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[Transcriber's Note: There is no seventh chapter in the printed book from which this etext was made.]

Ohne den Vater

Erzählung aus dem Kriege

von

Agnes Sapper

Erstes Kapitel.

Im gemütlichen Wohnzimmer eines Forsthauses in Ostpreußen saß ein kleiner Familienkreis eng und traulich beisammen: der Förster Stegemann mit seiner noch ganz jungen, lieblichen Frau, die ihr Kindchen in den Armen hielt und versuchte, mit zärtlichen Worten und dem Spiel ihrer Finger dem kleinen Geschöpf das erste Lächeln zu entlocken. Neben ihr lehnte Gebhard, ein kräftiger, etwa zehnjähriger Junge; er sah nach dem Schwesterchen, das so wohlig in der Mutter Armen ruhte, und wartete gespannt, ob es noch einmal gelänge, das Lächeln hervorzuzaubern, das vorhin wie ein Sonnenstrahl über das Kindergesichtchen gehuscht war. Als es gelang, sah er die Mutter beglückt an und wandte sich lebhaft an seinen Vater: "Hast du es diesmal gesehen?"

Nein, er hatte es wieder nicht gesehen, weil ihm etwas anderes noch anziehender war, als das erste Lächeln seines Töchterchens. Er hatte auf Mutter und Sohn gesehen. Ihn freute, daß diese beiden sich so gut verstanden. Es war noch nicht lange her, daß er diese junge Frau heimgeführt hatte, nachdem seine erste Frau, Gebhards Mutter, gestorben war. Eine lange Reihe stiller Jahre hatte er mit dem Knaben verlebt, den eine treue Magd schlicht und streng erzog. Innig nah standen sich Vater und Sohn, ernst und pflichttreu war der Förster, anspruchslos der Junge. Kräftig wuchs er in der frischen Waldluft heran und machte von seinem sechsten Lebensjahr an täglich einen stundenlangen Weg, um auf einem benachbarten Gut an dem Unterricht mit den Knaben des Gutsbesitzers teilzunehmen. Auf diesem Weg begleitete ihn ein treuer Hund des Försters, der schon immer sein Spielkamerad gewesen und jetzt sein Beschützer auf einsamen Waldwegen war.

Bei einem Besuch seiner Mutter, die in Süddeutschland lebte, hatte der Förster das fröhliche, liebevolle Mädchen kennen gelernt, das dann seine zweite Frau geworden war. Noch immer war's ihm wunderbar und erfreute ihn in tiefster Seele, daß solch ein neues Familienglück in seinem Forsthaus erblüht war; und so sah er auch jetzt mit Wonne auf die junge Frau, ohne daß diese es bemerkte, denn sie war ganz von der Kleinen hingenommen.

Jetzt stund sie auf und legte das Töchterchen sorgsam in den Korbwagen.
"So Jüngferlein," sagte sie, "nach dieser großen Leistung, nachdem du
zweimal gelächelt hast, wirst du herrlich schlafen, draußen am offenen
Fenster!" Sie fuhr sachte den Wagen in das Schlafzimmer.

Gebhard wandte sich dem Vater zu. "Es ist so nett, wenn die Mutter "Jüngferlein" sagt zu einem so kleinen Kind, hörst du das nicht auch so gern, Vater? Überhaupt ist es jetzt so eine schöne Zeit! So soll's immer bleiben, wie es jetzt ist!"

Stegemanns Gedanken wurden durch diesen Wunsch herausgerissen aus der friedlichen Umgebung.

"Gebhard, du denkst nicht an den Krieg, sonst könntest du nicht von einer schönen Zeit reden, die bleiben soll."

"Aber wir siegen doch, und das gibt dann die allergrößte Freude."

"Vorher werden viele Tausende von unsern deutschen Soldaten sterben!"

"Viele Tausende?" Gebhard wiederholte sinnend diese Worte und blieb eine Weile ganz nachdenklich. Dann aber trat er dicht an den Vater heran und begann mit eifrigen Worten: "Das darf man doch nicht so traurig sagen, Vater? Die Soldaten ziehen doch gern in die Schlacht und wollen fürs Vaterland sterben? Wenn ich nur schon älter wäre, und wenn du noch jünger wärst, dann zögen wir miteinander in den Krieg, du wärst ein Offizier und ich dein liebster Soldat und wenn du befiehlst: 'Freiwillige vor!' komme ich zu allererst. Aber mit zehn Jahren geht das noch nicht, und du, Vater, gelt du bist schon zu alt, du hast doch schon ein wenig graue Haare!"

"Die grauen Haare machen nichts; vielleicht komme ich doch noch daran.
Aber sei still, wir wollen damit der Mutter nicht angst machen."

Sie sahen beide nach der Türe, durch die die junge Frau eben wieder hereintrat. Es lag noch der Schimmer mütterlicher Zärtlichkeit auf ihrem Gesicht, als sie sagte: "Mein Jüngferlein schlummert schon."

"Dein Jüngferlein, Helene? Mir gehört es auch!" Er zog seine Frau zärtlich an sich.

"Und ein wenig gehört es auch mir, nicht, Mutter?"

"Freilich. Du wirst sehen, die kleinen Mädchen mögen die großen Brüder am allerliebsten, lustig wird's, wenn sie erst mit dir spielen kann!"

Das konnte sich nun Gebhard noch nicht recht vorstellen, aber lustig war's ihm schon jetzt zumute und er sprang hinaus und hinunter in den Hof, mit seinem Leo zu tollen, seinem liebsten Kameraden. Bald ging auch der Förster, den sein Beruf oft halbe Tage lang abrief, und Helene blieb allein.

Der Forsthof lag einsam am Waldessaum, nahe der russischen Grenze; nur ein paar Niederlassungen waren in der Nähe, von denen die eine dem Straßenwärter gehörte, der die Grenzstraße zu hüten hatte, die andere einem alten Waldhüter, der mit seiner Familie da hauste. Sonst waren weit und breit keine menschlichen Ansiedelungen zu sehen, dunkler Wald nach allen Seiten und große Stille.

Die da heimisch waren—wie der Förster und sein Junge—, die liebten diese Waldeinsamkeit, aber Fremden kam sie unheimlich vor. Auch Helene, als sie aus ihrer süddeutschen Heimat, aus städtischen Verhältnissen hieher versetzt worden war, hatte anfangs furchtsam nach dem Waldesdunkel hinübergeschaut und die Stille, während ihres Mannes und Gebhards Abwesenheit, hatte sie bedrückt. Aber in ihren vier Wänden war es ihr doch bald wohl geworden, denn da war sie von rührender Liebe und Verehrung umgeben. Nicht nur Mann und Sohn, auch Knecht und Magd, ja sogar die Hunde, vom großen Kettenhund bis herunter zum kleinen Dackel, alle zeichneten sie aus, wie wenn sie sich immer daran freuten, daß etwas so feines, sonniges, fröhliches in ihre Waldeinsamkeit gekommen war. Und jetzt, seitdem sie Mutter geworden und ihr Kindchen jede Stunde um sich hatte, jetzt konnte das Gefühl der Einsamkeit gar nicht mehr aufkommen. Sie war voll Glück und Wonne, ja so sehr, daß sie manchmal das schwere Geschick des Vaterlandes fast vergaß. Kam es ihr dann in den Sinn, so machte sie sich im stillen Vorwürfe, sagte sich: kannst du denn gar nicht unglücklich sein mit den vielen, die jetzt in Sorge und Herzeleid sind? Dann legte sie schnell das Tragröckchen beiseite, das sie besticken wollte, nahm den groben Soldatenstrumpf zur Hand, setzte sich neben den Kinderwagen, strickte und strickte, sah dabei auf das kleine Menschenknöspchen, das neben ihr schlummerte, und war eben wider Willen doch glücklich. Aber der Krieg mit seinen Schrecken und Ängsten, mit Sorgen und Jammer kam bald genug, ihr Glück zu stören.

Zweites Kapitel.

Es war eine stille Sommernacht zu Ende August, der Forsthof lag friedlich, Mensch und Tiere hatten sich zur Ruhe begeben. Der Förster allein war noch auf; die Zeitungen, die er diesen Abend erhalten hatte, lagen vor ihm. Sie sagten ihm, wie nahe die Gefahr eines feindlichen Einbruchs für das Grenzland war. Auch einen amtlichen Brief hatte er von seiner vorgesetzten Behörde erhalten, den Befehl, zunächst noch auf seiner Stelle zu verharren.

"Zunächst;" demnach konnte in Bälde die Anweisung kommen, den Forsthof zu verlassen. Darauf wollte er alles vorbereiten. Er ordnete Papiere und Wertsachen, um im Notfall alles Wichtige rasch bei der Hand zu haben, und dann schrieb er an seine Mutter. Sie stand ihm sehr nahe, hatte jedes Jahr in der Zeit seiner Vereinsamung die weite Reise von Süddeutschland unternommen, um nach ihm und seinem mutterlosen Kleinen zu sehen. Bei ihr fragte er an, ob Frau und Kinder Zuflucht finden könnten, wenn sie die Heimat verlassen müßten und er selbst sich dem Vaterland zur Verfügung stellen würde. Er hatte einst gedient und es war ihm selbstverständlich, daß er an dem großen Kampf Teil nehmen würde, sobald ihn sein Amt im Forsthaus nicht mehr zurück hielt.

So saß er heute bis spät in die Nacht hinein am Schreibtisch, während seine Frau sorglos schlief. Er hatte ihr nichts mitgeteilt von seinen Vorbereitungen. Sie kam ihm so jung und zart vor, besaß nicht die starke Natur, die er selbst von seiner Mutter geerbt hatte, schien so recht für Glück und Sonnenschein geschaffen. Wie sie mit Schwerem zurecht käme, wie sie Leid und Entbehrungen ertragen würde, konnte er sich nicht vorstellen. So wollte er ihr keine Last auflegen, so lange er allein sie tragen konnte.

Mitternacht war es geworden, aber nun lagen auch alle Briefe und Papiere geordnet und überschrieben vor ihm. Er hatte getan was geschehen konnte und griff nun nach dem Neuen Testament; denn es trieb ihn, eines von den Jesusworten zu lesen, die ihm oft schon Kraft gegeben hatten. "Nicht mein sondern dein Wille geschehe." Er versenkte sich in die Erzählung vom Kampf Jesu in Gethsemane.

Plötzlich wurde die Stille des Forsthofes gestört durch das Bellen des Hofhunds. Stegemann horchte auf, hörte nichts, was den Hund beunruhigt haben konnte. Aber das Bellen wurde lauter und auch die andern Hunde taten mit. Stegemann öffnete das Fenster, schaute hinaus in die stille Sommernacht, ging dann hinunter in den umzäunten Hof, rief die Hunde, die unwillig knurrten, zur Ruhe und lauschte. Jetzt unterschied auch sein Ohr das Geräusch von sich nähernden schweren Tritten draußen auf der Landstraße. Wer kam da bei Nacht? War es Freund oder Feind? Ihm ahnte nichts Gutes. Er eilte rasch ins Haus zurück und nahm den Revolver zu sich. Auch den Knecht wollte er rufen; der war aber durch das Gebell schon wach geworden und trat mit der Laterne in der Hand zum Förster.

"Wenn's Russen sind, dann gnad uns Gott!" sagte der Knecht.

"Mach die Kettenhunde los; sie lassen keinen über den Zaun."—

Wütend bellten die zwei großen losgelassenen Hunde und liefen aufgeregt am Zaun hin und her. Von außen am geschlossenen Hoftor ertönte die Glocke. Herr und Knecht sahen sich an. Wie aus einem Munde riefen sie: "Russen sind das nicht, die klingeln nicht, die schlagen mit dem Kolben an."

Der Förster trat näher.

"Wer ist draußen?" rief er. Und gut deutsch klang die Antwort:
"Preußische Infanteristen mit einem Befehl an den Förster."

Noch ein paar Fragen und Antworten wurden zu größerer Sicherheit gewechselt. Dann rief der Förster dem Knecht zu: "Mach die Hunde fest."

Erst als die aufgeregten Tiere angekettet waren, konnte man wagen, das
Hoftor zu öffnen und die Soldaten einzuladen, die draußen harrten. Eine
Patrouille von fünf Männern war es, angeführt von einem jungen Leutnant.
Statt der gefürchteten Feinde unverhofft einen Trupp wackerer Feldgrauer
auf dem einsamen Forsthof zu haben, das war ein Hochgefühl, vor allem
auch für die geängstigte junge Frau, die wie auch Gebhard vom Lärm der
Hunde erwacht war und mit dem Knaben am Fenster stehend den Vorgang im
Hof beobachtet hatte.

"Preußen sind's, Preußen!" rief Gebhard, der zuerst beim Laternenschein die Uniform erkannte.

"Wirklich! Gott Lob und Dank," antwortete die Mutter und machte sich in fliegender Eile zurecht, um die unverhofften Gäste zu begrüßen und für sie zu sorgen. Aber noch ehe sie so weit war, suchte ihr Mann sie auf.

"Ich komme schon," rief sie ihm eifrig entgegen, "wollen die Soldaten bei uns übernachten? Soll ich Betten richten?"

"Das nicht, sie halten nur kurze Rast; dann geht ihr Marsch weiter und ich, ich muß sie begleiten."

"In der Nacht? Wohin?"

"Das darf ich dir nicht sagen; es ist eine Vertrauenssache, ein geheimer
Befehl, von dem auch nur der Offizier weiß."

"Wie unheimlich, Rudolf! Wann kommst du wohl wieder?"

"Vielleicht schon in ein paar Stunden.—Wenn du nur schnell helfen wolltest, Tee für die Leute zu machen. Die Soldaten haben schon Auftrag erhalten, den Herd zu heizen und Wasser aufzusetzen."

"Die Soldaten heizen unsern Herd? Das muß ich sehen. Komm, Gebhard, geh' mit mir hinunter! Ich habe noch nie Soldaten kochen sehen. Mit fünf Köchen, das muß ja schnell gehen!"

Ja, nach zehn Minuten war der Tee auf dem Tisch und nach weiteren zehn Minuten war gegessen und getrunken, was eiligst aufgetragen worden; und die fünf Mann bedankten sich bei der jungen, fröhlichen Förstersfrau.

Der Förster mit Flinte und Jagdhund sah aus, als wenn er auf die Jagd ginge. Im letzten Augenblick nahm er seine Frau beiseite: "Behalte Knecht und Magd bei dir, stelle dich ängstlich, rufe sie herein, laß sie Tee trinken. Ich will nicht, daß uns jemand folgt. Kein Mensch soll wissen, in welcher Richtung wir gehen."

Er gab rasch seiner jungen Frau einen Abschiedskuß—das war nichts besonderes; aber daß er im Vorbeigehen auch Gebhard einen Kuß gab, das kam dem Kind sehr verwunderlich vor, denn Zärtlichkeiten waren zwischen Vater und Sohn nicht üblich.—

"Wegen ein paar Stunden Trennung küßt man sich doch nicht?" sagte sich Gebhard und war sehr nachdenklich, während er in sein Schlafzimmer ging, um sich wieder zu legen. Zum erstenmal waren Soldaten ins Haus gekommen; der Offizier hatte mit dem Vater Kriegsgeheimnisse besprochen, die kein anderer Mensch erfahren durfte. Ein wenig unheimlich war die Sache, aber doch sehr spannend. Heute Nacht war der Krieg ins eigene Haus gedrungen, jetzt erst fing er so recht an für Gebhard.

Und die junge Mutter konnte, nachdem sie Knecht und Magd entlassen, lange nicht wieder den Schlaf finden. An der Seite ihres Mannes hatte sie noch nie den Krieg gefürchtet; aber ohne ihn überkam sie eine große Angst. Es war so finster, so still und schwül. Vielleicht konnte sie besser schlafen, wenn sie die Türe aufmachte ins Nebenzimmer, zu Gebhard. Sie tat es leise, um ihn nicht zu wecken, und freute sich doch, als sie bemerkte, daß er noch nicht schlief.

"Bist du es, Mutter?" rief er und richtete sich ganz munter auf.

"Ja, es ist so schwül; ich will die Türe ein wenig offen lassen."

"Das ist nett, dann können wir plaudern. Ich möchte so gerne erraten, warum der Vater mit den Soldaten gegangen ist. Aber vielleicht ist es besser, wenn wir es nicht erraten; weil es doch ein Kriegsgeheimnis ist. Nur der Vater darf es wissen; er muß stolz darauf sein. Ich wäre auch stolz darauf und würde das Kriegsgeheimnis niemand verraten; außer vielleicht dir, Mutter. Oder darf ich's auch dir nicht verraten?"

"Du weißt es ja gar nicht, Gebhard," sagte die Mutter und lachte fröhlich. Die Luft kam ihr schon nicht mehr schwül vor; und bald schliefen Mutter und Sohn ebenso ruhig wie das Kindchen im Korbwagen und ahnten so wenig wie dieses, daß sie zum letzten Mal im Forsthaus schliefen.

Am Morgen des folgenden Tages kam, angestrengt von langem, eiligem Marsch, Stegemann zurück. Nach der schlaflosen Nacht sollte er sich mit einem guten Frühstück stärken und die verlorene Nachtruhe nachholen, das war der Wunsch seiner jungen Frau; ungesäumt wollte sie für seine Bewirtung sorgen. Er aber hielt sie zurück: "Das ist jetzt Nebensache," sagte er eilig, "wir haben viel Wichtigeres zu tun. Leutnant N. riet mir dringend, heute noch mit Frau und Kind und, soweit möglich, mit Hab und Gut abzuziehen. Erschrick nicht so, Liebste, die Straße ist noch frei von Feinden; aber wir wollen auch gar keine Zeit verlieren. Jetzt gilt es aufpacken, was das Nötigste und Wertvollste ist, um so schnell es nur irgend geht, an die Bahn zu kommen. Ich sage gleich den Leuten, sie sollen helfen, auch sie müssen fliehen. Es kann sein, daß die Russen der Spur der Patrouille folgen, die heute nacht hier war. Nun, Gebhard, hilf der Mutter!"

In wenigen Minuten war der stille Forsthof erfüllt von lärmendem, hastigem Treiben. Der Knecht fuhr den Wagen vor und lud auf, was ihm zugereicht wurde: Betten, Kleider, Wäsche, auch allerlei Vorräte aus Küche und Kammer. Gebhard lief aus und ein, fast fröhlich in der eifrigen Tätigkeit. Knecht und Magd trugen ihre Bündel herbei.

Keine halbe Stunde war verflossen; da suchte der Förster seine Frau auf, die an ihrem Wäscheschrank stand und trieb zur Abfahrt: "Es ist genug, laß alles andere, wir fahren!"

Ganz erstaunt schaute sie auf: "Daß du so ängstlich bist! Auf eine
Viertelstunde kommt es doch nicht an; die kleine Aussteuer vom
Jüngferlein—" sie unterbrach sich: "Horch!" Die Hunde bellten, der
Förster eilte ans Fenster. Er wandte sich sofort wieder zurück: "Es ist
schon zu spät," sagte er, "die Russen kommen!"

Er sprach ruhig; aber sein Gesicht verlor alle Farbe. Auch seine Frau trat ans Fenster und fuhr erschreckt zurück: "Um Gottes willen, was sollen wir tun?" rief sie in Todesangst.

"Geh da hinein und schließe dich ein!" rief ihr Mann. Er faßte sie schnell, drückte sie an sein Herz, küßte sie stürmisch und führte sie in das Schlafzimmer zu ihrer Kleinen.

"Gott behüte euch," rief er, "schließe zu!"

Sie schob den Riegel vor.

In diesem Augenblick kam Gebhard atemlos: "Vater, russische Reiter sind im Hof, sie fragen nach dem Förster. Was wollen sie denn von dir?"

Herr Stegemann zog sein Kind leidenschaftlich an sich: "Sie wollen vielleicht wissen, wohin unsere Soldaten heute nacht gegangen sind."

"Aber das darfst du ihnen doch nicht sagen?"

"Nein."

"Was wird dann, Vater?"

"Was Gott will."

Der Anführer der russischen Truppe, die aus etwa 15 Mann bestand, trat in das Zimmer, den Revolver in der Hand; einige seiner Leute folgten, andere hielten Wacht an der Türe. Es kam, wie der Förster vorausgesehen. Der russische Offizier wollte wissen, wohin die deutsche Patrouille, deren Spur sie gefunden hatten, gezogen sei. Offenbar war seine Absicht, ihr zu folgen, sie abzufangen, ehe sie ihren Zweck erfüllen und über ihre Erkundung den Deutschen Nachricht geben konnte. Ein polnischer Waldarbeiter hatte ihm verraten, daß der Förster die Patrouille geführt hatte. Und nun sollte er die Feinde führen, die zu Pferd die deutschen Fußgänger leicht einholen würden.

Der Förster, die Rechte auf den Tisch gestützt, hörte die Forderung.
Fest klang seine Antwort: "Sucht sie selbst. Ihr könnt vom deutschen
Mann nicht verlangen, daß er die Deutschen verrate."

Neben dem Vater stand Gebhard mit glühenden Wangen. Wie ein Held erschien ihm der Vater, da er dem russischen Offizier kurz und fest den Dienst verweigerte.

Der Russe aber lachte höhnisch, im Gefühl der Übermacht: "Sie sind ein Tor. Wollen Sie nicht, so sind Sie mit Weib und Kind in 5 Minuten niedergemacht."

Tief aufatmend antwortete der Förster: "Ich werde nicht zum Verräter." Dem Offizier stieg der Zorn auf, aber ihm lag daran, einen willigen Führer zu gewinnen, so bezwang er sich. "Nehmen Sie Vernunft an," sagte er. "Sie entschuldigt die Not. Sie sind machtlos in unseren Händen. Entschließen Sie sich rasch, daß uns die kostbare Zeit nicht verloren geht. Dann sollen Sie, auf Offiziersehre, unversehrt zurückkehren, sobald wir die Deutschen erreicht und noch ehe sie Sie gesehen haben. Weib und Kind können Sie in Sicherheit bringen, Ihr Hab und Gut soll unberührt bleiben."

Der Förster schwieg.

"Vater, tu's nicht!" rief Gebhard leidenschaftlich. Der Offizier wandte sich heftig gegen den Knaben, packte ihn, schob ihn beiseite und rief: "Der soll der erste sein, der vor Ihren Augen erstochen wird, wenn Sie nicht augenblicklich folgen."—"Haltet den Buben!" befahl er den Soldaten. Die ergriffen Gebhard mit rauher Hand. Wütend setzte er sich zur Wehr; doch sie packten ihn so fest, daß er kein Glied mehr rühren konnte; aber das konnten sie nicht hindern, daß er immer lauter rief: "Vater, tu's nicht!"

Der Förster biß die Zähne aufeinander; noch schien er unentschlossen. Aber in diesem Augenblick wurde der Türriegel des Nebenzimmers zurückgeschoben und unter der halbgeöffneten Türe erschien seine Frau. Ihr junges, rosiges Gesicht war totenblaß; sie hatte gehört, was die Männer verhandelten und wußte, daß ihr Leben und das von Mann und Kindern auf dem Spiel stand. Bebend vor Angst wagte sie nicht, die Schwelle zu überschreiten, hielt die Türklinke in der Hand und rief ihrem Mann flehend zu: "Ich bitte dich um Gottes Willen, rette uns, o denke an die Kinder!"

Der Russe nahm seinen Vorteil wahr. Er grüßte die Dame des Hauses: "Ja, gnädige Frau, sprechen Sie Ihrem Gemahl zu. Geht er mit uns, so mögen Sie unbehelligt von hier fliehen, und Ihr Mann wird in kurzer Zeit nachfolgen, auf Offiziersehre. Tut er es nicht, so gebe ich Sie meinen Soldaten preis."

Schaudernd zog sich die geängstigte Frau vor den Blicken der rohen
Soldaten zurück.

"Ich gehe!" laut und fest sagte es der Förster und wandte sich der Türe zu.

"Vater, tu's nicht!" Noch einmal kam der Ruf von Gebhard, der noch immer umklammert war von harten Soldatenfäusten.

Der Vater wandte sich an den Offizier: "Lassen Sie mein Kind frei, nach
Ihrem Ehrenwort."

Ein Wink des Offiziers und die Soldaten ließen den Knaben los; aber sie drängten sich zwischen ihn und den Förster und ließen die beiden nicht zueinander kommen. Nur konnten sie nicht verhindern, daß ein letzter Blick vom Vater zum Sohn ging, ein Blick voll Liebe und Stolz.

"Vorwärts!" befahl der Offizier.

Sie verließen das Zimmer; Gebhard rannte nach der Schlafzimmertüre, die wieder verriegelt war. "Mach auf, Mutter, sie sind fort!" und außer sich vor Zorn und Jammer rief er. "Der Vater ist doch mit ihnen gegangen! Jetzt muß er die Deutschen verraten!"

Helene war erschüttert durch die Verzweiflung des Knaben. Sie versuchte ihn zu trösten, zog ihn in mütterlicher Zärtlichkeit an sich: "Der Vater kommt morgen schon zurück, der Offizier hat's auf Ehre versprochen. Sieh, wenn er nicht nachgegeben hätte, wären wir alle umgebracht worden. Er hat mitgehen müssen, er hat doch nicht anders gekonnt!"

"Aber der Vater darf doch die Deutschen nicht verraten," schluchzte das
Kind.

"Denke nicht mehr daran. Denke, daß wir jetzt alle grausam mißhandelt und getötet würden. Gott Lob, daß der Vater uns davor behütet hat."

Gebhard konnte sich nicht fassen, zornig stampfte er und rief: "Der
Vater darf doch kein Verräter sein!"

Die Mutter sah den Knaben starr an: "Hast du kein Herz für den Vater, für mich und für unsere Kleine? Wolltest du, wir wären grausam hingemetzelt, du und wir alle?"

Heftig antwortete Gebhard: "Ja, ja, viel lieber möchte ich das."

Der Mutter graute. Sie konnte das Kind nicht verstehen, und war im tiefsten Herzen gekränkt durch seine Antwort. Aber weiter mit ihm zu reden war nicht möglich; denn unter der Türe erschien die Magd, schreckensbleich mit verweinten Augen: "Der Knecht sagt, wir müssen eilen, daß wir fortkommen, der Herr hat's ihm noch zugerufen. Unser armer, armer Herr, sie haben ihn fortgeführt! Auf einem Russenpferd, mitten unter den Feinden ganz allein! Und er hat sich noch so tapfer umgeschaut, so todesmutig ist er davon geritten! Der arme Herr, was werden sie mit ihm tun?"

Helene hatte auf den Lippen zu sagen: "Es geschieht ihm nichts, morgen wird er uns nachkommen;" aber sie unterdrückte die Worte. Die Leute durften nicht wissen, daß der Herr sich bereit erklärt hatte, mit den Feinden zu gehen. Schwer fiel ihr auf die Seele: Kein Deutscher durfte das je erfahren. Es war ja Verrat, was ihr Mann beging. Ihr zuliebe tat er's; nicht aus Angst ums eigene Leben, der tapfere, treue Mann! Wie wollte sie ihm das danken ihr Leben lang!

Die Magd mahnte noch einmal zur Eile. "Was ist noch aufzuladen?" Hastig griff Helene nach diesem und jenem, beladen eilte die Magd die Treppe hinunter, rief Gebhard zur Hilfe; wie im Traum nahm er, was ihm hingereicht wurde. Die Mutter aber suchte in Eile nach einem Blatt Papier, sie mußte ihm noch ein Wort schreiben, das sollte er finden, wenn er in sein verödetes Haus zurückkäme, mit einer schweren Last auf dem Gewissen, einer Last, die er ihr zuliebe durchs ganze Leben tragen mußte. In fliegender Eile schrieb sie mit zitternder Hand: "Komm bald zu mir, herzliebster Schatz, hab tausendmal Dank, daß Du uns das Leben gerettet hast!" Mitten auf den Tisch legte sie das Blatt, dann noch daneben, was ihn stärken sollte, Brot und eine Flasche Wein. Wieder kam die Magd unter die Türe: "Jetzt ist angespannt."

"Ich komme!" Sie nahm ihr Kindchen, das liebevoll eingehüllte. Die Magd bemerkte Brot und Wein, wollte beides mitnehmen. Helene ließ sie nicht an den Tisch. "Das bleibt!" rief sie.

"Kein Wunder, daß die arme, junge Frau ganz verwirrt ist," dachte das
Mädchen.

Im Hof war alles zur Flucht bereit. Die Hunde sprangen um den Wagen. Sie sollten mitlaufen bis zum Haus des Straßenwärters, meinte der Knecht, der solle sie aufnehmen. "Aber Leo gebe ich nicht her, den nehme ich mit!" erklärte Gebhard. Der Knecht machte Einwendungen. Unmöglich sei das auf der langen Reise, bei den überfüllten Zügen. Ein Unverstand wäre es. Die Mutter sah ein, daß er recht hatte, aber sie wußte auch, was es für Gebhard bedeutete, sich von seinem Leo zu trennen. Der Vater hatte ihm vor Jahresfrist das junge Tier geschenkt; ihm gelehrt, es zu behandeln; zu einem folgsamen, anhänglichen Kameraden war es herangewachsen und von seinem kleinen Herrn unzertrennlich gewesen. Auch jetzt standen sie dicht beisammen, Gebhard und sein Hund, sahen sich an und das kluge Tier schien zu merken, daß über sein Schicksal entschieden wurde. Ein ungewohntes, kurzes Bellen gab es von sich.

Die Mutter wandte sich an den Knecht. "Wir wollen es doch versuchen, ob wir Leo mitnehmen können!"

"O ja, bitte, Mutter!"

Der Wagen setzte sich in Bewegung. Das Töchterlein auf der Mutter Schoß, weich gebettet, schlief sanft ein. Gebhard saß der Mutter gegenüber. Sie hielten bald bei dem Straßenwärter, dann ging die Fahrt weiter, der Bahn zu. Längs der Straße zog sich der Wald hin, aus dem jeden Augenblick die Feinde auftauchen und die Wehrlosen überfallen konnten. Und in den Händen dieser Feinde war der geliebte Mann, der treue Vater.

"Gebhard," sagte die Mutter leise, daß es der Knecht auf dem Bock nicht höre, "Gebhard, du hast doch auch gehört, daß der russische Offizier gesagt hat: 'auf Offiziersehre.'"

"Ja. Zweimal hat er das gesagt."

"Solch ein Schwur wird doch sicher auch im Krieg gehalten," sagte Helene und fügte bei: "Also kommt der Vater sicher morgen oder spätestens übermorgen. Wenn es nur schon morgen wäre!"

Gebhard wandte sich ab und sagte kein Wort darauf. Mit fest geschlossenem Mund sah er durchs Fenster.

Die Stille bedrückte die Mutter. Sie redete ihn nach einer Weile wieder an: "Warum bist du so still, Gebhard? Hast du Angst, daß die Russen aus dem Wald kommen? Wir sind jetzt schon nahe der Station, hier ist's nicht mehr so gefährlich."

"Ich habe keine Angst."

"Hast du Heimweh nach dem Forsthof? Nach dem Frieden kommen wir alle wieder zurück."

Aber Gebhard schwieg und die Mutter sah wohl, daß er kämpfte, die
Tränen zurückzuhalten, die ihm in die Augen kamen.

Sie streckte die Hand nach ihm aus. "Komm, setze dich neben mich, Gebhard; komm her zu mir, sage mir, was dir so traurig ist. Der Vater kommt uns doch morgen nach."

Nun kam es unter lautem Schluchzen bebend heraus: "Ich kann mich ja nicht auf den Vater freuen. Ich kann jetzt doch den Vater nie mehr lieb haben und habe ihn doch so lieb!"

Helene erschrak in tiefster Seele. Sie selbst war so voll Liebe und
Sehnsucht nach ihrem Mann, sie hatte das innigste Verlangen nach ihm und
Gebhard, sein geliebter Bub, sprach solche Worte!

"Wie darfst du so reden, Gebhard," rief sie erregt, "wo er doch alles nur uns zuliebe getan hat. Er konnte ja auch gar nicht anders!"

"Doch, Mutter, weißt du nicht mehr? Zuerst hat er ganz fest nein gesagt; aber dann hast du die Türe aufgemacht und hast gerufen 'rette uns'. Dann hat dich der Vater angesehen. O hättest du doch die Türe nicht aufgemacht, dann wäre der Vater kein Verräter!"

Die Mutter erblaßte und ließ seine Hand los. Nach einer kleinen Weile sagte sie in einem ernsten, fremden Ton: "Wenn der Vater zurückkommt, so sage so etwas nie zu ihm, sonst machst du ihn ganz unglücklich. Nie sollst du zu irgend jemand wieder so reden!" Dann wandte sie sich ab und er fühlte, daß es ihr jetzt lieb wäre, wenn er nicht neben ihr säße, ging auf seinen ersten Platz zurück und dachte: "Die Mutter kann mich jetzt nicht mehr lieben und ich kann den Vater nicht mehr lieb haben, alles, was schön war, ist vorüber." Er saß wieder an seinem Fensterplatz, Wald war nicht mehr zu sehen, unbekanntes Land, alles, alles anders.

Eine Stunde darnach langten sie an der Station an, waren bald im ärgsten
Gewühl, hatten aber noch die Hilfe von Knecht und Magd, die erst später
in anderer Richtung abfahren konnten. Am Schalter drängten sich die
Leute. Helene verlangte Karten für sich und Gebhard. "Und eine
Hundekarte."

"Das gibt's jetzt nicht."

"Darf er mit in den Personenwagen?"

"Keine Rede. Wir sind froh, wenn wir die Menschen unterbringen. Weiter!"

Helene wurde von den Nachdrängenden ungeduldig weggeschoben.

Was war nun zu tun mit Leo? Der Knecht tröstete Gebhard, versprach ihm, den Hund gut unterzubringen. Und Gebhard sah ein, daß es nicht anders sein konnte; die Reisenden umdrängten Mutter und Kinder, im Strom wurden sie fortgeschoben, keine Zeit zum Abschiednehmen von den treuen Dienstboten, auch nicht von dem geliebten Hund. Ein Winseln hörte Gebhard noch—er wußte, das galt ihm.

Eingepfercht in den Wagen saßen unsere Flüchtlinge, mit Mühe hatten sie noch Sitzplätze erlangt. Immer mehr Reisende drängten herein. Gebhard sah durchs Fenster in das Gewühl. Endlich leerte sich der Bahnsteig, das Zeichen zur Abfahrt wurde gegeben und eben in diesem Augenblick sah Gebhard plötzlich noch einmal seinen Leo auftauchen. Er hatte sich von der Hand des Knechts losgerissen, raste auf den Wagen zu, aus dem Gebhard sah, sprang blitzschnell auf und über alle Hindernisse hinweg zwischen scheltenden Menschen hindurch bis in das Abteil, wo er sich sofort unter den Sitz seines kleinen Herrn duckte und so für sich selbst die Frage löste, ob Hunde mitfahren dürften.

Gebhard war so außer sich vor Freude, daß auch Helene, die zuerst über den Eindringling erschrocken war, freundlich dem Tier zunickte, das ihr gegenüber unter dem Sitz ängstlich hervorsah, nicht ganz sicher, ob es geduldet würde. Allerdings versuchte auch ein Herr Einsprache zu erheben. "Es gehört sich nicht, daß solch ein großer Hund in den Wagen genommen wird." Aber ein älterer Mann ergriff Partei für das Tier oder mehr noch für die Familie.

"Freilich gehört sich's nicht," bemerkte er, "aber es gehört sich auch nicht, daß so ein junges Frauchen mit dem kleinen Kind flüchten muß. Und um eine Flucht wird sich's wohl handeln. Nach Vergnügungsreisenden sehen sie nicht aus. Habe ich's erraten?"

Helene konnte nur gegen Tränen ankämpfend mit unsicherer Stimme bejahen.

"Nun also; dann wird Ihnen auch niemand den Hund absprechen; so ein treues Tier ist auch ein Schutz."

So blieb der Hund unbeanstandet und bewährte sich auf der Fahrt als kluges Tier. "Hast du bemerkt, Mutter, wie Leo so schlau ist und sich still hält, wenn der Schaffner hereinkommt?" fragte Gebhard.

Nein, Helene hatte das nicht beachtet. Sie saß in schwere Gedanken versunken. Zuerst hatte nur die Sorge sie bedrückt, ob auch gewiß der geliebte Mann morgen zurückkäme. Allmählich aber legte sich ihr schwer aufs Herz der Gedanke, daß er wohl zurückkommen könnte, aber mit einer Schuld auf dem Gewissen, die nie, nie mehr zu tilgen war. Wenn schon Gebhard diesen Verrat so tief empfand, wieviel mehr sein Vater! Und dazu hatte sie ihn veranlaßt! Sein ganzes Leben hatte sie verdorben!

Und nun kamen noch andere schwere Überlegungen. Sie konnte sich nicht entschließen—wie es ihres Mannes Wunsch gewesen—zu seiner Mutter zu gehen. Diese war eine tapfere aber auch strenge Frau. Helene fühlte nicht den Mut, ihr zu erzählen, was vorgefallen war, und es kam ihr unmöglich vor, ihr unter die Augen zu treten. So überlegte sie und beschloß, bei ihrem Bruder Zuflucht zu suchen. Er und seine Frau hatten sich schon bei Kriegsausbruch freundlich erboten, Helene mit dem Töchterchen aufzunehmen. Damals hatte sie sich nicht von ihrem Manne trennen wollen. Jetzt war es anders. Sie wollte dorthin, aber wohin würde ihr Mann sich wenden?

In diesen Gedanken hatte Gebhards Frage sie unterbrochen. Nun sah er die Mutter aufmerksam an und seinem teilnehmenden Blick fiel auf, wie verändert sie aussah. Sie hatte doch immer so helle Augen gehabt und einen fröhlichen Mund. Nun waren die Augen trübe und der Mund zuckte wie von verhaltenem Schmerz. Gebhard dachte an seinen Vater. Wenn der jetzt erschiene, ja dann würde die Mutter wieder so strahlend aussehen wie sonst. Gerne hätte er das auch so zustande gebracht wie der Vater, aber das konnte er nicht; im Gegenteil: daß sie so verändert aussah, war wohl seine Schuld; seit dem Gespräch im Wagen war sie so still. Er hätte vielleicht das nicht sagen sollen, was er gesagt hatte. Was konnte er aber jetzt machen? Lauter fremde Leute saßen herum, man konnte gar nichts Liebes zu der Mutter sagen. Eine ganze Weile blieb er still und nachdenklich, aber auf einmal kam ihm, was er suchte. "Mutter, unser Jüngferlein schläft so sanft, sieh nur, wie rosig ihre Bäckchen sind!"

Die Mutter blickte auf das Kind, streichelte die weichen Bäckchen, aber dabei füllten sich ihre Augen mit Tränen.

Auch das Jüngferlein konnte die Freude nicht hervorlocken? Ja, dann wußte Gebhard keinen Rat. Es ging eben nicht ohne den Vater!

Drittes Kapitel.

Im Verlauf der langen, mühseligen Reise erfuhr Gebhard, daß nicht der Großmutter Haus das Reiseziel sein sollte; in der Mutter Heimat, bei Onkel und Tante Kurz, sollten sie ihre Zuflucht suchen. Es war eine Enttäuschung für ihn; die Großmutter kannte und liebte er, die Verwandten der Mutter waren ihm fremd. Helene suchte ihm Lust zu machen. "Onkel und Tante haben uns längst eingeladen; sie können uns viel leichter aufnehmen als die Großmutter; sie haben ein eigenes Landhaus vor der Stadt, mit einem Garten; du wirst sehen, daß wir's gut bei ihnen haben."

"Aber wenn der Vater zurückkommt, der wird uns bei der Großmutter suchen!"

"Wir schreiben der Großmutter, wo wir sind!"

"Kommt dann der Vater zu uns, weiß er, wo das ist?"

"Aber freilich weiß er das, Gebhard. Bei meinem Bruder und seiner Frau war ja unsere Hochzeit, dort hat mich der Vater geholt, weil ich keine Eltern mehr habe. Mein Bruder hat mich auch so lieb, weißt du, fast wie wenn ich sein Kind wäre. Er ist viel älter als ich." Gebhard überlegte. "Ja, dann kann ich das schon begreifen, daß du zu ihm möchtest."

Seufzend ergab er sich.

Nach manchem unfreiwilligen Aufenthalt und schier unerträglicher Fahrt kam Helene mit den beiden Kindern am späten Abend an ihrem Bestimmungsort an. Wohl hatte sie ihr Kommen angekündigt, aber Tag und Stunde voraus anzugeben, war in dieser Zeit unmöglich. So stand sie nun in dunkler Nacht, mit den übermüdeten Kindern, mit dem Hund und vielem Gepäck auf dem Bahnsteig, und wußte nicht, wie sie nun bis in ihres Bruders Haus kommen sollte. Alles an dem Bahnhof hatte ein anderes Aussehen als früher. Befremdet sah Helene um sich. Sie hatte nicht gedacht, daß auch auf dem Bahnhof dieser kleineren Stadt die Kriegszeit sich so bemerklich machte. An ihr vorbei eilte eine weibliche Gestalt in großer, weißer Schürze, am Ärmel mit dem Roten Kreuz gezeichnet. Einen Eimer heißen Tee am Arm ging sie von Wagen zu Wagen und bot den durchreisenden Soldaten die Labung an. Einer derselben, ein Landwehrmann, lehnte dankend ab. "Wir haben erst in der vorigen Station Tee bekommen, aber wenn Sie sich um die junge Frau mit den Kindern da drüben annehmen wollten, die haben mich schon lang gedauert, sie sind aus ihrer Heimat vertrieben!"

Die Helferin wandte sich nach der bezeichneten Stelle, sah die hilflose Gruppe und ging sofort darauf zu. "Reihen Sie noch weiter, kann ich Ihnen helfen?" frug sie Helene. Aber als sie dicht voreinander standen, erkannten sich die beiden Frauen. Sie waren einst zusammen in die Schule gegangen.

"Ich habe dich gar nicht gleich erkannt, Helene; ist das dein Kindchen? Hast du allein reisen müssen? Dein Mann ist wohl einberufen? Du Ärmste, du siehst so angegriffen aus. Wirst du nicht abgeholt? Nein? Warte nur ein klein wenig, ich helfe dir. Sieh, dort ist eine Bank, setzt euch einstweilen!" Sie eilte wieder an den Zug, da und dort wurde sie angerufen und um Tee gebeten.

Ein blutjunger Freiwilliger reichte eine Postkarte heraus, bat, man möchte ihm die Liebe erweisen, sie einzuwerfen, weil seine Mutter sich gar so sehr um ihn sorge. So war sie voller Tätigkeit, bis der Zug wieder davon fuhr. Dann aber eilte sie zu der kleinen Gruppe müder Menschen, die auf sie harrten, und es gelang ihr, einen Wagen für sie aufzutreiben und sie samt Gepäck und Hund glücklich darin unterzubringen. "Zu Fabrikant Kurz," lautete die Anweisung für den Kutscher.

Die Fahrt ging durch dunkle Straßen, denn an den Laternen wurde gespart in dieser Kriegszeit. Fast Mitternacht war es, bis sie am Haus hielten, aber doch war ein Fenster noch erleuchtet und wurde bei dem Anfahren des Wagens geöffnet. "Wer kommt?" rief eine Stimme von oben. "Wir sind's, Bruder!"

Einen Augenblick später wurde die Haustüre geöffnet und der Bruder, Fabrikant Kurz, hieß seine nächtlichen Gäste willkommen. "Verzeih, daß wir euch so spät bei Nacht ins Haus fallen," sagte Helene, "es ließ sich nicht ändern."

"Es ist für mich nicht spät, ich habe jetzt oft bis in die Nacht hinein zu arbeiten. Aber gehört denn der Hund auch zu euch? Den habt ihr mit hieher gebracht?" Mißfällig betrachtete er Leo, der sich an Gebhard drängte.

"Es ist Gebhards Liebling, sie sind so anhänglich aneinander!" Herr Kurz beachtete jetzt erst seinen kleinen Neffen.

"Das ist also Gebhard? Wir waren eigentlich der Meinung, er käme zu seiner Großmutter; aber kommt nur herauf, es sind zwei Gastzimmer gerichtet. Was ist mit deinem Mann, ist er einberufen?"

"Nein; er wird bald nachkommen."

"Warum hat er dich nicht auf der langen Reise begleitet? Muß er noch im
Forsthaus bleiben?"

Helene zögerte mit der Antwort. "Ich erzähle dir das morgen. Wir sind so müde, wenn wir uns vielleicht gleich legen dürften!"

"Ihr müßt doch vorher essen!"

"Danke, wir bekamen unterwegs was wir brauchten, nur Ruhe möchten wir."

Der Hausherr hatte dem Stubenmädchen geklingelt, das erschien nun um an Stelle der Hausfrau, die nicht gestört werden sollte, für die Gäste zu sorgen.

Ein schönes Gastzimmer mit allen Bequemlichkeiten war für Helene gerichtet, auch ein Kinderwagen stand bereit. Gerührt dankte sie dem Bruder für diese Fürsorge. Die Kleine, die schlafend angekommen war, erwachte jetzt und fing kräftig an zu schreien. Der Hausherr, der selbst keine Kinder hatte, sah ratlos auf das kleine, ungebärdige Wesen, befahl dem Mädchen alles weitere zu besorgen und wünschte der Schwester gute Nacht. Gebhard nahm er mit sich, Leo folgte. "Wenn nur der Hund die Nachtruhe nicht stört!" sagte der Onkel, während sie die Treppe hinauf gingen.

"Vor meiner Tür wird er gewiß ruhig liegen bleiben," versicherte
Gebhard.

"Das wird sich zeigen. Wenn Hunde in fremde Umgebung kommen, heulen sie oft. Mich wundert, daß dir dein Vater erlaubt hat ihn mitzunehmen!"

"Der Vater war gar nicht da, als wir abgereist sind." Gebhard hatte das kaum gesagt, so merkte er, daß er besser darüber geschwiegen hätte.

"Wo ist denn dein Vater?" Was sollte Gebhard darauf antworten? Er wußte es nicht.

"Ich meine wo dein Vater war, als ihr flüchten mußtet? Blieb er im
Forsthaus zurück?"

"Nein." Die sichtliche Verlegenheit des Knaben fiel dem Manne auf. Es mußte etwas geschehen sein, was Mutter und Sohn nicht gern sagten.

Er wollte nicht weiter in das Kind dringen. Im oberen Stock des Hauses war ein zweites Gastzimmer bereitet, fein und vornehm war auch hier die Einrichtung. "Kommst du allein zurecht?" fragte der Onkel, "oder soll ich dir das Stubenmädchen heraufschicken?"

"Nein danke, ich kann alles allein machen. Aber bitte, Onkel, wenn ich Leo eine Strohmatte oder eine Decke vor meine Tür legen dürfte; er versteht dann, daß er da hingehört."

Es fand sich eine Matte und der Hund nahm verständig seinen Platz ein. Onkel und Neffe wünschten sich gute Nacht. Gebhard lag bald in dem feinen Gastbett. Aber unter dem fremden Dach in dem einsamen Schlafgemach überfiel ihn ein bitteres Heimweh und trotz aller Müdigkeit konnte er nicht einschlafen. So weit, weit weg war er vom Forsthaus! Und der Vater, wo war der? Der Vater, von dem man jetzt gar nicht reden konnte, während man früher so stolz auf ihn war! Dem kleinen Burschen war zumute, wie wenn ihm der Boden unter den Füßen wankte, da mit der Heimat zugleich die klaren Verhältnisse der glücklichen Kinderzeit schwanden, in denen er festgewurzelt war.

Wenn wenigstens die Mutter nebenan schliefe oder etwas von der Kleinen zu hören wäre, aber gar so einsam war es hier oben! Lange wehrte sich Gebhard als tapferer, kleiner Mann gegen die Tränen; endlich kamen sie doch, das Schluchzen ließ sich nicht mehr unterdrücken und schüttelte seinen Körper.

Mitten in der nächtlichen Stille wurde ein Laut hörbar. Gebhard setzte sich auf, lauschte und vernahm ein leises Winseln vor der Türe. Sicher hatte das wachsame Tier seines kleinen Herrn Schluchzen vernommen und war beunruhigt. Oder hatte es selbst Heimweh? Noch einmal derselbe ungewohnte Laut. Es klang so traurig! Da mußte Gebhard trösten. Er tastete sich in der Finsternis an die Türe und hatte kaum einen Spalt geöffnet, so zwängte sich der Hund herein und drängte sich mit freudigem Bellen an seinen Herrn.

"Still, still!" mahnte Gebhard und das gut gezogene Tier verstummte sofort, aber es wedelte und bezeugte seine größte Freude. "Ja, ja, du darfst hier bleiben," flüsterte Gebhard, "du hast Heimweh; komm her!" Er holte leise die Matte herein und legte sie neben sein Bett. "So, dann sind wir beisammen, ganz nahe. Leg dich!"

Vom Bett aus konnte Gebhard seinen Leo streicheln. Nun wich das Gefühl der Einsamkeit, vorbei war's mit den nächtlichen Tränen. Schon nach wenigen Minuten hatten die beiden guten Kameraden den Schlaf gefunden.

In der Frühe des nächsten Morgen, noch ehe es heller Tag war, schreckte Helene auf durch ein Klingeln an der Haustüre. Wer kam so frühe? Sicher ihr Mann oder doch eine Nachricht von ihm! Im Nu warf sie einen Morgenrock um, eilte hinaus an die Treppentüre, denn sie selbst wollte ihm öffnen, ihn hereinführen in ihr Zimmer, ihn lieb haben. Ach—beschämt stand sie vor dem Milchmann und vor dem Küchenmädchen, die beide mit erstaunten Augen auf die junge Frau schauten; ohne ein Wort kehrte sie in ihr Schlafzimmer zurück.

Das war die erste Enttäuschung und es folgten jede Stunde neue, denn der sehnlich Erwartete kam nicht, und keine Post brachte Nachricht von ihm.

Bruder und Schwägerin ließen sich's einen ganzen Tag gefallen, im Unklaren zu bleiben über das Schicksal, das die Familie Stegemann getrennt hatte; sahen sie doch, wie verstört Mutter und Sohn waren und daß sie sich nicht entschließen konnten, von dem Erlebten zu sprechen. Die Schwägerin war eine gutmütige Frau, hatte Helene lieb und wollte, daß die Vertriebenen sich wohl fühlten in ihrem Haus. Es war ja auch alles in Hülle und Fülle da und keine Kriegsnot zu verspüren; denn in der Kurz'schen Fabrik, die in Friedenszeit allerlei feine Stahlwaren herstellte, wurden nun Granaten gemacht; der Betrieb war Tag und Nacht im Gang und es ging mehr Geld ein als je in früheren Zeiten. Viele beneideten die Familie Kurz und wollten ihr den wachsenden Reichtum mißgönnen. So kam es dem Fabrikherrn und seiner Frau ganz erwünscht, daß die Vertriebenen bei ihnen Zuflucht suchten. Jedermann konnte nun sehen, daß von diesem Reichtum guter Gebrauch gemacht wurde. Aber unbequem waren die Fragen der Bekannten nach den Schicksalen der jungen Familie, nach dem Verbleib des Försters Stegemann. Was sollte man antworten, wenn man selbst nichts wußte?

Herr Kurz sprach mit seiner Frau. "So kann das nicht weiter gehen; Helene weicht allen Fragen aus und sieht gleich so unglücklich aus, daß ich nicht in sie dringen mag; und der Bub hat etwas trotzig Zurückhaltendes, das einem die Lust nimmt, ihn zu fragen. Helene schrieb immer so beglückt über ihn, rühmte sein offenes, zutunliches Wesen. Ich finde nichts davon und wollte, er wäre samt dem Hund anderswo untergebracht. Aber nun, da er bei uns wie ein Kind vom Haus aufgenommen ist, kann man wenigstens von ihm Antwort auf berechtigte Fragen erwarten. Nimm du ihn einmal vor. Er soll sagen, wo sein Vater ist. Ich will das wissen."

"Du hast ganz recht, habe nur Geduld, ich will es schon herausbringen," sagte Frau Kurz beschwichtigend. An diesem Tag, während ihr Mann in der Fabrik war, und Helene auf Zureden der Schwägerin sich auf ihr Ruhebett gelegt hatte, ergab sich's, daß Tante und Neffe allein beisammen waren und sie benützte die Gelegenheit, brachte die Sprache auf das Forsthaus, fragte, ob dieses nun ganz leer stehe, ob wohl Gebhards Bücher und Spiele alle mitgekommen seien oder sie ihm neue kaufen solle. Da wurde Gebhard vertraulich und mitteilsam; schilderte, wie hastig Hab und Gut aufgepackt worden seien und daß das meiste zurückgeblieben sei.

"Was dir oder der Mutter fehlt, werde ich euch alles neu kaufen," sagte die Tante gütig, und der kleine, wohlerzogene Mann küßte ihr dankbar die Hand. Nun fragte die Tante weiter: "Hat dein Vater seine eigenen Sachen selbst aufgepackt, und hat er euch begleitet bei der Abfahrt?"

"Nein," sagte Gebhard und wandte sich schon von der Tante ab, der Türe zu. Sie merkte, er wollte weiteren Fragen ausweichen. Aber so hatte sie es nicht gemeint. Sie griff nach seiner Hand. "Nun bleibe noch da, Gebhard, und erzähle mir ganz genau, wann dein Vater fortgegangen ist, warum und wohin. Das müssen wir wissen, dein Onkel und ich."

Da Gebhard schwieg, fuhr sie fort: "Die Mutter ist doch so traurig, das siehst du ja und wenn sie über den Vater spricht, regt es sie auf, darum will ich sie nicht fragen. Willst du ihr das abnehmen und ihr zulieb mir alles sagen?"

"Nein, ich kann nicht!" rief Gebhard gequält und wollte entweichen. Aber die Tante hielt ihn fest.

"Weißt du, daß du recht unartig bist? Nun haben wir die Mutter mit der Kleinen und dich und sogar deinen Hund mitten in der Nacht bei uns aufgenommen und sorgen für euch, weil ihr gar keine Heimat habt und du willst mir nicht einmal anvertrauen, wo der Vater ist? So undankbar willst du sein?"

"Nein, ich will nicht undankbar sein, aber ich kann's nicht sagen," rief der Knabe entschieden und suchte sich loszumachen. Frau Kurz verlor die Geduld, packte ihn fest und rief: "Gebhard, du mußt!"

Da riß er sich mit Gewalt los, rief in heller Verzweiflung: "Ich will die Mutter fragen, ob ich muß," und stürzte aus dem Zimmer, hinüber in das der Mutter. Die schrak aus ihrer Mittagsruhe auf, als Gebhard ungestüm auf sie zukam und laut schluchzend rief: "Mutter, muß ich den Vater verraten? Muß ich?" Erschreckt zog Helene das ganz erschütterte Kind an sich und wollte ihm tröstend zusprechen, aber durch die offengebliebene Türe war die Tante dem Flüchtling gefolgt und hatte Gebhards Ausruf gehört. "Du hast ihn ja schon verraten," sagte sie, "geh jetzt hinaus, ich weiß genug. Geh in dein Zimmer, du machst ja dein Mütterchen noch krank mit deinem Ungestüm!"

Beschämt und traurig zog Gebhard sich zurück. In seinem Zimmer saß er still, wußte nicht, wie es gekommen war, daß die Tante sagen konnte, er habe den Vater verraten und er mache die Mutter krank, mochte sich selbst nicht mehr leiden und wußte sich keinen Rat.

Inzwischen hatte Frau Kurz sich neben die junge Schwägerin gesetzt,
tröstete sie freundlich und brachte allmählich durch teilnehmende
Fragen und dringendes Zureden alles heraus, was sie wissen und ihrem
Mann berichten wollte.

Dieser empfand wohl volle Teilnahme für seine Schwester, aber er dachte auch an sich selbst, an die Familienehre und an das Geschäft. Es war eine böse Sache. Er fürchtete, die militärischen Aufträge könnten ihm entzogen werden, wenn des Schwagers Verrat ruchbar würde. Aufgeregt ging er in seinem Zimmer auf und ab, während er seiner Frau diese Gefahr auseinander setzte. "Nie hätte ich gedacht, daß durch Stegemann Unehre in die Familie käme. Wie sah Helene an ihm hinauf, wie stolz sprach sie von seinen und seiner Mutter edlen Grundsätzen! Wie wenn die Familie Stegemann viel höher stünde als unsere eigene! Nun, wenn wir auch nüchterne Leute sind und unsern Geschäftsvorteil wahren, einen Vaterlandsverräter haben wir doch nie in unserer Familie gehabt!"

"Sprich nur nicht laut davon," mahnte seine Frau, "das bleibt ganz verschwiegen. Ich glaube nicht, daß ihn die Russen frei gegeben haben und wenn ja, dann kann er nicht wagen, sich in Deutschland blicken zu lassen, nach dem was er getan. Mach dir keine Sorgen. Wer sollte das verraten? Helene nicht und der Bub auch nicht, auf den kannst du dich verlassen!"

So beruhigte sie ihren Mann. Und es kam so, wie sie gesagt, niemand erfuhr mehr von dem Vermißten als was sie selbst von ihm aussagten: er sei im Krieg und man warte vergeblich auf Nachrichten.

Viertes Kapitel.

Die Tage, die Wochen vergingen—vom Förster Stegemann drang keine Kunde zu seiner Frau. Sie lebte still und eingezogen. Vom Krieg wollte sie nichts hören, nichts lesen und wenn jemand sie darauf hinwies, daß gar viele Frauen ihre Männer, ihre Söhne vermissen mußten, so war ihr das kein Trost. Andere Frauen durften stolz sein auf das, was ihre Männer taten fürs Vaterland—sie mußte sich schämen; die andern waren unschuldig—sie hatte eine Schuld auf dem Gewissen. Wenn Gebhard sie traurig ansah, mußte sie an sein Wort denken: Hättest du die Türe nicht aufgemacht!

Gebhard ging in die Schule, aber er stand einsam unter den Mitschülern, fremd dem Lehrer gegenüber. Der sprach von Krieg und Sieg, von Vaterlandsliebe und Heldentod—das konnte Gebhard nur mit bitterer Scham anhören; und wenn die Kameraden von ihren Angehörigen im Feld erzählten, dann hatte er Angst vor ihren Fragen, ging ihnen aus dem Weg, spielte lieber daheim mit Leo, seinem treuen, schweigsamen Freund aus der alten Heimat.

Eines Abends, als er still und später als sonst an seinen Schulaufgaben in dem Zimmer neben dem Eßzimmer saß und ihn wohl niemand dort vermutete, hörte er Onkel und Tante sprechen, was nicht für ihn bestimmt war. Der Onkel sagte: "Das Beste wäre, Stegemann bliebe verschollen, er würde doch nur Schande bringen in unsere Familie."

"Ja," sagte die Tante, "aber ich denke, er ist längst tot, wenn man es nur bestimmt erfahren könnte."

Da tat dem kleinen Burschen nebenan das Herz so weh, wie noch nie und er fühlte, wie lieb er seinen Vater hatte, trotz allem was geschehen war, und daß er ganz zu ihm gehörte. Und ein Zorn kochte in ihm auf gegen die Menschen, die den Vater gern gestorben wüßten. Aber er durfte ja nichts sagen, denn gar oft schon hatte die Mutter ihm vorgehalten, wie dankbar sie gegen Onkel und Tante sein müßten.

In diesem Augenblick kam die Mutter zu ihm herein, hatte ihr Töchterchen im weißen Nachtgewand im Arm und zeigte sie Gebhard: "Sieh, wie die Kleine nett aussieht, sie soll noch der Tante gute Nacht sagen, komm mit."

Ungern folgte Gebhard. Im Eßzimmer wurde der kleine Liebling bewundert. Der Onkel, der für gewöhnlich um diese Zeit nicht da war und das Kind selten sah, freute sich an dem netten Anblick, wollte auch der Mutter eine Freude machen und sagte schmeichelnd zu der Kleinen: "Willst du denn auch einmal zu mir kommen, mein schönes Jüngferlein?"

"Nein, sie soll nicht!" rief plötzlich mit rotem Kopf in aufbrausendem Zorn Gebhard. Erschrocken wandten sich alle nach ihm um, aber er achtete nicht auf die vorwurfsvollen Blicke. "Es ist nicht dein Jüngferlein," rief er, "es ist dem Vater sein Jüngferlein, und mir gehört sie auch mit. Gib sie mir, Mutter, mir, nicht dem Onkel!" Er drängte sich an die Mutter, die ganz blaß geworden war. "Was fällt dir ein, Gebhard!" und sie wandte sich an den tief gekränkten Bruder: "Verzeih, ich weiß gar nicht, was dem Kind in den Sinn kommt!"

Die Schwägerin sah, wie ihrem Mann der Zorn aufstieg. Sie wandte sich an
Helene: "Wenn du irgend etwas von Erziehung verstehst, so mußt du das
Töchterchen dem Onkel geben und mußt den unartigen Jungen zur Türe
hinausstecken!"

"Ja freilich, du hast ganz recht," sagte Helene. Sie sah ein, daß sie einen solchen Ton nicht dulden durfte, aber sie fühlte durch, und sah es Gebhard an, daß er tief erregt war, und er tat ihr so leid. Sie konnte ihn nicht verstehen. Es war doch gar nichts vorgefallen, was ihn so aufbringen und seine Rede entschuldigen konnte. So zog sie das Kindchen zurück, nach dem er noch immer begehrte, reichte es dem Onkel hin, und sagte unsicher: "Ich muß dich aus dem Zimmer weisen, Gebhard!" Er sah sie einen Augenblick erstaunt an, weil er so etwas noch nie von ihr erfahren hatte, dann folgte er ohne Widerspruch. Unter der Türe blickte er noch einmal zurück und sah die Mutter mit Onkel und Tante beisammen stehen, das Schwesterchen auf des Onkels Arm. Da war's ihm, als gehörten diese vier zusammen, er aber gehörte nicht zu ihnen, sondern zu dem armen, armen Vater, der so weit fort war und den er doch über alles in der Welt liebte.

So wuchs allmählich eine Scheidewand zwischen ihm und der Mutter auf. Es fehlte der Vater, der die beiden so innig verbunden hatte.

Aber es kam Hilfe von anderer Seite. Frau Dr. Stegemann, Gebhards Großmutter, kannte Helene nur wenig, aber sie hatte sie vor Jahr und Tag herzlich als Schwiegertochter willkommen geheißen, manchen Brief mit ihr gewechselt und sich innig gefreut über das Glück, das sie ihrem Sohn und Enkel von Herzen gönnte. Sie konnte sich vorstellen, wie schwer die junge Frau unter der Trennung von dem Gatten leiden mußte. Aber sie begriff nicht, warum die Schwiegertochter ihr jetzt nur selten und kurz schrieb, ihr, der Mutter, die doch am besten mit ihr fühlen konnte und die längst gebeten hatte, ihr die genaueren Umstände über die Verschleppung ihres Sohnes zu berichten. Die Schwiegertochter entschuldigte sich damit, daß es sie zu sehr angreife, von diesem schrecklichsten Tag ihres Lebens zu erzählen; aber Frau Dr. Stegemann gab sich nicht länger mit diesem Bescheid zufrieden. Als es Winter wurde und immer dieselben dürftigen, traurigen Briefe kamen, schrieb sie der Schwiegertochter, wofern sie und die Kinder gesund seien, möge sie mit ihnen in Gebhards Weihnachtsferien zu ihr kommen. Es klang mehr wie ein Verlangen als wie eine Bitte oder Einladung.

Helene zeigte den Brief ihren Geschwistern.

"Du hättest deiner Schwiegermutter längst den ganzen Sachverhalt mitteilen sollen," meinte der Bruder, "sie als Mutter kann erwarten, daß ihr nichts vom Schicksal ihres Sohnes verschwiegen wird."

"Aber es kann ihr doch nur schrecklich sein! Sie hat uns bei Beginn des Krieges voll glühender Vaterlandsliebe geschrieben. Und dann—ich traue mich nicht, ihr zu sagen, wie das alles gekommen ist, sie wird mich verachten, denn sie ist so eine tapfere, strenge Frau!"

Die Schwägerin fiel ihr ins Wort: "Immer quälst du dich wieder so unnötig mit Vorwürfen. Jede Frau hätte so wie du für ihr und ihrer Kinder Leben gebeten!"

"Sie nicht!" sagte Helene bestimmt. Der Bruder wurde ärgerlich. Er war immer ein wenig eifersüchtig gewesen und hatte nie recht vertragen können, daß seine geliebte Schwester eine so hohe Meinung von der Familie Stegemann hatte.

"Du bist nicht schuld," sagte er; "ein Mann muß selbst wissen, was er zu tun hat; es wäre ohne deine Einrede wohl alles ebenso gegangen!"

Aber jetzt ereiferte sich Helene. "Nein, nie, ganz gewiß nicht. Ich begreife mich selbst nicht mehr, warum ich nicht lieber mit meinem Kind sterben wollte: der Tod ist nicht das schlimmste!"

Sie brach in Tränen aus. Der Bruder suchte sie zu beruhigen. "Du brauchst deiner Schwiegermutter nicht zu erzählen, was du bei der Sache gesprochen hast. Darüber schweigst du einfach!"

"Ach, das kann ich nicht, wenn sie mich mit ihren klaren Augen ansieht, so muß ich die ganze Wahrheit sagen. Sie würde es doch gleich merken, daß mir noch etwas auf der Seele liegt."

"Ei, so bleibe hier!" riet die Schwägerin. "Schicke ihr Gebhard allein, sage, du könnest mit der Kleinen im Winter nicht reisen und ohne das Kind nicht fort. Zwar wäre sie ja bei mir und dem Mädchen wohl versorgt, aber es ist doch eine gute Ausrede; versprich deinen Besuch fürs Frühjahr, dann wollen wir weiter sehen."

"Ja, das wird das Beste sein," sagte der Bruder, "sie kann die
Winterreise und dazu solch eine Aufregung nicht von dir verlangen und
Gebhard wird sehr gern zu seiner Großmutter gehen mit seinem Hund,
na—er kann auch ganz dort bleiben, wenn sie es wünscht."

"Er wird sich nicht gern von mir trennen wollen!"

"Das bildest du dir ein, so ist er nicht."

"Meinst du?" Nachdenklich fügte sie hinzu: "Ja, es kann sein, daß er mich nicht vermißt. Es ist alles nicht mehr so, wie es war. Aber dann werden wir uns ganz fremd!"

"Du mußt dich an dein Töchterchen halten, das wird alle Tage netter und gehört dir ganz und gar."

Aber die junge Mutter konnte sich nicht gleich mit dem Gedanken trösten, daß ihr der kleine Liebling blieb. Es tat ihr weh, zu denken, Gebhard werde sie nicht vermissen. Sie war doch so stolz gewesen auf des Knaben Liebe und seine rührende Verehrung.

"Ich will selbst Gebhard die Einladung der Großmutter ausrichten," sagte der Bruder, die Beratung abschließend. "Ruhe du dich ein wenig aus und dann schreibe deiner Schwiegermutter. Gebhard ist ja bei ihr gut versorgt und für dich wird es so am besten sein, meinst du nicht?"

"Ich weiß nicht," sagte Helene, "aber ich will es so machen, wie ihr meint, ich danke euch, ihr seid so nachsichtig gegen mich."

Sie ging in ihr Zimmer und tat, wie man ihr geraten, legte sich auf ihr Ruhebett. Ach, sie meinten es so gut mit ihr, aber sie hatten ja gar keine Ahnung, wie traurig sie war, wie heiß ihre Sehnsucht nach dem verlorenen Glück.

Herr Kurz hatte es gut verstanden, Gebhard die Reise zur Großmutter verlockend darzustellen. Davon, daß er vermutlich dauernd bei ihr bleiben sollte, hatte er nichts erwähnt, das hatte noch Zeit. So behielt der Onkel recht. Gebhard war nur vergnügt über die Einladung für die Weihnachtsferien, dachte gar nicht an die Trennung von der Mutter. Es war ja natürlich, daß das Kind sich freute zur Großmutter zu kommen, die in den Jahren der Einsamkeit im Forsthaus treulich jeden Sommer gekommen war und ihm längst nahe stand, ehe Helene zur Familie gehörte.

Heute ging die Mutter mit ihm hinauf in sein Zimmer, um mit ihm einzupacken. Frohgemut reichte er ihr zu, was sie verlangte, aufmerksam verfolgte Leo dieses ungewohnte Treiben. "Jetzt deine Schulbücher, Gebhard?"

"Soll ich die mitnehmen?" Verwundert sah er die Mutter an und bedenklich klang seine Frage: "Muß ich denn lernen in den Weihnachtsferien?"

"In den Ferien nicht, aber nachher, wenn die Schule wieder anfängt, mußt du doch deine Bücher haben."

"Nach den Ferien komme ich doch wieder hieher?"

"So war's nicht gemeint, Gebhard. Die Großmutter wird dich gerne behalten. Hat dir davon der Onkel nichts gesagt?"

"Nein." Er wurde sehr nachdenklich. Die Mutter stand vor dem Koffer, hatte die Hand ausgestreckt nach den Schulbüchern, die nicht kamen. Sie sah, wie Gebhards Gesicht trübselig wurde. Jetzt schmiegte er sich an sie. "Mutter, kannst du nicht mitkommen zu der Großmutter? Hat sie bloß mich ganz allein eingeladen?"

"Nein, aber das Schwesterchen ist noch zu klein für solch eine
Winterreise und sie braucht mich doch!"

"Ja, aber Mutter, du hast viel früher einmal zu mir gesagt, wir blieben jetzt immer beisammen, der Vater und du und ich; das war so schön. Und jetzt ist der Vater fort und dann habe ich auch keine Mutter mehr!"

"O doch, Gebhard, ich bleibe ganz gewiß deine treue Mutter!" Aber Gebhard entgegnete trotzig: "So eine Mutter, die nicht bei mir ist, hilft mir gar nichts. So eine habe ich immer schon gehabt, im Himmel, aber ich möchte eine, die bei mir bleibt."

"Später, Gebhard, kommen wir gewiß wieder zusammen, aber jetzt hast du einstweilen die Großmutter. Bei ihr warst du doch früher so gern; und hier—warst du denn gerne hier im Haus, bei Onkel und Tante?"

"Nein, gar nicht gern, weil sie den Vater nicht mögen. Neulich haben sie so etwas Schreckliches über den Vater gesagt, das darfst du gar nicht hören, Mutter. Darum mag ich sie gar nicht mehr!" Tränen des Zorns kamen dem Kind bei der Erinnerung.

"Wann war denn das?"

"An dem Abend, wo der Onkel das Jüngferlein wollte!"

"Ach, damals? Gebhard, sieh, du wirst glücklicher sein bei der Großmutter. Sie hat den Vater so lieb und sie nimmt dich mit deinem Leo so gerne zu sich!"

"So? hat sie das geschrieben?" Langsam machte er sich von der Mutter los. "Da sind meine Schulbücher."

Still vollendeten sie das Geschäft des Einpackens; aber beunruhigt lief der Hund hin und her, er merkte, daß Ungewohntes vor sich ging.

"Du darfst mit mir gehen, Leo, sei nur zufrieden, wir zwei trennen uns nicht!" Bei diesen Worten nahm Gebhard den schmalen Kopf des Hundes zwischen seine Hände. Ein leises Bellen bezeugte das Einverständnis des klugen Tiers; es legte sich nun still neben den Koffer, bereit Hab und Gut seines kleinen Herrn zu bewachen.

Sie waren fertig, das Zimmer sah öde aus.

"Komm nun, Gebhard," sagte die Mutter und es war ihr wehmütig ums Herz in dem leeren Zimmer, "komm, wir wollen nach dem Schwesterlein sehen."

Er griff nach ihrer Hand, sah zu ihr auf und merkte, daß sie traurig war. "Mutter," begann er, "jetzt denkst du an den Vater, das sehe ich dir immer an. Aber du hast noch dein Jüngferlein, das ist dir doch das allerliebste und das bleibt bei dir."

Sie drückte fest seine Hand. Nein, sie hatte jetzt eben nicht an ihren
Mann gedacht, sondern an den kleinen Mann, der da so liebevoll an ihrer
Hand ging und sie noch tröstete, obwohl sie ihn von sich schickte.

Schon vor der Zimmertüre hörten sie die Tante, die ihren Spaß hatte mit der Kleinen. Die lachte laut und übermütig vor Vergnügen. Das lustige Töchterlein—der traurige Bub—es gab der Mutter zu denken.

Am frühen Morgen des folgenden Tags trat Helene in Gebhards Schlafzimmer. Er erwachte bei ihrem Eintritt. Frisch und tatkräftig stand die Mutter vor ihm, wie schon lange nicht mehr. "Gebhard, steh auf, es ist Zeit, daß wir reisen, wir zwei miteinander!" Und als er sie mit großen, fragenden Augen ansah, lachte sie hell, setzte sich zu ihm auf den Bettrand und sagte: "Ich habe mir heute Nacht gedacht: das Jüngferlein ist schnöde, es macht sich gar nichts daraus, wenn ich fortgehe, es jauchzt bei der Tante wie bei mir. Aber mein Bub, der möchte mich gern bei sich haben; so will ich wenigstens für eine Woche mit ihm gehen!" Da wurde die junge Frau stürmisch umarmt und geküßt und mußte an ihren Mann denken.

Eine Stunde später waren sie auf der Reise.

Fünftes Kapitel.

Unsere zwei Reisenden waren diesmal allein im Abteil: Leo hatte sich nicht eingedrängt; ganz verständig hatte er sich darein gefunden, in dem für seinesgleichen bestimmten Raum Platz zu nehmen. Gebhard stand eine ganze Weile am Fenster und sah in die Winterlandschaft hinaus; ihm war so wunderlich glücklich zu Mute, wie wenn ihm erst jetzt die Mutter wieder gehörte. Er hätte nur gern gewußt, wie es ihr ums Herz war! Schon einmal hatte er sich nach ihr umgewandt, sie sinnend angeschaut, aber nicht die Worte finden können zu einer Frage. Nun sah er sie wieder an.

"Willst du etwas?" fragte sie.

"Nein.—Ja doch. Ich möchte nur wissen, ob es dich nicht friert?"

"Nein; warum meinst du? Kommt es dir kalt vor?"

"Mir gar nicht. Der Onkel meinte nur, du könntest dich erkälten; aber gelt, es ist behaglich warm? Heute gefällt mir das Fahren so gut, dir auch, Mutter?"

Sie lächelte ihn freundlich an und schob die Reisetasche beiseite, die neben ihr lag. "Setze dich zu mir her, Gebhard."

Dieser folgte schnell der Aufforderung und sie rückten nahe zusammen.

"Gelt, das Jüngferlein ist ganz vergnügt bei der Tante?" sagte er.

"Ja freilich, das vermißt uns nicht."

"Das gefällt mir eben so besonders gut, daß ich dich einmal ganz für mich allein habe," erklärte er, "da können wir auch vom Vater sprechen, wenn wir wollen. Aber die Tante hat gesagt, ich soll dich nicht aufregen; also reden wir lieber von etwas anderem. Sie hat mir auch Eßvorrat mitgegeben in meine Büchse; wollen wir das einmal ansehen?"

"Ja, sagte die Mutter, schauen wir nach den guten Sachen, das wird mich ganz gewiß nicht aufregen." Sie lachte ihn freundlich an.

"Du siehst heute so aus, Mutter, wie früher, so nett." Aber das hätte er nicht sagen sollen; denn auf einmal kamen ein paar Tränen in ihre hellen Augen. Da packte er schnell die Büchse aus; und weil ihm dabei ein Apfel auf den Boden kollerte und während er sich darnach bückte eine ganze Anzahl Nüsse folgten, mußte sie lachen und er lachte mit und sie waren zum erstenmal fröhlich miteinander ohne den Vater.

Gegen das Ende der Reise, während Gebhard sich schon ungeduldig auf das Wiedersehen mit der Großmutter freute, wurde der jungen Frau das Herz wieder schwer. Sie hatte sich wohl auf ihres Bruders Zureden vorgenommen, nichts davon zu erzählen, daß sie ihren Mann überredet hatte, mit den Russen zu gehen, und so durfte sie ja sicher sein, bei ihrer Schwiegermutter nur Teilnahme zu finden und keinen Vorwurf zu hören. Aber eben dieses Verschweigen und vorsichtige Ausweichen lag nicht in ihrer Natur und deshalb bangte ihr vor dem Zusammentreffen mit der Mutter.

Helene wußte, daß sie nicht erwartet wurde; nur Gebhard mit seinem treuen Gefährten Leo war angekündigt. Als die Reisenden in die Bahnhofhalle einfuhren, fiel ihnen die Leere des Bahnsteigs auf. Er war für die Menge gesperrt, da in Kürze ein Lazarettzug mit einer großen Anzahl Verwundeter ankommen sollte. Eine ganze Reihe Sanitäter mit Tragbahren erwartete den nächsten Zug; aber mitten unter ihnen stand eine einzelne große Frau in langem Mantel mit warmem Pelzzeug; unter ihrem schwarzen Samthut sahen schlichte graue Haare hervor und forschende Augen blickten dem einfahrenden Zug entgegen. Dies war Frau Dr. Stegemann, die sich bei dem Kommandanten den Zutritt erbeten hatte, um ihren allein reisenden Enkelsohn abzuholen.

Gebhard erkannte die Großmutter sofort und eilte auf sie zu.

"Mein lieber, großer Bub!" rief sie, "ich bin froh, daß du zu mir gekommen bist. Und dein schöner Leo ist auch da! Nun komm nur gleich, wir müssen möglichst schnell den Bahnsteig verlassen."

"Aber die Mutter ist auch hier, ich bin nur vorausgesprungen!"

"Die Mutter? Kommt sie doch mit?"

Ja, sie kam eben zu den beiden und sah deutlich, daß bei dem unerwarteten Wiedersehen das ernste Gesicht der Großmutter freudig aufleuchtete.

"So kommst du doch," sagte sie und streckte der jungen Frau die Hand entgegen, "dann ist ja alles schön und gut; wir gehören doch zusammen in dieser Zeit!"

Das empfand auch Helene in diesem Augenblick. Wie wenn sie ihrem Manne näher wäre, so war ihr zumute. Sie hatte gar nicht mehr gewußt, daß Mutter und Sohn ganz die gleichen, klaren, seelenvollen Augen und dieselbe tiefe Stimme hatten. Sie gingen miteinander hinaus auf den Bahnhofplatz. Dort war die Haltestelle der Elektrischen; das Mitnehmen von Hunden war aber nicht gestattet.

"Kann Leo nachspringen?" fragte die Großmutter.

"Er kann wohl," sagte Gebhard, "aber der Vater läßt ihn nie gern neben dem Wagen springen."

"Dann gehst du mit ihm zu Fuß; erinnerst du dich des Weges? Du hast ihn vor zwei Jahren gemacht."

"Nicht so recht," meinte Gebhard bedenklich.

"Wir sollten vielleicht eine Droschke nehmen und den Hund zu uns hereinlassen," schlug Helene vor.

"Bewahre. Ein großer Bub mit solch gutem Hund sucht sich eben seinen Weg. Merke auf, Gebhard. Du folgst den Schienen der Elektrischen immer zu bis an den Marktplatz. Dann fragst du. Weißt du Straße und Nummer?"

"Jawohl, Johannessteg 5."

Die beiden Frauen stiegen ein und Gebhard ging mit seinem treuen Begleiter zu Fuß. Helene wunderte sich über die Großmutter, die dem geliebten Enkel gleich Zumutungen machte. Ja, das war wieder die Strenge, die sie in Erinnerung hatte; nicht der gutmütige, weichherzige Ton, den sie von den Ihrigen daheim gewohnt war. Nun wußte sie wieder, warum ihr bange gewesen, und es überkam sie eine beklemmende Angst vor der Unterredung, die nicht ausbleiben konnte.

Frau Dr. Stegemann bewohnte den obersten Stock eines Hauses in der
Altstadt. Die schönen, bequemen Einrichtungen der Neuzeit fehlten dieser
Wohnung, hingegen war sie geräumig, hatte viele Zimmer, Kammern und
Gänge. Aus den altmodisch kleinen Fenstern blickte man hinweg über die
Dächer der gegenüberliegenden Häuser, über Gassen und Straßen hinaus ins
Weite, wo Gärten und Felder die Stadt begrenzten. Der letzte
Sonnenstrahl fand noch seinen Weg in die hochgelegene Wohnung.

Außer einem Dienstmädchen hatte Frau Dr. Stegemann noch zwei junge
Hausgenossinnen, zwei Enkeltöchter, die hier in der größeren Stadt eine
Töchterschule besuchten. Von ihnen erzählte sie Helene, nachdem sie die
Elektrische verlassen und dem Haus zugingen, denn beide mochten nicht
auf der Straße von dem sprechen, was ihre Herzen am meisten bewegte.
Während sie im Haus angekommen Stockwerk um Stockwerk hinaufstiegen,
wunderte sich Helene über die Sechzigerin, die nichts von der
Anstrengung zu merken schien.

"Mutter, wie du steigen kannst!"

"Das macht die Gewohnheit."

"Aber ist dir's nicht lästig? Du dürftest dir's wohl auch leichter machen."

"Warum? Ich bleibe gern in der Übung. Solange ich gesund bin, schadet mir das Steigen nichts. Es wäre nichts als Bequemlichkeit, wenn ich es nicht mehr tun wollte."

Rüstig stieg sie voraus.

Oben angekommen wurden sie vom Dienstmädchen empfangen mit der Nachricht, daß ein fremdes Fräulein schon lange auf sie warte und sie sprechen möchte. Gleichzeitig kamen eilig und lebhaft die beiden Schwestern, Grete und Else, große Mädchen mit blonden Zöpfen und frischen, fröhlichen Gesichtern. Sie waren überrascht, statt des erwarteten kleinen Vetters ihre Tante Helene zu sehen, die sie nur nach dem Bild kannten. "Macht es der Tante behaglich, Kinder," sagte die Großmutter zu ihnen, "und du, Helene, laß dich nicht abschrecken, wenn es bei mir unruhig zugeht; das ist eben so in diesem Kriegsjahr. Es gibt so viele Mädchen, die im Ausland waren und jetzt stellenlos sind, die wenden sich an uns 'Freundinnen der jungen Mädchen'. Um so etwas wird es sich auch jetzt handeln."

Sie verließ das Zimmer. Helene war verwundert. Sie hatte sich das Leben der Großmutter still und abgeschlossen gedacht, merkte jetzt, daß diese noch mitten im Leben und Wirken stand und sah bald, daß auch die beiden Enkelinnen an allerlei Kriegshilfe teilnahmen und vom Geist der Großmutter beseelt waren.

Sie wandten sich jetzt lebhaft an die junge Tante, deren liebliche Erscheinung ihnen gar sehr gefiel, halfen ihr ablegen, plauderten zutraulich und kamen bald auf das zu sprechen, was sie erfüllte. "Dürfen wir dir unsere Vorratskammer zeigen? Wir haben einen ganzen Stoß Kinderwäsche genäht für die vertriebenen Ostpreußen und haben Handschuhe und Socken für die Soldaten gestrickt, magst du es ansehen?" Gerne folgte Helene den eifrigen Mädchen in ihre Stube und ließ sich an das altmodische Pfeilerschränkchen führen, in dem allerlei Arbeiten aufgestapelt waren. Mitten in dieser Betrachtung kam, von seinem Hund begleitet, Gebhard an. Er hatte sich nicht gern von seiner Mutter getrennt; denn er wußte, sie war nur ihm zuliebe hieher gekommen, auch hatte er so ein unbestimmtes Gefühl, daß ihr bangte vor dem Zusammensein mit der Großmutter. So war er im Galopp mit seinem Hund der Elektrischen gefolgt, hatte schnell den Weg zum Haus gesucht und trat nun angeregt vom raschen Lauf, mit frischen, roten Backen ins Zimmer.

Grete und Else waren gleich für diesen kleinen Vetter eingenommen und auch der Hund war ihnen anziehend. Sie hatten noch nie einen solchen als Hausgenossen gehabt, wollten mit ihm Bekanntschaft schließen, wichen ihm aber doch aus, als er sie beschnüffelte.

Es dauerte aber nicht lang, so streckte sich Leo behaglich mitten unter der Gesellschaft aus.

"Jetzt ist er schon heimisch," sagte Gebhard befriedigt, "er merkt, daß wir nicht bei Fremden sind; in einem fremden Haus legt er sich nie von selbst nieder." Das gefiel den Bäschen und freute Gebhard. Wo er gern war und wo es Leo behagte, mußte sich doch auch sein Mütterlein heimisch fühlen.

Nach kurzer Zeit kam auch die Großmutter wieder. Sie hatte dem jungen Mädchen Bescheid gegeben, das in England Erzieherin gewesen war, in reichem Haus, bei einem einzigen Knaben; jetzt war ihr eine Stelle angeboten, in einfacher Familie bei vier Knaben. Den jüngsten sollte sie selbst ausfahren, das paßte ihr nicht.

"Ich habe ihr Mut gemacht," sagte Frau Dr. Stegemann, "im Krieg muß man froh sein, wenn man irgendwo unterschlupfen darf, und übrigens möchte ich jetzt lieber zehn Deutsche erziehen als einen Engländer. Und warum nicht den kleinen Buben ausfahren? Wir müssen ja froh sein, wenn es recht viele deutsche Buben gibt! Sie will es nun versuchen und mir am Sonntag berichten wie es geht. Aber nun kommt zum Tee!"

Sie führte die Schwiegertochter über den langen, dunkeln Gang. Helene dachte unwillkürlich an die hell erleuchteten Räume in ihres Bruders Haus.

"Überall merkt man den Krieg," sagte Frau Stegemann. "Das Petroleum wird bei euch auch knapp sein."

"Ich weiß nicht, es war nicht die Rede davon."

"Nicht? Es ist eine große Entbehrung für viele Leute. Manche Familien können abends ihr Zimmer gar nicht beleuchten. Für solche ersparen wir immer etwas von dem Petroleum, das auf uns kommt. Warum sollten wir auch nicht ein wenig im Dunkeln tappen? Unsere Soldaten müssen sich auf ganz anders schwierigen Wegen im Finstern zurecht finden."

Gebhard horchte hoch auf bei diesen und ähnlichen Äußerungen der Großmutter. Während des einfachen Abendessens erklärten ihm die Schwestern, was kriegsmäßig sei und was nicht; was sich die Familie zugunsten des Vaterlandes versagte und wie sie beflissen war, sich von dem zu nähren, was reichlich vorhanden und in Gefahr war, zu verderben. Da nun Else und Grete sahen, wie neu ihm das alles war und daß er glühenden Eifer zeigte für alles Gemeinnützige, fragten sie, ob er mittun würde, wenn sie nächsten Sonntag mit der Rotkreuzbüchse durch die Straßen gingen, um Karten und Blumen zugunsten der Verwundeten anzubieten. Er hatte das schon manchmal gesehen, aber nie daran gedacht, daß man auch ihn irgendwie für solch vaterländische Tätigkeit brauchen könnte. Stolz war er, glücklich über diese neuen Aussichten. "Großmutter," rief Else, "das wird fein! Gebhard trägt die Büchse, wir die Blumen und wir sagen zu allen, die uns begegnen: 'Hier, unser Vetter, ist selbst ein Vertriebener, ein Flüchtling aus Ostpreußen!' Da gibt uns jedermann doppelt so gern!"

"Und den Hund nehmen wir auch mit," schlug Grete vor, "er sieht so polizeimäßig aus, mit ihm können wir uns in alle Winkel der Stadt wagen!"

Die drei verwandten Kinder verbanden sich nach kurzer Bekanntschaft und waren glücklich miteinander. Helene staunte, wie schnell Gebhard sich heimisch fühlte. Am reichbesetzten Tisch ihrer Geschwister hatte sie ihn nie so befriedigt gesehen, wie hier; das Wohlleben hatte ihm weniger behagt, als die einfachen Verhältnisse, die er von Hause aus gewöhnt war, und wie heimische Luft empfand er die vaterländische Gesinnung, die auch im Forsthaus der herrschende Geist gewesen war.

Sechstes Kapitel.

Die Teestunde war vorüber, endlich mußte auch der Augenblick kommen, auf den Helene sich gefürchtet hatte, die Aussprache über das, was im stillen Herzen beide Frauen mehr beschäftigte als all die Dinge, über die sie sich mit den Kindern unterhalten hatten.

"Ich möchte jetzt ungestört ein Stündchen mit Tante Helene sein," sagte Frau Dr. Stegemann zu den Schwestern. "Wer etwa kommt und nach mir fragt, soll warten oder später wiederkommen. Gebhard kann bei euch bleiben; komm, Helene, wir gehen in dein Zimmer."

Aber Helene griff unwillkürlich nach Gebhards Hand und hielt sie fest.
Die Großmutter sah die fast ängstliche Bewegung der jungen Frau.

"Du möchtest Gebhard mitnehmen?" fragte sie erstaunt.

"O ja, bitte. Wir haben das alles miteinander erlebt."