Wallenstein
Roman
von
Alfred Döblin
Erster Band
1920
S. Fischer/Verlag/Berlin
Erste bis dritte Auflage
Alle Rechte vorbehalten, besonders das der Übersetzung
Copyright 1920 S. Fischer, Verlag
Erstes Buch
Maximilian von Bayern
Nachdem die Böhmen besiegt waren, war niemand darüber so froh wie der Kaiser. Noch niemals hatte er mit rascheren Zähnen hinter den Fasanen gesessen, waren seine fältchenumrahmten Äuglein so lüstern zwischen Kredenz und Teller, Teller Kredenz gewandert. Wäre es möglich gewesen neben dem schweren kopfhängerischen Büffel zu seiner Linken, dem grauen Fürsten von Carafa, Hieronymus, und dem stolz schluckenden und gurgelnden Botschafter Seiner Heiligkeit im heißen Rom, — rot schimmernd die seidene knopfgeschlossene Soutane, purpurn unter dem Tisch die Beine mit Strümpfen und Schuhen, bei den schneeweißen zappelnden der deutschen Majestät — so hätte Ferdinand jeden den Vorhang durchlaufenden Kammerknaben, jeden Aufträger Vorschneider, erhaben mit schwarzem Stab abschreitenden Oberstkämmerer mit üppigem „Halloh“ empfangen, ihm zugezwinkert: „Heran! Näher! Nicht gezögert, Herrchen, haha. Hier sitzt er.“ Kaute, knabberte, biß, riß, mahlte, malmte. Der Oberküchenmeister bewegte sich an den gelbseidenen Tapeten entlang, beäugte freudig listig durch das seitliche Gestänge des Baldachins die muskulösen Lippen Ferdinands, die wie Piraten die anfahrenden Orlogs entleerten, die Backentaschen, die sich rechts und links wulsteten, sich ihre Beute zuwarfen, sich schlauchartig entleerten, von der quetschenden Zunge sekundiert.
Weich rauschte die Harfe, die deutsche Querpfeife näselte. Sprung an, Sprung ab: es hieß hurtig sein, die Becher heranschleppen; wer ißt, liebt keine Pausen; was schluckt, muß spülen. Ferdinands Lippen wollten naß sein, sein Schlund naß, sie verdienten’s reichlich, droschen ihr Korn.
Im Reich — wovon ließ sich sprechen — im Reich ging’s gut daher. Die Böhmen geschlagen, Ludmilla und Wenzel, die heiligen, hatten die Hand von ihren tollen Verehrern gezogen: da saßen sie auf dem Sand, haha, samt Huß, allen Brüderschaften, ihrer Waldhexe Libussa, dem Pfalzgrafen Friedrich. Der Pfalzgraf — wovon ließ sich sprechen — der Pfalzgraf schleppte seine Königskleider im Sack, am Strick hinter sich her, im Frühjahrsdreck hinter sich her, schreiend durch die Gassen, ungeübter Bänkelsänger auf Märkten, auf Dörfern: „Keiner da, der mir was zu fressen gibt? Zehn Kinder und kein Ende, keiner da, der uns den Bauch stopft? Habe die englische Königstochter zur Frau, in Böhmen war ich König; das ‚war‘ freut mich armen Hansen wenig.“ Wer wird sprechen in solchen Zeiten.
Man läßt ihn trollen, das freche süße Zweibein, man wird ihn tüchtig lausen, daß ihm das Fell blank wird. Aber Malvasier. Aber Alikante. Aber Böhmerwein von Podskal. Aber grüne Bisamberger, Traminer aus Tirol; aber Bacharach und Braubach, die feuchten, spitzschuhigen, klingelnden vom Rhein. Auf dem gepreßten Schweinskopf Äpfel: aber Mersheimer darüber und Andlauer; Elsaß, das herrliche Elsaß.
Wem hat es der Ingwer angetan, der Ingwer an der Rehkeule, daß er ihn verachten will. Die Hühner sind erschlagen; auf Silberschüsseln gebahrt; von feinen weißen Kerzen beleuchtet. Die Blicke von zwanzig Gewaltherren und Fürsten voll Lobs auf sie gerichtet; in Mandelmilch schaukeln sie Rümpfe, Beinchen und Hälse, Rosinen zum Haschen um sie gebreitet, ihre kandierten Schnäbelchen füllend. Spitzt die Münder, salbt die Lippen mit Speichel, im Strome fließenden, aus allen Bronnen geeimerten.
Heran Pfälzer Most. Die feuerspeiende Büchse, treffliches Symbol für ein Weingefäß: da läßt sich leicht der Malefizer finden, der hier ersterben will. Und soll es der Erwählte Römische Kaiser sein, es muß geschossen sein, in der Minute, im Nu, aus der großen Büchse, die der Obermundschenk sich auf die Schulter lädt; der Kaiser richtet zielt und schießt, jach in den Schlund des tobenden Narren, des hingewälzten lachenden Kobolds in der braunen Schellenkapuze, während der Herr sich die weißen Spitzenärmel schüttelt, in den Stuhl sinkt, nach der Serviette ruft und vor Inbrunst vergeht: „Noch einmal!“
Trompeter schmetterten zu sechs vom Chor herunter, aus dem goldenen Käfig des Balkons, der Heerpauker schlug bum. Zwischen der Musik saß der Kaiser hinter dem Wildschweinsbraten in Pfeffer, einen weißen Hut mit der Reiherfeder auf dem leicht glatzigen Kopf, seine Ohren durch das Raspeln seiner Zähne nicht gehindert dem Schmettern zu folgen. Sansini, Zinkenmusikus, übte sein hohes Werk; verborgene Diskantisten und Kastraten pfiffen rollten wirbelten; sie umspielten die wenig sich drehende Ruhe des Basses, den eine weiche Stimme ansprach, beschwor.
Zur Linken des melancholischen Spaniers ein schmales wangenloses Ziegengesicht, über dem stumpfen Lederkoller die krebsrote Atlasschärpe, aus grünen dünnen Ärmeln langspinnig zielend gegen das Millefioriglas, Karl von Liechtenstein, Oberstburggraf, Statthalter in Prag, sprach von Heidelberg und dem geflohenen Winterkönig, daß noch frostiges schwankendes Wetter sei und man jetzt nur schwierige Landstraßen finde, besonders wenn man es eilig habe. Ein Abt biß seinem Kapaun das Bein ab, addierte, während es zerkrachte, das zurückgebliebene Kurpfälzische Silbergeschirr, das ihm in Böhmen von frommen Wallonen überreicht war. Und auch der alte Harrach, knuspernd an Krammetsvögeln, huldvoll über seinem Stuhle schwebend, graziös, kahlköpfig, hielt sich an die Prozesse und Konfiskationen in dem geschlagenen Land, da wären tot der Peter von Schwamberg, Ulrich Wichynski, Albrecht von Smirsitzky, davongelaufen, werden das Wiederkehren vergessen.
Hitzig schmetterten die Trompeten. Einen Augenblick sahen alle Herren auf, die in den spanischen Krausen, die in den gestickten niederländischen Spitzenkragen auf bunten und verbrämten Jacken, die in den ungarisch grün verschnürten Wämsern, in den duftigen französischen Westen und Purpurüberwürfen, Kardinäle, Äbte, Generale und Fürsten, und ihnen schauerte, als wenn es eine Kriegsfanfare wäre. Rasch war Musik und Geist eingelenkt. Wollüstig fühlten alle erwärmten Nerven das Gespensterheer des geschlagenen blondlockigen prächtigen Friedrich durch den Saal ziehen, reiten durch das Klingen, Tosen der Stimmen, Becher, Teller, von dem herabhängenden Teppich des Chors herunter auf die beiden flammenden Kronleuchter zu, brausend gegen den wallenden Vorhang, den die Marschälle und Trabanten durchschritten: prächtig zerhiebene Pfälzerleichen, Rumpf ohne Kopf, Augen ohne Blicke, Karren, Karren voll Leichen, eselgezogen, von Pulverdunst und Gestank eingehüllt, in Kisten wie Baumäste gestaucht, kippend, wippend, hott, hott durch die Luft.
Oh wie schmeckten die gebackenen Muscheln, die Törtchen und Konfitüren Seiner Kaiserlichen Majestät. Schand und Schmach, daß einer Graf, Fürst, Erzherzog, Römischer Kaiser werden kann und der Magen wächst nicht mit; die Gurgel kann nicht mehr schlucken, als sie faßt; der schlaue Abt von Kremsmünster wie der Kaiser, der Fürst von Eggenberg, der Liechtensteiner wie der Kaiser, der Oberstsilberkämmerer, der Oratoriendiener, der Truchseß, Vorschneider, Tapetenverwahrer, Küchentürsteher wie der Kaiser, Marchese Hyacintho di Malespina, Ugolino di Maneggio, Thomas Bucella, Christoph Teuffel, der Organist Placza wie des Heiligen Römischen Reiches alles übersteigende gesalbte Kaiserliche Majestät, in einem Takt raspelnd an einer Waffel.
Oh wie schmeckte dem Kaiser unter seinem weißen Reiherhut der Tokaier aus dem Venezianer Glas. Wie schlug er sich den Schenkel, warf sich tiefer in das Gestühl, vergrub sein im Gelächter entlarvtes Gesicht im Schoß.
Durch die verhängten Bogenfenster summte Abendgeläut, als Ferdinand mit glühenden Wangen vor seinem zurückgeschobenen Stuhl stand auf leicht schwankenden Knien; die herabgesunkenen prallen nassen Hände trocknete ihm rechts und links ein Kämmerer ab. Und mit verschwimmenden Blicken, tief und langsam schnaufend stand er vor der Tafel, den Gästen Trabanten Kammerherrn. Die Stühle rückten, die Servietten fielen auf den Boden, die Edelknaben sprangen mit den silbernen Gießkannen und Waschbecken zurück hinter die Stühle. Die Gäste hatten sich auf die Füße gestellt, bogen die Nacken gerade, klemmten die Lippen ein.
Der Fürst von Carafa wich zuerst auf einen Blick des Oberhofmarschalls gegen die Wand, die Musik brach ab. Vor der kleinen Bronzesäule des drachentötenden Herkules stemmte der Spanier, das böse hitzedurchwühlte Wisent, sich auf, hob die Schultern. Und als wäre die Reihe der Herren am Tisch ein Wurm, dessen Kopf sich zur Wand bog, so rollten sie nacheinander weg vom Tische an die blitzende Brokattapete, und der Wurm schwankte, schlug vorwärts rückwärts.
Untersetzt, dickleibig, auf den kurzen Säulen der steif gewordenen Beine trug sich vom obersten Platz unter dem Baldachin her Kaiser Ferdinand der Andere. Von dem Ufer der dampfenden damastgebetteten Gerüche, von den gelben roten weißen Quellen riß er sich los. Seine blanken Wangen strotzten vor Wohlgefallen, Fuß setzte sich vor Fuß; er zog den weißen Hut vor jedem Herrn, ohne den Kopf nach links zu ihnen zu drehen. Graubärtig folgte auf spitzen Füßen der Kammerherr vom Dienst; vor der blauen Samtjacke, der hohlen Brust ließ er vom Hals herab den goldenen Schlüssel schaukeln, trug Mantel und Gebetbuch hinter der Majestät. Der Leibarzt darauf mit niedergeschlagenen Augen, im schwarzen Tuchrock, Thomas Mingonius, Verwalter kaiserlicher Gebrechen; seine Nase schnüffelte; die Lippchen trieb er zum steifen Rüssel vor. Zwei Kammertürhüter unhörbar.
Und wie an einem Efeuspalier Blatthaufen nach Blatthaufen sich unter dem Windstoß duckt, verneigten sich die Herren. Carafa hatte längst seinen Kopf wieder vor der Brust hängen, als die weinrote Exzellenz Eggenberg den Leib einzog, seufzend sich wieder einrenkte. Verneigt hatte sich vor dem Träger der Krone des deutschen Reiches, dem Herrn zu Ungarn Böhmen Dalmatien Krain Slavonien, unbeschränktem Erzherzog zu Österreich, Herzog zu Burgund Steiermark Kärnten Württemberg, vor dem Szepterschwinger in Ober- und Niederschlesien, Grafen zu Habsburg, Grafen zu Tirol, Grafen zu Görz, verneigt neben dem vielgeliebten Hans Ulrich von Eggenberg, dem freundlichen spitzbärtigen Kavalier, dem alten Schlemmer, das unruhige Pergamentmännlein in violetter Robe, trüben Auges, Herr Anton Wolfrath, Mönch Abt Bischof Fürst Nichts. Verneigt edlen Gesichts, zypressenschön, mit Perlenringen in den Ohren, die Strenge der Blicke aufgelockert vom Weindunst, der Sohn des italienischen Spezereihändlers Verda, residierend auf dem Neuen Markt, Johann Baptist von Werdenberg, Graf und Hofkanzler. Der schwarze dichthaarige Böhme Questenberg, Graf Gerhard, nicht lange noch Registrator, gewaltig unter seinem Schnurrbart blasend, der sich sträubte und aufstellte, glotzäugig, Bärenbeißer mit Wulstlippen. Verneigt Zdenka von Lobkowitz. Verneigt im Schmuck des Goldenen Vließ der sehr bleiche Geheimrat Meggau.
Ganz unten am Vorhang stand der Oberst der Leibgarde in hohen Reiterstiefeln, schimmerndes Wehrgehenk über dem hellgelben zobelverbrämten Wams, Neidhard von Marsberg, kolossal von seinen Schultern schauend, schäumend in süßer Betäubung, an seinem spanischen Kragen reißend: „Bärenhäuter! Schelme! Malefizverbrecher!“ Wußte nicht wer, konnte in Wut und Verehrung nur noch die Arme über die klirrende Brustwölbung verschränken, auf die Knie sinken hinter dem schon verschwundenen Kaiser.
Nach dem Empfang des Primas von Ungarn erbat sich der Kaiser Urlaub von seinen Ministern. Er brauchte mit einer erzwungenen Freundlichkeit diesen Ausdruck. Es war den Herren bekannt, daß dem Fürsten Wien seit Monaten nicht behagte, daß er sich mit dem Gedanken trug, gänzlich nach Prag zu verziehen, in den prächtigen düstern Gemächern des Matthias und Rudolf zu hausen; es ließ sich schwer fassen, was dahinter steckte. Man schob es auf die unaufhörlich wirkende Trauer um seine tote Frau; sie lag schon seit fünf Jahren in Grätz, in der Kapelle der heiligen Martyrin Katharina; man dachte an Ferdinands Zorn über den Adel Wiens, der ihn bei dem Protestantensturm auf das Schloß vor einigen Jahren im Stich gelassen hatte. Aber diese Gestalt des Habsburgers, seine Mimik, wie er, noch triefend von den Soßen Weinen der Festmähler, sich vom Sitz erhob, gegen Schrems hinausritt, nach dem Wallfahrtsort Hoheneich, fast unbegleitet, nach flüchtigen Abschiedsworten, war dem Hof und den Räten auffällig.
In Hoheneich stand ein niedriges Kirchlein; innen zwischen zwei Pfeilern in ihre Mauer eingelassen, gleich an der Pforte, eine Eichentür, mitten zerklüftet, von Eisenklammern zusammengehalten, altersbraun unscheinbar. Ein frecher Landadliger hatte einmal diese alte Kirchentür verrammelt, als eine Prozession von Schrems heraufkam; im Gebüsch saß er mit seinen Spießgesellen, um sich an dem Spektakel zu ergötzen. Die Chorknaben schwangen die Rauchfässer, die Monstranzen klangen, vorn der Fahnenträger senkte das Seidentuch auf der Treppe: die Tür sprang auseinander, die Kinder sangen weiter! Der Edelmann wollte im Schreck sich aus dem Ginster erheben, den beiden andern stiegen Reuetränen in die Augen. Sie rissen die grünen Sträucher vor sich auseinander, ihre Waffen blieben im Gras, sie trabten langsam gegen den Zug hin, bis man Steine gegen sie schleuderte, als sie sich anschließen wollten. Der Edelmann lief beiseite, stieß einen Schrei aus, aber zu seinem Entsetzen fuhr ein greuliches Gebrüll aus seiner Kehle. Als er sich umdrehte nach seinen Freunden, liefen da zwei starke Bulldoggen; er selbst wedelte mit dem Schwanz, war ein rippendürrer brauner Fleischerhund, der sich die Brust begeiferte. An einem Galgen unweit des Orts hat man später die drei Hunde erschlagen und eingescharrt.
Der Grasboden federte unter den Tritten der Pferde, sie fielen in ruhige Gangart. Die Erde wurde weich, spitze Halme stellten sich mit rauhen Scheiden auf, scharrten an den Pferdehälsen. Die Hufe planschten in Pfützen, das schwarze Wasser spritzte an den Bug der Tiere, über die Beine der Herren. Der weiße Windhund Ferdinands, ebenmäßiges hohes Gebäude mit langen Behängen, lief spielend. Als sie die Schlagbrücke hinter sich hatten, die wüste Uferfläche des untern Werd durchritten, kreischte Jonas, auf einem Maulesel kläglich nachtrabend, jenseits zwischen den Halmen fast verschwindend, streckte am Häuschen des Brückenwärters Arme und Beine nach ihnen aus: „Weh, weh!“ Zwei Herren trabten zu ihm. Seine braune Bergmannsgugel mit dem Hahnenkamm schüttelte sich heftig, die hohen Eselsohren klatschten herum. „Ich nehme Abschied von Wien. Nehmt Abschied mit mir.“ Und zottelte über die schallende Brücke, schwenkte drüben vor den wartenden Reitern sein Mäntelchen, listig lächelnd, spitz lachend, schlug die Klapper. Die Donau lag vor ihnen, ein feuchtwarmer Wind blies herüber. „Stäubt ab, edle Herren. Nehmt nichts mit von Wien. Versagt es der ehrbaren Stadt nicht, ihr Hab und Gut wieder zu erstatten, die Häscher könnten sonst hinter uns kommen.“ Sie folgten belustigt, schaukelten Umhang und Überwurf gegen den rollenden Fluß. Ferdinand sah das braune verwachsene Geschöpf scharf an, gab ihm nach einer Weile seinen Achselmantel. Unter Verbeugungen gegen das breite Gewässer, gegen den Stefansdom und die starken Basteien schüttelte der Wicht das bestickte Tuch, klopfte es zärtlich mit seiner Klapper, übergab es dem nachdenklichen Herrn. Es sei nunmehr sauber, kehlte er gedämpft und versöhnlich, frei vom Staub des hohen Marktes, der Freiung, Bendlergasse, des Grabens und — des Hohen Rates. Ein Peitschenschlag des Stallmeisters brachte ihn auf sein Grautier.
Neben der Buchenallee, die sie ritten, erhoben sich Hügel mit dichtem Unterholz. Vorsichtig gingen die Herren das Gestrüpp an, dann schleuderten die Pferde unter den Asthieben die Köpfe, ihre Zungen warfen unruhig das Trensengebiß, sie drängten kauend zurück vor dem Finstern, strauchelten, bogen auf den Weg. Auf den hochbeinigen Tieren tanzten die glänzenden Herren von Windstößen gefangen und freigegeben zwischen Schwarzdornhecken Ochsenzäunen über die Wiesen. Sie kehrten nicht ein in die Meierei vor Schrems. Ferdinand schien es vor Ungeduld nicht auszuhalten, im Steigbügel schluckte er ein Glas saure Milch. Über Sturzäcker, durch lichtes Stangengehölz. Schwarzbeinig gegen die Luft auf einem Hügel der Hundegalgen mit drei Standbalken.
Bei seinem Anblick war der Kaiser wie ausgewechselt. Sie gingen neben ihren abwärts schnüffelnden raffenden Tieren um das leere Gestell. Übermütig bellte der antrottende Tafelrat auf dem Esel. Graf Paar, ernst, blondbärtig, blauer Samthut, blaue Kniebänder, führte die Pferde, die mit zuckenden Lippen gebückt zu weiden begannen. Man beschloß sich ins Gras zu legen, zu schmausen. Paar und der Narr liefen nach Hoheneich hinauf. Auf einem kleinen Leiterwagen schleppten sie nach einer halben Stunde den erschrockenen Diakon im Chorhemd auf die stille Wiese nebst zwei verschüchterten Scholaren, hoben herab ein Tönnchen Wein, Gläser Teller, ganze Schinken, rohe Eier, Lattich. Den Wagenplan rissen die Herren herunter, der Kaiser aber wollte nicht darauf sitzen, er knipste Grasspitzen ab, schnellte seinen Begleitern Blumenköpfe ins Gesicht, zerblies vorsichtig Pusteblumen und war, ehe der Karren mit Butter Salz Brot angetrieben war, sitzend am Galgen eingeschlafen. Sein gelbfahles, faltiges Gesicht im Schlaf so freundlich, daß es schien, als unterhielte er sich im Traum mit Kindern. Der Windhund beschnüffelte ihn, schob seinen Hut mit der langen Schnauze vom Schoß herunter, streckte sich mächtig aus, die Vorderpfoten auf den Jagdgamaschen Ferdinands.
Eine straffe ältliche Gestalt in Schwarzbraun mit Silberschnüren lehnte an einem Birnbaum, den starken aschfarbenen Kinnbart zupfend, ließ den Hut auf die Erde fallen, flüsterte: „Wir sind auf der Flucht, ihr Herren.“
Jonas näselte: „Auf der Flucht, ihr Herren.“
Mansfeld setzte sich neben die andern, weiter flüsternd: „Vielleicht geht’s nur nach Wolkersdorf. Vielleicht auch nach Steiermark.“
„Oder geradeswegs zum Bassa von Ofen, oder zum Großherrn in der Türkei,“ grinste Jonas.
Mansfeld langte herüber, packte ihn, ohne das Gesicht zu verziehen am Hals, kippte ihn in der Luft um, preßte ihn auf den Bauch, zischelnd: „Nicht quaken, Frosch. Nicht quaken, Frosch.“
Der plärrte, kroch losgelassen aus der Runde. Graf Paar zog die Beine an, umschlang die Knie: „Der Herr Oberstallmeister beliebten etwas zu meinen.“
Seufzte Mansfeld, dessen Augen unruhig gingen: „Es wird etwas geschehen müssen.“
Kalt Paar: „Vermeine, wir sind keine Hunde, die die Sau zu verbellen haben.“
Der Kinnbärtige streichelte seine rosa Hutfeder sehr langsam. Da lag lang auf dem Rücken ein junger Baron, warf sich nicht einmal herum in seinem kostbaren Scharlachkleid; mit seinen schrägstehenden Augen, die aus einem bronzefarbenen glatten Gesicht blickten, verfolgte er weiße schimmernde Wolkenberge: man möge tun, wie man denke; jedoch denke er nicht wie der Graf Paar.
„Also wir verbellen das Wild?“
Der Baron ruckte kleiderscharrend hoch, saß dicht neben Paar, fixierte ihn, zog die Beine in den Scharlachhosen ein, umschlang die Knie: der Herr sei Liebling des Kaisers und liebe den Kaiser, möchte keiner ihm verwehren nach Belieben zu tun.
Leise erklärte der Oberstallmeister, er müsse des Erzherzogs Leopold Hoheit benachrichtigen, wenn sie etwas Sonderliches befürchten würden; er könne sich dem nicht entziehen, auch die Exzellenz Eggenberg, den Abt Anton und den Beichtvater müsse er rechtzeitig aufklären; es müsse um des Heilands willen etwas geschehen.
Eine Herde weißer Gänse schnarrte und schrie getrieben an ihnen vorbei. Paar stand nach einer Pause auf; meinte finster, es brenne nicht, die Herren seien ängstlich. Im übrigen seien in jedem Dorf Pferde da, um Nachrichten zu überbringen, auch Burschen, die reiten könnten. Er sei kein Herr vom Rat, sei nur der Person der Kaiserlichen Majestät Dienst schuldig. Als sich der bronzene Kopf des prächtigen Barons, des Peter Mollert, gegen ihn hob, lachte Paar heftig, überfuhr dann plötzlich maßlos den staunenden; der Kaiser brauche Hilfe, das sähe man. Ob man sich als Schmarotzer am Kaiser bewähren wollte, was diese Reden von Benachrichtigungen des Hofes besagen sollten, er werde den Kaiser wecken, ihn aufklären, ihn ihnen entreißen. Der Baron wich mit seinen glitzernden Augen dem Grafen aus, bat, mit Mansfeld Blicke tauschend, sich nicht stören zu lassen, jedoch auch nicht den Schlaf des Herrn durch überlautes Schelten zu stören. Er sog an einem Halm. Mansfeld pfiff durch die Zähne.
„Was bin ich mehr als ein Hundsfott,“ grollte Paar, „wenn ich nicht zum Bassa von Ofen mit ihm rennen wollte, wofern es ihm in den Sinn kommt. Wäre sonst nichts als ein Fleck Speichel an seinem Rock.“
Mollert streckte sich golden und scharlachrot im Grün aus. Klar und kalt beobachtete der rüstige Mansfeld den Kaiser, scharf verfolgt von dem glühenden Grafen, der sich seitlich von ihm, die zornzitternde Unterlippe biß.
Freundlich lächelte am Galgen lehnend der Herr mit dem gelben kindlichen Gesicht im Schlaf; die Peitsche war ihm aus der Hand gesunken. Mit leichtem Satz sprang der Hund über seinen Körper auf die andere Seite.
Im schwarzen Jesuiterkleid, den viereckigen Flachhut in der Linken, führte der Pater den zögernden Fürsten in die Kirche. Die Tür fiel hinter ihnen zu. Auf dem kleinen Altar vorn brannten zwei hohe weiße Kerzen, unsicher leuchtend, ein Kruzifix aus Metall zwischen ihnen. Durch den finstern Gang wurde der Fürst geführt. Seinen kleinen grünen Hut legte er vor sich auf den Teppich der Stufe, der Pater kniete neben ihm. Ohne den Kopf zu beugen kniete der grauhaarige Fürst. Als wenn er aus der Wand etwas auf sich zukommen sähe, hielt er den Hals steif. Er wartete wie auf einen feindlichen Angriff, vor einer fürchterlichen unsichtbaren Front. Sein Mund war gepreßt, in seinen geballten Händen sammelte sich der Schweiß. Er kniete, aber er saß auf einem gepanzerten Roß im Harnisch, eine schwere Lanze unter dem Arm, rührte sich nicht.
Als der Pater das Zeichen zum Aufbruch gab, konnte sich der erstarrte Mann nicht erheben; er fiel auf die Hände, vergaß dann seinen Hut auf der Stufe. Wie ein Blinder war er in die Kirche gegangen, schweißüberflutet verstört bewegte er sich draußen an der blauen lerchendurchjubelten Luft. Der Geistliche gab ihn höflich lächelnd den Herren ab. Tief verneigte sich der Kaiser vor dem Geistlichen. In einer schweren Aufregung saß er am Spieltisch des Schlößchens, schwieg wie die andern.
Man brach früh auf zur Wildschweinjagd. Es ging nach Begelhof. In die neblige Luft ritt man hinein, das Laub stiebte Nässe, der Kuckuck rief fern im Holz, wonnig vergruben die Pferde im fuderhohen Blattwerk ihre glatten Füße. Je mehr die Sonne stieg, um so heftiger wurde der Vogelgesang, schallend riefen sich die Finken und Stare an, mit schwerem Flügelschlag segelten aus dem niedrigen Tannenwald dicke schwarze Krähen in das aufgebrochene Feld, lärmten heiser, siedelten sich an um Wurmlöcher. Die krummen Rücken der Reiter wurden grader, die Stumpfheit verblaßte in den Augen, die Körper, noch eben schwer sackend, fühlten sich in das elastische Wiegen und Schreiten der Pferde ein. Es ging flach nach Begelhof hinein. Von dort vieltöniges Kläffen. Am Holzhäuschen des Rüdenmeisters, vor den langen Zwingerhütten, Rendezvous. Morgentrunk im Freien. Fünf Hörner riefen in die Sättel.
Da wimmelten um die starken Rüdenknechte die Koppeln der französischen Hunde, Schweißhunde, Saufinder, die schwarze und braunschwarz gezeichnete Meute. Hinter den Kätnerhütten auf den Äckern bewegten sich ängstliche Bäuerlein, versteckten sich. Braunkappige Landleute trabten in Gruppen feldeinwärts, führten schwere Gäule, Karren zum Zugrobot, suchten die schmalen Saumpfade, hinter einander gereiht, aus den Hütten bedroht von halblauten Rufen und raschen Fäusten. In der Nähe pfiff es, lärmte plötzlich: die Wildkästen waren geöffnet worden, draußen rannte der vom Licht geblendete Keiler, die Hunde jaulend und springend, sich überkugelnd, rissen besessen an den Leinen. Die Riemen sausten über sie. Der Anjagdruf. Da rasten die Hunde, vor den Wind geworfen, leise knurrend mit tiefen Ruten in die Ackerfurchen. Das Feld setzte sich in Bewegung.
Und wie sie ritten auf der Fährte des todesbangen verzweifelten Schwarzkittels, über die stark duftende aufgerissene Fläche der Äcker, da fingen die Herzen der Herren zu beben an; das Herz Ferdinands bebte in der alten Lust, die Hitze stieg aus dem weißen Pferdefell in seine Arme, wogte aus den Schultern zurück in die Hände, um die Hüfte. Unter dem Silbergurt für das starke Schweißschwert schwelte die Luft so wild, daß sie das feine panzermaschige Hemd durchdringen, sich dem flatternden weißgrünen Überrock mitteilen mußte. Geschnürt war das Griffholz des Schwertes, lang und fest die Klinge mit den tiefen Rinnen, kurz vorne das zweischneidige blanke blutheischende Messer. Wind war nicht mehr Wind, Wald nicht Wald, Morast nicht Morast. Die Pferde flogen, kaum den Boden tastend, um ihre Hälse wehte Dampf. Zäune Häuschen Büsche sprangen mit einem Satz gegen sie, hinter sie zurück. Die Pupillen der Kavaliere unter den windschwellenden Federhüten, unter den roten Stirnen verengerten sich in der blitzenden Helligkeit, die Lider drückten sich zusammen in wachsender Inbrunst. In Reihen wurden die Herren über Hürden und Schwarzdornhecken gehoben. Die Tiere rissen, die Hinterhufe abstoßend, die gekrümmten Vorderbeine an die aufgerichtete Brust; im Schweben warfen sie Erdballen nach rückwärts, die Hinterhufe schlossen sich aneinander, während schon die Vorderbeine wie Fühler nebeneinander vorgestreckt gegen den neuen Boden tasteten, der sie empfing, sie weiter schwang. Gespitzte Ohren nach vorn.
Sehnsüchtiger, lockend der helle Chor der Hunde. Der Boden wurde knietief, der Eber warf sich zwischen durchbrauste Gehöfte, durchschwamm Tümpel. Koppeln hinterdrein, Pferde hinterdrein, Jäger obenauf. Flechtwerk, Furten, Dickicht. Vier knappe Sekunden stand der schwermütige böse schwarzplumpe Keiler, mit den kurzen morastigen Beinen, die Schnauze an dem halslosen Kopf gesunken, dann brach er in das kühle Unterholz. Kopfüber die Hunde in das Dickicht, im Schwarm eingesogen, verschwunden. Herren und Pferde abprallend am Gebüsch warfen sich im Anschwung links herum, nach rechts vor.
Mit rotgeäderten Augen, keuchend Ferdinand und einige Herren, versunken, verloren auf den stoßenden Rücken, wutertrunken, berauscht. Man schoß in den Wald, das Pferd wand sich unter den Sporen, das Geläute der Hunde klang näher ferner durch die Schwärze aus dem Brombeergewirr. Sie kämpften gegen das Dickicht, arbeiteten schweißgeblendet berstend vor Grimm und Lust gegen Äste Gestrüpp Tier. Rings war der wüste Keiler umfaßt, die Meute jauchzte im brechenden Unterholz. Da zappelten die Hunde unter dem Schimmel Ferdinands, der die Peitsche besinnungslos hob, die Krücke auf die Nase des stöhnenden Tieres schmetterte. Auf den Hinterbeinen stand es auf, drehte sich, zwei Schritt zurück, warf drehend umstürzend seinen Herrn zwischen die flüchtenden Hunde, sich selbst gegen einen schaukelnden Fichtenstamm, an den es mit den Füßen hieb, grimmig hilflos auf dem Rücken strampelnd wie ein Käfer. Heiß quietschte winselte die Rüde, der von den fallenden Füßen des Reiters eine Flanke aufgerissen war.
Paar, aus seiner Besessenheit geweckt durch das Keifen des Tieres, rückwärts blickend, sprang ab, taumelte nach hinten, stürmte: „Mansfeld, Mollert,“ die weiter preschten. Wie er die starren Asthaufen übersprang, stellte sich der Schimmel mit wütendem Werfen und Ruck auf die Knie, stand zitternd flankenschlagend aufgeregt neben dem Kaiser, der mit blaurotem Nacken auf dem Nadellager bäuchlings hingestreckt war.
Als Paar ihn umdrehte, richtete er sogleich den Oberkörper auf, sah blicklos, die Arme hinter sich auf den Boden stemmend zwischen den Pferdebeinen hindurch. Wie eine Puppe wurde er von Paar gegen einen Stamm geschoben. Seine Sporen rissen Bahnen in den Boden, dabei flaute sein Gesicht ab, er faltete die Hände, senkte wie betrübt den nadelbeklebten Kopf, bewegte die Lippen. Jenseits des Dickichts klingelte hörbar die Jagd, das Wild war ins Feld entwischt. Mit Ächzen schob sich der Kaiser in die Knie. Dann stand da das Pferd, seine Schabracke, Graf Paar hielt seine Schultern, drängte die Jagdflasche an seine Lippen.
Trübe wurden die Augen des Kaisers, er ließ sich hochheben, blickte jammervoll den Kammerherrn an, der an seinem Gurt nestelte, um das Schwert abzuschneiden. Lange standen sie so, die Lippen zitterten dem Fürsten, konvulsivisch zuckten seine Schultern: „Was ist geschehen. Was war das?“ Er stammelte, schluckte Wein aus der Flasche, die ihm Paar in die Linke gepreßt hatte, sprudelte gedankenlos den Rest auf den Boden.
„Was denn, Majestät?“
„Paar, ich war bald hin. Es hat mich bald erwischt. Ich muß beten. Ich muß beten.“ Er murmelte, rieb sich die verschmierten Hände, wimmerte verwirrt. „Es hat eines Zeichens bedurft. Ich habe es nicht erwartet.“ Er stöhnte, saß auf einem Baumstrunk, wischte sich Blut von dem abgeschürften Scheitel, flüsterte mit steifen Blicken auf den Grafen, die Hände ballend: „Wir sollen uns nicht fürchten. Wir haben die Gewalt in Händen. Was hat der Graf Paar zu sagen?“
„Nichts, Eure Majestät.“
Er schmetterte sich die Faust gegen die Brust, streckte in steigender Erregung das sprühende zuckende Gesicht gegen den blassen Mann auf. „Nichts, Eure Majestät“ hauchte er. Stumm donnerte Ferdinand noch einmal gegen seine Brust, den Mund offen, schäumte, erhob sich taumlig, schüttelte den zurückweichenden Mann an den Schultern. „Sieh an. Willst du mich ausforschen. Wer hat dich geschickt?“
„Majestät fielen vom Pferd, ich ritt dicht vorauf im Feld.“
Hin stürzte Ferdinand mit Klagen auf die Knie: „Gestorben beinah, ohne Beichte wär’ ich gestorben. Das Leben verlassen, befleckt, unbefreit.“
Paar biß sich auf die Lippen, in Scham und Ehrfurcht zog er den Kaiser hoch, faßte ihn unter den Arm, führte ihn, während er mit der Linken das Horn anhob, blies. Dem Herrn floß von der Stirn ein Blutstreifen über den Nasenrücken gegen den Mund. Als wäre nichts geschehen, folgte der Herr, schräg auf dem Hinterkopf den Hut mit der zerbrochenen Feder, blieb nach einer Weile stehen, horchte ins Gehölz, lächelte seinen Begleiter an, gefesselt von Betäubung, die ihm sanft über das Gehirn und den Hals strich: „Blas noch einmal. Schön bläst du.“ Er ging pirschend voran, mit dem Schweinsschwert fuchtelnd, die Augen mondhaft weich, die Züge gleichgültig entspannt. Der gequälte Paar lief um ihn, die beiden Pferde lockte, zog er, plauderte, öffnete traurig Büsche vor dem Herrn.
Ein plötzlicher Gedanke zuckte durch ihn: Wenn der Kaiser fliehen wollte, — er wußte nicht, warum er es wollte, aber wenn, — dann jetzt. Die Jagd konnte nicht rasch zu Ende sein. Jetzt. Es war alles von ihm vorbereitet, die Wagen und Knechte standen bereit am Fährmannshaus von heut ab. Der Kaiser wollte fliehen, er konnte ihn aus einer dunklen Not erretten, er war in seiner Gewalt, es konnte keiner dazwischen fahren. Jetzt.
Um Paar drehte sich der Wald. Nur einen Moment wehrte er sich gegen den Gedanken. Im Augenblick aus dem Dickicht, auf den Pferden. Paar biß die Zähne zusammen, schwang die Peitsche: „Hoh!“
Sturzäcker. Der Kaiser hing dumpf an seinem Tier, sah auf die Mähne, ab und zu auf den Horizont, bisweilen warf er antreibend die Zügel. Das Tier lief ebenmäßig neben Paars. Kein Klingeln der Meute mehr, kein Rufen Lachen der Herren. Meilenweite Grasfläche, links blauumdunstete Hügelreihen; wenn der Wind die Luft hoch warf, regten sich dahinter schwarzgrüne Baumkronen. Paar lechzte über den Kopf seines Tieres hinweg, sein ernstes Gesicht zitterte in vielen Bündelchen, seine geschlitzten weißgrünen Ärmel schwollen zu Glocken auf, die linke Hand mit den Zügeln nackt erdig; zerrissen die hohe Spitzenmanschette des rechten Handschuhs. Die Pferde ruckten sprangen; in der ungeheuren Heide zappelten sie wie Schwimmer im Meer, arbeiteten, auf ab, die kleinen hüpfenden Tiere.
In die anwiegende Luft stöhnte Paar, dunkel verzweifelt: „Mein Heiland, tu ich recht.“ Er rief zur Seite: „Wir sind schon weit.“ Es klang nicht, es konnte niemand gehört haben. Er rief: „Wir sind schon so weit.“ Weg war es, zwanzig fünfzig Schritt hinter ihnen. Hatte es jemand gehört. Der Schall am Munde weggeschnappt. Das Trappeln der Pferde ließ sich nicht hören, das Riemenzeug knarrte nicht; im raschen Takt Gießen Strömen des Bluts in den Ohren, Verdunkeln des Blicks.
Der Kaiser hing auf seinem Schimmel. Geheimnisvoll erregt klang es herüber: „Wir sind schon weit, so weit.“
„Graf Paar.“ Der Schall am Munde weggeschnappt. „Paar, Hans, Hans.“ Anwiegte der Wind, schwappte um Brust Gesicht, schloß sich im Rücken zusammen. „Langsamer, Hans. Reit’ langsamer. Hörst, du mich?“
Der Kaiser. Er saß aufrechter, den Hut knautschte er vor sich am Sattel, die Linie geronnenen Bluts über der Nase. Paar riß die Zügel an. „Wo sind wir, Hans?“
„Eine halbe Stunde noch.“ Die Pferde liefen rascher. „Wohin führst du mich? Wo läuft der Keiler?“ „Wir sind schon weit. Majestät werden sehen.“ Paars Stimme jauchzte fast; seine Mienen wechselten zwischen Angst und Zärtlichkeit. „Da ist Rauch. Sie verbrennen Kraut auf dem Feld. Es ist verabredet. Da die Fahne.“ Schroff fiel die Ebene, jäh klangen Rufe hinauf. Am Ufer eines weißblinkenden Flußlaufes weideten Viehherden, neben einem Fährmannshaus liefen Menschen, standen Wagen. Hellblau schwelten Rauchwolken in die Steppe herüber. Dem Grafen strahlten die Augen, er brüllte frenetisch herunter, winkte. Eine Wolkenwand stand schwarz jenseits des Wassers, dicke Tropfen fielen, die Gräser sprühten blitzten in der matten Sonne.
„Gerettet. Es sind die Wagen. Unsere Wagen. Die Leute sind treu. Hier! Hooo—ah hooo—ah!“ Der Kaiser spannte sich zusammen, sein Pferd schluckte, rückwärts gerissen das Maul aufsperrend, Luft, tanzte auf den Hinterbeinen. Paar, ihn überschießend, kehrte um, atemlos, entzückten Gesichts, atemlos atemlos: „Es sind die Wagen. Mögen mich Majestät enthaupten. Rettung. Wir sind gerettet.“
Heiser rief der Kaiser, die Augen bis zur Weiße aufreißend, mit der rechten Hand auf die anrennenden Knechte mit Piken und Partisanen weisend: „Wer sind die? Was wollen die?“ Paar Arme hebend: „Bleibt stehen. Bei den Wagen bleiben. Nicht hierher! Es sind ja unsere Leute.“ Der Kaiser donnerte: „Hund, Bestie, hab’ ich dir befohlen, mich hierher zu bringen. Schalk du, ich metzle dich nieder auf der Stelle. Wo hast du mich verschleppt? Was soll ich, was willst du mit mir?“ Paar abgesprungen glutrot schweißübergossen hängte sich an den Hals des fremden Rappen: Der Kaiser solle kommen, der Kaiser solle sich nicht fürchten, es sei geschehen, er sei gerettet, es könne ihm nun nichts widerfahren; die Freiheit, wohin er befehle, die Leute sind zuverlässig, Gewänder liegen bereit.
Und in Ferdinand, während er vor Wut berstend das Pferd herumwarf, den Mann beiseite schleuderte, die Sporen einsetzte, schwebte schon, die Flammen zu heulendem Entsetzen anblasend der Gedanke: So steht es um mich, so weit bin ich; entlarvt.
Die unendliche Steppe. Der dünne schräge Fadenregen zog hinter ihnen her, überrieselte sie, legte einen grauen Schleier vor sie. Paars Pferd drängte sich an seins, Paar drängte sich verlangend, Hände hinlangend an ihn, rief etwas dem Mann zu, der den Kopf auf die Brust vor dem Wasser senkte. Die Sätze verschluckt, die Stimme schrie, beschwor den andern, suchte ihn vom Pferd zu bewegen. Um des Heilands willen nicht zurück, er möchte vertrauen, o vertrauen. Von drüben die Worte: „Wo ist die Jagd? Führt mich zurück. Ihr seid verloren sonst.“ Immer weiter in die rieselnde Dämmerung. Die lautlosen Pferde. Hinter dem Kaiser, zu seiner Seite, jagte Paar. In dem Kaiser stieg die Angst, saß an seinem Rücken, auf seinen Schultern: „Der Satan ist da.“ Gehölz zur Rechten, schwellendes federndes Moos. Flitzend zwischen Stangen, gespensterhaft vorbei Hütten Zäune. Schonungen rauchten vorüber. Der Graf erblichen wurde von einer Betäubung, einer Stirn umschließenden Abwesenheit befallen; eine Erstarrung durchdrang seine Brust von Minute zu Minute stärker; ein hopsendes Fleischgestell warf das Pferd auf ab, auf ab.
Hörner, viele Hörner, grelles Blasen. Menschenrufe. Schwarze Haufen auf dem Feld, bellende Hunde. In ein Gewimmel von Knechten stürmten sie ein. Lange später hetzten die Herren an, die aus den Wäldern von der Suche zurückkehrten.
Blaß stierte der Kaiser regentriefend neben seinem Pferd. Die Herren legten ihm Mäntel und Tücher um. Er sei gestürzt im Dickicht, er hätte sich mit dem Grafen Paar verirrt. Knechte jagten nach einem Feldscher. Paar schritt erschöpft hinterher, gab keine Antwort.
Im Schlößchen sagte Ferdinand zu ihm, er sei ein Verräter. Als Paar nur stumm niederfiel, befahl Ferdinand ihm, sich still zu verhalten, sich ohne weiteres aus seiner Umgebung zu entfernen. Als Paar sich der Tür näherte, schäumte der Kaiser, dem Tränen in den Augen standen, vor Zorn: „Hans, ich muß dich vor Gericht stellen, ich muß dir den Kopf abschlagen lassen, ich muß dich ins Eisen werfen lassen. Du bist ein Schelm, du bist ein —. Verrucht bist du, ein Schuft bist du, ich kann dich nicht so gehen lassen.“
Kopf gesenkt stand der völlig leere Paar, der noch die nassen verschmutzten Jagdkleider trug.
„Ich weiß nicht, ob ich dir verzeihen kann. Ich kann nicht. Ich kann nicht.“
Wie Paar kniete, bückte sich der Kaiser, den schwarzen Seidenrock mit der Linken zusammenraffend, schlug ihm zweimal mit der Faust auf den Kopf, stieß ihm gegen die rechte Schulter, spie aus. Der Graf wankte rückwärts, lag halb am Boden.
Heiser Ferdinand: „Du bleibst noch hier.“ Er ging vor den abendlich beschienenen Fenstern hin und her. Nach einer Weile sagte er: „Geh jetzt. Du bist still. Am Hofe bleibst du, bis ich dich fortschicke.“
Als der Fürst in größter erschreckender Unruhe zur Frühmesse erschien, mit graugrünem geschrumpften Gesicht aus Hoheneich von der Beichte zurückkehrte, wagte niemand sich ihm zu nähern. Dann fiel bei der Mahlzeit das Wort „Dighby“, es wurde in den Gartenzelten von Tisch zu Tisch geworfen. Der Kaiser fragte, am ganzen Leib fliegend. Man wußte nur, daß er, der englische Gesandte, einen drolligen hochmütigen Einzug in Wien gehalten habe, daß, wie vom Abt Anton verlautete, der englische König Vermittlung anbiete zwischen der Römischen Majestät und dem Pfälzer samt seinem noch kämpfenden Anhang. Der Oberstallmeister wartete lange, bis der Kaiser etwas herausbrachte.
„Uns ist ein guter Tag beschieden, Graf Mansfeld. Laßt Euch die schlimme Jagd gestern nicht gereuen. Wir bleiben nicht hier. Nach Wien! Laßt uns Herrn Dighby begrüßen.“
Wie den hoffnungslos Verirrten ein ferner Lichtschein von einem Haus, aus einem Stall, von dem Wachtfeuer einer Söldnerhorde, von einem Waldbrand, so zog Ferdinand Dighby an, der englische Gesandte, vom König Jakob zum Grafen von Bristol ernannt, von Brüssel aus dem Quartier der spanischen Infantin hergereist. Ferdinand hieß Reisewagen beschaffen, um bequem zu fahren.
„Nach Wien geht es, meine lieben Herren, mein lieber Mollert, Graf Mansfeld. Es gibt Frieden im Reich, ihr werdet sehen. Was halten wir uns auf, wenn solche Freude für alle Welt bereitet wird. Nach Wien!“
Unter den Herren war auf der Rückfahrt nur ein Gerede: wie man die unerwartet rasche Heimkehr feiern wolle. Erst fieberte der Kaiser; in ihm schwang es stürmisch auf und ab, durchschwoll ihn mit gewaltsamer Bewegung vom Hals bis in den Leib, ließ ihn lachen, sich freuen, sich vorwenden zurückwenden, Hände schütteln, nicht zur Ruhe kommen. Der blitzende Mollert lag halb im unverdeckten Wagen, stolz schweigend wie immer. Der Oberstjagdmeister strahlte, daß der mißlungene Tag vergessen war, Paar saß im letzten der sechs Wagen unter fröhlichen halbfremden Kavalieren, mit scheuen Blicken, oft seine Hände betrachtend, die den Zügel geworfen hatten zu der Entführung des Kaisers, an allen vorbei sehend, ab und zu ohne es zu merken dumpf stöhnend, so daß man schon am Tage vorher ihn umging, jetzt von ihm abrückte. Die silbernen Partisanen der Trabanten zuckten über den Wegen wie schnellende Vögel. Ein wildes Bangen durchwallte von Zeit zu Zeit den Kaiser. Französisch, spanisch, deutsch, italienisch plauderte es sich auf den Wagen, Duelle am Ochsengrieß, Karussell und Ringelstechen. Hinter den Worten regten sich die zierlich gezähmten Appetite, die kennerischen Geschmäcker, grenzenlose Bankettier- und Pokuliersucht. Die Arme fechtsüchtig, das Zwerchfell lachsüchtig, ihre Zungen verwaiste Teller, Münder ungefüllte Backofenlöcher. Es hieß Speichel schlucken, staubige Luft essen, mit blitzend verdrehten Augen von zarten Braten träumen. Und dann sollten die Abende kommen mit Kerzen, Fackeln, Trabanten schwerfüßig vor den Türen, die Tische frei, Karten und Würfel über das blanke Holz, heißwangige Spieler, zähe Bankhalter, französische Liköre, Wein in Fudern, Trumpfen: „Meineidige Höllenhunde!“ „Pestilenzialische Teufel!“ „Herr Bruder, jetzt frißt mich der Satan oder ich habe gewonnen.“
Nach Wien! Kein Verzug! Gesegnet sei Dighby, Graf von Bristol!
Die Wagen schütterten auf den Chausseen, die Pferde sprengten mit Hussa hoh; von Dorf zu Dorf wartete Vorspann. Der Staub erhob sich, auf seiner Woge glitten sie vorwärts. Zwei Fanfaren vorn, zwei Fanfaren zur Seite, zwei Fanfaren hinten. Sie sahen und hörten nichts. Und als die Herren in Wien einfuhren, dachte weder der seidige Mollert, noch Nostiz, noch Mansfeld, noch Ferdinand der Andere an Dighby, den Träger einer englischen Botschaft. Der Hohe Markt, die Balkons des Grabens, Gassen nach Gassen, der Petersplatz. Schweres Dröhnen vom Stefansturm, das Türkengeläut; die Wagen hielten, die Herren knieten auf der Straße, der Kaiser im Wagen. Vor dem sonnenüberfluteten Burgplatz, zwischen den Hatschierreihen vorquellend Bettlergelichter Beghinen Minoriten Barfüßer. Mit übermütiger Wucht warf Mollert aufstehend seinen Geldsack einem Savojardenbuben an die Brust, daß der umtaumelte, andere sich balgten.
Da wußte bald Dighby, daß die Römische Majestät wieder residiere in der Burg. Auch die hohen Staatsmänner wußten es, die Karussells fanden statt, Vorbereitungen zu einer Maskerade, Bauernwirtschaft im Prater. Aber mehr wußten sie nicht, morgen nicht, übermorgen nicht. Bis in die Nacht leuchteten die Bogenfenster der Burg aus den großen und kleinen Ritterstuben mit den fröhlichen Herren. Dazwischen ging der Kaiser herum, sann und sann, ohne Rat, wen er sprechen sollte, wen er schicken sollte zu Gurland, seinem Schatzmeister, nach Gold und vielen vielen Geschenken, um Dighby sich willig zu machen.
Eines Morgens wandte sich König Jakob mit wegwerfender Miene von dem eleganten Dialektiker und Lüstling ab, seinem Kanzler Buckingham, dessen feine rosa Seidenstrümpfe ihn reizten: er würde sich in den Garten an die Frühlingsluft tragen lassen; mag denn das Volk recht haben, mag einer nach dem Kontinent fahren, sich die Finger verbrennen an dem Brei, den dieser Narr Friedrich sich eingebrockt hat. Einen Sprung fast einen halben Meter hoch auf dem Teppich des Audienzzimmers machte der sehr junge Lord, als der schlaffe König, kaum den Kopf bewegend, fortgefahren war. Dann zählte er seine Schritte, ein zwei drei vier, er war an der Türe, eine gerade Zahl, die Sache würde gut verlaufen. Und während Jakob zankend die Mistbeete abdecken ließ und sich heimlich darüber grämte, daß seine Tochter Elisabeth in ihrer Liebesraserei sich diesem geleckten deutschen Kurfürsten, diesem Windbeutel, an den Hals geworfen hätte, seine schöne stolze Tochter, erteilte Buckingham hochmütig drei trotzigen Parlamentsherren Auskünfte orakelhafter Art in seiner Villa, beiläufig hinwerfend, daß man sich nunmehr des geschlagenen Böhmenkönigs annehmen werde, spöttisch genießend, wie den betrübten Lohgerbern ihre Agitationsstoffe fortschwammen, benachrichtigte den Lord Dighby. Von London fuhren nach Portsmouth darauf mit dem Lordkanzler, unter dem Schutz derselben fünfzig eisengeharnischten Arkebusiere — gelbe und rote Ärmel, wüst unter dem hochgeschlagenen Visier blickend, auf trampelnden gemästeten Gäulen — zwei deutsche Herren, die sich nicht abschütteln ließen, Rusdorf und Pavel, kurpfälzische Räte. Sprachen öfter heftig auf französisch den Lordkanzler an, der sie nach Belieben anhörte oder englische Worte hinwarf, die sie nicht verstanden.
Dighby verbat sich in Portsmouth den Anhang dieser beiden Herren, worauf Buckingham die Achseln zuckte: es ließe sich nichts machen gegen sie, ohne das Parlament zu erregen. Naserümpfend ließ sich der junge Graf von Bristol die beiden Pfälzer vorstellen; er und Buckingham zwinkerten sich lächelnd zu, als bei der Abfahrt unter Verbeugungen nach vielen Seiten die deutschen Räte das Schiff bestiegen.
Vom Ostersonntag bis Dienstag reiste der Brite um Wien herum, Mauern und Basteien studierend, über Wälle kariolend, wieder in die waldversenkten Nachbardörfer eintauchend, nach Hernals hinein, über den Laurenzergrund, Altlerchenfeld, Nikolsdorf, den Rustschacher, Schutt, die Taborstraße, wo die Juden hausten, Mariahilf. Während alle Kirchen vom Jubelgesang der Menschen erschollen über die Auferstehung des allerliebsten Herrn Jesu, die Türme vom Glockenschwung bebten, schlug sich Dighby vom dicken Rotenturmtor zum Turm Im Elend, Schotten- und Jörgenturm und Sankt Marx. Und als er das Siechenhaus im Regen des Ostermontags passiert hatte, schickte er zwei Knechte zur Heinersbastei, verlangte für morgen beim Torschreiber Einlaß zum Kärntnertor. Junge Burschen ritten langbebändert über die Felder, trieben die Pferde in den Bach. In der Nacht weckte ihn Feuerschein in seiner Herberge; da schwang man draußen brennende Besen, zog grünes Volk singend, Asche streuend ins Freie.
Der geschwollene Lord ließ die zwanzig Mann pikenbewehrter Stadtgarde, die ihn am Kärntnertor erwarteten, bis Mittag stehen. In einer Sänfte kam er, warf seine Kalbsaugen nach den zierlichen Mädchen, den auf Stelzen spazierenden Fräulein, ließ halten, um einer Gruppe Minoriten kopfschüttelnd unter die Kapuzen zu schauen. Am Hohen Markt war Gedränge; ein Umzug wurde erwartet. Mit Flöten und Pauken hoch zu Roß ließ sich die Bäckerinnung erblicken, weißstrumpfig Meister und Gesellen, perlgrau die Beinkleider, blaue Jacken, silberne Schnallen an den Schuhen. Vom Salzgrieß waren sie aufgebrochen. Über einen bekränzten blutjungen Gesellen auf schneeweißem Pferde wurden unter Jubelrufen aus Fenstern, Balkons Blumen geschüttet; angestemmt an die Brust trug er den riesigen Türkenbecher, drei erschlagene Janitscharen, ziseliert in Silber, dazu drei Bäcker und das Heidenschußhaus mit der entdeckten klaffenden Mine, dem Ort ihres Triumphes. In einer verschlossenen Sänfte hinter dem Lord fuhr man die beiden giftigen Pfälzer. Rusdorf hatte sich in Nürnberg englische Lakaientracht verschafft; nur unter der Bedingung, sie tragen zu dürfen, war er mit Pavel nach Wien gedrungen. Sie ängstigten sich hinter ihren Vorhängen, kein Wort ließen sie im Gedränge verlauten.
Als nach zwei Tagen der Abt Anton von Kremsmünster, Kammerpräsident, sie in seinem stillen Refektorium empfing, ein ehrerbietiger schlaffwangiger Herr, der überaus verschüchtert schien, wehmütig demütig um sich blickte, von Zeit zu Zeit entsetzt vor einer Motte zusammenfuhr und sich entschuldigend, fast weinend, sein Käppchen verlierend hinter ihr her durch das Zimmer rannte, vergeblich nach allen Seiten klatschend, schmerzvoll seinen Gästen die leeren roten Handteller zeigend, als er sie empfing, bat er mit dem Abgesandten des Königs von England und den Beratern des pfälzischen Kurfürsten getrennt verhandeln zu dürfen. Die Verbeugung wurde steif beantwortet; die deutschen Herren blieben den Bescheid schuldig, warfen sich ratlose Blicke zu. Dighby, ungeschlacht, wilder blonder Kinnbart, Fäuste in den Weichen, die beiden fixierend wie ein bekanntes absonderliches Tierpaar, machte eine demonstrierende Handbewegung: die Herren seien noch nicht so weit, sie würden wohl morgen antworten.
In ihrem Quartier, von Dighby aufgesucht und befragt, weigerten sie sich überhaupt zu antworten, würden sich erst beraten. Sie kämen selbständig für den Böhmerkönig und pfälzischen Kurfürsten, würden sich aber gewiß nicht trennen lassen in der Diskussion von England. Er fragte den Reitstock wirbelnd, ob sie der Verhandlung ein Bein stellen wollten, ob er also warten solle, bis sie etwa Kuriere zu ihrem Herrn schickten. Die Herren spien einsilbig Wörtchen aus den Mundwinkeln wie „Pflicht“, „unabänderlich“, „Beschluß“.
„Wollt mich tribulieren, ihr Herren von Heidelberg. Seid aber hier auf heißem Boden, wisset.“
Knauten: „Unabänderlich. Muß sein.“
„Können die Herren ihre Anliegen selbst betreiben. Scheinen zu glauben, ich wäre ihretwegen zur Stelle. Bin Gesandter des englischen Königs und Parlaments, das beleidigt ist. Das ist alles.“
„Gut. Gut. Verstehen. Der Herr verstatte.“
„Verstatte. Ich habe Zeit.“
„Unsere Dienste dem Herrn. Gott zum Gruß.“
„Nun, nun, die deutschen Herren. Machen wir Parlament oder Boxkampf?“
Schob seine blauseidenen Ärmel hoch, Stock zwischen den starken Zähnen, wies seine dicken Muskeldrähte. Minutenlang stand er da, wiegte die Arme. Sie gingen geduckt auf und ab, Hände auf dem Rücken. Er zog den zerknitterten Stoff wieder herunter, stampfte mit grobem Lachen hinaus.
Der Kaiser war nicht da. Als er da war, empfing er nicht. Die Wut der beiden Pfälzer Räte, daß Dighby in Wien flanierte, sich um nichts kümmerte, vielleicht für sich verhandelte.
Spät abends trat er in die Gaststube ihres Quartiers, wo sie unter den Kerzen saßen, Honigbier tranken. Auf der Schwelle schrie Dighby, dessen Masse im Dunkeln sich unsicher bewegte: „Rusdorf.“
„Der Herr?“
„Rusdorf, kusch dich!“
Der entsetzt.
„Hui hui. Was ich sag’. Kusch dich.“
„Er ist verrückt,“ flüsterten die Räte.
„Auf den Tisch, hopp.“
„Was.“
„Hopp auf den Tisch.“ Mit schütternden Schritten Dighby näher. Pavel hauchte: „Er ist verrückt. Tus.“ Rusdorf im langen braunen Rock vor Dighby ausweichend sprang plötzlich auf den Tisch neben das Bier, hob den Arm: „Ich protestiere im Namen meines königlichen und kurfürstlichen Herrn.“
„Bist ganz still. Der andre.“
Der sagte gar nichts, achtete verkniffenen Gesichts auf Dighbys Mund.
„Der andre.“ Als Dighby zum dritten Male brüllend ansetzte: „Der —“ stieg Pavel zusammenfahrend auf Tisch, Stuhl, setzte sich auf die Kante der Tischplatte gegenüber Rusdorf. Zufrieden nickte der Große: „Ist schön. Ist schön. Runter vom Tisch.“ Nahm sich eine Kerze, ging hinaus, vor sich leuchtend. Allein die beiden. Sie tasteten sich auf Pavels Zimmer, schlossen die Tür, sahen sich an, machten eine Bewegung, als wollten sie sich in die Arme fallen, griffen sich nach den Händen.
Pavel stöhnte: „Was bleibt uns übrig, als uns umzubringen.“
Rusdorf gebrochen: „Herr Bruder.“
Pavel konnte sich nicht beruhigen: „Er kommt öfter. Verlaßt Euch darauf. Es war das erstemal. Er hat es heute erst versucht.“
„Es kommt noch schlimmer. Und — wir müssen unserem Herrn dienen.“
„Unser armer armer König.“
Als Dighby am nächsten Mittag kam, saß Rusdorf, der aus Furcht nicht das Quartier verließ, allein da. Ohne ein Wort zu sagen, hob Dighby den Stock. Dann pfiff er. Flehentlich sagte Rusdorf: „Der Herr treibt es zu weit. Weiß der Herr nicht, wem wir dienen?“
Der pfiff.
„Einem hochgeborenen Herrn, dem Schwiegersohn des Königs von England.“
Es bedurfte nur eines Schritts von Dighby, um Rusdorf auf den Tisch zu bringen neben eine Breischale.
Der Lord, Hut Stock Degen auf die Diele schmetternd, rückte sich den Stuhl zurecht, langte nach dem Krug, fragte schluckend den Rat: „Wie war das mit seinem Herrn. Es gefiel mir.“ Rusdorf beschwor ihn leise, mit einem gewissen vertraulichen Ton in der Stimme, er möchte doch Vernunft annehmen, ihre gemeinsamen Interessen bedenken, die Verwandtschaft ihres Herrn und alles; sie müßten sich persönlich verstehen lernen, da ihre Sachen Hand in Hand gingen. Dighby fragte, wessen das fast ausgetrunkene Weinglas sei; und zum maßlosen Entsetzen Rusdorfs rief der Lord nach dem Hausdiener, der sogleich eintrat, an der Tür stutzend stehen blieb. Wein wollte der Lord; für den Herrn oben auf dem Tisch ein neues Glas.
Rusdorf hatte nicht vermocht, vom Tisch herunterzusteigen; ein kleiner Blick Dighbys von unten hielt ihn fest. Jetzt saß er, die Augen mit den Händen verhüllend, da, stumm, während der Lord schmatzte schluckte, ihm kräftig zum Abschied die Schulter schlug.
Rusdorf erwähnte gegen Pavel diesen Besuch nicht. Er sah es kommen, wie Dighby mit dem Stock spielte, daß er Hiebe von ihm kriegte. Mit schmerzlichem Verständnis suchte er die Unerzogenheit und Wildheit Dighbys auf sich zu lenken, damit mit Pavel die Geschäfte von statten gingen; verteidigte öfter den Lord vor Pavel, Jugend hat keine Tugend.
„Wir waren nicht besser, als wir jung waren. Ich selbst, Pavel, in Altdorf, o jeh!“ Leckte sich zärtlich die Lippen.
Pavel saß allein an der Mittagstafel. Dighby herein: „Wo ist der andre?“
„Ich weiß nicht. Ich weiß, aber ich antworte nicht.“
Dighby öffnete stumm die Tür zur Nebenkammer: „Ruß! Ruß! Rusdorf!“
Über die Stiege: „Rusdorf. Her. Ran.“ Im grüntuchenen Schlafrock, mit dem roten Schlafkäppchen tappte etwas aus einer zweiten Seitenkammer.
„Aber schneller, wenn ich bitten darf.“
Rusdorf stand unsicher vor ihm, flüsternd: „Mein Gott, Lord, Graf, redet nicht mit mir in dem Ton.“
Der zischte zwischen den Zähnen: „Ich schlag mich mit dem herum. Wo steckt Ihr denn, verdammter Schnappsack?“
„O Gott, mein Allmächtiger. Vor Pavel, Lord.“
„Still. Geh mir voraus.“
Zeigte mit dem Stock auf Pavel, der still dasaß, mit seinem Degengriff spielte.
„Was ist?“ fragte unglücklich Rusdorf.
„Er soll auf den Tisch. Vorwärts.“
Er nahm, die Augenbrauen hochziehend, den Stock zwischen die Zähne, kreuzte den Arm.
Rusdorf bettelnd, das Käppchen abziehend: „O Lord.“
Der bewegte sich nicht.
Rusdorf streichelte ihm die Hand, machte ein kläglich inniges Gesicht, bat ihn sehr leise, in die Nachbarkammer zu kommen; er dachte sich da vor dem Lord zu entwürdigen, wie der es wollte.
Dighbys Runzeln blieben steif.
Zaghaft näherte sich Rusdorf dem andern am Tisch, flehte vor Pavel: „Unser armer Herr.“
Der bewegte keine Miene, schien Rusdorf nicht zu kennen.
„Unser armer Herr,“ bettelte Rusdorf. „Geht“, flüsterte er.
Pavels Degen wippte am Boden. Rusdorf sah sich nach Dighby um, der stand still, scharf blickend wie Pavel.
„Kommt, geht auf den Tisch. Ich setz mich mit Euch, wir haben es gestern gekonnt. Es ist ja gleich vorbei.“
Er faßte ihn um die Schulter. Ihn schauderte vor der Berührung des blauen Tuches. Der hatte mit der Schulter gezuckt, den Oberkörper vorwärts, rückwärts geworfen. Abgeschüttelt, seitlich stolpernd fiel Rusdorf auf die Hände.
„So!“ stand er demütig vor dem Grafen. Der, den Stock im Gebiß, zeigte mit den Blicken auf Pavel.
Weinend, leise und zornig vor dem Tisch: „Ihr dürft es nicht so lange hinziehn. Ich vermag es dann selbst nicht. Es geht über meine Kraft. Wenn ich dies alles erdulde von, von dem Übeltäter.“
Kaum hörbar: „Geht.“
„Ihr müßt. Ihr müßt. Was hab ich euch denn getan.“
„Kommt mir nicht mit ‚geht‘. Was mir recht ist, ist Euch billig. Ihr dürft nicht Euer Spiel mit mir treiben.“
„Rusdorf, laßt meine Hand.“
Der schäumte: „Nennt mich nicht beim Namen.“
Er faßte ihn vor der Stuhllehne um die Taille. Pavel, ohne sich zu bewegen, steif wie ein Baumstamm, wurde wenig angehoben. Dann stieß er dem stöhnenden Mann den Degenkorb gegen die Schläfen.
Der ließ aufschreiend los.
Dighby spuckte im ruhigen Anschreiten den Stock auf den Boden, klopfte Pavel auf die Schulter: „War gut so, Herr.“
Drei Tage blieb Rusdorf darauf unsichtbar. Kam lärmend heraus, in alle Ecken sich umblickend. Was inzwischen geschehen sei. Stünde noch alles auf demselben Fleck wie früher. So mache man Geschichte.
„Der Herr Bruder hat keinen Grund sich zu ereifern.“
Und der Graf von Bristol, immer frisch hinter den Hunden und dicken Weibern her; Wirtschaft, saubere Wirtschaft. Frech kreischte er, als Dighby um Mittag erschien. Der ließ es sich schmecken, ohne ihn zu beachten, konversierte mit Pavel. Nur beim Abschied konnte sich der Graf nicht enthalten, auf der Schwelle den erregten Rat mit einem kleinen Peitschenhieb abzuwehren.
„Lustig getäuscht!“ duckte sich der, „noch einen, recht, noch einen.“
Als er noch zur Vesperzeit fluchte rumorte, verließ ihn auch Pavel.
Nach schrecklichster Überwindung, fast berauscht vor Angst, betrat dicht hinter ihm Rusdorf die Gasse. Seine hitzigen Blicke, sein Lippenbeben, halblautes Selbstgespräch, die englische Tracht fielen auf; die Jungen, die nachliefen, schrie er an; die Männer Handwerker Studenten suchte er über Straßen Wege auszuforschen, verließ sie lächelnd mitten in der Antwort. Verzweifelnd schritt er an der Spitze eines kleinen Volkshaufens, wußte sich nicht Rat, als sich betrunken zu geben, unter wildem Gejohl nach Stunden wieder vor dem Quartier zu erscheinen, heraufgeholt von Dighby, der ihm finster die Kleider abnahm.
Nunmehr ging er frisch im eigenen Kleid öfter aus, begegnete ihm nichts. Setzte sich weiter in Bewegung. Und eines Tages erfuhr der Lord den unverhofften Besuch eines Geheimschreibers des kaiserlichen Hohen Rats, von dem er zu seinem Erstaunen hörte, daß seine Bemühungen im erfreulichen Einklang mit den Absichten Seiner Majestät wären und daß der Anberaumung einer Audienz nichts mehr im Wege stände.
An den Haaren zog der Lord den lachenden Rusdorf heraus aus der Kammer: „Hinter meinem Rücken agiert! Ohne mich zu fragen, ohne mich zu informieren. Ihr! Ihr! Wer ist die Pfalz. Ich würg den Herrn.“ Entzückt kläffte Rusdorf dagegen. Wildes Lamentieren Dighbys, der davonrannte.
Pavel, der zugegen war, schleppte seine schwermütige Gestalt durch den Raum, voll Ekels über den Briten und seinen Gefährten. Der Triumph des andern klang kaum an seine Ohren. Als ihn abends Dighby aufstöberte, roh schreiend, ob der Herr auch etwas gegen ihn im Sinne habe, sagte Pavel matt, er würde den Herren beiden nicht lange mehr zur Last fallen, der Herr möchte nichts von ihm befürchten.
Rusdorf, der sich an Pavel drängte, las abends entsetzt die auf dem Tisch ausgebreiteten Papiere, Abschiedsbriefe; ruhig ließ ihn der gewähren. Als aber Rusdorf nach seiner Hand greifen wollte, fuhr der andre wie gestochen zurück, leise scharf ausstoßend: „Scheusal. Viehisches. Schmieriges. Nicht mich angerührt.“
Rusdorf weinte: „Wir können nichts machen ohne Dighby. Verzeiht mir.“
„Rühr der Herr mich nicht an.“
„Ich weiß mir keinen Rat.“
„Es mag sein, wie dem Herrn gefällt. Nur möchte ich ihn bitten, mir bald aus dem Gesicht zu gehen.“
„Was will der Herr Bruder tun. Wo will er hin?“
Der schwieg.
„Bruder, Herzensbruder, ich muß dir etwas sagen. Du darfst nicht weg. Bruder, du magst deine Briefe abschicken oder nicht. Ich will es nicht hindern. Nein, du wirst nicht weggehen. Ich, ich laß dich nicht.“
„Wie aber gedenkt Herr Rusdorf das zu hindern.“
„Das mag der Herr nicht fragen.“
„Ich werde noch heute Dighby und den Herrn verlassen.“
„Ihr werdet das Haustor nicht zumachen. Ihr könnt nicht. Ihr zwingt mich. Ihr mögt denken, ob ich Ehre habe oder nicht. Mich tragt Ihr nicht so zum Gespött hinaus mit Euch, Herr. Ich muß bei Dighby bleiben.“
„Ihr werdet sehen.“
„Ich fleh’ Euch an, es nicht zu versuchen.“
Rusdorf kniete, wimmerte vor dem andern, der sehr traurig von ihm abrückte.
Zwei Stunden später wurde Pavel, verkleidet über die halbdunkle Stiege hinabschleichend, am untersten Absatz aus der Finsternis von zwei Degenstößen getroffen, durchbohrt am Oberarm und beiden Schenkeln, daß er mit Wehgeheul hinsank. Rusdorf mit dem blutignassen Stahl entwischte in eine Seitengasse.
Nikolaus Gurland, aus dem Sumpf der böhmischen Verwaltung vor dem Krieg nach Wien gekrochen, war ein Misanthrop. Die wüsten Herren von der Landtafel hatten die kleinbürgerliche Rechenmaschine vergeblich zu kujonieren versucht. Seine trostlosen Berichte Memorials Denkschriften an den verstorbenen Kaiser Mathias hatten schon böses Blut bei diesen Herren gemacht; seine langweiligen Zahlen über den Rückgang des Bergwerkertrags in Joachimstal Kuttenberg Ratiboric waren nicht zu widerlegen. Da er immer einen verwitterten blauen Tuchanzug trug und sich nicht um Politik scherte, regelmäßig zur Messe ging, beichtete, konnte man ihm nur zusetzen durch Verweise wegen Vernachlässigung amtlicher Würde in Tracht Gebaren, ihm demütigende Belehrungen erteilen über Umgang mit Behörden. Tief getroffen kaufte er sich einen kostbaren Federhut, zog sich blaue Strümpfe an, schwang einen zierlichen Degen, aber die breiten böhmischen Schuhe schleppte er an den Füßen, den Mantel trug er wie ein Paket unter dem linken Arm. Der Chef, ungerührt, ging ihn eines Tages mit einer frechen Bestechung an; da sah Gurland, daß er mitmachen oder gehen müsse. In Wien wurde er wegen seiner Griesgrämigkeit, des unpersönlichen Mißtrauens, der ruhelosen Strenge und Reinlichkeit von Behörde zu Behörde geschoben. Den Don Marradas, einen großartigen liederlichen Herrn am Hofe, seinen Hausnachbarn, bewahrte er durch private Rechnungsführung vor schwerer Überwucherung; Don Marradas ritt neben der Kutsche des Kaisers und war Kapitän der Hatschiere. So daß dem böhmischen Sekretär Nikolaus Gurland das Letzte geschah, er sturzartig, seiner Verwirrung ungeachtet, in das Amt des Schatzmeisters gelangte. Seine bürgerlichen Sonderheiten waren nun geheiligt; an den Wänden Straßenmauern schlich er wie sonst, hohe Bediente Würdenträger wichen vor ihm aus.
Schiefschultrig feingesichtig, einen mausgrauen Mantel um den niedrigen Leib, stand eines Mittags Kaspar Frey, der Römischen Majestät alter Geheimsekretär aus erzherzoglichen Zeiten, vor Gurlands erhöhtem Schreibpult. Die Tür hatte er fest hinter sich angezogen. Er nahm die Zeit des unruhigen gelbgesichtigen Mannes oben mit höfischen nichtssagenden Redensarten und Pausen in Anspruch. In einem hintern Flügel der Burg lag die Schreibstube; Gurland, schwarze mißtrauische Blicke werfend, schnalzte im Chorgestühl heftig an einem Entenkiel. Kaspar Frey suchte ihn freundlich zu stimmen, reizte ihn, nahm auf der rotbezogenen Besucherbank Platz. Schließlich gab er zögernd Auskunft, auch daß er im Namen des Kaisers käme. Der unzugängliche Mann oben, dem man vieles geboten hatte, schwieg lange. Was Frey vortrug, überstieg alles Frühere; er sollte zum Mitwisser Mittäter eines unglaublichen Unterschleifes gemacht werden; der Kaiser nicht, eine verwegene Person steckte dahinter, denn Frey war sicher nur Zwischenträger. Als sich die Tür hinter dem Abgesandten schloß, nachdem er eine halbe Zusage empfangen hatte, die ihn sicher machen sollte — in zwei Stunden hoffte Gurland ihn nach einem kurzen Überschlag ganz zufrieden zu stellen —, kramte der erschrockene Mann drin fiebrig mit seinen gelben Fingern nach seiner Seidenmütze. Er setzte sie sich auf seinen glatten starken Schädel, zischelnd rief er nach seinen Schuhen, auf dicken Pantoffeln schlendernd. Zum Kaiser; es war sonst sein eigenes Verderben.
Ferdinand, aus der Kapelle zurückkehrend, empfing ihn traurig. Er streichelte ihm die Hand: „Er kam in meinem Auftrag.“ Und als der entsetzt noch einmal fragte, sagte Ferdinand leise: „Ja, wirst du vermögen zu schweigen. Und wenn du es nicht kannst, sag es nur ruhig. Du wirst mich nicht kränken. Du wirst in allen Ehren bleiben.“ Gurland fassungslos, Tränen in den Augen, fühlte seine Nasenhöhlen sich weiten; ein kühles Prickeln schlich um die Oberlippe. Er sagte nur „ja“, fiel ihm zu Füßen. In seiner Schreibstube erwog er, ob er abdanken solle; seine Unruhe steigerte sich zur Verzweiflung. Frey kam. Er lief gegen ihn, konnte nichts sagen; alles, was er begehre, wolle er erfüllen; warum er keine Zeile, keinen Ring vom Kaiser mitgebracht hätte.
Als gegen Abend die Rollknechte in dem Amalienhof der Burg die leinenverpackten Geräte, kleinen Kisten auf ihren Wagen gehoben hatten, sich in Bewegung setzten unter Begleitung starker, als Knechte verkleideter Hatschiere, hatte Gurland sich im Danksagen Verzeihungbitten gegen Frey gesättigt.
Der geschwollene Lord schmetterte die Türe seiner Kammer zu; Rusdorf mußte ihm tragen helfen; vor dem Bett des melancholischen Pavel stolzierte händereibend der Lord, zwei Kerzen brannten auf dem Tisch; Faulbett Fensterbank Gesims Parkett bestellt mit kaiserlichen Gaben; auf dem kleinen Stollenschränkchen, dem buntgemusterten, mit gewundenen hohen Beinen, eine breite schwere gelbblinkende Schale, eine goldene Waschschüssel.
„So viel sind wir wert, den Herren! Herr von Meggau, Herr von Trautmannsdorf machen saure Gesichter, werfen mit großen dicken Worten. Der Kaiser schickt Geschenke!“
Pavel: „Der Kaiser mag nicht eins sein mit seinem Hofe.“
„Der Kaiser ruft mich zu einer Audienz.“
Rusdorf sondierte, ob er zur Audienz wolle.
„Freilich, ich werde ihn anhören. Dann um ein Geschenk bitten für Herrn Rusdorf. He.“
„Bitte der Herr um nichts. Wenn ich rate, gehe der Herr lieber nicht hin.“
„Das wäre.“
„Der Herr glaube mir. Ferdinand hielt Euch für einen käuflichen Schindhund. Den verruchten bestialischen Sinn wird der Herr bald erkennen. Ist kein Friede zwischen Habsburg und unsern evangelischen Häusern.“
„Neidet mir der Herr meine Lorbeeren. Will der Herr, begleit er mich, sei er mein Diener.“
„Die Zeiten sind vorbei.“
Dighby zynisch lachend: „Ich werde achten, wann der Herr seinen Degen trägt. Man muß sich ja vor ihm fürchten.“
Der Habsburger ritt. Dighby zu Fuß wegen seines Hüftwehs.
Kühler Buchenwald bei Wolkersdorf, warmer böiger Maiennachmittag. Aufgescheuchte Haselhühner Marder, aus Sumpfwiesen der Lichtungen grelles Gequak der Frösche. Der Kaiser leicht gekleidet, weißes Wams geblümt mit Anemonen, bauschige Ärmel, Schlitze mit goldenen Borten; am einfachen Ledergurt quer über die Brust das Wehrgehenk; die Beine in den roten, weiten Kniehosen; hinter ihm wehte der schwarze Mantel gelbgefüttert. Er plauderte gleichgültige Dinge, schwenkte oft seinen Tummler, so daß er leicht heruntergebeugt mit einem Anflug von Verlegenheit und Besorgnis das Gesicht seines gleichmütigen Begleiters studieren konnte. Um seine Familie fragte er den Lord, der einherschritt mit dem Krückstock, tief über dem Magen den Orden am blauen Atlasband; mit dem platten schmalkrämpigen Hut sich Luft fächelnd an seine roten vollen Backen; oft mußte sich der Lord bücken, wenn er mit der großen Goldrosette seiner Halbschuh im Strauchwerk hängen blieb; noch dicker quoll beim Aufrichten in der spanischen Krause sein Hals. Der Kaiser sprach von Italien, setzte Feinheiten beim Saustich auseinander, erkundigte sich nach schottischen Hunden, schwoll über von Jagdgeschichten. Mitten über einen Waldpfad schnürten zwei Füchse dicht hintereinander dahin; der stärkere, der Rüde, voran mit einer Fasanenhenne, die Fähe mit einem zappelnden Junghasen. Dighby zuckte vorsichtig nach, der Kaiser lachte herunter über seine Gespanntheit; stellte ihm frei, morgen den Bau zu graben, die Welpen auszuheben. Noch einmal dankte Dighby für die Gastgeschenke. O, der englische Herr möge nur sehen, daß es nicht an ihm läge, wenn sich Schwierigkeiten erhöben. Er habe mit Freuden von den Ausgleichsbemühungen des Gesandten gehört, Meggau und Eggenberg hätten ihm berichtet, auch in die Denkschriften der Pfälzer Legaten hätte er geblickt. Ob sich die Majestät von der Triftigkeit der britischen Argumente überzeugt hätte. „Weiß, weiß. Meint es gut. Ist Euer Verwandter, der Pfälzer Kurfürst. Der Herr weiß, daß beim Ausgleich mein hoher bayrischer Schwager mitzusprechen hat; fasse der Herr es gut und glimpflich an; an meinem guten Willen soll es nicht fehlen. Was hat ihm sein Souverän Sonderliches ans Herz gelegt?“
„Dem flüchtigen Kurfürsten zu seinem erbeigentümlichen Land auf jede Weise zu verhelfen, zu protestieren, daß der Krieg in deutsche Länder getragen werde, da Friedrich den Krieg nicht geführt hat gegen des deutschen Kaisers Majestät, sondern gegen einen habsburgischen Kronprätendenten, er selbst erwählter böhmischer König; zu protestieren gegen die Reichsacht —.“
„Weiß, weiß, die Gründe sind mir bekannt. Sonst nichts Sonderliches?“
„Die Protestierenden werden es im Heiligen Reiche nicht leicht hinnehmen, wenn einem ihrer Glieder ein gewaltsames Leid geschieht. Wie dem sei, will der englische Souverän und sein Parlament nicht ruhig zusehen, wie ihren Glaubensverwandten Gewalt angetan wird.“
„Spreche der Herr nur weiter.“
„Der böhmische Zwischenfall ist erledigt, ist von Ihrer deutschen Majestät siegreich aus der Welt geschafft. Dies scheint uns ein Ende der Angelegenheit. Über Schadloshaltung, persönliche Sicherung sind die englischen Berater bereit, mit Friedrich in Verhandlung einzutreten; wir verhoffen uns einer guten Wirkung auf ihn.“
„Bringe der edle Graf das in München an, Schwierigkeiten und Annäherungen. Haltet nicht zurück. Mein Schwager wird Euren Gründen gerecht werden. Von mir seid gewiß: ich grolle dem Hitzkopf, dem pfälzer Friedrich, nicht; ich weiß, auch der englische Souverän hat seine Pein mit ihm gehabt und sein böhmisches Abenteuer nicht gebilligt. Ich wünschte, der britische Hof hätte vorher Einfluß auf ihn gehabt.“
„Der britische Souverän wird erfreut sein von der Friedensliebe und der Wohlgesinntheit Eurer Majestät durch mich zu erfahren.“
„Ihr müßt nach München. Der bayrische Herzog ist meine rechte Hand im Krieg gewesen; es ist nur billig, daß er es beim Friedenschaffen ist. Sagt ihm auch, daß ich Euch nach meinen Kräften begabt und empfangen habe. Sagt — nein. Vielleicht ist es besser, Ihr sagt es nicht. Nein, sagt ihm nichts davon.“ Er lächelte fremdartig, wehmütig den aufmerksamen Lord an: „Mein Herr Schwager in München ist ein absonderlicher Mann. Ich weiß nicht, wie er es aufnehmen wird; er ist oft melancholisch. Tut nach Belieben. Es gibt nichts zu verbergen.“
Über Mittag an der ländlichen kaiserlichen Tafel im Wolkersdorfer Schlößchen verweilend, wurde Dighby bei Tisch vom alten Harrach, seinem vergnügten, gewandt englisch parlierenden Nachbarn, eröffnet, daß der Kaiser dem Herrn für die Münchner Tour noch Gesellschaft mitschicken wolle, die ihm zur Seite stände bei Audienzen, ihn auf dem Laufenden erhalten möge über Wiener Ansichten, Kenner des bayrischen Herzogs. Den Nachmittag zuvor war dies festgesetzt zwischen dem Herrscher und einigen Mitgliedern der Hofkammer; erregt, fast bettelnd sagte Ferdinand: „Wir müssen alles anwenden. Wir dürfen uns nicht scheuen, jedes Mittel dranzusetzen, um zum Frieden zu gelangen.“
Und keiner der sehr klugen edlen Berater wußte, warum sich der Kaiser so um den Frieden härmte.
Nur Trautmannsdorf, der verwachsene kleine Mann, der verschwiegene, ahnte etwas, als angefangen wurde von dem Bayern, und der Kaiser davon nicht abkam, nicht abkam. Er dachte an die auffallende Begrüßung, die Ferdinand zu München erfahren hatte bei der jubelnden Rückkehr aus der Krönungsstadt Frankfurt, Ferdinand, eben zum Kaiser gewählt, gesalbt. Die eisige Maske des dunkelbärtigen Wittelsbachers, der neben seinem liebenswürdigen gebückten Vater, dem schneeweißen Verschwender und Bankrotteur, vor den Mauern der Stadt an den kaiserlichen Zehnspänner trat, stumm dem lachenden übersprudelnden Österreicher gegenübersaß in dem spiegelnden Kristallwagen. Über den Köpfen der drei Regenten brannte abends ein Feuerwerk am Isartor, an der Langen Brücke, ab, Kanonen wurden auf allen Wällen gelöst, die Donnerschläge rollten majestätisch in die dunkle schwere Sommerluft hinein. Erst am Tage darauf in der schönen und reichen Kapelle der Fürsten, angesichts des silbergetriebenen Altars, vor den wunderbaren Reliquien des Heiligen Ambrosius, des Heiligen Stephan, der Walpurga, Damiana, Agatha, Crispina, gedachte der glückstrunkene Herrscher Böhmens, und daß seine Erblande in Aufruhr und Abfall waren. Höllisch verzog sich auf dem Rückgang in die Ritterstube einen Augenblick das marmorfeine Gesicht Maximilians. Stiller wurde zwischen den Seidentapeten, den gewirkten stolzen Bildern aus Bayerns Geschichte der Kaiser; in drückendem Pomp umgingen ihn die Ritter mit blauen und roten Röcken. Eines Tages war ihm abgezwungen im fast schweigenden Hin und Her die Führung im kommenden Krieg: für die Gestellung der Heereshilfe mit den Streitkräften der Liga das unumschränkte Direktorium der katholischen Verteidigung bei Maximilian, absolute Gewalt im Kommando bei Maximilian; nicht Verhandlung noch Frieden ohne ihn. Und als der Kaiser unterschrieben hatte, war es an einem Montag gewesen, dem zweiten im Monat, an dem der Herzog Gerichtstag hielt, zwei Tage vor der Abreise, daß der Kaiser mit Maximilian eine lange Stunde in des Herzogs Sommerstube eingeschlossen verweilte. Die Stube lag zur ebenen Erde, gewölbt war sie, Figuren hatte Peter Candro an die Wände gemalt, blau und weiß war der Boden gepflastert; auf dem Sims im Umkreis prächtige Köpfe in Bronze, Marmor. Eine lange Stunde war nur zu hören Stampfen mit dem Fuß, klirrendes Hinfallen eines Degens, die flüsternde drohende beschwörende Stimme des Habsburgers; die langen Pausen vor den knappen befehlerischen Sätzen des Wittelsbachers, die aus der Stummheit kamen, wie Bulldoggen aus ihrer Wachhütte. Zwei stille Wartetage. Jähe Abreise. Der Kaiser erst gebrochen, dann finster.
„Ich schicke dem Grafen von Bristol so viele gewandte Herren mit, auf daß ihm nichts mißglücke. München ist eine Festung — der edle Herr wird davon wenig vernommen haben — die im heiligen Römischen Reiche, vielleicht auf der ganzen Erdfläche nicht ihresgleichen hat. Ja, lächle der edle Herr nicht; noch sieben Tage, und er wird mir glauben.“
„So geht der Bote des Königs Jakob einem ehrenreichen Strauß entgegen. Die Basteien des vielbenannten von Groote sollen mich locken.“
„Keine Ehre werdet Ihr ernten, Lord Dighby; ich will Euch lächeln lassen; Ihr ahnt nicht, wie vermessen Ihr seid. Eure Artillerie wird Euch in ein zwei Wochen nicht mehr bedünken wie ein Kinderstecken. Eure Artillerie wird Euch aus den Händen gerungen sein, ehe Ihr erkundet habt, wo der Feind steht.“
„Redet Kaiserliche Majestät von Ihrem durchlauchtigen Schwager in Bayern?“
„Bildlich, Lord, und in Eurem Sinne. Er ist mein Freund, und ich kenne ihn. Segne Euch Gott, Lord, auf Eurem Weg. Seid gewiß, was ich Wünsche und Gebete an Euch wenden kann, wandert mit. Seid furchtsam, ich beschwör Euch, zittert vor ihm, als wäret Ihr Tag und Nacht von Gespenstern und Teufeln heimgesucht. Zittert; erinnert Euch daran, daß ich es Euch gesagt habe. Nehmt alles, was Ihr sehen und erfahren werdet, nicht für einen Ausdruck des Gemüts, sondern für etwas anderes, was Ihr spät entdecken werdet. Ich beschwör Euch, gedenkt meiner Worte. Fürchtet den Herzog, er ist stark; er hätte es verdient, statt meiner auf dem kaiserlichen Stuhl zu sitzen.“
„Ich bin glücklich, jetzt auf meinem rechten Platz zu stehen. Ich zittere, aber nur vor Ungeduld. Herzlichkeit ist mir unbekannt, Freude kann ich schwer in meine Sprache übersetzen. Meine Artillerie steht zu Diensten. Der Feind soll sich hüten.“
Ferdinand lachte kindlich, blickte ihn verschleiert an, strich ihm die Hand, klopfte ihm die Wange; er flüsterte: „Euer Hüftweh scheint schon behoben. Schlagt ihn nur nieder; in die Knie, Lord, in die Knie; so ist’s recht: aber Euch wird der Kopf abgeschlagen. Geht. Was kann ich noch für Euch tun? Wollet gut von uns denken.“
Als Dighby zurückkehrte in sein Quartier, noch nicht erholt von seiner Verblüffung, trat er zum Schlaftrunk, noch im weißen Überrock, den hohen, platten Filzhut auf dem Schädel, mit zerdrückter spanischer Krause, schütternd, lachend, armeausstreckend in Pavels Kammer: „Der Kaiser hat mir ein Bündnis angetragen. Wißt Ihr auch, gegen wen?“
Rusdorf schlich vom dunklen Eckschemel her, schaute ihm in das volle blutstrotzende Gesicht, auf das das Kerzenlicht fiel. Dighby klatschte in die Hände: „Bei Gott, ihr Herren. Gegen wen in Bayern? Unsere Sache steht ausnehmend gut.“ Und während er mit den flatternden roten Hosenbändern, weißbestrumpft um den Tisch ging, aus dem Glas schluckte, das ihm Rusdorf bot, schüttete er sein stolzes Lachen aus: „Ich verlange Räumung der besetzten Gebiete, Schadenersatz, Sühnegelder oder Land. So sprechen die Herren doch.“
Rusdorf: „Zunächst: was hat der Kaiser geboten?“
„Die Herren werden nachgeben müssen. Gewiß. Wir müssen zu einem Ende kommen; das ist notwendig. Gebt nach. England braucht Ruhe.“
„Das hat der Kaiser gesagt? Der Herr schien mit einem andern Ton herzukommen.“
„Scher euch das nicht, was für ein Lied ich pfeife. Die Herren haben nachzugeben. Wir müssen uns gegen Spanien regen. Der Augenblick ist da. Sonst geht’s um Hals und Kragen.“
„Das hat der Kaiser gesagt?“
„Wir müssen die Hände endlich frei haben von euch. Ihr kennt unsre Lage nicht. Wir haben genug an dem deutschen Narrengezänk. Um den Kniefall vor dem Kaiser kommt euer Kurfürst nicht herum.“
Pavel saß aufrecht im Bett; seine Beine, verwickelt wie sie waren, ließ er herunterfallen, die Augen des kranken Mannes glühten: „Herr, was untersteht Ihr Euch?“
Dighby nahm den letzten Schluck, rückte leicht an seinem Hut: „Zum Gruß. Die Herren werden nicht gefragt werden.“
Prächtig schlurrte er über die Schwelle.
Rusdorf, seinen Schemel an das Bett ziehend, mit vibrierender Stimme: „Ihr seht, Pavel, worauf es hinausgehen soll. Es war vorauszusehen. Man will über unsre Köpfe, über den Kopf unsres gnädigsten Herrn weg, den Frieden schließen. Wir werden die Festlichkeit zu bezahlen haben. Es ist nichts als ein Spiel, was man mit uns treibt in England. Die Herren treten sich nicht die Schuhe ab für uns. Man hat uns den rohesten mitgegeben, damit wir’s gut merken. Gewiß, verlaßt Euch darauf. Es ist eine Farce, was sie mit uns treiben, nichts als Theater, Sand in die Augen für ihr Volk, das uns wohl will. O, wenn wir das Parlament aufklären könnten, wie sie mit uns Schindluder treiben.“
Pavel mit glühenden Augen aufrecht: „Beruhige sich der Herr. Wir werden antworten, ohne daß man uns fragt.“
Sanft und zage suchte Rusdorf nach seiner Hand auf der Decke: „Wird der Herr abreisen können?“
„Ich denke.“
„Wir sind jetzt nötiger als sonst. Es wäre mir doppelt bitter, jetzt den Herrn allein zu lassen.“
„Rusdorf, wir werden noch einmal miteinander fechten müssen.“
Der hielt sich die Ohren zu, mit verbissener Miene: „Erinnert Euch nicht. Wir wollen unserm Herrn dienen. Wir wollen nicht an uns denken. Wie früher, Pavel, wie früher.“
Pavel starrte vor sich mit unbewegtem Gesicht: „Ich will nach Hause, Rusdorf.“
„Ihr sollt.“
„Ihr sollt; fahrt auch nach Hause.“
„Habt Geduld. Steht mir nur jetzt noch bei, Pavel. Wir können nicht nachgeben. Diesen Frieden muß ich zerstören. Ich gebe ihm nicht nach, und sollte mich der Satan selber packen.“
Nach zwei Tagen packten die Herren ihre Sachen; hoffnunggeschwellt brach Lord Dighby nach München, der Stadt des frommen Maximilian, auf; die beiden Pfälzer hinterher.
Als es ruchbar unter den deutschen Fürsten wurde, daß über den Pfälzer Friedrich die Acht verhängt war, erschrak der alte Pfalzgraf Philipp Ludwig von Pfalz-Neuburg in seinem sonnigen weltabgelegenen Winkel.
Zwischen seinen Schachteln mit Diamanten kramend, über geschnitzten Kirschkernen grübelnd, die Becher aus Rhinozeroshorn abtastend und versteckend, hörte er zitternd von dem großen Krieg, denn er war aus dem gleichen Hause wie der glanzvolle geächtete Mann, dem der Engländerkönig seine Tochter gegeben hatte. An seinen Ebenholzkrücken schlich er in seine Kanzlei über weite brütende Gänge, murmelnd und händeringend seinen Kanzler, den Sartorius aus Dillingen, zu befragen. Nichts lag ihm so am Herzen, als daß alles im tiefsten Geheimnis bliebe, daß der Kanzler schwiege, daß man mehrere besondere Chiffernschlüssel anlege für diese Sache, daß auch die Söhne nicht eingeweiht würden. Besonders jener Sohn nicht, der mit einer herzoglich bayrischen Prinzessin sich vermählt hatte, denn dieser war stolz und ehrsüchtig, ein Habenichts ohne den Vater, immer mit den Augen auf dem Glanz des Münchner Hofes, das versunkene versponnene Neuburg verachtend.
„Der Krieg ist ein Totengräber,“ murmelte der Alte auf der verschlissenen Samtbank wichtig und hitzig zu dem Kanzler, „er sargt Leutchen ein, die eben noch mit graden Beinen tanzten, und uns alte Tröpfe holt er aus dem Kasten, lüftet uns; werden uns die Menschen, das Volk und die Stände, anstarren, daß wir noch leben. Der Philipp Ludwig von Neuburg! Ei, regiert denn der Wolfgang Wilhelm nicht, der wackere, der die Bayrische heimgeführt hat? Nein, der alte Philipp Ludwig hütet noch sein artiges Gärtlein, erfreut sich der Mispeln, Amaranthus und Tausendschöns wie immer. Sieh an, sieh an. Hat das große Sterben abgeschlagen, das Kriebeln und das böhmische Schafgift. Er lebt, Kanzler, ohne Zähne, am Stecken hängt er, die Finger krumm, die Knie krumm, der Darm will nicht. Der Kopf schläft uns den halben Tag und die ganze Nacht, kaum daß wir uns besinnen zu essen und Gott zu loben. Wir wären schon längst tot, wenn nicht unser Kamerad wäre, der uns ein Gläschen Wein brächte von Zeit zu Zeit und die Beine einriebe.“
„Was wird Durchlaucht tun?“
„Warten, Kanzler, wie bisher. Wir haben Zeit, wir sind ja nicht jung. Geduld, Geduld, rennt Ihr zwanzig Meilen und keucht Euch das Herz aus dem Mund, wir kommen noch nach. Die Welt kommt schon zu uns.“
„Ich werde auf Befehl Eurer Durchlaucht zunächst zwei Pläne entwerfen über unsere Ansprüche an den Nachlaß des Ächters.“
Der im Wolfspelz drehte ihm schräg mit Wackeln den Kopf zu, den dünnen Mund offen, blinzelte mißtrauisch: „Es ist nicht nötig zu planen. Was sind das für Pläne. Aus Plänen und planen wird nichts. Hört auf mich. Man darf nichts überstürzen. Laßt das. Seht mir zu, daß das Geheimnis gewahrt bleibt. Schreibt nichts auf, um Jesuwillen, schreibt nichts auf.“
„Und wenn Durchlaucht von plötzlichen Ereignissen überrascht werden, von Einmischungen fremder?“
Der zitterte, winkte mit den Armen ab, unterbrach, sich am Ohrläppchen zupfend: „Nicht so, Kanzler. Ihr dürft nicht so sprechen. Es wird nichts herkommen, den alten Neuburger überraschen. So weit sind wir nicht. In dieser Weise fangen wir nicht an. Geht mir aus dem Wege mit Euren Sachen. Grübelt nicht weiter nach. Mein Gott, ich hätte nicht darüber reden sollen. Soll denn mein ganzes Haus umgestürzt werden. Wir müssen warten. Ich werde Euch sagen, wann Ihr nachdenken sollt, wann Ihr mithelfen sollt.“
Abgehend streichelte er ihm den Handrücken, süßlich lächelnd, meckernd, jammerte leise.
Der Kanzler wackelte lang und knickrig die beiden Stufen zu dem Schreibschrank hinauf, seufzend trat er ein, spielte mit der Papierschere am Tisch. Es war Mißtrauen, was der Fürst äußerte; innerlich fieberte der Alte. Es sollte niemand daran teilnehmen. Ungeheuer war der Geiz des ehemals lustigen Mannes gestiegen, was er nicht in Diamanten und Kuriositäten anlegte, versteckte er in Eisenkästen und Kisten, die er auch in Gärten vergrub. Er klagte über jeden Gulden, den er für Ausbesserungen des Schlosses, neue Livreen ausgeben mußte. Ganz unfürstlich hatte er vor einigen Jahren seine Gemahlin begraben lassen, nachdem er sich nicht gescheut hatte zu erklären, solche Bestattung sei ihr Wunsch gewesen, der Wunsch der Fürstin, die unter seiner Habsucht und Nörgelei allmählich erstarrt war in dem stillen Neuburg und noch einmal wenig aufgelebt war nach der Vermählung des ältesten Sohnes, der sich vom Hof fernhielt. Sie wußte, daß der Pfalzgraf sie wie eine Bettlerin verscharren würde. Jetzt konnte man ihn bestehlen, wenn man wollte; er vergaß, was er eben angriff; die wenigen Diener, die ihm anhingen, bewahrten seine Habe, indem sie ihn einschlossen, wo sie ihn trafen.
In den nächsten Wochen fand man den Fürsten, der Sommer und Winter in einen Wolfspelz sich einmummte, von kleinen Zettelchen umgeben, die er gierig aufraffte, sobald er erwachte, und sammelte, bei sich versteckte, in Taschen, Pantoffeln, den Hosen, hinter irgendeinem Ofen, an dem er unbemerkt vorbeiging.
Einmal kamen die Bauern vor die Schloßrampe, mit ihren struppigen Haaren, biederen und grimmigen Mienen, plumpen Schuhen, die Hahnenfeder steil auf den kleinen Hüten, trugen Klagen vor gegen zwei Amtmänner, einen Rentmeister, machten große Pausen, hoben immer wieder die Hände. Es würde zu viel schlechtes Geld ins Land geschleppt; sie wollten Salz nicht um doppeltes Geld kaufen, sondern da, wo es am billigsten sei; die Juden sollten vertrieben werden; der Rentmeister erhebe Wegzoll überall, aber sie wollten nur da zahlen, wo gute Wege seien; man möchte den Amtleuten das unberechtigte Holzschlagen in den Gemeindewaldungen verbieten.
Der Alte mit dem Kanzler auf der Rampe keifte mit den Gärtnern, daß sie die Bauern vor das Schloß gelassen hätten, wo überall frischer weißer Sand gestreut sei. Die Bauern sollten sich nicht beifallen lassen, denselben Weg zurückzugehen durch den Park und alles zu verdrecken und betrampeln; sie würden geführt werden um das Schloß herum, dann hätte einer hinter dem andern den Küchenweg zu spazieren. „Was wollt ihr eigentlich hier?“ schrie er schnüffelnd, an seinem Ohrläppchen arbeitend, „wißt ihr nicht, wo ihr hingehört? Warum geht ihr nicht an eure Arbeit? Ihr sollt machen und marschieren, wo ihr hergekommen seid. Wißt ihr Tröpfe, was ihr seid? Bärenhäuter, Fuchsschwänzer! Mir die Wege vertrampeln! Fort mit euch! Kriegt Hunde an den Hals.“
Und während sie langsam, störrisch, mit verzerrtem Gesicht, niedergeschlagenen Augen an ihm vorbeizogen, wie man sie führte, und sich verneigten, schmähte der kleine Alte mit rotem Kopf auf sie und spuckte; sie sollten nicht ihr Geld verspielen, in den Badehäusern sitzen und schwätzen. Dardanisches Spiel, Cinque, Sesse, die Filzlaus! Die verdammten Spötter und Schnurrer, die sie auf die Dörfer riefen, Seiltänzer Eisenfresser, fahrende Fräulein, und die Abgaben verweigern der Obrigkeit! Zu saufen wie Soldaten und reiche Herren!
Als sie davongemurrt waren, spie er auf den Gängen und Stiegen noch aus, lachte schlimm; die Weiber steckten dahinter mit ihrem sündhaften Begehren nach Putz und Quinquireleien; tut man bald gut, das Hexenvolk von den Äckern zu verjagen. Der Kanzler, beim Durchschreiten einer Hofgalerie, meinte leise, die Amtleute müßten höher bezahlt werden. Böse meinte der Fürst: „Recht so, recht so. Die Herren sollen wissen, wer regiert! Nichts da von Nachgeben. Lassen wir uns die Welt über den Kopf wachsen, Sartorius?“
Brummelnd meinte er etwas von dem böhmischen Schafgift, das ihm nichts angetan habe.
Am Geländer stand er auf seinen Krücken fast eine halbe Stunde, vor sich zischelnd, den Kanzler nicht beachtend, lebhaft gestikulierend. Zog seinen Mantel fest, sah an dem Kanzler auf. In der Kanzlei, mit flüsternder Stimme, gab er dem verblüfften Mann Befehl, alles stehen und liegen zu lassen; in einer Woche wolle er mit ihm eine Reise antreten.
Philipp Ludwig verabschiedete sich nicht von seinen Söhnen; es hieß, er mache einen Jagdbesuch bei seinem Nachbarn, dem Markgraf von Burgau. Unter dem Kopfschütteln des Haushofmeisters und allen Hofgesindes bestieg er mit fünf Mann Gefolge die Reisewagen, nachdem er noch schniefend dem Vertreter des Kanzlers Acht empfohlen hatte „auf die arglistigen Bauern“. Soviel Geld und Pretiosen er im Gepäckwagen transportieren konnte, nahm er mit; heimlich schlossen sich eine halbe Tagereise hinter der Stadt zwei Rotten Berittene an, die er gedungen hatte als Geleit. So zog er stattlich durch die Grafschaft Scheyern Pfaffenhofen. Dort brach die Achse des Gepäckwagens vor dem Krug. Geschrei Lamentieren des Fürsten, der tiermäßig vermummt sich nicht bewegen konnte unter seinen Pelzkappen, gestrickten italienischen Hemden, wattierten Wämsern, Strümpfen aus Lammfell. Seine Furcht, die Sache könnte ruchbar werden, man könnte Verdacht schöpfen in Neuburg, die Söhne könnten etwas merken, die Berittenen könnten den Gepäckwagen plündern. Verängstigt schnaufte er aus seinem Fellhaus heraus mit dem steifen stummen Kanzler, ob man die beiden Rotten nicht fortschicken solle; man hätte den Bock zum Gärtner gesetzt; aber dann sei man den wartenden Soldaten und Fechtbrüdern ausgeliefert. Er gab dem Kanzler ein Galgenmännchen in die Hand, er selbst umklammerte mit jeder Faust zwei: „Greift sie fest, daß nichts geschieht.“ Die Berittenen mußten sich, als die Achse gestützt war, vierzig Schritt hinter dem Wagenzug halten. Über Dachau Nymphenburg näherte man sich nach zwei Tagen München. Der Pfalzgraf, übergeschäftig, hocherregt, wagte sich aus seinem tierischen Kerker heraus, schweißbegossen, bisweilen völlig wirr im Wagen nach vielem Schwatzen Disputieren und Aushorchen legte er als seinen neusten Trumpf hin, daß man in München nicht so kurzerhand vorgehen könne, wie wenn es sich um die Privatsache von Hinz und Kunz handle, daß man nicht so einfach gerade ausgehe, seine Kammerdiener und Läufer schicke, sich von einem Hofmeister ein Losament anweisen lasse, einen Besuch abstatte, Gegenbesuch erfolge, Geschenke Gegengeschenke Besprechungen Banketts Zechereien des Gefolges, Ausritte Karussells. Dabei bringe man eine Sache von solchem Gewicht leicht ins Lächerliche, bringe sie zum Versanden zwischen lauter Gerede und Höflichkeit.
Kurz und gut, er sähe gänzlich ab von einer persönlichen Rücksprache mit dem Herzog Maximilian, gänzlich und überhaupt.
Was dann nun sei, geschehen solle, sann besorgt der Kanzler; so müsse man wohl umkehren. Also, fuhr der Pfalzgraf fort, er sähe gänzlich davon ab. Er für seine Person. Es sei seine Ansicht, durchaus seine Privatsache. Er hindere niemanden, eine abweichende Ansicht, Meinung zu haben; im Gegenteil, es sei jeder sogleich verpflichtet, sie vorzutragen, zu vertreten. In ihm war kurz vor dem Ziel, vor dem fernen Blinken der Liebfrauenkirche die entsetzlich beschämende Furcht aufgetaucht, der ganzen Situation nicht gewachsen zu sein; die Persönlichkeit des Bayernherzogs drohte; ihm graute davor, sie könne sich an ihm, dem Neuburger ehrwürdigen Pfalzgrafen, vergreifen, irgendwie ihm respektlos begegnen. Er fühlte sich, noch nicht eingetreten in die Stadttore, überwunden von Widerwillen, einem Durcheinander peinlicher Bilder; sah sich schon auf einem Sessel in der feierlichen bayrischen Residenz, schwerhörig wie er war, unfähig den Spitzen und Feinheiten von Maximilians Worten zu begegnen; ein ängstigendes Schauspiel.
Er ließ sich Kissen in den Rücken schieben, die Vorhänge schließen, einen langsamen Schritt anschlagen. Diese Trockenheit in Bayern, klagte er. Er werde jedenfalls, wenn es denn sein solle, den Maximilian im Hintergrund beobachten fassen erwischen. Dabei blinzelte er seinen gespannt nachdenkenden Kanzler, die trübe ehrliche Gestalt, an, ob der ihm nicht irgendwie zuvorkäme. Der rang die Hände, hatte einen heißen Ton in der Kehle: „Was machen wir, Durchlaucht? Mein Heiland, die ganze Fahrt, die lange Fahrt; und Durchlaucht werden erschöpft sein.“
„Ja, erschöpft. Er hat es gefaßt, Kanzler. Ich bin erschöpft. Mehr als das, völlig unbrauchbar. Mir fehlt nur das Bett. Ich bin ein alter Mann.“
Er bat auch um das Kissen des Kanzlers: „Ihr seid ein verständiger Mann. Ich hätte keinen bessern mitnehmen können. Wir werden ein wenig schlummern.“
Während der Kanzler entsetzt Minute nach Minute zählte, sie sich den nördlichen Stadttoren näherten, schlummerte der Fürst oberflächlich, murmelte befriedigt, man dürfe in keinem Fall Dinge überstürzen; jeder sehe, daß er müde sei; er möchte das Weitere übernehmen. Als er zwischen den leicht gehobenen Lidern den Blick des Kanzlers erkannte, wiederholte er sanft: „Übernehmt nur das Weitere. Ich werde Euch Vollmacht erteilen.“ „Aber Durchlaucht.“ „Kanzler, Ihr braucht mich gar nicht viel fragen. Ich habe Vertrauen zu Euch; ich hatte es schon immer, konnte es nur selten offen äußern. In den Jahrzehnten, die Ihr um mich seid, habt Ihr die Grundsätze meiner Regierung genugsam kennengelernt. Ihr habt Euch längst — ich weiß ja, seid nicht zu bescheiden — alle Selbständigkeit in den Regierungsmaßnahmen erworben.“
Der wand sich, verneigte sich, errötete, hob die Finger an die Schläfe.
Der Fürst ließ den Wagen halten, schlief eine halbe Stunde. Er lächelte im Weiterfahren erquickt den andern an: „Ich habe, wenn ich Euch gelehrten und wohlerzogenen Mann betrachte, die wirkliche und ehrliche Meinung, daß Ihr die Neuburger Regierung ganz in meinem Sinn führen könntet. Als Nachfolger könnte ich mir niemand lieber wünschen als Euch. Wie schlapp bin ich. Doch ein müdes, morsches Haus.“
Als der Kanzler gebeten hatte in seinem Schreck, neben dem Wagen spazieren zu dürfen — er gedachte Zeit zur Überlegung zu gewinnen, indem er das Tempo des Wagens verlangsamte — blickte ihn der Alte, drin langhingestreckt, den rechten Arm anhebend, listig an; ob er auch das Galgenmännchen ordentlich drücke; dies sei die Hauptsache; dann passiere nichts; Maximilian trage wohl keins; da sei man ihm über. Im übrigen wisse er etwas; das Einfachste sei, der Kanzler vertrete ihn beim Herzog. „Tretet ihm ruhig entgegen. Lasset Euch von seinen Praktiken nicht imponieren. Ihr fühlt ihm auf den Zahn; wie leicht ist das. Übermorgen kehren wir heim oder einen Tag später, wenn das Wetter gut bleibt.“
„Und Ihr, Durchlaucht?“
„Und ich? Wir sind hier Fremder, ein Gast des Neuburger Pfalzgrafen. Macht Euch darum keine Sorgen. Ich werde Euch Direktiven geben, wenn ich mich restauriert habe.“
Wieder rang der die Hände, es ginge nicht, der Fürst als sein Begleiter, es ginge wider den Respekt, um Himmels willen, welche Verirrung, welche Verwirrung, welche Herausforderung göttlichen Grolls.
„Mein Lieber,“ gähnte gutmütig der Fürst, die Augen geschlossen, „wage Er es nur. Wir befehlen es Ihm, und so ist Er jeder Verantwortung vor göttlicher und menschlicher Behörde ledig.“
„Aber um Jesu willen, der Respekt, der Respekt vor Eurer pfalzgräflichen Gnaden. Was soll der Herr Herzog in Bayern und ihr erlauchter Hof von mir denken, daß ich glaube, im Namen des Neuburger Fürsten selbständig verhandeln zu können.“
Befriedigt nahm das der Pfalzgraf an; es werde nicht peinlich sein, jedenfalls nicht sehr; er werde alles in die Wege bringen, freilich etwas peinlich bleibe es. „Gegen Euer Durchlaucht Haus, gegen die Anverwandten, die hohen Vorfahren.“ „Freilich, es ist peinlich, bitter peinlich. Es ist ein Unrecht gegen das Haus. Aber es muß sein. Wir verantworten es. Wir befehlen Euch, uns während unsrer Schwäche nach Vermögen zu vertreten.“
Ruhelos trabte draußen der Kanzler; in einem plötzlichen Entschluß küßte er die auf dem Wagenschlag ruhende runzlige Hand des Alten, demütig, tief demütig innerlich um Verzeihung bittend für alles Zukünftige.
Die Reiter abgedankt, am Abend am Schwabingtor von der Torwache eingelassen, vom Schreiber vermerkt als Neuburger Kanzler Sartorius nebst unterschiedlichem respektierlichem Anhang bezogen sie Quartier in der berühmten Herberge „Der Strauß“. Tapsig schritt der Fürst neben seinem verlegenen Kanzler her in unsäglichem Behagen. Er lachte kräftig, wie er sah, daß man dem Heiligen Benno hierzulande in der Frauenkirche täglich mehrere Zentner Kerzen verbrannte. Am Weinmarkt stand das mächtige Landschaftshaus. Der Geheime Rat Jocher nahm im Alten Hof, in einem Gemach der Hofkriegskammer, den Vortrag des Neuburgers entgegen; recht wenig Haltung zeigte der Kanzler vor dem starken großen würdevollen Mann, der ihn mit überlegener Höflichkeit zur Stiege begleitete.
„Wir bleiben bis zum Bescheid,“ erklärte Philipp Ludwig. Eine Mietssänfte führte ihn den halben Tag durch die Stadt; der Fürst kam nicht aus dem Lachen heraus. Wie sie alles zeigten, nichts versteckten: Bilder Schmuckwerk Tapisserien, Bauten über Bauten, vierstöckige Häuser, Prunkfassaden, Kirchen voller Reichtümer. „Haltet den Beutel zu,“ kicherte er abends dem Sartorius in der Schlafkammer zu, „was gibt es für Narren. Unser Neffe Maximilian hat viel Geld, schönes schönes Geld. Seht an: er verdient es nicht. Er wirft es weg.“
Aus der mürrischen einsilbigen Äußerung des Herzogs machte Jocher die umständliche Belehrung an Sartorius, der sie ehrerbietig entgegennahm, daß die Kur nach Ächtung des Pfälzers natürlich an den Kaiser zurückfalle, der sie weitergebe; gäbe er sie dem erklärten Ächter nicht wieder, so einem Bruder, einem bestimmten nächsten näheren Anverwandten, und so fort. Sei alles Sache des Kaisers und der Hofkammer; diese gelehrte Institution verdiene jegliches Vertrauen; möge jeder gewiß sein, daß sein Recht dort und bei Erwählter Römischer Majestät ruhe wie in Gottes Schoß.
Jocher schickte vor dem Abschied, da er bei einem Gegenbesuch einen alten einfältigen Gesellen als des Sartorius Reisebegleiter im „Strauß“ antraf, einen gewandten bessern Mann, der München kannte. Dieser setzte sich, grob wie er war, nachmittags ohne weiteres in der Kammer des Fürsten fest, warf die kostbaren Kisten die Treppe herunter auf den Vorflur, lachte den vor Zorn stammelnden, der abends angetragen wurde, samt dem völlig rat- und hilflosen Kanzler, schallend vor dem Gesinde aus, ja verhöhnte ihn, als er ihm zitternd befahl, die Kammer zu räumen. Hin und her lief auf dem Flur der Pfalzgraf nachts in seiner Wut, wurde nach lebhaftem Wortwechsel von dem Kavalier vor die Tür gesetzt, in der Nachtmütze, Kerze in der Hand, Schlafrock um den Körper. Die Nacht über saß er betäubt auf dem Treppenabsatz, beim ersten Hahnenschrei wurde das Tor von Frauen geöffnet, die in die rückwärts gelegenen Stallungen mit Kannen und Eimern schlurrten und vor ihm aufschrien und noch Zeter schrien, als er schon in der ehemaligen Kammer seines Kanzlers sich Knie und Schenkel rieb, heftige leise Selbstgespräche führend gegen den Kavalier. Entschieden verbat sich aber der Fürst am folgenden Tage von Sartorius jede Beeinflussung des Kavaliers; er wahre seine Rechte selbst, wünsche nicht bevormundet zu werden; damit ordnete er die sofortige Abreise an.
Zwei Stunden weit hinter München geleitete sie der Münchner mit fröhlichem Geplauder und Späßen. Es bereitete dem Herrn ein rechtes Gaudium, den alten fremden Gesellen zu malträtieren. Zu einer förmlichen Pufferei Knufferei hinter dem Rücken des Kanzlers kam es, der verzweifelt vieles davon beobachtete, durch die Winke Philipp Ludwigs bedeutet wurde zu schweigen. Seitwärts bog dann der Wagenzug des Fürsten in ein lichtes Gehölz; stundenlang schlief er weich auf Bettpolstern unter dem Wagenplan, nachdem er sich gierig sattgegessen getrunken hatte. Nach dem Erwachen fragte er nach den Geschenken, die Sartorius in München empfangen hätte. Im Gras wurde vor ihm ein Kistchen geöffnet; es schälte sich aus eine silberne Aderlaßschale, eine hohe Majolikavase, ein Löwe als Lichthalter aus vergoldeter Bronze. Er drehte die Stücke nach allen Seiten, beklopfte sie, daß das Heu abfiel. Nachdem er das Einpacken beaufsichtigt hatte, in sein Pelzwerk eingeschlagen, auf seinen Wagenplatz gehoben war, die Berittenen antrabten, gab er Befehl nach Regensburg. Seine Augen blitzten: „Meint Ihr, mich hätte das erschreckt mit dem Hundsfott? Die Antwort meines Neffen Maximilian hat mich genugsam in jeder Minute belustigt. Was tut der Herzog anders als ausweichen. Totschweigen ist die Taktik dieser Welt, wenn es sich um rechtmäßige Ansprüche handelt.“ Er kicherte fröhlich: „Geh nach Hause, hat mein Neffe gesagt; wenn man alt ist, tut man nichts Gescheiteres als sterben. Neuburg ist so schön, hat so schöne Gärten, Lauben, Äcker, soviel Vieh, und an Kühen fehlt’s nicht für Butter und Sahne und Milch. Die Wälder stecken bis Burgau und Dillingen voll Hirschen und Fasanen; Forellen schwimmen in den Bächen, und die Hechte und Karpfen. Geh nach Hause, sieh dir deine Brillanten an.“ Er rieb sich die Nase, brummelte aus seinem Sack: „Schlau geantwortet, Herr Max in Bayern. Hat der Herr Sartorius etwas Auffälliges gesehen in seiner Stadt München?“ „Genugsam, Durchlaucht. Reichtümer in vieler Form.“
„Und was hat er davon gedacht?“
Der Kanzler schwieg, er freute sich, daß sein Herr prahlte.
„Empörung habe ich gedacht. Ich lobe den Krieg. Der Krieg scheint mir doch mehr Gerechtigkeit zu haben als das Wiener Gericht: seht mich. Wäre nicht dem unruhigen Pfälzer die schwere Prager Schlacht begegnet, so — ja, so wäre ich schließlich doch gestorben, es wäre mein fleischliches Los gewesen. Und hätte bis zu meinem Tode mich glücklich vermeint, weil ich meine Hand bis an den Knöchel in eine Schachtel mit Edelsteinen stecken kann. Statt dessen —“ Giftig blickte er hervor, er spie über den Wagenschlag.
Der Kanzler verneigte sich: „Es war ein Glück, daß Durchlaucht nicht offen in München erschienen sind.“
„Es hätte Skandal Schlägerei gegeben in offenem Gespräch beim Herzog.“
Er wog die Geschenkkiste in der Hand, fragte mißtrauisch, ob Sartorius nicht vielleicht noch eine zweite empfangen hätte, vergessen.
Philipp Ludwig fuhr nach Wien völlig unangemeldet, die Namen der Geheimen Räte und Kämmerer, ihre persönlichen Verhältnisse waren ihm unbekannt; gedachte wie Blitz und Donner dort einzuschlagen; es bedurfte keiner Vorbereitung zur Entladung.
Auf das Schiff, das ihn die Donau hinuntertrug, stellte er offen auf Deck sein Wappenschild. Sehr wenig adlig zog er, vor Wien aussteigend, gegen die Stadt; ingrimmig knurrte er gegen Sartorius: „Ich komme von Rechts wegen. Lasse sich der Herr das nicht grämen.“
Die erste Erkundung, die er einzog, war am Stubentor, wo ein großes Bad war. Dort hinein schickte er einen Kammerdiener zu dem Badmeister, vertraulich auszufragen, wo sich an einer der Hauptstraßen oder Märkte eine nennenswerte Herberge fände. Der Badmeister, auf den Klang des Namens Pfalzgraf von Pfalz-Neuburg, ließ sich nicht verdrießen, den Topf Wasser, mit dem er die heißen Steine besprengte, auf die Fliesen zu stellen, halbnackt, den linken Arm voller Badewedel herauszutreten vor seine Tür, dem eingepelzten mürrischen Herrn tiefe Verbeugungen zu machen; das schäbige Gefolge stieß ihn sogleich ab; er mußte sich lange auf ein vornehmes Losament besinnen. Sein muskulöser Gehilfe, halbnackt wie er, kam hinzu. Der schwang sich auf einen dicken scheckigen Gaul, den er für einige empfangene Heller an der Mähne aus dem Stall zog; ungezäumt ritt er der Sänfte mit den beiden Fremden — die Kammerdiener zogen durch den Kot und Morast — voraus, sein Badelaken um die Schulter, „hü, hüah, hüäho!“ schreiend, die Glocke schellend, an jeder Straßenkreuzung, an die Fenster hinein zum Bad Schröpfen Aderlassen einladend, öfter anhaltend, lärmvolle Gespräche mit Passanten führend. Die entschuldigenden, bedauernden Bemerkungen des Kanzlers winkte der Fürst, als sähe höre er nichts, ab. „Kommen unser Recht zu holen. Lassen wir das.“
In dem Gewölbe seiner Hauskapelle am Tage St. Urban, watend knöcheltief in Rosen vieler Farben, empfing der Abt von Kremsmünster, von Schultern, Ärmeln des schwarzen Seidentalars die roten duftenden Blätter schüttelnd, lächelnd den Pfalzgraf von Pfalz-Neuburg, einen harthörigen hinkenden Mann, der sonderlich unsauber in Tuch und Fell gekleidet war, sich knapp verneigte, die Mütze lüftete, sich mit offenbarer Erleichterung aus dem blauen behangenen durchflochtenen überfüllten Raum in einen sehr hohen kreisrunden Vorraum von seinem schäbig livrierten Kammerdiener führen ließ. Von oben fiel helles Sonnenlicht durch bunte Scheiben auf die Fliesen; gütig schob der Abt dem Fremden einen Fußteppich zu; zwei Sessel auf den lichtbespielten Fliesen, Wände, die sich über ihre Köpfe einander entgegenhoben, mehrfaches Echo bei jedem lauten Wort.
Der Pfalzgraf knaute, er habe bei eben erfolgtem Besuch in München sich nicht der Unterstützung seines Anverwandten und erlauchten Neffen, des Herzog Maximilians Liebden, zu erfreuen gehabt, zu seinem Bedauern. Dieser habe Gleichgültigkeit gegen ein wichtiges Familieninteresse prätendiert. Sei ja die Acht namens des Reiches über den Pfälzer Kurfürst verhängt, werde von Reiches wegen über Kur und vielleicht auch Kurlande weiter verfügt werden; melde er für die ehemals mitbelehnte Linie Pfalz-Neuburg Ansprüche an, nach Goldener Bulle, Hausgesetzen, Reichsgesetzen seine Erbschaft und bekenne sich dafür. Der Abt fragte nach schriftlichen Vorgängen, indem er den Blick senkte. Und dann weiter, ob er in München also gewesen sei, und wenn erlaubt, mit welchem näheren Zweck. Um dem Bayernherzog die Hand zu schütteln für seine Tapferkeit gegen die böhmischen Rebellen, für erwiesene Treue gegen des Römischen Kaisers Majestät. Und ferner. Nichts weiter, er hätte sich verpflichtet gefühlt, Dank abzustatten als alter Reichsfürst, auch zu bewirken, daß die Sachen in rascheren Fluß gerieten, wenn Maximilian sich ebenso tapfer wie in der Verteidigung des Reiches in der Verfechtung der Konsequenzen zeige. Nun? Nun, Maximilian sei Ritter, Kämpfer vom alten Schlag. Diplomatisches liege ihm nicht; es sei nichts weiter von ihm zu erwarten. Antonius flatterte ein rosa Blatt aus dem weiten Ärmel seines Talars; er rieb es sich lächelnd über die Lippen, zerdrückte es zwischen den Fingern der Linken; versprach sich der Schriftstücke sorgfältig anzunehmen. Wie es der erlauchten Neuburger Familie ginge, von der er immer so Erfreuliches vernehme durch den Probst von Ellwangen. Der Fürst, sich an seine Stöcke klammernd, hörte scharf und mißtrauisch, gab halbe Antwort, ließ sich von dem Kammerdiener, in Furcht, man könne versuchen ihn zu beeinflussen, rasch in seine Sänfte führen. Der Abt betrachtete lange den Sessel des Fürsten, schüttelte neue Rosenblätter aus seinem Talar, rief einen braunkuttigen dienenden Scholar; man möchte zu Herrn Jesaias Leuker, dem bayrischen Gesandten schicken; er wollte mit ihm sprechen, von dem kuriosen Besuch erzählen, was sich davon denken ließe.