Die drei Sprünge
des Wang-lun
Chinesischer Roman
von
Alfred Döblin

1917
S. Fischer, Verlag, Berlin

Alle Rechte vorbehalten, besonders die der Übersetzung;
für Rußland auf Grund der deutsch-russischen Übereinkunft.
Copyright 1915 S. Fischer, Verlag, Berlin.

Zueignung

Daß ich nicht vergesse —.

Ein sanfter Pfiff von der Straße herauf. Metallisches Anlaufen, Schnurren, Knistern. Ein Schlag gegen meinen knöchernen Federhalter.

Daß ich nicht vergesse —.

Was denn?

Ich will das Fenster schließen.

Die Straßen haben sonderbare Stimmen in den letzten Jahren bekommen. Ein Rost ist unter die Steine gespannt; an jeder Stange baumeln meterdicke Glasscherben, grollende Eisenplatten, echokäuende Mannesmannröhren. Ein Bummern, Durcheinanderpoltern aus Holz, Mammutschlünden, gepreßter Luft, Geröll. Ein elektrisches Flöten schienenentlang. Motorkeuchende Wagen segeln auf die Seite gelegt über das Asphalt; meine Türen schüttern. Die milchweißen Bogenlampen prasseln massive Strahlen gegen die Scheiben, laden Fuder Licht in meinem Zimmer ab.

Ich tadle das verwirrende Vibrieren nicht. Nur finde ich mich nicht zurecht.

Ich weiß nicht, wessen Stimmen das sind, wessen Seele solch tausendtönniges Gewölbe von Resonanz braucht.

Dieser himmlische Taubenflug der Aeroplane.

Diese schlüpfenden Kamine unter dem Boden.

Dieses Blitzen von Worten über hundert Meilen:

Wem dient es?

Die Menschen auf dem Trottoir kenne ich doch. Ihre Telefunken sind neu. Die Grimassen der Habgier, die feindliche Sattheit des bläulich rasierten Kinns, die dünne Schnüffelnase der Geilheit, die Roheit, an deren Geleeblut das Herz sich klein puppert, der wässerige Hundeblick der Ehrsucht, ihre Kehlen haben die Jahrhunderte durchkläfft und sie angefüllt mit — Fortschritt.

O, ich kenne das. Ich, vom Wind gestriegelt.

Daß ich nicht vergesse —.

Im Leben dieser Erde sind zweitausend Jahre ein Jahr.

Gewinnen, Erobern; ein alter Mann sprach: „Wir gehen und wissen nicht wohin. Wir bleiben und wissen nicht wo. Wir essen und wissen nicht warum. Das alles ist die starke Lebenskraft von Himmel und Erde: wer kann da sprechen von Gewinnen, Besitzen?“

Ich will ihm opfern hinter meinem Fenster, dem weisen alten Manne,

Liä Dsi

mit diesem ohnmächtigen Buch.

Erstes Buch
Wang-lun

Auf den Bergen Tschi-lis, in den Ebenen, unter dem alles duldenden Himmel saßen die, gegen welche die Panzer und Pfeile des Kaisers Khien-lung gerüstet wurden. Die durch die Städte zogen, sich über die Marktflecken und Dörfer verbreiteten.

Ein leiser Schauer ging durch das Land, wo die „Wahrhaft Schwachen“ erschienen. Ihr Name Wu-wei war seit Monaten wieder in allen Mündern. Sie hatten keine Wohnstätten; sie bettelten um den Reis, den Bohnenbrei, den sie brauchten, halfen den Bauern, Handwerkern bei der Arbeit. Sie predigten nicht, suchten niemanden zu bekehren. Vergeblich bemühten sich Literaten, die sich unter sie mischten, ein religiöses Dogma von ihnen zu hören. Sie hatten keine Götterbilder, sprachen nicht vom Rade des Daseins. Nachts schlugen viele ihr Lager auf unter Felsen, in den riesigen Waldungen, Berghöhlen. Ein lautes Seufzen und Weinen erhob sich oft von ihren Raststätten. Das waren die jungen Brüder und Schwestern. Viele aßen kein Fleisch, brachen keine Blumen um, schienen Freundschaft mit den Pflanzen, Tieren und Steinen zu halten.

Da war ein frischer junger Mann aus Schan-tung, der das erste Examen mit Auszeichnung bestanden hatte. Er hatte seinen Vater, der allein im Fischerboot ausgefahren war, aus schwerster Seenot gerettet; ehe er dem Vater nachfuhr, gelobte er, den Wu-wei-Anhängern zu folgen. Und so ging er, kaum daß die freudevollen Examensfeiern vorbei waren, still aus dem Haus. Es war ein ehrerbietiger, etwas scheuer Jüngling, mit eingekellerten Augen, der sichtlich schwer unter seinem seelischen Zwiespalt litt.

Ein Bohnenhändler, ein rippendürrer Mann, lebte fünfzehn Jahre in kinderloser Ehe. Er grämte sich tief, daß niemand nach seinem Tode für ihn beten würde, seinen Geist speisen und pflegen würde. Als er fünfundvierzig Jahre alt wurde, verließ er seine Heimat.

Tsin war ein reicher Mann vom Fuße des Tschan. Er lebte in dauernder Wut, weil er, wie sehr er sein Geld schützte, alle Monate bestohlen wurde, wenn auch nur um Kleinigkeiten. Dazu kamen Erpressungen durch die Polizisten, Steuerbeamten; mehrmals brannten Häuser von ihm ab, von Böswilligen angesteckt. Er fürchtete, daß er eines Tages ohne Habe und Gut dastehen würde. Er fühlte sich macht- und rechtlos. Da verschenkte er sein ganzes Geld an blinde Musikanten, alte Hurenwirtinnen, Schauspieler; zündete selbst sein Haus an und ging in den Wald.

Junge Wüstlinge zusammen mit Dirnen, die sie aus den bemalten Häusern befreit hatten, wanderten herzu. Oft sah man die Dirnen, die zu den verehrtesten Schwestern gehörten, in eigentümlichen Verzückungen unter den purpurnen Kallikarpen, in den Hirsefeldern, und hörte sie unverständlich stammeln.

Sechs Freundinnen vom nördlichen Kaiserkanal, die man als Kinder verheiratet hatte, sprangen in dem Monat, in dem sie in das Haus ihrer Gatten gebracht werden sollten, mit einer Pferdekette aneinandergebunden, unterhalb ihrer Heimatstadt in den Kanal. Sie wurden, da sie beim Hineinstürzen sich an den Ufermauern verletzten, hängen blieben und laut schrien, gerettet von einigen vorüberziehenden Karrenschiebern, welche sie auf das nächste Polizeigewahrsam transportierten, nachdem sie die ganz willenlosen Mädchen mit Kleiderfetzen zur Not verbunden hatten. Als sie, auf dem Amt freundlich verpflegt, sich erholten und zurecht machten, kamen ihre Väter draußen angestürzt. Die Mädchen hörten die lärmende Auseinandersetzung mit den Wachen, stiegen durch ein hinteres Fenster hinaus und entkamen. Sie schlugen sich von Ortschaft zu Ortschaft durch, hielten sich in einer geschützten Berghöhle verborgen, verschafften sich durch Aushilfsarbeit auf den umliegenden Gehöften, in den Mühlen Nahrung. Die Jüngste von ihnen, ein fünfzehnjähriges blühendes Mädchen, die Tochter der Nebenfrau eines alten Lehrers, starb da, indem ihr ein Räuber Gewalt antat und sie dann erwürgte. Der Räuber trat nicht viel später zusammen mit den Mädchen einer Gruppe der Sektierer bei.

Im nordöstlichen China, in den Provinzen Tschi-li, Schan-tung, Schan-si, ja in Kiang-su und Ho-nan, in großen Städten mit hunderttausenden von Einwohnern, in den tüchtigen Arbeitsdörfern wie in den Spelunkennestern kam es alle paar Tage vor, daß einer auf den Markt ging und vor irgendeinem Betrüger, vor einem Bettelpriester, vor einem lahmen Kind, in einen Eselstrog sein Geld und seine Wertsachen ausschüttete. Daß Ehemänner aus kinderreichen Familien verschwanden; man traf sie nach Monaten in entfernten Distrikten, mit den Vagabunden bettelnd. Es ging hie und da ein unterer Beamter wochenlang wie benommen und träge herum, antwortete bissig auf jede Frage, zuckte frech mit der Achsel bei einer Rüge; dann beging er plötzlich ein erstaunliches Verbrechen, unterschlug öffentliche Gelder, zerriß wichtige Aktenbündel oder griff einen harmlosen Menschen an und zerbrach ihm Rippen. Verurteilt ertrug er seine Strafe und Schande gleichmütig, oder entwich aus dem Gefängnis, ging in den Wald. Dies waren die Leute, denen die Trennung von Familie und Besitz am schwersten wurde und die sich nur durch ein Verbrechen von ihnen ablösen konnten.

Sie trugen nichts vor, was man nicht schon wußte. Eine alte Fabel, die sie erzählten, ging von Mund zu Munde:

Es war einmal ein Mann, der fürchtete sich vor seinem Schatten und haßte seine Fußspuren. Und um beiden zu entgehen, ergriff er die Flucht. Aber je öfter er den Fuß hob, um so häufiger ließ er Spuren zurück. Und so schnell er auch lief, löste sich der Schatten nicht von seinem Körper. Da wähnte er, er säume noch zu sehr; begann schneller zu laufen, ohne Rast, bis seine Kraft erschöpft war und er starb. Er hatte nicht gewußt, daß er nur an einem schattigen Ort zu weilen brauchte, um seinen Schatten los zu sein. Daß er sich nur ruhig zu verhalten brauchte, um keine Fußspuren zu hinterlassen. —

Ein Seufzen preßte das Land aus. Man hatte so glückverschleierte Augen nie gesehen. Ein Zittern ging durch die Familien. Und wenn abends wieder von den „Wahrhaft Schwachen“ und der alten Fabel gesprochen wurde, sah einer den andern an und morgens forschten sie, wer verschwunden sei.

Ein geheimes süßes Leiden schien besonders die jungen kräftigen Männer und Frauen befallen zu haben. Sie schienen fortgezogen zu werden von einer Art bräutlichem Schmerz.

Wang-lun war das Haupt der Bewegung.

Er stammte aus Schan-tung, aus einem Küstendorfe namens Hun-kang-tsun, im Distrikt Hai-ling; der Sohn eines einfachen Fischers. Er erzählte später in beiläufigen Wendungen, sein Vater sei der erste der dortigen Fischerzunft gewesen; an der Wand des Zunfthauses stünde noch der Name seines Vaters, des Begründers dieses Hauses. Aber in ganz Hai-ling gab es kein Gildenhaus. Die zweihundertzwanzig Familien des Örtchens schlugen sich mühselig durch. Die Männer schwammen zum Fang auf dem Meere; die Frauen bestellten die wenigen Felder. Der Boden war so knapp, daß man künstliche Äcker auf den breiten Terrassen der Kalkfelsen anlegte, welche dicht an den Strand traten. Mühsam schleppte Mann und Weib die lockere Erde auf Holzmulden herauf, über die schmalen Serpentinen, Mulde nach Mulde, dann warfen sie den spärlichen Dünger, trockene Krebsschalen und Menschenkot.

Dort über dem Meere wirtschafteten Weiber, Kinder und alte Männer tagsüber; Geplärr und dumpfes Rumoren scholl herunter in das leere Dorf. Es hatten früher hier mehr Familien gewohnt. Aber über fünfzig Häuser waren eines Tages von einem vorüberziehenden plündernden Haufen, der von Tschi-fu herkam, in Brand gesteckt worden. Dem alten Dorfschulzen hatten sie zwischen zwei Gneisblöcken die Füße gequetscht, als er nicht die zweihundert Tael zahlte, die sie verlangten, dann ihm mit einem Balkenschlag den linken Arm zermalmt und ihn, nachdem sie ein breites Loch in das Eis geschlagen hatten — es war Winter —, in einen Tümpel geschleudert. Das stoßweise Gebrüll der sechs Mann, die den jammernden Schulzen immer wieder mit Brettern niederdrückten, das Klatschen der Planken auf der Eisfläche, das laute Schlingen und Wasserspeien des Ertrinkenden, dazu das ungeduldige Wiehern ihrer gestohlenen Pferde, war eine der wenigen Kindheitserinnerungen Wang-luns.

Mit Sonnenaufgang fuhr der alte Wang in den beiden heißen Monaten aufs Meer hinaus, auf einer zweimastigen Dschunke, die am Bug aus zwei großen grünen gemalten Glotzaugen spähte. Zu fünfen saßen die Fischer drin. Die Segel schwellten; sie legten die Ruder hin; gleichmäßig glitten sie einher über dem dunklen Pei-ho neben der Nachbardschunke. Sie warfen draußen das verschlungene scharfriechende Netz aus, spannten es von Dschunke zu Dschunke. Die Drehrollen, die das Netz senkten und zogen, knarrten, heulten, standen fest.

Die Männer blieben bis zum späten Nachmittag draußen. Die Sonnenhitze fiel wie ein trockener sengender Regen über Mensch und Getier. Dickwanstig saß der alte Wang unter seinem tellerförmigen riesigen Strohhut auf der Ruderbank und warf mit spitzen Steinen nach den Seemöwen, die hinter den Dschunken aus der flimmernden Luft tauchten. Während die andern Bootsleute im Schiff die Pfeife rauchten oder Tabak kauten. Sobald Wang seine Schleuder ordnete, setzte sich ein kleiner Bootsmann vor ihn an den hinteren Mast, rauchte sorglos, holte vorsichtig einen elastischen Weidenstock unter dem Tauwerk hervor. Die Schleuder knarrte, der Kleine reckte sich mit tönendem Gähnen, die Schleuder wickelte sich um seinen Stock und ausgestreckten Arm, knallte mit dem Stein unfehlbar dem gespannt wartenden Wang vor die Brust oder auf die Beine. Betrübt sah er seiner schwirrenden Möwe nach. Das Boot schwankte unter dem Lachen der vier, die sich auf die nassen Bretter legten.

Wang torkelte großspurig durch die Teestuben, bewarb sich einmal, eines unbeschäftigten Morgens aus seinem Bohnenfeldchen aufstehend, um die Stelle eines Ortsvorstehers auf dem Amt, zur weinenden Wut seiner abgerackerten Frau, die den Spott über Wang voraushörte. Gern lag er im Sande, neben den Becken, die seine beiden Söhne mit Holzkohlen füllten zum Trocknen der Tintenfische. Zündeten sie um die Zeit der Ebbe die Becken auf der Dschunke selbst an, so trabte er zum Strande und hockte sich hin. Da lagen halb umgestülpt die leeren Fischkörbe, ausgebreitet im Sande die gedörrten Tiere, die in der Sonne sich schön färbten. Sie fühlten sich glühend an.

Der Dickwanst stocherte in den Schlammlöchern herum, zog lange Sandwürmer heraus, von denen er die Hälfte seiner Frau zum Trocknen und Verkauf gab. Er selbst behielt sich abseits ein großes Maß, trocknete sie heimlich und schlürfte seine herzhaft köstliche Suppe hinter den Körben.

Dann kamen nach einer Weile die beiden Knaben von der Dschunke herüber, wickelten ihm, da er schwitzte, seine Beinbinden los. Sie kauerten ernst vor ihm mit ihren kleinen Rattenschwänzen, den Zöpfchen und legten die Hände auf den Schoß. In hochmütig näselndem Tone, laut, daß ihn die Nachbarn hörten, redete Wang über sie hinweg, den feisten Rumpf aufgetakelt, rückwärts gestützt auf den Ellenbogen; das nannte er seine Unterrichtsstunde. Er kannte in der Tat die Fibel, das Buch der tausendachtundsechzig Worte des Tscheou-hing-tse; bis auf einige Fehler kannte er es auswendig; es schien auch, als ob er aus dem Frauenbuche einige Sätze gelernt hätte. Immer wieder erklärte er den Kindern, daß er bedaure, nicht streng genug zu ihnen zu sein; Strenge zu ihnen sei seine heilige Pflicht, denn — und die Kinder fielen singend ein: „Erziehung ohne Strenge ist des Vaters Trägheit.“

Und alle paar Tage hörte der künftige Lehrer dreier Provinzen, daß Freude, Zorn, Kummer, Furcht, Liebe, Haß und Begier die sieben Leidenschaften seien. Nicht oft konnten die Kinder ihn unbeschäftigt anhören. Wang-luns Gesicht war schwarzbraun und viereckig, breit; kräftige Linien holten ein reges, verschlagenes Gesicht aus. Die zarte mehr gelbe Tönung der Haut seines gleichaltrigen Bruders nahm trotz aller Meeresgluten keinen tieferen Schatten an; der Knabe blieb elastischer, weicher und ernster als Wang-lun, der wegen seiner bösartigen Späße unter den Spielgefährten wenig beliebt war, auch wenig Verständnis für einen der Sätze seines Vaters hatte: daß zu den fünf höchsten sittlichen Beziehungen die Bruderliebe gehörte.

Munter, mehr spielend als tätig, saßen sie rotkäppig auf den kantigen Steinen des Strandes an dem großen Fischnetz. Auf einer grasbewachsenen Düne hinter ihnen zehn Männerschritte entfernt lagerte der unförmige alte Wang; die nackten, dunkelbehaarten Beine aufgestellt und übereinander geschlagen, kratzte er sich die kleinen eingetretenen Muscheln von der klobigen Fußsohle ab. Er hielt in seiner liegenden rechten Hand ein Ende des Netzes, das die Knaben mit dem dickflüssigen Saft der Mandarinenschale färbten. Er rückte sich höher; die Kinder schnalzten musikalisch, er spuckte und grunzte. Dröhnend entfuhr ihm von Zeit zu Zeit eine Belehrung, zum Beispiel: „Der Kürbis gilt seit altersher als Zeichen der Fruchtbarkeit.“ Bis ihm ein Windstoß scharfen Sand ins Gesicht wehte, er sich hustend aus seiner Grube herauswälzte und ihre Farbschüssel umwarf. Mit kläglich bettelndem Blick sagte er, sie hätten wohl nicht den richtigen Ort zum Färben gewählt. Und sie wickelten ihm seine Binden wieder um und zogen ein paar Schritt weiter.

Das größte Ereignis im Leben von Wang-luns Vater war, als der Alte zu seinem Bruder reiste, zur Hochzeit seines Neffen, dreihundert Li entfernt von Hun-kang-tsun. Der Alte sah drei Wochen den Strand und die mageren Bohnenfelder nicht. Ein Barbier, der nebenbei Zauberer war, wohnte im Hause seines Bruders; Wang-schen saß abends viel mit ihm zusammen.

Und am Morgen, nachdem er zurückgekehrt war, ging er mit langsamen Schritten zu einem Manne, der Tischlerarbeit verstand, versprach ihm ein Maß getrockneter Sandwürmer, entsprechend einem Wert von vierhundertfünfzig Käsch, wenn er ihm ein rotes hohes Schild schnitzte mit der Inschrift: „Wang-schen, Schüler des berühmten Zauberers Kwoai-tai aus Lui-hsia-tsun, Wind- und Wettermeister.“ Als es dunkel geworden war, nach sechs Tagen, holte er das blanke Schild, schwarze Charaktere auf himbeerrotem Grunde, blau gerändert, mit seinem ältesten Sohne ab, band es mit zwei Fischertauen, auf das Dach seines Hauses steigend, am vorspringenden Firstbalken an, während seine Frau schlief, so daß da über den Torweg frei ein Schild herabhing: „Wang-schen, Schüler des berühmten Zauberers Kwoai-tai aus Lui-hsia-tsun, Wind- und Wettermeister.“

Die Frau bekam am Morgen, als sie das prunkende Schild sah und ihren noch schlafenden Mann geweckt hatte, ihren Nervenanfall, den sie seit Jahren nicht gehabt hatte. Sie hatte damals, als einer der Brandstifter zum Fenster hereinrief, ob außer ihr noch jemand in der Wohnung wäre, voll Entsetzen die beiden einjährigen Kinder zwischen ihren weiten Pluderhosen festgehalten, dabei mit dem „Nein“ scharf den Kopf nach rechts geworfen. Jetzt wogte ihr etwas Grünes durch den Kopf, die beiden Taue des Schildes wuchsen breit wie Blätter, sägten ihr zwischen den Augen; ein blauer gelenkloser Arm langte zwischendurch, eine Hand strömte ihre Finger auf sie zu. Im Takt warf die Frau ihren Kopf von links nach rechts, von rechts nach links, ihre Beine schlugen zusammen, sie tanzte wie die Figur eines Puppenspielers; die Kinder versteckten sich vor ihr auf dem Ofenbett.

Und hell schrien sie auf und rasten auf die Dorfstraße zwischen kläffende kleine Hunde, als aus dem Hof Wang, der alte elefantenbeinige Klumpen, in das räucherige Zimmer drang, mit einer Tigermaske hin und her stapfte und dabei schnaufend sang, über die Frau, die hingesunken war, strich, flüsterte. Nach einer halben Stunde schlief die Frau. Eine Menge von Kindern und Weibern stand an der Tür, schwieg auf dem Hof, stob vor der nahenden Tigermaske schnatternd auseinander.

Dieser Tag war eine Wendung im Leben Wang-schens. Seine Frau sagte kein Wort über das rote Schild, ja sie wurde wortkarg im Umgang mit dem Mann, schlich ihm aus dem Wege.

Er gab sich jetzt nicht mehr als kleiner Gelegenheitslehrer. Er studierte emsig im Hofe unter einer Erle die sonderbaren Zeichen auf einer Bambustafel, die er von dem Zauberer mitgebracht hatte, ging zwischen dem Misthaufen und Geräteschuppen gehobenen Hauptes auf und ab, zitierte laut: „Acht mal neun gleich zweiundsiebzig. Zwei regiert das Paar. Durch Paar vereinigt man das Unpaar. Das Unpaar regiert den Zodiak. Der Zodiak beherrscht den Mond. Der Mond beherrscht die Haare. Daher wachsen die Haare in zwölf Monaten.“ Verblüfft sah er von Zeit zu Zeit auf die Tafel; sann, über sich selbst beschämt, nach, befreite sich durch eine rasche niederwerfende Geste. Er ging mit krauser Stirn zwischen den eifrig arbeitenden Fischern am Strand abends herum, äugelte versunken mit den violetten Wolkenballen, blieb vor dem kleinen Pudel eines Korbarbeiters lange nachdenklich stehen, sagte träumerisch, als wenn er mit sich spräche: „Sieben mal neun gleich dreiundsechzig. Drei beherrscht den Polarstern. Dieser die Hunde. Daher werden die Hunde in drei Monaten geboren.“

Nur in der ersten Zeit lachte man hinter ihm, dann bürgerte sich die Auffassung ein, daß er wahrhaft das Zeug zu einem taoistischen Doktor habe, dieser ehemalige Clown des Dorfes. Er wußte so vieles: daß die Schwalben und Sperlinge ins Meer tauchen und zu Eidechsen werden; er konnte den tausendjährigen Fuchsdämon, den neunköpfigen Fasanendämon und den Skorpiondämon benennen; und niemand verstand, was er vom Yin und Yang, dem lichtvollen Männlichen und dem finsteren brütenden Weiblichen sagte.

Er fuhr auf See. Als er eines Morgens versuchsweise nicht zu den Dschunken herabgegangen war, stand seine Frau still vor ihm am Ofenbett. Er erkannte zwischen den zwinkernden Augenlidern, daß sie ihn wie sonst mit einem Faustschlag in die Seite wecken wollte, aber dann ging sie, weckte den fünfzehnjährigen Lun und den Bruder. Und jeden Morgen vor Sonnenaufgang weckte sie die beiden Burschen; oben schnarchte einer behaglich im Halbschlaf.

Wang-schen ging vormittags zum Nachdenken in den kleinen Tempel des Medizingottes, im vorletzten Gebäude des Dorfes. Da er mit jedem im Dorf und in der Nachbarschaft bekannt war, nahmen die Leute viel seine eigentümlichen Dienste in Anspruch, seine Kunst, den „Teufelssprung“ zu üben, besonders aber, die „Schwangerschaft zu brechen“. So nannten die Bewohner dieses Teils von Schan-tung eine sonderbare Sitte. Man fürchtete, wenn sich in der Nähe einer schwangeren Frau alte Männer oder kränkliche Kinder fänden, daß sie in den Leib der Schwangeren einziehen könnten, vielleicht um sich so gesund und wieder jung zu machen. Wang-schen tobte bei solcher Not in seiner weißen Tigermaske vor der hockenden Frau im Zimmer herum, feite ihren Leib, indem er ihn mit Schilfsträngen schlug, stieß schwitzend unkenntliche Silben aus. Bisweilen brachte er tausend Käsch von diesen Übungen nach Hause.

Aber einmal kam er von einer Austreibung über die Straßen, sachte, in seiner quer über das Gesicht gezogenen Maske, gelaufen, in seinen Hof, vor seine Stubentür, wo er plump hinfiel. Die Frau riß ihm das Holzbrett vom bleischwarzen Gesicht. Er keuchte. Aus seiner Brust pfiff es; er wälzte seinen Leib und griff um sich. Die Frau rannte nach Kräutern, machte zwei Ziegelsteine für seine Füße heiß. Ein kleines Mädchen schickte sie; das mußte betteln, als hätte es keinen Käsch, um Geld für ein Bambuslos im Medizintempel. Der Krämer und Dorfapotheker gab den Absud, den die Losnummer bezeichnete. Wang spie ihn wieder aus.

Dann erhob sich nachmittags Lärm von vielen Stimmen vor dem Hause. Unaufhörlich Gongschlag auf Gongschlag; Klingeln, Rufe von weither. Schwere Trägerschritte dröhnten vom Hof herein in das stickige Krankenzimmer. Der Medizingott kam selbst, eine rohbemalte Holzsäule, zu seinem Schüler, die Diagnose zu stellen, die Heilung zu bringen. Die Mutter rief dem Schlafenden in die Ohren: „Zeige dich, zeige dich doch!“ Sie stützten den Halbblinden, der murmelte und gähnte. Im Zimmer war es wieder still.

Draußen schritt der Gott zum Apotheker; die Träger schwankten in den Laden mit ihren Stangen, der Stab des Gottes zeigte an die unterste Ecke des Regals. Heimlich und entsetzt machte der junge Apothekergehilfe, den Rücken gegen sie gekehrt, das Abwehrzeichen des Tigers; der Stab hatte den Trank des schwarzen Wassers bezeichnet.

Und dem Kranken half nichts mehr.

Der Gott stand schon allein in seinem verfallenen ärmlichen Häuschen am Ende des Dorfes. Es war finster geworden. Sein dicker Schüler, der tapfere Dämonenzwinger, wälzte sich um die dritte Nachtwache hastig auf den Rücken. Die Frau fragte ihn, was er wollte. Sie konnte ihm nur noch die Schuhe anziehen, mit denen man den Totenfluß überschreitet, die Schuhe bestickt mit Pflaumenblüte, Kröte und Gans, und mit einer weißen offenen Wasserlilie.

Der Alte hatte gewünscht, daß sich Lun zum ersten Examen vorbereite. Aber dessen Talente lagen anderswo und waren ganz besonders. Man bemerkte schon beim Scheren und Rasieren seines kugelrunden Kopfes ein längliches schwarzbraunes Mal auf der rechten Schläfenschuppe, das sein Vater als die Perle der Vollkommenheit deutete.

Wang-lun wuchs heran, gewandt und riesenstark. Unter seiner Roheit und Hinterlist hatten Esel, Hunde, Fische und Menschen zu leiden. Zum Diebstahl wurde er als sechsjähriger Junge von seinem Vater selbst angeleitet, auf merkwürdige Weise. Es war im Dorf üblich, um die Festzeit im ersten Monat, besonders aber am fünften Tag des ersten Monats, aus fremden Gärten und Äckern Gemüse zu stehlen, weil dieses Gemüse Glück bringt. Es durfte niemand einen Eindringling an diesem Tage, sofern er ortsansässig war, verjagen; die Besitzer selbst pflegten vorher alles wertvolle Gewächs beiseite zu stellen und zu überdecken.

Als Wang-lun auf solchem gesetzmäßigen Diebeszuge begriffen mit seinem Bruder und Vater sein Heil versuchte, erging es ihm schlecht; ein paar vertrocknete Erdnüsse klaubte er aus dem Boden. Er trottete wütend hinter den andern her; lief nach Hause, setzte sich still, an einem Salzkrebs lutschend, in die niedrige Stube neben seine Mutter, die ihn lobte, weil er Dummheiten nicht mitmachte.

Er aber saß still zu Hause aus einem anderen Grunde; er hatte eine sehr einfache kurze Überlegung angestellt: wenn man etwas Schönes stehlen will, so ist der fünfte Tag des ersten Monats der ungeeignetste Tag dazu; es ist lächerlich und absurd, gerade an einem Tage stehlen zu gehen, an dem alle stehlen und alle ihre Sachen verstecken.

Er versprach sich, den fünften Tag des ersten Monats ein andermal zu feiern, diesen Tag absatzweise über das Jahr zu verteilen, denn ein Tag hat vierundzwanzig Stunden, die er unterbringen mußte; er mußte das Jahr über die erlaubten vierundzwanzig Stunden stehlen.

Und so stahl der gewandte schlaue Bursche überschlagsweise vierundzwanzig Stunden im Jahr und jeder Diebstahl hatte den Schein des Erlaubten, und ihn begleitete das angenehme Gefühl, das Dorf übertölpelt zu haben; es war genußreich zu stehlen.

Ja einmal, im letzten Lebensjahre des Alten, richtete Wang-lun seine räuberische Logik gegen seinen Vater; er nahm ihm die dünne Bambustafel weg, die tiefbraun und unleserlich geworden war. Den weißbärtigen Wang-schen erfüllte tiefer Schmerz, als er Lun im Hof sitzen sah, die lange vermißte Tafel auf den Knien, sie nach allen Seiten drehend, sie mißtrauisch beschnüffelnd. Lun lief in großen Sätzen mit der Tafel weg; der Alte weinte, über die Tafel und über den Sohn.

Im Dorfe wagten wenige, mit dem rohen Patron anzubinden; seinen Bruder hatte er ganz in der Gewalt.

Man war sehr glücklich, als er, gelangweilt von dem Fischfangen, Dörren, Netzeflicken, unzufrieden mit der Ärmlichkeit seines Heimatortes, aus dem auch durch den raffiniertesten Betrug nicht mehr als dreißig bis vierzig Tiau zu holen waren, eines Tages mit ein paar Kupferkäsch an der Schnur aus Hun-kang-tsun losmarschierte, ziellos die große Straße nach Tsi-nan-fu.

Es war Frühling. Erst lief er allein. Dann, als die Säure ihm in den Mund stieg, schloß er sich den Karrenzügen an, die aus den Töpfereien Waren in die Dörfer schleppten, und verdiente ein paar Cent. Er stieg, grimmig über die geizige Bezahlung, aus dem grünen Tal des Wei-ho auf in die wilden Berge; hinter den einsamen Häusern lauerte er mit einem Beil, einem grünen Sandsteinstück an einem Sandelholz, den Bewohnern auf, entriß ihnen, was sie gerade bei sich trugen, und floh. Auf den furchtbaren Felswegen, die er kletterte, war nichts vom Frühling zu merken. Die Bäche rauschten in den eingeschnittenen Tälern, reißend nach der Schneeschmelze; der zerlumpte Strolch ging nicht zum Waschen herunter zu ihnen; er war feige. Tagelang trug er in seinem Kittel zwanzig kostbare Schnupftabakdosen aus feinstem Glase; aß die rotgelben Kakis, die süßen getrockneten Äpfel, rasierte sich nicht, band seine schmutzklebenden Haare nicht zusammen: er hatte auf der Flucht ein kleines Mädchen bei einer Karawanserei überrannt, das Kind war im Fallen über einen Hang gerollt, dann einen Grat abgestürzt. Wang wagte sich nicht ins Tal aus Furcht vor dem Geist des Kindes.

Auf den letzten westlichen Ausläufern des Tai-ngan-schans, angesichts der reichen blütenüberschwemmten Ebene des Ta-tsing-ho, blieb er fast einen Monat liegen, unter den Bettlern und Lumpen dieses Striches, die in kläglichen Hütten zusammenhockten. War abgemagert, fühlte sich elend; seinen Lebensunterhalt verschwieg er den faulen Gesellen, mit denen er abends Geduldspiele aus Quarzstückchen zurechtsetzte. Er stieg um Mittag einen Felspfad aufwärts, durchkletterte eine kahle Schlucht; dann kam er an die Rückwand eines verrufenen Wirtshauses, das drei mongolische Kühe besaß. Dem aufpassenden Burschen hatte er das erstemal einen Genickstoß gegeben und mit dem Beil gedroht, als er sich einen halben Eimer Milch nahm; jetzt erwartete ihn der Junge alle drei Tage, steckte ihm alten Reiskuchen zu, rohe Eier, ließ ihn melken, soviel er wollte.

Als der Junge eines Tages verschwunden war und zwei bissige Hunde um den Stall liefen, kletterte Wang langsam und hungrig den mühseligen Weg zurück, die Schlucht hindurch, den Felspfad herunter. Erst wollte er zu den Bettlern zurück und irgendeinen von ihnen erschlagen; dann sonnte er sich die letzten Tagesstunden, blieb schlafend auf dem Gneisschutt liegen und stieg mit dem ersten Morgenschimmer die Berge abwärts über die sanften Hügel, die flachen Kalksteinerhebungen. Die wasserreiche Ebene dehnte sich unabsehbar aus. In dem blendenden Abendlichte sah er vor sich die starke Mauer und die mächtige Stadt, Tsi-nan-fu.

Das war ein unermeßliches Wachsen um Tsi-nan-fu.

Diesseits und jenseits des lehmfarbenen breiten Flusses standen die Hirsefelder schon übermannshoch, die starren Halme und Rohre mit ihren grünen scharfen Blattscheiden und braunen Kolben, die sich schwer umbogen und sanken wie Puschel von Kriegspferden und Helmwedel, überflockt von feinen Härchen. Wenn der warme Wind von den Bergen über sie fuhr, ging ein Scharren durch die Felder, als liefen die Halme davon, und alle warfen sich zum Anlauf vornüber. Ganz junge Pflanzen standen an den schmalen Fußpfaden, die Wang-lun am nächsten Morgen trottete; er riß ein paar aus, steckte die dünnen zarten Seidenwedel in den Mund und sog an ihnen. Drosseln und große Raben jagten sich schreiend über dem feuchten Boden, saßen auf den schlanken Sophorenbäumen, in deren breiten Kronen die Zwitterblättchen ein Schwanken und Schwirren begannen, als ob die Bäume ein krampfhaftes Lachen unterdrückten.

In einem fliegenden Barbierladen noch vor dem Tor ließ sich der verwahrloste Mann für seine Glasfläschchen waschen, rasieren und billig einkleiden. Dann spazierte er lächelnd und die feisten Torwächter vertraut grüßend in die Stadt hinein, in einem blauschwarzen Obergewand, auf neuen Filzsohlen, am grünen etwas faserigen Gürtel den leeren Tabaksbeutel, als käme er eben aus einem der vielen kleinen Teepavillons vor der Stadt, in denen sich Dichter und galante Jünglinge ergingen.

Groß und unübersehbar war das Gewirr der Straßen. Kaufladen stieß an Kaufladen, Garküchen, Herbergen, Teehäuser, überladene Tempel; an der Mauer klingelten die Glöckchen zweier schöner Pagoden, die den Weg der obdachlosen Geister ablenkten. Wang ließ sich willig von dem Menschenstrom tragen, spähte listig und vergnügt um sich, schob in einer engen Straße eine wartende Sänfte samt den beiden Trägern beiseite.

Und nachdem er die beiden an die Erde gelegt hatte, hatte er sich in ihnen die ersten Freunde in Tsi-nan-fu erworben, die ihn nach einer Stunde in ihr Logierhaus nebst Garküche führten, ein offnes luftiges Bretterhaus in der Einhornstraße. Ein Flügel des Hauses enthielt die ärmliche Garküche, deren Duft und Rauch aber auch den andern Flügel durchzogen, die nach der Straße offene Terrasse für Teetrinker und die Schlafkammern; das waren Verschläge im Hintergrund des Teeausschanks, niedrig, schmal, mit einer Bank zum Liegen und einem Schemel. Wang warf nur einen Blick in seine Kammer, dann strich er durch die Nachbarstraßen, erspähte Gelegenheiten. Er hatte keinen Käsch.

Hinter zwei Hökerfrauen, die zusammen einen Korb trugen, ging er in ein Haus, über einen weiten Hof, in einen halbdunklen Raum, den er erst an dem dicken süßlichen Geruch als Tempelhalle erkannte. An der rund ausgeschnittenen Tür saß ein alter kräftiger Mann in einem hellgrünen weitärmeligen Gewand, den Zopf auf dem Scheitel aufgebunden; er saß vor einem kleinen Tischchen mit Räucherkerzen, Papierfiguren und machte ein salbungsvolles Gesicht, indem er die Lippen schnauzenförmig abwärts zog, die Hände mit eigentümlicher Fingerkrümmung vor sich hinlegte und die Augen schloß. Die Frauen hatten von ihm sechs Kerzen gekauft, steckten sie vor einer bunten Holzstatue im Hintergrund an, vor einem sitzenden Gott, neben dem Trommeln, Mandolinen und Pansflöten an der leeren Wand hingen.

Wang ging an dem Korb der Frauen, der in der Mitte des Raums stand, vorbei, sah seitwärts, wie jetzt der Bonze die paar Käsch von Hand in Hand zählte und sie lautlos in einem Kasten an der Türwand verschwinden ließ, wieder die salbungsvolle Fischschnauze zog. Es war ein Tempel Hang-tsiang-tses, des Patrons der Musikanten.

Als Wang sich zu der Tür wandte, stand der Bonze auf, verneigte sich vor ihm, schwang die gefalteten Hände, pries die Frömmigkeit seines hohen Besuchers, mit einem durchgesiebten gleichmäßigen Schwall von Worten. Auch Wang verneigte sich höflich. Zum Schluß fragte der Priester, ob die Subskriptionsliste für eine Wassermesse schon in den Palast seines Gönners getragen sei; es seien fünf arme blinde Musikanten auf einem Boot ertrunken, als sie aus dem jenseitigen Dorf zurückkehrten. Die Messe für die Seelen der Ertrunkenen beginne in zwei Tagen. Wang gab einen falschen Namen und falsche Wohnung an, bat, seinen Namen schon jetzt in die Geberliste einzutragen, die an der Tempelwand angeschlagen war.

In der Dunkelheit brach er dann ohne Mühe in den Raum ein, erbeutete über siebenhundert Käsch.

Er lebte zufrieden über eine Woche in der Herberge, als ein Zufall ihm den Bonzen auf der sehr belebten Weißegräberstraße in den Weg führte. Es war schon zu spät sich zu verstecken, als er das hellgraue Priesterkleid sah. Zu seinem Erstaunen ging aber der Mann grinsend unter Winken an ihm vorüber.

In derselben Nacht brach er bei dem Bonzen ein. Der Geldkasten war verschlossen, aber leer. Wang tastete sich im Dunkeln an den Opfertisch; auch unter der Opferasche lag kein Geld. Erst als er das weiche Tuch des Achtgenientisches verzog, klirrte etwas: unter dem Tuch ausgebreitet lagen einige Handvoll Kupferpfennige.

Er arbeitete in den nächsten Tagen, als das Geld vertan war, bald hier, bald da als Kohlenträger, Läufer in einem Jamen; aber der niedrige Lohn reizte ihn zur Wut, auch vertrug er sich nirgends. Sein prahlerisches Wesen, seine Hitzigkeit zusammen mit seiner Riesenstärke rissen ihn überall zu Gewalttaten hin.

So brach er nach zwei Wochen wieder in den Tempel des Musikantengottes ein. Vorher sann er nach, wo der Bonze seine Tageseinnahme versteckt hielte. Daß er sie nicht in seinem Bette und Schlafraum hatte, war Wang klar; der Bonze wußte zweifellos, daß Wang es war, der ihn bestahl, und in seinem Schlafzimmer fürchtete er sicher für sein Leben. Fast eine Stunde suchte er vergeblich in dem Raum herum, beklopfte Wände und Boden. Schließlich stellte er den Schemel des Bonzen auf den Altaropfertisch, betastete die Statue des schweigenden Hang-tsiang-tses. Am Halse des Gottes klang es hohl; er klomm hoch und auf dem Schenkel des Musikfürsten stehend öffnete er das leicht zugängliche Kästchen; drei Hände voll Käsch glitten in den Beutel an seinem Gürtel.

Als er sich herunterlassen wollte wieder auf den Schemel, bemerkte er, daß jemand an seinem Zopf zog, nein, daß sein schön gebundener Zopf an der Decke und Rückwand des Zimmers festsaß. Er tapste mit der freien linken Hand nach oben und hinten; eine dicke teerartige Masse klebte da; mit Mühe bekam er seine Hand frei; er fürchtete mitsamt der schweren Bildsäule vornüber zu kippen. Schmerzvoll und unter Verlust vieler Haare rupfte er seinen Zopf aus der klebrigen Galerte. Leise kläffend über den Bonzen schlich er auf die Straße. Der Stoff klebte harzig an seiner schön rasierten Kopfhaut; wohin er mit seiner linken Hand griff, blieb er hängen.

Seine Freunde in der Einhornstraße schabten ihn am Morgen unter großen Qualen sauber, mit scharfen Holzstäbchen; seine Haut blutete. Sie lachten nicht über ihn, sie fürchteten und liebten ihn, sie bewunderten seine Kühnheit. Auch teilte er den Gewinn mit ihnen.

Nach dieser Nacht hatte Wang-lun, der geschundene Dieb, nur einen Wunsch: sich an dem Bonzen zu rächen. Der Mann schien seine Wohnung zu kennen; wenige Tage nach dem Ereignis traf er den grauen Mantel langsam in der Einhornstraße spazieren. Das faltige Gesicht lächelte nur wenig, als Wang sich über die Balustrade der Teeterrasse herunterbeugte; es verzog sich zu einem schmerzlichen Bedauern vor dem bewickelten Schädel Wangs. Oft sah sich der Bonze um nach dem armen Dieb, der hinter ihm Grimassen schnitt.

Nun gab Wang seinen beiden Freunden nichts von der letzten Beute; er legte fast alles seinem Wirt hin, damit er selbst ungestört seine Pläne ausführen könnte. Es lief auf einen Wettstreit zwischen ihm und dem Bonzen hinaus.

Noch war sein Kopf bewickelt, da ging er an einem Nachmittag in das Haus des Bonzen. Der saß an seinem Platz in weihevoller Haltung; es waren Fremde aus Wu-ting-fu da, die seinen Tempel besichtigten. Als er den gleichgültig stolzierenden Wang erkannte, lief er entzückt herbei, dankte für die reichliche Gabe bei der jüngsten Wassermesse, fragte nach dem Befinden seines offenbar leidenden Gönners. Mit ernster Stirne fügte er hinzu, daß sein Tempel in vielen Sorgen schwebe. Ein schlaues Diebsgesindel mache sich in diesem ruhigen Stadtviertel breit und brandschatze den armen Hang-tsiang-tse und seinen bescheidenen Diener Toh-tsin; dies war sein Name. Wang hörte ihn von oben herab interessiert an und fragte nach einer nachsinnenden Pause, welche Vorsichtsmaßregeln der weise Toh-tsin getroffen habe gegen die Verbrecher.

Nun führte Toh, der lebhaft und wiederholt für sein grenzenloses Wohlwollen dankte, den ernsten Mann herum, der mit den prüfenden Augen eines Beamten alles betrachtete. Toh ließ ihn den alten leeren Wandkasten sehen, zeigte Fußangeln, die er abends an der Türe auslegte, wies auf die vertrocknete Teermasse an der Hinterwand der Bildsäule. Wang gab Ratschläge; ob es sich nicht empfehle, die Tageseinnahmen am eigenen Körper zu tragen. Toh replizierte mit dem Hinweis auf die Gefährlichkeit der Halunken, die sogar —. Wang brauste auf, wies den Ausdruck Halunke zurück, erklärte auf den lächelnd fragenden Blick des andern, daß seinen Ohren so heftige Ausdrücke böse klängen, daß er gerade dieser Feinhörigkeit wegen tiefe Verehrung für den Musikfürsten hege.

Sie gingen, sich gegenseitig musternd, einige Male zwischen den andächtigen Fremden aus Wu-ting-fu hin und her. Dann verabschiedete sich Wang herablassend von dem Priester, der hingerissen dankte für das Vertrauen des erleuchteten Gastes.

In dieser Nacht ging der Fischersohn aus Hun-kang-tsun ratlos vor dem Tempel auf und ab. Er wußte nicht, wie er es anfangen sollte. Er fürchtete, sich vor dem alten Spottvogel zu blamieren. Ihn ganz in Ruhe zu lassen war unmöglich nach dem letzten Triumph dieses hinterlistigen Betrügers. Manchen Augenblick dachte Wang ernstlich, er müßte den Toh-tsin wecken, verprügeln und der Polizei übergeben.

Dann fühlte er sich über den stockfinstern Hof. In einem Winkel des seitlichen Schuppens blieb er stehen, um seine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen. Da sah er dicht neben sich quer vor der Haupttür eine lange Leiter am Boden liegen.

Er rührte sie nicht an; er überlegte. Das war eine List Tohs; die Leiter stand sonst in einem Winkel des Hofes. Andererseits gab es im Innern des Tempels kaum noch einen Fleck, wo Toh seine Tageseinnahme unterbringen konnte. Wang umging vorsichtig die Leiter, versuchte mit einigen Sprüngen den niedrigen Dachfirst zu erwischen, aber langte nicht herauf und es gab zu viel Lärm. Dann hangelte er sich mühselig und immer wieder abgleitend an einem feuchten Pfeiler des Schuppens herauf, schwang sich auf das Dach. Es währte über eine Stunde, bis er auf das Tempeldach selbst herüberkam; er fürchtete, wenn er sich aufrichtete, von der Straße gesehen zu werden.

Und so kroch er geduckt und legte sich bei jedem Türenklappern, Trommelschlag der Nachtwächter platt auf den Bauch, immer in Gefahr abzurutschen von dem schrägfallenden Gebälk. Er schimpfte, daß er gezwungen sei, von dem Gelde eines solchen alten Schuftes zu leben. Dachrippe nach Dachrippe wurde abgetastet; langsam ließ sich Wang zu der Kriegerfigur an der Traufe herunter, die ein blankes Schild hob. Hinter dem Schild am Arm des Ritters hing etwas und baumelte schwarz, als die Traufe sich unter Wangs Gewicht bog. Es war der Geldbeutel. Seine klammen Finger knoteten ihn ab, eine schwere halbe Stunde folgte, bis Wang wieder auf der Straße stand, frierend und das schmutzige Gesicht zornverzerrt über die Hinterlist des Alten.

Um die Mittagszeit, als er nach dem Essen tabakkauend auf der Terrasse stand, kam der flinke Wirt angeschnattert, brachte ihm die lange Visitkarte Toh-tsins. Der erkundigte sich nach dem Befinden seines Wohltäters, zeigte sich erfreut, daß seine Kopfwunden zuheilten, besah sich gerührt die zerrissenen Hände Wangs: es gäbe so schwere Gewerbe in Tsi-nan-fu. Als sie ihre Tasse Tee ausgetrunken hatten, zahlte Wang offen aus dem Beutel seines Gastes, begleitete ihn in den Tempel, um festzustellen, was es mit der Leiter auf sich habe. Sie hegten große Sympathien füreinander, besonders Wang für Toh, weil er sich ihm überlegen fühlte und der andere dies zuzugeben schien. Toh hob auf den Wunsch seines Gastes die Leiter aus dem Winkel, legte sie an das Dach an, kletterte ein paar Sprossen hinauf. Wang, verblüfft, kletterte nach ihm bis auf das Dach.

Fest stand in Wang: die Sache, bei der er immer gleichzeitig gewann und verlor, sollte heute ausgetragen werden.

Mit lahmen Beinen, schwachem Rückgrat schlich er bei Anbruch der Nacht hungrig und aufgeregt in den Hof Tohs, hob die Leiter, die wieder quer lag, auf, legte sie an den Dachfirst und kletterte mit Herzklopfen hinauf. Ein Beutel hing richtig wieder an dem Arm des Kriegers. Besorgt blieb er bäuchlings auf dem Dach liegen; es schien sich etwas im Hofe zu regen, die Leiter schwankte einmal. Er kletterte rasch wieder herunter, ohne Zwischenfall.

Da blieb er angewurzelt unten vor der Leiter stehen. Er konnte nicht von der Stelle. Seine Filzschuhe waren in einen dicken Brei eingetreten, der bis über seine Knöchel quoll. Er ächzte; arbeitete sich, an der Leiter klimmend, hoch, indem er seine Schuhe stecken ließ. Seine Wut machte ihn zäh bei der Anstrengung und fast sinnlos. Als er in bloßen Füßen mit verklebten Hosen frei im Hofe stand, warf er den Beutel mit Gewalt an die Tür der Kammer des Bonzen. Er schrie durch die nächtliche Stille laut zu dem Klingeln der rollenden Käsch: „Da hast du deinen Dreck, du Sohn einer Schildkröte.“ Trommelte gegen die dünne Holzwand des Hauses mit den Fäusten, bis sich eine sanfte Stimme drin vernehmen ließ: „Was will denn der Liebling? Womit beschenkt er den Sohn einer Schildkröte zur Nacht?“

„Heraus soll der Sohn einer Schildkröte, heraus soll er kommen. Ich will ihm zeigen, was Gemeinheit und Niedrigkeit ist. Du sollst mir meine Schuhe bezahlen und meine Hosen.“

„Aber der stürmische Liebling hat schon den Preis bekommen für seine Schuhe und seine Hosen.“

„Komm heraus, sage ich, du Schwätzer, du Dicker, du Gauner, ich will dir zeigen, was bezahlen heißt bei mir!“

Während noch der frierende Wang-lun im Hofe tobte, kleidete sich Toh-tsin feierlich an bei einer Öllampe, steckte den Teekessel an, öffnete die Tür nach dem Hof mit großer Ruhe. Wang wollte gegen ihn anstürmen, konnte wegen seiner verklebten Hosen nur in Schrittchen und unter Schmerz vorwärts. Toh leuchtete ihm mit der Lampe entgegen, verbeugte sich unaufhörlich. Dem großen Burschen, der die Lächerlichkeit seiner Lage fühlte, standen vor Wut und Schmerz die Tränen in den Augen. Toh wich vor ihm aus, wies auf das warme Ofenbett, auf das sich Wang wimmernd legte.

Eine Tasse heißen Tee, die ihm sein Wirt unter vielem Zeremoniell bot, soff er in zwei Zügen aus, während Toh seinen Priestermantel zurückschlug, einen Zeugbausch mit einer stark duftenden Flüssigkeit tränkte und langsam die Pechmasse von Wangs Beinen abrieb. Zwischendurch lief er auf den Hof mit der Lampe. „Es könnte doch ein Dieb kommen und uns unser Geld stehlen“, meinte er, als er mit dem Beutel zurückkam und wieder die Türe schloß. Er bot Wang ein paar Hosen und gute Filzschuh. Der Fischersohn aus Hun-kang-tsun saß am Tisch des freigebigen Mannes, hieb in Wassermelonen und schluckte Tasse auf Tasse. Es wogte in ihm auf und ab, aber der Tee war heiß und die Melonen saftig.

Toh-tsin entpuppte sich im Gespräch als eben so großer Menschenkenner wie Schelm. Sein besiegter Gegner legte den verpflasterten Kopf bald auf eine, bald auf die andere Seite in Bewunderung dieser mannigfaltigen Durchtriebenheit. Toh-tsin hatte sich wie berechnet einen zuverlässigen Gehilfen gefangen.

So waren die merkwürdigen Beziehungen zwischen beiden in Freundschaft ausgeartet.

Das Geschäft Toh-tsins war sehr einfach. Er hatte zur Verwaltung den Tempel einer sehr armen Gesellschaft, der Musikanten. Sie bezahlten ihm für seine Dienste einen unbedeutenden Betrag und stellten ihm die Kammer zur Benutzung; er mußte sich im Grunde seinen Unterhalt durch Verkauf von Räucherwerk, Messenlesen selbst verdienen, und alles war auf seine Tüchtigkeit gestellt. In einem anderen Stadtteil Tsi-nan-fus befand sich noch eine Halle für den Musikfürsten; und wenn Tohs Gott den Leuten ihre Wünsche nicht erfüllte, so zogen sie schmähend und beschwerdeführend in die andere Halle und brachten Tohs Gott in Mißkredit.

Wang-lun und Toh-tsin trieben jetzt das Geschäft gemeinsam. Wang wurde Ausrufer und Zeuge des Bonzen. Wenn sie zusammen vormittags durch die Straßen und über die wimmelnden Märkte zogen, ging der riesige Wang im grünen Kittel dem Priester voran, trug die beiden meterlangen Posaunen an ihren Schlünden; in die Mundstücke blies von Zeit zu Zeit Toh-tsin hinter ihm; zwei brüllende tiefe Töne fuhren schrecklich aus den Schlünden unter die auseinanderweichenden Menschen. Vor den Börsen der Seidenhändler, der Porzellanverkäufer priesen sie laut die enormen besonderen Fähigkeiten ihres Gottes; die Lose in seiner Halle gaben die sichersten Rezepte bei allen Krankheiten; eine Messe vor ihm gelesen sei ebenso wirksam wie billig. Es galt den Heiligen von Zeit zu Zeit aufzufrischen, ihm neue sensationelle Fähigkeiten zuzuschieben; so riefen sie den Spürsinn des Musikfürsten bei der Aufdeckung von Verbrechen, Diebstählen aus. Wurden sie dann wirklich irgendwo hinzugezogen, so forschten sie beim Herumtragen einer kleinen Statue des Hang-tsiang-tses nur die Gelegenheit aus, stahlen etwas später und gruben mit Hilfe des Spürsinns Hang-tsiang-tses an einem entfernten Platze den größten Teil der Beute wieder aus. Es versteht sich, daß bei ertragreichen Diebstählen der Gott sie im Stich ließ.

Da Toh Wangs Neigung zu Narrenstreichen und Übermut kannte, schenkte er ihm eine schöne Hirschmaske mit prächtigem schönen Geweih, eine Maske, wie sie lamaistische Pfaffen bei ihrem Tsamtanze zu benutzen pflegen. Wang-lun freute sich kindisch über das Stück, tollte im Tempelhof und auf der Straße gemeinschaftlich mit den beiden Sänftenträgern herum, erschreckte, verjagte Besucher.

Von seinen Possenstreichen war die halbe Stadt erfüllt. Wie er sich irgendwo auf der Straße mitten in einen Rudel wilder Hunde setzte, den Hirschkopf überzog, die Hunde angrunzte, dann vor ihnen über belebte Plätze jagte: ein Gellen der Weiber und Kinder, ein Auseinanderstieben, ein Springen, Bellen, Umrennen, und die Hetze verschwand in einer Gasse, wo er die anjaulenden Hunde mit einem Fußtritt in irgendein Papierfenster, eine Sänfte beförderte, und ausrufend weiterzog.

Berüchtigt machte ihn eine Sache, die mit einem ernsten Hintergrund sich in ihren Folgen schwer an ihm auswirkte.

Es hatten sich chinesische Volksstämme in Kan-suh, die dem mohammedanischen Glauben anhingen, trotzig und aufsässig benommen. Sie nannten sich die Salarrh mit den weißen Turbanen, waren uneins unter sich; man hatte sie mit Gewalt beruhigt.

Es sollte jetzt alles, was mit ihnen in Verbindung und Verwandtschaft stand in den anderen Provinzen, festgestellt, verbannt oder ausgerottet werden, nachdem ihr Führer schon längst sein Leben gelassen hatte mitsamt seinem Anhang. Der Boden schwang schon unter den Füßen der Geheimbünde, die gegen den Kriegskaiser und die fremde Mandschu-Dynastie wüteten, aber man achtete in der stolzen Roten Stadt nicht auf dies dumpfe Geräusch, das seine Stimme später mit dem Schwirren der Pfeile, dem Zischen der krummen Säbel, dem unheimlichen Gesang der rotweißen Feuersäulen, dem Knarren und Bersten der einstürzenden Giebel verstärken sollte.

In Tsi-nan-fu lebte unter andern mohammedanischen Familien die Familie eines gewissen Su. Dieser stellte aus Pflanzenmark Dochte her; er war ein angesehener würdevoller Mann, der den untersten literarischen Grad erreicht hatte. Das Familienhaus der Sus stand in der Einhornstraße, schräg gegenüber der Herberge Wang-luns, und Wang schätzte den klugen, wenn auch eingebildeten Mann sehr.

Der Tao-tai von Tsi-nan-fu ermittelte, daß Su-koh der Oheim eines Mannes war, welcher in Kan-suh die ersten Unruhen gestiftet hatte. Die Häscher nahmen den Dochtfabrikanten fest, brachten ihn samt den beiden Söhnen in das Stadtgefängnis, wo er täglich unter Foltern vernommen wurde.

Er saß über drei Wochen in Haft, als Wang in seinem Gasthof davon erfuhr. Dem fuhr der kalte Schreck durch die Knochen. Er stellte sich den ernsten teilnahmsvollen Su-koh vor, fragte einmal über das andere: „Warum denn? Warum denn aber?“ kam nicht zur Ruhe, bis er selbst festgestellt hatte, daß Su-koh wirklich samt seinen beiden Söhnen im Gefängnis saß und unter Foltern täglich vernommen wurde. Und zwar, weil jener Aufrührer sein Neffe war, welcher in Kan-suh zuerst laut aus einem alten Buche vorgelesen hatte.

Wang setzte sich mittags mit seinen beiden Freunden und drei Bettlern in der Herberge zusammen und beriet mit ihnen, was geschehen sollte. Er schüttelte in der ihm eigenen Weise die beiden offenen Hände vor seinem Gesicht und sagte: „Su-koh ist ein tüchtiger Mann. Seine Freunde und Verwandten sind nicht hier und schon ohne Kopf. Su-koh darf nicht im Gefängnis bleiben.“

Der einäugige Bettler erzählte, er hätte am Jamen des Tao-tai gehört, daß in drei oder vier Tagen der Provinzialrichter aus Kwan-ping-fu eintreffen werde, um über Sus Familie rechtzusprechen. Wang forschte ihn mit erregten Worten aus, wer es gesagt habe, wieviele es gehört hätten, ob schon Vorbereitungen zum Empfang des Nieh-tai, des Richters, getroffen wären, wieviele den Nieh-tai herbegleiteten. Als er hörte, daß es ein alter, besonders für diesen Zweck ernannter, hier noch unbekannter Nieh-tai sei, leuchteten seine schmalen Augen höhnisch, dann grinste er, lachte nach einer Pause heraus, daß die Eßstäbchen vom Tisch fielen und die fünf mitlachten, sich anstießen und jeder melodisch das Lachen des andern nachsang. Ein Kopfzusammenstecken, rasches Hin- und Herreden folgte, ein häufiges wütendes Auftrumpfen Wangs. Jeder ging seiner Wege.

Nach zwei Tagen wußten alle Jamenläufer in Tsi-nan-fu und damit die ganze Stadt, daß der Nieh-tai zur Entscheidung der schwebenden politischen Prozesse morgen in Tsi-nan-fu eintreffen würde, rascher, als man erwartet hatte.

Wang-lun hatte mit zwanzig schnell aufgetriebenen Nichtstuern und Gaunern aus der Stadt nicht weniger als drei Brücken, die der Sendling passieren mußte, unbrauchbar gemacht, hatte sich und seinen Spießgesellen Festkleider aus einem Pfandhaus entliehen, das ihm und dem Toh wegen mancher billig erworbener Versatzstücke verpflichtet war, und rückte mit seinem sich übertrieben ernst gebärdenden Zuge am angegebenen Tage durch dasselbe Tor in die mächtige Stadt, durch das er wenige Monate vorher allein gependelt war, lächelnd, die feisten Torwächter vertraut grüßend, als käme er eben aus einem der vielen Teepavillons vor der Stadt, in denen sich Dichter und galante Jünglinge ergingen.

An diesem heißen Morgen des achten Monats schlugen ehrfurchtheischend Gong auf Gong vor ihm. Zwei der verbrüderten Lumpen ritten mit Hellebarden dem Zuge voraus auf klapprigen Braunen, auf denen sie unsicher saßen. Es folgten die beiden gongschlagenden Knaben mit drohenden Stirnen, vier Unterbeamte mit den frischlackierten Zeichen der oberrichterlichen Würde. Und in dem blauen Tragstuhl saß hinter geschlossenen Vorhängen ein träumender ehrwürdiger Greis mit einem weißen Bart, der rechts und links von Backen und Kinn in dichten Schwanzquasten herunterfiel auf das schwarze glatte Seidenkleid und fast das wunderschöne Brustschild bedeckte mit dem gestickten Silberfasan: Wang-lun selbst. Die runde schwarze Mandarinenmütze schmückte die Kugel aus Saphir.

Ein kleiner Trupp Soldaten hinter einem Offizier schloß den Zug, Soldaten der Provinzialarmee von der grünen Standarte. Über die Plätze und menschengestopften Märkte, die Stätten seiner ehemaligen Wirksamkeit, zog Wang zwischen Mauern von verstummenden Bürgersleuten; die Tore des Jamens standen weit offen.

Nur einen halben Tag hielt sich der Nieh-tai in der Präfektur auf. Er beschloß, die politischen Gefangenen aus der Suhfamilie nicht gleich abzuurteilen, sondern sie mit sich nach Kwan-ping zu nehmen, dort die Antwort des Kaisers auf seinen Bericht abzuwarten.

Ohne in der Stadt zu übernachten, schon gegen Abend, verließ der hohe Blauknopf die aufgeregte Stadt; auf einem Karren unter den Soldaten seines Zuges stand ein schmaler Holzkäfig; in dem saßen, die Hälse durch einen einzigen Holzkragen gezogen, Su und seine beiden Söhne.

Am Abend des folgenden Tages kamen die Läufer des echten Nieh-tais an, die zugleich Beschwerden des Richters überbrachten über die schlechte Wegeverfassung und Polizei im Distrikt. Die ungeheuerliche Nachricht erfüllte dann, aufgedeckt, die ganze Stadt mit Entsetzen.

Es war mit dem Namen der höchsten juristischen Behörde gespielt worden. Der Tao-tai samt seinem Beamtenstab war verloren; die mohammedanischen Einwohner sahen einer summarischen Bestrafung entgegen; die Täter mußten aus ihren Kreisen stammen. Es war vorauszusehen, daß der Stadt das Recht, zu den Prüfungen zugelassen zu werden, kaiserlicherseits auf Jahre entzogen würde.

Wang hatte sich inzwischen mit seiner Gesellschaft demaskiert in einer der Schluchten des Gebirges. Su-koh und seine Söhne, die schon dem Tode verfallen waren, verbrüderten sich mit Wang; es war bei aller schreckhaften Freude kein lauter Jubel in der Schlucht; die drei waren unter den Foltern hinfällig geworden.

Wang kehrte am nächsten Tage in die Stadt zurück zu Toh-tsin, den er ins Vertrauen zog.

Der Nieh-tai blieb noch fünf Tage zur Untersuchung in Tsi-nan. Nach seiner Abreise bei Anbruch der Nacht wurde der Priester des Musikfürsten durch leises Pochen an der Kammertür geweckt. Die gesetzliche Frau des Su-koh schlüpfte in die Kammer, verhüllte weinend ihr Gesicht mit einem dicken weißen Schleier und setzte sich, ohne Worte zu finden, auf den Boden. Su-koh war mit seinen Söhnen bewaffnet nach Hause zurückgekehrt, weigerte sich, sich zu verstecken und gab an, daß er jeden, der in sein Haus eindringen würde, ihn zu fangen, niederschlagen würde mit Hilfe seiner Söhne und Sippengenossen. Sie beschwor auf der Diele den Bonzen und Wang-lun, sich mit ihr zusammenzutun, damit der Mann und die Kinder wieder ins Gebirge zurückgingen.

Die Frau blieb bei dem Bonzen, Wang lief in das Haus der Sus. Er fand den Vater gekräftigt, ruhig, würdevoll wie sonst, aber in einer entschlossenen Bitterkeit. Su-koh erklärte, er würde die Stadt und Provinz verlassen, aber erst in Ruhe seinen Besitz verkaufen, seine Schulden bezahlen, seinen Priester befragen, welchen Wohnsitz er wählen solle. Wang, indem er den Kopf zwischen die Schultern zog, bot ihm an, den Verkauf und die Lösung der Verbindlichkeiten zu leiten, auch den Verkehr mit dem mohammedanischen Priester zu vermitteln. Su-koh lehnte alles ab.

Da beschloß Wang-lun, sich an seine Fersen zu heften und ihm zu helfen.

Su-koh ging schon am frühen Morgen durch die entsetzten Häuser, verlangte seine Schulden und die, welche seine Frau in seiner Abwesenheit gemacht hatte, zu bezahlen. Er erkundigte sich, ob man wisse, wo er sein Haus zu einem angemessenen Preise verkaufen könnte. In der Menschenmenge, die dicht hinter ihm folgte, sprang der öffentliche Spaßmacher, der Gehilfe Toh-tsins, des Bonzen, der riesengroße Wang-lun, schwatzend und aufgeregt.

Nach kurzer Zeit kamen die Polizisten angerannt. Aber Wang und seine Helfer wußten es einzurichten, daß die Menschenmenge sich mit Kindern und Frauen vor den Su drängte und drohte. Der Alte hatte seine Geschäfte schon erledigt, ging, unbeirrt durch das Geschrei der Leute und Bekannten, die auf ihn einredeten, in sein kleines Haus. Dann erfolgte ein Trommeln und Blasen. Blaujackige Soldaten sperrten die Straße bis auf eine kleine Durchgangspassage, trieben Herumstehende in die Häuser. Ein hagerer Tou-ssee, ein Hauptmann, befehligte sie.

Barhäuptig trat Su-koh aus seinem Hause, verneigte sich höflich vor dem Offizier und wollte, ohne einen Blick auf die Soldaten zu werfen und ohne Erstaunen über die Umgebung, an der Hausmauer entlang gehen, um ein paar Häuser entfernt eine Besorgung zu machen. Der knochige Tou-ssee sprang hinter dem langsamen, wohlbeleibten Mann her, stieß ihn mit dem Säbelknauf ins Kreuz, riß ihn bei der Schulter herum, schreiend: ob er Su-koh, der entwichene Dochtfabrikant, wäre. Su verschränkte die Arme und sagte, er wäre das; aber wer er, der Tou-ssee, wäre; ob er ein Wegelagerer und Räuber wäre und wie er die Dreistigkeit so weit treibe, einen schuldlosen Mann am hellen Tag mit dem Degenknauf zu stoßen und ihm aufzulauern.

Noch ehe Su zu Ende gesprochen hatte, hatten der Offizier und zwei herbeigesprungene Soldaten ihn mit einigen Säbelhieben an der Mauer niedergemacht.

Wang schrie hell mit den andern auf, die von den Ecken der Straßen dies angesehen hatten. Er wollte zuspringen, aber er zitterte, konnte nicht von der Stelle, seine Glieder waren plötzlich von einer Schwäche und Lähmung befallen. Er trieb mit der Menschenflut im Zickzack über die Plätze, seiner nicht ganz bewußt. Seine Blicke liefen hilflos über die Gesichter, die Gänsekiele und die Ladenschilder, die goldbemalten. Er erkannte keine Farben. Eine immer wachsende Ängstlichkeit trieb ihn vorwärts. Fünf Säbel fuhren dicht nacheinander durch die Luft, zehn Schritte vor ihm, wohin er sah. Und dann ein graues Durcheinander. Übereinander.

Su-koh, sein ernster Bruder, lag ungerettet auf der Straße.

Su-koh war sein Bruder.

Su-koh war ungerettet geblieben.

Su-koh lag auf der Straße.

An der Mauer.

„Wo ist denn die Mauer?“

Es drängte ihn zu der getünchten kleinen Mauer. Su-koh wollte doch nur eine Besorgung machen. Das Haus war noch nicht verkauft; der Priester mußte befragt werden; wegen des neuen Wohnorts mußte der Priester befragt werden. Er mußte doch an der Mauer entlang gehen. Warum hatte man seinen Bruder Su-koh daran gehindert, an der Mauer entlang zu gehen. Oh, ihm war so heiß und ihn fror so.

Er trottete zitternd in die Kammer Toh-tsins, der ihn schon erwartete.

Als er Wang verfärbt ankommen sah, faßte er ihn, der sich willenlos führen ließ, gequält seufzte, mit den Fingern spielte, um den Leib, zog ihn in den Tempel. Da öffnete er neben dem Standbild des Musikfürsten eine klinkenlose Tür; sie kamen auf einen Platz mit Schutt und Backsteinen, saßen an der offenen Straße in einem Wegeschrank für obdachlose Geister, ein viereckiges steinernes Bauwerk, in dessen Inneren eine Höhlung ausgemauert war, so groß, daß zwei Menschen geduckt drin kauern konnten. Nach der Straße zu stand die breite Opferschale für Gaben; vom Bauplatz stiegen sie durch ein mit Brettern verstelltes Loch ein.

Im Finstern, in der stickigen Luft saßen sie lange, bis der Feuerstein Tohs gezündet hatte und das kleine Öllicht brannte. Toh war erregter als Wang, der mit sich tun ließ, den Bonzen umarmte, den Kopf an seiner Schulter hängen ließ. Der verstörte Mann erzählte dann von der Niedermetzelung Su-kohs, weinte wie ein störrisches Kind, sprach von den fünf Säbeln, und Su-koh sei totgeschlagen worden. Er beruhigte sich unter den Worten des andern, atmete tiefer und langsamer und schwieg nachsinnend eine geraume Weile.

Wo bekam man ein Mittel her, daß Su-koh, sein Bruder, wieder aufstand und herumging, und alles für seine Abreise richtete? Dieses Blitzen war dran schuld, daß es kein Mittel gab, daß er, der noch eben ernst die Arme verschränkte, an die Erde schoß und wie eine Katzenleiche herumgezogen wurde. Jetzt erschlug man wohl seine Söhne. Was tat man Su-koh an? Hätte er laut aus dem alten Buch gelesen wie sein Neffe, wäre es kein Verbrechen gewesen; man hatte aber nie etwas von ihm gehört. Darum wirft man seinen Bruder hin, läßt seinem Geiste keine Ruhe. Der Tou-ssee hat Unrecht an ihm getan. Der Tou-ssee hat ihn mit dem Säbel erschlagen.

Wang warf sich an der Seite des Bonzen halb herum, flüsterte, er würde fliehen jetzt; nur ab und zu würde er nachts kommen, sechsmal an seine Tür klopfen. Toh war glücklich.

Wang flossen, als er draußen das Tageslicht wieder sah, die Tränen über das Gesicht. Er weinte verzweifelt auf dem Platz zwischen den zerbrochenen Backsteinen und dem Schrein für obdachlose Seelen; er löste seinen Zopf auf, riß an seinem grünen dünnen Kittel, knabberte gedankenlos an den Knöcheln seiner eiskalten Hände herum. Den Beutel mit Kupfergeld, den Toh ihm gab, schob er zurück; klammerte sich an die Kanten des Schreins, schwang sich über die Latte, lief davon, ohne sich abzutrocknen.

Wang trieb sich sechs Tage bald in der Ebene, bald an den Randbergen der Stadt herum. In der Nacht des sechsten Tages erschien er bei dem Bonzen, fragte nach seinem Hirschgeweih. Toh suchte es heraus; war glücklich, seinen ehemaligen Gehilfen zu sehen, freute sich an seinem entschiedenen Ernst. Wang nahm die Maske in die Hand, streichelte sie, legte sie an sein Gesicht; der Bonze sah, wie sehr sich sein Schüler verändert hatte. Die entschlossene niedrige Stirn stand über Augen, die meist traurig und voll Unruhe blickten, aber dann wieder ganz ohne Maßen wild und blind zankten. Und der breite bäurische Mund mit der aufgeworfenen Unterlippe war nicht anders: öfter wie in einem Heißhunger geöffnet, meist schlaff, ergeben. Die listigen Linien um die Mundwinkel schwammen leer und zusammenhangslos dazwischen.

Der Priester, dieses verlogene betrügerische Wesen, wurde weich und fromm vor seinem Schüler und ertappte sich dabei, wie er ihn in einem hingenommenen Gefühl segnete.

So saß Toh noch den Rest der Nacht in seiner Kammer wach und dachte an Wang, der schon lange mit seinem Hirschgeweih sich in dem Wegeschrank versteckt hatte, ohne zu sagen, was er vorhatte.

Die Nacht ging hin. Als auf dem Wan-kingplatze die Soldaten sich im Bogenschießen übten, standen Haufen von Gaffern und Müßiggängern an dem Zaune; der Staub wehte wie eine hohe lose Gardine über den baumlosen Platz. Nach den Bogenschützen traten Turner und Springer an.

Da bläfften mit einmal die Hunde, die Menschen stoben auseinander; über die niedrige Umzäunung setzte ein tobender Mensch mit einer Hirschmaske, rannte gerade in einen Trupp Soldaten, der aufgelöst vor einer Sprungleine stand, beobachtet von einem hageren Tou-ssee. Die Hunde, dreißig Stück, stürmten zwischen den Beinen der barfüßigen Soldaten hindurch, die lachend auseinanderliefen, sich fluchend der bissigen Tiere erwehrten. Der Tou-ssee rannte brüllend hinter der Hirschmaske her, die mit einer Rinderpeitsche ihm um die Ohren schlug, dann nach einem erstaunlichen Satze sich neben ihn stellte, ihm die Maske überstülpte, ihn an sich drückte und an die Erde legte.

Auf dem Platz war es merkwürdig still in diesem Augenblick, alle hörten ein entsetzliches Stöhnen und Schnarchen. Schon raste der grauenvolle barhäuptige Mensch in die Zuschauer hinein; ein paar Kläffer folgten, blitzschnell war er verschwunden. Die großen Hunde liefen winselnd auf dem sandigen Boden um den zuckenden Körper des Tou-ssee, beschnupperten ihn. Die Soldaten verjagten sie mit Steinwürfen. Sie rissen dem Tou-ssee das schwere Geweih ab.

Sein Gesicht war schwarz und gedunsen. Er war erdrosselt; die Halswirbelsäule war ihm umgedreht.

Die Peitschenhiebe der Soldaten unter den Zuschauern nutzten nichts; in den Nachbargassen liefen die Hunde herum. Die Mütter versteckten ihre Kinder, die den Sand siebten, vor den rennenden Soldaten.

Das Hin- und Herrennen nutzte nichts. Das Drohen in die Häuser hinein nutzte nichts. Schließlich fand ein Soldat eine Kinderpeitsche; aber das half nichts; man brachte ihm aus andern Häusern solche Peitschen, mit denen die Kinder ihre Holzesel antrieben.

Um Mittag lief es über alle Marktplätze, durch alle Läden und Gassen, in die Teestuben, Weinschenken und Herbergen, in die weiten Höfe der Regierungsjamen Tsi-nan-fus, durch die vier Tore in die Hirsefelder, Gemüsegärten, über den lehmfarbigen Ta-tsing-ho auf die dunklen Hügel, daß Wang-lun, der Fischerssohn aus Hun-kang-tsun, der Stadtschelm von Tsi-nan es war, der den alten Su-koh und seine beiden Söhne in der Maske des Provinzialrichters von Schan-tung befreit hatte, der den Präfekt betrogen hatte mit einem Zug von Lumpen und Verbrechern aus den Tai-schanbergen, mit lackierten Schildern aus einem Pfandhaus, daß Wang-lun jetzt seinen Bruder Su-koh gerächt hätte an dem Hauptmann der Exekutionstruppe. In der Hirschmaske, mit der er die Marktweiber sonst erschreckte, hatte er auf dem offenen Wan-kingplatze den Tou-ssee der Provinzialtruppen vor seinen Soldaten erdrosselt.

Der Mann, von dem die Stadt schnarrte, kletterte um diese Mittagsstunde träge ein paar Felswege in den Bergen. Dann lag er jenseits einer unzugänglichen Schlucht auf dem Gneisschutt ausgestreckt auf dem Rücken, ohne Gefühl für die spitzen kantigen Steine. Er lag regungslos, ohne die schweren Hände zu heben, in dem Sonnenbrand. Im Grunde wartete er und befühlte sich innerlich, ob nun alles gut sei, ob er nun alles gut gemacht hätte.

Die Pein der letzten Woche war unertragbar gewesen. Es trieb ihn umher von einer Hütte auf den nächsten Kamm; vier Tage aß und trank er nichts: er vergaß das Essen über dem Laufen, Augenschließen, Herumwälzen. Wenn das Durstgefühl zunahm, merkte er nicht, daß es Mangel an Wasser war, was ihn lechzen ließ; er glaubte, das Unglück in ihm wuchs und sengte. Es kam ihm oft vor, als ob er sich neue Sachen kaufen müsse, weil man ihm Kleider und Haut abgerissen hatte. Daß er auf einmal furchtbar schwer und furchtbar groß war. Es quälte ihn außerordentlich, daß er so unbeweglich war, sich gar nicht von der Stelle schieben ließ, wälzen ließ. Nicht anders war ihm, als wenn er badete an dem fernen Strand von Hun-kang-tsun bei Beginn der Ebbe: eben trugen ihn noch die starken Wellen, dann schleiften sie ihn wiegend über den Sand; mehr und mehr trat das durchsichtige Wasser zurück; seine braungelbe Brust lag trocken, die Zehenspitzen sahen aus dem Wasser. Das Meer schälte seine Arme und Schenkel bloß: er lag tropfend schwergewichtig auf dem feuchten Boden und mußte sich stemmen, um nicht in die Flut zu rollen.

Ihn trug nichts mehr. Er hob hundertmal wiegend die Arme; sie ließen sich nicht schwingen.

Dazwischen kam das Glitzern der Säbel, war so intensiv, daß er mit den Augen zwinkerte.

Er versteckte sich vor den Bettlern, Dieben und Hehlern. Er konnte mit ihrem Anblick nichts anfangen.

Su-koh war erschlagen: das hatte man ihm angetan.

Dabei fühlte er den überwältigenden Druck des Leidens, im Hinterkopf, auf der Zunge, in der Höhlung der Brust. Und es war eine gewaltsam freiwillige Richtung, die er seinen Gedanken gab, als er sich auf Rachevorstellungen versetzte, Vorstellungen ohne Leidenschaft, erfunden, um ihn zu heilen, zu befreien. Er jammerte sich vor: es wäre Grund sich zu rächen. Aber er glaubte sich nicht, und konnte sich nicht glauben.

Und die Verzweiflung bei diesem Ringen wurde immer mehr zu einer Wut auf den Tou-ssee, der das alles angerichtet hatte. Er fürchtete den Tou-ssee, wie er sich ängstigte vor dem Blitzen seines Säbels. Aber die Wut auf den Tou-ssee setzte sich siegreich durch, gewaltsam durch, setzte von Stunde zu Stunde mehr über die Angst weg. Das Stöhnen des sinnlosen Leidens verwandelte sich in ein Stöhnen des tastenden, suchenden, sicheren Hasses. Die endlosen Tage wurden kürzer, und eines Nachts lief er durch die stummen Straßen Tsi-nan-fus und saß bei Toh in der Kammer. Dachte noch nicht an sein Hirschgeweih, als er an die Kammer pochte. Aber wie er die Schwelle überschritt, wurde ihm warm. Die lustige Maske fiel ihm ein, und daß dies alles vorbei sei; und im selben Moment hatte er eine Bewegung in seinen Muskeln gefühlt: die Maske gefaßt und über den Kopf des Tou-ssee gestülpt, erdrosselt, weggeworfen. Dies war gut. Er war glücklich. Über den Kopf stülpen die Maske dem Tou-ssee, und dann weg. Über den Kopf des Tou-ssee gestülpt, dann weg, weg.

So war der Mord geschehen unter seinen freudigen, delirierenden Händen und Armen.

So lag er auf dem Gneisschutt, befühlte sich mißtrauisch und abgekühlt, ob nun alles gut sei, ob nun genug geschehen sei.

Als er nach Stunden aufstand, fand er sich ruhig. Wie wenn in seinem Brustkorb irgend etwas eingeschlafen sei, umstellt von hohen Spinden und Tischen.

Es dunkelte. Die Mondsichel stand über den scharfen Klippen der Schlucht. Da trabte er aufwärts und saß in einer Halunkenhütte, ein halb umgesunkenes Holzwerk unter einem überhängenden Felsen. Die Hütte war leer.

Bald kamen fünf mit Laternen angeschlichen. Sie wußten von der Tat Wangs, waren stolz, daß er zu ihnen zurückkehrte. Ein krummbeiniger Strauchdieb bot ihm den ganzen Krug des herzerfreuenden Ginseng an, der ihm um den kropfigen Hals hing. Sie krähten von dem hageren Tou-ssee, mimten Wang mit Sprüngen vor, wie sie sich die Erdrosselung dachten. Er trank mit verstopften Ohren. Dann überschrie er sie und bat ihm zu helfen. Sein Blutsbruder Su-koh sei nicht beerdigt worden, sein Leib in Stücke zerschlagen. Er, Wang, müsse in der nächsten Frühe weg; sie sollten ihm helfen, noch jetzt in der Nacht eine Beerdigung für seinen ruhelosen Blutsbruder zu feiern.

Sie liefen in Gruppen, es kamen neue Vagabunden von tieferen Hütten herauf. Huschen der weißen Papierlaternen. Sie benahmen sich leise, als wären sie in einem Totenhause und geboten sich Ruhe. Dazwischen tranken sie.

Mit eingesunkenem Rücken, starren Blicken, wie eine Witwe, saß Wang auf dem Lehmboden neben dem niedrigen Holzgestell, einer Bahre, auf der ein zusammengebundener Zeugklumpen, eine rohe Puppe lag. Wang hielt sein Messer in der Hand, schnitt sich aus dem aufgelösten Zopf eine Strähne ab, legte sie auf den Zeugklumpen. Der älteste der Strolche, ein schwachsinniger gutmütiger Taps ohne Zähne, ein Ausbund von Schmierigkeit, trippelte aus dem Haufen an die Bahre, legte ein Teeblatt in einem Stückchen roten Papier der Puppe auf den Mund. Er wickelte einen langen Schal aus einer zerrissenen Hose um die Beine der Leiche, damit sie nicht aufspringen möge und ruhen bleibe. Von draußen hörte man in dieser Stille ein Knarren, Scharren und Rauschen; vor der Hütte schwang einer ein riesiges Sacktuch an einer Latte wild und unaufhörlich durch die warme Luft, das Seelenbanner; er lockte den Geist des Toten aus der nächtlichen Luft her.

Der kleine dumme Tapps verneigte sich zahllose Male nach den vier Himmelsrichtungen, rief unter Sprüngen und Händeaufheben Kuei-wang, den König der Unterwelt, an, empfahl ihm den neuangekommenen Geist. Und alle zusammengewürfelten jungen und alten Landstreicher dachten in dem Augenblick an das Fest am fünften Tag des siebenten Monats, an dem ein kleines Schiff mit dem Kuei-wang den Fluß herunterzieht, der Dämonenherr in schwarzer Jacke mit dem Kragen aus Tigerfell, dem Schurz und den Stiefeln aus Tigerfell, den Dreizack in der Hand; seine schwarzen Haarbüschel wulsten sich unter dem Diadem weit hervor. Und hinter ihm stehen steif die kleinen drolligen Dämonen, mit der viereckigen Mütze, der mit dem Rindskopf, der mit dem Pferdemaul und die zehn pausbäckigen, puterroten Höllenfürsten und lassen sich angucken.

Sie trugen vorsichtig zu vieren die Bahre mit der Puppe heraus, Wang voran; die andern torkelnd, umschlungen hinterher, mit den Laternen über einen kurzen Weg zu dem steinigen Acker, nach rechts und links Mehlkügelchen streuend für die hungernden Geister. Versenkten die Figur in ein flaches Grab. Kleine Papierstückchen glimmten auf, Geld für den Toten; übel qualmten Lumpen und Lappen, seine Anzüge.

Mit leeren Holzbrettern zogen sie grunzend aufwärts. Die Laternen schwankten. Der Morgen graute über Tsi-nan-fu. Als sie oben in die Hütte stampften, war Wang verschwunden.

Aus Furcht vor den Häschern und aus Furcht vor den Schrecknissen von Tsi-nan-fu floh Wang-lun nach Norden. Er überschritt die Grenzen von Schan-tung, durchquerte die Ebene von Tschi-li im Herbst und erreichte, dem schmalen Hun-ho folgend, unter heftigen Schneestürmen den Schutz der Nan-kuberge im nordwestlichen Tschi-li. Er mied jede Stadt. Meist war er allein. Er hungerte viel; verdiente, wenn die Not groß wurde, durch Lastentragen, Kohleschleppen, ein paar Cent; aber er hielt es nirgends aus. Auch widerte ihn jede längere Arbeit an. Er kannte von Haus aus nicht die pflanzliche Geduld seiner Landsleute. Er bettelte.

Als es kalt wurde und der Herbstregen durch seinen zerfetzten Kittel sickerte, tat er sich mit zehn Wegelagerern zusammen; sie warteten drei Tage und Nächte vor der Kreisstadt Tu-ngan, bis eine wenig bedeckte Karawane mit Ziegeltee ganz in der Frühe ankam. Sie zogen den brüllenden Kaufleuten die wattierten Überjacken aus, ließen sie sonst mit höflichem Spott weiter ziehen.

Den ganzen Winter verlebte er auf diesem Gebirge. Es wimmelte von Einsiedeleien, kleinen und größeren Klöstern; der heilige Berg Wu-tai-schan war nahe. Den ganzen Winter über herrschte ein lärmendes Treiben auf den breiteren Straßen und den schmalen Wegen. Von den nördlichen Pässen strömten die Menschen mit Pferden, Packeseln, Kamelen. Sie brachten Geschenke, Opfergaben nach dem südlicher gelegenen Berg, dessen Klöster sich auf gewaltigen kahlen Felsmauern erhoben; die gelben Steinwände fielen schroff ab; auf ausgehauenen Serpentinen wanden sich die Züge hinauf in die dünne Luft.

An einem nicht breiten Fluß mit tobenden Schnellen hielt sich Wang-lun die harten Monate auf. Der Fluß durchbrach die Granitmassen, ungeheure braune Flächen stiegen senkrecht nieder; vor dem gebieterischen Wasser legten sie sich in sanfter Neigung um. Wenig Geröll ragte über der schwarzen Fläche hervor; darum kreiselten die Wellen weiß mit Gischt. Weiter nach Osten, wo der Fluß der empfangenden Ebene zudrang, wichen die Felsen auseinander, mit neuen Vorlagerungen; ganz fern senkte sich alles.

An einer Felsstraße, unter einem überhängenden Block, dessen Rücken mit immergrünen Tannen bestanden war, wohnte Wang-lun bei einem Einsiedler. Kein Regen, kein Schnee fiel in ihre geschützte Hütte; die eisigen Winde glitten pfeifend aus den Schlünden vorbei. An wärmeren Tagen ging er tiefer herunter, wo an dem Fluß die kleinen Wassermühlen arbeiteten, Pochwerke, in denen Sandsteinhämmer in feste Mörser fielen, um das Holz und den Talkstein für Kerzen zu pochen. Da unten saßen Bettler, entlaufene Verbrecher, Faulenzer, Wegelagerer. Wang führte ein Doppelleben. Er ging unruhig hin und her und saß, auf irgend etwas wartend, bald hier bald da. Nur sekundenweise, mit einem Zusammenpressen des breiten Mundes, einem Runzeln der niedrigen Stirn, dachte er an Tsi-nan-fu, an die mauerumzogene Stadt der Tausende. Nur in dem eindringlichen Blick, der oft ganz inhaltslos haftete, stand etwas von einer kleinen getünchten Mauer, einem Säbelblitzen, einem langen langen Sitzen in einem finsteren Wegeschrein für obdachlose Geister. Sein rechtes Auge, das sich unter einem auffällig tief hängenden Oberlid bewegte, drehte sich in leichten Zuckungen und schielte nach außen.

Im übrigen hatte er schon in der Ebene seine freche, unbehinderte Lustigkeit wiedergewonnen. Er trug sich vorübergehend mit dem Plan, in die Gilde der Dachdecker einzutreten. Er erlangte bei seinen Gefährten am Pochwerk leicht die Oberhand. Daß er kräftig und unverbraucht war, hätte ihm in diesem gewalttätigen Kreise allein nicht viel geholfen. Den Ausschlag gab seine spielende Art Menschen zu behandeln. Er hatte dies bei seinem alten Toh gelernt: demütig und schmeichelnd zuzuhören, unaufdringlich auszuforschen, leicht schon im Wiederholen das Gehörte zu retuschieren, unmerklich und mit wunderlicher Offenheit, die eine Ehrlichkeit vortäuschte, eigene Wünsche zu unterschieben.

Die Strolche, mit denen er tagelang hockte, schwankten in ihrer Auffassung über ihn. Ein paar jüngere nahmen ihn nicht für voll; sie hielten ihn für einen Halbnarren mit entsetzlicher Gewandtheit, eine Art Affenmenschen. Wang wurde bösartig, wenn man seine Späße mißverstand, ließ seine Liebenswürdigkeit wie eine Maske fallen, stieß schlimme Drohungen aus; daß er aber dann sich finster zurückzog, tagelang die Gesellschaft mied, bewies ihnen seine Verworrenheit. Die älteren scheuten ihn. Sie nörgelten nicht an seiner kindischen Verspieltheit; ihnen fielen die nicht seltenen Minuten seiner unheimlichen Entrücktheit auf. Sie hatten ein Gefühl von Ehrfurcht vor solchen Dingen. Sie spürten ein schweres Leiden in ihm, und sie hielten Leiden für eine Fähigkeit, eine Gabe. In den niedrigen Leuten schwang der alte Geist des Volkes; mehr als in den Literaten strömte in den Gestrandeten, viel Erfahrenen das tiefe Grundgefühl: „Die Welt erobern wollen durch Handeln, mißlingt. Die Welt ist von geistiger Art, man soll nicht an ihr rühren. Wer handelt, verliert sie; wer festhält, verliert sie.“ Wang bot ihnen ein heimatliches Gefühl. Sie hingen ihm auf ihre Art an, besorgten sich um ihn brüderlich, um den Stärksten unter ihnen fast mütterlich.

Das feine Klappern der Pochhämmer, das gleichmäßige Gischen des Flusses scholl zu der Einsiedelei hinauf. An der Bergstraße, in deren Wand bei jeder Biegung des Weges eine fromme Inschrift eingegraben war, saß Wang-lun bei Ma-noh.

Zu Ma-noh war er eines Tages betteln gegangen. Wang hatte geglaubt, einen bärtigen Mann in Nachsinnen zu finden, der ihm mit sanften Worten von seinen Vorräten abgab. Statt dessen prallte eine hohe Stimme gegen ihn, wie er die Stiege betrat. Am Eingang der Hütte riß eine Hand an seinem Ärmel, zog ihn herum. Ein spitzes Gesicht fuhr dicht an seines, in einem schwer verständlichen Dialekt wurde gefragt was er wolle. Seine scharfen Augen konnten sich inzwischen an das Halbdunkel gewöhnen. Ma-noh trug einen Mantel aus kleinen bunten Flicken, die wie Fischschuppen übereinander standen. Es war ein kleiner etwas gebückter Mann, der sich wie ein verschrobener Alter gebärdete, ein verblüffend junges frisches Gesicht zeigte, schlanke gebogene Nase, feiner Mund mit Rednerfalten, unsichere Augen, die vor jedem Gegenstand zurückwichen wie aufschlagende Gummibälle. Er pfiff mehr als er sprach. Beim Anblick der Umgebung klopfte Wang das Herz; sie erinnerte ihn an den dunklen Tempel des Musikfürsten Hang-tsiang-tse in einer fernen Stadt. Als er ein paar demütige Phrasen leierte, Ma-noh ihm ein Stück Ziegenkäse in die Hand drückte, stand er noch gefesselt herum, tat Fragen nach den Götterbildern, die auf einem kleinen Regal standen. Ma stellte sich mit dem Rücken vor sie, sprach hastig, was Wang nicht verstand. Der neugierige höfliche Bettler fragte gelassen weiter, erzählte eine erlogene Geschichte von einem Priester in Ki; der Einsiedler sprang, machte eine verwunderte Miene über die Kenntnisse des Strolches. Schließlich erzählte Wang, er sei eine Stunde von hier ansässig, bei einem Pochwerk beschäftigt, bat den weisen Herrn, ihm von der Kraft seiner Götter Kunde geben zu wollen, denn er sei mit seinen Göttern unzufrieden. Widerwillig lud Ma-noh den ungewöhnlichen Gast zum Teetrinken ein.

Und dies war der Anfang ihrer Bekanntschaft.

Der unruhige Mann, der später mit dem Flüchtling aus Schan-tung sein Haus teilte, war ein Mönch, aus Pu-to-schan entwichen, jener herrlichen Insel im Süden.

Stumm und mild saßen seine Buddhas im Hintergrund der Hütte. Die Ohrlappen bis auf die Schultern gezogen, unter dem blauen aufgeknoteten Haar die runde Stirn mit dem dritten Auge der Erleuchtung, weite Blicke, aufgehelltes, fast verdunstendes Lächeln über dem vollen glatten Gesicht, über den aufgeworfenen Lippen, feine Hände preziös zur Brust erhoben, hockend auf runden schlanken Schenkeln, Fußsohlen nach oben gedreht wie das Kind im Mutterleib. Ma gab den Buddhas, oder wie Wang sagte, den Fos verschiedene Namen; sie sahen sich alle ähnlich. Nur ein Buddha war anders, dessen Name schon nach Schan-tung gedrungen war, eine Göttin, die Kuan-yin. Aus Bergkristall stand sie inmitten der andern, mit unzähligen Armen, die sich wie Schlangen aus den Schultern rangen und einem Mund, der sich so zart verzog, wie wenn ein leichter Wind über eine Weidenpflanzung fegt.

Und mit einer aufschließenden Erschütterung hörte Wang, was diese Fos lehrten: daß man keinen Menschen töten dürfe. Ma-noh war verblüfft über Wang; er lachte über ihn; dies lehrten doch eigentlich schon die Richter. Wang, betreten, sagte ja; aber dann schossen seine Brauen hoch, das rechte Auge drehte sich in Zuckungen und schielte nach außen. Er nickte mit dem Kopf: „Die Fos lehren gut. Die Richter lehren gut. Aber nur deine Fos haben recht, Ma.“

Ma liebte ohnmächtig die Buddhas. Zu einer Zeit schrie er ihnen seine ehrgeizigen Wünsche, und was sie ihm nicht erfüllt hatten, in die riesigen Schalltrichter ihrer Ohren und stellte sich bläkend vor sie. Zu anderer Zeit überwältigte ihn die Hoffnungslosigkeit, ohne Sinn streckte er sich auf dem blanken Steinboden. Sie blickten über ihn weg mit dem Lächeln, das fast verwehte. Er mühte sich um sie, fühlte sie als Herren; und sie wurden ihm nichts, wie er sich um sie bemühte.

Und doch war ihm zu keiner Zeit der Gedanke gekommen, den Wang einmal vorschlug, als er wieder dicken Staub auf den Gesichtern der Allerherrlichst-Vollendeten fand: die Bildsäulen auf einen Karren zu laden, nach der Nordseite der Straße zu fahren, und vorsichtig die Fos einen nach dem andern in die Stromschnellen zu schütten.

Ma haßte seinen Gast wegen dieses Gedankens. Er fühlte sich durchschaut, weil Wang zu wissen schien, daß er es nicht konnte. Und ganz inwendig war er neidisch auf diesen Gast, der so einfach einen ungeheuren Plan hinwarf und bereit schien, das Unerhörte sofort auszuführen. Er verfluchte Wang laut vor dem Regale, auf der Kniematte liegend, daß der Amithaba es hörte: wie schlimmes jener geredet hatte und wie er sich jetzt bezwang, sich niederzwang, und seine Zuflucht nahm zu dem Gesetz, zur Lehre, zur großen frommen Genossenschaft, wie die Formel lautete. Er stellte sich ein, unaufhörlich den Namen Omito-fo murmelnd, und ging entzückt über sich wie eine Schleichkatze den Pfad; er sah den Pfad dünn sich hinschlängeln, einen Faden, der ihn nachzog, über die ersten Erhebungen, dann über die vier Stufen zur Seligkeit. Nun in die Strömung eingegangen, nun einmal wiederkehrend, nun keinmal wiederkehrend, nun Archat, Lohan, sündenlos Würdiger, der mit demselben Blick Gold und Lehm, den Katalpabaum und die Mimose, den Sandelbaum und die Axt betrachtet, mit der er gefällt wird. Und oben die Freudenhimmel, wo sich voneinander trennen, wie durch Strahlung voneinander weichen, die sonst zusammenfließen würden: Geister des begrenzten Lichts, die Bewußtlosen, die Schmerzlosen, die Bewohner des Nichts und schließlich jene, welche da sind, wo es weder Denken noch Nichtdenken gibt.

Stumm und mild saßen die Buddhas auf dem Regale; die Ohrlappen bis auf die Schultern gezogen, unter dem blauen aufgeknoteten Haar die runde Stirn mit dem dritten Auge der Erleuchtung, weite Blicke, ein aufgehelltes, fast verdunstendes Lächeln über den aufgeworfenen Lippen, hockend auf den runden schlanken Schenkeln, wie die Kinder im Mutterleib die Fußsohlen nach oben gerichtet. Es füllte eine stundenlange Stille die finstere Hütte des Ma. Wäre sein Abt, der Chan-po, hereingetreten und hätte ihn wie früher an den Schultern gefaßt und mit den kalten Augen das spitze entrückte Gesicht betrachtet, so wäre wieder das stille zornige Lachen erfolgt, das Ma oft gehört hatte. Bevor er noch seinen weisen Lehrer fragen konnte, ging der Alte immer mit Kopfschütteln hinaus. Und Ma, frierend, zerschlagen, beantwortete sich willenlos seine Fragen selbst, während er sich die blaugefrorenen Finger rieb: man fliegt nicht in den Götterhimmel; die Söhne Cakyas gehen den Grat hinauf, über die vier Stufen, die vier schweren Stufen.

Ma konnte nicht gehen, nicht mehr von dem Augenblick an, da er wußte, wohin der Weg ging. Auf Pu-to, der Insel, in der Halle der Versenkung, hatte ihn nach Schluß einer Schiffermesse das Gefühl heimgesucht, das weich und streng zugleich ihn wie ein Balken durchdrang und sich um ihn langsam drehte; und darauf kam eine schmerzliche bittere Hingerissenheit, und darauf ein doppeltes Winken von seidenen Tüchern, rot und gelb, von zwei Seiten her. Die Tücher, groß wie Laken, schlossen sich unaufhörlich rollend, bewegt zusammen; in der Mulde, in dieser mittleren Mulde glitt er hin. Seine Füße waren wie die eines Toten mit Binden umwickelt. Der Luftzug von den Tüchern hob ihn etwas an, und doch glitt er in einer Linie weiter. Eine Fächerpalme kam. Etwas Graues, Großes schnellte näher, ein Ei, eine riesige graue Perle. Bei ihrem Anblick wallte es in ihm wahnsinnig; er ächzte, richtete sich auf, lief über die Ähren eines Feldes, schwamm händeringend um die Perle, gegen die er sich in einer züngelnden Welle verlor.

Ma wußte nichts von seinem Traum, als er aufwachte. Sein Ächzen war das einzige, was ihm ins Ohr scholl. Mit solchen Träumen aber schlug die Welle von Unruhe in ihn hinein. Er fing an, Maßregeln der Klosterdisziplin zu kritisieren. Statt Versenkung nach Versenkung, Überwindung nach Überwindung zu klimmen, wie die Lehre fordert, wartete er auf die letzten höchsten Zustände, wie ein Verliebter auf das Rendezvous. Und wußte dabei mit schneidender Deutlichkeit, daß er sich in jeder Versenkung betrog, daß die goldenen Buddhas ihm so fern, so undurchdringlich waren.

Und doch mußte er sie erreichen, wenn er nicht endlos wiedergeboren sein wollte; er mußte das Ufer der Rettung erreichen, wenn er nicht ertrinken wollte; so peitschte das Tha-mo ein, das gute Gesetz von den Welten, den atmenden Wesen, der Zerstörung und Erneuerung der Welten. Er lief eines Tages an den Strand; ein Bootsknecht setzte ihn über; seine Wanderschaft fing an. Es hatte sich nichts während der zehn Wanderjahre durch die Provinzen Ngan-wei, Kiang-su, Ho-nan in ihm geändert.

Ma-noh betrat kein Kloster mehr. Er verschrullte, wo er wie ein Kakihändler seinen Karren mit den Buddhas schob und sich zuletzt an der Bergstraße auf Nan-ku ansiedelte. Er umschlich den heiligen Wu-tai-schan, konnte sich nicht losreißen von diesen Dingen, an die ihn nur seine Unzulänglichkeit bannte. Der Fischersohn von Hun-kang-tsun wurde ihm rasch zu einer tieferen Quelle des Nachsinnens als die hundertacht Figuren auf der Fußsohle des Cakya-muni und die achtzehn Bedingungen der Unabhängigkeit. Dieser Bursche, der ihn auf Schritt und Tritt belog, gehörte ohne Zweifel zu den Strolchen, mit denen das entlassene Heer die Provinz überschwemmte. Er drängte sich seinem Wirt auf. Seine Fragen, seine haftenden Blicke beleidigten ihn. Am meisten aber beleidigte es Ma, wie Wang mit den fünf Buddhas umsprang, zuerst wie jeder rohe Chinese, als hätte er Angestellte oder Rechtsanwälte vor sich, die man nach Erfolg lobt oder wegschickt. Später mit einer zudringlichen Nähe, die Ma quälte. Und darum quälte, weil er fühlte, daß alles Verleumden nichts half, daß Wang unerklärliche Fühlung zu diesen stummen milden Wesen gewann. Ma schloß neidisch tagelang seine Klause, ließ den bekannten Gast nicht ein, ahmte drin vor dem Regale Wangs Mundspitzen, Kopfsenken, stilles Schielen nach. Wenn ihn nichts von Ruhe überkam, bewarf er Wang mit Vorwürfen, spuckte sich auf die Füße, weil er so dumm war, die Eifersüchteleien des Klosters wieder einzulassen. Ja dieser Netzflicker kniete auf der Bambusmatte vor dem Regal, als wäre Ma-noh nur sein Tempelverwalter, vor den Buddhas, die Ma zehn Jahre vor sich geschleppt hatte durch die endlosen Provinzen Ngan-wei, Kiang-su, Ho-nan, der Strauchdieb, der sicher einen Menschenmord auf dem Gewissen hatte.

Es gab ein Ringen zwischen ihm und Wang, Wiederkauen der Vorwürfe, langsames Vollaufen von Unwillen. Wang kam ununterbrochen, konnte sich an Sutren und Sentenzen aus den heiligen Büchern nicht sättigen; Ma-noh mußte ihm widerstrebend mehr geben; der große Mensch nickte dazu, als hätte er dies und jenes schon erwartet. Schamlos erschien dies Ma-noh, und er rang die mageren Hände, gab sich in seiner eigenen Wohnung verloren, war gehemmt, vor Wang die Tür zu verriegeln. Wenn der Strolch auf der schmutzstarrenden Matte kauerte, Lehren auf seine plumpe Art wiedergab, setzte sich der kleine Mönch atemlos neben ihn, fühlte sich ängstlich an ihn heran, beschnüffelte ihn. Zweimal wies er Wang in einer Aufwallung die Tür.

Ein stiller Augenblick, der das Gebirge um Ma-noh weit werden ließ, war es dann, als sich Ma einmal abends nach Wangs Fortgang vor seiner Tür bei etwas Merkwürdigem ertappte: wie er in einer zerfließenden Versunkenheit den schneeschweren Himmel betrachtete und dabei klar wußte, daß er Wang unterlegen sei und nicht litt. Plötzlich in der folgenden Nacht trat vor ihn die Erinnerung an diese Versunkenheit. Dumpfes Staunen hinter diesen Zustand: „Und nicht litt.“ Er war Wang unterlegen und litt nicht. Das Gefühl zog sich eng über seine Haut, machte das Herz zu einer Feder; zart und schlecker dachte es in ihm hin zu Wang unter kniebrechender Knechtung: „O wie gut ist es, Ma-noh zu sein.“

Nur Minuten.

Dann wehrte er sich, knirschte alles bedächtig herunter, legte sich vorn über seinen Leib und zersprengte das Gefühl.

Erschrak zum Schluß über sich und das ganze Geschehnis. Zerrte sich in den Schlaf.

Konnte in den nächsten Tagen Wang nicht unter die Augen treten; schämte sich vor ihm, und sich selbst stach und biß er. Unberührt aber verharrte dieses Gesicht in ihm: „Schneeschwerer Himmel, und ich bin Wang unterlegen.“ Es trat aus seiner Brust heraus und zog ihn hinter sich, wachsend, wachsend. Er überlegte manche Nacht, ob er nicht wieder wandern sollte. Blieb zu seinem eigenen Staunen. Näherte sich leidend Wang. Ihre sonderbaren Gespräche nahmen einen Fortgang. Es folgten die Tage, wo Ma-noh ungeduldig wurde, wenn der Strolch nicht hereintrampelte, wo er sich erkundigte, was er vorhatte, auf das Halunkenpack hetzte.

Der Priester belehrte den Strolch mit einer Empfindung von Angst. In ihm rüstete sich alles, die Waffen zu strecken.

Eine eisige Kälte stellte sich zu Beginn des neuen Jahres ein. Die Felsenwege wurden ungangbar unter der Glätte. Auf höheren Partieen des Gebirges lag der Schnee wie Daunen meterhoch geschichtet. Trat man in die weißen Massen, so schrumpften sie nicht weich zusammen; es gab ein zartes Klirren wie von tausend Schieferplatten, der Schnee riß Wunden in die Hände. Die Luft, zuerst von einer tiefgrünen Durchsichtigkeit, nahm einen grauen Ton an.

Eine mongolische Karawane, die von den nördlichen Pässen herüberkam, zog dicht bis an die Nan-kuberge. In einer Nacht erfroren fünfunddreißig Maultiere; zwei Bären saßen am hellen Morgen unvertreibbar mit rot unterlaufenen drohenden Augen bei einem Pferde, von dem man nicht wußte, ob es erfroren oder lebend zerrissen war. Die Tee- und Seidenballen, die mächtigen Pelze blieben auf dem letzten Paß liegen, die Pilger überwinterten in einem rückwärts gelegenen Dorfe.

Nach dieser Karawane kam niemand mehr über die Straßen zum Wu-tai-schan. Es sollten die Menschen zur Erstarrung, die Berge zum Springen gebracht werden. Die Pochwerke hatten ihre Arbeit eingestellt. Der Fluß, schmaler als sonst, blies durch die Täler seine Luft, die von der Kälte zum Ersticken verdichtet war.

Die Wegelagerer und Verbrecher hatten sich zu einem kleinen Teil in die Dörfer geschmuggelt, welche westlich und östlich der Berge lagen. Die übrigen warteten eine kleine Zeit auf die Pilgerzüge, von denen sie lebten. Dann schlossen sich überall größere und kleinere verzweifelte Haufen zusammen. Die Wege, hinter die sich die Höhlen und Hütten der Heimatlosen verkrochen, mußten bald unübersteigbar werden; dann gab es kein Hin und kein Her.

In mehrere gewundene schmale Höhlen, die vor dem Wind geschützt waren auf der Straße oberhalb Mas Einsiedelei, hatte sich der Haufen geflüchtet, zu dem auch Wang hielt, etwas über fünfzig Mann. Aber nach zwei Tagen, als fünf nach verhungernden, erfrierenden Genossen suchen gegangen waren auf den zugänglichen Straßen, Abhängen, Tälern, waren es achtzig geworden. Es gab keine lange Beratung. Die neun Geachtetsten unter ihnen bestimmten, daß das etwa sechs Stunden entfernt gelegene Dörfchen Pa-ta-ling gleich geplündert und eingenommen werden sollte.

Unterwegs während des Abwärtskletterns kamen einzelne überein, und es verbreitete sich unter die andern, daß von den Bewohnern des Dörfchens niemand entweichen dürfe; man müßte sie entweder einschließen oder niederschlagen. Es gab beim Abwärtsrennen der Männer, zu denen kurz vor dem Dorfe noch ein kleiner Haufen von dreißig Ratlosen stieß, ein unaufhörliches Schreien, Zusammensinken, Wimmern um Mitnehmen. Die Kräftigen hielten vor Hunger den Mund offen und bissen in den Wind; sie liefen besinnungslos. Sie trugen abwechselnd die älteren und leichten Vagabunden auf dem Rücken. Sie liefen den letzten Rest des Weges durch ein welliges Tal völlig schweigend in einer langen Linie, die nach hinten breiter wurde; die Starken wie Windhunde voran, ohne Gedanken an die Folgenden.

Das Dorf hatte fünfzig Häuser, die an einer einzigen Straße lagen bis auf vier Häuser, die um einen immergrünen Eichbaum beim Eingang der Straße von den Hügeln her standen. Von diesen Häusern sahen die Leute zuerst das Springen von Menschen über die Schönn-i genannten Felsenklippen, das Fallen und Aufraffen immer neuer Menschen. Sie näherten sich rasch über den weißblauen Schnee, es schien als ob sie verfolgt wären. Ihre Zöpfe flogen wagerecht; man sah sie über die Schultern wie Peitschen schwingen.

Die Frau des Bauern Leh gellte zuerst auf dem Hofe: „Banditen, Banditen, Banditen!“ Es rannten Frauen, Kinder, zuletzt Männer, Betten hinter sich, die Dorfstraße herunter, schlugen an Hoftore, verschwanden in den Häusern. Winseln, Kreischen wirbelte über den Höfen, von Dach zu Dach getragen, zitterte über der leeren Landstraße.

Von den Hügeln her kam das Trappen, das ungleichmäßige Knistern und Knarren, weitausgreifendes Bewegen, das nicht einmal zu atmen schien. Gebleichte Gesichter mit reglosen Zügen, Hände, die im Schwung wie Keulen hin und her schaukelten. Körper, die empfindungslos liefen. Rümpfe, die steif auf Schenkeln saßen, welche wie Pferde ritten. Hinter der langen Linie der Einzelläufer schwammen schwarze Gruppen, Hand an Hand gefaßt. Aufgelöste Nachzügler schleuderten die Arme wie Hämmer, um vor sich Löcher in die Luftmauern zu schlagen.

Die wenigen auf dem Dorfe, die vor ihrer Türe standen und den langgestreckten Keil heransausen sahen, sahen auch die schwarzen krächzenden Vogelschwärme, die mit den Vagabunden die Berge verlassen hatten.

Die ersten Räuber warfen sich mit Steingewicht gegen die Tore. Sie prallten hintereinander auf, drangen ein. Die nächsten an die folgenden Tore. Sie überrannten einander. Das Kreischen ließ nach; die Bergläufer in den Häusern strömten Eiskälte aus und das Grausen von Sterbenden; sie konnten ihre Kiefer nicht öffnen; ihre Augen zwinkerten nicht. Die letzten Häuser waren verrammelt. Ein Heulen entstand draußen, ein Gebrüll verwundeter Tiere, daß sich die Frauen verkrochen. Die Lebenden draußen hoben die Körper der Hinstürzenden auf, rannten mit den kopfschüttelnden Rümpfen gegen die Holzpfosten an. Dann öffneten plötzlich die Bauern die Tore, fällten die Wimmernden mit Beilen, liefen in die Nachbarhöfe, hackten in die keuchenden Münder. Nachzügler, die Stärksten, mit den Lahmen auf den Rücken, hetzten ins Dorf, warfen ihre Last in den ersten Hof, folgten dem Schreien, zerquetschten die Bauern wie Geschosse, würgten sie, zerschmetterten ihre Kinder auf der Dorfstraße, wortlos ohne die Mienen zu verziehen.

Die Toten froren dünn und steif auf dem Wege.

Die Lumpen drängten sich zitternd in den Häusern. Die rohen Gesellen umarmten und streichelten sich. Die Starken und Schwachen befiel ein Schütteln. Sie brachen in ein dumpfes Greinen aus, von dem sie sich nach Stunden noch nicht erholten. Sie schlangen flennend herunter, was sie vorfanden. Es wurde keiner in den Häusern angerührt von ihnen.

Als die Dunkelheit herunterfiel, gingen zwanzig von den jüngeren Burschen von Haus zu Haus, verteilten Beile, Dreschflegel, bestimmten Nachtwachen.

Es wurde von der Bande geplant, solange die härteste Kälte anhielt, im Dorf zu bleiben, dann gemeinsam auszuziehen. Die Hausbewohner wurden davon verständigt; an den Ortsvorsteher konnte keine Nachricht erfolgen; er war mitsamt seiner Familie erschlagen.

Man hatte nichts zu fürchten von Verrat während dieser Zeit, der nächste Ort lag sechs Stunden entfernt, und der Weg ungangbar.

Einen ganzen Monat lag das Dorf von jedem Verkehr abgeschnitten. Eine Verbrüderung fand unter den Banditen statt. In der Zeit erlangte Wang über die hundert Männer die Gewalt, die ihm die Rolle des Bandenführers aufnötigte. Bei den täglichen Streitigkeiten, der Regelung des Verkehrs mit Ansässigen, der Beaufsichtigung, dem notwendigen Kundschafterdienst setzte sich seine Körperstärke und schonende Diplomatie durch; die Achtung der älteren Leute schob ihn vor.

Schon nach zwei Wochen besprachen die Wegelagerer unter sich, nach Auszug aus dem Dorf nicht auseinanderzugehen, sondern ein bequemeres Leben unter Wangs Hauptmannschaft weiterzuführen. Wang trennte sich eines Morgens von ihnen, verschwand auf zwei Tage ins Gebirge.

Er lief zu Ma-noh, fand ihn munter, unter Massen Decken und Werg vergraben, in einer Ecke seiner Hütte grinsend liegen, brachte ihm Reis, Bohnen und Teeblätter.

Nach seiner Rückkehr sprach er Tage und Nächte viel mit den Älteren. Daß sie arme ausgestoßene Menschen seien. Daß man ihnen nichts tun dürfe, wie sie selbst keinem etwas täten. Daß nichts schrecklicher sei, als wenn Menschen sich töteten, und der Anblick nicht zu ertragen. Ma-noh, der Einsiedler aus Pu-to-schan, habe ihm viel Gutes und Kostbares von den goldenen Buddhas erzählt, besonders von der Frau Kuan-yin, welche tausend Arme an beiden Schultern hätte und den Weibern Kinder schenkte. Sie seien seine Freunde und sollten tun wie er. Soviel Leiden bringe schon das Schicksal allein, soviel Leiden; warum sie der Himmel hasse, wer wisse das? Er werde, wenn das strenge Wetter nachließe, durch die Dörfer gehen und allen Leuten, auch den Mandarinen sagen, was er denke; dies sei er fest entschlossen.

Die Vagabunden, die ihn von den Pochwerken her kannten, erstaunten keineswegs, als sie Wang so reden hörten; sie hatten solche Gespräche aus seinem Munde erwartet. Sie dachten nicht daran, sich von ihm abzuwenden; seine Meinung stimmte völlig mit ihrer überein; der Himmel haßte sie; man durfte es nicht schlechter machen.

Sie waren gesellige Menschen mit besonderen Vorstellungen über allerhand Dinge, mit großer Lebenskenntnis, in vielen Dingen überlegen dem Durchschnitt ihrer Volksgenossen. Es gab kaum fünf unter ihnen, die sich nicht verjagt und getreten vorkamen und den Eindruck hatten, ein unfreies, gezwungenes Leben zu führen.

Manche waren die Opfer eines starken Triebes geworden, den sie nicht beherrschen konnten, auch nicht beherrschen wollten, die alle Schlauheit in sich aufboten und schärften, um diesem Triebe zu dienen, mit dem sie sich gleichsetzten. Einige Opiumraucher, Spieler von feinerem Gesichtsschnitt, ältere Leute. Nicht wenige, die ein Gewerbe trieben, ab und zu betrogen, entdeckt und bestraft wurden, nun sich schikaniert von den Polizisten fühlten, Schabernack auf Schabernack, Gehässigkeit auf Gehässigkeit folgen ließen, die Grenzen überschritten, und im Grunde froh waren, mit einem Schlage vogelfrei zu werden, der brütenden Gesetzlichkeit entflohen. Dies waren die Glücklichen, die wenig Bitterkeit in ihrer Freiheit fühlten.

Am schlimmsten waren die Hitzköpfe, die Rachsüchtigen, die Zügellosen dran. Sie hatten sich, meistens jung, wegen eines Ehrgeizes, einer Verliebtheit, einer Eifersucht, zu einem verhängnisvollen Schritt reißen lassen, standen außerhalb ihrer Familie, Sippschaft, Heimat, in deren Rahmen ihre Triebe wie ihr Verbrechen sinnvoll wurden, gingen mit bösen Blicken herum, verfluchten sich, kauten an dem unzerreißbaren Gummi ihrer Leiden. Ihnen nützte nichts; sie waren zu allem fähig; man durfte sie nicht anrühren. Sie waren nicht mitteilsam, überall dabei, wo etwas vorging und geplant wurde, machten ihrer Grausamkeit Luft, wo sie konnten, wurden von den Kameraden scharf beobachtet.

Dann kamen viele, die warteten, die sich angeschlossen hatten, nur um irgendwo in den achtzehn Provinzen zu hausen. Das waren die entlassenen Soldaten, die noch ihre zerrissenen blauen Kittel trugen und auf neue Anwerbung hofften. Krüppel, die aus kleinen Ortschaften stammten, wo man sie nicht ernähren konnte, und die nun die Wallfahrtswege belagerten. Tüchtige ernste Menschen, die ihre Familien durch Überschwemmungen verloren hatten; solche, bei denen der Mißwachs auf den Äckern ein jährlicher Gast war; solche, die erst vorübergehend aus Scham in die fernen Berge zum Betteln liefen, dann schwer loskamen und keinen Ausweg sahen.

Es gab besondere auffallende Erscheinungen, unter ihnen Wang-lun; unruhige Geister, die es nirgends hielt, die hier wie überall unter Vertrauten auftauchten und verschwanden; derartige Menschenwellen wogten in dem ungeheuren Reiche viel.

Den harten und unbeweglichen Kern aller Bergläufer bildeten die vier, fünf alten Verbrecher, welche seit Jahren die Plage der Pässe und höheren Wege ausmachten. Sie waren freundliche, etwas falsche Gesellen, die viele Anekdoten zu erzählen wußten, gutmütig die andern aushorchten, über die jüngeren grobe Späße machten. Einer hatte in seiner Körperfülle das Aussehen eines würdigen Mandarins; es fehlte ihm an seiner Mütze nur der Knopf. Er hielt sehr auf respektvolle Behandlung und bediente sich eines komischen Höflichkeitszeremoniells bei den kleinsten Dingen im Verkehr, wobei gestört er in unsäglich gemeines Schimpfen ausbrechen konnte. Er war Hypochonder, äußerst wehleidig und verbrachte das meiste Geld, das er durch Diebstahl und Raub erwarb, bei kleinen Wurzelfrauen, Hökerinnen in den Nachbarorten, bei denen er nach Medikamenten ein und aus ging. Er hatte eine Masse Eigenheiten, schnitzte sehr gewandt Tabaksdosen mit Blumendeckeln, suchte bei jedem frisch Ankommenden zu erfahren, was es für Neuigkeiten darin in den Städten gäbe, bemühte sich auf die furchtbarste Art, wenn er es wollte und es für ihn nötig wurde, die Muster zu beschaffen. Er seufzte seinen Hökerfrauen vor, die ihn als feinen Herrn behandelten, wie ein armer Mensch seine Haut zu Markte tragen müsse, um auch nur eine Spielerei zu erwerben. Wenn er einbrach, war er der zähste, sicherste Mensch, mit Muskeln von Stahl, einer unbezwinglichen Geduld und Kälte. Vor Leuten, besonders jungen Männern, die ihn überraschten und die er angreifen mußte, hatte er einen Ekel, wenn sie sich nicht wehrten oder um Schonung bettelten, nachdem er sie gefaßt hatte. Er hatte zwei Kaufmannsgehilfen einmal, die vor Entsetzen auf ihrem Ofenbett laut schrien, als er in ihr Zimmer nachts eindrang, mit einem Eisenstück erst betäubt, dann aber, als die kräftigen Menschen trotz seines Befehls unter ihrer Decke weiter wimmerten, sie mit der ersten besten Schnur einen nach dem andern erwürgt, war toll, ohne etwas zu nehmen, in die Berge zurückgerannt. Er führte seitdem den Namen „Seidenschnur“.

Ein anderer dieser fünf Gesellen war ein großer hagerer Kantonese mit einer Hornbrille. Dieser liebte weder Totschlag noch Einbruch, er war Gelehrter und verfaßte Gedichte, gesellschaftliche und sittenfördernde Abhandlungen, Betrachtungen über allerhand Themata, auch aus der Tierwelt, Geologie, Astrologie. Sein Wesen blieb den meisten der Vagabunden dauernd fremd. Er hielt sich völlig fern von ihnen; sie kamen in seine Höhle, um sich über vielerlei Dinge, besonders Krankheiten und günstige Tage, Rats zu erholen. Es war ein Mann von einer gewissen Bildung, der viele Dichter abschrieb und saubere Charaktere malte. In diesen großen ruhigen Menschen kam alle paar Monate eine Veränderung. Die ihn besuchten, merkten das vorher; er hörte ihnen nicht mehr geduldig zu; es herrschte Unordnung in seiner sonst ziemlich gerichteten Wohnung im Felsen. Er erklärte selbst, wenn ihn einer fragte, daß er jetzt viel mit eigenen Sachen beschäftigt sei, nur diese Tage; sie sollten sich nicht abstoßen lassen; er würde über die Sache, die sie ihm vortrügen, später noch genau nachdenken und ihnen Auskunft geben. Dann kamen die paar Tage, wo die Banditen sich nicht von ihrem Gelächter erholten. Wo der gelehrte Mann schmierig und zerfetzt von oben bis unten über alle Wege kletterte, bei allen Bekannten vorsprach in diesem Aufzug unter einem Schwall hochtrabender unverständlicher Worte und Brocken, dazwischen mit kolossalen Schlüpfrigkeiten, die an ihm sonst unbekannt waren, um sich warf, und selbst aus dem Lachen nicht herauskam, das sein Gesicht unter tausend trockenen Fältchen vergrub. Auf diesem Hin und Her, bei dem er sich keine Ruhe gönnte, kaum ein paar Stunden tags schlief, ohne sich zu erschöpfen, versteckte sich die hagere Gestalt auch gelegentlich hinter einem Block bei Mondlicht an einer Straßenbiegung, fiel mit lautem Geschrei ganze Karawanen an, die nicht selten auseinanderstoben vor ihm, stieß einen einsamen Pilger, nachdem er lange hinter ihm her mit Wutbläken geschlichen war, unter einem Freudenjuchzer in den Abgrund, verging sich bei Marktflecken in viehischer Weise an Frauen und Kindern. Nach ein paar Tagen saß er wieder in seiner Höhle, zeigte ernst seinen Gästen die Schrunden und Beulen, die er davongetragen hatte. Er behandelte diese Verletzungen in den ersten Tagen wie eine heilige Sache, kam rasch in das alte Geleise, in die gelehrte Arbeit, bei der ihn keiner, unter schwerster Gefahr, an die unruhigen Tage erinnern durfte. Der Einfluß dieser Männer auf die andern war gering; schon unter sich kannten sie sich wenig; unter den andern allen galten sie als gefährliche Sonderlinge, die zu keiner gemeinsamen Sache zu bewegen waren.

Die Vagabunden sprachen geheimnisvoll über Wang-lun in den überhitzten Stuben des Dörfchens. Seine langen Besuche bei dem Zauberer Ma-noh brachten sie zum Erschauern; alle gaben zu, daß dahinter etwas stecke. Er war ein Verfolgter, der nicht zur Ruhe kam. Ein Buckliger in dem Hause, das auch Wang bewohnte, schlug auf den Tisch: „Diesem Wang ist in Schan-tung etwas passiert, er will Gespenster bannen lernen, um sich an jemand zu rächen. Auf dem Liang-fu-schan sitzt einer, der hat in Krügen die Dämonen der ganzen Provinz gefangen.“ Ein anderer stimmte bei: „Ma-noh wohnt schon lange oben; er kennt alle Berggeister. Was soll Wang von ihm wollen?“ Der Bucklige: „Ich habe ihn einmal an der Pochmühle sitzen sehen; er schlug mit den Händen an seinen Augen vorbei. Warum? Er hat Dämonen gesehen und wollte sie zerquetschen.“ Ein Alter legte sich über den Tisch und grinste: „Ein Gelehrter ist Wang-lun. Er trägt etwas mit sich herum. Was ist dabei wunderbar, wenn er zaubern kann? Wer eins kann, kann das andere.“

In Wang überwucherte unter dem Einfluß der Gespräche mit Ma die Versonnenheit und der Ernst. Er beruhigte sich. Die Wände und Vorhänge, mit denen sich etwas Dunkles in ihm umstellt hatte, fielen; er ebnete und bewältigte sich in der größten Heimlichkeit. Der Zickzack in ihm kam nur gelegentlich zum Vorschein; in Possenstreichen, die andere vor den Kopf stießen, in stundenlanger grundloser Gleichgültigkeit, in vorübergehender Böswilligkeit, Widerspenstigkeit. Die älteren Vagabunden wußten, daß etwas Heiliges dahinter steckte, wenn er Späße machte; daß dies nicht anders war, als ob er sich in einem Krampf wälzte.

Gegen Ende ihres Aufenthalts in Pa-ta-ling stampfte Wang eines Abends kältegeschüttelt in die Stube; er lachte, brüllte, sprang an den Wänden herum. Er hätte auf einem frischen, völlig frischen, eben gefallenen weißen Schneehaufen, sie sollten einmal denken und sich das vorstellen, einen großen verschlossenen Lederbeutel mit dem kaiserlichen Kriegssiegel gefunden; und wenn er in den Beutel griffe, hätte er lauter runde Goldkugeln in der Hand. Er warf einen schwarzen Beutel auf den Tisch. Zehn glattrasierte bezopfte Köpfe stießen über dem Beutel zusammen, ein freudiges erschrecktes Schnattern erhob sich. Einer griff und hatte dicken Kohlestaub bis an den Ellenbogen; ein anderer faßte vorsichtig hinein, es ging ihm ebenso. Und so zwei andern. Sie sahen sich verblüfft über dem Tisch mit der Öllampe an, schwiegen betreten, blinzelten gegen den langen Wang, der ruhig am Ofenbett stand, sahen sich wieder einer nach dem andern an, schüttelten die Kohle von den Händen. Ein feister hellfarbiger hielt den Beutel hoch gegen sein Ohr, schüttelte ihn, horchte. Auch die vier, die in den Beutel gefaßt hatten, drängten sich durch und legten den Kopf an den Beutel. Der erste stellte den Beutel auf die Tischplatte, wich von dem Tisch zurück, sagte, ohne Wang anzublicken, mit einem bestürzten Gesichtsausdruck: „Er hat recht. Wang hat recht.“ Er war so fassungslos, daß er nicht tat, was einem andern, dem Buckligen, nach einer Pause einfiel: nämlich, ohne den Beutel zu berühren, Wang zu bitten, ihnen das Siegel des Kaisers zu zeigen und zu fragen, ob es das Siegel Khien-lungs oder eines früheren Kaisers sei. Wenn er es ihnen aber nicht zeigen wolle, ihnen doch etwas noch zu sagen über das Siegel; auch über die vielen Goldkugeln. Sie seien zwar erschreckt, sehr erschreckt, er auch, aber sie würden es doch gern hören und den andern sagen.

Der lange Wang-lun hatte inzwischen längst aufgehört zu lächeln. Mit einer Miene, die immer ängstlicher wurde, stand er am heißen Ofenbett; seine linke weite Hose schwälte am Rost, ohne daß er es merkte und den feinen sengenden Rauch beachtete. Er ging langsam und ganz unsicher von einem zum andern, zog ihn an der Hand zur Lampe, sah ihm suchend ins Gesicht: „Was ist denn? Was ist denn? Was meint ihr denn?“ Er stemmte beide Hände auf die Tischkante auf, hinter dem Tisch stehend, beäugte den Beutel von allen Seiten, bückte sich, strich furchtsam über ihn. Dann umspannte er ihn mit der linken Hand, ging mit ihm in die Nachbarkammer, immer Blicke nach rechts und links auf die Männer werfend, als erwarte er Schläge von ihnen. Eine dünne Spur des Kohlenstaubs rieselte hinter ihm her. Die Kammertür versperrte der lange Wang und hockte am Boden in dem engen Raum, in dem nur Krüge, leere Tonnen und Ackergeräte herumstanden, drehte eine Holzhacke in der rechten Hand, legte sie vorsichtig neben sich. Dann hob er den fast ausgelaufenen Lederbeutel, auf beide ausgebreitete Hände gelegt, an sein schweißtriefendes Gesicht und fiel mit dem Kopf so auf seine aufgestellten Knie. Er sagte mit klappernden Zähnen laut, daß die nebenan es hörten: „Was ist denn? Was wollen sie von mir?“ Die Kleider klebten ihm an den Gliedern. Er stand auf, besah das Loch in seiner Hose. Es befiel ihn eine so lautlose schwindelnde Angst, daß er sich im Kreise drehte, auf die Holzdiele unter seinen Filzsohlen blickte, den Boden befühlte mit der Hand, die krummen Finger gegen die Wand drückte.

Er stand, mit dem runden Rücken in einen Winkel gelehnt, die Arme unter den weiten langen Ärmeln ineinander verschränkt, sann mit hervortretenden Augen, was ihm passiert war. Plötzlich erstarb alles in ihm. Er ging ruhig zwischen dem Gerätekram an das offene Fenster. Die schneidende Luft wehte. Wang-lun, den Kopf hinaus in die Dunkelheit gesteckt, wußte nicht, was er hier blickte. Die kleinen Häuser drüben standen sehr fern, die Finsternis des Himmels stand nicht ferner. Er betrachtete alles mit Befremden.

Er mummelte sich in seinen Kittel, zog den Kopf zwischen die Schultern, ging in das Nachbarzimmer, wo fünf der Vagabunden saßen und mit Figuren spielten. Ihnen fiel auf, wie stier sein Blick und wie ausdruckslos sein Gesicht war. Er blieb am Tische stehen. Er sagte leise zu dem Buckligen, den er umfaßte, ohne aber den Blick höher auf ihn als bis zu den Schultern zu richten, daß er noch einmal durch das Dorf gehen wolle.

Und dann ging er durch die leere Straße; kehrte um, ging hügelwärts weiter. Lief, indem er die Schwärze der Nacht Schale um Schale, Panzer um Panzer, durchbrach. Ehe er verstand, was geschah, hatten seine Arme das Schwingen der Keulen angenommen, war eine Sichel aus seiner Stirne gewachsen, mit der er die Nacht durchschnitt. Er sprang über die Schönn-i genannten Klippen. Sein Körper lief schon empfindungslos weiter; er ritt ruhig atmend auf federnden Schenkeln. Er freute sich, daß etwas ihn mitgenommen hatte und mit ihm davonlief. Über die Hügel, auf die Felsen. Zu Ma-noh, zu Ma-noh. Der mußte die Gemse hören, die zu seiner Hütte heraufkletterte aus der liegenden Nacht.

Es war noch kein Zeichen des Morgens am Himmel, als Ma-noh seinen Namen rufen hörte, die Stiege zu seiner Hütte hinuntersprang.

Der trübe Docht blakte. Stumm und mild saßen die Buddhas im Hintergrund; die Ohrlappen bis auf die Schultern gezogen, blauer Haarknoten, weite Blicke, ein verschwimmendes Lächeln um die prallen Lippen, auf runden glatten Schenkeln hockend. Wang lag mit der Stirne vor der tausendarmigen Göttin aus Bergkristall, anklagend, bettelnd, verwirrt. Gewillt, hier liegen zu bleiben, nicht fortzugehen. Durcheinander stammelnd, was ihm geschehen sei.

„Was Su-koh geschah, ist nichts gegen dieses. Su-koh haben sie mit fünf Säbeln niedergeschlagen an der kleinen Mauer. Sie haben ihn gefangen genommen und dann über den Nai-ho geschickt. Mich haben sie verlockt, in ihre Mitte geschlossen, bezaubert. In meine Brust wollen sie einen Dämon zaubern, der Bucklige will das, alle wollen das. Ich bin gut zu ihnen gewesen, habe jeden Zank ausgewischt. Mancher von ihnen lebte nicht mehr ohne mich. Ich bin die Dorfstraße heruntergegangen. Es war Kohle in dem Beutel. Ich kann nichts dafür, es war nur Kohle. Und es ist doch kein Gold und kein Siegel. Warum soll es Gold sein, wie soll das Siegel des Kaisers in den Lederbeutel kommen? Warum verlangen sie das von mir? Sie sollen es nicht wollen; sie sollen es nicht wollen. Sie sollen mich wieder gehen lassen; ich habe nichts gesagt von dem Lederbeutel. Ich bin der Wang-lun aus Hun-kang-tsun. Ich bin ein Mörder; kein Mandarin hilft mir jetzt. Ich lasse mich nicht verhetzen. Ihr sollt mir helfen, ihr fünf Fos; Ma-noh, hilf mit; bete mit mir; hilf mir sie bezwingen.“

Er richtete sich auf den Knien auf, hielt Ma-noh an der Brust fest, der sich schon neben ihn geworfen hatte. „Oder bin ich schon verzaubert? Sag, Ma-noh? Es kommt schon zu spät bei mir, nicht wahr, ja, es kommt schon zu spät.“

Heulend stieß er, von den Buddhas abgewandt, lange Schreie aus, öffnete immer die Arme und schlug sie wieder zusammen. „Was soll geschehen, Ma-noh? Was soll mit Wang-lun geschehen? Die bösen Geister haben ihn befallen. Wang-lun haben die bösen Geister befallen.“

Ma-noh drückte Wangs verklammerte Finger von sich ab, ließ ihn auf den Boden rutschen, legte einen dünnen gelben Mantel mit roter Borte über sein Flickkleid, setzte die viereckige schwarze Mütze auf, das Dach des Lebens, schlug den Rasselstab, schüttelte die Klapper. Die pfeifenden Worte, die er ausstieß, gingen unter in dem blechernen Geklirr; und während er die eklen Schlangengötter mit Flüchen anrief, die Nagas, die Lus und ihre Könige, während unter dem Dröhnen der Klapper die Garudavögel gebannt aufschwirrten aus dem Kreise, die grünschwingigen Garudas mit roten Menschenbrüsten, weißem Bauch, auf ihren schwarzen Vogelköpfen standen zwei Hörner, zitterte in Ma-noh das Herz vor Glück. Er tanzte, selbst träumend und hingerissen, um Wang, der den Kopf duckte; er verstand alles, was Wang sagte; er bückte sich, strich ihm über die Schultern, den Scheitel, und hätte sein Knurren und Zischen in Lachen verwandeln mögen. Wang dachte an seinen Vater und seine Mutter, und wie seine Mutter eingeschlafen war, als der Vater unter Hundegekläff in einer Tigermaske hin und her sprang vor der Frau und über die Hingesunkene schnaufte und flüsterte. Ihn fror plötzlich sehr unter der Achsel, an den Knien, an den Fersen.

Er lag schwindlig, lang auf den Leib gestreckt am Boden. Ma häufte Decken über ihn, drückte das Licht aus. Eine weiße Helligkeit trat durch die verklebten Fenster. Ein Scharren und Kratzen an der verriegelten Tür, Füße und Schnäbel von hungrigen Krähen. Dann lief es einmal weich über die Stufen, kroch über das niedrige Dach, schnuppernd, schlüpfte wieselartig über Balken weg. Alle Augenblicke krachte es ganz weit; fernes Schieben, Schurren, Poltern folgte. Schneemassen kamen ins Rollen, stürzten in die Schluchten.

Ma-noh, in der schwefelgelben Kutte, mit roter Schärpe, auf dem Schädel die vierzipflige Mütze, öffnete die Tür. Brausen des Flusses drang in das dumpfe Zimmer, in dem die Klapper nicht mehr lärmte. Blendende Weiße warfen die Schneemassen herein. Ma pfiff und gluckste. Er hielt die große Almosenschale in der Hand, mit Körnern und Brocken gefüllt. Die Krähen stießen wütende Schreie aus. Er hielt die zudringlichen Vögel mit spitzem Lachen zurück. Weit über die Stiege, in den hohen Schnee der Straße flogen die harten Stücke.

Obwohl Wang schon am ersten Abend unruhig drängte, hielt Ma-noh ihn über drei Tage auf dem Berge fest. Am Morgen des vierten klopften Männer an Mas Tür, fünf Räuber aus dem Dorf. Sie hatten Wang gesucht und brachten die Nachricht, daß sie verraten seien, daß gestern nachmittag dreißig Berittene, abgeschickt aus der Unterpräfektur Cha-tuo, unter einem riesigen Pa-tsoung in das Dorf einfielen. Sie hätten, unterstützt von Dorfbewohnern, die Soldaten verjagt, ein Pferd lahmgeschlagen; es konnte aber nicht verhindert werden, daß vier ältere Wegelagerer, darunter ein Kranker, von den Soldaten ergriffen und auf den Pferden mitgeschleppt wurden. Als sie den Raub bemerkt hätten, waren die Reiter schon im Galopp und schossen mit Pfeilen nach rückwärts. Die Brüder drängten sehr fort, berichteten sie. Auch die gutmeinende Dorfbevölkerung bäte, rasch abzuziehen, weil sonst beide, Banditen wie Dörfler, verloren seien. Alle Wege wären gut passierbar, das Wetter erträglich, es werde ein rasches Frühjahr geben.

Von den Männern, die zu der Einsiedelei geschickt waren, gehörten drei zu den engeren Freunden Wangs von den Pochwerken. Es waren die erfahrensten, zuverlässigsten Männer.

Auf das erregte Bitten Wangs blieben sie fast einen halben Tag gemeinsam in Ma-nohs Hütte.

Wang konnte sich schwer bezwingen. Er ging ratlos in einem Durcheinander von Empfindungen an den niedrigen glühenden Herd, über dem der Wassertopf an einem rohen, schlecht geschnittenen Eichmast hing. Sein breites Gesicht schrumpfte unter der Hitze. Er wandte sich und streifte mit den fliegenden Ärmeln die goldenen Buddhas, die ihre bezaubernde, flimmernde, irisierende Miene zuwandten dem stummen Ma-noh, der ihre Blicke aufzufangen suchte, dem Wanderer Wang, den hockenden fünf Vagabunden, die die Köpfe zusammensteckten, teeschlürfend die Nachbarorte durchhechelten. Über und über waren sie bepackt mit zerlumpten Kitteln, Tuchfässer, schwer bewegliche Fleischpakete.

Wang schwankte unter einer Aufwallung und einem unertragbaren Sieden in der Brust die Stiege herunter, und seine schrägen schmalen Augenschlitze kniffen sich zu, geblendet vom Weiß, das entgegenprallte. Er stand am Rand der Bergstraße. Aus dem Flußtal schleiften Nebelschlieren. Von einem drehenden Windstoß gerafft zogen sie sich schlangenartig rasch hoch und pufften, breitschleiernd, über Wang und die lange Bergstraße. Das Rauschen der Schnellen klang unglaublich nah. Das Tal kochte kalt und war verschüttet in den brodelnden Dunst. Muskellose weiche Schneearme streckten sich herauf.

Sie berieten in der kaum mannshohen Hütte unter dem Felsen. Ma-noh mit welkem spitzen Gesicht, im bunten Flickmantel und aufgewundenen Zopf, höflich, leicht gnädig, im Inneren aufgebläht, erwartungsvoll erregt. Wang, zwischen den andern am Herd, bog den Rücken rund; seine Blicke wanderten von einem Augenpaar zum andern.

Er fing an zu sprechen, die Hände auszustrecken, die Freunde zu beschwören: „Die vier Alten haben die Reiter mitgenommen, und man wird sie ins Gefängnis werfen und ihnen die Köpfe abschlagen. Sie konnten nicht so schnell laufen wie ihr. Den Lahmen hab ich auf meinem Rücken getragen, als wir vom Berg herunterliefen. Es wird ihnen keiner glauben, wie elend wir sind und daß der Frost so schlimm war. Der Lahme muß daran glauben, daß ihm ein Bootsmann das Bein zerschlagen hat. Sein Unglück ist groß, man wird ihn an einem ungünstigen Ort verscharren, sein Geist muß betteln, wie im Leben hungern, frieren. Sein Bein war zu kurz und die Soldaten hatten Pferde. Uns nimmt man alles. Wir sollen in den leeren Bergen erfrieren, die Raben sind mit uns ausgezogen, keiner konnte mehr leben, keine Karawane gab zu essen. Unsere armen Brüder nimmt man uns. O, wir sind arm.“

So jammerte Wang-lun, blickte ihnen allen in die traurigen gesenkten Gesichter und litt. Mit einmal kam die Angst wieder und die Befremdung vor ihnen. Er wandte sich, schluckte an dem Kloß hinter seinem Gaumen. Er preßte es gewaltsam herunter, hielt seine eiskalten schwitzenden Hände über den Herd. Sie taten ihm nichts, sie wollten nichts von ihm, es war nur ein Gerede gewesen, er wollte sie gar nicht fragen. O, war das Leben schwer. Dazu blitzte es ihm vor den Augen; bald schienen es von dem Herd verwehte Funken zu sein, bald fuhr es so rasch und glatt zusammen, fünf Säbel und eine kleine getünchte Mauer.

Ein breitschultriger alter Mann unter den abgesandten, ein Bauer, dem sein Land mitsamt seiner Familie fortgeschwommen war, veränderte seine entschlossene Miene nicht bei den zitternden Worten Wangs: „Wir müssen unsere Brüder wieder holen. Wenn du ihn in das Dorf getragen hast, Wang, mußt du ihn zurückbringen. Hätten wir Pferde und Bogen wie die Soldaten, wäre nichts geschehen. Der Unterpräfekt von Cha-tuo soll ein kluger Mann sein aus Sze-chuan. Aber er ist zu feingebildet für uns in Nan-ku. Sag selbst, Chu, Ma-noh, wir müssen mit unserer Sprache herauskommen.“

„Der Unterpräfekt Liu von Cha-tuo,“ fiel ein jüngerer großer neben ihm ein, auffallend helle Gesichtsfarbe, große scharfe Augen, „der ist aus Sze-chuan gekommen, aber der klägliche Sü weiß, woher Liu seine Täls genommen hat. Er hat sie nicht aus den kanonischen Büchern herausgelesen, die Lieder des Schi-king sollen keine Goldschnüre um den Hals tragen. Ich habe gehört von einer großen Stadt Kwan-juan, als ich einmal über den Ta-pa-schan herüberwanderte. Da kam in das Jamen des glanzvollen Unterpräfekten ein Kurier vom Vizekönig von Sze-chuan; es sollten neue Steuern für den Krieg mit dem und dem erhoben werden auf das und das. Der klägliche Sü weiß die Antwort, die der glanzvolle Liu an den erhabenen Vizekönig zurücksandte, weil er nämlich dem heimwandernden Kurier einen Strick um die Beine legte, um ein paar Käsch beim Betreten einer so großen Stadt zu besitzen. Liu, besorgt um die Stadt, wie ein echter Vater, lehnte die Steuer ab für Kwan-juan: „Die Stadt ist zu arm, die schwarzen Blattern grassieren, die Reispreise unerschwinglich für den kleinen Mann.“ Aber als ich selber nach zwei Tagen entzückt über solche Landesliebe in die glücklichen Mauern eintrat, klebten schöne lange Zettel an jeder Wand mit dem Stempel des glanzvollen Liu, in deutlicher würdevoller Sprache. Er gab dem mächtigen Vizekönig zuerst das Wort: „Himmelssohn, Krieg mit dem und dem.“ Und zum Schluß Steuern auf das und das, für jeden eine Gabe, diese Gilde jene Gilde. Die guten Leute wußten auf einmal, wie unbezahlbar bei ihnen in den Mauern alles war, das und das und das. Sie waren sehr glücklich und priesen Liu, der sich um die Hebung ihrer Stadt so wohl verdient machte, priesen seine Eltern und Großeltern und zahlten drei Jahre die Likinabgaben für — Liu, den weisen Unterpräfekten.“

Der hellfarbene Mann lachte wie berauscht. Ma sah ihn streng an; Wang erkannte, daß Sü nicht zu halten war. Einer neben Wang stieß seinen Nachbarn an, dessen Gesicht glühte von dem heißen Wasser, flüsterte, er solle doch reden; das sei besser, als halblaut fluchen vor den Fenstern anderer Leute.

Wang wurde von seinem Schmerz gefaßt und mit eisernen Händen unter ein dickes dunkles Moor zum Ersticken gehalten. Er keuchte. Das war alles falsch, was hier gesprochen wurde.

Während die zwei neben ihm verlegen gestikulierten und heftig auf sich einsprachen, Sü prahlerisch eine neue Geschichte schmetterte, fing Wang an zu klagen, Ma-noh neben sich auf den Boden zu ziehen. Er redete hilflos schnappend, drehte den Kopf, seine Lippen bebten: „Ma, bleib sitzen hier. Seid nicht aufgeregt, liebe Brüder. Sü, du bist gut, es ist richtig, was du sagst. Ich will euch ja nicht langweilen, aber mir fiel etwas ein, wie Sü erzählte von dem Unterpräfekten aus Kwan-juan in Sze-chuan, der uns die vier Armen hat rauben lassen. Wir wollen sie ihm gewiß nicht lassen, liebe Kinder. Habt mich nicht im Verdacht, liebe Kinder, als ob ich das tun wollte. Mir fiel nur ein von Schan-tung etwas, als ich in der Stadt Tsi-nan-fu war, in dem großen Tsi-nan-fu und bei einem Bonzen diente; er hieß Toh-tsin. Ihr werdet ihn nicht kennen, es war ein guter Mann, der mich sehr geschützt hat. Da war mein Freund ein Mann, den sie auch totgeschlagen haben. Ich will euch alles erzählen von Su-koh, so hieß er. Ihr werdet mir glauben, daß ich unsere armen Vier nicht dem Unterpräfekten lassen werde. Nachdem mir das passiert ist in Tsi-nan-fu, und sie mir meinen Freund Su-koh totgeschlagen haben. Er war ein Anhänger des westlichen Gottes Allah, der seinen Anhängern vieles erfüllen soll. Aber in Kan-suh fingen Unruhen an, als diese Leute plötzlich laut beten wollten, und Su-kohs Neffe las zuerst aus einem alten Buch laut vor, und sie haben ihn in Stücke geschlagen mit seiner Familie. Dann haben sie nach meinem Freund in Tsi-nan-fu gesucht, er war ein so würdiger ernster Mann, er hätte die höchsten Prüfungen bestanden. Es kam, wie es will. Sie haben ihn wieder gefaßt, als ich ihn schon herausgeholt hatte mit seinen beiden Söhnen. Er sagte, sie dürften ihm nichts anhaben, er wolle schon auswandern, erst müsse er seine Schulden bezahlen und sein Haus verkaufen und sein Priester müsse ihm einen günstigen Tag angeben. Aber es gab ein Trommeln. Eine Eidechse, ein weißer Tiger, ein dünnbeiniger Tou-ssee gab ihm einen Stoß von hinten mit dem Degenknauf, neben seinem Haus an einer kleinen getünchten Mauer. Dann haben sie ihn eben, wie er sich umdrehte, mit fünf Säbeln totgeschlagen. Ihr müßt nicht lachen, weil ich nichts dabei getan habe. Sein Geist, der eben aus ihm geflogen war, muß in meine Leber gefahren sein, denn ich war besessen die Tage darauf. Und dies ist mir in Tsi-nan-fu an meinem eigenen Freunde passiert. Der Tou-ssee lebt nicht mehr, ihr werdet es mir glauben. Aber es ist zum Weinen, um selbst über den Nai-ho zu gehen: sie kommen immer wieder und nehmen etwas weg. Sie geben keinen Frieden und keine Ruhe. Sie wollen mich und euch und uns alle ausrotten und nicht leben lassen. Was wollen wir machen, liebe Kinder? Ich, euer Freund Wang aus Hun-kang-tsun, bin schon wie weich gerittenes Fleisch, wie stinkende Zeugmasse. Ich kann nur weinen und jammern.“ Wang hatte die Haltung eines kranken Kindes angenommen vor Ma-noh, und in einem Stöhnen, Keuchen und Schluchzen arbeitete seine Brust.

Das Wasser stürzte ihm aus Auge und Nase, sein breites derbhäutiges Gesicht war ganz klein und mädchenhaft. Er lehnte gegen Ma-noh in einer Art Betäubung.

Er log nicht von Su-koh. Man hatte ihm in Su-koh einen Freund weggerissen. Wang, der Gassenläufer und Ausrufer in Tsi-nan-fu, war in der Herberge dem Mohammedaner begegnet. Das ernste gelassene Wesen fesselte ihn stark. Es zog ihn intensiver an, als er sich bewußt wurde in dem unruhigen Treiben der Stadt. Er hatte rasch das völlig unklare Gefühl, hier etwas Verhängnisvolles zu treffen, etwas so Tiefes, daß er sich davon abwenden müßte. Er kam wenig mit Su-koh und seinen Söhnen zusammen; ihre Gespräche betrafen tägliche Dinge. Dann kam die Verhaftung Su-kohs, und sie deckte ihm die Stärke seiner Beziehungen zu dem Mann mit Furchtbarkeit auf. Nicht kam er zu einer Vorstellung, worum es sich handelte zwischen ihm und dem Mohammedaner; er merkte nur die Hingerissenheit und unbedingte Teilnahme an Sus Schicksal. Wang hatte das schwerlastende Empfinden, daß man ihn selbst, etwas in ihm von einer schaurigen Verborgenheit, angriff. Und es war nicht die Roheit des Eingriffs, die ihn erschreckte, sondern das Entsetzen vor dem Verborgenen, das ihm vor Gesicht kam, das er nicht sehen wollte, nicht jetzt schon, vielleicht später, viel viel später. Die fünf Säbel und die kleine Mauer fuhren vor seinen Augen zusammen, immer erneut, jede Stunde jede Minute; es war nicht zu ertragen, es mußte überdeckt, vergraben werden. Und so kam die Rache für Su als etwas Erdachtes, Erzwungenes. Erst als er sein Hirschgeweih in Händen hatte in der Kammer des Bonzen, als er sich flüchtete zu den Erinnerungen an die Späße, die mit dem starken Geruch des Geweihs in ihm aufstiegen, an die Jagden über Marktplätze, Jonglieren über Dächer, da wußte er sicher, daß er den Tou-ssee töten würde, mit der Maske glatt und fest alles zustülpen würde. Diese Bewegung machte ihn damals glücklich und sicher: zustülpen. Er wollte sich noch einmal wegtäuschen über die Zukunft, vor der er sich schämte und graute. Es war schon nicht mehr nötig, daß er am Morgen aus dem Wegeschrank aufstand und auf den Übungsplatz lief: er hatte in der Nacht schon zehn, fünfzigmal den Hauptmann erstickt unter der Maske, es war schon alles geschehen. Aber er lief hin; er mußte sich dabei sehen, es sich tief einprägen. Und so geschah der Mord, als ein Opfer, das er sich brachte. So rächte Wang den Mohammedaner, seinen Freund.

Die scharfe nüchterne Stimme des Mannes, den vorher Wangs Nachbar gedrängt hatte, übertönte das Durcheinander von gezischelter Wut und Drohworten. Er rief, es möchte derjenige, welcher am nächsten der Türe sitze, die Hütte umgehen und nachsehen, ob einer draußen sei; er wolle dann sprechen. Als die Türe aufgestoßen wurde und ein langer Bursche mit vorgestrecktem Kopf aus der Hütte verschwand, war es für eine Minute still in der Hütte, so daß man zum erstenmal das Geräusch des Flusses und der stürzenden Schneemassen hörte. Der Bursche kam grinsend zurück: es hätte nur etwas Totes neben der Hütte gesessen. Und er zog das Fell einer graubraunen Zibetkatze aus seinem Kittel hervor. Ma-noh schüttelte sich vor Abscheu; er wollte den Burschen davonjagen, bezwang sich und schnüffelte erregt, als er die andern überernsten Gesichter sah.

Der Mann am Herd, dem unter dem Kinn ein kleiner grauer Bart wuchs, stand auf, stellte sich an die Tür, die er mit seinem Rücken versperrte, sprach leise scharf; fuchtelte sonderbar in der Luft, als ob er Fliegen fange. Er zupfte seinen Bart. Sein altes Gesicht mit den großen Augensäcken war lebendig wie eines schnurrenden Katers. Die schlaffe Haut tat dem Spiel seines Ausdrucks keinen Eintrag; es kräuselte, blitzte, rollte über das platte Gesicht mit dem weit vorgeschobenen Unterkiefer. Er klappte oft laut die Zähne zusammen, man sah seine dünne rosa Zunge spielen, er bog den dickgepolsterten Rücken, machte dies und dies Knie krumm. Von dem Mann wußte man, daß er ohne Grund aus seiner Heimat aufgebrochen war in geachteter Stellung. Er hauste seit Jahren in den Nan-ku-Bergen, tat in Dörfern ehrbare Dienste. Leute aus seiner Heimatstadt, die von dem neugierigen Gesindel nach ihm ausgefragt wurden, berichteten kopfschüttelnd, daß er ohne mindeste Veranlassung alles habe stehen und liegen lassen. Sie waren überzeugt, daß der Alte der Aufdeckung eines Verbrechens zuvor gekommen sei, das aber dann nicht aufgedeckt wurde, eine Geschichte, die sie viel belachten und zur Beleuchtung seines ebenso furchtsamen wie geheimtuerischen Wesens benutzten.

Chu sprach leise: „Da niemand vor der Türe horcht, will euer Diener reden. Wir müssen verschwiegen darüber sein, werte Herren, nicht meine ich aus Angst und Besorgtheit, die gar nicht angebracht ist bei Leuten, welche nichts zu besorgen haben, sondern aus Gründen. Euer Diener Chu hat viele Gründe, leise zu sprechen und die Türe zu versperren, und wenn die werten Herren ihn ruhig angehört haben und ihm zustimmen sollten, so werden sie wie er leise sprechen. Ich habe gute Beziehungen zu Po-schan, meiner Heimatsstadt in Schan-tung, wo meine Neffen und Geschwister meinen Besitz verwalten. Was der geliebte Bruder Wang erlitten hat und was die Einwohner Kwan-juans erlitten haben, ist uns vielmals begegnet da. Schöne Sachen sind uns begegnet, schöne Sachen, aber das Kind, das vor euch steht, will nicht vor alten Kennern schwatzen. Seht einmal: wie oft tritt in den südlichen reichen Provinzen der Gelbe Fluß über die Ufer, und wie oft wirft sich das Meer mit einer weißen Brust über das Land und erdrückt Häuser und Mann und Frau und Kind? Wie oft läuft der Taifun die wimmelnde Küste herunter, tanzt über das gelbe Meer, und alle Dschunken, Boote, großen Segler bekommen plötzlich Beine und tanzen mit ihm auf eine barbarische grausige Art mit. Und das kleine Kind will gar nicht sprechen von den bösen Dämonen, die den Mißwachs auf den Äckern bringen, daß die Hungersnöte ausbrechen. Aber seht, die Menschen wollen es den großen Gewalten nachtun; und wer ein großer Herr ist, will ein größerer sein. Und da treiben Menschen, von Müttern geboren, in den achtzehn Provinzen herum, die die Macht in Händen haben, und werfen sich wie die finstere See über das flache, sorgsam bebaute Land hin und quetschen mit ihrem breiten Leib den Reis und alle Früchte zusammen. Da gibt es Herren, die drehen sich wie die dunkelfarbigen Sandstürme über ganze Städte und bewohnte Dörfer und reißen im Drehen soviel Sand wie Menschen mit, daß alle das Atmen vergessen. Und am schlimmsten wütet eine Springflut, die vor langer Zeit über das kostbare Land, über die Blume der Mitte, gefallen ist, ihr die Blätter und Blüten abreißt. Von Norden ist die Springflut gekommen und brandet über unsere fetten Äcker und Städte. Sie hat den Schlamm und das spitze Geröll auf unsere fetten Äcker und friedreichen Städte geworfen, und sie nennt sich Tai-tsing, die reine Dynastie. Und von ihr will ich etwas erzählen.“

Wang hatte sich längst hochgerichtet, sah den Alten mit aufgerissenen Augen an, stellte sich ihm gegenüber. Die andern reckten die Hälse, rückten näher an die Tür; die Pulse rollten voller durch ihre Schläfen; sie sahen den Alten, sie waren seine Beute.

„Ich will euch nichts von ihr erzählen, denn die alten Herren wissen alles selbst. Wenn der Tiger heult, dringt der Wind in die Täler. Die Mandschus, die harten Tataren, die aus ihren nördlichen Bergen geradewegs von der Fuchsjagd über unser schwaches Land gefallen sind, werden nicht bis zum Eintritt der Ewigkeit über uns leben. Unser Volk ist arm und schwach, aber wir sind viel und überleben die stärksten. Ihr wißt, was man macht, wenn man am Meere wohnt und die sieben ruhigen Jahre sind vorbei, die Regenzeit und der Nordweststurm ist vorbei, das Unglück ist geschehen, was man macht, wenn man noch lebt? Bauen, Dämme bauen, Tag und Nacht, Pfähle rammen, den Lehm häufen, Ruten, Stroh dazwischen, Weiden anpflanzen. Die klugen Männer werden mich unbescheiden nennen, wenn ich sie in dem fremden Hause frage, welche Dämme sie gebaut haben, weil sie sich doch vor der Springflut fürchten und weil sie die Wasser aus dem Lande zurückdrängen wollen? Aber andere haben langsam und leise den Lehm in den Händen zusammengetragen, haben Stroh gestohlen von dem und dem, zu einer Zeit, wo keiner auf sie achtete, haben heimlich feine Weidenschößlinge gesetzt und sie geschützt. Es gehen schon unsichtbar Wälle und Dämme durch das Land, mit Schleusen und Abzügen, die wir schließen, wenn der Augenblick gekommen ist: das Wasser kann nicht zum Meer zurück, das Land ist nicht ersoffen; wir verdunsten unter dem Feuer langsam das Wasser wie die Salzpfänner und behalten die Körner zurück. Ich bin aus Po-schan; wir haben nicht soviele Fruchtbarkeit wie am gelben Sandfluß; aber bei uns blüht zwischen den Kohlen seit langer Zeit eine Blume, heimlich, aber wohl geschützt: die Weiße Wasserlilie.“

Keiner der Männer saß mehr an der Erde; „die Weiße Wasserlilie“ stießen sie erregt aus, um Chu sich stellend, klopften ihm freudig die Hände, blitzten ihn aus ihren schwarzen Augen an. Sie waren entzückt über die Verwandlung des trotteligen Katers. Sie lachten mannigfach, befriedigt leise, meckernd und mit Herausforderung, wie Hornsignale klar und triumphierend; Ma-noh glucksend, aber unsicher. Ihre Lippen waren naß, die Münder voll Speichel. Unter ihren Backen glühten dünne Heizplatten. Der Magen schlingerte sanft hin und her.

„Wir sind, alte Herren, zur Beratung hier. Jeder kann beitragen, soviel er im Kopf hat. Wang hat geredet, was ihm mit einem ernsten Su-koh in Tsi-nan-fu begegnete. Ich bin nicht weit her von Tsi-nan, aus Po-schan. Ich habe nicht gewartet, bis mich ein flinker Freund rächen brauchte, und hätte vielleicht nicht gleich einen so raschen gefunden. Steht hinter meiner Straße auch schon die kleine getünchte Mauer, die für mich bestimmt war. Hat die leblose Hand des Himmelssohns schon den roten Todeskreis hinter meinen Namen gemalt. Das Urteil war schon fertig, das nötig gewesen ist, meinen Mund zu versperren.“

Der Alte wollte weiter stammeln; Wang unterbrach ihn. Er nahm ihn stark bei der Schulter, preßte ihn neben sich auf den Boden. Wang streichelte dem Alten die Wangen und die knotigen Hände, bot ihm heißen Tee. Der schluckte noch, schnappte, schlug mit dem Unterkiefer, sah aus geröteten Augen geradezu, hatte gellende Ohren.

Die Vagabunden, von Grimm ausgehöhlt, schluchzten ihren Ballast von sich. Die Arme wurden in einem Wirbel herumgerissen. Die heiße Wut wurde in die Hälse gepreßt, über einen blechernen Resonanzboden geledert, und schnarrend, tremolierend weg in die Luft geprustet. Sie kamen sich bloßgelegt bis auf die Blutröhren, die Lungenbläschen, vor, ihr Rätsel war von Chu gelöst: sie waren Ausgestoßene, Opfer; sie hatten einen Feind und waren glückselig in ihrem schäumenden Haß.

In dieser Minute gab sich Ma-noh an Wang verloren. Ma erlebte die mitleidigen, umdunkelten Blicke Wangs, fühlte, wie Wang innerlich diese rasenden Tiere an sich zog, furchtlos begütigte und küßte; und jäh riß ein Faden in ihm. Was kam nun? In ihm war keine Besinnung. Was lag an ihm! Was lag an dem Prior, an den Buddhas, an den Freudenhimmeln! Versagen aller Bremsen, Niederschmettern aller Widerstände. Verächtliches Lippenzucken über die Vagabunden; ihre Not belanglos gegen das, was in Wang vorgeht. Frösteln. Eine stählerne fremde Sicherheit, von innen heraus zielend. Schwindelloses Fallenlassen in einen Schlund. Schwaches federleichtes Hinlegen vor Wangs Fuß.

Wang bemühte sich stumm, traurig um den Alten. Er sah schon sie alle mit Messern zwischen den Zähnen den Berg herunterlaufen. Sie entglitten ihm.

Er sprach erst, als sie unruhig seine veränderte abwesende Miene bemerkten. Sein Gesicht war noch naß von den Tränen. Er redete müde, er murmelte vor sich hin, zuckte oft zusammen: „Das nutzt alles nicht. Das nimmt kein Ende, und wenn wir zehnmal hundertmal so viel wären als wir sind. Was sind wir? Weniger als die Freunde früher des Chu, und Chu sitzt bei uns und muß sein Herz aufreiben. Eine Schar von Bettlern aus den Nan-kubergen. Es wird Mord auf Mord kommen.“ Der listige Erzähler von Kwan-juan überschrie ihn. Seine vorhin höhnende harte Stimme klang bewegt, weich und leicht zornig. Wang und er rangen mit den Blicken. Sie seien keine faulen Bettler. Wer dies erlebt hätte, was sie, sei kein bloßer Wegelagerer. Ja, sie seien arme ausgestoßene Menschen, die kaum mehr widerstreben könnten, halbtote, denen man rasch einen Schluck Wasser einflöße und die man dann mit Fußstößen aufjage, rasch, damit sie nicht vor der Tür stürben. Ihre vier Brüder seien verloren, bald käme die Reihe an sie. Wieder funkelten seine Augen.

Wang zog seine Beine an, ging vorsichtig zwischen ihnen durch, umfaßte vorübergehend Ma-noh und blieb ganz im Hintergrund an der Wand stehen, wo man ihn kaum sah; nur wenn die dunkle Glut auf dem Herd heller aufschlug, erkannte man, daß er mit gesenktem Kopf stand, mit den Händen nach rückwärts die Bildsäule eines Buddha berührte. Ma-noh neben ihm. Wang fühlte sich schwimmen auf einem tobenden Meer. Es schien ihm, als ob er, schwankend zu sterben oder zu leben, plötzlich die Arme niedergeschlagen hätte auf ein Floß, sich mit dem Leib drüber wegzog und zu Ertrinkenden sprach, mit den Beinen sein steinsicheres Floß an Land steuernd.

„Man hat nicht gut an uns getan: das ist das Schicksal. Man wird nicht gut an uns tun: das ist das Schicksal. Ich habe es auf allen Wegen, auf den Äckern, Straßen, Bergen, von den alten Leuten gehört, daß nur eins hilft gegen das Schicksal: nicht widerstreben. Ein Frosch kann keinen Storch verschlingen. Ich glaube, liebe Brüder, und will mich daran halten: daß der allmächtige Weltenlauf starr, unbeugsam ist, und nicht von seiner Richtung abweicht. Wenn ihr kämpfen wollt, so mögt ihr es tun. Ihr werdet nichts ändern, ich werde euch nicht helfen können. Und ich will euch dann, liebe Brüder, verlassen, denn ich scheide mich ab von denen, die im Fieber leben, von denen, die nicht zur Besinnung kommen. Ein Alter hat von ihnen gesagt: man kann sie töten, man kann sie am Leben lassen, ihr Schicksal wird von außen bestimmt. Ich muß den Tod über mich ergehen lassen und das Leben über mich ergehen lassen und beides unwichtig nehmen, nicht zögern, nicht hasten. Und es wäre gut, wenn ihr wie ich tätet. Denn alles andere ist ja aussichtslos. Ich will wunschlos, ohne Schwergewicht das Kleine und Große tragen, mich abseits wenden, wo man nicht tötet. Ja, dies will ich euch von der Kuan-yin und den anderen goldenen Fos sagen, die Ma-noh verehrt; sie sind kluge und gereifte Götter, ich will sie verehren, weil sie dies gesagt haben: man soll nichts Lebendiges töten. Ich will ein Ende machen mit dem Morden und Rächen; ich komme damit nicht von der Stelle. Seid mir nicht böse, wenn ich euch nicht zustimme. Ich will arm sein, um nichts zu verlieren. Der Reichtum läuft uns auf der Straße nach; er wird uns nicht einholen. Ich muß, mit euch, wenn ihr wollt, auf eine andere Spitze laufen, die schöner ist als die ich sonst gesehen habe, auf den Gipfel der Kaiserherrlichkeit. Nicht handeln; wie das weiße Wasser schwach und folgsam sein; wie das Licht von jedem dünnen Blatt abgleiten. Aber was werdet ihr mir darauf sagen, liebe Brüder?“

Sie schwiegen. Chu seufzte: „Du mußt uns führen, Wang. Tu, wie du willst.“

Wang schüttelte den Kopf: „Ich führe euch nicht. Wenn ihr meinen Willen habt, will ich euch auch führen. Ihr müßt mir zustimmen, gleich und in diesem Augenblick. Und ihr werdet nicht zögern, und die im Dorfe sind, werden nicht zögern, denn im Grunde spricht ja keiner von euch anders. Ihr schäumt nur noch so, wie ich selber früher, liebe Brüder. Geht mit mir. Wir sind Ausgestoßene und wollen es eingestehen. Wenn wir so schwach sind, sind wir doch stärker als alle anderen. Glaubt mir, es wird uns keiner erschlagen; wir biegen jeden Stachel um. Und ich verlaß euch nicht. Wer uns schlagen wird, wird seine Schwäche fühlen. Ich will euch und mich schützen; ich werde nach Schan-tung wandern und den Schutz der Brüder von der Weißen Lilie erbitten, wie Chu will. Aber ich beschütze keine Räuber und Mörder. Wir wollen sein, was wir sind: schwache hilfsbedürftige Brüder eines armen Volkes.“

Ma-noh hielt den großen Wang an den Schultern umschlungen; er flüsterte heiß: „Und ich will mit dir wandern; ich will ein schwacher armer Bruder sein unter deinem Schutz.“ Die andern hatten still dagesessen, sich lange angeblickt. Dann warfen sie sich, erst Chu, darauf die vier vor Wang mit der Stirn an den Boden.

Die Hütte des Ma-noh leer.

Die Krähen und großen Raben hüpften über die Stiegen durch die offene Tür, saßen auf dem Herd, der noch warm war, zerrten mit ihren Schnäbeln an den dicken Binsenmatten. Zwei graue Zibetkatzen ließen sich an den Schwänzen vom Dach herunter, warfen sich mit einem Schwung langgestreckt mitten in die aufgehäuften Tuch- und Pelzlagen, wühlten unter ihnen herum; unter den Reflexen des Abendlichts blitzte ihr glanzvolles fleckiges Fell. Ein dicker Rabe schaukelte auf dem leeren Regal und sah nach unten; als die größere der beiden Katzen an die Wand gedrückt kurzbeinig sich in die Höhe zog, rauschte er unter ängstlichem Flügelschlagen und grellem Krächzen auf, an die Decke, zur offenen Türe hinaus.

Im Dorfe gingen um dieselbe Abendstunde die Wegelagerer einer hinter dem andern in das Haus des Bauern Leh, das zu den vier Häusern gehörte um die Eiche am Eingang des Dorfes. Auf dem hinteren Hofe stand eine weite leere Scheune, die von den Bauern zu Versammlungen benutzt wurde. Die offenen breiten Tore an den Längsseiten ließen weite Lichtmassen herein.

Was auf dieser Versammlung besprochen wurde, in der Scheune, in welcher ein schwerer Geruch von verfaultem Stroh, muffigen Menschenkleidern und Ochsenmist herrschte, ist kurz berichtet. Wang war nicht anwesend; Ma-noh hatte ihn den langen Weg, wo sie zusammen die goldenen Buddhas und die süß lächelnde Kuan-yin aus Bergkristall heruntertrugen, nicht allein gelassen; sie saßen in jener Gerätekammer zusammen und sprachen.

Ma-noh war von einer Kette losgebunden; überglücklich, ungeschickt und possierlich. Seine alte Gereiztheit klang peinlich in seiner Stimme; er hatte einen Kampf zu bestehen mit seinen Grimassen, seiner Redemanier, plötzlichen Affekten, die bodenlos geworden waren, und die er mit sich herumschleppte, wie ein krankes Tier seinen Winterpelz in das Frühjahr. Er kannte mit dem feinsten Gefühl seine Aufgabe, Wang zu beobachten; sah mit Angst die Gefahren, die Wang drohten; sah im Hintergrund die Furcht Wangs vor der Anbetung der Vagabunden. Sie blieben bis in die Nacht in der dunklen kalten Kammer. Ma-noh konnte mit Freude verfolgen, wie sich in Wang das väterliche und herrschaftliche Gefühl für die Brüder, die ihm vertrauten, fest und fester setzte.

In der Scheune berichteten die fünf Abgesandten, was sie mit Wang-lun beraten hätten und was ihnen Wang gesagt hätte. Vermochten fast Wort für Wort zu wiederholen. Sie standen in der Mitte des zugigen Raums; die Männer drängten sich um sie. Was die Boten berichteten, wirkte ungeheuer.

Neuer Überfall, Bogenschüsse in ihre Masse hinein hätten nicht so stark erregen können. Bei einigen, die sich abseits von den übrigen zu bewegen pflegten, kamen hohnvolle Bemerkungen auf von Bonzenwirtschaft; sie hielten sich geduckt, als sie sich umringt fanden von leidenschaftlichen Gebärden, stillem Vorsichhinstarren, hastigem Ausfragen, gedankenvollem Hin- und Herspazieren.

Die von Ma-nohs Hütte herunterkamen, strömten eine unablenkbare Sicherheit aus; sie standen eingekeilt; aus dem Haufen klang immer ihr: „Wang hat recht.“ Diese Boten, vom alten Chu bis zu dem ungeschlachten langen Burschen, welcher das blutige Fell in Ma-nohs Hütte getragen hatte, wurden angestarrt, umgangen von ihren Bekannten; man faßte sie an die Hände, man lechzte sie aus, staunte ihre Ruhe an. Wang, der ein paar Häuser entfernt in der Kammer hockte, an die jetzt alle dachten, rief man nicht; man hätte ihn ungern gesehen; er sollte dies alles nicht ansehen, dieses Herumgehen, dieses Zweifeln, diese Ratlosigkeit; man fürchtete das Auslöschen aller Lampen durch ihn.

Den meisten kam Wangs Plan wie ein Rausch, dessen man sich erwehrt. Es war eine Generalabsolution, die ihnen erteilt wurde. Sie sollten, geschützt einer durch den andern, durch die Provinz wandern, betteln, arbeiten, an keinem Ort sich lange aufhalten, in keinem geschlossenen Hause wohnen, keinen Menschen töten; sie sollten niemandem wehtun, keinen betrügen, nicht rachsüchtig sein. Wer will, solle die mildesten Götter anbeten, die Götter des Cakya-muni, die Ma-noh und Wang vom Berge heruntergetragen hätten. Man würde Großes, so Großes erreichen durch dies alles, daß es gar nicht ausgesprochen werden könne: die Augen der fünf Sprecher wurden klein vor Überschwenglichkeit und Heimlichkeit. Besonders der ungeschlachte Bursche hatte jetzt etwas Hölzernes, Ungelenkes in seinem Wesen, sprach abgerissen, war stark gebunden in seiner Haltung, als wäre er plötzlich versunken, fände sich in seiner Haut nicht zurecht. Die andern fragten, was man denn erreichen werde, nicht neugierig oder skeptisch, sondern lüstern, aufgewühlt; aber die Boten Wang-luns schnitten darauf nur ein befangenes Lächeln; es schien sich um Geheimnisse zu handeln, in die auch sie noch nicht eingeweiht waren oder die so stark waren, so stark. Die Frager schwiegen selbst, im Gemüt beängstigt und zugleich erschauernd.

Sie hatten das Gefühl der Rückkehr und zugleich des Abkettens. Die sich nicht beherrschen konnten und Opfer ihrer Begierden geworden waren, diese verbrauchten Weltverächter und kalten Ironiker, wurden am ehesten gepackt von dem Plane. Sie waren leer, trieben und rollten sich durch ein wechselvolles erbärmliches Leben, gutmütig, an vielem interessiert. Diese waren einer Bannung am ehesten zugänglich, denn sie verloren und gewannen nichts, waren völlig widerstandslos, da sie nichts beschäftigte. So tapfer sie sich in den furchtbarsten Lagen benahmen, so unerschrockene Beschützer, Angreifer sie waren, so waren sie am wehrlosesten, wo sich eine ernsterstarrte Miene zeigte und ein Gefühl strömte. Es wickelte sie ein; sie liefen ihm nach, sie bettelten hinter ihm her; sie tobten in Wut und glaubten sich um ihr Eigentum betrogen und verloren, wenn es vor ihnen auswich. Sie waren die verlässigste Avantgarde jeder, jeder Lehre. Sie gingen in der Scheune herum, witzelten unverändert. Sie konnten kaum die Worte der Boten lange hören, sie waren so innig gefangen, gequält von jedem Zuviel; sie schämten sich ihrer Veränderung.

Die Glücklichen, die aus dem Drangsal des Bürgerlebens geflohen waren, hörten erregt, daß man zurückkehren wolle. Sie sollten verzeihen, sie wurden gedrängt, sich zu erinnern. Sie waren es, die tief beschäftigt herumgingen, oft zuhörten, oft sich umsahen und die Stirnen falteten. Sie empfanden ganz leise einen Puff: man drängte sie. Der wüste Schwall ihrer Erlebnisse und Verwicklungen stand vor ihren Augen; sie hatten einen Ekel davor wie vor einer Schlangengrube. Sie sollten verzeihen, niemandem wehtun: das sollte die ganze Wirrnis lichten. Sie hielten sich an die Boten, sie hingen an ihren Lippen, klagten innerlich. In ihnen tauchte das Rachegefühl auf, heilend, versöhnte sie mit sich und den andern; sie würden durch die alten Gassen gehen, Brüder eines geheimen Bundes, furchterregend, ohne wehezutun. Es zog sie in dem Augenblick, wo sie daran dachten, an die Orte hin, sie sahen sich wandern; die Rolle des Anklägers verlockte sie. Sie sollten zurückkehren; das gab ihnen den Schwung der Erwartung; sie hielten sich an die Boten, hingen an ihren Lippen, sehnten sich.

In den Ecken standen mürrische Gesichter; junge und ältere, die miteinander nicht sprachen, an den Knöcheln kauten, Stückchen Stroh vom Boden aufhoben und zwischen die Lippen zogen. Solche finsteren Gruppen bildeten die verjagten Gesellen, welche sich elend unter den Vagabunden fühlten, denen sie sich notgedrungen anschlossen und die bösartig unter ihnen geworden waren. Ihnen konnte man eine offene Quelle zeigen, und sie wagten nicht durstig sich hinzustürzen, sooft waren sie schon zerschlagen worden; sie sahen in einer gewohnheitsmäßigen Verbissenheit ruhig zu, wie die andern tranken, sie, unter den Ausgestoßenen Ausgestoßene. Sie wußten nicht ob sie mitgalten, ob sie Brüder von Brüdern sein dürften. Erst als sich die lächelnden verschämten Witzbolde unter sie mischten, wo sie sich am sichersten fühlten, lösten sich ihre Mienen. Es gab unter allen, die in der Scheune Wangs Botschaft, diese alten herzlichen Dinge, hörten, keinen, dessen Herz sich mit ihrem an Verlassenheit und Weiche hätte vergleichen lassen. Wo man an ihre Herzen mit einer Nagelspitze ritzte, sprang alles Blut hervor. Sie waren unendlich verschüchtert. Sie schmolzen unter Wangs Worten; es gab unter ihnen einige ältere, die sich umarmten und mit ihrem Schluchzen die tönende Scheune erfüllten. Mit einer jungfräulichen Zagheit ließen sie zu, daß die andern sich ihnen näherten, und hatten noch später eine erinnerungsschwere Scheu vor ihren neuen Brüdern. Einige von ihnen, außer sich über das, was ihnen zuteil wurde, knieten vor den Boten nieder, nachdem sie sich durch den Knäuel geschoben hatten, bogen die Leiber zur Erde, sprachen unverständlich. Die Verzückung befiel sie, wo sie Brüder, schwache hilfsbedürftige Brüder schlimmer Vagabunden sein durften.

Die Wartenden, die Verführten, die Heimatlosen und Krüppel aßen Worte und Mienen wie ein süßes Gebäck. Sie fühlten sich wohlgeleitet; sie fühlten, ihnen geschähe Recht und man führe ihre Sache würdig vor aller Welt. Sie waren es, die schon lange am innigsten zu Wang standen und am meisten von ihm erwarteten; er war, wie sie glaubten, ihr Bruder mehr wie der der andern. Sie träumten mit offenen Augen und frohlockten innerlich.

Kein einziger von den vier, fünf Raubtiermenschen, die mit ihnen auf den Bergen gehaust hatten, befand sich mehr im Dorfe. Sie waren einzeln, sobald es wärmer geworden war, nach oben geschlichen, trabten auf den verschneiten Wegen, gruben ihre Höhlen und Hütten frei und warteten, warteten.

Als die fünf Boten spät in der Nacht in Wang-luns Haus traten, und ihm in der warmen Wohnstube, derselben, in welcher er mit dem Lederbeutel gescherzt hatte, zu erzählen anfingen von der Versammlung und dem Verlauf, sank Wang zitternd gegen den Tisch, hörte ohne zu fragen einen nach dem andern an.

Er sagte ihnen dann, was er vorhätte und was sie in den nächsten Wochen tun sollten. Er würde allein nach Schan-tung wandern; es würde Wochen, vielleicht einen Monat dauern, bis er sie wiedersehe. Prägte ihnen ein, sich zu zerstreuen, nur an einem oder dem andern Tage zusammenzukommen, sich nirgends lange aufzuhalten, aber immer voneinander zu wissen. Es stünde ihnen frei, andere, die ihresgleichen wären und sich zu ihnen hingezogen fühlten, aufzunehmen in ihre Gemeinschaft; aber darauf sollten sie keinen Wert legen, neue Brüder zu gewinnen. Sollten keine Früchte von den Bäumen reißen; sollten warten, bis sie selber fallen. Nur um sich sollten sie sich kümmern, dies könnte er ihnen nicht tief genug einprägen. Und dann sprachen sie den Rest der Nacht, ehe sie schlafen gingen, noch Geheimes und Himmlisches.

Es war keine Besprechung mehr. Nach den Erregungen des letzten Tages saßen sie in dem halbdunklen niedrigen Zimmer um den leeren Holztisch herum, die Arme aufgestemmt, mit dem Kopf ermüdet nach vorn übergesunken, starrten vor sich hin, atmeten. Sie schwiegen, und dann redete einer für sich, spann seine dunklen Gedanken aus, schwieg. Sie hatten manches gehört auf ihren Fahrten; es hielt sie wach, kundschaften zu gehen auf dem neuen Gebiet.