Vom Mars zur Erde
Eine Erzählung für die reifere Jugend
von
Dr. Albert Daiber
Verfasser von: „Die Weltensegler. Drei Jahre auf dem Mars“
Mit sechs Vollbildern von Fritz Bergen
Zweite Auflage
Stuttgart
Verlag von Levy & Müller
Nachdruck verboten.
Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten.
Druck: Christl. Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart.
Inhalt
| Erstes Kapitel. Der Erdensohn auf dem Mars | [1] |
| Zweites Kapitel. Die Sühne | [8] |
| Drittes Kapitel. Eine Sisyphusarbeit | [21] |
| Viertes Kapitel. Getäuschte Hoffnungen | [37] |
| Fünftes Kapitel. Die Doppelkanäle auf dem Mars | [45] |
| Sechstes Kapitel. Ein tapferer Entschluß | [61] |
| Siebentes Kapitel. Vorbereitungen zur Rückkehr | [69] |
| Achtes Kapitel. Auf der Fahrt im Weltraum | [74] |
| Neuntes Kapitel. Eine Station auf dem Monde | [89] |
| Zehntes Kapitel. Die drei Freunde | [98] |
| Elftes Kapitel. Wieder auf der Erde | [112] |
| Zwölftes Kapitel. Fromme Wünsche | [134] |
Erstes Kapitel.
Der Erdensohn auf dem Mars.
Phobos und Deimos, die beiden Marsmonde, hingen leuchtenden Kugeln gleich am nächtlichen Firmamente, der eine aufgehend, der andere bereits zum Untergange geneigt. Die sternklare Nacht war von märchenhafter Pracht und Schönheit. Tiefer Friede lag über den weiten Marslanden, die ein einsamer Erdensohn gedankenvoll durchwanderte. Wie war er hierher gekommen? Augenblicklich mochten es gegen zweihundert Millionen Kilometer sein, die ihn von seiner Mutter Erde, von seiner deutschen Heimat, von den Freunden in Tübingen, der Stätte seines einstigen akademischen Wirkungskreises im lieben Schwabenlande, trennten. Wie war er hierher gekommen nach dem fernen Bruderplaneten seiner irdischen Mutter? Fast wie ein Märchen dünkte ihn jetzt in der Erinnerung die vor drei Jahren von sieben Tübinger Gelehrten unternommene kühne Forschungsreise durch den Ätherraum, die Qualen des monatelangen Aufenthaltes in der engen, fest geschlossenen Gondel ihres kunstvoll gebauten Luftschiffes, die Gefahren, die die tollkühne Reise im Gefolge gehabt, die Erreichung des Zieles im letzten kritischen Augenblick . . .
Der Erdensohn, Fridolin Frommherz, der ehemalige Professor der Theologie und Moralphilosophie an der Universität Tübingen, strich sich mit der Hand über die gedankenschwere Stirn. War das alles vielleicht nur ein toller Traum, der ihn neckte? Aber nein, da standen strahlend die beiden Monde, die ihrer Nähe wegen so viel größer erschienen und in Wirklichkeit doch so viel kleiner waren als der Trabant der Erde. Viel hundertmal hatte er schon ihre wunderbare Schönheit staunend betrachtet und sich doch nicht satt daran gesehen. Und dort jener besonders helle, rötlich strahlende Stern — das war die Erde, die ferne Heimat. Fridolin Frommherz nickte dem Sterne zu.
„Ich grüße dich, Mutter Erde! Ich grüße euch, ihr heimgekehrten Freunde! Ob ihr wohl euer Ziel glücklich erreicht habt? Nie werde ich es erfahren. Hätte ich mich doch nicht von euch trennen sollen? Siegfried Stiller, du bester der Freunde, du wolltest es nicht, aber ich konnte ja nicht anders! Nein, wirklich, ich konnte es nicht verlassen, dieses Paradies, in das wir den Weg gefunden! Dachte ich zurück an all das Erdenelend, die Lüge, den Eigennutz, den rohen Kampf ums Dasein, — mir graute vor einer Rückkehr in so barbarische Verhältnisse, nachdem ich eine Kultur kennen gelernt, deren Höhe ich früher kaum geahnt hatte. Nein, hier soll meine Heimat sein, hier auf dem Lichtentsprossenen, wie die Marsbewohner ihren Planeten so schön nennen! Im Lichte will ich leben, nicht im Erdendunkel!“
Fridolin Frommherz hatte während seines Selbstgespräches nicht bemerkt, daß sich ihm ein Greis in langem Silberhaar genaht. Da legte sich eine Hand auf seine Schulter, und eine Stimme voll tiefen Wohllautes fragte: „Nun, mein Freund, schon wieder im Selbstgespräch auf einsamer nächtlicher Wanderung? Quält dich das Heimweh nach der Erde?“
„Nein, nein!“ beeilte sich der Erdensohn hastig zu versichern. „Hier will ich leben, im Lande meiner Wahl! Hier, würdiger Eran, ist das Paradies!“
„Nun,“ meinte der Alte mit feinem Lächeln, „etwas scheint dir doch im Paradiese zu fehlen. Woher sonst dieses ruhelose Wandern, dieses auffallende Meiden deiner neuen Brüder? Wie gern weiltest du früher, als deine Erdenfreunde noch auf unserm Lichtentsprossenen wandelten, in meinem Hause! Jetzt treibt dich etwas hinaus, das dir auch draußen keine Ruhe läßt. Willst du mir nicht anvertrauen, was dich quält?“
Während dieses Gespräches waren sie langsam weitergeschritten, die beiden eigenartigen Gestalten, der hochgewachsene Greis im silberweißen Haar, mit dem edel geformten Antlitz, und der kaum halb so alte Erdensohn mit den weichen Zügen. Unter seinen Landsleuten hatte er für groß gegolten, seinem Gastfreunde aber reichte er kaum bis an die Schulter. Beide trugen das lange, weiße Faltengewand der Marsiten. Langsamen Schrittes näherten sie sich Lumata, der Stadt, der Eran als Ältester vorstand.
Fridolin Frommherz schwieg eine Weile. Endlich sagte er beklommen: „Du selbst, würdiger Eran, gabst mir einst zu verstehen, daß du mein Hierbleiben nicht billigtest. Aus den Blicken deiner Genossen las ich dasselbe Urteil. ‚Ein jeder gehört an den Platz, an dem er etwas zu leisten vermag,‘ sagt ihr. ‚Man lebt nicht sich allein, sondern auch der Gesamtheit.‘ Ihr münztet diese Worte auf mich und die Erde und fandet es unrecht, daß ich meine Freunde allein ziehen ließ. Ich aber hatte nur den einen Wunsch, bei euch zu bleiben. Ich möchte ein nützliches Glied eurer Marsgemeinde werden. Wenn mir nur jemand dazu helfen wollte!“
„Gewiß hast du recht: es ist zielbewußte, nutzbringende Arbeit, die dir fehlt,“ erwiderte der Greis. „Aber hast du uns denn bisher darum angegangen?“
„Nein, das nicht! Aber du versprachst mir, nach Angola, an den Hauptsitz eures Stammes der Weisen, über mein Hierbleiben zu berichten. Von dort aus hoffte ich mein künftiges Leben geregelt zu sehen. Monate sind darüber verflossen. Noch weiß ich nicht einmal, ob der hohe Rat den Fremdling in euern Gefilden dulden wird, und quälend lasten die Ungewißheit und dieses tatenlose Dasein auf meiner Seele.“
„Die Antwort aus Angola ist eingetroffen. Um dir dies mitzuteilen, habe ich dich aufgesucht.“
Mit einem Ruck blieb Fridolin Frommherz stehen. Lebhaft wandte er sich dem Greise zu, als er fragte: „Und wie lautet diese Antwort?“
„Du möchtest nach Angola kommen.“
Enttäuscht sah der Erdensohn vor sich hin. „Ist das alles? Braucht man fünf volle Monate Zeit, um eine so kleine Botschaft zu senden?“ wollte er sagen, aber er besann sich eines Bessern und schwieg. Wenn die ernsten, ehrwürdigen Greise, die dem Stamme der Weisen angehörten und den Rat der Alten, die oberste Behörde des Marsvolkes, bildeten, wenn diese etwas taten, so war es wohl erwogen und tief begründet. Ihm ziemte kein Mäkeln. Zu deutlich aber malte sich die Enttäuschung in seinen Zügen.
„Wir werden schon morgen früh reisen,“ sagte Eran freundlich.
„Du begleitest mich?“ fragte Fridolin Frommherz voll Freude.
„Ja, mein Freund. Du weißt, daß ich selbst im Rate der Alten sitze. Nun aber komm und pflege noch ein paar Stunden der Ruhe. Sieh, wir haben bereits Lumata wieder erreicht.“
In der Tat tauchten die ersten weißschimmernden Häuser der Stadt vor den nächtlichen Wanderern auf. Sie standen nicht aneinander gereiht, sondern vereinzelt inmitten wohlgepflegter Gärten, umgeben von Beeten mit duftenden Blumen und Bäumen mit myrten- und lorbeerähnlichen Blättern. Süßer Wohlgeruch erfüllte die Luft. Die Häuser waren meist einstöckig und hatten flache Dächer.
„Gute Nacht, Freund Fridolin!“ sagte Eran, als sie dessen Behausung erreicht hatten und die breiten Marmorstufen zur säulengetragenen Vorhalle emporstiegen. „Ich werde dich morgen beizeiten rufen lassen. Unser Weg ist weit.“
„Gute Nacht, Eran! Hab’ Dank!“
Sie trennten sich beim Eintritt ins Haus, doch lange noch lag der Erdensohn wach auf seinem bequemen Lager. Er wurde das quälende Unbehagen, das ihn in den letzten Wochen und Monaten verfolgt hatte, auch jetzt nicht los. Immer wieder stand ihm die irdische Heimat vor Augen und die Zeit, da er hierher gekommen war. Ihrer sieben waren sie gewesen, lauter gelehrte Professoren der Tübinger Universität. ‚Die sieben Schwaben‘ hatten sie sich oft im Scherze genannt. Ein Schwabe war der Erfinder ihres Luftschiffes gewesen, ein Schwabe hatte das neue, leichte Gas zur Ballonfüllung entdeckt, wodurch erst eine Reise außerhalb der Erdatmosphäre ermöglicht wurde. Schwaben waren als die Ersten mit dem merkwürdigen Luftschiffe aufgestiegen, hatten als die ersten Erdgeborenen den weiten Ätherraum durchfurcht und waren nach unendlicher Mühsal auf dem Mars gelandet. Sieben waren gekommen und hatten zwei Jahre im Marsparadiese gelebt, aber nur sechs hatten, vom Pflichtgefühl getrieben, die Heimreise angetreten, einer hatte den Drückeberger gespielt, und dieser Eine war er, war Fridolin Frommherz.
Mit heißem Kopfe wälzte er sich auf seinem Lager umher. Da war er wieder an demselben Punkte der Erinnerungen wie alle Abende! Hatte er denn wirklich unrecht getan? War es denn nicht verständlich, daß er solchen paradiesischen Zuständen, wie er sie auf dem Mars, dem Lichtentsprossenen, gefunden, die Heimat und die Erde geopfert hatte? Warum nagte denn ständig etwas an seinem Herzen?
Damals, als der Ballon seine sechs kühnen Gefährten entführte, war Eran mit den Bewohnern Lumatas zugegen gewesen. Voll Hochachtung hatten sie den scheidenden Erdensöhnen und lieb gewordenen Freunden die Hand zum Abschied gedrückt. Er, Fridolin Frommherz, hatte sich verborgen gehalten, aus Furcht, wider seinen Willen zur Mitreise genötigt zu werden. Erst als die Taue gekappt waren und das Luftschiff bereits wieder in seinem Elemente schwebte, war er herbeigeeilt, um den Freunden ein letztes Lebewohl zuzuwinken. War das recht gewesen? Die Röte der Scham, die ihm bei diesem Gedanken ins Gesicht stieg, war Antwort genug auf seine Gewissensfrage.
Wieder versuchte er, der lästigen Gedanken Herr zu werden und zu schlafen, aber es wollte ihm immer noch nicht gelingen. Jetzt sah er Eran vor sich, wie er mit seinen Genossen heimkehrte, sah sich selbst den Heimkehrenden in respektvoller Entfernung folgen, hoffte auf die Einladung, sich ihnen anzuschließen, und vernahm doch kein Wort weder der Ermunterung noch des Tadels. Wie peinlich war die Lage für ihn gewesen! Da war auch die Erkenntnis in ihm emporgedämmert, daß seine Stellung als einzelner Erdensohn zu den Marsiten eine Änderung erfahren müsse, daß es nicht bleiben könne, wie es früher gewesen war, als noch seine Gefährten hier oben wandelten. Aber welcher Art würde die Veränderung sein? Anfangs hatte er sich keine Antwort darauf zu geben vermocht. Bald waren ihm die Marsiten wieder freundlich und herzlich entgegengetreten. Aber in den fünf Monaten, die zwischen damals und heute lagen, war ihm doch allmählich der Unterschied gegen früher klar geworden: es war nicht mehr dieselbe Achtung, die man ihm bezeigte. Das nagte wie ein Wurm an seiner Seele und vergällte ihm jeden Genuß trotz der Freundlichkeit und Güte, womit ihn Eran und die Bewohner Lumatas behandelten. Es litt ihn nie mehr lange im Hause. Planlos rannte er bald dahin, bald dorthin. Seine täglichen Ausflüge dehnte er immer weiter aus und ging den Marsiten so viel wie möglich aus dem Wege, obgleich er merkte, wie diese, aufrichtig betrübt über seine seelische Verstimmung, die Köpfe schüttelten. Nach einer Nachricht aus Angola hatte er sich gesehnt, nach einer Regelung seines Daseins, nach Beschäftigung. War doch die einzige Arbeit, die er noch verrichtete, die Weiterführung der Zeitrechnung nach irdischem Maßstabe. Mars brauchte zu seiner Achsenumdrehung vierzig Minuten mehr als die Erde. Sein Tag war also etwas länger, noch länger das Jahr, das mit seinen 687 Erdentagen nahezu zwei Erdenjahren gleich kam. Aber er verrichtete diese Arbeit ganz mechanisch nach einem Schema, das seine Freunde einst benützt hatten, und seine Langweile wurde dadurch in keiner Weise vermindert.
Nun war also endlich die Botschaft aus Angola da! Was wohl marsitische Weisheit über den Erdensohn beschlossen hatte?
Noch lange wälzte sich Frommherz auf seinem Lager. Gegen Morgen endlich fand er ein paar Stunden unruhigen Schlummers, von wirren Träumen durchsetzt, die ihn bald auf dem Mars, bald auf der Erde, bald im pfeilschnell durch den Äther schießenden Luftschiff zwischen Himmel und Erde die krausesten Dinge erleben ließen.
Zweites Kapitel.
Die Sühne.
Bald nach Sonnenaufgang sandte Eran seinem Gaste Botschaft, sich zur Abfahrt bereit zu halten. Nach einem erquickenden Bade fühlte sich Fridolin Frommherz neu belebt. Er frühstückte eilig. Vor dem Hause stand ein bequemer Wagen, der Eran und seinen Gast nach der Hauptstadt bringen sollte.
Gewöhnlich benützten die Marsiten ihre Kanäle, die breiten Wasserstraßen, die den ganzen Planeten durchzogen, als Verkehrswege. Sehr schnelle, durch Elektrizität getriebene Schiffe verkehrten zwischen den einzelnen Orten. Fridolin Frommherz hatte schon manche kleinere und größere Wasserfahrt unternommen. Auch der Luftschiffverkehr war stark entwickelt. Diesmal hatte Eran einen Motorwagen gewählt, der ihn mit dem Erdensohne möglichst rasch durch die blühende Landschaft nach ihrem Ziele führen sollte. Die beiden Tagereisen konnten dadurch um eine verringert werden. Sachte glitt der Wagen dahin. Kaum merkbar war die Erschütterung. Fridolin Frommherz konnte diese Art Motorwagen nicht genug im Vergleich mit denjenigen auf Erden rühmen. Wie leicht sie gingen! Kaum wurde etwas Staub aufgewirbelt, keine Spur üblen Geruches. Der Greis lächelte über seines Gastes Begeisterung.
„Ihr scheint auf Erden in allen Dingen merkwürdig weit zurück zu sein. Von Benzinmotoren mit ihren vielen Übelständen wissen wir nichts. Wir haben uns die elektrische Kraft in jeder Form zu nutze gemacht. Wie viele Schätze laßt ihr brach liegen oder vergeudet sie auf die törichtste Weise! Wir sind sparsam geworden, und nichts darf in unserem großen Haushalte verloren gehen. Vergeuder seid ihr, weil eure Natur reicher ist als die unsrige. Aber auch ihre Fülle nimmt merklich ab. Wir beobachten das schon seit Jahrhunderten durch unsere Fernrohre. Hätten wir solche kolossale Schätze an aufgespeicherter Energie, wie ihr sie in euern Meeren, in Ebbe und Flut besitzt, wahrlich, unsere technischen Leistungen, die du so sehr bewunderst, wären noch weit bedeutender. Da gäbe es wohl wenig Dinge, die uns unmöglich wären.“
Mit Entzücken schaute der Erdensohn während der Fahrt immer wieder auf die gartenähnliche Landschaft. Da war überall die sorgsamste Bewässerung durch kleine und kleinste Kanäle. Da war kein Fuß breit Landes unangepflanzt. In üppigem Grün versteckt lagen alle Häuser. Glatt und eben waren die Straßen und aufs beste unterhalten. Fridolin Frommherz brach oft in laute Bewunderung aus.
„Ja,“ sagte Eran, „du bewunderst mit Recht. Unsere Männer und Frauen aus dem Stamme der Sorgenden haben da Herrliches geschaffen.“
„Sag, Eran, gibt es denn bei euch gar keine faulen Leute?“ fragte der Erdensohn plötzlich den neben ihm sitzenden, gedankenvoll vor sich hinblickenden Greis.
Dieser lächelte fein, als er erwiderte: „Gewiß ist auch bei uns mancher von Natur träge, aber unsere ganzen Einrichtungen, die alle im Wohle der Gesamtheit gipfeln, lassen die niedern Triebe des Einzelnen nicht voll zur Entfaltung kommen. Schon das Kind wächst in dem Bewußtsein auf, daß es dem großen Ganzen zu dienen hat, daß das Wohl des Einzelnen durch das Wohl der Gesamtheit bedingt wird.“
„Wird nicht dadurch die volle Entfaltung der Persönlichkeit verhindert, eine gewisse Gleichförmigkeit erzielt?“
„Freund Fridolin, du lebtest nach deiner eigenen Zeitrechnung zwei Jahre mit deinen Gefährten, nahezu ein halbes Jahr allein unter uns. Du kennst uns jetzt zur Genüge. Hast du gefunden, daß wir Schablonenmenschen geworden sind?“
„Nein, wahrlich nicht, würdiger Eran! Nehme ich dich zum Beispiel, so finde ich bei dir die volle Individualität der Persönlichkeit gewahrt. Doch steht bei euch die Masse auf einer Höhe der Gesinnung, die unten auf der Erde erst einige wenige, besonders Vorgeschrittene vertreten.“
„Siehst du, Freund Fridolin, das kommt daher, daß bei uns keiner in einen Beruf gepreßt wird, der nicht zu seinen natürlichen Anlagen paßt. Frei für jedermann ist die Schulung, die elementare wie die höhere, die wissenschaftliche, technische, künstlerische. Der Befähigungsnachweis ist das einzige, dessen es bei uns bedarf. Alle Stämme, somit auch alle Berufsarten werden einander gleich geachtet, ob du ein Ackerbauer oder Dienender aus dem Stamme der Sorgenden, ob du ein Gelehrter aus dem Stamme der Ernsten, ein Dichter, Maler oder Komponist aus dem Stamme der Heitern, ein Musiker oder Schauspieler aus dem Stamme der Frohmütigen, ein Handelsmann aus dem Stamme der Flinken oder ein Industrieller aus dem Stamme der Findigen bist, das alles gilt uns gleich, vorausgesetzt daß du deinen selbstgewählten Beruf richtig ausfüllst. Nicht was du bist, sondern wie du es bist, bestimmt deinen Wert.“
„Und wenn sich einer in der Berufswahl geirrt hat? Solches wird doch auch bei euch zuweilen vorkommen.“
„Gewiß. Irrtum ist bei keinem Strebenden ausgeschlossen. Aber ein jeder hat das Recht, solchen Irrtum wieder gut zu machen und auf Grund einer abgelegten Prüfung in einen andern Stamm überzutreten, denn alle stehen sie in gleichen Ehren. Über ihnen steht nur der Stamm der Weisen, in den die Ältesten und Besten, ausgezeichnete Männer und Frauen aus allen Stämmen, gewählt werden. Sie sind die Hüter des Gesetzes.“
„Welche Höhe der Kultur ist hier auf dem Lichtentsprossenen Gemeingut der Masse, und wie erbärmlich sieht es dagegen noch unten auf der Erde aus!“ seufzte Fridolin Frommherz.
„Und doch gibt es auch bei euch Menschen von ganz hervorragender Bildung und edelster Gesinnung,“ erwiderte Eran. „Denke nur an deinen ausgezeichneten Freund Stiller, den Führer eurer kühnen Forschungsfahrt!“
Bei Nennung von seines Freundes Namen wurde dem Erdensohne plötzlich wieder recht beklommen zumute. Seine Schuld stand ihm wieder vor Augen, und er erinnerte sich wieder an Zweck und Ziel seiner jetzigen Fahrt durch die blühende Marslandschaft. Wieder beschlich ihn das alte Unbehagen, und er wurde schweigsam. Endlich, nach langer, gedankenvoller Pause fragte er schüchtern: „Würdiger Eran, weißt du nicht, was man in Angola mit mir vorhat?“
„Nun,“ erwiderte dieser, „man wird dir wohl eine Art Sühne auferlegen dafür, daß du ohne Einverständnis mit deinen Freunden hier zurückgeblieben bist.“
Fridolins Unbehagen wuchs. „Also eine Strafe?“ fragte er beklommen.
„Wenn du es so nennen willst,“ erwiderte der Greis mit seinem Lächeln.
„Als freier Mann konnte ich aber doch tun oder lassen, was ich wollte,“ meinte Frommherz etwas unsicher.
„Du bist augenblicklich selbst nicht von dem überzeugt, was du da sagst. Es gibt auch moralische Verpflichtungen, die sich nicht in vorgeschriebene Verordnungen fassen lassen. Zudem tadeln wir nicht dein Hierbleiben an sich, sondern die Art und Weise, wie du es deinen Gefährten gegenüber durchgesetzt hast.“
Der Erdensohn schwieg betreten und starrte vor sich hin.
Nach einer kleinen Pause fuhr Eran fort: „Doch beruhige dich, mein Freund! Ich kann dir schon jetzt die Art deiner sogenannten Strafe offenbaren, war ich es doch, der sie bei Anan, unserm Ältesten, in Vorschlag brachte. Und daß er meinen Vorschlag annehmen wird, kann ich mit ziemlicher Sicherheit erwarten.“
„So sage mir, bitte, worin meine Strafe bestehen soll.“
„In einer wissenschaftlichen Arbeit,“ antwortete Eran lächelnd.
„Weiter nichts?“
„Nein, mein Freund, weiter nichts, falls du die Herstellung eines Wörterbuches deiner Sprache nicht als Strafe betrachtest.“
„Nein, gewiß nicht!“ erwiderte der Erdensohn, wieder einmal fröhlich lachend und plötzlich von allem Druck befreit. „Allerdings verstehe ich von der Herstellung eines Wörterbuches, ehrlich gesagt, nicht allzu viel, aber ich denke, daß sich die Arbeit bei gutem Willen schon ausführen lassen dürfte. Aber wozu braucht denn ihr hier oben auf dem Lichtentsprossenen ein Wörterbuch der deutschen Sprache?“
„Um die Bücher eurer ersten Denker und Dichter, die deine Brüder uns als Geschenke zurückgelassen haben, im Urtexte lesen zu können.“
„Ein famoser Gedanke, fürwahr!“ lobte Frommherz. „Nun habe ich doch wieder ein Ziel vor Augen und — ernste Arbeit. Dafür danke ich dir von Herzen, würdiger Eran. Es ist ein neuer Beweis deiner Güte.“
Bei diesen Worten ergriff er die Hand des neben ihm sitzenden Greises und drückte sie herzlich.
„Laß gut sein, lieber Fridolin!“ wehrte Eran ab.
Sie fuhren eben in die weite, grüne Halle eines herrlichen, sorgsam gepflegten Baumbestandes ein. Wahre Riesen waren es, die da, himmelanstrebend, mit breiten Ästen und dichtem Gezweig Schatten spendeten. Erquickende Kühle umfing die Reisenden. Es ging gegen Mittag, und zwischen den Feldern und Wiesen war es ihnen warm geworden. Die dünne Atmosphäre des Lichtentsprossenen gestattete der Sonne, dem „ewigen Lichte“, wie die Marsiten die Lebensspenderin benannten, trotz der im Vergleich zur Erde größeren Entfernung eine äußerst intensive Bestrahlung. Zwar schien die Sonne, vom Lichtentsprossenen aus betrachtet, eben dieser größeren Entfernung wegen — sie beträgt im Mittel rund neunundsiebzig Millionen Kilometer mehr als von der Erde aus — bedeutend kleiner; doch gab es da weder Dunst noch Wolken, die den tief dunkelblauen Himmel verhüllten, und der Boden absorbierte infolgedessen eine bedeutend größere Wärmemenge . . . Unter dem grünen Blätterdache der Baumriesen aber fühlte sich Fridolin Frommherz sehr wohl.
„Wie hoch diese Bäume sind,“ sagte er bewundernd zu seinem Begleiter. „So vieles ist groß und wunderbar auf eurem schönen Kinde des Lichts! Wirklich, mir scheint, als hätte ich niemals auf Erden solche Baumriesen gesehen, wenigstens nicht beisammen, nicht als Waldbestand.“
„Das mag wohl sein,“ erwiderte Eran; „es scheint mir sogar in den ewigen Naturgesetzen begründet. Kenne ich auch eure irdische Vegetation nicht aus eigener Anschauung, so habe ich sie mir doch bei aller Ähnlichkeit mit der unseren stets etwas niedriger vorgestellt als diese.“
„Warum?“ fragte der Schwabe erstaunt. „Sind doch die chemischen Grundstoffe, aus denen sich die organischen Verbindungen aufbauen, bei euch dieselben wie bei uns! Und Luft und Wasser, Licht und Wärme, wirken sie nicht auf dieselbe Weise hier wie dort?“
„Du vergißt Eines, lieber Freund,“ sagte der Marsite. „Die Schwere ist der Punkt, in dem zwischen unserm Kinde des Lichts und dem euern der größte Unterschied besteht, und ich meine, je größer ein Weltkörper ist, desto drückender müsse auch die Schwere auf seinen Erzeugnissen lasten, desto kleiner müßten infolgedessen seine Produkte sein. Stelle dir, mein Freund, einen bewohnbaren Weltkörper von der Größe unseres ewigen Lichtes, unserer Sonne, vor. Denke dir lebende Wesen auf ihm, die seiner Größe entsprechen. Wie müßte die Schwere ihres Gestirns auf ihnen lasten! Sie würden sich unter dem furchtbaren Drucke nicht aufzurichten vermögen; es müßten kriechende Wesen bleiben. Und von den Bäumen, deren Größe einem solchen Weltkörper entsprechend wäre, würden sich die Äste nicht auszubreiten vermögen; sie würden flach am Stamme niederhängen oder gar infolge der auf ihnen lastenden ungeheuren Schwere von selbst abbrechen, wenn überhaupt ein Wachstum in bedeutendere Höhen möglich wäre.“
„Und weil eure Schwere geringer ist als die unsere,“ fügte der Erdensohn bei, „seid ihr auch größere, stattlichere Gestalten als wir. Ich habe daheim unter meinen Landsleuten wie unter meinen Amtsgenossen für groß gegolten; du, überhaupt die meisten eurer Männer, ihr überragt mich um Kopfeslänge. — Doch was ist denn dort?“ fragte Fridolin Frommherz, sich unterbrechend und auf eine lebhaft bewegte Gruppe zeigend, die in kurzer Entfernung auftauchte.
„Das,“ erwiderte Eran, „ist eine Schule. Siehst du nicht dort inmitten der Knaben den unterrichtenden Lehrer?“
„Eine Schule?“ rief der Erdensohn erstaunt. „Sehen bei euch die Schulen so aus? Was macht denn der Lehrer hier im Walde?“
„Er lehrt die Schüler kennen, was sie sehen, alles, Pflanzen und Tiere, den Boden und die Gesteine, woraus er zusammengesetzt ist, was sich in ihm entwickelt, was auf ihm vorgeht, Natur und Menschenwerk.“
„Das ist viel,“ sagte Fridolin.
„Ja, es ist viel,“ erwiderte Eran. „Ich kenne Alan persönlich. Er ist einer unserer tüchtigsten Jugenderzieher, doch weit von hier, nahe der Grenze unseres Nordpolargebietes stationiert. Dort ist infolge des ungünstigeren Klimas die Bodenproduktion eine andere, eine spärlichere als hier, wo wir uns etwa auf dem fünfzehnten Breitengrade befinden. Deshalb führt Alan seine Zöglinge zuweilen in unsere Gegend.“
Der jetzt ganz langsam dahinrollende Wagen war nun dicht zu der Gruppe herangekommen und hielt. Eran begrüßte den Lehrer mit der den Marsiten eigenen wohltuenden Herzlichkeit.
„Ich freue mich, dir hier zu begegnen,“ sagte er, Alan die Hand reichend. „Gedeiht dein Werk?“
„Ich bin so glücklich, vieles reifen zu sehen,“ sagte der Angeredete, seine schönen, warmen Augen auf den Greis richtend. „Doch bleibt noch vieles zu tun.“
„Wohl dir, daß du noch mitten im Schaffen stehst!“
„Ja, die Arbeit macht froh!“
„Leb’ wohl, Alan! Werde ich dich bald einmal in Lumata sehen?“
„Zur Zeit der Ruhe hoffe ich auch bei dir einkehren zu können, würdiger Eran!“
„Das wird mir Freude sein, junger Freund!“
Weiter rollte der Wagen.
„Was für schöne Augen dieser Mann hatte!“ sagte der Erdensohn bewundernd.
„Sein Denken und Fühlen spiegelt sich in ihnen,“ erwiderte der Greis. „Er gehört zu unsern Besten. Seine ganze Persönlichkeit setzt er an sein Werk. Da wird keine Weisheit eingepaukt. Die Kinder lernen sehen und das Gesehene verknüpfen. Sie sind es, die den Lehrer über Unverstandenes fragen, und dieser leitet sie an, die Antwort selbst zu finden.“
„Ich wollte, ich wäre auch in dieser Art unterrichtet worden!“ meinte der Schwabe.
Während der Fahrt stärkten sich die Reisenden durch Speise und Trank. Der bequeme Reisewagen enthielt alles, was sie sich wünschen konnten. Durch eine sinnreiche Klappvorrichtung stand sogar auf einen Druck mit der Hand ein zierliches Tischchen vor ihnen, in dessen Schublade kleine Teller und Bestecke verborgen lagen. Zwei mit Leder ausgeschlagene Kasten in der Vorderwand des Wagens enthielten in verschiedenen, eigentümlich geformten Gefäßen Speisen und Getränke genau in der Temperatur, in der sie dem Wagen übergeben worden waren. Man aß vorzügliche warme Gerichte; man labte sich an kühlen Getränken genau so wie zu Hause. Sogar Salat gab es, zu dem Eier gegessen wurden. Die Eier waren weich gesotten, obgleich sie wohl eine halbe Stunde lang in kochendem Wasser gelegen hatten. Da auf dem Lichtentsprossenen das Wasser infolge des niedrigeren Luftdruckes schon bei 60° siedet, können die Eier nicht hart werden. Daran war der Schwabe nun schon lange gewöhnt. Auch eine Waschvorrichtung war an der einen Seite des Wagens angebracht. Es fehlte wirklich gar nichts, was das Reisen angenehm und bequem machen konnte.
Nach Verlassen des Waldes sah Fridolin Frommherz zum erstenmal während der ganzen Fahrt unbebautes Land vor sich. Eine weite Fläche breitete sich da vor seinen Blicken aus: es war eine Landungsstelle für Luftschiffe. Kleinere und größere Fahrzeuge lagen da an tief in den Boden eingelassenen eisernen Ringen verankert. Sie trugen als Aufschrift ihren Namen, Anfang und Endziel ihrer Fahrt. Da die Witterung infolge der dünnen, wasserarmen Atmosphäre auf dem Mars ziemlich gleichmäßig war, bedurfte es keiner besonderen Hallen zur Bergung der Luftschiffe; nur die ausgedehnten Anlagen zur Gasgewinnung und Füllung der Ballons waren gedeckt. Reges Leben und Treiben herrschte hier, etwa wie auf einem Bahnhofe auf Erden, nur übertragen in marsitische Gemessenheit. Es fiel Fridolin auf, daß die Luftschiffe der Marsiten wohl auch nach dem starren System gebaut waren wie der „Weltensegler“, der einstmals ihn und seine damaligen Gefährten von der Erde hinweg durch den Ätherraum geführt hatte, aber die Ballons waren bedeutend kleiner und schienen doch, nach den umfangreichen Gondeln zu schließen, eine bei weitem größere Tragkraft zu besitzen. Da gab es nur zwei erklärende Möglichkeiten: entweder übertraf das Metall, aus dem die marsitischen Luftschiffe gefügt waren, an Leichtigkeit alles auf Erden Gekannte, oder das Gas, das zur Füllung des Ballons diente, war noch unendlich viel leichter als dasjenige, das einst ein schwäbischer Gelehrter erfunden, und das dann zur Füllung des „Weltenseglers“ gedient hatte. Die langgestreckte, zylindrische Form, vorn und hinten mit ogivalen Spitzen versehen, schien sich auch hier am besten bewährt zu haben.
Da stiegen Leute ein, dort hob sich ein dicht besetztes Fahrzeug kerzengerade, ohne jede Schwankung in die Luft. Höher und immer höher stieg es. Wie weit mußte der Horizont der darin Reisenden sein! Wie klein würden ihnen die Brüder da unten, die Häuser, die Wiesen, die Bäume erscheinen! Der Erdensohn fühlte Lust, mit in die Lüfte zu steigen. Vielleicht würde sich ein anderes Mal Gelegenheit dazu bieten.
„Du wirst noch manchmal hierher oder an einen andern Luftschiffhafen des Lichtentsprossenen kommen,“ sagte Eran.
„Dann will auch ich,“ fügte Fridolin bei, „euer herrliches Land wieder einmal von oben herab schauen.“
Bald darauf trafen sie in Angola ein. Es war das drittemal, daß Fridolin Frommherz seinen Fuß in das großartige Heim des Stammes der Weisen setzen sollte. Zweimal war er in Gemeinschaft mit seinen Gefährten hier gewesen. Das Herz klopfte ihm doch etwas bang und erwartungsvoll, als er die breiten Marmorstufen zu dem großen Festsaale hinaufstieg. Vor einem halben Jahre war dort die Abschiedsfeier für seine Freunde und auch für ihn, den Drückeberger, abgehalten worden.
Jetzt trat er ein in den ihm wohlbekannten Saal. Ein lautes, bewunderndes Ah! entschlüpfte seinen Lippen. An den Wänden erblickte er die wunderbar gut getroffenen, künstlerisch ausgeführten Bilder seiner Gefährten und darunter Marmortafeln, die mit goldenen Inschriften voll Lob und Anerkennung die Taten seiner fortgezogenen Brüder verkündeten. Da regte sich wieder im Herzen des Zurückgebliebenen jenes quälende Gefühl von Gewissensbissen.
Wieder packte ihn wie so oft schon ein Schmerz der Sehnsucht, des Heimwehs, als er, um die Bilder genauer zu betrachten, näher an sie herantrat. Ordentlich vorwurfsvoll schienen ihn die Freunde aus ihren Augen anzublicken. Es war, als ob den Bildern Leben eingehaucht worden wäre, denn wo sich auch Fridolin Frommherz im Saale hinwandte, um die Gemälde aus der Ferne auf sich wirken zu lassen, überallhin folgten ihm die Blicke der im Bilde Verewigten. Nachgerade empfand er dies als unheimlich, um so mehr als er sich vergeblich nach Eran umsah. Dieser schien nicht mit ihm eingetreten zu sein. Die feierliche Stille des Saales verstärkte noch das Gefühl des Unbehagens. Daher war Fridolin froh, als sich endlich eine der Türen öffnete und Anan hereintrat, gefolgt von Eran und einigen andern alten Marsiten.
„Ich grüße dich in unserm Angola, dich, den ich allerdings hier nicht mehr zu sehen erwartet hatte,“ begrüßte Anan mit wohlwollender Freundlichkeit den Erdensohn, ihm die Hand zum Willkomm reichend.
„Verzeih mir, edler Anan, daß ich mich nicht entschließen konnte, zur Erde zurückzukehren, sondern hier auf dem Lichtentsprossenen zurückblieb,“ sprach Fridolin.
„Ich habe dir nichts vorzuwerfen, mithin auch nichts zu verzeihen,“ entgegnete der ehrwürdige Greis. „Wir haben weder dich noch deine Brüder zum Fortgehen gedrängt. Es stand euch frei, zu gehen oder zu bleiben. Als wir hier vernahmen, daß du deine Gefährten nicht begleitet habest, da wurde einfach der Auftrag, dein Bild zu malen und die Ehrentafel für dich auszuführen, zurückgezogen. Und bevor wir dich in Angola wiedersehen wollten, beschlossen wir, erst die Anfertigung der Bilder und Tafeln der uns so teuren, für immer nun fernen Erdensöhne abzuwarten und sie hier in diesem Saale aufzustellen. Erst nachdem wir dieser Ehrenpflicht genügt hatten, riefen wir dich.“
Etwas bedrückt hatte Frommherz der Auseinandersetzung Anans gelauscht. Es lag eine feine Ironie in den Worten wie in der Handlungsweise des Marsiten. Daß man ihn zuerst in den Saal gewiesen, in dem nur sein Bild fehlte, empfand er doch als eine moralische Verurteilung seiner Drückebergerei. Darauf hinaus lief im Grunde auch Anans Rede.
„Du machst ein betrübtes Gesicht. Was fehlt dir, mein Freund?“ fragte Anan nach kurzem Stillschweigen.
„Ich bin mir bewußt, einen Fehler begangen zu haben,“ antwortete Frommherz.
„Den hast du deinen Brüdern gegenüber begangen durch die Art, wie du dich benahmst. Doch verlieren wir hierüber keine weiteren Worte mehr. Für uns ist die Sache abgetan.“
„Der ehrwürdige Eran sprach mir von einer Sühne meiner Schuld,“ bemerkte Frommherz.
„Nun ja,“ entgegnete der edle Anan. „Du weißt darum. Wir wollten dir hier in Angola eine deiner würdige Beschäftigung zuweisen, durch die du uns nützlich sein kannst, natürlich nur wenn du willst.“
„Gewiß, gern, wirklich von Herzen gern,“ beeilte sich Frommherz zu antworten. „Selbst wenn ihr mir keine Aufgabe zugewiesen hättet, würde ich euch um irgend eine nützliche Arbeit gebeten haben.“
„So bleibt es also bei der Ausarbeitung eines Wörterbuches deiner Muttersprache,“ entschied Anan. „Zieh mit Bentan, unserm wackern Bruder hier, in sein nahes Heim. Dort kannst du dich in aller Ruhe an die Erledigung deiner Aufgabe machen. Und von Zeit zu Zeit wird es uns freuen, dich in diesem Hause bei uns wiederzusehen. Dann wollen wir in anregender Unterhaltung die Erinnerung an deine ausgezeichneten Gefährten pflegen.“ Ein herzlicher Händedruck, und Anan, der Älteste der Alten, zog sich zurück.
„Das ist besser abgelaufen, als ich zu hoffen wagte. Ich habe mir in der letzten Zeit ganz unnützerweise eine fürchterliche Angst gemacht,“ murmelte Frommherz vor sich hin.
„Bist du zufrieden mit dem Ausgange deiner Angelegenheit, Fridolin?“ forschte Eran mit eigentümlichem Lächeln.
„Gewiß, sehr,“ gestand Frommherz.
„Nun wohl, so komm! Hier steht Bentan, dein Gastgeber. Sein Heim wird für lange Zeit wohl auch das deine sein.“
Drittes Kapitel.
Eine Sisyphusarbeit.
Schon seit längerer Zeit weilte Fridolin Frommherz im vornehmen Heim Bentans, des würdigen Alten, dessen ganzes Wesen und Gebaren seinen Gast viel an Eran erinnerte, den er aber an Zahl der Jahre übertraf. Das Haus lag am lieblichen Ufer des tiefblauen Sees von Angola und gewährte von der Terrasse und den Fenstern der Vorderseite aus einen entzückenden Blick über die Wasserfläche hinweg nach den fernen, sanften Höhenzügen, die den See einschlossen.
Ein sorgfältig angelegter, tadellos unterhaltener Garten umgab das Haus von der Landseite. Alte, immergrüne, lorbeerartige Baumriesen wechselten gruppenweise ab mit den verschiedensten Arten hochstämmiger, prachtvoller Palmen. Dazwischen schoben sich Sträucher und Büsche, überladen mit farbenprächtigen, duftenden Blüten.
Die schönste Blume dieses paradiesischen Sitzes aber war Benta, Bentans holde Enkelin. Dies erkannte auch Frommherz an, der Benta oft mit einer jener Lichtelfen verglich, die nach der Sage seiner Heimat von menschlicher Gestalt, glänzend schön sind, Tanz und Musik lieben und dem Menschen gegenüber freundliche Gesinnungen hegen.
Und einen solchen Ort hatte man ihm, dem Erdensohne, als Arbeitsstätte zur Strafe angewiesen! Frommherz lachte laut auf bei diesem Gedanken. Eine herrlichere Belohnung für sein Zurückbleiben hätte ihm gar nicht gewährt werden können, wenn, ja wenn nur nicht das verwünschte Wörterbuch gewesen wäre.
Vom ersten Augenblicke an war Benta dem Gaste des Hauses freundlich entgegengetreten. Aber in dem Wesen und ganzen Benehmen der graziösen, jungen Marsitin lag so viel Würde und Erhabenheit, bei aller Bescheidenheit doch wieder so viel stolzes Selbstbewußtsein, daß Fridolin Frommherz zu einer Achtung gezwungen wurde, die mehr den Charakter der Ehrfurcht trug.
Oft an den wunderbar schönen Abenden, wenn Phobos und Deimos, die Monde des Mars, am Himmel ihre stillen, glänzenden Bahnen zogen, saß Frommherz nach getaner Arbeit auf der Terrasse des Hauses, der liebenswürdigen Einladung Bentans folgend. In herzlicher, freundschaftlicher Weise unterhielten sich dann jeweils die beiden Männer. Der alte Marsite mit seinem reichen, abgeklärten Wissen streute bei diesen Unterhaltungen dann oft goldene Körner der Weisheit aus, die bei Frommherz auf fruchtbaren Boden fielen und nach und nach seine bisherige, der Erweiterung noch sehr bedürftige Lebensauffassung umzuformen begannen.
Hin und wieder erschien an solchen Abenden auch Benta und beteiligte sich an den Gesprächen der Männer. Besonders lebhaft wurde die Unterhaltung, wenn Frommherz, durch allerlei Fragen veranlaßt, von der Erde im allgemeinen, von seiner engeren Heimat aber im besonderen ausführlicher erzählte, namentlich von dem Leben und Treiben ihrer kernigen Bewohner.
Die genußreichsten Abende aber waren für Frommherz die, an denen Benta stimmungsvolle Lieder in künstlerisch vollendetem Vortrage zur Harfe sang. Diese Augenblicke erschienen dem Erdensohne als der Inbegriff des wirklich göttlich Schönen. Sie ließen ihn seine langweilige Arbeit völlig vergessen und erweckten in ihm eine Summe wunderbar seliger Empfindungen, wie er sie bis dahin noch niemals gekannt hatte.
Aber wenn er dann nach einem solchen Abend voll märchenhafter Schönheit und reinster Glücksempfindung am nächsten Morgen wieder am Schreibtische seines hohen, luftigen Arbeitszimmers saß, um mit schweren Seufzern an der endlos scheinenden Lösung seiner Aufgabe weiter zu arbeiten, da verflog vor dem Realen, Nüchternen im Nu aller ideale Schwung der Gedanken, die Seligkeit jeglicher Empfindung.
„Ja, ja, ein Wörterbuch zu schaffen, das hat mir gerade noch gefehlt,“ brummte Frommherz eines Tages grimmig vor sich hin, als ein weiteres Jahr seit seinem Aufenthalte in Angola dahingeeilt war. „Es ist einfach, um aus der Haut zu fahren. Das ist keine Arbeit für einen Moralphilosophen. Diese Idee ist, um toll, verrückt zu werden. Hol der . . .“ Doch Frommherz verschluckte das Weitere in edler Selbstbeherrschung und wandte sich seinen Manuskriptbogen und den Hunderten von losen Zetteln zu, die, in verschiedenen Stößen verteilt, alphabetisch geordnet vor ihm auf dem Tische lagen.
Heute packte ihn ob seiner Arbeit eine gelinde Verzweiflung. Bald da, bald dort griff er einen Zettel heraus, verarbeitete seinen Inhalt, strich das Geschriebene durch oder warf den unbrauchbar gewordenen mit einem Seufzer der Erleichterung in den umfangreichen Papierkorb zu seiner Seite. Ein Kästchen auf dem Schreibtische barg unbeschriebene Zettel, und jeden neuen, seine Gedankenreihe kreuzenden Einfall notierte Frommherz sorgfältig und fügte den Vermerk den vielen Hunderten von älteren Blättern bei.
Das war des Fridolin Frommherz täglich sich erneuernde Aufgabe. Fürwahr eine schwere Sache! Um die Wörterbucharbeiten seiner gelehrten Freunde an der Tübinger Universität hatte er sich früher niemals bekümmert. Hätte er einst eine Ahnung gehabt, daß ihm hier oben auf dem Mars eine ähnliche Arbeit zugemutet werden würde, dann hätte er sich sicherlich mit dem Studium seiner Muttersprache etwas eingehender befaßt. So aber, ohne jede tiefere Vorbereitung, ohne jedes Hilfsmittel ein deutsch-marsitisches Wörterbuch herzustellen, alles hierzu erst aus sich selbst heraus zu schaffen, diese schier endlose und heillos schwierige Arbeit begann ihm manchmal das sonst so paradiesisch schöne Dasein auf dem Mars zu versalzen. Und welch elenden Eindruck machte wiederum auf die Marsiten das schneckenartige Vorwärtsschreiten einer Arbeit, für die sie sich außerordentlich interessierten! Schon verschiedene Male hatte der Erdensohn über den Stand seiner Arbeit seinen Freunden in Angola Vorträge gehalten, die über die Unregelmäßigkeit der deutschen Sprache die Köpfe schüttelten. Sie schien den Marsiten noch in einem Entwicklungsstadium zu stecken, das die ihrige schon seit Tausenden von Jahren überwunden hatte.
Wie rasch und leicht hatten die sieben Schwaben die Sprache ihrer Freunde auf dem Mars in ihrer edlen Einfachheit erlernt! Nur einer unter ihnen, Herr Hämmerle, der Philologe, hatte etwas daran auszusetzen gefunden. Er hatte das Kraftvolle, das in der Unregelmäßigkeit der deutschen Konjugation und Deklination liegt, dem Ebenmäßigen, Abgeschliffenen, Weichen der Marssprache entgegengesetzt und den Preis der Schönheit seiner deutschen Muttersprache zuerkannt.
An dies alles erinnerte sich jetzt wieder Fridolin Frommherz. Er sprang vom Stuhle auf und maß erregt das Zimmer.
„Wäre ich nicht von der hohen Denkweise der Marsiten felsenfest überzeugt, wüßte ich nicht auf das bestimmteste, daß ihnen jegliche Quälerei fernliegt, ich müßte wahrlich annehmen, daß ihnen ein böser Geist diese Art meiner Beschäftigung angab,“ rief er zornig. „Doch was nützt meine Aufregung? Nichts! Ja, wäre doch nur diese deutsche Muttersprache so glatt, so regelmäßig, so einfach nach wenigen Regeln zu konstruieren wie das wohllautende, vokalreiche Idiom der Marsiten! Um wie viel leichter wäre dann meine Arbeit!“ Seufzend strich sich der Gelehrte mit der Linken über die Denkerstirn. Dann setzte er sich wieder an den Schreibtisch und schrieb emsig weiter. Da trat Eran in das Zimmer.
„Welch große Überraschung und Freude, dich endlich wieder einmal in Angola zu sehen!“ rief der Schwabe, als er den Eintretenden erkannt hatte.
„Nun, Freund Fridolin, wie geht es dir? Wie weit ist das große Werk gediehen?“ fragte Eran, dem Erdensohne herzlich die Hand zum Gruße schüttelnd.
„Wie soll es mir gehen, würdiger Eran? Einerseits gut, anderseits schlecht!“
„Ich verstehe dich nicht!“ gestand Eran.
„Nun, ich fühle mich gesund, aber die Arbeit liegt mir sehr auf dem Magen.“
„So, so!“ lächelte Eran.
„Ja, dem Himmel sei es geklagt. Die Sache wird schwieriger, je weiter ich vorwärtsschreite. Aber ich schulde dir noch die Antwort auf deine zweite Frage. Ich arbeite am G meines Werkes.“
„Wie? Erst am siebenten Buchstaben von den fünfundzwanzig des Erdenalphabetes? Kaum möglich!“
„Und doch ist es leider so, wie ich dir sage,“ antwortete Frommherz betreten.
„Merkwürdig!“ erwiderte Eran, den Kopf schüttelnd. „Du bist doch schon seit zwei Jahren deiner Zeitrechnung ununterbrochen an der Arbeit. Wann willst du sie denn beenden?“
„Das weiß ich selbst nicht,“ murmelte der Gelehrte, „es wird je länger, je schlimmer. Da sieh her!“ Mit diesen Worten zog er eine große Schublade seines Schreibtisches auf. Sie war bis oben mit eng beschriebenen Bogen von stattlicher Größe gefüllt.
„Fast tausend Manuskriptseiten und noch nicht einmal ein Drittel des Werkes vollendet! Nein, ehrwürdiger Eran, ein so umfangreiches Buch hat Fridolin Frommherz auf Erden niemals geschrieben! Und da, sieh alle die Zettel und mühsam gesammelten Notizen — ihr habt mir wahrlich Schweres aufgebürdet und laßt mich die Daseinsfreuden auf dem Lichtentsprossenen sauer genug verdienen.“
Ein Lächeln huschte über Erans milde Züge. „So möchtest du wohl lieber wieder zur Erde und dein Wörterbuch unvollendet uns zurücklassen?“
„Nein, nein, das doch nicht,“ erwiderte Frommherz hastig, und eine Blutwelle stieg ihm ins Gesicht, als er bei diesen Worten unwillkürlich an Benta dachte.
„Warum aber klagst du dann? Eine Arbeit, deren Erfüllung keine Unmöglichkeit, sondern nur eine einfache Frage der Zeit ist, berechtigt nach meiner Auffassung zu keiner Klage. Und du, mein Freund, hast ja Zeit in Hülle und Fülle. Niemand drängt dich.“
„Aber dein Erstaunen, deine Äußerungen von vorhin über den langsamen Gang . . .“
„Galten nicht dir, Fridolin, sondern lediglich deiner komplizierten Muttersprache,“ unterbrach Eran den Erdensohn. „Beruhige dich also, mein Freund! Gerade das Bewußtsein, uns ein dauerndes Monumentalwerk durch deine geistige Tätigkeit zu schaffen, sollte dich alle Schwierigkeiten, die dir dabei entgegentreten, und deren Bedeutung ich gewiß nicht unterschätzen will, nur um so kraftvoller überwinden lassen.“
„Du sprichst die richtigen Worte zu richtiger Zeit aus, edler Eran! Ich gestehe dir, daß ich gerade heute meines Werkes wegen recht entmutigt war. Nun kommst du wie gerufen und belebst mir die gesunkene Hoffnung in wunderbarer Weise von neuem wieder. Dafür nimm meinen besten Dank!“
„Es bedarf dessen nicht, Freund Fridolin. Im Gegenteil! Ich bin beglückt, daß du dich wieder selbst gefunden hast, und daß dadurch das frühere, so feste Vertrauen in dein Können wieder bei dir eingezogen ist.“
Eran erhob sich. „Ich werde jetzt öfter als bisher von Lumata nach Angola kommen. Wir haben eine Reihe wichtiger Beratungen vor uns. So werde ich dich in Zukunft in kürzeren Zwischenräumen wiedersehen als in der letzten Zeit.“ Damit verabschiedete sich Eran in liebenswürdiger Weise.
Der Erdensohn vermochte aber nach dem Weggange des ehrwürdigen Alten nicht gleich wieder seine Arbeit aufzunehmen. Gedanken aller Art bewegten ihn. Der Appell Erans an sein Ehrgefühl hatte in ihm merkwürdige Gefühle geweckt. Wie klein kam er sich diesem Marsiten gegenüber vor! Ja, Eran hatte recht: Man kann, was man wirklich ernstlich will. Und sollte er umsonst, ohne nennenswerte Gegenleistung nur die Annehmlichkeiten des Lebens unter diesen ausgezeichneten Menschen hier oben genießen dürfen? Gerade deshalb waren ja die andern vom Mars wieder fortgezogen, weil sie der Gastfreundschaft der Söhne des Mars keine ebenbürtige, wirklich nutzbringende Leistung entgegenzusetzen hatten. Nein, er mußte und wollte eine Tat vollbringen, die einigermaßen wenigstens einen Gegenwert bot für das, was er von den Marsiten empfing. Die Art der Arbeit, nicht diese selbst, die er bisher als eine Last empfunden, sie erschien ihm jetzt als ein glückliches Mittel zur Abtragung seiner Dankesschuld. Jetzt erst kam ihm auch mit einem Male die segensreiche Bedeutung seiner Aufgabe zu vollstem Bewußtsein. Das war keine Sühne, um die es sich hier handelte, nein, das war der Weg zur zielbewußten Umformung seines eigenen, bisher so schwankenden Ichs, das ausdauerndem und ernstem Streben wenig geneigt war.
Mit wie großem Mißmute war er heute morgen an sein Werk gegangen! Er schämte sich in diesem Augenblicke ordentlich deswegen. Nun war eine Arbeitsfreude, eine Emsigkeit in ihm lebendig geworden, die, endlich zu vollster Stärke erweckt, nie mehr einschlafen oder versiegen würde, das fühlte er. Und mit lautem Danke an den Zauberer Eran, der das Wunder fertig gebracht hatte, nahm Frommherz seine Arbeit wieder auf. Die gehobene Stimmung, in der sich Bentans Gast befand, fiel dem Alten auf, als er am Abend des wichtigen Tages mit Fridolin Frommherz zu Tische saß.
„Hat dir Eran heute so freundliche Nachrichten gebracht, daß du entgegen deiner bisherigen Art so fröhlich deine Arbeit beendet hast?“ forschte Bentan.
„Das nicht,“ entgegnete der Schwabe heiter, „aber er hat mir gewisse Worte gesagt, die mich gewaltig bewegten und mir ein anderes Urteil über meine Beschäftigung schufen, als ich es bis jetzt gehabt hatte. Und das macht mich frei und fröhlich zugleich.“
„Ja, ein gutes Wort im rechten Augenblicke hat oftmals schon große, unerwartete Wirkung geübt,“ bemerkte Bentan. „Es freut mich daher auch besonders, dies aus deinem Munde hören zu dürfen.“
„Eran sagte mir auch, daß er künftighin öfter nach Angola kommen würde, um an wichtigen Beratungen teilzunehmen.“
„Es laufen sehr ungünstige Berichte aus unsern polaren Regionen ein. Sie bilden den Gegenstand unserer Besprechungen,“ erwiderte Bentan.
„Worin bestehen diese Berichte?“
„Das kann ich dir mit wenigen Worten nicht sagen. Es handelt sich um die Wasserfrage auf unserm Lichtentsprossenen. Im übrigen müssen wir auch noch die weiteren Forschungsresultate der zu erneuter Prüfung abgesandten wissenschaftlichen Expeditionen aus dem Stamme der Ernsten abwarten. Sorge dich einstweilen nicht unnötig, lieber Fridolin,“ fuhr der Greis fort, als er bemerkte, daß seine Mitteilungen den Freund zu erschrecken schienen. „Du wirst von mir, wenn wirklich eine Zeit der Not für uns bevorstehen sollte, im rechten Augenblicke benachrichtigt werden.“
Aber Frommherz’ gute Stimmung hatte doch einen leichten Stoß durch Bentans Bemerkung erhalten. Dem scharfen Auge des Alten war dies nicht entgangen.
„Benta, mein Kind, komm mit hinaus auf die Terrasse und bringe deine Harfe mit!“ bat der Greis seine Enkelin. „Freund Fridolin bedarf der Erheiterung.“
„Gesang und Harfenspiel, diese Art der Erheiterung lasse ich mir immer gefallen,“ warf Frommherz muntern Tones ein, und der Abend schloß voll Harmonie und freudiger Glücksempfindung.
In arbeitsfrohem Leben verstrichen die folgenden Monate. Sie förderten das Vorwärtsschreiten des Werkes. Frommherz fühlte sich hoch befriedigt, als er sah, wie seine Aufgabe in dem Maße leichter für ihn wurde, als er sie energischer anpackte. Die heitere Zufriedenheit, die den Gelehrten beherrschte, vermochten auch die Mitteilungen Bentans nicht wesentlich zu erschüttern, die der Greis hin und wieder über die Verhandlungen des Stammes der Weisen machte. Sie behandelten die auffallende Erscheinung des Rückganges des Eises an beiden Polen des Mars, eine Erscheinung, die, wie Bentan lächelnd meinte, in grober Weise gegen alle Tatsachen des bisherigen Abkühlungsprozesses des Lichtentsprossenen verstoße.
„Ich habe mich schon oft verwundert gefragt,“ warf Fridolin Frommherz ein, „warum ihr hier oben auf dem Lichtentsprossenen weniger Polareis habt als wir auf der Erde. Da ihr um so viel weiter von der Sonne entfernt seid, müßte doch eigentlich eure arktische Zone viel weiter reichen.“
„Erklärt sich das nicht ganz einfach,“ erwiderte der Greis, „durch unsere geringere Wassermenge, unsere trockenere Atmosphäre, unsern doppelt so langen Sommer? Wir haben viel weniger Regen, viel geringeren Schneefall als ihr da unten auf der Erde. Wir werden uns trotz alledem nicht mehr verjüngen. Die beiden Großmächte beim Bau unseres Lichtentsprossenen, die Kieselsäure und die Kohlensäure, liegen in ewigem Kampfe miteinander unter wechselnden Siegen und Niederlagen.“
„Also genau so wie auch auf unserm Planeten,“ warf Frommherz ein.
„Ja, wenn es einst der Kohlensäure gelingt, über die Kieselsäure vollständig zu triumphieren,“ fuhr Bentan fort, „so hat die Stunde geschlagen, in der bei uns alles organische Leben erlöschen muß. Dann zieht der kalte, starre Tod ein wie auf unsern Monden. Jede Woge, die an die Felsen brandet, jede Welle, die über das Kieselgestein des Flußbettes eilt, jeder Regentropfen, der zu Boden fällt — sie alle stehen mit der Kohlensäure in innigstem, ewigem Bunde, langsam, aber sicher zersetzen sie auch das härteste Kieselgestein. Die Kohlensäure verbindet sich mit den basischen Bestandteilen, und die verdrängte Kieselsäure lagert sich mit dem Rest von Basen am Grunde der Gewässer. So sind einst jene mächtigen Ton- und Sandsteinlager entstanden, deren Bildungsvorgänge wir heute noch im Kleinen verfolgen können. Und die Kohlensäure fällt, an Kalk oder Magnesia gebunden, gleichfalls zu Boden. Die mächtigen Kreidelager der Kalksteinformationen, die große Teile der Rinde unseres Lichtentsprossenen ausmachen, bestehen zur Hälfte ihres Gewichtes aus Kohlensäure, die aus der Atmosphäre stammt und dem Kreislaufe des Lebens entzogen wurde. Im Innern dieses Weltkörpers, dort in der Tiefe, ist das Gebiet der Kieselsäure, dort ist sie die stärkere Säure, dort verdrängt sie die Kohlensäure aus ihren Verbindungen. Diese auf der Flucht begriffene Kohlensäure kannst du an unsern Mofetten, an vielerlei Spalten und Rissen des Lichtentsprossenen beobachten, aus denen Kohlensäure ausströmt. Und da Mars langsam erkaltet und seine Rinde sich verdickt, so muß diejenige Kraft, die der Kieselsäure die Oberhand im Kampfe verschafft, die Eigenwärme des Lichtentsprossenen, fortwährend abnehmen. Damit ist der endliche Sieg der Kohlensäure nur eine Frage der Zeit.“ Bentan schwieg.
„Diesem gewaltigen, unsere Existenz einst vernichtenden Kampfe, stehen wir wissend, aber machtlos gegenüber,“ begann Bentan wieder nach langer Pause. „Anders aber verhält es sich mit dem Mangel an richtigen Wintern, den wir seit Jahren schon feststellen können, ferner mit der Abnahme der Niederschläge aus der Atmosphäre. Diese Erscheinungen stellen uns vor Aufgaben, die gelöst werden müssen, soll die Gesamtheit nicht schwer darunter leiden.“
„Kann sich dies aber nicht rasch, vielleicht schon von heute auf morgen wieder ändern?“ fragte der Erdensohn. „Auf unserm Planeten haben wir auch öfters Perioden übermäßiger Trockenheit, denen dann wieder solche der Nässe folgen.“
„Eure Erde besitzt eine andere, dichtere Atmosphäre und größere Wassermengen in Form gewaltiger Ozeane als unser Lichtentsprossener. Andere Gesetze beherrschen somit dort die atmosphärischen Niederschläge als hier. Klagen oder jammern werden wir unserer ungünstigen Lage wegen nicht. Wir ziehen aus den Erfahrungen früherer Zeiten den Schluß, daß nach einer gewissen Periode des Mangels an dem lebenspendenden Naß wieder ein Abschnitt des Ausgleiches eintritt, allerdings mit der Neigung zu immer kürzerer Dauer.“
„Und macht euch diese Aussicht keine schweren Sorgen?“
„Nein! Ganz abgesehen davon, daß sie unnütz wären, so wissen wir auch alle, daß für unsern Lichtentsprossenen einst die Stunde seines Unterganges schlagen wird und muß. Licht und Wärme, die uns das ewige Licht, die Sonne, spendet, nehmen ebenfalls einmal ihr Ende. Nichts währt dauernd, und was uns ewig, unvergänglich scheint, was wir damit bezeichnen, umfaßt für unser Begriffsvermögen allerdings kaum vorstellbare, ungeheure Zeitmaße, die aber an der Weltuhr nur Sekunden, höchstens Minuten anzeigen. Unerbittlich und unaufhaltsam rollt das Rad der Zeit. Die rasche Vergänglichkeit alles Irdischen mahnt uns eindringlich, unser Leben würdig aufzufassen, inhaltsreich zu gestalten und es nicht mit zweckloser Furcht vor dem Unbekannten, Unerforschbaren auszufüllen oder gar zu verbittern.“
„Das sind tiefe Gedanken, die du da äußerst,“ warf der Gelehrte voll Achtung ein, als Bentan einen Augenblick schwieg. „Wohl denen, die ihnen nachleben!“
„Alles ist dem Wechsel unterworfen. Welten und Völker verschwinden, andere tauchen dafür wieder auf,“ fuhr der Greis fort, ohne seines Gastes Bemerkung weiter zu beachten. „Im ewigen Kreislaufe bewegt sich die Materie, das allein Unsterbliche der gesamten Körperwelt. Und wenn einst unser Lichtentsprossener nicht mehr sein wird, so ist im Buche der Ewigkeit und der Unendlichkeit nur ein einziges Blatt gewendet worden. Die ewige Harmonie und Schönheit des Weltalls hat dadurch nicht gelitten, daß wir verschwanden. Ein anderer Stern, eine andere Himmelsleuchte ist dann an unsere Stelle getreten.“
„Eine solche Anschauung, wie du sie mir soeben geoffenbart hast, edler Bentan, fürchtet auch den Tod nicht,“ bemerkte Frommherz, als der Greis geendet hatte.
„Gewiß nicht, mein lieber Freund Fridolin. Die Grundempfindung unseres Daseins ist nicht die Angst, sondern die Freude an allen Wundern der Schöpfung, und diese Freude läßt uns alle in unserm Organismus vorhandenen Kräfte zweckmäßig ausnützen. Sie erlaubt uns dadurch das große Leben der Gesamtheit voll und ganz mitzuleben. Sie ist es ferner, die uns zu der klaren Erkenntnis führt, daß der Tod das natürliche Produkt des Lebens ist, daß dessen Endlichkeit keine Verzweiflung, sondern nur Versöhnung bedeutet. Unser Einzelleben ist nur eine unwichtige Episode im allein wichtigen Gesamtleben, von dem wir selbst nur ein kleinster Bruchteil sind. Das Bewußtsein, unsern Platz in der Natur nach bestem Wissen und Können ausgefüllt zu haben, schafft das Gefühl der Ruhe und eine gewisse Heiterkeit der Stimmung, mit der wir unser eigenes kleines Lebensbuch abschließen. Unsere Nachkommen treten dann an unsere Stelle. Sie allein sind es, die uns die Fortdauer unseres individuellen Daseins zeigen.“
„Welch herrliche Worte hast du da gesprochen!“ rief der Erdensohn in aufrichtiger Vewunderung. „Wie ganz anders ist noch in den breitesten Schichten der sogenannten Kulturvölker unseres Planeten die Auffassung von Leben und Tod gegenüber euern Anschauungen! Angst und Furcht sind es, die bei der Mehrzahl der Erdenkinder keine wahre, echte Lebensfreude aufkommen lassen.“
„Weil ihr euch eben leider noch nicht durchgerungen habt zur vollen, wahren Nächstenliebe. Diese allein ist die klare Quelle, aus der jener echte Frohmut sprudelt, der dem Leben den hellen, warmen Sonnenschein verleiht und dem Tode jeglichen Schrecken raubt.“
Welche Fülle von Weisheit strömte nicht von Bentan aus! Und so war es mehr oder weniger mit jedem andern Marsiten aus dem Stamme der Weisen, mit dem der Schwabe in nähere Berührung trat. Wahrlich, dieser Stamm verdiente seinen stolzen Namen; er machte ihm alle Ehre ohne die kleinste Phrase und Anmaßung, lediglich durch die edle Gesinnung und hohe Bildung seiner Vertreter. Hatte den schwäbischen Gelehrten einst das von aller materiellen Sorge scheinbar freie, ideal schöne Dasein zum Bleiben auf dem Mars veranlaßt, so pries er jetzt, mehr und mehr zur Selbsterkenntnis gelangt, das Glück eines Verkehrs mit den Besten des Volkes in Angola. Dieser Umgang war für ihn eine mächtige Förderung in sittlicher wie geistiger Richtung. Nun fing er auch an, vieles zu verstehen und zu begreifen, was sein unvergeßlicher Freund Stiller öfters vorgetragen hatte, wenn er mit ihm zusammen an schönen Sommerabenden den Neckar entlang bei Tübingen spazieren gegangen war. Wie manchmal hatte er da heftig dem Freunde widersprochen, war dessen Anschauungen auf das schroffste gegenübergetreten, ohne für seine kecken Behauptungen und Entgegnungen auch nur entfernt eine befriedigende Beweisführung antreten zu können. Wie schnell fertig war er damals im Aburteilen über Dinge gewesen, die er nur höchst oberflächlich kannte!
„Sie werden später vielleicht noch einmal anders denken, wenn Sie erst das Entwicklungsideal der Menschheit durch die reine, durchsichtige Atmosphäre der naturwissenschaftlichen Weltanschauung zu betrachten vermögen,“ hatte ihm Herr Stiller einmal nach einer heißen Auseinandersetzung geantwortet. Damals hatte er seines Freundes Behauptung lediglich als Ausdruck der Hoffart aufgefaßt, heute aber, nach Jahren, fand er, daß Hoffart, Anmaßung und Selbstüberschätzung nur auf seiner Seite, nicht aber auf der des treuen, hochgebildeten Freundes gewesen waren.
Wie oft mußte er gerade bei seinen Unterhaltungen mit den Weisen an den fernen Stiller denken, diesen vortrefflichen Menschen und Mann der Wissenschaft! Und mit solchen Gedanken begann wieder eine leise Sehnsucht nach ihm und den andern Gefährten auf der Marsreise, nach der alten, lieben Heimat sein Herz zu bewegen. Aber sah er dann die holde Benta, hörte er deren herrlichen Gesang, lauschte er den wundervollen Akkorden, die ihre zarten Finger der Harfe zu entlocken verstanden, so verschwanden rasch all die schwachen Regungen des Heimwehs, einer Spezialkrankheit des echten Sohnes schwäbischer Erde. Dafür umgaukelten liebliche Träume Frommherz’ Sinne, die sich mehr und mehr zu festen Absichten verdichteten, je länger er im Hause Bentans, des gütigen Alten, lebte.
Viertes Kapitel.
Getäuschte Hoffnungen.
In das Stilleben des Bentanschen Heimes brachte der Besuch eines jungen Marsiten vom Stamme der Ernsten eine kleine Abwechslung, die besonders von Benta angenehm empfunden zu werden schien, wenigstens glaubte dies Frommherz, nicht ohne eine leise Regung von Unbehagen, zu bemerken. Orman, mit dem alten Bentan schon lange näher befreundet, war mit einer wissenschaftlichen Expedition, der er als Mitglied angehörte, nach langer Abwesenheit wieder nach Angola zwecks persönlicher Berichterstattung zurückgekehrt. Für die Zeit seiner Anwesenheit am Zentralsitze der Weisen wohnte er, einer Einladung Bentans folgend, bei diesem.
Der jugendlich schöne Marsite, der reinste Apoll, wie ihn der Schwabe im geheimen und nicht ohne einen gewissen Anflug von Neid bezeichnete, war dem alten Gaste des Hauses sofort mit der so gewinnenden, weil aufrichtigen Herzlichkeit entgegengetreten, die den Marsiten in ihrem Verkehre überhaupt eigen war. Das Gebaren und Auftreten Ormans war offen und klar. Er war ein Mann ohne Furcht und Tadel. Reiches Wissen, gepaart mit jener echten Bescheidenheit, die nur das Produkt wahren Selbsterkennens ist, machte Orman besonders sympathisch. Und diese Sympathie wäre auch bei Fridolin Frommherz vollkommen gewesen, wenn seine Gefühle für Benta, die strahlend schöne Marsitin, etwas weniger selbstsüchtig gewesen wären. So aber empfand der Erdensohn Ormans Anwesenheit als eine gewisse Gefahr für sich selbst.
Verglich er sich nur allein schon äußerlich mit Orman, so fiel die Prüfung leider sehr zu seinem Nachteil aus, ganz abgesehen von der geradezu imponierenden Bildung des Marsiten. Das Schwabenalter hatte Fridolin Frommherz seit kurzem glücklich erreicht. Wollte er also ein eigenes Heim gründen, so durfte er damit nicht lange mehr zögern. Dieser Gedanke hatte erst mit dem Erscheinen Ormans eine bestimmtere und deutlichere Form angenommen, und aus diesem Gedanken heraus wuchs noch ein zweiter: durch die Heirat mit einer Marsitin sich gewissermaßen das legitime Bürgerrecht auf dem Lichtentsprossenen zu sichern. Nun mußte ihm dieser Orman in die Quere kommen, gegen den sich schlechterdings auch gar nichts einwenden ließ!
So scharf und mißtrauisch der Gelehrte auch Benta und Orman beobachtete, er konnte nicht das geringste entdecken, was seiner Eifersucht irgend welchen Schimmer von Berechtigung hätte verleihen können. Harmlos und fröhlich verkehrten die jungen Leute miteinander. Nur wollte es Frommherz vorkommen, als ob Bentas Freundlichkeit gegen Orman doch noch um einen Ton wärmer, herzlicher gehalten sei als gegen ihn: ein qualvoller Zustand für ihn, der zum ersten Male in seinem Leben von Amors schlimmem Pfeile getroffen worden war. Diese heimliche Liebe — denn daß es eine solche sei, wurde Frommherz schließlich klar — machte ihn halb krank und raubte ihm die Lust zu jeglicher ernsten Arbeit.
Hin und wieder besann sich Frommherz, was er unter diesen Umständen tun oder unternehmen solle. Aber kaum war eine Idee gefaßt, als eine andere neue die alte erste wieder umstieß. Nur so viel stand für den Gelehrten fest: solange Orman im Hause Bentans weilte, konnte und durfte er nicht mit dem ehrwürdigen Greise über seine Liebe reden. Sollte er sich eine Abweisung holen, womit er ja möglicherweise auch zu rechnen hatte, nun wohl, so wollte er sie erst nach Ormans Abreise einstecken. Er wollte sich wenigstens vor Orman nicht lächerlich machen.
Endlich mußte der junge Marsite wieder fort. Der Ernst der Zeit und seine Pflichten riefen ihn wieder an die Arbeit. Frommherz atmete ordentlich erleichtert auf. Nach und nach fand er auch seine alte Ruhe und Heiterkeit wieder und mit ihr den früheren Arbeitseifer. Ein unbestimmtes Gefühl hielt Frommherz ab, mit Benta selbst zuerst eine offene Aussprache zu suchen. Und auch mit Bentan, dem Alten, wollte sich keine passende Gelegenheit finden lassen, die dem Erdensohne erlaubt hätte, mit Mut und Zuversicht seinen Wünschen lauten Ausdruck zu verleihen.
Gerade die Mitteilungen Ormans über die zunehmenden ungünstigen Wasserverhältnisse auf dem Mars hatten Bentans ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen und ihn auch den etwas veränderten Gemütszustand seines Gastes während Ormans Anwesenheit übersehen lassen. Auch war jetzt Bentan selbst viel beschäftigt. Dazu kamen noch die vielen Versammlungen der Stammesältesten, Besuche anderer Brüder Bentans, kurz in Angolas sonst so stillen Straßen und Plätzen herrschte seit einiger Zeit ein regeres Leben als je. So verschob Frommherz sein Anliegen von einer Woche zur andern und suchte durch strenge Arbeit seine Leidenschaft zu betäuben.
Die gute Weiterentwicklung seines gewaltigen Werkes wirkte auf seine Stimmung so günstig ein, daß er endlich auch den Mut fand, in eigener Sache handelnd vorzugehen. Eines Abends, nachdem schon Monate seit Ormans Fortgang verflossen waren, entschloß sich Frommherz, mit Bentan über die Frage der Ehe im allgemeinen und über eine Heirat mit Benta im besonderen zu reden. Benta hatte sich auf ihr Zimmer zurückgezogen. Die beiden Männer saßen allein auf der Terrasse des Hauses und genossen den herrlichen Abend mit seinem klaren, milden Mondlicht. Schweigend starrte Frommherz hinaus in die Pracht der Nacht, die ihn immer von neuem wieder durch das reizvolle Spiel ihrer beiden Monde bezauberte, trotzdem er sich nun schon länger als fünf Jahre auf dem Mars befand.
„Wunderbar, märchenhaft schön ist doch bei euch hier oben die Nacht!“ rief der Gelehrte, das lange Schweigen unterbrechend.
„Ich weiß und kenne nichts anderes,“ entgegnete Bentan lächelnd.
„Aber ich!“ antwortete der Schwabe. „Unsere Mondnächte auf der Erde bieten nicht diese eigenartige Schönheit.“
„Dafür besitzt ihr ja auch nur einen Trabanten, eine Leuchte. Unser Verdienst ist es nicht, daß wir deren zwei haben.“
„Sie passen aber in würdiger Weise zu euerm Leben voll Licht, ja sie ergänzen es in harmonischer Form. Am Tage das strahlende Licht der Sonne, in der Nacht der milde, versöhnende, zur Ruhe förmlich einladende Silberglanz der Monde, alles hell, licht wie ihr selbst!“
„Nun, dieses Leben, das du so rühmst, hat auch seine Schatten und seine Unvollkommenheiten. Und wohl uns, daß es so eingerichtet ist,“ erwiderte Bentan. „Ein gewisser Kampf ums Dasein ist nun einmal untrennbar mit der Existenz eines jeden Lebewesens verknüpft. Er ist die Ursache aller Entwicklung und Vervollkommnung. Darüber sind wir froh und dankbar zugleich. Dieser Kampf ums Dasein wird bald unseres Volkes ganze Kraft in Anspruch nehmen.“
„Des Wassers wegen?“ fragte Herr Frommherz.
„Ja, wie du weißt.“
„Ich sehe aber deshalb noch keine drohende Gefahr.“
„Weil du eben unsere Verhältnisse noch zu wenig kennst, Freund Fridolin. Für Angola ist die Wasserfrage, dank unterirdischen Zuflüssen zum See, noch nicht so empfindlich geworden wie an andern Orten unseres Lichtentsprossenen. Trotzdem aber ist eine Abnahme des Seespiegels deutlich wahrnehmbar.“
„Was wollt ihr aber in dieser Sache unternehmen?“
„Eine Änderung unseres gesamten Kanalsystems,“ antwortete Bentan so ruhig, als ob es sich um die einfachste Angelegenheit handelte.
„Das ist ja eine Riesenarbeit!“ rief der Erdensohn in ehrlichem Erstaunen.
„Sie muß ausgeführt werden. Vor dem imperativen Muß tritt alles zurück. Wir alle ohne Unterschied des Stammes werden im Dienste der Allgemeinheit die große Aufgabe zu lösen suchen.“
„Auch ich will mich freudig daran beteiligen, soweit ich es vermag, fühle ich mich doch eins mit euch,“ bemerkte Frommherz.
„Du sollst uns dabei willkommen sein,“ erwiderte Bentan herzlich.
„Der Gedanke, ganz in euch aufzugehen, mir gewissermaßen das Bürgerrecht hier zu erwerben, bewegt mich schon lange,“ hub Frommherz nach längerer Pause zu sprechen an. „Ich möchte nicht mehr als Gast, sondern als Marsite angesehen werden.“
„Wirst du denn anders als ein solcher behandelt?“ Diese Frage Bentans brachte Frommherz ein wenig aus der Fassung.
„Hm, hm, ich kann mich sicherlich nicht beklagen, nein, im Gegenteil. Nur möchte ich, — ja, wie soll ich mich gleich ausdrücken? Ich möchte in allem als euresgleichen gelten.“
„Du bist uns kein Fremder, Freund Fridolin. Wir betrachten dich daher auch schon lange als Mitglied der großen Marsgemeinde. Ich hoffe, daß dich diese Worte befriedigen,“ entgegnete Bentan freundlich.
„Sie ehren mich, aber sie erfüllen nicht meine besonderen Wünsche.“
„Und worin bestehen diese? Erkläre dich deutlicher.“
„Für immer auf dem Lichtentsprossenen zu weilen.“
„Niemand von uns weist dich fort. Im übrigen war dies ja auch gewiß schon damals deine Absicht, für immer bei uns zu bleiben, als du deine Brüder ohne dich von hier fortziehen ließest,“ entgegnete Bentan mit eigenartiger Betonung.
„Das alles ist nicht das, was ich will. Ein Heim mein eigen nennen, in Generationen fortleben . . .“
„Nun verstehe ich dich endlich, lieber Freund Fridolin,“ begann Bentan ruhig, als der Erdensohn, plötzlich unsicher geworden, in seiner Rede stockte. „Du möchtest heiraten. Ist es nicht so?“
„Getroffen!“ gestand der Gelehrte, ordentlich froh, von Bentan so rasch begriffen worden zu sein.
„Zu jung dazu bist du nicht mehr,“ warf Bentan lächelnd ein.
„Nicht wahr? Das finde ich ebenfalls.“
„Ich möchte aber bezweifeln, ob sich dein Wunsch verwirklichen läßt. Du bist ein Sohn der Erde und gehörst auch in der Liebe zu ihr. Was Lichtentsprossen ist, soll sich wieder mit Lichtentsprossenem verbinden, nicht mit Fremdem. Von einem Durchbrechen dieser Auffassung verspreche ich mir persönlich nichts Gutes. Doch ferne sei es von mir, dir jede Hoffnung nehmen zu wollen. Prüfe dich nochmals, und dann handle. Du weißt, daß bei uns keine materiellen Erwägungen bei der Eheschließung mitsprechen. Bei uns hat die Frau eine vornehme und hohe Stellung in der Kultur gerade deshalb, weil sie sich bescheidet, die Ergänzung des Mannes zu sein. Frei wählt sie denjenigen Mann, dessen Persönlichkeit mit der ihren wirklich und wahrhaftig wahlverwandt ist. Mit dem, was er ist, mit seiner ganzen Stellung wirbt bei uns der Mann um das Weib. Dadurch ist bei uns die Eheeinrichtung zu einer hehren Wahrheit geworden, die sich sehr scharf von den ehelichen Zuständen der Erde unterscheidet, über die, wie ich mich noch genau erinnere, als deine Gefährten noch bei uns weilten, ihr uns hier in Angola Vortrag gehalten habt.“
„Warum soll aber dieser Unterschied eine Erfüllung meines Wunsches unmöglich machen? Auch auf der Erde gibt es, glaube es mir, edler Bentan, manche glückliche Ehen, die nach denselben oder doch ähnlichen Grundsätzen geschlossen worden sind wie hier oben.“
„Das mag sein. Es sind und bleiben aber seltene Ausnahmen. In dieser Richtung sind mir eure völlig miteinander übereinstimmenden und vernichtend lautenden Urteile allein maßgebend. Deine Brüder waren viel zu ernste und wahre Männer, als daß ihre Aussagen dem geringsten Zweifel unterzogen werden dürften. Im übrigen habe ich dir nur gesagt, was ich von deiner Absicht halte. Ich möchte dich nur gern vor Enttäuschungen bewahren. Es steht dir völlig frei, nach Gutdünken zu handeln.“
Eine lange Pause trat ein. Frommherz war durch die Wendung, die das Gespräch genommen, sehr niedergedrückt. Er hatte auf eine Ermunterung, nicht auf eine Ablehnung gerechnet; denn darauf liefen Bentans Worte doch hinaus. Aber er wollte trotzdem nicht ohne weiteres auf seine Neigung zu Benta verzichten und die Angelegenheit noch in dieser Stunde zu einer definitiven Klärung bringen.
„Ich bekenne dir offen, ehrwürdiger Bentan, daß ich mich schon sehr an den Gedanken gewöhnt hatte, mit dir und deiner Familie durch das Band der Verwandtschaft in innigste Beziehungen gebracht zu werden, kurz, Benta als Gattin erringen zu dürfen, für die ich eine warme und ehrliche Neigung empfinde.“
„Mein lieber Freund Fridolin, ich freue mich, daß du dich frei und rückhaltslos mir gegenüber äußerst. Ebenso will ich dir antworten. Benta will, solange ich noch lebe, überhaupt nicht heiraten. Sie will durch die Pflichten der Ehe nicht von der Pflege ihres Großvaters abgelenkt werden. Diesen Entschluß hat sie freiwillig, ohne irgendwelche Beeinflussung schon gefaßt gehabt, bevor du in unser Haus kamst.“
„Wie gern würde ich warten,“ warf der Gelehrte ein.
„Es würde dir nichts nützen, denn Benta wird später Orman als Gatten wählen.“
„Also hat mich meine Ahnung nicht betrogen,“ seufzte Frommherz.
„Sieh, mein Freund, es ist wirklich besser, du beherzigst meinen Rat und verzichtest auf eine Verbindung mit einer Tochter unseres Volkes. Vielleicht kommt einst noch die Stunde, wo du froh darüber sein wirst, über deine Person und deine Zukunft frei verfügen zu können.“
„Dieser Verzicht auf meine schönsten Träume ist wirklich schmerzhaft,“ erwiderte Frommherz wehmütigen Tones.
„Das tut mir aufrichtig leid. Aber durch die Kraft der Selbstbeherrschung wirst du über das Gefühl des Schmerzes rasch hinwegkommen. Du bist mir sympathisch. In unserem Zusammenleben bewies ich dir dies. Und diese Sympathie wird dir auch ferner von mir gewahrt werden.“
„Um eines bitte ich dich noch, ehrwürdiger Bentan, rede nicht mit Benta über das, was ich dir vorgebracht.“
„Das hätte ich auch ohne deine Bitte nicht getan. Ich möchte nicht den harmlos schönen Verkehr zwischen dir und meiner Enkelin stören, sondern mich auch fernerhin an ihm erfreuen.“
„Ich danke dir,“ erwiderte der Erdensohn, ergriffen von der schlichten Größe des Alten. Einer Regung des Herzens folgend, streckte er ihm die Rechte entgegen, die Bentan innig drückte.
Damit war Fridolin Frommherz’ Liebestraum zu Ende. Es bedurfte aber seiner ganzen Kraft der Selbstüberwindung, um die Wunde, die seinem Herzen geschlagen worden war, nach und nach zum Vernarben zu bringen. Und der Segen der Arbeit half ihm über seinen Kummer weg.
Fünftes Kapitel.
Die Doppelkanäle auf dem Mars.
Unterdessen war vom Stamme der Weisen die Wasserfrage sehr energisch behandelt worden. Das, was Bentan darüber vor kurzer Zeit seinem Gaste erzählt hatte, sollte nun sofort ohne Verzug in Angriff genommen werden. Zum ersten Male in seinem Leben sah der schwäbische Gelehrte mit staunender Vewunderung die großartige Wirkung des Solidaritätsgefühles eines ganzen, großen, Millionen umfassenden Volkes. Diese Wirkung flößte ihm geradezu Ehrfurcht ein. Sie offenbarte ihm, zu welcher Höhe der Leistung die Humanität und ihr Produkt, die Nächstenliebe, diese edelste der menschlichen Tugenden, ausgedehnt werden konnten, wenn sie in Fleisch und Blut eines sittlich und körperlich gleich gesunden Volkes übergegangen sind wie hier auf dem Mars.
Keine unnütze Klage, kein lauter Ton des Jammerns bewegte die gewaltigen Massen, die nun alle in den Dienst des Großen und Ganzen, in den Kampf für das Wohl der Gesamtheit traten. Alle Lasten, alle Einschränkungen, die jedem einzelnen durch die Ausführung der Riesenwerke auferlegt wurden, trug dieser im stolzen Bewußtsein, daß er für alle einzutreten habe, alle zusammen aber auch ihn wieder schützen würden. Das ewige und felsenfeste Prinzip, der fundamentale und unverwüstliche Bestandteil der echten, natürlichen Moral, im Wohle, im Gedeihen des Nächsten nur sein eigenes zu suchen und zu finden, zu wissen, daß die blühende Menschheit allein das Paradies, eine verkümmerte aber nichts anderes als die Hölle vorstelle, diese Grundsätze waren die organischen Triebkräfte der Marsiten. Und sie bewährten sich glänzend in diesen Zeiten der Gefahr.
Die sieben Stämme der Marsiten waren wie auf einen Zauberspruch hin in einen einzigen großen, den der Sorgenden, umgewandelt. Während die älteren, körperlich weniger leistungsfähigen Männer die leichteren Arbeiten der Landwirtschaft, die Erziehung der Jugend und die Pflege der Gebrechlichen und Kranken übernahmen, trat die gesamte Masse der kräftigen Marsiten an die Ausführung eines zweiten Kanalsystems auf dem Lichtentsprossenen. Dank der Entwicklung und dem unvergleichlich hohen Stande der technischen Wissenschaften bei den Marsiten konnte die ungeheure Arbeit mit Hilfe von Maschinen aller Art verhältnismäßig rasch gefördert werden. Längs den bisherigen Hauptkanälen wurden kleinere, schmälere angelegt und sorgfältig ausgemauert, um jedem nennenswerten Wasserverluste zu begegnen. In der Nähe der alten Riesensammelbecken wurden neue, kleinere geschaffen. Um Verlusten durch Verdunstung an der Wasseroberfläche vorzubeugen, wurden die Sammelseen kuppelartig mit Asbestplatten überwölbt, titanenhafte Riesenbauten, wie sie der Erdensohn hier zum ersten Male sah.
In den polaren Regionen, gegen den Nord- und Südpol zu, wurden Reihen enormer Stauwerke mit Schleusen angelegt, die die Wasserabgabe nach den neuen Kanälen und Sammelbecken genau zu regulieren hatten. Der Wasserbedarf wurde für die Zwecke des Ackers und Gartenbaues wie für den allgemeinen Verbrauch und Verkehr auf eine bestimmte Menge festgelegt, die ausreichen mußte.
Auch Fridolin Frommherz hatte Angola verlassen, um an dem Bau der neuen Kanäle tätigen Anteil zu nehmen. Hoch oben im Norden, dort wo der „Berg des Schweigens“, die höchste Erhebung der nördlichen Marshemisphäre, seinen schneebedeckten Gipfel erhob, sollten ganz neue Abflußrinnen und Sammelbecken gebaut werden. Kein Tropfen des geschmolzenen Schneewassers sollte womöglich mehr verloren gehen. Der Schwabe kannte den Ort. Drei seiner ehemaligen Gefährten hatten vor Jahren kurz vor ihrer Rückkehr zur Erde den einsamen Berg bestiegen. Bis zum Fuße war er damals mitgekommen. Jetzt führte ihn das Luftschiff mit einer Anzahl jüngerer Marsiten, unter ihnen Zaran, ein Neffe des alten Eran, in jene dünnbevölkerte, kühle nördliche Gegend.
Von dem Luftschiffhafen in Angolas Nähe stiegen sie auf, früh, sehr früh am Morgen. Noch schien der Traum der Nacht über den Wipfeln der nahen Waldriesen zu schweben. Tiefdunkelblau war der klare Himmel, als der Luftschiffhafen unter den Reisenden zu versinken schien. Bald erschienen ihnen die Zurückgebliebenen wie kleine Kinder. Dort drüben lag Angola mit seinen weißen Palästen. Wie Spielzeug, auf einen grünen Teppich gestellt, sahen die Häuser aus. Höher stieg das Luftschiff, und weiter wurde der Horizont. Die große Gleichmäßigkeit in der Bebauung, der fast regelmäßige Wechsel von Feldern, Waldstrecken und kleineren Orten inmitten herrlichen Gartenlandes, eine gewisse Gleichförmigkeit des meist flachen, nur von niederen Hügelreihen durchzogenen Geländes fiel Fridolin Frommherz von der weitschauenden Höhe herab ganz besonders auf.
Sie steuerten direkt nordwärts. Angola, das auf dem fünfzehnten Grade nördlicher Breite lag, war längst verschwunden. Aus der subtropischen Zone, die auf dem Mars schon mit dem dreizehnten Breitengrade beginnt, waren die Reisenden in die gemäßigte Zone eingetreten. Fridolins Blick schweifte bald rückwärts, bald vorwärts in der Fahrtrichtung. Unter ihm schimmerten die Kanäle, die unzähligen Wasserstraßen der Marsiten, wie in flüssiges Silber getaucht. Motorboote schossen darauf nach allen Richtungen, doch meistens nordwärts. Das Luftschiff überholte sie alle, immer in gerader Richtung, kein Hindernis kennend, nicht Felder und Wälder, nicht Berg und Tal — das idealste aller Verkehrsmittel.
Schon jenseits des fünfunddreißigsten Breitegrades war die gemäßigte Zone überflogen. Es begann die spärlich bevölkerte kühle Region. Das war die Gegend, die die Wasserstraßen speiste, an deren Vorhandensein die Existenz der ganzen Marsbevölkerung gebunden war. Hier schauten des Erdensohnes Augen von oben herab ein Bild, das ihn fast heimatlich berührte: dunkle Wälder, mehr Nadelholz als Laubbäume, wechselten mit saftigen grünen Wiesen und schimmernden Seen. Gebirgszüge schoben sich dazwischen, deren höchste Gipfel mit Schnee bedeckt waren. Felder sah man immer weniger, je weiter man nach Norden kam. Größere Orte fehlten in dieser Gegend fast ganz. Nur weit auseinanderliegende, sehr kleine Kolonien von emsig arbeitenden Marsiten erblickten die Reisenden. Und noch immer flogen sie nordwärts ohne Aufenthalt. Jetzt hatten die Felder fast ganz aufgehört; doch sah man noch immer zahlreiche Viehherden auf kräftigen Bergweiden. Am späten Nachmittage grenzte sich ein besonders hoher Berg scharf vom Horizonte ab. Er stand isoliert. Mit einer dichten Schneekappe war seine stolze Pyramide verhüllt.
„Sieh dort,“ sagte Zaran zu Fridolin, „den Berg des Schweigens, unser Ziel!“
Wenige Häuser standen am Fuße des Bergriesen. Das Luftschiff hielt darauf zu und ging sicher und ohne jede Schwankung dicht neben den Behausungen auf einer Art Bergwiese vor Anker. Ein ernster, wortkarger Mann mit leicht ergrautem Haupt- und Barthaar trat den Reisenden entgegen. Nach kurzem Gruße sagte er: „Für Unterkunft ist so gut wie möglich gesorgt,“ und wies auf einen langgestreckten Hüttenbau wenige Schritte von der Landungsstelle des Luftschiffes. Die Ankömmlinge dankten und zogen sich in ihr reinliches, luftiges Massenquartier zurück, wo sie alles zu ihrer Bequemlichkeit Erforderliche sowie Lebensmittel aller Art in ausreichendem Maße vorfanden. Von den übrigen Bewohnern dieser kleinen Kolonie hatten sie niemand gesehen. Wie wenig neugierig doch die Leute hierzulande waren!
Der Erdensohn schlief in der reinen Bergluft vorzüglich. Bei Tagesgrauen sollte die Arbeit beginnen. Früh am andern Morgen stand Fridolin Frommherz am Fuße des Berges und betrachtete ihn genau. Steil fielen seine Hänge zur Talsohle ab. Die Bergwiesen hörten bald auf. Schwärzlicher Sand, das Produkt verwitterter Lava, trat dem Auge allenthalben entgegen. Es war gewiß nicht leicht, diesen Riesen zu erklimmen. Und wie viel schwerer mußte es noch sein, die zur Arbeit notwendigen Werkzeuge und Maschinen bis zu solch schwindelnder Höhe hinaufzuschaffen!
„Komm, Freund,“ rief da Zaran dem Sinnenden zu, „das Luftschiff ist bereit!“
„Das Luftschiff?“ wiederholte Fridolin erstaunt.
„Nun ja, es soll uns und die übrigen Arbeiter zur Höhe befördern.“
Also kein mühsames, ermüdendes Erklimmen des Bergriesen, wie Fridolin gedacht! Hinaufgetragen zu werden, war freilich bequemer und ging rascher von statten.
Sie stiegen ein, ihre Reisegefährten vom gestrigen Tage mit ihnen und ebenso der wortkarge Marsite, der sie am Abend zuvor empfangen und begrüßt hatte. Rasch wich die Talsohle unter ihnen zurück, ein wunderbar leuchtend grünes Bild im Lichte der aufgehenden Sonne. Kerzengerade stiegen sie in die Höhe. Mit vollendeter Sicherheit arbeitete das Höhensteuer. Lautlose Stille lagerte auf dem Berge des Schweigens, der seinen Namen mit vollem Rechte zu tragen schien. Weder Mensch noch Tier war zu sehen; nicht einmal das Rauschen eines auf dieser Seite zu Tale plätschernden Baches vernahm das lauschende Ohr. Auch die Reisenden waren schweigsam. War es der Eindruck, den die schweigende Natur auf ihre Gemüter machte, oder war es der Ernst der bevorstehenden Arbeit, der sie bereits in seinem Banne hielt?
Schon nach zweistündigem Steigen hatte das Luftschiff die Höhe des Berges erklommen, noch eine Schwenkung nach Osten — nun ließ es sich leicht und sicher in einer Mulde unterhalb des Gipfels nieder. Die Reisenden stiegen aus. Da lag neben ihnen im Krater des früheren Vulkans ein smaragdgrüner, mit Blumen umsäumter See. Warm fühlte sich hier der Boden an, und keine Spur von Schnee war zu finden. Somit schien die vulkanische Tätigkeit des Berges noch nicht ganz erloschen zu sein. Aber kaum hundert Schritte weiter, da schlugen wieder Eis und Schnee den Boden in ihre Fesseln.
Hier oben hatte die Arbeit der Marsiten bereits begonnen. Da waren Menschen und Maschinen in voller Tätigkeit. Es galt, dem Abfluß des Sees eine neue, schmälere, ausgemauerte Rinne zu schaffen, in der kein Tropfen des so kostbar gewordenen Wassers mehr versickern konnte. Dann sollte der kleine Kratersee selbst mit Asbestplatten überwölbt werden, um das Verdunsten seines warmen Wassers möglichst zu verhindern. Der wortkarge Marsite, der die neue Arbeitskolonne hierhergebracht, aber während der ganzen Fahrt keine Silbe gesprochen, nur in tiefem Nachdenken vor sich hin geschaut hatte, wies jetzt jedem seinen Arbeitsplatz an. Fridolin führte er zu einer neuen Maschine, die von ihm allein bedient werden sollte. Es war eine Art Trockenbagger, womit der Boden in der bereits abgesteckten Linie für die neue Wasserrinne ausgehoben werden sollte. Der Erdensohn, der als ehemaliger Theologe von Maschinentechnik so gut wie gar nichts verstand und an körperliche Arbeit nicht gewöhnt war, sah etwas zaghaft auf die vor ihm stehende große eiserne Maschine. Mit kurzen, klaren Worten erklärte ihm der Marsite deren Handhabung. Die Aushebungsvorrichtung war automatisch und regulierte sich bei richtiger Einstellung von selbst. Mit scharfer Kante versehene Eimer schleiften dicht auf dem Boden und brachten, ebenfalls automatisch, das losgelöste Material hoch und ließen es auf die Ablagerungsflächen gleiten. Trotz ihrer dauerhaften Konstruktion war die Maschine außerordentlich leicht beweglich, was teils einer sinnreichen Vorrichtung, teils der geringeren Schwere infolge des verminderten Luftdrucks zuzuschreiben war. So war es für den Erdensohn nicht allzu schwer, den merkwürdigen Bagger allein zu bedienen.
Fridolin arbeitete und wunderte sich dabei, wie leicht ihm alles wurde. Solche Muskelkraft hatte er auf Erden nie besessen. Es war doch etwas Schönes um die verminderte Schwere. Freilich trat in der ganz außerordentlich dünnen Luft auf solcher Bergeshöhe lebhafteres Atmen, eine höhere Spannung der Blutgefäße ein; aber er gewöhnte sich rascher, als er selbst gedacht, an diese Erscheinungen. Nur eins blieb ihm immer gleich sonderbar und wollte ihm nicht recht gefallen: das war die bedeutend abgeschwächte Stimme. So dünn war hier oben die Luft, daß sie den Schall nur noch schwach verbreitete. Sogar die Arbeit all der wackern Männer nahm dem „Berge des Schweigens“ seinen Charakter nicht.
Und nun reihten sich die langen Tage rastloser Arbeit vom Sonnenaufgang bis zu ihrem Untergange. Nicht nur dem See wurde eine neue Abflußrinne gegraben, den ganzen Berg von der Schneegrenze bis zu seinem Fuße durchfurchten bald solche auszementierte Rinnen, die zu tieferen Rinnsalen zusammenflossen und sich zeitweilig in überwölbten Becken sammelten. Der schweigsame Marsite überwachte alle diese Arbeiten; überall kontrollierte er, ordnete er an, und ein jeder fügte sich seinen Befehlen.
„Wer ist der seltsame Mann?“ hatte der Erdensohn schon am ersten Tage gefragt, und als es Feierabend wurde, hatte ihm Zaran seine Geschichte erzählt:
„Du weißt, Freund Fridolin, daß die polaren Regionen unseres Lichtentsprossenen, im Norden wie im Süden, fast ausschließlich von unsern Gesetzesübertretern bewohnt werden. Wer sich gegen seinen Bruder, gegen das allgemeine Wohl verfehlt, muß seinen Fehltritt durch Arbeit für die Allgemeinheit wieder sühnen. Während dieser Zeit wird sein Name aus den Listen unserer Stämme gestrichen. Namenlos zieht er dorthin, wo unsere Wasserstraßen ihren Ursprung nehmen. Da unsere ganze Existenz von der Erhaltung des Wassers abhängt, ist das Instandhalten unserer Wasserläufe die wichtigste Arbeit für das Gemeinwohl. Dieser Arbeit haben sich somit unsere Brüder ohne Namen zu unterziehen. Es ist dies die einzige Strafe, die wir kennen. Nach einer dem Maße seiner Übertretung entsprechenden Zeit guter Führung steht es dem hierher Verwiesenen frei, wieder zu seiner Familie zurückzukehren. Viele aber ziehen es vor, hier zu bleiben und ihr ganzes Leben fortan in den Dienst ihrer Brüder zu stellen. Das tat auch der, nach dem du mich vorhin fragtest. Mutan hieß er und gehörte dem Stamme der Findigen an. Ich kenne ihn von Lumata her, wo er unser Nachbar war. Doch war er in seiner Jugend dem Ernste des Lebens abgeneigt und allzuviel auf sich selbst bedacht. Seine Pflichten gegen die Gesamtheit erfüllte er so mangelhaft, daß er in die Region der Vergessenen verwiesen wurde. Hier ist ein anderer aus ihm geworden. Der Ernst des Lebens hat ihn gepackt und ihn so sehr von seiner hohen Aufgabe, der Arbeit für seine Brüder, durchdrungen, daß er es ablehnte, wieder nach Lumata heimzukehren. Er blieb im Lande der Vergessenen, an dem Orte, wo die Arbeit einen ganzen Mann aus ihm gemacht. Er hat uns seither mit den großartigsten Erfindungen auf technischem Gebiete überrascht. Wo es eine besonders schwierige Aufgabe zu lösen gibt, versucht sich Mutan daran. Seinem scharfen Verstande, seiner außerordentlichen Geschicklichkeit scheint nichts zu schwer. Die Maschine zum Beispiel, an der du vorhin arbeitetest, hat er ebenfalls erfunden. Und du wirst noch viel Großes von ihm schauen.“
Fridolin Frommherz hatte schweigend zugehört. Zarans Erzählung hatte einen eigentümlichen Eindruck auf ihn gemacht. Dieser Mutan, dessen ernstes, kluges Antlitz ihn merkwürdig fesselte, hatte nichts anderes getan, als „zu viel an sich gedacht“. Und er, Fridolin? Hatte nicht auch er „zu viel an sich gedacht“, als er seine Gefährten verlassen hatte und auf dem Lichtentsprossenen zurückgeblieben war? Wenn man ihn mit solchem Maße messen wollte, dann müßte er auf die Erde zurückkehren und dort den Rest seiner Tage dem Dienste der Menschheit weihen, die er eigenmächtig verlassen hatte.
Rasch schüttelte Fridolin Frommherz jedoch diesen Gedanken ab. Nein, der Lichtentsprossene war jetzt seine Heimat, die Marsiten die Brüder seiner Wahl; zu ihnen gehörte er, und ihnen diente er auch jetzt in den schweren Tagen ihres Existenzkampfes. Aber sooft er Mutan begegnete, kehrte der Gedanke an seine Verpflichtungen gegen die Erde zurück.
Wunderschön war es für Fridolin, in den klaren Nächten das Polarlicht mit seinen zuckenden Strahlen und wechselnden Farben zu beobachten. Noch lieber aber sah er von seiner weitschauenden Höhe nach der Erde aus. Als hellster der Sterne hing sie am nächtlichen Firmamente, stets von ihrem treuen Trabanten gefolgt, der als winziges Sternlein bald rechts, bald links von ihr erschien, da in ihren Strahlen verschwindend, nach einiger Zeit dort wieder auftauchend, in ständigem Wechsel. Freilich, wenn die Erde in Marsnähe war, dann war sie nur als schmale Sichel sichtbar; aber gerade die Beobachtung ihrer Phasen war für den Erdensohn besonders interessant. Schon mit bloßem Auge war ein deutliches Zu- und Abnehmen zu sehen, mit den außerordentlich scharfen Instrumenten der Marsiten aber waren nicht nur die Beleuchtungsverhältnisse, waren auch Erdteile und Meere, ja selbst die größeren Länder zu erkennen. Wie oft grüßte der Schwabe vom Berge des Schweigens aus mit dem Auge die deutsche Heimat! Eine eigentümliche Erscheinung fiel ihm beim Beobachten der Erde durch das Teleskop des öfteren auf: er sah deutlich, daß die Strahlen der Sonne auch noch nach solchen Punkten der Erdoberfläche hindrangen, für die sie eigentlich schon untergegangen sein mußte. Er befragte Zaran darüber.
„Das kommt von der Dichte eurer Atmosphäre her,“ meinte dieser. „Je dichter die Luftschicht ist, desto mehr bricht sie die einfallenden Lichtstrahlen. Diese Lichtbrechung ist bei der Beobachtung entfernter Weltkörper geradezu ein Beweis für das Vorhandensein einer Atmosphäre. Laß uns das Teleskop einmal nach einem unserer Monde richten. Sieh, dort geht uns Phobos heute schon zum zweitenmal auf! Siehst du etwas von einer Lichtstrahlenbrechung?“
„Nein,“ erwiderte Fridolin, „da fällt die Erscheinung ganz weg.“
„Weil die kleinen Monde in der Regel ihre Atmosphäre nicht festzuhalten vermögen, euer Erdtrabant so wenig wie Phobos und Deimos. Dort drüben steht Venus. Versuch es einmal bei jenem fernen Kinde des Lichts!“
„Die Erscheinung ist wieder da,“ rief Fridolin erfreut, „und zwar in noch höherem Maße als bei der Erde.“
„Die Venus-Atmosphäre scheint etwas dichter als die irdische zu sein.“
So brachten auch die Abende dem Erdensohne gar vieles Schöne, Neue und Interessante.
Nach wenigen Wochen schon war der ganze Berg des Schweigens kanalisiert. Die Arbeitsmaschinen hatten geradezu Wunderbares geleistet; die Kraft der Männer war sehr geschont worden. Nach und nach war die Arbeitskolonie mit sämtlichen Maschinen zu Tale vorgerückt. Aber da fanden die Ankömmlinge nicht mehr die einsame Region vor, die sie verlassen. Zu Tausenden und Abertausenden schafften hier die Marsiten, die sonst die nördliche gemäßigte oder die tropische Zone bewohnten. Überall, soweit das Auge schaute, waren bereits die neuen Kanäle ausgehöhlt, die breiten Hauptadern wie die viel hundertfachen Verzweigungen angelegt. Maschinen waren da aufgestellt, die der Erdensohn nie zuvor gesehen, und deren Zweck ihm doch jedesmal bei genauem Anschauen fast von selbst offenbar wurde, so genial einfach und praktisch war alles, was auf dem Lichtentsprossenen erdacht und konstruiert wurde. Rasch schritt das Auszementieren des neuen Kanalnetzes vorwärts. Die Arbeit drängte, stand doch der lange polare Winter vor der Tür. Vor seinem Eintritt sollte die Kanalisierung bis zur gemäßigten Zone vorgeschritten sein. Dort würde man noch lange arbeiten können, wenn die arktischen Zonen schon in Eisesfesseln lagen. Und hinderte der strenge Marswinter die Arbeit auch dort, dann kanalisierte man den Tropengürtel, der kein Eis kannte.
Aber noch aus einem andern Grunde drängte die Arbeit: das Wasser war wie alles andere auf dem Lichtentsprossenen spezifisch leichter als auf der Erde. Es kochte schon bei sechzig Grad, war folglich auch rascherem Verdunsten ausgesetzt, und dem mußte so schnell wie möglich entgegengearbeitet werden. Natürlich war das Wasser infolge seines geringeren spezifischen Gewichtes auch minder tragfähig; aber das konnte hier nicht in Betracht kommen, standen doch die Schiffe, die in raschem Laufe auf seinem Rücken dahintrieben und die Arbeitenden mit allem Notwendigen versorgten, ebenfalls unter dem Einfluß der geringeren Schwere. Charakteristisch für das Wasser auf dem Lichtentsprossenen waren auch die gewaltigen Wellen, die sich nicht nur auf dem großen Ozeane, der einen Teil der Südhalbkugel deckt, — das einzige ausgedehnte Wasserbecken auf dem Mars, — sondern auch auf den kleineren Seen der Nordhalbkugel beim geringsten Anlaß bildeten. Die im Vergleich zur Erde bei weitem leichteren Wassermoleküle unterlagen geringerer Anziehung der Masse ihres Weltkörpers und stiegen deshalb oft durch den einfachen Vorgang der Wellenbildung ohne besonders heftigen Wind oder gar Sturm zu ganz außerordentlicher Höhe empor. Diesen Vorgang beobachtete Fridolin Frommherz ganz besonders gern.
Als dann der Winter die polaren Zonen auf dem Mars in Eisesfesseln schlug, waren die hauptsächlichsten Arbeiten in diesen Gegenden vollendet, die Arbeiter bereits in die gemäßigte Zone übergegangen. Nie hätte es sich früher der Erdensohn träumen lassen, daß man solche Riesenbauten in so kurzer Zeit durchführen könnte. An einem einzigen Kanale auf Erden wurden oft zehn, fünfzehn und noch mehr Jahre gebaut; hier waren Hunderte von Kanälen in der kurzen Zeit eines polaren Marssommers — doppelt so lang wie ein irdischer Sommer in arktischem Gebiete — hergestellt worden; aber nicht nur Hunderttausende, sondern Millionen hatten da mitgearbeitet. Die Solidarität der Marsiten hatte ein Wunder vollbracht.
Ganz eingestellt wurden die Arbeiten der Marsiten in den polaren Gegenden auch im Winter keineswegs. Die Hauptsache war vollendet; doch galt es, da und dort noch die letzte Hand anzulegen. Auf vorzüglich gebauten, äußerst leichten Segelschlitten glitten die Männer über die Eisflächen bald dahin, bald dorthin. Die Schlitten waren gefüttert und mit einem Zeltdache zum Schutze gegen scharfe Winde versehen. Übrigens war die Kälte, obgleich sie bedeutende Grade erreichte und bis sechzig Grad unter den Nullpunkt sank, leicht zu ertragen, weil die Luft vollkommen trocken, frei von Wasserdampf war. Auf ihren eisernen Kufen glitten die Schlitten dahin wie auf Schlittschuheisen. Das Segelwerk, das aus einer Brigantine und einem Klüversegel bestand, gestattete die Benützung jeder Windrichtung, und wenn es so eingestellt war, daß der Schlitten mit vollem Rückenwinde fahren konnte, war die Geschwindigkeit des leichten Fahrzeuges staunenerregend. Es flog förmlich dahin und schien kaum mehr den Boden zu berühren.
Der Schwabe aber zog in diesen Wintertagen mit der Mehrzahl der Marsiten erst in die gemäßigte, dann in die äquatoriale Region, das große Werk fortführend, das in den Polgebieten begonnen worden war.
Und als die ungeheure Arbeit nach Jahr und Tag glücklich beendet und die alten sozialen Verhältnisse wiederhergestellt worden waren, da zeigte sich die segensreiche Wirkung der Arbeit aller für alle: die vielen und großen Landstrecken, die aus Mangel an Wasser seit längerer Zeit schon brach lagen, sie wurden nun wieder produktiv und lieferten Nahrung. Gärten, die schon verödet waren, erwachten zu neuem grünendem und blühendem Leben.
Überall auf dem Lichtentsprossenen waren alle damit beschäftigt, die letzten Spuren der Wassersnot zu verwischen, der Landschaft wieder ihr altes, glanzvolles Gewand zurückzugeben. Auch der Schwabe hatte an dem Werke des Gemeinwohles redlich mitgearbeitet, hatte mitgegraben, mitgemauert und mitgehämmert. Die Arbeit kam ihm anfänglich schwer und sonderbar vor, mit der Zeit aber gewöhnte er sich an seine neue Art der Beschäftigung. Und diese, verbunden mit dem lebhaften Verkehr mit Marsiten aller Klassen, hatte nach und nach in Frommherz eine große innere Umwandlung hervorgebracht. Hohe Gedanken bewegten ihn.
Das einzigartige Beispiel der Solidarität, das dem Erdensohne hier oben geboten worden, die zarte Sympathie jedes einzelnen Marsiten für seinen Mitbruder, eine Sympathie, die sich überhaupt auf alle fühlenden Wesen erstreckte, hatte ihn zu tiefem Nachdenken angeregt. Er erkannte, daß auf dem Lichtentsprossenen die höchste Stufe der moralischen Kultur tatsächlich erreicht war. Er begriff jetzt, daß in dem Maße, in dem die Gefühle der Liebe und Sympathie und die Kraft der Selbstbeherrschung durch die Gewohnheit verstärkt werden und das Vermögen des Nachdenkens klarer wird, auch der Mensch in den Stand gesetzt wird, die Gerechtigkeit der Urteile seiner Mitmenschen zu würdigen. Erst dadurch vermag dann ein Mensch, unabhängig von den Gefühlen der Freude oder des Schmerzes, die er einen Augenblick hindurch empfindet, seinem Benehmen eine gewisse bestimmte Richtung zu geben.
So war jeder Marsite, dank der sorgfältig geleiteten Entwicklung seiner Geisteskräfte und der natürlichen Moral, gewissermaßen der wirkliche und wahre Richter seines eigenen Betragens. Was den schwäbischen Gelehrten früher bei den Marsiten rein äußerlich schon so sympathisch berührt und mit geheimnisvoller Macht angezogen hatte, er hatte nun in den Jahren der gemeinsamen Arbeit mit ihnen den Schlüssel zu diesem wahren, wissenden, freien und edlen Bruderbunde gefunden. Die gesunde Harmonie zwischen Selbstliebe und Nächstenliebe, das war die Ursache der wunderbaren Moral und des Blühens des Brudervolkes auf dem Mars. Und Frommherz dankte dem Geschick, das ihn zu diesem Volke gebracht, wo er so unendlich viel zu lernen vermocht und sich selbst zu echter Menschenwürde hinauf entwickelt hatte. Langsam zog in ihm ein Sehnen ein, der Apostel wahren Menschentums auf der Erde zu werden. Dort besaß er einen Freund, der Ähnliches einst gewollt. Damals hatte er ihn nicht verstanden. Jetzt wünschte er dem Beispiele Siegfried Stillers, des ausgezeichneten Freundes und Mannes, zu folgen.
Aber zunächst trat ein Ereignis ein, das das Volk des Mars, das soeben an Körper und Geist frisch verjüngt aus dem gewaltigen Kampfe um seine vornehmste Existenzbedingung siegreich hervorgegangen war, in aufrichtige Trauer versetzte. Anan, der Älteste der Alten, der Vorsteher des Stammes der Weisen, hatte den Tribut dem Alter entrichtet und war sanft entschlafen. Ein inhaltsreiches Leben voll Licht und Segen war damit zu natürlichem Abschlusse gelangt. Vertreter aller Stämme eilten nach Angola, um Anan die letzten Ehren zu erweisen und Zeugen der Beisetzung seiner Asche in Angolas Ehrenhalle zu sein, dem Pantheon der Marsiten.
„Dem Boden keine Leichen! Rasch verlodernde Glut umfange auf dem Lichtentsprossenen die erkalteten Schläfen!“ Diese Art der Bestattung war auf dem Mars üblich. Sie galt als die allein würdige und wurde auch als bester Trost für die Hinterlassenen betrachtet. Am dritten Tage nach dem Tode Anans, als die untergehende Sonne mit ihren letzten Gluten purpurfarbene Tinten an den Himmel malte, wurde der offene Sarg mit dem Entschlafenen zur Feuerstätte getragen. Dem flammenden Abendrote gleich, sollte auch Anan leuchtend eingehen in den Schoß der Ewigkeit. Ergreifende Musik wechselte auf dem Wege mit dem Gesange von Trauerliedern.
Als die Nacht hereingebrochen und Anans Asche in eine Urne von schwarzem Marmor gesammelt worden war, wurde diese unter Fackelbeleuchtung nach der Ehrenhalle gebracht, um hier beigesetzt zu werden. „Den Geschiedenen zur Ehre, den Lebenden zum Vorbild,“ das waren die Worte, die in goldenen Lettern über der säulengetragenen Vorhalle prangten, die zu der herrlichen Stätte ewigen Friedens der hervorragendsten Marsiten führte. Eine kleine Nische nahm die Urne auf, und auf einer Marmortafel eingemeißelt befand sich ein kurzer Auszug aus Anans Leben und Wirken. Das Bruderlied der Marsiten, von allen gesungen, schloß die Feier.
Sechstes Kapitel.
Ein tapferer Entschluß.
An die Stelle Anans trat Bentan. Das Leben in Angola bewegte sich wieder in den alten, vornehm ruhigen Bahnen der Gleichmäßigkeit. Der Gelehrte hatte sein Werk vollendet. In der ersten feierlichen Versammlung des Stammes der Weisen unter Bentans Vorsitz übergab der Erdensohn sein fertiges Wörterbuch der deutsch-marsitischen Sprache, eine Arbeit von über elf Jahren nach Erdenmaß. Der Dank der Weisen wurde ihm für seine anerkennenswerte Leistung ausgesprochen.
Frommherz war lange mit sich zu Rate gegangen, ob er diesen Augenblick des Abschlusses und der Übergabe seines Werkes nicht dazu benützen solle, dem ihn mehr und mehr beherrschenden Wunsche nach Rückkehr zur Erde passenden Ausdruck zu verleihen. Nach längerem Schwanken entschloß er sich dazu. Mit Bentan selbst hatte er noch nicht darüber gesprochen. Er fand es für besser, zuerst vor den versammelten Vertretern des Stammes der Weisen sein Anliegen vorzubringen und nachher mit Bentan das Nähere zu beraten.
Am Schlusse der Sitzung bat Frommherz um das Wort. In längerer Rede schilderte er, wie sich bei ihm nach und nach der Wunsch entwickelt habe, dahin wieder zurückzukehren, von wo er einst hergekommen war. Nachdem nun seine Aufgabe hier auf dem Lichtentsprossenen erfüllt sei, auf dem er so unendlich viel gelernt, habe er sich eine andere schwere Aufgabe gestellt: in seinem engeren wie weiteren Vaterlande unten auf der Erde eine aller Übertreibung ferne und daher auch allein vernünftige Nächstenliebe in der Weise zu lehren, wie sie hier oben ausgeübt werde, Jünger für seine Lehre zu werben und den Versuch zu machen, diesen praktischen und segensreichen Altruismus der Marsiten in der öffentlichen Meinung seiner alten Heimat mehr und mehr einzubürgern. Der fragwürdigen Kultur der Gegenwart mit ihrer Lüge und rohen Selbstsucht wolle er im Vereine mit andern energisch entgegentreten und gegen sie kämpfen, damit den später geborenen Geschlechtern endlich ein Leben der Wahrheit, der Nächstenliebe und des Frohmutes beschieden sein möge. Die Menschlichkeit werde dann eine wirklich vollendete Tatsache, nicht mehr bloß ein Begriff und nur in Gedanken vorhanden sein.
„Erst langsam, Schritt für Schritt erklomm ich unter eurem Einflusse den Weg zur sonnenbeschienenen Höhe abgeklärter Lebensauffassung,“ fuhr Frommherz fort. „Nun erst verstehe ich voll und ganz auch die Handlungsweise meiner Freunde, als sie von hier fortzogen, während ich damals wähnte, daß sie eine übereilte Tat, eine unentschuldbare Torheit begangen hätten. Eine späte Erkenntnis, nicht wahr? Würde ich nicht eure Gesinnungen, eure hohe Denkweise genau kennen, so würde ich die Frage einer Rückkehr niemals zur Sprache gebracht haben. So aber weiß ich, daß ihr meine Handlungsweise von heute begreift. Ich bin gewiß, daß ihr meine Bitte in ernste Erwägung ziehen und sie auch gern erfüllen werdet, falls ihr nicht Unmöglichkeiten der verschiedensten Arten entgegenstehen, die ich nicht zu beurteilen vermag.“ Mit diesen Worten schloß Fridolin Frommherz seine Rede, die von der Versammlung mit großer Aufmerksamkeit angehört worden war.
„Zieh dich für einige Augenblicke zurück, lieber Freund Fridolin. Wir wollen sofort über dein Anliegen beraten und werden dich nachher rufen lassen, um dir unsere Entscheidung mitzuteilen,“ bat Bentan freundlich.
Der Erdensohn gehorchte. Seine Stimmung war eine gehobene, fast stolze, als er den Saal verließ, um im Garten vor dem Palaste umherzugehen, bis er zur Entgegennahme der Antwort auf seine Rede wieder gerufen werden sollte. Wie ganz anders empfand er doch heute als vor mehr denn elf Jahren am gleichen Orte! Bedrückt, wirr, unsicher, zerfallen mit sich selbst und seinen Freunden, im Kampfe widersprechendster Gefühle war er damals aus dem Saale fortgegangen, und heute beherrschte ihn eine tiefe Genugtuung darüber, daß er sich endlich selbst wiedergefunden und den Vorschlag des Fortgehens vom Mars von sich aus, freiwillig gemacht hatte. Er konnte in der Zukunft den Marsiten nichts mehr von wirklicher Bedeutung bieten als Gegenwert für die an ihm geübte großartige Gastfreundschaft. Dies sah er klar ein. Die Tat seiner Freunde erschien ihm heute in ihrer vollen sittlichen Größe. Ob sie wohl damals die Erde, die Heimat wieder erreicht hatten, die Tapfern? Ob er sie wiedersehen würde?
In dem Maße, als er sich selbst mit dem Gedanken der Rückkehr vertraut gemacht hatte, beschäftigte er sich auch mehr mit den fernen Freunden. Die Gefahren und Entbehrungen der Reise durch den Weltenraum schlug Frommherz nicht mehr so hoch an. Die Erinnerung an die Leiden der Herfahrt war bei ihm im Laufe der vielen Jahre ziemlich verblaßt. Auch vertraute er der technischen Überlegenheit der Marsiten, die sie so oft schon bewiesen, daß er an einem richtigen Gelingen der Reise nicht im geringsten zweifelte.
Trotz seiner fünfzig Jahre, die der Gelehrte nun zählte, sprang er noch elastischen Schrittes die breite Treppe hinauf, die zum Saale führte, als er gerufen wurde. Feierliche Stille herrschte in dem großen Raume. Die wohlwollenden Blicke der Alten ließen den Schwaben einen günstigen Ausgang seiner Sache hoffen.
„Mein lieber Freund und Bruder,“ begann Bentan zu sprechen. „Dein Entschluß, zur Erde zurückzukehren, um dort in der uns geschilderten Weise tätig zu sein, ehrt dich und findet auch unsere vollste Billigung. Er hat uns mehr erfreut als überrascht, denn wir alle, Anan schon vor Jahren, sahen voraus, daß du dauernd bei uns doch nicht bleiben würdest. Dein Entschluß hat uns deshalb besonders gefreut, weil er uns beweist, daß du gleich deinen Gefährten, die bei uns geweilt, derselbe wackere Mann und Schwabe bist, für den wir dich immer hielten. Wir werden uns mit dem Stamme der Findigen und der Ernsten in Verbindung setzen, damit deinem Wunsche so bald wie möglich entsprochen werden kann. Du sollst zu jenem fernen Kinde des Lichtes gebracht werden in ähnlicher Weise, wie du einst von dort zu uns kamst. Und nun kann ich dir im Namen meiner Brüder hier eröffnen, daß wir beschlossen haben, dein Bild und die Gedenktafel nach deiner Abreise an der Stelle dieses Saales anbringen zu lassen, die hiefür schon so lange vorher bestimmt war.“ Ein feines Lächeln huschte bei diesen Worten über Bentans geistvolles Gesicht. „Die sieben Schwaben, die einzigen Erdensöhne, die je auf dem Lichtentsprossenen gewesen und auf ihm gelebt, sie sind dann im Bilde und in der Erinnerung für immer bei uns harmonisch vereint. Von Herzen wünschen wir dir schon jetzt, daß du die trauten Stätten deiner Kindheit und Jugend nach so langer Abwesenheit glücklich wiedersehen mögest. Glaube mir, lieber Freund Fridolin, niemand reißt sich ungestraft aus dem Boden, aus dem er entsprossen, und in dem allein die festen Wurzeln seiner Existenz liegen. Die Wahrheit dieses Satzes hast du ja auch an dir selbst erfahren dürfen. Triffst du deine sechs Freunde und Brüder unten auf der Erde gesund wieder an, was wir hoffen wollen, so überbringe ihnen unsere innigsten Grüße. Sage ihnen, daß wir ihr Andenken in hohen Ehren halten, und daß wir es einem heiligen Vermächtnisse gleich ungeschmälert unsern Nachkommen überliefern werden. Zieh hin in Frieden, mein Freund! Bewahre auch du uns nach deiner Abreise dieselbe treue Gesinnung, die wir dir stets bewahren werden.“
Nach Bentan erhob sich Eran, der die Last seiner Jahre noch mit erstaunlicher Kraft trug und von seiner Geistesfrische noch nicht das geringste eingebüßt hatte.
„In der Nähe von Lumata sind die kühnen Erdensöhne einst mit ihrem Luftschiffe angekommen,“ sprach er. „Von dort aus haben sie auch, bis auf Freund Fridolin, die Heimreise angetreten, nachdem sie lange Zeit meine lieben Gäste gewesen. Und so möchte ich nun die Bitte aussprechen, daß die Rückkehr des letzten Schwaben ebenfalls von jener historischen Stätte in Lumata aus erfolgen möge. Bis zu seiner Abreise lade ich Freund Fridolin ein, bei mir wieder sein altes Heim beziehen zu wollen.“
„Deiner Einladung, ehrwürdiger Eran, leiste ich gern Folge,“ antwortete der Gelehrte.
„Gut, so soll auch der Bitte unseres Bruders Eran entsprochen werden und die Abfahrt so bald wie möglich von Lumata aus stattfinden,“ entschied Bentan.