Land und Leute
Monographien zur Erdkunde
Land und Leute
Monographien zur Erdkunde
In Verbindung mit hervorragenden Fachgelehrten
herausgegeben von
A. Scobel
I.
Thüringen
Bielefeld und Leipzig
Verlag von Velhagen & Klasing
1898
Thüringen
Von
A. Scobel
Mit 145 Abbildungen nach photographischen Aufnahmen und Kartenskizzen
Bielefeld und Leipzig
Verlag von Velhagen & Klasing
1898
Alle Rechte vorbehalten.
Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.
Inhalt.
| Seite | ||
| I. | Einleitung | [3] |
| II. | Geographische Übersicht | [7] |
| III. | Geschichtliche Übersicht | [9] |
| IV. | Saalthal und Saalplatte | [12] |
| V. | Osterländisches Stufenland | [34] |
| VI. | Frankenwald | [42] |
| VII. | Südöstlicher Thüringerwald | [50] |
| VIII. | Mittlerer und nordwestlicher Thüringerwald | [64] |
| IX. | Rennsteig | [88] |
| X. | Klima und Pflanzenwelt | [91] |
| XI. | Bevölkerung | [96] |
| XII. | Nordvorland, Ilmplatte und Thüringisches Becken | [110] |
| XIII. | Nördliche Grenzhöhen | [129] |
| XIV. | Südvorland | [140] |
| Statistische Übersicht | [155] | |
| Übersicht der geologischen Formationen | [155] | |
| Litteratur | [156] | |
Abb. 1. Schwarzburg, vom Trippstein aus gesehen.
(Nach einer Photographie von Junghanns & Koritzer, Leipzig-Meiningen.)
Abb. 2. Arnstadt um 1650 (nach dem gleichzeitigen Stiche von Merian).
Thüringen.
I.
Wie heller Glockenton am stillen Sonntagsmorgen klingt es über die duftigen Gefilde. Goldener Sonnenschein lacht vom blauen Himmel, und aus den Höhen tönt jubelnder Lerchengesang herab. Da weitet sich das Herz, und Lust und Licht und Duft locken hinaus zur Wanderung durchs thüringische Land! Die leicht eingesenkten Mulden, in deren Grunde die klaren Bäche murmeln, sind von frischen Wiesen bedeckt, aus deren Grün die blaßroten Blüten des Schaumkrauts und das bescheidene Vergißmeinnicht, die gelben Dotterblumen, Hahnenfuß und der zart gefiederte Löwenzahn leuchten. Die lilafarbenen Blüten des Salbei, die blauen des Kreuzblümchens und des Ehrenpreis sind mit dem dreifarbigen wilden Stiefmütterchen vereint zum Schmucke des Frühlings. In den lichtblätterigen Hainen prangen heller Weißdorn, die bescheidene Blüte der Erdbeere und Brombeere, das blau schimmernde Sinngrün, und wie helle Teppiche weithin ausgebreitet auf dem dunklen Waldboden die weißrötlichen Sterne des Windröschens. Die Waldränder sind geschmückt mit den verrankten Hecken der wilden Rose, von deren dunkelgrünen Blättern sich hell die zierlichen Blüten abheben.
In üppigem Grün stehen die Felder, die sorgsam abgegrenzt von der Menschen Fleiß Zeugnis geben, in langen Streifen sich hinziehend, selten von Hecken, Buschwerk oder Baumgruppen unterbrochen, als ob die Wärme des Himmelslichts mit ganzer Fülle hereinströmen möge zur Förderung des Wachstums und des Blühens. In sanften Wellen wölbt sich die Landschaft; hier sind die Fluren eingeschlossen von rundlichen Hügeln oder lang gestreckten niedrigen Bodenkämmen, dort weitet sich der Raum, und das Auge schweift in unübersehbare Fernen. Wo der Boden seine größte Fruchtbarkeit zeigt, drängen sich die menschlichen Wohnstätten enger zusammen. Die Erde vermag hier viele ihrer Kinder zu ernähren. Aus dem hellen Grün der Obstbäume, im Mai fast verdeckt vom weißen Blütenschnee, schimmern die roten Ziegeldächer der Dorfhäuser, die sich gesellig um die turmgekrönte Kirche schmiegen. Da und dort grüßt ein stilles träumendes Landstädtchen, das wie vergessen von der lärmenden Straße des Weltverkehrs fern abliegt, deshalb vielleicht um so trauter und getreu die Gewohnheiten und Überlieferungen einer längst entschwundenen Vergangenheit pflegend. Aber in der Nähe des eisernen Schienenweges, vielleicht in der Richtung eines alten Handelszuges oder einer Thalsenke, welche durch ihre Form die Verkehrsrichtung vorschrieb, häufen sich die Häusermassen immer mehr zusammen, und hoch ragende Schornsteine deuten auf die geräuschvollen Arbeitsstätten der Industrie. Weichen die Getreidefelder zurück vor Gemüsepflanzungen und weiten Blumengärten, die in gewaltigem Kreise die werdende Großstadt umgeben, so gelangen wir in den Mittelpunkt der großen Landschaft, wo die Bevölkerung sich in größerer Zahl verdichtet und wo ein reges Leben flutet. Hier erheben sich die mächtigen Steinbogen und Mauern eines Domes, Zeugen der mittelalterlichen Baukunst, mit zahlreichen Türmen zur Höhe weisend und weit hinausgrüßend in die Lande.
Abb. 3. Thüringen nach Mercators Darstellung vom Jahre 1628.
Städte.
Manch andere Stadt entstand unter dem Schutze trotziger Burgmauern, wo Landgrafen und Fürsten saßen und mit gepanzerter Faust Wacht hielten, stets bereit zum blutigen Streit. Blühten doch auch unter ihrem eisernen Schirm und Schutz die Künste und Wissenschaften, so daß durch die Vielheit der Residenzen und durch das Bestehen einer weit verzweigten Kleinstaaterei Bildung in weitere Volksmassen gelangte, wie es in solcher Weise sonst nicht möglich gewesen wäre. Wo aber der Wald am schönsten wuchs, reich belebt von Wild, und wo klare Wässer rannen, da erhoben sich die Klöster mit ihren weithalligen Kirchen. Die Klosterbrüder brachten nicht nur das Christentum, sondern vielfach überhaupt die Anfänge der Kultur, denn sie rodeten den Wald und legten Pflanzungen an, sie bauten Wein, errichteten an den wasserreichen Bächen Mühlen, in denen der Felder Frucht gemahlen wurde, sie legten Teiche an zur Förderung des Fischreichtums, sie entwässerten Sümpfe und machten unbrauchbares Land urbar. Seitdem freilich die Verheerungen kriegerischer Jahre über diese Stätten hinwegbrausten, sind schon seit Jahrhunderten die Klosterbewohner und die Pilger zerstreut in alle Weiten, die Baulichkeiten sind meist verfallen, in ihrem epheuumrankten Resten noch Zeugnis gebend von alter Zeit, als deren letzte Erinnerungen die bildreichen Grabsteine eine stumme Sprache reden.
Abb. 4. Geologische Skizze von Thüringen.
Klöster und Burgen.
Weit im Westen erhebt sich eine Bergmasse als ein kleines Tafelland, wegen seiner alten Eichen schon frühe das Eichsfeld geheißen. In riesigem Kranze erstrecken sich gen Mitternacht bis nach der Morgenseite hinüber eine Reihe von Bergwällen, einsam und still, bewachsen von herrlichen Buchen, aus deren grünen Wölbungen hier und da eine Burgruine emporlugt. Mitten in diesem Kranze erhebt sich der Kyffhäuser, um dessen geborstenes Gemäuer Sagen und Lieder klangen in Sehnsucht nach der deutschen Einheit. Aus dem Herzen des Landes rauschen die Wässer der Unstrut, die den Bergkranz durchbricht und dann durch ein Thal fließt, über dessen Fluren und Burgen die Geschichte mit ehernem Fuß hinwegschritt. Jetzt grüßen aber freundliche Städtchen und helle Schlösser herunter ins Thal, und an den sonnigen Hängen, wo sich die Unstrut mit der Saale eint, grünen Rebenhügel in üppiger Fülle.
Saale und Rennsteig.
In großen Schlangenwindungen zieht die Saale ihren Weg durch ein breites schönheitgesegnetes Thal. Schiller widmete ihr die Verse:
»Kurz ist mein Lauf und begrüßt der Fürsten, der Völker so viele;
Aber die Fürsten sind gut, aber die Völker sind frei.«
Abb. 5. Merseburger Schloß, von der Saale gesehen.
(Nach einer Photographie von F. Herrfurth in Merseburg.)
Ihre Wellen ziehen vorüber an manch alter Stadt, an Weinbergen und alten Trutzburgen und tragen zu Flößen verbunden zahllose Stämme des Gebirgswaldes. In ihrem Oberlaufe rücken die Thalränder enger zusammen, bis zuletzt selbst für eine menschliche Ansiedelung kein Raum übrigbleibt und der Fels in glatten Wänden bis ins Wasser heruntersteigt. Zahlreiche Bäche rauschen von den Höhen herab aus dem Schatten dunkler Tannen und Fichten, die den mächtigen Gebirgsbuckel mit grünem Mantel umhüllen. In den Seitenthälern weiten sich da und dort kleine Wiesenmulden und tragen betriebsame Ortschaften, die mit dem Fels ihrer Nachbarschaft bekleidet sind: vom Dachfirst bis zur Sohle sind die Häuser mit Schieferplatten bedeckt und bringen in das Tannendunkel eine noch ernstere Färbung.
Droben aber auf dem Gebirge läuft ein geheimnisvoller verschwiegener Bergpfad durch die Waldeinsamkeit, der alte Rennsteig auf der Scheidelinie, von der die Gewässer nach beiden Seiten abrinnen. Durch vieler Herren Länder, von denen uns alte Wappensteine Kunde geben, zieht der Pfad, teils im dichten rauschenden Hochwald, zwischen dessen silbergrauen Stämmen zierliche hellgrüne Farne emporwachsen, teils Ausblicke gewährend nach fernen duftumflossenen Höhenzügen und in grüne Thäler, in denen friedliche Ortschaften eingebettet sind. Nicht ein Laut dringt herauf von den belebten Arbeitsstätten, wo die Säge kreischt und die Drehbank klappert oder wo Schmiedefeuer glühen und die Hämmer den Takt schlagen. Außer dem Schrei des Wildvogels oder dem Gesang der Waldvögel schallt nur der Axtschlag durch den Wald, der manchen jahrhundertealten Baum trifft, um ihn dem heimatlichen Boden zu entreißen; oder es tönt ein metallischer Klang herauf, der von Männern herrührt, die das Schiefergestein absprengen und es zu Tafeln oder Griffeln verarbeiten.
Wo aber der Bergpfad dem Kamme folgt, der immer schmaler wird und von dessen Flanken sich tiefe Thäler einschluchten, deren obere Mulden fast bis zum Rennsteig selbst reichen, da nimmt der Wald eine freundlichere Färbung an, Tannen und Fichten bleiben zurück, und über dem Dickicht der Beerensträucher streben leuchtende Buchen empor. Ihre Baumkronen wölben sich wie gotische Dome, durch deren Maßwerk die Sonne goldene Lichter sendet, und aus dem grünen Laube singt und jubelt es in vielstimmigem Gesange. Malerischer und bewegter sind hier die Formen des Gebirges, und es erschließt sich hier der anmutigste und gepriesenste Teil des Thüringerwalds: in den Waldthälern trauliche Ortschaften, auf den Höhen so manche zerborstene Burg. Am herrlichsten von allen aber grüßt die Wartburg herab, von deren wunderbarer Vergangenheit Sagen und Lieder erzählen. In dichterischem Glanze erscheinen Ritter und Edelfrauen, die Säle hallen von Waffenklang und Sängerstreit wieder, es erklingen Eisenspeere und Minnelieder, und wenn der Abendsonne Gold hinter den Höhen des Ringgaus verglüht, des Mondes Silberstrahlen über die rauschenden Buchenwipfel fluten, dann singt und klingt es dem kundigen Wanderer wie Erinnerung aus blühendem Mittelalter.
Wo die Gewässer des Gebirges südwärts fließen, breitet sich in hellem Duft das Werrathal aus, geziert von mancher lebensfrohen Stadt. Auch hier grüßen von den Vorbergen altersgraue Rittersitze, und am glänzenden Flusse ragen verlassene Klosterhallen empor, bekränzt vom dunklen Epheu oder vom wilden Wein, aber vom verfallenen Turme läutet frommen Wallfahrern keine Glocke mehr. Dort dehnen sich die geschichtsreichen und doch heute so stillen Gelände des alten Grabfeldgaues. Im Südosten aber ragt die schöne kleine Hauptstadt aus üppigen Gärten mit ihrem Kranze von Bergen und Burgen, die hinüberschauen in die blühenden Gefilde des Mainthals.
Abb. 6. Dom zu Merseburg.
(Nach einer Photographie von F. Herrfurth in Merseburg.)
II.
Das westliche Gebirge. Ausdehnung Thüringens.
Im Herzen Deutschlands erhebt sich das Gebirge des Thüringerwaldes, ausgezeichnet durch die Schönheit seiner Umrißlinien, bedeckt von üppigen Wäldern, gegliedert durch anmutige Thäler, in denen eine arbeitsame und sangesfrohe Bevölkerung wohnt. Schon auf alten Karten war unter dem Namen Thüringerwald das ganze Gebirge zwischen Werra und Fichtelgebirge verstanden worden, wenn auch über seine einzelnen Gebiete noch etwas verworrene Anschauungen herrschten, wie unsere [Abb. 3] zeigt, die besonders im Flußnetz die kühnsten Linien aufweist. Jedenfalls wurde schon in alter Zeit der Frankenwald miteingeschlossen, eine Auffassung, die heute noch gilt und die einzig volkstümliche ist. Weit aber über den Thüringerwald hinaus dehnen sich die Grenzen der Landschaft Thüringen, vom Werradurchbruch im Nordwesten bis über die Saale hinaus im Südosten — wo Altenburg politisch noch zu Thüringen zählt — von dem Ufergelände der Werra im Süden bis an den Erhebungskranz im Norden, wo von den Höhen des Kyffhäusers das mächtige Kaiserdenkmal hinunterschaut in die fruchtbaren Gefilde der Goldenen Aue.
Abb. 7. Kreuzgang im Merseburger Dom.
(Nach einer Photographie von F. Herrfurth in Merseburg.)
Alte Schilderung Thüringens.
Im ältesten Mittelalter wurde das Gebirge wohl als Loiba oder Leube bezeichnet, d. h. waldige Höhe; noch heute nennt man in Thüringen das Obergestock im Hause oder den Galeriegang in der Kirche Leibe oder Leim. Nur in einigen Teilen des Gebirges hat sich dieser älteste Name noch bis heute erhalten, so in der Struther Leube, in der Zeller und Suhler Leube, letztere das Waldgebiet zwischen Suhl und dem Gebirgskamm umfassend. Jetzt redet das Volk schlechthin vom »Wald«, im Gegensatz zum flachen Lande. In den 1651 erschienenen deutschen Erläuterungen (die übrigens mit dem Text des in Amsterdam 1635 von Blaeuw herausgegebenen Atlas wörtlich übereinstimmen) zu der erwähnten Karte ([Abb. 3]) ist Thüringen in wenigen Sätzen gekennzeichnet: »Ist ein vberauß Fruchtbar Land vnd sonderlich an der Mänge vnd fürtrefflichkeit deß Getreyds allen andern in gantz Teutschland vberlegen, derowegen es denn Georgius Agricola nicht vnbillich deß Teutschlands Sumen oder Schmaltz zu nennen pflegt ... Also hat es auch an Obs vnd andern dergleichen Früchten fast durchauß keinen Mangel, jedoch gar nichts von Wein, als was man auß dem Land zu Francken, von dem Rheinstrom vnd von andern Orten dahin bringt: macht aber an statt desselbigen ein sehr gut vnd wolgeschmackt Bier, mit welchem der Durst nach lust und notturfft auch gelöschet werden kan. Der reichen Bergwercke von Gold vnd Silber vnd grossen vorraths von Saltz zu geschweigen ... mit Wäldern ist es an vielen Orten fast gantz vberdeckt, welche allesampt allerley Wildbret in grosser menge von sich geben. Endlich hat es in diesem Land auch viel Kirchen vnd Clöster ... Die Inwohner aber deß Thüringerlands sind grimmige vnd harte Leute, so den Feind auch mit ihrem blossen Ansehen erschrecken, einer grossen länge, vnd stärcke, schwartzbraunen Farb vnd guten gestalt.«
Geologische Verhältnisse.
Wollen wir die Formen Thüringens ganz verstehen, so müssen wir sein erdgeschichtliches Werden verfolgen und die ganze Landschaft nur als ein Glied in der Gruppe der mitteldeutschen Gebirge betrachten. Der Untergrund besteht zunächst aus den Resten uralter Gebirge, deren Bildung zur Steinkohlenperiode vollendet war. Durch einen gewaltigen Druck aus Südost war ein großes von Südwest nach Nordost streichendes Faltengebirge entstanden, dessen Achsen noch im Frankenwalde und Erzgebirge sichtbar sind; man nennt dieses nordöstliche Streichen auch erzgebirgisches Streichen. Die Sättel dieses alten Gebirges wurden in der Zeit des Rotliegenden[*)] besonders im Nordwesten teils abgetragen und eingeebnet, die Thäler des untergetauchten Gebirges mit den Geröllen des Rotliegenden zugeschüttet. Zu gleicher Zeit erfolgten zahlreiche Eruptionen, die namentlich Porphyre und Melaphyre empordringen ließen. Das Gebirge sank unter den Meeresspiegel und wurde durch Brandung stark zerstört (abradiert). Diese Umwälzungen dauerten von der Triasperiode bis zur Jura- und Kreidezeit, bis endlich in der Tertiärzeit das Gebirge in erneuter Form wieder erstand. Vielfach kamen jetzt auch von Südwest wirkende Druckkräfte in Thätigkeit, die ein von Südost nach Nordwest gerichtetes Streichen, nach dem Böhmer Wald hercynisches Streichen genannt, veranlaßten. Hierdurch entstanden große Brüche und das Gebiet wurde in eine Anzahl einzelner Schollen zerteilt, die sich unabhängig voneinander bewegten, so daß sich entweder das Gebirge hob oder das Vorland senkte. Auf der fränkischen Seite trennen die Brüche das paläozoische Gebirge von der Trias, auf der Nordostseite verlaufen die Brüche in der Triaszone. In bedeutenden Schichtenbiegungen fallen Zechstein, Buntsandstein und Muschelkalk vom Gebirge ab und gehen in die flache Lagerung des thüringischen Vorlandes über. In der neueren Zeit sind dann Zechstein und Trias von den Höhen des Gebirges abgeschwemmt und dieses um etwa 1200 m erniedrigt worden. Trotzdem überragen dort noch zwei große Landschollen horstartig das gesunkene Land, die beiden Horste des Thüringerwaldes und des Harzes, die im Südwesten und Nordosten das Thüringische Becken begrenzen ([Abb. 4]). Im Südosten des Thüringerwaldes und des Frankenwaldes wurde die Brandungsfläche entblößt, so daß hier die alten Schiefer sichtbar sind. Im nordwestlichen Thüringerwald sind vielfach die weicheren Gesteine der Verwitterung anheimgefallen, der die Porphyre und Granite aber erfolgreich widerstanden. Der Wechsel von härteren und weicheren Gesteinen, aufgeschlossen durch die einschneidenden Thäler, bedingt hier die Mannigfaltigkeit der Landschaftsformen.
[*)] Am Schlusse des Buches ist eine Übersicht der wichtigsten geologischen Abteilungen gegeben.
Abb. 8. Schloßhof zu Merseburg.
(Nach einer Photographie von F. Herrfurth in Merseburg.)
III.
Thüringen bis zum X. Jahrhundert.
Noch wechselreicher als seine Oberfläche ist die Geschichte Thüringens. Die Thüringer gelten als Nachkommen der alten Hermunduren und treten zuerst im V. Jahrhundert in die Geschichte. An der Unstrut brach das Königreich Thüringen zusammen, die Thüringer erlagen den fränkischen Eroberern, und die alte Königsburg Scidingi (Burgscheidungen) fiel 531 in die Hände der Franken. Die nordwärts der unteren Unstrut und Helme gelegenen Gebiete wurden gegen Zahlung eines Jahreszinses den Sachsen überlassen, das übrige Thüringen wurde den Franken botmäßig. Im VII. Jahrhundert erstarkte Thüringen durch die Kämpfe seiner Bewohner gegen die westwärts vorrückenden Slaven. Irische Mönche bereiteten das Volk zur Annahme des Christentums vor, und 719 kam Winfried (Bonifatius) nach Thüringen, um für die Ausbreitung der christlichen Lehre zu arbeiten. Unter Karl dem Großen wurde Thüringen immer enger mit dem Frankenreiche verknüpft, um mit ihm gemeinsam das Vordringen der Slaven zu bekämpfen. Im VIII. Jahrhundert galt die Saale als ethnographische und politische Grenze, und das Grenzgebiet an Saale, Unstrut und Gera wurde zur Thüringischen Mark; bis hierher durften die deutschen Kaufleute mit den Slaven Handel treiben. Von hier aus suchten im IX. Jahrhundert die Markgrafen eine Vorherrschaft für ganz Thüringen zu begründen. Durch den lang ausgedehnten Befestigungskranz der Burgen an den Uferhöhen der Saale wurden aber die Slaven in Schach gehalten.
Abb. 9. Die Lauchstädter Bühne mit den aus dem Jahre 1803 erhaltenen Dekorationen.
(Nach einer Photographie im Besitz des Herrn Franz Peschel in Straßburg.)
Im X. Jahrhundert übernahm das sächsische Geschlecht die Führung in den östlichen Grenzmarken. Die 965 erfolgte Dreiteilung der Thüringischen Mark in eine Merseburger, Zeitzer und Meißnische Mark wurde zur Grundlage der Bistumsgründung für die drei genannten Gebiete. Bis zum Anfange des X. Jahrhunderts wohnte das Volk in offenen Dörfern, und erst dann begann man, die Wohnplätze gegen feindliche Einfälle mit Mauern, Gräben und Bollwerken zu schützen. Aus diesen Plätzen erblühten dann die Städte, die zu Haupthaltestellen für die Richtungen des damaligen Handelsverkehrs wurden. Neben der Gemeindeverfassung kam für die Ausbildung des Städtewesens erst in zweiter Linie das Gedrängtsein der Wohnungen hinter schirmenden Mauern und der dadurch gewährleisteten Blüte von Handel und Gewerbe. Um die Ausdehnung des Binnenverkehrs war auch die Geistlichkeit in den größeren Bischofssitzen, Klöstern und Stiftern bemüht, und sie richtete bei Gelegenheit großer Feste ihrer Schutzheiligen einen Markt ein, zu dem Zoll- und Münzrechte leicht zu erlangen waren. So ward Hochmesse und Markt gleichbedeutend als »Messe«, eine Vereinigung von geistlichen und weltlichen Geschäften, die in katholischen Gegenden heute noch häufig besteht.
Thüringen vom XI. bis XV. Jahrhundert.
Im XI. Jahrhundert kam in Thüringen das Geschlecht des Grafen Ludwig des Bärtigen zu Macht und Ansehen, besonders unter seinem Sohne Ludwig dem Springer, dem Erbauer der Wartburg und der Neuenburg bei Freyburg an der Unstrut. Im Jahre 1130 wurde Thüringen zur Landgrafschaft und gelangte dadurch zur Einheit und gedeihlichen Entwickelung. Unter Hermann I. soll 1207 der durch Dichtung und Sage verherrlichte Sängerkrieg auf der Wartburg stattgefunden haben. Nach dem Thüringischen Erbfolgekrieg (1247–1263) kam Thüringen an Heinrich den Erlauchten, den Wettiner, dessen Sohn Albrecht der Unartige mit seinem Vater und Brüdern, später mit seinen eigenen Söhnen in unaufhörlicher Fehde lag. Friedrich der Streitbare erwarb 1423 das Herzogtum Sachsen und die Kurwürde, wodurch der Name Sachsen auch auf die thüringischen Besitzungen der Wettiner übertragen wurde. Von den vielen Hunderten von Grafen und Herren, die in den übrigen Teilen Thüringens die Territorialgewalt ausübten, waren die wichtigsten die Grafen von Henneberg, die Grafen von Schwarzburg, die Vögte von Weida, Gera und Plauen, die Ahnherren der Fürsten von Reuß.
Abb. 10. Weißenfels um 1650 (nach dem gleichzeitigen Stiche von Merian).
Thüringen vom XV. bis XIX. Jahrhundert.
Nach der Erbteilung von 1445 erhielt Wilhelm, Herzog von Sachsen, die Landgrafschaft Thüringen, die fränkischen Besitzungen sowie einige Ämter des Osterlandes. Nach Beendigung eines Bruderkrieges zwischen Wilhelm und Friedrich II., dem Sanftmütigen, raubte 1455 Kunz von Kaufungen aus dem Altenburger Schlosse die beiden Söhne Friedrichs II., Ernst und Albrecht, die späteren Stifter der beiden sächsischen Hauptlinien. 1485 erfolgte die Leipziger Teilung, wodurch Ernst Thüringen und die Kurwürde erhielt, Albrecht erhielt Meißen; in das Oster- und Pleißenland teilten sich beide. Seitdem blieb das sächsische Haus in die zwei Linien, die Ernestinische und Albertinische, getrennt. In die Regierungszeit Friedrich des Weisen (1486–1525) fällt das Wirken Luthers. Auf Friedrich folgte sein Bruder Johann der Beständige, als in die Gefilde Thüringens der Bauernkrieg Blut und Verderben brachte. Johann starb schon 1532, und nach seinem Tode führte Johann Friedrich mit seinem minderjährigen Bruder Johann Ernst anfangs gemeinsam die Regierung, entschädigte ihn aber im Torgauer Vertrage 1541 mit Geld und der Pflege Coburg. Nach dem für die Evangelischen unheilvollen Schmalkaldischen Kriege kam 1547 die Wittenberger Kapitulation zustande, worin Johann Friedrich seiner Herrscherwürde entsagte, 1552 aber wieder eingesetzt wurde und 1554 in der Naumburger Kapitulation einen großen Teil der früher an die Albertiner verlorenen Gebiete wieder zurückerhielt. Unter seinen drei Söhnen gingen die Wogen wieder hoch; Johann Friedrich der Mittlere kam mit dem wegen seiner Händel berüchtigten fränkischen Ritter Grumbach in unliebsame Freundschaft, weswegen er in die Reichsacht gethan wurde. Nach 28jähriger Gefangenschaft starb er. Immer wieder gab es Verzichtleistungen, Verpfändungen und Teilungen. Eine der wichtigsten Teilungen war die von 1572, in der die Grundgebiete der heutigen Herzogtümer Gotha und Weimar festgelegt wurden; auch bei den reußischen und schwarzburgischen Gebieten wurde damals der Grund zu den heutigen Besitzverhältnissen gelegt. Im Jahre 1638 wurde eine weimarische, eine eisenachische (die aber 1645 an Weimar kam) und eine gothaische Linie gegründet. Die Greuel des dreißigjährigen Krieges sind über Thüringen schwer dahingebraust und haben in vielen Orten neun Zehntel der Bevölkerung dahingerafft.
Als Glieder des 1805 gestifteten Rheinbundes nahmen die Herzogtümer die in ihren Landen gelegenen reichsritterschaftlichen Gebiete in Besitz. Als 1825 mit dem Tode Friedrichs III. die Linie Gotha-Altenburg ausstarb, gab es wieder Erbstreitigkeiten, die aber durch den Erbteilungsvertrag von 1826 geschlichtet wurden. Der Herzog von Hildburghausen überließ sein ganzes Land seinen Mitbewerbern, empfing aber dafür das Herzogtum Altenburg. Gotha wurde mit Coburg, Hildburghausen und Saalfeld mit Meiningen vereinigt, von kleineren Gebietstauschen abgesehen. Damit entstanden die drei noch heute blühenden Linien des sächsisch-Ernestinischen Hauses: Meiningen-Hildburghausen, Coburg-Gotha und Altenburg. Auch die schwarzburgischen Linien Rudolstadt und Sondershausen erlangten 1825 völlige Selbständigkeit.
Schon während der Landgrafenzeit hatte die Kirche in den thüringischen Landen ihre Besitzungen weiter ausgedehnt und befestigt. Im südlichen Teile griffen die Besitzungen der Abtei Hersfeld bis gegen Salzungen auf thüringisches Gebiet über. Das Erzbistum Mainz hatte Erfurt und das Eichsfeld im Besitz, an der Saale blühten die Bistümer Merseburg und Naumburg-Zeitz. Vom XII. bis XV. Jahrhundert waren eine große Zahl Stifter, Klöster und Ordenshäuser entstanden. Im Jahre 1803 kam Erfurt sowie das Eichsfeld an Preußen, ebenso die nördlichen thüringischen Besitzungen des Kurhauses Sachsen.
IV.
Merseburg.
Wir beginnen unsere Wanderung am Nordostpfeiler Thüringens, bei der alten auf hohem Uferrande gelegenen preußischen Kreisstadt Merseburg (18800 Einw.). Die Stadt lag dicht am slavischen Wohngebiete, erhob sich im X. Jahrhundert unter König Heinrichs, des »Städtegründers« Regierung hinter neuen Mauern und umschloß den Dom, der später Sitz des Bistums wurde, sowie die Pfalz den Hof zu vereinigen pflegte. Als Stifter Merseburgs kann Heinrich der Finkler angesehen werden, der als Markengründer so segensreich im Osten unseres Vaterlandes waltete. Otto I. gründete infolge eines Gelübdes das Domstift, das für Kultur und Verbreitung des Christentums im deutschen Osten von hoher Bedeutung war. Der alte Dom und das Schloß sind die Charaktergebäude Merseburgs, die flußwärts das Landschaftsbild beherrschen ([Abb. 5]). Die Turmbauten des Domes stammen noch aus dem XI. Jahrhundert, die anderen Bauteile meist aus dem XIII. Jahrhundert, das spätgotische Schiff aus dem Ende des XV. Jahrhunderts. Der Dom ([Abb. 6]) strebt nicht sehr in die Höhe, macht aber trotz seiner 1886 vollendeten Erneuerung einen altertümlichen Eindruck und besitzt einen außerordentlich stimmungsvollen Kreuzgang ([Abb. 7]). Im Chor befindet sich eine Metallplatte als Denkmal für den 1080 im Kampfe gegen Heinrich IV. gefallenen Gegenkönig Rudolf von Schwaben. Das Schloß umfaßt mit seinen drei Flügeln einen weiten viereckigen Hof von sehr malerischer Wirkung ([Abb. 8]). Der turmreiche Bau wurde 1483 bis 1561 errichtet, Ende des XVII. Jahrhunderts zum Teil erneuert und ist jetzt Regierungsgebäude. Im Schloßhofe stehen ein figurengeschmückter dreiseitiger Ziehbrunnen und der alte schwarze Käfig, worin der historische Merseburger Rabe gefüttert wird. Die Sage erzählt von einem dem Bischof Thilo von Throta gestohlenen Ringe, den ein Rabe bei geöffnetem Fenster aus des Bischofs Gemach getragen; von dem Verdacht, der auf einen der bischöflichen Diener gelenkt wurde, der unter der Folter ein Geständnis machte und darauf hingerichtet wurde; und wie dessen Unschuld an den Tag kam, als ein Schieferdecker bei Ausbesserung des Turmes den Ring im Rabenneste auffand. Die Stadt entwickelt sich neuerdings zu einem lebhaften Industrieplatze.
Abb. 11. Naumburg.
(Nach einer Originalaufnahme von Carl Becker in Naumburg.)
In dem Dreieck Halle-Weißenfels-Leipzig reicht die Sächsisch-Thüringische oder Leipziger Bucht des Norddeutschen Tieflandes bis nach Thüringen hinein, im äußersten Dreieckwinkel das Ausgangsthal der Saale einschließend und deshalb die beste Eingangspforte nach Thüringen bildend. Mit Ausnahme des Südwestens und Westens entwässert ganz Thüringen zur Saale, deren Nebenflüsse zur Linken ins Land hineingreifen wie ein aufgespannter Fächer. Die Saale ist also der bedeutendste Fluß Thüringens und bildet in der Thalstrecke Merseburg-Naumburg einen natürlichen Verbindungsweg zwischen Ost und West. Von der Quelle bis zur Mündung in die Elbe hat sie eine Flußlänge von 450 km und ein Stromgebiet von 23776 Quadratkilometern.
Abb. 12. Schulpforta.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
Lauchstädt. Weißenfels. Zeitz.
In sanfter Abdachung gegen die Saale endet hier die Querfurter Platte (Thüringische Grenzplatte), deren Muschelkalk meist von Tertiärschichten oder Diluvialgebilden bedeckt ist und außer dem westlichen der Unstrut zugewandten Steilrande nur bei Mücheln und Branderoda zu Tage tritt. Die flach gebuchteten Thäler der Laucha und Geisel sind hier am dichtesten mit Siedelungen besetzt, und in beide Thäler führen jetzt Eisenbahnen. Dort sind Lauchstädt (2100 Einw.) und Schafstädt (2800 Einw.), hier Mücheln (1600 Einw.) die einzigen Städte. Lauchstädt hat eine seit 1710 gefaßte erdig-salinische Eisenquelle (11° C.) und war früher Sommerresidenz der Herzöge von Sachsen-Merseburg. Während seiner höchsten Blütezeit war es oft Sommeraufenthalt von Karl August von Weimar und Goethe, die auch den Vorstellungen der weimarischen Schauspielergesellschaft auf der kleinen Bühne ([Abb. 9]) beiwohnten. Hier ging zuerst in Anwesenheit Schillers am 19. März 1803 die »Braut von Messina« über die Bretter, deren Proben Goethe geleitet hatte. Südlich des Geiselthales erhebt sich der 159 m hohe Janushügel bei dem Dorfe Roßbach, wo 1757 Friedrich der Große die Franzosen schlug.
Östlich von Merseburg winden sich in grünen weit ausgedehnten Auen die Arme der Luppe und Elster, die unterhalb Merseburgs ihre Wasser der Saale zuführen. Das rechte Saalufer bleibt nun flach bis zum kleinen aufstrebenden Solbade Dürrenberg (250 Einw.), dessen Salzwerk der Zechsteinformation angehört. Auf der östlich sich ausbreitenden Ebene liegen das Dorf Schladebach, bekannt wegen seines 1748 m tiefen Bohrloches, und die Stadt Lützen (3700 Einw.), wo 1632 Gustav Adolf von Schweden fiel und wo 1813 bis zum Dorfe Großgörschen zwischen den Verbündeten und den Franzosen gekämpft wurde. Oberhalb Dürrenberg treten leichte Böschungen zu engerer Umrandung der Saale zusammen. Auf dem Hochrande des linken Ufers liegt der Eisenbahnknotenpunkt Korbetha. Malerisch am rechten Saalufer erbaut ist Weißenfels (26000 Einw.), das seinen Namen vom »weißen Fels« hat, dem hell schimmernden Sandstein, der hier die Uferränder bildet. Die preußische Stadt wird vom Schlosse Neu-Augustusburg ([Abb. 10]) überragt, das von 1680–1746 die Residenz der Herzöge von Sachsen-Weißenfels war. In der lebhaften Industrie nimmt die Herstellung von Schuhwaren einen bedeutenden Rang ein. Den ersten Anstoß zum Aufschwung der Stadt gaben aber die reichen Braunkohlenlager der weiteren Umgebung. Von hier aus dehnt sich ein weites Gebiet über Teuchern (5400 Einw.) bis Stößen (1250 Einw.), Osterfeld (1700 Einw.), Hohenmölsen (3000 Einw.) und Zeitz aus, das außerordentlich reich an Braunkohlengruben ist und wo sich infolgedessen eine Großindustrie in der Herstellung von Solaröl, Teer und Paraffin entwickelt hat, deren Bedeutung sich an der Anlage mehrerer Eisenbahnlinien erkennen läßt. Die jährliche Kohlenförderung im Regierungsbezirk Merseburg beschäftigt etwa 13000 Arbeiter und bringt acht Mill. Tonnen im Werte von 18 Mill. Mark. Die seit 1815 preußische Stadt Zeitz (24800 Einw.) erhebt sich auf den Buntsandsteinhöhen am Südufer der weißen Elster und ist eine außerordentlich betriebsame Fabrikstadt, in deren Umgebung viele Braunkohlenwerke im Betrieb sind. Das ehemalige Bistum bestand nur von 968–1028, in welchem Jahre es nach Naumburg verlegt und dann Naumburg-Zeitz genannt wurde. Das Schloß Moritzburg (an Stelle des bischöflichen im XVII. Jahrhundert erbaut) ist jetzt Armen- und Besserungsanstalt.
Abb. 13. Bad Kösen.
(Nach einer Photographie von Junghanns und Koritzer, Leipzig-Meiningen.)
Naumburg. Weinbau.
Der schönste Teil des Saalethales ist sein mittlerer Teil von Naumburg bis Saalfeld, wo der Fluß im Muschelkalk und Buntsandstein sich ein geräumiges Bett gegraben hat. Schon oberhalb von Weißenfels mehren sich die alten Burgen, die von den Uferhöhen ins Thal hinunterleuchten und uns die Wichtigkeit dieses Flußstückes für den Verkehr erkennen lassen. Im allgemeinen sind die Orte am linken Ufer als Verteidigungsposten gegen die vordrängenden Slaven zu betrachten, während die Hauptpunkte am rechten Ufer zum Schutze der Straße dienten und zur Förderung der Slavenunterwerfung angelegt wurden. Am linken Ufer ist hoch oben Schloß Goseck erbaut, schon 899 eine Schutzburg gegen die Sorben, dann Sitz der sächsischen Pfalzgrafen. Im Jahre 1041 wurde Goseck in eine Benediktinerabtei umgewandelt und dort in Basilikenform eine kleine Kirche erbaut. Heute ist Goseck ein epheuumrankter Gutssitz, von dessen üppigen Gartenanlagen aus man herrliche Blicke ins Saalthal hat. Gegenüber am rechten Ufer erhebt sich der alte Turm der Schönburg (Sconinburg = schöne Burg), 1062 vom Landgrafen Ludwig dem Springer erbaut und später zum Hochstifte Naumburg gehörig. Als die Burgvögte sich aber dem Räuberhandwerk ergaben, wurde die Burg 1446 zerstört. Unweit mündet das Thal der Wethau, das bis zum Buntsandstein einschneidet und im unteren Teile kräftige Formen zeigt. Der Thalgrund ist mit Wiesen erfüllt, die Hänge mit einzelnen Baumgruppen geschmückt; im oberen Teile verflacht es sich und führt langsam zur Höhe von Eisenberg, einer welligen Fläche mit vorwiegendem Landbau; bewaldete Thalränder oder flache bewaldete Kuppen verleihen der Landschaft abwechslungsvollen Reiz.
Abb. 14. Die Rudelsburg und Saaleck.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
An der Unstrutmündung erreicht die grüne Saalaue eine Breite von 1–2 km. Hier liegt auf der Höhe der Muschelkalkplatte am rechten Saalufer Naumburg (21200 Einw.), einst der Sitz des von Zeitz hierher verlegten Bistums und ein Mittelpunkt für die Ausbreitung des Christentums nach dem Osten. 1534 kam es an Sachsen und 1815 nach den Beschlüssen des Wiener Kongresses an Preußen. An die alte Zeit erinnert der schöne im XIII. Jahrhundert im romanisch-gotischen Übergangsstil erbaute Dom. An der Stelle des heutigen Oberlandsgerichts stand die vom Markgraf Eckard von Meißen zu Ausgang des X. Jahrhunderts gegründete Neue Burg (= Naumburg). Die Stadt ([Abb. 11]) hatte früher bedeutende Messen, erfreut sich jetzt lebhafter Industrie und treibt mit großem Erfolg Obst-, Gemüse- und Weinbau.
Abb. 15. Dornburg um 1650 (nach dem gleichzeitigen Stich von Merian).
Abb. 16. Dornburg.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
Von hier saalaufwärts bis in die Gegend von Jena und an der unteren Unstrut hat die Anlage von Weinbergen, die mit ihren kleinen Wachthäuschen hoch an den Muschelkalkwänden hinaufreichen, der Gegend ein besonderes Gepräge gegeben; der Ertrag wird meist zu Schaumweinen verarbeitet. Es sind dies solche Gebiete, die eine wirkliche mittlere Jahrestemperatur von 8–9°C. haben, deren Sommerwärme aber noch beträchtlich erhöht wird durch ihre offene Lage nach Süden, wodurch eine außerordentlich wirksame Sonnenbestrahlung ermöglicht ist. Trotzdem haben die Weingelände der thüringischen Staaten und der Provinz Sachsen zusammen nur eine Ausdehnung von wenig mehr als zehn Quadratkilometern. Matthias Claudius, der »Wandsbecker Bote« und gemütvolle Volksschriftsteller, hatte freilich keine große Meinung vom Thüringer Rebensaft.
Thüringens Berge zum Exempel bringen
Gewächs, sieht aus wie Wein,
Ist's aber nicht; man kann dabei nicht singen,
Dabei nicht fröhlich sein.
Abb. 17. Johannisthor in Jena.
Die Chroniken des Mittelalters berichten vom Reifen der Trauben, viel häufiger aber vom Mißraten des Weins. Und doch war der Weinbau auf sonnenwarmen Geländen viel verbreiteter als heute, nicht allein im Camburgischen, sondern es grünten auch Rebengarten im Werrathale. Im XVI. Jahrhundert wurde in den Fluren von Saalfeld, Römhild und Meiningen Eigenbau gekeltert. Der Stadtrat von Pößneck verkaufte im Jahre 1464 etwa 2000 Eimer Landwein, und obwohl er die Kanne zu vier Pfennigen abgab, hatte er doch noch einen Gewinn von 472 Schock Groschen! Klöster, Städte und Fürsten pflegten den Weinbau in der Absicht auf Gewinn; Bürger und Bauern aber deshalb, weil sie kein besseres Getränk hatten und dabei mehr auf die Menge als auf den Geschmack achteten. Hier knüpft vielleicht das Sprichwort »Sauer macht lustig« an, sowie im XVII. Jahrhundert ein Kenner von den Meininger Weinbergen als von einer Gegend sprach, »wo weinend die Berge Naturweinessig erzeugen«.
Abb. 18. Jena um 1610 (nach einem gleichzeitigen Stiche von Kehr).
Schulpforta.
Am Fuße des buchenbestandenen Knabenberges liegt wie ein schmuckes kleines Städtchen Schulpforta ([Abb. 12]), im Jahre 1137 als Cistercienserkloster St. Marien zur Pforte gegründet. Das Kloster hatte reiche Zuwendungen an Wald und Feld, Wiesen, Mühlen, Weinbergen und Geld, die Mönche mußten aber nach vier Jahrhunderten von dannen ziehen. 1543 wurde Pforta vom Herzog Moritz von Sachsen in eine Lehranstalt umgewandelt, aus welcher viele hervorragende Männer hervorgingen. In Erinnerung an Klopstock, der einst hier auf der Schulbank gesessen, schrieb Goethe:
An dem stillbegrenzten Orte
Bilde dich, so wie's gebührt;
Jüngling, öffne dir die Pforte,
Die ins weite Leben führt!
Der Name Pforte wird aber auch auf die Furt (vorte) von Almerich (Alteburg) bezogen, nach der von Naumburg her eine durch zwei burgähnliche Anlagen geschützte Beistraße führte, um aus der linken Seite der Saale in den Königsweg (strata regia) einzumünden. Dieser Königsweg ist die alte Leipzig-Frankfurter Straße, die über Merseburg, Freyburg an der Unstrut, Erfurt und Eisenach führte. Erst im XV. Jahrhundert wurde die Straße über Kösen geführt, da die steinerne Brücke erst 1404 erbaut wurde und zur Gründungszeit des Klosters Pforta (1137) noch nicht bestand. Im XII. und XIII. Jahrhundert bewegte sich der Hauptverkehr von Naumburg auf der Buchstraße, die auf der Höhe bei Heiligenkreuz sich gabelte, um als oberländische oder Regensburger Straße über Eisenberg, Gera, Hof nach Regensburg zu führen, anderseits über Camburg im Saalthale aufwärts nach Saalfeld und über den Thüringerwald nach Nürnberg zu ziehen. Die Namen der Dörfer Flemmingen erinnern an die holländischen (vlämischen) Ansiedler, die in frühester Zeit zur Hebung des Landbaues, besonders der versumpften Thalflächen, herbeigerufen wurden.
Kösen.
An der Stelle einer alten Slavenniederlassung liegt in engem Thalkessel das preußische Städtchen Kösen (2800 Einw.), dessen 1686 entdeckte Salzquellen dem Muschelkalk entspringen. Sie sind seit 1731 im Betrieb, werden jetzt aber nur für Kurzwecke benützt, wodurch der Ort, der erst seit 1868 Stadt wurde, sich zum viel besuchten Solbade ([Abb. 13]) entwickelt hat. Wegen seiner Lage am engen Saaldurchbruche, dem Passe von Kösen oder der Kösener Pforte, war der Platz auch kriegsgeschichtlich von Bedeutung. Nächst der Fährstelle zur Katze (vom slav. kaza = wild, reißend) windet sich der Pfad hinauf zu der auf steilem Muschelkalkfels 85 m hoch über den Schlangenwindungen der Saale thronenden Rudelsburg ([Abb. 14]), einer aus dem XII. Jahrhundert stammenden Feste, die mit ihrer Vorburg Saaleck, wovon nur noch zwei Türme sichtbar sind, eine bedeutende Wacht- und Verteidigungsstätte am wendischen Grenzgebiete war. Im 30jährigen Kriege zerstört, wurde sie später zum Teil erneuert, so daß sie jetzt zu einer der schönsten und viel besuchtesten Ruinen Deutschlands gehört. Auf dem Platze innerhalb der äußersten Burgmauer erheben sich die Denkmäler für Kaiser Wilhelm I., für die im Kriege 1870/71 gefallenen Verbindungsstudenten und für Bismarck als Student. Geschichte und Sage haben um die alte Burg ihre Kränze geschlungen und durch die geborstenen Hallen wird noch lange das Lied tönen, das Franz Kugler hier oben dichtete:
»An der Saale hellem Strande
Stehen Burgen stolz und kühn.«
Dornburg.
Bei Großheringen biegt das Saalthal in scharfem Winkel nach Süden um, und nun entwickeln sich ganz eigenartige Landschaftsbilder, ausgezeichnet durch die steil abfallenden Muschelkalkberge, die das Thal bis südlich von Jena umschließen. Das meiningische Städtchen Camburg (2800 Einw.) liegt in einer freundlichen Thalung, umkränzt von Wein- und Obstgeländen und überragt vom altersgrauen Matzturm. Hoch über dem Dorf Naschhausen schimmern von der Felskante drei weimarische Fürstenschlösser ins Thal, die Schlösser von Dornburg, während das Landstädtchen Dornburg (670 Einw.) hinter Gartenbäumen auf der Hochfläche versteckt liegt, 125 m über der Saale. Das nördliche Schloß ist die eigentliche Burg, an die sich die Geschichte Dornburgs anknüpft, und stammt in der Hauptsache aus dem Anfange des XVI. Jahrhunderts. [Abb. 15] gibt eine Darstellung des Schlosses im Jahre 1631: Kroaten, die das Schloß geplündert und die Herzogin verwundet hatten, werden von herbeigeeilten Landleuten und Soldaten die Felsen hinabgejagt. Das mittlere oder neue Schloß wurde erst im XVIII. Jahrhundert an Stelle von 22 Privathäusern im Rokokostil errichtet. Das südliche Schloß ist das Stohmannsche oder kleine Schlößchen, im XVI. Jahrhundert in der Blütezeit der deutschen Renaissance entstanden. Über der Eingangsthür ist ein wohl erst anfangs des XVII. Jahrhunderts eingefügter lateinischer Spruch vorhanden, den Goethe mit den Worten übersetzte.
»Freudig trete herein, und froh entferne dich wieder!
Ziehst du als Wandrer vorbei, segne die Pfade dir Gott!«
Abb. 19. Jena.
(Nach einer Photographie von Junghanns und Koritzer, Leipzig-Meiningen.)
Die drei Schlösser ([Abb. 16]), umgeben von üppigen Gärten, gewähren reizvolle Blicke ins Saalthal und in die Landschaft. Goethe hat hier oft geweilt, um Ruhe und Frieden zu suchen, und schilderte mit warmer Empfindung den Ausblick ins Thal:
»Weithin gestreckte, der belebenden Sonne zugewendete, hinabwärts gepflanzte, tief grünende Weinhügel; aufwärts an Mauergeländern üppige Reben.... Von diesen würdigen landesherrlichen Höhen sah ich ferner in einem anmutigen Thale so vieles, was, dem Bedürfnis des Menschen entsprechend, in allen Landen weit und breit sich wiederholt. Ich sehe zu Dörfern versammelte ländliche Wohnsitze, durch Gartenbeete und Baumgruppen gesondert; einen Fluß, der sich vielfach durch Wiesen zieht; Wehr, Mühlen, Brücken folgen aufeinander; die Wege verbinden sich auf- und absteigend. Gegenüber erstrecken sich Felder an wohlbebauten Hügeln bis an die steilen Waldungen hinan, bunt anzuschauen nach Verschiedenheit der Aussaat und des Reifegrades. Büsche hie und da zerstreut, dort zu schattigen Bäumen zusammengezogen.«
Abb. 20. Burgkeller in Jena.
Tautenburg. Bürgel.
Jenseits der blendenden Muschelkalkhöhen des Ostufers liegt ins Grün gebettet das rings von herrlichem Buchenwald umgebene Dorf Tautenburg, mit den Resten eines Bergschlosses, das einst der Sitz des Geschlechts der Schenken von Tautenburg war. Es steht nur noch der alte dachlose Bergfried, rings von Schutt umgeben, während das im XIV. Jahrhundert erbaute Schloß abgebrochen und aus seinen Steinen das Schloß Frauenprießnitz errichtet wurde. Vom Saalufer führt das Thal des Gleisbachs hinauf zum weimarischen Städtchen Bürgel (1650 Einw.), in dessen Nähe reiche Thonlager vorhanden sind, die das Material für die bekannten Bürgeler Töpferwaren liefern. Das benachbarte Thalbürgel, auch Kloster Bürgel genannt, ist berühmt wegen des 1133 gegründeten Benediktinermönchklosters, das aber 1525 aufgehoben wurde. Die Kirche, zum Teil Ruine des Klosters, wurde 1142 als romanische dreischiffige Pfeilerbasilika gebaut und erlitt später mehrere gotische Veränderungen.
Jena.
Weiter aufwärts im lieblichen Saalthale bauten seit 1170 die Mönche von St. Marien von der Pforte in Porstendorf (Bosindorf) die hochgeschätzten »Borsdorfer« Äpfel. Gegenüber von Kunitz, über dem die Mauerreste der Kunitzburg ins Thal blicken, bestand in Zwätzen eine Kommende des deutschen Ordens; jetzt ist die Komthurei in eine landwirtschaftliche Musterwirtschaft umgewandelt. Weit liegt am linken Saaleufer die Stadt Jena (15500 Einw.) ausgebreitet, auf beiden Uferseiten bewacht von hellfarbigen Kalkbergen. Jena ist einer der hervorragendsten geistigen Mittelpunkte Thüringens, wo sich Nachklänge einer großen Vergangenheit einen mit den jugendfrohen Lebensäußerungen der Gegenwart, und ein eigentümlicher Liebreiz ist der Stadt geblieben trotz winkeliger Gassen und hochgiebliger Häuser ([Abb. 17]). Schon Goethe lobte den Ort in seinen »Lustigen von Weimar«:
»Donnerstag nach Belvedere,
Freitag geht's nach Jena fort:
Denn das ist, bei meiner Ehre,
Doch ein allerliebster Ort!«
Unsere Abbildungen [18] und [19] zeigen die Veränderungen des Stadtbildes in 300 Jahren, für welche die Hochschule von erheblicher Bedeutung wurde. Die Universität, von Johann Friedrich dem Großmütigen gestiftet, wurde 1558 eingeweiht und erfreut sich noch heute einer dauernden Blüte, obwohl sie am Ende des XVIII. Jahrhunderts einen dreimal größeren Studentenbesuch hatte; die Bibliothek umfaßt 220000 Bände. An vielen Häusern erzählen uns kleine Gedenktafeln von den Geistesgrößen, die da gewohnt und gelehrt haben. Arndt, Schelling, Fichte, Goethe, der oft hier weilte, und vor allem Schiller, der 1789 als Professor der Philosophie und Geschichte nach Jena berufen wurde und hier 10 Jahre blieb. Im ehemaligen Schillerschen Garten erhebt sich jetzt die neue Sternwarte und eine Büste des Dichters, daneben steht auf einem Granitblock die Inschrift: Hier schrieb Schiller den Wallenstein 1798. Die Stadt- oder Michaeliskirche, 1301 eine Niederlassung des Cistercienser-Nonnenklosters in Roda, ist eine der größten Kirchen Thüringens. Ein mit der Studentenschaft in enger Verbindung stehendes Haus ist der Burgkeller ([Abb. 20]), um 1546 in derber Hochrenaissance erbaut. In die fröhliche Studentenzeit zurück führt die Bezeichnung der sieben Wunder Jenas: ara (Durchgang unter dem Altar der Stadtkirche), caput (der Schnapphans an der Rathausuhr), draco (von Studenten im XVII. Jahrhundert zum Scherz zusammengestelltes skelettartiges Gebilde), mons (der Hausberg), pons (die Camsdorfer Brücke), vulpecula turris (der Fuchsturm), Weigeliana domus (das Weigelsche Haus in der Johannisgasse, jetzt abgebrochen). Als die jugendlichen Kämpfer der Musenstadt aus den Freiheitskriegen zu ihren Studien zurückkehrten, gründeten sie zu warmer Pflege der Vaterlandsliebe die Burschenschaft, die ihnen in den nächsten Jahren so viele Verfolgungen bringen sollte. Zur Erinnerung daran wurde 1883 das Burschenschaftsdenkmal ([Abb. 21]) errichtet, ein Student in der Tracht von 1817, Fahne und Schwert haltend, ein schönes Marmorwerk von Donndorf. Industriell bedeutend ist die optische Werkstatt von Zeiß, die einschließlich der Glashütte über 1000 Arbeiter beschäftigt und eine der ersten Anstalten dieser Art in Deutschland ist.
Abb. 21. Burschenschaftsdenkmal in Jena.
Von der Höhe des Forstes genießt man den besten Überblick über die Landschaft: die Kalkhöhen des Jenzig, Hausbergs, der Kernberge, durch scharfe Thäler voneinander getrennt; die weißbiergesegneten Dörfer Ziegenhain, Lichtenhain ([Abb. 22]) und Wöllnitz; nach dem kleinen Dorfkirchlein von Wenigenjena, wo sich Schiller mit seiner Lotte trauen ließ. Im Walde, wo sternförmig eine Anzahl Schneißen zusammengehen, hat man ein anmutiges Bild der alten Saalefesten, durch je eine Waldstraße erblickt man die Kunitzburg, den Fuchsturm (der letzte Rest der drei Hausbergburgen, Abb. 23) die Lobedaburg, die Leuchtenburg bei Kahla. Steil ragen die Muschelkalkberge stufenweise über die Waldflächen des Sandsteins. Trotz ihrer Pflanzenarmut sind sie von malerischem Reiz, wenn sie sonnenbestrahlt in leuchtenden Farben prangen.
Abb. 22. Lichtenhain.
Roda. Eisenberg.
Oberhalb des weimarischen Städtchens Lobeda (900 Einw.) zieht rechtwinklig zum Saalthale das Thal der Roda aufwärts, an deren Ufer die altenburgische Stadt Roda (3700 Einw.) liegt, eine stille Sommerfrische; weiter östlich setzt sich das untere Rodathal im lieblichen Zeitzgrund fort. Beide in die Sandsteinplatte eingewaschene Thäler werden von der Eisenbahn benutzt, die dann über die 340 m hohe Wasserscheide und vorüber an dem an Sandsteinbrüchen reichen Kraftsdorf nach dem Elsterthale führt. Von hier aus südlich herrscht, abgesehen von den Muschelkalkschollen bei Kahla und Saalfeld, Sandstein vor bis an den Saalfeld-Pößnecker Zechsteingürtel. Im Gegensatze zu den steilen Formen des Muschelkalkes zeigt der Sandstein sanfte abgerundete Formen und ist ausgezeichnet durch große Fichten- und Kiefernbestände, die nördlich fast bis zur altenburgischen Stadt Eisenberg (8000 Einw.) reichen. Eisenberg liegt auf einem Sandsteinkegel, hat ein altes Schloß (Christiansburg) und lebhafte Industrie. Eine Zweigbahn führt ins Thal der Rauda bis Krossen; aufwärts ist das Raudathal ein hübsches Waldthal, wegen zahlreicher Wassermühlen auch Mühlthal genannt, und führt bis zu den Sommerfrischen Klosterlausnitz (1600 Einw.) und Hermsdorf (2200 Einw.). Südlich von Roda führt das Thal des roten Hofbaches nach dem kleinen Lustschlosse »Fröhliche Wiederkunft«; westlich davon bei Hummelshain steht in prachtvoller Waldumrahmung ein neues Schloß ([Abb. 24]) des Herzogs von Altenburg.
Kahla. Orlamünde.
Die altenburgische Stadt Kahla (4400 Einw.) war früher stark befestigt und hat heute bedeutende Porzellanfabrikation, die 800 Arbeiter beschäftigt. Der Dohlenstein mit den Schutthalden zweier Bergrutsche ([Abb. 25]) und der 400 m hohe Kegel der Leuchtenburg sind getrennte Muschelkalkinseln an der rechten Thalflanke. Die Leuchtenburg ist wohl ursprünglich im IX. Jahrhundert als Schutzburg gebaut, später oft zerstört und wieder aufgebaut worden und bildet heute ein stolzes Wahrzeichen der mittleren Saalgegend. Hoch auf dem Sandsteinrande gegenüber der Orlamündung liegt das altenburgische Städtchen Orlamünde (1400 Einw.). Innerhalb der Ruinen der alten Stadtbefestigung steht die Kemnate, der letzte Rest der alten Grafenburg, wo einst das Geschlecht der im XVI. Jahrhundert erloschenen Grafen von Orlamünde hauste. An dieses Geschlecht knüpft sich die Sage von der weißen Frau an, der Gräfin Kunigunde, die in verblendeter Liebe zum schönen Burggrafen Albrecht von Nürnberg ihre beiden Kinder tötete und wegen ihrer Schuld selbst nach dem Tode keine Ruhe finden konnte, sondern da und dort als »weiße Frau« erschien. Die Orla mündete in alter Zeit bei Saalfeld in die Saale, ehe jener Nebenfluß, der jetzt den Unterlauf der Orla bildet, rückwärts einschneidend die Veranlassung gab, daß die Orla nun von Pößneck nach Orlamünde durchbrach und in der Richtung nach Saalfeld die Thalwasserscheide von Könitz gebildet wurde.
Das soeben beschriebene Gebiet des aus Buntsandstein bestehenden Südteiles der Saaleplatte bildet ungefähr den Westkreis des Herzogtums Altenburg, das »Altenburger Holzland«, das 44 vom Hundert seiner Fläche mit Wald, meistens Nadelwald, bewachsen hat. Das Klima ist hier rauher als im altenburgischen Ostkreise, dem Holzwuchse aber nicht ungünstig. Ein großer Teil der Bevölkerung lebt hier vom Walde, d. h. von der Zubereitung von Hölzern für gewerbliche Zwecke und von der Herstellung allerlei Holzgerätschaften, besonders in Klosterlausnitz. Dieses »Holzland« hat nur 46 vom Hundert seiner Fläche Äcker und Gärten, und nur sieben vom Hundert Wiesen, die sich meist auf die flachen Thalungen beschränken.
Rudolstadt.
Aus grüner Saalaue erhebt sich Rudolstadt (12000 Einw.), die freundliche Hauptstadt des Fürstentums Schwarzburg-Rudolstadt (Abb. 26). Die Stadt wird urkundlich zuerst im Jahre 800 als Eigentum des Klosters Hersfeld erwähnt, 1227 als Besitz des Grafen von Orlamünde; 1335 kam sie an die Grafen von Schwarzburg. Sie wird überragt vom Residenzschloß Heidecksburg, das sich weithin sichtbar auf dem 50 m hohen Vorberge des hinter dem Schloß noch weiter ansteigenden Hainberges erhebt, der die Saale vom Wüstenbach trennt. Schon im XVIII. Jahrhundert blühten hier verschiedene Industriezweige, besonders Porzellanherstellung und Glockengießerei, die ganz Thüringen mit Glocken versorgte und wo Schiller seine Studien für die »Glocke« gemacht haben soll. Schiller kam zuerst 1787 nach Rudolstadt und nahm 1788 seinen Sommeraufenthalt im benachbarten Dorfe Volkstedt (1570 Einw.). Abends war er meist in Rudolstadt bei der ihm befreundeten Frau von Lengefeld, deren Tochter Charlotte er später als Gattin heimführte. Am rechten Saalufer gegenüber Volkstedt erhebt sich ein Fels, an dessen Wand zu Ehren des Dichters seine Büste angebracht wurde, seitdem ist diese »Schillerhöhe« ([Abb. 27]) ein viel besuchter Platz geworden.
Abb. 23. Fuchsturm bei Jena.
Saalfeld.
In geringer, nur einige Kilometer betragender Entfernung von Rudolstadt mündet bei Schwarza (1300 Einw.) die klare ehemals goldführende Schwarza in die Saale. In freundlicher Thalweite liegt an den Ufern der Saale die meiningische Stadt Saalfeld (10000 Einw.), eine der ältesten Städte Thüringens ([Abb. 28]) und einst im Schutze der Sorbenburg entstanden ([Abb. 29]). Sie war der befestigte Mittelpunkt des alten Orlagaus und lange Zeit von gemischter thüringischer und sorbischer Bevölkerung bewohnt. Ein lebhafter Marktverkehr blühte, begünstigt vom Flußverkehr und dem benachbarten Bergwerksbetrieb, obwohl spätere Jahrhunderte wiederholte Zerstörungen brachten. Der Erzbischof Anno von Köln gründete hier 1071 eine Benediktinerabtei, an deren Stelle in der zweiten Hälfte des XVII. Jahrhunderts das herzogliche Schloß gebaut wurde. Das Franziskanerkloster nahm 1578 bis 1579 die Universität auf, als Professoren und Studenten wegen einer schweren Seuche aus Jena flüchteten. Malerisch schaut mit seinen Ziergiebeln das aus dem XIV. Jahrhundert stammende Schlößchen Kitzerstein ins Flußthal herab. Die benachbarte Sorbenburg oder Hohenschwarm ist wohl im X. oder XI. Jahrhundert erbaut worden, wurde aber seit dem XVI. Jahrhundert zur Ruine, die mit ihren beiden Türmen ein sehr wirkungsvolles Bild gibt. Der Befestigungskranz der Stadt wurde in der zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts begonnen, entspricht im übrigen jedoch den Anlagen des XV. und XVI. Jahrhunderts. Aus dem XVI. Jahrhundert stammt auch das schöne mit Treppenturm, Giebeln und Dachtürmen geschmückte Rathaus, eine Verschmelzung von Spätgotik mit Frührenaissance. Wie überall trat auch hier infolge des dreißigjährigen Krieges ein betrübender Niedergang ein, und erst im XIX. Jahrhundert kam die Zeit eines erneuten Aufschwunges und reger Industriethätigkeit. Nördlich von Saalfeld erhebt sich der 482 m hohe Muschelkalkkegel des Kulm, von dessen 19 m hohem Aussichtsturm sich eine weite Rundsicht erschließt, im Norden bis zum Fuchsturm bei Jena, im Westen bis zur dunklen Kuppe des Kickelhahnes bei Ilmenau, nach Osten bis Ranis und Hummelshain. Der ganze sich von hier aus nach Osten ausdehnende Höhenzug heißt die Heide, eine Sandsteinplatte von durchschnittlich 400 m Höhe und durch Flußläufe in ein Hügelland aufgelöst.
Abb. 24. Schloß Hummelshain.
Einen außerordentlich lehrreichen Aufschluß des Geländes sieht man oberhalb Saalfelds bei Obernitz: stark verbogene devonische Schichten, deren von der alten Meeresbrandung zerstörte Oberfläche beinahe wagerecht von Zechstein überlagert ist. Die Schichtenbiegungen der devonischen Kalke und Schiefer stammen aus der Zeit der oberen Steinkohle. Damals bildeten diese Falten die hohen und langen Gebirgsketten der mitteldeutschen Alpen, von denen jetzt nur noch das Fundament vorhanden ist. Über die eingeebnete Faltenruine sind die Zechsteinkalke hingebreitet. Der ausgedehnte Zechsteingürtel, der fast den ganzen Rand des Thüringerwaldes begleitet, erscheint hier in erheblicher Breite und streicht über Pößneck bis gegen Gera, die nördliche Sandsteinplatte trennend von der südlich auftretenden unteren Karbonformation, die sich meist aus Schiefern und Grauwacken zusammensetzt. Der Zechstein, eine vorherrschende Kalkablagerung, hat seinen Namen von den Zechen, den Häuschen der Bergleute, was schon darauf hinweist, daß in seinem Gebiete ein lebhafter Bergbau betrieben wird, in der Gegend von Saalfeld bis Ranis schon von alters her. Am wichtigsten sind die Eisenwerke von Kamsdorf, Unter-Wellenborn und Röblitz. Der Zechsteingürtel bildet hier eine Senke, die schon früh verkehrswichtig war und die auch den Weg vorschrieb für die Eisenbahn Saalfeld-Weida.
Abb. 25. Kahla mit der Leuchtenburg.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
Pößneck.
Der rudolstädtische Marktflecken Könitz (800 Einw.) wird von einem im XVI. Jahrhundert erbauten Schlosse überragt, ehemals eine Besitzung der deutschen Könige. Das Städtchen Ranis (2000 Einw.) gehört zum preußischen Kreise Ziegenrück und liegt zu Füßen der alten malerischen Burg Ranis. Ein wichtiger Industrieplatz ist die meiningische Stadt Pößneck (11000 Einw.) geworden, nach dieser Richtung hin »die Krone der meiningischen Städte« genannt ([Abb. 30]). Schon seit dem Mittelalter blüht hier die Tuch- und Lederfabrikation, denen in neuerer Zeit noch Flanellherstellung (jährlicher Umsatz zwölf Millionen Mark), besonders aber Porzellanfabriken (darunter eine mit 800 Arbeitern) und Schokoladefabrikation (die etwa 1000 Arbeiter beschäftigt) zugesellt wurden. Die alte Stadtkirche stammt aus dem XIV., das mit zierlicher Freitreppe versehene gotische Rathaus ([Abb. 31]) aus dem XV. Jahrhundert. Beachtenswert sind in nächster Nähe der Stadt die mit Fichten bestandenen wallartigen Höhen der Altenburg und der Haselberge, Dolomitriffe, die nun aus der gesunkenen Zechsteinumgebung aufragen (s. [Abb. 30]).
Neustadt. Triptis.
Von Wichtigkeit ist auch die weimarische Kreisstadt Neustadt an der Orla (6000 Einw.), mit hübschem, später durch Anbauten entstellten Rathaus aus dem Anfange des XV. Jahrhunderts. Südlich der Stadt liegt das Dörfchen Arnshaugk mit einem Schlosse, das an der Stelle des alten Stammsitzes der Ende des XIII. Jahrhunderts ausgestorbenen Grafen Arnshaugk erbaut ist. An der oberen Orla liegt das weimarische Städtchen Triptis (2250 Einw.), wo eine Bahn nach der auch als Sommerfrische besuchten weimarischen Stadt Auma (2500 Einw.) und dann über Ziegenrück nach Blankenstein läuft. Triptis liegt 368 m hoch über dem Meere; in ähnlicher Höhe überschreitet die nach Nordosten führende Bahn die Wasserscheide zwischen Saale und Elster.
Saaleoberlauf.
Von waldigen Bergen umrahmt, mündet bei Eichicht (450 Einw.) die Loquitz in die Saale, die hier ihren Oberlauf beginnt. Die Landschaft zeigt hier völlig veränderte Formen, da der Fluß in außerordentlich zahlreichen Krümmungen sich nun in das Schiefergebirge sein Bett gegraben hat. Steile Wände bilden die Thalränder, oft ragen die dunklen Felsen aus dem Nadelwald hervor und engen den Fluß ein, so daß fast nirgends Raum für eine Straße bleibt. Nur an wenigen Stellen wird der Fluß von Brücken überschritten, da im engen Thale auch keine Orte erbaut werden konnten. Nur an der Mündung des Drebabaches winden sich die schmalen Häuserzeilen der preußischen Kreisstadt Ziegenrück (1200 Einw.) empor, überragt vom alten Schlosse. Die Holzausbeute der weit ausgedehnten Wälder wird hier gesammelt und dann nach Camburg oder Kösen verflößt. Beachtenswert sind bei Ziegenrück wie bei Saalfeld altdiluviale Schotterlager mit oligozänen Quarzgeröllen, auf Höhenstufen liegend, die sich 115–130 m über dem heutigen Wasserspiegel befinden. Von dieser Höhe also hat sich der Fluß die Thalrinne ausgenagt, in der er heute fließt. Eine neue dem rechten Ufer folgende Straße führt nach dem Luftkurort Walsburg, gegenüber der Mündung des Wiesenthales.
Alter Bergbau.
Ein Seitenstück zu Schwarzburg in Bezug auf landschaftliche Schönheit bietet Schloß Burgk, das hoch auf einer bewaldeten von der Saale umspülten Felshöhe thront. Das Schloß erhielt seine jetzige Gestalt erst im XV. Jahrhundert, während die frühere Burg weiter südlich und näher dem Flusse lag. Am Flusse liegt der Burgkhammer, früher ein bedeutendes Eisenwerk, heute eine Sägemühle, zu der durch den Schloßberg von einer der oberen Saalwindungen ein Kanal geleitet ist. Viele Ortsnamen mit der Endung »hammer« deuten auf alten Bergbau hin. Am frühesten, etwa bis zum XIII. oder XIV. Jahrhundert, dürfte eine Bergbauthätigkeit in den Seifenarbeiten auf Gold und Zinn gewesen sein, also die im Erdreich vorhandenen Metallteilchen durch Wasser zu gewinnen. Dann gab es überall in Thüringen eine Blütezeit des Bergbaues, der aber zu Beginn des dreißigjährigen Krieges zu Grunde ging. An der oberen Saale wurden Stahlhütten betrieben und allein im Bergwerksgebiete des reußischen Landes waren über vierhundert Gruben im Abbau, dabei 319 auf Eisen, die übrigen auf Gold, Silber, Antimon, Kupfer, Blei und Alaun. Die Saale hat hier überall den Charakter eines in das Schiefergebirge eingeschnittenen Plateauflusses, der den größeren Rheinzuflüssen ähnelt und auch hohe landschaftliche Schönheiten aufweist, außer der Umgebung von Burgk besonders erwähnenswert die Abstürze des Heinrichsteins bei Gottliebsthal. Auch wo die Zuflüsse in engen Thälern rauschen, geben sie für größere Siedelungen keinen Raum, aber sie zerschneiden die Stufenplatten des Geländes, das dadurch einen reich gegliederten reizvollen Anblick bietet. Wir finden deshalb im ganzen Südosten Thüringens die meisten Orte auf der Höhe gelegen, im Gegensatze zum westlichen Thüringerwald, wo das Gebirge als Kamm ausgebildet ist und die Ortschaften meist in den anmutigen Thälern gebaut sind.
Abb. 26. Rudolstadt.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
Hirschberg.
Das zu Reuß jüngere Linie gehörige Saalburg (860 Einw.) ist ein von Obstgärten umgebenes ärmliches Städtchen, in dessen Nähe Marmor gebrochen wird, der zur Silurformation gehört. Zusammenhängend mit der alten Stadtbefestigung sind die Ruinen einer im XI. Jahrhundert gegen die Sorben erbauten Burg. Saalburg war eine Hauptstation an der alten Frankenstraße Nürnberg-Leipzig, deshalb auch militärisch wichtig und von vielen Kriegszügen berührt. In der Nähe findet sich das Saalburger Eisloch, eine echte Eishöhle, im kleinen Bleiloch an den Bleibergen. Bei Saaldorf liegt in wildreichem Nadelwald das Jagdschloß Weidmannsheil; unweit davon überschreitet eine feste Brücke die Saale bei Gottliebsthal, gleich wie Haueisen aus einer Zeche entstanden. Auch der weiter oberhalb am Flusse liegende Lemnitzhammer ist heute kein Eisenwerk mehr, sondern liefert nur hölzerne Gebrauchsgegenstände. Bei dem kleinen Dorfe Blankenstein erreicht der Rennsteig, der auf der Höhe des Thüringerwaldes und Frankenwaldes entlang zieht, sein östliches Ende. Unterhalb des Dorfes mündet bei 411 m Höhe über dem Meere die Selbitz in die Saale. An den größten Flußkrümmungen bestehen jetzt immer öfter Thalweiten größerer Ausdehnung, die mit Wiesen bedeckt sind. Während das preußische Dorf Blankenberg mit seinem Schlosse noch auf der Höhe thront, reichen die Häuser des preußischen Dorfes Sparnberg schon bis an die Ufer herunter. Auch das reußische Städtchen Hirschberg (1800 Einw.) reicht bis ins Thal der Saale hinab. Auf einem Felskegel erhebt sich das Schloß, ehemals eine gegen die Sorben errichtete Befestigung. Von Blankenstein aus bildet die Saale die Grenze gegen Bayern, von der Mündung des Tann- oder Töpenerbaches verläuft das obere Saalthal nur in bayerischem Gebiete, an den Fichtenabhängen des Leuchtholzes noch einmal tief eingebettet, dann aber in flacherer Thalmulde, die von den Kuppen des umgebenden Tafellandes um nur 120 m überragt wird.
Abb. 27. Schillerhöhe bei Rudolstadt.
Hof.
Auf dieser Hochfläche liegt in 473 m Höhe (der Bahnhof liegt 505 m hoch) die bayerische Stadt Hof (27600 Einw.), die ein Mittelpunkt für Industrie und Verkehr geworden ist. Schon früh war sie der Hauptort des Regnitzlandes, erwachsen aus einem zum Schutze gegen die Slaven angelegten Hofe (Regnizi, Regnitzhof). In den Hussitenkriegen, im dreißigjährigen Kriege und in den Kämpfen am Anfange des XIX. Jahrhunderts wurde viel Wohlstand vernichtet, die Stadt blieb aber lebensfähig und erholte sich so bedeutend, daß ihre Einwohnerzahl in den letzten dreißig Jahren sich fast verdreifachte. Schon im XVI. Jahrhundert entwickelte sich die Gewebeindustrie, die Hof zum Hauptplatz der oberfränkischen Woll- und Baumwollindustrie gemacht hat. Die Spinnereien haben etwa 200000 Spindeln, die Webereien 1900 Stühle im Betrieb. Wichtige Straßenzüge laufen hier zusammen, Verbindungen von Nord nach Süd mit Abzweigungen nach Westen (Franken) und Osten (Böhmen), die ihren Ausdruck auch in der Anlage von Eisenbahnen gefunden haben. Am obersten Saallaufe sind noch erwähnenswert der Flecken Oberkotzau (2100 Einw.) am Einflusse der Schwesnitz, das Städtchen Schwarzenbach (3900 Einw.), schon in offenem Hügellande liegend, und der Flecken Zell (650 Einw.). Nur wenige Kilometer oberhalb Zell entspringt die Saale in einer Meereshöhe von 728 m an der Südwestflanke des Waldsteins (878 m hoch), der mit seinem Granitwall die nördlichste Umrahmung des Fichtelgebirgmassivs bildet und auf seinen Höhen prächtigen Fichtenwald trägt.
Abb. 28. Saalfeld.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
Abb. 29. Saalfeld um 1650 (nach Merian).
V.
Osterland.
Von der Saale nach Osten zeigt die Landschaft eine mannigfaltigere Gliederung. Grüne Flußthäler haben volkreiche Orte entstehen lassen, die um so mehr Industrie treiben, je bequemer sie an den Hauptadern des großen Verkehrs liegen. Die Wälder bedecken nicht mehr unabsehbare weite Flächen, sondern sind in dem abgestuften Gelände eingeschränkt und machen großen Feldern Raum, die ihre fruchtbarsten Gebiete in den größten Thälern haben.
Ungefähr ein Dreieck mit den Spitzen Saalfeld, Hof und Altenburg schließt das Osterländische oder Vogtländische Stufenland ein, das sich nach Norden zum oben beschriebenen Saalfeld-Neustädter Zechsteingürtel, sowie nach Osten zum Elsterthale hin langsam abdacht. Es ist das alte Grenzgebiet gegen das Königreich Sachsen hin und zeigt von den altpaläozoischen Schichten aufwärts bis zum Kulm eine bedeutende Faltung, vorzugsweise in der Richtung von Südwest nach Nordost. Das ganze Gebiet ist eine plateauartige Hügellandschaft, zerschnitten von einer großen Zahl weit verzweigter Thäler, die nur in den tiefen Einschnitten der Elster, Göltzsch und Weida einen gebirgigen Eindruck hervorrufen. Der Haupterhebungssattel dieses ostthüringischen Gebietes ist ein Kambriumstreifen, der sich in einer Breite von 8–11 km von Südwest nach Nordost erstreckt, hier aber unter das Rotliegende des Erzgebirgischen Beckens untertaucht, nach Südwesten sich aber fortsetzt bis zur oberen Saale. Parallel zu diesem Hauptsattel steigt der weiter im Südosten gelegene Erzgebirgische Hauptsattel, und zwischen beiden liegt die etwa 11 km breite Vogtländische Hauptmulde, in welcher besonders devonische Ablagerungen vorhanden sind. Auch sie taucht nach Nordosten unter das Erzgebirgische Becken unter, ist jedoch südwestlich noch weiter zu verfolgen. Nordwestlich aber vom Ostthüringischen Hauptsattel liegt die Ostthüringische Hauptmulde, wo die tiefsten Schichten dem sich breit ausdehnenden Oberkulm angehören. Nordwärts wird diese Mulde von dem am Rande des Thüringischen Beckens ausstreichenden Zechstein und Buntsandstein überdeckt. Nordöstlich von Ziegenrück bestehen zahlreiche flache Mulden, in denen sich Wasser ansammelt, da der Boden durch Thonschichten undurchlässig ist. Daher erfreut sich das Auge hier an Hunderten von hell schimmernden Teichen, die mit ihrer teilweisen Waldumrandung der Landschaft einen um so größeren Reiz verleihen, als Thüringen und besonders sein Gebirgsland sonst arm an stehenden Gewässern ist. Merkwürdig sind auf der Strecke Burgk-Schleiz-Zeulenroda-Weida-Ronneburg-Altenburg Diabasdurchbrüche, die der Landwirtschaft nicht nutzbar sind, wenn sie mitten im urbar gemachten Boden vorkommen, und meist mit Eichen, Buchen und anderem Laubholz bewachsen sind. Im Nordosten von Gera nach den Flußthälern der Sprotte und Schnauder hin verliert sich allmählich das alte Gebirge, und es beginnt der fruchtbare Ackerboden des altenburgischen Ostkreises, der dann hinüberleitet in die Tieflandschaften der Sächsisch-Thüringischen Bucht.
Schleiz.
Die meist waldgekrönten Kuppen des Berglandes erheben sich im Durchschnitt nur bis zu einer Höhe von 500–600 m. Der Rosenpiehl (wohl von gleicher Namensbedeutung mit dem westlich der Saale gelegenen Roßbühl, denn Rossezucht war hier wahrscheinlicher als Rosenzucht) nördlich von Gefell erreicht noch 653 m. Die größeren Zuflüsse der Saale und Elster bieten bequemere Zugänge zum oberen Lande. Das Thal des bei Ziegenrück mündenden Plothenbaches entwässert den großen Plothenteich; das vielfach gewundene Wiesenthal führt hinauf zur 443 m hoch gelegenen Stadt Schleiz (5100 Einw.). Die Stadt ist die zweite des Fürstentums Reuß jüngerer Linie, aus einer gartenreichen Umgebung ansteigend zum Schloßberg und mit reger Fabrikthätigkeit. Die auf einer Anhöhe malerisch gelegene Bergkirche stammt in ihren ältesten Teilen aus dem XII. Jahrhundert und deutet auf die Anlage eines ehemaligen Kalvarienberges. Die spätgotische Kirche ist eine der belangreichsten Bauten der ganzen Umgebung. Nach Schleiz führte früher die von Leipzig und Gera kommende Hauptstraße und teilte sich dann, um einerseits nach Saalburg-Coburg, andererseits nach Hof zu führen. Heute ist die Stadt durch eine Eisenbahn mit der Hauptlinie Leipzig-Hof verbunden. Das an seinen Hängen meist mit Wald bekränzte Thal der Wetterau oder Wettera führt zum kleinen ebenfalls zu Reuß jüngerer Linie gehörigen Städtchen Tanna (1600 Einw.), in einer flachen Mulde 533 m hoch gelegen. Südlicher, im oberen Thal des Ehrlichbaches liegt die preußische Stadt Gefell (1360 Einw., zum Kreis Ziegenrück gehörig), wo früher auf Eisenstein gebaut wurde. Jetzt werden die benachbarten Ockergruben ausgebeutet.
Abb. 30. Pößneck.
Pausa. Zeulenroda. Weida.
Nach der Elster ergießt sich als bedeutendster Nebenfluß die etwa 4 km oberhalb des sächsischen gewerbfleißigen Städtchens Pausa (3300 Einw.) entspringende Weida. Das Städtchen besitzt ein Eisen- und Moorbad. Die Quelle der Weida liegt 467 m hoch, und ihr Abfluß rinnt zuerst durch einen teichbestreuten Wiesengrund, eingerahmt von wenig gewölbten nur 40–50 m höheren Hügeln. Von der thüringischen Grenze an durchströmt die Weida jedoch in vielen Windungen ein immer tiefer und enger werdendes Thal. Auf der Höhe zwischen der Weida und dem in anmutiger Thalung fließenden Triebesbach liegt die zu Reuß älterer Linie gehörige betriebsame Stadt Zeulenroda (9000 Einw.), von deren Bewohnern allein 500 im Alaunwerke wohnen. Der Ort erhielt erst in der Mitte des XV. Jahrhunderts Stadt- und Marktgerechtigkeit und zeigt neben Greiz und Gera mit vielen kleineren Plätzen Ostthüringens, daß die Industriethätigkeit sehr oft nicht mehr an die natürlichen Bodenreichtümer gebunden ist, sondern sich selbständig entwickelt hat und besonders an billige Arbeitskräfte anknüpft.
Abb. 31. Rathaus zu Pößneck.
Im Triebesthale ist der Hauptort das zu Reuß jüngere Linie gehörige Dorf Triebes (3550 Einw.). Nördlich davon liegt auf bewaldeter Thalflanke das fürstliche Schloß Reichenfels, in der Nähe der ebenfalls zu Reuß jüngere Linie gehörige Flecken Hohenleuben (1840 Einw.). Im Leubathale liegt das mehr als 3 km lange Langenwetzendorf (2400 Einw.). Die industrielle Thätigkeit nebst dem Landbau veranlassen hier und weiter in den Gebieten Sachsens und elsterabwärts eine dichtere Volkszahl, die sich auch in der dichteren Verteilung der Ortschaften bemerkbar macht und nur durch große zusammenhängende Wälder (Pröllwitzer Wald, Greizer Forst u. s. f.) unterbrochen wird. An der Mündung der Auma in die Weida erhebt sich die weimarische Stadt Weida (5900 Einw.), mit lebhafter Textilindustrie. Die Stadt war im Mittelalter bedeutend, wurde aber im dreißigjährigen Kriege zerstört, wovon heute noch Ruinen zeugen, besonders die aus dem XII. Jahrhundert stammende gotisch-romanische Liebfrauenkirche. Der als Sommerfrische besuchte Ort wird überragt vom Schlosse Osterburg, im XII. Jahrhundert erbaut, einst Sitz der Vögte von Weida, später Residenz des Herzogs Moritz Wilhelm von Zeitz. Als Eisenbahnknotenpunkt ist die Stadt auch verkehrswichtig.
Greiz.
Die Elster (weiße Elster) durchfließt nur in ihrem mittleren Teile thüringisches Gebiet. Ihre Quelle tritt im Elstergebirge südöstlich der böhmischen Stadt Asch zu Tage, fließt beim Badeort Elster über die sächsische Grenze und durchströmt nun über Adorf, Olsnitz, Plauen und Elsterberg die obere Platte des Osterländischen Stufenlandes. Von hier ab strömt sie in thüringischem Land über Greiz nordwärts in engem, windungsreichem Thale, das mit seinen waldreichen Steilwänden manche landschaftliche Schönheit bietet. Diesen Charakter behält das Thal, bis es an der Mündung der Weida das Gebiet der kambrischen Schiefer verläßt. Die tiefen Einschnitte der Elster und seines rechten Nebenflusses Göltzsch haben solche Verkehrsschwierigkeiten geboten, daß beide durch Eisenbahnbrücken überspannt wurden, die in Mitteldeutschland die großartigsten Bauten ihrer Art sind. Bei Jocketa führt die Bahn über den 69 m hohen und 281 m langen Elsterthalviadukt, in der Nähe der Einmündung des Triebthales, wo die devonischen Schichten von Diabasdurchbrüchen durchsetzt sind. Hier, wie im »Steinicht« genannten benachbarten Thalstück der Elster, rauschen die Wasser über Felsblöcke, begrenzt von grünen teilweis bewaldeten Uferwänden; dieses hübsche Stück Landschaft wird mit dem volltönenden Namen »Vogtländische Schweiz« bezeichnet. In der Nähe der sächsischen Stadt Mylau (7400 Einw.) schwingt sich der 74 m hohe, 512 m lange Göltzschthalviadukt über die Thalenge, in den Jahren 1845 bis 1850 für 7 Millionen Mark erbaut.
Abb. 32. Greiz.
Gera.
Unweit der Einmündung der Göltzsch (ein echt slavischer Name!) in die Elster liegt in grünem Thale, das durch einen anmutigen Park verschönt wird, die Hauptstadt des Fürstentums Reuß ältere Linie, Greiz (22200 Einw.), zu Füßen des baumumkränzten Schloßberges ([Abb. 32]). Hier erhebt sich die alte obergreizische Residenz, einst der Sitz der Vögte des »Vogtlandes«, jetzt das Heim der Behörden; im XIII. Jahrhundert zuerst erwähnt, brannte sie im XVI. Jahrhundert ab und wurde erneuert. Greiz war mit Gera schon im XVIII. Jahrhundert Mittelpunkt der Wollindustrie und ist heute Hauptplatz für die deutsche Kammgarnweberei. Die Textilindustrie beschäftigt hier 10850 Arbeiter und 12000 mechanische Webstühle. Nördlich ist Greiz von Wald umgeben, in dem beim Idawaldhause eine vereinzelte Muschelkalkscholle geologisch belangreich ist. Der Nullpunkt des Elsterpegels liegt bei Greiz 254 m über dem Meere. Am Krebsbache liegt die östlichste weimarische Enklave mit dem Orte Teichwolframsdorf (1900 Einw.). Östlich von Greiz breitet sich das gewerbthätige Dorf Pohlitz (3450 Einw.) aus.
Abb. 33. Gera.
Elsterabwärts liegt das kleine weimarische Städtchen Berga (1400 Einw.) mit dem an Stelle der alten gegen die Sorben errichteten Burg Drifels erbauten Gut Schloßberga. Etwa bei der Mündung der Weida verläßt die Elster das Gebiet des Schiefers und zieht nunmehr in breitem, freundlichem Grunde weiter nordwärts über Gera, Köstritz und Krossen. Zwischen Krossen und Zeitz zweigt links der Floßgraben ab, ein für Zwecke des Holzflößens angelegter 68 km langer Kanal, der sich nordwestlich wendet und an Lützen vorüber Saale und Luppe erreicht. Seinem ehemaligen Zwecke ist er längst entfremdet und heute nur noch ein elender Graben, der nur durch die Schlachten von Lützen und Großgörschen wieder genannt wurde. Bei Zeitz tritt die Elster in die Sächsisch-Thüringische Tieflandsbucht ein, durchfließt eine breite Wiesenaue, die oft von Wald abwechslungsreich unterbrochen wird, in viele Arme geteilt bis Leipzig, wo sie rechtwinklig nach Westen umbiegt und dann unterhalb Merseburg in die Saale mündet, nur noch 83 m über dem Meere.
Köstritz.
Die weichen Thalränder sind meist von Buntsandstein gebildet, östlich von Gera treten aber auch noch devonische Schichten und ausgelagerter Zechstein in die Erscheinung. Gera (43500 Einw.) ist die Hauptstadt des Fürstentums Reuß jüngere Linie und war ehemals (wie auch Leipzig) eine wendische Ortsgründung, zuerst im XII. Jahrhundert genannt. Im dreißigjährigen Kriege fast zur Hälfte in Asche gelegt, auch Ende des XVIII. Jahrhunderts durch Brand fast völlig zerstört, hat sich die Stadt kraftvoll entwickelt und ist mit ihren vielen Fabriken, deren Schornsteine der Stadt einen nicht gerade malerischen Charakter geben, zu einem »Klein-Leipzig« herangewachsen ([Abb. 33]). Seine gewerbliche Thätigkeit verdankt es den im XVI. Jahrhundert eingewanderten Niederländern, aber erst seit der Mitte des XIX. Jahrhunderts trat mit der Einführung des mechanischen Fabrikbetriebs und in besserer Verbindung mit dem Zwickauer Kohlenbecken ein fabelhafter Aufschwung ein, so daß jetzt etwa 12000 Arbeiter und 10000 mechanische Webstühle in Thätigkeit sind; der Jahresumsatz beläuft sich auf 60 Millionen Mark. Aus dem Buchengrün des Hainberges schimmert das Schloß Osterstein herüber (auf unserer Abbildung im Hintergrunde links), das im XVI. Jahrhundert von den Vögten in Gera umgebaut, 1666 erweitert und in der Neuzeit teilweis nach englischem Vorbilde erneuert wurde. Die für Reuß jüngere Linie so bedeutende Industriethätigkeit, der über 60 vom Hundert der Gesamtbevölkerung zugehört, ist auch Veranlassung zu dem schnellen Wachstum der benachbarten Dörfer geworden, so daß dicht vor den Thoren Geras volksreiche Gemeinwesen entstanden, die Vororte Untermhaus (3950 Einw.) und Debschwitz (5600 Einw.), weiter südlich die Dörfer Pforten (2200 Einw.) und Zwötzen (3500 Einw.). Flußabwärts liegt das Brauereidorf Tinz (850 Einw.), der Flecken Langenberg (2500 Einw.) mit Weberei und der benachbarten Saline Heinrichshall, deren Salzquelle dem Zechstein angehört. Gegenüber am linken Elsterufer liegt halb in Gärten versteckt der Badeort Köstritz (2200 Einw.) mit Sol- und Sandbädern. Die hoch entwickelte Gärtnerei ist besonders wichtig für Rosen- und Georginenzucht, sowie Obstanlagen, weshalb für Landwirte und Gärtner auch eine Lehranstalt besteht. Als Pfarrer lebte hier in seinem Geburtsort der Dichter Julius Sturm; das parkumgebene Schloß ist Residenz der nicht souveränen Nebenlinie Reuß-Schleiz-Köstritz. Vom preußischen Flecken Krossen (1000 Einw.), auf dessen Buntsandsteinhöhen das gräflich Flemmingsche Schloß thront, führt eine Zweigbahn hinaus nach Eisenberg.
Östlich vom Geraer Gebiet des reußischen Landes und vom preußischen Kreise Zeitz dehnt sich der Altenburgische Ostkreis aus, der östlichste Vorposten Thüringens. Der ganze Ostkreis ist ein von sanften Hügelwellen durchzogenes Gelände, das nach Norden und Osten sich in eine Ebene verflacht. Im Süden gibt es noch Grauwackenschiefer mit dünner Humusdecke, die Ursache der geringen Fruchtbarkeit des Ronneburger Bezirks. Dort kommen auch noch silurische und devonische Schichten vor, weiterhin auch etwas Buntsandstein, doch spielen die wichtigste Rolle die in der Eiszeit zugeführten Materialien, besonders der geschiebefreie Löß und Lehm des Diluviums, da auf seinem Vorhandensein die Fruchtbarkeit weiter Landstriche beruht. Der Boden ist hier tiefgrundig, und der Landbau ist auch vom Klima begünstigt, da es mild und ebenfalls dem Holzwuchse zuträglich ist. Die Thone finden Verwendung in der Ziegelfabrikation und Töpferei. Der Bezirk Schmölln hat noch minderwertigen Boden, aber der Diluviallehm zu beiden Seiten des Pleißenthales gibt den prachtvollsten Weizenboden.
Ronneburg. Schmölln.
Die altenburgische Stadt Ronneburg (6200 Einw.) treibt Industrie. Auf einem Diabasfelsen steht ein altes Schloß, und eine eisenhaltige Quelle dient zu Kurzwecken. Obgleich hier im Ronneburger Bezirke die ländlichen Ortschaften außerordentlich dicht liegen (im oberen Sprottethal kommt auf jedes Kilometer Entfernung fast ein Dorf), sind in diesem ehemaligen Siedelungsgebiete fränkischer, niederländischer, bayerischer und schwäbischer Kolonisten die Volkszahlen vieler Dörfer doch zurückgegangen, da auch hier wie in vielen anderen Umgebungen von Fabrikstädten ein Teil der ländlichen Bevölkerung in diese Städte auswandert. Im oberen Sprottegrund liegt das Dörfchen Löbichau mit schönem Garten, Schloß und Erinnerungen an Körner, Tiedge und Jean Paul. Die Stadt Schmölln (9800 Einw.) ist durch lebhafte Textilindustrie ausgezeichnet, am wichtigsten ist für den Ort aber die Herstellung von Steinnußknöpfen, wobei etwa 2500 Personen beschäftigt sind, die wöchentlich über 7 Millionen Stück Knöpfe anfertigen. An der Haupteisenbahnlinie Leipzig-Hof liegt im Thale der Pleiße die altenburgische Industriestadt Gößnitz (5500 Einw.) mit vielen Fabriken.
Von den vielen Fabrikabwässern hat das Pleißenwasser eine tintenartige Färbung, und wenn Schiller mit besonderer Andeutung auf Leipzig von der Pleiße sang:
»Flach ist mein Ufer und seicht mein Bach, es schöpften zu durstig
Meine Poeten mich, meine Prosaiker aus«,
so würden heute seine Worte noch ganz anders lauten.
Altenburg.
Die Sprotte entspringt in den Teichen der reußischen Wüstung Werteln und mündet bei Saara in die Pleiße. Die Pleiße selbst berührt nur auf einer kurzen Strecke ihres Laufes altenburgisches Gebiet, da sie erst oberhalb Gößnitz eintritt, bei Regis, der kleinsten Stadt (1050 Einw.) des Königreichs Sachsen, dies Gebiet wieder verläßt. Einige Kilometer westlich der Pleiße, inmitten eines fruchtbaren Ackergebiets, erhebt sich die Hauptstadt Altenburg (33400 Einw.), beherrscht von dem auf hohem Porphyrfelsen ragenden Residenzschlosse, dessen älteste Teile aus dem XI. Jahrhundert stammten, das aber nach zahlreichen Bränden teils 1706 bis 1744, teils von 1865–1868 neu erbaut wurde. Das Schloß ([Abb. 34]) war der Schauplatz des in der Einleitung erwähnten Prinzenraubes. In der Nacht vom 7. zum 8. Juni 1455 raubte Kunz von Kaufungen die sächsischen Prinzen Ernst und Albrecht, die Söhne des Kurfürsten Friedrich des Sanftmütigen, um beim Kurfürsten seine Forderungen durchzusetzen. Kunz hatte zwei Mitschuldige, und der Verabredung gemäß sollten sich die Verschworenen trennen, um auf verschiedenen Wegen nach dem Kunzschen Schlosse Eisenberg zu gelangen. Nur eine Stunde von der Landesgrenze entfernt, wurde dem jüngeren Prinzen Albrecht während einer Rast im Walde Hilfe von einem Köhler, dessen Genossen durch den Klang der Hillebille herbeigerufen wurden. Der Prinz wurde befreit, Kunz gefangen genommen, und auf die Kunde hiervon gaben auch die anderen den gefangenen Prinzen Ernst frei. Die Abb. [35] und [36] zeigen deutlich die Veränderung und Vergrößerung der Stadt in 250 Jahren, die nicht nur Sitz der Landesbehörde ist, sondern sich auch einer bedeutenden Industrie erfreut. In der Nähe gibt es zahlreiche Steinbrüche und Braunkohlengruben. Der Handel ist bedeutend in Getreide, da der Altenburgische Ostkreis die Kornkammer Ostthüringens bildet und drei Viertel seines Flächenraumes angebaut ist, davon entfallen 66 vom Hundert auf Äcker und Gärten, 9 v. H. auf Wiesen. Die Stadt wurde urkundlich zuerst 980 erwähnt, wurde wahrscheinlich Mitte des XII. Jahrhunderts Reichsstadt, 1430 durch die Hussiten niedergebrannt, kam 1445 bei der Erbteilung an die Kurfürsten von Sachsen und wurde 1603 Residenz der älteren altenburgischen Linie des Ernestinischen Hauses, von 1826 an Sitz der neuen altenburgischen Linie.
Abb. 34. Schloß zu Altenburg.
Im östlichen Gebietsteile dehnt sich der Leina-Wald aus mit schönen Beständen von Fichten, Eichen und Buchen; westlich zwischen Gerstenbach und Schnauder die Fichten- und Buchenbestände des Kammer- und Luckaischen Forstes. Hier senkt sich das Gelände zu den parkähnlichen Wiesengründen der Schnauder, wo sich wieder einige bedeutende Siedelungen finden: die Stadt Meuselwitz (5300 Einw.), bekannt durch die reichen Braunkohlenlager ihrer Umgebung, und Wintersdorf (1000 Einw.). Die Braunkohlenförderung von 1500 Arbeitern in Sachsen-Altenburg beläuft sich jährlich auf 1¼ Mill. Tonnen im Werte von 2½ Mill. Mark. Bei dem nördlichsten altenburgischen Städtchen Lucka (1600 Einw.), das sehr gewerbefleißig ist, siegten 1307 die thüringischen Landgrafen über die Kaiserlichen unter Philipp von Nassau. Die Thone des Pleißenthales werden in Plottendorf bei Treben zu Röhren verarbeitet. Nördlich davon schimmern die fischreichen Haselbacher Teiche.
VI.
Wir kehren vom Rande der Niederung zurück zu den duftigen dunklen Nadelwäldern, an die felsigen Ufer der oberen Saale und wandern dann zur Höhe empor, wo sich das Gebirge zu massigen, breiten Buckeln aufbaut. Schiefer ist der Boden, der den Wald trägt, und mit seinen Platten sind die Häuser der Ortschaften bekleidet, ihnen damit ein besonders ernstes Gepräge verleihend. Ernst ist auch die Thätigkeit der Bewohner dieser Waldorte, mögen sie nun den Schiefer in nutzbringender Form verarbeiten, oder mögen sie Glas blasen oder Spielsachen fertigen, aber ein gütiges Geschick begabte sie mit Fröhlichkeit und leichtem Mut, auch wenn es ihnen sonst manches vorenthielt.
Abb. 35. Altenburg um 1650 (nach dem gleichzeitigen Stiche von Merian).
Frankenwald.
Zwischen der oberen Saale, dem Münchberger Gneisgebiet, dem Triasstreifen Neuenmarkt-Stadt Steinach-Kronach und den Thälern der Haßlach und Loquitz erhebt sich der südöstlichste Teil Thüringens, das meist karbonische Schieferplateau des Frankenwalds. Durch zahlreiche enge und tiefe Thalfurchen ist es in eine Menge rückenförmig gestalteter Berge zerteilt. Von oben erscheint daher die Landschaft eben oder hügelig, besonders in der Richtung von Südwest nach Nordost, während nach anderen Richtungen die steilen Gehänge der Thäler die Zerrissenheit des Geländes erkennen lassen. Die Höhe des Kammes bleibt fast immer die gleiche und erreicht durchschnittlich 690 m, die Länge des ganzen Frankenwalds ist zu 45 km anzunehmen; der Rennsteig, soweit er den Frankenwald entlang läuft, mißt von Blankenstein an der Saale bis zur Eisenbahn Probstzella-Hochstadt nur 29 km. So einförmig aber auf den ersten Blick das Gebirge erscheint, so mutet es doch an wegen seiner ausgedehnten Nadelwälder, in denen die ganz mit Schiefer bekleideten Häuser und die zahlreichen hohen Schieferhalden sich etwas düster ausnehmen. Herrlich ist der Blick in die Thäler, hinter denen sich die Bergmassen kulissenartig zusammenzuschieben scheinen, und auch von den flachwelligen Stufen des nördlichen Frankenwaldes, wenn man plötzlich die Thaleinschnitte der Saale oder Sormitz farbenprächtig zu seinen Füßen schimmern sieht.
Bayerischer Teil des Frankenwaldes.
Von der oberen Saale im kurzen Thale des Pulschnitzbaches aufwärts wandernd, erreicht man die bayerische Stadt Münchberg (4800 Einw.), am Nordfuß des 583 m hohen Eisenbühl, von wo eine Zweigbahn hinüber führt nach Helmbrechts (4450 Einw.). Unweit des 707 m messenden Hohberges entspringt die Selbitz und scheidet die Ostabdachung des Frankenwaldes in eine westliche und östliche Hälfte. Unweit Schauenstein (1150 Einw.), das etwa 80 m über dem Flußthale liegt, mündet der Döbrabach, der in der Nähe des nadelwaldbestandenen sargähnlichen 794 m hohen Döbraberges entspringt. Vom Aussichtsturm des Berges übersieht man das ganze Gebiet des Frankenwaldes und das Fichtelgebirge, im Osten erkennt man bei klarem Wetter das Erzgebirge, im Westen die Feste Coburg und die Gleichberge bei Römhild, im Norden den Kulm und Wetzstein. Im Gneisgebiete zeigt das Selbitzthal noch keine schroffen Formen, die erst eintreten, wenn das Schiefer- und devonische Gebiet durchströmt werden. In Selbitz (1800 Einw.), erreicht die Zweigeisenbahn von Hof das Selbitzthal, um dann über Naila (2300 Einw.) nach Marxgrün zu führen. Naila ist ein lebhaftes bayerisches Städtchen, in dessen Nähe sich Marmorbrüche finden, sowie das Eisenhüttenwerk Oberklingensporn und das Hammerwerk Unterklingensporn. In der Mulde des Stebenbaches liegt das kleine Stahlbad Steben. Der untere Teil des Selbitzthales hat den übertriebenen Namen Höllenthal, ist aber mit seinem rauschenden Wasser und den fichtenbewachsenen Steilwänden sehr anmutig. Auf kahler Höhe liegt das bayerische Städtchen Lichtenberg (770 Einw.).
Abb. 36. Altenburg.
Flößerei. Lobenstein.
Wie wenig Bedeutung die auf der Hochfläche aufgesetzten Berge haben, die nur selten eine ausgiebige Formentwickelung zeigen, sieht man am westlich von Naila gelegenen Spitzberg, der auf einem Seitenaste des Hauptkammes sich zu 728 m erhebt, während nur etwa 4 km westlicher im Thiemitzwalde eine unbenannte Höhe zu 759 m vermessen ist. Der ganze südwestliche Teil des Gebiets entwässert zur Rodach, deren weit in das Schiefergebirge hinaufreichenden Zuflüsse sich bei Kronach vereinigen. Hier werden vom Oktober bis April die Holzreichtümer des Waldes flußabwärts geflößt und die dafür hergerichteten Wasserstraßen, die Floßbäche, haben deshalb an beiden Ufern häufig eine Holzeinfassung. Im oberen Teile der Thäler werden nun die Wasser zu großen Floßteichen aufgestaut, in denen sich die Stämme sammeln, um dann nach Öffnen der Wehre die stammtragenden Wogen zu Thale rauschen zu lassen. Dann eilen die Flößer den Bach entlang, mit ihren Floßhaken die Hölzer leitend und ihr Ansammeln zu vermeiden. An großen Stauwehren werden die abwärts geführten Stämme aufgefischt und an wasserreicheren Stellen zu Floßböden zusammengefügt, um bis in den Main geführt zu werden. Die Rodach entspringt bei Rodacherbrunn auf der Höhe des Frankenwalds, während sich ihre Zuflüsse auf ein Gebiet von mindestens 25 km ausdehnen, die wichtigsten die wilde Rodach und der Tschirner Bach. Der obere Teil des wilden Rodachthals und seiner mit prachtvollen Edeltannen bewachsenen Nebenthäler ist merkwürdig durch die vielen Einzelhöfe seiner meist auf Hochflächen oder oberen Thalmulden erbauten Ansiedelungen. Nur Schwarzenbach am Wald (1500 Einw.) ist ein geschlossener Marktflecken, wo Schiefer, Serpentin und Marmor gebrochen wird. Wallenfels (1650 Einw.) im unteren Rodachthale ist ein katholischer Marktflecken, dessen Bewohner entweder in den Wetz- und Schleifsteinbrüchen oder als Flößer arbeiten. Östlich des Orts erhebt sich in dunklem Nadelwaldschmuck die Döbra, 597 m hoch (nicht zu verwechseln mit dem oben erwähnten 794 m hohen Döbraberg). Den Höhen nördlich liegen benachbart der bayerische Marktflecken Nordhalben (1700 Einw.), dessen katholische Bevölkerung in Schieferbrüchen oder Sägemühlen thätig ist, und das südlichste reußische Dorf Titschendorf. Hierher wanderte der evangelisch gewordene Volksteil Nordhalbens aus, als er hart bedrängt wurde, so daß Titschendorf zur Glaubenskolonie geworden war. Die Poststraße führt von Lobenstein über Nordhalben herab ins Rodachthal, wo sie Steinwiesen (1400 Einw.), ein bayrisches Flößerdorf, berührt, um dann nach Zeyern und Rodach hinabzuführen. Die Haßlach (richtiger Haslach = Haselwasser) entspringt etwa 2 km oberhalb des gleichnamigen Dorfes und in ihrem Thale läuft dann die Eisenbahn Probstzella-Stockheim. Sie vereinigt sich mit der Rodach bei Kronach, nachdem sie ihre bedeutendsten Zuflüsse aufgenommen hat, die Kremnitz aus dem Frankenwalde, die Tettau aus dem Schiefergebiete des südöstlichen Thüringer Waldes. Die bayerische Stadt Kronach (4250 Einw.) gehört dem Frankenwalde nicht mehr an, sondern der südwestdeutschen Triasmulde. Hier, wie im benachbarten Bezirk Lichtenfels wird überall die Korbflechterei als Hausindustrie betrieben. Kronach ist Geburtsort des Malers Lukas Cranach. Über der Stadt erhebt sich auf einem Sandsteinfels 378 m hoch die alte Bergfeste Rosenberg, die niemals bezwungen wurde, auch im dreißigjährigen Kriege leistete sie tapferen Widerstand. Die Meereshöhe des Flusses beträgt bei Kronach noch 303 m, östlich erhebt sich der Kreuzberg bis 458 m, die wichtigste Aussichtskuppe ist jedoch die Radspitze, 679 m hoch, von wo aus die Blicke über Coburg bis zum Staffelberge schweifen und bei klarem Wetter bis zu den blauen Kuppen der Rhön, nördlich aber die Gesamtheit des dunklen Frankenwalds umfassen.
So schön der Waldbestand im südlichen Frankenwald ist, so sehr zeigt die nördliche Abdachung eine etwas eintönige Landschaft auf breiten Rücken. Der Wald ist hier nicht überall gut gepflegt, die Felder oft mit langen Steinhalden an den Rändern versehen, die Thalränder aber meist gut bewaldet. Von den Hohlebrunnwiesen, 601 m hoch, unter dem aussichtsreichen Lobensteiner Kulm (728 m hoch) kommt die Thüringische Moschwitz herab, die Grenze zwischen Bayern und Reuß jüngere Linie bildend. An der aus den Lemnitzer Wiesenmulden herabkommenden Lemnitz liegt die ehemalige Residenz des Fürsten von Reuß-Lobenstein, die Stadt Lobenstein (2900 Einw.), überragt vom 30 m hohen Wartturm, die Reste einer alten Burg. Die Stadt hat als Badeort Wichtigkeit, da sie Stahlquellen besitzt und durch die Eisenbahnverbindung nach Blankenstein und über Remptendorf nach Ziegenrück dem Verkehr näher gerückt ist. Auf dem nördlichen durchschnittlich 500 m hohen Gelände liegt an der Friesa der Flecken Ebersdorf (800 Einw.), eine besuchte Sommerfrische mit evangelischer »Brüdergemeine«. Das Schloß war früher Residenz der Fürsten von Reuß-Ebersdorf-Lobenstein, jetzt Amtsgebäude.
Abb. 37. Leuchtenberg und Friedensburg.
Leuchtenberg.
Wie die ausgespreizten Finger einer Hand vereinen sich die forellenreichen Quellbäche der Sormitz, die herniederrauschen durch frischen Fichtenwald, bei dem freundlich gelegenen reußischen Flecken Wurzbach (1900 Einw.). Hier werden die aus den benachbarten Schieferbrüchen geholten Platten zu Schiefertafeln verarbeitet. Eine schöne Poststraße führt abwärts, vorüber an vielen Hämmern, die jetzt aber nur noch Sägewerke sind, nur die Heinrichshütte ist das einzige noch im Frankenwald bestehende Eisenwerk. Früher bestanden hier Silbergruben nebst Schmelzen. Schädlich für die Fischzucht sind die roten, schwefelsaure Thonerde enthaltenden Niederschläge, die aus den Schieferhalden von Schmiedebach herrühren. Im unteren Sormitzthal leuchtet aus der grünen Umgebung weiß schimmernd das rudolstädtische Städtchen Leuchtenberg (1280 Einw.), das aber nur noch 302 m hoch liegt und als Sommerfrische besucht wird ([Abb. 37]). Über der Stadt erhebt sich auf dem 100 m hohen Schloßberge die Friedensburg, eine unregelmäßige Anlage aus dem XV. und XVII. Jahrhundert.
Abb. 38. Sonneberg.
(Nach einer Photographie von Horn & Sohn in Sonneberg.)
Ludwigstadt. Probstzella.
Nördlich des Rennsteigs, unweit des Dörfchens Brennersgrün, erhebt sich der fichtenbewachsene Wetzstein (785 m), der höchste Berg des Frankenwaldes. Westlich davon rinnen die Quelladern der Loquitz, die sich nach einem außerordentlich gewundenen Laufe bei Eichicht in die Saale ergießt. Am oberen Flußlauf ist das bayerische Ludwigstadt (1700 Einw.) die bedeutendste Siedelung. Auf dem nördlichen Hange gelegen, hat der Marktflecken zu Bayern erst engere Verkehrsbeziehungen erhalten durch die Eisenbahn, die hier Süd und Nord miteinander verbindet. In der Nähe gibt es viele Schieferbrüche, deren Ausbeute zu Tafeln, Dachschiefern und Wetzsteinen verarbeitet wird. An der Einmündung der Zopte liegt der meiningische Flecken Probstzella (1200 Einw.), mit Porzellan- und Holzwarenindustrie. Probstzella (des Probstes Zelle) verdankt seine Entstehung einer Kapelle, die das Saalfelder Peterskloster hier für die zerstreut wohnenden Wäldler erbauen ließ. In der Nähe bestehen große Schieferbrüche, besonders am Bocksberg (Schieferbruch Selig) und am Kolditzberg sowie bei Kleinneundorf. Im ehemaligen Eisenhammer Gottesgabe ist heute eine Steinschleiferei thätig, wo Thonschiefer zu verschiedenartigsten Gebrauchsgegenständen verarbeitet wird. Bei Hockeroda mündet die Sormitz in die Loquitz; der Hockerodaer Hammer ist jetzt eine Holzstofffabrik.
Abb. 39. Mündung des Schwarzathals.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
Lehesten. Schieferindustrie.
Von Ludwigstadt führt eine Zweigbahn zum meiningischen Städtchen Lehesten (2000 Einw.), dem Hauptsitz der thüringischen Schieferindustrie und der größten Schieferbrüche des europäischen Festlands überhaupt, die einen Jahresumsatz von über 2½ Mill. Mark erzielen bei einer Produktion von 42000 Tonnen (je zu 1000 kg). Der thüringische Schiefer ist in Bezug auf Güte und Schönheit unerreicht und deckt mit seinen Tafeln die Dächer vieler Gebäude in allen Weltteilen. Eine Masse von Arbeit ist nötig, ehe der Schiefer zum fertigen Gebrauche vorliegt. Am gesuchtesten ist der Dach- und Tafelschiefer von glänzend blauschwarzer Farbe, der sich noch durch Leichtigkeit, Feinheit, Reinheit und Dauerhaftigkeit auszeichnet. Von den Tafeln kommen die größten unter Hobelmaschinen und ersetzen dann die Marmorplatten bei Billards u. s. f. In ungeheuerer Anzahl wurden früher die kleinen Schiefertafeln für Schulzwecke hergestellt, doch ist die Herstellung wegen der geringeren Nachfrage zurückgegangen. Das Bearbeiten der Tafeln erfolgt vielfach als Hausindustrie, und in manchem ärmlichen Dörfchen des Gebirges sind viele fleißige Hände thätig bis hinab zu den Kinderhänden, die hier nur durch dauernde Arbeit das Wort: »Viel Kinder viel Segen« wahr machen können. Die Tafelindustrie ist in Lehesten und Gräfenthal am stärksten, neuerdings auch in den bayerischen Bezirken Kronach und Stockheim. Die Konkurrenz der Aufkäufer und Großhändler hat die Wirkung gehabt, daß hier wie fast in allen hausindustriellen Gebieten die Preise bis zum äußersten herabgedrückt sind. Wöchentlich kann eine Familie etwa ein Schock Tafeln liefern, wofür 18 bis 20 Mark bezahlt werden; an Kosten für Schiefer gehen aber fast drei Viertel davon ab, so daß für die ganze Arbeit von 14 bis 18 Stunden täglich noch nicht eine Mark bleibt; das Holz ist als kostenlos zu berechnen, da man so viel »findet«, als man braucht. In neuester Zeit wird aber auch viel Schweizer Schiefer verarbeitet, der einschließlich der Fracht noch billiger ist als der an Ort und Stelle gebrochene. Die billige Hausindustrie ist hier immer noch erfolgreich in Wettbewerb mit den gut eingerichteten Tafelfabriken Rheinlands und Westfalens, sie hat aber den amerikanischen Markt verloren, da dort aus eigenem Schiefer jetzt Tafeln hergestellt werden.
Griffelindustrie.
In besonderen Brüchen wird der Griffelschiefer gebrochen, der die zahllosen Schieferstifte liefert. Die Griffelindustrie war früher in Sonneberg stark vertreten, ist jetzt aber mehr in den schieferreichen Gebieten bei Steinach, Lehesten und Gräfenthal vorhanden. Der in den Brüchen gewonnene Stein muß leicht spaltbar und weich sein, weshalb er möglichst feucht gehalten und vor Wind und Sonnenstrahlen behütet wird. Auch beim Griffelmachen müssen alle Familienmitglieder mithelfen: der Vater bricht den Stein, sägt und zerspaltet ihn; das Runden, Aussuchen, Bemalen oder Bekleben und Spitzen besorgen Frau und Kinder. Eine Griffelmacherfamilie fertigt wöchentlich 12000 bis 15000 Griffel, von deren Verkaufspreis die Lebensführung abhängig ist. Aber auch hier kam rücksichtsloseste Konkurrenz zwischen den privaten Griffelmachern und den Genossenschaften, so daß trotz aller Mühe der Preis für das Tausend bis eine Mark und darunter sank. Eine andere Schieferart liefert den harten hellfarbigen Wetzschiefer, woraus die Wetzsteine hergestellt werden. Die größten Schieferbrüche sind der herzogliche Schieferbruch mit 600 Arbeitern, und der Oertelsche Schieferbruch mit etwa 1000 Arbeitern, durch eine 3 km lange Zahnradbahn mit dem Bahnhof Lehesten verbunden. Diese Betriebe gehören geologisch zum Kulm oder unteren Karbonformation, in der Thonschiefer vorherrschen, während in der oberen Karbonformation die Grauwacken überwiegen. Oft durchsetzen Grünsteine die meist steil aufgerichteten Schieferlager, so im malerischen Höllenthal (unteres Selbitzthal), am Lobensteiner Kulm, im Thale der wilden Rodach und anderwärts, aber auch Granit, wie am Hainberg (704 m) bei Schmiedebach unweit von Lehesten.
Erdgeschichte des Frankenwaldes.
Es sind im Frankenwald dieselben Kräfte thätig gewesen, die das obere Gebiet des Osterländischen Stufenlandes geformt haben und die sich noch weiter äußerten im Schiefergebiete des südöstlichen Thüringerwaldes. Durch den von Südost wirkenden Druck wurden auch hier die älteren Schichten zusammengeschoben und emporgehoben zu mächtigen Faltungen, welche die streifenartige Anordnung der Formationen bedingen. Im ganzen Schiefergebirge des Thüringerwalds, des Frankenwalds und des Osterländischen Stufenlands, sowie im Fichtelgebirge sehen wir nur noch einen Teil des alten Hochgebirges, das von Südwesten nach Nordosten sich quer durch Mitteleuropa erstreckt. Im Thüringerwald kreuzte sich mit diesem nordöstlichen Faltensystem ein nahezu senkrecht darauf stehendes nordwestliches, die zusammen den verwickelten geologischen und Oberflächenbau unseres Gebietes hervorgerufen haben. Gegen Ende der Steinkohlenzeit stiegen diese Mitteldeutschen Alpen wahrscheinlich zu ihrer größten Höhe empor, woran sich dann wieder die Periode des Verfalls anschloß. Abtragung durch Wasser, das an der Zertrümmerung und Wegschaffung der Gesteinsmassen arbeitet; ferner Senkungen und Spaltenbildungen, womit wohl die gewaltigen Ausbrüche von Eruptivgesteinen im Unterrotliegenden in ursächlichem Zusammenhange stehen. Das Endresultat war eine annähernde Einebnung der Mitteldeutschen Alpen, zumeist durch Ablagerungen des Rotliegenden, die von den Wässern in die Vertiefungen getragen wurden. Später drang das Meer weit in das bisherige Festland ein, hobelte die noch bestehenden Höhen ab und brachte die Ablagerungen des Zechsteins, der Triasformation (Buntsandstein, Muschelkalk und Keuper), des Jura und der Kreide. Viele dieser Schichten haben damals das alte Gebirge des Thüringerwalds überdeckt, sind aber bis auf geringe Reste der Zerstörung anheimgefallen. Der aus Südwesten wirkende gewaltige Druck bewirkte nun neben Faltungen auch vielfache Zerreißungen. Ausgedehnte Landschollen sanken in tiefere Lagen, und in ursprünglicher Höhe blieben nur wenige »Horste« stehen, zu beiden Seiten des großen Thüringischen Senkungsfeldes (der Triasmulde) als wichtigste Landformen die Horstgebirge des Thüringerwalds und des Harzes. Von geringerer Bedeutung sind die Horste des Kyffhäusers, des sogenannten kleinen Thüringerwalds bei Schleusingen und die Görsdorfer Scholle bei Eisfeld. Durch bedeutende teils durch Verwerfungen und Absenkungen erfolgte Verschiebungen kam der heutige Thüringerwald in eine höhere Lage als die beiderseits anstoßenden Senkungsfelder. Weiter folgten dann noch starke atmosphärische Abtragungen, die meist die jüngeren Ablagerungen angriffen und häufig bis auf das alte Gebirge zurückgingen, die aber auch Veranlassung haben zu den heutigen weichen Umrißlinien des Gebirges, wodurch die thüringische Landschaft so reizvoll wirkt.
Abb. 40. Blankenburg und Burg Greifenstein.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
VII.
Südöstlicher Thüringerwald.
Wir wandern aus dem Frankenwald hinüber in den benachbarten Thüringerwald, aber dem Auge bleibt die Scheidegrenze verborgen, da sie nicht von der Natur sehr sichtbar vorgezeichnet wurde. Über uns rauschen immer noch die dunklen Fichten und Tannen, und wo wir hinausblicken aus dem Wald, da vermeinen wir die gleichen fernen Höhen und nahen Thäler schon irgendwo gesehen zu haben, die uns jetzt in die Erscheinung treten.
Dieser südöstliche Teil des Thüringerwaldes ist meist von kambrischem Schiefergebirge gebildet und gleicht daher auch in seinen Oberflächenformen sehr dem benachbarten Frankenwalde. Auch hier ragen die Gipfelhöhen aus der Hauptmasse des Gebirges nicht allzu kräftig empor, wenngleich sich das Gebirge schon etwas verschmälert und dadurch den Anfang zur Ausbildung eines Gebirgskammes macht, der aber erst im Nordwesten völlig ausgebildet erscheint.
Kohlen.
Der südöstliche Teil des Thüringerwaldes reicht von der Wasserscheide zwischen Loquitz und Haßlach in einer Kammlänge von 38 km und einer mittleren Breite von 20 km bis zur Schwalbenhauptwiese, also etwa bis zu einer Linie, die man von Amt Gehren nach Gießhübel und Unterneubrunn zieht. Der Rennsteig, der auf der Höhe des Gebirgs entlang führt, mißt von der Bahn Probstzella-Hochstadt bis zur Schwalbenhauptwiese 44 km. Die Hauptmasse besteht aus kambrischen Schiefern, denen auf der Linie Mengersgereuth-Steinach im Südwesten bis Saalfeld im Nordosten ein Silurband von wechselnder Breite und ein schmaler Devonzug aufliegen. Im Süden des Rennsteigs reicht dieses Devonband über Ludwigstadt bis Lehesten und ist wichtig wegen ockerhaltigen Schichten und Knotenkalk. Daran schließt sich ein Silurstreifen, der eine kambrische Scholle umschließt. Weiter nach Südosten folgen die mächtigen Schichtenmassen der Kulmschiefer, in der Umgegend von Stockheim zu beiden Seiten des Haßlachthales von Rotliegendem überlagert. Der Silur ist wegen seines Gehaltes an Eisen und Griffelschiefern wichtig, im Kulm befinden sich die großen Dachschieferbrüche. Die jüngere (produktive) Steinkohle kam im Thüringerwalde nicht zur Entwickelung, dagegen gibt es zahlreiche, wenn auch minder ergiebige Kohlenflötze im Rotliegenden, bei Stockheim, Eisfeld, Manebach und Kammerberg, Schmalkalden, Tambach, Thal u. s. f. Im Westen unseres Gebiets stößt Kambrium an das Rotliegende und die Porphyrite der Bogenlinie Amtgehren-Schleusegrund, noch im Westen der Schleuse zungenartig hinübergreifend über Frauenwald bis zum Adlersberg und Schmiedefeld ins Gebiet der Porphyrite und Quarzporphyre.
Die durch die Thäler der Loquitz und Haßlach und über den Kamm des Gebirges führende Eisenbahn von Saalfeld über Probstzella und Stockheim nach Lichtenfels ist nicht nur eine bedeutende Verbindungslinie zwischen Nord und Süd geworden, eine Konkurrenzbahn für die früher allein wichtige Hauptbahn Leipzig-Hof, sondern hat auch in manche Thäler regeres Leben gebracht, besonders durch die Zweigbahnen Schwarza-Paulinzella-Arnstadt, Probstzella-Wallendorf und Ludwigstadt-Lehesten. In Ludwigstadt übersetzt die Bahn den im Trogenbachthal liegenden Ortsteil auf einem 200 m langen, auf fünf mächtigen, 26 m hohen Steinpfeilern ruhenden eisernen Viadukt, steigt dann 1 : 40 an und überschreitet die Kammlinie des Gebirges, also die Wasserscheide zwischen Elbe und Rhein, mittels eines 7–13 m tiefen und 1400 m langen Einschnittes in einer Höhe von 594 m über dem Meere. Der bayerische Flecken Rothenkirchen (750 Einw.) liegt nur noch 410 m hoch und treibt Flachshandel. Beim bayerischen Dorfe Stockheim (800 Einw.) und dem benachbarten meiningischen Flecken Neuhaus (1200 Einw.), beide im Gebiete des Rotliegenden, gibt es die ergiebigsten Steinkohlengruben Thüringens. Die Produktion auf den meiningischen Gruben betrug 1896 für Heiz- und Schmiedekohlen 325000 Centner im Werte von 106000 Mark. Im Tettauthale, das hoch vom Kamm herabkommt und bei Pressig ins Haßlachthal mündet, herrscht reges, gewerbliches Leben. Der meiningische Flecken Heinersdorf (1400 Einw.) und das bayrische Dorf Tettau mit Porzellanfabrik und der Glasfabrik Alexandershütte sind die wichtigsten Plätze in dem grünen Thale. Landschaftlich wichtiger ist das westliche, benachbarte Gebiet, das seine Zuflüsse in der Steinach (steinige Ache = steiniges Wasser) sammelt, die aus den Quellen des Bernhardsthaler Teiches am Rennsteige entsteht und die über Unter-Lauscha bis Köppelsdorf ein Waldthal durchströmt, das mit seinen Nebengründen (Höritzgrund u. a.) herrliche Naturbilder bietet und durch Mühlen- und Hammerwerke belebt ist. Die Steinach ist durch Anlage von Sammelteichen dem Flößereibetriebe dienstbar gemacht, auch führt jetzt das Thal aufwärts eine Bahn bis Lauscha. Ein schon 1578 angelegter Floßgraben führt von Oberlind nach Neustadt an der Heide, und verbindet dadurch die Steinach mit der Röden und Itz.
Abb. 41. Paulinzella.
(Nach einer Photographie von Junghanns & Koritzer, Leipzig-Meiningen.)
Lauscha. Steinach.
Wir betreten hier eine Gebirgslandschaft, die bis zu den Kammhöhen hinauf vom Segen der Arbeit befruchtet wird und deshalb auf verhältnismäßig magerem Boden und trotz ausgedehntester Waldungen volksreiche Ortschaften aufweist. Im Osterländischen Stufenlande hat sich die Textilindustrie zur Großindustrie umgewandelt, daran schließt sich im Frankenwalde eine großartige Schieferindustrie, die vielfach noch hinübergreift in den Thüringerwald, wo sich dann Porzellan- und Glasindustrie anschließen, um im Südwesten in der Eisenindustrie ihren Abschluß zu finden. Am Rennsteig oben liegt das mit Neuhaus fast zusammenstoßende sperlingslose Dorf Igelshieb (800 Einw.), mit 838 m Meereshöhe das höchst gelegene Dorf Thüringens, auf waldumrahmter Hochfläche in lang gestreckter Häuserreihe. Die Häuser sind mit Schiefer oder wetterdunklen Brettern beschlagen, die Bewohner arbeiten in der Glasfabrikation. In der oberen Thalmulde liegt das meiningische Dorf Lauscha (4400 Einw.) mit durch eigentümliche Mundart, Tracht und Sitte charakterisierter Bevölkerung, die sich durch Fleiß und Erfindungsgabe ebenso auszeichnet wie durch Lebensfreudigkeit und Spottlustigkeit. Hier »in der Lausche« war der Ursprung der thüringischen Glasindustrie, hier gründeten 1595 Greiner aus Schwaben und Müller aus Böhmen (deren Namen noch heute zahlreiche Familien tragen), die erste Glashütte, die zum Vorbilde für alle anderen derartigen Anstalten wurde. In den in Lauscha bestehenden drei Glashütten werden die verschiedenartigsten Gegenstände gefertigt: künstliche Menschenaugen, Glasaugen für ausgestopfte Tiere und Puppen, Glasblumen und -früchte, Perlen, Spielwaren. Auch werden Glasspinnerei und Porzellanmalerei getrieben. Schon 1867 wurde hier eine Gasfabrik errichtet zur Speisung der Lampengebläse für die Glasbläser in Lauscha sowie der höher gelegenen Dörfer Ernstthal, Igelshieb und Neuhaus. Weiter abwärts im engen Thal liegt der meiningische Markt Steinach (5300 Einw.) mit Schiefer- und Griffelbrüchen, sowie einer Glashütte. Auf der Höhe zwischen dem Steinacher Hüttengrund und dem Tettauthal bauen sich in langer Reihe die Häuser des Fleckens Judenbach (2000 Einw.) auf, dessen Bewohner Spielwaren herstellen oder in den Porzellanfabriken Hütten-Steinach (960 Einw.) arbeiten. Judenbach war früher eine wichtige Haltestelle an der großen Handelsstraße von Nürnberg nach dem Norden, und es gediehen hier Fuhrbetrieb und Geleitswesen.
Abb. 42. Ilmenau.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
Sonneberg. Sonneberger Spielwarenindustrie.
Von Judenbach aus führt die Straße nach dem ärmlichen am Kamm liegenden Griffelbrecherdorfe Spechtsbrunn fast immer in gleicher Höhe von 700 m fort. Die Gipfel erheben sich hier nicht bedeutend aus ihrer Umgebung heraus, der höchste bis 868 m Höhe ist das Kieferle bei Steinheid, der aber keinen umfassenden Rundblick bietet. Von seinen Flanken rauscht der Effelder Bach zu Thale, an dem Mengersgereuth und Effelder (930 Einw.) liegen, beide mit zahlreichen Mahl- und Märbelmühlen (Märbeln = Murmeln, die kleinen für Kinderspiele hergestellten Kugeln). Am Austritt des Rödenbaches aus dem Schiefergebirge, an der Grenze zwischen Kulmformation, Buntsandstein und des Oberlindischen Diluvialbeckens erhebt sich die 1317 zuerst urkundlich genannte meiningische Stadt Sonneberg (12200 Einw.), der Mittelpunkt der thüringischen Spielwarenindustrie, deren Erzeugnisse sich in allen Weltteilen Absatzgebiete erobert haben ([Abb. 38]). Hier ist das Wunderland für die Freuden der Kinderwelt, denn hier wird das herrliche Spielzeug geschaffen, das Tausende von Händen aus Holz und Papier, Glas oder Porzellan, aus Marmor oder Steinen hervorbringen. Diese Industrie gelangte von Nürnberg her auf der alten über Sonneberg führenden Handelsstraße ins meiningische Oberland, ist in ihren Anfängen bis ins XIV. Jahrhundert zurückzuverfolgen, aber erst seit dem XVIII. Jahrhundert konnte sich ein Aufschwung vorbereiten. Für die mannigfaltigsten Unternehmungen war schon von der Natur ein günstiger Boden gegeben, der Holz, Kohle, Schiefer, Marmor, Sandstein, Thon u. a. spendete, deren Verarbeitung wiederum durch Wasserkräfte erleichtert wurde. Schon immer trieben die Waldbewohner im Gebirge allerlei Hausgewerbe, besonders Herstellung hölzerner Gebrauchsgegenstände. Zu den gewöhnlichen Holzwaren kamen dann allerlei Spielwaren, seitdem sich Sonneberg vom Nürnberger Handel unabhängig gemacht hatte, und diese Waren gingen schon damals nach England und Amerika. Den Spielwaren gesellte sich die Porzellanherstellung und Porzellanmalerei, ferner die durch eingewanderte Salzburger bekannt gewordene Fabrikation von Märbeln. Seit 1820 begann die Fertigung von Papiermasse und daraus bestehender Waren. Hierdurch wurde es erst möglich, Massenartikel zu billigem Preise herzustellen, und es trat seit dieser Zeit in den Gewerbsverhältnissen eine völlige Umwälzung ein. Die Thätigkeit drängt sich für die Weihnachtsproduktion auf wenige Monate zusammen, wo es dann Tag und Nacht gilt, beim Kneten und Formen, Hämmern und Raspeln, Malen, Nähen und Puppenbekleiden rastlos fleißig zu sein. Nach Weihnachten herrscht dann im ganzen Meiningischen Oberlande Arbeitsstille.
Abb. 43. Ilmenau, neuer Teil.
(Nach einer Photographie von Junghanns & Koritzer, Leipzig-Meiningen.)
Früher waren die Kaufleute einfach die Vermittler zwischen der erzeugenden Hausindustrie und dem Käufer, heute sind sie vielfach Besitzer von Fabriken, wo die Spielwaren geschaffen oder aus den in Hausindustrie gefertigten Teilen zusammengesetzt werden. Ein jeder pflegt meistens ein ganz besonderes Gebiet der Spielwarenindustrie. Hier gibt es alles Erdenkliche, was das Kindergemüt erfreut: Flinten und Kanonen, Büchsen, Armbrüste, Blasrohre, Schießscheiben, Instrumente, die entweder Musik oder wenigstens Lärm verursachen, Puppenstuben, Kaufmannsläden, Puppen, Puppenküchen und Puppenmöbel sowie Holzpferde. Dazu kommen noch alle möglichen Tiere mit und ohne Stimme, etwa 100 Millionen Märbeln aus dem marmorähnlichen Muschelkalk und viele Millionen in Lauscha hergestellter Glasmärbeln. Trotz der guten vom Gebirge herabwehenden Waldluft ist die Arbeiterbevölkerung, die auf beschränktestem Raume zahlreich und unter den ungünstigsten gesundheitlichen Verhältnissen ihr Dasein fristet, nicht gesund, sondern matt und siech. Fast die Hälfte aller im Alter von über 15 Jahren Sterbenden geht an Lungenschwindsucht zu Grunde. In ebenfalls trauriger Lage sind die Schnitzer und Drechsler als Hilfsarbeiter; sie liefern die Holzteile zu Puppenteilen, zu Tierbeinen, die Gestelle und Räder für die fahrenden Spielsachen u. s f. Andere befassen sich nur mit Gebrauchsartikeln, wie Schachteln, Griffel- und Farbenkästen; besonders in Steinheid und Steinach sitzt diese Gruppe von Holzarbeitern. Für die Thätigkeit der Hausindustrie bedeutete es eine schlimme Veränderung, daß die Schachtelmacher mit den Leistungen der Maschinen den Wettstreit aufnehmen. Da gab es eine tägliche Arbeitsleistung von 18 Stunden, und alle Kinder vom zartesten Alter an mußten mitarbeiten. Für das Tausend Schachteln wurden dann 3 bis 4 Mark bezahlt! Die Spielwarenindustrie wird meist als weit verzweigtes Hausgewerbe betrieben, in der Sonneberger Umgegend in mehr als dreißig Ortschaften. In und um Sonneberg sind allein etwa 2500 Frauen und Mädchen mit dem Nähen von Puppenkleidern beschäftigt, wobei in Stoff und Farbe sogar den neuesten Moden Rechnung zu tragen ist. Die Leute arbeiten mit Frau und Kindern in ganz gewisser, sich immer gleich bleibender Arbeitsteilung, wodurch allein eine große Schnelligkeit und die Möglichkeit erzielt wird, gut und zu außerordentlich billigen Preisen zu liefern. Zur Vervollkommnung wird Bildhauerei, Malerei und etwas Musik für die Spielwaren angewandt, und eine Industrieschule sorgt für zweckmäßigen Unterricht darin. Im Kreise Sonneberg befassen sich etwa hundert Firmen mit dem Spielwarengeschäft, dessen jährlicher Gesamtumsatz auf 12 bis 15 Millionen Mark geschätzt wird.
Abb. 44. Das Haus zum kleinen Gabelbach.
Am Westfuße des Kieferle liegt der Marktflecken Steinheid (1700 Einw.), nur 54 m unter dem genannten Gipfel, in kahler unwirtlicher Höhe. Wo jetzt graue Schindelhäuser stehen, war einst eine reiche Bergstadt, wo im XIII. Jahrhundert auf Gold und Silber von mehr als 1000 Bergleuten gebaut wurde. Im Jahre 1430 zerstörten die Hussiten die Bergwerke und den Ort, der auch im dreißigjährigen Kriege große Verheerungen auszuhalten hatte. Von großer Bedeutung für die Glas- und Porzellanbereitung ist der Sandberg bei Steinheid, eine mitten im Schiefergebirge vorhandene Buntsandstein-Scholle, die viele Fabriken des Gebirges mit Quarz und Kaolin versorgt, von letzterem 24 vom Hundert enthaltend. Westlich im Nadelholzbestand des Sigmundsburger Forstes erhebt sich der 864 m hohe Bleßberg, ein Schieferkegel, der eine prachtvolle Rundsicht gewährt, im Süden bis zum Fichtelgebirge und der Altenburg bei Bamberg, im Westen bis zur Rhön und im Norden bis zum Adlersberg bei Suhl und Kickelhahn bei Ilmenau, im Osten zum Wetzstein und den dunklen Wällen des Frankenwalds. In der Nähe der »Saar«, der Höhe westlich von Siegmundsburg, verläuft über den Schmieden (832 m) und den Bleßberg eine Wasserscheide, von der Bäche zur Saale, zum Main und zur Werra abrinnen, so daß diese Höhe die drei Flußgebiete der Elbe, des Rheins und der Weser voneinander scheidet. Am Westabhange des Bleßberges, oberhalb des Dorfes Stelzen, entspringt die Itz aus dem Itzbrunnen, dessen Fassung eine Erinnerung an das Mittelalter ist, als er unter dem Namen Mariahilf für wunderthätig galt und ein viel besuchter Wallfahrtsort war. Der Abfluß des Brunnens verschwindet bald in den Klüften des Muschelkalks und kommt erst an der Stelzener Dorfkirche wieder zum Vorschein. Die Itz fließt dann über Bachfeld nach Schalkau (1900 Einw.), das eine Kunstschule und eine Fischzuchtanstalt besitzt, und dann südlich, wo sie die Effelder und bei Öslau die Röden aufnimmt, um dann nach Coburg umzubiegen.
Fast von der Höhe des Rennsteigs fließt die Saar, die sich bei Schwarzenbrunn mit der jungen Werra vereint, in regenarmen Sommern gänzlich versiegt, so daß die dort liegenden Schneidemühlen monatelang feiern müssen. Die Werraquelle liegt 824 m hoch am nördlichen Zeupelsberge, und tritt nach ihrer Vereinigung mit der Saar aus dem Schiefergebirge in das Gebiet des Buntsandsteins hinüber. In ihrem obersten Thalabschnitt liegt das Thonwaren- und Blaufarbenwerk Sophienaue. Vom 834 m hohen aus Rotliegendem (mit Sandsteinen und Schieferthonen) bestehenden Fehrenberg rinnen die Quellbäche der Biber ab, eine wilde Schlucht bildend, um dann zahlreiche Mühlen zu treiben; die Biber mündet bei Lichtenau in die Schleuse.
Neuhaus a. R. Gräfenthal.
Nördlich der Steinachquellen und zusammenhängend mit dem schon erwähnten Dorfe Igelshieb streckt sich von der Höhe des Rennsteigs nach Norden der schwarzburg-rudolstädtische Flecken Neuhaus am Rennsteig (1900 Einw.), der wegen seiner Höhenlage von 812 m auch von Sommerfrischlern besucht wird. Den Anfang zur Ortschaftsanlage bildete ein gräflich schwarzburgisches Jagdhaus, das 1673 an der Stelle eines Vogelherdes entstand (wo jetzt das Forsthaus steht). Die ersten Bewohner arbeiteten im Walde und machten im Winter Schachteln. Später entwickelte sich die Glasbläserei und Porzellanfabrikation, die heute hier 500 Menschen beschäftigt, sowie Porzellanmalerei und Thermometerherstellung. Östlich senkt sich die hellgrüne Thalmulde des Lichtebaches in den dunklen Fichtenwald, deren Wasser der Schwarza zufließt. Hier im oberen Lichtethal sind in langen Häusergruppen das Dorf Lichte (1300 Einw.) und der meiningische Flecken Wallendorf (1300 Einw.) hingestreckt. Lichte war früher Holzmacherdorf, für das ebenso wie für Wallendorf die Porzellanindustrie maßgebend geworden ist. Für die künstlerische Ausbildung sorgt eine Zeichen- und Modellierschule in Lichte. Von Wallendorf führt jetzt eine Zweigbahn nach Probstzella im Thale des Zoptebaches entlang, die auch wichtig ist für die Verfrachtung des bei Gebersdorf gewonnenen Eisensteins, der in Unterwellenborn bei Saalfeld verhüttet wird. Die meiningische Stadt Gräfenthal (2200 Einw.) liegt in grünem schmalen Wiesenthal und lehnt sich mit der hoch ragenden Kirche malerisch an den Abhang eines steilen silurischen Thonschieferberges, der das im XV. und XVI. Jahrhundert erbaute Schloß Wespenstein (499 m hoch gelegen) trägt. Hauptthätigkeit ist auch hier die Porzellanfabrikation, ebenso ist Gräfenthal, wenn auch nicht in dem Maße wie Lehesten, ein Mittelpunkt der Schieferindustrie.
Bergwerksbetrieb.
Die Bergwerksförderung im ganzen Herzogtum Meiningen belief sich 1896 auf fast 2 Millionen Centner im Werte von dreieinviertel Millionen Mark. Von 154000 geförderten Centnern Eisenstein waren 79 v. H. Spateisenstein und 21 v. H. Brauneisenstein. Der Betrieb in den 26 Dach- und Tafelschieferbrüchen war ein sehr lebhafter und es wurden fast 1 Million Centner im Werte von mehr als zweieinhalb Millionen Mark abgesetzt. Auch die staatlichen und Privat-Griffelbrüche sind stets in flottem Betriebe gewesen und der Wochenlohn eines Griffelmachers erreichte die Höhe von 15–20 Mark. Leider werden in der Nähe von Lichtenhain und Bernsdorf geringwertige Griffel in beträchtlicher Menge aus Dachschiefer hergestellt und in den Handel gebracht. Von den Porzellansandbrüchen bei Schiernitz und Steinheid sind 114160 Centner Sand geholt worden, während die vier staatlichen Kaolinsandbrüche bei Steinheid in Pacht gegeben worden sind.
Abb. 45. Sitzungssaal der Gemeinde Gabelbach.
(Gezeichnet von Curt Agthe.)
Auf dem nördlich des Zoptethals aufsteigenden Hochlande reicht der höchste Punkt im Rauhhügel nur bis 803 m. Namen wie Schmiedeberg, Goldberg, Schwefelloch deuten darauf hin, daß schon in früher Zeit hier der Bergbau blühte, der aber heute nur noch auf Eisenstein betrieben wird. Schmiedefeld (1000 Einw.) und Reichmannsdorf (1100 Einw.) sind ehemalige Bergwerksdörfer, die schon im XII. Jahrhundert Bergbau auf Gold gepflegt haben, jetzt neben Landwirtschaft einige Gewerbe treiben, besonders Schachteln und Schiefertafeln herstellen. Die allmähliche Abdachung des Geländes nach Nordosten ist Veranlassung, daß die Kursdorfer Kuppe mit 789 m Höhe einen weiten Umblick gestattet, besonders auf das obere Schwarzathal und seine Verästelungen; einen ähnlichen Blick hat man auch vom Turme des Kirchberges (786 m) bei Oberweißbach. Außer der Loquitz bildet hier die Schwarza das Hauptsammelbecken der Gewässer, die östlich vom Dorfe Scheibe 715 m hoch vom Gebirgsrücken herabkommt. Eingeschnitten in kambrische Thonschiefer, windet sie sich in zahlreichen Biegungen durch tiefe Schluchten, über Felsblöcke dahinrauschend und läßt an manchen Stellen kaum Raum für die Straße oder schmale Wiesenstreifen. Die schönsten Theile des Thales sind der obere Abschnitt bis Blumenau und der untere von Schwarzburg abwärts, wo die Wände bis 45° Böschung haben oder senkrecht abstürzen. Ähnlichen Charakter zeigen auch die Nebenthäler, soweit sie gleiche geologische Beschaffenheit haben. Das Thal beherbergt indes viele Siedelungen und ist reich an gewerblichem Leben.
Abb. 46. Goethehaus auf dem Kickelhahn.
Katzhütte.
Das mächtige mit Buchen und herrlichen Tannen bewachsene Massiv des am höchsten Punkte 866 m messenden Wurzelberges wird von der jungen Schwarza in einem Halbkreise westlich umflossen. In der oberen wiesenreichen Thalweitung liegt in einer Höhe von 617 m, rings von Nadelwaldhöhen eingeschlossen, das rudolstädtische Dorf Scheibe (1000 Einw.), entstanden aus einem früheren Eisenhammer, mit bedeutender Porzellanfabrik. Der Bergbau auf Gold in Goldisthal, der noch im XVIII. Jahrhundert betrieben wurde, war zu wenig erträglich und mußte eingestellt werden. Die Ortsteile des schwarzburgisch-sondershäusischen Dorfes Ölze (1100 Einw.) ziehen sich am linken Schwarzaufer eine Stunde lang hin. An Stelle der eingegangenen Eisenhämmer sind Glashütten, Bleiweiß- und Farbenfabriken und viele Mühlen getreten, daneben beschäftigen sich die Einwohner noch als Holzarbeiter. In Altenfeld, wo Glashütten bestehen, zeugt ein alter Stollen noch von einem ehemaligen Silberbergwerk. Der Fabrikort Katzhütte (1600 Einw.), 427 m hoch, von hohen tannenbestandenen Bergen umschlossen, hat Eisengießerei und Porzellanfabrik, in der 300 Personen arbeiten und gegen 600 Familien noch außerhalb dafür beschäftigt werden. Hier wurde von den Gebrüdern Greiner 1759 die erste Porzellanfabrik in Thüringen angelegt, die aber in einigen Jahren nach Wallendorf verlegt wurde. Fast die Hälfte aller in Deutschland in den Porzellanfabriken thätigen Arbeiter sind in Thüringen vorhanden, wo trotz der Schwierigkeit der Beschaffung von Rohstoffen die Porzellanindustrie außerordentliche Bedeutung gewonnen hat. Nicht die Fabrikorte allein ziehen Vorteil davon, auch für deren weitere Umgebung ist die Industrie gewinnbringend, denn zahlreiche Waldbewohner arbeiten in Hausindustrie für die Fabrik oder sind in Sandsteinbrüchen und Massemühlen, ferner als Kapseldreher, Kisten- oder Pappkästenmacher thätig.
Abb. 47. Suhl und Domberg.
(Nach einer Photographie von Junghanns & Koritzer, Leipzig-Meiningen.)
Großbreitenbach. Schwarzburg.
Der wichtigste Platz im oberen Schwarzagebiet ist die zu Schwarzburg-Sondershausen gehörige 634 m hoch gelegene Stadt Großbreitenbach (2800 Einw.), im XVII. Jahrhundert der Mittelpunkt der Balsamträger (Medizinhändler), jetzt thätig in Porzellanindustrie, Spielwaren- und Geigenfabrikation. Zur Hebung der Stadt trägt eine Kunstschule bei, aber auch die Eisenbahnverbindung über Gehren nach Ilmenau. Die nordwestlich davon auf waldlosen Höhen gelegenen Dörfer treiben Weberei, deren Mittelpunkt jedoch das in einem tiefen Thalkessel gelegenen Friedersdorf ist. Das größte Dorf des Weberbezirks ist Böhlen (1100 Einw.), wo früher Kupferbergbau bestand. In ein schmales Seitenthal zieht sich der 1½ km lange Ort Mellenbach (1000 Einw.) hinauf, der Glasbläserei, Thermometer- und Kistenfabrikation treibt, auch mehrere Säge- und Mahlmühlen hat. Auf der Höhe zwischen Schwarza und Lichte liegen Cursdorf (900 Einw.) am Fuße der Cursdorfer Kuppe, das eine Zündholzfabrik hat, und Oberweißbach (2100 Einw.), das sich erst nach dem dreißigjährigen Kriege durch den Medizinhandel schneller entwickelte, jetzt Porzellan und Thermometer herstellt.
Schwarza. Blankenburg.
Eine Menge von Eisenhämmern sind zu Sägemühlen umgewandelt worden, so auch der unterhalb der Lichtemündung liegende Blechhammer. In Sitzendorf wird Porzellan und Bleiweiß fabriziert. Nur 2 km flußabwärts von hier erreicht man den schönsten Punkt des Schwarzathales, Schwarzburg mit seinem hell ins grüne Thal schimmernden Schlosse, das 370 m hoch auf dem Ausläufer des Tännig erbaut ist, 80 m über der Thalsohle. Wie eine Insel ragt der Thonschieferberg empor, von der Schwarza in großer Schlinge umflossen, eine farbenprächtige Vereinigung von Thal und Berg, von Wiesen-, Fichten- und Buchengrün, ein so stimmungsvolles Landschaftsbild, daß Schwarzburg auch die »Perle Ostthüringens« benannt wird. Das Schloß ist urkundlich zuerst 1123 erwähnt und zuerst wohl als eine gegen die Sorben errichtete Burg anzusehen, die hier im Schwarzagebiet, wenn man den vielen Namen mit der Endung »itz« trauen darf, bedeutend über ihre sonstige Westgrenze, das Saalethal, vorgedrungen waren. Das heutige Schloß stammt aus der ersten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts. Der Ort Schwarzburg ist eine besuchte Sommerfrische. Den herrlichsten Blick hat man auf das Schloß und seine wundervolle Umrahmung von der Borkenhütte des Trippsteins, 195 m über der Schwarza gelegen ([Abb. 1]). Zwischen Schwarzburg und Blankenburg, wo der Fluß aus dem Schiefergebirge tritt, sind die Thalränder am kühnsten und steilsten und die Schieferfelsen nur dann ersteigbar, wenn ihm Zerklüftungen schmale Treppen gebildet haben. Nach diesem Schlußstück des Schwarzathales ([Abb. 39]) tritt der Fluß durch ein schmales Sandsteinband, und seine Ufer verlieren an charakteristischem Gepräge; hoch über den Anschwemmungen seines Wassers finden sich Lager von diluvialem Schotter. Der Ort Schwarza (1300 Einw.), wo die Schwarza in die Saale mündet, war ein alter Stapelplatz für Floßhölzer, ist jetzt aber nur auf Ackerbau und Gemüsezucht beschränkt. Im kleinen Werrethal und dem benachbarten rechten Uferrand der Schwarza wachsen herrliche alte Tannen, auf der Höhe im Wildgarten steht der Eberstein (387 m), ein burgartiger zu Jagdzwecken erbauter Turm.
Abb. 48. Oberhof.
(Nach einer Photographie von Junghanns & Koritzer, Leipzig-Meiningen.)
Von Schwarza führt eine Eisenbahn über Blankenburg zunächst das Rinnethal aufwärts und über Paulinzella nach Stadtilm. Blankenburg (2600 Einw.), in grüner anmutiger Thalung wenig oberhalb der Rinnemündung gelegen, wurde schon 1071 als zum Orlagau gehörig erwähnt. Die Stadt liegt an der Gesteinsgrenze, wo Schiefer, Zechstein, Buntsandstein und Muschelkalk aneinander stoßen und dadurch der Landschaft ein mannigfaltiges Gepräge geben. Solche Lagebegünstigung durch Gesteinsgrenzen und Thalverbindung finden wir außerordentlich häufig und bemerken dies sowohl an dem Kranze von Städten, die den Gebirgssaum des Thüringerwalds umrahmen, als auch bei den großen Siedelungen im Thüringischen Triasbecken. Wegen seiner günstigen Lage ist Blankenburg ([Abb. 40]) zum Badeort geworden, hat auch lebhafte Industrie, Sägemühlen und Steinbrüche. Hier errichtete Fröbel 1840 den ersten deutschen Kindergarten. Nördlich der Stadt, die 226 m hoch liegt, erhebt sich ein 405 m hoher Muschelkalkkegel mit den ausgedehnten Ruinen der Burg Greifenstein, eine der größten Burganlagen Deutschlands. Urkundlich erst im XII. Jahrhundert erwähnt, war sie in drei Abteilungen geschieden und mit doppelten Mauern und Graben umgeben. Bis 1407 war die Burg von verschiedenen Gliedern der gräflich schwarzburgischen Familie bewohnt, von 1560 an verfiel aber der stolze Bau allmählich.
Abb. 49. Inselsberg.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
Königsee.
Die Rinne entspringt im kambrischen Schiefer und tritt bei Königsee in den Zechstein und Buntsandstein ein. Die rudolstädtische Stadt Königsee (2900 Einw.), 385 m hoch gelegen, wird schon 1287 als Stadt erwähnt und hat ihren Namen wohl davon, daß es im Mittelalter Sitz eines Königsgerichtes war. Es wird neben Ackerbau viel Industrie getrieben, die Umgegend liefert Porzellansand und Gips. Früher war die Stadt weit bekannt durch seine Balsamträger (in feinstem Deutsch Laboranten oder Olitätenhändler genannt). Bald nach dem dreißigjährigen Kriege wurden in großem Maßstabe aus Kräutern und Wurzeln Arzneien, Pflaster, Magentropfen, Lebensbalsam, »Stockdumm« (Staugton-Elixir), Schneeberger Schnupftabak, Krammetsvogel-Spiritus und andere schöne Dinge zusammengebraut, die dann in ganz Mitteleuropa zum Verkauf herumgetragen wurden. Diese Balsamhändler hießen einfach »Königseer«, weil ihnen meist vom Amt Königsee die Pässe ausgestellt wurden. Das Geschäft ging gut und brachte große Einnahmen, wurde aber durch das Eingreifen der Gesundheitspolizei erheblich eingeschränkt und ist jetzt fast erloschen.
Abb. 50. Friedrichroda.
(Nach einer Photographie im Verlag von W. Zinke in Friedrichroda.)
Paulinzella.
Ein Seitenbach der Rinne, der Rottenbach, durchfließt das schöne Waldthal von Paulinzella, dessen ehemalige Stille aber durch Einbeziehung in den Eisenbahnverkehr geschwunden ist. Im Buntsandsteingebiete liegend, bietet das grüne Thal einen erfreulichen Gegensatz zu dem sandigen Kiefernwald, der sich nach Gehren zu erstreckt. Die Ruine der in romanischem Stile erbauten ehemaligen Klosterkirche ist eine der schönsten im deutschen Vaterlande. Schlank streben ihre Pfeiler empor und wölben sich zu herrlichen Bogen, während an Stelle des Daches der blaue Himmel hineinschaut ([Abb. 41]). Der Bau der Kirche wurde 1105 begonnen, während das Jungfrauenkloster schon Ende des XI. Jahrhunderts von Pauline, einer Tochter Morihos, Truchseß Heinrichs IV. gegründet wurde. Bald entstand in nächster Nachbarschaft ein Mönchskloster mit Benediktinern. Welcher Reichtum diesem Doppelkloster zufloß, ist daraus zu erkennen, daß über hundert Ortschaften dem Kloster zinspflichtig waren. 400 Jahre dauerte das wohl, dann brach über dem schweres Ärgernis gebenden Treiben der Klosterinsassen der Sturm des Bauernkrieges herein, und 1528 wurde das Kloster aufgehoben, vielleicht schon unter dem Einfluß der Reformation. Erst seit dem XVII. Jahrhundert verfiel der köstliche Bau, und mancher seiner Steine wurde zu den gewöhnlichsten Dorfhäusern verbaut.
Abb. 51. Schloß Reinhardsbrunn.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
VIII.
Geologische Verhältnisse des Thüringerwaldes.
Wandert man auf dem Rennsteig vom Waldarbeiterdorf Masserberg gegen Neustadt am Rennsteig, also in den mittleren und nordwestlichen Teil des Thüringerwalds, so sieht auch das ungeübte Auge, daß durch die nun vorherrschende Buchenbewaldung auf eine andere Bodenbeschaffenheit zu schließen ist. Wir verlassen das Gebiet der kambrischen Phyllite und Thonschiefer und gelangen in das Bereich des Rotliegenden und der Porphyre. Das Gebirge schließt sich allmählich zusammen zu schmalerer Entwickelung, aber mit ausgesprochener Kammbildung. Immer klarer wächst eine Gebirgskette empor mit deutlicher Ausbildung von Kammlinie, Gipfeln und Pässen, und mit angegliederten Seitenästen. Der Hauptkamm überragt das Vorland um etwa 400–500 m, den Fuß des Gebirges umsäumen auch hier wieder zahlreiche Siedelungen wie eine Perlenschnur, durch die Hauptpunkte Schleusingen, Suhl, Schmalkalden, Liebenstein, Eisenach, Waltershausen, Ohrdruf, Ilmenau und Gehren gekennzeichnet. Die Kammlänge des mittleren und nordwestlichen Thüringerwalds beträgt 101 km, das ganze Gebirge einschließlich des südöstlichen Teils bis zur Wasserscheide zwischen Loquitz und Haßlach bedeckt einen Raum von 1985 qkm (der Harz umfaßt 2468 qkm) mit einer Bevölkerung von rund 200 000 Seelen. Die Länge des Rennsteigs von der Schwalbenhauptwiese bis zur Werra bei Hörschel beläuft sich auf 95 km. Im nordwestlichen Teile des Gebirges, fast in der Mitte der gesamten Längserstreckung zwischen Loquitz- und Haßlachquellen und der Werra erheben sich die höchsten Gipfel des Gebirges, als erster der Große Beerberg mit 983 m Höhe. Von hier aus senkt sich der Gebirgsrücken gleichmäßig nach Nordwesten hin, im Inselsberg noch einmal mächtig emporsteigend, um dann sich rasch abzustufen bis zum Eichelberg, 341 m, dem nordwestlichen Eckpfeiler über dem Werradurchbruch.
Abb. 52. Ruhla.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)