Verstand schafft Leiden.
[Горе отъ ума.]
Schauspiel in vier Akten
und
in Versen nach dem Russischen des Gribojädoff metrisch übertragen
von
Dr. Bertram.
Den Bühnen gegenüber als Manuscript zu betrachten.
Leipzig,
In Commission bei F. A. Brockhaus.
1853.
Personen.
| Fámussoff, Chef einer Kronsbehörde. | |||
| Sophie, dessen Tochter. | |||
| Tschátzki, ihr Jugendfreund. | |||
| Moltschálin, Fámussoff’s Sekretair und in dessen Hause wohnend. | |||
| Lisette, Sophiens Kammermädchen und Vertraute. | |||
| Oberst Scalosúb. | |||
| Platón Góritscheff. | |||
| Natalie, dessen junge Frau. | |||
| Repetíloff. | |||
| Sagorétzki. | |||
| Mad. Chlestow, Fámussoff’s Schwägerin. | |||
| Die Gräfin Chrumin. | |||
| Deren Enkelin, eine unverheirathete Dame. | |||
| Fürst Tugoúchoffski. | |||
| Die Fürstin, dessen Gemahlin. | |||
| Die | erste | } | Fürstin Tochter. |
| zweite | |||
| dritte | |||
| vierte | |||
| fünfte | |||
| sechste | |||
| Herr N. | |||
| Herr D. | |||
| Gäste beiderlei Geschlechts, Diener, Lakeien &c. | |||
Das Stück spielt in Moscau, im Hause Fámussoff’s, etwa zehn Jahre nach dem französischen Kriege.
Requisite bei der Aufführung.
Erster Akt.
Eine Spieluhr; ein Flöten- und Clavierspieler hinter der Scene. Ein Leuchter mit einem brennenden Wachslicht. Eine Mappe (für Moltschálin).
Zweiter Akt.
Ein Ofen mit hoher Spalte und einer kleinen Abstufung (auf welche Fámussoff hinaufsteigen will). Ein Buch (Kalender) für den Diener. Ein Glas Wasser. Ein schwarzes Tuch für Moltschálins Arm.
Dritter Akt.
Ein Theaterbillet für Sagorétzki. Eine Karte für Moltschálin.
Vierter Akt.
Pelze, Überschuhe, allerlei Tücher und Kappen. Brennende Lichter. Laternen.
Erster Akt.
Saal mit einer Mittel- und einer Seitenthür, die zu Sophiens Zimmer führt. Neben der Mittelthür steht eine hohe Wanduhr. Man hört anfänglich die Töne einer Flöte und eines Klaviers. Es ist früher Morgen.
Erste Scene.
Lisette
(ist mitten im Zimmer auf einem Stuhl eingeschlafen. Sie erwacht, steht auf und sieht sich erstaunt um).
Es tagt? Wie schnell ist doch die Nacht vergangen!
Ich wollt zu Bett gehn gestern Abend — Nein!
Es hieß — Die Augen auf und schlafe ja nicht ein!
„Der Freund kommt her,“ erhalt dich munter,
Und fielst du auch vom Stuhl herunter!
Nun schlief ich eben ein, da fängt es an zu tagen; —
Ich muß es ihnen gleich nur sagen,
Die merken es sonst nie!
(Sie klopft an die Seitenthür.)
Nun meine Gnädigsten?! — Fräulein Sophie!
Ihr Abend dauert bis zum hellen, lichten Tage;
Ums Himmelswill’n, so hören Sie doch was ich sage!
Mein Fräulein! Herr Moltschálin! Sind Sie taub?
(Sie geht von der Thür weg.)
Die haben jede Furcht vergessen!
Nun wartet nur, ich glaube fast
Der Alte kommt noch her als ungebetner Gast.
Das ist ein Dienst bei Fräulein — bei verliebten!![1]
(Sie geht wieder zur Thür.)
So trennen Sie sich doch! — Es ist ja Morgens früh!
Wie?
Sophie (hinter der Scene).
Wie viel Uhr ist’s?
Lisette.
Das ganze Haus erwacht.
Sophie (wie oben).
Wie viel Uhr ist’s?
Lisette.
Sechs, sieben, acht!
Sophie (wie oben).
Das ist nicht wahr!
Lisette.
O Amor, du verwünschter Wicht!
Es ist doch klar,
Sie hören mich und können
Noch immer sich nicht trennen!
Und warum öffnen sie die Laden nicht?
(Sie wendet sich zur Uhr.)
Ich stell den Zeiger vor; ich weiß, es giebt Verdruß,
Allein ich muß!
Ich lasse alle Glocken spielen,
Denn wer nicht hören will — muß fühlen!
(Sie steigt auf einen Stuhl und stellt die Wanduhr, die zu spielen anfängt.)
Zweite Scene.
Lisette und Famussoff (im Schlafrock, tritt durch die Mittelthür ein, Lisette erschrickt und springt vom Stuhl herunter).
Lisette.
O je, der Herr!
Famussoff.
Der Herr, nun ja!
Du Naseweis — was machst Du da?
(Er hält das Glockenspiel an.)
Ich konnte den Spektakel nicht begreifen;
Das war ein Klingeln und ein Pfeifen!
Sophie — die konnt’s so früh nicht sein;
Bald klang’s wie ein Klavier und bald wie eine Flöte.
Das fiel mir wirklich gar nicht ein,
Daß Du es seist, Du kleine Kröte.
Lisette.
Ich weiß nicht recht, wie es geschehn —
Ich kam daran ganz aus Versehn.
Famussoff.
Ganz aus Versehn? — Vor euch nehm’ man sich nur in Acht.
Du that’st es sicher mit Bedacht.
(Er schäkert mit ihr.)
Du kleiner netter Schelm!
Lisette.
Ein Schelm sind Sie! Ich will das nicht!
Steht Ihnen das wohl zu Gesicht?
Famussoff.
O Tugendheldin, sei kein Kind!
Du hast im Kopf doch nichts als Wind.
Windbeutel selbst! Sie denken nicht daran,
Daß Sie ein alter Mann.
Famussoff.
Nun, ja,
Beinah’!
Lisette.
Und dann
Kommt wer, was fängt man an?
Famussoff.
Wer denn? Sophie schläft.
Lisette.
Erst eben schlief sie ein.
Famussoff.
Erst eben? Und die Nacht?
Lisette.
Das Fräulein las, und hat gewacht.
Famussoff.
Nun sieh’ mal was das für Manieren!
Lisette.
Französisch las sie laut bei festgeschlossnen Thüren.
Famussoff.
Sag ihr, sie soll sich nicht die Augen ruiniren.
Vom Lesen, muß ich frei gestehn,
Kann ich nicht großen Nutzen sehn:
Ihr raubt den Schlummer die französische Lectüre
Und mich — mich schläfert’s fürchterlich,
Sobald ich nur ein russisch Buch berühre.
Wenn sie erwacht, sag’ ich’s Fräulein Sophie,
Doch jetzo, bitt’ ich, gehen Sie!
Famussoff.
Warum?
Lisette.
Sie wecken sie.
Famussoff.
Wodurch sollt’ ich sie wecken?
Selbst läutet sie wahrhaftig zum Erschrecken
Mit ihrer Uhr, und trommelt aus der Ruh’
Die ganze Nachbarschaft mit ihrer Symphonie!
Lisette (sehr laut).
Ach hören Sie doch auf, ich bitte Sie!
Famussoff (hält ihr den Mund zu).
Still doch, so schrei nicht, bist Du ganz von Sinnen?
Lisette.
Ich fürcht’, wenn Sie noch länger bleiben, daß —
Famussoff.
Und was?
Lisette.
Ach Herr, Sie wissen’s doch, Sie sind kein Kind —
Wie leicht erweckt die jungen Mädchen sind,
Kaum geht die Thür, kaum flüstert man ein Wort,
Gleich ist der süße Morgenschlummer fort.
Und Alles hören sie.
Famussoff.
Ach, Alles dummes Zeug!
Lisette!
Lisette.
Gleich, mein Fräulein, gleich.
Famussoff.
St! (schleicht auf den Zehen fort.)
Lisette (allein).
Ach Gott, von unsern Herrn
Halt’ man am besten sich recht fern!
In jedem Augenblick ist man gewiß gewärtig,
Daß gleich ein neues Unglück fertig;
O wenn man doch von diesen beiden
Den größten Leiden
Verschont nur bliebe:
Von Herrenzorn und Herrenliebe!
Dritte Scene.
Lisette. Sophie (tritt mit einem Licht aus ihrem Zimmer) Moltschálin (folgt ihr).
Sophie.
Lisette, welch ein Lärm! was fällt Dir ein?
Lisette.
Die Trennung scheint recht schwer zu sein,
Verschlossen bis zum Tag, und doch nicht zur Genüge!
Sophie.
Wahrhaftig, es ist Tag!
(Sie löscht das Licht aus) Der Tag
Erschien — und auch der Kummer! — — — ach!
Wie doch die Nächte schnell vergehn!
Nur zu, Sie mögen sich beklagen,
Allein, das muß ich Ihnen sagen,
Für einen Dritten ists nicht auszustehn!
Der alte Herr war da
Und ich war einer Ohnmacht nah,
Ich wandt’ mich hin und her
Und log ihm vor die Kreuz und Quer.
(Zu Moltschalin) Und Sie, was bleiben Sie denn noch?
So machen Sie Ihren Bückling doch
Nur schnelle!
Das Herz steht nicht an rechter Stelle!
So sehn Sie nach der Uhr! Sie glauben, daß ich spaße!
Die ganze Welt ist längst schon auf der Straße!
Im Haus ist Alles schon erwacht,
Man fegt, in Ordnung wird das Haus gebracht,
Und Sie, Sie stehn noch da wie angebunden!
Sophie.
Ach Glückliche — — die zählen nicht die Stunden!
Lisette.
Nur immer zu! Ei sicherlich
Ist’s angenehm, die Zeit sich zu versüßen;
Allein wer anders wohl als ich
Wird noch zuletzt für Alles büßen?
Sophie (zu Moltschálin).
So gehen Sie, wir müssen scheiden
Und einen ganzen Tag voll Langerweile leiden.
So lassen Sie die Hände doch nur fahren!
(sie trennt sie) Nun endlich, — laß uns Gott bewahren!
(Moltschálin geht ab; wie er bei der Mittelthür ist, öffnet sie sich und Famussoff tritt angekleidet herein, er bleibt stehn und sieht Moltschálin verwundert an.)
Vierte Scene.
Die Vorigen. Famussoff.
Famussoff.
Was tausend ist denn das? Sind Sie es wirklich?
Moltschálin (sehr verlegen).
Ja!
Famussoff.
Zu dieser Stunde hier?
(erblickt Sophie) Und auch Sophie? Ei guten Morgen
Sophie, Du bist auch da?
Was hast Du hier zu sorgen?
Wie hat Euch Gott zu dieser Stunde
So wunderlich zusammen hier gebracht?
Sophie.
Er kam herein in diesem Augenblick —
Moltschálin.
Von einer Promenade erst zurück
Trat eben ich ins Haus.
Famussoff.
Freund, hören Sie, es könnt nicht schaden,
Sie suchten sich zu Morgenpromenaden
Ein andres Gäßchen aus! —
Ei, Fräulein Tochter, ei, kaum aus dem Bett gesprungen
Zusammen gleich mit einem Herrn,
Mit einem jungen!
Sag, schickt sich das für Mädchen wohl von fern?
Des Nachts liest Du Romane und Gedichte,
Und das sind nun die saubern Früchte!
Das Alles nur kommt von der Schmiedebrücke
Und von den ewigen Franzosen her.
Da holen wir uns Moden, Musen, Dichter
Und ähnliches Gelichter,
Und drum ist Herz und Beutel leer!
Wann wird der Himmel uns erretten
Von ihren Hüten, Hauben, Ketten —
Von ihren Salben und Pomaden
Und den Bisquit und Bücherladen!!
Sophie.
Verzeihen Sie —! Ich bin schon ganz benommen,
Und kann vor Ueberraschung nicht zu Athem kommen.
Sie traten ja so rasch und plötzlich ein —
Wie sollt’ ich nicht erschrocken sein?
Famussoff.
Ich danke ganz gehorsamst! — Ei wie fein!
Ich lief, ich hab’ erschreckt, ich kam so plötzlich!
Nicht wahr, das war von mir entsetzlich?
Ich, Fräulein Tochter, hab’ den ganzen Tag zu thun,
Da ist kein Rasten und kein Ruh’n;
Der Kopf ist mir vom Dienste wie benommen,
Es ist ein ew’ges Gehn und Kommen,
Und ich — auf dem schon Alles liegt,
Konnt ich erwarten, daß man mich betrügt?
Wie so mein Vater?
Famussoff.
Nicht geweint!
Gieb Acht, was ich Dir sage; freilich meint
Man immer, daß ich ohne Ursach schelte,
Doch, hör’ mich an, wenn ich Dir noch was gelte;
Man that von deiner Wiege an
Für Dich, was man nur irgend kann. —
Die Mutter starb; ich hatt’ die glückliche Idee
Und nahm in der Madame Rosier
Dir eine zweite Mutter dann
Für eine starke Gage an.
Die goldene Alte — folgte deinen Tritten —
Klug war sie, sanft, von tadellosen Sitten; —
— Wenn Eins nur nicht gewesen wär’!
Eins habe ich ihr sehr verdacht:
Durch nur fünfhundert Rubel jährlich mehr
Ward sie uns abspenstig gemacht! —
Doch lassen wir Madam’ — an der da lag es nicht.
Was brauchst Du anderer Exempel?
Mein Haus gleicht einem Tugendtempel,
Des Vaters Beispiel lehrt Dir Pflicht!
Da — schau mich einmal an!
Ich sage nicht, ich sei ein junger Mann
An Jahren, —
Doch bin ich frisch bei meinen grauen Haaren,
Dazu bin ich doch Wittwer, bin doch frei,
Herr meiner Handlungen dabei!
Und dennoch leb’ ich so, daß jeder, der mich kennt,
Mein Leben exemplarisch nennt.
Lisette.
Doch dürft’ ich fragen, Herr, wie’s — —
Famussoff.
Schweig’!
Ein schreckliches Jahrhundert! — —
Allein — was ist man so verwundert,
Daß Alles altklug jetzt und weise vor den Jahren,
Und unsere Töchter ganz voran,
So daß man sie vor Thorheit und Gefahren