Gretchen Reinwald gibt der kleinen Ruth Holland französische Nachhilfstunde.
Gretchen Reinwalds
letztes Schuljahr.
Eine Erzählung
für Mädchen von 13-16 Jahren.
Von
Agnes Sapper.
Dritte Auflage.
Stuttgart.
Verlag von D. Gundert.
Druck der Stuttgarter Vereinsbuchdruckerei.
Erstes Kapitel.
Der erste Schultag.
„Heute beginnt also dein letztes Schuljahr?“ fragte Herr Reinwald seine Tochter, die eben zum Ausgang gerichtet ins Zimmer trat.
„Ja, aber erst um neun Uhr,“ antwortete Gretchen und setzte sich noch einmal zu den Eltern an den Frühstückstisch. „Ich bin eigentlich viel zu früh daran!“
„Du siehst ja ganz anders aus, als sich’s für ein Schulmädel gehört, hast keine Schürze an, keine Tafel in der Hand und gehst in einem Schleppkleid!“
Gretchen und ihre Mutter lachten. „Das lange Kleid ist dir noch ungewohnt an unserem Kind,“ sagte Frau Reinwald, „sie ist nun eben kein ‚Schulmädel‘ mehr, sondern eine Fortbildungsschülerin.“ „Ja, Vater, du mußt auch ein wenig Respekt haben vor mir, ich bin fast schon so groß wie die Mutter; bitte, Mutter, steh einmal auf, der Vater glaubt es sonst nicht.“
Da standen sie nebeneinander, die Mutter zart und schmächtig, mit schlichtem, braunem Haar, die Tochter rosig und blühend, mit blonden, hoch aufgesteckten Zöpfen; und es war schwer zu sagen, welche von beiden größer war. Aber Herr Reinwald besann sich nicht. „Das beruht alles auf Täuschung,“ sagte er, „deine Zöpfe sind nur so prahlerisch aufgebaut. Die Mutter ist doch größer, und sie bleibt’s auch.“ Da lachte Gretchen und rief: „Ich weiß schon, wie du’s meinst, Vater. Die Mutter bleibt freilich größer,“ und mit stürmischer Zärtlichkeit umarmte sie die Mutter. Herr Reinwald verabschiedete sich nun, um seinem Beruf nachzugehen, und auch Gretchen machte sich fertig.
„Rufe im Vorbeigehen Lene, daß sie das Frühstück abräume,“ sagte Frau Reinwald.
„Lene? Ja, wenn nur unsre gute Lene noch draußen wäre!“ antwortete Gretchen; „ich mag gar nicht mehr in die Küche, seitdem so ein fremdes Wesen darin haust!“
„Ich glaube es wohl, daß dir deine Lene fehlt, die bei uns war, solang du zurückdenken kannst; aber Franziska scheint mir auch ein tüchtiges Mädchen zu sein.“
„Ich schicke sie dir herein,“ sagte Gretchen, „und jetzt leb wohl, Mutter.“
„Viel Glück zum letzten Schuljahr!“
„Danke, ich bin furchtbar neugierig, wie es in der Oberklasse wird!“
Eilig ging nun Gretchen in den kühlen Herbstmorgen hinaus, der Schule zu. Ihr Weg führte sie durch lange, belebte Straßen. Schon seit ihrem ersten Schuljahr, in dem Herr Reinwald als Regierungsrat in die Residenz versetzt worden war, besuchte Gretchen das Institut von Fräulein von Zimmern. Von Klasse zu Klasse war sie aufgestiegen, und nun stand sie vor der letzten. Die schöne Feier der Konfirmation lag eben hinter ihr, Herz und Sinn des jungen Mädchens waren noch bewegt von den tiefen Eindrücken dieser Zeit; heute aber, auf dem gewohnten Schulweg, überkam sie das Gefühl, daß nun alles wieder in das werktägliche Geleise übergehe, und die festtäglichen Empfindungen wichen einer nüchternen Stimmung.
Ähnlich ging es wohl auch ihren Altersgenossinnen. Manche derselben waren schon im Frühjahr konfirmiert worden, die meisten aber, wie auch Gretchen, erst im Herbst, und so wanderten sie heute zum ersten Male als konfirmierte Mädchen wieder dem Institut von Fräulein von Zimmern zu. Sie begrüßten sich als alte Kamerädinnen, freundschaftlicher oder kühler, je nachdem sie einander näher oder ferner standen; aber ein Paar fand sich mit besonderer Herzlichkeit zusammen und stand Seite an Seite, als könnte es gar nicht anders sein: das war Gretchen Reinwald und Hermine Braun, zwei Freundinnen, die seit dem ersten Schuljahr treu zusammen gehalten hatten und von den andern fast wie Schwestern angesehen wurden. Doch waren sie einander äußerlich nicht ähnlich. Hermine war kleiner als Gretchen, hatte ein schmales, blasses Gesichtchen, aber eines, das man gern ansah, denn es sprach eine große Herzensgüte aus den sanften Zügen. Mit den beiden zugleich trat Ottilie von Lilienkron in das Schulhaus, und die drei gingen im untern Stockwerk des Hauses auf eine Zimmertüre zu, die die Aufschrift „Oberklasse“ trug.
Als sie eintraten, fanden sie schon mehrere Mädchen versammelt. Eine derselben bemühte sich eben, einen Kleiderrechen, der sich von der Wand losgemacht hatte, wieder zu befestigen. Es war Elise Schönlein, eine wenig begabte Schülerin. Ottilie redete sie spöttisch an: „Ist das deine erste Leistung in der Oberklasse, daß du den Kleiderrechen von der Wand reißst?“
„Ich kann nichts dafür, das alte Ding hält nicht mehr, der Nagel fällt aus dem Loch. Helft mir doch!“ Hermine Braun kam zu Hilfe. Der Federkasten mußte als Hammer dienen, der Nagel wurde wieder eingeklopft. „So, jetzt hält es notdürftig,“ sagte Hermine befriedigt.
„Ja,“ entgegnete Ottilie, „für einen Tag vielleicht, dann fällt’s wieder herunter. Dies Zimmer ist überhaupt das unschönste Schulzimmer von allen, die wir noch gehabt haben.“
„Ja, und so kalt, man hätte schon ein wenig einheizen können.“ Die Neueintretenden stimmten mit ein in diese Klagen, und die ganze junge Gesellschaft war ziemlich mißvergnügter Laune, als sie sich auf den alten Schulbänken niederließen und in dem etwas dunkeln, kühlen Parterrezimmer auf den Anbruch des letzten Schuljahrs warteten.
Es hatte schon neun Uhr geschlagen, und die Mädchen, fünfzehn an der Zahl, waren alle versammelt, als die Türe aufging. In sicherer Erwartung ihrer Lehrerin wollten die Mädchen aufstehen. Gretchen, die immer etwas flinker als andere in ihren Bewegungen war, hatte sich respektvoll erhoben, aber unter der Türe erschien, statt der erwarteten Lehrerin, nur ein niedliches, kleines Mädchen, eine Schülerin der dritten Klasse. Es war Mathilde, die kleine Schwester von Hermine Braun. Errötend richtete das Kind aus: „Fräulein von Zimmern läßt den Großen sagen, sie sollen alle mit mir heraufkommen.“ Merkwürdig schnell waren „die Großen“ bereit, das Lokal zu verlassen und der Kleinen zu folgen, die die Treppe hinauf voranging.
„Was gibt’s wohl? Wohin sollen wir kommen?“ fragten die Mädchen einander, und immer größer wurde ihre Verwunderung, denn sie wurden durch beide Stockwerke hindurchgeführt, in denen sie die früheren Schuljahre zugebracht hatten, bis hinauf in den obersten Stock, den sie bisher nur betreten hatten, wenn sie in der großen Kammer ihre Handarbeiten aufbewahren wollten. Neben dieser Kammer war eine Türe, durch die noch nie eines der Mädchen geschritten war, die Türe selbst schien auch neu zu sein. Die kleine Führerin öffnete sie und rief in das Zimmer hinein: „Da sind jetzt die Großen,“ und dann sprang sie wieder die Treppe hinunter.
In dem freundlichen, von der Sonne beschienenen Gemach, in das die Mädchen nun eintraten, stand Fräulein von Zimmern, eine würdige, ältere Dame mit grauem Haar. Sie ging der Mädchenschar entgegen und sprach freundlich: „Willkommen, meine Großen! Ihr seht euch ganz erstaunt um; nicht wahr, ihr wußtet nicht, daß hier oben ein so großes, helles Zimmer sei. Es steht auch noch nicht lange, ich ließ es erst in diesen Ferien ausbauen und für euch als Klassenzimmer einrichten. Möchtet ihr alle euer letztes Schuljahr recht glücklich darin verleben!“
Ein Ausruf der freudigen Überraschung folgte auf diese freundliche Anrede. Die Mädchen sahen sich die neue Umgebung mit großem Wohlgefallen an. Das Zimmer war wirklich gemütlich eingerichtet: statt der Schulbänke und dem Lehrerpult stand in der Mitte ein langer, grüner Tisch und um denselben herum hübsche Rohrsessel. Wenn man da saß, konnte man sich an einen Familientisch versetzt glauben. Ein großer Strauß von bunten Astern prangte in der Mitte und fünfzehn kleine, duftende Resedensträußchen bezeichneten den Schülerinnen ihre Plätze. Die Fenster waren mit Vorhängen geschmückt und zwischen diesen hindurch sah man weit hin über die Häuser und Gärten der Stadt bis hinaus in die freie Landschaft.
Das war ein anderes Lokal als das düstere Parterrezimmer! Die Freude der Mädchen kam lebhaft zum Ausdruck, aber für den Dank wollten sich nicht so leicht die Worte finden. Gretchen hatte schon manchmal bei solchen Gelegenheiten die Sprecherin machen müssen, und als sie eben an eines der Fenster trat, sich des ungewohnten Fernblicks zu erfreuen, kamen einige der Freundinnen zu ihr und bedeuteten ihr durch leichte Rippenstöße, daß man ihrer bedürfe. Sie hatte kaum erfaßt, was von ihr erwartet wurde, als sie auch schon bei Fräulein von Zimmern stand und mit dem Ruf: „Wir danken Ihnen für diese wunderschöne Überraschung!“ auch den andern die Zunge löste.
Nie sehen die Menschen so strahlend aus den Augen, als wenn sie andern eine Freude bereiten, und so lag auch in den Zügen der Vorsteherin in diesem Augenblick ein solch herzgewinnender Ausdruck, daß die Mädchen, die von klein an nur mit ehrfurchtsvoller Scheu der gestrengen Lehrerin genaht waren, sich traulich um sie scharten und in fröhlichem Geplauder ihre Freude aussprachen.
Es wurde in dieser ersten Unterrichtsstunde, die Fräulein von Zimmern selbst gab, nicht so viel gearbeitet wie sonst, aber es war doch keine verlorene Stunde: in all den jungen Herzen war der Wunsch und Wille erweckt worden, sich dankbar zu zeigen durch treue Pflichterfüllung.
Um zehn Uhr wurde Fräulein von Zimmern bei ihren Schülern abgelöst durch Miß Hampton, eine Engländerin, die den Unterricht in ihrer Muttersprache zu erteilen hatte. Ehe die Vorsteherin das Klassenzimmer verließ, sagte sie zu Gretchen: „Komme um zwölf Uhr einen Augenblick in mein Zimmer, ich habe etwas mit dir zu besprechen.“ Gretchen hätte gerne gefragt: „was denn?“; sie konnte sich durchaus nicht vorstellen, was es sein konnte; ja sie gestattete sich auch während der englischen Stunde mit Hermine darüber zu beraten, da ohnehin keine musterhafte Stille am grünen Tisch herrschte. Die junge Engländerin, die heute ihre erste Stunde erteilte, verstand es noch nicht so recht, in der Klasse Ruhe zu halten. So erlaubten sich die Mädchen unter die englische Konversation auch deutsches Geplauder zu mischen, und Miß Hampton verließ nach der ersten Stunde entmutigt das Schulzimmer in dem Gefühl, daß sie sich, trotz ihrer guten Kenntnisse, der Aufgabe nicht gewachsen gezeigt habe.
Auf die englische Stunde sollte nach dem neuen Stundenplan ein französisches Diktat folgen; aber anstatt Fräulein Bertrand, die dieses Fach zu geben hatte, erschien zur großen Überraschung der Mädchen eine andere Gestalt. Es war Pfarrer Kern, der Pfarrer, der den Mädchen schon von der ersten Klasse an Religionsunterricht gegeben hatte, von dem auch die meisten Schülerinnen dieses Instituts konfirmiert wurden, und der bei ihnen allen nur „unser Pfarrer“ hieß. Auf dem Stundenplan für dieses Jahr stand aber keine Unterrichtsstunde von ihm, und deshalb sahen ihn fünfzehn Augenpaare erstaunt an bei seinem Eintritt. Der Pfarrer bemerkte es wohl, er begrüßte seine Schülerinnen freundlich und sagte dann:
„Ihr seht mich alle verwundert an, ja in Gretchen Reinwalds Augen lese ich ganz deutlich die Frage, die sie mir als kleines Mädchen schon einmal gestellt hat: „Was will der Mann?“ Diese stumme Frage will ich euch gleich beantworten. Fräulein von Zimmern ist der Meinung, daß alle Monate einmal eine der regelmäßigen Stunden ausfallen könnte zu Gunsten einer Stunde, die ich euch, meinen alten Schülerinnen, widmen würde. Wenn ich mich nicht irre, so sind wir so gute Freunde, daß wir wohl gerne einmal monatlich zusammenkommen und eine Stunde miteinander zubringen. Was meint ihr?“
Die freudige Zustimmung, die von allen Seiten erfolgte, kam den Mädchen aus dem Herzen, denn es war auch nicht eine unter ihnen, die lieber französisches Diktat gehabt hätte, als eine Stunde bei ihrem Pfarrer. Dieser setzte sich nun zu seinen Schülerinnen oben an den grünen Tisch, und blickte befriedigt über die auch ihm ganz neue Schulstube.
„Unsere ganze Umgebung ist eine andere als bisher,“ sagte er, „und ebenso wird auch unser Unterricht ein anderer sein. Was uns vorgeschrieben war – euch zu lernen und mir zu lehren – das haben wir erfüllt, und für euch gilt es nun, das Gelernte auch ins Leben zu übertragen. Darüber, wie das geschehen kann, möchte ich in diesem letzten Schuljahr zu euch heranwachsenden Mädchen reden. Von eurer Arbeit wollen wir reden, von euren Vergnügungen; von euren Beziehungen zu den Eltern und Geschwistern, zu den Freundinnen, zu den Dienstboten; kurz von allem, was ich denke, daß euer Leben ausfüllt, oder von dem, was ihr gerne besprochen haben möchtet. Hat im Lauf des Jahres eine von euch den Wunsch, diese oder jene Frage auszusprechen, so mag sie es jederzeit tun, sei es nun mündlich oder schriftlich, auf einem Blättchen, das ihr mir zuschicken könnt, mit oder ohne Namensunterschrift. Es ist eine alte Erfahrung, daß die Menschen sich oft scheuen, das auszusprechen, was ihre Seele am tiefsten bewegt. Mich wird es freuen, wenn ihr diese Scheu überwindet und mir manchmal Stoff gebt zur Besprechung solcher Fragen, die euch beschäftigen. In der heutigen Stunde wollen wir miteinander darüber reden, was euch dies letzte Schuljahr bietet und was es von euch fordert, und dazu möchte ich nun euern neuen Stundenplan sehen.“
Die Schülerinnen von Fräulein von Zimmern mußten sich immer schon am Schluß eines Schuljahrs den Stundenplan für das kommende Jahr schreiben, und wer die schönste Handschrift besaß, hatte die Pflicht und das Vorrecht, ihn auf ein größeres Formular einzutragen, das hübsch verziert im Schulzimmer hing. Ottilie von Lilienkron hatte in diesem Jahr den Plan geschrieben, sie brachte ihn nun herbei. Der Pfarrer nahm ihn zur Hand und saß bald in traulichem Gespräch mit seinen Schülerinnen. Diese merkten es wohl kaum, daß sie auch in dieser Stunde lernten, und doch übte der zwanglose Unterricht guten Einfluß aus. Indem der Pfarrer von der englischen Stunde sprach, wußte er die Herzen der Mädchen für die fremde, junge Lehrerin zu gewinnen, so daß sie sich im stillen vornahmen, ihr künftig nicht, wie sie es heute getan hatten, ihren Beruf noch schwerer zu machen.
Als bei Betrachtung des Stundenplans die Nähstunde an die Reihe kam, seufzte Gretchen tief auf und bekannte, daß ihr diese Stunde schrecklich sei, und sie nicht begreifen könne, warum man so pedantisch darauf aus sei, daß alles fadengerade genäht werde. Der Pfarrer hatte ganz teilnahmsvoll zugehört. „Davon verstehe ich freilich nicht viel,“ sagte er, „aber es kommt mir doch vor, als sei das Wort „fadengerade“ kein so übles Wort. Sage du dir bei der nächsten verzweiflungsvollen Näherei: Da, längs dieses Fadens geht der gerade Weg, und den will ich nicht verlassen, wenn er noch so mühsam ist. Hast du das durchgeführt, so hast du eine schwere Pflicht erfüllt, trotzdem es sich nur um einen Faden handelt, und seht, das ist’s gerade, was ich möchte, daß ihr so recht erfaßt: Nichts ist so klein in unsrem Tun, daß es nicht wert wäre, gut getan zu werden, und bei dem geringsten, was wir tun, können wir Gott vor Augen und im Herzen haben.“
Als der Stundenplan durchgesprochen war, schlug es zwölf Uhr. Der Pfarrer verabschiedete sich von seinen Schülerinnen für einen ganzen Monat und wiederholte seine Aufforderung, ihm Fragen zukommen zu lassen, wenn sie irgend welche auf dem Herzen hätten.
Erst jetzt fiel es Gretchen wieder ein, daß sie nun bei Fräulein von Zimmern erscheinen sollte. Im Hinuntergehen sagte sie zu Hermine Braun: „Warte ein wenig an der nächsten Ecke auf mich, damit ich dir gleich berichten kann,“ und dann verschwand sie hinter der Türe, an der angeschrieben stand: Zimmer der Vorsteherin. Diesen Raum hatte Gretchen in den vielen Schuljahren, die sie hinter sich hatte, nur sehr selten betreten und meist mit einem gewissen Bangen, denn hieher wurden die Schülerinnen nur beschieden, wenn Fräulein von Zimmern etwas Besonderes mit ihnen zu besprechen hatte, und dieses Besondere war selten etwas Angenehmes. Heute hatte nun Gretchen das Gefühl, daß unmöglich etwas Schlimmes kommen könne, und guten Muts trat sie zu der Vorsteherin, die an einem Schreibtisch saß, nun die Feder weglegte und Gretchens Gruß erwiderte.
„Gretchen,“ begann sie dann, „deine Mutter hat mir einmal mitgeteilt, du habest große Lust, Lehrerin zu werden. Ist das noch immer so?“
„O ja,“ sagte Gretchen, „in einer solchen Schule, wie unsere ist, da möchte ich gerne Lehrerin sein.“
„Gut, ich will dir deshalb einen Vorschlag machen. Es ist eine neunjährige Schülerin neu eingetreten, Ruth Holland, Tochter des Forstrats Holland. Die Familie lebte bisher auf dem Land, und das Kind hatte in seiner Schule noch keinen französischen Unterricht. Sie sollte nun das Wenige nachlernen, was ihre Altersgenossinnen hier schon gelernt haben. Willst du nun, so kannst du dem Kind diesen französischen Unterricht erteilen, wozu ich dir Anleitung geben würde. Du kannst bei dieser Gelegenheit erproben, ob du wirklich Freude am Lehren und Geschick im Umgang mit Kindern hast. Was meinst du dazu?“
„Ich tue es furchtbar gern,“ rief Gretchen voll Eifer.
„Keine solchen Ausdrücke, Gretchen! Das Eigenschaftswort ‚furchtbar‘ ist als Bestimmungswort für ‚gern‘ nicht zulässig.“
„Ich tue es sehr gern,“ verbesserte Gretchen, „aber ob es wohl die andern nicht auch alle gern täten? Zum Beispiel Hermine Braun, und sie, als erste, hat doch mehr Recht darauf, als ich.“
„Recht hat keine von euch darauf; übrigens hätte ich allerdings Hermine lieber als dich in Vorschlag gebracht, da sie durch ihre kleinen Geschwister mehr Erfahrung mit Kindern hat, als du; aber sie hat Musikstunden und deshalb weniger freie Zeit, als du. So frage denn deine Eltern, ob –“
„O, meine Eltern sind jedenfalls –“
„Nicht unterbrechen, Kind; es ist eine schlechte Gewohnheit, die bei Gebildeten nicht vorkommen sollte, merke dir das! Frage deine Eltern, und wenn sie einverstanden sind, dann kannst du gleich Donnerstag beginnen, im Klassenzimmer Nro. 3, nachmittags vier Uhr. Was wolltest du vorhin sagen?“
„Daß meine Eltern sich jedenfalls nur darüber freuen. Ist es wohl ein nettes Mädchen?“
„Ich glaube, daß die kleine Ruth ein gutes, aber etwas verschüchtertes Kind ist, das vielfach falsch behandelt wurde. Du mußt trachten, ihr Vertrauen zu gewinnen und sie zu ermutigen.“
„O ja, das will ich tun, ich freue mich schrecklich – ich wollte sagen sehr – auf eine so herzige, kleine Schülerin!“
„Nun, so wollen wir das beste hoffen! Ich werde dir mit gutem Rat beistehen.“ Fräulein von Zimmern reichte Gretchen die Hand, diese verneigte sich, wie es in diesem Hause üblich war, ging sehr sittsam zur Türe hinaus und rannte dann nicht ganz so sittsam bis an die nächste Straßenecke, wo Hermine sie erwartet hatte.
In großem Eifer erzählte Gretchen von dem Vorschlag, den ihr Fräulein von Zimmern gemacht, und dann sah sie prüfend ihre Freundin an und fragte: „Hätte es dich sehr gefreut, wenn dir der Unterricht übertragen worden wäre?“
„Ach nein, wirklich nicht, ich habe so viel mit den Aufgaben meiner Geschwister zu tun, muß zum Beispiel täglich meiner Schwester bei den französischen Lektionen helfen, so daß es mir nichts Neues mehr ist; ich habe mir auch nie gewünscht, Lehrerin zu werden.“
„Ja, das weiß ich; dann freut mich’s um so mehr, daß Fräulein von Zimmern gerade an mich kommt. Ich denke es mir ganz reizend!“ Die Freundinnen trennten sich nun und Gretchen kam zu Hause gerade recht zum Mittagessen. Sie fand bei Vater und Mutter volle Teilnahme für all ihre Schulerlebnisse, und sie wußte dies Glück wohl zu schätzen.
Frau Reinwald war in den letzten Jahren mehrmals schwer krank gewesen, und so war Gretchen der Gedanke schon wiederholt nahe getreten, daß dies treue Herz bald aufhören könnte, für sie zu schlagen. Gegenwärtig aber war Frau Reinwald gesund, und Gretchen freute sich täglich darüber; es war eine stille Übereinkunft zwischen ihr und dem Vater, daß der Mutter alles Schwere möglichst abgenommen, und sie gehegt und gepflegt würde, obwohl Frau Reinwald selbst nie Rücksicht für sich verlangte. Aus diesem Grund war es auch Gretchen lieb, daß sie nicht mehr so viele Schulstunden hatte wie in den früheren Schuljahren und so der Mutter im Haushalt manches abnehmen konnte. Wenn sie nur schon mehr von den häuslichen Geschäften verstanden hätte, oder wenn Lene noch dagewesen wäre, sie anzuweisen! War auch Lene manchmal etwas grob gewesen, sie hatte doch Gretchen geliebt und wäre für sie durchs Feuer gegangen. Aber vor einigen Wochen hatte sie sich verheiratet.
Franziska, die nun draußen in der Küche waltete, war nie grob, nein, sie hatte feine Manieren und redete Gretchen mit „Fräulein“ an; aber Gretchen schien es doch, als ob sie ein wenig spöttisch gegen das junge Fräulein wäre, das sich bisher noch wenig um die Hausarbeit gekümmert hatte. So war es ihr unbehaglich zumute, als sie hörte, daß sie in der nächsten Woche zum erstenmal mithelfen sollte beim Wäsche legen und bügeln. Aber die Mutter machte ihr Mut: „Du bist ja nicht allein mit Franziska,“ sagte sie, „ich bin auch dabei. Wie schnell wird künftig alles erledigt werden, wenn meine große Tochter mithilft! Darauf habe ich mich schon gefreut, wie du noch ein ganz kleines Dirnchen warst!“
„Wirklich?“ fragte Gretchen, „dann muß es freilich nett werden, und ich freue mich darauf, trotz Franziska!“
Zweites Kapitel.
Lene.
In den nächsten Tagen, als Gretchen eben von der Schule heimkam, sagte Frau Reinwald zu ihr: „Du hast einen lieben Besuch versäumt, Frau Bauer war da.“
„Frau Bauer? Die kenne ich gar nicht.“
„Die kennst du nicht? Deine Lene?“
„Lene! Ach, wie sonderbar, daß man nun Frau Bauer zu ihr sagt! Wie geht es ihr denn? was hat sie erzählt?“
„Mir scheint, es geht nicht sonderlich gut, sie hat viel Schwierigkeiten, und als sie davon erzählte, kamen ihr sogar die Tränen.“
„O, wenn Lene einmal weint, dann muß es schon recht arg sein! Ist denn ihr Mann nicht gut gegen sie?“
„Doch, der Mann wohl, aber du weißt ja, daß er Kutscher ist und fast immer auf der Fahrt, dann ist Lene allein mit den drei Kindern, die sie angetreten hat, und die machen ihr das Leben recht sauer. Es sind drei wilde, verwahrloste Buben und überdies scheinen sie gegen Lene aufgehetzt zu werden. Es wohnt eine Verwandte, eine alte Base, wie Lene sagt, in der Nähe, die besorgte vorher den Haushalt und war gegen die Heirat. Die legt nun alles böse aus, was Lene tut.“
„Lene soll sie doch nicht mehr ins Haus lassen!“
„Sie kommt auch nicht, aber sie lockt die Kinder zu sich und fragt sie aus. Wenn Lene ihre Wohnung schön rein und ordentlich macht, wie sie es bei uns gewöhnt war, und nicht leiden will, daß die Kinder alles gleich wieder schmutzig machen, dann heißt es: ‚Die Base sagt, du seiest eine Putznärrin‘; wenn Lene sparen will, dann heißt man sie geizig, und wenn sie die Buben zurechtweist, dann sagen sie: ‚Wärest du nicht zu uns gekommen, wenn wir dir nicht recht sind!‘“
„Aber Mutter, das ist ja ganz empörend, nein, unsere gute Lene so zu behandeln! Die sind es gar nicht wert, daß sie sie bekommen haben!“
„Das mußte ich auch denken. Wie sollten sie glücklich sein, daß ihr verwahrlostes Hauswesen in Ordnung gebracht wird!“
„Ja,“ sagte Gretchen, „und gegen die Kinder ist sie gewiß immer gut. Weißt du noch, Mutter, wie sie sich um mich angenommen hat, wie du krank warst? Sie hat mit mir gespielt und mir Geschichten erzählt und ganz für mich gesorgt. So macht sie es gewiß auch mit den drei Buben, die jetzt doch ihre Kinder sind, und die sind so undankbar! Was hast du denn Lene zum Trost gesagt, Mutter?“
„Leider ist uns ein Besuch dazwischen gekommen, und ich konnte ihr nur noch versprechen, daß wir bald und oft nach ihr sehen würden. Du könntest manchmal nach deiner Nachmittagsschule zu ihr hingehen, von der Schule aus ist’s nicht mehr so weit.“
„Ja, das tue ich. Wenn dann nur die drei wilden Buben aus dem Weg wären!“
„Die sitzen wohl nachmittags nicht viel daheim, du wirst Lene leicht allein treffen.“
„Ich gehe zu ihr, so bald ich kann!“ Gretchen konnte ihre Gedanken gar nicht mehr von Lene losbringen, und ganz empört erzählte sie mittags dem Vater, was sie gehört hatte. Herr Reinwald beschwichtigte. Er meinte, aller Anfang sei schwer, sie würden sich allmählich schon besser zusammenleben.
„Aber die wilden Buben!“ rief Gretchen.
„Wilde können gezähmt werden.“
„Aber die Base!“
„Basen können sich beruhigen,“ sagte Herr Reinwald in unerschütterlicher Ruhe. Das befriedigte Gretchen nicht, sie fand den Vater nicht teilnehmend genug.
„Die arme Lene, sie hat sogar geweint,“ sagte sie.
„Die ‚arme Lene‘ macht vielleicht auch manchen Fehler, ein Engel ist auch sie nicht. Ehe man so unbarmherzig den Stab bricht über ihre Angehörigen, müßte man doch mehr Einblick in die Verhältnisse haben.“
„Aber Lene hat ja der Mutter alles erzählt!“
„Eines Mannes Red
Ist keines Mannes Red,
Man muß sie hören alle beed.“
Dieser Spruch brachte Gretchen vollends in Verzweiflung. „O Mutter,“ rief sie, „sprich doch auch ein Wort für Lene, der Vater hat gar kein Herz mehr für sie!“ Frau Reinwald legte sich ins Mittel. „Sei nur zufrieden, ich gehe in der nächsten Zeit einmal hin und sehe, wie es steht.“
Gretchen war nun still, aber sie mußte immer an Lene denken, bis dieser Kummer durch den Gedanken an die französische Stunde verdrängt wurde, die sie heute zum erstenmal erteilen sollte. Sie hätte sich nur gefreut auf diese Stunde, wenn sie über einen Punkt beruhigt gewesen wäre: ob Fräulein von Zimmern den Stunden beiwohnen würde. Sie war überzeugt, daß sie allein ihre Sache viel besser machen würde und bald gut Freund wäre mit der fremden Kleinen, für die sie schon eingenommen war, ehe sie dieselbe kannte, aber in Gegenwart von Fräulein von Zimmern traute sie sich nichts zu. Als sie nun um vier Uhr ins Schulhaus kam, stürmten die Kinder alle die Treppe herunter, und es war ihr ganz eigen zumute, daß sie, als Lehrerin, dem Strom entgegen hinaufging.
Die dritte Klasse hatte sich eben entleert, ein Kind saß allein noch auf der letzten Bank, und Gretchen konnte leicht erraten, daß das ihre künftige Schülerin war. So einsam im Schulzimmer zurückbleiben müssen, wenn alle Kamerädinnen hinausspringen, so auf der letzten Bank sitzen und warten, bis eine ganz fremde Lehrerin kommt, das ist keine glückliche Lage, und Gretchen mit ihrem warmen Herzen fühlte das sofort. Sie hatte eigentlich warten wollen, bis Fräulein von Zimmern sie in aller Form der Schülerin vorstellen würde, aber als sie das Kind so verlassen sah, kam es ihr anders. Schnell ging sie auf sie zu, setzte sich neben sie auf die Bank, legte den Arm um sie und sagte: „Gelt, du möchtest jetzt gewiß lieber mit den andern fort, als bei mir französisch lernen? Aber ich mach’s gar nicht lang; sieh, da legen wir meine Uhr her und sowie der Zeiger da auf halb ist, hören wir auf.“
Die Kleine antwortete nicht auf diese freundliche Anrede. Gretchen erinnerte sich an Fräulein von Zimmerns Wort: „verschüchtert“. Ja, so erschien sie und so zeigte sie sich auch, als jetzt Fräulein von Zimmern eintrat. Sie blieb sitzen, während Gretchen vortrat und grüßte. Fräulein von Zimmern, die sonst jede kleine Unhöflichkeit zu tadeln pflegte, übersah es bei diesem Kind und sprach milder, als sonst ihre Art war. Gretchen merkte wohl, daß es ihr am Herzen lag, die Kleine zu ermutigen.
„Das ist Ruth Holland, deine Schülerin; Ruth, sieh, das ist Fräulein Reinwald.“
Gretchen war ganz betroffen, sich so vorgestellt zu hören; aus dem Munde der Vorsteherin lautete das „Fräulein Reinwald“ gar zu ungewohnt.
Fräulein von Zimmern zeigte nun Gretchen, wo Ruth, die erst seit kurzem angefangen hatte, Französisch zu lernen, in ihrem Lehrbuch stand. Gretchen sollte zuerst die kleine schriftliche Arbeit korrigieren und die gelernten Wörter überhören, dann die neue Lektion durchgehen. Ein heller Platz in der vordersten Bank wurde für die kleine Schülerin bestimmt und dann wies Fräulein von Zimmern auf einen Sessel, den sich Gretchen vor den Platz der Kleinen stellen sollte. Gretchen wagte eine Einsprache.
„Ich säße viel lieber neben ihr auf der Bank, es ist viel traulicher; darf ich?“
„Die niedrige Bank ist für dich unbequem, doch magst du das einrichten, wie du willst.“
Im Nu saß Gretchen neben Ruth, schlang den Arm wieder um sie, während sie mit der andern Hand das Heft nahm, in dem eine Übersetzung zu korrigieren war. „La mère“ hießen die ersten Worte und auf „mère“ fehlte der Akzent; eifrig bemühte sich nun die junge Lehrerin, ihrer Schülerin zu erklären, warum dies kleine Zeichen nicht fehlen dürfe. Sie beachtete nicht mehr die Gegenwart von Fräulein von Zimmern, sie war viel zu sehr bei der Sache, und so bemerkte sie auch den wohlwollenden Blick nicht, den die Vorsteherin auf die kleine Gruppe warf, ehe sie nach einer Weile das Zimmer verließ.
Die halbe Stunde erschien Gretchen fast zu kurz, sie hätte in ihrem Eifer gerne noch weiter gemacht, aber sie dachte an ihr Versprechen und machte pünktlich Schluß. Sie half der Kleinen, ihr Jäckchen anzuziehen, freute sich an dem zierlichen Gestältchen und fing an, mit Ruth zu plaudern. Aber die Unterhaltung blieb ganz einseitig, und sobald das Kind fertig war, huschte es mit kaum hörbarem Gruß zur Türe hinaus. „Jetzt ist sie natürlich noch schüchtern, aber in der nächsten Stunde wird sie schon zutraulich werden,“ sagte sich Gretchen, während sie das Schulzimmer hinter sich abschloß, das ihr, still und unbelebt, wie es um diese Zeit war, fast fremd erschien.
Sie schlug nicht den Heimweg ein, es zog sie unwiderstehlich zu Lene, sie mußte einmal nach ihr sehen. In einem kleinen Gäßchen der Altstadt wohnte der Kutscher Bauer, ein sehr zuverlässiger Mann, den Lene in früheren Jahren oft für Herrn Reinwald zu Ausfahrten bestellt hatte. Gretchen war kurz nach Lenes Heirat schon einmal dagewesen, um ein Hochzeitsgeschenk zu überbringen. So war ihr die Wohnung nicht unbekannt. Man mußte an dem Vorderhaus vorbei durch einen Hof in das Hintergebäude gehen. Dort war der Pferdestall und die Wagenremise und daneben die kleine Parterrewohnung, die der Kutscher bewohnte. Gretchen klopfte an der Zimmertüre, und als niemand „herein“ rief und sie doch von innen Gepolter hörte, klopfte sie noch lauter. Da wurde die Türe aufgerissen und sie stand einem etwa zwölfjährigen Knaben gegenüber, der sie anredete: „Wollen Sie zum Kutscher?“ Gretchen wußte sofort, daß das einer der drei wilden Buben war; sie sah auch, daß ein zweiter mitten auf dem Tisch stand, sah, daß dieser Tisch tadellos weiß gefegt war und daß der Bub, der darauf stand, schmutzige Stiefel hatte. In einem Augenblick hatte sie das alles bemerkt; jetzt antwortete sie auf die Frage des Großen: „Ich möchte zu Lene, zu Frau Bauer.“
„Die ist nicht da.“
„Ist sie ausgegangen? Kommt sie wohl gleich wieder?“
„Sie ist ausgegangen, aber ob sie wohl gleich wieder kommt oder noch eine Stunde lang schwätzt, weiß ich nicht.“
„Schwätzen tut sie nicht, das weiß ich,“ rief Gretchen, deren Zorn gegen die Buben gleich hell aufloderte. „Ich kenne die Lene besser als ihr, sie war vierzehn Jahre bei uns!“
„Meinetwegen hätte sie auch vierundzwanzig Jahre bei euch bleiben können!“
„Ich wollte auch, sie wäre bei uns geblieben,“ rief Gretchen mit zunehmender Erbitterung, „bei uns hat sie es gut gehabt, ich habe sie so lieb und sie mich, und ihr seid so häßlich gegen sie!“
„So? Woher wißt Ihr denn das? Hat sie uns schon verklagt?“
„Wenn sie euch auch nicht verklagt hätte,“ entgegnete Gretchen, „so hätte ich das schon selbst gemerkt, wenn du gleich sagst: ‚sie schwätzt!‘ und wenn der andere dort auf dem frisch geputzten Tisch herumsteigt, daß Lene gerade wieder von vorn anfangen muß zu putzen!“
„Was kümmert’s Euch?“ rief trotzig der Große, „das ist unser Tisch und unsere Stub, da habt Ihr nichts drein zu reden! Wir können tun, was wir mögen, und Euch geht’s nichts an!“
„Das geht mich freilich an, wenn ihr meine Lene so unglücklich macht,“ rief Gretchen in höchster Erbitterung und mit Tränen der Erregung.
Der Große lenkte ein. „So schlecht sind wir auch nicht, daß wir jemand unglücklich machen! Da ist doch die Bas viel unglücklicher, die heult den ganzen Tag, weil sie aus dem Haus gemußt hat und ganz allein ist, und Eure Lene ist noch nicht ein einziges Mal zu ihr hinübergegangen und hat ihr noch nie einen Teller Suppe gebracht. Das ist doch auch nicht recht, das schreit zum Himmel, sagt die Bas.“
Gretchen horchte hoch auf. „Ist denn die Base arm?“ fragte sie.
„Wenn sie doch keinen Verdienst mehr hat!“
„Das weiß gewiß die Lene nicht!“
„Was wird sie’s nicht wissen!“
„Nein, sie weiß es nicht,“ beharrte Gretchen, „man muß es ihr nur sagen, dann bringt sie der Base gleich etwas!“
Der Kleine, der mittlerweile doch vom Tisch heruntergestiegen war, hatte nun auch etwas zur Sache zu bemerken.
„Ich hab’ der Bas einmal ein Stück Fleisch zugetragen,“ erzählte er, „dann wie die neue Mutter dahintergekommen ist, hat sie mich gescholten. Ja, und sie will uns gar nimmer zur Bas hinüber lassen, die ist ihr schon zu gering, und alles will sie schöner haben, als es vorher war, weil sie der Hochmut plagt, sagt die Bas.“
Gretchen mußte an ihren Vater denken, er hatte wohl recht, Lene machte vielleicht auch nicht alles ganz gut. „Es ist aber auch recht schön bei euch,“ sagte sie begütigend; „wie ich voriges Jahr einmal in eurer Stube war, um den Kutscher zu bestellen, da hat es anders ausgesehen.“
„Schön ist’s, das ist richtig,“ gab der Große zu, „wer ins Haus kommt, rühmt, daß es bei uns so sauber aussehe,“ und er sah mit Stolz um sich.
„Und gut ist sie auch, die Lene!“ rief Gretchen eifrig. „Wie ich noch klein war, hat sie mir am Sonntagnachmittag oft Geschichten erzählt und vorgelesen und mit mir gespielt. Mit euch hat sie gewiß auch schon gespielt?“
„Nicht ein einziges Mal!“
„Aber vorgelesen oder erzählt?“
„Das ist bei uns nicht der Brauch, das hat sie halt bei euch getan, aber wir sind ihr viel zu gering.“
Gretchen dachte nach. „Mir hat sie auch nie erzählt, wenn sie sich über mich hat ärgern müssen, bloß wenn ich brav war. Aber paßt auf! Wischt den Tisch schön ab, macht alles sauber, daß ihr’s gefällt, wenn sie heimkommt, und dann sagt zu ihr: Einen schönen Gruß von deinem Gretchen und du sollst uns heute abend die Geschichte von der Feuersbrunst im Gefängnis erzählen. Dann tut sie’s gewiß und die Geschichte ist wunderschön.“
„Was kommt darin vor?“ frug der Kleine.
„Ich kann’s jetzt nicht erzählen, ich muß nach Hause, und Lene kann’s viel schöner als ich.“ Gretchen ging.
Sie war nicht mehr so entrüstet wie am Anfang ihres Besuchs, sie dachte ein wenig milder über die Buben und über die Base, sie fühlte, daß da große Schwierigkeiten zu überwinden waren, und es stand fest bei ihr, die Mutter mußte zu Lene kommen und alles ins gute Geleise bringen.
Während sie in diesen Gedanken heimwärts ging, wurde in der Stube des Kutschers der Tisch abgerieben und alles, was in Unordnung geraten war, aufgeräumt. Der dritte Bruder kam nun auch heim. Er ahnte nichts von der neuen Ordnung der Dinge; als er sich aber beikommen ließ, einen Apfelbutzen auf den Boden zu werfen, was die beiden andern noch vor einer Stunde ebenso gemacht hätten, wurde er von seinen Brüdern hart angelassen, so daß er große Augen machte. Sobald er aber erfaßt hatte, um was es sich handelte, daß nämlich die Mutter dafür gewonnen werden sollte, eine Geschichte von der Feuersbrunst im Gefängnis zu erzählen, trat er in das Komplott ein, und so kam es, daß Lene alles in tadelloser Ordnung vorfand, als sie nach einiger Zeit von ihren Ausgängen heimkam. Sie merkte gleich, daß etwas nicht war, wie sonst. Es herrschte Frieden, Ruhe und Ordnung, und sie selbst wurde mit einem gewissen Interesse angesehen, wie wenn sie eine neue Erscheinung wäre. Und in der Tat sahen die Kinder sie daraufhin an, daß sie so innig geliebt wurde von einem jungen, feinen Mädchen. Sie dachten daran, daß dieses Mädchen Tränen vergossen und gesagt hatte, Lene sei unglücklich und sie seien schuld daran.
„Was schaut ihr mich so an?“ fragte Lene.
„Sag’s doch,“ drängte der Jüngste den Ältesten, und nun kam stockend Gretchens Auftrag heraus. Lene war es sehr leid, daß sie Gretchens Besuch versäumt hatte, und sie wollte genau wissen, was die Kinder mit Gretchen gesprochen hatten, ob sie auch höflich gegen sie gewesen seien. Aber sie bekam nur sehr spärliche Antworten; die Kinder hüteten sich wohl, zu erzählen, daß ihre Unterredung nicht sehr freundlicher Art gewesen sei. Lene gab sich schließlich zufrieden und dachte, sie müßten doch ganz nett miteinander geplaudert haben, wenn die Rede auf Geschichtenerzählen gekommen sei. Sie versprach, nach dem Abendessen ihre Geschichte zu erzählen, wenn es die Buben auch so halten wollten, wie Gretchen Reinwald: vor dem Essen ihre Aufgaben schreiben und lernen und sich überhören lassen, ob alles gut gehe, und nach dem Essen das Zimmer wieder in Ordnung bringen. Diese Bedingungen wurden angenommen, die Erwartungen waren so hoch gespannt, daß die Wünsche der Mutter alle bereitwilligst erfüllt wurden. Der Vater war heute erst spät zu erwarten, die einfache Mahlzeit war bald vorüber, und alle Hände halfen heute den Tisch abzuräumen, das Geschirr in der Küche abzuwaschen und wieder an seinen Platz zu stellen. Der Jüngste, der kleine Fritz, stand sehr unter dem Eindruck ungewohnter Tugend, und als alle so tätig waren, fragte er die Mutter: „War dein Gretchen noch bräver als so?“ „Nein,“ antwortete Lene, „so war sie und so habe ich die Kinder gern!“
Bald darauf saßen sie alle eng aneinander gedrängt in einer Ecke der Stube, Lene fing an zu erzählen, und die Buben, die wilden, sie waren gezähmt; regungslos saßen sie da und hörten zu. Nie in ihrem Leben hatte ihnen jemand eine Geschichte erzählt, gelesen hatten sie auch nicht viel. So lauschten sie in atemloser Spannung, und Lene, da sie all die Augen auf sich gerichtet sah, machte die Sache noch fesselnder und schauriger als sonst. Zuletzt ging alles gut hinaus, die Bösen wurden bestraft, die Guten belohnt; es war ganz herrlich!
An diesem Abend fühlte sich Lene nicht unglücklich; die Freude, die sie bereitet hatte, war das erste Band zwischen ihr und ihren drei Wilden.
Drittes Kapitel.
Häusliche Geschäfte.
Ein paar große Waschkörbe voll frisch gewaschener Wäsche standen im Zimmer; ein langer Tisch war aufgeschlagen, Gretchen hatte eine große, weiße Hausschürze an und sollte zum erstenmal helfen bei dem Geschäft, die Wäsche einzuspritzen, zu legen und zum Mangeln und Bügeln zuzurichten. Zunächst machte sie ein etwas bedenkliches Gesicht dazu; sie wollte sich zwar gerne nützlich machen im Haus, aber in diesem Gebiet war sie noch ganz unbekannt, und gemeinsam mit Franziska war sie überhaupt noch nie tätig gewesen, sie kam sich fremd vor im eigenen Haus. Frau Reinwald wies ihr den Platz neben sich an, übergab ihr einen Pack Taschentücher und zeigte ihr, wie dieselben gespritzt und gelegt werden sollten. Sie selbst und Franziska nahmen größere Stücke aus den Körben und fingen an, sie auszuziehen und zu legen.
„Sieh zu, wie wir das machen, damit du es ein andermal auch besorgen kannst,“ sagte Frau Reinwald.
Gretchen sah zu; daß es der Mutter flink von der Hand ging, war wohl natürlich, daß aber auch Franziska, die erst neunzehn Jahre alt und kaum größer als Gretchen war, die Sache schon so geschickt angriff, ja, daß sie gleich ein leinenes Tuch von einem baumwollenen unterscheiden konnte, wunderte Gretchen sehr und war ihr nicht einmal ganz recht, denn ihr eigenes Ungeschick kam ihr dadurch nur größer vor. Das Geschäft war kaum recht im Gang, als die Hausglocke ertönte und Besuch zu Frau Reinwald kam. Gretchen war sehr ärgerlich, daß die Mutter abgerufen wurde und sie allein mit dem Mädchen bleiben mußte. So langsam wie möglich legte sie die Taschentücher, denn sie wußte ja nicht, was sie nachher in Angriff nehmen sollte, und sie mochte Franziska nicht fragen. Als endlich, trotz aller Langsamkeit, die Taschentücher doch erledigt waren, griff Gretchen aufs geratewohl in den Waschkorb, nahm das oberste Stück heraus und spritzte es ein.
„Aber Fräulein,“ sagte Franziska lachend, „die Herrenhemden werden doch nicht eingespritzt, die werden doch gestärkt!“ „Ja, das ist wahr,“ sagte Gretchen, legte das Hemd zurück, nahm ein Stück aus einem andern Waschkorb und fing wieder an, einzuspritzen. Diesmal lachte Franziska laut auf. „Aber Fräulein, merken Sie denn nicht, daß das die Servietten sind, die ich gerade erst gespritzt habe? Dort hinten steht der Korb mit den Kissenüberzügen, nehmen Sie doch die!“ Gretchen folgte dem Rat und die beiden verrichteten stillschweigend ihr Geschäft. Mit Lene hatte Gretchen bei solchen Gelegenheiten immer fröhlich geplaudert und dies Schweigen war ihr bedrückend. Aber die Mutter hatte ihr anbefohlen, dem noch fremden Mädchen gegenüber nicht so mitteilsam zu sein, wie sie es bei Lene gewohnt war; so sagte sie nichts und auch Franziska verhielt sich ganz stumm. Im stillen verwünschte Gretchen den Besuch, der die Mutter so zur Unzeit abhielt.
„Wenn sie nur wenigstens kommt, ehe ich die Kissenüberzüge gespritzt habe und sie gelegt werden müssen, denn sonst lege ich sie sicher verkehrt!“ In dieser Sorge zögerte sie ihr Geschäft wieder möglichst lang hinaus, während Franziska um so rascher arbeitete und Stoß um Stoß auf ihrer Seite entstand.
„Wenn wir heute mit all der Wäsche fertig werden sollen, darf man schon tüchtig vorwärts machen,“ sagte sie, und Gretchen konnte die Mahnung auf sich beziehen, denn ihre absichtliche Langsamkeit mußte wohl den Eindruck von Faulheit machen. Franziska fing nun auch an, Kissenziechen zu legen, und Gretchen hätte ihr gerne abgesehen, wie sie das machte, aber vom andern Ende des Tisches konnte sie es nicht so genau beobachten. Da kam eine erwünschte Unterbrechung – es klingelte wieder und das Mädchen mußte hinaus, die Türe zu öffnen. Gretchen zog rasch das von Franziska halbgelegte Stück an sich, um zu sehen, wie es gelegt war; aber sie stieß dabei an die große, mit Wasser gefüllte Schüssel, diese kippte um und leerte sich am Rand des Tisches aus. Schnell schob Gretchen die vom Wasser bedrohten Stöße Wäsche beiseite, sie hatten nur einen kleinen Spritzer bekommen, auch der Tisch war nicht sehr naß, das meiste war hinuntergeflossen. „Das ist noch gnädig abgegangen,“ dachte sie, holte ein Tuch, um zunächst den Tisch wieder trocken zu reiben, den Boden konnte ja dann Franziska aufwischen. Sie ging mit der fast leeren Schüssel hinaus, um sie wieder zu füllen. Mit Befriedigung hörte sie, daß bloß ein Hausierer und nicht etwa ein weiterer Besuch gekommen sei, und bat Franziska, mit dem Putzlumpen hereinzukommen. Diese tat es ohne weitere Bemerkung; aber sie war kaum im Wäschezimmer angekommen, als sie einen großen Lärm anschlug: „Ach du meine Güte, was ist das? Sie haben ja das Wasser in den Waschkorb geschüttet, in dem die Leintücher und Tischtücher sind; ja, haben Sie denn das nicht gesehen?“
„Nein,“ sagte Gretchen, „ich habe gar nicht beachtet, daß das Wasser hinuntergeflossen ist.“
„Ja, es fließt meistens hinunter und selten die Wand hinauf,“ rief Franziska schnippisch. Gretchen bemerkte erst jetzt, daß der Hauptstrom sich in den unter dem Tisch stehenden Korb ergossen hatte. Zunächst kam ihr Franziskas Entsetzen noch übertrieben vor: „Das Unglück wird nicht so groß sein,“ sagte sie, „es war ja reines Wasser und die Leintücher noch nicht eingespritzt.“
„Aber sehen Sie doch nur her; meinen Sie denn, so etwas könne man legen? Es ist ja naß, wie wenn es aus dem Waschzuber käme! Ach du meine Güte, das muß ich alles noch einmal aufhängen, noch einmal ein Waschseil aufspannen! Hätten Sie’s doch gleich aus dem Korb genommen, dann wäre doch nur das oberste naß geworden, aber so ist alles verdorben!“ Und Franziska nahm ein Stück nach dem andern heraus und bei jedem fing sie aufs neue an zu jammern. Gretchen war sehr niedergeschlagen und stand ganz zerknirscht da, als die Mutter, nachdem sich ihr Besuch endlich verabschiedet hatte, wieder erschien. Frau Reinwald sagte nicht viel, prüfte den Schaden, sortierte, was noch zu benützen war und was aufgehängt werden mußte; sie war aber sehr ernst dabei, und Gretchen empfand es als eine wahre Erlösung, als dieser unangenehme Nachmittag überstanden war.
Herr Reinwald hatte mittags von Gretchen erfahren, daß sie an diesem Nachmittage in das Wäschezimmer eingeführt werden sollte, hatte mit ihr darüber gescherzt und ihr neckend Böses prophezeit. Gretchen war es nun schon angst, bis der Vater danach fragen und von ihren Mißerfolgen hören werde. Richtig – sie hatte ihm kaum den Tee eingeschenkt, als er sie auch schon fragte: „Nun, und wie ist’s meiner großen Tochter heute nachmittag gegangen?“ Gretchen errötete und die Mutter sagte: „Nicht besonders gut.“ Aber die erwartete Neckerei blieb aus; der Vater hatte immer ein feines Gefühl dafür, ob eine Sache scherzhaft oder ernst war; so sagte er bloß zu Gretchen: „Denke an den Ausspruch: ‚Aller Anfang ist schwer, am meisten der Anfang der Wirtschaft!‘“ Und dann brachte er das Gespräch auf ein anderes Thema. Gretchen hätte ihm gern einen Kuß gegeben aus Dankbarkeit dafür, daß die nassen Leintücher sich nicht auch noch über den behaglichen Teetisch breiteten.
Herr Reinwald ging nach dem Essen noch aus, um eine Versammlung zu besuchen, und Gretchen hatte die Mutter allein für sich. Es war ein trauliches Abendstündchen. „Mutter,“ begann Gretchen bittend, „gelt, ich muß nicht so bald wieder mit Franziska solche Geschäfte tun, es ist mir unausstehlich.“
„Das habe ich wohl bemerkt, aber ich möchte nicht, daß du den Schwierigkeiten aus dem Weg gehst, siehe lieber, daß du sie überwindest.“
„Wohl, aber daß nichts Gescheites herauskommt, wenn Franziska und ich miteinander arbeiten, hast du ja selbst gesehen.“
„Du wirst nicht jedesmal eine Schüssel umstoßen, du bist ja sonst nicht so ungeschickt, und etwas Lehrgeld müssen wir alle bezahlen.“
„Aber auch vorher, ehe die Schüssel umfiel, war es so ungemütlich!“
„Nun möchte ich aber doch wissen, warum?“
„Weil ich mich gar nicht auskannte mit der Wäsche und Franziska nicht fragen mochte; denn wenn sie merkt, daß ich gar nichts verstehe, hat sie keine Achtung vor mir. So muß ich mich immer stellen, als ob ich etwas könnte, wo ich doch nichts kann, und das ist mir so zuwider!“
„Das ist auch ganz und gar verkehrt. Glaube nur gar nie, daß du etwas Gutes erreichst, wenn du dir den Schein gibst, mehr zu sein, als du bist.“
„Aber wenn sie sieht, daß ich so viel weniger verstehe als sie, so wird sie keinen Respekt vor mir haben.“
„In deinem Alter braucht man auch noch keinen ‚Respekt‘ zu beanspruchen. Manierlich wird sie dennoch gegen dich sein, wenn du es gegen sie bist und wenn sie sieht, daß du deine Pflicht tust, so gut du eben kannst.“
„Hätte ich sie denn heute fragen und mir alles von ihr zeigen lassen sollen?“
„Ganz gewiß; du kannst jederzeit ruhig zu ihr sagen: wie macht man denn das, davon habe ich gar keinen Begriff; oder: ich glaube, daß ich alles ganz verkehrt gemacht habe, wenn ich nur auch schon so geschickt wäre wie Sie! Das alles wird dem Mädchen den Eindruck machen, daß du aufrichtig und nicht hochmütig bist, und sie wird dich um dessentwillen lieb haben. Gibst du dir hingegen den Schein, mehr zu sein als du bist, so fühlt sie bald die Falschheit heraus, die darin liegt, und freut sich, so oft dir etwas mißlingt.“
„Aber noch eines, Mutter; du hast doch gesagt, ich solle nicht so viel mit ihr sprechen, wie mit Lene; es kommt mir aber so unfreundlich vor, wenn man so schweigend zusammen an einem Tisch arbeitet.“
„So war das auch nicht gemeint. Natürlich darfst du nicht mit einem Mädchen, das wir so kurz erst kennen, rückhaltslos über unsere Angelegenheiten reden, wie du es von der Kinderzeit her mit Lene gewöhnt warst; aber es gibt genug Dinge, über die du mit ihr sprechen kannst. Denke, wie fremd sie hier ist und wie sie es wohl oft schmerzlich vermißt, daß niemand etwas weiß von ihrer Heimat und ihren Angehörigen. Frage sie nach ihrem Heimatsort, ihrer Schulzeit, ihren Geschwistern, da wird ihr das Herz aufgehen, und es wird ihr wohl tun.“
Wo ein guter Rat auf klaren Verstand und guten Willen trifft, da wirkt er. Gretchen verstand und wollte.
Am folgenden Tag war Frau Reinwald für den Nachmittag eingeladen. Sie hatte kaum das Haus verlassen, als Gretchen das Mädchen in der Küche aufsuchte.
„Franziska, wo sind wohl jetzt die nassen Leintücher?“ fragte sie.
„Sie hängen noch oben in der Dachkammer.“
„Sind sie schon so trocken, daß man sie abnehmen könnte?“
„Warum? Die gnädige Frau ist ausgegangen, allein kann ich sie nicht legen und überdies muß ich Fenster putzen.“
„Ich frage nur deshalb, Franziska, weil ich doch schuld daran bin, daß die Wäsche jetzt noch hängt, während die Mutter sie so gerne noch diese Woche fertig gemacht hätte. Ich dachte, ob wir die Mutter nicht damit überraschen könnten, daß die Leintücher alle schön gelegt wären, wenn sie heute abend heimkommt. Ich weiß freilich gar nicht, wie man sie legt. Sie müßten mir’s eben zeigen und Geduld haben, wenn ich mich wieder so dumm anstelle, wie neulich.“
Franziska schien unentschlossen, was sie antworten solle.
Gretchen ließ nicht nach. „Geht’s wegen des Fensterputzens nicht recht?“ fragte sie; „ich habe um vier Uhr eine französische Stunde zu geben und komme erst gegen fünf Uhr heim, bis dahin könnten Sie doch gewiß fertig sein mit den Fenstern und dann haben wir immer noch zwei Stunden Zeit; die Mutter kommt gewiß nicht vor sieben Uhr.“
„Meinetwegen,“ sagte Franziska, „ich will die Wäsche nachher aus der Kammer holen und zurichten, bis Sie aus der Schule kommen.“
„O, das ist recht,“ rief Gretchen und richtete sich zum Gang in die Schule.
Ihre kleine Schülerin machte ihr wohl Freude, aber still und verschlossen war sie noch immer, und Gretchen fragte sich, wie lange es wohl noch dauern würde, bis das verschüchterte Kind endlich Zutrauen fassen würde? Sie konnte ein solch ängstliches Wesen nicht recht verstehen. Fräulein von Zimmern, die in jeder Stunde, wenn auch nur auf einige Minuten, erschien, bemerkte wohl, was Gretchen vermißte, und ermahnte sie zur Geduld. Auch heute war Ruth wieder ganz einsilbig, und Gretchen war froh, daß sie nur eine halbe Stunde bei ihr ausharren mußte. Eilig ging sie nach der Stunde heim. Sie freute sich auf die geplante Überraschung für die Mutter, fürchtete sich aber auch auf das schwierige Geschäft.
Franziska hatte wirklich schon alles so weit gerichtet, daß das Werk gleich beginnen konnte. Zuerst „strecken“, dann „ausschlagen“ und dann „legen“ und nur nicht auf den Boden streifen, das waren Franziskas Vorschriften. Diesmal war Gretchens Bestreben nicht: „so langsam wie möglich“, sie tat alles mit Eifer und fand es gar nicht so schwierig. Ja, beim vierten Stück brauchte sie schon nicht mehr ihre ganze Aufmerksamkeit darauf zu wenden und konnte ein Gespräch anknüpfen. Sie hatte sich wohl der Mutter Vorschläge gemerkt. Erstes Thema: Heimat; zweites Thema: Schule; drittes Thema: Geschwister. So fragte sie zuerst, wieviel Franziskas Heimatsort Einwohner habe? Darüber wußte aber Franziska keinen Bescheid zu geben. Nun kam die Schule an die Reihe; dies Thema gab schon besser aus. Zuletzt die Geschwister: Zehn! Bei dieser Frage ging Franziska das Herz auf, und sie war noch im besten Zug mit Erzählen, als der Korb leer war, offenbar zum Bedauern des Mädchens. Aber es war doch nicht zu frühe, denn schon kam Frau Reinwald nach Hause. Sie freute sich über die schön gefalteten Leintücher, freute sich mehr, als Franziska recht begreifen konnte, die freilich nicht wußte, daß dieser Stoß Wäsche der Mutter zeigte: Dein Kind geht den Schwierigkeiten des Lebens nicht aus dem Weg, es überwindet sie!
Viertes Kapitel.
Die Ringelnatter.
Die Schule ging ihren regelmäßigen Gang. Gearbeitet mußte tüchtig werden in dem Institut von Fräulein von Zimmern, denn es wurden hohe Ansprüche an die Oberklasse gemacht; aber das hübsche Schulzimmer übte eine große Anziehungskraft, und es war ein eifriges Treiben an dem langen, grünen Tisch. Um zehn Uhr, wenn eine Glocke das Zeichen gab, daß die Jugend ein freies Viertelstündchen im Hof zubringen durfte, hatten die „Großen“ allein das Recht, im Haus zu bleiben, und ungestört von der großen Masse der jüngeren Schülerinnen machten sie Spiele auf dem langen Gang des oberen Stockwerks oder setzten sich gruppenweise zusammen auf der obersten Treppe und plauderten. Meistens ging es lustig zu, manchmal gab es auch Ärgernis: wenn Elise Schönlein, die nicht sehr stark war im Lernen, die Pause benützen wollte, um sich gute Ideen für den Aufsatz oder sonstige Arbeiten geben zu lassen, und wenn Ottilie, die ihr solche Hilfe nicht gönnte, sie irre führte oder verhöhnte.
Heute waren die Mädchen mit ihren Gedanken noch bei der Literaturstunde und Hermine schlug vor, sie wollten sich einander Zitate aus Dichterwerken aufgeben und erraten, aus welchem Stück sie seien. Das Spiel war bald im Gang.
Aber auch eine andere Klasse war heute, unbefugter Weise, nicht ins Freie hinausgegangen, es war die dritte, in der die kleine Ruth war, und zu der auch Mathilde Braun gehörte. Die Kinder hatten eben Naturgeschichte gehabt, und ihr Lehrer hatte etwas sehr Interessantes mitgebracht. Es war eine lebende Ringelnatter; sie lag in einem großen Glasbehälter, dessen Boden mit Sand bestreut war. Das Glas war oben mit einem tüllartigen Stoff zugebunden. Der Lehrer hatte den Kindern die Natter gezeigt und ihnen vieles über ihre Eigenart mitgeteilt. Nach der Stunde hatte er den Behälter auf einen Seitentisch gestellt, bis er ihn abholen lassen würde. Als der Lehrer fort war, wollten die Kinder die Schlange noch besehen und drängten sich alle um den Tisch. Da nun eins dem andern den Anblick versperrte, erklärte eine wilde kleine Hummel: „Ich weiß den besten Platz;“ sie erkletterte den Tisch und setzte sich neben den Glaskasten. Sie betrachtete ihn noch eine Weile, das Tier lag aber wie leblos in seinem Kasten, und so wurde es den Kindern endlich langweilig, auch erinnerten sie sich, daß sie eigentlich ins Freie gehen sollten. So entfernte sich eine nach der andern.
„Hilf mir auch herunter, daß der Tisch nicht knappt,“ rief die Kleine, die droben saß, Mathilde Braun zu. Der Tisch knappte aber doch, trotz der Hilfe, er neigte sich, Kind und Glasbehälter kamen gleichzeitig auf dem Boden an. Das Glas zerbrach, und die Schlange, die so leblos geschienen hatte, ringelte sich mit äußerster Geschwindigkeit durchs ganze Zimmer hindurch bis in die hinterste Ecke, wo ein Schirmständer stand. Hinter diesem verschwand sie. Die Kinder erhoben in ihrem Schrecken ein furchtbares Geschrei, so daß im Nu nicht nur ihre Kamerädinnen, sondern auch Schülerinnen anderer Klassen herbeiliefen, und das Zimmer wäre gleich überfüllt gewesen, wenn sich nicht viele gescheut hätten, einzutreten, als sie hörten, daß die Schlange frei sei. Es war ein unerhörtes Durcheinander, ein Schreien, Weinen, Erzählen, das aber plötzlich verstummte, als Fräulein von Zimmern erschien.
Sie fragte nicht, „was ist geschehen,“ denn sie kannte die junge Welt und wußte, daß dann zwanzig Stimmen zugleich antworten würden und sie nachher nicht klüger als vorher wäre. Sie rief den Kindern zu: „Wer mir genau erzählen kann, was geschehen ist, soll den Finger aufheben.“
Mathilde Braun hob den Finger, und von ihr ließ sich nun Fräulein von Zimmern berichten, was geschehen war. Sie ging nach der Stelle, die ihr die Kinder bezeichneten, und sah hinter dem Schirmständer im dunkeln Eck eine zusammengerollte, dunkelblaue Masse.
„Wißt ihr gewiß, daß euer Lehrer die Schlange eine Ringelnatter genannt hat?“ fragte Fräulein von Zimmern. Einstimmig wurde diese Frage bejaht.
„Dann ist es ein ganz unschädliches Tier, das man ruhig mit der Hand anfassen darf,“ entschied Fräulein von Zimmern. „Ja,“ bestätigten die Kinder, „wir haben es heute schreiben müssen: Die Ringelnatter ist ein gutartiges Tier, sie ist blauschwarz mit gelben oder weißen Flecken am Kopf, kann 1½ Meter lang werden und nährt sich von –“ „Genug,“ unterbrach Fräulein von Zimmern, „es handelt sich nur darum, das Tier einzufangen. Mathilde, rufe das Dienstmädchen herbei und sage ihr, daß sie einen Deckelkorb mitbringe.“
Das Mädchen erschien mit dem Korbe, aber sie stellte sich sehr ungeschickt an, als ihr der Auftrag wurde, die Schlange einzufangen. Sie erklärte sich bereit, das Tier totzuschlagen, aber nicht, es mit den Händen zu greifen. Was wollte die Vorsteherin dagegen sagen? Sie konnte von andern nicht fordern, was sie selbst sich nicht zutraute, und sie wußte sich keinen Rat. Da trat aus der ängstlich an der Türe stehenden Gruppe der Schülerinnen Mathilde Braun hervor und sagte: „Fräulein von Zimmern, ich weiß jemand, der Würmer und Salamander und Blindschleichen anfassen kann, und vielleicht auch Ringelnattern.“
„Wen meinst du?“
„Gretchen Reinwald. Im Sommer, wie wir miteinander auf dem Lande waren, hat sie immer eine Menagerie gehabt von solchen Tieren; ich glaube, sie fürchtet sich vor keinem!“ „Schnell gehe hinauf und hole sie herunter.“
Mathilde mit großem Gefolge sprang die Treppen hinauf bis in den obersten Stock, wo die Großen ahnungslos beisammen saßen und auf die Nachricht von dem aufregenden Ereignis sofort herunter eilten, ehe sie nur recht gehört hatten, warum nach ihnen geschickt worden war.
„Gretchen,“ redete Fräulein von Zimmern die Gerufene an, „es handelt sich darum, die Ringelnatter, die dort in der Ecke liegt, zu fangen und in den Korb zu bringen. Es ist ein vollkommen unschädliches, harmloses Tier, und die Scheu, die wir davor haben, ist töricht und grundlos. Teilst du diese Scheu, oder traust du dir zu, die Schlange zu greifen?“
Gespannt sah die ganze Versammlung auf Gretchen und erwartete die Antwort.
„Ich mag alle Tiere gern und fasse sie auch an,“ sagte Gretchen, „aber ob ich sie gleich erwische, weiß ich nicht gewiß, sie sind so flink.“
„Versuche es,“ sagte Fräulein von Zimmern. In diesem Augenblick erhob sich ein klägliches Stimmchen und rief unter Schluchzen: „Warum denn gerade mein Fräulein? Es soll’s jemand anders tun, nicht mein Fräulein!“ Es war die kleine Ruth, die in ihrer Herzensangst ihre sonstige Schüchternheit vergessen und diese Worte laut gerufen hatte. Gretchen, ganz gerührt von diesem unwillkürlichen Ausdruck der Liebe ihrer kleinen Schülerin, ging auf sie zu, herzte sie und beruhigte sie über das gefahrlose Unternehmen. Fräulein von Zimmern aber befahl nun allen Kindern, hinauszugehen. Ungern genug gehorchten diese. Die Türe wurde geschlossen und die Vorsteherin blieb allein mit Gretchen. „Du mußt die Schlange möglichst nahe am Kopfe fassen, damit sie dich nicht beißen kann,“ sagte sie, „aber warte noch ein wenig, ich will dir einen dicken Handschuh holen, damit du besser geschützt bist.“
„O bitte lieber nicht,“ sagte Gretchen, „ich bin vielleicht geschickter ohne Handschuhe und sie beißt mich gewiß nicht, ich tue ihr ja auch nichts.“ Gretchen ging zu dem Schirmständer, hinter dem das harmlose Tier sich ängstlich versteckt hielt, während es doch andern Angst einjagte. Sowie Gretchen die Hand darnach ausstreckte, ahnte es die Gefahr und ringelte sich rasch an dem Schirmständer in die Höhe. Dort schien es einen Augenblick unschlüssig, wohin es sich flüchten solle; den Moment benützte Gretchen und griff das Tier fest mit der Hand. „So jetzt haben wir dich,“ sagte Gretchen befriedigt, „ach wie es Angst hat, sehen Sie nur, Fräulein von Zimmern, wie es zappelt, das arme Tier!“
„Nur rasch in den Korb damit,“ rief Fräulein von Zimmern, die nicht, wie Gretchen, Lust zu haben schien, die Schlange erst noch nach ihren Gemütsbewegungen zu betrachten. Gretchen mußte das Tier, das sich ihr um den Arm gewickelt hatte, erst losmachen; als sie es aber in den Korb legte, in den Sand gestreut war, verkroch es sich sofort in denselben und blieb ganz ruhig, es dünkte ihm wohl ein sicherer Schlupfwinkel. Der Deckel wurde sorgfältig geschlossen, und nun war das Werk gelungen.
„Jetzt aber schnell aus dem Hause mit dem Tier, ich will nicht länger damit zu tun haben,“ rief Fräulein von Zimmern, und das Dienstmädchen, nachdem es ängstlich nachgesehen hatte, ob auch nirgends eine Öffnung sei, durch die die Schlange entwischen könnte, verstand sich dazu, den Korb in das Haus des Lehrers zu tragen, während die Kleine, die das Unheil verschuldet hatte, die Trümmer des Glaskastens mit heimnehmen mußte, um einen neuen zum Ersatz zu besorgen. Als aber alles wieder in Ordnung war und die ungebührlich lange Freistunde ihr Ende gefunden hatte, als auch das Klassenzimmer wieder von Sand und Glassplittern gesäubert war, nahm Fräulein von Zimmern die kleine Ruth mit sich heraus und besprach etwas leise mit ihr, wobei die Augen der Kleinen glänzten.
Es war wieder Ruhe im Schulhaus und alles ging seinen gewohnten Gang. Aber um zwölf Uhr, als die Arbeitslehrerin eben die Großen verlassen hatte, schlüpfte eine kleine Gestalt durch die Türe herein in die Klasse der Großen, es war Ruth. Sie überreichte Gretchen ein blühendes Rosenstöckchen und richtete unter schüchternem Erröten aus: „Das schickt Fräulein von Zimmern ihrem tapfern Gretchen zum Dank!“
Gretchen kam hocherfreut heim, eine solche Anerkennung von der Vorsteherin war ihr in all ihren Schuljahren noch nie vorgekommen. „Es war heute überhaupt ein glücklicher Schultag,“ sagte Gretchen zu den Eltern, „ich habe in der Arbeitsstunde den schrecklich langen Hohlsaum fertig gebracht, dafür hätte ich wohl eher ein Rosenstöckchen verdient, ich will doch viel lieber mit Schlangen als mit Hohlsäumen zu tun haben!“
Fünftes Kapitel.
Die Base.
Herr Reinwald kam von einer Fahrt heim. Er hatte in einer Ortschaft der Umgegend geschäftlich zu tun gehabt und der Kutscher Bauer, Lenes Mann, hatte ihn dorthin gefahren. Frau Reinwald saß allein im Zimmer, als ihr Mann zurückkehrte. Er setzte sich zu ihr. „Ich habe heute die Gelegenheit benützt und mit dem Kutscher Bauer gesprochen,“ erzählte er. „Es tut einem leid, wenn man hört, daß zwei so tüchtige Leute, wie Lene und ihr Mann, wenn sie gesunde Kinder haben und guten Verdienst, doch nicht glücklich zusammenhausen. Ich habe ihm ans Herz gelegt, daß er ordentlich zu seiner Frau halten soll, wie sich’s gehört, und sie unterstützen gegenüber der alten Verwandten und den Kindern. Nun wäre es aber sehr gut, wenn du bald einmal Lene besuchen und nachsehen könntest, wo sie es etwa fehlen läßt. Auf deinen Rat gibt sie viel.“
„Ich hatte es schon lange vor,“ entgegnete Frau Reinwald, „nun will ich es aber keine Stunde mehr hinausschieben. Ich richte mich sogleich.“
Lene hatte eine rührende Freude, als Frau Reinwald unerwartet zu ihr kam, aber man sah, daß ihr das Herz schwer war, denn die Tränen traten ihr in die Augen, und es dauerte keine zwei Minuten, so hatte sie das Gespräch auf die „Bas“ gebracht. Sie fing an, der alten Frau allerlei Schlimmes nachzusagen, aber plötzlich unterbrach sie sich und lenkte ein: „Ich weiß ja, daß Sie’s nicht leiden können, wenn man Böses über die Leute redet, und ich will’s auch nicht weiter tun.“
„Doch Lene, tu du das heute nur. Schütte den ganzen Groll, der sich bei dir gegen diese Person angehäuft hat, gegen mich aus; dir tut es gut, und ich möchte klar sehen in dieser Sache.“
Auf diese Aufforderung hin ging’s der Base schlecht, denn Lene ließ kein gutes Haar an ihr. Was sie aber am meisten betonte, war, daß die Base ihr selbst so viel Böses nachsage und die Kinder dadurch aufhetze. „Hast du denn schon versucht, die Base zu beschwichtigen und zu versöhnen?“ fragte Frau Reinwald.
„Da ist doch alle Mühe vergebens, sie ist mir neidisch und mißgünstig, weil ich sie von ihrem Platz in diesem Hause verdrängt habe. Da läßt sich nichts machen, das muß man eben tragen.“
„Lene, ich meine doch, man sollte einmal ein verständiges und freundliches Wort mit dieser Person reden.“
„Ich tu’s nicht; wenn ich zu ihr käme, sie wäre im stand und würfe mich die Treppe hinunter.“
„Wo wohnt sie denn?“
„Da im Nebenhaus hat sie ein Dachstübchen gemietet, da kann sie heruntersehen in unsern Hof und die Buben zu sich rufen, so oft sie will.“
„Sie selbst kommt nicht zu euch ins Haus?“
„Nein, sie ist, glaube ich, gichtleidend und kann die Treppen nicht leicht steigen.“
„So, sie ist leidend? dann will ich ihr einen Krankenbesuch machen.“
Lene stutzte, es schien ihr nur halb recht zu sein. „Lene,“ sprach nun mit allem Ernst Frau Reinwald, „du weißt, ich bin dafür, daß man alles Schwere mit Ergebung trägt, aber erst wenn man getan hat was irgend möglich ist, um sich’s zu erleichtern, und ich möchte doch wissen, ob da gar nichts zu machen ist. So wie’s jetzt ist, bist du nicht glücklich, aber das Glück fällt einem nicht so in den Schoß, man muß sich darum rühren. Ich will einmal hören, ob dir wirklich die Türe gewiesen wird, wenn du da hinüberkommst, und ob ihr zwei nicht Frieden schließen könnt.“
Lene entgegnete nichts mehr, und Frau Reinwald ging ins Nachbarhaus hinauf bis in den obersten Stock und klopfte an dem Stübchen, das nach dem Nachbarhof hinausging. Sie klopfte zwei-, dreimal, ohne Antwort zu erhalten, und öffnete schließlich die Türe. Am Fenster weit hinausgelehnt stand die alte Frau. Sie hatte das Klopfen nicht gehört. Jetzt aber spürte sie die Zugluft, wandte sich um und ging etwas hinkend ihrem Besuch entgegen. Sie begrüßte Frau Reinwald mit Namen, denn sie kannte sie vom Sehen. Frau Reinwald setzte sich zu ihr und erkundigte sich freundlich nach dem Gichtleiden der alten Frau. Sie hatte damit das rechte Thema getroffen, denn es tat der Frau sichtlich wohl, einem teilnehmenden Herzen ihre Schmerzen zu klagen. Frau Reinwald überlegte sich eben im Stillen, wie sie nun das Gespräch auf Lene bringen könne, da gab ihr die Alte selbst die Gelegenheit. „Beim Stehen und Gehen tut mir’s weh, aber auch das Sitzen ist nichts für meine alten Knochen. Die Holzstühle sind hart und kalt und tun einem besonders weh, wenn man einen Lehnstuhl gewöhnt war, wie ich; es war freilich nur ein alter, aber so warm und so weich.“
„Warum haben Sie den nicht mehr?“
„Er gehört nicht mir, er gehört dem Kutscher; der setzt sich ja nie hinein und braucht ihn nicht, er gäbe ihn mir für die paar Jahre, die ich noch lebe, aber sie nicht!“
„Hat sie Ihnen die Bitte abgeschlagen?“
„Ich bitte nichts von ihr, das ist eine stolze Person, die sich für etwas Besseres hält – aber ich will nichts gegen sie sagen, ich weiß ja, Frau Reinwald halten große Stücke auf die Lene.“
„Sagen Sie nur gegen die Lene alles, was Sie auf dem Herzen haben, es tut Ihnen wohl, wenn Sie sich einmal offen aussprechen, und ich weiß wohl, daß Lene auch ihre Fehler hat.“
Wie vorhin der Base, so ging’s nun Lene schlecht, auch an ihr wurde kein gutes Haar gelassen; was ihr aber mit der größten Erbitterung vorgeworfen wurde, das war, daß sie geizig und hochmütig sei.
Frau Reinwald hatte ganz ruhig den Strom der Mitteilungen über sich ergehen lassen. Nun hielt die Frau erschöpft inne und sah gespannt auf ihre stille Zuhörerin. Sie erwartete wohl, daß nun Lene entschuldigt und ihr selbst Vorwürfe gemacht würden, denn sie hatte doch Lene gegenüber kein ganz gutes Gewissen. Aber es kam nichts von all dem.
Frau Reinwald sagte freundlich: „Die Hauptsache ist jetzt, daß Sie Ihren warmen Stuhl bekommen. Wenn ihn Lene selbst herüber bringt, ist’s Ihnen dann recht?“
„Die? die trägt so einer armen, alten Person wie ich keinen Stuhl nach.“
„Und wenn sie’s tut, geben Sie ihr dann ein gutes Wort?“
„Die tut’s nicht.“
„Und Sie wollen kein gutes Wort geben, das merke ich schon,“ sagte Frau Reinwald, „aber Sie sind doch alt und krank und möchten gewiß Frieden machen mit Gott und den Menschen oder nicht?“
Die Alte blieb die Antwort schuldig.
Frau Reinwald faßte sie an der Hand und sagte bittend und dringend: „Geben Sie der Lene ein gutes Wort, wenn sie den Stuhl bringt?“
„So bin ich nicht, daß ich das nicht täte.“
„Das ist recht,“ sagte Frau Reinwald, „ich muß jetzt fort, aber ich komme bald wieder; ich habe eine wollene Decke, die recht weich und warm ist, die bringe ich Ihnen mit oder schicke sie durch meine Tochter her.“
Frau Reinwald ging und kehrte noch einmal bei Lene ein. „Was hat die Bas alles über mich gesagt?“ fragte Lene; „die wird bös über mich losgezogen haben.“
„Sie hat Gichtschmerzen, Lene, das weißt du; sie hätte so gern euern alten Lehnstuhl, an den sie gewöhnt war. Wenn du ihr ihn bringen würdest; ihr braucht ihn ja nicht. Die paar Jahre, die sie noch lebt, könnt ihr ihn der Frau wohl leihen. Sie hat gemeint, du würdest das nicht tun; aber ich meine, du tust es.“
„Sie hat’s gerade nicht um mich verdient.“
„Nein, aber wenn du’s bedenkst, Lene, so wirst du sagen müssen: die alte Frau ist zu bedauern. Ganz allein, Tag und Nacht Schmerzen, keine Bequemlichkeit, keine Freude – der Lehnstuhl wäre eine Freude, eine große; an dem Tag dürftest du die Buben ruhig zu ihr lassen, da würde sie nichts Böses über dich sagen. Sie könnten dir den Stuhl tragen helfen; sie sollen sehen, daß du ihrer Bas gern eine Wohltat erweist. Es würde auch deinen Mann freuen, oder nicht?“
„Ihn schon.“
„Und die Kinder?“
„Die Kinder freilich.“
„Und die Base, und mich – ist’s noch nicht genug, Lene? Gelt, du gehst und schaffst den Stuhl hinauf und sagst ein freundliches Wort dabei?“
„Ich bin’s schon so gewöhnt durch die vielen Jahre, Ihnen zu folgen; ich weiß schon, daß ich’s tun muß. Den ganzen Tag geht’s mir so, daß ich denken muß: Machst du das so oder so, wie würde deine Frau raten? Und so wie Sie sagen würden, muß ich dann tun.“
„Und ich weiß, daß dich’s diesmal wenigstens nicht reuen wird. Aber vergiß das freundliche Wort nicht, das gehört dazu! Leb wohl, Lene, komm bald einmal zu mir!“
Gretchen erwartete die Mutter mit Ungeduld und war voll Interesse für ihren Bericht. „Wenn ich Zeit habe, bringe ich gleich morgen die Decke zur Base,“ sagte sie voll Eifer; „ich muß wissen, ob Lene den Stuhl hinübergetragen hat.“
Am nächsten Tag fand Gretchen aber nicht die Zeit, und das war gut; denn Lene übereilte die Sache nicht. Am ersten Abend, als sie mit ihrer Tagesarbeit fertig war, dachte sie: „Jetzt könnte ich wohl den Stuhl hinübertragen, aber so arg pressiert das nicht!“ und dabei blieb’s. Am nächsten Tag hatte sie zu waschen, und die Arbeit dauerte bis spät am Abend, da kam es wieder nicht dazu. Am dritten Tag, als sie eben ihre Wäsche im Hof aufhängte, hörte sie die Buben unter der offenen Stalltüre miteinander reden. Sie verstand nur die wenigen Worte; „Sie sagt, sie habe schreien müssen vor Schmerz.“ Schnell wandte sich Lene zu den Buben. „Wer hat geschrieen vor Schmerz? Die Base?“
„Ja, sie sagt’s.“ Jetzt raffte sich Lene auf.
„Wir bringen ihr den Lehnstuhl, daß sie weicher sitzt; kommt, helft mir tragen.“
Die Buben sahen der Mutter mit unverhohlenem Erstaunen ins Gesicht; aber als sie sahen, daß es ernst war, packten sie voll Vergnügen an. Mit einiger Mühe gelangte der schwerfällige Stuhl ins Nebenhaus und dort bis in den obersten Stock. Der jüngste sprang voraus und rief: „Bas, die Mutter kommt, und wir bringen dir den Lehnstuhl.“ Da standen sich die beiden Frauen gegenüber, Lene grüßte und schob den Stuhl in eine passende Ecke. Der Gegengruß der Base lautete: „Das hättet ihr wohl bleiben lassen können, ich sterb ja doch bald; die letzte Nacht habe ich schon gemeint, es geh zu End.“
Darauf entgegnete Lene: „Habt Ihr so arge Schmerzen?“
„Es wird wohl sein, aber um mich kümmert sich kein Mensch, niemand schaut nach mir.“
Da platzte der älteste Bub heraus: „Bas, sind wir jetzt nicht gekommen? Wenn’s Euch so nicht recht ist, dann können wir den Stuhl gleich wieder mitnehmen und können fortbleiben. Meint Ihr denn, das sei so ein Pläsier, so einen Klotz von einem Stuhl da raufzuschleppen? Das hätt’ ich doch nicht geglaubt, daß Ihr einem dafür kein gutes Wort vergönnt!“ und wie ein Echo fielen die zwei Brüder ein: „kein gutes Wort vergönnt!“
Da stand die Base verwirrt. „Kein gutes Wort!“ und sie hatte doch Frau Reinwald versprochen, ein gutes Wort zu geben! Sie sah auf Lene; man merkte, daß sie mit sich selbst kämpfte. Jetzt aber wandte sie sich den Buben zu und rief heftig: „Meint ihr, Buben, ihr dürft mir auch noch Grobheiten machen? Macht, daß ihr weiter kommt, ich brauch euch nicht!“
„Von Euch geht man gern fort,“ rief in großer Entrüstung der älteste, und die Kleinen: „ja, da geht man gern!“ und bald waren sie alle drei zur Türe hinaus und zur Treppe hinunter gepoltert. Lene aber zögerte. Sie hatte auch „das gute Wort“ noch nicht angebracht, und vorher durfte sie nicht gehen.
„Bas,“ sagte sie, „ich hab nicht gewußt, daß Ihr so arg leiden müßt, sonst hätte ich schon öfter nach Euch gesehen.“
Da brach die Alte in ein bitterliches Weinen aus, und unter Schluchzen kam es heraus: „O, ich kann’s gar nicht aussagen, wie mich die Schmerzen quälen, und dazu die Einsamkeit.“
Da faßte die Lene ihre Hände, die von der Gicht ganz krumm gezogen waren, und strich sie ganz sanft. Das tat der alten Frau wohl, aber sie schluchzte noch immer. „Jetzt probiert einmal Euern alten Lehnstuhl, ob’s in dem nicht besser wird,“ bat Lene. Und die Alte, die bisher auf ihrem hölzernen Stuhl gesessen war, erhob sich schwerfällig und humpelte mühsam durchs Zimmer. Als sie sich aber in dem Stuhl niedergelassen hatte, kam ein Ausdruck des Behagens über ihr schmerzverzogenes Gesicht; sie lehnte sich zurück und sagte: „Ach, das tut wohl.“ Lene war befriedigt.
„Jetzt wünsch ich Euch gute Besserung und wenn’s Euch recht ist, komm ich morgen wieder und bring Euch Gichtwatt mit, das nimmt die Schmerzen; mein Vater selig hat’s auch so gehabt wie Ihr, ich weiß schon, was da gut tut.“
„Mir ist’s ein Ding, wenn Ihr wieder kommen wollt,“ antwortete die Base, und diesen Satz betrachtete sie als das „gute Wort“, das sie geben mußte; mehr konnte man von ihr, bei so viel Schmerzen, nach ihrer Meinung, nicht verlangen.
Lene ging leichtern Herzens, als sie heraufgekommen war. „Wie bin ich doch so viel besser daran, als der arme, verlassene Tropf da droben!“ dachte sie bei sich.
Unten an der Treppe warteten die drei Verjagten auf sie. Das hatte Lene nicht erwartet, es freute sie. Die Jungen hatten die Base noch nie so schlimm gesehen, und die Mutter war ihnen daneben so gut vorgekommen! Zum erstenmal schlugen sie sich auf die Seite der Mutter. Lene fühlte es, ihr Herz wurde so fröhlich, wie schon lange nicht mehr, und munter sagte sie zu ihren dreien: „Kommt, wir machen recht schnell und tun hurtig alle Arbeit, dann reicht’s heute abend noch zu einer schönen Geschichte!“ und ganz jugendlich sprang die Mutter mit ihren drei Wilden durch den Hof.
Als Gretchen nach einigen Tagen die Base aufsuchte, saß die alte Frau behaglich im Lehnstuhl, ließ sich von Gretchen die warme Decke überbreiten und erzählte Gretchen eine Viertelstunde lang von der Gicht. Gretchen hätte viel lieber von Lene gehört, um zu erfahren, ob ihr die Base jetzt nicht mehr zürne. Als die alte Frau aber gar nicht auf dies Gespräch zu bringen war, fragte Gretchen gerade aus: „Nicht wahr, der Lehnstuhl tut Ihnen wohl? und Lene ist doch gut, daß sie ihn gebracht hat?“
Aber die unverbesserliche Alte entgegnete: „Der alte Stuhl war ihr wohl nicht mehr schön genug, den hat sie gern los gehabt.“
Im nächsten Augenblick war Gretchen schon die Treppe hinunter – der Abschied mußte kurz gewesen sein.
Sechstes Kapitel.
Lehrerin und Schülerin.
Die kleine Ruth war und blieb ein verschlossenes Kind. Einmal hatte sie ihre Zuneigung zu Gretchen verraten, in der Aufregung mit der Ringelnatter, aber nachher war sie wieder so zurückhaltend wie vorher.
Das war für Gretchen eine Enttäuschung. Ihr war es Bedürfnis, die Menschen, mit denen sie zu tun hatte, zu lieben und von ihnen geliebt zu werden, sich ihnen mitzuteilen und auch ihr Vertrauen zu gewinnen; aber mit Ruth stand sie fast noch so wie am ersten Tag.
Heute war die Kleine noch matter als sonst; Gretchen wußte nicht, ob sie sich unwohl fühlte oder nur schlechter Laune war. Jedenfalls kamen die Antworten so langsam, so leise und spärlich, daß Gretchens Geduld auf eine harte Probe gestellt wurde. Zu der Lektion, die ihre kleine Schülerin zu lernen hatte, gehörten zehn neue Wörter. Diese wollte Gretchen nun abfragen, und während das Kind sonst seine Aufgabe immer gewissenhaft lernte, wußte sie die beiden ersten nicht, nach denen Gretchen fragte.
„Hast du denn deine Wörter heute nicht gelernt?“ fragte Gretchen. Die Kleine schwieg und ließ das Köpfchen hängen. Gretchen fragte das dritte Wort ab. Sie wußte es so wenig wie die ersten.
„Hast du sie diesmal vergessen zu lernen? Oder ist dir’s nicht recht wohl?“ – Keine Antwort.
„Hast du sie gestern gekonnt?“ Auch nicht die geringste Antwort war herauszubringen. Das Kind blieb stumm. Da wird Gretchen von der Ungeduld übermannt: „So sei doch nicht so stockig und mockig,“ ruft sie zornig, und ehe sich’s die Kleine versieht, hat sie eine Ohrfeige an der rechten Backe und zwar eine tüchtige, denn was Gretchen tut, tut sie immer kräftig!
Der Erfolg ist auch augenfällig: das stille Kind bricht in Tränen aus und – es blutet aus der Nase! Im Augenblick sieht das ganze Gesichtchen entstellt aus, die Tränen, die glühende Backe und das fließende Blut – Gretchen ist entsetzt über das, was sie angerichtet hat; sie will die Kleine trösten und ihr helfen – da tritt Fräulein von Zimmern ein.
„Was ist geschehen?“ fragte sie erschreckt – und Gretchen antwortete tief beschämt: „Ich habe ihr eine Ohrfeige gegeben und jetzt blutet sie.“
Fräulein von Zimmern sagte ruhig, aber mit einem Ton, der Unheil verhieß: „Schicke mir das Mädchen herauf mit kaltem Wasser, und du warte drunten vor meinem Zimmer auf mich.“
Als Gretchen unten stand und wartete, war ihr unsäglich beklommen zu Mute. Wie hatte sie so etwas tun können? Wer ihr je gesagt hätte, daß sie das arme Tröpfchen schlagen würde! Sie hätte es nie für möglich gehalten. Es reute sie so bitterlich; aller Zorn gegen das Kind, das sie so gereizt hatte, war verflogen, aber mit sich selbst zürnte sie, wie noch nie. Lange, lange stand sie vor der Zimmertüre und wartete in wachsender Angst, denn sie dachte sich, daß Fräulein von Zimmern das Kind doch entlassen hätte, wenn das Nasenbluten gestillt wäre. Wenn Ruth krank würde, krank durch ihre Schuld?
Da hörte sie droben eine Türe gehen und vernahm Fräulein von Zimmerns Stimme. In liebevollem Ton sprach sie: „Und nun geh recht langsam heim, mein Kind, und erhitze dich nicht.“ Die Kleine kam allein, langsam und leise die Treppe herunter. Sie blutete nicht mehr und sah wieder sauber aus, nur einige verräterische Spuren waren an dem Kleid zurückgeblieben. Ganz stille wäre sie an Gretchen vorbeigegangen, aber diese konnte sie so nicht ziehen lassen. Sie umschlang sie mit beiden Armen, küßte sie auf die geschlagene Backe und flüsterte ihr zu: „Weißt du, ich habe dich doch lieb, wenn ich dir auch weh getan habe!“ Ein freundlicher Blick kam aus den Kinderaugen und es hatte fast den Anschein, als wollte auch ein Wort kommen, aber in diesem Augenblick hörte Gretchen die Tritte von Fräulein von Zimmern; rasch ließ sie die Kleine los, und bald stand sie in dem Zimmerchen, der Vorsteherin gegenüber, die noch nie so ungnädig auf sie geblickt hatte, wie jetzt.
„Ich will nun ganz genau hören, was vorgefallen ist,“ sprach Fräulein von Zimmern, und Gretchen erzählte den Hergang getreu und aufrichtig, wie es ihre Art war. Zuletzt bat sie um Verzeihung.
„Wenn nur mit dem Verzeihen alles wieder gut gemacht wäre,“ entgegnete Fräulein von Zimmern, „dies ist aber hier nicht der Fall. Man kann nicht wissen, welchen Schaden das schwache Kind durch den Blutverlust erlitten hat; es sind mir Fälle bekannt, in denen Kinder durch einen unglücklichen Schlag das Gehör verloren oder eine Gehirnerschütterung erlitten haben. Es ist deshalb eine solche Strafe in allen Schulen verboten, und daß in meiner Schule überhaupt jede körperliche Züchtigung ausgeschlossen ist, das weißt du aus langjähriger Erfahrung. Nie hat ein bei mir angestellter Lehrer gegen diesen Grundsatz gehandelt; du bist es, die zum erstenmal meine Schule durch so etwas in schlechten Ruf bringt. Und wem gegenüber? Eltern gegenüber, die mir dies Kind als ein besonders zartes Pflänzchen ans Herz gelegt haben, und denen ich mein Wort gab, daß alles geschehen würde, um das verschüchterte Kind durch Liebe zu gewinnen.“
Gretchen fühlte sich tief unglücklich; nicht nur dem Kind hatte sie unrecht getan, auch der Vorsteherin, die sie so hoch verehrte, hatte sie Leid zugefügt. Aber war denn das nicht zu ändern, mußte denn Fräulein von Zimmern darunter leiden?
„Wenn Ruths Eltern erfahren, daß ich ganz allein schuld bin, und wenn man ihnen verspricht, daß künftig statt meiner eine andere die Nachhilfstunden geben wird, dann können sie doch nicht mit der Schule zürnen?“
„Natürlich werde ich ihnen mitteilen, wie sich die Sache zugetragen hat, und daß du ferner ihr Kind nicht mehr lehren wirst – denn dieses Recht hast du verwirkt. Aber so, wie ich die Leute kenne, werden sie in ihrer Entrüstung sofort das Kind aus der Schule nehmen.“
„O, ich will zu Ruths Mutter hingehen und mich entschuldigen,“ rief Gretchen.
„Kennst du sie?“
„Nein, aber ich weiß, wo sie wohnt, ich gehe gleich heute abend noch hin, sogleich; ich sage, daß noch gar nie irgend ein Kind geschlagen worden ist in unserer Schule, und daß ich ganz allein die Schuld habe.“
„Die Schuld trifft mich doch mit, denn die Vorsteherin ist verantwortlich für die Lehrkräfte, die sie verwendet; ich hätte auch nie gedacht, daß du mit deinem liebevollen Herzen einem Kind wehe tun könntest, aber ich hätte es wissen sollen, denn du bist ungeduldig; ich hatte schon früher Gelegenheit, das zu bemerken.“
„Fräulein von Zimmern, bitte, lassen Sie mich zu Ruth gehen; ich kann es nicht ertragen, daß durch mich etwas auf die Schule kommt! Ich muß es wieder gut machen.“
„So versuche es; aber gehe zuerst zu deinen Eltern und sage es ihnen. Ich möchte dich ohne ihr Wissen nicht in ein fremdes Haus schicken.“
„O, die Eltern würden sofort sagen, ich soll mich entschuldigen; ich kann gut ohne ihr Wissen gehen. Aber freilich –“
Gretchen stockte und errötete.
„Was ist’s?“
„Mit den Schulhandschuhen kann ich nicht Besuch machen, sie sind zerrissen,“ sagte Gretchen etwas verlegen.
„Das sollte nie sein, Gretchen; fünf ausgebesserte Finger an jedem Handschuh, wenn du willst, aber keinen zerrissenen.“
„Ich renne zu Hermine hinauf und lasse mir ihre Handschuhe leihen; die wohnt ja in der Nähe.“
„Nein, Kind, du gehst heim, wie ich gesagt habe; das Widersprechen ist eine unfeine Gewohnheit, die ich dir schon öfters getadelt habe. Und nun geh zu deinen Eltern und laß dir von ihnen raten.“
Gretchen reichte Fräulein von Zimmern die Hand und sagte bewegt: „Bitte, verzeihen Sie mir doch, es ist mir ja so leid.“
„Das weiß ich und ich verzeihe dir, mein Kind. Du hast einen sauern Gang vor dir, das wollen wir als Sühne betrachten.“
Gretchen eilte heim. „Ist die Mutter zu Hause und kein Besuch bei ihr?“ fragte sie Franziska, die ihr die Türe öffnete. „Sie ist zu Hause und ich darf auch keinen Besuch einlassen, weil Frau Reinwald heftiges Kopfweh hat.“ Dies war für Gretchen eine unwillkommene Mitteilung. Sie mochte die Mutter, wenn sie leidend war, nicht aufregen; aber dann blieb ihr nichts anderes übrig, als mit dem Vater zu sprechen.
Sie überlegte. Viel lieber hätte sie mit der Mutter gesprochen, aber nein, das ging nicht an; also nur keine Zeit verlieren! Sie überwand die Scheu und trat bei ihrem Vater ein. „Darf ich dich stören, Vater, ich habe eine schlimme Geschichte angestellt und möchte sie der Mutter ersparen, solange sie Kopfweh hat.“ Herr Reinwald legte die Feder aus der Hand. „Was ist’s?“
Gretchen erzählte alles, der kleinen Ruth Benehmen, ihr eigenes, Fräulein von Zimmerns schreckliche Äußerungen über die möglichen schlimmen Folgen einer Ohrfeige und ihre Befürchtungen für den Ruf der Schule; zuletzt den Entschluß, Abbitte bei Ruths Eltern zu tun.
„Das letztere ist jedenfalls das beste, was in dieser Sache geschehen kann und für meine ungestüme Tochter eine heilsame Buße,“ sagte Herr Reinwald; „ich denke übrigens, daß damit die Sache auch beigelegt sein wird, Fräulein von Zimmern sieht doch wohl zu schwarz.“
„Meinst du? O Vater, so schrecklich mir’s ist, daß ich als Lehrerin so abgesetzt werde und daß auf die Schule ein schlechtes Licht fällt, so ist es mir doch noch viel, viel ärger, wenn ich denke, daß die Kleine vielleicht einen dauernden Schaden erlitten hat, taub wird, oder so etwas!“
„Nun, nun, so schlimm ist die Sache nicht! Die Fälle sind doch gottlob selten! Die Kinder sind im allgemeinen so eingerichtet, daß ihnen eine Ohrfeige mehr gut tut, als schadet.“ Diese Worte beruhigten Gretchen einigermaßen.
Herr Reinwald sah auf seine Uhr. „Wenn du jetzt gleich gehst, wirst du die Mutter des Kindes vermutlich allein treffen. Der Vater ist nämlich bis sechs Uhr auf seiner Kanzlei, und ich denke mir, es ist dir lieber, wenn du nur mit der Mutter zu tun hast.“
„Kennst du denn die Eltern, Vater?“ fragte Gretchen erstaunt. „Nicht persönlich, ich habe nur von ihm reden hören. Er ist erst dieses Jahr als Forstrat hiehergekommen, muß ein sehr tüchtiger Beamter sein, aber ein wenig heftig. Besser ist’s, du sprichst bloß mit der Frau. Er wird von der Angelegenheit wohl noch gar nichts wissen; kommt er dann heute abend zu seiner Familie, so wird die Frau dich wohl entschuldigen, wenn das Kind die Sache noch nicht verschmerzt hat.“
Gretchen war gerührt, daß der Vater ihr die Sache so erleichtern wollte. Sie küßte ihn und dankte ihm. Als Herr Reinwald allein war, schritt er in seinem Zimmer auf und ab: „Daß ihr auch gerade mit dem Kind dieser Leute so etwas vorkommen muß. Der Forstrat, der Hitzkopf, wird nicht übel aufbrausen! Aber Gretchen ist auch ein Hitzkopf! Wie konnte es ihr nur gleich so in die Hand fahren, daß sie dem Kinde einen solchen Treff gibt! Schön ist’s aber, daß sie so tapfer geht, Abbitte zu tun; ich möchte es ihr gönnen, daß der Alte nicht da wäre!“
„Franziska,“ sagte Gretchen, während sie gute Handschuhe anzog, „wenn die Mutter nach mir fragt, so sagen Sie, ich müsse noch geschwind zu der kleinen Ruth gehen.“
„Ja, ich muß aber später auch noch fort, den großen Pack dort auf die Post schleppen!“
„O Franziska, ich wollte lieber zehn solche Päcke forttragen, als den Gang machen, den ich machen muß!“ rief Gretchen im Fortgehen, und Franziska sah verwundert ihrem jungen Fräulein nach.