 2000 Mann an Bord haben mochten, um den »Delphin«. Viele Tausende waren noch an der Küste, und eine Menge anderer Kanus kam außerdem von allen Seiten auf uns los.
Das Feuer trieb endlich die Kanus, die nahe dem Schiff hielten, hinweg und schreckte auch die andern ab, näher zu kommen. Sobald ich sah, daß sie sich zurückzogen und die andern sich ruhig verhielten, ließ ich augenblicklich das Feuern einstellen in der Hoffnung, daß sie jetzt hinlänglich überzeugt wären, wie sehr wir ihnen überlegen, und daß sie daher das Gefecht nicht weiter fortsetzen würden. Hierin irrte ich mich aber zum Unglück; eine große Anzahl von Kanus, die zerstreut worden waren, stießen wieder zusammen, lagen eine kleine Zeit über stille und beobachteten das Schiff in einer Entfernung von ungefähr einer viertel Meile, steckten alsdann weiße Wimpel auf, ruderten gegen das Hinterteil des Schiffes zu und fingen wie zuvor an, aus beträchtlicher Entfernung mit großer Stärke und Geschicklichkeit Steine hineinzuschleudern. Jeder von diesen Steinen wog ungefähr zwei Pfund, und viele von unseren Leuten an Bord wurden durch sie verwundet; ohne Zweifel hätten wir noch mehr Schaden gelitten, wenn nicht ein Segeltuch zum Schutz gegen die Sonne über das ganze Verdeck aufgespannt und die Hängematten mitten im Schiff in Netzen wären aufgehängt gewesen. Zu gleicher Zeit näherten sich verschiedene, stark bemannte Kanus dem Bug des Schiffes, vermutlich weil sie bemerkt hatten, daß von diesem Teile noch kein Schuß war abgefeuert worden. Ich ließ daher einige Kanonen nach vorn bringen, genau richten und auf diese Kanus feuern. Zu gleicher Zeit ließ ich zwei Kanonen am Hinterteil herausführen und diese hauptsächlich auf die Angreifenden richten.
Unter den Kanus, die gegen den Bug angriffen, befand sich eines, das irgendeinen von ihren Anführern an Bord haben mußte, weil von diesem Kanu aus das Zeichen gegeben worden war, auf das sich die andern zurückgezogen hatten. Es traf sich, daß ein von den andern Kanonen abgefeuerter Schuß eben dieses Kanu so genau traf, daß er es mitten durchriß. Sobald die übrigen dies sahen, hielten sie nicht länger stand, sondern zerstreuten sich so geschwind, daß binnen einer halben Stunde kein einziges Kanu mehr zu sehen war. Das Volk, das sich vorher an den Strand begeben hatte, floh ebenfalls in größter Eile über das Gebirge.
Da wir nun keine begründete Besorgnis mehr zu haben brauchten, von neuem gehindert zu werden, zogen wir das Schiff vollends in den Hafen hinein, und um Mittag befanden wir uns kaum mehr eine halbe Seemeile weit von dem oberen Teile des Meerbusens, nicht ganz zwei Kabeltaulängen von einem schönen Flusse und ungefähr 90 Meter weit von der verborgenen Klippenreihe. Wir hatten auf diesem Fleck 16 Meter Wassertiefe, hart an der Küste waren es 9 Meter, so daß wir hier Anker werfen konnten. Wir brachten auch die 8 Kanonen, die ich vordem in den Schiffsraum hatte hinabschaffen lassen, wieder hinauf und an ihre Plätze. Sobald das geschehen war, schickte ich die Boote aus, daß sie ringsherum sondieren sollten, befahl ihnen auch, daß, wenn sich jemand von den Eingeborenen an der Küste sollte blicken lassen, sie so gut wie möglich die Gegend daselbst untersuchen möchten, um festzustellen, ob wir etwa einen neuen Angriff von den Eingeborenen zu befürchten hätten.
Der ganze Nachmittag und ein Teil des folgenden Morgens wurden mit diesen Arbeiten zugebracht. Um Mittag kam der Bootsmann mit einer ungefähren Karte des Meerbusens zurück. Er meldete mir, daß sich kein Kanu habe blicken lassen und daß die Landung überall bequem zu bewerkstelligen sei. Kurz nachdem mir der Bootsmann diesen Bericht abgestattet hatte, ließ ich alle unsere Boote bemannen und bewaffnen und schickte damit Herrn Fourneaux nebst einer Abteilung Seesoldaten mit dem Auftrag ab, dem Ankerplatz des Schiffes gegenüber zu landen und unter der Bedeckung der Boote und des »Delphins« an einem vorteilhaften Punkt Stellung zu beziehen.
Als er ans Land stieg, kroch er auf Händen und Füßen heran.
Um 2 Uhr landeten die Boote ohne den geringsten Widerstand. Herr Fourneaux richtete alsbald einen Mast auf, ließ den Wimpel flattern, ein Stück Rasen umgraben und nahm damit von der Insel im Namen Seiner Majestät Besitz, zu deren Ehren er sie »König Georgs des Dritten Insel« nannte. Hierauf ging er an den Fluß und kostete das Wasser, das er von vortrefflichem Geschmack fand; er ließ also etwas davon schöpfen, goß ein wenig Rum dazu, und seine Leute tranken eine Runde auf die Gesundheit Seiner Majestät.
An dem Flusse, der 12 Meter breit und so seicht war, daß man hindurchwaten konnte, erblickte er jenseits zwei alte Männer, die, sobald sie sich entdeckt sahen, eine flehende Stellung annahmen und dabei sehr bestürzt und erschrocken zu sein schienen. Herr Fourneaux winkte ihnen, daß sie über den Fluß kommen sollten, was auch der eine tat. Als er diesseits ans Land stieg, kroch er auf Händen und Füßen zu Herrn Fourneaux heran. Dieser hob ihn aber sogleich auf und zeigte ihm, als er zitternd dastand, einige der ins Schiff geworfenen Steine, wobei er ihm zu verstehen gab, daß wir unsrerseits den Eingeborenen keinen Schaden tun würden, wenn sie nicht selbst versuchten, uns anzugreifen. Er ließ zwei von den Wasserfässern füllen, um zu zeigen, daß wir Wasser verlangten, und wies ihm einige Beile und andere Dinge, zum Zeichen, daß wir Lebensmittel dagegen eintauschen wollten. Während dieser pantomimischen Unterredung faßte der alte Mann wieder einigen Mut, und Herr Fourneaux schenkte ihm zur Bestätigung seiner Freundschaft ein Beil, etliche Nägel, Glasperlen und andere Kleinigkeiten. Hierauf stieg er mit seinen Leuten wieder in die Boote und ließ den Wimpel wehend am Strande zurück.
Sobald die Boote vom Lande abgestoßen waren, ging der Greis zu dem Wimpel hin und tanzte eine geraume Zeit lang um ihn herum; dann entfernte er sich, kam aber bald nachher mit einigen grünen Zweigen zurück, die er hinwarf, um sich alsbald zum zweiten Male hinwegzubegeben. Doch währte es nicht lange, so kam er in Begleitung von zwölf andern wieder zum Vorschein; alle nahmen eine demütige Haltung ein und näherten sich langsam und ehrfurchtsvoll dem Wimpel. Weil er aber zufällig im Winde stark flatterte, als sie ihm nahe kamen, flohen sie in größter Bestürzung. Nachdem sie eine kleine Zeitlang von ferne gestanden, gingen sie plötzlich davon und brachten dann zwei lebendige Schweine zurück, die sie am Fuße des Wimpelmastes niederlegten. Endlich faßten sie Mut und fingen an zu tanzen. Als diese Zeremonie beendet war, brachten sie die Schweine an den Strand hinab, stießen ein Kanu ins Wasser und legten die Schweine hinein. Der Greis, der einen langen weißen Bart hatte, setzte sich sodann ganz allein zu diesen Tieren und brachte sie ans Schiff. Als er neben dem »Delphin« anlegte, reichte er uns einige grüne Bananenblätter nacheinander herein und sprach bei jedem in einem feierlichen, langsamen Tone ein paar Worte. Nachdem er endlich damit fertig war und auch die Schweine hereingereicht hatte, drehte er sich um und wies auf das Land. Ich befahl, ihm einige Geschenke zu geben, die er aber nicht annahm. Kurz darauf stieß er sein Kanu vom Schiffe ab und fuhr ans Land zurück.
Bald nachdem es finster geworden war, hörten wir das Lärmen vieler Trommeln, großer Muscheltrompeten und anderer Blasinstrumente. Wir sahen auch eine Menge Lichter längs der ganzen Küste sich bewegen.
Um 6 Uhr des Morgens, als wir keinen von den Eingeborenen an der Küste erblickten, dagegen aber den Wimpel entfernt sahen — den die Insulaner vermutlich, wie in der Fabel die Frösche ihren königlichen Klotz, hatten verachten lernen —, befahl ich dem Leutnant, eine Wache mit an Land zu nehmen und, wenn alles ruhig wäre, es uns zu melden, damit wir mit der Füllung unserer Wasserfässer beginnen könnten. Bald darauf ließ er mir zu meiner Freude melden, daß er bereits eine Anzahl von Wasserfässern habe an Land bringen lassen; um 3 Uhr hatten wir schon 4 Tonnen voll an Bord. Während unsere Leute mit dem Füllen beschäftigt waren, erschienen einige von den Eingeborenen am jenseitigen Ufer unter Anführung des Greises, den der Offizier am Tage vorher gesehen hatte. Bald kam der alte Mann herüber und brachte einige Früchte und etwas Federvieh mit, das uns dann an Bord geschickt wurde.
Ich war um diese Zeit schon seit ungefähr 14 Tagen sehr krank und befand mich eben damals so schwach, daß ich kaum herumkriechen konnte. Da ich nun nicht selbst an Land gehen konnte, gebrauchte ich mein Fernglas, um vom Schiffe aus zu sehen, was an Land vorging. Um 9 Uhr kam eine Menge von Eingeborenen über den Berg marschiert, der ungefähr eine Meile weit von dem Strome ab liegen mochte. Zu gleicher Zeit entdeckte ich eine große Anzahl von Kanus, die um die westliche Landspitze herumliefen und längs der Küste sich näherten. Ich blickte hierauf nach der Wasserstelle und bemerkte dahinter, wo die Aussicht freilag, eine zahlreiche Schar von Eingeborenen, die unter den Gebüschen hinschlichen. Zugleich entdeckte ich eine unzählbare Menge Wilder, die in den Wäldern gegen die Wasserstelle anrückten, und noch mehrere Kanus, die sehr schnell um die andere Landspitze der Bucht gegen Osten herkamen.
Ich erschrak über diese Anstalten und fertigte sogleich ein Boot ab, um dem Offizier am Lande hinterbringen zu lassen, was ich gesehen hatte, und ihm zu befehlen, augenblicklich mit seiner Mannschaft wieder an Bord zurückzukommen, ja, im Notfall die Fässer zurückzulassen. Jedoch er hatte bereits die ihm drohende Gefahr selbst entdeckt und war ungeheißen an Bord seines Bootes gegangen, noch ehe meine Botschaft ihn erreichte. Sobald er inne ward, daß die Eingeborenen sich den Schatten des Waldes zunutze machten, um heimlich gegen ihn heranzuschleichen, schickte er sogleich den Greis an sie ab und gab ihnen durch Zeichen zu verstehen, daß sie in einer gewissen Entfernung bleiben sollten, und daß er nichts als Wasser verlange. Als sie merkten, daß sie entdeckt waren, fingen sie an, zu rufen, und rückten noch geschwinder gegen ihn an. Der Offizier zog sich augenblicklich mit seiner Mannschaft in die Boote zurück. Während seines Rückzuges waren die Eingeborenen über den Fluß gegangen und hatten unter lautem Freudengeschrei Besitz von den Wasserfässern genommen. Ihre Kanus fuhren nun aufs schnellste längs der Küste zum Wasserplatze, und alles Volk lief ebendahin. Eine Menge von Frauen und Kindern aber rannte auf einen Berg, von wo aus sie den Meerbusen und den Strand übersehen konnten, und ließ sich hier nieder. Sobald die Kanus von beiden Landspitzen der Bucht her in die Gegend kamen, wo unser Schiff vor Anker lag, stießen sie an Land und nahmen noch immer mehr Leute auf, die große Säcke trugen. Diese waren, wie sich später herausstellte, mit Steinen gefüllt. Nunmehr näherten sich alle Kanus unserem Schiffe. Ich durfte also wohl nicht mehr länger daran zweifeln, daß die Eingeborenen ihr Kriegsglück in einem neuen Angriff zu versuchen trachteten. Da nun meiner Meinung nach das sicherste Mittel zur Verminderung des Unheils war, den Kampf möglichst kurz zu gestalten, beschloß ich, ein für alle Male den Feindseligkeiten ein entschiedenes Ende zu machen.
Ich befahl daher meinen Leuten, die alle die ihnen angewiesenen Plätze eingenommen hatten, zunächst auf die Kanus zu feuern, welche schon in hellen Haufen auf dem Plan erschienen. Dies geschah auch augenblicklich mit solchem Nachdruck, daß alle Kanus im Westen der Bucht in voller Hast an den Strand eilten, während die im Osten alsbald um die Klippenreihe herumruderten, um sich der Wirkung unserer Kanonen zu entziehen. Darauf richtete ich das Feuer nach verschiedenen Gegenden des Waldes, so daß die Eingeborenen bald daraus vertrieben wurden und den Berg hinaufrannten, wo die Frauen und Kinder sich niedergesetzt hatten, um der Schlacht zuzusehen. Auf diesem Berge befanden sich nunmehr viele Tausende, die sich hier für vollkommen sicher hielten. Um sie aber vom Gegenteil zu überzeugen, befahl ich, vier Schüsse gegen sie abzufeuern. Ich dachte, wenn die Eingeborenen unsere Kugeln ungleich weiter fliegen sähen, als sie erwarteten, würden sie befürchten, wir könnten so weit schießen, wie wir überhaupt nur wollten. Zwei von den Kugeln fielen hart an einem Baume nieder, unter dem eine große Menge versammelt saß, und jagten dieser einen solchen Schrecken ein, daß nach 2 Minuten keine Seele mehr zu sehen war.
Als ich nun die Küste völlig gesäubert hatte, bemannte und bewaffnete ich die Boote, schickte unter großer Bedeckung meine Zimmerleute mit ihren Äxten ab und befahl ihnen, alle zurückgelassenen Kanus zu zerstören. Noch vor Mittag war diese Arbeit vollendet, und mehr als 50 Kanus, von denen viele wohl gegen 20 Meter lang, 1 Meter breit und zu je zweien durch Balken miteinander verbunden waren, lagen zerstückt am Strande. Man fand in ihnen nichts als Steine und Schleudern, nur an Bord zweier viel kleinerer Kanus waren einige wenige Früchte, etwas Federvieh und einige Schweine.
Um 2 Uhr nachmittags kamen gegen zehn Eingeborene aus dem Walde hervor mit grünen Zweigen in den Händen, die sie am Strande in die Erde steckten; alsdann gingen sie wieder fort. Bald nachher brachten sie Schweine, denen sie die Füße festgebunden hatten. Hierauf holten sie aus dem Walde etliche Bündel von dem Zeuge, dessen sie sich zur Kleidung bedienen, und das dem chinesischen Papier einigermaßen ähnlich sieht, legten diese gleichfalls am Strande nieder und riefen uns zu, daß wir alle Sachen abholen möchten. Da wir ungefähr 3 Kabeltaulängen von der Küste entfernt lagen, konnten wir nicht genau erkennen, woraus dieses Sühneopfer im einzelnen bestand. Daß es Schweine und auch ein ganzer Ballen von ihrem heimischen Zeuge sein mochte, errieten wir. Als wir aber auch andere Tiere, mit ihren Vorderfüßen über dem Nacken gebunden, verschiedene Male aufstehen und eine kleine Strecke auf den Hinterfüßen fortlaufen sahen, hielten wir sie für seltsame, uns unbekannte Wesen und waren daher sehr neugierig, sie näher zu betrachten. Ein Boot wurde also schnell an Land geschickt, wo natürlich die Verwunderung sich bald löste: es waren nämlich Hunde. Unsere Leute fanden außer den Hunden und dem Zeuge neun tüchtige Schweine. Diese wurden an Bord gebracht, die Hunde dagegen ließ man los, auch das Zeug blieb am Lande liegen. Für die Schweine legten unsere Leute einige Beile, Nägel und andere Dinge auf dieselbe Stelle hin und winkten einigen von den Eingeborenen, die sich sehen ließen, daß sie unsre Gegengaben nebst ihrem Zeuge abholen und behalten sollten. Bald nachdem das Boot am Schiff wieder angelegt hatte, brachten die Insulaner noch zwei Schweine und machten uns Zeichen, diese zu holen. Das Boot kehrte demnach an Land zurück und brachte die beiden Schweine mit, ließ das Zeug jedoch wieder unbeachtet liegen, obwohl uns die Eingeborenen zur Mitnahme aufforderten. Unsere Leute berichteten mir, daß die Wilden von all den Sachen, die ich für sie auf den Strand hatte hinlegen lassen, nichts angerührt hätten; einer von uns war der Meinung, daß sie die Geschenke deswegen nicht nehmen mochten, weil wir auch das Zeug abgewiesen hätten, weshalb ich befahl, nunmehr auch dieses zu holen. Der Ausgang bewies die Richtigkeit dieser Meinung. Denn sobald das Boot das Zeug eingeladen hatte, kamen die Insulaner herab und trugen alles, was ich ihnen geschickt hatte, unter den größten Freudekundgebungen mit sich in den Wald fort. Unsere Leute liefen hierauf an der Küste bis zu dem Ort hin, wo es frisches Wasser gab. Hier füllten sie alle unsere Wasserfässer, die fast 6 Tonnen hielten, und brachten diese zum Schiff. Wir fanden, daß die Fässer, während sie im Besitz der Eingeborenen gewesen waren, keinen Schaden erlitten hatten, büßten aber einige lederne Eimer und Schläuche ein, die mit den Fässern zugleich in ihre Gewalt geraten und nicht wieder zurückgegeben worden waren.
Am folgenden Morgen schickte ich die Boote mit einer Wache an Land, um noch mehr Fässer mit Wasser füllen zu lassen; bald nachdem die Mannschaft gelandet war, erschien ebenderselbe Greis, der am ersten Tage über den Fluß zu ihnen gekommen war, wiederum am jenseitigen Ufer und hielt von da aus eine lange Rede an unsere Leute, nach deren Beendigung er endlich zu uns herüberkam.
Als er nahe genug war, zeigte ihm der Offizier die Steine, die wie Kanonenkugeln am Strande aufgehäuft und seit unsrer ersten Landung dahin gebracht worden waren; er wies ihm auch einige Säcke voller Steine, die man in den auf meinen Befehl zerstörten Kanus gefunden hatte. Er gab sich Mühe, dem alten Manne begreiflich zu machen, daß seine Landsleute der angreifende Teil gewesen wären, und daß wir nur aus Notwehr ihnen hätten schaden müssen. Der Greis schien zu begreifen, was der Offizier sagen wollte, über die Frage des Angriffs aber nicht gleicher Meinung mit ihm zu sein. Er hielt indessen sogleich eine Rede an das Volk, wies mit großer Rührung auf die Steine, Schleudern und Säcke, und bisweilen waren seine Blicke, Stimme und Gebärden drohend und aufs höchste erregt. Doch nach und nach legte sich der Sturm seiner Leidenschaften wieder, und der Offizier, der es herzlich bedauerte, daß er von der ganzen Rede nicht ein Wort hatte verstehen können, bestrebte sich, ihn durch Beihilfe aller nur möglichen Zeichen zu bereden, daß wir in Freundschaft mit ihnen zu leben und von Herzen gern alle Beweise unserer guten Gesinnung zu geben wünschten. Zur Bestätigung dessen reichte er ihm die Hand, umarmte ihn und schenkte ihm einige Kleinigkeiten, die er sich selbst aussuchen durfte. Der Offizier konnte außerdem dem Greise verständlich machen, daß wir Lebensmittel einzuhandeln wünschten, daß die Eingeborenen aber nicht in zu großer Zahl kommen und auf der einen Seite des Flusses, wie wir auf der andern bleiben sollten. Hierauf ging der Greis sichtlich befriedigt hinweg, und noch vor Mittag kam ein ordentlicher Handel zustande, vermittels dessen wir Schweine, Federvieh und Früchte genug bekamen, daß das gesamte Schiffsvolk, ob krank oder gesund, reichlich und so viel von diesen Lebensmitteln erhielt, als es nur verzehren konnte.
Als die Angelegenheit nun glücklicherweise so gut beigelegt war, schickte ich den Schiffsarzt mit dem zweiten Leutnant ab, das Land in Augenschein zu nehmen, um irgendwo einen bequemen Platz auszusuchen, wo ich für die Kranken Landwohnungen aufschlagen könnte. Als sie zurückkamen, meldeten sie, daß die ganze Insel, soweit sie sie gesehen und untersucht hätten, hierzu überall gleich bequem und gesund sei. Wenn es aber zudem auf Sicherheit ankäme, so könnten sie nur die Wasserstelle empfehlen, weil allda die Kranken sowohl vom Schiffe als von der Wache her geschützt wären. Man würde sie zugleich an diesem Orte leicht beaufsichtigen können, daß sich keiner von ihnen allzu tief ins Land hineinwagte; man würde sie endlich von dort auch leicht zu den Mahlzeiten rufen können. Ich schickte daher die Kranken nebst den Leuten, die Wasser holen sollten, zur Wasserstelle und übertrug dem Waffenoffizier das Kommando über die Bedeckungsmannschaften. Um die Kranken gegen Sonne und Regen zu schützen, wurde ein Zelt aufgeschlagen, und ich ließ den Schiffsarzt mit an Land gehen, damit er über ihr Wohlbefinden wachen und die nötigen Maßnahmen treffen könnte.
Als das Zelt aufgeschlagen war und er die Kranken ziemlich versorgt hatte, nahm der Arzt eine Flinte unter den Arm und ging ein wenig spazieren. Unterwegs traf es sich, daß eine wilde Ente über seinem Kopfe dahinflog, er schoß also nach ihr und traf sie so gut, daß sie mitten unter eine Gruppe der Eingeborenen jenseits des Flusses tot niederfiel. Das jagte den Wilden einen solchen Schrecken ein, daß sie im ersten Augenblick alle davonliefen. Erst nach einer ganzen Strecke blieben sie wieder stehen. Er winkte ihnen nunmehr zu, sie sollten ihm die Ente herüberbringen. Einer von ihnen traute sich vor, kam über den Fluß und legte blaß und zitternd das Tier zu seinen Füßen nieder. In ebendiesem Augenblick flogen noch verschiedene andere Enten von ungefähr an dem Schützen vorbei. Er schoß also wieder und traf glücklicherweise noch drei davon. Dieser Vorfall flößte den Eingeborenen eine solche Furcht vor der Feuerwaffe ein, daß sie, wenn man ihnen eine Flinte wies, sofort wie eine Herde Schafe davonliefen.
Da ich mir im voraus vorstellen konnte, daß zwischen denjenigen von unseren Leuten, die am Lande waren, und den Eingeborenen ein Schleichhandel nicht ausbleiben würde, und daß, wenn man sie in dieser Sache nach ihrem Gutdünken ungestört handeln ließe, nichts als Unheil und Zwistigkeiten daraus entstehen würden, befahl ich, daß aller Handel zwischen beiden Parteien durch die Hände des Waffenoffiziers gehen und von ihm ganz allein betrieben werden solle. Ich trug ihm auf, ernstlich darauf zu achten, daß unsere Leute den Insulanern kein Unrecht täten, weder durch Gewalt noch durch Betrug; er solle sich ferner auf alle Weise bestreben, den alten Mann, der sich uns hilfreich erwiesen, zum Freunde zu behalten. Der Offizier entledigte sich dieses Auftrags mit großer Gewissenhaftigkeit. Wir hatten dem erwähnten Greise vieles zu verdanken. Durch seine Vorsicht brachte er unsere Leute dahin, daß sie gegen die Insulaner beständig auf ihrer Hut waren, und wenn er sah, daß der eine oder der andere vom Zeltort sich entfernte, geleitete er ihn jedesmal wieder dahin zurück. Die Eingeborenen stahlen zwar bisweilen etwas, doch durch die bloße Furcht vor einer Flinte, die in Wahrheit nie ernstlich gebraucht wurde, konnte der Waffenoffizier die Rückgabe der entwendeten Gegenstände erzwingen.
Eines Tages schlich sich ein Kerl unbemerkt über den Fluß und stahl ein Beil. Sobald der Waffenoffizier den Verlust bemerkte, gab er dem Greise zu verstehen, was vorgefallen war, und tat, als ob er sich mit allen seinen Leuten fertigmachen wolle, um in den Wald zu marschieren und dem Diebe nachzusetzen. Allein, der Greis gab ihm durch Zeichen zu verstehen, daß er sich diese Mühe sparen könne. Er ging sofort allein in den Wald und brachte auch bald darauf das Beil wieder. Alsdann drang der Waffenoffizier darauf, auch den Dieb in seine Hände zu bekommen; zwar ließ sich der alte Mann offenbar nur schwer dazu bewegen, tat es aber endlich doch. Als der Kerl herbeigebracht wurde, erkannte ihn der Offizier sofort als einen von denen wieder, die uns schon mehrmals bestohlen hatten, und schickte ihn daher gefangen an Bord. Ich war nicht gesonnen, das Verbrechen anders als durch die bloße Furcht vor Bestrafung zu ahnden, setzte den Dieb daher nach vielen Bitten und Fürbitten wiederum in Freiheit und schickte ihn an Land. Ob die Eingeborenen über seine glückliche Rückkehr mehr erstaunt oder erfreut waren, ist schwer zu entscheiden. Soviel aber ist gewiß, sie empfingen ihn mit Frohlocken und führten ihn in die Wälder mit sich fort. Den folgenden Tag kam unser wieder in Freiheit gesetzter Gefangener freiwillig zurück und brachte dem Waffenoffizier einen beträchtlichen Vorrat an Brotfrucht und ein gebratenes Schwein, vermutlich um den Offizier wieder mit sich auszusöhnen.
Um diese Zeit beschäftigten sich meine Leute an Bord, das Oberdeck des Schiffes zu kalfatern und neu zu streichen, wickelten das Takelwerk auseinander und brachten es in Ordnung, räumten auch das Magazin auf. Kurz, ein jeder tat in seiner Art, was notwendig war. Unterdessen hatte meine Krankheit, die eine Art Gallenkolik war, sich so sehr verschlimmert, daß ich an diesem Tage bettlägerig wurde. Das ganze Kommando fiel also an den ersten Offizier. Diesem gab ich seine Verhaltungsmaßregeln und ermahnte ihn, auf die Landmannschaft ganz besonders achtzugeben. Ich ordnete auch an, daß man dem Schiffsvolk Früchte und frische Lebensmittel reichen sollte, solange dergleichen nur zu bekommen wäre, und daß nach Sonnenuntergang die Boote niemals vom Schiffe abwesend sein dürften.
Eines Nachmittags kam der Waffenoffizier mit einer Frau an Bord; sie war von großer Statur, mochte ungefähr 45 Jahre alt sein und hatte außer einer angenehmen Gesichtsbildung einen wirklich majestätischen Anstand. Er sagte mir, sie sei erst kürzlich in diese Gegend des Landes gekommen, und da er beobachtet hätte, daß die andern Eingeborenen viel Ehrfurcht vor ihr bezeigten, habe er ihr einige Geschenke gemacht. Um diese zu erwidern, habe sie ihn in ihre Wohnung eingeladen, die ungefähr zwei Kilometer talaufwärts liege, und dort habe sie ihm einige recht große Schweine geschenkt. Nachher sei sie mit ihm nach der Wasserstelle zurückgegangen und habe Verlangen bezeigt, mit an Bord des Schiffes zu gehen. Er habe es für ratsam gehalten, ihr Verlangen zu erfüllen, und habe sie begleitet. Sie schien gleich beim Betreten des Schiffes ganz ohne Mißtrauen und Furcht, überhaupt ganz ungezwungen zu sein, und die ganze Zeit über, die sie an Bord bei uns war, betrug sie sich mit einer ungekünstelten Freimütigkeit, die man bei allen Personen zu bemerken pflegt, die sich ihrer Vorzüge bewußt und zu herrschen gewohnt sind. Ich gab ihr einen großen blauen Mantel, der ihr von den Schultern bis auf die Füße hinabreichte, hing ihr diesen um und band ihn mit Bändern fest. Auch gab ich ihr einen Spiegel, Glasperlen und viele andre Sachen mehr. Alles nahm sie auf die würdigste Art an und bezeigte ihr Wohlgefallen darüber. Sie bemerkte, daß ich krank gewesen war, und wies aufs Land. Ich deutete mir das so aus, als ob sie meinte, ich solle dahin gehen, um meine Gesundheit wieder vollkommen herzustellen, und gab ihr also durch Zeichen zu verstehen, daß ich den anderen Morgen ihren Rat befolgen wolle. Als sie sich endlich anschickte, wieder zurückzukehren, befahl ich dem Waffenoffizier, sie zu geleiten. Nachdem er sie an Land gebracht hatte, begleitete er sie ganz nach ihrer Wohnung und beschrieb mir diese nachher als sehr groß und wohlgebaut. Er sagte, sie habe viele Leibwachen und Bediente in diesem Hause, und in einiger Entfernung noch ein anderes Gebäude, welches von einer Art Gitterwerk umgeben sei.
Den folgenden Morgen ging ich also zum ersten Male an Land, und meine Fürstin oder vielmehr Königin — denn ihrem Ansehen nach schien sie einen solchen Rang zu haben — kam bald nachher mit einer zahlreichen Begleitung zu mir. Da sie bemerkte, daß ich von meiner Krankheit noch sehr schwächlich war, befahl sie ihren Leuten, mich auf ihre Arme zu nehmen und nicht nur über den Fluß, sondern auch den ganzen Weg bis an ihr Haus zu tragen. Weil sie beobachtete, daß einige meiner Begleiter, insbesondere der erste Leutnant und der Schiffszahlmeister, ebenfalls krank gewesen waren, ließ sie auch diese auf die gleiche Art tragen. Ich hatte, als ich an Land ging, eine Leibwache mitgenommen, und diese folgte uns bei diesem Aufzuge nach. Unterwegs drängte sich eine sehr große Volksmenge um uns herum, sobald aber die Herrscherin mit ihrer Hand einen Wink gab, wichen die Eingeborenen zurück und machten vor uns Platz, ohne daß sie auch nur ein Wort gesprochen hätte.
Der Schiffsarzt nahm die Perücke vom Kopfe.
Als wir uns ihrem Hause näherten, kam uns eine große Zahl Leute beiderlei Geschlechts entgegen. Sie stellte mir alle Leute vor und gab mir zu verstehen, daß dies alles Anverwandte von ihr wären. Hierauf faßte sie meine Hand und reichte sie der ganzen Verwandtschaft zum Küssen dar. Endlich betraten wir das Haus, das etwa 100 Meter lang und 12 Meter breit war. Es bestand aus einem mit Palmzweigen bedeckten Dache und ruhte auf Pfosten, deren sich auf jeder Seite 39 und in der Mitte 14 befanden. Bis an die oberste Dachspitze gerechnet, war das Gebäude innen etwa 10 Meter hoch, die Pfosten aber, auf denen das Dach am Rande ruhte, waren nur etwa 4 Meter hoch. Unterhalb des Daches waren die Seiten alle frei und offen. Sobald wir das Innere des Hauses betreten hatten, nötigte die Königin uns zum Niedersitzen und rief sogleich vier junge Mädchen. Als diese herbeikamen, ließ sie sich von ihnen helfen, mir Schuhe, Strümpfe und den Rock auszuziehen, sodann befahl sie ihnen, mir die Haut mit ihren Händen ganz leicht zu massieren. Das gleiche ließ sie mit dem kranken Schiffszahlmeister und dem ersten Offizier vornehmen. Während diese Kur an uns vorgenommen wurde, suchte sich der Schiffsarzt, der sich auf dem Gange hierher sehr erhitzt hatte, ein wenig abzukühlen, und nahm in dieser Absicht seine Perücke vom Kopfe. Einer von den Eingeborenen bemerkte das und gab seinem Staunen durch einen lauten Schrei Ausdruck. Das lenkte die Aufmerksamkeit aller übrigen so sehr auf den guten Chirurgus, daß in einem Augenblick aller Augen auf das Wunderding geheftet und mit einem Male alle Verrichtungen unterbrochen waren. Die ganze Versammlung stand einige Zeit über in sprachlosem Erstaunen ganz unbeweglich da. Sie hätten sich wahrhaftig nicht erstaunter anstellen können, wenn sie gesehen hätten, daß unser Landsmann sich alle Glieder vom Leibe geschraubt hätte. Endlich gingen die jungen Mädchen, die uns massierten, wiederum an ihre Arbeit, und als sie diese ungefähr eine halbe Stunde lang fortgesetzt hatten, kleideten sie uns wieder an. Man kann sich indessen leicht vorstellen, wie ungeschickt sie sich dabei benahmen. Indessen bekam sowohl mir als dem Leutnant und dem Schiffszahlmeister die Massage sehr wohl.
Bald darauf ließ unsere gütige Wohltäterin einige Ballen von landesüblichem Rindenzeug herbeibringen und kleidete mich nebst meiner ganzen Gesellschaft mit diesem Zeuge nach der Mode ihres Landes. Anfangs verbat ich mir diese Gunstbezeigung. Weil ich indessen nicht gerne den Eindruck erwecken wollte, als ob mir das nicht gefiele, was in bester Absicht mit mir geschah, ließ ich mich endlich nach ihrem Willen kleiden.
Als wir weggingen, befahl sie, daß ein sehr großes und tüchtiges Mutterschwein zum Boot hinabgebracht werden sollte, und sie selbst begleitete uns in Person dahin. Sie hatte ihren Landsleuten geheißen, mich wie auf dem Herwege auf den Armen zu tragen. Da ich aber jetzt lieber gehen wollte, so bot sie mir den Arm, und sooft wir an eine Wasserpfütze oder eine morastige Stelle kamen, hob sie selbst mich hinüber und das offenbar mit ebenso geringer Mühe, als es in gesunden Tagen mich würde gekostet haben, ein Kind hinüberzuheben.
Am folgenden Morgen schickte ich ihr durch den Waffenoffizier sechs Beile, sechs Sicheln und noch verschiedene andere Dinge. Bei seiner Zurückkunft meldete mir der Offizier, daß er sie bei der Mahlzeit angetroffen, und daß sie in ihrem großen Hause eine erstaunliche Anzahl von Leuten, die seiner Schätzung nach sich auf mindestens 1000 Personen belaufen mußte, mit einem Gastmahl bewirtet habe. Die Speisen wurden bei dieser Gelegenheit alle von den Bedienten, die sie zubereitet hatten, aufgetragen. Das Fleisch war in Kokosnußschalen gefüllt. Diese waren in hölzerne Tröge gesetzt, die unseren Fleischermulden einigermaßen ähnlich sahen, und die Regentin teilte diese Speisen eigenhändig an die Gäste aus, die im Hause rundherum in Reihen saßen. Als sie mit der Austeilung der Gerichte fertig war, setzte sie sich selbst auf einem etwas erhöhten Sitze nieder; zwei Mädchen stellten sich alsdann zu ihren beiden Seiten auf und reichten ihr die Speisen so zu, daß sie nur den Mund aufzumachen brauchte, um sie zu genießen. Sobald sie des Waffenoffiziers ansichtig wurde, ließ sie ihm auch gleich eine Mahlzeit auftragen. Er konnte nicht eigentlich sagen, was es war, das er aß; er hielt es für kleingehacktes Hühnerfleisch mit daruntergeschnittenen Äpfeln, in Salzwasser zurechtgemacht. Es war alles sehr schmackhaft zubereitet. Die Königin nahm die Geschenke, die ich ihr schickte, mit großem Vergnügen an. Als wir auf solche Art mit ihr in ein gutes Einvernehmen gekommen waren, fanden wir, daß weit mehr Lebensmittel aller Art als zuvor auf den Markt gebracht wurden. Allein, obgleich alle Tage Federvieh und Schweine genug ankamen, mußten wir diese Dinge doch teurer bezahlen als im Anfang.
Eines Tages erblickte der Waffenoffizier, der noch immer des Handels wegen am Lande blieb, eine alte Frau jenseits des Flusses, die bitterlich weinte. Sobald sie merkte, daß sie seine Aufmerksamkeit erregt hätte, schickte sie einen Jüngling, der mit ihr gekommen war, mit einem Bananenzweige in der Hand über den Fluß zu ihm hinüber. Als der junge Mensch vor ihm stand, hielt er eine lange Rede und legte alsdann seinen Zweig zu des Waffenoffiziers Füßen nieder. Darauf ging er zurück, die alte Frau selbst zu holen, während ein anderer Mann zwei große gemästete Schweine herbeibrachte. Die Frau sah unsere Leute einen nach dem andern an und brach abermals in Tränen aus. Als der Jüngling, der sie über den Fluß gebracht hatte, das Mitleid und Erstaunen des Offiziers sah, hielt er eine zweite große Rede, die länger als die vorhergehende war, nach deren Ende man aber die Ursache, warum die Frau so jämmerlich weinte, ebensowenig wußte als vorher. Endlich gab sie zu verstehen, daß ihr Mann und drei von ihren Söhnen beim Angriff auf das Schiff umgekommen wären. Während dieser Erklärung wurde sie von ihrem Kummer so ergriffen, daß sie zuletzt nicht mehr reden konnte und ohnmächtig niedersank; die zwei Jünglinge, die sie in ihren Armen hielten, schienen ähnlich bewegt zu sein. Vermutlich waren es zwei andere ihrer Söhne oder doch nahe Blutsverwandte. Der Waffenoffizier tat alles, was nur möglich war, um ihre Betrübnis zu lindern. Sobald sie nur einigermaßen wieder getröstet war, befahl sie, daß man ihm die beiden Schweine bringen solle, und reichte ihm die Hand zum Zeichen ihrer Freundschaft, sie wollte aber nichts dagegen annehmen, obwohl er ihr den zehnfachen Marktpreis dafür geboten hatte.
Am folgenden Morgen schickte ich den zweiten Leutnant mit allen Booten und 60 Mann nach Westen, um das Land in Augenschein zu nehmen und festzustellen, was man von dorther etwa bekommen könne. Um Mittag kam er zurück, er war diese Zeit über ungefähr 6 Kilometer weit längs der Küste hinmarschiert. Er fand das Land sehr anmutig und bevölkert und auch mit Federvieh, Schweinen, Früchten und Pflanzen reich gesegnet. Die Einwohner taten ihm nichts zuleide, schienen aber auch nicht geneigt zu sein, ihm irgend etwas von ihren Waren zu verkaufen, nicht einmal Früchte, die unsere Leute am liebsten eingehandelt hätten. Doch überließen sie ihm zuletzt einige Kokosnüsse und Bananen und verkauften ihm schließlich auch einiges Federvieh und 9 Schweine. Der Leutnant war der Meinung, man könne die Eingeborenen dort mit der Zeit schon dahin bringen, daß sie aus freien Stücken mit uns Handel trieben. Allein, diese Gegend lag zu weit vom Schiffe entfernt, so daß man jedesmal eine größere Bedeckungsmannschaft hätte mitgeben müssen. Er sah eine große Anzahl geräumiger Kanus, die die Einwohner auf den Strand gezogen hatten, und andere, an denen noch gebaut wurde. Er fand, daß alle ihre Werkzeuge aus Steinen, aus Muschelschalen und Knochen verfertigt waren, und schloß daraus, daß sie ganz und gar kein Metall besäßen. Auch fand er keine anderen vierfüßigen Tiere als Schweine und Hunde, desgleichen keine irdenen Gefäße. Alle ihre Speisen mußten daher gebacken oder gebraten werden. Weil sie also keinerlei Kochgeschirr hatten, konnten sie auch Wasser nicht sieden machen. Als die Königin eines Morgens mit uns an Bord des Schiffes frühstückte, sah einer von ihren Begleitern, der ein angesehener Mann war und einer von denen, die wir für Priester hielten, daß der Schiffsarzt den Hahn an einer Teemaschine umdrehte und auf diese Weise eine Teekanne, die auf der Tafel stand, mit Wasser füllte. Nachdem er das mit großer Neugierde und Aufmerksamkeit mitangesehen hatte, ging er, um die Sache selbst zu untersuchen, näher hin, drehte den Hahn um und fing das Wasser mit der Hand auf. Man kann sich vorstellen, wie sehr er sich verbrannte! Kaum war das geschehen, so fing er voller Schrecken ganz rasend an zu schreien und sprang vor Schmerz mit den lächerlichsten Gebärden in der Kajüte umher. Die anderen Eingeborenen konnten gar nicht begreifen, was ihm fehle. Sie staunten ihn daher mit Verwunderung an und ließen das äußerste Entsetzen blicken. Indessen legte ihm der Schiffsarzt, der unschuldigerweise die Ursache dieses ganzen Unfalls gewesen war, ein kühlendes Mittel auf; es währte aber doch eine ganze Zeit, bis der arme Schelm Linderung bekam.
Die Königin war jetzt verschiedene Tage über abwesend gewesen. Die Eingeborenen gaben uns indessen durch Zeichen zu verstehen, daß wir demnächst einen Besuch von ihr zu erwarten hätten. Am folgenden Morgen kam sie auch wirklich an den Strand hinab, und bald darauf brachte eine große Menge von Leuten, die wir bisher noch nie gesehen hatten, Lebensmittel aller Art zu Markte, so daß der Marktoffizier uns diesen Tag 14 Schweine und einen großen Vorrat von Früchten an Bord schaffen konnte.
Am Nachmittag des folgenden Tages kam die Königin selbst an Bord und brachte uns zwei große Schweine zum Geschenk mit. Sie ließ sich niemals zu einem Tauschhandel mit uns herab. Als sie am Abend an Land zurückkehrte, gab ich ihr den Bootsmann zur Begleitung und händigte ihm Geschenke für sie ein, die er ihr überreichen sollte. Sobald sie gelandet waren, nahm sie ihn bei der Hand, hielt eine lange Rede an das Volk, das sich rings um sie her versammelte, und führte ihn hierauf nach ihrem Hause. Dort kleidete sie ihn so, wie sie ehemals auch mit mir getan hatte, nach dortiger Landesart in Rindenzeug.
Des Tages darauf schickte sie uns einen weit beträchtlicheren Vorrat von Lebensmitteln, als wir je zuvor an einem Tage an Bord bekommen hatten, nämlich 48 große und kleine Schweine, 4 Dutzend Stück Federvieh und eine fast unzählige Menge von Brotfrüchten, Bananen, Äpfeln und Kokosnüssen.
Ein paar Tage später kam die Königin abermals an Bord und brachte verschiedene große Schweine zum Geschenke mit, für die sie wie gewöhnlich kein Entgelt annehmen wollte. Als sie im Begriff war, das Schiff zu verlassen, bezeigte sie ein lebhaftes Verlangen, ich möchte mit ihr an Land gehen. Ich willigte ein und nahm verschiedene von meinen Offizieren mit mir. Als wir in ihrem Hause ankamen, ließ sie uns insgesamt niedersitzen, nahm meinen Hut ab und steckte einen Busch von bunten Federn daran, wie ihn in diesem Lande meines Wissens niemand trug als sie selbst. Sie band auch um meinen und meiner Begleiter Hüte eine Schnur von geflochtenem Haar und gab uns zu verstehen, daß sowohl das Haar als die Arbeit daran von ihr selbst sei. Sie beschenkte uns ferner mit einigen sehr künstlich geflochtenen Matten. Am Abend begleitete sie uns bis an den Strand zurück, und als wir in unser Boot einstiegen, ließ sie ein großes, schönes Schwein nebst einer großen Menge von Früchten an Bord bringen.
Als wir hierauf Abschied von ihr nahmen, deutete ich ihr durch Zeichen an, daß ich die Insel binnen 7 Tagen verlassen wolle. Sie verstand mich sogleich und antwortete mir, es sei ihr Wunsch, ich solle wenigstens noch 3 Wochen lang bleiben; ich könnte ja indessen eine kleine Reise ins Innere machen, mich einige Tage dort aufhalten und von dort aus eine Menge von Schweinen und Federvieh an den Strand herabschaffen lassen und hernach wegsegeln. Ich gab ihr dagegen wiederum zu verstehen, daß ich unwiderruflich in 7 Tagen abreisen müsse. Hierauf weinte sie so herzbewegend, daß es uns Mühe und Klugheit kostete, sie wieder zu beruhigen.
Am folgenden Morgen schickte der Marktoffizier nicht weniger als 20 Schweine und einen großen Vorrat von Früchten an Bord. Unser Verdeck war nunmehr ganz mit Schweinen und Federvieh angefüllt. Wir schlachteten nur die kleinsten davon, um die andern als Vorrat für die weitere Reise aufzubewahren. Wir fanden aber bald zu unserem großen Verdrusse, daß sowohl das Federvieh als auch die Schweine nicht leicht etwas anderes als die hiesigen Landesfrüchte fressen wollten; das nötigte uns, sie geschwinder nacheinander abzuschlachten, als wir sonst zu tun willens waren. Indessen glückte es uns doch, einen Eber und ein Mutterschwein lebendig nach England zu bringen.
Zwei Tage danach schickte ich dem alten Manne, der unserm Waffenoffizier beim Handel so große Dienste geleistet hatte, noch einen eisernen Topf, etliche Beile, Sicheln und ein Stück Tuch. Der Königin übersandte ich zwei Truthähne, drei chinesische Fasanen, zwei Gänse, eine trächtige Katze, etwas Porzellan, einige Spiegel, gläserne Flaschen, Hemden, Nadeln, Zwirn, Tuch, Bänder, Erbsen, kleine weiße Bohnen und ungefähr 16 verschiedene Arten von Gartenpflanzensamen, nebst einer Schaufel und einer großen Menge kurzer Eisenwaren, wie Messer, Scheren, Sicheln und dergleichen. Wir selbst hatten bereits während unserer Anwesenheit allerhand Arten von Gartensamen und auch etliche Erbsen an verschiedenen Orten ausgesät, und zu unserm größten Vergnügen war alles sehr schön und hoffnungsvoll aufgekeimt. Ich schickte der Königin zuletzt noch ein paar eiserne Töpfe und einige Löffel. Als Gegengabe brachte mir der Marktoffizier 18 Schweine und einige Früchte.
Am Morgen des 25. Juli ging ich unter kleiner Bedeckung an Land und ließ auf einer gewissen Landspitze ein Zelt aufschlagen, um dort eine Sonnenfinsternis zu beobachten, was ich bei der Klarheit der Luft mit großer Genauigkeit tun konnte. Als ich mit meiner Beobachtung fertig war, ging ich nach dem Hause der Königin und wies ihr das Fernrohr vor, dessen ich mich soeben bedient hatte. Nachdem ich ihr zuerst den Bau gezeigt hatte, suchte ich ihr den Gebrauch deutlich zu erklären. Ich richtete es also auf verschiedene in weiter Ferne befindliche Gegenstände, die ihr wohl bekannt waren, die man aber von ihrem Hause aus mit bloßem Auge nicht erkennen konnte, und ließ sie alsdann durchsehen. Sobald sie die Dinge so nah und deutlich erblickte, sprang sie erstaunt zurück, wandte alsdann ihre Augen dahin, wohin das Fernrohr gerichtet war, stand eine Zeitlang unbeweglich stille, sah zum zweiten Male hindurch und bemühte sich von neuem, wiewohl vergebens, die eben geschauten Gegenstände mit bloßem Auge zu erkennen. Sowie sie dieselben wechselweise sah, wenn sie durch das Rohr blickte, sie bald wieder aus dem Gesichte verlor, wenn sie mit bloßen Augen hinsah, drückten ihre Mienen und Gebärden jedesmal eine Mischung von Erstaunen und Entzücken aus, die keine Sprache beschreiben kann. Endlich ließ ich das Fernrohr wegschaffen und lud sie nebst verschiedenen Standespersonen, die bei ihr waren, ein, mit mir an Bord zu gehen. Als wir mit unsern Gästen an Bord gekommen waren, befahl ich, daß eine gute Mahlzeit zu ihrer Bewirtung zubereitet werden solle. Allein die Königin wollte weder essen noch trinken. Ihre Begleiter hingegen ließen sich alles, was ihnen zum Essen vorgesetzt wurde, herzlich gut schmecken. Doch außer reinem Wasser wollten sie nichts trinken.
Als die Königin wieder von Bord ging, fragte sie mich durch Zeichen, ob ich noch immer auf meinem Entschlusse beharre und die Insel zu der angesagten Zeit verlassen wolle. Als ich ihr hierauf zu verstehen gab, daß ich mich unmöglich länger aufhalten könne, zeigte sie mir durch eine Flut von Tränen, die sie eine Zeitlang ihrer Sprache beraubten, wie schmerzlich sie dieses ankäme. Sobald sich die Heftigkeit ihrer Betrübnis gelegt hatte, winkte sie mir, sie wolle morgen wieder an Bord zu mir kommen; so schieden wir voneinander.
Ihre Mienen und Gebärden drückten Erstaunen und Entzücken aus.
Am folgenden Morgen um 10 Uhr kam die Königin ihrem Versprechen gemäß mit einem Geschenke von Schweinen und Federvieh an Bord. Wir ergänzten auch unsere Holz- und Wasservorräte und machten uns fertig, in See zu gehen. Am nächsten Tage kam eine größere Anzahl der hiesigen Eingeborenen, als wir sonst je gesehen hatten, an den Strand herab. Sie schienen aus dem inneren Teil des Landes herzustammen, auch waren viele darunter, die den ihnen erwiesenen Ehrenbezeigungen nach Standespersonen sein mußten. Um 3 Uhr des Nachmittags kam die Königin in größtem Staat und in Begleitung eines sehr zahlreichen Gefolges wiederum an den Strand herab. Sie ging mit allen ihren Leuten und dem alten Manne über den Fluß und besuchte uns noch einmal an Bord. Sie brachte auch einige sehr schöne Früchte mit sich, erneuerte mit vielem Eifer ihr Anliegen, daß ich noch 10 Tage länger hier bleiben sollte, und gab mir zu verstehen, daß sie ins Innere des Landes reisen und mir eine Menge von Schweinen, Federvieh und Früchten von dorther mitbringen wolle. Ich suchte ihr für diese Freundschaft und Güte meine Erkenntlichkeit zu bezeigen, versicherte ihr aber, daß ich unabänderlich den folgenden Morgen absegeln müsse. Sie brach hierüber wie gewöhnlich in Tränen aus, und als sie sich gefaßt hatte, erkundigte sie sich durch Zeichen, wann ich wieder zurückkäme. Ich gab mir Mühe, ihr die Zahl von 50 Tagen anzuzeigen, sie bat darauf durch Gegenzeichen, daß ich nicht länger als 30 Tage wegbleiben solle. Da ich aber gegen alle ihre Einwendungen fest immer wieder 50 andeutete, gab sie sich endlich zufrieden. Sie blieb bei uns, bis es Nacht wurde, und es kostete viele Mühe und Künste, sie endlich zur Rückkehr an Land zu bewegen. Als man ihr sagte, daß das Boot auf sie warte, warf sie sich über die Gewehrkiste hin und weinte eine Zeitlang so heftig, daß sie gar nicht wieder zu sich zu bringen war. Endlich bequemte sie sich doch und stieg, wiewohl sehr ungern, in das Boot, wohin alle ihre Begleiter und auch der alte Mann ihr nachfolgten.
Mit Anbruch des 27. Juli lichteten wir die Anker, und zu gleicher Zeit schickte ich die Barke und ein anderes Boot ab, um die wenigen Wasserfässer zu füllen, die wieder leer geworden waren. Als unsre Leute sich der Küste näherten, sahen sie zu ihrem größten Erstaunen den ganzen Strand weithin mit Eingeborenen überfüllt. Weil sie es nun bei diesem Anblick nicht für ratsam fanden, sich unter eine solche Menge hineinzuwagen, so wollten sie wieder unverrichteterdinge nach dem Schiffe zurückkehren. Sobald aber die Eingeborenen am Strande dies beobachteten, kam die Königin hervor, winkte ihnen und schien die Ursache ihrer Besorgnis zu erraten; denn die Insulaner mußten sich auf ihren Befehl jenseits des Flusses begeben. Die Boote ruderten hierauf nach der Wasserstelle und füllten die Fässer. Unterdessen ließ die Königin einige Schweine und Früchte an Bord des Bootes bringen, und als unsre Leute vom Strand abstoßen wollten, wäre sie gern mit ihnen gefahren. Der Offizier wollte es ihr aber nicht gestatten, weil er Befehl bekommen hatte, keinen Eingeborenen mehr mit sich zu nehmen. Sie ließ auf diese Weigerung gleich eines ihrer doppelten Kanus in See stechen, und ihre eigenen Leute mußten sie zu uns führen. Sie kam gleich an Bord, konnte aber vor Wehmut nicht sprechen, sondern setzte sich nieder und brach in Tränen aus. Als sie ungefähr eine Stunde bei uns gewesen war, erhob sich ein günstiger Wind, wir lichteten die Anker und gingen unter Segel. Da sie nunmehr sah, daß sie in ihr Kanu zurückkehren müsse, umarmte sie uns alle auf das zärtlichste und mit vielen Tränen; ebenso ließ auch ihr ganzes Gefolge große Betrübnis über unsre Abreise wahrnehmen. Wir hatten indes kaum die Segel aufgespannt, so flaute der Wind wieder ab und die See lag still. Ich schickte also die Boote voraus, um das Schiff zu bugsieren. Sobald die Kanus, die uns eben verlassen hatten, dies sahen, kehrten sie alle zusammen zum Schiff zurück. Dasjenige, das die Königin an Bord führte, ruderte an die Waffenkammer hin. Die Leute im Raum befestigten es an der Luke, und nach Verlauf von wenigen Minuten kam die Königin an Bord, setzte sich nieder und weinte ganz untröstlich. Ich gab ihr allerhand Sachen, die ihr meines Erachtens nützlich sein konnten, und Putzwerk. Sie nahm alles stillschweigend und teilnahmslos an.
Um 10 Uhr waren wir durch Unterstützung unserer Boote über die Klippenreihe hinausgekommen, und da sich nunmehr ein frischer, günstiger Wind erhob, nahmen unsere Südseefreunde und besonders die Königin noch einmal mit zärtlicher Freundschaft und so rührender Betrübnis Abschied von uns, daß ich selbst ganz bewegt wurde und mich der Tränen nicht erwehren konnte.
[Ein Südsee-Idyll]
Von Kapitän James Cook
Es war Montag, den 10. April 1769, als einige von unseren Leuten, die nach der Insel Tahiti, unserem Reiseziel, ausspähten, des Nachmittags um 1 Uhr meldeten, sie sähen in demjenigen Teil des Horizontes, wo die Insel der Lage nach zum Vorschein kommen mußte, Land. Es schien sehr hoch und gebirgig zu sein, und wir erkannten es allen Anzeichen nach als ebendasselbe, das Kapitän Wallis »König Georgs des Dritten Insel« genannt hatte, und das nunmehr Tahiti heißt. Eine plötzlich einsetzende Windstille hielt uns aber zurück, so daß wir am Morgen des folgenden Tages der Insel noch nicht näher waren als die Nacht zuvor. Um 7 Uhr erhob sich endlich ein frischer Wind, und um 11 Uhr waren wir Tahiti bereits so nahe gekommen, daß verschiedene Kanus gegen das Schiff liefen. Doch wollten nur wenige sich an uns heranwagen, und selbst diese wenigen wollten sich nicht bereden lassen, an Bord unserer »Endeavour« zu kommen. In jedem Kanu hatten sie junge Bananen und Zweige von einem andern Baume, den die Insulaner »E' Midho« nennen; diese waren, wie wir nachmals erfuhren, ein Sinnbild des Friedens und wurden uns als Freundschaftszeichen überbracht. Aus einem von den Kanus reichten sie uns die Insulaner an der Schiffsseite herauf und machten uns zu gleicher Zeit mit großem Eifer einige Zeichen, die uns unverständlich waren. Endlich aber errieten wir ihr Verlangen; sie wünschten nämlich, daß diese Friedenszeichen an irgendeinem Orte im Schiffe aufgesteckt werden möchten, wo man sie frei und deutlich sehen könne. Wir steckten sie daher sofort zwischen die Bordwände, worüber die Insulaner lebhaftes Vergnügen zeigten. Hierauf kauften wir ihnen ihre Waren ab, die in Kokosnüssen und allerlei andern Früchten bestanden, wie sie uns allen nach einer so langen Reise sehr willkommen waren.
Wir steuerten die ganze Nacht hindurch vorsichtig näher gegen die Küste, die Meerestiefe nahm gegen die Insel hin von 30 bis zu 21 Meter ab, und um 7 Uhr morgens kamen wir mit 23 Meter Tiefe in der Matavaibucht vor Anker. Die Eingeborenen umringten sogleich unser Schiff mit ihren Kanus, brachten uns Kokosnüsse, apfelähnliche Früchte, Brotfrucht und einige kleine Fische. Sie überließen uns das alles gegen Glasperlen und andere Kleinigkeiten. Sie hatten auch ein kleines Schwein bei sich, wollten es aber gegen nichts Geringeres als ein Beil eintauschen. Wir weigerten uns daher, diesen Handel einzugehen; denn hätten wir ihnen gleich zu Anfang ein Beil für ein junges Schwein gegeben, so hätten sie uns wohl voraussichtlich nachher nie eines wohlfeiler verkaufen wollen, und das wäre uns doch auf die Dauer allzu teuer zu stehen gekommen. Die Brotfrucht wächst auf einem Baum, der ungefähr so groß ist wie eine mittelhohe Eiche. Die Blätter sind oft anderthalb Meter lang, von länglicher Gestalt, mit tiefen Krümmungen wie die Feigenblätter versehen, denen sie an Wesen und Farbe ähnlich sind; beim Auseinanderbrechen sondern sie gleich einen milchartigen Saft ab. Die Frucht hat die Größe eines Kindskopfes und beinahe dieselbe Form. Ihre Außenseite ist meistens wie bei der Trüffel netzförmig, die Haut ist nur dünn, und die Frucht hat einen Kern, der ungefähr so dick ist wie ein Messerstiel. Das Fleisch oder der eßbare Teil liegt zwischen Haut und Kern, ist schneeweiß und locker wie frischgebackenes Brot. Ehe man sie ißt, muß man sie rösten und zu diesem Zweck in drei oder vier Teile zerschneiden. Sie hat keinen ausgesprochenen Geschmack, höchstens, daß sie etwas süßlich schmeckt.
Wir gingen in Begleitung unseres Freundes Auhaa an Land.
Unter den Eingeborenen, die zu uns an Bord kamen, befand sich auch ein ältlicher Mann, der, wie wir nachher erfuhren, Auhaa hieß, und Leutnant Gore, der mit dem Kapitän Wallis hier gewesen war, erkannte ihn augenblicklich wieder. Da ich nun wußte, daß er Wallis sehr nützlich gewesen war, nahm ich ihn nebst einigen anderen an Bord des Schiffes und war besonders bemüht, ihm soviel Freundlichkeiten als möglich zu erweisen, weil ich hoffte, er würde auch uns gute Dienste leisten. Da allem Anschein nach zu vermuten stand, daß wir uns ziemlich lange hier aufhalten würden, mußten wir notwendigerweise darauf bedacht sein, daß der Wert der Waren, die wir zum Tauschhandel mitgebracht hatten, während der Zeit unseres Hierseins nicht sank. Das wäre aber zweifellos geschehen, wenn man jedermann Freiheit gelassen hätte, die eingekauften Dinge nach persönlichem Gutdünken zu bezahlen. Weil daraus unfehlbar Verwirrungen und Streitigkeiten hätten entstehen müssen, stellte ich bestimmte Regeln für den Handel auf und befahl ihre strengste Beachtung.
Sobald das Schiff gehörig gesichert war, ging ich mit den Botanikern Banks und Solander, einer Abteilung Bewaffneter und in Begleitung unseres Freundes Auhaa an Land. Beim Aussteigen aus den Booten wurden wir von einigen hundert Eingeborenen empfangen, die uns aber nur mit ihren Augen bewillkommten, weil sie es auf andere Art zu tun nicht wagten; denn sie bezeigten eine so tiefe Ehrfurcht vor uns, daß der erste, der sich näherte, beinahe auf Händen und Füßen herankroch. Es ist merkwürdig, daß das Friedenszeichen, das uns sowohl dieser Mann als auch jener im Kanu überreichte, ein grüner Zweig war, dessen sich bekanntlich schon die alten und mächtigen Völker der nördlichen Halbkugel zu ebendiesem Zwecke bedient hatten. Wir nahmen das Zeichen freudig und vergnügt an, und weil wir sahen, daß jeder von ihnen solchen Zweig in der Hand hielt, pflückte auch jeder von uns sogleich einen und trugen ihn auf dieselbe Art.
Die Eingeborenen begleiteten uns unter Anführung Auhaas nach dem Platze, wo der »Delphin« zwei Jahre vorher sein Wasser eingenommen hatte. Als sie aber auf dem Wege dahin ungefähr eine halbe Meile zurückgelegt hatten, machten sie halt und reinigten den Boden von allem darauf befindlichen Rasen. Die Vornehmsten unter ihnen warfen jetzt ihre grünen Zweige auf das nackte Erdreich und winkten uns, daß wir es mit den unserigen ebenso machen sollten. Wir bezeigten sogleich unser Einverständnis und unsre Bereitwilligkeit hierzu, und um die Zeremonie noch feierlicher zu gestalten, mußten die Seesoldaten in Reih und Glied antreten und ihre Zweige niederlegen. Wir machten es hernach ebenso.
Darauf marschierten wir weiter und gelangten zur alten Wasserstelle. Die guten Leutchen gaben uns zu verstehen, wir sollten diesen Platz wieder beziehen. Wir fanden aber, daß der Ort für unsre Absichten nicht besonders geeignet sei. Unterdessen hatte sich die erste Vorstellung von unsrer Überlegenheit und die daraus folgende Schüchternheit bei ihnen allmählich verloren, und sie waren inzwischen ganz vertraulich geworden. Sie gingen von der Wasserstelle weiter mit uns weg und führten uns auf einem Umweg in den Wald. Während des Marsches teilten wir Glasperlen und andere kleine Geschenke unter ihnen aus und bemerkten mit Vergnügen, daß sie sehr viel Wohlgefallen daran fanden. Der Umweg, den wir nahmen, betrug nicht weniger als 4–5 Kilometer, und diese ganze Zeit über wandelten wir in Hainen von Bäumen, die mit Kokosnüssen und Brotfrucht überladen waren und den anmutigsten Schatten gaben. Unter diesen Bäumen lagen die Wohnungen des Volkes; sie bestanden meistenteils aus einem bloßen Dache auf Pfosten ohne Seitenwände; der ganze Anblick bestätigte die phantastischen Berichte der alten Dichter von dem Fabellande Arkadien. Was wir indessen gleich anfangs zu unserm Leidwesen feststellten, war der große Mangel an Schweinen; denn auf unserem ganzen Wege sahen wir deren nur zwei, und zudem nicht ein einziges Stück Federvieh. Diejenigen Leute, die mit dem »Delphin« hier gewesen waren und die Verhältnisse kannten, sagten uns, daß sie bisher noch keine Standesperson unter den Eingeborenen bemerkt hätten. Sie vermuteten, daß die Häuptlinge des Volkes irgendwo anders sich niedergelassen hätten. Und als wir an den Platz gelangten, wo ihren Aussagen nach ehemals der Palast der Königin gestanden hatte, fanden wir auf dem Fleck überhaupt keine Spuren mehr davon. Wir entschlossen uns daher, am folgenden Morgen wieder an Land zu gehen, um zu sehen, ob wir nicht die Vornehmen in ihren neuen Wohngebieten aufsuchen könnten.
Ehe wir aber am folgenden Morgen noch aus dem Schiffe kamen, waren schon verschiedene Kanus größtenteils von Westen her zu uns gekommen. Zwei waren voller Leute, die ihrer Kleidung und ihrem Betragen nach Standespersonen sein mußten. Von diesen kamen zwei an Bord, und jeder wählte sich einen Freund. Der eine, der, wie wir erfuhren, Mataha hieß, wählte Banks, der andere mich. Dieser feierliche Vorgang bestand darin, daß sie einen großen Teil ihrer Kleider auszogen und uns anlegten, wogegen wir jedem von ihnen ein Geschenk mit einem Beile und einigen Glasperlen machten. Bald nachher winkten sie uns, wir sollten mit ihnen in ihre Wohnungen kommen, und wiesen dabei nach Südwesten. Da ich nun einen bequemeren Hafen zu finden und die Gesinnungen der Eingeborenen zu erforschen wünschte, willigte ich ein.
Ich ließ also zwei Boote ausheben und ging mit Banks, Dr. Solander, den Offizieren und unseren zwei Freunden an Bord der Boote, um unter Anführung der Insulaner unsere kleine Reise anzutreten. Als wir ungefähr eine Seemeile weit gerudert waren, winkten sie uns, daß wir an Land gehen sollten, und gaben uns zu verstehen, daß dieses der Ort ihres Aufenthaltes sei. Wir stiegen also an Land, und der Zulauf des Volkes war so groß, daß wir uns bald von etlichen hundert Eingeborenen umringt sahen. Man führte uns sogleich in ein Haus, das viel länger war, als wir dergleichen bisher gesehen hatten.
Bei unserm Eintritt bemerkten wir einen Mann, der, wie wir nachher erfuhren, Tutaha hieß. Man breitete uns sogleich eine Matte aus und ersuchte uns, ihm gegenüber Platz zu nehmen. Bald nachdem wir uns gesetzt hatten, wurden ein Hahn und eine Henne herbeigebracht, die Tutaha Herrn Banks und mir überreichte. Wir nahmen das Geschenk an, und bald darauf erfolgte noch ein anderes: ein jeder von uns bekam nämlich ein Stück Rindenzeug, das nach ihrer Gewohnheit mit etwas Wohlriechendem zubereitet war und ganz angenehm duftete. Sie selbst legten großen Wert auf diesen Umstand und gaben sich viel Mühe, uns diesen Vorzug bemerkbar zu machen. Das Stück, das Banks überreicht wurde, war fast 10 Meter lang und fast 2 Meter breit. Er erwiderte dieses Geschenk mit einem seidenen spitzenbedeckten Halstuche, das er eben damals trug, und mit einem leinenen Schnupftuch. Tutaha legte diesen Schmuck sogleich mit vergnügter und selbstgefälliger Miene an.
Bald nachdem wir und Tutaha einander unsere Geschenke überreicht hatten, führten uns die Damen zu verschiedenen großen Häusern, in denen wir sehr ungeniert umherspazierten. Die Häuser waren, wie ich bereits gesagt habe, außer dem Dache allenthalben ganz offen.
Wir beurlaubten uns endlich von unserm guten Freunde und nahmen unseren Weg längs der Küste hin. Als wir ungefähr ein Kilometer weit marschiert waren, begegnete uns an der Spitze einer großen Menschenmenge ein anderer Häuptling, namens Tuburai Tamaide, dem wir gleichfalls einen Friedensvertrag zu bestätigen hatten. Die Zeremonien einer solchen Bestätigung waren uns jetzt aber schon besser bekannt. Als wir demnach den Zweig, den er uns überreichte, angenommen und ihm einen anderen dagegen gegeben hatten, legten wir die Hand auf die linke Brust und sprachen das Wort »Taio« aus, das unserer Meinung nach »Freund« bedeutete. Der Anführer gab uns hierauf zu verstehen, daß, wenn uns etwas zu essen beliebe, alles dazu in Bereitschaft sei. Wir nahmen sein Anerbieten an und ließen uns eine nach tahitischer Art zubereitete Mahlzeit von Fischen, Brotfrucht, Kokosnüssen und Bananen gut schmecken. Die Tahitier essen einige von ihren Fischen roh und boten uns daher solche ebenfalls an, damit dem Gastmahle gar nichts fehle. Allein für dieses Gericht bedankten wir uns denn doch.
Während dieses Besuches bezeigte eine von den Gemahlinnen unsres edlen Wirtes, die Tomio hieß, Banks die Ehre, sich dicht neben ihn auf dieselbe Matte zu setzen. Tomio war nicht mehr in der ersten Blüte ihrer Jugend; sie schien auch niemals vorzügliche Reize besessen zu haben. Vermutlich aus dieser Ursache erwies auch Banks ihr keine besondere Aufmerksamkeit, und zu noch größerer Kränkung der guten Dame ereignete es sich, daß ihm gerade ein sehr reizendes Mädchen in die Augen fiel, das unter der Menge des Volkes um die Tafel herumstand. Ohne sich also um den Rang seiner Nachbarin zu kümmern, winkte er dem hübschen Mädchen, daß sie zu ihm kommen möchte. Nachdem sie sich ein wenig dazu hatte bitten lassen, kam sie näher und setzte sich zu seiner andern Seite nieder. Nun überhäufte er sie mit Glasperlen und einigen andern Spielsachen, die ihr seiner Meinung nach gefallen mochten. Es kränkte die Prinzessin zwar einigermaßen, daß er ihrer Nebenbuhlerin den Vorzug gab; doch begegnete sie ihm deswegen nicht minder höflich als zuvor und versah ihn immer noch emsig mit Milch von Kokosnüssen und mit allen andern Leckerbissen, die sie von der Tafel herbeiholte. Diese Szene hätte voraussichtlich noch merkwürdiger und rührender werden können, wenn sie nicht plötzlich durch ein ernsthaftes Zwischenspiel wäre unterbrochen worden.
Um ebendiese Zeit beschwerten sich nämlich Dr. Solander und Leutnant Monkhouse, daß ihnen ihre Taschen ausgeleert worden seien. Dr. Solander hatte ein kleines Taschenfernrohr in einem Chagrinfutterale, der Schiffsarzt Monkhouse seine Schnupftabaksdose dabei eingebüßt. Dieser Vorfall verdarb natürlich die gute Laune der Gesellschaft. Man beschwerte sich wegen des erlittenen Diebstahls bei dem Häuptlinge. Und um der Klage größeren Nachdruck zu geben, sprang Banks hurtig auf und stieß schnell den Kolben seiner Flinte auf den Boden. Diese drohende Anstalt und das Getöse, das die Büchse machte, jagte der ganzen Gesellschaft einen solchen Schrecken ein, daß alles in der äußersten Bestürzung zum Hause hinausrannte, ausgenommen der Häuptling, drei Frauen und noch zwei oder drei andere, die ihrer Kleidung nach Standespersonen zu sein schienen.
Der Häuptling nahm mit aller Äußerung von Betrübnis und Bestürzung Banks bei der Hand und führte ihn zu einem großen Vorrat von Rindenzeug hin, der am anderen Ende des Hauses aufgestapelt war. Er bot ihm ein Stück nach dem anderen an und gab ihm zu verstehen, daß, wenn diese den vorgefallenen Schaden ersetzen und das Unrecht wieder gutmachen könnten, er soviel er davon beliebe oder, falls er wolle, alles mitnehmen solle. Banks legte die Stücke aber alle auf die Seite und gab ihm zu verstehen, daß er nichts verlange, als was seinen Gefährten unehrlicherweise entwendet worden sei. Hierauf ging Tuburai Tamaide in aller Eile fort, ließ seine Gemahlin Tomio, die während des ganzen Auftritts erschreckt und verwirrt an Banks' Seite geblieben war, bei ihm und gab ihm zu verstehen, er möchte noch solange warten, bis er selbst wieder zurückkäme. Banks setzte sich also nieder und unterhielt sich durch Zeichen, so gut er eben konnte, ungefähr eine halbe Stunde lang mit der Gemahlin seines Wirts. Alsdann kam dieser mit der Schnupftabaksdose und dem Futterale des Fernrohrs in der Hand zurück. Aus seinen Augen blitzte die Freude mit einer Stärke des Ausdrucks, die dieses Volk vor allen anderen auszeichnet, und vergnügt überreichte er dann die Sachen ihren Eigentümern. Als aber das Futteral geöffnet wurde, fand man es leer.
Kaum ward Tuburai Tamaide dessen gewahr, so veränderte sich seine Miene augenblicklich. Er nahm Banks abermals bei der Hand, rannte, ohne ein Wort zu sagen, wiederum zum Hause hinaus und führte ihn mit schnellen Schritten längs der Küste hin. Als sie ungefähr ein Kilometer weit gegangen waren, begegnete ihnen eine Frau und gab Banks ein Stück Zeug. Er nahm es ihr in aller Eile ab und setzte damit seinen Lauf hurtig fort. Dr. Solander und Monkhouse waren den beiden gefolgt, und sie kamen nunmehr bei einem Hause an, in dem sie von einer Frauensperson empfangen wurden. Dieser gab Tuburai das Zeug und winkte den Herren, daß sie ihr einige Glasperlen geben sollten. Sobald das Zeug und die Perlen auf den Flur gelegt waren, ging die Frau fort und kehrte nach Verlauf einer halben Stunde mit dem kleinen Fernrohr zurück und und drückte ihre Freude darüber mit eben der Stärke von Empfindung aus, wie es Tuburai unlängst getan hatte. Hierauf gab sie den Herren die Glasperlen zurück und beteuerte dabei, daß sie diese nicht annehmen könne. Mit ebensoviel Eifer wurde auch Dr. Solander das Stück Zeug als Genugtuung für das ihm zugefügte Unrecht aufgedrängt, und er mußte es schlechterdings annehmen. Dagegen bestand er nun seinerseits darauf, daß die Frau ein Geschenk von Glasperlen von ihm entgegennähme.
Am folgenden Morgen kamen verschiedene von den Häuptlingen, die wir den Tag vorher besucht hatten, an Bord und brachten Schweine, Brotfrüchte und andere Erfrischungen mit, für die wir ihnen Beile, Leinwand und andere Dinge gaben, je nachdem ihnen dergleichen erwünscht schien.
Da ich auf meinem gestrigen Spazierwege nach Westen keinen bequemeren Hafen gefunden hatte, als derjenige war, worin wir schon geankert hatten, nahm ich mir vor, an Land zu gehen und hier einen Platz aufzusuchen, den die Schiffskanonen bestreichen könnten. Dort wollte ich dann ein kleines Fort zu unserer Sicherheit aufwerfen und die nötigen Anstalten zu unsern astronomischen Beobachtungen treffen lassen. Ich nahm also eine Abteilung meiner Leute mit und ging in Begleitung der Herren Banks, Doktor Solander und des Astronomen Green an Land. Bald waren wir uns über die Wahl des Platzes, wo die Sternwarte aufgebaut werden sollte, einig und bestimmten einen Teil des sandigen Strandes auf der nordöstlichen Spitze der Bucht hierzu, weil diese Stelle für alle unsere Zwecke recht geeignet und von allen Wohnungen der Eingeborenen entfernt lag. Als wir den Grund, den wir besetzen wollten, abgesteckt hatten, wurde ein kleines, Banks gehöriges Zelt aufgeschlagen, das zu diesem Zwecke mit an Land genommen worden war. Währenddessen hatte sich eine große Menschenmenge um uns versammelt, vermutlich jedoch nur, um der Arbeit zuzusehen; denn keiner von ihnen allen hatte irgendeine Schußwaffe bei sich. Zur Vorsicht gab ich ihnen aber dennoch zu verstehen, daß keiner innerhalb der Linie, die ich gezogen hatte, kommen dürfe, ausgenommen zwei, davon einer ein vornehmer Mann zu sein schien, und der andere Auhaa war. An diese beiden wandte ich mich nun und bemühte mich, ihnen durch Zeichen zu verstehen zu geben, daß wir den Fleck, den wir abgesteckt hatten, nur für eine gewisse Anzahl von Nächten beanspruchen und dann wieder abreisen würden. Ich kann nicht bestimmt behaupten, ob sie mich verstanden. Das Volk führte sich aber so ehrerbietig und gefällig auf, daß wir uns darüber freuten und verwunderten. Sie setzten sich ganz friedfertig außerhalb des Kreises nieder und sahen uns zu, ohne uns im geringsten zu stören, obgleich es länger als zwei Stunden dauerte, bis wir fertig waren.
Die meisten fielen zu Boden, als wären sie selbst vom Schusse getroffen worden.
Da wir bei dem ersten Spaziergang nach unserer Landung gar kein Federvieh und nicht mehr als zwei Schweine gesehen hatten, so vermuteten wir, daß man die Tiere bei unserer Ankunft weiter landeinwärts getrieben haben möchte. Dieser Verdacht wurde dadurch noch bestätigt, daß uns Auhaa angelegentlichst bat, nicht in den Wald zu gehen. Aber gerade deswegen wollten wir es tun. Wir ließen also 13 Soldaten und einen Unteroffizier zur Bewachung des Zeltes zurück und traten in Begleitung einer großen Menge Eingeborener unsern Weg an. Als wir auf dem Marsche einen kleinen Fluß überschritten, ließen sich einige Enten sehen, und sobald Banks hinübergekommen war, schoß er auf sie und traf drei Stück. Das jagte den Eingeborenen einen solchen Schrecken ein, daß die meisten unter ihnen plötzlich zu Boden fielen, als wären sie selbst von dem Schuß getroffen worden. Doch erholten sie sich bald wieder von ihrer Bestürzung, und wir konnten unseren Marsch fortsetzen. Wir waren indessen noch nicht weit gekommen, als wir über den Knall zweier Musketen erschraken, die von niemand anders als von der Zeltwache abgefeuert sein konnten. Wir gingen gerade ziemlich zerstreut und vereinzelt, Auhaa rief uns aber augenblicklich zusammen und winkte den nachfolgenden Insulanern mit der Hand, sie sollten sich hinwegbegeben bis auf drei. Von diesen brach jeder vom nächsten Baume einen Zweig ab und überreichte ihn uns zum Zeichen des Friedens, den ihre Partei einhalten wollte, und vermutlich auch um uns zu bitten, daß wir ebenfalls Frieden halten möchten.
Wir hatten leider nur zu viel Ursache, zu vermuten, daß sich etwas zugetragen hatte, und eilten deshalb so schnell als möglich zu dem Zelte zurück, von dem wir nicht mehr als ein halbes Kilometer entfernt sein konnten. Als wir bei dem Zelte ankamen, sahen wir von der ganzen Menge Insulaner, die dagewesen war, nicht einen einzigen mehr, unsre eigenen Leute aber waren vor dem Zelte versammelt. Wir erfuhren nun, daß einer der Eingeborenen einen günstigen Augenblick abgepaßt, die Schildwache unversehens überfallen und ihr die Muskete aus der Hand gerissen habe. Hierauf hatte der Führer der Wache, ein Unteroffizier, zu feuern befohlen, vielleicht weil er in der ersten Bestürzung fürchtete, daß es zu größeren Gewalttätigkeiten kommen würde, vielleicht aber auch bloß aus mutwilligem Mißbrauche seiner erst vor kurzem erlangten Kommandogewalt, vielleicht endlich aus angeborener Grausamkeit. Die Mannschaft war ebenso unbedacht oder ebenso unmenschlich als ihr Befehlshaber und feuerte augenblicklich in den dicksten Haufen der fliehenden Menge, die aus mehr als hundert Menschen bestand. Sie begnügte sich auch nicht damit, jene verjagt zu haben, sondern als sie sah, daß der Dieb nicht getroffen war, verfolgten die Soldaten ihn besonders und erschossen ihn. Wir erfuhren nachher, daß zum Glück von den andern Eingeborenen kein einziger getötet oder verwundet worden war.
Als Auhaa, der uns die ganze Zeit über zur Seite geblieben war, sah, daß wir nun gänzlich verlassen waren, brachte er einige wenige der Flüchtlinge, freilich nicht ohne Mühe, wieder zusammen und stellte sie um uns her. Wir suchten unsere Leute so gut als möglich zu rechtfertigen, und bemühten uns, den Eingeborenen durch Zeichen klarzumachen, daß wir ihnen, wenn sie uns kein Unrecht täten, auch unsrerseits kein Leid zufügen würden. Nachdem wir uns derart, so gut es eben möglich war, gerechtfertigt hatten, verließen sie uns ohne das geringste Zeichen von Mißtrauen oder Rachgier. Wir brachen hierauf unsre Zelte ab und kehrten ziemlich mißvergnügt über den unglücklichen Vorfall an Bord zurück.
Dort verhörten wir unsere Leute umständlicher, und sie merkten wohl, daß wir ihr Betragen keineswegs billigten. Sie wandten indessen ein, daß die Schildwache, der das Gewehr entrissen worden sei, gewalttätig angefallen und zu Boden geworfen worden sei, und daß der Mann, der die Flinte genommen hatte, nachher noch einen Stoß nach der Wache geführt habe, worauf erst der Unteroffizier Befehl zum Feuern erteilt habe.
Am folgenden Morgen sah man nur wenige Eingeborene am Strande, und kein einziger kam zu uns an Bord. Das war mir Beweis genug dafür, daß unser Bestreben, die Insulaner zu beruhigen, vergeblich gewesen, und es ging uns wirklich nahe, daß selbst Auhaa, der uns bisher stets unveränderliche Ergebenheit bewiesen und sich so sehr um die Wiederherstellung des Friedens bemüht hatte, seit dem Vorfall auch nicht mehr zu uns kam. Da die Dinge nun ziemlich übel lagen, ließ ich die »Endeavour« näher an die Küste ziehen und legte sie so vor Anker, daß sie mit den Geschützen den ganzen nordöstlichen Teil der Insel und besonders den Platz bestreichen konnte, den ich zur Erbauung des Forts abgesteckt hatte. Am Abend ging ich indessen dennoch an Land, nahm jedoch außer einigen Herren unsrer Gesellschaft niemand als die zur Bemannung des Boots gehörigen Leute mit. Die Eingeborenen versammelten sich wie früher wieder um uns her, doch erschienen sie nur in geringer Zahl. Sie verhandelten uns Kokosnüsse und andere Früchte und gaben sich dabei allem Anschein nach ebenso freundlich wie zuvor.
Am nächsten Vormittage statteten uns die beiden freundschaftlich gesinnten Häuptlinge, die wir im westlichen Gebiet der Insel besucht hatten, Tuburai Tamaide und Tutaha, an Bord einen Gegenbesuch ab. Sie brachten uns als Friedenszeichen nicht Zweige, sondern zwei ganze, aber junge Bananenpflanzen mit, und weil sie vermutlich über den Vorfall am Zelte Besorgnis hegten, wollten sie sich nicht eher an Bord wagen, als bis wir das Friedenssymbol angenommen hatten. Jeder von ihnen brachte noch außerdem, um sich bei uns wieder in Gunst zu setzen, Geschenke mit, die in einem Vorrat von Brotfrucht und in einem fertig zubereiteten Schwein bestanden. Letzteres war uns um so angenehmer, weil Schweine nicht immer zu haben waren. Wir gaben also jedem unserer vornehmen Freunde ein Beil und einen Nagel zum Gegengeschenk. Am Abend gingen wir an Land und schlugen ein Zelt auf, worin der Astronom und ich die Nacht zubrachten, um eine Verfinsterung des ersten Jupitertrabanten zu beobachten; weil aber das Wetter trübe war, wurde nichts aus der Beobachtung.
Am 18. April ging ich bei Tagesanbruch mit so vielen Leuten, als wir im Schiffe nur entbehren konnten, an Land und fing an, das Fort erbauen zu lassen. Die einen warfen Verschanzungen auf, die anderen fällten Pfosten und Faschinen, und die Eingeborenen, die sich bald wie früher um uns her versammelt hatten, waren soweit davon entfernt, uns in unserer Arbeit zu stören, daß im Gegenteil viele von ihnen freiwilligen Beistand leisteten und die Pfosten und Faschinen aus dem Walde, wo sie gehauen worden waren, sehr dienstfertig herbeitrugen. Indessen hatten wir auch die Vorsicht walten lassen, ohne ihre Einwilligung nichts von ihrem Eigentum anzutasten, und hatten ihnen jeden Stamm, soviel wir deren zu unserm Vorhaben brauchten, ordentlich abgekauft, auch keinen Stamm gefällt, ohne daß sie uns Erlaubnis dazu gegeben hatten. Der Boden, auf dem wir unser Fort errichteten, war sandig. Wir waren also genötigt, die Schanzen durch Holz zu verstärken. Drei Seiten sollten auf diese Art befestigt werden, die vierte stieß an einen Fluß, an dessen Ufer ich die Befestigung durch Aufstellung einer gehörigen Anzahl von Wasserfässern sichern wollte. An diesem Tage ließen wir dem Schiffsvolk zum ersten Male Schweinefleisch reichen, und die Insulaner brachten uns so viele Brotfrucht und Kokosnüsse, daß wir einen Teil davon zurücksenden und durch Zeichen andeuten mußten, wir würden auf die zwei folgenden Tage keine mehr brauchen. An diesem Tage wurde alles gegen Glasperlen eingehandelt. Für eine einzige erbsengroße Perle gaben sie uns fünf bis sechs Kokosnüsse und ebenso viele Brotfrüchte. Banks' Zelt wurde noch vor der Nacht innerhalb der Festungswerke aufgeschlagen, und er schlief zum ersten Male am Lande. Ringsherum wurden Schildwachen ausgestellt, jedoch die ganze Nacht über versuchte es keiner der Insulaner, sich zu nähern.
Am folgenden Morgen stattete unser Freund Tuburai Tamaide Herrn Banks im Zelt einen Besuch ab und brachte nicht nur seine Gemahlin und Familie, sondern auch das Dach eines Hauses, allerhand Bau-, Hausgeräte und Werkzeug mit. Soweit wir ihn verstehen konnten, war er willens, seine Residenz in unserer Nähe aufzuschlagen. Dieser Beweis seiner Zuneigung und Gewogenheit machte uns große Freude, und wir nahmen uns vor, seine Freundschaft möglichst zu befestigen. Bald nach seiner Ankunft nahm er Banks bei der Hand, führte ihn aus der Verschanzung hinaus und gab ihm zu verstehen, daß er mit ihm in den Wald gehen möchte. Als sie ungefähr ein Kilometer miteinander gegangen waren, langten sie bei einer Art von Wetterdach an, das der Häuptling bereits hatte erbauen lassen und zu seiner einstweiligen Wohnung bestimmt zu haben schien. Hier wickelte er ein Bündel Rindenstoff auseinander, nahm zwei Kleider, das eine aus rotem Zeuge, das andere aus sehr hübschen Matten, kleidete Banks darein und führte ihn alsdann ohne weitere Zeremonie zum Zelt zurück.
Bald nachher brachten ihm seine Bedienten etwas Schweinefleisch und Brotfrucht; er machte sich über diese Gerichte her und tauchte dabei das Fleisch in Seewasser, das ihm statt der Brühe diente. Nach der Mahlzeit legte er sich auf Banks' Bett und schlief ungefähr eine Stunde lang. Des Nachmittags brachte seine Gemahlin Tomio einen schön gebildeten Jüngling von ungefähr 22 Jahren zum Zelte, beide schienen ihn als ihren Sohn zu betrachten, wir erfuhren aber nachmals, daß er es nicht war. Am Abend kehrte dieser Jüngling und eine andere Standesperson, die uns ebenfalls einen Besuch abgestattet hatte, nach Westen hin zurück. Tuburai Tamaide und seine Gemahlin hingegen verfügten sich nach ihrem im Walde gelegenen Wetterdache.
Der Schiffsarzt hatte an diesem Abend einen Spaziergang gemacht und erzählte uns bei seiner Rückkehr, daß er den Leichnam des am Zelte erschossenen Mannes gefunden habe, den man — wie er berichtete — in Rindenzeug gewickelt und auf eine Art von Bahre gelegt hatte, die auf Pfosten ruhte und oben ein Dach trug. Bei dem Körper lagen einige Waffen und andere Dinge, die er gern genauer untersucht hätte, wenn der Leichnam nicht bereits einen so unerträglichen Geruch verbreitet hätte. Er sagte, er habe auch zwei andre »Särge« derselben Art gesehen, in deren einem die Gebeine eines menschlichen Körpers gewesen wären und sehr lange dagelegen haben mußten, weil sie ganz ausgetrocknet waren. Wir erfuhren später, daß dies auf Tahiti die gewöhnliche Art ist, die Toten zu bestatten.
Man fing nunmehr an, eine Art von Markt zu halten. Der Platz war hart am Fort gelegen, und wir wurden mit allem reichlich versehen, ausgenommen Schweinefleisch, das sehr selten blieb. Tuburai Tamaide war unser beständiger Gast und ahmte unsere Gewohnheiten so eifrig nach, daß er sich sogar eines Messers und einer Gabel bediente, die er bald mit ziemlicher Geschicklichkeit handhabte.
Inzwischen hatte Monkhouse durch seine Beschreibung von dem Orte, wo der erschossene Mann beigesetzt war, meine Neugier rege gemacht; ich suchte also Gelegenheit, mit einigen anderen hinzugehen und selbst den Begräbnisplatz zu besichtigen. Wir gelangten endlich an unser Ziel. Der Schuppen, unter dem der Leichnam lag, war dicht neben dem Hause, worin der Mann bei Lebzeiten gewohnt hatte, aufgebaut. Noch andere ähnliche Begräbnisstätten lagen nur 3 Meter davon ab. Der Schuppen selbst war ungefähr 4½ Meter lang, etwa 3 Meter breit und von verhältnismäßiger Höhe. Das eine Ende war ganz offen, das andere sowie die beiden Seiten waren zum Teil mit einer Art von geflochtenem Zaun umgeben. Die Bahre, auf der der Leichnam lag, war eine Art von hölzernem Kasten. Der Boden dieses Behältnisses war mit Matten belegt und ruhte auf vier Pfosten ungefähr anderthalb Meter über der Erde. Der Leichnam selbst war mit einer Matte und über dieser mit einem weißen Tuch bedeckt. Neben dem Körper lag eine hölzerne Keule, eines von ihren Kriegswerkzeugen, und zu Häupten des Toten standen 2 Kokosnußschalen, wie sie auf diesen Inseln bisweilen als Trinkgeschirre dienen. Am anderen Ende war ein Bündel grüner Blätter an einige dürre Zweige gebunden und in die Erde gesteckt. Daneben lag ein Stein, der ungefähr die Größe einer Kokosnuß haben mochte, und etwas weiter weg hatten sie eine junge Banane, deren man sich, wie geschildert, als Friedenssymbol bedient, eingesetzt; daneben lag eine steinerne Axt. Am offenen Ende des Schuppens hing eine große Menge aufgereihter Palmnüsse. Außerhalb war der Stamm einer ungefähr anderthalb Meter hohen Bananenpflanze aufrecht in den Boden gesteckt und auf dem oberen Ende eine Kokosnußschale voll frischen Wassers befestigt. An dem einen von vier Pfosten hing ein kleiner Sack, in dem wir einige Stücke gerösteter Brotfrucht fanden, die nach und nach hineingelegt sein mochten; denn einige davon waren noch frisch, andere schon älter. Ich bemerkte, daß verschiedene von den Eingeborenen uns mit einer Miene beobachteten, die zugleich Besorgnis und Feindseligkeit verriet. Als wir uns dem Leichnam näherten, sah man es ihnen an, daß sie darüber in Verlegenheit waren; auch blieben sie die ganze Zeit über, in der wir unsere Beobachtungen anstellten, in geringer Entfernung von uns stehen und schienen recht froh zu sein, als wir endlich wieder weggingen.
Unser Aufenthalt am Lande wäre gar nicht unangenehm gewesen, wenn wir nur nicht unaufhörlich von den Fliegen wären gequält worden. Unter anderem hinderten sie den Maler Parkinson fast gänzlich an seiner Arbeit. Denn sie bedeckten nicht nur den Gegenstand, den er abmalen wollte, so sehr, daß man ihn nicht mehr erkennen konnte, sondern sie fraßen sogar die Farbe vom Papier ebenso geschwind weg, als er sie auftragen konnte. Wir nahmen deshalb unsere Zuflucht zu den Moskitonetzen und Fliegenbeizen; diese machten zwar der größten Beschwerlichkeit ein Ende, halfen ihr aber doch bei weitem nicht ab.
Am 22. gab Tutaha uns eine Probe von der Musik dieses Landes. Vier Personen spielten auf Flöten, die nur zwei Tonlöcher hatten, und folglich mit halben Tönen nur vier Noten angeben konnten. Sie wurden wie unsere Querflöten geblasen, nur daß der Tonkünstler, anstatt sie an den Mund zu halten, mit dem einen Nasenloche hineinblies, während er das andere mit dem Daumen zuhielt. Zu diesem Instrument sangen vier andere Personen und beobachteten den Takt sehr genau; während des ganzen Konzertes wurde jedoch immer nur ein und dieselbe Melodie gespielt.
Verschiedene Eingeborene brachten uns Äxte, die sie von der Mannschaft des »Delphins« bekommen hatten, und ersuchten uns, sie zu schleifen und auszubessern. Unter diesen Äxten befand sich auch eine, die uns viel Kopfzerbrechen machte, weil sie französische Arbeit zu sein schien. Nach langem Nachforschen erfuhren wir, daß nach der Abreise des »Delphin« und vor unserer Ankunft ein Schiff hier gewesen wäre. Damals vermuteten wir, daß es Spanier gewesen sein mochten; jetzt aber wissen wir, daß es die »Boudeuse« unter dem Befehl des französischen Entdeckers Bougainville gewesen war.
Am 24. nahmen Banks und Dr. Solander das Land verschiedene Kilometer weit längs der Küste gegen Osten hin in Augenschein. Ungefähr 2 Kilometer weit war es flach und fruchtbar. Von da an erstreckten sich die Gebirge bis hart an die Küste. Ein wenig weiterhin liefen sie sogar ganz in die See hinaus, so daß man, um weiter fortzukommen, sie übersteigen mußte. Diese unfruchtbaren Berge reichten noch ungefähr 3 Kilometer weiter und fielen dann zu einer großen Ebene ab, übersäet mit Hütten, deren Bewohner in großem Überfluß zu leben schienen. Als unsere Spaziergänger eben den Rückweg antreten wollten, nahte sich einer von den Eingeborenen und bot ihnen Erfrischungen dar, die sie sich auch gefallen ließen. Sie fanden, daß dieser Mann zu einer Art von Menschen gehörte, die von verschiedenen Schriftstellern beschrieben worden sind und nach deren Zeugnis unter vielen Völkern zerstreut angetroffen werden. Seine Haut war blaßweiß, ganz ohne Fleischfarbe und gewissermaßen leichenfarbig. Das Haar, die Augenbrauen und der Bart waren ebenfalls weiß. Die Augen schienen mit Blut unterlaufen, er selbst schien kurzsichtig zu sein. Solche Leute nennt man Albinos.
Bei ihrer Rückkehr begegnete ihnen Tuburai Tamaide mit seinen Frauen, und diese empfanden bei dem Anblick unsrer Herren solche Freude, daß sie diese in Ermangelung eines andern Ausdrucks durch Tränen zu erkennen gaben und eine Zeitlang weinten, ehe sie ihre Leidenschaft mäßigen konnten.
Am Abend lieh Dr. Solander einer dieser Frauen sein Taschenmesser, bekam es aber nicht wieder, und den folgenden Morgen vermißte auch Banks das seine. Bei dieser Gelegenheit muß ich allen Ständen und beiden Geschlechtern dieses Volkes das Zeugnis ausstellen, daß sie die größten Diebe auf Erden sind. Gleich am ersten Tage, als wir hier angekommen waren, und sie also zum ersten Male an Bord kamen, waren die Vornehmsten unter ihnen schon geschäftig, alles, was sie nur bekommen konnten, aus der Kajüte zu stehlen, und ihre Untergebenen waren an anderen Stellen des Schiffs nicht weniger emsig. Sie nahmen alles, was sie einigermaßen verbergen konnten, bis sie an Land kamen, und sogar die Glasscheiben der Fenster waren nicht sicher vor ihnen; denn sie nahmen gleich das erstemal zwei davon mit sich. Außer Tutaha war Tuburai Tamaide der einzige, der dieses Lasters nicht schuldig befunden wurde. Jetzt nun, als Banks' Messer abhanden gekommen war, erschien auch Tuburais Ehrlichkeit fragwürdig, und Banks beschuldigte ihn daher, so leid es ihm auch tat, ihm das Messer entwendet zu haben. Tuburai leugnete es feierlich und blieb dabei, daß er nicht das geringste davon wisse. Banks dagegen erklärte, daß er das Messer wieder haben wolle, möchte nun er oder ein anderer es genommen haben. Das war ziemlich deutlich gesprochen und hatte die gewünschte Wirkung. Einer von den Anwesenden nämlich zog auf ein Wort des Häuptlings einen Lumpen hervor, in dem drei Messer sehr sorgfältig eingewickelt waren. Eines davon war jenes, das Dr. Solander der Frau geliehen hatte, das zweite war eines von meinen Tischmessern; wem das dritte gehören mochte, wußten wir nicht. Mit diesen Messern eilte Tuburai augenblicklich nach dem Zelte, um sie ihren Eigentümern zurückzuerstatten. Banks blieb unterdessen bei den Frauen, die sehr besorgt zu sein schienen, daß ihrem Herrn und Gebieter ein Leids geschehen möchte. Als er an unser Zelt kam, gab er das eine Messer Dr. Solander, das andere mir zurück. Zu dem dritten wollte sich der Eigentümer nicht finden lassen. Darauf fing er an, Banks' Messer in allen Ecken und in allen Winkeln zu suchen, wo er es nur jemals hatte liegen sehen. Nach einiger Zeit merkte einer von Banks' Bedienten, wonach der Insulaner suchte, und holte sogleich das Messer seines Herrn herbei, das er den Tag zuvor weggelegt hatte, und von dem er bis zum Augenblick nicht gewußt hatte, daß es vermißt werde. Als der gute Tuburai Tamaide gerechtfertigt und in seiner Unschuld erkannt war, geriet er in die äußerste Erregung, die er in Blicken und Gebärden zum Ausdruck bringen mußte: die Tränen schossen ihm in die Augen, und er machte Zeichen mit dem Messer, daß, wenn er jemals einer solchen Tat, wie man sie ihm eben habe aufbürden wollen, schuldig erfunden würde, er sich die Kehle wolle abschneiden lassen. Hierauf rannte er aus dem Fort und hin zu Banks mit einer Miene, die diesem seinen Argwohn streng verwies. Banks erfuhr bald, daß sein Bedienter das Messer an sich genommen hatte, und nun kränkte es ihn ebensosehr, dem guten Tuburai Unrecht getan zu haben, als jenem der unverdiente Vorwurf nahegegangen war. Er fühlte sich schuldig und wünschte sehr, seine Übereilung wieder gutzumachen. Doch so heftig auch die Leidenschaft des verdächtigten Häuptlings war, neigte er doch nicht zu heimlichem Grolle, und als Banks wieder ein wenig vertraulich gegen ihn getan und ihm einige Geschenke gemacht hatte, war die Beleidigung vergessen und Tuburai wieder vollkommen ausgesöhnt.
Am nächsten Tage pflanzte ich sechs Drehkanonen auf das Fort und sah mit Bedauern, daß die Eingeborenen darüber in Besorgnis gerieten. Einige Fischerleute, die auf der Landspitze des Hafens wohnten, zogen weiter weg, und Auhaa gab uns durch Zeichen zu verstehen, wir würden in Zeit von vier Tagen große Kanonen abfeuern.
Am 27. April speiste Tuburai mit einem seiner Freunde und mit den drei Frauen, die ihn zu begleiten pflegten, zu Mittag bei uns im Fort. Wie ich bei dieser Gelegenheit erfuhr, hießen die drei Frauen Terapo, Teirao und Omeia. Der gute Freund aber, den er mitbrachte, bewies sich bei der Mahlzeit so gefräßig, wie ich dergleichen noch nie gesehen hatte. Am Abend nahmen sie Abschied und gingen nach dem Hause, das Tuburai am äußersten Teile des Waldes hatte aufrichten lassen. Nach kaum einer Viertelstunde kam der Häuptling sehr entrüstet zurück, ergriff Banks hastig am Arme und gab ihm durch Zeichen zu verstehen, daß er ihm folgen solle. Banks tat es sogleich, und sie gelangten bald an einen Ort, wo sie den Schiffsfleischer mit einer Sichel in der Hand stehen sahen. Hier hielt Tuburai an und meldete ihm mit so unmäßiger Wut, daß man seine Zeichen kaum verstehen konnte, der Fleischer habe gedroht oder gar versucht, seiner Gattin mit der Sichel die Kehle abzuschneiden. Banks bedeutete ihm hierauf, daß, wenn er die Wahrheit seiner Anklage erweisen könnte, der Mann dafür gestraft werden solle. Das besänftigte ihn, und er gab Banks zu verstehen, wie sich die Sache zugetragen hatte. Der Verbrecher habe nämlich Lust nach einem steinernen Beile bekommen, das im Hause gelegen hätte. Dieses Beil habe er seiner Gattin für einen Nagel abkaufen wollen; da sie aber geäußert hätte, daß es ihr um keinen Preis feil sei, so habe er es weggenommen, ihr den Nagel hingeworfen und gedroht, daß er ihr die Kehle abschneiden würde, wenn sie sich etwa widersetzte. Zum Beweise dafür wurden Beil und Nagel vorgezeigt, und der Fleischer konnte dagegen so wenig zu seiner Verteidigung vorbringen, daß man keine Ursache hatte, an der Wahrheit der Beschuldigung zu zweifeln.
Banks berichtete mir diesen Vorfall. Als Tuburai kurz danach mit seinen Frauen und anderen Insulanern an Bord des Schiffes war, ließ ich den Fleischer auf Verdeck rufen, die Anklage und der Beweis wurden dem Verbrecher vorgehalten, und um anderen ähnlichen Vergehen vorzubeugen, wie auch Banks' Versprechen zu erfüllen, befahl ich, daß der Kerl abgestraft werden sollte. Die Eingeborenen sahen mit ernster Aufmerksamkeit zu, wie er entkleidet und an die Wand gebunden wurde, und erwarteten stillschweigend den Ausgang. Sobald man ihm aber den ersten Streich gegeben hatte, legten sie sich ins Mittel und baten aufs angelegentlichste, daß ihm der Rest der Strafe erlassen werden möchte. Hierein konnte ich aber aus verschiedenen Gründen nicht willigen. Und als sie endlich sahen, daß sie mit ihren Fürbitten nichts erreichten, bezeugten sie ihr Mitleid durch Tränen.
Der Bootsmann erkannte die Königin sogleich wieder.
Sie waren in der Tat so wie Kinder gleich zu Tränen geneigt, wenn eine oder die andere Leidenschaft heftig in ihnen aufstieg; und ihre Tränen schienen auch wie der Kinder Tränen ebenso leicht vergossen als vergessen zu sein. Hiervon mag folgender Vorfall Zeugnis geben: Am 28. des Morgens sehr frühe, noch vor Anbruch des Tages, kam eine große Anzahl Eingeborener zum Fort, und da man unter anderen Frauen auch die Terapo außerhalb des Tores stehen sah, ging Banks hinaus und führte sie herein. Er bemerkte, daß ihr Tränen in den Augen standen, und sobald sie hereinkam, brach sie in lautes Weinen aus. Er erkundigte sich eifrig nach der Ursache ihrer Betrübnis. Allein, statt ihm zu antworten, zog sie unter ihrem Kleide einen Seehundszahn hervor und stieß sich diesen sechs- oder siebenmal so heftig in den Kopf, daß das Blut mit Gewalt herabströmte. Sie redete dabei sehr laut in einem höchst traurigen Tone einige Minuten lang fort, ohne im geringsten auf seine Fragen zu achten, die er noch dringender als zuvor wiederholte, wobei er ihr sein Mitleid immer mehr bezeugte. Die andern Insulaner hingegen plauderten und lachten die ganze Zeit über, ohne sich im geringsten an ihren Jammer zu kehren. Das kam Banks sehr seltsam vor; ihr eigenes Betragen war jedoch noch sonderbarer. Sobald das Blut zu fließen begann, sah sie mit lächelnder Miene auf und begann, einige kleine Streifen Zeug aufzulesen, die sie vorher hingeworfen hatte, um das Blut aufzufangen. Sobald sie alle aufgehoben hatte, ging sie aus dem Zelte weg und warf die Fetzen mit vieler Sorgfalt in die See, als ob sie gleichsam verhindern wollte, daß ihr Anblick die Erinnerung an den Anlaß ihrer Traurigkeit erneuern sollte. Hierauf sprang sie in den Fluß, wusch sich und kehrte dann so aufgeräumt und munter nach dem Zelte zurück, als ob ihr nicht das geringste widerfahren sei.
Den ganzen Vormittag über langten beständig Kanus an, und die Zelte im Fort wimmelten von Leuten beiderlei Geschlechts, die aus verschiedenen Gegenden der Insel hergekommen waren. Da ich selbst an Bord des Schiffes zu tun hatte, ging mein Bootsmann, der die letzte Reise an Bord des »Delphin« mitgemacht hatte, an Land. Sobald er in Banks' Zelt trat, fiel ihm eine Frau auf, die sehr gelassen unter den anderen dasaß. Er hatte sie kaum recht angeblickt, so erkannte er sie wieder und behauptete, daß es dieselbe Dame sei, die man damals für die Königin der Insel gehalten habe. Sie bestätigte ihrerseits gleichfalls, daß er einer von den Fremden sei, die sie früher schon gesehen habe. Nunmehr sah alles auf diese Dame, die nach dem Zeugnis der Entdecker dieser Insel eine so große Rolle gespielt hatte. Wir erfuhren bald, daß sie Oberea hieß; sie schien ungefähr 40 Jahre alt zu sein und war von großer Statur. Ihre Haut war sehr hell, und in ihrem Blick lag etwas ungemein Geistreiches und Empfindsames. Sie schien in ihrer Jugend schön gewesen zu sein. Jetzt aber waren nur noch einige Reste dieser ehemaligen Schönheit zu sehen.
Sobald man ihren Rang wußte, erbot man sich, sie an Bord des Schiffes zu bringen. Sie nahm dieses Anerbieten mit Vergnügen an und kam mit zwei Männern und verschiedenen Frauen, die insgesamt zu ihrer Familie zu gehören schienen, an Bord. Ich empfing sie mit allen den Ehren, die ihr meinem Erachten nach schmeicheln konnten, und überhäufte sie mit Geschenken, von denen dieser durchlauchtigsten Dame eine Kinderpuppe am besten zu gefallen schien. Als sie eine kleine Weile an Bord zugebracht hatte, begleitete ich sie an Land zurück. Sobald wir dort ankamen, machte sie mir ein Geschenk von einem Schweine und verschiedenen Bündeln Bananen, die sie von ihren Kanus zu unserm Boote vor uns her in einer Art von Prozession tragen ließ. Auf unserem Wege zum Fort begegneten wir dem Tutaha, der zwar nicht König war, aber damals doch mit der höchsten Gewalt bekleidet sein mußte. Es schien ihm gar nicht zu gefallen, daß wir der Oberea so viele Ehren erwiesen; und als sie vollends ihre Puppe hervorzog, wurde er so eifersüchtig, daß ich, um ihn zu versöhnen, es für ratsam hielt, auch ihm eine zu schenken.
Die Männer, die uns von Zeit zu Zeit besuchten, pflegten ohne das geringste Bedenken von unseren Speisen zu essen. Die Frauen hingegen hatte man noch niemals bewegen können, einen Bissen zu kosten. Auch an diesem Tage drangen wir in sie, daß sie mit uns speisen möchten; sie lehnten es zwar wie gewöhnlich ab, verfügten sich aber nachher in das Zimmer der Bedienten und ließen sich hier die Bananen sehr wohl schmecken. Diese Seltsamkeit im Betragen des schönen Geschlechts war uns ein unauflösliches Rätsel.
Am nächsten Abend stattete Banks dem Tuburai Tamaide, wie er bereits oft getan hatte, bei Licht einen Besuch ab, fand aber zu seinem Bedauern und zu seiner Befremdung, daß der Häuptling und seine ganze Familie sehr betrübt und die meisten weinend dasaßen. Banks bemühte sich vergebens, die Ursache ihrer Traurigkeit zu entdecken, und hielt sich deshalb nicht lange bei ihnen auf, sondern kehrte zum Fort zurück. Als er den Offizieren erzählte, was er gesehen habe, erinnerten sich diese, daß Auhaa ihnen vorausgesagt hatte, wir würden innerhalb von vier Tagen unser großes Geschütz abfeuern, und da von diesem Termin eben der dritte Tag zu Ende ging, erschraken sie über diesen Umstand und gerieten auf den Verdacht, daß uns von seiten der Eingeborenen vielleicht irgendein Unheil bevorstehe. Die Schildwachen im Fort wurden daher verdoppelt, und die Offiziere selber schliefen unter Waffen. Um 2 Uhr des Morgens stand Banks auf und wollte in eigener Person die Gegend untersuchen. Er ging um die Landspitze herum, fand aber alles so ruhig, daß er jeden Verdacht eines Überfalles als unbegründet fahren ließ. Doch wir hatten nunmehr noch einen andern Grund, uns sicher zu fühlen; denn unser Festungsbau war beendet. Die nördliche und südliche Seite bestanden aus einem Erdwall, der innen fast 2 Meter hoch und mit einem 3 Meter breiten und 2 Meter tiefen Graben umgeben war. Die westliche Seite, die der Bucht gegenüber lag, hatte ich mit einem Erdwall versehen lassen, der etwa 1½ Meter hoch und mit Palisaden gesichert, aber durch keinen Graben verstärkt war, weil zur Flutzeit die See bis an das Fort selbst heranspülte. An die östliche Seite, die ans Flußufer stieß, waren zwei Reihen gefüllter Wasserfässer gestellt. Und weil diese die schwächste Seite war, ließ ich zwei 4-pfündige Kanonen und 6 Drehbassen dahinbringen und diese so aufpflanzen, daß sie die zwei einzigen Zugänge aus den Wäldern her bestreichen konnten. Die Offiziere und die am Lande wohnenden Herren mit eingerechnet, bestand unsere Besatzung aus 45 Mann, die sämtlich mit Schußwaffen wohlversehen waren, und unsere Schildwachen wurden ebenso regelmäßig abgelöst, als in der wachsamsten Grenzfestung von Europa möglich gewesen wäre.
Obgleich unser Verdacht sich gelegt hatte, setzten wir unsere Wachsamkeit doch den ganzen folgenden Tag über fort. Um 10 Uhr des Morgens kam Tomio mit furchtsamer und trauriger Miene zum Zelt gelaufen, nahm Banks, an den sie sich in jeder Verlegenheit und Not zu wenden pflegte, am Arm und gab ihm zu verstehen, daß Tuburai an etwas, das unsere Leute ihm gegeben hätten, sterben wolle; er möchte also unverzüglich mit ihr kommen. Banks ging mit ihr und fand seinen braunen Freund äußerst schwach und niedergeschlagen, den Kopf hatte er an einen Pfosten gelehnt. Die Leute, die um ihn herum standen, berichteten, daß er sich erbrochen habe, und brachten ein sehr sorgfältig eingewickeltes Blatt herbei, das ihrer Aussage nach etwas von dem Gift enthielte, an dessen zerstörenden Wirkungen er nun sterben müsse. Banks öffnete eiligst das Blatt und fand darin etwas Kautabak, den Tuburai sich von einigen unserer Leute ausgebeten, und den ihm diese auch unbesonnenerweise gegeben hatten. Er mußte beobachtet haben, daß sie den Tabak lange im Munde zu behalten pflegten, und da er es ihnen vermutlich gleichtun wollte, so hatte er ihn lieber ganz klein gekaut und mit dem Speichel hinuntergeschluckt. Während Banks das Blatt betrachtete und den Inhalt untersuchte, sah ihn jeder mit der erbärmlichsten Miene an, als wollte er sagen: es ist vorbei. Sobald indessen Banks die Ursache und den Zustand der Krankheit erkannt hatte, verordnete er dem Häuptling reichlich Kokosmilch, und dieses Getränk machte denn auch der Krankheit und Todesahnung bald ein Ende.
Da Kapitän Wallis eines von den Beilen nach England gebracht hatte, die diese Südsee-Insulaner in Ermangelung jeglichen Metalls aus Stein verfertigen, hatte der Sekretär der Admiralität nach diesem Muster eines aus Eisen anfertigen lassen und mir auf die Reise mitgegeben, um den Eingeborenen zu zeigen, wie sehr wir sie in der Verfertigung von Werkzeugen auch nach ihrer eigenen Landesart überträfen. Dieses Beil hatte ich noch niemals vorgezeigt, weil es mir seit meinem Hiersein noch gar nicht eingefallen war. Als nun Tutaha eines Morgens an Bord kam, äußerte er große Begierde, zu sehen, was in jeder Kiste und jeder Schublade meiner Kajüte wäre. Da ich ihm nun allezeit soviel als möglich gefällig zu sein versuchte, schloß ich ihm einen Behälter nach dem anderen auf. Er bekam Lust zu vielen Dingen, die er sah, und las sie zusammen. Als er aber zuletzt die Augen auf dieses Beil warf, ergriff er es mit der größten Begierde, legte alles, was er vorher zusammengelesen hatte, weg und fragte mich, ob ich ihm dieses geben wolle. Ich willigte gern ein, und als hätte er besorgt, es möchte mich vielleicht gereuen, machte er sich vor Freude im Augenblick damit fort, ohne sich noch mehr auszubitten, wie er es sonst zu tun pflegte, wenn man ihn gleich noch so freigebig beschenkt hatte.
Am Mittag des 1. Mai kam ein anderer von den Anführern, der wenige Tage vorher in Gesellschaft einiger seiner Frauen mit mir gespeist hatte, allein an Bord. Ich hatte beobachtet, daß er sich bei der Mahlzeit von seinen Frauen regelrecht füttern ließ, doch hoffte ich, daß er sich diesmal wohl dazu bequemen würde, selbst zuzulangen. Darin aber hatte ich mich geirrt. Als die Mahlzeit aufgetragen war und mein vornehmer Gast Platz genommen hatte, legte ich ihm einige Speisen vor; er aber saß unbeweglich und wollte nicht essen. Ich nötigte ihn also, zuzulangen, er blieb aber immer noch unbeweglich wie eine Bildsäule, ohne auch nur Miene zu machen, einen Bissen zu kosten. Ich glaube wahrhaftig, er wäre ohne zu essen weggegangen, wenn ich nicht die Ursache seines Betragens erraten und einen von meinen Bedienten beauftragt hätte, ihm die Bissen in den Mund zu stecken.
Der Bediente mußte dem Häuptling die Bissen in den Mund stecken.
Am Nachmittag legten wir die Sternwarte an und nahmen den Quadranten nebst einigen anderen astronomischen Instrumenten zum ersten Male mit an Land.
Den nächsten Morgen um 3 Uhr ging ich mit unserm Astronomen Green hin, den Quadranten zum Gebrauch aufzustellen. Allein zu unserer unbeschreiblichen Bestürzung war das Instrument nirgends mehr zu finden. Es war von uns in dem für mich bestimmten Zelte aufbewahrt worden, und da ich diese Nacht noch an Bord geblieben war, hatte niemand im Zelte geschlafen. Es war niemals aus dem Futteral, das fast ein halbes Meter im Quadrat hatte und mit dem Inhalt ziemlich schwer war, herausgenommen worden. Die ganze Nacht hindurch hatte eine Schildwache kaum 4 Meter weit von der Türe des Zeltes gestanden, und von den anderen Instrumenten wurde keines vermißt. Anfangs argwohnten wir, daß es vielleicht von einem oder dem anderen unserer eigenen Leute möchte gestohlen worden sein, der beim Anblick des hölzernen Kastens, ohne zu wissen, was darin sei, vielleicht gedacht haben mochte, er enthalte Nägel oder sonst etwas, das zum Handel mit den Eingeborenen tauglich sei. Es wurde also sofort dem Finder des Quadranten eine große Belohnung angeboten, weil wir ohne dies Instrument die vornehmste Aufgabe unserer Reise gar nicht durchführen konnten. Wir begnügten uns nicht damit, im Fort und in dessen Nachbarschaft nachzusuchen, sondern, da der Kasten im Falle, daß er von einem unserer eigenen Leute gestohlen worden war, nach dem Schiff zurückgebracht worden sein konnte, wurde auch an Bord eifrigst nach ihm geforscht. Allein, alle hierzu ausgeschickten Abteilungen kamen unverrichteterdinge zurück. Banks, der bei solchen Zufällen weder Mühe noch Gefahren scheute und bei den Eingeborenen mehr als irgendeiner von uns vermochte, entschloß sich daher, den Quadranten in den Wäldern zu suchen. War das Instrument von den Eingeborenen gestohlen worden, hoffte er, es an dem Orte, wo sie den Kasten geöffnet hatten, wiederzufinden, weil sie sogleich gesehen haben müßten, daß er für sie von gar keinem Nutzen sein könne. Wenn aber diese Erwartung täuschen sollte, schmeichelte er sich, das Instrument durch das Ansehen, das er bei den Häuptlingen genoß, wiedererlangen zu können. Er ging daher in Begleitung eines Schiffsunteroffiziers und Greens fort und begegnete, als er eben über den Fluß setzte, Tuburai Tamaide, der sogleich mit drei Strohhalmen auf seiner Hand die Figur eines Dreiecks darstellte. Danach war es gewiß, daß die Eingeborenen die Diebe waren, und Banks schloß aus diesem Umstande, daß sie zwar den Kasten geöffnet hatten, jedoch nicht geneigt waren, das Instrument auszuliefern. Nun war keine Zeit mehr zu verlieren. Banks gab also Tuburai Tamaide zu verstehen, daß er augenblicklich mit ihm nach dem Orte gehen müsse, wohin der Quadrant gebracht worden wäre. Der Häuptling war sogleich dazu bereit, und sie eilten miteinander in östlicher Richtung fort. Tuburai erkundigte sich in jedem Hause, an dem sie vorüberkamen, nach dem Diebe, den er genau kennen mußte, weil er ihn mit Namen nannte; die Leute sagten ihm auch überall, welchen Weg er genommen habe, und wann er vorübergekommen sei. Man hatte also von einem Orte zum andern Hoffnung, ihn einzuholen, und das machte unsern Leuten Mut, der unerträglichen Sonnenhitze zu widerstehen und weiterzudringen. Nachdem sie so, bald gehend, bald laufend, einen vom Fort etwa 4 Kilometer entfernten Berg erreicht hatten und diesen hinaufgestiegen waren, zeigte ihnen ihr Führer eine Landspitze, die noch gut 3 Kilometer entfernt lag, und gab ihnen dabei zu verstehen, daß sie das Instrument nicht eher wiederbekommen konnten, als bis sie dorthin gelangt wären. Sie hielten also eine kurze Beratung. Sie hatten keine andere Waffe als ein paar Pistolen, die Banks allezeit bei sich zu tragen pflegte. Sie waren im Begriff, einen Ort aufzusuchen, der gut 7 Kilometer vom Fort entfernt lag, und wo die Eingeborenen vielleicht nicht so gutwillig sein mochten wie in der Nähe unseres Schiffs. Sie wollten den Wilden überdies etwas abnehmen, das diese mit Lebensgefahr erbeutet hatten, und das sie allem Vermuten nach behalten wollten. Das waren Umstände, die man wohl bedenken mußte, und es war vorauszusehen, daß sie immer mehr Gefahr liefen, je tiefer sie sich auf ihrer Suche ins Land hineinwagten. Es wurde deshalb beschlossen, daß Banks und Green mit dem Häuptling weitergehen sollten. Der Unteroffizier aber sollte zu mir zurückkehren und verlangen, daß eine Abteilung Soldaten nachgeschickt werde, und mir zugleich melden, daß sie unmöglich vor Nacht wieder zurück sein könnten. Auf diese Botschaft hin machte ich mich selbst auf den Weg und nahm so viel von meinen Leuten mit, als ich nötig zu haben glaubte. Im Schiffe aber und im Fort ließ ich Befehl zurück, daß man kein Kanu aus der Bucht wegrudern lassen, jedoch auch keinen Eingeborenen gefangenhalten sollte.
Mittlerweile setzten Banks und Green mit Tuburai Tamaide ihren Weg fort, und an dem Platze, den der Häuptling ihnen vom Berge aus gezeigt hatte, trafen sie einen von seinen eigenen Leuten, der ein Stück vom Quadranten in der Hand hielt. Bei diesem höchst erfreulichen Anblick machten sie halt, und im Augenblick waren sie auch schon von einer großen Menge Eingeborener umringt. Da aber einige der Wilden sich ziemlich nahe an sie herandrängten, hielt Banks es für nötig, ihnen eine von seinen Pistolen zu zeigen. Diese Warnung hatte die beabsichtigte Wirkung. Indessen wuchs die Menschenmenge mit jedem Augenblick mehr an. Banks, der sie sich nicht allzu nahe kommen lassen wollte, bezeichnete ihnen einen Kreis im Grase, den sie nicht überschreiten sollten, und sie stellten sich denn auch sehr ruhig und manierlich außerhalb der Grenze um ihn her. In der Mitte des Kreises ließ man den nunmehr herbeigeschafften Kasten nebst verschiedenen Linsen und anderen Teilen des Instruments aufstellen. Der Dieb hatte alle diese Dinge in der Eile in ein Pistolenfutteral gesteckt, das Banks als sein Eigentum erkannte, und das er bereits seit einiger Zeit samt einer Reiterpistole, die darin gewesen war, in seinem Zelte vermißt hatte. Banks forderte jetzt auch diese Waffe zurück, und sie ward ihm sofort gegeben.
Der Astronom war gespannt, zu sehen, ob auch alles Zubehör vollständig zurückgegeben worden sei. Bei genauerer Untersuchung des Kastens fand er, daß das Gestell und einige andere Kleinigkeiten noch fehlten. Nach diesen wurden verschiedene Personen ausgeschickt, und die meisten der vermißten Stücke wurden zurückgebracht. Man gab ihm zugleich zu verstehen, daß der Dieb das Gestell nicht bis in diese Gegend mit sich geschleppt habe, und daß es ihm auf dem Rückwege ausgehändigt werden solle.
Da nun auch Tuburai Tamaide diese Versicherung durch sein Wort bestätigte, so machten sich unsre Herren auf den Rückweg, weil das wenige, das ihnen auch jetzt noch an dem Instrumente fehlte, leicht wieder neu angefertigt werden konnte. Nachdem sie auf ihrem Rückwege ungefähr zwei Kilometer weit gekommen waren, traf ich sie, und wir freuten uns über die Wiedererlangung des Quadranten, was man bei der Wichtigkeit des Instrumentes leicht verstehen wird.
Um 8 Uhr kam Banks mit Tuburai Tamaide zum Fort zurück, fand aber zu seinem großen Bedauern den Tutaha hier in Haft und sah, daß viele Eingeborene in äußerster Angst und Bestürzung sich um das Tor drängten. Er ging also eiligst hinein und erlaubte auch einigen der Eingeborenen, ihm zu folgen. Als sie hineinkamen, ereignete sich ein rührender Auftritt. Tuburai Tamaide stürzte herein und warf sich Tutaha in die Arme. In dieser zärtlichen Stellung brachen sie beide in Tränen aus und weinten um einander, ohne ein Wort sagen zu können. Die anderen Eingeborenen weinten nicht minder um ihr Oberhaupt Tutaha, weil sie gleich ihm wähnten, er solle hingerichtet werden. In dieser traurigen Verfassung blieben sie bis zu meiner Ankunft, die ungefähr eine Viertelstunde nachher erfolgte. Der Anblick befremdete und rührte mich ungemein. Tutaha war ohne meinen Befehl gefangengenommen worden; ich setzte ihn daher sogleich in Freiheit. Als ich die Sache genauer untersuchte, wurde mir berichtet, daß die Eingeborenen, als sie mich mit bewaffneter Mannschaft in den Wald hätten marschieren sehen, gefürchtet haben mußten, es geschähe in der Absicht, den soeben vorgefallenen Diebstahl, den auch sie gleich erfahren hatten, so zu ahnden, wie es die Wichtigkeit des Verlustes und die Strenge unserer Vorkehrungen besorgen ließ. Dieser Gedanke habe sie derart erschreckt, daß sie sofort angefangen hätten, die Gegend des Forts mit allen ihren Habseligkeiten zu verlassen. Leutnant Gore, dem ich während meiner Abwesenheit das Kommando an Bord der »Endeavour« übergeben und befohlen hatte, kein Kanu wegrudern zu lassen, habe ein Doppelkanu vom Lande abstoßen sehen und hierauf den Bootsmann mit einem Boote abgeschickt, um es zurückzubringen. Sobald das Boot jedoch an das Kanu herangekommen sei, wären die Insassen vor Schrecken ins Meer gesprungen, und da zum Unglück Tutaha sich unter ihnen befand, habe der Oberbootsmann diesen gefangengenommen, während er die anderen an Land schwimmen ließ. Der Wahn, daß wir ihn hinrichten würden, hatte sich Tutahas so sehr bemächtigt, daß er es sich nicht eher wollte ausreden lassen, als bis man ihn auf meinen Befehl zum Fort hinausließ. Das Volk empfing ihn, wie Kinder einen Vater unter diesen Umständen empfangen hätten; jeder drängte sich heran, ihn zu umarmen. Plötzliche Freude ist gewöhnlich freigebig, ohne daß sie sich ängstlich um das Verdienst kümmert. Bei seiner unerwarteten Rettung aus der Gefangenschaft und vor dem erwarteten Tode drang Tutaha in der ersten Freudenaufwallung darauf, daß wir ein Geschenk von zwei Schweinen annehmen sollten. Da wir uns aber bewußt waren, daß wir in dieser Sache nichts weniger als Geschenke und Gunstbezeigungen verdient hatten, so verweigerten wir wiederholt die Annahme des Geschenks.
Am folgenden Morgen versahen Banks und Dr. Solander ihr gewöhnliches Amt als Marktbeauftragte. Es kamen aber fast keine Eingeborenen, und die wenigen, die sich einstellten, brachten keine Lebensmittel mit. Tutaha schickte einige von seinen Leuten, um das ihm abgenommene Kanu abzuholen, das ihm auch sofort ausgeliefert wurde. Unter andern war gestern ein der Oberea gehöriges Kanu ebenfalls angehalten worden; sie schickte also Tupia, der schon zu Zeiten der Ankunft des »Delphin« ihre Angelegenheiten zu besorgen hatte, zu uns, um festzustellen, ob irgend etwas an Bord weggenommen worden sei. Er kam zu uns ins Fort, blieb hier den ganzen Tag und schlief die folgende Nacht an Bord des Kanus.
Gegen Mittag kamen einige Fischerboote den Zelten gegenüber an den Strand, wollten aber sehr wenig von ihren Erträgnissen verhandeln. An Kokosnüssen und Brotfrucht litten wir bereits empfindlichen Mangel. Banks begab sich deshalb in die Wälder und suchte durch seinen Umgang mit dem Volke uns dessen Gunst und Vertrauen wieder zu erwerben. Sie waren sehr höflich gegen ihn, beklagten sich aber über die Mißhandlung ihres Anführers, der ihrer Aussage nach geschlagen und an den Haaren gezogen worden war. Banks gab sich Mühe, sie zu überzeugen, daß man gar nicht Hand an ihn gelegt habe, was sich auch unserem besten Wissen nach so verhielt. Doch war es freilich nicht unmöglich, daß der Bootsmann eine Grausamkeit begangen hatte, die er zu bekennen sich fürchtete und schämte.
Tutaha war es inzwischen, als er sich die Sache noch einmal überlegt haben mochte, selbst eingefallen, daß wir die Schweine, die er uns endlich doch aufgedrungen hatte, eigentlich schlecht um ihn verdient hätten, und er schickte deshalb einen Boten, der eine Axt und ein Hemd dafür fordern sollte. Da mir der Bote dabei aber noch sagte, daß der Häuptling nicht gesonnen sei, in den nächsten zehn Tagen sich im Fort sehen zu lassen, entschuldigte ich mich und ließ ihm melden, daß ich die Geschenke ihm nicht eher geben könne, als bis ich ihn selbst sähe. Ich dachte mir, er würde aus Ungeduld dann wohl selbst sich herbequemen, um sie abzuholen, und die erste Unterredung zwischen uns würde der Gespanntheit der gegenseitigen Beziehungen gleich ein Ende machen.
Des folgenden Tages fühlten wir die unangenehme Lage, in die wir durch die Beleidigung des Volks in der Person seines Oberhauptes geraten waren, noch stärker; denn die Eingeborenen brachten so wenig zu Markt, daß es uns an den nötigen Lebensmitteln mangelte. Banks ging daher sofort in den Wald zu Tuburai Tamaide, er solle uns aus der Verlegenheit helfen; dieser ließ sich auch nach einigem Sträuben bewegen, uns fünf Körbe voll Brotfrucht zu überlassen. Ein solcher Vorrat kam uns sehr gelegen; denn es waren mehr als 120 Stück von dieser Frucht. Des Nachmittags schickte Tutaha abermals einen Boten und ließ sich Axt und Hemd ausbitten. Da wir jetzt zur Genüge erfahren hatten, daß es schlechterdings notwendig wäre, uns die Freundschaft des Oberhauptes wieder von neuem zu erwerben, weil es uns gegen seinen Willen beinahe unmöglich war, Lebensmittel zu erhalten, ließ ich ihm melden, daß Banks und ich ihm am nächsten Tag einen Besuch abstatten würden, wobei er dann das Verlangte erhalten solle.
Am folgenden Morgen früh schickte er wieder, um mich an mein Versprechen erinnern zu lassen, und seine Leute schienen mit großer Ungeduld darauf zu warten, daß wir uns auf den Weg machen sollten. Ich ließ daher die Pinasse ausheben und ging um 10 Uhr mit Banks und Dr. Solander an Bord. Wir nahmen einen von Tutahas Leuten zu uns ins Boot, und nach etwa einer Stunde langten wir bei seiner Residenz an, die den Namen Eparre führte und ungefähr 4 Kilometer weit westwärts von den Zelten lag.
Das Volk erwartete uns in so großer Menge am Strande, daß wir uns unmöglich hätten hindurchdrängen können, wenn nicht ein großer, stattlicher Mann, der etwas gleich einem Turban auf dem Kopfe hatte und einen langen weißen Stab in der Hand trug, mit welchem er ganz unbarmherzig um sich schlug, rasch Platz für uns gemacht hätte. Dieser Mann führte uns feierlich zu dem Häuptling, während das Volk ringsherum uns zujauchzte: »Taio Tutaha, Tutaha ist euer Freund!« Wir fanden ihn wie einen der alten Erzväter unter einem Baume sitzend, indes um ihn her eine Anzahl ehrwürdiger Greise stand. Er winkte uns niederzusitzen und forderte sogleich seine Axt. Ich überreichte sie ihm zugleich mit dem Hemde und fügte dem Geschenk noch ein Oberkleid von englischem Tuche bei, das nach der Mode seines Landes geschnitten und mit Zwirnband besetzt war. Er empfing es mit offensichtlicher Freude und legte das Oberkleid sogleich an, das Hemd aber überreichte er dem Manne, der bei unserer Landung uns Platz geschafft hatte. Dieser saß jetzt neben uns, und Tutaha bezeigte ihm hohe Achtung, wahrscheinlich um ihn unserer Aufmerksamkeit besonders zu empfehlen. Bald darauf kam Oberea mit andern uns bekannten Frauen hinzu und setzte sich unter uns nieder. Tutaha verließ uns verschiedene Male, kam aber jedesmal nach kurzer Abwesenheit zurück. Wir glaubten, es geschähe, um sich in seinem neuen Staate dem Volke zu zeigen; damit taten wir ihm aber unrecht, denn es geschah nur, um zu unserer Bewirtung und zur Anordnung des ganzen Festes, das er unsertwegen anstellen wollte, die nötigen Befehle zu geben. Als er das letztemal von uns wegging, hatte das Gedränge um uns dermaßen zugenommen, daß wir beinahe Gefahr liefen, erstickt zu werden; wir warteten daher sehnlichst, daß er zurückkommen und uns entlassen möchte. An seiner Statt kam ein Bote und meldete uns, daß Tutaha uns anderswo erwarte. Wir fanden ihn unter dem Wetterdach unseres eigenen Bootes sitzend, und er winkte uns, zu ihm zu kommen. Es gingen daher unser so viele, als das Boot fassen konnte, an Bord, währenddessen er Kokosnüsse und Brotfrucht herbeibringen ließ, die wir jedoch mehr ihm zu Gefallen kosteten, als daß wir gerade Lust gehabt hätten, zu essen. Bald nachher kam ein Bote, der ihm etwas meldete. Er verließ nach Empfang der Nachricht sogleich das Boot und ließ uns kurz darauf ersuchen, ihm zu folgen. Wir wurden nun zu einem großen Platze oder Hofe geführt, der mit einem ungefähr 1 Meter hohen Bambusgitter umgeben war und an die eine Seite seines Hauses stieß.
Hier erwartete uns ein ganz neuartiges Fest, nämlich ein Wettringen. Am oberen Ende des Platzes saß Tutaha selbst, und verschiedene seiner vornehmsten Hofleute waren neben ihm auf beiden Seiten im Halbkreise verteilt. Das waren die Richter, deren Beifall den Sieger krönen sollte. Auch für uns waren an jenem Ende der Reihe Sitze übriggelassen worden; allein, wir wollten nicht an einen festen Platz gebunden sein und mischten uns daher lieber unter die Zuschauer.
Als alles bereit war, traten 10–12 Ringer auf den Kampfplatz. Sie waren am ganzen Körper nackt, nur um den Unterleib trugen sie ein Stück Rindenzeug gewickelt. Die einleitenden Zeremonien des Kampfes bestanden darin, daß die Ringer gebückt und langsam rundherum gingen und dabei die linke Hand auf ihre rechte Brust legten, mit der flachen rechten Hand aber sich mehrfach klatschend auf den linken Oberarm schlugen. Das galt als allgemeine Herausforderung an die Kämpfer, mit denen sie sich messen wollten, oder an irgendeine Person, die sonst Lust haben mochte, einen Gang mit ihnen zu wagen. Es währte nicht lange, so folgten den ersten noch andere auf die nämliche Art in die Arena. Und alsdann forderte jeder von ihnen seinen Gegner dadurch besonders heraus, daß er die Spitzen der Finger beider geschlossenen Hände auf die Brust hielt und zu gleicher Zeit die Ellbogen schnell auf- und abwärts bewegte. Wenn der, an den diese Herausforderung gerichtet war, sie annahm, wiederholte er die Geste, machte sich alsbald zum Kampf bereit, und schon im nächsten Augenblick gerieten die Kämpfer aneinander. Allein, abgesehen von dem ersten Griffe, durch den einer den andern zu fassen suchte, kam es bei dem ganzen Kampfe bloß auf die Stärke an; denn jeder bestrebte sich, seinen Gegner zuerst am Schenkel, wenn ihm das mißlang, an der Hand, dann an den Haaren, am Hüfttuche oder, wo er ihm sonst beikommen konnte, zu packen. War dies geglückt, so rangen sie ohne die geringste Kunst oder Geschicklichkeit so lange miteinander, bis der eine von ihnen entweder, weil er den anderen auf eine vorteilhaftere Art gepackt hatte, oder weil er größere Stärke besaß, seinen Gegner auf den Rücken niederwarf. War der Kampf beendet, so teilten die Richter dem Sieger ihren Beifall in kurzen Worten mit, die sie nach einer Melodie hersangen und im Chor etliche Male wiederholten, worauf auch das Volk dem Überwinder durch ein dreimaliges Freudengeschrei Beifall rief. Hierauf wurde eine kleine Pause gemacht, und dann trat ein anderes Ringerpaar in die Arena und rang auf dieselbe Art miteinander. Wurde keiner von beiden niedergeworfen, so ließen sie einander los, nachdem der Kampf etwa eine Minute lang gedauert hatte, oder wurden durch Vermittlung ihrer Freunde getrennt, und in diesem Fall klatschte jeder von ihnen auf seinen Arm, um den Gegner oder irgendeinen anderen zu neuem Kampfe herauszufordern. Während die Kämpfer rangen, tanzte eine andere Gruppe von Männern einen Tanz, der auch etwa eine Minute dauerte. Aber keine von den beiden Gruppen achtete auf die andere, sondern jede richtete ihre ganze Aufmerksamkeit auf die eigene Beschäftigung. Wir stellten fest, daß der Sieger den Besiegten nie verhöhnte, und daß der Überwundene sich niemals über das Glück des Überwinders beklagte. Der Kampf geschah auf beiden Seiten mit vollkommen freundschaftlichem und offenem Gebaren, trotz der Gegenwart von wenigstens 500 Zuschauern, unter denen sich einige Frauen befanden, deren Anzahl jedoch im Vergleich zu der Zahl der Männer gering war. Es waren aber auch nur Frauen von Rang, und allem Anschein nach wohnten sie dem Kampfe nur zu unseren Ehren bei.
Diese Spiele dauerten ungefähr zwei Stunden, und der Mann, der uns bei unserer Landung Platz geschaffen hatte, hielt auch bei dieser Gelegenheit die ganze Zeit über das Volk in der gehörigen Entfernung und schlug mit seinem Stocke unbarmherzig auf diejenigen los, die sich herandrängen wollten. Auf unsere Nachforschung erfuhren wir, daß er einer von den Beamten Tutahas war und hier den Dienst eines Zeremonienmeisters versah. Wem die Kampfspiele des früheren Altertums einigermaßen bekannt sind, der wird ohne Zweifel zwischen dem Wettringen der Südsee-Insulaner und den Kampfspielen der Griechen und Römer eine gewisse Ähnlichkeit bemerken.
Als das Wettringen vorüber war, gab man uns zu verstehen, daß 2 Schweine und eine große Menge Brotfrucht für unsere Mittagsmahlzeit zubereitet würden, und da wir unterdessen ziemlich hungrig geworden waren, nahmen wir diese Nachricht nicht gerade mißmutig auf. Doch mußte unserem Wirt seine Freigebigkeit wieder leid geworden sein; denn anstatt uns beide Schweine auftischen zu lassen, befahl er, daß uns nur eines aufgetragen werden und in unserem Boote verspeist werden sollte. Anfangs waren wir mit dieser Anordnung durchaus zufrieden, weil wir im Boote bequemer zu speisen und dem Gedränge des Volkes nicht so sehr wie hier ausgesetzt zu sein hofften. Als wir aber an Bord kamen, sagte Tutaha, er wolle uns lieber zum Fort begleiten, und wir sollten das Schwein dorthin mitnehmen. Das war ärgerlich; denn nun mußten wir 4 Kilometer weit rudern und unterdessen unsere Mahlzeit kalt werden lassen. Wir hielten es aber doch für das ratsamste, ihm den Willen zu tun, und genossen endlich das Mahl, das er uns bereitet hatte, gemeinschaftlich mit ihm und Tuburai Tamaide, die beide reichlichen Anteil daran nahmen. Unsere Aussöhnung mit dem Häuptlinge wirkte wie ein Zaubermittel auf das Volk; denn sobald sie erfuhren, daß er bei uns an Bord sei, wurden augenblicklich Brotfrucht, Kokosnüsse und andere Lebensmittel in großen Mengen zum Fort gebracht.
Die Dinge gingen nun wieder ihren gewohnten Gang; doch hielt es nach wie vor schwer, Schweinefleisch zu bekommen. Wir wollten daher versuchen, ob Schweine etwa in einer anderen Gegend der Insel zu erhalten wären, und in dieser Absicht fuhr unser Bootsmann in Begleitung Greens am 8. Mai des Morgens früh in der Pinasse etwa 20 Kilometer um die Insel nach Osten. Sie fanden zwar wirklich viele Schweine und eine Schildkröte, man wollte ihnen aber weder diese noch jene, auch nicht zu hohem Preis überlassen. Das Volk sagte überall, daß hier herum alles dem Tutaha gehöre, und daß sie ohne seine Erlaubnis nichts verkaufen dürften. Nunmehr fingen wir an, diesen Mann in der Tat für einen mächtigen Fürsten zu halten; denn sonst würde er wohl kaum eine so ausgedehnte und unumschränkte Gewalt besessen haben. Wir erfuhren nachher, daß er die Regierung über diesen Landstrich für einen minderjährigen Fürsten führte, den wir jedoch nie zu Gesicht bekamen. Als Green von der Reise zurückkam, erzählte er uns, er habe einen Baum gesehen, der so dick gewesen sei, daß er sich's kaum zu sagen getraue. Er habe nämlich nicht weniger als 53 Meter Umfang gehabt. Banks und Dr. Solander erklärten uns aber bald, wie das zugehe, und sagten, es sei eine Art von Feigenbaum, dessen Äste sich zum Boden hinabneigten, darin aufs neue Wurzel faßten und solchergestalt eine ganze Anzahl von Stämmen bildeten, die man, weil alle dicht nebeneinander stünden und sich im Aufwachsen gleichsam miteinander verbänden, leicht für einen einzigen Stamm ansehen könne.
Obwohl nun die Eingeborenen unseren Markt einigermaßen wieder mit Lebensmitteln versorgten, kamen sie nicht mehr wie früher gleich bei Tagesanbruch, so daß wir schon bis um 8 Uhr genügenden Tagesvorrat eingekauft hatten, sondern zu den verschiedensten Zeiten des Tages. Banks ließ daher der Bequemlichkeit halber sein kleines Boot vor dem Tore des Forts aufstellen und bediente sich seiner hinfort als Laden. Bis dahin hatten wir Kokosnüsse und Brotfrucht immer noch gegen Glasperlen eingehandelt. Jetzt aber fing der Wert dieser Münze zu fallen an. Wir mußten daher zum ersten Male unsere Nägel zu Markt bringen. Die kleinsten unserer Nägel waren etwa 10 Zentimeter lang. Für einen dieser Nägel kauften wir 20 Kokosnüsse und ebensoviel Brotfrüchte. Die neue Münze brachte es auch zuwege, daß wir in kurzer Zeit wiederum ebenso reichlich wie zuerst mit Lebensmitteln versehen wurden.
Am 9. Mai, bald nach dem Frühstück, kam Oberea zu uns auf Besuch. Es war das erstemal seit dem Verlust des Quadranten und der unglücklichen Verhaftung Tutahas, daß sie uns diese Ehre erwies. Sie wurde von ihrem Freunde Obadi und von Tupia begleitet, die uns ein Schwein und etwas Brotfrucht brachten, wogegen wir ihnen ein Beil überreichten. Wir hatten übrigens für die Neugier unserer braunen Freunde nunmehr eine neue und wichtige Anziehungskraft. Unsere Schmiede war nämlich seit einiger Zeit instand gesetzt worden, und man arbeitete fast beständig darin. Sobald die Eingeborenen sahen, was darin vorgenommen wurde, brachten sie allerhand Stücke alten Eisens herbei, die sie nach unserer Vermutung vom »Delphin« bekommen haben mußten, und wollten sich daraus gern neue Werkzeuge verfertigen lassen. Da ich nun stets bemüht war, ihnen Gefälligkeiten zu erweisen, wo es nur immer anging, wurde ihr Verlangen erfüllt, es sei denn, daß es dem Schmiede an Zeit mangelte. Als Oberea ihr Beil empfangen hatte, zeigte sie uns so viel altes Eisen, als ihrer Meinung nach zur Verfertigung eines neuen Beiles notwendig war, und bat uns, ein neues anfertigen zu lassen. Ich konnte ihr diesen Wunsch leider nicht erfüllen. Sie zog darauf eine zerbrochene Axt hervor und verlangte nun, wir sollten sie ausbessern lassen. Ich war froh, daß sie mir hierdurch Gelegenheit gab, meine Ablehnung wiedergutzumachen. Am Abend verließ uns der Besuch und nahm das Kanu, das solange an der Landspitze gelegen hatte, mit sich.
Uatta drehte sich bedächtig dreimal herum.
Der 12. Mai, ein Freitag, ist uns durch einen Besuch merkwürdig geworden, den einige Frauen, die wir zuvor noch nie gesehen hatten, bei uns abstatteten, und den sie mit seltsamen Zeremonien begannen. Banks war am Tore des Forts in seinem Boote, um wie gewöhnlich Handel zu treiben, und hatte Tutaha, der eben diesen Morgen ihn besuchen kam, und einige andere Eingeborene bei sich. Zwischen 9 und 10 Uhr traf ein Doppelkanu am Ufer der Bucht ein, unter dessen Wetterdach ein Mann und zwei Frauen saßen. Die Eingeborenen, die bei Banks waren, winkten ihm, er solle sein Boot verlassen und den Fremden entgegengehen. Er tat es; allein, bis er das Fort verlassen hatte, waren jene schon ziemlich nahe gekommen und kaum noch 9 Meter von ihm entfernt. In diesem Augenblick hielten sie stille und winkten, daß er es ebenso machen solle. Er blieb also gleichfalls stehen. Hierauf legten sie ungefähr ein halbes Dutzend junger Bananenpflanzen und ein paar andere kleine Gewächse auf die Erde nieder. Das Volk stellte sich zwischen Banks und den Fremden auf beiden Seiten in zwei Reihen auf und bildete so eine Gasse. Nunmehr trug der Mann, der ein Bedienter zu sein schien, sechs der Bananenpflanzen eine nach der anderen zu Banks hin und sagte bei der Überreichung jedesmal ein paar Worte her. Tupia, der bei Banks stand, versah das Amt eines Zeremonienmeisters, nahm die Zweige jedesmal in Empfang und legte sie auf den Boden nieder. Als das vorüber war, brachte ein anderer Mann einen großen Ballen Rindenzeug, öffnete ihn und breitete ihn stückweise zwischen Banks und den Fremden auf dem Boden aus. Es waren 9 Stück, von denen er jedesmal 3 Stück aufeinanderlegte. Sobald er damit fertig war, trat die vorderste Frau, die die vornehmste zu sein schien und Uatta hieß, auf dieses Zeug, hob ihre Kleider an und drehte sich ganz bedächtig und gemächlich dreimal um sich selbst herum; alsdann trat sie wieder von dem Zeuge herunter. Man legte darauf 3 andere Stücke auf die ersten 3, sie wiederholte dieselbe Zeremonie und trat hierauf wieder ab. Endlich wurden die 3 letzten Stücke niedergelegt, und sie machte es zum dritten Male wie zuvor. Hierauf wurde das Zeug wieder zusammengerollt und Banks als ein Geschenk von seiten der Dame überreicht, die sodann in Begleitung ihrer Freundin näher kam und ihn küßte. Er machte ihnen beiden entsprechende Geschenke, und nachdem sie sich ungefähr eine Stunde lang aufgehalten hatten, gingen sie wieder fort.
Am 13. Mai, als der Markt um 10 Uhr beendet war, ging Banks mit seiner Flinte wie gewöhnlich in die Wälder, um während der Tageshitze die Annehmlichkeit des kühlen Schattens zu genießen. Als er auf dem Rückwege war, traf er Tuburai Tamaide vor seiner damaligen Wohnung an, und als er mit ihm ein wenig plauderte, nahm ihm der Häuptling plötzlich die Büchse aus der Hand, spannte den Hahn, legte an und drückte ab. Zum Glück versagte der Schuß, und Banks nahm ihm die Büchse augenblicklich weg, indem er sich nicht wenig wunderte, woher Tuburai mit einem Schießgewehr so sicher umzugehen gelernt habe. Er verwies dem Häuptling den Streich mit harten Worten und drohte ihm, da es für uns von größter Wichtigkeit war, die Eingeborenen in der Behandlung der Feuerwaffen gänzlich unwissend zu erhalten. Der Häuptling hörte Verweis und Drohung ruhig an; allein, kaum hatte Banks den Fluß überschritten, so zog er mit seiner ganzen Familie und allem Hausgerät von dannen nach seiner Residenz Eparre. Wir erfuhren das von einigen Eingeborenen, die eben am Fort waren.
Da wir nun von dem Unwillen dieses Häuptlings, der uns bei allen Schwierigkeiten sehr nützlich gewesen war, große Unannehmlichkeiten besorgen mußten, beschloß Banks, ihm unverzüglich zu folgen und ihn zu ersuchen, wieder zu uns zurückzukehren. Er reiste daher noch am selben Abend mit einem der Offiziere ab und fand Tuburai mitten unter einer Menge Volks sitzen, das sich um ihn her versammelt hatte, und dem er vermutlich erzählte, was sich zugetragen habe, und was für Folgen daraus entstehen könnten. Er selbst war ein leibhaftiges Bild des Kummers und der Niedergeschlagenheit, und die gleiche Trauer war auch auf den Gesichtern aller Umstehenden deutlich zu lesen. Als Banks und Leutnant Molineaux unter die Menge traten, äußerte eine der Frauen ihren Kummer auf die gleiche Art, wie Terapo einmal getan hatte; sie stieß sich nämlich einen Seehundszahn in den Kopf, bis dieser ganz mit Blut bedeckt war. Banks wollte keine Zeit verlieren, dieser allgemeinen Angst ein Ende zu machen. Er versicherte dem Häuptling, daß alles Vorgefallene vergessen sein sollte, daß auf seiner Seite nicht die geringste Erbitterung mehr bestünde, und daß also auch er nicht mehr das geringste zu befürchten hätte. Das flößte Tuburai bald wieder Zutrauen ein: er befahl also, ein doppeltes Kanu in Bereitschaft zu setzen, und alle kehrten noch vor dem Abendessen zum Fort zurück. Tuburai besiegelte die Aussöhnung damit, daß er und seine Gemahlin in Banks' Zelt Nachtquartier nahmen. Ihre Gegenwart war jedoch kein allvermögender Schutz; denn zwischen 11 und 12 Uhr versuchte einer der Eingeborenen, über den Wall in das Fort hineinzuklettern, ohne Zweifel in der Absicht, zu stehlen, was ihm nur in die Finger käme. Er wurde von der Schildwache entdeckt, die jedoch zum Glücke nicht feuerte, und der Dieb lief viel zu geschwind fort, als daß ihm einer unserer Leute hätte nachsetzen können. Das Eisen und die eisernen Werkzeuge, die in der Schmiede beständig verarbeitet und gebraucht wurden, waren solche Versuchung zu Diebstählen, daß keiner von den Tahitiern ihr widerstehen konnte.
Am 14. und 15. bekamen wir eine neue Bestätigung dessen, was wir schon mehrere Male bemerkt hatten, nämlich, daß die Bewohner dieser Insel durchgängig von jedem unter ihren Landsleuten gegen uns ersonnenen Anschlage sogleich genaue Kenntnis bekamen. In der Nacht zwischen dem 13. und 14. wurde an der äußeren Seite des Forts eines der dort stehenden Wasserfässer gestohlen. Bereits am Morgen aber wußte jeder Eingeborene um den Diebstahl. Und dennoch schien es, als ob der Dieb die Sache niemand anvertraut habe; denn unserm Eindruck nach waren sie alle bereit, uns Nachricht zu geben, wo das Faß aufzufinden wäre, wenn sie es nur gewußt hätten. Indessen spürte doch Banks dem Fasse nach, freilich ohne es auffinden zu können. Als er zurückkam, sagte ihm Tuburai Tamaide, daß vor morgen noch ein anderes Faß würde gestohlen werden. Es ist nicht leicht zu begreifen, wie der Häuptling dieses Vorhaben erfahren haben mochte. Daß er selber keinen Anteil daran hatte, ist deswegen gewiß, weil er mit seiner Frau und Familie an dem Orte, wo die Wasserfässer standen, sein Bett aufschlug und sagte, er wolle selbst dem Diebe zum Trotze für die Sicherheit der Fässer haften. Wir wollten das aber nicht zugeben und teilten ihm mit, daß wir zur Sicherheit eine Schildwache dort aufstellen würden, die bis zum Morgengrauen wachen solle. Er schaffte hierauf sein Bett wieder in Banks' Zelt und blieb da die Nacht über mit seiner Familie; beim Weggehen von der gefährdeten Stelle hatte er die Schildwache ermahnt, ja die Augen offen zu halten.
In der Nacht kam es denn auch, wie er vorausgesagt hatte. Um 12 Uhr stellte sich der Dieb richtig ein; da er aber bemerkte, daß eine Schildwache dastand, zog er diesmal ohne Beute wieder ab.
Banks' Vertrauen in Tuburai Tamaide war seit dem Vorfall mit dem Messer weit größer geworden, als es vorher je gewesen war. Man entfernte daher die verlockenden Gegenstände vor dem Häuptlinge nicht mehr. So geriet er eines Tages in eine Versuchung, der weder seine Ehre, noch seine Ehrlichkeit widerstehen konnte. Die bezaubernden Reize eines Korbes mit Nägeln taten es ihm an. Diese Nägel waren weit größer als diejenigen, die man bisher zu Markte gebracht hatte, und der Korb war vielleicht aus strafbarer Nachlässigkeit in einen Zeltwinkel hingestellt worden. Tuburai hatte jederzeit freien Zutritt. Banks' Bedienter sah zufällig einen von diesen Nägeln bei Tuburai, als der Häuptling unbedachterweise den Teil seines Kleides, worunter er ihn versteckt hatte, zurückschlug. Er meldete es seinem Herrn. Banks wußte, daß weder er, noch sonst jemand Tuburai einen solchen Nagel geschenkt hatte, sah also gleich im Korbe nach und fand, daß von sieben nur noch zwei übrig waren. Hierauf sagte er, wenn auch ungern, dem Häuptling auf den Kopf zu, daß er die Nägel genommen haben müsse, und Tuburai gestand es auch sofort ein. Die Sache mußte ihn freilich sehr kränken, doch war sie auch Banks nicht weniger leid. Man verlangte nun, daß Tuburai die Nägel zurückgäbe; er redete sich aber damit aus, daß er vorgab, die Nägel seien zu Eparre. Allein, als er sah, daß es Banks ernst darum war, hielt er es für ratsam, einen unter seinem Kleide hervorzuziehen. Hierauf wurde er nach dem Fort gebracht, wo man durch Abstimmung das Urteil über ihn sprechen lassen wollte. Nach einer kurzen Beratung fanden wir es jedoch zweckmäßig, ihn mit der Strafe zu verschonen; damit es aber nicht scheinen möchte, als ob wir sein Vergehen für unbedeutend ansähen, wurde ihm verkündet, daß wir die Angelegenheit nur dann auf sich beruhen lassen wollten, wenn er die anderen vier Nägel zum Fort zurückbrächte. Er willigte in diese Bedingung, ich muß aber, so leid es mir tut, gestehen, daß er sein Wort nicht hielt. Anstatt die Nägel zurückzubringen, zog er lieber noch desselben Abends mit seiner Familie aus der Gegend weg und nahm seinen ganzen Besitz mit sich.
Da mir Tutaha zu wiederholten Malen hatte melden lassen, daß er geneigt sei, wenn wir ihm einen Besuch abstatten wollten, diese Gunstbezeigung mit einem Geschenk von vier Schweinen zu erwidern, so schickte ich meinen ersten Leutnant zu ihm, um zu versuchen, ob wir die Schweine nicht wohlfeiler bekommen könnten, und ich befahl ihm, dem Häuptling alle nur erdenklichen Höflichkeiten zu erweisen. Der Offizier erfuhr, daß er von Eparre nach einem 5 Kilometer weiter westwärts gelegenen Orte Tehatta gezogen sei. Er verfügte sich also dahin und wurde sehr gut aufgenommen. Man brachte ihm sogleich ein Schwein herbei und sagte ihm, daß die anderen, die im Augenblick nicht bei der Hand wären, den folgenden Morgen geliefert werden sollten. Mein Abgesandter ließ es sich gern gefallen, die Nacht über dortzubleiben. Der Morgen kam, die Schweine aber blieben aus. Da es nun nicht ratsam war, daß der Offizier sich noch länger hier aufgehalten hätte, kehrte er mit dem einen, das er bekommen hatte, gegen Abend zu uns zurück.
Am 25. ließen sich Tuburai Tamaide und seine Frau Tomio zum ersten Male wieder in unserem Zelte sehen. Er schien etwas mißvergnügt und furchtsam zu sein, hielt es aber doch nicht für nötig, unsere Freundschaft und Gunst durch Wiedererstattung der vier Nägel zu erkaufen. Banks und die anderen Herren behandelten ihn deshalb sehr kalt. So hielt er sich nicht lange bei uns auf und ging bald wieder weg. Der Schiffsarzt machte ihm am nächsten Morgen einen Besuch, in der Hoffnung, ihn zur Wiedererstattung der Nägel zu bewegen und so mit uns aussöhnen zu können, allein vergebens.
Am 27. beschlossen wir, Tutaha unseren Besuch abzustatten, obgleich wir uns nicht sicher darauf verlassen durften, zur Vergeltung unserer Höflichkeit die versprochenen Schweine zu bekommen. Ich ruderte also des Morgens früh mit Banks, Dr. Solander und noch drei anderen in der Pinasse fort. Tutaha war inzwischen nach einem Ort gezogen, der ziemlich fern lag und Atahuru hieß, und da wir kaum die Hälfte des Weges dahin im Boote zurücklegen konnten, wurde es fast Abend, ehe wir ankamen. Wir fanden ihn in seinem gewöhnlichen Staate unter einem großen Baum sitzend und von einer großen Menschenmenge umgeben, wo wir ihm alsbald die Geschenke, diesmal einen Frauenunterrock von gelbem, wollenem Zeuge und andere Kleinigkeiten überreichten. Er befahl, sogleich ein Schwein zu schlachten und für unsere Abendmahlzeit zuzubereiten, und versprach, daß wir am folgenden Morgen noch mehrere bekommen sollten. Weil es uns aber nicht so sehr darum zu tun war, eine reiche Mahlzeit zu halten, als vielmehr Lebensmittel, die uns im Fort fehlten, heimzubringen, bewogen wir ihn, dem Schweine heute noch das Leben zu schenken, und wir nahmen bei der Abendmahlzeit mit den Früchten des Landes vorlieb.
Es wimmelte da von Leuten, unter die sich viele Reisende, die hier nicht zu Hause waren, gemischt hatten. So war zum Beispiel Oberea mit ihrem Gefolge und noch anderen unserer Bekannten hierhergekommen, und die Menge der Anwesenden war so groß, daß die Häuser und Kanus sie nicht aufnehmen konnten. Da die Nacht jetzt hereinbrach, sahen wir uns eiligst nach Nachtquartieren um, damit es uns nicht zuguterletzt daran fehlen möchte; denn unsere Abteilung bestand aus sechs Personen. Oberea bot Banks sehr höflich einen Platz in ihrem Kanu an. Er pries sich glücklich, so gut versorgt zu sein, wünschte seinen Freunden eiligst gute Nacht und ging fort. Dem Landesbrauche gemäß legte er sich frühzeitig schlafen, und weil die Nacht sehr heiß war, zog er wie gewöhnlich seine Kleider aus. Oberea bestand darauf, diese in Verwahrung zu nehmen; denn sonst, sagte sie, würden sie ihm sicher gestohlen werden. Unter so gutem Schutze schlief Banks ohne alle Sorge ein. Als er aber um 11 Uhr erwachte und aufstehen wollte, suchte er seine Kleider vergeblich an dem Orte, wo er sie Oberea vor dem Schlafengehen hatte hinlegen sehen; sie waren verschwunden. Er weckte also seine Beschützerin. Diese stand augenblicklich auf und ließ, sobald er ihr seine Not geklagt hatte, Licht anzünden, traf auch in aller Eile die nötigen Vorkehrungen, um ihm wieder zu seinem Eigentum zu verhelfen. Tutaha selbst schlief dicht neben ihm in einem anderen Kanu. Der Lärm weckte ihn bald; er kam hervor und machte sich mit Oberea daran, den Dieb zu suchen. Banks selbst aber konnte nicht mit auf die Suche gehen; denn von seinem ganzen Anzug hatte man ihm fast nichts als die Beinkleider gelassen. Sein Rock, seine Pistolen, seine Weste, sein Pulverhorn und viele andere Kleinigkeiten hatte man ihm gestohlen; alles, was in den Taschen gewesen, war fort. Nach einer halben Stunde kamen seine beiden vornehmen Freunde zurück, hatten aber weder über den Verbleib seiner Kleider, noch über den Dieb das geringste erfahren können. Anfangs war ihm daher nicht wohl zumute. Seine Büchse war zwar glücklicherweise nicht gestohlen worden, aber er hatte vergessen, sie zu laden. Er wußte nicht, wo ich und Dr. Solander uns einquartiert hatten, und konnte also nötigenfalls sich nicht einmal zu uns flüchten. Er hielt es deshalb für das beste, die Leute, die um ihn herum waren, gar nicht seine Besorgnis und seinen Verdacht merken zu lassen. Vielmehr übergab er seine Flinte dem Tupia, der gleich andern von dem Lärm erwacht war und neben ihm stand, und trug ihm ernstlich auf, sich diese nicht auch noch stehlen zu lassen. Hierauf legte er sich wieder zur Ruhe nieder und bezeugte dadurch, daß er mit der Mühe, die Tutaha und Oberea angewandt hatten, um seine Sachen wiederzuerlangen, vollkommen zufrieden wäre, obgleich die Bemühungen fruchtlos geblieben waren. Man kann sich indessen ohne weiteres vorstellen, daß er unter diesen Umständen nicht gerade gut geschlafen habe.
Bald nachher hörte er Musik und sah nicht weit vom Boote Lichter auf dem Lande. Es war ein Konzert, das in Tahiti wie jede öffentliche Lustbarkeit »Heiwa« heißt. Er überlegte sich, daß bei einer solchen Aufführung viele Leute zusammenkämen und es nicht unwahrscheinlich wäre, daß wir anderen uns auch dazu einstellten. Also stand er auf und eilte hin. Die Lichter und die Musik führten ihn bald zu der Hütte, worin ich mit drei anderen unserer Abteilung lag. Als er uns sein klägliches Abenteuer erzählt hatte, trösteten wir ihn, wie sich Unglückliche gewöhnlich zu trösten pflegen, indem wir ihm im geheimen anvertrauten, daß es uns nicht viel besser ergangen sei. Ich zeigte ihm, daß ich selber keine Strümpfe hatte, weil sie mir unter dem Kopfe weggestohlen worden, obwohl ich überhaupt nicht geschlafen hatte, und jeder der anderen bewies ihm durch den Augenschein, daß er seinen Rock eingebüßt hatte. So unvollständig unsere Kleidung auch war, wollten wir doch das Konzert nicht versäumen. Es wurde von 3 Trommlern, 4 Flötenbläsern und verschiedenen Sängern veranstaltet. Als es nach ungefähr einstündiger Dauer vorüber war, begaben wir uns zu unseren Ruheplätzen zurück, da sich vor Tagesanbruch kaum etwas hätte unternehmen lassen, um unsere Sachen wiederzuerlangen. Nach Landesbrauch standen wir mit Tagesanbruch auf. Der erste Mensch, den Banks erblickte, war Tupia, der mit der Flinte getreulich auf ihn wartete, und kurz darauf brachte ihm Oberea einige Rindenzeugkleider, um dem nötigsten Bedürfnis etwas abzuhelfen. In diesem seltsamen, halb englischen, halb wilden Aufzuge kam Banks zu uns.
Unsere Gesellschaft war bald beieinander bis auf Dr. Solander, dessen Nachtlager uns unbekannt war, und der sich auch bei dem nächtlichen Konzerte nicht hatte sehen lassen. Bald darauf kam Tutaha zum Vorschein. Wir drangen ernstlich in ihn, daß er uns wieder zu unseren Kleidern verhelfen solle. Doch weder er, noch Oberea ließen sich zu den geringsten Maßnahmen bewegen. Wir gerieten daher auf den Argwohn, daß sie an dem Diebstahle teilhaben mochten. Um 8 Uhr kam Dr. Solander zu uns. In einem ungefähr ein Kilometer weiter entfernt gelegenen Hause hatte ihn sein Glück zu ehrlicheren Leuten geführt, bei denen er nichts eingebüßt hatte.
Als wir alle Hoffnung aufgegeben hatten, unsere Kleider wiederzuerlangen — und wir haben sie tatsächlich nicht mehr wiedergesehen —, brachten wir den ganzen Morgen damit zu, uns um die versprochenen Schweine zu bemühen. Es ging uns damit aber nicht besser als mit unserem Eigentum: wir bekamen nichts. Um 12 Uhr traten wir endlich, nicht gerade in der besten Laune, mit dem einzigen Schweine, das wir am vorhergehenden Abend vor dem Fleischer und Koch hatten retten können, unsern Rückweg zu dem Boote an.
Auf unserem Wege dahin bot sich uns ein Anblick, der uns für die Beschwerlichkeiten und Verdrießlichkeiten dieser Reise einigermaßen schadlos hielt. Wir gerieten unterwegs an eine der wenigen Stellen der Insel, wo der Zugang zur Küste nicht wie anderwärts durch eine Reihe von Felsklippen versperrt war, und wo infolgedessen eine hohe Brandung an den Strand schlug. Sie war hier so heftig, wie ich sie fürchterlicher nie gesehen hatte. Kein europäisches Boot hätte darin aushalten können, und ich bin überzeugt, daß der beste europäische Schwimmer, wenn er durch einen oder den andern Zufall ihr ausgesetzt gewesen wäre, sich vor dem Ertrinken nicht hätte retten können, zumal der Strand mit Kieseln und großen Steinen bedeckt war. Dessenungeachtet schwammen mitten zwischen diesen Klippen 10 oder 12 Eingeborene zum Zeitvertreibe herum. Sooft eine Brandungswelle sich in ihrer Nähe brach, tauchten sie unter und kamen mit wunderbarer Leichtigkeit wieder jenseits der Woge empor. Das Hinterteil eines alten Kanus, das sie auf dem Strande fanden, gab ihnen Gelegenheit, diese Lustbarkeit noch weiter zu treiben und ihre Geschicklichkeit noch besser sehen zu lassen. Sie stießen es nämlich vor sich her und schwammen damit bis zur äußeren Klippenreihe hinaus. Hier sprangen zwei oder drei in das Wrack hinein, drehten das viereckige Ende der sich brechenden Woge entgegen und ließen sich mit unglaublicher Geschwindigkeit gegen die Küste und zuweilen oft bis an den Strand treiben; gewöhnlich aber brach sich die Woge über ihnen, noch ehe sie die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten. In solchem Falle tauchten sie unter und kamen auf der anderen Seite mit dem Kanu in den Händen wieder zum Vorschein. Dies bewundernswürdige Schauspiel betrachteten wir über eine halbe Stunde lang. Die Schwimmer schienen so vertieft in ihr Spiel zu sein und so viel Vergnügen daran zu finden, daß die ganze Zeit unseres Verweilens über keiner von ihnen Lust bekam, an Land zu gehen. Hierauf setzten wir unsere Reise fort und langten erst spät abends im Fort wieder an.
Eines Tages beschwerten sich einige Eingeborene, daß zwei von unseren Matrosen ihnen einige Pfeile und Bogen, sowie einige Schnüre geflochtenen Haares fortgenommen hätten. Ich untersuchte die Sache, und da ich die Anklage begründet fand, ließ ich jeden der Verbrecher mit 24 Stockstreichen bestrafen.
Von den Pfeilen und Bogen der Tahitier ist bisher noch nicht die Rede gewesen. Sie brachten diese Waffen auch nur selten ins Fort mit. Heute aber stellte sich Tuburai Tamaide mit den Seinigen ein, weil ihn Leutnant Gore zu einem Wettschießen aufgefordert hatte. Der Häuptling vermutete, es käme darauf an, den Pfeil am weitesten zu schießen. Gore jedoch wettete eigentlich um den besten Treffer. Da nun Gore ebensowenig einen Ruhm darin suchte, weit zu schießen, als sich Tuburai aus der Kunst machte, ein Ziel zu treffen, kam es nicht zur Probe ihrer gegenseitigen Geschicklichkeit. Um uns jedoch seine Fähigkeit zu zeigen, schoß er einen unbefiederten Pfeil — denn nur solche kennt man hier — etwa 250 Meter weit. Die Art zu schießen ist auf Tahiti befremdend: der Schütze kniet nämlich nieder und läßt in dem Augenblick, da er den Pfeil abgeschossen hat, den Bogen fallen.
Sooft eine Welle sich in ihrer Nähe brach, tauchten sie unter.
Banks begegnete einmal auf seinem Morgenspaziergang einer Gruppe von Eingeborenen, die auf sein Befragen zur Antwort gaben, sie seien herumziehende Musikanten, die zur Nacht da und da einkehrten. Wir begaben uns also zu dem bezeichneten Nachtquartier. Die Bande bestand aus 2 Flötenspielern und 3 Trommelschlägern, die von einer Menge Volks umgeben waren. Die Trommelschläger begleiteten die Musik auch mit ihren Stimmen, und zu unserm größten Erstaunen bemerkten wir, daß wir den Stoff für ihre Lieder abgaben. Wir hatten nicht vermutet, daß wir unter den wilden Bewohnern dieser entlegenen Südsee-Insel einen Stand antreffen würden, der in jenen Ländern, wo Kunst und Wissenschaft am schönsten geblüht haben, ehemals so berühmt und geehrt war — nämlich Barden oder Minnesänger. Diese Musikanten waren tahitische Barden. Ihr Lied war unstudiert und wurde aus dem Stegreif mit Musik begleitet. Sie wanderten beständig von einem Ort zum andern, und die Hausherren und andere Zuhörer beschenkten sie für ihren Vortrag mit allerhand Dingen, deren sie bedurften.
Es fehlte nicht viel, so hätte uns in den nächsten Tagen ein besonderer Vorfall trotz unsrer größten Vorsicht in einen neuen Streit mit den Insulanern verwickelt. Ich hatte das Boot mit einem Offizier an Land geschickt, um von dort Ballast für das Schiff zu holen. Weil nun der Offizier nicht sogleich Steine fand, die dazu taugten, fing er an eine Mauer niederzureißen, die um einen Beerdigungsplatz gezogen war. Die Eingeborenen widersetzten sich jedoch mit Gewalt, und ein Bote kam zu den Zelten, mir dies zu melden. Banks eilte augenblicklich zum Tatort und legte die Streitigkeit gütlich bei, indem er das Bootsvolk zum Flusse schickte wo es Steine genug gab, die man auflesen konnte, ohne die Eingeborenen im geringsten zu beleidigen. Es ist sehr merkwürdig, daß die Südsee-Insulaner viel empfindlicher waren für eine Beleidigung der Toten, als wenn man ihnen selbst, den Lebenden, ein Unrecht tat. Das war die einzige Veranlassung, die sie ihre Furcht vor uns überwinden und zu den Waffen greifen ließ; und das einzige Mal, da sie sich wirklich unterstanden, Hand an einen unserer Leute anzulegen, hatte eine ähnliche Ursache. Monkhouse, der Schiffsarzt, pflückte nämlich eines Tages eine Blüte von einem Baume, der in einem ihrer Friedhöfe stand. Ein Eingeborener, der ihn vermutlich mit Unwillen und sehr genau beobachtet hatte, lief plötzlich von hinten auf ihn zu und schlug ihn. Monkhouse erwischte den Täter; weil diesem aber augenblicklich zwei andere Eingeborene zu Hilfe eilten und den Schiffsarzt bei den Haaren packten, war er genötigt, seinen Mann fahren zu lassen. Sobald die anderen diesen wieder in Freiheit sahen, liefen auch sie davon, ohne weitere Gewalttätigkeiten zu verüben.
Am Abend des 19. bekam ich Besuch von Oberea. Es befremdete uns aber nicht wenig, daß sie uns die gestohlenen Sachen nicht mitbrachte, obgleich sie doch wohl wußte, daß wir sie für die Hehlerin hielten. Als sie nun für sich und ihre Begleiter um ein Nachtlager in Banks' Zelt bat, wurde ihr das abgeschlagen. Da auch sonst niemand von uns Miene machte, sie zu beherbergen, ging sie mit offensichtlichem Verdrusse weg und übernachtete in ihrem Kanu.
In der Frühe des folgenden Morgens kehrte sie mit ihrem Kanu und allem, was darinnen war, zum Fort zurück und gab sich so mit einer gewissen zuversichtlichen Größe des Geistes, die unsere Bewunderung und Erstaunen erregte, völlig in unsere Gewalt. Um uns noch geneigter zur Aussöhnung zu machen, schenkte sie uns ein Schwein und mancherlei andere Sachen, worunter auch ein Hund war. Wir hatten kurz vorher erfahren, daß die Insulaner Hundefleisch für einen großen Leckerbissen hielten und dem Schweinefleisch vorzogen. Es kam uns daher die Lust an, dieses Fleisch zu kosten, und das Geschenk Obereas verschaffte uns gute Gelegenheit dazu. Wir übergaben also den Hund, der sehr fett war, Tupia, und er übernahm das doppelte Amt eines Fleischers und Kochs. Um das Tier zu töten, hielt er ihm mit beiden Händen Maul und Nase fest zu; es dauerte aber über eine Viertelstunde, ehe der Hund tot war. Währenddessen war ein Loch in die Erde gegraben worden, das ungefähr einen Fuß tief sein mochte; man zündete ein Feuer darin an und legte einige kleine Steine schichtweise zwischen das Holz, um sie recht durchzuheizen. Hierauf wurde der Hund über das Feuer gehalten und so das Haar abgesengt. Jetzt schabte ihn einer der Wilden mit einer Muschel so rein ab, daß man hätte glauben können, er sei in heißem Wasser gebrüht worden. Man zerschnitt ihn dann mit derselben Muschel, nahm die Eingeweide heraus, spülte sie in der See und tat sie nachher nebst dem aufgefangenen Blut des Tieres in Kokosnußschalen. Sobald das Erdloch heiß genug war, wurden die Feuerbrände daraus entfernt, und man machte von den durchwärmten Steinen, die jedoch nicht so heiß waren, daß sie etwas versengten, eine Unterlage und bestreute diese mit frischem Laube. Alsdann legte man den Hund und die Eingeweide auf die Blätter, bedeckte ihn mit anderem Laube und dem Rest der heißen Steine und schüttete endlich das Loch mit Erde zu. In weniger als vier Stunden wurde die Grube wieder geöffnet und der Hund herausgenommen. Er war auf diese Art vortrefflich gebraten und nach unserem einstimmigen Urteil ein sehr leckeres Gericht. Die Hunde, die man hier zum Schlachten aufzieht, bekommen kein Fleisch, sondern nur Brotfrucht, Kokosnüsse, Yamswurzeln und ähnliche Pflanzennahrung zu fressen. Alles Fleisch und alle Fische, die die Eingeborenen essen, werden auf die beschriebene Art gebacken.
Am 26. Juni reiste ich in Begleitung Banks in der Pinasse ab, um die Insel zu umschiffen, und wir kamen am nächsten Tage zu der schmalen Landenge, die beide Teile der Insel miteinander verbindet. Auf Anraten unseres tahitischen Führers, der uns sagte, daß hier das Land gut und fruchtbar sei, landeten wir. Der Häuptling des Gebietes, Matiabo, kam bald an den Strand zu uns herab, schien aber nicht das geringste von uns, noch vom Handel zu wissen, den wir trieben. Seine Untertanen hingegen brachten uns einen reichlichen Vorrat an Kokosnüssen und ungefähr 20 Brotfrüchte. Die Brotfrucht mußten wir teuer bezahlen; ein junges Schwein aber, das uns der Häuptling selbst verkaufte, bekamen wir um so billiger, nämlich für eine Glasflasche, die dem gnädigen Herrn besser gefiel als alle anderen Angebote. Er hatte übrigens eine Gans und einen Truthahn im Besitz, die vom »Delphin« auf der Insel zurückgelassen worden waren. Die Insulaner hatten ihre besondere Freude an diesen Tieren; beide waren erstaunlich feist und so zahm geworden, daß sie den Eingeborenen allenthalben nachliefen.
In einem langen Hause hier sahen wir etwas uns ganz Neues. Fünfzehn menschliche Unterkiefer waren nämlich an einem Ende des Gebäudes auf einem halbrunden Brett befestigt und schienen ganz frisch zu sein. Was das erstaunlichste war: es fehlte kein einziger Zahn. Ein so seltsamer Anblick machte uns sehr neugierig; wir erkundigten uns also da und dort nach der Bedeutung dieser Kiefer, konnten aber keine Erklärung erhalten, weil das Volk uns nicht verstehen konnte oder verstehen wollte.
Als wir von hier aus weiterfahren wollten, bat Matiabo um Erlaubnis, uns begleiten zu dürfen. Wir waren sehr erfreut darüber; denn der Häuptling konnte uns sehr nützlich sein, indem er uns über verschiedene Untiefen hinwegleitete. Wir ruderten längs der Küste hin. Als wir aber ungefähr zwei Drittel der für diesen Tag vorbestimmten Strecke zurückgelegt hatten, entschlossen wir uns, die Nacht am Lande zuzubringen. Nicht weit vom Strande sahen wir ein großes Haus, und Matiabo sagte uns, es gehöre einem seiner Freunde. Der Wirt empfing uns sehr freundschaftlich und befahl seinen Leuten, uns unsere Lebensmittel, mit denen wir gerade sehr gut versorgt waren, zubereiten zu helfen. Als man damit fertig war, speisten wir sehr gesellig und vertraut miteinander. Nach dem Essen erkundigten wir uns nach unserem Nachtlager; es ward uns dazu ein besonderer Teil des Hauses angewiesen. Wir ließen also unsere Überröcke holen, und Banks fing an, sich seiner Gewohnheit nach auszukleiden. Da ihn aber der kürzliche Verlust seiner Kleider vorsichtig gemacht hatte, so behielt er diese jetzt nicht mehr bei sich, sondern schickte sie an Bord des Bootes und gedachte, sich auf seinem Lager mit einheimischem Rindenzeug zu begnügen. Als Matiabo sah, daß wir uns unsere Überröcke bringen ließen, gab er vor, daß auch er einen nötig habe. Weil er sich nun sehr ordentlich aufgeführt und uns wirklich gute Dienste geleistet hatte, ließ man auch für ihn einen holen. Wir legten uns dann nieder, vermißten aber bald unsern Gesellschafter Matiabo; doch argwöhnten wir noch nichts Übles, sondern glaubten, er sei vielleicht zum Baden gegangen, wie es ja die Tahitier vor dem Schlafengehen stets tun. Es währte indessen nicht lange, so verriet uns ein anderer Eingeborener, Matiabo habe sich mit dem Überrock davongemacht. Der Häuptling aber hatte unser Vertrauen schon so sehr gewonnen, daß wir der Nachricht von seiner Flucht anfänglich keinen Glauben beimaßen. Da uns sein Entweichen bald darauf aber auch von unserem Führer Tuahan bestätigt wurde, sahen wir, daß wir betrogen waren und keine Zeit zu verlieren hatten, wenn wir das Kleidungsstück wiederbekommen wollten. Weil wir nun keine Aussicht hatten, den Dieb ohne Beihilfe der Leute, die um uns waren, zu erreichen, sprang Banks auf, erzählte den Vorfall und verlangte, daß sie uns den Rock wiederbringen sollten. Er zeigte ihnen zur Bekräftigung seines Verlangens eine seiner Pistolen, die er immer bei sich zu tragen pflegte, worauf die ganze Gesellschaft erschrocken auseinanderstob und, anstatt uns den Dieb suchen zu helfen, zum Haus hinausfloh. Wir konnten aber noch einen der Leute erhaschen und nahmen ihm das Versprechen ab, uns bei der Verfolgung zu unterstützen. Ich eilte daher mit Banks fort. Obgleich wir beständig liefen, war der Schrecken doch noch mit schnelleren Schritten uns vorausgeeilt; denn nach Verlauf von ungefähr 10 Minuten begegnete uns ein Mann, der den Überrock zurückbrachte und dabei sagte, der Dieb habe ihn bestürzt von sich geworfen. Da wir die Sache selbst wieder hatten, hielten wir es nicht der Mühe für wert, dem Täter nachzusetzen, und so entkam er.
Bei unserer Rückkehr fanden wir keine Seele mehr im Hause, obgleich vorher wohl 200–300 Eingeborene sich darin angesammelt hatten. Sobald man indessen erfuhr, daß wir niemandem als nur Matiabo zürnten, kam unser Wirt mit seiner Gattin und vielen anderen wieder zurück, um den Rest der Nacht bei uns zu bleiben.
Allein, es sollten uns noch mehr Unruhe und Schrecken hier beschieden sein: um 5 Uhr weckte uns nämlich die Schildwache mit der Meldung, das Boot sei gestohlen. Sie hatte es ihrer Aussage nach noch ungefähr eine halbe Stunde vorher vor Anker nicht über 50 Meter weit vom Strande gesehen. Da sie aber nicht lange nachher Ruderschläge gehört hatte, sah sie wieder nach und entdeckte, daß es weg war. Auf diesen Bericht hin standen wir in höchster Besorgnis auf und liefen zum Strand hinab. Der Morgen war heiter und sternenhell: wir konnten sehr weit sehen, aber keine Spur vom Boote entdecken. Es stand daher sehr mißlich um uns, und wir hatten Ursache genug zur äußersten Bestürzung und den schlimmsten Ahnungen. Da es völlig windstill war, konnten wir nicht annehmen, die Pinasse habe sich von ihrem Anker losgerissen, mußten vielmehr mit Recht vermuten, daß die Wilden das Boot überfallen, das Bootsvolk getötet und die Beute weggeführt hätten. Der Unsern waren nicht mehr als vier. Wir hatten nur eine Flinte und ein paar Taschenpistolen, zudem außer der Ladung keine Vorräte an Pulver und Blei. In dieser Angst und Not mußten wir ziemlich lange zubringen und alle Augenblicke erwarten, daß die Insulaner sich ihren Vorteil über uns zunutze machen würden. Endlich sahen wir zu unserer großen Freude das Boot zurückkehren. Es war durch die Ebbe von seinem Anker weggetrieben worden, ein Umstand, an den wir in der Bestürzung und Verwirrung gar nicht gedacht hatten.
Sobald das Boot wieder eingetroffen war, frühstückten wir und eilten, diesen Ort zu verlassen, aus Furcht, es möchte uns hier noch Übleres begegnen. Nach einiger Zeit bemerkten wir am Lande etwas Sonderbares: die Gestalt eines Mannes, aus Ruten ziemlich unförmig geflochten, sonst aber nicht übel geformt, über 7 Meter hoch, aber etwas zu dick geraten. Das Flechtwerk bildete eigentlich nur das Skelett des Ganzen, die äußere Seite war mit Federn bekleidet, die an den Stellen, wo sie Haut darstellen sollten, weiß, an den Teilen aber, die die Eingeborenen zu bemalen oder zu färben pflegen, ebenso wie auch auf dem Kopfe, wo die Haare angedeutet sein sollten, schwarz waren. An dem Kopfe hatte die Figur vier Buckel, hervorragende Beulen, drei vorne, eine hinten; wir würden diese nicht treffender als mit Hörnern bezeichnet haben, die Tahitier aber nannten sie »Tate Ete«, d. h. kleine Männchen. Das Standbild selbst hießen sie »Manioe« und sagten, es sei das einzige in seiner Art auf der ganzen Insel. Sie gaben sich auch Mühe, uns zu erklären, welche Bedeutung und welchen Zweck es hätte. Wir hatten aber damals noch nicht genug von ihrer Sprache gelernt, um ihre Auslegung völlig zu verstehen. Jedoch erfuhren wir so viel, daß es eine Darstellung des Manioe, eines ihrer Götter zweiten Ranges, sein solle.
Bald waren wir nicht mehr weit von dem Gebiete Paparra entfernt, das unseren Freunden Oamo und Oberea gehörte, und wo wir unser Nachtlager aufzuschlagen gedachten. In dieser Absicht gingen wir eine Stunde vor Sonnenuntergang an Land, fanden aber, daß sie beide ihre Wohnungen verlassen hatten, um uns ihrerseits in der Bucht von Matavai einen Besuch abzustatten. Wir legten auf diese Abwesenheit kein Gewicht, sondern nahmen unser Nachtquartier im Hause der Oberea, das zwar klein war aber einen sehr behaglichen Eindruck machte. Ihr Vater wohnte zu dieser Zeit allein darin und empfing uns sehr freundlich. Als wir uns etwas eingerichtet hatten, wollten wir die Zeit vor Anbruch der Nacht noch zu einem Spaziergang ausnützen. Wir schlugen den Weg zu einer Landspitze ein, auf der wir von weitem eine Art von Bäumchen gesehen hatten, die hier »Etoa« genannt und gewöhnlich nur an solchen Orten gepflanzt werden, wo die Eingeborenen ihre Toten begraben. Dergleichen Begräbnisplätze, an denen zugleich der Gottesdienst verrichtet wird, heißen bei ihnen Marai.
Als wir dort ankamen, staunten wir über ein ungeheures Gebäude, das, wie man uns sagte, das »Marai« (Mausoleum) des Oamo und der Oberea und zugleich das größte Meisterstück tahitischer Baukunst sei. Es war aus Stein in pyramidenförmiger Gestalt erbaut und ruhte auf einer länglich-rechteckigen Basis von etwa 80 Meter Länge und 25 Meter Breite. Die Bauart glich einigermaßen den kleinen pyramidenförmigen Anhöhen, auf die wir in England bisweilen die Pfeiler für Sonnenuhren aufstellen, und die wir an jeder Seite mit einer Anzahl von Stufen versehen zu lassen pflegen. Bei diesen Gebäuden waren jedoch die Seitenstufen breiter als jene an den Enden, so daß das Gebäude nach oben zu sich wie zu einem Giebeldach verjüngte. Wir zählten elf solcher Stufen, und jede war über einen Meter hoch, so daß also die Höhe des Ganzen fast 13 Meter betrug. Jede Stufe bestand aus einer Reihe weißer Korallensteine, die recht regelmäßig und viereckig behauen und geglättet waren. Das Fundament war aus Felsenstücken gesetzt, die gleichfalls viereckig zugehauen und zum Teil ganz ansehnlich waren; denn eines davon war nicht weniger als über ein Meter lang und fast ein halbes Meter breit. Ein solches Gebäude von einem Volke ausgeführt zu sehen, das gar kein Eisenwerkzeug zum Behauen und keinen Mörtel zur Verbindung der Steine kannte, setzte uns in nicht geringes Erstaunen. Da wir in der ganzen Gegend keinen Steinbruch sahen, mußten die Quadern aus großer Entfernung dahin geschafft worden sein, alles mit der unsäglichsten Mühe. Denn sie kennen kein Mittel, etwas von einer Stelle zur anderen zu bringen, als Menschenhände. Auch konnten sie die Korallensteine nicht anders als aus dem Wasser heraufgeholt haben, wo man sie in beträchtlicher Tiefe häufig finden kann. Sowohl die Felsblöcke wie die Korallensteine konnten nur mit steinernen Werkzeugen behauen, und das mußte eine unglaublich schwierige Arbeit gewesen sein. Das Glätten hingegen konnten sie vermittels des scharfen Korallensandes, den man am Strande findet, weit leichter bewerkstelligt haben. Mitten auf der Spitze des Baues stand ein aus Holz geschnitzter Vogel, und bei ihm lag eine aus Stein gehauene Fischfigur, die aber zerbrochen war. Die ganze Pyramide nahm fast die eine Seite eines geräumigen viereckigen Platzes ein, dessen Seiten einander beinahe gleich waren. Dieser ganze Bezirk war mit einer steinernen Mauer umgeben und überall mit breiten, flachen Steinen gepflastert; trotz der Pflasterung wuchsen jedoch verschiedene Etoa-Bäume und Bananen darin.
Wonach man in Tahiti am emsigsten trachtet, ist der Besitz eines schönen »Marai«, und dieses hier war so ein sehr deutlicher Beweis von der Macht der Oberea. Es ist bereits erwähnt worden, daß sie zur Zeit unserer Anwesenheit nicht mehr so viel Ansehen und Gewalt zu haben schien, wie damals, als der »Delphin« hier lag. Wir erfuhren jetzt auch die Ursache davon. Als wir nämlich längs des Seestrandes zu ihrem Marai gingen, sahen wir den ganzen Weg mit Menschengebeinen, besonders Rippen und Wirbeln, bedeckt. Auf unsre Frage, welche Bewandtnis es mit dieser Menge unbestatteter Totengebeine habe, sagte man uns, daß im Dezember 1768 der Stamm der südöstlichen Halbinsel, die wir kurz zuvor besucht hatten, einen Einfall in diese Gegend gewagt und eine Menge Menschen getötet habe, deren Gebeine das eben wären. Nach diesem unglücklichen Vorfall sei Oberea und Oamo, der damals die Regierung für seinen Sohn verwaltete, ins Gebirge geflohen. Die Sieger hätten darauf die hier gelegenen Häuser, die sehr groß gewesen, verbrannt und die Schweine und andere Tiere, die sie gefunden, mit sich fortgenommen; unter anderen wären auch die Gans und der Truthahn, die wir unlängst bei Matiabo, dem Diebe unseres Überrockes, gesehen hatten, mitfortgeschleppt worden. Das erklärte uns denn auch, daß wir die Tiere bei Leuten angetroffen hatten, die nicht mit dem »Delphin« in Handelsbeziehungen gestanden hatten, und als wir der Kieferknochen erwähnten, die wir auf einem langen Brette befestigt in einem Hause dort gesehen hatten, berichtete man uns, daß die Feinde solche als Siegeszeichen aufstellten.
Als wir unsere Wißbegierde so befriedigt hatten, kehrten wir zu unserer Herberge zurück und übernachteten dort in vollkommener Sicherheit und Ruhe.
Bei unserer Rückkehr nach dem Fort, zwei Tage darauf, drängten sich unsere braunen Freunde um uns, und keiner von ihnen allen kam mit leeren Händen. Ich hatte mir zwar schon längst vorgenommen, alle bisher zurückgehaltenen Kanus ihren Eigentümern wieder zurückzugeben; allein, es war bisher noch immer nicht geschehen. Jetzt aber gab ich eines nach dem andern frei, sobald sich die Eigentümer meldeten.
Allmählich fingen wir an, uns zur Abreise zu rüsten; der Wasserbedarf war bereits in das Schiff aufgenommen, und unsere Lebensmittelvorräte waren untersucht worden. Während dieser Zeit bekamen wir Besuch von Oamo und Oberea nebst ihren beiden Kindern, dem Sohne und der Tochter. Die Eingeborenen bezeigten diesen Personen ihre Ehrfurcht durch Entblößen des Oberleibes. Die Tochter namens Toimata war sehr neugierig, das Fort von innen zu sehen. Ihr Vater wollte es jedoch nicht zugeben. Teari, der Sohn des Beherrschers der südöstlichen Halbinsel, befand sich zu dieser Zeit ebenfalls bei uns, und wir bekamen Nachricht daß auch noch ein anderer Gast angekommen sei, dessen Besuch wir weder vermuteten, noch wünschten. Es war kein anderer als der verschlagene Bursche, der damals Mittel gefunden hatte, uns den Quadranten zu stehlen. Man berichtete uns, er sei willens, in der Nacht sein Glück noch einmal zu versuchen. Alle anwesenden Eingeborenen erboten sich, uns gegen ihn beizustehen, und baten, wir möchten ihnen aus diesem Grunde erlauben, im Fort zu übernachten. Das ward ihnen gern bewilligt und tat eine so gute Wirkung, daß der Dieb von seinem Versuche ohne weiteres Abstand nahm.
Am 7. Juli fingen die Zimmerleute an, das Tor und die Palisaden einzureißen, weil wir diese als Brennholz an Bord des Schiffes verwenden wollten. Einer von den Eingeborenen bewies bei dieser Gelegenheit wieder seine Geschicklichkeit: er stahl nämlich die Türangel mit dem dazugehörigen Haken. Man setzte ihm augenblicklich nach. Als die zur Verfolgung nachgeschickte Patrouille etwa 6 Kilometer weit gelaufen war, bemerkte sie, daß der Dieb seitwärts entschlüpft sein und sich in einem Schilfdickicht versteckt haben mußte, so daß sie nichtsahnend an ihm vorbeigelaufen war. Sie fing also an, das Schilf abzusuchen; der Dieb aber war bereits entkommen. Doch fand man hier ein Kratz- und Scharreisen, das einige Zeit vorher im Schiffe gestohlen worden war. Bald darauf brachte auch unser alter Freund Tuburai Tamaide die Türangel wieder zurück.
Am 8. und 9. fuhren wir fort, die Festung zu schleifen. Unsere braunen Freunde versammelten sich noch immer bei uns. Einige taten es vielleicht aus wirklicher Betrübnis über unsre nahe Abreise; andere vielleicht in der Absicht, die Gelegenheit nicht zu versäumen, noch etwas von unsren Sachen zu erhaschen.
Unter den Eingeborenen, die fast beständig um uns waren, befand sich auch Tupia, von dem hier schon mehrmals die Rede gewesen ist. Er war, wie ich bereits angedeutet habe, der vornehmste Minister Obereas gewesen, zur Zeit, da ihre Gewalt am größten war. Er war zugleich der oberste »Tahaua« oder Priester der Insel und kannte demnach die Religion des Landes, ihre Grundsätze und Zeremonien am besten. Auch besaß er große Erfahrung und Verständnis für die Schiffahrtskunde und eine genaue Kenntnis der Lage und Anzahl der benachbarten Inseln. Dieser Mann hatte oft das Verlangen geäußert, uns auf der Reise zu begleiten. In dieser Absicht kam er am 12. morgens mit einem ungefähr dreizehnjährigen Knaben, der sein Bedienter war, an Bord und bat uns inständig, ihn auf unsrer Fahrt mitzunehmen. Einen solchen Mann bei uns an Bord zu haben, war aus vielen Gründen wünschenswert. Wenn wir seine Sprache lernten und ihn die unsrige lehrten, konnten wir uns schmeicheln, eine ungleich bessere Kenntnis von den Gebräuchen, der Staatsverfassung und Religion dieses Volkes zu erlangen, als wir während unseres kurzen Aufenthalts erworben hatten. Ich willigte daher mit Freuden ein. Tupia machte sich einen kurzen Aufschub zunutze, um noch einmal an Land zu gehen, und sagte, er wolle uns am Abend ein Zeichen geben, ihn abzuholen. Er verließ uns also und nahm ein kleines Bild von Banks, um es seinen Freunden zu zeigen, und verschiedene Kleinigkeiten mit, die er ihnen beim Abschied schenken wollte.
Nach dem Mittagessen wünschte Banks noch eine Zeichnung von dem Marai zu bekommen, das dem Tutaha gehörte und zu Eparre lag. Ich begleitete ihn nebst Dr. Solander in der Pinasse dahin. Sobald wir landeten, kamen uns viele unsrer Freunde entgegen. Wir gingen sogleich zu Tutahas Behausung, wo Oberea und verschiedene andere sich bei uns einfanden. Sie versprachen, am folgenden Morgen früh noch einmal ans Schiff zu kommen und zum letzten Male Abschied zu nehmen, weil wir ihnen mitgeteilt hatten, daß wir am Nachmittag bestimmt absegeln würden. Bei Tutaha trafen wir unter anderen auch den Tupia, der mit uns zurückkehrte und diese Nacht zum ersten Male an Bord schlief.
Sie winkten den Kanus zu, solange man sie sehen konnte.
Am folgenden Morgen, Donnerstag, den 13. Juli, füllte sich die »Endeavour« schon früh mit unseren Freunden. Eine Menge von Kanus, die von Eingeborenen niederen Standes wimmelten, umringten das Schiff. Zwischen 11 und 12 Uhr lichteten wir die Anker, und sobald die »Endeavour« unter Segel war, nahmen die an Bord befindlichen Insulaner von uns Abschied und weinten in bescheidener und wohlanständiger Betrübnis, die etwas ungemein Zärtliches und Rührendes an sich hatte. Das Volk in den Kanus hingegen klagte laut ob unseres Scheidens, und jeder schien seine Stimme um die Wette mit den andern zu erheben: eben darum kam uns diese Betrübnis mehr gemacht als natürlich vor. Tupia bewies bei diesem Auftritt eine wahrhaft bewunderungswürdige Standhaftigkeit und Entschlossenheit. Er weinte zwar auch; allein sowohl seine Tränen, als auch die Gewalt, die er sich antat, um sie zurückzuhalten, machten ihm gleich viel Ehre. Er stieg schließlich mit Banks auf den Mastkorb, wo sie beide den Kanus zuwinkten, solange man sie sehen konnte.
[Kapitän Cooks Ermordung auf den Sandwichinseln]
Von Kapitän James King
An der Westküste der Insel Hawaii, im Bezirk Akona, liegt eine Bucht, die bei den Einwohnern Karakakua (Kealakeakua) heißt. Sie geht ungefähr ein Kilometer landeinwärts, und ihre Grenzpunkte sind zwei flache, ein halbes Kilometer weit in der Richtung von Südsüdost und Nordnordwest voneinander gelegene Landspitzen. Auf der nördlichen, die niedrig und unfruchtbar ist, liegt ein Dorf, das die Eingeborenen Kauraua nennen. Ein zweites, größeres, namens Kakua, liegt in der Vertiefung der Bucht, an einem Hain von hohen Kokospalmen; zwischen beiden ragt ein steiles, schroffes Felsenufer hervor, das von der Seeseite unzugänglich ist. Südwärts hat das Land, etwa ein Kilometer einwärts, ein rauhes Ansehen. Allein, jenseits dieser Strecke hebt es sich mit einer sanften Lehne und zeigt überall umzäunte Pflanzungen mit Kokoswäldchen, zwischen denen alles mit Wohnungen gleichsam besät ist. Das Seeufer rund um die Bucht ist gänzlich mit schwarzem Korallenfelsen bedeckt; bei stürmischem Wetter ist daher das Landen sehr gefährlich. Doch befindet sich neben dem Dorfe Kakua ein schöner mit Sand bedeckter Strand, an dessen einem Ende man einen Begräbnisort oder ein »Marai« und am entgegengesetzten einen Bach mit Süßwasser antrifft. Kapitän Cook fand diese Bucht für seinen Plan, die Schiffe auszubessern und zugleich Wasser und Lebensmittel einzunehmen, sehr geeignet und ließ deshalb die »Resolution« und »Discovery« hier vor Anker gehen.
Die Eingeborenen hatten kaum bemerkt, daß wir willens wären, in der Bucht zu ankern, als sie schon in hellen Haufen zum Strande herbeieilten und ihre Freude durch Singen, Jubelgeschrei und allerlei wilde, überschwengliche Gebärden zu erkennen gaben. In kurzer Zeit stiegen sie scharenweise an Bord, bald darauf saßen sie auch schon überall an den Seiten und im Takelwerk der beiden Schiffe in unzähliger Menge. Eine große Anzahl Frauen und kleiner Jungen, die keine Kanus hatten bekommen können, schwammen um uns herum und blieben auch, da sie an Bord keinen Platz mehr fanden, den ganzen Tag über im Wasser. Unter anderen Vornehmen, die sich an Bord der »Resolution« begaben, zeichnete sich bald ein junger Mann namens Paria durch sein würdevolles Benehmen aus. Er stellte sich selbst dem Kapitän Cook vor und eröffnete ihm, er sei ein Vertrauter des Königs. Letzterer war gegenwärtig auf einer kriegerischen Unternehmung gegen die Insel Mauwi begriffen, von wo man ihn in 3 bis 4 Tagen zurück erwartete. Kapitän Cook machte dem Paria einige Geschenke und gewann ihn dadurch ganz und gar für uns. Dies war kein geringer Vorteil; denn ohne ihn wären wir schwerlich mit seinen Landsleuten fertig geworden. Schon sehr bald ereignete sich ein Vorfall, bei dem wir seiner Hilfe bedurften. Wir hatten noch nicht lange vor Anker gelegen, als wir bemerkten, daß sich die »Discovery« stark auf eine Seite neigte, weil sich auf ebenderselben eine ungeheure Menge Menschen angeklammert hatte. Zugleich wurden wir auch gewahr, daß die Mannschaft die großen Scharen, die sich noch immer in das Schiff drängten, nicht mehr zurückhalten konnte. Aus Besorgnis zeigte Kapitän Cook unserm Paria diese Gefahr, und dieser eilte augenblicklich der »Discovery« zu Hilfe, trieb die Leute hinaus und nötigte sogar die Kanus, die sich in unzähliger Menge darumpostiert hatten, sich zu entfernen.
Dieser Vorfall schien zu beweisen, daß die Gewalt der Vornehmen über die niederen Volksmassen in höchstem Grade despotisch sein müsse. Noch an ebendem Tage bestätigte uns das ein Vorfall auf der »Resolution«. Der Schwarm der Eingeborenen hatte sich an Bord so vermehrt, daß wir unsere Geschäfte nicht mehr verrichten konnten. Kapitän Cook wandte sich daher an Kanina, einen Vornehmen, der ihm ebenfalls zugetan war. Dieser befahl sogleich allen seinen Landsleuten, das Schiff zu verlassen. Und zu unserem nicht geringen Erstaunen sprangen sie, ohne sich einen Augenblick zu bedenken, alle über Bord. Ein einziger blieb etwas zurück und hatte, wie es schien, keine rechte Lust, dem Befehl zu gehorchen: sogleich hob ihn Kanina mit beiden Armen auf und schleuderte ihn ins Meer.
Die beiden hier genannten Befehlshaber waren starke, schön gewachsene Männer von ganz besonders angenehmer Gesichtsbildung. Kanina war einer der schönsten Männer, die ich je gesehen habe: er hatte regelmäßige, ausdrucksvolle Züge und funkelnde, dunkelfarbige Augen. Sein Gang war ungezwungen, fest und voll Anstand.
Während des langen Zeitraums, den wir mit Kreuzen um die Insel zugebracht hatten, war das Betragen der Eingeborenen, die von Zeit zu Zeit in See zu uns kamen, untadelhaft, ehrlich und aufrichtig gewesen und hatte nie eine Spur von diebischen Gelüsten verraten. Wir waren darüber sehr erstaunt, zumal da wir es nur mit Personen vom niedrigsten Stande, entweder Leibeigenen oder Fischern, zu tun gehabt hatten. Nunmehr aber wandte sich das Blatt, und die unzähligen Scharen, die in jedem Winkel des Schiffes ihr Wesen trieben, benutzten fleißig jede Gelegenheit, unbemerkt stehlen und vielleicht sogar entkommen zu können; denn unser waren wir nur wenige. Zum Teil glaubten wir, diese Veränderung in ihrem Betragen der anfeuernden Gegenwart ihrer Befehlshaber zuschreiben zu müssen: wenn wir nämlich einer verschwundenen Sache nachspürten, fanden wir sie zuletzt gewöhnlich im Besitze irgendeines Mannes von Ansehen, auf dessen Veranlassung der Diebstahl also augenscheinlich begangen worden war.
Bald nachdem unser Schiff verankert war, führten unsere beiden Freunde Paria und Kanina einen dritten Befehlshaber namens Koah an Bord. Man gab uns zu verstehen, er sei ein Priester und habe sich in seiner Jugend als Krieger ausgezeichnet. Er war ein hagerer, schwacher, alter Mann von unansehnlicher Gestalt, mit triefenden, roten Augen, am ganzen Leib mit einem weißen Aussatz oder Schorf bedeckt, was eine Folge des unmäßigen Kawa-Trinkens war. Man führte ihn in die Kajüte, wo er sich dem Kapitän Cook in großer Ehrfurcht nahte und ihm ein Stück roten Zeugs, das er zu diesem Zwecke mitgebracht hatte, über die Schulter warf. Dann trat er einige Schritte zurück, bot ein kleines Ferkel dar und hielt es so lange, bis er eine ziemlich lange Rede beendet hatte. Diese Feierlichkeit, die wir während unseres Aufenthalts in Hawaii noch zu mehreren Malen sahen, sollte, soviel wir aus allerlei Nebenumständen schließen konnten, eine Art von gottesdienstlicher Anbetung vorstellen; denn die Götzenbilder der Einwohner waren sämtlich mit rotem Zeug bekleidet, und ihren »Eatuas« (Göttern) brachten sie gewöhnlich kleine Ferkel zum Opfer dar. Nach der Zeremonie aß Koah mit dem Kapitän Cook und genoß reichlich von allem, was ihm vorgesetzt wurde, nur daß er, wie überhaupt alle Bewohner dieser Inselgruppe, Wein und andere geistige Getränke ungern zum zweiten Male kosten wollte.
Abends begleiteten Kapitän Cook und ich ihn an Land. Wir stiegen auf dem sandigen Strande aus, wo uns vier Männer mit Stäben empfingen, an deren Ende ein Büschel Hundshaare hing. Sie gingen vor uns her und riefen dabei mit lauter Stimme eine kurze Formel aus, wovon wir indes nur das Wort »Orono« (Gott) unterscheiden konnten. Die am Ufer versammelte Menge entfernte sich bei unserem Herannahen, und es ließ sich niemand sehen, einige wenige ausgenommen, die sich unweit der Hütten des benachbarten Dorfes zur Erde niedergeworfen hatten.
Ehe ich die Anbetung, die dem Kapitän Cook hier bezeigt wurde, und die übrigen Feierlichkeiten bei seinem Empfang auf dieser Insel schildere, muß ich noch etwas von dem Marai sagen, das an der Südseite des Strandes von Kakua lag. Dieses dem Gottesdienste geweihte Gebäude bestand aus einem viereckigen dichten Steinhaufen, der etwa 40 Schritt lang, 20 breit und 14 Schritt hoch sein mochte. Oben war es platt und eben, gut gepflastert und mit einem hölzernen Zaune umgeben, auf dem die Schädel der beim Tode ihrer Vornehmen geopferten Gefangenen steckten. Mitten in dem so eingeschlossenen Platze stand ein verfallenes, altes, hölzernes Gebäude, das mit dem Zaun zu beiden Seiten durch eine steinerne Mauer zusammenhing, so daß der ganze Raum in zwei Teile geschieden war. Auf der landeinwärts gelegenen Seite standen fünf, etwa 6 Meter lange Pfähle, die einem etwas unregelmäßigen Gerüste zur Stütze dienten. Gegenüber, nach dem Meere hin, waren zwei kleine Häuser erbaut, die durch einen bedeckten Gang miteinander zusammenhingen.
Koah führte uns auf einem bequemen Steige, der von dem Strande nach der nordwestlichen Ecke des gepflasterten Hofes hinaufging, auf die Zinne dieses Gebäudes. Am Eingang in den Hof erblickten wir zwei hölzerne Standbilder mit verzerrten Zügen, von denen jedes ein langes, geschnitztes Stück Holz in Form eines umgekehrten Kegels auf dem Kopfe hatte. Der übrige Körper war nicht ausgearbeitet, sondern in rotes Zeug gehüllt. Hier trat uns ein junger Mann von hohem Wuchs mit einem langen Barte entgegen und stellte Kapitän Cook den Bildsäulen vor. Dann sang er eine Art von Hymnus, in den Koah miteinstimmte, und führte uns nachher an das jenseitige Ende des Marai, wo die 5 Pfähle standen. An dieser Stelle bildeten 12 Standbilder einen Kreis, und gerade vor der mittelsten Figur stand ein hoher Tisch oder ein Gestell, das genau dem »Uatta« oder Altar in Tahiti ähnlich war. Auf ihm lag ein bereits in Fäulnis übergegangenes Schwein und unter ihm eine Menge Zuckerrohr, Kokosnüsse, Brotfrucht, Bananen und süße Bataten. Koah stellte den Kapitän unter diesen Altar, nahm das Schwein herunter und hielt es ihm vor, wobei er zum zweitenmal mit vieler Heftigkeit und geläufiger Zunge eine lange Rede hielt. Hierauf ließ er das Schwein zur Erde fallen und, führte unsern Kapitän an das Gerüst. Beide kletterten unter Gefahr das beschwerliche Stück hinan. Nunmehr sahen wir oben auf dem Marai eine feierliche Prozession herankommen. Sie bestand aus 10 Männern, die ein großes lebendiges Schwein und ein großes Stück rotes Zeug trugen. Nachdem sie noch ein paar Schritte vorwärts getan hatten, hielten sie still und warfen sich zur Erde nieder. Kärikia, der vorhin erwähnte junge Mann, ging zu ihnen, nahm ihnen das Zeug ab und brachte es dem Koah, der den Kapitän damit bekleidete. Hierauf brachte er ihm das Schwein dar, das Kärikia währenddessen auf ebendie Art wie das Zeug geholt hatte.
Als nun Kapitän Cook, so in rotes Zeug gewickelt, in einer etwas unbequemen Stellung in der Höhe stand und sich nur mit Mühe an den Stücken des morschen Gerüstes festhalten konnte, fingen Kärikia und Koah ihren Gottesdienst an und sangen zuweilen gemeinsam, zuweilen abwechselnd. Das dauerte eine geraume Zeit. Endlich ließ Koah das Schwein fallen und stieg mit Kapitän Cook herunter. Nunmehr führte er ihn an den zuletzt erwähnten Bildsäulen vorbei, sagte im Vorübergehen jedem Bilde etwas in einem höhnenden Tonfall und schnippte mit den Fingern gegen sie. Endlich brachte er ihn vor das mittelste Bild, das, da es mit rotem Zeug bekleidet war, in höherem Ansehen stehen mochte. Daher fiel er auch davor nieder, küßte es und verlangte ein gleiches von Kapitän Cook, der sich bei dieser ganzen Feierlichkeit durchaus nach Koahs Vorschrift verhielt.
Hierauf führte man uns zurück in die andere Abteilung des Marai, wo sich eine Vertiefung im Pflaster befand, die 3–4 Meter im Quadrat und 1 Meter Tiefe haben mochte. Wir stiegen hinab, und Kapitän Cook mußte sich zwischen zwei hölzerne Bildsäulen setzen, indes Koah den einen Arm des Kapitäns unterstützte und mich den andern stützen hieß. Hierauf kam eine zweite Prozession von Eingeborenen, die ein gebratenes Schwein, einen Pudding nebst Kokosnüssen, Brotfrucht und anderen Pflanzenspeisen trugen. Als sie sich näherten, trat Kärikia an ihre Spitze und hielt das Schwein wie gewöhnlich dem Kapitän vor. Zugleich fing er wie vorher einen Gesang an, auf den seine Gehilfen bei passenden Stellen antworteten. Nach jeder Gegenstrophe schienen die Absätze kürzer zu werden, bis zuletzt Kärikia nur zwei oder drei Worte sang, worauf denn die übrigen zum Beschluß das Wort »Orono« ausriefen. Diese Opferzeremonie dauerte ungefähr eine Viertelstunde. Als sie vorbei war, setzte sich das Volk uns gegenüber nieder und fing an, das gebratene Schwein zu zerlegen, die Pflanzenspeisen zu schälen und die Kokosnüsse aufzubrechen. Andere waren mit Zubereitung des Kawatranks beschäftigt, wozu, wie auf den Freundschaftsinseln, die Wurzel des Pfefferstrauchs gekaut wird. Kärikia nahm ein Stück vom Kern einer Kokosnuß, kaute es, wickelte es in ein Stück Zeug und rieb damit dem Kapitän Gesicht, Kopf, Hände, Arme und Schultern ein. Hierauf ging der Kawatrank herum, und nachdem wir davon gekostet hatten, machten sich Paria und Koah daran, das Fleisch des Schweines in kleinere Stücke zu zerreißen und uns in den Mund zu stopfen. Ich konnte es leicht ertragen, daß mich Paria fütterte, da er sich in allen Stücken sehr reinlich hielt; allein, Kapitän Cook, der von Koah bedient wurde, erinnerte sich an das erste, halbverweste Schwein und konnte keinen Bissen hinunterschlucken. Dazu kam noch, daß der Alte, um ihm eine besondere Ehre anzutun, den Bissen erst selbst durchkäute, wodurch natürlicherweise des Kapitäns Ekel nicht gerade vermindert wurde.
Als diese letzte Zeremonie, die Kapitän Cook, so gut er konnte, beschleunigte, vorbei war, verteilten wir einige Stückchen Eisen nebst anderen Kleinigkeiten unter das Volk, das damit äußerst zufrieden schien, und verließen dann das Marai. Die Männer mit den Stäben begleiteten uns wieder an unsere Boote und wiederholten dabei dieselben Worte, die sie schon vorher, als wir das Land betraten, gesagt hatten. Die Eingeborenen zogen sich zurück, und die wenigen, die in der Nähe blieben, fielen, während wir längs dem Ufer vorübergingen, zur Erde nieder. Wir eilten sogleich an Bord, hatten den Kopf voll von alldem, was wir gesehen, und waren höchst vergnügt, daß unsere neuen Freunde es so überaus gut mit uns zu meinen schienen. Schwerlich läßt sich die Bedeutung der verschiedenen Feierlichkeiten, womit man uns empfangen hatte, bestimmt angeben; selbst die Mutmaßungen darüber können nur unsicher und einseitig sein: indes verdienten sie, wegen ihrer Neuheit und Sonderbarkeit, ausführlich beschrieben zu werden. Ohne allen Zweifel lag darin der Ausdruck einer tiefen Ehrfurcht, die sogar, was Kapitän Cook persönlich betrifft, nahe an wirkliche Anbetung zu grenzen schien.
Am folgenden Morgen ging ich mit einer Wache von 8 Seesoldaten, Leutnant und Korporal mitinbegriffen, an Land, um die Sternwarte in einer solchen Lage errichten zu lassen, daß ich zugleich auf die mit Wasserfüllen und andern Arbeiten beschäftigten Leute achthaben und sie erforderlichenfalls beschützen könnte. Indem wir in dieser Absicht einen Platz mitten im Dorfe besichtigten, der uns sehr bequem dünkte, erbot sich Paria mit immer gleicher Bereitwilligkeit, sowohl um sein Ansehen geltend zu machen, als auch um uns eine Gefälligkeit zu erweisen, er wolle einige Hütten niederreißen lassen, die uns am Beobachten hinderlich sein könnten. Allein, wir hielten es für das beste, dieses Anerbieten abzulehnen, und wählten ein Batatenfeld dicht am Marai, das man uns auch ohne Widerrede einräumte. Um aller Zudringlichkeit von seiten der Einwohner zuvorzukommen, heiligten die Priester sogleich diesen Bezirk, und zwar dadurch, daß sie ihre Stäbe rund umher an der Mauer, die ihn einschloß, befestigten.
Diese Art von religiösem Verbot heißt bei ihnen »Tabu«, ein Wort, das wir während unseres Aufenthaltes bei den hiesigen Insulanern oft aussprechen hörten, und dessen Wirkung sich sehr weit erstreckte. Nie wagte es ein Kanu, in unserer Nähe anzulanden. Die Eingeborenen setzten sich wohl auf die Mauer; allein, in den verbotenen oder tabuierten Bezirk hineinzutreten, wagte keiner, bevor wir ihm nicht die Erlaubnis dazu gaben. Auch waren es nur Männer, die auf unser Verlangen mit Lebensmitteln über das Feld kamen; die Frauen hingegen hielten sich fern.
Wir hatten noch nicht lange unsere Sternwarte eingerichtet, als wir in unserer Nachbarschaft die Wohnungen einer Gesellschaft von Priestern entdeckten, die unsere Aufmerksamkeit dadurch auf sich zogen, daß sie sich zu bestimmten Zeiten am Marai einfanden, um ihre Amtsgeschäfte zu verrichten. Ihre Hütten standen rings um einen Teich mit Wasser in einem Haine von Kokospalmen, der sie von dem Strande und von dem übrigen Dorfe abschloß und völlig ein klostermäßiges, ja, einsiedlerisches Aussehen hatte. Ich gab Kapitän Cook von dieser Entdeckung Nachricht, und er nahm sich deshalb einen Besuch dortselbst vor.
Gleich nach seiner Ankunft am Strande führte man ihn zu einem geheiligten Gebäude, das hier »Harre-no-Orono«, das »Haus des Orono«, genannt wurde. Vor dem Eingange hieß man ihn, am Fuß eines hölzernen Götzenbildes niedersitzen, das von ebender Art wie jene auf dem Marai zu sein schien. Hier mußte ich wieder einen seiner Arme unterstützen, indes Kärikia ihn mit rotem Zeuge bekleidete und in Begleitung von zwölf Priestern ihm mit den gewöhnlichen Feierlichkeiten ein Ferkel zum Opfer brachte. Man schnürte hierauf dem Tiere den Hals zu und warf es in ein dazu bereitetes Holzfeuer. Sobald die Haare abgesengt waren, brachte man es wieder dar und wiederholte dabei den oben beschriebenen Gesang. Dann hielt man das tote Ferkel dem Kapitän eine Zeitlang unter die Nase und legte es hernach nebst einer Kokosnuß zu seinen Füßen. Hierauf setzten sich die Priester, bereiteten Kawa und ließen die damit gefüllte Kokosnußschale herumgeben. Zuletzt ward ein fettes, ganz zubereitetes Schwein aufgetragen, womit man uns wie das vorige Mal fütterte.
Sooft Kapitän Cook während unseres Aufenthaltes in der Bucht an Land kam, ging einer von den Priestern vor ihm her, rief aus, daß der »Orono« gelandet sei, und befahl dem Volke, sich niederzuwerfen. Ebenderselbe Priester war auch sein immerwährender Begleiter, sooft er sich ins Boot begab. Hier stand er mit einem Stabe in der Hand gewöhnlich im Vorderteil und verkündigte den Eingeborenen in ihren Kähnen Cooks Annäherung, worauf sie unverzüglich mit Rudern innehielten, sich auf das Gesicht niederwarfen und so lange in dieser Stellung blieben, bis er vorüber war. Sooft er sich bei der Sternwarte aufhielt, kam Kärikia sogleich mit seinen Amtsbrüdern herbeigeeilt und überreichte mit den gewöhnlichen Feierlichkeiten Schweine, Kokosnüsse und Brotfrucht. Bei dieser Gelegenheit baten oftmals geringere Befehlshaber um Erlaubnis, dem »Orono« ein Geschenk bringen zu dürfen, und wenn ihnen diese Bitte gewährt wurde, boten sie in eigener Person, gewöhnlich mit deutlichem Ausdruck von Furcht in ihren Zügen, das Schwein dar, indes Kärikia und die Priester den gewöhnlichen Hymnus sangen.
Soweit war das meiste nur Höflichkeitsbezeigung, nur äußere Feier und Parade. Dabei ließ es jedoch die Priestergesellschaft nicht bewenden. Unsere am Lande sich aufhaltende Abteilung erhielt täglich einen Vorrat von Schweinen und Pflanzenspeisen, der mehr als ausreichend für unseren Unterhalt war. Und mit gleicher Sorgfalt und Genauigkeit schickten sie täglich mehrere Kähne mit Lebensmitteln an Bord, ohne je das geringste dafür zu verlangen, ohne auch nur einen entfernten Wink deswegen zu geben. Ihre Geschenke schienen, da sie mit solcher Regelmäßigkeit wiederholt wurden, in der Tat viel mehr Ausübungen einer Religionspflicht, als bloße Wirkungen der Freigebigkeit zu sein. Wir erkundigten uns zuweilen, auf wessen Kosten man uns so herrlich bewirtete, und erhielten zur Antwort, es geschehe auf Kosten eines vornehmen Mannes namens Ka-u, des Oberpriesters. Dieser Mann, von dem man uns zugleich sagte, daß er Kärikias Großvater wäre, begleitete den König und war daher abwesend.
Alles, was den Charakter und das Betragen dieses Volkes betrifft, muß dem Leser wegen des nachher erfolgten traurigen Auftrittes doppelt wichtig sein. Es gehört also auch die Bemerkung hierher, daß wir nicht immer ebensoviel Ursache hatten, mit der Aufführung der kriegerischen Befehlshaber oder »Erihs« so zufrieden zu sein wie mit der der Priester. Im ganzen Verkehr mit jenen fanden wir sie sehr auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Und wollte man auch ihre Diebereien entschuldigen, weil dieser Hang unter den Insulanern der Südsee allgemein ist, so ließen sie sich doch noch außerdem allerlei Anschläge zuschulden kommen, die nicht eben rühmlich waren. Hiervon nur ein Beispiel, worin, zu meinem Leidwesen, hauptsächlich unser Freund Koah mitverflochten war. Wenn uns irgendein Mann von Ansehen Schweine zum Geschenke brachte, pflegten wir jederzeit beträchtliche Gegengeschenke zu machen. Die Folge war unausbleiblich: es fehlte uns nicht nur nie an Proviant, sondern wir hatten gewöhnlich weit mehr, als wir brauchen konnten. Bei solchen Gelegenheiten pflegte Koah, der unser unermüdlicher Begleiter war, sich die Schweine auszubitten, die uns zur Last waren, und er konnte allemal gewiß sein, sie sicher zu erhalten. Einst brachte ein Befehlshaber, den Koah selbst uns vorgestellt hatte, ein Schwein zum Geschenk, das wir als eines derer erkannten, die noch eben zuvor an Koah verabfolgt worden waren. Wir hegten gleich den Verdacht, daß man uns zu hintergehen suchte, und entdeckten auf weitere Nachfrage bald, daß der angebliche Befehlshaber nur ein gewöhnlicher Mann war. Jetzt erinnerten wir uns auch mancher anderer Einzelheiten, die uns zu der Vermutung veranlaßten, daß man uns schon mehrmals auf ähnliche Weise ausgebeutet hatte.
Alles nahm seinen gewohnten Gang bis zum 24. Januar, da zu unserer großen Verwunderung kein einziges Kanu vom Lande abstieß und keiner von den Eingeborenen aus seinem Hause hervorkam. Nach Verlauf einiger Stunden erfuhren wir endlich, daß die Bai tabuiert und der Verkehr mit uns aufgehoben wäre, weil Terriobu nunmehr ankommen würde. Wir hatten auf einen solchen Vorfall nicht gerechnet und für den heutigen Tag noch kein Gemüse eingetauscht, mußten also diesmal darauf verzichten. Unsere Leute waren indessen zu sehr an diese Erfrischungen gewöhnt, um sie so plötzlich entbehren zu können; daher suchten sie am folgenden Morgen die Einwohner durch Drohungen und Versprechungen herbeizulocken. Schon war es ihnen so weit gelungen, daß einige sich fertigmachten, mit ihren Kanus vom Lande abzustoßen, als ein Befehlshaber hinzukam und die Eingeborenen auseinanderzujagen versuchte. Man schoß ihm eine Flintenkugel über den Kopf hinweg, und dies hatte sogleich den gewünschten Erfolg, daß er sein Vorhaben aufgab, und die Zufuhr von nun an wieder offen blieb. Nachmittags kam Terriobu, doch gleichsam nur inkognito, um seinen Besuch an Bord der Schiffe abzustatten. Ihn begleitete nur ein Kanu, in dem seine Gemahlin und seine Kinder saßen. Er blieb bis gegen 10 Uhr abends an Bord und kehrte dann nach dem Dorfe Kauraua zurück.
Am folgenden Tage, gegen Mittag, fuhr der König in einem großen Kanu, von zwei andern begleitet, von dem Dorfe ab und ließ sich langsam und mit großer Pracht nach den Schiffen hinrudern. In dem ersten Kanu saß er selbst nebst seinen Vornehmen, in kostbare, mit Federn besetzte Mäntel und Helme gekleidet und mit langen Spießen und Dolchen bewaffnet. Im zweiten kam der ehrwürdige Ka-u, der Oberpriester, und seine Amtsbrüder, die ihre Götzenbilder auf rotem Zeug zur Schau gelegt hatten. Diese Bilder waren riesenmäßige Büsten von Korbmacherarbeit, die mit kleinen Federn von allerlei Schattierungen, ähnlich wie die Mäntel der Vornehmen, überzogen waren. Die Augen bestanden aus großen Perlmutterschalen, in deren Mittelpunkt eine schwarze Nuß befestigt war. Im Rachen führten sie eine große Reihe von doppelten Hundszähnen, und der Mund wie die übrigen Gesichtszüge waren sehr verzerrt. Indem der Zug feierlich näher kam, sangen die Priester ihre Hymnen; nachdem sie jedoch rund um die Schiffe gerudert waren, gingen sie nicht an Bord, sondern begaben sich nach dem Strande, wo wir unsere Posten hatten.
Sobald ich sie herankommen sah, ließ ich unsere kleine Wache aufziehen, um den König zu empfangen. Kapitän Cook, der vom Schiffe aus ebenfalls bemerkt hatte, wohin der Zug seinen Weg nahm, folgte ihm und kam fast gleichzeitig mit ihm im Zelt an. Die Eingeborenen hatten sich hier kaum niedergelassen, als der König sich schon wieder erhob und mit sehr vielem Anstande den Mantel, den er selbst getragen, über des Kapitäns Schultern warf, ihm einen kostbaren befiederten Helm aufsetzte und einen zierlich gearbeiteten Fächer in die Hand gab. Hierauf breitete er noch fünf oder sechs andere Mäntel von ausnehmender Schönheit und hohem Werte vor des Kapitäns Füßen aus. Dann brachten seine Leute vier große Schweine nebst Zuckerrohr, Kokosnüssen und Brotfrucht, und die Zeremonie schloß damit, daß Kapitän Cook und der König ihre Namen wechselten, was auf allen Südsee-Inseln Brauch ist und als stärkstes Freundschaftsband betrachtet wird.
Der König warf Kapitän Cook einen Federmantel, den er selbst getragen, über die Schultern.
Nunmehr kam eine Prozession von Priestern zum Vorschein, die einen ehrwürdigen alten Mann an ihrer Spitze hatte. Ihnen folgte eine lange Reihe von Männern, die teils große Schweine herbeiführten, teils Bataten, Bananen und dergleichen trugen. Ich merkte es unserm Freunde Kärikia an den Augen an, daß dieser Alte der Oberpriester wäre, von dessen Freigebigkeit wir schon so lange gelebt hatten. Er hielt ein Stück roten Zeugs in Händen, wickelte es um Kapitän Cooks Schultern und brachte ihm dann mit den gewöhnlichen Zeremonien ein kleines Ferkel dar. Man bereitete ihm alsbald einen Sitz dicht neben dem Könige. Hierauf fing Kärikia mit seinen Begleitern die Feierlichkeiten an und Ka-u nebst den Befehlshabern stimmten bei den Antworten oder Chören selber mit ein.
Mit Verwunderung erkannte ich in der Person des Königs denselben schwachen, ausgemergelten alten Mann, der uns an Bord der »Resolution« besucht hatte, als wir uns noch am Nordostende der Insel Mauwi befanden. Es währte auch nicht lange, so hatten wir unter seinem Gefolge zum großen Teil alle diejenigen Personen wiedererkannt, die damals die Nacht an Bord zubrachten. Unter dieser Zahl befanden sich des Königs beide jüngere Söhne, von denen der älteste ungefähr sechzehn Jahre alt sein mochte. Außerdem sein Enkel Maiha-Maiha, den wir aber kaum wiedererkennen konnten, weil er sein Haar mit einem schmutzigbraunen Teig und Puder eingeschmiert und dadurch das wildeste Gesicht, das ich jemals gesehen, noch scheußlicher gemacht hatte.
Nach den ersten Empfangszeremonien führte Kapitän Cook den König und so viele Vornehme, als sein Boot tragen konnte, an Bord der »Resolution«, wo man sie mit allen erdenklichen Ehrenbezeigungen aufzunehmen suchte. Kapitän Cook zog dem Könige ein Hemd an und umgürtete ihn mit seinem eigenen Hirschfänger. Der uralte Ka-u war mit etwa sechs anderen Befehlshabern am Lande geblieben und hatte seinen Aufenthalt in den Priesterwohnungen genommen. Die ganze Zeit über ließ sich kein einziges Kanu in der Bucht blicken, und die Eingeborenen blieben entweder in ihren Hütten oder lagen niedergekauert auf der Erde. Ehe der König das Schiff verließ, erhielt Kapitän Cook noch die Erlaubnis, den Handel mit den Eingeborenen wieder im gewöhnlichen Umfange aufzunehmen. Dessenungeachtet jedoch blieb das Verbot für die Frauen in voller Kraft bestehen, aus Ursachen, die wir nicht ergründen konnten, und keine durfte aus ihrer Hütte hervorkommen.
Durch die stille, harmlose Aufführung der Eingeborenen war jetzt jede Besorgnis der Gefahr bei uns gänzlich geschwunden, so daß wir nicht einen Augenblick zögerten, uns ihnen ganz anzuvertrauen und mitten unter sie zu gehen. Täglich spazierten Offiziere von beiden Schiffen teils in kleinen Gesellschaften, teils auch ganz allein auf der Insel umher und blieben oft über Nacht aus. Ich würde kein Ende finden, wenn ich jeden Zug von Höflichkeit und Güte aufzeichnen wollte, womit sie bei solchen Gelegenheiten aufgenommen wurden. Auf den Wegen versammelten sich überall die Eingeborenen um sie her, bemühten sich eifrig, ihnen auf allerlei Art gefällig zu sein, und waren nie zufriedener, als wenn man ihre Hilfe in Anspruch nahm. Sie ersannen sogar allerlei Kunstgriffe, um unsere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen oder uns länger in ihrer Gesellschaft zurückzuhalten. Die Jungen und Mädchen liefen, wenn wir durch ihre Dörfer gingen, vor uns her und hielten uns auf jedem freien Platze zurück, wo Raum zum Tanzen war. Oft luden sie uns ein, unter dem Schatten ihrer Hütten Erfrischungen zu genießen; oft saßen wir mitten in einem Kreise von Frauen und Mädchen, die ihre ganze Kunst und Geschicklichkeit aufboten, uns mit Liedern und Tänzen zu unterhalten.
Der Genuß, den uns ihr sanftes Betragen und ihre Gastfreiheit verschafften, ward gleichwohl durch ihren Hang zum Stehlen oft getrübt. Es schmerzte uns, daß wir manchmal in die Verlegenheit kamen, ernstlich strafen zu müssen, während wir doch gern alle Härte vermieden hätten, wenn uns nicht die Not dazu gezwungen haben würde. Einst entdeckte man einige der geschicktesten Schwimmer und Taucher, die sich unter den Schiffen damit beschäftigten, die Nägel auszuziehen, mit denen der Boden beschlagen war. Sie wußten dies vermittels eines kurzen Stöckchens, an dessen einem Ende ein Kieselstein befestigt war, sehr geschickt zu bewerkstelligen. Durch diesen Zeitvertreib kamen die Schiffe zu sehr in Gefahr, als daß wir geduldig hätten zusehen können. Man mußte endlich mit Schrot auf die Nageldiebe schießen. Allein, dies genügte noch nicht, sie zu vertreiben. Sie tauchten unter und waren dann vom Schiff selbst gedeckt. Also blieb kein anderes Mittel übrig, als einen von ihnen an Bord der »Discovery« durchpeitschen zu lassen und damit ein warnendes Beispiel zu geben.
Das Steuerruder der »Resolution« bedurfte einer vollständigen Reparatur und ward deshalb an Land gebracht. Zu gleicher Zeit mußten die Zimmerleute in Begleitung einiger Insulaner, die Ka-u mitschickte, sich im Lande nach Planken umsehen, um einige andere notwendige und vor Alter morsch gewordene Stücke zu ersetzen.
Am 28. Januar besuchte Kapitän Clerke, der bisher wegen seiner Unpäßlichkeit fast beständig an Bord geblieben war, zum ersten Male den König Terriobu in dessen Hütte. Man empfing ihn mit ebenden Formalitäten wie den Kapitän Cook. Beim Weggehen erhielt er sogar, obwohl sein Besuch ganz unerwartet gekommen war, ein Geschenk von 30 großen Schweinen und für einige Wochen ausreichende Vorräte an Früchten und Wurzeln für seine ganze Mannschaft.
Noch hatten wir von ihren Lustbarkeiten und athletischen Übungen nichts gesehen. Diesen Abend aber wurden wir auf Verlangen einiger unserer Offiziere mit einem Boxkampf unterhalten. Zwar vermißten wir sowohl das Feierliche und Prächtige, was diese Spiele auf den Freundschaftsinseln so sehenswürdig macht, als auch die Geschicklichkeit und Kraft der Kämpfer; indes war doch manches dabei bemerkenswert.
Wir fanden auf einem ebenen Platze unweit unserer Zelte eine ungeheure Menge Menschen versammelt. In der Mitte zwischen diesen blieb für die Kämpfer ein langer Raum frei, an dessen Ende die Richter unter drei Standarten saßen, die oben mit einigen buntfarbenen Zeugfetzen nebst den Häuten von ein paar wilden Gänsen und anderen Vögeln, sowie Büscheln und Federn behangen waren. Sobald alles in Bereitschaft war, gaben die Richter das Zeichen zum Angriff, und sogleich erschienen die beiden Kämpfer. Sie kamen langsam hervor, hoben die Füße hinten stark in die Höhe und strichen dabei die Fußsohlen mit der Hand. Indem sie sich einander näherten, warf jeder einen verächtlichen Blick auf seinen Gegner, maß ihn mit seinen Augen gleichsam von Kopf bis zu Fuß, blickte dann bedeutungsvoll auf die Zuschauer, strengte die Muskeln an und machte — mit einem Wort — allerlei affektierte Grimassen. Sowie sie einander erreichen konnten, streckten sie beide Arme gerade vor ihr Gesicht hin, auf das alle Schläge gerichtet waren. Diese teilten sie nach unserer Meinung auf eine sehr ungeschickte Art aus: denn sie schleuderten den ganzen Arm dabei. Sie versuchten nie, den Streich des Gegners abzuwehren, sondern entgingen ihm durch eine Beugung des Körpers oder dadurch, daß sie zurücktraten. Der Kampf ward übrigens sehr schnell entschieden: denn sobald einer zu Boden geschlagen wurde oder auch nur unversehens fiel, ward er für besiegt angesehen, und der Überwinder triumphierte dann in allerlei verzerrten Gebärden, die ihrer Absicht gemäß unter den Zuschauern gewöhnlich ein großes Gelächter hervorriefen. Der Sieger wartete nunmehr auf einen zweiten Gegner und, falls er diesen auch überwand, auf einen dritten, bis eben die Reihe an ihn kam, einem stärkeren unterliegen zu müssen. Bei diesem Kämpfen wird eine sonderbare Regel beobachtet: wenn nämlich ihrer zwei zum Angriff in Bereitschaft stehen, kann ein dritter zwischen ihnen auftreten und sich, wen er will, zum Gegner wählen, und dann muß sich der andere zurückziehen. Manchmal folgten einander drei oder vier auf diese Art, ehe es zum Angriff kam. Wenn der Kampf ungewöhnlich lange dauerte oder gar zu ungleich schien, kam ein Befehlshaber und endigte ihn dadurch, daß er einen Stock zwischen die beiden hielt. Die gutmütige Art, womit alles vor sich ging, erfreute uns hier in gleicher Weise wie auf den Freundschaftsinseln. Da wir aber diese Spiele veranlaßt hatten, erwarteten die Zuschauer durchgehends, daß wir auch selbst daran teilnehmen würden, und forderten unsere Leute beständig dazu auf. Diese aber erinnerten sich weislich der Stöße, die sie dabei auf den Freundschaftsinseln bekommen hatten, und blieben gegen alle Herausforderungen taub.
Ein Hauptbedürfnis unserer Schiffe war das Brennholz, woran es uns jetzt sehr gebrach. Kapitän Cook trug mir deshalb auf, mit den Priestern in Verhandlung zu treten und ihnen den Zaun oder die Einfassung oben auf dem Marai abzukaufen. Ich gestehe, anfänglich zweifelte ich sehr, ob dieser Antrag schicklich wäre; denn es stand zu befürchten, daß man die bloße Erwähnung für Gottlosigkeit halten möchte. Ich hatte mich jedoch sehr geirrt. Mein Ansuchen verursachte nicht die allergeringste Verwunderung, vielmehr erhielt ich das verlangte Holz ohne allen Anstand, und man forderte nicht die geringste Bezahlung von uns. Als die Matrosen es wegtrugen, sah ich, daß einer auch eines von den geschnitzten Standbildern aufgeladen hatte, und bei näherem Zusehen fand ich schon die ganze Zahl der am Marai in einem Kreise aufgestellten Bildsäulen in unserem Boote. Die Matrosen hatten sie im Beisein der Eingeborenen dorthin geschafft, und diese hatten sich darüber nicht im mindesten entrüstet, sondern vielmehr hilfreiche Hand dabei geleistet. Ich hielt es indes doch für ratsam, mit Ka-u deshalb zu sprechen. Er hörte sich alles sehr gleichgültig an und bat sich nur das mittelste Bildwerk wieder aus, auf das man, wie ich oben schon bemerkte, etwas mehr zu halten schien. Dies trug er dann in eine von den Priesterwohnungen.
Schon seit einigen Tagen hatte sich Terriobu mit seinen Unterbefehlshabern sehr fleißig nach der Zeit unserer Abreise erkundigt. Ich ward durch diese wiederholte Nachfrage sehr neugierig, von ihnen zu erfahren, was die hiesigen Eingeborenen eigentlich von uns dächten, und was für Vorstellungen sie sich von dem Beweggrunde und den Absichten unserer Reise machten. Um über diesen Punkt einiges zu hören, sparte ich keine Mühe, konnte aber weiter auch nichts herausbringen, als daß sie sich einbildeten, wir kämen von einem Lande her, wo Mißwachs geherrscht habe, und bei unserem Besuch bei ihnen hätten wir weiter keine Absicht, als uns recht satt zu essen. Freilich konnte sie die hagere Gestalt einiger von unseren Leuten, der gute Appetit, womit wir alle von ihren frischen Lebensmitteln aßen, und unsere große Begierde, so viel Mundvorrat, als wir nur immer habhaft werden konnten, einzutauschen und mitzunehmen, zu einer solchen Vermutung bringen. Dazu kam noch der für ihre Begriffe unnatürliche Umstand, daß wir keine Frauen mitgebracht hatten, ferner unser friedliches Betragen und unser unwehrhaftes Aussehen. Man mußte lachen, wenn man sah, wie sie unsere Matrosen mit der Hand auf den Bauch klopften, an den Seiten hinunterfuhren und ihnen teils durch Zeichen, teils mit Worten zu verstehen gaben, es sei jetzt Zeit, daß sie sich wieder auf den Weg machten; wenn sie aber in der nächsten Brotfruchtzeit wiederkommen wollten, würde man besser imstande sein, ihren Bedürfnissen abzuhelfen. Wir konnten nicht umhin, ihnen vollständig recht zu geben. Denn einmal hatte sich das Aussehen unserer Leute selbst während dieses kurzen Aufenthaltes sehr merklich gebessert, so daß ihre wohlgestopften Wänste den Landesprodukten alle Ehre machten. Andrerseits hatten wir in der Zeit von nunmehr sechzehn Tagen eine so unerhörte Menge von Schweinen und Früchten verzehrt, daß die Hawaiier wohl wünschen konnten, uns wieder abfahren zu sehen. Dennoch ist es sehr wahrscheinlich, daß Terriobu bei seiner Nachfrage weiter keine Absicht hatte, als sich auf den Abschied gehörig vorzubereiten, um uns mit Geschenken zu entlassen, die seiner gewohnten Ehrerbietung und Freigebigkeit gegen uns angemessen wären. Sobald wir ihm daher Nachricht gaben, wir würden nach zwei Nächten abreisen, bemerkten wir, daß unverzüglich eine Art von Botschaft durch die Dörfer erging, vermittels deren man das Volk aufforderte, dem König Schweine und Früchte zu liefern, damit er sie dem »Orono« bei seiner Abreise darbringen könnte.
Er zeigte beim Tanze die seltsamsten Verrenkungen.
An diesem Tage gab uns einer der Eingeborenen ganz für sich am Strande ein unterhaltendes Schauspiel. Er hatte eine Rassel in der Hand und um den Hals eine Schnur, woran einige Büschel Seegras hingen; um die Beine trug er ein etwa handbreites, gut geflochtenes, manschettenartiges Netzwerk, an das reihenweise eine große Menge von Hundszähnen befestigt war. Nunmehr ließ er sich im Tanze sehen und zeigte uns dabei die seltsamsten Verrenkungen. Diese Pantomime hatte zuweilen etwas unwiderstehlich Lächerliches, im großen und ganzen konnte ich aber ihren Sinn nicht recht verstehen. Gegen Abend ging das Schauspiel der Faustkämpfe von neuem an, und am Schlusse brannten wir den unbedeutenden Rest unseres Vorrates von Feuerwerk ab; nichts in der Welt schien mehr die Bewunderung der Hawaiier zu erregen, nichts schien ihnen einen deutlicheren Begriff von unserer Überlegenheit zu geben als ebendiese Kleinigkeit.
Die Schiffszimmerleute waren nun schon 3 Tage abwesend und hatten nichts von sich hören lassen. Wir fingen daher an, um ihren Verbleib besorgt zu sein. Der alte Ka-u, dem wir unser Bedenken äußerten, ward darüber nicht weniger unruhig. Und schon trafen wir gemeinsam mit ihm Maßnahmen, sie aufzusuchen, als sie alle wohlbehalten zurückkamen. Sie hatten nämlich weiter, als wir anfänglich geglaubt, landeinwärts gehen müssen, um die zu ihrem Vorhaben tauglichen Bäume zu finden. Teils dieser Umstand, teils die schlimmen Wege und die Beschwerlichkeiten des Transports hatten sie so lange aufgehalten. Ihre Führer konnten sie nicht genug rühmen: diese guten Leute hatten immer für Lebensmittel gesorgt und zugleich sorgfältig ihre Gerätschaften bewacht.
Der folgende Tag war endlich zu unserer Abreise bestimmt. Terriobu ließ nunmehr Kapitän Cook und mich in die Gegend von Ka-us Hütte zu sich laden. Bei unserer Ankunft fanden wir den Boden ringsherum mit Zeugbündeln bedeckt; ferner lag eine erstaunliche Menge roter und gelber Federn da, die an Kokosfasern gebunden waren, und eine beträchtliche Anzahl Beile und anderes Eisengerät, das die Eingeborenen durch den Tauschhandel mit uns an sich gebracht hatten. Nicht weit davon bemerkten wir einen ungeheuren Haufen Früchte, Wurzeln und Pflanzen aller Art nebst einer beträchtlichen Herde Schweine. Wir wußten anfänglich nicht, ob wir dies alles als Geschenk annehmen sollten, bis uns Kärikia belehrte, daß es eine Gabe, ein Tribut der Eingeborenen an den König sei. Sobald wir uns niedergelassen hatten, kamen auch die Hawaiier und legten ein Bündel nach dem andern dem König zu Füßen, breiteten die Zeuglappen vor ihm aus und legten Federn und Eisengerät zur Schau. Der König schien an diesem Beweise ihrer Ergebenheit Wohlgefallen zu haben, suchte ungefähr ein Drittel von dem Eisengeräte, ebensoviel von den Federn und einige wenige Stücke Zeug aus, ließ sie beiseite legen und schenkte dann Kapitän Cook und mir alles übrige Zeug nebst allen Früchten und Schweinen. Wir erstaunten über Wert und Größe des Geschenks, das alles, was wir je auf den Freundschaftsinseln bekommen hatten, bei weitem übertraf. Unsere Boote mußten es sogleich an Bord führen, wo die größten Schweine zum Einsalzen ausgesucht, die Früchte hingegen nebst etwa 30 kleineren Schweinen unter die Mannschaft verteilt wurde.
An demselben Tage verließen wir das Marai und brachten unsere Zelte nebst der Sternwarte an Bord. Der Talisman, der in dem Worte »Tabu« steckte, war kaum hinweggenommen, so stürzten die Eingeborenen in den freigegebenen Bezirk und suchten emsig umher in der Hoffnung, irgend etwas Wertvolles zu finden, das wir etwa zurückgelassen haben könnten. Ich war als letzter am Lande geblieben und wartete auf die Rückkehr des Bootes, das mich abholen sollte. Bald versammelte sich eine Menge Leute um mich her, und ich mußte mich niedersetzen. Sie stimmten dann über unsere Trennung eine Wehklage an, und mir selbst ging es nahe, mich von ihnen loszureißen. Bei dieser Gelegenheit wird man es mir nicht verdenken, wenn ich einen geringfügigen Umstand erzähle, der hauptsächlich mich selbst betrifft. Während unseres ganzen Aufenthaltes in der Bucht hatte ich über unsere Leute das Kommando gehabt und war ebendadurch genauer mit den Eingeborenen bekannt geworden als manche andere, die ihrer Berufsgeschäfte wegen hatten an Bord bleiben müssen. Die Eingeborenen ihrerseits kannten auch mich besser und gaben mir durch ihr Betragen ihre Zuneigung zu erkennen. Vor allem aber zeichneten sich ihre Priester aus, deren grenzenlose Güte und unerschütterliche Freundschaft ich nicht genugsam anerkennen und nicht zu oft rühmen kann. Da ich keine Gelegenheit vorbeigehen ließ, mir ihre Liebe zu sichern, war ich auch so glücklich gewesen, mir diese in dem Maße zu erwerben, daß sie mir die allerschmeichelhaftesten Anerbieten machten: ich solle doch ihren dringenden Bitten Gehör geben und bei ihnen bleiben. Ich entschuldigte mich damit, daß Kapitän Cook seine Einwilligung nicht geben würde. Allein, dieser Einwendung suchten sie durch den Vorschlag zu begegnen, ich solle mich in das Gebirge flüchten, wo sie mich bis nach Abreise unserer Schiffe verbergen könnten. Hiergegen versicherte ich, daß der Kapitän auf keinen Fall die Bucht ohne mich verlassen würde. Demzufolge begaben sich Terriobu und Ka-u zu Kapitän Cook, für dessen Sohn sie mich hielten, und brachten ihr Gesuch, daß ich bei ihnen zurückbleiben sollte, förmlich bei ihm an. Um ein Anerbieten, das so viel teilnehmendes Gefühl verriet, nicht geradezu von sich zu weisen, erwiderte er, daß er mich zwar diesmal nicht entbehren könne, allein nächstes Jahr, wenn er die Insel nochmals zu besuchen gedächte, würde er sich bemühen, alles nach ihrem Wunsche einzurichten.
Frühmorgens am 4. Februar lichteten wir Anker und segelten in Begleitung der »Discovery« und im Gefolge einer großen Anzahl von Kanus aus der Bucht. Kapitän Cook hatte sich vorgenommen, die noch unbekannte Küste von Hawaii völlig zu untersuchen, wobei er noch einige Hoffnung hatte, irgendwo eine etwas mehr geschützte Reede als die, wo wir bisher gelegen, anzutreffen. Schlug diese Erwartung fehl, so wollte er die Südostseite von Mauwi in Augenschein nehmen, wo laut den Nachrichten einiger Insulaner ein vortrefflicher Hafen vorhanden sein sollte.
Das Wetter war sowohl an diesem als am folgenden Tage sehr still, und wir machten nur sehr langsame Fortschritte nordwärts. Noch immer begleitete uns eine Menge von Kanus, und Terriobu gab dem Kapitän dadurch einen neuen Beweis seiner Freundschaft, daß er ihm ein ansehnliches Geschenk von Schweinen und Früchten nachschickte.
In der folgenden Nacht suchten wir mit Hilfe einer leichten Brise, die vom Lande her wehte, nordwärts weiterzukommen und befanden uns am 6. Februar früh, nachdem wir die westliche Spitze der Insel umschifft hatten, einer tiefen Bucht gegenüber, die die Eingeborenen Tu-ja-ja nennen. Es schien so, als ob wir hier einen sicheren und bequemen Hafen antreffen würden, da im ganzen die Lage gut gedeckt war und sich nordostwärts einige schöne Wasserbäche zeigten. Hiermit stimmte auch Koahs Aussage völlig überein, der bis jetzt den Kapitän Cook noch immer begleitete und uns zu Ehren den Namen »Britanni« angenommen hatte. Wir setzten daher ein Boot aus und schickten den Lotsen mit unserem Britanni als Geleitsmann ab, um die Bucht zu untersuchen, während sich die Schiffe durch Lavieren ebenfalls langsam in die Bucht hineinarbeiteten. Nachmittags überzog sich der Himmel, und die Windstöße vom Lande her wurden so heftig, daß wir alle Segel einziehen und unter dem einzigen Kreuzstagsegel beilegen mußten. Zu Anfang des Sturms verließen uns alle Kanus. Auch rettete der Lotse bei seiner Rückkehr eine alte Frau und zwei Männer, deren Kanu der Wind umgeworfen hatte. Außer diesen Verunglückten befanden sich eine große Anzahl Frauen an Bord, die die Männer in ihrer Hast, sich selber zu retten, zurückgelassen hatten.
Gegen Abend ließ der Sturm etwas nach und gestattete uns, unsere Segel fallen zu lassen. Gegen Mitternacht jedoch setzte er mit solchem Ungestüm wieder ein, daß wir unsere beiden Marssegel dabei einbüßten. Gegen Morgen am 7. Februar heiterte sich der Himmel auf. Wir banden frische Segel an die Stengen und schifften mit gelindem Winde weiter. Indes hatte sich gegen Mittag das Wetter immer noch nicht entschieden, und da wir bis auf 5 Seemeilen von der Küste abgekommen waren, getraute sich keiner von den Eingeborenen, in seinem Kanu zu uns zu kommen. Unsere weiblichen Gäste mußten also, größtenteils wider ihren Willen, noch länger bei uns vorliebnehmen, obgleich sie alle von der Seereise krank waren und viele von ihnen ihre Säuglinge am Ufer zurückgelassen hatten.
Nachmittags näherten wir uns dem Lande, wennschon der Wind noch immer in heftigen Stößen kam. Ungefähr in einer Entfernung von 3 Seemeilen erblickten wir ein Kanu mit 2 Männern, die vermutlich im letzten Sturm verschlagen worden waren. Sie ruderten auf uns zu, und wir legten bei, um sie an Bord zu nehmen. Allein, die Unglücklichen waren von ihrer Anstrengung so erschöpft, daß sie, wofern nicht einer unserer Hawaiier ihnen zu Hilfe in ihr Kanu gesprungen wäre, dieses allein schwerlich an dem Strick, den wir ihnen zuwarfen, hätten befestigen können. Wir hatten Mühe, ihnen an den Seiten des Schiffs hinaufzuhelfen und sie an Bord zu bringen. Auch fanden wir jetzt in demselben Kanu ein Kind von etwa 4 Jahren, das sie unter einem Quersitz festgebunden hatten, wo es nur mit dem Kopf über das Wasser hervorragte. Nunmehr erfuhren wir, daß sie bereits am vorletzten Morgen das Ufer verlassen und seit der Zeit weder Speise noch Trank zu sich genommen hatten. Wir reichten ihnen beides mit der gewohnten Vorsicht und übergaben das Kind der Pflege eines Weibes. Am folgenden Morgen hatten sie sich sämtlich erholt.
Um Mitternacht hatte es indessen einen neuen Sturm gesetzt, in dem unser Fockmast so stark beschädigt worden war, daß wir ihn gründlich ausbessern und zu dem Zwecke nochmals an Land gehen mußten. Jetzt war nur noch die Frage, ob wir nach der Karakakuabucht zurückkehren oder es darauf ankommen lassen sollten, auf einer der benachbarten Inseln einen andern guten Hafen anzutreffen. Jene Bucht war freilich nicht allzu bequem. Zudem hatten wir die dortige Gegend an Lebensmitteln schon ziemlich erschöpft. Andrerseits war es aber nicht rätlich, einer ungewissen Hoffnung zu vertrauen, die fehlschlagen konnte.
Wir näherten uns inzwischen wieder dem Lande, um den Eingeborenen Gelegenheit zu geben, ihre Landsleute von unseren Schiffen abzuholen. Obgleich wir um Mittag nur noch eine Meile vom Ufer entfernt waren, kamen jedoch nur wenige Kanus zu uns, die noch dazu vollgepfropft mit Leuten waren. Es blieb also kein anderer Rat, als ein Boot auszusetzen und unsere Gäste darin an Land zu schicken. Der Lotse begleitete sie und bediente sich dieser Gelegenheit, um die Südseite der Bucht zu untersuchen; er fand aber daselbst gar kein frisches Wasser.
Bei veränderlichem Winde und einer stark nach Norden flutenden Strömung kamen wir nur langsam vorwärts. Am 9. Februar abends um 8 Uhr überfiel uns abermals ein heftiger Sturm aus Südost, und um 2 Uhr des Morgens entdeckten wir mitten in einem der ungestümsten Windstöße Brandungen dicht bei uns, und zwar diejenigen, die wir bereits ehemals etwas nordwärts an der Westspitze der Insel Hawaii wahrgenommen hatten. Es blieb uns gerade noch Raum genug übrig, um sie vermeiden zu können, und hierauf lösten wir einige Kanonen, um der »Discovery« die Gefahr anzuzeigen.
Vormittags ward es ruhig, und wir erhielten Besuch von verschiedenen Eingeborenen. Sie erzählten uns, daß die Stürme großen Schaden angerichtet hätten, und daß mehrere große Kanus zugrunde gegangen wären. Den ganzen Tag hindurch lavierten wir gegen den Wind und waren gegen Abend eine englische Meile von der Karakakuabucht entfernt. Weil es indessen nicht ratsam war, im Dunkeln weiterzufahren, kreuzten wir die Nacht hindurch auf und ab und ließen endlich am folgenden Morgen bei Tagesanbruch die Anker an unserem vorigen Hafenplatze fallen.
Der 11. und 12. Februar gingen damit hin, den Fockmast auszuheben und ans Land zu schaffen. Es stellte sich jetzt heraus, daß der Mastbaum schon ziemlich angefault war und in der Mitte ein so großes Loch hatte, daß vier bis fünf kleine Kohlköpfe darin Platz gehabt hätten. Zum Glück hatten wir noch große Blöcke von rotem Toa- oder Keulenholze an Bord, die wir anfänglich zu Ankerstöcken bestimmt hatten. Diese konnten so bequem zur Ausbesserung des Mastes gebraucht werden, daß wir ihn nicht zu verkürzen brauchten. Um die Zeit nicht ungenützt verstreichen zu lassen, brachten wir die astronomischen Instrumente wieder an Land und errichteten unsre Zelte auf dem Marai. Unsre Wache bestand aus 1 Korporal und 6 Seesoldaten. Die Priester, mit denen wir wieder im besten Einvernehmen lebten, schützten die Stelle, wo wir den Mast hingelegt hatten, alsbald durch das Tabu und pflanzten rund um den Ort ihre Stäbe auf, wodurch sie den Eingeborenen den Zutritt untersagten. Die Zimmerleute und anderen Arbeiter konnten also ihre Geschäfte ungestört und in völliger Sicherheit betreiben. Unter diese Arbeiter gehörten auch die Segelmacher, die den Schaden, den der Sturm an unseren Segeln verursacht hatte, in einem Hause neben dem Marai, das uns zu diesem Zwecke von den Priestern zur Verfügung gestellt wurde, ausbessern mußten.
Ich komme nunmehr auf die Begebenheiten mit den Eingeborenen zu sprechen, durch die das traurige Schicksal des 14. Februar langsam vorbereitet wurde. Wir erstaunten schon, da wir geankert hatten, nicht wenig über den großen Unterschied zwischen unserer jetzigen und der ehemaligen Aufnahme. Dieses Mal vernahmen wir kein fröhliches Geschrei, kein Gewirr und Getümmel unter den Insulanern. Die ganze Bucht war leer und einsam; kaum schlichen sich hier und dort einzelne Kanus am Ufer entlang. Die Neugier, die einen so großen Anteil an der ehemaligen Bewegung unter den Eingeborenen gehabt hatte, konnte jetzt allerdings befriedigt sein. Allein, von den Leuten, die uns bisher mit soviel Gastfreundschaft bewirtet hatten, erwarteten wir doch, daß sie uns, wenngleich nicht aus Neugier, so aus freudiger Teilnahme an unserem Wohlbefinden, mit Frohlocken über unsere Wiederkehr hätten entgegeneilen sollen.
Wir überließen uns allerlei Mutmaßungen über diese sonderbare Stille, bis unser Boot, das auf Kundschaft an Land gegangen war, wieder zurückkehrte. Der größte Teil unserer Besorgnis verschwand, als wir erfuhren, daß Terriobu abwesend sei und die Bucht unter dem Tabu oder Bann zurückgelassen habe. Die meisten von uns beruhigten sich bei dieser Nachricht; andere waren indes der Meinung — oder waren es vielleicht die nachfolgenden Ereignisse, die ihnen erst hinterher die Vermutung einflößten? —, in dem Betragen der Eingeborenen sei etwas Verdächtiges. Der abgeschnittene Verkehr mit uns in Abwesenheit des Königs sei nur eine Täuschung, damit der König sich desto besser mit seinen Vornehmen in der Zwischenzeit beraten könne. Es werde wahrscheinlich die Frage entschieden, wie man sich gegen uns zu benehmen habe. Ob dieser Verdacht begründet war, oder ob jene Aussage der Eingeborenen der Wahrheit näher kam, konnten wir nie mit Sicherheit entscheiden. Es war freilich möglich, daß unsere schleunige Wiederkehr ohne sichtbare Ursache den Eingeborenen auffallen und sie beunruhigen konnte. Es gelang uns auch nur schwer, ihnen die Notwendigkeit, die uns zurückgetrieben hatte, begreiflich zu machen. Allein, Terriobu erschien am folgenden Morgen und besuchte Kapitän Cook. In seinem Betragen war nichts Zweideutiges, und mit ihm kehrte auch die Menge der Eingeborenen zurück. Sie setzten ihren friedlichen Verkehr mit uns wie bisher fort. Dies sind immerhin starke Beweise dafür, daß sie ebensowenig ein verändertes Betragen beabsichtigten, wie sie dergleichen von unserer Seite erwarten mochten.
Zur Bestätigung der letzten Meinung dient ein Umstand, der sich schon bei unserer ersten Landung ereignet hatte, und zwar einen Tag, bevor uns der König seinen Besuch machte. Ein Insulaner hatte an Bord der »Resolution« ein Schwein verkauft und den Kaufpreis bereits empfangen, als Paria hinzukam und ihm riet, das Schwein nicht so wohlfeil zu lassen. Diese Unart ward Paria sehr scharf verwiesen, und man stieß ihn hinweg. Bald darauf ward das Tabu über die Bucht ausgesprochen, und schon glaubte jedermann, den Eingeborenen sei der Verkehr mit uns aus keinem andern Grunde verboten worden als wegen der einem ihrer Befehlshaber angetanen Schmach. Man sieht, wie mißlich es ist, aus den Handlungen eines Volkes, dessen Sprache und Sitten man nicht kennt, Folgerungen zu ziehen; und nicht weniger, wie große Schwierigkeiten es hat, bei so vieler Ungewißheit, wo der kleinste Irrtum die übelsten Folgen haben kann, im Verkehr mit diesen Leuten jeden Verstoß zu vermeiden.
Bis nachmittags am 13. Februar ging alles ruhig seinen Gang. Gegen Abend gab mir ein Offizier von der »Discovery«, der die Aufsicht über das Wasserfüllen am Lande hatte, Nachricht, daß sich einige Befehlshaber am Bach unweit des Strandes eingefunden und die Insulaner, die zum Fortrollen der Tonnen als Gehilfen unsrer Matrosen gedungen waren, fortgejagt hätten. Ihr ganzes Betragen schiene dabei so verdächtig, als ob sie es bei diesem Unfug nicht bewenden lassen wollten. Auf sein Verlangen gab ich ihm einen Seesoldaten bei, der aber nur das Seitengewehr mitnehmen durfte. Nicht lange nachher kam der Offizier zum zweiten Male und brachte die Nachricht, daß sich die Eingeborenen mit Steinen bewaffnet hätten und sich sehr ungebärdig zeigten. Ich ging also selbst hin und ließ mich von einem Seesoldaten mit seinem Gewehr begleiten. Als wir uns näherten, ließen die Insulaner ihre Steine fallen. Ich sprach hierauf mit einigen der Vornehmen, die nunmehr das zusammengelaufene Volk auseinandertrieben und denen, die sich willig finden ließen, ferner erlaubten, unsern Leuten beim Wasserfüllen behilflich zu sein. Nachdem ich hier alles beruhigt hatte, ging ich Kapitän Cook entgegen, den ich eben in seinem Boot an Land kommen sah, und erstattete ihm Bericht von diesem Vorfalle. Er gab mir Befehl, für den Fall, daß man uns mit Steinen würfe oder sonst angriffe, sofort mit scharfgeladenem Gewehr auf die Feinde Feuer zu geben. Demzufolge beorderte ich den Korporal, die Flinten der Schildwachen statt mit Schrot mit Kugeln laden zu lassen.