Alfred Döblin
Die Lobensteiner reisen nach Böhmen
Zwölf Novellen und Geschichten
Zweite Auflage
München 1917 bei Georg Müller
Inhalt
[Vom Hinzel und dem wilden Lenchen]
[Die Lobensteiner reisen nach Böhmen]
Linie Dresden-Bukarest
Vor der Abfahrt des Zuges lächelte Frau Barinianu auf dem Bahnhof Bukarest. Ihr Mann der Oberst, neben ihr promenierend, schob einen Zeitungsausrufer beiseite, blähte die Nase, straffte seinen Uniformrock, indem er seinem kolossalen Brustkasten einen scharfen Ruck gab: „Liebe Cesarine, ich weiß, daß du von einer Last befreit bist, aber wir sind auf dem Hauptbahnhof und du gehst in Trauer. Es brauchen nicht alle Leute sehen, daß dir mein seliger Vater nichts bedeutet hat.“
Sie nahm sich kaum zusammen; mit heiter verwirrtem Ausdruck hauchte sie hinter ihrem schwarzen Schleier: „Verzeih, ich geh heute zum ersten Male ein paar Schritt.“
Er zog ein Portefeuille mit braunen Banknoten aus der Brusttasche. Als die Maschine pfiff, rief er ins Coupéfenster hinauf, sie solle gleich ein paar Aussteuersachen für Matilda in Dresden besorgen. Die Wagen rollten. Der Oberst klappte etwas zusammen. Sie winkte und nickte. Er, träumerisch mit dem Säbelknauf spielend, fuhr in der Kalesche ins Kasino zum Festdiner.
Frau Barinianu saß in dem schmetternden Zug auf dem roten Polster der ersten Klasse. Das Coupé leer. Runde Backen hatte sie und sehr kleine Füße in grauen Gamaschen. Der Hut neben ihr rutschte
vom Sitz; sie beugte sich zur Seite, um ihn festzuhalten. Sich aufrichtend sah sie im Rundspiegel drüben, daß das Haar ihr über die Stirn gesunken war und vor der koketten Nase wehte, ebenholzschwarz und ohne einen einzigen grauen Faden. Dunkler Flaum auf der Oberlippe. Das Gesicht gerötet und weiß und so kindlich lebendig, daß sie sich freudig zurücklehnte, den Hut hinuntergleiten ließ und die metallstrahlenden Augen schloß. Den Gang kamen dauernd Menschen herauf, Kinder sprangen vorbei, der Kellner warf eine Speisekarte herein. Sie gähnte und zog sich die langen Lederhandschuhe ab.
Herr Fortunesku stieg in Plojescht ein und sah sie sitzen. Er schlenkerte in seiner ausbaldowernden Art herum und drückte sein breites Gesicht draußen viermal gegen die Scheibe. Seine durchgestoßenen Hosen rutschten hoch. Als der Kontrolleur vorbeikam, las er angestrengt die Bestimmungen über das Verhalten des Publikums bei Unglücksfällen. Mit festem Entschluß sagte er: „Diese oder keine.“ Er ging mit seinem Köfferchen auf die Toilette, zog sich um, eleganter, etwas knapp sitzender Cutaway, schwarze Samtweste, gestreifte braune Hosen, eng um die Kniee. Das braune Haar klebte er mit Wasser in dünner Lage auf den Schädel. Gebürstet, mit übertriebenen Bewegungen, die seine athletischen Muskeln hervortreten ließen, spazierte er in das Nachbarcoupé Cesarines.
Während sanfter Fahrt stürzte plötzlich der Dame eine Hutschachtel über die Arme und knallte vor ihre Füße. Sie schrie leise auf, sah über sich. Die Türe des Abteils öffnete sich; ein gescheitelter Kopf streckte sich vor: „Was ist? Um Gottes willen, ich eile zu Hilfe. Oh!“ Und Herr Fortunesku sammelte den Deckel, den Hut und die Apfelsinen auf, die unter die Sitze gerollt waren; auch ein langer Lederhandschuh lag da. Sie rückte in die Ecke, als er um ihre Füße herum tastete. Er stellte sich mit glatten Worten als Verlagsdirektor aus Jassy vor, jawohl aus Jassy. Er schnalzte, flüsterte, schmatzte, schon am Boden, in einer naiven Art. Es sei eine zu lächerliche Geschichte; sie sei ihm schon mal passiert, vor vier fünf Monaten, hinter Braila, zwischen Lanza und Braila; doch damals sei es keine Hutschachtel gewesen, sondern in der Hutschachtel eine Bombe, so groß wie ein Schneeball oder eine gewisse Sorte von Zwergäpfeln; freilich sei sie nicht explodiert, die Bombe; es hat ja auch in der Zeitung davon gestanden. Aber dieser Knall, es war unvergeßlich. Und so sang er bis Kronstadt in Ungarn, wo er ihr ein Glas Milch brachte. Er beteuerte, daß sich manche Damen bei dem Sturz von Hutschachteln verletzten; aber diese hätten dann weniger volles Haar, als die Gnädige. Langes Haar mache es nicht, es müsse auch volles sein.
Wie er sich vom Fenster zur Tür, von der Tür zum Gepäckhalter bewegte, entwickelte er eine außerordentliche Grazie. Er hatte großartige formvolle Bewegungen. Sie verfolgte ihn aus ihrer Ecke mit den Blicken und sagte es ihm. Er verkroch sich geschmeichelt in seinen Halskragen, so daß sie erstaunte. Er sei nämlich Turner, Springer, Fechter, Stafettenläufer, natürlich im Nebenberuf aus Sportleidenschaft. Auch wette er gelegentlich bei schöner Sommerluft, alles Temperamentssache. „Und was sind Sie im Hauptberuf?“
„Verlagsdirektor, meine Gnädige, ich sagte es schon.“
„Ah so.“
„Ich verlege Zeitungen, Broschüren, Bücher, am liebsten aus meinem Interessengebiet. Turnen geht mir über alles; Müllerei, Müllerei erhält mich. Sehn Sie so —“
Er begann eine Kniebeuge zu machen und den Rumpf zu verdrehen.
„Und sehen Sie so.“
Sie prustete heraus und versteckte sich hinter ihrer Muffe.
„Meine Übungen scheinen Sie zu belustigen.“
„Nein, Ihr Ärmel ist ja geplatzt.“
Er erstarrte, wurde lang: „Ah so, schlechter Stoff. Ziehen wir aus. Gestatten Gnädige?“ Noch als der
Rock lag, boxte er ihn mit mißtrauischen beleidigten Mienen: „Ziehen wir aus. Ein unerhörter Stoff. Gekauft in Braila; schlechte Industrie, wo die Stoffe platzen.“
Er agierte in Hemdsärmeln langsam weiter, öfter mit Blicken auf den Rock. Als sie ihn aufforderte, sich zu ruhen, machte er einen beschämten Hüpfer ans Fenster: „Es ist dieselbe Stadt, wo die Bombe fiel. Dieser Ort ist mir verhängnisvoll. Ich ruhe jetzt, meine Gnädige.“
Er plumpste keuchend auf den Sitz ihr gegenüber: „Nun ruhe ich.“
Inzwischen rutschte unter seinen Hemdsärmeln ein braunes dickes Flanellhemd an den Knöcheln vor; leicht errötend nahm sie die Jacke auf, legte sie ihm über: „Sie sind Junggeselle, Herr Fortunesku?“
Sein Mund verbreiterte sich, eine Feuchtigkeit schwamm über die drehenden Augen, er fuhr nach ihrem Handgelenk: „Ein liebes Wesen starb mir vor Jahresfrist; sagen wir rund ein Jahr und zwei Monate. Sie ist mir entrissen worden.“
„Und warum schweigen Sie jetzt, mein Herr?“
„Situationen gibt es, die nicht nachlassen, an einem Männerherz zu pressen. Bis es schwillt, schwillt; überschwillt.“
Sie klopfte warm seine Finger. Er schüttelte sich, wischte sich die Stirn mit dem Zeigefinger, machte eine krampfhafte Klimmzugbewegung. Hin und her
wandernd stöhnte er. Die Schwermut riß ihn hin. Er beugte sich zu ihr; im Nu hatte er sie an seiner Brust, saß eng bei ihr. Die Tropfen aus den Augen des trostlosen Mannes fielen auf ihren Rock. Betäubt hielt sie still. „Was ist das?“ dachte sie, „ich kann mir das nicht gefallen lassen. Das ist ja entsetzlich.“ Sie brachte aber nur seufzend heraus: „Es ging aber doch recht schnell. Sie halten mich fest, mein Herr.“
Triumphierend glänzte sein Gesicht. Sie flüsterte ängstlich: „Schließen Sie wenigstens die Tür; ich habe Kaffee bestellt.“
Ein Zug am Riegel, Einschnappen des Schlosses. Sie hing gehoben auf seinem Schoß, so daß sie die weichen Patschen faltete, befangen lächelte: „Es ist wunderbar. Man muß das erlebt haben.“
An ihrem Spiegelbild sah sie vorbei. Die Wagen ratterten. Heller und dumpfer klirrten die Scheiben in ihren Holzrahmen. Er strich sich den Schnurrbart. Auch ihr Gesicht fing an zu glühen. Seine Brauen waren borstig, seine Augen klein wie Murmeltiere. Ihr dicker runder Körper sackte, von ihm losgelassen, gegen den roten Plüsch. Zwei Männerarme schlossen sich um ihren atmenden widerstandslosen Rumpf, drückten ihn hoch; eine stopplige nasse Haut rieb gegen ihre Wange. Während ihre Lippen einander benetzten, Zähne über Zähne strichen, schwindelte ihr leicht hinter der Stirn. Entfernt schnaubte die
Lokomotive; sie fühlte das Stoßen der Räder herauf. Seine Knie unter ihr zitterten.
Da kam ihr vor, als ob es seitlich von ihr irgendwo knackte. Und wie sie den Kopf über seine Schulter schob und mit dem rechten Auge herunterschielte an seinem Rücken, blinkte auf dem Polster eine kleine Beißzange an ihrem Handgelenk, ihr Armband lag frei daneben. Unwillkürlich zuckte ihr Arm. Blitzschnell waren Zange und Schmuck in seinem gebauschten Hemdsärmel verschwunden, Schlaff wölbte sich ihr Rücken nach einem tiefen Atemzug. Ihr Mund fiel auf seine knochige Schulter und mahlte das blaue Westenfutter. Er, von unten den Blick zu ihr drehend, bettelte, ob ihr schlecht wäre, ob er sie legen sollte. Sie fixierte ihn halb ohnmächtig aus den schmalen Augenschlitzen: „Ist das ein Lump. Es ist ein Hochstapler, ein Eisenbahnräuber. Ich setze mich in den Zug, um nach Dresden zu fahren und er sieht mich und stiehlt meine Brillanten.“
Er kratzte sich mit der freien rechten Hand den Scheitel, so daß sich eine Haarsträhne wie ein gebogenes Horn aufstellte: „Seelische Strapazen peinigen mich, meine schöne Dame. Nennen Sie mir Ihren Namen, Ihren Vornamen, geschwind, geschwind.“
Angstvoll, ohne ein Glied zu bewegen, lag sie. Sie dachte: „Es geschieht mir recht. Wo ist er denn jetzt? Ich habe goldene Strumpfschnallen.“
Und schon knackte es wieder. Sie weinte halb, warf jammernde Blicke gegen die Notbremse: „Ich kann nichts machen gegen ihn. Er kompromittiert mich, wenn das Bahnpersonal kommt. Und diese Hemdsärmeln. Er ist solch Lump.“
„Ihren Vornamen, geschwind, geschwind.“
Sein Haar war dünn; seine Ohren standen ab, braune Büschel wuchsen daraus: „Er ist vielleicht ausgebrochen aus dem Zuchthaus. Er hat im Zuchthaus gesessen. — Wie schrecklich wäre es, wenn er ein anständiger Mensch wäre und ich mich so gehen ließe. Was würde er von mir denken, von mir erzählen. Wo würde ich ihm begegnen können. Dem werde ich nie begegnen, dem Strolch. Bei ihm bin ich gut aufgehoben.“
Sie drückte Auge und Nase fester gegen seinen Gummikragen: „Der prahlt höchstens mit mir. In einer Kaschemme rühmt er sich.“
Sie spürte, wie er die Knie vorsichtig unter ihr wegzog, bog den spitzenverhüllten Arm um seinen Hals: „Du prahlst mit mir, nicht wahr? Wenn du mit deinen Freunden bist? Wo bist du her? Du mußt mir erzählen.“
Er fuhr hoch. Diese Frau duzte ihn. In einer Zuckung streckten sich seine Beine quer über den Gang; sein linker Arm stemmte sich auf den Plüsch. Es kollerte und klirrte etwas über seine Füße. Sie hielt ihn, ließ ihn nicht los, Stirn dicht auf Stirn:
„Ist dir was hingefallen? Hebs später auf. Laß doch liegen. Du mußt mich nachher noch so lange begleiten. Ich fahre nach Dresden. Ich hole meine Tochter aus dem Pensionat. Ja, ich bin verheiratet, und mein Mann ist Offizier in Bukarest. Aber unseren Namen sag ich dir nicht, denn du bist solch Strolch, ich durchschaue dich, solch frecher, frecher Strolch.“
Fortunesku atemlos unter ihrem Drängen, schnitt ungeschickte Grimassen; er gaffte aus dem Ring ihrer Arme auf die Leiste des Spiegels: „Das ist eine besondere Frau. Sie bringt mich um. Ich will ihr alles wiedergeben.“
„Madame,“ öffnete er indigniert den schlecht rasierten Mund. Aber sie hatte ihn schon mit vergnügtem Gelächter um die Taille gefaßt. Sie kniff ihm in den Arm, quietschte: „Bin ich froh, bin ich froh über dich, du Lump. Weil du solch Lump bist.“ Er wand sich, verdrehte sich schlangenhaft. Sie stand zugleich mit ihm auf. Sie packte ihn bei den Hüften, ließ ihn nicht los, ließ ihn nicht los. —
Als Cesarine zwischen Znaim und Iglau, wohlig ausgestreckt, sich von dem Zug ab- und auffedern ließ, plauderte sie von Dresden, von ihrer Familie. Sie blinzelte gegen die grelle Deckenbeleuchtung, lobte Matilda und ihren Verlobten. „Madame,“ fing Fortunesku an, von Zärtlichkeit und Gewissensbissen überwältigt, während er sich ihr gegenüber den Schnürsenkel festzog, „wollen Sie zwei Worte von mir
anhören. Ich bin, wie Sie sehen, Kavalier und Ritter. Ein Mann von meinem Temperament und Gewandtheit, in meinem Gesellschaftsrang ist natürlich von einer Vielseitigkeit, die anderen Berufsarten fremd erscheint. Ich hebe Lasten, öffne Schlösser. Ich mache Scherze als Turner, die Uneingeweihte mißverstehen.“
Sie zog den Fenstervorhang vor ihr Gesicht: „Ja, Sie können turnen wie kein Mensch auf der ganzen Erde.“ Die Bremse knarrte, die Wagen schaukelten; ein südlicher Vorort Dresdens blitzte. Cesarine rauschte hoch, stieß mit den Füßen gegen Metall.
„Aber heben Sie doch Ihre Sachen auf.“
Unsicher lächelnd stemmte Fortunesku, noch sitzend, die Arme in die Weichen; er streifte sich die geborstene Jacke über.
Der lange Ruck, die weiße Wölbung der Bahnhofshalle. Gepäckträger brüllten in die Fenster.
Sie drehte sich sanft, in Trauerhut und Schleier, zu ihm, der gebückt stand, hauchte: „Sind Sie fertig?“
Herr Fortunesku war edles Halbblut; seine Mutter hatte es ihm oft gesagt. Beleidigt schnellte er durch das Coupé, tauchte unter die Sitze, kehrte ihr den Rücken zu. Sie beobachtete ihn entzückt. Plötzlich scharrte er, giftig ausspeiend, die Sachen zusammen, legte das Armband mit einer noblen Geste offen um sein linkes Handgelenk. Sie bat ihn um ihren Handschuh, schwebte duftend voran; der Trauerschleier
wallte um sie; Arm in Arm verließen sie den Bahnhof.
Sie nahmen Wohnung im Hotel „Zur goldenen Eintracht“. Verlagsdirektor Fortunesku aus Jassy nebst Gemahlin. In ihrem Zimmer warf er, als sie Licht knipste, Armband und Brillanten in der Ecke oben auf die Hutschachtel. Schelmisch besänftigte sie ihn vom Lavoir her; was er gegen die Hutschachtel habe. Sie bot ihm vor der Ausfahrt ihr Portemonnaie an. Er schob den schwarzen Samthut in den Nacken, schob ihre Hand zurück, zeigte voll unterdrückter Wut sein eigenes Portemonnaie. Mit einer heimtückischen Süßigkeit schmeichelte er ihr in dem offenen Landauer. Sie sog die abendliche Luft auf Lößnitz ein. Die Menschen murmelten, lachten, murmelten. Glücklich rauschten die Akazien im Sommerwind. Wie seine Augen grell seitlich funkelten, in einer fürchterlichen Drohung, schauerte ihr über den Rücken. Dieser Mensch konnte morden, wie gut war sie bei ihm angekommen.
Matilda hieß die Tochter Cesarinens; sie war achtzehn Jahr. Blonde Ponys hingen ihr in die Stirn, die Nase kräftig geschwungen, graue stolze Augen. Im weißen schlanken Sportkleid trat sie am Morgen der Mutter entgegen, die ihr Fortunesku vorstellte, einen weitläufigen Verwandten in Jassy und zufälligen Reisebegleiter. Fortunesku schwang den Hut. Das Silbergehenk am gelben Ledergürtel Matildas
klapperte, als sie sich zusammen an den Frühstückstisch setzten. Die elegante Pensionswirtin zog Frau Barinianu hinaus zu einer Besprechung.
Rasch drückte Fortunesku seinen veilchenblauen Selbstbinder fest, pfiff hoch zwischen zwei Fingern, hob den Daumen. Das junge Mädchen legte das Messer auf die Marmeladenschale.
„Ein Wink,“ flüsterte er, schloß die faltige Portiere zur Bibliothek, „ein Wink: Grigor Papiu, Petru Kostin.“
Dicht rückte er seinen Korbsessel an ihren: „Legen Sie die Serviette hin. Sie wissen nicht, was die gnädige Frau mit Ihnen vorhat. Ich bin nicht Fortunesku, wie sie sagte. Petru Kostin, heiße ich, Sekondeleutnant im zweiten Infanterieregiment zu Jassy, Freund Ihres Verlobten Papiu. Ich habe eine geheime Botschaft zu überbringen. Sie müssen schwören.“
„Petru Kostin?“
„Nicht sprechen, um Gottes willen nicht sprechen. Ich bin ohne Urlaub gefahren. Kommen Sie in die Ecke, auf die Loggia; Ihre Mutter erschrickt, wenn sie uns hört.“
„Mein lieber Gott, was ist das! Was will Grigor?“
Mit gefahrdrohenden Schritten ging er über den Teppich: „Sie haben Grund, sich zu ängstigen. Auf der Hut sein vor der gnädigen Frau. Ich warne Sie vor ihr.“
Ein Stelzen um das Büfett, Sprung, schlangenhaftes Umschleichen der Stühle.
„Sie kennen sie nicht. Niemand kennt Weiber. Sie hat sich mir anvertraut auf der Fahrt. Mit Galanterie, mit bestrickendem Wesen habe ich alles erreicht. Ich habe ihr entlockt, was sie für sich behalten wollte. Aus Mitleid für Sie, deren Photographie sie mir zeigte, aus Kameraderie für meinen Freund habe ich mich ins Zeug gelegt.“
„Mama hat doch keine Photographie von mir.“
Finster hielt er an der Anrichte und schwenkte ein Bein: „Dann war es eine Täuschung, der Sie dankbar sein müssen.“
„Es war Olga.“
„Mag sein. Ich verwechsele Olga mit Ihnen. Auch Olga wird es nicht gut haben. Sie sollen mit Ihrem Vetter verheiratet werden aus Bukarest; sie wird es Ihnen auf der Reise sagen.“
„Nein, das ist nicht wahr.“ Sie war erst starr, dann schluchzte sie und krümmte sich über ihren Schoß.
„Es ist kein Zufall, daß ich mit Ihrer Mutter zugleich hier eintraf. Ihr Verlobter Grigor hat es mir auf die Seele gebunden, vor Ihrer Heimreise mit Ihnen zu sprechen, Ihnen alles vorzustellen, was auf dem Spiele steht, seine Liebe, sein Leben, sein ganzes Dasein.“
Er zog aus der Hosentasche ein zerbrochenes Bild: „Sie sehen den Namenszug Ihres Verlobten. Sie zweifeln nicht mehr an meiner Legitimation, mich Ihnen vertraulich zu nähern.“
Matilda kniff ein böses Gesicht. Versunken stand sie auf, schleifte zwei Schritt um den Tisch, befahl Fortunesku: „Setzen Sie sich.“ Und dann das harte Gesicht gegen die Hängelampe hebend, deren grüner Perlenbehang ihr über die Nasenwurzel spielte: „Die letzten Briefe vom Vater klangen sehr fremd. Ich dachte, es wäre wegen der Krankheit Großpapas.“
Fortunesku tobte durch das winklige verstellte Zimmer: „Weg von hier! Wie können Sie daran zweifeln? Diese Frau im Stich lassen. Ich verlange das von Ihnen im Namen meines Kameraden. Oh diese Frau will ich strafen für die schlechte nichtsachtende Gesinnung, die schlechte Gesinnung, die sie mir offenbart hat. Über Leichen geht sie, ein Ehrgefühl hat sie nicht.“
Matilda bewahrte kühle Haltung zur Mutter. Sobald sie allein war und sich ausgeweint hatte, entschloß sie sich; sie stieg mit Fortunesku in den Zug nach Bukarest.
„Ich bin jetzt wieder glücklich,“ sagte Matilda, „und ich bin Ihnen so dankbar.“
Sie drang in ihn, warum er so still wäre. Er redete von Aufgaben, denen manche Menschen nicht gewachsen wären, ein liebes Wesen sei ihm vor
einem Jahr gestorben, vor etwa einem Jahr. Plötzlich erklärte er, daß er schwitze. Sein breites Gesicht, — die grauen Augenlider, die faltigen Wangen mit den Narben am Kieferwinkel, die striemig rote Stirnhaut vibrierten. Er zog mit ihrer Erlaubnis den Cutaway aus, streichelte vorsichtig über ihre Ponys. Sie kicherte: „Sie sind doch nicht solch guter Freund, wie Sie sagten, zu Grigor.“
„Es sind Wallungen, mein Fräulein, schmerzliche Wallungen. Ich glaube freilich, daß sich manches Gefühl aus Wallungen zusammensetzt.“
Und dann nach einer Pause: „Der gute Grigor ist freilich etwas zahm.“
Sie warf sich in die Brust, machte einen spitzen Mund: „Aber das ist so hübsch an einem jungen Mann, wenn er ernst und zahm ist. Und wenn er nicht so frech ist wie —“
„Wie wer denn, meine Gnädige?“
„Wie Sie.“
Sie senkte umfaßt ihren lachenden Kopf an seine fleckige Samtweste: „Was glauben Sie, Fräulein Matilda, was mich Grigor beneidet um diesen Augenblick. Um meinen Schneid. Um meine Courage.“
Während er sie herzog und sie folgsam ihren geschmeidigen Oberkörper wiegen ließ von ihm, sagte sie: „Aber viel Schneid hat Grigor doch auch. Und so lieb ist mein Grigor.“ Ihre Arme legten sich um seinen Gummikragen: „Und so froh bin ich, daß
Sie mich zu ihm führen, Herr Petru, lieber Herr Petru.“
Sie lachte und seufzte und lachte. —
Bei der kleinen Umsteigestation Beneschau, eine Minute Aufenthalt, kroch aus dem letzten Waggon ein Mann, mit zerbeultem steifen Hut, gelbem Sommerpaletot, durchgestoßenen Hosen, in der Hand einen kleinen platten Koffer. Fortunesku schluckte auf dem Bahnsteig sein Glas Helles, rückte matt seinen Stuhl aus der Sonne und sah die blanken Geleise entlang: „Es ist nichts mit der Familie Barinianu.“ Sein Magen kam ihm leer und schwindlig vor; er bestellte einen Schnaps: „Strapazen, Strapazen; keinen Pfennig verdient. Es geht abwärts mit dir, Franz; lauter Gefühle. Mutter hat recht; aus mir wird nichts.“
Er flegelte am Schanktisch, schmatzte, massierte seine Waden, seinen Arm, schlich in das Dorf.
Eine blonde junge Dame verließ unter allgemeiner Aufmerksamkeit in Tabor ein Coupé erster Klasse. Sie schluchzte über den Perron; ein Bahnhofsbeamter führte sie am Arm, trug ihren Handkoffer und grauen Reisemantel. Sie schien betäubt oder wirr. Im Stationsgebäude erholte sich Matilda etwas, als die Frau des Bahnhofswirts ihr zusprach, heißen Kaffee brachte. Das Fräulein stieß mehrmals hervor, man möchte nach Dresden in das Hotel „Eintracht“ telephonieren, daß sie hier warte.
Nach fünf Stunden kam die Mutter im Auto. Sie nahmen den nächsten Zug nach Bukarest. Im Coupé legte Frau Barinianu den Hut nicht ab; den Trauerschleier knautschte sie in die Höhe, riß Matilda an sich. Cesarines Gesicht war verschwollen; ihre kleine Nase dick und naß. Sie ließ von dem Kind nicht ab, zitterte, schrie leise: „Ich habe gedacht, du bist ermordet, ich hab gedacht, der Lump hat dich ermordet.“
Matilda rutschte mit dem Kopf an ihre Brust, schwieg, streichelte ihren Rücken.
„Nein, du lebst, Matilda, du bist ja wieder da.“
„Sei gut zu mir, Mama. Sage nichts zu Hause. Bitte. Nichts zu Grigor. Sein Freund hat mir den Kopf verdreht. Ich habe mich rechtzeitig besonnen, sag Grigor so.“
„Es war ja ein Lump, ein Strolch. Es war nicht Grigors Freund. Ich weiß gar nicht, wie er heißt.“
Die Tochter drängte sich an das zerpresste Jabot Cesarines: „Er war solch Lügner, dieser Mann. Er war so flink mit Lügen und allem. So flink.“
Das Mädchen schlug sich die Hände vors Gesicht und stöhnte, stöhnte.
Frau Barinianu steckte die Haarnadeln Matildas zurecht, umarmte sie heftiger. Dann ließ sie das Kind los, atmete tief. Sie rieb sich die Stirn. Lange sprachen sie nicht.
Der Zug schwebte über den Schienen. Von Zeit
zu Zeit kam ein Stoß der Räder. Der Dampf der Lokomotive flog vorbei.
Langsam löste nun Frau Barinianu ihren Hut, wischte sanft über den Schleier, während ihr Kopf zurück auf das Polster fiel. Sie lächelte mit weichem Mund, indem sie träumerisch vor sich in den Spiegel sah: „Er ist in die Welt verschwunden und kehrt nicht wieder. Oh, er konnte turnen, dieser Lump. Ich habe noch nie einen Menschen so turnen sehen.“
Lauter und zärtlicher vibrierte ihre Stimme vor Vergnügen. Wie eine schöne Bratsche klang es aus ihr. Sie drückte das zerzauste Fräulein an sich. Und während die noch leise weinte, lachte die Mutter aus tiefem Herzen über sie her: „Er war ein geborener Springer.“ Bis auch die stolze Matilda mit verschämter Bewegung hoch blinzelte: „Ja nicht wahr, Mutter, so springen konnte er?“ Die Stimme wie eine Hirtenflöte dünn und süß.
Und sie küßten sich. Der Wagen schmetterte über eine Eisenbahnbrücke. Sie wiegten sich Wange an Wange.
Das Femgericht
Ein Mann namens Haslau, der im Württembergischen wohnte, wurde von Diebsgesindel heimgesucht. Haslau hauste, ein Fettwanst, klein, mit stoppligem braunen Haar auf einem kugelrunden Kopf, in seiner Herberge. Zwischen den Bauern, die die breiten Sitzbänke drückten, humpelte er freundlich herum; am Schanktisch stützte er die Arme auf, sah beobachtend in die Stube rechts und links. Hausierer, Wanderburschen tauchten auf; Karren hielten im Hof. Zweimal mußte Haslau auf den Leiterwagen steigen, in die Stadt, sich selbst wegen Hehlerei und Begünstigung verantworten. Als er den letzten Diebstahl auf dem Amt meldete und sich halb umdrehte, bevor er die Türe hinter sich anzog, schmunzelten Schulze und Schreiber an ihren Pulten; der langnäsige bebrillte Schreiber flüsterte mit dem Daumen gegen Haslau: „Hacken die Krähen sich also doch die Augen aus? Wie spaßhaft, wie spaßhaft!“ Und dann kratzten beide das Papier, preßten dicke Querfalten auf ihre Stirnen, weil Haslau noch an der Tür stand und grimmig zurückblickend sich die Kolbennase rieb.
Im Frühjahr wurde das Schild an der Herberge neu gestrichen; der Name Hitzinger wurde golden auf blauem Grunde über Haslaus gepinselt. Vier verdeckte Rollwagen fuhren an dem Marienkirchlein
vorbei aus dem Dorf auf die Landstraße. Den letzten lenkte Haslau selbst. Nickte finster in die Stuben hinein. Am Ende der Straße, wo die Feuerwehr in einer Scheune wohnte, spuckte er aus, schlug den Braunen, schnalzte: „Hüh, hü-äh!“
Vor Eßlingen wurde die Ebene wellig. Pflaumen- und Kirschbäume blühten. Die Pferde in Schweiß. Auf einer Anhöhe ein sauberes Häuschen; lächelnd und knixend kam eine große Frau in blaukariertem Kleid zur Tür hinaus, nahm Haslau die Peitsche ab. Sie hatte stopplige Haare wie er und ein rotes Gesicht; seine Schwester Kathrine.
Haslau züchtete in dem Häuschen zwei Jahre lang belgische Kaninchen und Schweine, pflanzte Kürbisse, war in Eßlingen geehrter Vorstand des Gesangvereins, Mitglied der Männerriege; ab und zu übernachteten stille Besucher in seiner Wohnung, die morgens mit ihrem Päckchen verschwanden. Eines Sonnabends nahm Kathrine ein Küchenbeil, ergriff ein feistes Kaninchen an den Hinterbeinen, erschlug es, häutete es ab. Am Sonntag Morgen suchte sie im Keller nach dem Tier, von der Frühmesse bis Haslau aufstand. Er hinkte ungläubig die Treppe herunter, leuchtete unter Kisten, kratzte sich das Ohr: „Es fehlen sechs Weinflaschen und zwei sind leer.“ Kathrine machte maulsperrend drei Kreuze, zitterte „Jesus Maria“, latschte nach oben, saß den vollen Vormittag bei der Nachbarin. Ihr Bruder
zog sich die grüne Joppe an, horchte im Verein, man steckte die Köpfe zusammen, sprach mit Nachdruck und trank erregt. Der Kolonialwarenhändler hatte einen Sohn, der beim Militär diente; er besuchte Haslau und sagte, man solle die Sache der Polizei melden. Haslau schniefte: „Ich mach mir meine Wasserleitung allein; einen Viehdoktor brauch ich nicht. Und die Polizei: in Ehren, in Ehren, unberufen, aber wozu?“
Er lehnte die Haustür von jetzt ab nur an. Ein dralles Hausmädchen brachte er aus der Stadt mit für Kathrine. Als Kathrine ihn verblüfft anglotzte, strich er ihr über den Rücken, zog ihre steifen Schürzenbänder durch die Finger: „Wegen der Luft ist es, Kathrine, wegen der Luft auf der Brust. Man wird alt.“ „Ja warum denn?“ „Sie soll dir helfen. Man will, aber es geht nicht mehr, — so allmählich meine ich. Es kocht bei dir auf der Brust. Knappe Luft.“ Auf die Spitzen stellte er sich flüsternd, mit dem Daumen zeigend: „Eine Falle, für den Lump. Bei der soll er anbeißen. Er wird’s tun, verlaß dich drauf. Eine leckere Falle, ein schönes Schmackhäppschen, Trinchen.“
Im Hochsommer trug das saubere Mädchen einen versiegelten Brief von Hitzinger und ein graues Paket mit zwei Schinken herauf, und dann drehte sie sich vor Haslau und brachte nichts heraus. Er nahm die Pfeife aus dem Mund, schimpfte bei Seite, was das solle.
Sie flennte, sie sei nicht schuld. Die Pfeife ließ Haslau auf die Rutsche poltern, das Mädchen faßte er am Handgelenk, sprang mit ihr auf den Flur, auf die Kellertreppe: „Kathrine, bring Licht.“ Er fluchte zwischen Kisten, Säcken und Tonnen. Acht Flaschen standen, ausgeleert auf dem Holzverschlag unter der Treppe, davon fünf große Weinflaschen. Kathrine traute sich nicht herunter, dann heulte sie um zwei Kartoffelsäcke und ein Beutelchen Korinthen. Er unter dem Treppenabsatz, dick schwoll sein rundes Gesicht. Nach einer Weile hob er eine Flasche auf, schmetterte sie grimmig auf die Steine, ohne ein Wort zu sagen. „Es war was drin,“ kreischte Kathrine. Haslau nahm stumm zehn Flaschen unter den Arm, klirrte eine nach der andern auf das Pflaster unter der dunklen Treppe. Als die lange Kathrine dem Besessenen in die Arme fiel, schleuderte er sie selbst bei ihrer Korallenkette herum, so daß sie in die feuchten Scherben rasselte, sitzen blieb und nach Luft rang. Der blumige Wein spritzte über ihre blauweißen Backen. Sie machte ein Bein lang, angelte mit dem nackten Fuß nach dem Pantoffel, der ganz unter dem roten Wasser stand.
Abends kauerte Haslau an seinem Tisch, schrieb mit breiten Ellenbogen: „Lieber Hitzinger, besuch mich mal. Deine Schinken sind schön. Kathrine läßt dich grüßen. Bei Reutberg ist die Brücke wacklig; fahr langsam rüber. Dein treuer Freund Oskar Haslau.“
Sie stakelten zwischen den Obstbäumen. Hitzinger im langen Rock mit der schwarzen Weste und Messingknöpfen kniff ein Auge zu, zählte die Kastanien, die Apfelbäume, die Birnbäume: „Hätt ich doch gedacht, daß es sumpfig ist in Eßlingen. Und so schön fest alles!“ Die Schiffermütze zog er schief in die Stirn; aus seinem glatten viereckigen Gesicht blinzelte er zu Haslau herunter, dessen kupferrote Backen und Nasenflügel verdrießlich zuckten. An einer Wegkreuzung setzten sie sich auf einen Stein, verschnauften. Haslau kramte sich Kiesel aus seinen Schuhen: „Der Strolch muß ein strammes Bengelchen sein. Auf Essen und Trinken hat er’s abgesehn. Aber mit dem Mädel bändelt er nicht an.“ Hitzinger spähte um sich, bog sich lang nach vorn über sein Knie, flüsterte ins Gras: „Ein Schuft ist es, ein undankbarer. Was hast du dich geschunden für sie. Wir haben immer zusammengehalten. Meine Flaschen hätt ich zerschmissen, hoho! Vielleicht ist es ein neuer. Müßt ihn erwischen und zu Kleinholz schlagen.“ „Möcht schon,“ brummte Haslau, „aber wer ist es? Minzel Aloys ist in Stuttgart verheiratet, Musikantenfranzele schwimmt auf dem Wasser, Fabian macht Uhren im Zuchthaus.“ Der Mann mit den Silberknöpfen wiegte sich: „Sollt mir passieren, Haslau Oskar. Mein Vater erzählt: wenn früher einer so was fingerte in der Sippe oder an Kameraden, so haben sie sich zusammengetan die Leute allesamt, haben
die Feme gemacht über ihn, so hats geheißen, und ab mit der Kohlrübe. Leg ein Blatt Papier in den Keller, schreib rauf mit dem roten Blei: ‚Bruder‘ und drei schwarze Kreuze hinterher.“ Haslau leckte sich die Lippen: „Er gefällt mir, das Bengelchen. Ich denke: Fuchseisen oder Rattengift. Das zieht.“ „Erst warnen!“ „Das Vieh liest nicht, säuft nur.“ — „Egal; er soll sein Fett kriegen, aber in Ordnung, mein Jung, in Ordnung; also schreib du hier aufs Papier: Bruder und drei Kreuze; schwarz, feste Handschrift, Oskar. Weiter scherts dich nicht.“
Eine Woche drauf, Mittwoch früh sechs Uhr in der tiefsten Stille, gellten und gellten Schreie durch das Häuschen, überschlagende Frauengeschreie, Geheul, Hinklatschen auf der Treppe. Gegen die Schlafstube schlug es; in Schlafrock und Pantinen riegelte Haslau auf, packte das Mädchen, das blökend ins Zimmer fiel, beim Arm: „Hat er dir etwas tun wollen?“ Er riß den Ochsenziemer von der Wand, zerrte das unbändige Geschöpf, das immer heiserer brüllte, über den Flur, auf die Kellertreppe: „Schrei nicht, sachte, sachte, sonst kommen die Leute von drüben.“ Sie patschte in sinnlosem Entsetzen die Hände zusammen, hatte Aufstoßen, spie. „Hast du auch die Tür hinter ihm zugemacht?“
Aus dem Keller kam ein schmaler Lichtschein.
Krumm, in einer riesigen Lache Erbrochenem lag ein toter Mann neben umgeworfenen Flaschen.
Still zog Haslau den Schlafrock über dem Bauch zusammen, ein verständnisvolles Aufleuchten ging über sein Gesicht; er nickte: „So, so, so, hin!“ Das Mädchen sprang über eine Pfütze, kreischte draußen weiter. Von oben trampelten schwere Schritte. Haslau bückte sich kopfschüttelnd über seinen Zettel. Er leuchtete, während die beiden Männer sich herandrängten, dem Toten über den besudelten Bart, den gesperrten Mund: „Fabian, ausgerückt aus dem Kittchen, da sind wir ja wieder.“ Der eine Rollkutscher, mit dem hängenden zerfaserten Schnurrbart, fragte, was denn hier wäre; nachdenklich blickte Haslau ihn und den Toten an, pfiff: „Wie sind Sie eigentlich hier rein gekommen meine Herren? — Ja, das ist der Fabian. Ein guter alter Bekannter von mir. Was so aus einem Menschen wird. Man möchte an aller Vernunft verzweifeln. Da hab ich diesen Dreideibelskerl in meinem Keller erwischt. Das war ein Geriebener aus Stuttgart. Hat der nötig gehabt, bei mir Kartoffeln zu stehlen?“ Und er machte sich über die Flaschen her: „Anderthalb Flaschen heute. Der Rest hat ihm nicht geschmeckt.“
Die Männer sahen sich an, kletterten flüsternd die Treppe hinauf. Haslau faßte den Toten bei den Beinen, schleifte ihn über die Stufen auf den Hof, packte ihn auf den Buckel, so daß der geschorene Kopf auf das Pflaster knallte und schmiß ihn an den Rand des Gartens hin. Brach ein Stück des Holzgitters
heraus, ließ den Körper, zwei heftige Stöße gegen das Kreuz, bergab auf die Straße rollen. Unten kniete die Leiche, die sich mit einem Arm an einem Pfahl verfing, nach einer Minute ruhig am Weg, beugte den Kopf so tief ins Gras, daß sie durch ihre Beine hindurchsah. In der Stube wusch er sich die Hände, rieb sich Weste und Hose ab, schrieb schnaufend an seinen Freund: „Fabian muß in letzter Zeit sehr dick geworden sein; er war sehr schwer. Nun werden wir Ruhe haben und das Mädchen kann ich entlassen.“
Der Gendarm riß an der Klingel, der Rollkutscher dabei. Als der mit dem Helm brüllte, fragte Haslau verblüfft, ob er solchen stinkenden Kerl auf seinem Grundstück liegen lassen sollte. „Holt Ihr ihn ab, Ihr Polizeiherrchen. Ich mach meine Stube sauber, mit gütigem Verlaub.“ Sie packten ihn an. Mit gehässigen Blicken trat er rückwärts dem Kutscher gegen das Schienbein, so daß er jaulte.
Im Gerichtssaale priemte er erregt. Hitzinger lümmelte an der Barriere.
Erst brummte Haslau: „Herr Richter, der Mann ist an das Zyankali für die Wühlmäuse in meinem Keller geraten.“
„Es wird behauptet, Sie haben das Gift absichtlich in Weinflaschen aufbewahrt.“
„Lassen wir doch die Leute reden, Herr Richter.“
Mit einmal verweigerte er die Antwort und suchte
auf seiner Bank herum. Dann protestierte er plötzlich mit vortretenden Augen, indem er sich über die Schranke beugte, wegen Freiheitsberaubung.
Als die Richter nach kurzer Zwischenberatung auf das Podium wiederkehrten, beobachtete er sie verbissen, keifte vor sich: „Was die geheim tun! Mit ihren schwarzen Mützen! Die Herren Dokters! Die Herren Dokters! Den Dreck kümmert sie mein Ding mit Fabian.“
Der Vorsitzende schlug auf den Tisch. Haslau schniefte herauf: „Wollt ihr mir zeigen, was ich zu tun hab, ich alter Mann? In dieser Sache? Wißt ihr was von diesem Prozeß? He?“
Prustend schüttelte er die Fäuste, während ihm blaue Ringe vor dem Gesicht schwammen und er auf den Beinen schaukelte: „Ich verlange, daß ihr Fabian vernehmt und mich rauslaßt. Fabian ist von meinen Leuten. Das ist hier kein Gericht für unsereins. Wenn Fabian nicht recht geschehen ist, so soll er’s sagen.“
Müde kroch als Zeugin ein krummes Mütterchen heraus: „Ja, ja, wenn ich sprechen dürft, und der Fabian hat gesagt, wenn er das nächste Mal einbrechen tät bei Haslau Oskar, dann würd’s wohl eine Geschichte geben.“
Der Vorsitzende fauchte über den Tisch gegen sie. Haslau zitterte, brummelte: „Also ihr laßt mich raus, wenn ihr’s doch hört! Die Sach ist
zwischen mir und Fabian. Die Sach ist beschlossen und gerichtet und beendet. Ich misch mich auch nicht in euren Streit. Ihr laßt mich raus!“
Der Richter donnerte: „Sie haben sich ruhig zu verhalten hier.“
Mit unkenntlichem Gesichtsausdruck, fade schielend, die Augen etwas wässerig leer, bewegte sich der Wirt an der Brüstung, setzte sich schwerfällig, während er grunzte, und sein Brustkorb arbeitete. Seine blaurote Unterlippe zuckte pulsierend. Hitzinger flüsterte hetzend; Haslau winkte ab.
Es war nichts zu beweisen. Er wurde zu zehn Tagen Haft wegen Fahrlässigkeit und so weiter verurteilt.
„Karl,“ sagte er auf der Straße zu Hitzinger, „die wollten mich umbringen. Wenn ichs nicht hintergeschluckt hätte, saß ich drin.“
Der lange Hitzinger beruhigte ihn. Zu Hause beim Anblick der grünen Kognakflasche, die Kathrine hereintrug, weinte Haslau erbittert. Er zog die karierten Vorhänge zu, schwieg erst, trank und gluckste finster: „Karl, ist für die denn ein anständiger Mensch und ein Schwein dasselbe? Wegen des dicken Fabian, des Viehs, der meinen Wein ausgesoffen hat, muß ich ins Kittchen?“
„Wenn er’s wüßt, krank lacht er sich.“
Haslau schrie: „Krank lachen tät er sich. Schlimmer als Minzel Aloys war er.“
Als der andere bekümmert die Flasche an sich heranzog, legte der dicke Wirt den aufgestützten Arm hin, sagte entschieden: „Ich nicht. Es gibt noch Gerechtigkeit dafür. Bin kein Aff, Karl, sag ich dir, der sich kujonieren läßt wie ein dummer Lausbub von den hergelaufenen Federfuchsern auf dem Gericht. Bin ich ein solcher Aff?“ und pflanzte sich im Zimmer neben Hitzinger auf, den Hosengurt anziehend.
„Was denn, Oskar?“
„Meinen Wein soll er mir aussaufen dürfen und ich geh ins Kittchen?“
„Was denn, Oskar?“
„Meine Sach hab ich mit Fabian abgemacht, wie wir’s besprochen haben. Kommst du mit, ist’s gut. Kommst du nicht mit, mach ich mein Ding allein, Karl. Es muß ein End nehmen damit.“ Haslau schloß die Kommode auf, stopfte sich Geld aus einem braunen Strumpf in die Taschen. Den Schlüssel warf er vor Hitzinger auf den Tisch. „Oskar, daß du dich vorsiehst. Wir können alle zusammen nichts ausrichten gegen die Federfuchser. Es ist eine abgefeimte Klique.“
„Wirst schon sehen, Karl. Wirst schon sehen.“
Nach vierundzwanzig Stunden brannte die Villa des Amtsrichters ab; das Feuer brach im Dachstuhl aus, ein schlafendes Kindermädchen und viele Tauben kamen um.
Haslau war verschwunden.
Erstach Vieh bei Begüterten, zündete Heuschober an. Wütete im Land. Nach anderthalb Jahren ergriffen ihn zwei Gänsetreiber in der Nähe von Hitzingers Gasthaus, als er sich mit einer Strickleiter hinter dem Amtsgebäude des Dorfes zu schaffen machte. Nachdem man ihm mit Riemen Hände und Füße verschnürt hatte, war er taumlig und bei Stimmung, sah tiefbraun und sehr mager aus. Den gewaltigen Gendarm, der ihn hielt, seinen Feind grinste er an: „Lebst auch noch, alter Sepp. Gönn’s dir, daß du mich gefaßt hast; sollst deine Freud haben.“
Aus den kleinen Türen polterten die Dorfgenossen in die graue Morgenfrühe; reckten die Arme, stießen dem gebundenen Patron in die Weichen, klatschten ihm mit einer Latte meckernd über die Waden. Er bläkte einknickend: „Jetzt machts mit mir, was ihr wollt, ihr Grindköpfe. Jetzt kanns geschehen. Reißt mir die Kaldaunen aus dem Leib. Leckt mir meine Lehmstiebeln ab, da, ihr Borstenvieh, ausgesuchtes.“
Jäh packte ihn, als er spie, der Gendarm bei der Schulter und warf ihn mit einem Ruck vor einen Misthaufen. Ein Bauer rief: „Jetzt gibt’s nichts mehr zu hehlen dahier, du Hehler.“ Ein anderer lockerte den Mist mit einer Gabel: „Zu essen, Herr Wirt, dahier! Kuhfleisch, laßt euch
schmecken, Lammbraten, da, fetter Schinken, Schinken mit Tunke.“
Er wälzte sein beschmiertes Gesicht hoch: „Hätt ich noch die Herberge, ich wollte euch was zu trinken geben, was euch Maul und Magen zusammen verbrennt und euch das leibhaftige Höllenfeuer bei Lebzeiten im Bauch anrichtet. Mißgünstige ihr, Diebe allesamt, unehrliches Volk.“
Der lange Hitzinger war aus dem Bett gekrochen, stand mit sinkenden Hosen auf der Treppe vor dem goldblitzenden Schild. Der Leiterwagen klapperte mit Haslau, der ausgelassen höhnte, gröhlte und pfiff, aus dem Dorf. Hitzinger zog sich die Hosen stramm, spuckte hinter den springenden, fuchtelnden Bauern aus, bevor er mit einem Fluch über die Schwelle stolperte.
Die Schlacht, die Schlacht!
Armand Mercier geht seinen Freund Louis suchen.
Weiche schmelzende Schultern, Louis Poinsignon, in blaue Kittel gehüllter dünner Rumpf, schiebende Beine in hohen schwarzen Stiefeln, Louis, den blauen Schal um den Hals.
Daß er tot ist, wer glaubt das? Seine Mutter in Vareau heult, steckt sich die Daumen in die Ohren, kaut Teeblätter. Seine Mutter heult! Hähä, wollen sehen. Noch hat man einen Kopf und spuckt auf einen Wisch von Depesche.
Armand prustet neun Tage um sich, hat eine blasse Nase, merkt nicht, daß Frost da ist; sein Schacht verdreckt, Wasser rennt armdick über den Boden, Pumpen ziehen nicht.
Louis Poinsignon mit dem strohblonden glatten Haar steht nicht im Maschinenhaus, kommt nicht zum Tricktrackspiel. Gegen die Preußen gekrabbelt mit den andern; und ich auf eine Grube aufpassen. Die Ameise, das Ameischen, Louis Poinsignon, das fleißige saubere Ameischen, das sie zertreten haben, und ich auf die Grube aufpassen. Das alte Weib heult: was geht’s mich an! Die Frau hat keinen Begriff. Entweder ist er tot und dann, — Armand kaut an seiner Zunge und ist besinnungslos, — oder eben: er ist nicht tot. Oder er ist eben nicht tot. Er ist eben nicht tot. Ist nicht tot. Louis ist nicht tot.
Am zehnten Tage sagt er sich: man ist kein Sklave; wenn Louis Poinsignon im Hügelland von Roye gefallen ist, dann ist es um was geschehen. Pfeifen, Trompeten, Trommeln, dann sollen sie mal trommeln, bumberum bumm bumm, titiliti. Mütze in die Ecke, Rock in die Ecke, ein Bad genommen. Nach Hause. Sieben Uhr abends. Armands Augen lesen die Schilder des Städtchens ab: Féréol Gide, Drogerie; Witwe Walter, Kostüme; Camille Ticeuze, Pfandleihe. Nun ade, du mein lieb Heimatland.
Elf Uhr; noch einmal in der Kammer rasiert. „Adieu, liebe Frau, ich geh’ ins Wirtshaus, Muscheln essen.“
„Pssst, Amélie schläft.“
„Nacht, lütte Amélie.“
Bergmannskappe über die Ohren, Finsternis in den gewundenen Straßen, Novembersturm. Verkrochen in den steifen schwarzen Ledermantel, Blendlaterne ins dritte Knopfloch gehakt. An den roten Wirtshausfenstern geduckt vorbei. Witwe Walter, Kostüme; Féréol Gide, Drogerie; Metzgerei vom dicken Camille.
Nasser Gischt in der Luft, freie Äcker. Preußen, Bayern, wenn ihr Louis habt, gebt ihr ihn her. Weißer zappelnder Laternenkreis immer zwei Schritt vor den Stiefelspitzen. Marschieren. Der Lehm saugt an den Stiefeln. Marschieren.
Zunächst Dizennes; geschlossene Fensterläden.
Dann der Besitz von Herrn Uzaire; durch den gesperrten Wildpark; alles tot; die Vögel runtergeholt; kein Wächter; ah, Kaninchen. Chaussee nach Craor. Ein Leiterwagen. „Nehmt ihr mich mit nach Roye?“ „Wenn du blechst, bis Craor.“ „Und nach Roye?“ „Geht nicht weiter.“
Auf Mehlsäcken bis in den Vormittag hinein, schnarchend, kauernd, hochfahrend. Einmal kollert er rückwärts, faßt einen Sackträger beim bloßen Hals, rollt ihn seitlich über die Bretter; der wollte ihm was wegnehmen, ihn berauben. Mißverständnis im Halbschlaf, aber das Glas der Blendlaterne vorn ist kaputt, das Blech vom Gehäuse verbogen, das Mantelleder qualmt, stinkt.
Kalte graue Helligkeit. Nackte Felder, endlose Felder. Es bullert. Es stößt gegen den Horizont. Deutlicher, abgegrenzt, ein langgezogenes „Dumm“; immer Orgelgrundbaß nachschwingend.
Gefahrenzone.
Radfahrersoldaten rechts nach vorn vorbei, links nach vorn vorbei; Konservenbüchsen in den Tornistern klappern. Patrouillen latschen zu zwei, zu fünf, Knarre auf dem Buckel, kalte Tabakspfeifen zwischen den Zähnen; blinzeln gegen den Himmel; die Stiefel unten zerquarken den Lehm. Linker Stiefel: „Wo liegt Frankreich?“ rechter Stiefel: „Wo liegt Frankreich?“ linker Stiefel: „Wo liegt Frankreich?“ rechter Stiefel: „Alles Wurscht“, linker Stiefel: „Alles
Wurscht“, rechter Stiefel. Pässe, Pässe. Man kommt nicht durch. Runter vom Wagen. Dicke Menschenhaufen aus dem Dorf. Alle rückwärts nach Bagolles, nach Petit-Bagolles, nach Bordigaux. Bettsäcke, Kinderwagen, Handkarren, Vogelbauer. Armands Heimat wird morgen Großstadt, der Heurige, die Schnecken werden nicht reichen. Alle rückwärts.
Dahinten brennt’s doch nicht! Dahinten brennt’s. Die Preußen schießen.
„Wo geht’s nach Crataires?“
„Verrückt. Nicht durchzukommen. Die Preußen schießen.“
„Wo geht’s nach Crataires?“
„Was willst du in Crataires? Die Großmutter abholen? Die wärmt sich die Beine da. Guck hin.“
„Herr Wachtmeister, ich heiße Armand Mercier, ich muß durch. Ich habe Verwandte in Crataires, eine Frau, meine Schwester, mit zwei Kindern, zwei kleinen Kindern; das eine acht Monat. Der Mann steht in Toulon. Man kann die Frau nicht umkommen lassen.“
„Wie lange wollen Sie noch reden.“
„Die Frau ist hilflos. Ich bin aus diesem Kreis, Mercier heiße ich, man muß mich durchlassen. Ich kann es nicht auf mich nehmen.“
„Wie lange wollen Sie noch reden. Etappenwache drüben links, holen Sie einen Paß.“
„Es eilt, sehen Sie ja, Herr Wachtmeister, um
Marias willen. Bester Herr. Der Mann steht bei der Hafenkommandantur, Vizefeldwebel, ein sehr zuverlässiger Mann, Sie können sich denken. Ich werde es Ihnen nicht vergessen. Ich wohne in der Straße, wenn Sie über Dizennes kommen, gleich links die zweite Querstraße.“
„Hollah, hol-lah! Die Herrschaften da! Wo wollen die Herrschaften hin? Sie in dem Auto! Haben Sie Paß! Kommen Sie runter, wenn Sie nicht verstehen. — Drüben links, Etappenwache. Ich sage doch ‚links‘. — Wie lange wollen Sie noch reden.“
Soldaten kommen durch. Eine Uniform stehlen. Wo liegen Verwundete? Wo ein Schlachtfeld? Armand Mercier stellt sich in eine Nische neben den Paßkontrolleur, studiert Menschen. Braucht Größe 1,80. Sachte trabt ein Korbwägelchen an, herum rutscht es um den Zaun, auch zurück nach Dizennes.
Zwei Soldaten drauf, stämmige Burschen, einer mit rotem Bändchen, aber Kopf verbunden. „Dumm! Dumm!“ Bullert gewaltig, man geht, fährt, läuft schneller.
„Guten Morgen, Kamerad.“ Sie schreien „runter“, der mit dem Kopfverband will mit den Hacken gegen Merciers anklammernde Finger; schon kniet Mercier auf der scharfen Bodenkante des Wägelchens, Seitenlatte angepackt, das Pferd rast vorwärts, lang fegt der schwarze Ledermantel durch den Straßenmist. Mercier keucht: „Nach Roye; ihr nehmt mich doch
mit. Ich zahle.“ Mercier ist verbissen; er brabbelt den beiden stier ins Gesicht, während er sich hochhangelt: „Meine Schwester hat zwei Kinder, der Mann steht in Belfort, Vizefeldwebel, ein zuverlässiger Mann.“
„Wir fahren ja nach Dizennes, rückwärts fahren wir.“
„Ich meine Dizennes. Er hat mir ans Herz gelegt, für seine Kinder zu sorgen.“
Vorn flüstern die beiden. Armand hockt hinter ihrem Rücken unter dem runden Dach, schielt über ihre Schultern, prüft ihre Uniformen. Sie flüstern schärfer. Als sie kurz vor Dizennes langsamer fahren, übernimmt der gesunde schlankere die Zügel, der mit dem Bändchen stemmt sich plötzlich mit seinem ganzen Katzenbuckel gegen den hochgestülpten Pferdetrog, ruckt nach hinten herumschnellend die Beine gegen Armands Beine, wie ein Hampelmann. Rutscht dabei vom Trog ab, gibt sich heftige Stöße gegen Kopf und linke Schulter an zwei Kistchen mit Liebesgaben, weil Armand inzwischen seine Füße über den Knöcheln zu fassen gekriegt hat und er nicht loskommt. Der Schlanke haut das Pferd. Als sie sitzen und Armand sich die Hände an den Kistendeckeln abgewischt hat, verlangt er von dem Schlanken, der kutschiert, Uniform und Urlaubspaß, für fünfzig Frank in Gold, leihweise. Gelächter. Der mit der Kopfwunde will kutschieren; hat vor, aus Wut, sie
alle drei in Dreck zu setzen. Vorher gelingt es Armand, nachdem er lange mit der Zunge geschnalzt und ein verliebtes Schmunzeln hinter mehreren spazierenden Mädchen aufgesteckt hat, den Schlanken, der rauflustig ist, hinter sich herzulocken auf die Chaussee, einer kleinen Bäuerin nach, die auf dem Kopf mit dem Strohkranz einen hohen Korb balanciert. Statt aber das Mädchen im Birkengehölz hinzulegen, wird der Soldat dicht hinter der Fliehenden, die den Korb schon in der linken Hand schwingt und den Mund atemlos zum Schreien aufreißt, am Sandplatz vor dem Gehölz durch einen versehentlichen Ellbogenstoß über eine Wurzel gerempelt. Armand stolpert über den Gestürzten, der sich abwechselnd Kinn und Knie reibt, kriegt den schon Hochkletternden am Hals über der Binde und fängt mit dem Schnappenden ein Handelsgeschäft an. „Also fünfzig Frank, siebzig Frank und das Mädel für dich allein. Aber fix, in zehn Minuten ist sie außer Sicht. Wir bleiben gute Brüder. Hand weg. Es geht nicht anders.“
Der schluckt und juchzt wie ein Fisch, den man bei den Kiemen hat und der nach hinten mit der Schwanzflosse schlägt. „Spion, ich schreie.“
„Schrei. Kriegst den Daumen drauf. Schreist? Also du ziehst meine Sachen an, gehst in die Ferme und holst das Mädel. Kein Mensch fragt nach dir.“
„Ich schrei doch.“
„Kriegst den Daumen.“
Der Soldat zieht sich, während er in dem Sandloch sitzt, atmet und wieder rosa wird, die Stiefeln aus, fragt unsicher, ob der andere einen Ausweis hat. Der taucht aus seinem Mantel, hat im Nu die Stiefel erwischt. „Drei Tage kriegst du meine Steigerkarte, für den Weg, für die Gendarme und so. Bis man raus hat, wo du steckst, bist du wieder da.“
„Meine Kluft.“
„Wirst du wiederhaben.“
„Alles?“
„Zehn Frank nachher.“
Beide frieren im Hemd, zusammengekrümmt im Sandloch, belauern sich, kratzen sich die Waden. Der schlanke, während er sich Armands Hosen anzieht, findet in der Hintertasche etwas Hartes, ein Messer, verlangt plötzlich fünfundachtzig Frank. Armand tut, als merkt er nichts, sagt zu und stellt den Fuß auf das Seitengewehr am Boden. Damit abgemacht.
Drüben knallt der Blessierte, der sie in den Chausseegraben setzen will, neben dem Wägelchen mit der Peitsche. Armand das leichte rote Käppi auf; Pioupiou schlurrt im Ledermantel, Blendlaterne am Knopf, zufrieden mit fünfundachtzig Frank Gold in der Faust. Wiedersehen hier in drei Tagen. Pioupiou tänzelt bartzwirbelnd in die Ferne, rafft den Mantel wie einen Damenrock.
Armand um den Wagen herum. Die Chaussee
nach Nordosten. Wieder in die Gefahrenzone. Der Tag ist um. Scharf durch die gegenflutenden Menschenmengen, hinter Munitionskolonnen. Die Pferde stürzen auf dem Glatteis; Peitschen, Gewehrkolben über sie. „Dumm, Dumm“ von rechts hinten; das Echo rollt „Dumm —“ lang zwischen den Zähnen aus.
Kürassiere gehen ohne Pferd stumm jenseits des Bächleins. „Ich will zu meinem Regiment, Territorial-Ersatzbataillon 81.“
„Gibt’s das noch, dein Regiment?“
„Territorial 81 Ersatz. Oha, oha. Wo werden die sein.“
„Bruder, komm mit, wir wischen aus. Ich weiß Bescheid.“
„Oha, oha, sein Regiment, 81 Territorial-Ersatz.“
Der Etappenaufseher, Unteroffizier, weißköpfig, schreit ihn durch ein Fenster am Torhaus an: „Sie hätten mit dem Zug fahren sollen um acht Uhr zwanzig von Craor. Ihr seid Drückeberger, Vaterlandsverräter.“
„Hier ist mein Paß.“
„Sie haben noch bis zum 26. Urlaub.“
„Ich verzichte.“
Ein Sanitätsauto rasselt an und trillert. „Den Mann mitnehmen.“
Unterwegs, als schon der hohe Granatengesang deutlich vor ihnen ist, lockert Armand heimlich den
Drücker der Tür, denn er sitzt im Wagen auf der Trage; helle Angst, daß sie ihn zur Stellung der 81er bringen und entlarven. Läßt sich, als das Auto langsamer zu fahren scheint, der Weg dunkel und voller Lärm ist, rasch rückwärts in den Dreck fallen. Ein Radfahrer springt dicht vor ihm ab.
Heller Mond, durchsichtige Nacht. Rechts, links sanft ansteigende Hügel; glatt rasierte Abhänge. Chausseen in der Talwindung; an schwarzen geteerten Holzbaracken vorbei, Sägereien, auf vorgeschobenem Hügel eine drehende Windmühle. Weißer, flirrender Bündel von der Mühlenspitze nordwärts in die Nacht gebohrt, still sich kreuzend mit einem Schein, der von unsichtbarem Orte in die Finsternis sich schiebt und schleicht und verschwindet und plötzlich über das Tal mit aufblendendem Nebel schwimmt und kilometerweit abgleitet. Menschen, Wagen drängen auseinander. Armand mit einer Trainkolonne biegt links ab; bei Grandmoulin sind die Stellungen der Reserven und Louis Poinsignon. Matt ist Armand Mercier; er reitet auf einem Vorspannpferd und ißt Corned beef aus einer Schachtel. Immer neue Hügel. Wenn das Wagenknarren aufhört, „Hui — i — i — iahh!“ der Granaten, meckerndes „Päng —päng —päng“ dazwischen. Die Eisschalen unter den Pferdehufen knacken.
Breit und lang die Chaussee. Nur die Munitionskolonne reitet hier. Dies ist der Weg zu Louis
Poinsignon. Armand Mercier weint heiß vor Trauer, krampft mit der linken Hand in die Mähne des Tieres, zieht die Knie an dem atmenden Tierleib hoch. Wäre er zu Fuß, würde er sich haben hinsinken lassen und stundenlang nicht aufgestanden sein. Das Pferd trägt ihn zu Louis Poinsignon, der nicht da ist. Am Ende der Chaussee wird das Dorf mit dem Quartier sein, und Louis Poinsignon ist nicht da. Die Schwäche hält ihn auf dem Pferd; das trottet, hebt sich, senkt sich. Es geht wehrlos weiter durch die stille Chaussee. Hier kann kein Louis Poinsignon existieren, es ist unmöglich. Hier ist der Mann weggerafft.
Rot und röter loht von rechts der Himmel. Niedergebrochen blickt durch Tränen Armand Mercier auf den Himmel, stumm geradeaus bewegt sich die Kolonne. Seine Augen bleiben gefangen an der Röte, die hochdrängt, fast im Halbkreis des Horizontes. Mit Befremden, Bitternis und Abscheu betrachtet Armand den Flammenschein, die Chaussee, den vorüberziehenden Wald. Auf die linke Chausseeseite herüber biegt sein Zug, hält an. Und da rattert es vorbei, vom Dorf herunter, die hochtürmigen Transportautos, die strohgefütterten Wagen, die offenen ungeschützten Bretterwagen mit den Verwundeten, den zerschossenen Soldatenleibern, die angeblafft sind von den aufbäumenden Granaten, die stöhnenden, über deren Köpfe Mauerwerk gepoltert ist, die japsenden,
halb erstickt aus den Giftdämpfen der Schützengräben gezogen, ausgestreckte Leiber in nicht endender Reihe hintereinander, in weiße Verbände geschlagen, durch die das Blut sickert, eine träumende delirierende Schar, der furchtbar drängenden Macht drüben aus den Zähnen gedreht.
Louis Poinsignon tot. Bevor das letzte Auto an der gebückt harrenden Kolonne vorübersurrt, ist Armand Mercier in den Wald geglitten. Wandert um das Dorf herum, er will nicht in das Quartier der Reserven. Von dem grauroten Flammengewölbe schmettert es in malmenden Lagen nieder, haushohe Feuergarben quellen aus der Erde. Eine Esse; Hammer, Amboß.
Schmerzvoll schleicht Armand Mercier aus dem Wald heraus; verstohlen Flüchtende auf allen Seiten um ihn; eine schattige Figur kommt über die Wiese gelaufen, hat einen weißgarnierten Hut in der Hand. Armand geht, ohne zu wissen, was er tut, neben ihr her, als sie zwischen die erste Stammreihe eingetreten ist. Das zarte Dämchen hat ein Plaid über der linken Schulter, ihr Rock ist bis zur Hüfte mit Lehm bespritzt. Sie sagt entrüstet: „Ich wohne in Roye; wir müssen fliehen, mein Vater und meine Schwestern kommen gleich nach.“
„Aber Fräuleinchen, Fräuleinchen Nini.“ Er tatscht sie zutraulich.
Sie reißt sich ab, sieht ängstlich um sich. „Ach Gott, Herr Mercier. Aber Sie sind es.“
„Fräulein Nini.“
„Sehen Sie. Sie sagen nichts zu Hause. Ich bin erst drei Tage weg. Ich habe George besucht, meinen Verlobten, den Buchbindersältesten, George steht hier.“
„Mit dem sind Sie verlobt?“
„Heimlich. Sie sagen nichts zu Hause. Gott, ist das ein Zufall. Sie sind’s doch wirklich, Herr Mercier. Ich wußte gar nicht, daß Sie einberufen sind. Bei welchem Regiment stehen Sie eigentlich.“
Armand aber wundert sich wenig. Setzt ihr den Hut auf, steckt die Nadeln fest, nimmt das Plaid und legt ihn ihr um die Schultern, dann nimmt er sie unter den Arm: „Kommen Sie mit.“
Sie lächelt ihn glücklich an: „Armand, ich habe gar nicht gewußt, daß Sie eingezogen waren.“
„Ja, doch.“
„Sonst hätte ich Sie auch besucht.“
Er den Kopf tief zwischen den Schultern wandert mit ihr ziellos durch den Wald. „Nini, man müßte etwas zu trinken haben.“
Er kneift sie und pfeift. Sie kichert ihn an: „Wie nett Sie sein können. Wissen Sie, Armand, im Krieg sind alle Männer viel netter.“
Ihre Augen schließen sich, während sie sich an Armand schmiegt. Sie sind in eine Lichtung getreten,
ein Reiter kommt aus einem Seitenweg im Galopp auf sie zu, ein Feldgendarm. Sie stäuben auseinander; beim Weglaufen winkt Nini Armand zu, weist, wo sie sich versteckt. Nach einer Viertelstunde knackt es im Buschwerk neben Armand; Nini zieht ihn am Arm: „Tippel, tappel, tippel, tappel,“ kichert sie; sie kommandiert, als sie sich, die Hände voraus, vorsichtig durch das Dickicht drängen: „‚Mann, wie heißen Sie? Wo stehen Sie im Quartier? Wie können Sie sich hier mit einer Weibsperson herumtreiben!‘ Hab’ ich gehört; mit George. Der Unterleutnant hat gesagt: ‚Daß mir keiner eine „Sie“ bei sich hat. Ein Soldat mit ’ner Ziege saust rin.‘ Armand, glauben Sie, daß ich Mut habe?“
Sie blickte ihn erwartend an.
„Doch, Nini.“
Ihr Gesicht leuchtet auf: „Oh! Aber pfui, das reißt ja. Ich war bei George im Schützengraben. Es waren noch andere Fräuleins da. Als der Wachhabende es merkt und mich sucht, versteckt mich George; er will mich verstecken, aber er hat nur eine Kiste da, vorn an der Brustwehr, eine Brotkiste, wissen Sie, so ein langes hohes Ding. In die Kiste bin ich reingesprungen, wie ich war; er hat mich hochgehoben; lieber mich von den Preußen totschießen, als von dem groben Kerl anfassen lassen. Oh, der ist grob. Der weiß gar nicht, was er tut, so wütend ist er immer. Und auf mich hatte er es
immer abgesehen, der schlechte Mensch. Denken Sie, Armand — Sie sind mir nicht böse, wenn ich Sie Armand nenne? Sie sind doch heute so nett zu mir. Da bin ich oben zwischen den Steinhaufen in der Kiste gesessen, die hatte vorn ein großes Loch, fast wie ein Kopf groß, von einem Stück Granate, und ich sitze da oben und höre den Wachhabenden schreien und tuen und brüllen, er sucht mich im ganzen Graben. Und George hat immerzu geschossen, oh, der kann schießen, ein Mal hinter dem andern, am fleißigsten von allen; ich hab’ nicht gesehen, wo er hingeschossen hat. Die Preußen haben nichts dazu getan. Ich habe mich auch gar nicht gefürchtet; ich habe immer zugehört, wie George geschossen hat. Er hat mir gesagt, er hätte keinen Preußen an mich herangelassen; zwanzig oder dreißig hat er totgeschossen in einer Stunde, bums, bums, immerzu. Nachher war ich ganz glücklich. Ich geh’ bald wieder zu ihm. Oh, mir gefällt der Krieg.“
Lichtschein zwischen den Stämmen vor ihnen; er arbeitet sich mit ihr gedankenlos drauf zu; frieren beide nicht. Plötzlich zehn Schritt vor ihnen grell bestrahlter Boden; geöffnete Blendlaterne im Moos, erzählende Männerstimmen. Zwei Posten in weißen Pelzen, Gewehre hingelegt, lachen, treten von Bein auf Bein, schlucken, kauen, was sie aus großem, dampfendem Blechtopf neben der Laterne mit Fingern fischen.
„Der merkt nichts. Der weiß nicht mal genau, ob er seinen Topf noch hat.“
„Ein Schaf. Ich kenn’ ihn dafür.“
„Wer sollte das kriegen?“
„Na, wer wohl? Na, rat mal! Wer kann wohl ein Huhn kriegen?“
„Na.“
„Na, rat mal. Immer derselbe. Immer derselbe dicke Vize; aus dem Lazarett stiehlt er hintenrum, wo er’s kann. Nebenbei schickt er das Schaf auf Suche. Abends sitzt ihm eine gewisse auf dem Schoß.“
„Pass’ auf, heut kontrolliert er Lazarettposten. Von mir findet er nichts.“
„Von mir nicht mal ein Knöchelchen; fress’ alles reinweg runter. Er kann schnüffeln.“
Hocken hinter der Laterne, gießen sich gegenseitig Suppe in zusammengelegte Handteller.
Jenseits der Lazarettlichter hinten flackert es auf einmal, erlischt oft, es ist Stroh, Männer schütten von einer Erhöhung Bettsäcke ins Feuer. Armand kann sich nicht rühren; langsam hat sich Nini, während er hockt, über seine Knie an seine Brust gedrückt, atmet tief und gleichmäßig.
Der Posten, schluckend: „Pierre Chavanne aus meiner Heimat ist gestern gestorben drüben. Hat drin eine feine Sache gehabt. Also er lag mit einem Pariser zusammen auf einer Stube. Wie es Chavanne
schlecht geht, sagt der Pariser: ‚Du, schenkst du mir nicht deinen Trauring? Nachher klaut ihn ein Wärter.‘“
Anderer Posten: „Chavanne, war der verheiratet?“
„Nein. Verheiratet? Tu doch nicht so? Hast du keinen.“
Der andere schluckt verdächtig laut, murmelt: „Ich hab keinen, habe keine Furcht vor den Preußen.“
„‚Also du schenkst mir den Trauring‘, sagt der Pariser zu Chavanne; und kriegt ihn. Aber Chavanne wird dir wieder besser und den Pariser packt es derbe. Und wie der Pariser schon fast auf der Nase liegt, wird Chavanne ihn bitten und sagen, er soll ihm seinen Trauring wiedergeben und den von dem Pariser dazu. Der tut’s auch. Mein Chavanne freut sich, guckt jeden Tag hin, ob sein Nachbar noch nicht tot ist. Jeden Morgen guckt er rüber, jede Nacht. Bis der Pariser auch wieder lebendig wird und nun Chavanne auf einmal solche Wut darüber hat, daß er dir einen Herzschlag kriegt, gestern mittag. Und mein Pariser hat beide Ringe.“
„Ist er tot, der Chavanne?“
„Ist tot.“
„So ein Dämlack.“
„Nein, alle beide Dämlacks. Ich hätte —“
„Sachte, sachte, psssst! Kontrolle!“
Gewehre hoch, Laterne geschlossen, getrennt zwischen den Bäumen durch.
Armand verträumt biegt die Arme. Die Kleine fest eingeschlafen, Kopf zurückgefallen; ihr Hut schwebt frei abwärts am gelockerten Haar. Sie atmet mit offenem Mund; durch eine Zahnlücke wird die nasse Zunge sichtbar. Als er den Hut gegen ihren Kopf andrückt, sticht sie die Nadel, sie ist gleich hoch und munter.
Wieder plappert es nicht weit: „Päng, päng, päng.“ Wie Armand, das Mädchen am Arm, über den Topf marschiert und die Knochen in Bewegung kommen, fühlt er, schön frisch ist die Luft. Denkt: Louis Poinsignon ist tot und es muß schön sein so wie er zu marschieren, zu rennen, zu klettern, zu schießen. Braver Junge, Armand freut sich über ihn. Der Nini erzählt er von ihm, sie lobt den Louis auch. Gar nicht traurig ist Armand über den Tod Poinsignons; es ist wirklich gerade so, als wenn Louis, der Lange mit dem blauen Schal, tot sein müßte. Kaputt muß doch alles gehen; es liegt hier so in der Luft. Ran woll’n wir alle an den Tod. Armand und Nini haben ihren Spaß an dem „Dumm dumm“. Beide hungrig, kommen ins laufen. Armand bittet: „Spring zu meiner Kompagnie, frag nach dem Unterleutnant, aber komm bald wieder. Wenn er abgeschossen ist, bin ich froh, dann tret ich in die Kompagnie ein.“ Beglückt läuft Nini. Und bei grauendem Morgen hört Armand, daß der Unterleutnant und viele andere gefallen sind, fremder Nachschub, fast nur
Fremdes in der Kompagnie. Juchzt Armand Mercier, macht einen Sprung, beschenkt Nini mit einem Schmatz, sagt: „Adieu!“ Am Mittag schippt er hinter dem Schützengraben, für den schlanken Pioupiou, der in der Ferme flirtet. Zwei Tage: Schippen, Essenholen, Wachen.
Bis ihm am dritten jählings die Hände lahm werden und ihm einfällt, daß alles schön und herzhafte Freude sei, aber schließlich ungewiß bliebe, was aus Louis Poinsignon geworden ist. Ihm ist gegen Mittag so drängend zumute und sein Gemüt so trübe verschleiert, daß er keine Ruhe findet. Muß seinen Tornister nehmen; ohne etwas zu sagen, die Knarre über den Buckel hängen und sich davonmachen. Und ehe er’s sich versieht, ist er in der Nähe des Lazaretts. Man läßt ihn in die Wachtstube. Dann nimmt ihn ein Sanitätsfeldwebel mit, blättert in einem ungeheuren Buch, das auf dem Korridor an einer Kette auf besonderem Pulte liegt, dick wie ein Adreßbuch. Der glattrasierte Mann fragt, ob dieser Poinsignon Louis oder wie sonst geheißen habe. Und dann hört Armand, daß sein Freund am soundsovielten an Typhus gestorben sei.
Das wirkt gar nicht auf Armand Mercier. Grüßt stramm, geht und sagt sich: „Nun habe ich es doch herausgekriegt.“ Erst in dem Wald, wo ihm Nini und der frische muntere Tag einfällt, an dem er zur Kompagnie gegangen ist, wird er betrübt, recht
kläglich, als wenn er enttäuscht wäre. Zankt mit sich, hat Schmerzen im Kreuz; gar keine Freude werde ich mehr haben. Was hab’ ich nun? Uniform und Schießknüppel. Keinen Sarg hab’ ich von ihm; keine Leiche, nichts hat er mir hinterlassen. Sehr unfreundlich und ungnädig denkt er an Louis, der einfach gestorben ist, am Typhus, im Lazarett, womit sich nichts machen läßt.
Und in seinem Ärger marschiert er weiter, von ungefähr auf seine Stellung zu. Vergißt nach einer Weile ganz, daß er Uniform trägt, plärrt. Denkt an seine Heimat, an die Frau und Amélie, und das bereitet ihm alles solchen Gram, daß er nicht satt werden kann zu weinen. Weil er auch so sterben wird hier, an Typhus oder was sonst.
„Louis, Louis,“ seufzt er und sitzt am Boden nahe dem Bagagewagen. Er ringt, mit sich beschäftigt, die Hände und schlägt die Arme auf und ab. Der Führer eines Wagens pflanzt sich vor ihm auf. Armand Mercier hört nicht, was der schimpft. Der Unteroffizier reißt ihn hoch, und unversehens hat ihm Armand, der ihm starr ins Gesicht geschaut hat, einen Faustschlag über die Nasenwurzel versetzt, setzt sich wieder neben das Rad, heftiger über sich und die Welt jammernd.
Wird nach fünf Minuten von vier Mann angefaßt, geschüttelt, Kolbenstöße. Auf freiem Feld wird er, Tornister angeschnallt, an eine Kiefer mit
Stricken gebunden, Arme hoch. Zwei Stunden muß er stehen und frieren.
Zweite Stunde ist um; lahm und böse geht Armand vom Baum weg. Gewehr und Säbel hat man ihm abgenommen. Da will er nichts weiter als über die Wiese rennen, sein Gewehr haben, gegen die Preußen rennen und schießen, schießen. Wird jenseits der Gräben zur Arbeitstruppe gejagt. Der vordere Teil des Waldes wird umgekappt, Stammenden fest, Wipfel gegen den Feind, über- und nebeneinanderlagernd weit vorgeworfen wie angewurzelte Kavallerie mit Lanzen. Sein Arbeitstrupp schlägt mit Kreuzhacke und Wuchtbaum zwei kleine Forsthäuser nieder. Von der gefrorenen Erde hauen und kratzen sie Staub ab, füllen die Tonnen, Sandsäcke. Die Flüche der drängenden Kolonnenführer, Klatschen der verirrten Sprengstücke gegen einen Stamm, das erregte Arbeiten. Die Unruhe aller, das Umsichblicken, das Rückwärtsblicken. Dichter, näher schießt es.
Wald nach rückwärts bis zur Eisenbahnböschung gebrochen, trampelt Armand fluchend mit fünf anderen in die Schleusen-Kneipe hinter dem Bahndamm.
Ein Dörfler, Weißbart, Stahlbrille, zieht mit knickrigen Knien hinterher; Fiedel unter dem rechten Arm, in der linken Hand im blauen Taschentuch einen Igel. Wer ihm die Fiedel abkaufen will. Spielt gegen zwei Schnäpse auf Armands galgenlaunigen Wunsch Ländler auf; ein Pionier sagt zu seinem
Nachbarn: „Wenn der Alte herauskommt, nehmen wir ihm die Fiedel ab.“ Draußen gleich neben der Tür fliegt der Alte in einen Asthaufen, Fiedel und Igel im Taschentuch drüber weg. Gekreisch des Alten; der Pionier hat die Geige unterm Arm; vier Soldaten heran. Der Pionier zerschlägt in Wut die Geige an seiner Stiefelspitze. Gebrüll von drei Seiten, der Räuber droht dem Weißbart mit den Geigentrümmern. Armand rafft mit: „Ei, ei“ den Igel im Taschentuch auf, will ihn unter seiner Jacke aufhängen.
Als er am Ellenbogen gefaßt, rechts herumgeworfen wird. „Lump, Lump,“ schreit was, „da haben wir ihn, meine Uniform.“ Der verliebte schlanke Pioupiou im Bergmannsmantel, Laterne im Knopfloch, Feldgendarm neben ihm. Das Gekeif. Armand herausgerissen. „Spion,“ brüllt der gefesselte Pioupiou. Vor den Hauptmann in den Unterstand geschleppt. Der Gendarm stellt seinen schwarzen Säbel vor, er hätte den Pioupiou in Wirtschaften herumstrolchen sehn, mit einer großen Goldsumme, die wohl gestohlen sei; Pioupiou behaupte Soldat und beraubt zu sein von diesem Bergmann Armand Mercier. Pioupiou flennt; er habe allein ein Korbwägelchen gelenkt, Armand und drei andere seien dem Pferde vor Dizennes in die Zügel gefallen, hätten ihn dann in eine verlassene Ferme gelockt, ihm die Uniform ausgezogen; die drei anderen hätten