Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist so ausgezeichnet. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist so markiert. Im Original fetter Text ist so dargestellt.
Lange Folgen von Gedankenstrichen wurden auf eine einheitliche Länge gekürzt.
Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am [Ende des Buches].
Erinnerungen eines alten Leipzigers.
Humoristische Chronika aus
Leipzigs jüngerer Vergangenheit.
Von Adolf Lippold.
Mit Zeichnungen von Richard Wolff.
Heft 1.
Leipzig 1893.
Verlag von Otto Lenz.
Vorrede des Verfassers!
Der außerordentliche Beifall, welchen die »Erinnerungen eines alten Leipzigers« bei ihrer ersten Veröffentlichung im Leipziger Tageblatt gefunden haben, veranlassen mich, diese damals meist kurzgefaßten, zum Theil mehr skizzenhaften Arbeiten, welche dem beschränkten Raum eines Tagesfeuilletons angepaßt sein mußten, zu vervollständigen und weiter auszuarbeiten und als einen gewiß wünschenswerthen Beitrag zur Chronik der Stadt Leipzig, zunächst in Heften, wobei jedes Heft ein in sich abgeschlossenes Ganze bilden wird, herauszugeben.
Die Geschichte unserer lieben Stadt und mit ihr die Deutschlands, weist wohl bis an die ältesten Zeiten zurück keinen Zeitraum auf, der in dem gesammten politischen und volkswirthschaftlichen Leben der Bevölkerung so bedeutende Veränderungen gebracht hätte, als die verhältnißmäßig kurze Spanne Zeit von 1840—71. Die Revolution von 1848/49, die Kriege von 1863, 66 und 70/71 brachten in diesem Umfange nie geahnte, politische Umwälzungen und die Gewerbefreiheit, welche dem alten Zunftzwang und mancher anderen früheren Einrichtung den Todesstoß versetzte, ließ im ganzen volkswirthschaftlichen Leben riesige Veränderungen Platz greifen. Die alte Zeit mit ihrem, trotz Allem, mannigfachen Guten, sank in Trümmer und eine neue Zeit mit ganz anderen Lebens- und Existenzbedingungen kam heran. Und doch ist uns so manches aus jener alten Zeit lieb und werth geblieben, und da bei dem jetzigen Hasten und Jagen nach des Lebens oft nur eingebildeter Glückseligkeit die Vergessenheit des Vergangenen viel schneller eintritt, als dies früher der Fall war, so ist diese »Chronik aus Leipzigs jüngerer Vergangenheit« dazu bestimmt, auch der jetzigen und den kommenden Generationen ein Bild der früheren Verhältnisse und Einrichtungen vor die Augen zu führen und für die Geschichte Leipzigs zu erhalten.
Ich bitte, in diesem Sinne das Ganze ebenso freundlich aufzunehmen und zu beurtheilen, wie dies mit den einzelnen Skizzen im Feuilleton des Leipziger Tageblattes der Fall war; zumal dieser Beitrag zur Chronik von Leipzig nicht in dem gewöhnlichen trocknen Stile der Chronisten erscheint, sondern auch der Humor in demselben zu seinem Rechte gelangt, um dem Ganzen die rechte Würze zu verleihen.
Es sollen, gleichsam eingestreut in eine Chronik über Leipzigs räumliche und sonstige Entwicklung, möglichst genaue Schilderungen aus und nach dem damaligen Volksleben unserer Stadt hier Platz finden, und wenn bei denselben hier und da einmal ein Stück Satyre mit unterläuft, so bitte ich zu berücksichtigen, daß die Satyre die Schwester des Humors ist und eine Verhöhnung oder Verspottung mancher der jetzt Vielen unmöglich dünkenden früheren Einrichtungen in keiner Weise in der Absicht des Verfassers liegt.
Mit diesen Versicherungen schicke ich das kleine Werk hinaus in die so verschiedenartig urtheilende und denkende Welt, möge ihm sein Lebensweg nicht allzusehr erschwert werden.
Leipzig, im Juli 1893.
Der Verfasser.
I.
Die alte innere Stadt anno 1840.
Im Jahre 1840, also vor nunmehr länger als einem halben Jahrhundert, sah es in unserm deutschen Vaterland und mit ihm in den einzelnen Staaten noch gewaltig anders aus als jetzt, wo das weltgeschichtlich so bedeutende 19. Jahrhundert in wenig Jahren in das Reich der Vergangenheit hinabsinkt. Damals Reaktion, noch halbe Hörigkeit, Frohndienste, Zehntenabgaben, Abhängigkeit der Schule von der Kirche, Zunftwesen, das Eisenbahn- und Maschinenwesen in seinen Windeln liegend, gegenseitige Eifersüchteleien unter den einzelnen Staaten, Deutschland mißachtet von allen anderen Staaten — aber anderseits blühender Gewerbe- und Handwerkerstand, gegenseitige Treue und Glauben, geringe Steuern und Militärlasten u. s. w. u. s. w.
Und jetzt? Ein geeintes Deutschland, feste Gliederung der einzelnen Staaten an einander, würdige Vertretung nach Außen, gediegenes unabhängiges Schulwesen, Gewerbefreiheit, ein dichtes Netz von Eisenbahnen, massenhafte neue Erfindungen, die Nähmaschinen, Gas, elektrisches Licht, Telegraph und Telephon — aber anderseits Rückgang des früher so blühenden Mittel- und Handwerkerstandes, Socialdemokratie, riesige Militärlasten und schwere Steuern; Gegensätze wie sie wohl kein einziges der vergangnen Jahrhunderte im gleichen Maaße aufweist.
Nicht zum Wenigsten aber sind es die Städte des Landes, welche sich riesig verändert haben und unter ihnen wieder die größeren Städte, welche in den wenigen Jahrzehnten ihren Umfang nach allen Richtungen mächtig ausdehnten und deren Bevölkerungszahl im gleichen Maaße stieg.
Daß auch unser Leipzig, schon vermöge seiner günstigen politischen und geschäftlichen Lage, im Centrum von Deutschland und vermöge seiner besonderen Vorzüge als alte weltberühmte Handels- und Universitätsstadt hierin nicht zurückblieb, ist selbstredend, ja es ging mit wenig Ausnahmen allen anderen Städten Deutschlands voran, indem es sowohl seinen Umfang wie seine Bevölkerungszahl in den letzten 50 Jahren versechsfachte.
Ein großstädtisches Treiben hat sich entwickelt und mit ihm sind nicht nur die früheren um Vieles bescheideneren Ansprüche an das Leben, sondern auch ein gut Theil der alten Gemüthlichkeit verloren gegangen und nur in der Erinnerung des alten Leipziger Bürgers leben dieselben fort, bis auch der Letzte derselben dahinstirbt und die alten lieben Erinnerungen mit ins Grab nimmt. — — —
Anno 1840 waren Leipzigs Vorstädte, auf deren allmälige Entwicklung wir später eingehender zurückkommen, noch im Entstehen begriffen und zwar verstehen wir unter diesen Vorstädten keineswegs das jetzige aus der Anektirung der dicht bei Leipzig gelegenen Dörfer gebildete Neu-Leipzig, sondern die jetzigen, sogenannten inneren Vorstädte, welche sich rings um die früheren Wallgräben und jetzigen Promenaden ziehen. Der Wallgraben, dessen bedeutende Tiefe man noch an den Resten desselben bei der nun auch dem Untergang geweihten Pleißenburg erkennen kann — und von dem der Töpfer- und östliche Fleischerplatz sowie der Schwanenteich noch Ueberbleibsel sind, zog sich in den vierziger Jahren noch vom südlichen Ausgang der Petersstraße bis zum Georgenhause, der jetzigen Creditanstalt an der Ecke des Brühls und der jetzigen Goethestraße. Nur der Augustusplatz unterbrach denselben. Das alte architektonisch prächtig ausgeführte Petersthor, welches erst 1860 abgetragen wurde, bildete eine geräumige, mit Fahr- und Fußwegen, welche durch Säulen und Wandöffnungen von einander getrennt waren, versehene Halle und eine breite Brücke führte über den, rechts und links tief unten liegenden Wallgraben nach dem Roß- und Königsplatz und dem Obstmarkte, auf welch letzterem an Markttagen die von auswärts mit Stroh und Heu nach der Stadt kommenden Händler feil hielten. In der Mitte des Petersthores, links von der Petersstraße, befand sich an dem Durchgang für Fußgänger eine Spitzbogenthür, welche auf die sogenannte Terrasse oder Bastei führte. In der linken Seite dieser schmalen nach der ersten Bürgerschule führenden Gasse standen bis zur Universitätsstraße ganz gleichmäßige, wunderhübsche, idyllisch gelegene, nur einstöckige Häuschen, welche sich mit dem Rücken an die Peterskirche und deren Nebenhäuser lehnten, kleine sorgfältig gepflegte Vorgärten hatten und bis zum Dach mit wildem Wein überzogen waren. Der Neumarkt hatte damals also noch keinen Ausgang auf die jetzige Promenade. Auf der rechten Seite der Terrasse befand sich die etwa brusthohe oben mit Granitsteinen belegte Mauer, welche die kleine Gasse von dem tiefen Wallgraben schied. Rechts und links von der Petersbrücke aus, welche schon damals unten mit Erde ausgefüllt war, führten dichte Tannengebüsche bis hinunter in den Wallgraben, oder wie er damals genannt wurde, den Stadtgraben. Zwei mehr als sechszig Fuß hohe riesige Pappeln, deren letzte erst bei einem Umbau des Polichschen Geschäftes weggeschlagen wurde, standen wie zwei kolossale Wächter rechts und links des Petersthores und ragten vom Grunde des Stadtgrabens noch weit über das sehr hohe, oben mit dem steinernen Stadtwappen gekrönte Petersthor hinaus.
Unten im Wallgraben, dessen Abhänge auch auf der Promenadenseite und an der Universitätsbrücke mit dichtem Tannengehölz bewachsen waren, standen wilde Obstbäume, Vogelkirschen und Eibenbäume in ziemlich wirrem Durcheinander und nur beim Ausgang der Universitätsbrücke am Roßplatz führte ein schmaler Fußpfad hinab in die für uns Jungen zu Räuber- und Indianerspielen besonders verlockenden geheimnißvollen Gestrüppe des »alten Stadtgrabens«. War aber »Blech« — diesen Spitznamen führte bei uns Jungen der damalige einzige Wächter der Promenadenanlagen und der Stadtgräben — in der Nähe, so bahnten wir uns auch oft genug, nicht gerade zum Vortheil unserer Hosen und Kutten, einen Weg durch das düstere Gestrüppe der Tannen und mit Vorliebe saßen wir in demselben versteckt und erzählten uns Räubergeschichten aller Art, je schauerlicher desto willkommener, bis uns »Blech«, der »Schippendittrich« — so nannten wir ihn auch wegen seiner stets mitgeführten Schippe — auch hier aufstöberte und aus unserm Tuskulum hinausjagte.
An der Universitätsstraße führte ebenfalls eine Brücke, die Universitätsbrücke, über den Graben, der auf der jenseitigen Seite, also hinter der ersten Bürgerschule nach dem Roßplatze zu mit hölzernen Barrieren versehen war, auf denen wir »Kolter und Waitzmann« spielten und unsre ersten kühnen Versuche auf dem Gebiete des Turnens und Seiltanzes machten. Der Roßplatz, damals noch nicht planirt und mit vielen Bodensenkungen versehen, bot uns zur Winterszeit, wenn es glatteiste, eine treffliche Schlittschuhbahn.
Die Grimmaische Straße schloß nach dem Augustusplatz das schon in den vierziger Jahren gefallene Grimmaische Thor ab und von ihm bis zum Georgenhaus standen hohe düstere Universitätsgebäude, das noch vorhandene, aber umgebaute »schwarze Bret«, das »rothe Colleg« u. s. w. An der rechten Seite dieser Gasse — der jetzigen Goethestraße, stand ebenfalls eine Mauer, welche dieselbe vom früheren Stadtgraben, jetzigen Schwanenteiche schied. Der Eselsplatz, jetzige Ritterplatz beim Königl. Palais, hatte hier keinen Ausgang und auch vom Brühl führte nur das sogenannte »Zuchthauspförtchen« auf die schmale Passage. Die ersten wirklichen Promenadenanlagen erstreckten sich von hier bis an das jetzige »alte Theater«. Uralte Häuser, darunter die »weiße Taube« bildeten von hier einen kleinen Halbkreis bis zum westlichen Brühlausgange gegenüber der Hainstraße. Wo jetzt das Hotel Müller am Neukirchhof steht, standen damals uralte, frühere Klostergebäude, welche sich nach dem alten Theater zu fortsetzten und an der Promenadenseite des jetzigen Hotels »Stadt Gotha« mit dem sogenannten »Neupförtchen« ihren Abschluß fanden. Von hier aus bis zum Schloß Pleißenburg ist die Scenerie seit 1840 nur wenig verändert worden, mit Ausnahme der Freilegung der Thomaskirche. Am Thomaskirchhof zwischen der alten Thomasschule und dem früheren »Schneiderhaus« (damals Eigenthum der reichen Schneiderinnung) lag das »Thomaspförtchen«. Das Schloß Pleißenburg, dessen wahrhaft malerische Schönheit, mit seinen fliegenden Gärten und Bastionen, seinen Säulen und mittelalterlichen Thorgängen, schon durch die Ende der sechsziger und in den siebenziger Jahren unsres Jahrhunderts stattgefundenen Vor- und Einbauten stark entstellt worden ist, schließt unsern Rundgang um Altstadt Leipzig.
Die Petersstraße, damals noch ziemlich still, da sich die Hauptgeschäfte Leipzigs mit Ausnahme des von Gustav Steckner, in der Grimmaischen Straße befanden, zeigte eine Menge ebenfalls sehr alter und großer Gebäude auf. Da war zunächst der »Hirsch« an der Ecke der Magazingasse, dann »Stadt Wien«, halb Hotel, halb Oekonomiehof, bei dessen im Zickzack angelegten Durchgange nach der Schloßgasse man über Pfützen, Löcher und Dunghaufen steigen mußte, dann das finstere alte »Juridicum« mit seiner Halle und der im Hofe befindlichen altberühmten Kitzing und Helbigschen Restauration, dann die »drei Könige« und der »goldene Arm«, alles seitdem umgebaute Häuser. In der Magazingasse stand rechts am Petersthore die thurmlose alte Peterskirche und an der Ecke des Neumarktes der alte Rathsmarstall, ebenfalls ein uralter baufälliger Oekonomiehof, dessen Hauptsehenswürdigkeit ein riesiger Dunghaufen in der Mitte des durch zwei große Scheunenthore nach dem Neumarkt und der Magazingasse zu abgeschlossenen Hofes bildete. In der Universitätsstraße stand rechts neben dem »Bär« das alte rußgeschwärzte »Lutherhaus«. Vom Café Francais resp. Grimmaischen Thor bis zum Eckhaus der Universitätsstraße erstreckten sich die erst 1846 weggerissenen sogenannten Colonaden, die übrigen Straßen und Gäßchen der inneren Stadt haben sich bis auf verschiedene Um- und Neubauten von Häusern nur wenig verändert. Als im Jahre 1845 der Markt neu gepflastert wurde, pflasterte man auch das noch jetzt zu sehende Wappen der Stadt mit farbigen Steinen in die vor dem Rathhausdurchgang befindliche Marktfläche. Am Ende des Brühls nach Osten lag das alte »Georgenhaus«, ein altes finstres burgähnliches Gebäude, welches die Wohnstätte der »Versorgten«, aber auch ein Krankenhaus für Sieche und besonders Irrsinnige, sowie das Waisenhaus enthielt. Ueber seinem Eingangsthore befand sich die Legende des mit dem Drachen kämpfenden Ritters St. Georg in Stein gehauen. Dem Georgenhaus gegenüber, an der Ecke der Ritterstraße lag die »alte Heuwaage«, gewissermaßen eine Copie der damals noch mit einem Treppenthurm versehenen »alten Waage« am Marktplatz.
Die alte »Wasserkunst«, welche am jetzigen Eingange der Mozartstraße, an der Nonnenmühle lag, versorgte die Stadt mit Röhrwasser (Flußwasser) und deshalb befand sich im Hofe fast jeden Hauses ein gewöhnlich hölzerner Wasserbehälter, Röhrtrog genannt. Das Trinkwasser lieferten zahlreiche in den Straßen und auf den Plätzen der Stadt befindliche Brunnen, von denen einige besonderes Renommée und Zulauf seitens der Bevölkerung hatten. Da war zunächst der noch jetzt stehende »Löwenbrunnen« am Naschmarkt, dann der »goldne Brunnen« am Markte, gegenüber dem Salzgäßchen, dann der »Neumarktsbrunnen« an der »Marie«, Ecke des Neumarktes und Grimmaische Straße; der berühmteste aber war der »Bettelbrunnen« auf dem Augustusplatz, gegenüber der Johannisgasse. Letzterer war von Bänken umgeben und einige Frauen kredenzten dem Durstigen aus bereit gehaltenen Gläsern für einen »Dreier« gern das kühlende Naß.
Die Polizeiverhältnisse waren überaus gemüthliche. Die Bewohnerschaft war den meist lange Jahre im Dienst befindlichen, mit derbem Stock bewaffneten Polizeidienern, nach ihren Revieren, meist genau bekannt und das ehrwürdige Institut der Nachtwächter war auch von Leuten besetzt, die vorzüglich bei dem damals noch völlig unter der Gerichtsbarkeit der Universität stehenden Bruder Studio Spaß verstanden und ihre Kundschaft kannten. Die Handwerksgesellen und Lehrlinge, wie auch viele Handlungsgehilfen wohnten im Hause des Meisters oder Brodherrn; die Bedürfnisse waren geringer wie jetzt, Nahrungsmittel und Wohnungen billiger und die Steuern gegen jetzt kaum nennenswerthe, ihre Eintreibung aber eine so der allgemeinen Gemüthlichkeit Rechnung tragende, daß wir uns nicht versagen können, der Erinnerung an eine solche Episode ein besonderes Capitel zu widmen.
II.
Heiterer Rückblick auf die Steuerbeitreibung in früherer Zeit.
Wenn man als älterer Bürger unserer guten Zukunfts-Millionen-Stadt um vierzig Jahre zurückblickt auf die Steuerverhältnisse der guten alten Zeit und sie mit der Jetztzeit vergleicht, so überläuft Einem einerseits ein gelindes Grausen über die jetzt nie endende Steuerschraube und andererseits ein Lächeln darüber, daß man schon damals über hohe Steuern raisonnirte. Bedenkt man, daß zu jener Zeit der Inhaber des kaufmännischen Geschäftes, in welchem Schreiber Dieses seine Lehrzeit vollbrachte, trotzdem das Geschäft mit einem Commis und mehreren Verkäuferinnen betrieben wurde und also kein unbedeutendes war, Alles in Allem noch nicht 10 Thaler, also 30 Mk., Steuern im Jahre bezahlte, ein Betrag, den jetzt schon ein Arbeiter mit etwa 900 Mk. Einkommen zu erlegen hat, so bekommt man ungefähr einen Begriff von dem Unterschied zwischen jetzt und damals. Und dabei war die Eintreibungsmethode damals eine so gelinde, daß dieselbe für die Jetztzeit eine wahre Freude wäre, und bei dieser Methode kam es fast niemals zu tragischen Episoden, wie jetzt leider oft genug, wohl aber häufig zu den heitersten Vorkommnissen. Es existirte damals nämlich, als es noch nicht so genau darauf ankam, ob einige Tausende ihre Steuern bezahlten oder nicht, denn das Land war ja reich genug, noch das Mahnen durch dazu von der Steuerbehörde vom Garnisoncommando erbetene Soldaten. Zu diesem nicht unlucrativen Geschäft commandirten nun in der Regel die Hauptleute sogenannte, meist verheirathete, Stellvertreter, d. h. solche Soldaten, welche für dreihundert Thaler, außer ihren eignen sechs Jahren, noch weitere sechs Jahre freiwillig dienten. Diese alten Soldaten nun wurden dazu auserlesen, die säumigen Steuerzahler zu ihrer Pflicht zu bringen, und wenn es in Leipzig hieß »Der Schütze kommt«, so wußte jedes Kind, was dies zu sagen hatte.
Wenn also irgend Jemand mehr als billig mit den Steuern im Rückstand war und die erste Mahnung eines Rathsdieners, an welchen die Mahngebühr im Betrage eines Sechsers (sechs Pfennige) zu entrichten war, unberücksichtigt ließ, so erhielt er nach einigen Wochen den mit Schwert und Patronentasche umgürteten »Schützen« (in Leipzig standen Schützen und Jäger) zum Besuch. Derselbe mahnte wieder und hatte einen Betrag von 25 Pfennigen oder zwei gute Groschen zu erhalten. Blieb auch diese Mahnung ohne Erfolg, so erschien der Krieger wieder, diesmal aber mit dem Gewehr, und mußte nunmehr 75 Pfennige Mahngebühr erhalten, vorausgesetzt natürlich, daß sie der Säumige hatte oder bezahlte. Lud aber auch auf diese Mahnung der Schuldige nicht schleunigst ab, so erschien — der kriegerische Mahner mit Ober- und Untergewehr, den Tornister feldmäßig gepackt, den Kriegshut (Tschacko) auf dem Haupte, zum letzten Mal und forderte den Tribut der Landesverwaltung sofort! — Erhielt er aber denselben wiederum nicht, so — — — quartirte sich der edle Krieger ganz einfach bei dem Schuldner ein, verlangte Bett und reichliche Atzung und — blieb so lange, bis — eben gezahlt wurde. Daß bei dieser Methode mancherlei sehr komische Intermezzi mit unterliefen, ist selbstverständlich, und da mir aus meiner Jugendzeit eines derselben, weil es in unserem eigenen Haushalte passirte, besonders erinnerlich ist, so sei es den Lesern dieses Heftes mitgetheilt.
Meine Eltern bewohnten damals für den Miethzins von 80 Thaler die ziemlich geräumige erste Etage (Was würde dieselbe wohl jetzt Miethe kosten?) eines Hauses in der Petersstraße und bei uns hatte ein Zimmer mit Alkoven der akademische Maler O. M. als Chambergarnist inne. Das persönliche Besitzthum dieses ebenso talentvollen wie leichtlebigen jungen Mannes bestand aus einem sogenannten guten Anzug, der aber auch eigentlich sein einziger war; denn einige sonst noch vorhandene Unaussprechliche besaßen derartige Defecte, daß er, wenn er dieselben für den häuslichen Gebrauch anlegen wollte, oft ernstlich im Zweifel darüber war, zu welchem Loch er hinein schlüpfen sollte. Außer diesem Anzug besaß der Edle noch einen alten menschenfreundlichen Schlafrock — menschenfreundlich in der Beziehung, als er dem Besucher die vorerwähnten Defecte wenigstens einigermaßen verhüllte, obwohl dieselben den glücklichen Besitzer durchaus nicht genirten. Nennen wir nun noch einige, nicht zweifellose Hemden, Strümpfe, ein halbes Dutzend Vatermörder, ein Paar niedergetretene ehemalige Hausschuhe, vulgo Laatschen, einen türkischen Fez, eine lange Tabakspfeife und einen Stiefelknecht, sowie ein Paar roh zusammengeschlagene Latten (stolz von ihrem Besitzer Staffelei genannt), Pinsel und eine Anzahl meist zerbrochener Farbentöpfe, so glauben wir von seinem Reichthum nichts vergessen zu haben. Halt! Etwas haben wir doch vergessen! Seinen unverwüstlichen Humor, welcher ihn befähigte, das Leben stets nur von seiner Lichtseite zu betrachten, sowie eine Beredsamkeit, die jede andere absolut zum Schweigen brachte und ihn oft genug siegreich aus Situationen zog, welche peinlich zu werden drohten. Brachte er es doch fertig, einst seinem als sehr grob bekannten Schneider, nachdem derselbe Jahr und Tag auf die Bezahlung seiner Rechnung gewartet hatte und mit seiner massivsten Grobheit anrückte, durch seinen bald schmeichelnden, bald herzbrechend klingenden Zungenschlag nicht blos zu noch längerem Warten zu vermögen, sondern ihm — ach derselbe wußte nicht, was er that — — noch um zwei Thaler anzupumpen. Niemand vermochte eben dem lustigen und luftigen Gesell ernstlich oder gar dauernd Gram sein. Selbst mein Vater, der in Geldsachen etwas skeptischer Natur war, unterlag seinem Zauber, von meiner Mutter mit ihrem guten mitleidigen Herzen gar nicht zu reden. Hatte er Geld, so kamen allerdings seine Wirthsleute zuerst daran, dann aber flog es in alle Winde — und Steuern? — Lieber Gott! Steuern betrachtete er als ihm widerrechtlich auferlegten Tribut, gegen welchen sich, wie er sagte, seine innerste Natur empörte — deshalb bezahlte er solche schon aus Prinzip nicht. — — Diese letztere löbliche Eigenschaft war denn auch sowohl der Steuerbehörde wie den mahnenden Soldaten hinreichend bekannt, und wenn daher auch der Name O. M. bei jeder neuen Steuerrate mit größter Pünktlichkeit stets wieder auf der Restantenliste figurirte, so strichen erfahrene Mahner eben denselben einfach an und ersparten sich ein für allemal den für sie und den Staat vollkommen unnützen Weg. Nur wenn einmal unter den militairischen Plagegeistern neue, mit ihrer Kundschaft nicht Vertraute eingestellt worden waren, passirte es wohl, daß ein solcher, getrieben von löblichem Pflichteifer, eine neue Attaque auf den leider stets leeren Geldbeutel des Malers machte, mit welchem Erfolg, wird der Leser gleich erfahren. — — —
Es war in der Dämmerstunde eines regnerischen Herbsttages, als wir Zwei — ich war nämlich ein Specialfreund von O. M. — in dessen Stube zusammen waren. Er lag, in den Schlafrock gehüllt, den Fez auf dem lockigen Haupte, in keineswegs malerischer Pose auf dem Sopha, ich saß auf dem hölzernen Tritt an den Fenstern. Zwischen uns herrschte momentanes Schweigen und zwar aus gutem Grunde, denn wir waren Beide mit der Vertilgung je einer riesigen Fettbemme eifrig beschäftigt, wie dieselben in solcher Größe und Dicke nur meine sparsame Mutter uns Kindern servirte. Diesmal aber war, wie schon oft, unter »uns Kindern« auch wiederum unser Chambergarnist gewesen, denn Mutter hatte seine beredten Blicke bei Austheilung der Bemmen an uns sehr richtig verstanden und ihm ebenfalls eine geschmiert, die er nun mit dem Appetit eines gesunden sechsundwanzigjährigen Mannes verzehrte. Sein Geldbeutel befand sich eben wieder einmal im Zustande vollständiger trostloser Leere, was Wunder, daß ihn das knusprige Bauernbrod von der Größe eines mäßigen Wagenrades, sowie das delicate Schinkenfett auf das Verführerischste in die Augen lachten?
Eben war der letzte Bissen unter dem vollen, blonden Schnurrbart meines Freundes verschwunden, und er angelte mit der Rechten nach der herabgerutschten langen Pfeife, da erklangen auf dem Flur draußen harte Tritte, eine derbe Hand pochte an die Thür, und ehe noch M. »herein« rufen konnte, öffnete sich dieselbe. Herein trat in oben beschriebener vollständiger Ausrüstung ein Schütze. Derselbe schloß die Thür hinter sich und begann seinen Vers herzusagen:
»Im Auftrage der etc. Steuerbehörde komme ich, um Sie zum letzten Mal zur Bezahlung der restirenden Steuern aufzufordern!«
Augenblicklich war mein Freund auf den Beinen und schritt freudestrahlend mit Grandezza auf den bärtigen Krieger zu.
»Sei mir willkommen, gewappneter Vertheidiger meiner heimathlichen Gefilde, Gruß und Kuß entbiete ich Dir — o in Waffen strotzender Jüngling!«
Der biedre Schütze wich vor der ihm angedrohten Umarmung einige Schritte zurück.
»Ach«, sagte er gemüthlich, »machen Se doch keen Unsinn! Hier is de Quittung, wo ham Se d’n s’Geld?«
»Geld?« declamirte M. pathetisch mit der Pfeife in der Luft herum vagirend, so daß der Soldat wieder etwas zurückweichen mußte, »Geld? — Bedarf es des elenden Mammons, um zwei deutsche Männer, sich in gemeinsamer Liebe zu dem theuern Vaterlande begegnend, an die Brust sinken zu lassen? O — komm Bruder in meine Arme — —«. Jetzt wurde die Sache aber doch, wie es schien, dem Schützen etwas zu bunt.
»Ach, machen Se doch keene solchen Ginkerlitzchen!« rief er, »wenn Se eben nich bezahlen, denn bleibe ich hier bei Sie im Quartier un habe zu verlangen — —«
»Wie?« antwortete freudestrahlend der Gemahnte, »Du bist gekommen, um in diesen der Kunst geweihten Hallen mein Gast zu sein? O — nochmals — sei tausendmal willkommen! Doch jetzt hinweg mit dem Völker mordenden Gewehr, herunter mit Deiner schweren Behauptung und dem belastenden Tornister! — Entgürte Deine Hüften« — — — hierbei nahm er dem theils verdutzten, theils in der Aussicht auf ein längeres gutes Quartier schmunzelnden Soldaten Gewehr, Tzschacko und Tornister ab und schnallte ihm die Leibkoppel los, »— so und nun — herab mit den Stiefeln und bequem gemacht; den schweren Rock aus — was wäre das für ein Gastfreund, der dem geliebten Gast nicht sein Alles gäbe! — Hier — meine Laatschen an Deine bisher von rauhem Leder bedeckten Füße — hier mein Schlafrock zur weicheren, wärmenden Hülle und — — hier meinen von einem tunesischen Seeräuber mit eigner Hand erbeuteten Fez — — — so — — — und nun — o Liebling des Mars, mach’ Dir es bequem auf dem schwellenden Sopha — —!«
Und richtig saß binnen fünf Minuten der edle Vaterlandsvertheidiger, angethan mit Schlafrock, Laatschen und Fez, ein nicht sehr geistreiches Lächeln auf den Lippen, auf dem Sopha, indeß M. in seine Stiefeln fuhr, seinen Anzug herbeischleppte und — ohne wegen seiner verschiedentlich erscheinenden Blößen in Verlegenheit zu gerathen, in kaum glaublicher Schnelle vollständig Toilette zum Ausgehen machte.
»Sie sein zu gitig!« sagte schmunzelnd der »Liebling des Mars«, im Sopha lehnend. »Nee so freindschaftlich — na — mir wer’n uns schon vertragen! — Aber — wo woll’n Se denn hin?« frug er, als jetzt M. seinen etwas schäbigen Calabreser eifrig abbürstete.
»Ich? Du fragst noch — Freund meiner Seele? — Ich gehe, um den nun einmal zum Leben unentbehrlichen schnöden Mammon aufzutreiben — denn — siehe — o Bruder — kein Stümpfchen Licht zur Beleuchtung dieser traulichen Hallen, keinen Spahn Holz und kein Stücklein Kohle zur Speisung des stattlichen Ofens, kein Stücklein Brod und — — keinen Pfennig Geld nenne ich mein! — Aber — verzage nicht — ich habe da unten — wo die Schlösser der Hauptstadt stehen — in Dresdens lachenden Gefilden — einen Oheim — zu dem eile ich auf dem Rappen des Schusters, und habe ich von ihm des Mammons Fülle erbettelt, so nah ich auf des neu errichteten Dampfrosses beflügeltem Rücken, und bringe dem harrenden Gaste der köstlichsten Speisen in Menge!«
Immer länger war das Gesicht des guten »Schützen« während dieses Sermons geworden, jetzt sprang er aber vom Sopha auf und sagte entrüstet:
»I — nu — das geht doch nich, mei Gutster! Wie lange soll denn das dauern?«
»Erzürne Dich nicht — o — Freund! Ich eile; binnen vier, höchstens fünf Tagen schon trägt mich auf’s Neue das Dampfroß in Deine Arme!«
»Was?! — Schwafeln Se doch nich so dumm! — I! Zum Donnerwetter! Da könnte ich derweile verhungern! Ich sehe’s schon ein — Sie wär’s egal. Nee — so dumm sin mer nich, da geh’ ich lieber in de Caserne — das wäre noch scheener — — —«
Und weiter raisonnirend warf sich der undankbare Gast, trotz der schmerzlichen Miene seines Gastfreundes, schleunigst die Kleidungsstücke desselben wieder von sich, zog seine Stiefeln fluchend an, umgürtete sich, sackte den Tornister und stülpte den Kriegshut auf, nahm sein Gewehr und — — — ward nicht mehr gesehen! O. M. aber kleidete sich nach dem Entfliehen seines Gastes ruhig wieder aus, legte die von Letzterem verschmähten Gewänder wieder an, stopfte sich eine neue Pfeife, legte sich aufs Sopha und — erzählte mir mit stoischer Ruhe, nachdem sich meine Lachlust endlich wieder gelegt hatte, die Räubergeschichte von: »Sixtiniano, dem furchtbaren Banditen«.
III.
Die Südvorstadt.
Ein Sonntagsausflug vor fünfzig Jahren.
Wenn man jetzt durch die Straßen der mächtig emporwachsenden Südvorstadt schreitet und dann, rechts abbiegend, den Rennplatz umgeht und sich, auf einer Bank des sorgfältig gepflegten Scheibenparkes Platz nehmend, dann um vierzig Jahre zurückversetzt und an die damaligen idyllischen Zustände dieser Stadtgegend denkt, schüttelt man wohl unwillkürlich über die Vergänglichkeit alles Irdischen und doch wieder über das unermüdliche Schaffen der Menschenhand das Haupt und ein Lächeln über diese Erinnerung an die — ach so schöne — Jugendzeit, huscht über das alternde Angesicht. Hat sich doch gerade die Südvorstadt, die ursprünglich von der Natur sehr stiefmütterlich beanlagt war, zu einem der schönsten und wohl auch am zahlreich bevölkertsten Stadttheile emporgehoben, sie, die selbst noch zu Zeiten des unvergeßlichen Turnfestes, also vor kaum 30 Jahren, noch nicht einmal in den Kinderschuhen ihrer Entwickelung stand. Außer dem Peterssteinweg mit seinen alten niedrigen Häusern, welche seitdem zum guten Theil ebenfalls Neubauten gewichen sind, standen, pflichtgemäß jedem Fremden als hervorragende Sehenswürdigkeiten Leipzigs bezeichnet, das Römische Haus und diesem gegenüber am Ende der kleinen Burggasse das wohl zehn Stock hohe Seilerhaus, dessen Besitzer, ein unter die Originale des alten Leipzigs gehöriger, ebenso reicher, wie besonders zur Weihnachtszeit sehr mildthätiger Seilermeister, noch einen anderen nicht auf all zu große Reinlichkeit schließenden Beinamen führte. Hinter dem Seilerhause befand sich das Bad des Altmeisters der Fischerinnung Händel und an dasselbe schlossen sich bis zur Pleißengasse die zahlreichen Fischerhäuschen, keines höher, als daß nicht ein mäßig großer Mann bequem auf das Dach hätte langen können, mit kleinen am Pleißenufer gelegenen blühenden Gärtchen, eine echte und rechte Fischercolonie. Mitten hinein in die Breite der Kleinen Burggasse, sich mit dem linken Seitenflügel an das alte Gerichtsamt, damals Bezirksgericht I, lehnend, stand das einstöckige sogenannte Töpferhaus, über dessen niederer Hausthür ein in Stein gehauener Töpfer mit Zipfelmütze auf dem Kopfe und der Pfeife im Munde, bei seiner Arbeit abgebildet war. Dann kam der alte Petersschießgraben, dessen Hauptfronte, wenn im Saale des ersten Stockes Tanzmusik war, Complimente machte und neben dem Römischen Hause die alte »Grüne Linde«, welche mit der »Dürren Henne« — jetzt Bamberger Hof, Windmühlenstraße — und dem noch jetzt existirenden »Blauen Roß« am Königsplatz, die drei größten Ausspannungsgasthöfe des Südviertels bildeten. Zum Petersschießgraben gehörten, nach der Zeitzer Straße zu, noch einige ebenso niedrige Hütten wie die Fischerhäuser, denen gegenüber an der Ecke der jetzigen Emilienstraße das sogenannte »Storchnest«, ein uralter, großer, der Stadt gehöriger Oekonomiehof, auf dessen Dach sich als Wahrzeichen ein alle Jahre besiedeltes Storchnest befand und dann — ja dann war es mit den Häusern, da sich auch das alte Zeitzer Thor hier befand, zu Ende. Halt! Doch nicht, mitten in den Gärten und Getreidefeldern lag rechts an der Straße, der Stolz des damaligen vergnügungssüchtigen Leipzigers, das Tivoli; außer dem Waldschlößchen in Gohlis und dem Helm in Eutritzsch, wohl damals das am stärksten frequentirte Tanzlocal der soliden Leipziger Bürgerschaft. Weiter unten, rechts im Thale, stand das Gosenschlößchen (jetzt Schubert’s Ballhaus), dann die Brandbäckerei und das 1866 auf so schauerliche Art abgebrannte Feldschlößchen, letzteres mitten im Felde. Die Ansprüche an das Leben und seine Vergnügungen waren damals natürlich weit bescheidener als jetzt, und es war nicht gegen den guten Ton, wie man jetzt in durchaus falscher und überflüssiger Prüderie fast durchgängig annimmt, wenn Vater Sonntags beim Spaziergang nach einem Etablissement auch Muttern mal im Tanze schwenkte! Schreiber dieses weiß noch ganz genau, wie mißbilligend zwar Vater jedesmal die Miene verzog, wenn er sah, daß Mutter zum Spaziergang nach der Brandbäckerei, zwei, drei steifgestärkte weiße Röcke anzog, aber — er protestirte nicht. Mutter plagte sich die ganze Woche über, gleich ihm, ehrlich und tummelte sich rechtschaffen, die bescheidene Sonntagsfreude verkümmerte ihr Vater nie. Und so ging es denn hinaus ins sonnige Freie durch die Münzgasse und über den kaum ellenbreiten Steg, der über den Floßgraben auf den Floßplatz führte. Der Floßgraben, welcher die ganze Länge des Floßplatzes durchströmte und auf welchem das Rathsfloßholz auf dem einfachsten Wege vom Gebirge bis nach der Stadt herabschwamm, um auf dem Platze selbst in zahlreichen riesigen Stößen zum Trocknen aufgeschichtet zu werden, ist heute ebenfalls verschwunden. Dann führte der Weg an der Schimmelei — Schimmel’s Gut mit der Insel Buen Retiro — vorüber, immer zwischen Gärten, bis hinaus auf die Brandbäckerei, wo bei Kaffee, die Portion mit fünf Tassen, für zwei gute Groschen und delicatem Kaffee- oder Käsekuchen, das große Stück für einen Sechser, in einer der prächtigen Lauben Platz genommen wurde. Dies war für uns Kinder. Nach einer oder zwei Stunden ging es dann zurück, Vater wollte nun seine Gose trinken. Der prächtige Garten des Tivoli erstreckte sich damals bis zum Brandweg, der jetzigen Dufourstraße, hinunter und hatte hier ebenfalls einen Eingang. Durch diesen traten wir nun ein, und indeß Vater die dickbauchige Gosenflasche mit Kennermiene balancirte und einschenkte, tummelten wir uns froh in dem geräumigen Garten. Die Töne der Tanzmusik unter Vater Wenck’s gediegener Leitung drangen deutlich und lockend heraus durch die geöffneten Thüren. Vatern wurde es bei denselben allmählich etwas unbehaglich, denn immer deutlicher wippte Mutter bei jedem neuen Tanze mit dem Fuße und ihr gutes freundliches Angesicht nahm allmählich bedenkliche Mienen an. Da — endlich, als ein schöner ruhiger Walzer begann, erinnerte sich Vater energisch seiner sonntäglichen Pflicht. Vorsichtig legte er die Cigarrenspitze auf den Tisch, räusperte sich vernehmlich, bot dann Muttern voll Grandezza die Hand, und, bewundert von ihrer ehelichen Nachkommenschaft, drehten sich gleich darauf Beide im Tanze auf dem spiegelglatt gebohnten Saale. Hei, wie flogen da die aufgebauschten Röcke unserer Mutter, und die langen Schöße von Vaters Sonntagsrock, aus dessen hinterer Tasche die Enden eines neuen rothseidenen Taschentuches zierlich herausschauten, flatterten hinterher. Vaters Auge blickte zwar etwas stier, denn er konnte das Drehen nicht vertragen, aber Mutter hielt fest und wankte nicht, bis der Walzer zu Ende war. Aufatmend stand dann Vater erst einen Augenblick, um sich über den Ausgang zu orientiren, dann aber zog er das bewußte Rothseidne hervor und mit Genugthuung und männlicher Würde führte er, von uns Kindern im Triumph begleitet, seine wieder in Güte strahlende bessere Hälfte zurück in den Garten. Noch ein oder zweimal und zwar in der Regel bei dem schönen Schottisch:
»Meine Mutter schickt mich her, ob der Kaffee fertig wär —
Sag Deiner Mutter ein Compliment und der Kaffee wär’ verbrennt! etc.«
oder zum Contre, bei welch’ letzterem alle Zierlichkeit der früheren Tanzweise entfaltet wurde, mußte Vater ins Geschirr, wie er sich wohl dann und wann ausdrückte, dann aber hatte Vater Ruhe. Er hatte dann seine zwei Gosen, Mutter ihre Tänze, wir unsern Kuchen und heim ging es wieder, denn der Abend nahte heran und mit ihm die Zeit des Abendbrodes, nach welchem wir Kinder ein für allemal ins Bett mußten.
IV.
Das Gutenbergfest 1840.
So verhältnißmäßig einfach nun auch vor 40—50 Jahren die Bürger und Einwohner Leipzigs in ihrer Häuslichkeit lebten, trotzdem es schon zu jener Zeit sehr reiche Leute in der Stadt gab und wirklich Arme nur wenige vorhanden waren, so gastfreundlich und splendid war doch die ganze Bevölkerung, wenn es galt, nationale oder sonst für die Wissenschaft, Kunst oder Cultur bedeutungsvolle Feste zu feiern, und dieser hohe Sinn, zu dem sich noch stets eine offene Hand bei auswärtigen oder heimischen Unglücksfällen gesellte, hat sich Gott Lob bis zum heutigen Tage erhalten.
Eines der bedeutendsten Volksfeste der damaligen Zeit war das am 24., 25. und 26. Juni 1840 in Leipzig zu Ehren Gutenbergs und der Erfindung der Buchdruckerkunst gefeierte »Vierhundertjährige Jubiläum der Letzteren«.
Mittwoch, den 24. Juni versammelte sich die Kramer-Innung am Kramerhause, Ecke des Neumarktes und des Kupfergäßchens; die Mitglieder der Universität, Rektor, Professoren etc. und Studenten im Hofe des Mauricianums; die Buchhändler in der Buchhändlerbörse in der Ritterstraße und die Buchdrucker, Setzer und Schriftgießer in ihrem Innungslokale und zogen unter Glockengeläute von da ab auf den Marktplatz, wo die Communalgarde Spalier bildete. An der nördlichen Seite des Marktes, vom goldenen Brunnen bis zur Hainstraße, also wo jetzt das Siegesdenkmal steht, war eine große Tribüne errichtet für den hohen Rath, die Offiziere der Garnison, die auswärtigen Deputationen und Damen derselben. Mitten auf dem Markte bei der mittelsten Laterne stand ein drei Ellen hohes und 16 Ellen langes, gleich der Tribüne reich dekorirtes Podium, auf welchem 2 Pressen und 1 Schriftgießerei verhüllt standen, neben an, ebenfalls verhüllt, stand auf hohem Postament die vom Töpfermeister Funk kunstvoll angefertigte Statue Gutenbergs in Lebensgröße. Auf den Söllern des Rathhauses und des demselben gegenüber liegenden Aeckerlein’schen Hauses waren zwei Musikchöre postirt, welche den Festzug der vorgenannten Corporationen mit Musik begrüßten. Nach einer feierlichen Festrede und einem gemeinschaftlichen Gesang, fielen die Hüllen von der Statue und den Maschinen und letztere traten in Thätigkeit.
In der Buchhändlerbörse war große Ausstellung alter Schriften, Pressen und Bücher. Nach dem Festaktus auf dem Markte war feierlicher Gottesdienst in den Leipziger Kirchen, am Abend aber allgemeine Illumination der Häuser der inneren Stadt.
Vor dem Grimmaischen Thor, auf dem Augustusplatze war vom Zimmermeister Richter, der auch die Tribüne und das Podium errichtet hatte, eine stattliche Festhalle — »wie Leipzig in solcher schöner Gestalt noch nie gesehen«, sagt eine Urkunde mit dem Festbericht aus jenen Tagen — erbaut worden. Dieselbe nahm fast die ganze Länge und Breite des Platzes rechter Hand vom Fahrweg ein und in derselben war am 24. Abends großer Commers, am 25. aber, von Nachmittag an bis fast zum anderen Morgen großer Ball der Honoratioren und geladenen Festgäste der Stadt. Am 26. Juni aber war allgemeines Volksfest. Früh begann dasselbe mit einem großen Festzug, in welchem alle Gewerke mit ihren Insignien vertreten waren, durch die Straßen der Stadt und zuletzt zum Gerberthore hinaus auf den großen Festplatz, den Wiesen gegenüber von Pfaffendorf, also da wo jetzt die Yorkstraße und ein neuer Stadttheil steht. Auf den vier Ecken des Platzes waren Tanzböden zur allgemeinen freien Benutzung errichtet, zu denen der Rath der Stadt die Musik besoldete. Für die Jugend fanden allerlei Preisspiele wie Wettrennen, Vogelschießen, Hahnenkampf, Sackhüpfen, Stangenklettern und Topfschlagen statt, auch waren zahlreiche Caroussels vorhanden. Geräumige Restaurationszelte spendeten gegen landesübliche Münze Speisen und Getränke. War das ein Leben! Hier führte ein schmucker Altgeselle im besten Sonntagsstaate, angethan mit blauem Frack mit blanken Knöpfen, gelben Nankinghosen und ditto Weste, den unvermeidlichen haushohen Cylinderhut auf dem Kopfe, des schmunzelnden mit seiner Eheliebsten beim »Teppchen Braunbier« sitzenden Meisters Töchterlein zum Tanz und polkte, zierlich »Schiebekästchen« und »rechtsum—linksum« machend, beneidet von seinen Mitgesellen und bewundert von den Lehrjungen, auf den nur flüchtig abgehobelten Brettern dahin. »Mamsell Louischen!« flüsterte er ihr dabei in das rosige Ohr »Ach — wenn — ich erst Meister bin — — —!«
Hier stockt der Biedere verlegen, aber ein beredter Blick Louischens sagt ihm, daß sie ihn dennoch verstanden hat und — — — ganz seiner Meinung sei — — und beglückt segelt das junge Paar weiter, daß die Frackschöße nur so fliegen und die langen Enden des zierlich und kunstvoll geknüpften seidenen Halstuches im Winde flattern, als beabsichtigten sie, ihr intimes Verhältnis mit den steifgeplätteten Vatermördern durchaus aufzugeben. — — —
Dicht daneben waren zwei Pfähle etwa 3 Ellen von einander in die Erde geschlagen und beide oben durch einen Strick verbunden. An dem Strick hingen, durch einen Faden festgehalten dicht neben einander »Sechserknackwürste« und echte »Wiener Sausischen« männiglich bekannt als Meister Stöpels wohlrenommirtes Fabrikat. Eine Anzahl größere Jungen und halbwüchsige Lehrbuben steckten bis zum Hals in Getreidesäcken, so daß nur der Kopf und obere Hals frei blieb und bemühten sich in dieser Situation nach den etwa ein viertel Elle über ihren Köpfen baumelnden Würstchen hinaufzuspringen, um ein solches mit dem Munde herabzureißen, die auf diese Weise erkämpften Würste waren dann ihr Eigenthum. Die komischsten Capriolen waren bei diesen Bemühungen geradezu unvermeidlich. — — —
»Ja — un am Sonntage bist de mit der dicken Emile, vom Bäcker Winter, bis früh um Dreie im »Wettiner« gewesen, un mir sagst de, daß de Wache hättst! Foi Deibel!« sagte eine schlanke Vertreterin der dienenden Classe zu einem flott aussehenden Oberjäger der Garnison, der — die mit des Königs Namenszug versehene zweizipfliche Mütze keck aufs Ohr gedrückt, schuldbewußt vor der zürnenden Küchenhebe den Kopf senkte.
»Aber Carline — — —.«
»Mit uns hat sich’s aus carlint« raisonnirte die Schöne zungengeläufig weiter, bis die lockenden Töne eines Walzers vom nahen Tanzboden an ihr Ohr schlagen — — ach — — Otto — — der Ungetreue tanzt so schön! Der Schwerenöther weiß die Gelegenheit sofort zu benutzen.
»Carlinchen — nur den Walzer noch!«
Caroline schwankt, aber kühn umfaßt Otto ihre Hüfte — und — im nächsten Augenblick neigt sie versöhnt das eben noch so finstere Angesicht auf die Schulter des flotten Jägers und mit dem sanften Wiegen im Tanze verfliegt ihr Zorn und aufs Neue schwört sie zu der grün-weißen Fahne der sächsischen Armee. — —
So nahte der Abend heran und die Studenten ziehen mit Fackeln in den Händen im langen, von Musikbanden begleiteten Zuge vom Festplatz nach der Stadt und durch die Straßen, und als sie auf dem Marktplatz den Zug beenden, tönt brausend unter dem Zusammenwerfen der noch glimmenden Fackeln ihr »Gaudeamus igitur« zum sternenbesäten Himmel empor. — — Auf dem Festplatz aber geht es bis spät in die Nacht lebhaft zu, wenn auch der Tanz mit der elften Stunde sein Ende erreicht. Aber Alles verläuft in schönster Ordnung und die Communalgarde, welche den Aufsichtsdienst in diesen Festtagen mit versah, rückt ebenfalls, begleitet von Weib und Kind, in der Nacht wieder in die Stadt ein, im erhebenden Bewußtsein, auch in diesen Tagen ihrer beschwornen Bürgerpflicht gewissenhaft genügt zu haben. — — — Ja — die Communalgarde — sie war der Kern der Leipziger Bürgerschaft in Waffen und schon ihre öffentlichen Exercitien schufen wahre Volksfeste. Wie es aber bei denselben zuging, dies sei im nächsten Capitel wahrheitsgetreu geschildert.
V.
»Die Communalgarde rückt aus!«
Die Communalgarde Leipzigs, eine Nachfolgerin der 1812 durch den französischen Stadtkommandant auf direkten Befehl des Kaisers Napoleon ins Leben gerufenen Nationalgarde, vereinigte in ihren Reihen die sämmtlichen zum Waffentragen geeigneten, gesunden Bürger Leipzigs aller Stände ohne Unterschied. Sie hatte den Zweck, gewissermaßen das damals nur wenige Militair durch Mitübernahme des städtischen Wacht- und Sicherheitsdienstes gewissermaßen zu entlasten. Eine ihrer Abtheilungen hatte bei Ausbruch von Schadenfeuern stets die Cordons zu ziehen, indeß eine andre allabendlich eine Wache im Stockhaus am Naschmarkt bezog. Kriegerisch thätig ist die Communalgarde, außer 1849 im Aprilaufstand zu Leipzig, bei welchem die Bürgergarde im Kampfe mit den Aufständischen drei Mann verlor, nie gewesen. Sie war eine friedliche Truppe und selbst die Wache im Stockhaus war wohl mehr der Form als der Nothwendigkeit wegen vorhanden. Kriegerische Lorbeeren waren bei dieser »Käsekuchen-Wache«, wie sie im Volksmunde hieß, von vorn herein ausgeschlossen, da sich das Wachtlokal dicht neben der Polizeiwache befand, so daß man nicht wußte, ob die Communalgarde zum Schutze der Polizeiwache, oder diese zum Schutze jener vorhanden sei.
Das Einexerciren resp. Trillen der neu eintretenden Mannschaften erfolgte gewöhnlich im »Wettiner Saal«, einem jetzt ebenfalls verschwundenen Tanzetablissement, welches in der »blauen Mütze« ziemlich versteckt lag und Sonntags den Soldaten und Dienstpersonal als Vergnügungsstätte diente.
Zum Eintritt in die Garde war jeder Mann verpflichtet, der das damals nur mit großen Kosten zu erlangende Bürgerrecht erwarb.
Nun — in jenen idyllischen Zeiten, wo nur wenig Militair vorhanden war, gönnte man den wackeren Bürgern gern die harmlose Spielerei, ab und zu im militairischen Kleide, angestaunt von den Ihrigen, zu prangen, und wenn auch jeder einzelne Gardist über die dienstliche Schuriegelei, wie er es nannte, raisonnirte, innerlich war er doch gern dabei; gab es doch dadurch manche Gelegenheit, der strengen Aufsicht der Frau Gemahlin ab und zu unter dem Vorgeben dienstlicher Abhaltung ein Schnippchen zu schlagen, zumal Aermere stets kameradschaftlichst von den besser Situirten mit durchgeschleppt wurden, wenn die Zahl der Mai- und anderen Bowlen auf Wache bedenklich wuchs oder der nie fehlende Käsekuchen zu delikat war und noch andere lukullische Genüsse nach sich zog.
Und nun erst, wenn es hieß: »Die Communalgarde rückt aus!«
Dieses Ausrücken fand in der Regel monatlich einmal im Sommer statt und endete mit einem Exerciren im Feuer, zu welchem Zwecke jeder Gardist 4—6 Platzpatronen und ein Dutzend Zündhütchen empfing. War ein solcher feierlicher Tag gekommen, so entstand schon gegen Mittag das lebhafte Treiben eines Volksfestes in den Straßen. Von 1 Uhr an sah man die Gardisten in möglichstem Glanz, angethan mit Ober- und Untergewehr, zur Feier des Tages »auf Befehl« in weißen Unaussprechlichen, den Sammelorten ihrer Compagnien zuschreiten. Und etwas später trabten die Angehörigen der schmucken Escadron, mit ihren weißen Mänteln auf dem Rücken, ebenfalls denselben zu. Diese, nach der Uniform der sächsischen Gardereiter gekleidete Escadron, aus besonders günstig situirten Leuten gebildet, welche auf eigenen Pferden gut beritten waren und die auch ein eigenes Corps gut geschulter Trompeter hatte, bildete einen Glanzpunkt des ganzen Auszugs. Der zweite und für die Meisten bedeutendste Glanzpunkt aber war die vorzügliche unter Meister Wenck’s kunstsinniger Leitung stehende Musik der Communalgarde. Wenn die einzelnen Bataillone von ihren verschiedenen Sammelpunkten zusammengetroffen, was meist an der östlichen Promenade geschah, so dehnte sich die Aufstellung der 4 Bataillone vom Blücherplatz bis zur Post aus und hier wurden die Leute von ihren selbstgewählten Unterofficieren und Officieren rangirt. Commandant war meist ein zu diesem Zwecke von der Armee abgegebner Subalternofficier, Ende der fünfziger Jahre Oberlieutenant Neumeister, der aber hier Majorsepauletten trug. Schon bei dem Rangiren auf dem Stellplatze ging es nicht ohne drollige Scenen ab.
»Aber — heern se Gevatter Lehmann — ä gleenes Bischen besser hätten se doch wees Gott de Kneppe an der Montirung butzen kennen, mer gomm’n orndlich in’n Verruf mit unser Gorporalschaft!«
»Ich hat grade keen Spiritus derheeme un meine Kleene hats Gnobholz als Linial mit in de Schule genomm’n und dort liegen lassen!«
»I nu wenn och — — un Sie — — Brickner — ham Gott Strampach gar statt de weißen, meisegraue Hosen an — nee, da heert Alles uff!«
»I — meine Frau — das Luderchen war rackrig, weil se heite emal zu Hause bleib’n muß un — richtig — wie ich in de weißen Hosen fahren will — sin se noch klitschennaß — —«
»Na aber — da gonnten Se doch wenigstens schwarze anziehn!«
»Die hatten vor’n Jahre hinten ä Knacks gekriegt un da hab’ch se mein Adolf zur Confirmation machen lassen un Geld zu ä baar neien hat’ch noch nich!«
Vor und hinter der Front trieben sich natürlich und zwar möglichst in der Nähe ihrer im militairischen Schmuck prangenden Erzeuger, Hunderte von Jungen aller Altersclassen herum.
»Du — das is mei Vater!«
»Welcher denn!«
»Der mit dem rothen Fähnchen uff der Flinte — wees de, was der is? Gorporal is er, und weil er die kleene Fahne hat, nennt mer’n ooch Schallonär!«
»Der Kleene mit den krummen Beenen?«
Furchtbare Keilerei folgte diesen Worten.
Endlich kam der Commandant mit seinem Adjutanten angaloppirt. Die Compagnien standen rangirt und marschfertig.
»Ich bitte Eich blos«, flehte ein Hauptmann seine Leute an, »macht mer ene ordentliche Schwenkung, un ja Keener links statt rechts um, die Studenten ham’s eemal heute wieder reene uff uns abgesehen, und looft nich so durchenander, wie de Horburger Zwiebellaatscher — —«
»Achtung!« commandirte der Commandant, »zu Zweien abgezählt — — Zweien ausgerückt — — rechts um — — vorwärts Marsch!«
Die prächtige Musik fiel ein, die Trompeten der Escadron erklangen, die Keilerei der Jungen endete mit einigen letzten Püffen und Kopfnüssen, und wie eine buntschillernde Schlange wand sich der Stolz der Leipziger Frauen und Kinder im möglichsten Gleichtritt um Promenade und zur Gerberstraße oder dem Rosenthalthore hinaus dem kaum zehn Minuten entfernten alten Exercirplatze zu.
»Meester — se ham rechts statt links!«
Der Angeredete hoppste mit den Füßen.
»Se ham zweemal gehoppst statt blos emal, Se ham immer noch rechts!«
Der Sünder brummte etwas in den Bart, hoppste aber noch einmal, diesmal besser. — —
»Heinrich — kommt Deine Alte och ’naus?«
»Na — ob — de ganze Familie — S’is aber ooch zu scheene heite! — — —«
Auf dem alten idyllisch gelegenen Exercirplatz der damaligen kleinen Garnison, der zwischen Gohlis und der Gerberstraße — weiter erstreckte sich damals die Stadt nicht — liegt und der das Rosenthal im Rücken hat, standen zu den Zeiten, wo die Communalgarde exercirte, riesige Restaurationszelte aufgeschlagen, deren bunte Fahnen und Wimpel gar lustig im Winde wehten. Lager- und Bayerisch Bier, aber auch Braunbier in steinernen Flaschen, sowie Gose, vor Allem aber die Düfte, welche die in den Blechkesseln brodelnden Stöpelschen echten Wiener Würstchen verbreiteten, ließen lucullische Genüsse erwarten, und Mancher der nach dem kurzen Marsch auf den Platz rückenden Gardisten hob schon von der Ferne schnüffelnd sein Riechorgan und ein mildes Lächeln verdrängte die finstere Miene von der Stirn des von der Schwere eines viertelstündigen Marsches angegriffenen kriegerischen Bürgers. Der Commandant, der seine Leute kannte, hatte denn auch ein Einsehen, denn nach glücklich vollzogenem Aufmarsch ließ er die Gewehre zusammensetzen und die Mannschaften wegtreten. Die den Marsch begleitenden oder ihm vorausgeeilten Frauen oder Kinder der gewappneten Bürger hatten mittlerweile bereits in ihrem Stammzelte Quartier gemacht und empfingen nun den Gatten und Vater, und nun flogen die befrackten dienstbaren Geister, daß es eine Lust war.
»I Herrjeh, Meister Werner, is denn das Ihr Kleenster? Wie alt is er denn?«
»Elf Monate — ä dichtiger Kerl, nich wahr?« antwortet der Meister stolz und setzt das bewußte jüngste Glied seiner zahlreichen Familie auf seinen Schoß. Plötzlich aber hebt er höchst ärgerlich den Knaben empor und übergiebt ihn den Händen der ahnungsvollen Gattin.
»Schweinigel!« murmelt der glückliche Vater erzürnt, »s’is mer, weeß Gott, durch un durch gegangen!« und eifrig wischt er an seinen unschuldsfarbenen Unaussprechlichen.
Da rufen die Hörner zum kriegerischen Dienst und die Gardisten streben mehr oder minder eilig ihren Compagnieplätzen zu.
»Heernse Müller —« sagt der Hauptmann einer Compagnie — seines Zeichens sonst Advocat und deshalb etwas streng im Dienst, zu einem Gardisten, der in einer Hand das Gewehr, in der andern ein Paar dick mit Senf bestrichene Wiener Würste mit Semmeln hält »das nehm’s Se mer aber nich ibel — komm’n Se gar mit den Würsten in der Hand ins Glied geloofen, da heert doch alles uff!«
Der Angeredete hat mittlerweile zwei so riesige Bissen von den Würsten und der Semmel genommen, daß er — im Begriffe zu antworten — ein Stück Wurst in die unrechte Kehle kriegt; er verdreht schrecklich die Augen, so daß ihm sein Rottenmann freundschaftlich und hilfreich wiederholt ins Kreuz pufft, worauf ihm ein kräftiger Hustenanfall wieder die zur Existenz nothwendige Luft verschafft.
»De Schinderei is zu arg« murmelte er pustend, »nich ä mal seine beeden Würstchen gann mer in Ruhe verzehr’n!«
»Müller! Wenn Se nu de Würste nich gleich verschwinden lassen, zeige ich Sie an und sie kriegen ä baar Strafwachen!« raisonnirt der Hauptmann weiter.
»Herrjeh — wo soll ich se hinthun — ich gann se doch nich ins Gras schmeißen?«
»Weeßt De, Emil«, flüsterte ihm sein Hintermann zu, »steck se in de Patrontasche!«
»Du — da hast De Recht!« Erfreut öffnet Müller die Tasche, da sieht er die Platzpatronen.
»Nee —« sagt er weiter, »das geht nich — die heeßen Wärschte und das Pulver — wenn nachher die Geschichte losginge — — —« und mit heroischem Entschluß schenkt er die trockne Semmel einem hinter der Front stehenden Knaben und schiebt dann mit einem Mal den Rest der beiden Würstchen in den Mund. — — —
Das Exerciren beginnt und stolz und staunend sehen die Familienglieder, wie ihr Gatte und Vater im Schweiße seines Angesichtes rechts und links um macht, schwenkt und aufmarschirt.
»I du meine Gite!« sagte Frau Schulze zur Frau Meier. »Sehen Se blos — se laden werklich de Gewehre — wenn nur meiner nischt neinthut in seine Flinte, denn der hat allemal Malheur damit — un losgehn thut se doch nicht!«
Die muthigen Gardisten bereiten sich nun auf Befehl des Commandeurs zum Sturm auf die am oberen Wege beim Eingang von Gohlis sitzende alte Obstfrau vor. Die Plänkler rennen im soliden Hundeträppchen vor die Front und zeigen durch allerhand schreckliche Geberden mit der guten alten Flinte einem unsichtbaren Feind an, daß sie ihm mit der ganzen Tapferkeit alter schlachtergrauter Germanen an den Kragen gehen wollen; die Musik fällt rauschend ein, was die Courage der Plänkerer sichtlich erhöht, die Tamboure wirbeln — die Bajonette senken sich —
»Zur Seite Gewehr! — Vorwärts — Laufschritt — Hurrah! — — Haalt! — — Legt an! — Feuer!« — — Prasselnd krachen die Schüsse aus den Gewehren und der angenehme Geruch des Pulverdampfes steigt kitzelnd und erhebend in die Nasen der tapferen Gardisten und macht ihren Busen in Kampfesmuth schwellen.
»Heite sin wenigstens die Hälfte Gewehre losgegangen«, sagt die alte Pauline, die obenerwähnte Obstfrau, welche die Leistungen der Truppe infolge langjähriger Beobachtungen gleich einem Commandanten zu beurtheilen vermochte, »so scheene fällts nich allemal aus!« — — —
Die kriegerischen Uebungen neigen sich ihrem Ende zu. Die Compagnien nehmen am oberen Wege Aufstellung mit der Front nach den Zelten. Der Commandant reitet auf die linke Seite in der Mitte der Entfernung zwischen Garde und Zelten. Der Schlußactus des Exercirens, der Vorbeimarsch in Compagnien, in Parade vor dem Commandeur, beginnt.
»Das mer Alles mit dem linken Beene antritt un nich wieder welche mit’n rechten, wie’s letzte Mal Viele, und der rechte Flügel immer e Bischen eingezogen marschirt, die uff’n linken Flügel ham nich solche lange Beene wie Sie, meine Herrn von rechts, un bleiben sonst zurück! Herr Leitnant Krause, wenn die Compagnie vor uns sich in Bewegung setzt, zählen Sie recht laut die Schritte; das Defilliren is mit dreißig Schritt Abstand befohlen! — Passen Se also ja gut uff!«
Die Abtheilung der Trommler schlägt ein und schreitet vorwärts, hinter ihr folgt die Musik.
»Bum!« schlägt die große Trommel an und mit einem kriegerischen Marsch fällt die Musik ein.
»Erste Compagnie zum Defiliren in offener Colonne! Vorwärts, Marsch!«
»Eins — Zwei — Drei — Vier — Fünf — Sechs!«, zählt der diensteifrige Lieutenant.
»Kinder, paßt gut uff!« ruft der Hauptmann.
»Zwölf — Dreizehn — Vierzehn — Fünfzehn — —«
»Gewehr in die rechte Hand!«
»Vierundzwanzig — Fünfund — — —«
»Compagnie — Vorwärts — — Marsch!«
»Links — links — links — Augen links!«
Die Gardisten wenden das Angesicht nach links, dem salutirenden Commandanten zu, an dem sie jetzt in passabler Richtung vorbeimarschiren.
»Ueber’s Gewehr! — Los — rechts um — links schwenkt — sooo — sehn Se meine Herren, so muß es immer gehen! — Ham Se gesehen, Leitnant Krause, wie dem Herrn Commandant unsere Compagnie gefiel? Na — wir trinken nachher noch ein Fäßchen kameradschaftlich auf meine Kosten! Setzt die Gewehre — — zusammen! Tretet ab!«
»Weißt Du, Paul«, sagt die junge niedliche Frau des Apothekers Krause, indem sie zärtlich den mit der weißen Binde geschmückten Arm des ihr erst vor Kurzem angetrauten Gatten faßt — »Du siehst in Deiner Lieutenantsuniform wie ein junger Kriegsgott aus.«
Der geschmeichelte Lieutenant lächelt beglückt und nimmt sich zum Dank für diese Lobrede ernstlich vor, seinem kleinen Weibchen die Mantille, die ihr bei Steckner so gut gefallen hat, gleich morgen zu kaufen, sie muß seiner Lili reizend stehen.
Im Hauptzelt aber, mitten unter den Bürgergardisten, sitzt der Commandant und eine Anzahl Officiere, ebenfalls meist mit den Ihrigen, und hier kommt auch Gott Bacchus zu hohen Ehren, bis der Abend herannaht und die Truppe wieder zum Gewehr eilt, um in die Stadt zurückzumarschiren und am Stellplatz auseinanderzugehen. Vater gab dann wohl seinem Aeltesten oder dem eigens dazu beorderten Lehrbuben die feuerspeiende Waffe zum Heimtragen und ließ dabei Mutter sagen, daß er noch wegen verschiedener dienstlicher Besprechung ins Versammlungslokal der Compagnie müßte und deshalb leider noch nicht nach Hause kommen könnte. Mutter wußte aber ganz genau, was dies zu sagen hatte, drückt aber für heute ein Auge zu. — — —
»Sagen Se mal, Frau Nachbarin, wenn ist denn Ihr Mann nach Hause gekommen, meiner kam glücklich um Dreie!«
»Na — meiner erst — ’s war ooch um die Zeit — na — un gekooft hatt’r sich Een!«
»Ich hab’ mein’n aber ticht’g de Wahrheet gesagt!«
»Wissen Se — das kann ich bei meinem Mann nich, denn wenn er de Uniform anhat — da hat er seine militair’sche Laune — aber er kriegt sein Fett noch — warten Se nur!« — — —
Das war die wahrheitsgetreue Schilderung eines Sommernachmittags, an dem es hieß: »Die Communalgarde rückt aus!«
Längst ist diese Institution schlafen gegangen, aber wenn dieselbe auch keinerlei politischen Werth mehr hatte, so brachte sie es doch mit sich, daß sich die verschiedenen Kreise der Bürgerschaft näher traten, als dies jetzt möglich ist. Mancher Freundschaftsbund ward durch sie geknüpft, der noch bis zum heutigen Tage in alter Treue fest besteht, und darum ist sie es wohl werth, nicht ohne Weiteres als etwas längst Abgethanes, Veraltetes und Lächerliches vergessen zu werden.
Druck von Fr. Bartholomäus, Erfurt.
VI.
Der »hohe Seeler!«
Menschen, welche vermöge der angeborenen oder angewöhnten Originalität ihres Aeußeren, oder ihres Lebens oder Charakters eine besondere Beachtung finden, können nur in kleineren und allenfalls in Mittelstädten gedeihen. Im Getriebe der Großstadt treten sie um so weniger hervor, als in dem großstädtischen Hasten und Jagen nach Erwerb und des Lebens sonstigen, oft nur eingebildeten Gütern, der Einzelne nur wenig hervortritt oder seine Originalität nur einem kleinen Kreise bekannt wird. Diese — sogenannten — Originale theilen sich entweder in solche, welche ihren Wirkungskreis in das öffentliche Leben und Volkstreiben verlegen und andererseits wieder in solche, welche sich vom Verkehr mit der übrigen Welt möglichst abschließen, und wenn Erstere eben durch ihren Verkehr mit dem übrigen Publicum schnell bekannt werden, so geschieht dies in der Regel erst recht, wenn sich ein Mensch inmitten des bürgerlichen Lebens von der übrigen Welt aus irgend einem Grunde abzusondern versucht. Die liebe Neugierde, welche oft selbst da Geheimnißvolles sucht, wo ganz und gar nichts zu verbergen ist und die Verhältnisse offen vor Jedermanns Auge liegen, entwickelt in solchen Fällen eine kaum glaubliche Phantasie, und vermag man absolut nichts in den pecuniären Verhältnissen des sich Abschließenden zu entdecken, so kommt man schließlich auf allerlei Vermuthungen, von denen meist eine immer toller ist als die andere, keine aber toll genug, als daß sie nicht Glauben und ihre Nachbeter und Vergrößerer fände. Genau so liegt die Sache auch bezüglich derjenigen Originale, welche im öffentlichen Leben verkehren, und dasselbe geradezu aufsuchen, wenn die sonstigen Verhältnisse derselben nicht näher bekannt sind. Ein wahrer Sagenkreis spinnt sich bald um die betreffenden Personen und es ist kein Wunder, wenn sich dieselben zuletzt auf ihre Originalität selbst Allerlei einbilden und eine Beachtung finden, die sie im Grunde eigentlich in keiner Weise verdienen.
Auch in unserem Leipzig hat es, als sich seine Einwohnerzahl noch in den bescheidenen Grenzen des dritten Viertels vom ersten Hunderttausend bewegte, also vor 30—40 Jahren, niemals an Originalen gemangelt, und dieselben waren bei dem damals noch geringen Stadtumfang Jedermann wohl bekannt.
Eines derselben führte im Volksmunde den — mindestens seltsamen — Namen: »Der hohe Seeler!«, und trotz des eigenthümlichen Beiwortes war er von den damaligen bekannten Stadtoriginalen nicht blos das älteste, sondern auch ein sehr ehrenwerther Mann.
Ein gewissermaßen romantischer Winkel des alten damaligen Leipzigs war die kleine Burggasse, damals eine Sackgasse, welche westwärts nur einen Ausgang durch die schmale kaum mannshohe Hausflur einer an der Pleiße liegenden Fischerhütte hatte. Vorn, quervor — kaum zehn Schritte von der Zeitzer Straße — dem jetzigen Peterssteinweg — bis zwei Drittel in die Gasse hineinragend, stand angelehnt an das alte Bezirksgericht, nur links eine schmale Passage nach dem hintern Theil der Gasse lassend, das kleine Töpferhaus mit seinem Wahrzeichen über der Thür; hinter ihm war rechts die Mauer des Bezirksgerichts. Kaum zwanzig Schritte weiter, auf der linken Seite, nur rechts eine kleine Passage lassend, stand ein anderes kleines Haus, in welchem Dirnen zur Miethe wohnten. Hinter diesem Hause aber erhob sich — ein Wahrzeichen des damaligen Leipzig — thurmhoch und langgestreckt das »hohe Seilerhaus«, angestaunt, nicht blos von den Leipzigern, sondern auch, besonders zur Meßzeit, von vielen Fremden ob seiner gigantischen Höhe. Bis zum siebenten Stockwerke war es bewohnt, dann kamen einige Etagen Böden und zuletzt das langgestreckte, von einem Gitter umgebene flache Dach, auf welchem der Besitzer des Hauses, Seilermeister X. in alleiniger Gesellschaft eines das Rad drehenden Jungen und der das Haus umschwärmenden Vögel seine Spinnbahn aufgerichtet hatte. Oft, wenn stürmische Winde das Haus umsausten, so daß die Dachsparren knarrten und die Dachbalken seufzten, mag es wohl dem Jungen unheimlich auf der luftigen Höhe geworden sein, aber der Meister schien unempfindlich gegen das Walten der Elemente, ruhig und sicher setzte er seinen Rückschritt fort, selten kam ein Wort über seine Lippen, wohl aber blieb er manchmal wie träumend stehen und warf einen Blick auf das prächtige Rundgemälde, welches ihm die Natur hier oben auf der Höhe seines Hauses bot. — Das war im Sommer und allenfalls an schönen Frühjahrs- und Herbsttagen; im Winter und bei rauhem Wetter, das letzte Jahrzehnt seines Lebens aber, als ihm wohl seine allmälig abnehmenden Kräfte das Ersteigen der vielen Treppen nicht mehr gestatteten, das ganze Jahr über, hielt er sich in seinem Verkaufsgewölbe in der damaligen Zeitzer Straße auf und hier war es wo seine Originalität im Verkehr mit dem Publicum immer mehr bekannt wurde, ihm aber auch zugleich zu dem von uns bereits erwähnten Beiwort verhalf.
Johann Gottfried X. war im Jahre 1790 in Liebertwolkwitz geboren; nachdem er das Seilerhandwerk erlernt hatte, sowie kurze Zeit auf der Wanderschaft gewesen war, zog er kurz nach der Völkerschlacht nach Leipzig, wo er im Jahre 1818 das Bürgerrecht erwarb und sich als Seilermeister niederließ. Schon nach einigen Jahren erkaufte er das damals Zeitzer Straße Nr. 4, jetzt Peterssteinweg Nr. 5 gelegene, freilich damals viel niedrigere, unscheinbare Haus, das sich jetzt — 1866 umgebaut — um vieles freundlicher präsentirt. Im Parterre des schmalen Häuschens, neben dem Hauseingang, befand sich der noch nach alterthümlicher Weise mit schmaler Bogenthür und vergittertem Fenster versehene Laden, dessen eisenbeschlagene Thür und Fensterladen zur Nachtzeit inwendig an Vorlegebalken angeschraubt wurden. Hinter dem selbst zur Tageszeit stets halbfinstern Laden befand sich ein Raum, der eigentlich eine Ladenstube sein sollte, der aber damals dem Meister zur Aufbewahrung von Oel, Fett, Hanf, Roßhaaren, Stricken und Seilen etc. diente. Der Laden machte schon an und für sich keinen freundlichen Eindruck, obwohl man damals durch keinerlei Eleganz verwöhnt war. Hatte doch damals selbst Gustav Steckner’s schon zu jener Zeit bedeutendes Modenwaarengeschäft nur zwei winzige Auslegefenster und unter seinen Geschäftsräumen sogar die meist von den ärmeren Volksklassen frequentirte Schank- und Speisewirthschaft der Mutter Jummel, deren Düfte den die Auslagen bewundernden Damen in die Näschen stiegen. Aber der an nur etwas Sauberkeit gewöhnte Besucher oder Käufer fuhr denn doch ein Wenig zurück, wenn er unvorbereitet den Seilerladen betrat. Thüren und Fenster, Ladentisch und Regale, Wände und Dielen, ja selbst länger liegende Waaren waren von einer förmlichen Schmutzkruste überzogen. Gewaltige, dicke Netze von Spinnweben hingen in den Ecken und an den aufgestapelten Pech- und Oelfässern, so daß man sofort merkte, daß hier gewiß seit Jahren keine reinigende Hand thätig gewesen war. Das Glanzstück des Ganzen aber, wenn man hier anders vom Glanze des Thrans, Oels und Talgs reden darf, war der Besitzer dieses zierlichen Ladens in eigner Person. Eingehüllt in einen uralten, defecten Schlafrock oder Ueberrock, im Winter auch in einen alten Schafpelz, welcher die hagere Gestalt vom Hals bis zu den Füßen einschloß, auf dem Kopfe eine alte Schirmmütze, Alles aber überzogen mit einer dicken Kruste von Schmutz, kein Zeichen von Wäsche verrathend, hauste hier einsam und allein Jahre lang, bis in sein hohes Alter der Besitzer all dieser Herrlichkeiten.
Und doch war Meister X. nicht blos ein vermögender, sondern, wenigstens nach damaligen Begriffen, sogar ein reicher Mann zu nennen. Was machte ihn zum Sonderling? War es Menschenfeindlichkeit oder Geiz, der ihn verursachte diesen öden, trostlosen Aufenthaltsort lieb zu gewinnen? — Keines von Beiden! — Denn in des Alten Brust schlug trotz seiner Einsilbigkeit und Absonderung von den Menschen ein warmes mitfühlendes Herz, das wußten die Armen Leipzigs am besten, von denen Keiner unbeschenkt den Laden verließ. Am meisten aber kam sein Wohlthätikeitsgefühl zum Ausbruch, wenn die Weihnachtszeit herannahte, und in den letzten Tagen vor dem Feste war ein Gedränge von Jung und Alt, vom frühen Morgen bis zum späten Abend vor dem Laden, denn es war männiglich bekannt, daß »der hohe Seeler« keinen Käufer ohne Weihnachtsgeschenk entließ, war auch das Kaufsobject noch so gering und der Kaufende nur ein sogenannter Weihnachtskunde, der sich sonst das ganze Jahr über nicht wieder sehen ließ. Daß natürlich diese Freigebigkeit speculativ ausgenutzt wurde, ist selbstredend, und zwar am meisten von der lieben Jugend, die auf solche Weise kleine Weihnachtsgeschenke für Geschwister und Eltern billig erwarb; ja die Kinder einzelner Familien behandelten die Gelegenheit theilweise geschäftsmäßig, indem immer eines abwechselnd wieder zu dem Alten ging, bis die wenigen Sparpfennige alle waren.
»Meester mir eene Schachtel Streichhölzer vor zwee Pfenn’ge!«
Der Käufer erhielt seine Streichhölzer und ein warmes Halstüchelchen im Werthe von fünfzig Pfennigen zu.
»Mir vor e Dreier Brennöl!«
Ein rothgemustertes baumwollenes Taschentuch erfolgte als Zugabe.
Eine arme Frau mit einem blassen Kind auf dem Arme legte einen Vierpfenniger auf den Tisch und ließ suchend ihre Augen umherschweifen, als wüßte sie nicht, was sie für dieses Geld, ihr einziges, nehmen sollte.
»Nu?« frug endlich der Alte mürrisch.
Aber ehe die Frau antworten konnte, schob er ihr den Vierpfenniger wieder zu, nahm von unten ein gutes warmes Kopftuch für die Frau und eine warme gestrickte Jacke und Mütze für das Kind, legte es vor beide hin und kehrte sich ab, bis die Frau den Laden verlassen hatte.
»Meester — ne Schachtel Streichhölzer vor zwee Pfenn’ge!«
»Du — Du! Du warst schon zweemal da!«
»Ich? — Nee Meester — ich nich!«
Der Alte nahm ein Halstuch.
»Ach Meester! — So eens habe ich schon!« sagte der Junge sich selbst verrathend.
»Siehste — Bengel?«
Aber er erhielt trotzdem das gewünschte rothe Taschentuch für den Vater. — — —
So ging es fort und man kann sich wohl ausrechnen, daß diese vielen Hunderte von Geschenken allein einen großen Betrag ausmachten, abgesehen von den vielen Unterstützungen, die der »hohe Seeler« thatsächlich so gab, daß — wie die Schrift sagt, »die Rechte nicht sah was die Linke gab.«
Auch Meister X. war einst ein lebensfroher Mann gewesen, aber seit er Ende der dreißiger Jahre von seiner Frau geschieden wurde, zog er sich immer mehr und mehr von der Gesellschaft Anderer zurück und wurde ein einsamer Mann. Am 12. Oktober 1865, im Alter von 75 Jahren, starb er, einsam wie er gelebt. Sein Sterbelager soll ein Haufen Roßhaare in seiner Ladenstube gewesen sein. Das »hohe« Seilerhaus fiel beim Neubaue des jetzigen Gerichtsgebäudes und der Anlegung der Harkortstraße.
VII.
Kramerlehrling und Gehilfe.
Wenn man jetzt, in unserer Zeit der Gewerbefreiheit, der Freizügigkeit, aber auch des Börsenschwindels, und vielfachen unsoliden Geschäftsgebahrens, in unserer Zeit, welche an Stelle des praktischen Erlernens der Kaufmannschaft fast nur die theoretische Ausbildung gesetzt hat, und dadurch überhaupt diese Ausbildung zum fermen, in allen Zweigen gewandten Kaufmann geradezu zur Seltenheit macht, zurückdenkt, wie sorgfältig selbst in kleinen Geschäften vor 40 Jahren diese Ausbildung erfolgte, so kann man nicht umhin, ob der jetzigen Oberflächlichkeit den Kopf zu schütteln. Wohl giebt es auch jetzt noch eine große Anzahl von Kaufleuten, welche ihre Kenntnisse in allen Zweigen kaufmännischen Wissens möglichst zu vervollkommnen streben, allein dieselben bilden jetzt eine wahrhaft erschreckende Minderzahl. Nicht jeder Lehrling ist in der pekuniär glücklichen Lage, eine Handelsschule während seiner Lehrzeit besuchen zu können, und da die Chefs jetzt entweder selbst nur einseitig gebildet sind, oder sich nicht die Mühe nehmen, ihre Kenntnisse auch im Laufe der Lehrzeit dem Lehrling mitzutheilen, weil sie entweder selbst zu beschäftigt sind oder dies überhaupt für überflüssig halten, so kommt es, daß der jetzige Handlungsgehilfe oft von den Zweigen der Handelswissenschaften, in welchen er während seiner Lehrzeit nicht beschäftigt wurde, nicht einmal die einfachsten Kenntnisse besitzt. Commis, welche tüchtige Decorateure oder Verkäufer und Reisende sind, haben oft nur ganz mangelhafte Ausbildung in der Buchführung etc., und ebenso ist es umgekehrt der Fall. Daher kommt es auch, daß so viele, eben nur in einem Fache, also einseitig ausgebildete junge Kaufleute schnell herunter kommen, wenn sie einmal stellenlos werden, weil sie eben vermöge ihrer einseitigen Ausbildung andere Stellungen als die gewöhnten nicht auszufüllen vermögen.
Etwas ganz Anderes war dies in den Zeiten vor der Gewerbefreiheit, wo die Ausbildung des Lehrlings nach allen Seiten zwischen Lehrherrn und Lehrling eine contractlich ausgedungene war, und daß der Lehrherr auch seinen Verpflichtungen nachkam, dafür sorgte die Oberaufsicht und die Gehilfenprüfung durch die Oberhäupter der »Kramer-Innung«.
Freilich waren damals die Lehrherren selbst nach allen Seiten hin kaufmännisch gebildet, und der Fall, daß ein solcher sich lediglich deshalb einen Buchhalter hielt, weil er selbst eben nicht viel von der doppelten Buchführung verstand, war damals fast undenkbar. Ebenso hatte sich das allgemeine Geschäft noch nicht in so viele Specialitäten getheilt wie jetzt, dazu kamen damals viel verwickeltere Geld-, Maß- und Gewichtsverhältnisse, deren Kenntniß eine unbedingt nothwendige war und welche den Jüngling zum fortwährenden Rechnen geradezu zwangen. Selbst dem simplen Lehrling eines kleinen Materialwaarengeschäftes blieb z. B. das Bankwesen nicht fremd. Er mußte wissen, daß vier Thaler Conventionsmünze sieben süddeutsche Gulden werth waren, ebenso mußte er preußische und andere Goldstücke genau nach ihrem jeweiligen Cours kennen, ebenso den Cours der Hunderterlei in- und ausländischen Cassenscheine, Banknoten und Coupons, er mußte mit der Goldwaage Bescheid wissen, wenn ihm ein von irgend einem menschenfreundlichen Cravattenfabrikanten (Wucherer) beschnittener Ducaten zur Zahlung vorgelegt wurde, er mußte schnell die an dem Goldstück fehlenden »Aß« und daraus wieder den geringeren Werth (vom Courswerth) desselben zu ermitteln verstehen etc. etc. Und andererseits, im Manufacturwaarenfach mußte er wissen, daß das Yard = 1⅞ Leipziger Ellen, das »Schock« Leinwand und Handtücher 60 Ellen, 6 Berliner = 7 Leipziger, 5 Brabanter = 7 Leipziger Ellen, daß das »Pack« seidener schweizer Taschentücher 7 Stück derselben enthielt, daß ein »Stein« Wolle = 20 Pfund und eine »Tonne« = 20 Centner war, er mußte blitzschnell ausrechnen können, welchen Einkaufspreis die Leipziger Elle in Neugeld hatte, wenn die Berliner Elle Buckskin 42 gute Groschen (24 = einen Thaler) zu stehen kam. Auch das damals bedeutend höhere Porto, welches in den verschiedenen Staaten Deutschlands stets differirte, zwang ihn zum Rechen; lag ihm doch als Lehrling die alleinige Führung und Verantwortung über die Portocasse ob. Und nun erst die Cassenscheine und Banknoten der vielen Einzelstaaten und Privatgesellschaften, da gab es welche, die heute mit ¼, morgen mit ⅜ und übermorgen mit ⅙% unter dem Nennwerth angenommen wurden, die Oesterreicher mit ihrem schwankenden Cours, die wilden und — — die gefährlichsten — die verfallenen. Der Courszettel mußte also damals schon vom Lehrling sehr fleißig studirt werden.
Alles dies aber machte den Lehrling umsichtig. Aber was ihm dabei ein gewisses Selbstgefühl gab, war das Bewußtsein, einer mächtigen, alten und hochangesehenen Corporation, wenn auch zunächst nur als deren niedrigstes Glied anzugehören. Er wußte, daß, wenn er seine Pflichten getreu erfüllte, auch sein Lehrherr ihm gegenüber sehr ernst verpflichtet war, und Beide nahmen daher die Sache nicht so leicht, wie dies zum großen Teil jetzt geschieht.
Das Kramerhaus zu Leipzig.
Kurz nach Ostern jeden Jahres, wenn die Confirmationsfeierlichkeiten vorüber waren, fand auf dem Kramerhaus im Saale desselben in feierlicher Sitzung der versammelten Innungsmitglieder unter Leitung des »amtsführenden Kramermeisters« zunächst die Freisprechung der »ausgelernten« Lehrlinge und darauf in einer zweiten Sitzung die ebenso feierliche »Verpflichtung und Aufnahme« der neueintretenden Lehrlinge statt. Zu diesem Behufe begaben sich die Angehörigen des Knaben mit demselben und seinem zukünftigen Lehrherrn an dem bestimmten Tage und zu der bestimmten Stunde in das genannte Sitzungslocal, wo die Knaben auf einigen Holzbänken neben einander Platz nahmen. Wie manchem von ihnen, die erst vor wenigen Tagen die trauliche Schule verlassen hatten und nun auch das Elternhaus, wenigstens zum Theil, verlassen sollten, denn meist wohnten die Lehrlinge in der Familie des Principals, klopfte es etwas ängstlich in der Brust, angesichts der stattlichen Reihe alter, theilweise noch mit mächtiger Allongeperrücke oder herausfordernden steifen Vatermördern angethanen und streng aus ihrem einfachen Holzrahmen auf den jungen Nachwuchs herabblickenden Bilder früherer Kramermeister, welche die Wände des Saales zierten.
Mit einem einfachen Gebet ward die Sitzung eröffnet, und nachdem der amtsführende Meister die Anwesenden begrüßt, legte er sowohl den Lehrherren wie den Lehrlingen ihre gegenseitigen Pflichten dar, worauf er dieselben fragte, ob sie bereit seien, denselben jederzeit und in allen Stücken nachzukommen. War dies von den Betheiligten bejaht worden, so nahm der Vorsitzende die neuen Lehrlinge als nunmehrige Glieder der Innung mittelst Handschlages jedes Einzelnen in Pflicht, worauf wiederum ein kurzes Gebet die Feier schloß.
Der Knabe war nun Lehrling und diente von der Pike an, doch war die jeweilige Zeit seiner verschiedenen Verwendung im Laufe der Lehrzeit genau contractlich formulirt und festgesetzt.
Die Lehrzeit betrug in der Regel vier Jahre, das Lehrgeld, welches an den Principal, jedoch nur dann gezahlt wurde, wenn der Lehrling bei ihm Kost und Logis genoß, schwankte, je nach der Größe des Geschäftes, zwischen 300 und 900 Mark, außerdem mußte er noch ein vollständiges Gebett guter Betten mitbringen, welches er während seiner Lehrzeit benutzte, das aber nach Beendigung derselben Eigenthum des Lehrherrn verblieb. Im ersten Jahre mußte der junge Handlungsbeflissne so ziemlich alle Arbeiten machen, welche in der niederen Region, in der er sich befand, vorkamen. War er Materialist, so mußte er bei der täglichen Oeffnung und Reinigung des Ladens helfen, erlernte die Geheimnisse des Zuckerschlagens und richtigen Schwenkens des Kaffeesiebes, er mußte Düten kleben und Kaffee, Rosinen und Mandeln lesen und sah mit Neid auf den Aeltesten (Lehrling), der verzweifelt einige unter seinen Ohren sprossende Haare zu einem Anfluge von Backenbart pflegte und beim Erscheinen feinerer Kundschaft blitzschnell aus dem Contor hervorschoß, um dieselbe mit einem Schwall süßer Reden zu bedienen, wobei er den Kleinen stetig kommandirte oder bei Seite schob. In Manufacturwaaren erlernte er die Aus- und Umpackung der Waaren, die Auszeichnung derselben und das Geheimniß mit der Scheere fadenrecht zu schneiden, die Waarenstöße in schnurgerader Linie aufzuführen und drang in die Anfangsgründe der Wissenschaft der Appretur und des Unterschiedes zwischen Seide, Wolle, Baumwolle und Leinen, sowie der Mysterien vom Gebrauche des Fadenzählers. Dabei gab es Facturen kunstgerecht in die richtige Fächerbreite zu falzen, Briefe zu copiren, Wege zu laufen, das Portobuch und die Portocasse richtig zu führen, allmälig in die Geheimnisse der Farben-Nüancen und das richtige Zusammenpassen derselben einzudringen — und so ging es von Morgens früh bis Abends spät, immer arbeiten, immer Neues zu erlernen, Sonntags und Wochentags, und die Zeit flog dabei schnell vorüber.
Im zweiten Jahre lernte der Materialist selbstständig verkaufen, er begann barfüßige Jungen, die er noch im ersten Jahre voll Hochachtung nach ihren Wünschen fragte, ziemlich von oben herab zu behandeln und ließ sich, wenn dieselben für »n’en Dreier Pfeffer« holten, nicht mehr preußische Dreier für vollwerthig aufhängen; er lernte mit Grazie mit der einen Hand einen Hering und mit der anderen eine sauere Gurke aus den Fässern nehmen, handhabte gewandt den Oeltrichter und verstand der Waage das richtige »Schnippchen« zu geben. Der Manufacturist wurde zur Bedienung bescheiden auftretender Bauersleute oder baumwollene Cravatten kaufender Dienstmädchen zugelassen, er lernte Tuche nach dem Faden reißen, machte die Anfangsgründe der Decoration der Schaufenster durch, überwand jetzt spielend die complicirten Verhältnisse der »Wiener, Brabanter, Berliner und Leipziger Elle, der Yards und der Meter« zueinander, knüpfte allmälig sein halbseidenes Halstuch immer zierlicher um die bescheidenen Vatermörder und spielte kleinen Mädchen gegenüber, die für die Mutter (Mamas gab es damals noch wenig) anderthalb Elle Franzleinwand zur Taillenfütterung holten, den angehenden Schwerenöther.
Im dritten Jahre siedelte der Materialist »aufs Lager« über, erlernte die riesigen Zuckerfässer nachwiegen, den verschiedenen Inhalt der Nudelkisten von außen erkennen, drang tief in die Geheimnisse der Behandlung des »Schweizerkäses« mit Rum ein, zankte sich mit den zahlreichen Frachtfuhrleuten und stellte denselben ihre Frachtbriefe aus, wußte verblaßten Rosinen und Corinthen neuen Glanz aufzuwichsen, röstete den Kaffee in schulgerechter Weise und wußte genau »blauen Menado« von »Perl-Kaffee« zu unterscheiden. Er führte das Lagerbuch, und die während seiner Anwesenheit im Geschäfte nie sein Ohr verlassende Feder gab ihm eine gewisse Würde.
Der Manufacturist hatte die Geheimnisse der Gewebe- und Farbenverschiedenheiten jetzt vollständig überwunden, er verstand, etwas mundfaulen Kunden ihre Wünsche so ziemlich vom Gesicht abzulesen, lernte ein der Kundschaft gefallendes Muster, wenn das Stück nicht mehr genug Inhalt besaß, um den voraussichtlichen Bedarf der Kundin zu decken, rechtzeitig unter der Ladentafel verschwinden zu lassen und der Käuferin oft das Gegentheil des Gewünschten aufzuschwatzen, er entwickelte große Kühnheit und Entschiedenheit in seinen Behauptungen über das, was der Kundin »stehen« und »kleiden« müsse und wußte bescheidene Widersprüche durch ein fast mitleidiges Lächeln auf das Siegreichste zu überwinden.
Im vierten Jahre empfing der junge Kaufmann, entweder von der Hand des Chefs selbst oder dessen erstem Vertreter, die Schlußpolitur, indem er »ins Contor« versetzt wurde.
Da jeder Principal genau wußte, daß damals bei jedem Stellenwechsel eines jungen Mannes stets die erste Frage war: »Wo haben Sie gelernt?« und somit sein Renommee als Kaufmann und als Lehrherr im Besonderen auf dem Spiele stand, so war es Ehrensache für ihn, den jungen Mann gut auszubilden. War er doch nach dem Lehrvertrag verpflichtet, dem »Ausgelernten« eine Stelle als Commis zu beschaffen oder ihn selbst mindestens ein Jahr als solchen mit einer bestimmten Summe zu salairiren.
Der »Dreijährige« oder »Große« lernte nun von der simplen Strazze bis zum Hauptbuch, vom Geschäftsunkostenconto bis zum Bilanzconto die Buchführung gründlich kennen, er drang in die Geheimnisse der Correspondenz, indem er nach Feierabend zahllose stilgerechte Briefe an nur in seiner Phantasie existirende Firmen richtete, in denen er alle nur denkbaren Vorkommnisse von der einfachen Bestellung eines Fasses Schmierseife bis zur Uebersendung complicirter Contoauszüge und der Anzeige discontirter Kundenwechsel mit »Damno«, Zinsenberechnung etc. etc. zur Ausführung brachte, welche Briefe dann sein Chef gewissenhaft prüfte und gemachte Fehler rügte. Der »Dreijährige« Manufakturist verstand jetzt kunstvoll Chales und Saloppen in den vollendetsten Falbenwurf zu bringen, nahm eine Gönnermiene gegen jüngere Markthelfer und Burschen an, verwendete stets von seinen acht guten Groschen Wochentaschengeld 25 Pfennige, um sich Sonntags die Haare kräuseln zu lassen und machte an denselben Tagen weite Spaziergänge in möglichst menschenleere Gegenden, um eine Dreipfennigcigarre aus Propsthaidaer Deckblatt und Stötteritzer Einlage zu maltraitiren, was diese ihm mit rührender Gewissenhaftigkeit wieder vergalt. Er bewegte sich, den ob seiner Weisheit staunenden »neuen« Lehrlingen gegenüber, mit Vorliebe in kaufmännischen Kunstausdrücken, warf mit »Sconto«, »Bilanzen«, »Credit und Debet« um sich und ärgerte sich über sein Rothwerden, wenn ihn eine hübsche Kundin schelmisch anlachte. Die Hauptsache aber war und blieb Lernen, ernstes, eifriges Lernen und — so war es in allen Branchen.
Hatte sich nun aber der Lehrling tadellos gehalten und war der Lehrherr nicht besonders skeptischer Natur, so rief er wohl schon zur Weihnachtsfeier vor Ostern des vierten Jahres den Lehrling ins Contor und theilte dem Hocherfreuten mit, daß er ihm in Anbetracht seiner guten Führung den Rest der Lehrzeit erlasse und von heute ab als Commis betrachte und als solchen salairire.
Das Personal, welches aber in der Regel bereits Wind von dem Vorhaben des Chefs bekommen hatte, trat nach Geschäftsschluß in corpore vor den frischgebackenen Commis und überreichte ihm als Zeichen der Anerkennung seiner neuen Würde und treuer Collegialität Cylinderhut und Spazierstock, sowie eine blumengeschmückte Cigarrenspitze mit darin steckender Cigarre. Diese neue Attribute eines »Commis« mußte der Ueberraschte nun zur allgemeinen Freude sofort anlegen und die Cigarre anstecken, worauf obligates Gratuliren und Händeschütteln und schließlich ein kleines Zechgelage folgte, bei dem der »neue Commis« oft einen kleinen Haarbeutel davon trug.
Die Ueberreichung der Attribute eines Commis!
Zu Ostern aber saß der junge Commis wieder in der feierlichen Versammlung im »Kramerhause« (in Leipzig, Ecke des Neumarktes und Kupfergäßchens), aber die alten Herren da oben schienen ihm diesmal um Vieles freundlicher auf ihn herabzublicken; gewandt beantwortete er die prüfenden Fragen des amtsführenden Kramermeisters, dann erfolgte seine und der übrigen Genossen feierliche Lossprechung, die Ueberreichung seines Lehrbriefes, und erhobenen Herzens stimmte der junge Gehilfe in das gemeinschaftliche Gebet ein, welches die ernste und würdige Feierlichkeit schloß.
Der junge Mann trat nun hinaus in das Getriebe des kaufmännischen Lebens, aber nicht hin- und hertastend und schwankend, sondern festen Fußes, denn er wußte, daß er etwas Ordentliches gelernt hatte und zwar praktisch gelernt, was sich um Vieles fester einprägt als das theoretisch Erlernte. Er war weder an einen bestimmten Theil des Geschäftsbetriebes, noch unbedingt an eine Branche gebunden, und all’ dieses verlieh ihm eine Sicherheit, die seinem weiteren Fortkommen große Vortheile brachte.
Längst sind jene Zeiten mit ihren ehrwürdigen Gebräuchen in das Meer der Ewigkeit versunken. In den Räumen des alten Kramerhauses haben sich Miethbewohner eingerichtet. Gleichgültig geht jetzt der kaum der Schule entwachsene Kaufmannslehrling mit qualmender Cigarette an jener Pforte vorüber, welche vor 40 Jahren sein Standes- und Altersgenosse nur zagend und schon auf der Straße den Hut ziehend, überschritt.
Die Bilder der alten Herren Kramermeister sind aus jenen Räumen verschwunden und fristen unter allerlei Gerümpel in irgend einer abgelegenen Bodenkammer ihr fragwürdiges Dasein. Ohne Achtung vor ihren strengen Mienen, ihren steifen Gesichtern und ihren vollen, weißen Perrücken spielen die Mäuse auf ihren Rahmen und nagen an ihnen herum, bis sie zerfallen und vermodern, wie schon längst ihre eigenen Körper zerfallen und vermodert sind.
Alles ist anders geworden. Ob auch besser? Wir glaubens nicht!
VIII.
Verschiedene Chronika’s von 1840—45!
Eröffng. d. M.-L. Bahn.
Am 18. August 1840 wurde die Magdeburg-Leipziger Eisenbahn dem Verkehr übergeben, der Bau derselben hatte etwa zwei Jahre gedauert. Vormittags ½12 Uhr kamen die ersten drei Züge hier in Leipzig an, der erste, eine Maschine und fünf Wagen mit dem Directorium und obersten Bauleitern, der zweite Zug mit zwei Locomotiven und dreißig Wagen mit den Deputationen der Städte Magdeburg, Halle, Cöthen, Bernburg und Schkeuditz, der dritte Zug hatte eine Locomotive und elf Wagen mit Publicum. Die Maschinen und Wagen waren alle mit Fahnen und Guirlanden geschmückt. Mittags fand großes Tractement im (alten) Gewandhaus-Saale mit Tafelmusik und vielen Festreden statt. Nachmittags halb ein Uhr ging der ganze Zug wieder ab. Sowohl bei Ankunft wie bei der Abfahrt wurden im Schloßhofe Kanonen gelöst.
Hinrichtung.
Am 18. November 1840 wurde Johann David Saupe aus Connewitz, bei Leipzig, welcher im Februar dieses Jahres die Wittwe Nitzsche in Gohlis sträflich ermordet und beraubt hatte, auf der kleinen Wiese bei der Mühle zu Gohlis mit dem Schwerte hingerichtet. Der Scharfrichter hieb den Delinquenten erst tief in die Achsel, so daß derselbe laut aufschrie, erst beim zweiten Hiebe fiel der Kopf. Die Studenten und das zuschauende Volk wollten das Schaffot stürmen und nur mit Mühe gelang es der Communalgarde und den Soldaten, dies zu verhindern.
Erste Fiaker.
Ein bedeutsamer Tag für den Lokalverkehr in und um Leipzig war der 31. März 1841. An diesem Tage trat das Institut der Fiaker, der Vorläufer der jetzigen Droschken in’s Leben. Ganz Leipzig war auf den Beinen und wollte fahren. Die Tour kam für eine Person innerhalb Leipzigs und der Vorstädte zwei gute Groschen, auf die Dörfer vier gute Groschen. Am meisten wurde von der neuen Einrichtung die Corporation der städtischen Chaisen- oder wie sie sich selbst nannten Sänftenträger-Compagnie betroffen, auf welche wir noch in einem besonderen Artikel oder Capitel zurückkommen werden. Man feierte diese neue Errungenschaft sogar in Versen, das beste Geschäft machten natürlich die Fiaker’s selbst dabei.
Neugeld.
In diesem selben Jahre wurde auch das erste Neugeld ausgegeben, welches den Thaler auf 30 Neugroschen à 10 Pfennige, statt wie bisher auf 24 gute Groschen à 12½ Pfennig festsetzte. Das Publicum konnte sich aber nur äußerst schwer an die Aenderung gewöhnen und rechnete noch länger als zwanzig Jahre sehr viel nach der alten Münze, ja dieselbe war so eingewurzelt, daß sogar im Engrosverkehr der Kaufleute, hauptsächlich bei Tuchen und Buckskins noch bis weit in die 70er Jahre hinein der Preis noch immer nach »guten Groschen« berechnet und facturirt wurde.
Neue Glocken.
Am 19. Juni 1841 wurden auf den Thurm der Johanniskirche drei neue Glocken aufgezogen und am Johannistag zum ersten Mal geläutet.
Bettelbrunnen.
Am 22. Juni desselben Jahres wurde der Bettelbrunnen nach erfolgter Renovation wieder eingerichtet und zur Benutzung freigegeben, es war zugleich ein Dach über den Brunnen gebaut worden, das auf vier hölzernen Säulen stand, auch Bänke zum Ausruhen für die Trinkenden waren ringsum aufgestellt worden.
Großes Hagelwetter.
Am 9. August kam ein schauderhaftes Gewitter mit großem Sturm und Hagelschlag über unsere gute Stadt, wie es sich eines solchen die ältesten Leute nicht erinnern konnten. Das Unwetter erstreckte sich von Thekla im Norden Leipzigs bis zum Dorfe Gröbern (wohl Cröbern bei Zwenkau) im Süden. Dachziegel und Fenster wurden von den faustgroßen Schlossen zertrümmert und das Getreide niedergeschlagen. Die Vögel fielen todt aus der Luft und von den Bäumen, deren Aeste und Laub überall den Boden bedeckte. In den Verkaufsgewölben der inneren Stadt stand das Wasser theilweise fast eine Elle hoch.
Königstraße.
Anno 1842 im Frühjahr wurde die Königstraße angelegt durch den früheren Reimerschen Garten. Der ganze Garten wurde zu einer förmlichen Vorstadt, da auch die Bosen- und Kirchstraße (beide zusammen bilden jetzt die Nürnberger-Straße vom Grimmai’schen Steinweg bis zur Ulrichsgasse), sowie die Lindenstraße abgesteckt wurden.
Große Dürre.
Anno 1842 wo von Ostern bis weit hinein in den Sommer kein Regen fiel, herrschte im ganzen Lande eine solche Dürre, daß viele kleinere Flüsse ohne Wasser waren und die Mühlen nicht mehr mahlen konnten. Die Roggenernte war noch ziemlich gut, aber das Sommergetreide Hafer, Gerste, Weizen, Erbsen, Kraut und Kartoffeln ergaben eine so schlechte Ernte, daß viele Bauern ihr Vieh vollständig verkaufen mußten, da kein Futter zu haben war. Die Kanne Butter kam im Monat August 20 Neugroschen und das Viertel Brod 1 Thaler.
Hinrichtung.
Am 23. August 1842 früh ¼7 Uhr wurde zu Gohlis der Buchbindergeselle Johann Ernst Heinrich Seyfarth, gebürtig aus Altenburg, wegen an seiner schwangeren Geliebten Louise Schild aus Eisenberg, in der Nacht vom 30. September zum 1. October 1841 im Rosenthale verübten Meuchelmordes durch den Bischofswerdaer Scharfrichter mit dem Schwert enthauptet. Der Delinquent war erst 20 Jahre alt, die Hinrichtung ging schnell und gut von statten. Es war dies in Leipzig die letzte Hinrichtung mit dem Schwert.
Große Brände.
Am 5.-8. Mai 1842 war der große Brand in Hamburg. Ende Mai brannte die Stadt Camenz fast ganz nieder und am 7. September ging fast die Hälfte der Stadt Oschatz mit Rathhaus und Kirche in Flammen auf. Von Leipzig gingen nach letzterer Stadt 2 Spritzen, 2 Feuerwächter, 2 Sänftenträger, ein Commando Schützen der Garnison und verschiedene Deputirte des hohen Rathes mittelst Extrazugs Abends ab.
In der Nacht vom 29. zum 30. October brannte die Angermühle am Ranstädter Steinweg.
Dresdn. Thor.
Anno 1843 wurde das alte Dresdner Thor, welches am 18. October 1813 die Königsberger Landwehr unter Major Friccius, der hierbei seinen Tod fand, stürmte, weggerissen. Es stand da, wo jetzt der östliche Flügel der 3. Bürgerschule steht und reichte bis an das Gottesackergebäude des alten Friedhofes. Es wurde am Ende der Dresdner Straße, bei der jetzigen Grenzgasse und dem Gerichtsweg ein neues Thor errichtet, welches Dienstag den 3. October eingeweiht wurde.
Altes Theater.
Im October desselben Jahres wurde das (alte) Stadttheater behufs Umbaues und gänzlicher Renovation geschlossen, seine Wiederöffnung fand in feierlichster Weise gelegentlich der Rückkehr Sr. Majestät des Königs Friedrich August von einer Reise nach Italien anno 1844 am 10. August statt.
Deutsch-Katholiken.
Anno 1844 am 9. Februar fand Mittags 12 Uhr in der Buchhändler-Börse in der Ritterstraße die erste Versammlung der in Leipzig wohnhaften Katholiken, behufs Berathung über Abänderung verschiedener Satzungen der katholischen Kirche statt. Referent und Hauptsprecher der Versammelten war Robert Blum, der einen allgemeinen Austritt aus der katholischen Kirche und Gründung einer neuen beantragte. Sein eifrigster Gegner und Gegenredner war der Bäckermeister Schmieritz, doch behielt Blum die Oberhand und so erfolgte wenige Tage darauf unter Betheiligung der angesehendsten Katholiken die Gründung der »Deutschkatholischen Gemeinde«, der sich sofort 150 Mitglieder anschlossen.
Streng. Winter.
Der Winter anno 1844/45 war außerordentlich streng und anhaltend, so daß oft die Eisenbahnzüge ganz ausblieben. Monatelang, vom November bis weit in den April nichts wie Eis und Schnee; Holz und Kohlen waren kaum mehr zu beschaffen, da alle Wege tief verschneit und eisbedeckt waren. Die Dachrinnen platzten an den Häusern und die Sperlinge lagen massenhaft erfroren auf den Straßen und in den Gärten. Noch am 7. März wurde der Sattler Carl auf der Straße bei Mockau erfroren aufgefunden.
Bau der Kath. Kirche.
Mitte Juli 1845 wurde mit dem Bau der Katholischen Kirche in Reichels Garten begonnen, die Maurermeister Purfürst und Siegel und der Zimmermeister Schwabe führten unter einem auswärtigen Baumeister den Bau aus, der anno 1847 am 5. August durch den Bischof Dietrich aus Dresden feierlich eingeweiht und der Gemeinde übergeben wurde.
Aufruhr.
Am Nachmittag des 12. August 4 Uhr traf Se. Königl. Hoheit Prinz Johann von Sachsen (Chef der gesammten Communalgarden des Landes) in Leipzig ein, inspicirte die Communalgarde und nahm Revue über dieselbe ab. Abends 9 Uhr wurde dem Prinzen vor dem am Roßplatz befindlichen, in den achtziger Jahren neugebauten und in seiner jetzigen Gestalt errichteten, alten Hotel de Prusse von dem Musikchore der Communalgarde ein Ständchen gebracht, welches mit dem Zapfenstreich schloß. Natürlich hatte sich eine ungeheure Menschenmenge angesammelt, und als die Musikanten wieder abgezogen waren, johlten und brüllten einige Burschen vor dem Hotel. Verwünschungen gegen den Prinzen, den man für einen Feind der neuen antipäpstlich-deutschkatholischen Glaubensbewegung hielt, wurden laut, die Menge wurde immer aufgeregter und stimmte das Lutherlied »Eine feste Burg etc.« an und dazwischen tönten Hochrufe auf den kurz zuvor in Leipzig gewesenen ehemaligen katholischen Priester Johannes Ronge, der ebenfalls zum Deutschkatholicismus übergetreten war.
Als aber sich einige rüde Burschen, wie solche bei derartigen Gelegenheiten stets vorhanden sind, ohne daß man weiß woher sie kommen, dazu verstiegen, die Fenster des Hotels einzuwerfen, rückte eine Abtheilung Militair (Schützen) zum Schutze des Prinzen vor weiteren Insulten, vor die Front des Hotels.
Nachdem auf dreimalige Aufforderung des Commandanten der Abtheilung sich die Menge, von der man allerdings sagt, sie habe die drei Aufforderungen gar nicht gehört, nicht zerstreute, erfolgte eine Salve aus den Gewehren des Militairs auf das Volk. Schon die Thatsache, daß von den in der Nähe der Truppen befindlichen Personen kein Einziger verletzt wurde, zeigt an, daß die Soldaten angewiesen waren, hoch — also über die Köpfe der Tumultuanten zu feuern; leider hatte man hierbei aber wohl kaum daran gedacht, daß damals Hotel de Prusse bedeutend tiefer lag als die jenseits der Haupttumultuanten befindliche Fahrstraße und der Hauptweg der viel höher gelegenen Promenade. Da nun aber auf der Promenade ebenfalls Leute standen oder spazieren gingen, welche aber mit dem Tumult auch nicht das Geringste zu thun hatten und die damaligen Gewehre auch lange nicht so weit trugen wie jetzt, so kam es, daß gerade von jenen vollständig Unschuldigen zahlreiche Opfer fielen.
Es waren dies zwei auf dem Wege zum Dienst befindliche Postsekretaire, ein Schriftsetzer, ein Markthelfer, ein Polizeidiener, ein Schneidermeister, ein Privatlehrer und ein Destillateur.
Alle acht wurden am 15. August früh Morgens, unter Begleitung des Handelsstandes, der Innungen und betheiligten Gewerke mit ihren Fahnen und Insignien zusammen zur Ruhe bestattet. Vor dem Thore des Friedhofes wurden die Särge in einen Kreis gestellt und Superintendent Dr. Großmann hielt eine ergreifende Grabrede.
Der Prinz reiste am 13. August Morgens 6 Uhr per Wagen durch das Windmühlenthor über Thonberg nach Grimma ab. — — —
IX.
Die letzte öffentliche Hinrichtung in Leipzig.
Anno 1853 am 5. Januar wurde in der Georgenstraße zu Leipzig die Witwe Friese, 57 Jahre alt, eine alleinstehende, daselbst wohnhafte Frau durch Hammerschläge auf den Kopf und Erdrosselung ermordet aufgefunden. Der Mörder hatte die alte Dame nach vollbrachter That fein säuberlich ans Fenster auf ihren Stuhl gesetzt und den Leichnam auf demselben angebunden, so daß man außen die Umrisse des Körpers sehen konnte und wegen ihres Nichterscheinens außerhalb der Wohnung in Folge dessen auch nicht sofort Verdacht faßte. Erst als die Ermordete gar nicht von ihrem Platze weichen wollte, erbrach man die Thür zu ihrer Wohnung und entdeckte den stattgefundenen Raubmord. Ein Mann Namens Eduard Müller, der als Budenwächter sogar in städtischen Diensten stand und welcher öfters für die Dame kleine Wege besorgte, wurde alsbald gefänglich eingezogen, und da man nicht blos eine Masse geraubter Sachen bei ihm fand, sondern ihn sogar im Bett, angethan mit einem Hemd der Ermordeten, antraf, so war man sicher, den richtigen Thäter erwischt zu haben, trotzdem Müller auf das Frechste leugnete. Während der Untersuchung stellte es sich heraus, daß die wenigen Papiere, welche Müller besaß und auf Grund welcher er in Leipzig seinen Aufenthalt genommen hatte, gefälscht waren, und als mehrere Personen, denen Müller vorgeführt wurde, die Meinung aussprachen, er sei mit dem vor zwei Jahren aus dem Gefängniß zu Merseburg ausgebrochenen, wegen mehrfachen Raubmords, verbunden mit Brandstiftung, dort zum Tode verurtheilten Carl August Ebert aus Drossen, 32 Jahre alt, identisch, wurde Müller alias Ebert nach Merseburg transportirt, um seine Recognoscirung zu bewirken. Allein hier erklärte man merkwürdiger Weise, nach Confrontirungen Müller’s mit vielen Leuten, welche den Ebert ganz genau kennen wollten, derselbe sei nicht Ebert, und so brachte man den Gefangenen wieder nach Leipzig. Hier gestand denn endlich derselbe nicht nur seine Thäterschaft bezüglich des Mordes an der alten Dame, sondern auch ein, daß er dennoch Ebert sei, und wurde nun zum Tode durch Enthauptung verurtheilt. Die Hinrichtung sollte mittelst Guillotine, welche damit zum ersten Mal in Sachsen in Gebrauch genommen wurde, stattfinden.
Daß wir Herren Jungen in dem hoffnungsvollen Alter von 12—13 Jahren natürlich über das Wann? und Wo? dieser öffentlich stattfindenden Execution auf das Genaueste informirt waren, verstand sich von selbst, ebenso, daß jeder von uns alle Mittel daran zu setzen gelobte, das Schauspiel, denn als solches und als nichts Anderes wurde der Act der Gerechtigkeit allgemein betrachtet, mit anzusehen. Meine Aussichten standen in dieser Beziehung ziemlich schlecht; Mutter war zwar auf einige Tage verreist und konnte mich also nicht hüten, Vater aber war ein ernster Mann von wenig Worten, welcher erklärte, er würde keinen Schritt nach jener Execution gehen. Unter keinen Umständen aber hätte ich es gewagt, ihn für mich um die nothwendige Erlaubniß zu bitten, da dies allein schon wenig erfreuliche Folgen für mich gehabt hätte, und so verzichtete ich bereits unter tiefem Bedauern, als am Abend vor der Hinrichtung plötzlich mein Oheim mütterlicher Seite aus Chemnitz eintraf, um dieselbe mit anzusehen. Trotz seines Widerwillens konnte oder mochte nun doch mein Vater dem nahen Verwandten, welcher in Leipzig nur wenige Straßen kannte, seine Bitte, ihn an Ort und Stelle der Execution zu begleiten, nicht abschlagen, und klopfenden Herzens hörte ich, wie mein Vater, als wir Kinder eben schlafen gingen, seine Einwilligung gab und ihren Aufbruch auf nächsten Morgen halb vier Uhr festsetzte.
Ich lag schon im Bett, in der an unser Wohnzimmer stoßenden Kammer, als ich durch die halboffene Thür die Abmachung der beiden Herren mit anhörte, und da ich mir ausrechnete, daß ich gegen sieben Uhr, zu welcher Stunde meine um ein Jahr ältere Schwester aufstand, um in Abwesenheit der Mutter den Morgenkaffee zu bereiten, längst wieder zu Hause sein konnte, so beschloß ich, lieber die ganze Nacht kein Auge zuzuthun, als die Zeit von Vaters Weggang zu verschlafen, denn — daß ich dann ebenfalls hinauswollte, war fest bei mir beschlossen. Indeß — was sind eines Kindes Vorsätze — und noch dazu die eines Bengels, dessen Fuß den ganzen geschlagenen Tag über in Bewegung ist, und der sich natürlich auch am Abend einer entsprechenden Müdigkeit erfreut. Ich sank deshalb, auch diesmal, trotz aller heroischen Anläufe, mich wach zu erhalten, gar bald in meinen üblichen festen Schlaf, während welchem man mich ruhig mit sammt dem Bett hätte forttragen können und würde also unbedingt die Zeit verschlafen haben, hätte nicht Vater bei seinem Weggehen meine Schwester, ebenfalls erst nach längerer Bemühung, aufgeweckt, damit dieselbe hinter ihm die Wohnung wieder verschlösse und dann wieder zu Bette ginge. Fünf Minuten nach dem Weggange der beiden Herren lag meine Schwester wieder in den Banden des Schlafes, und weitere fünf Minuten darauf befand ich mich auf der Straße. Der Frühling des Jahres 1854 war rauh und regnerisch, wir befanden uns zwar im Juni, aber trotzdem war das Wetter wie sonst im April. Es war noch nicht vier Uhr und durch den herrschenden Nebel noch nicht hell genug, um weithin sehen zu können, auch nisselte es ab und zu ein wenig, nachdem es die ganze Nacht über geregnet hatte. Die Hinrichtung fand auf den sogenannten Gerberwiesen, welche sich zwischen dem Händel’schen Bad in der Parthe und dem jetzigen Güterbahnhof der damals noch nicht existirenden Berlin-Anhalter Bahn ausdehnten, statt, und trotz der Frühe des Morgens und der naßkalten Witterung strebten bereits Tausende demselben Ziele zu. Damals, wo Leipzig noch kaum 60 000 Einwohner hatte, war auch die Bevölkerung betreffs des Straßenpflasters und anderer Einrichtungen noch nicht so verwöhnt wie jetzt und die Hauptpflege des Pflasters erstreckte sich auf die zur Meßzeit mit dichtem Menschengewühl bedeckten Straßen der inneren Stadt. Ein geradezu schauerliches Pflaster mit vielen Löchern hatte nun gerade die Gerberstraße, obwohl damals weder Blücher- noch Löhrstraße existirten und der ganze kolossale Verkehr nach dem Norden nur durch sie bewerkstelligt werden konnte. Auch an jenem Tage hatten sich in den vielen Löchern Pfützen gebildet. Nun kam, eben als ich von der Windmühlenstraße, wo wir wohnten, im Dauerlaufe am alten Leihhause — einer dem Zusammenbrechen nahen alten Baracke auf dem jetzigen Blücherplatz — angekommen war — ein zur Execution als Bedeckung commandirtes Bataillon Communalgarde in Parade-Uniform und also — in weißen Hosen — mit Musik anmarschirt, dem ich mich anschloß. Zu beiden Seiten der Colonne der ritterlichen Vertheidiger der Stadt marschirten, ebenfalls in vollem Wichs — Pikesche und hohe Stiefeln — eine Unmasse, meist Corpsstudenten, und wenn nun die guten kriegerischen Bürger oder bürgerlichen Krieger gewissenhaft und wegen ihrer weißen Unaussprechlichen ängstlich bemüht waren, den zahlreichen Pfützen, selbst auf die Gefahr des militairischen Tactes, sorgsam aus dem Wege zu gehen, so waren die durch ihre hohen Stiefel geschützten Studenten erst recht bemüht, in diese Pfützen mit größter Gewissenhaftigkeit und Todesverachtung hineinzuspringen und zu patschen, so daß der schmutzige Inhalt derselben mannshoch aufspritzte und sich zum Ergötzen des ganzen begleitenden verehrlichen Publicums über die weißen Beinkleider und die schmucke Uniform der ärgerlichen Gardisten ergoß. Wohl fluchten die Letzteren laut ob dieser Handlungsweise der studirenden Jugend, allein kaltblütig bliesen dieselben den Raisonnirenden den Rauch ihrer langen Pfeifen in das Gesicht und — es blieb beim Alten. Endlich war unter lebensgefährlichem Gedränge die ebenso uralte wie schmale Gerberbrücke und das dicht dabei befindliche Gerberthor passirt und der Weg führte rechts die jetzige Berliner Straße, welche damals außer der Scharfrichterei und den kleinen Häuschen der Damenbadeanstalten im Gerbergraben kein einziges Wohnhaus aufzeigte, hinaus, über die Gleise der Magdeburger Bahn — auch die Thüringer Bahn existirte damals noch nicht — hinweg und dann lagen wiederum rechts die Gerberwiesen vor uns. Das Schaffot, zu welchem drei Stufen in die Höhe führten, war vielleicht vier- bis fünfhundert Schritt von dem Ufer der Parthe errichtet und die Communalgarde schwenkte, die bereits zu Tausenden versammelte Zuschauerschaar durchbrechend, auf dasselbe zu und nahm von einem um dasselbe gebildeten Viereck die Parthen- und rechte Seite, eine Abtheilung Jäger der Garnison bildete die anderen beiden Seiten des Vierecks. Leider gelang es mir nicht, mit der Communalgarde zugleich nach vorn zu kommen, die kolossale Menschenfluth drängte mich zurück, und so hatte ich wider Willen Gelegenheit, das Treiben auf dem riesigen Platze mit anzusehen. — Wie sehr wohl hat doch die Gesetzgebung gethan, wenn sie jetzt das Walten der strafenden Justiz, bei ihrer höchsten Strafe, in die engen Mauern der Strafanstalten verweist, wo sich der schauerliche Act wenigstens in würdiger Feierlichkeit abspielen kann, und wie sehr Unrecht man früher mit der Meinung hatte, daß die öffentliche Hinrichtung berufen sei, abschreckend zu wirken, das begriff an jenem Tage sogar der Knabe. Denn all die Tausende hier schienen nicht zu einem Acte tiefernster Lehre, sondern zu einem Schauspiel, ja Volksfest versammelt zu sein. Wagen und Stände mit Kaffee-, Bier- und Schnapsverkäufern; Händler mit Semmeln, Kuchen, Brod, Fleischwaaren und Wiener Würstchen wechselten mit Colporteuren, welche Ebert’s und andere Mordthaten und Hinrichtungen in Poesie und Prosa laut zum Verkaufe anboten, ab. Alles lachte, drängte und machte mehr oder minder rohe und zweideutige Witze. Mehrere industriöse Leute waren mit ganzen Wagen voll Stühlen und Holztischen erschienen, welche sie an die Zuschauer vermietheten und wobei sie reißenden Absatz fanden — — —
Plötzlich — — ein allgemeines »sie kommen« und alle Augen richteten sich auf die etwas höher gelegene Straße, von welcher eben einige Wagen, umgeben von berittenen Gendarmen, nach dem Viereck einbogen. Ich drängte mit Macht nach vorn, schlüpfte hier einem schimpfenden Bürger zwischen den Beinen und dort einem anderen unter dem Arme durch, nahm Püffe und Schimpfworte in den Kauf und kam ein gutes Stück vorwärts, jetzt aber stak ich in der Mitte eines festgekeilten Menschenstroms, sah nichts als Röcke und Hüte und den von Wolken umzogenen Himmel — es war zum Verzweifeln! — Da stand vor mir auf einem Holzstuhl ein Student, vor sich hielt er, als Partnerin desselben Stuhles, ein rothbackiges, mit weißer Schürze angethanes Dienstmädchen.
»Knirps —« sagte er, mich gewahrend, »steig auf die Stuhllehne und halte Dich an meinen Schultern fest!«
Im Moment war ich droben. Tiefe Stille herrschte, eben stieg der Verurtheilte, ein kräftiger Mann mit rothem Vollbart, die Stufen des Schaffots hinauf. Jetzt aber kam es über mich wie ein Gefühl unendlicher Angst, ich sah das schräge Fallbeil, hörte in der Ferne die Worte des Richters, welcher dem Mörder nochmals das Urtheil vorlas, sah, wie die Gehilfen des im Frack dastehenden Scharfrichters den Verbrecher ergriffen, dann aber legte es sich wie ein Nebel über meine Augen, ich vermochte es nicht, nach jenen verhängnißvollen zwei Säulen, zwischen denen das Beil hing, zu sehen, meine Füße wankten und krampfhaft hielt ich mich an der Schulter des Studenten fest, da — ein klatschender Schlag vom Schaffot her — ein tiefer Seufzer aus der Brust des Studenten — »es ist geschehen«, sagte er mit bleicher Wange, »Gott sei dem Sünder gnädig!«
»Ist es nicht gerade, als ob die Sonne mit ihrem Erscheinen gezögert habe, bis der Elende gebüßt hat?« sagte ein vor mir herschreitender Herr zu einem anderen. Ich blickte auf und — in der That — drüben über Händel’s Bad stieg sie, leuchtend und strahlend die Wolken durchbrechend, in die Höhe, während noch das Blut des Verbrechers durch die Bretterritzen des Schaffotes sickerte, wo Hunderte von Abergläubischen bemüht waren, einige Tropfen desselben mit Tüchern und Lappen aufzufangen.
Die Sonne gab aber auch mir meine Courage zurück, und als mein Vater gegen sieben Uhr heimkehrte, lag ich schon länger als eine Viertelstunde wieder in den Federn, mir aber doch gelobend, ein solches Schauspiel niemals wieder aufzusuchen.
X.
Die Leipziger Sänftenträger-Compagnie.
Mit Errichtung der Fiaker erlitt ein bis dahin blühendes, unseren Tagen und Geschlechtern gewiß eigenartig erscheinendes Institut einen Stoß, der sein völliges Eingehen nur noch zu einer Frage der Zeit machte. Es war dies die ehrsame Corporation der Leipziger Chaisenträger, wie sie im Volksmunde genannt wurde, oder die »Sänftenträger-Compagnie«, wie sie sich selbst nannte und wie auch ihr amtlicher Titel lautete.
Diese Corporation, welche länger als 150 Jahre bestand und sich einst nicht blos hoher Blüthe, sondern auch der Gunst der ganzen Leipziger Bevölkerung, besonders aber der Honoratioren im höchsten Grade erfreute, trug einen halbamtlichen Charakter und zwar insofern, als ihr der Rath von ihrem Inslebentreten an, am Anfang des 18. Jahrhunderts, bis zu ihrer Auflösung, am Ende der sechziger Jahre oder Anfang der siebziger Jahre unseres Jahrhunderts, die Chaisen gegen entsprechende Miethe stellte und die Mitglieder, welchen außerdem noch die Pflicht oblag, bei Feuersgefahr mit einer ihnen besonders zugetheilten Spritze helfend einzugreifen, von Amts wegen feierlich bei ihrem Eintritt in die Compagnie in Pflicht nahm.
Die Chaisen oder Sänften ersetzten früher die jetzigen Droschken. Es waren einsitzige, viereckige Holzkasten, innen mehr oder minder elegant eingerichtet, denn es gab sogenannte Staatssänften und einfachere. Sie hatten rechts und links, wie die Droschken, Thüren mit zum Herunterlassen eingerichteten Fenstern, ebenso Glasfenster nach vorn, welche aber sämmtlich durch innen angebrachte Zugvorhänge verdeckt werden konnten. Zwei lange, lackirte Stangen, welche rechts und links unter angebrachte Halter geschoben wurden, dienten zum Tragen der Sänften und diese Stangen trugen vorn und hinten an kreuzweise über die Brust fallenden weißlackirten Ledergurten je ein Mann der uniformirten Sänftenträger-Compagnie. Die Uniform der Sänftenträger bestand in einem langen blauen Livréerock mit blanken Knöpfen und bis zum Anfang dieses Jahrhunderts in Kniehosen, weißen langen Strümpfen, Schnallenschuhen und dreieckigem Hut, später trugen sie lange Beinkleider und blaue Dienstmützen mit weißem Rand, der Rock aber blieb derselbe, doch erschienen sie auch später noch manchmal, bei besonders festlichen Gelegenheiten, in ihrer alten Galakleidung; so z. B., als sie am 5. August 1847 den zur feierlichen Einweihung der katholischen Kirche nach Leipzig gekommenen Bischof Dietrich aus Dresden zur Kirche trugen. Wie mancher andere Comfort waren auch die Sänften eine ins Deutsche übertragene französische Einrichtung, und wenn sich im vorigen Jahrhundert die geputzten, hochfrisirten und mit Schönheitspflästerchen versehenen Leipziger Damen in den Staatssänften zu den Vergnügungen oder zu Besuchen in Richter’s, Reichel’s oder Bosen’s Garten tragen ließen, so schritten oft die zierlich und stutzerhaft gekleideten und mit dem Paradedegen bewaffneten jungen Kaufleute oder sonstigen Verehrer neben her und suchten eifrig ein Wort oder doch wenigstens einen Blick der Angebeteten zu erhaschen. Auch bei Bällen und Gewandhausconcerten spielten die Chaisenträger mit ihren Tragen eine große Rolle, denn Equipagen wurden mit Ausnahme ziemlich schwerfälliger Reisewagen selbst von reichen Familien nur wenig gehalten, auch war das damalige Pflaster derart, daß man seinen Körper, besonders bei schlechtem Wetter, lieber einer von den wohlgeübten Trägern sanft (daher auch der Name Sänfte) behandelten und ohne alle Erschütterungen getragenen Chaise, als dem schweren Wagen anvertraute, dessen Federn nur mangelhaft waren und der oft aus einem Loch in das andere fiel. Bei solchen Fahrten wurden die damals hohen Frisuren und Reifröcke der Damen oft bedenklich erschüttert und die Perrücken oder zierlichen Zöpfe der gepuderten Herren derangirt, und da waren denn die Sänften sehr an ihrem Platze. Außer mancher anderen Vergünstigung hatten die Sänftenträger auch noch bis zu ihrer Auflösung das Vorrecht, das Klafterholz, welches sich Private für ihren Hausbedarf anfahren ließen, auf der Straße vor dem betreffenden Hause zerkleinern zu dürfen, und vielen alten Bürgern wird noch diese Thätigkeit dieser Leute, bei welcher auch die Frauen derselben mit eingriffen, erinnerlich sein. Es war dabei Sitte, ihnen außer dem Lohne noch das größte Holzscheit, gleichsam als Trinkgeld, zu überlassen.
Die Sänften und ihre Benutzung bei Gewandhausconcerten.
Mit dem Eintritt des Fiaker- und Droschkenwesens verschwanden auch allmälig die Sänften aus dem öffentlichen Gebrauch und nur Kranke, welche jede Erschütterung durch das Fahren im Wagen vermeiden wollten, benutzten dieselben noch ab und zu. Trotzdem bestand aber die Compagnie noch manches Jahrzehnt fort, und zwar wurden die Sänftenträger amtlich als Träger der Siechkörbe bei eingetretenen Unglücksfällen oder bei schwer Erkrankten behufs deren Transportes in’s Krankenhaus verwendet. Außerdem behielten sie ihren Spritzendienst und ihre Holzhauerarbeiten und fanden so immer noch ihre bescheidene Existenz.
Hierzu kam aber noch mancherlei weitere Thätigkeit und zwar zuerst die als Fabrikanten des seiner Zeit vorzüglich bei Leipzigs Frauen vielgepriesenen, ja bis zum heutigen Tage noch nicht ganz vergessenen, auch weit über Leipzigs Grenzen wohlbekannten »Chaisenträgerpflasters«, dessen heilkräftige Wirkung sich so ziemlich auf alle bekannten und unbekannten inneren Krankheiten erstrecken sollte. Gegen Gicht und Rheumatismus, Verrenkungen durch Hebung zu großer Lasten, verursachte Leibesschäden, gegen Knochenfraß, alte Wunden, Hexenschuß und Kreuzschmerzen half dasselbe, der Tradition nach, mit absoluter Sicherheit; ja als wir Kinder uns einst bei einem mehrtägigen Besuche auf dem Gute unseres »Buttermanns« in Bösdorf im Essen übernommen hatten und daran nach erfolgter Rückkehr tüchtig laborirten, brachte unsere alte gute Großtante allen Ernstes für jedes von uns ein halbellengroßes fettgeschmiertes Chaisenträgerpflaster herbeigeschleppt, welches das Innere kräftig zertheilen und uns wieder herstellen sollte. Tantchen nahm es denn auch furchtbar übel, als die Mutter ihre Pflaster dankend zurückwies und uns mittelst einiger Tassen aufgelösten Bittersalzes und der Leistungen einer mächtigen Familienklystirspritze, welch letztere damals in keiner Familie zu fehlen pflegte, einer schnellen Radicalcur unterzog und binnen zwei Tagen wieder vollständig herstellte. Erst am nächsten Aschermittwoch, wo wir Kinder pflichtgemäß, wie es damals Sitte war, mit bänder- und blumengeschmückten Tannenzweigen sämmtlichen Pathen und Verwandten aufs Quartier rückten und in handgreiflicher Weise »die Asche abkehrten«, versöhnten wir die gute Alte wieder vollständig, und jedes von uns erhielt einen mächtigen »Vierpfenniger« als gebührende Belohnung für unsere »Arbeit.«
Thatsache ist, daß die Fabrikation dieses Chaisenträgerpflasters, dessen Zusammensetzung von den Mitgliedern der Compagnie streng geheim gehalten wurde und welches dieselben für »einen Sechser« bis zu »zwei guten Groschen« je nach dem Umfang desselben verkauften, eine ganz beachtenswerthe Einnahmequelle der Compagnie bildete.
Vom Anfange ihrer Errichtung bis zu ihrer gänzlichen Auflösung hausten die Chaisenträger unter den vier Bogen der »Börse« am Naschmarkt. Im Hintergrunde derselben standen die Sänften und weiter vorn an den Eingängen standen Stühle, an deren Seite an der Wand kleine Spiegel angebracht waren, denn die Chaisenträger waren in der That Tausendkünstler und ebenso vielseitig als solche.
Sie waren nämlich nicht blos Sänften- und Siechkorbträger, Spritzenleute, Holzzerkleinerer und Fabrikanten ihres berühmten Pflasters, sondern huldigten auch dem Schönheitsgefühle, indem sie — man staune — Jedermann und jederzeit gegen den Obolus von »einem Sechser« kunstgerecht die Haarfülle verschnitten, wobei allerdings das Wort »verschneiden« oft genug in des Wortes verwegenster Bedeutung zu nehmen war. Dies hinderte aber verschönerungssüchtige Handwerksgesellen und Lehrjungen, ja selbst sparsame Handwerksmeister nicht, ihre Frisur ruhig den Scheerenleistungen der Sänftenträger anzuvertrauen und ihre Locken stufenweise in den solchergestalt auch der Kunst geweihten Hallen der Börse fallen zu sehen. Wir Herren Jungen waren natürlich Stammgäste der biederen Leuteverschönerer.
»Junge — nee — deine Haare! — Gleich gehst de zu’n Chaisenträgern, un — — runter damit — hier hast de ’nen Sechser!«
Das war dann für uns ein gefundenes Fressen, wie wir damals mehr bezeichnend als sprachlich schön uns zu äußern pflegten, denn die Alten wußten immer etwas Hübsches bei der Procedur der Haarabsäbelung zu erzählen.
Freilich, großen Staat machten sie nicht mit uns und der »Comfort« war gerade nicht übermäßig, aber das machte nichts aus, wir Bengel waren damals eben noch nicht so von der Cultur beleckt, wie jetzt die »jungen Herren«, wie heutzutage der Friseur jeden »dummen Jungen« anredet.
Der eben anwesende Chaisenträger steckte uns, nachdem wir rittlings auf dem uralten Polsterstuhle Platz genommen hatten, vorn und hinten, zum Schutz für unsere »Kutte«, je ein blaugewürfeltes, in Folge mancher Prisenspuren nicht ganz »zweifelsohne« Taschentuch rings in die Halsöffnung der »Kutte« und nun ging die Procedur frisch, fromm, fröhlich vor sich. Erwachsenen, von deren Aeußerem der haarschneidende Künstler stillahnend, leider sich aber oft mit dieser Ahnung selbst betrügend, vermuthete, daß sie sich zu der horrenden Leistung von einem »Neugroschen« aufschwingen würden, wurden weiße Tücher vorgesteckt, bei uns Jungen war dies überflüssig und uns auch vollständig gleichgiltig.
Während nun in diesen heiligen Hallen, vor den Augen des zahlreich vorüberziehenden verehrten Publicums, unsre oft arg zerzausten und meist etwas struppigen »Locken« unter der Scheere des Alten fielen, erzählte uns derselbe gewissenhaft alle Neuigkeiten des Tages, denn die Alten erfuhren Alles und waren eine lebendige Chronik — oft auch chronique scandaleuse, ja sie führten sogar länger als ein volles Jahrhundert ein ziemlich genaues Tagebuch über alle Stadtereignisse irgendwie bemerkenswerther Natur und waren nicht böse, wenn wir diese ihre Leistungen als Chronisten bewunderten und durchstöberten.
War die Procedur des Haarschneidens vorüber und hatte auch der aus gewissen hier besser verschwiegenen Gründen nunmehr in Function gesetzte »kleine Kamm« seine Pflicht gethan, so schüttelten wir Tücher und Haare ab und überreichten feierlich dem Alten den Lohn für seine Arbeit. Dieser prüfte dann das Geldstück genau, denn, es gab damals auch Sechser, die darnach waren, und dann erfolgte große Betrachtung im Handspiegel, worauf uns der Gute mit einem »So, nu siehst de wieder wie e Mensch aus«, feierlich entließ. Mutter schlug dann wohl bei unserem Anblick ab und zu entsetzt die Hände zusammen, aber Vater sagte dann beruhigend und lachend »Na — laß nur — se wachsen schon wieder!« Und damit war die Sache abgethan.
In der damaligen Zeit, wo noch nicht einmal die in den sechziger Jahren fest organisirte städtische Feuerwehr existirte, sondern nur die Bürgerschaft, soweit sie nicht Dienst in der Communalgarde that, und die sogen. »Schutzverwandten« (eine Art Bürger 2. Classe, die aber kein Wahlrecht hatten) zum Spritzendienst bei ausbrechendem Feuer, je nach den Stadtvierteln, herangezogen wurden, hatte natürlich eine Corporation wie die Sänftenträger, von denen die Hälfte Tag und Nacht auf ihrem Posten war, auch als Feuerwehrleute großen Werth, und die Fälle, in denen die Spritze derselben bei Schadenfeuern zuerst auf dem Platze war und die für diesen Diensteifer ausgesetzte Prämie empfing, sind sehr zahlreich. Die Compagnie hat bei großen Bränden wiederholt Hervorragendes, sowohl beim Löschen, als beim Retten und Bergen der bedrohten Mobilien etc., ja selbst von Menschen, geleistet, und da die strenge Ehrlichkeit ihrer Mannschaften wohlbekannt war, so wußten die vom Feuer Betroffenen da, wo die Spritze und Mannschaft der Sänftenträger-Compagnie erschien, das Ihrige in guten Händen, zumal da in jener Zeit sich oft schnell herbeigeeiltes Gesindel die Gelegenheit zu Nutzen machte, um zu stehlen, und die Feuerversicherung noch bei Weitem eine nicht so eine allgemeine war, wie zur Jetztzeit.
Selbst auswärts war in solchen Fällen die Compagnie öfters thätig, und als halb Oschatz in Flammen stand, ging auch die Spritze der Sänftenträger mit einiger Mannschaft, begleitet von Deputirten des Rathes, mit Extrazug dahin ab und trat dort in Action.
So war die Compagnie länger als 150 Jahre eine volksthümliche, beliebte und hochgeachtete Corporation, bis die Alles unterminirende Zeit endlich auch sie erst zum Wanken und dann zum Falle brachte und die folgenden undankbaren, flüchtigen Geschlechter in wenig Jahrzehnten dieselbe vergaßen.
Legte schon das Erscheinen der Droschken ihre ursprünglichen Functionen als Sänftenträger lahm, so daß eine Sänfte nach der anderen die Halle am Naschmarkt räumen mußte, so machte später die Organisation der städtischen Feuerwehr auch ihre Hilfe bei Feuersgefahr entbehrlich. Der aller Handarbeit feindliche Dampf treibt jetzt sogar holzspaltende Maschinen, und Brandt’sche Pillen, Glöckner’sches Pflaster und andere Mixturen und Salben haben längst das alte gute Chaisenträgerpflaster aus der Zahl der heilkräftigen Hausmittel verdrängt. Barbiere und Friseure bearbeiten jetzt die Köpfe und deren Haarfülle kunstgerecht mit Walzenbürste, amerikanischer Douche und — — Haarschneidemaschinen; leer und verwaist sind die einst so traulichen Hallen am Naschmarkt, nur in einer derselben sitzt jetzt eine menschenfreundliche ältliche Dame und giebt dem Bedürftigen — — — verschämt dabei lächelnd — einen gewissen Schlüssel zu einer gegenüberliegenden stillen Klause, gegen Einlegung — — eines Sechsers — — wollte sagen — — eines Fünfpfennigers deutscher Reichswährung.
Die Alten sind heimgegangen, nur einer noch, der alte »Vater Wolf«, haust in seiner kleinen freundlichen Wohnung im »Königshaus« am Markt, vorn heraus »fünf Treppen« hoch, dem Himmel oder doch den Wolken ebenso nahe als der undankbaren Erde.
XI.
D. L. M.
In einem altrenommierten Leinenwaarengeschäft der Petersstraße, welches noch jetzt besteht, kam es vor vielen Jahren öfters vor, daß sich unter den vielen Käufern auch zeitweilig solche befanden, welche dem etwas mißtrauischen, originellen Chef des Geschäftes betreffs ihrer Absichten zweifelhafter Natur zu sein schienen. In solchen Fällen rief er durch das kleine Fenster aus seinem Contor, durch welches er den Laden und die Käufer überblicken konnte, stets laut »D. L. M.« seinen Verkäufern zu.
Einst — als eine sehr hohe Dame — allein und in unscheinbarer Kleidung im Laden erschien, um Einkäufe zu machen, rief der Alte wieder laut sein »D. L. M.« heraus.
Die Dame aber wandte sich lächelnd zu dem Rufenden und sagte: »Nein — Vater F. — ich mause nicht!«
Die drei Buchstaben sollten nämlich ein Warnungsruf für das Personal des Alten sein und bedeuteten, was der Dame bekannt war: »Das Luder maust!«
XII.
Allerlei Chronika von 1846—1849.
Brand vom Hotel de Pologne.
Anno 1846 Abends 7 Uhr am 29. August ertönten die Sturmglocken von allen Stadtthürmen, die Tamboure der Communalgarde wirbelten durch die Straßen und die Signalhörner der Jäger schmetterten durch die Luft. Feuerruf ertönte aus der Hainstraße! — Es brannte im Hotel de Pologne. Ein Markthelfer in der Droguenhandlung von Marx daselbst war mit offener Kerze in den Keller des Hauses gegangen, wo große Vorräthe von Naphta, Vitriolöl und Spiritus lagerten und hatte daselbst ein Anfangs unbedeutendes Feuer verursacht. Erschrocken suchte er es selbst zu dämpfen, aber im Augenblick hatte dasselbe Spirituosen und andere feuergefährliche Stoffe erfaßt und wuchs riesig an. Die schnell herbeigeeilten Feuerwehren, insbesondere die Spritzen der Nachtwächter, Lampenleute und Chaisenträger vermochten den brennenden Stoffen gegenüber nichts zu thun. Man warf Sand, Erde und Mist in die Flammen, aber umsonst, dieselben durchbrachen schnell das Parterre und durchschlugen den ersten und zweiten Stock des Hauses. Der furchtbare Dampf zwang Alles zum Zurückweichen. Das Feuer griff mit solcher Gewalt um sich, daß in wenig Stunden nicht blos das Hotel de Pologne, sondern auch der »blaue Stern« und der »Adler« in Flammen stand. Leider erforderte der kolossale Brand viele Menschenopfer. Ein vom »Stern« einstürzendes Fenster erschlug von einem vorüberfahrenden Sturmfaß Pferd und Kutscher, sowie des Letzteren Knecht. Die ganze Nacht über heulten die Sturmglocken und nach und nach kamen sämmtliche Spritzen der umliegenden Orte an. Auch das Tags zuvor ins Cantonnement gerückte Schützen-Bataillon wurde zurückberufen und traf wieder in Leipzig ein. Alle Fabriken stellten ihre Leute zur zeitweiligen Ablösung der Bedienung der Spritzen zur Verfügung, ein Gleiches thaten die Turner. Die Schlauchführer griffen den riesigen Feuerheerd, mit Todesverachtung und unter eigener Lebensgefahr, von allen Seiten an und drangen sowohl von der Rückseite — der Katharinenstraße aus, wie vom Brühl und vom »großen Joachimsthal« her über die Dächer vor, während Massen von Schläuchen von den in der Hainstraße gegenüber liegenden Häusern und deren Dächern ebenfalls Ströme von Wasser in die Gluth sandten; aber erst nach fast drei Tagen furchtbarer Arbeit war das Feuer auf seinen Heerd beschränkt. Dasselbe brannte nach Außen noch länger als 14 Tage und von Zeit zu Zeit hörte man im Innern die Explosion der Spiritusfässer.
Da gerade diese drei Häuser hunderten von auswärtigen Tuch- und Buxkinfabrikanten als Verkaufslokale dienten und die Messe unmittelbar bevorstand, so wurden auf den theilweise noch rauchenden Trümmern schleunigst Buden für die alsbald eintreffenden Fremden errichtet, aber als man nach der Messe, fast 12 Wochen nach dem Brande, den Schutt gründlich aufzuräumen begann, stieß man immer noch auf brennende Stellen. Mehrere Fremde, sowie ein Oberkellner des Hotels verbrannten in den Zimmern. Unter der eingestürzten Einfahrt fand man beim Aufräumen die Ueberreste eines Weinküfers, eines Wollsortirers und eines Mannes von der Feuer-Colonne erschlagen vor. Ein wackrer Schornsteinfeger rettete mit eigner Lebensgefahr mittelst einer Leiter eine um Hilfe rufende Dame aus dem über und über brennenden 3. Stockwerk des Adlers, indem er sie aus einem Fenster auf die Leiter trug und, selbst vom Feuer verletzt, glücklich vor dem Einsturz des Gebälkes zur Erde brachte. Die Knochen und sonstigen Ueberreste von 8 Personen wurden nach einigen Tagen feierlich zusammen beerdigt, 6 weitere Personen fand man erst später auf oder dieselben starben nachträglich an ihren Brandwunden, der Letzte derselben war der Maurer Gehlicke, der beim Retten verunglückt war. Er wurde am 30. September 1846 als erste Leiche auf dem neuen Johannisfriedhof an den Thonberg-Straßenhäusern beerdigt.
Neuer Friedhof.
Am 28. September 1846 Nachmittags übergab Bürgermeister Dr. Groß den neuen Johannisfriedhof zur Benutzung, worauf durch Superintendent Dr. Großmann, unter Theilnahme einer großen Menschenmenge, die feierliche Einweihung desselben stattfand.
Erschoss. Liebespaar.
Anno 1847 am 16. August erschoß sich hinter den Gärten bei Sellerhausen ein junges Liebespaar aus Volkmarsdorf. Der Jüngling war 18, das Mädchen 17 Jahre alt. Das Mädchen wurde am 18. August unter Vorantritt der Geistlichkeit und der Schuljugend, sowie ihrer Angehörigen und Freunde beerdigt. Die Jünglinge von Volkmarsdorf trugen den Sarg. Der Leichnam des jungen Mannes kam auf die Anatomie!!!
Mendelssohn-Bartholdy †.
Am 4. November 1847 starb hierselbst in der Königstraße der Königl. Preuß. Capellmeister Dr. Felix Mendelssohn-Bartholdy. Am 7. November wurde der Sarg mit dem Leichnam des Verewigten unter Vorantritt zweier, abwechselnd Trauer-Märsche spielender Musikchöre, unter großem Blumen- und Palmenschmuck und dem Geleit der Mitglieder des Conservatoriums, der Universität, der Civil- und Militairbehörden im feierlichen Zug durch Petersthor und Petersstraße, Markt, Grimmaische Straße in das Innere der Universitäts-(Pauliner-)Kirche gebracht, vor dem Altar niedergesetzt und mit brennenden Wachskerzen umgeben. Nach abgehaltenem Trauergottesdienst und Absingen des Chorals »O Haupt voll Blut und Wunden etc.« unter Orgel- und Posaunenbegleitung, wurde der Sarg Abends per Extrazug nach Berlin gebracht.
Robert Blum †.
Anno 1848 am 14. November kam die Nachricht von Robert Blum’s Erschießung, in der Brigittenau zu Wien am 9. November, dem Tage vor seinem Geburtstage, nach Leipzig und fand desselben Tages eine große Volksversammlung in der Thomaskirche statt. Dieser folgte am 26. November 1848 die Todtenfeier für Robert Blum in Leipzig. Auf dem Roßplatz stellten sich sämmtliche Innungen und Corporationen mit ihren Fahnen auf, darunter die Buchdrucker mit einer rothen Fahne und der Inschrift von Blum’s Namen und Todestag. Punkt 11 Uhr marschirte der Zug vom Roßplatz um die Promenade, an der Post vorbei, durch die Hallesche und Katharinenstraße auf den Markt. Hier theilte sich der Zug und hatte die erste Abtheilung Gottesdienst in der Nikolai- — die Andern in der Thomaskirche. Nachmittags gab der Turnerchor auf dem Exercirplatz bei Gohlis zu Ehren des Erschossenen drei Salven ab.
Robert Blum wurde am 4. November in Wien, nach Bewältigung des dortigen Aufstandes gefangen genommen und nach kriegsgerichtlichem, durch den Fürst Windischgrätz bestätigtem Urtheil am 9. November standrechtlich erschossen.
Am 7. December 1848 veröffentlichte Rechtsanwalt Dr. Gustav Haubold im Leipziger Tageblatt Folgendes:
»Ich übergebe hiermit die Abschiedsworte Robert Blum’s, zur Widerlegung vielfach verbreiteter Gerüchte, der Oeffentlichkeit.
Leipzig, den 7. Dec. 1848.
Dr. Gustav Haubold,
Vormund der 4 unmündigen Geschwister Blum.
Diese Abschiedsworte aber lauteten:
Mein theures, gutes, liebes Weib!
Lebe wohl für die Zeit, die man ewig nennt, die es aber nicht sein wird. Erziehe unsre — jetzt nur Deine Kinder zu edlen Menschen, dann werden sie ihrem Vater nimmer Schande machen. — Unser kleines Vermögen verkaufe mit Hilfe unsrer Freunde. Gott und gute Menschen werden Euch ja helfen. Alles was ich empfinde rinnt in Thränen dahin, daher nur nochmals: leb wohl theures Weib. Betrachte unsre Kinder als theuerstes Vermächtniß, mit dem Du wuchern mußt und ehre so Deinen treuen Gatten. Leb wohl, leb wohl! Tausend, tausend — die letzten Küsse von:
Deinem
Robert.
Wien, den 9. Nov. 1848, Morgens 5 Uhr.
Um 6 Uhr habe ich vollendet!
Nachschrift.
Die Ringe hatte ich vergessen, ich drücke Dir den letzten Kuß auf den Trauring. Mein Siegelring ist für Hans, die Uhr für Richard, der Diamantknopf für Ida, die Kette für Alfred als Andenken. Alle sonstigen Andenken vertheile Du nach Deinem Ermessen. —
Man kommt, lebe wohl! Lebe wohl!