Alexej M. Remisow
Prinzessin
Mymra
Novellen und
Träume
Aus dem Russischen übertragen von Alexander Eliasberg
Gustav Kiepenheuer Verlag, Weimar 1917
Inhalt
Die Feuersbrunst
Die Weiße Fjokla, die Wahrsagerin und Hexe, gebar an einem durchdringend kalten Herbstmorgen eine schwarze geflügelte Maus, und jedermann erkannte im Neugeborenen des Teufels Kind.
Jermil, der stumme und lahme Sohn der Alten, verscharrte den Unrat bei der Müllgrube und erhängte sich gleich darauf.
In der Nacht vor dem Katharinentage, an dem junge Mädchen nach alter Sitte Zweige von den Bäumen abreißen und mit ihnen zu Bett gehen, um im Traume den Zukünftigen zu sehen, erdröhnte plötzlich am Himmel mitten im wütenden Schneesturm ein Donner; beim Morgengrauen aber fand man im Stadtpark die geistesschwache Aljonka, die Tochter des Obermeisters an der Eisenbahnwerkstätte, geschändet und tot, mit einem Zweig zwischen den Zähnen.
Am Nikolatag erschienen in den rauchgrauen Wolken um die grimmige Wintersonne herum drei andere, in allen Farben des Regenbogens schimmernde Sonnen.
Und diese drei Sonnen bedrückten die Stadt wie eine stumme Last.
»Nun kommt das Hitzefieber, eine schreckliche Krankheit! Was haben wir noch alles zu erwarten!«
»Krächze nicht wie ein Unglücksrabe.«
»Mir kann es gleich sein — aber auch der Diakon hat neulich während des Gottesdienstes davon gesprochen.«
Ein jeder dachte an den kommenden Tag und an die schwere Not, die vor der Tür stand und auf die vorbestimmte Stunde wartete.
»Die Chinesen ziehen mit einer Armee von tausend Millionen gegen uns, auch die Türken.«
»Mein Gott, dieses Heer!«
»Und die Unsrigen — glaubst du, daß die Unsrigen sich überrumpeln lassen?«
»Man sagt aber, sie haben den Satan auf ihrer Seite.«
»Wieso den Satan?«
»Wir sind verloren, das ist alles.«
An den Abenden machte man sorgfältig über jedem Fenster das Zeichen des Kreuzes. Am Vorabend der Feiertage schliefen die Ehegatten getrennt, und man gab gut acht auf die Öllämpchen vor den Heiligenbildern.
»Hör einmal, Mikititschna, Awdotja erzählte neulich, man habe bei den Podchomutows den Teufel aus dem Tische gerufen.«
»Was du nicht sagst!«
»Bei Gott, so wahr mir die Himmelskönigin
beistehe! Awdotja ist ja eine durchtriebene Frau; auch Podchomutows Frau hat selbst erzählt, daß ein blauer Teufel mit sechs Pfoten erschienen sei.«
»Die Heilige Jungfrau steh uns bei! Gott weiß, was noch alles kommen kann, Agafjuschka.«
»Dann hat auch neulich Saschutka, Kusmitschs Stiefsohn im Eisenbahndepot, erzählt, daß der neue Doktor die Säufer mit dem Blick kuriert.«
Man hatte auch Nacht für Nacht böse Träume: bald sah man die Kirche des Neuen Heilands für das Osterfest hergerichtet, doch ohne Altar und ohne Heiligenbilder, und den erhängten Jermil, Fjoklas Sohn, wie er in der Kirche auf und ab ging und jedermann zum Feste gratulierte; bald wieder sah man einen ganz aufgeschwollenen Jungen, in dessen Fleisch zahllose Splitter steckten, auf dem Fußboden Purzelbäume schießen.
»Mir erzählte neulich ein altgläubiger Soldat« lispelte Semjon, der Aufseher bei den Eisenbahnwerkstätten: »›Großvater‹, sagte er, ›ein großes Unglück bricht über ganz Rußland herein, und man kann sich nirgends davor retten.‹ Die Zarenglocke in Moskau, sagt er, sei in tausend kleine Splitter zersprungen, ein jeder Splitter habe sich in eine Schlange verwandelt, und die Schlangen seien unter den Glockenturm Iwans des Großen gekrochen. Und der Glockenturm wackelt, und wenn er einstürzt, so werden auch
die Herzen aller Menschen zerspringen, und dann kommt das Ende allen Lebens.«
»Was die Leute nicht alles sagen! Es ist wirklich lächerlich. Da sagt zum Beispiel Luka: Wichtig sind nur die Produktionskräfte, alles übrige ist Nebensache . . . Sagen wir uns von der alten Welt los . . . Freiheit, Gleichheit und . . .«
»Schwatz nicht so, man wird mit euresgleichen wenig Umstände machen . . .«
». . . und wenn es notwendig sein sollte, so wird die Regierung Mittel und Wege finden, um auch diese Sonnen zu beseitigen, von denen übelgesinnte Menschen gewisse Gerüchte verbreiten, um bei der friedlichen Bevölkerung Erregung hervorzurufen.«
Man ergriff Maßregeln.
Aber die Sonnen verschwanden nicht; immer öfter und öfter erschienen sie am Himmel, um die grimmige Wintersonne herum.
Wer kümmerte sich aber um die Sonnen!
Noch niemals hatte man in dieser Gegend einen solchen Überfluß an Getreide gehabt wie in diesem Winter; eine Ernte wie im letzten Sommer hatte es noch nie gegeben. Die Mühlen arbeiteten unermüdlich. Der Handel blühte, und die Käufer waren schnell entschlossen und entgegenkommend.
Die Stadt war wegen ihres Getreides berühmt.
Auf allen Schienenwegen, die sich hier kreuzten, rollten in allen Richtungen mit allerlei Getreide und Mehl angefüllte Eisenbahnwagen.
Am Heiligen Abend machte man der Weißen Fjokla den Garaus und verwischte sorgfältig alle Spuren des Verbrechens.
Für eine kurze Zeit trat Ruhe ein. Es war, als ob ein Stein vom Herzen gefallen wäre.
Am Dreikönigstage badete man im eiskalten geweihten Wasser, malte über alle Türen mit Kreide Kreuze, und alles ging wie geschmiert.
In der Butterwoche, in der Zeit, wo die Schlittenwege schlecht zu werden anfangen, gab es allerdings in jedem Hause Stöhnen und jammern: alle hatten Zahnweh.
Es roch in der Luft eigentümlich nach Zahntropfen und Kampferöl.
So ging es acht Tage lang.
Der Frühling brach an, ein früher und warmer Frühling. Das viele Wasser ließ die Gärten schon zu Ostern ergrünen, und auf den Feldern lief die Wintersaat üppig und kräftig auf.
In der Woche nach Ostern wurden die Hochzeiten gefeiert.
Es fanden sich sogar Leute, die mit Wohlwollen der Weißen Fjokla gedachten:
»Schade um sie . . . Sie hätte ja noch gut leben können!«
Man begann Häuser zu bauen: unter feierlichen Zeremonien wurden Grundsteine zu mächtigen Bauten gelegt und mit Weihwasser besprengt. Von Tag zu Tag wuchsen die Baugerüste in die Höhe neben den Holzkreuzen, die die zukünftigen Wohnstätten beschatteten.
Am Mittwoch der vierten Woche nach Ostern gab es einen bedenklichen Vorfall, der in der Stadt großes Aufsehen erregte: als in der Badestube des Bischofs Feuer ausbrach, zog man aus den Flammen die halbverkohlte Leiche der Vorsteherin des Nonnenklosters zum Heiligen Geist heraus, und Bischof Antonius konnte infolge der Brandwunden am ganzen Körper lange Zeit keinen Gottesdienst abhalten.
Die Leute zwinkerten einander zu und machten Anspielungen.
Es gab aber auch Trauer.
»Der Satan hat das Kreuz gestohlen, das Kreuz ist in Händen des Satans.«
»Der Verruchte hat sich des Tempels und des Altars bemächtigt. Er verunreinigt die Monstranz und spuckt in den Kelch. Und die Menschen kommunizieren nicht mit dem Blute Christi, sondern mit dem Speichel des Satans, und sie verzehren statt des Leibes Christi — den Unrat des Satans.«
»Alles ist Unsinn. Es gibt weder einen Gott noch einen Satan. Es gibt nichts als das Leben.«
»Was für ein Leben?«
Nach einem warmen und blühenden Mai begann sofort die Sommerhitze. Viele Tage lang ging kein einziger Regentropfen auf die verdurstenden, verdorrenden Felder, auf die staubbedeckten Wiesen und die von Würmern befallenen Gärten nieder.
Sie kommt.
Sie naht.
Sie ballt sich zu Wolken und wächst über den Tagen empor.
Und sie löscht alles aus.
Aus jedem Ding, aus jedem Gesicht, zu jeder Stunde starrt sie mich an und straft mich für einen einzigen Augenblick des Vergessens mit unendlicher und unerträglicher Pein.
Ich kenne sie nicht ganz. Ich ahne sie nur. Ich weiß nicht, woher sie kommt und von welcher Seite sie mir droht. Ich fühle nur, daß sie überall um mich herum ist.
Meine Lippen zittern nicht mehr vor Lachen. Mein Herz kann nicht mehr lächeln.
Mein Herz kann nicht mehr verdammen, so wie es einst verdammt hat.
Es murrt leise und krampft sich zusammen.
Und wenn sie kommt, wirst du sie überwinden können?
Herz, du hast verdammt, du hast geliebt.
Wirst du sie überwinden können?
Niemals wirst du es können.
Und du wirst ihr wie ein Stein zu Füßen fallen, und sie wird dich mit ihrem Blitze zermalmen und zu Kohle verbrennen.
Ich weiß nicht, woran ich mich festklammern soll.
Gib mir doch wenigstens eine Schlinge.
Doch ist es möglich, so gehe sie von mir.
Um die Mittagsstunde des Johannistages erdröhnte von der Kathedrale herab hastiges Sturmläuten.
Ganze von Arbeitern und armem Volk dicht bevölkerte Straßenzüge an verschiedenen Enden der Stadt standen plötzlich in Flammen.
Die kleinen Holzhäuser und die unförmigen riesigen Gebäude der Nachtasyle und Arbeiterkasernen brannten lichterloh wie zu Haufen aufgestapelter Rumpelkram.
Die Flammen loderten empor und verloren sich in riesenhaften spindelförmigen Staubsäulen. Die Spindeln rasten und kreisten von oben nach unten, vom Zentrum zu den Vorstädten.
Und eine unsichtbare wahnsinnige Hand spann am glühenden wolkenlosen Himmel ein erstickendes, feuriges Gespinst.
Die überraschten Menschen liefen, stumm vor Schreck, wilde, tierische Schreie ausstoßend, mitten in diesem Gesang der Feuersbrunst hin und her.
Zur gewohnten Stunde ertönte keuchend von der Fabrik her der Mittagspfiff
Und dieser Pfiff klang so einsam und fremd im Chore der anderen Pfiffe.
Er flehte um Gnade, um Erbarmen . . .
Daß man die Kinder rette, die Habseligkeiten in Sicherheit bringe . . .
Diese letzten Schreie der dem Tode geweihten Menschen und Dinge schnitten sich in jedes Herz.
Man trug die Heiligenbilder heraus.
Man glaubte: die Heiligenbilder würden beistehen und vor dem Unglück beschützen.
Aber das Feuer drang hartnäckig beißend überall hinein, es flog empor und erfaßte immer neue, noch unversehrte Menschenwohnungen.
Die blauen und weißen Spindeln aus Funken und aus Staub drehten sich verzweifelt und unaufhörlich . . . Ein in wahnsinniger Hast kreisender Bohrer durchlöcherte die schwere Luft mit Feuer.
Karminroter Feuerschein ergoß sich bebend über die ganze Stadt.
Die schwarz verkohlten Dachstühle der Brandstätten ragten in die Luft wie Galgen.
Die Eisenbahnwerkstätten und die Naphtatanks brannten.
Voller Wut und Entsetzen sprangen die brennenden Lokomotiven wie gehetzt aus ihren eisernen Ställen heraus. Und sie pfiffen auf den Schienenwegen trocken und abgerissen.
Unter ihren rotglühenden Tatzen stöhnte und zischte es unheimlich und unheilverkündend.
Und das Weinen der ohne Tränen sterbenden Maschinen machte den Abend erglühen.
Die brennenden Getreidespeicher rauschten wie Springbrunnen.
Jemand schüttelte die blutrot leuchtenden Bernsteinkörner des Getreides durcheinander und lachte aus vollem Halse.
Mitten in der verzauberten Johannisnacht, um die Stunde des tobenden Lebens, erdröhnte von der Kathedrale herab die Sturmglocke.
Die öffentlichen Häuser standen in Flammen.
Das Feuer sog sich mit seinen Küssen eifersüchtig an den Mädchenlippen fest, jeden Nebenbuhler zurückwerfend und vernichtend. Mit wollüstig feiner Zunge beleckte es die Leiber und brannte sich in sie bis an die Knochen hinein.
Die berauschten Gäste fielen vor diesem roten, erbarmungslosen, unersättlichen Gast zu Boden.
Nackte, in Umarmungen verschlungene, von Glassplittern verwundete, vom Feuer versengte Körper stürzten aus den oberen Stockwerken herab; sie stürzten zu Boden und wurden von Menschenfüßen und Pferdehufen zertreten und zermalmt.
Die brennenden Pupillen der sich drängenden Menge weiteten sich und platzten vor der berauschenden Glut. Das Röcheln der Tiere vermengte sich mit dem durchdringenden Lachen, dem Flehen und Stöhnen der Menschen.
Ein Mönch in dunklem Gewande, ein Mönch mit regungslosem Gesicht stand in der Hölle der Feuersbrunst.
Nur er allein war leidenschaftslos wie am hellen Mittag und schrecklich in seiner Ruhe. Er war geheimnisvoll und unheilverkündend wie ein quälender, verworrener Traum.
Das Feuer, das in der Tiefe seiner Augen brannte, durchdrang die Flammen.
Tausende von Händen griffen nach dem Saume seines Gewandes, nach den Zipfeln seiner schwarzen Kapuze; Tausende von Händen streckten sich aus und hoben den Staub unter seinen Füßen auf; Tausende von Lippen küßten diesen Staub.
»Beschütze uns!«
»Rette uns!«
»Gnade!«
»Erbarmen!«
›Erbarmen! Erbarmen!‹ dröhnte die Sturmglocke der Kathedrale, als die Sonne sich träge erhob und ihre blutig-goldenen Strahlen in den Rauch bohrte und über die Erde goß.
»Flieht! Flieht!« rief es aus den Rauchwirbeln, die die höllischen Spindeln beißenden Staubes umkreisten.
Das Zuchthaus brannte.
Das Spital brannte.
Die Zuchthäusler erbrachen die eisernen Türen, erschlugen mit den Eisengittern die Aufseher und schleppten sich, verprügelt und angeschossen, wie Pestkranke die von der Flammenglut zersprungenen Straßen entlang.
Hei, so schön brannten die von Unrat durchtränkten Zellen! Welch ein Freudenmahl des freien, rächenden Feuers, das die Särge der Lebenden, das Zuchthaus, zerstörte!
Und in den dumpfen Krankensälen, im grüngelben Licht der hüpfenden Sonnen, klang herzzerreißend
das Stöhnen der Siechen und das höllische Lachen der Wahnsinnigen.
Das Feuer schrie und sprang wie ein Eichhörnchen. Es warf sein brennendes Netz über die Stadtparkmauer auf das Schlachthaus hinüber.
Die Stadt zitterte vor dem vorsintflutlichen Geheul, die Tiere weinten wie von menschlicher Trauer ergriffen.
Vom Zuchthaus kam das Feuer auf den Friedhof.
Die Flammen erbrachen mit ihren schweren, glühenden Brecheisen die stummen Gräber.
Und die Toten erhoben sich aus den Särgen und wuchsen zu schwarzen, von einer grauen, erstickenden Wolke beschatteten Dunstsäule empor.
Der Mönch in dunklem Gewande, der Mönch mit fest zusammengepreßten Lippen stand mit gekreuzten Armen mitten unter den vertierten Menschen und den rasenden Tieren.
Funken und Flammen umkreisten sein Haupt wie Scharen goldener Vögel.
Und die Sturmglocke läutet und läutet ohne Unterlaß.
Und die Menschen rennen zerfetzt, verbrannt, verzweifelt umher.
Das staatliche Schnapslager brennt!
Der brennende Schnaps frißt die Herzen.
Hab den Vater geschlachtet,
Die Mutter gehenkt,
Und die leibliche Schwester
Im Flusse ertränkt . . .
Tausende von verstümmelten, mit Weingeist durchtränkten Leichen brennen mit blauen, unerträglichen Flammen.
Man wurde vor Entsetzen wahnsinnig.
Die Mütter verloren ihre Kinder.
Kinder schleppten zentnerschwere Lasten.
Niemand wagte, unter einem noch unversehrten Obdach zu bleiben.
Man verließ die Häuser und zog auf die Straßen.
Man suchte nach den Brandstiftern.
Man glaubte schon, ihnen auf der Spur zu sein.
Man wollte unbekannte Frauen gesehen haben, die sich bei den Haustoren zu schaffen machten.
Man riß den Aufseher Semjon, der sich unbedachterweise eine Pfeife angezündet hatte, in Stücke.
Man riß einem Studenten den Arm aus.
Man warf jemanden ins Feuer.
»Wer ist’s? Wo soll man suchen?« fragte man den Mönch.
Der Mönch schwieg.
Auf den Zäunen stand mit schwarzen Lettern geschrieben: ›Morgen wird keine Feuersbrunst sein.‹
»Morgen wird keine Feuersbrunst sein! Keine Feuersbrunst.«
Ein blutrotes engmaschiges Netz hing über der
Stadt, und irgendwo in seiner Tiefe schwebte ein blutig-flammender Kern, welcher Gestank und Brandgeruch verbreitete.
So begann der dritte Morgen, der dritte und letzte Tag.
In der Nacht verbrannte die Kathedrale mit allen Reliquien. Der Glockenturm stürzte ein, und die schreiende Zunge der Sturmglocke verstummte.
Aus dem Feuer stiegen drei flammende Kreuze empor. Sie zitterten und verschwanden in der schrecklichen roten Nacht.
Die Herzen glühten, die Arme hingen kraftlos herab.
Es gab nichts mehr, was noch brennen konnte.
Die Feuersbrunst ging zu Ende.
Die wahnsinnigen Menschen irrten wie im Nebel umher.
Einen jeden, der ihnen in den Weg kam und der etwas auf dem Kerbholz hatte, erschlugen sie mit brennenden Scheiten.
Von Entsetzen, Verzweiflung und Blut trunken, verließen sie vor Anbruch der Nacht die Stadt.
Alle, die noch am Leben geblieben waren, verbrachten diese letzte Nacht auf dem freien Feld, eng aneinander gedrängt, von geretteter Habe und geraubtem Gut umgeben.
Und der Mönch in dunklem Gewand stand unter den Übriggebliebenen.
Niemand erhob die Stimme, um ihn zu rufen oder anzuflehen, aber Hunderte von Augen waren auf sein unter der Kutte verborgenes Herz gerichtet.
»Gnade! Gnade!«
Und zum erstenmal ging ein Zucken über das regungslose Gesicht des Mönches.
Der Mönch zerriß sein Gewand, holte ein Gefäß, das er auf der Brust trug, hervor, tauchte einen Weihwedel hinein und besprengte die flehenden Augen.
Im gleichen Augenblick ergoß sich ein Feuermeer über das ganze Feld.
Die Feuerwolke zerriß den Himmel, zerspaltete die Nacht, schrie auf und erbebte.
Und nichts als Funken und wieder Funken . . .
Tiefe Finsternis lag über der verbrannten Stadt.
Und die Sterne fürchteten sich, auf die Erde und auf den in dunkle Fetzen gehüllten Menschen herabzuschauen.
Und die Aasvögel wagten nicht, zu den Leichen herabzufliegen, sie wagten nicht, ihre Flügel vor jenem Menschen zu regen.
Und er stand allein mitten in der Asche der verbrannten Erde.
O du verdammte Heimaterde!
Petuschok
1
Eine Kuh fraß am Eliastage dem Petka ein Fünfzehnkopekenstück auf.
Als die Großmutter von der Abendmesse heimgekommen war, hatte sie vor dem Schlafengehen dem Knaben eine silberne Münze, ein Fünfzehnkopekenstück, zum Vernaschen geschenkt.
Am Tage des heiligen Elias schreitet eine Prozession aus dem Kreml zur Eliaskirche auf dem Woronzow-Felde, eine lange Prozession mit uralten Kreuzen, von vielen Gendarmen zu Pferde begleitet. Nach der Messe findet im Garten und auf dem Platz vor der Kirche unter den Kirchenfahnen ein Volksfest statt; es werden dabei Kwaß, Spielzeug, Stachelbeeren, Birnen und Eis feilgeboten. Petka war ein großer Liebhaber von Stachelbeeren und aß leidenschaftlich gern Eis; seine Freude über das Fünfzehnkopekenstück war also wirklich groß. Während der ganzen Nacht behielt er die Münze in der Hand.
Als die Großmutter aus der Kirche des heiligen Nikola Kobylski heimkehrte, war Petka schon auf: er hatte den Samowar instand gesetzt,
seine Schuhe gewichst und sich fein herausgeputzt; fertig zum Ausgehen, stand er da. Und wie oft hatte der unruhige Geist schon in Erwartung der Großmutter die Mütze aufprobiert! Petka hatte eine Mütze mit lackledernem Schirm; früher hatte er einen Strohhut getragen, als er aber Schüler einer Städtischen Schule geworden war, hatte ihm die Großmutter diese Mütze gekauft. Er hat seinen Gürtel, der ebenfalls aus Lackleder ist, ins letzte Loch geschnallt und sich seine schwarze Tuchbluse mit den beiden Silberknöpfen am Kragen zurechtgezupft; bloß mit der Hose ist es nicht weit her: die Drillichhose ist zwar rein gewaschen — Großmutter selbst hat sie gewaschen und gebügelt —, aber sie ist zu kurz: von den Waden ist ein etwa zwei Finger breites Stück zu sehen; Petka wächst aber noch, und die Hose ist in der Wäsche eingelaufen.
»Ich habe dir den Samowar in einem Nu zurechtgemacht, Großmutter!« begrüßt Petka die Großmutter, auf einem Bein hüpfend.
»Du bist ein gescheiter Junge, Petuschok!« Großmutter ist nach dem Gottesdienst müde und freut sich auf den Tee.
Wenn die Großmutter selbst den Samowar instand setzte, brauchte sie immer furchtbar viel Zeit dazu — so kam es Petka wenigstens vor. Sie pflegte erst die Asche auszuschütten, dann ein wenig Kohle hineinzutun, auf die Kohle einige Holzspäne zu streuen und, wenn die Kohle zu knistern anfing, noch einige Kohlen nachzulegen;
das machte sie wohl zweimal. Petka schüttete aber nie die Asche aus, sondern stopfte den Samowar gleich mit Kohle voll, zündete einige Späne an, legte noch etwas Kohle auf, und der Samowar begann sofort, so schien es ihm wenigstens, zu summen.
»Du bist ein gescheiter Junge!« wiederholte die Großmutter. Sie freute sich, daß der Samowar auf dem Tisch stand und summte und daß sie jetzt in aller Ruhe ihren Tee trinken und vor der Prozession noch etwas ausruhen konnte.
Großmutter war gottesfürchtig und eine eifrige Kirchgängerin; sie versäumte keinen einzigen Gottesdienst, und wenn es beim Nikola Kobylski eine Leiche gab, so ging sie hin und wohnte auch mit einer Kerze in der Hand der Totenmesse bei; sie ging auch mit Petka bei allen Prozessionen mit.
Großmutter setzte sich an den Teetisch, aber ehe sie noch ein Stückchen geweihtes Brot zerkauen konnte, fing Petka schon zu drängen an: sie wollten sofort aufbrechen, um der Prozession entgegenzugehen.
Aber es sei noch viel zu früh! Die Prozession habe gewiß noch nicht den Kreml verlassen; die Leute sammelten sich wohl erst; die Hausmeister ständen noch gar nicht am Morosowschen Gitterzaun, sie säßen wohl noch in der warmen Stube und tränken Tee.
Großmutter und Petka pflegten die Prozession in der Wedenskaja-Gasse, auf dem Morosowschen Zaune stehend, zu erwarten. Sie machten
es sehr einfach: zuerst kletterte Petka hinauf und dann die Großmutter; der Alten fiel es zwar recht schwer, auf den Zaun hinaufzuklettern, aber sie konnte von dort aus besser sehen und lief auch nicht Gefahr, zertreten zu werden.
»Wenn du nicht gehst, geh ich allein!« Petka setzte seine Mütze mit dem Lacklederschirm auf und stand schon an der Tür.
Großmutter hatte Angst, Petka allein gehen zu lassen; sie meinte, man könne ihn im Gedränge leicht zertreten.
»Man wird dich zertreten, Petuschok.«
»Nein, Großmutter, man wird mich nicht zertreten. Mir hat im vorigen Jahr das Pferd eines Gendarmen mit dem Huf auf eine Zehe getreten, das hat schrecklich weh getan! Und doch hat es mir nichts geschadet. Großmutter, jetzt gehe ich!«
Großmutter hat Angst und ist zugleich gekränkt: sie gingen doch jedes Jahr zusammen hin — Petka voraus und hinter ihm die Großmutter in ihrem alten Umhang, mit dem Sonnenschirm in der Hand; Großmutter spannte ihren Schirm niemals in der Sonne auf und hielt ihn nicht am Griff, sondern stets an der Spitze, so daß der Griff die Erde berührte. Sie will Petka nicht allein gehen lassen; und sie will noch etwas ausruhen und gemächlich ihren Tee trinken!
Was ist da zu machen? Der Junge läßt sich nicht halten!
Petka geht allein fort.
Der Morgen ist schön kühl, der Tag wird nicht so heiß werden. Ob Petka vom lieben Gott einen so herrlichen Tag erfleht oder der heilige Prophet Elias, dem das Fest gilt, seinen Segen gegeben hat — die Leute werden es in der Prozession gut haben, die goldgestickten Kirchenfahnen werden funkeln, die Priester werden leichten und trockenen Fußes gehen, und auch die Chorsänger werden es angenehm haben.
Petka ging, sein Fünfzehnkopekenstück fest in der Faust haltend, auf den Flur hinaus; viel Stachelbeeren, rote, behaarte Stachelbeeren wollte er sich dafür kaufen und außerdem für fünf Kopeken Schokoladeneis verspeisen. Petka lauschte; irgendwo läuteten die Glocken, aber es war noch sehr weit. Die Prozession hatte wohl eben erst den Kreml verlassen, und man läutete in den Kirchen, an denen sie vorüberzog.
›Man läutet erst in der Iljinka oder in der Marossejka bei Nikola — es ist ein schönes Läuten!‹ dachte Petka. Und da erblickte er plötzlich eine Kuh.
Auf dem Hofe spazierte die Kuh des Diakons, eine schöne, wohlgenährte, rote Kuh.
Petka freute sich jedesmal, wenn er die Milchkuh des Diakons sah, das ›Braunchen‹, wie Großmutter sie zu nennen pflegte.
»Guten Tag, Braunchen!« Petka kam hüpfend näher und streckte seine Hand aus, um die Kuh zu streicheln . . . Das Geldstück funkelte in der Sonne, das Fünfzehnkopekenstück fiel ihm aus
der Hand, die Kuh leckte es mit der Zunge auf, stieß einmal auf und verschluckte es.
Kurz und gut — weg war es.
Petka suchte auf dem Rasen und zwischen den Steinchen, ging einige Male um die Kuh herum, stand einen Augenblick still und wartete, ob die Münze nicht wieder zum Vorschein käme . . . Nein, verschwunden war sein silbernes Geldstück, das Braunchen hatte es gefressen, es hatte ihm das Fünfzehnkopekenstück, das er zum Eliastage bekommen, weggenommen.
Mit leeren Händen ging nun Petka zur Eliaskirche.
Sollte er umkehren und der Großmutter alles erzählen? Großmutter würde wohl sagen: »Wolltest mir nicht folgen, bist allein gegangen, darum hat es dir die Kuh gefressen!« Und sie würde ihm nie wieder eine Silbermünze schenken. Sie würde noch sagen: »Was soll man auch so einem Schlingel Geld schenken? Das frißt ja doch die Kuh!« Nein, es ist doch besser, der Großmutter nichts zu sagen. Und die Stachelbeeren und das Schokoladeneis? Nun, er wird sich eben ohne Stachelbeeren und ohne Eis behelfen müssen. Und wenn Großmutter etwas merkt? Sie wird eben nichts merken. Er wird der Großmutter sagen, daß er einen ganzen Zentner Stachelbeeren und hundert Portionen Eis gegessen hat . . . Und wenn Großmutter es nicht glaubt? Sie wird es wohl glauben müssen! Die Stachelbeeren sind ja billig — spottbillig sind sie, sagt Großmutter selbst.
Und was ist auch dabei? Er hat eben einen ganzen Zentner Stachelbeeren gekauft und aufgegessen: er hat Geld genug gehabt, es sind ja nicht fünf, sondern fünfzehn Kopeken gewesen! Aber er hat kein Fünfzehnkopekenstück mehr: die Kuh hat es aufgefressen!
»Was bist du für eine Kuh!« sagte Petka vorwurfsvoll zu seinem geliebten Braunchen. »Warum hast du das Geld gefressen? Die Stachelbeeren sind so schön rot und behaart, und das Schokoladeneis schmeckt so herrlich . . . hundert Portionen!«
Petka dachte im Gehen immer an sein Fünfzehnkopekenstück, das unwiederbringlich verloren war. Es gab nur noch eine Möglichkeit: Großmutter alles zu gestehen. Sie wird ihm dann vielleicht ein neues geben. Aber wo sollte Großmutter eines hernehmen? Das Geld wächst nicht auf der Straße, pflegt Großmutter zu sagen. Sie hat ja auch nur ein paar Silbermünzen; Kopekenstücke hat sie genug . . . Petka ging am Kursker Bahnhof und an dem verwahrlosten Rjabowschen Hause, wo, wie er glaubte, die goldenen Zimmer immer leer und unbewohnt standen, vorbei. Er ging zur Eliaskirche auf dem Woronzow-Feld.
Die ganze Wedenskaja-Gasse war mit Gras belegt, das ganze Pflaster mit frischgemähtem Gras bestreut. Da war Gras von den Chludows dabei, und von den Naidjonows und von Myslin, und wie alle die reichen Gemeindemitglieder sonst noch hießen. Die Füße glitten im Grase aus, und
Petka brachte es fertig, sich ein paar grüne Grasflecke auf seine Hose zu machen. Im Gras lagen auch vereinzelte Blumen, und die Blumen dufteten nach Wiesen und brachten ihm die Wallfahrten in Erinnerung. Petka unternahm jeden Sommer mit seiner Großmutter Wallfahrten. Petka dachte nicht mehr an das aufgefressene Fünfzehnkopekenstück und schloß die Augen: ganz klar, ganz deutlich fühlte er die Erde und das Gras unter seinen Füßen; er fühlte sich plötzlich in die Gegend von Swenigorod versetzt, auf einen Feldweg, wo Glockenblumen blühen, auf einen Waldweg, wo der Kuckuck ruft, zum Sawwa-Kloster zum Nikola-Ugrjescha, und vom Nikola-Ugrjescha zum Troiza-Sergius-Kloster.
Die Leute eilten schon zur Kirche; andere blieben auf dem Bürgersteig und suchten sich ein Plätzchen, wo sie bequem stehen und zusehen konnten. Das Läuten klang immer näher, es schien schon aus der nächsten Nähe, von der Troiza-Grjasi-Kirche zu kommen. Nein, Petka hatte sich getäuscht, es war noch sehr weit: man läutete erst bei Kosmas und Damian.
Auf dem Morosowschen Zaun stand noch niemand. Vor dem Tore waren nur die Hausmeister versammelt, unter ihnen der Morosowsche Kutscher in einer Plüschweste, das schwarze Haar mit Butter eingefettet. Auch Petka wird sich einmal, wenn er groß ist, das Haar mit Butter einfetten, und es wird dann ebenso schön schwarz sein wie das Haar des Morosowschen Kutschers; jetzt
aber benetzte es ihm Großmutter, wenn er aus der Badestube heimkommt, mit Kwaß.
Petka kletterte auf den Zaun hinauf und hielt Ausschau nach der Prozession und der Großmutter.
›Es wird sich schon irgendwo auf dem Hofe finden‹, dachte er ab und zu an sein unglückseliges Geldstück. ›Es kann gar nicht verlorengehen!‹
Vom Geld kamen seine Gedanken wieder auf die Prozession, und er horchte, in welcher Kirche gerade geläutet wurde; von der Prozession kamen sie auf den Morosowschen Kutscher, vom Kutscher auf das Gras und die Wallfahrten; so schweiften die flüchtigen Gedanken des kleinen Petka, des Petuschok,[1)] wie Großmutter den Jungen zu nennen pflegte.
Nun kam auch Großmutter mit ihrem Sonnenschirm an; sie kletterte auf den Zaun hinauf, die Glocken der Kirche zur Mariä Opferung in den Baraschi begannen zu läuten, die Prozession kam immer näher, die schweren Kirchenfahnen erstrahlten in goldenem Glanz, dann läutete es in der Eliaskirche, und Petka war vollkommen getröstet.
›Großmutter wird mir ein anderes Geldstück schenken, und wenn sie mir keines schenkt, so werde ich auch ohne Eis und Stachelbeeren satt werden.‹
2
Großmutter hatte niemand außer Petka. Petka ist ihr Großneffe, der Sohn ihres Neffen, aber sie nennt ihn Enkel. Der Neffe ist gänzlich heruntergekommen: er war früher einmal Parkettwichser gewesen, hatte sich etwas zuschulden kommen lassen, trieb sich lange Zeit arbeitslos in Moskau herum, bekam endlich eine Anstellung in einer Bierhalle, blieb dort nur einen Winter lang, gab diese Stellung auf und wurde Arbeiter in den Goujon-Werken; er verließ auch diese Stellung und geriet schließlich unter das lichtscheue Gesindel, das den Chitrowka-Markt bevölkert. Er besuchte, wenn auch nur selten und meistens betrunken, die Großmutter, um sie um Geld zu bitten. Großmutter hatte vor dem Neffen große Angst und nannte ihn ›den Räuber‹.
Petka wohnt mit der Großmutter in einer Kellerstube auf dem Semljanoj-Wall, in der Nähe der Kirche des heiligen Nikola Kobylski. Als Großmutter noch bei Kräften gewesen war, hatte sie nie müßig dagesessen und über nichts zu klagen gehabt; die Nachbarn sagten, sie brauche sich nie ohne Weißbrot zu Tisch zu setzen. Nun aber sind ihre Augen schwach, und sie kann nicht mehr arbeiten. Großmutter ist auch schon bei Jahren: sie war sechs Jahre alt, als man die Leiche des Kaisers Alexander Pawlowitsch aus Taganrog über Moskau überführte: so alt ist sie also schon! Gute Menschen unterstützen sie ab und
zu, und sie bekam auch einen monatlichen Zuschuß von der Armenpflege; ihr Petka aber wurde in eine Städtische Schule aufgenommen. Auf dem Semljanoj-Wall kennt jedermann die Großmutter Iljinischna Sundukow; auch auf dem Woronzow-Feld und in den Syromjatniki ist sie gut bekannt. Mit Mühe und Not schlägt sie sich mit ihrem Petka durch.
Ihre Kellerstube ist sehr klein. Vor ihr wohnten zwei alte Frauen darin, mit Namen Smetanin, die ebenso gottesfürchtig waren wie die Großmutter. Als die Smetanins starben, mietete Großmutter mit Petka die Kellerstube. Großmutter hat früher ein anderes, größeres Zimmer gehabt, in dem jetzt Stubenmaler wohnen.
Großmutters Zimmer ist vollgepfropft. Es steht eine Kommode darin, die vor Alter eine Art Geheimkommode geworden ist: die mittlere Schublade läßt sich nicht mehr ganz herausziehen: man kann sie nur von rechts und auch nur einen Fingerbreit herausschieben. In dieser Schublade — davon weiß aber nur die Großmutter allein — sind ein silberner Teeglasuntersatz mit Weintraubenmuster und zwei silberne Löffel mit Blumengravierung und schwarzem Email an den Stielen verwahrt: das alles ist Petkas Eigentum, das er nach Großmutters Tode erben wird. Großmutter hat auch einen Kleiderschrank, gleichfalls mit einem geheimen Trick: du kannst die Tür zwar aufmachen, hast aber gleich die ganze Bescherung, denn die Tür fällt sofort ganz
heraus: nur Großmutter allein versteht es, in ein bestimmtes Loch einen Stift hineinzustecken, so daß die Tür auf den richtigen Platz kommt und der Schrank sich wieder schließen läßt. Großmutter besitzt auch noch einen kleinen eichenen eisenbeschlagenen Koffer, in dem sie ein Hemd, ein Leichentuch, ein Paar Pantoffeln ohne Absätze und ein Stück Leinwand verwahrt: das alles bleibt für ihre Leiche aufgespart. Als man einmal im Herbst auf dem Hof Kraut schnitt, stopfte Petka in diese Truhe Kohlstrünke hinein: der Schlingel glaubte, es würde Großmutter Freude machen, wenn sie im Jenseits von den Kohlstrünken naschen könnte. Ein kleines Sofa steht auch noch da: von außen betrachtet, ist es noch ganz anständig, wenn man sich aber ungeschickt draufsetzt, so stößt man sich an einer Holzleiste. Im Winkel steht ein Heiligenschrein mit drei Abteilungen. Zuoberst hängen mehrere geweihte Bildchen von den Wallfahrtsorten und noch allerlei andere Bildchen und Messingkreuze. Darunter steht die Ikone ›Die Moskauer Wundertäter‹: Maxim der Selige, Wassili der Selige und Johannes der Narr in Christo stehen nebeneinander — Wassili nackt, Maxim mit einem Schurz und Johannes in einem weißen Gewand —, die Arme im Gebet ausgestreckt, vor dem Moskauer Kreml; über dem Kreml ist die heilige Dreifaltigkeit dargestellt, und über den Heiligen ein dunkler Wald, die ›Mutter-Einöde‹ mit zerklüfteten Bergen, Bergen, die wie Zungen aussehen: Petka hält sie für Feuerberge. Es ist eine uralte
Ikone. Daneben steht eine zweite auf Goldgrund gemalte Ikone: ›Die vier Marienfeste‹. Sie stellt die vier Muttergottesfeste dar: Maria Schutz und Fürbitte, Aller Leidenden Freude, Mariä Erscheinung und die Muttergottes von Achtyrka. Das Bild fällt fast auseinander, so alt ist es. Unter dem Heiligenschrein liegen drei Knäuel: ein Knäuel Stricke, ein Knäuel Bindfaden und ein Knäuel bunter Schnüre: während vieler Jahre hat Großmutter sie aufgespart. Schließlich existiert noch eine Truthenne — das ist ihre ganze Habe.
Großmutter gibt Petka sein Essen und denkt auch an die Truthenne. Die Truthenne wohnt auf dem Hof in einem kleinen Schuppen, der Schuppen steht neben dem Kuhstall; die Truthenne stirbt langsam dahin und ist schon so alt wie die Großmutter. Großmutters ›Herr Jesus‹ kann sie zwar nicht nachsprechen, versteht aber anscheinend sonst alles: in ihrem langen Leben hat sie alles gelernt, alles erfaßt.
Als Petka klein war, hatte er vor der Truthenne Angst; aber mit den Jahren gewöhnte er sich an sie und liebte es, sie anzuschauen: er pflegte sich im Schuppen vor ihr hinzukauern und sie zu betrachten; ihn interessierte ihr Kopf, der ganz rosa und mit vielen kleinen rosa Warzen besät war. Die Truthenne stand vor ihm, blies sich auf und kauerte sich hin. Und so kauerten sie beide: Petka und die Truthenne.
Die Hühner des Diakons haben Hähnchen, die Katze Puschok hat Kätzchen, aber die Truthenne
hat nichts — wie kommt das? fragte sich Petka mehr als einmal.
Auch die Großmutter sagte manchmal nachdenklich vor sich hin:
»Wenn Gott der Truthenne ein Ei schenken wollte, so gäbe es Hähnchen!«
›Alles kommt vom Ei, wenn Gott der Truthenne ein Ei schenkt, so gibt es Hähnchen!‹ sagte sich auch Petka.
»Großmutter, und wenn Gott der Truthenne wirklich ein Ei schenkt?«
»Gott geb’s!«
»Was geschieht dann weiter?« prüfte der kluge Petka die Großmutter.
»Dann setzt sie sich hin.«
»Wie setzt sie sich hin, Großmutter?«
»Auf das Ei setzt sie sich, Petuschok. So macht sie das.« Großmutter kauerte hin wie die Truthenne. »Einundzwanzig Tage, das sind genau drei Wochen, sitzt sie darauf; nur wenn sie fressen muß, steht sie auf und das auch nur jeden zweiten oder dritten Tag. Und dann kommt ein Truthähnchen heraus.«
»Großmutter, wo werden wir das Hähnchen hintun?«
»Es wird bei uns wohnen.«
»Großmutter, wir werden es in einen Käfig tun, und es wird wie eine Nachtigall singen, ja, Großmutter?«
»Ja, Petuschok, es wird ein kleines Hähnchen sein, ganz gelb, mit einem Schöpfchen.«
»Großmutter, wir werden uns einen Luftballon machen und fliegen. Ja, Großmutter?«
»Was fällt dir ein, Petuschok!«
»Wir werden fliegen, Großmutter, wir werden mit dem Hähnchen in dem Luftballon wohnen. Ja?«
Großmutter schwieg eine lange Weile. Petka glotzte aber über die Großmutter hinweg und sah wohl bereits im Geiste den Luftballon, in dem sie wohnen würden: er, das Hähnchen und die Großmutter.
»Ich bin damit nicht einverstanden«, sagte die Großmutter. »Ich will hier unten sterben, auf dem Luftballon mag ich nicht sterben.«
»Großmutter«, Petka dachte nur an seine Sachen und hörte die Großmutter nicht. »Alles kommt doch vom Ei?«
»Möge Gott ihr doch eins schenken!« Großmutter wollte so schrecklich gern, daß die Truthenne legte, und sie dachte an das Hähnchen mit derselben Sehnsucht wie Petka.
Petka hatte das Geldstück vom Eliastage vergessen und machte der Kuh keine Vorwürfe mehr, weil sie es gefressen hatte; er brauchte kein Geldstück mehr, er brauchte nur das kalikutische Hähnchen. Aber wo sollte er ein Ei hernehmen, wie könnte er es einrichten, daß Gott der Truthenne ein Ei schenkt, aus dem alles kommt, aus dem auch ein Truthähnchen kommt?
›Ich könnte ja ein Ei vom Diakon nehmen und es unter die Truthenne legen‹, überlegte sich
Petka. ›Der Diakon hat viele Hühner, und seine Hühner legen viele Eier . . . Und man braucht ja doch nur ein einziges Ei! Wenn er es aber merkt? Seine Eier sind ja alle gezeichnet!‹ Petka hatte schon in des Diakons Kiste hineingeschaut. ›Datum und Monat sind auf jedem Ei verzeichnet, man wird es merken, und dann stehe ich als Dieb da. Und als Dieb werde ich auf den Chitrowka-Markt gehen müssen. Und Großmutter? Wie wird sie ohne mich leben?‹ — ›Ich lebe nur für dich, Petuschok, sonst wäre es für mich längst Zeit zu sterben!‹ — pflegt Großmutter zu sagen. ›Nein, vom Diakon will ich nichts nehmen. Aber wie kann ich mir ein Ei verschaffen? Ich brauche ja nur ein einziges!‹
Ein Zufall kam Petka zu Hilfe. Großmutter wollte einmal ihrem Petuschok eine Freude machen und ihn mit Spiegeleiern traktieren. Und sie schickte Petka zum Kaufmann, um drei Eier zu kaufen. Petka brachte bloß zwei Eier mit: das dritte versteckte er und sagte der Großmutter, er habe es zerbrochen.
»Da hast du es, Petuschok: die Kuh hat dir das Geldstück gefressen, und das Ei hast du zerbrochen!« Das zerbrochene Ei tat der Großmutter furchtbar leid.
Petka hätte wohl sonst die Eierspeise vor Ärger gar nicht angerührt; aber jetzt, wo er in seiner Tasche das Ei liegen hatte, aus dem alles kommt, aus dem auch ein Hähnchen kommen konnte, machte er sich nicht viel daraus: soll nur Großmutter
sagen, was sie will. Er verzehrte schnell sein Spiegelei, wischte sich nicht einmal den Mund ab und lief in den Schuppen zu der Truthenne. Er legte ihr das Ei unter den Schwanz und wartete der Dinge, die da kommen sollten. Die Truthenne sah aber gar nicht hin, als wenn da gar kein Ei läge, und dachte gar nicht daran, sich draufzusetzen.
Was ist denn das? Und wenn sie sich nicht hinsetzt?
»Setz dich, Truthenne, setz dich, bitte!« Petka kauerte hin, starrte auf die rosa Warzen der Truthenne und verharrte so, ohne zu atmen, ohne sich zu regen, von dem einen hartnäckigen Gedanken, dem einen heißen Wunsch, der einen Bitte beseelt: »Setz dich doch, Truthenne, setz dich, bitte!«
Die Truthenne blies sich auf und setzte sich auf das Ei, ja, ganz genau auf das Ei.
Und Petka kauerte noch lange vor ihr, wandte keinen Blick von der Truthenne, von dem einen hartnäckigen Gedanken, von dem einen heißen Wunsch beseelt . . .
Die Truthenne saß ruhig und fest auf dem Hühnerei.
Petka erhob sich leise, ging aus dem Schuppen und lief von hinten herum zu einem Spalt in der Wand. Er blieb am Spalt kleben: die Truthenne saß ruhig und fest auf dem Hühnerei.
Sollte er es der Großmutter sagen? Nein, Großmutter wird es schon selber sehen. Wie wird sie
sich freuen, wenn sie die Truthenne auf dem Ei sitzen sieht!
Petka stand den ganzen Tag Wache am Spalt: er paßte auf die Truthenne auf und wartete auf die Großmutter. Großmutter kam in den Schuppen, um der Truthenne ihr Futter zu geben.
»Gepriesen sei der Schöpfer!« flüsterte die Alte. Sie bekreuzigte sich, sie trippelte aufgeregt umher, sie traute ihren Augen nicht, sie konnte es einfach nicht begreifen: die Truthenne hatte ein Ei gelegt, die Truthenne saß auf einem Ei!
Am Abend nach diesem langen, wundervollen Tage legte sich Petka schlafen, auch Großmutter ging zu Bett. Petka drehte sich hin und her und konnte nicht einschlafen: er wartete immer, daß Großmutter etwas von der Truthenne sagen werde. Auch Großmutter wälzte sich immer von der einen Seite auf die andere: sie hatte große Lust, von der Neuigkeit zu sprechen, fürchtete aber, das Glück zu berufen.
Lange beherrschte sich die Alte, hielt es aber schließlich doch nicht aus. »Petuschok!« rief die Großmutter.
»Großmutter!« Der Schlingel begriff sofort, um was es sich handelte. Er tat aber so, als ob er ihr aus dem Schlafe antwortete.
»Du schläfst noch nicht, Petuschok?«
»Was willst du, Großmutter?«
»Der liebe Gott hat uns seine Gnade erwiesen!« Großmutter fing sogar zu lachen an und keuchte vor Freude. »Ein Ei! Die Truthenne sitzt . . .«
»Sie sitzt, Großmutter?«
»Ja, Petuschok, sie sitzt . . .« Großmutter sagte es mit schwacher Stimme und bekam einen Hustenanfall.
»O Großmutter, wir werden jetzt einen Truthahn haben, ein Hähnchen?«
»Ein Truthähnchen, ein kalikutisches Hähnchen«, flüsterte die Großmutter, als ob im kalikutischen Hähnchen das ganze Geheimnis, das ganze Glück von ihrem und Petkas Leben läge.
»Wird es bei uns wohnen?«
»Gewiß, Petuschok, wo denn sonst?«
»Wir werden es doch nicht aufessen, Großmutter?«
Großmutter antwortete nicht mehr, Großmutter war schon eingeschlafen, beglückt und erfreut durch die göttliche Gnade, durch den Gedanken an das kalikutische Hähnchen, das nach einundzwanzig Tagen aus dem Hühnerei kommen sollte.
Das Öllämpchen flackerte leise vor den Bildchen und Kreuzchen, vor den ›Vier Marienfesten‹: Maria Schutz und Fürbitte, Aller Leidenden Freude, der Muttergottes von Achtyrka und Mariä Erscheinung — und vor den ›Moskauer Wundertätern‹: Maxim dem Seligen, Wassili dem Seligen und Johannes dem Narren in Christo. Die Berge der ›Mutter-Einöde‹ glühten im Lichte der Nachtlampen rot und schnitten sich wie mit Flammenzungen in den Moskauer Kreml hinein.
»Großmutter, ich werde das Hähnchen lieben!« Petka-Petuschok, Großmutters Hähnchen, schlief mit diesen Worten ein.
Jeden Tag, ganz gleich, ob es nötig war oder nicht, schaute Großmutter in den Schuppen nach der Truthenne; sie dankte jedesmal Gott für die ihr erwiesene Gnade und zählte die Tage. Auch Petka zählte die Tage und war nicht weniger aufgeregt als die Großmutter; er ließ seinen Drachen nicht mehr steigen, dachte nicht mehr an seine Schlangenklapper und vergaß, daß er das Ei selbst unter die Truthenne gelegt hatte: er glaubte an das Hühnerei, als ob es ein echtes, von der Truthenne selbst gelegtes Ei wäre. Die Truthenne, die sich gegen jede Truthennensitte so unzeitgemäß auf das Ei gesetzt hatte, saß auf dem Hühnerei ruhig und fest und dachte gar nicht daran, aufzustehen und im Schuppen spazierenzugehen. Kam es daher, daß sie, seit sie auf der Welt war, bis in ihr tiefes Alter hinein, noch niemals gelegt und keine Ahnung von Eiern, weder von eigenen noch von Hühnereiern hatte? Oder daher, daß Petka durch seinen Willen wirkte oder Großmutters Gebet Gehör gefunden hatte — jedenfalls entbrannte in ihr die Brutlust wie bei einer richtigen Glucke, und die rosa Warzen auf ihrem Kopfe wurden immer blasser.
Und so vergingen zwanzig Tage und ein Tag.
Petka konnte nicht mehr schlafen: »Und wenn kein Hähnchen herauskommt, wenn es ein taubes Ei ist?« Wie konnte er auch schlafen? Jeden