Wallenstein
Roman
von
Alfred Döblin
Zweiter Band

1920
S. Fischer/Verlag/Berlin

Erste bis dritte Auflage
Alle Rechte vorbehalten, besonders das der Übersetzung
Copyright 1920 S. Fischer, Verlag

Viertes Buch
Kollegialtag zu Regensburg

Durch die beiden Kristallfenster der schönen und reichen Kapelle zu München in der Residenz schien die rote Wintersonne. Das schmale Gewölbe, weißer polierter Gips, nahm purpurne Flecken und Linien an, als würde es angehaucht. Über dem Pflaster von Jaspis und Achat auf Kniestühlen der bayrische Hof, spanische Kostüme, gesenkte Schultern, niedergedrückte Köpfe, grauhaarig, weiße Perücken, dunkle gezügelte Locken. Auf der Kanzel zur Linken des großen Silberaltars mit den Reliquien und dem reitenden Ritter Georg — golden, drei Federbüsche am Helm mit Diamanten, Rubinen, Smaragden — sprach in schwarzem geschlossenen Jesuitenrock ein langer glutäugiger Priester; seine Arme fuhren, ohne daß sie es sahen, über sie weg in der drohenden Erregung:

„Es ist eher erlaubt, Gott zu hassen als zu lieben. Denn Gott steht uns zu fern, zu hoch; es ist eine Sünde, sich ihm zu nahen, selbst in Gedanken. Zu wagen, ihn zu lieben, wie dieses und jenes aus dem Alltag, ihn behängen mit Putz Juwelen und Gold, ihm zarte Gefühle darzubringen: das heißt, ihn erniedrigen. Es ist das Vergehen einer Beleidigung der Göttlichkeit. Kriechen vor ihm, ihm ausweichen, ja ihm grollen: das mag einem Menschen gut anstehen. Ihr habt schon Gott verleugnet in dem Augenblick, wo ihr ihn nicht fürchtet. Er hat euch keine Freundlichkeit gegen sich erlaubt, ist nicht euer Vater, eure Mutter, euer Buhle, euer Herzensbruder. Er ist nicht einmal euer König und Fürst, er lehnt es ab, euer Richter zu sein; sein Gericht ist euch nicht zugänglich; er vollzieht es, wann er will und gegen wen er will. Es läßt sich nicht fassen und erforschen, wer er ist, und darum heißt es nur, Grauen vor ihm empfinden — und so habt ihr getan, was Menschenpflicht ist.

Wehe denen, die glauben, Gott sei unser Vater; es ist fast kein weiterer Schritt nötig, um Ketzerei zu üben. Es heißt: ihr sollt den Sonntag heiligen, um Gottes willen; und Gott selber wollt ihr nicht heiligen? Vergeßt nicht, wer ihr seid, von wo ihr stammt. Wißt ihr, wie die Erbsünde euer Leben eingeleitet hat? Kennt ihr alle Laster, mit denen ihr euch seit jenem Tage schleppt — Glückstag oder Unglückstag? Seht die Niedrigkeit der Menschen, die Erbärmlichkeit ihrer Begierden — und ihr Gotteskinder! Seht euren Tag an, gefüllt mit Arbeit, Sättigen des Leibes, mit hundertfachem Verdruß, hundertfachem Vergnügen, hingeweht das Ganze, von nicht mehr Gewicht als ein Farbenantlitz. Prozesse im Land, Mißgunst, Drang nach Reichtum, Vorrang, Aufsässigkeit der Untertanen, das ist euer Leben, wenn ihr erwachsen und alt seid. Bald mehr, bald weniger Spaß, Spiel, Männer, Weiber, Weine, Biere, Tourniere, Hirsche, Eber, Musik, Bilder, Schlaf, Stumpfheit, Behaglichkeit, Bitterkeit — um nichts und ein bißchen. Trübsinn und Greinen, wenn ihr gichtisch werdet und krumm, mit leeren Kiefern hinter dem Ofen hockt und nur Brei schlucken könnt, Hüftweh, Stuhlbeschwerden, Harndrang, Magenkrämpfe, dann Schlaf und Schlaflosigkeit. Das ist das Leben von Kindern Gottes. Ihr schämt euch, ich fühl’ es mit euch allen; man braucht dies alles nur fassen, sich erinnern, vor Augen halten. Ja, Besinnung, Erinnerung! Ruhe der Seele, Erlöschen der Begierden! Nur ihn wissen, den Gott, das Recht haben, seinen Namen zu kennen, von seinem Dasein zu hören: das ist genug und genug für uns. Das Recht haben, Gott fürchten zu dürfen: seht, ich sprech’ es aus.

Und ihr fühlt, daß ich die Wahrheit sage. Die Wahrheit ist mit mir. Wir wiegen uns nicht in Gefühlen und Träumereien einer Magd. Uns ist das Leben zu ernst; es ist uns gegenwärtig, wir kennen es, haben es erlitten, wissen, was uns erwartet, heute, morgen. Es wird uns kein Engel begegnen, keine Verheißung wird uns ausgesprochen. Lassen wir die Spiele den Kindern, den lieben, und den Toren, den lieben.

Morgen wird die Glocke läuten, dann wird die Frühmesse sein, die Knechte werden in die Höfe stampfen, die Vögte werden hoch auf den Pferden sitzen mit Federhüten und Peitschen. Morgen früh wird die Glocke läuten: wir werden uns im Halbschlaf auf den Rücken legen, dann auffahren, unser Gebet verrichten; und das Geschrei der Kinder nach Milch und Pflege gellt in unsre Ohren. Wir schlucken unsre Frühsuppe, sie kann dünn und kalt sein, wir müssen die Gewölbe durchsehen, wo unsre Schätze und Waren stehen, die Kisten zuschlagen, bald werden die Fuhrwerke über die Brücken knarren; es muß alles verfrachtet und versiegelt sein; wir werden schimpfen mit den Knechten, man wird uns am Fuhrlohn betrügen, wir werden uns wehren; die Bauern schlurren herein.

Wenn morgen die Glocke läutet, hat eine Mutter ihr Kind geboren und freut sich, ihr Mann freut sich und die Geschwister sehen sich das armselige Wurm an. Und an vielen Orten hat sich in dieser Nacht eines verändert, eines ist verhungert und erfroren am Brunnen, vor einer Stalltür, eines erschlagen von Räubern, eines vom Fieber weggerafft, eines alt, siech, todesbedürftig in der Kammer ausgelöscht. Unser Leben, unser Leben! Wie könnte man stolz sein! Wie wagt es einer, stolz zu sein und den Namen Mensch mit Prahlerei im Mund zu führen — es sei denn, er bilde sich etwas ein, auf die Kraft seiner Muskeln, die List seiner Gedanken, die Wildheit seiner Begierden! Und welches Tier wäre ihm nicht da überlegen.

Unser Leben, unser Leben! Gestorben sind wir tausendmal, wenn wir erkannt haben, wer wir sind, aus Stolz; und erhoben hat uns nicht der Kaiserhut, der Kurfürstenhut, der auf unserm Haupt liegt, nicht die Bischofsmütze, die Tonnen Gold, sondern das Grausen, das Entsetzen. Nicht besinnen können: nur das tröstet uns. Die Vergessenheit, der Rausch trägt uns betrügerisch über die Abgründe. Wofern wir sehen, rettet uns von Tod und Vernichtung nur die Furcht.

Brecht, meine Knie! Mein Herz, laß deine Säulen zerfallen! Dach über mir, zerschmettere mich! Kommt angefahren, hundert Rohre, hundert Kartaunen, auf mich gerichtet, hier mein Herz, meine Augen. Ich bin gefroren. Ich kann doch noch immer lachen über euch. In die Luft verpafft ihr euer Eisen und Marmelstein. Ich kann beten, kann zittern!“

Der kranke alte Herzog Wilhelm war über seinen Stuhl nach vorn gefallen, sein weißes Gesicht baumelte, sein Stuhl schwankte seitlich. Der Kurfürst griff mit harter Miene nach links gegen ihn.

Wie der Pater die neue Feste herunterkam und unweit der Kunstkammer an den weiten Stallungen vorüberging, berührte ein unbewaffneter Mann in der Dämmerung seinen Ärmel und sprach ihn, als er sich umwandte und stehenblieb, an, indem er ihn bat, scheublickend, er möchte nicht mit ihm hier stehenbleiben vor den Augen der Passanten und fürstlichen Wächter. Rasch bogen sie in eine Seitengasse. „Ihr seid der Pater, der in der Frauenkirche gepredigt hat; ich habe Euch zugehört. Ich bin Tillyscher Soldat, möchte Euch sprechen.“ „Was wollt Ihr,“ fragte der sehr rührige Jesuit. Heiser, während er ihn aus samtenen Augen verzehrend ansah, bat der untersetzte bärtige Mann, der von der rechten Stirn herunter bis an den Mundwinkel eine blutrünstige Narbe trug, er möchte den Pater in einem geschlossenen Raum, wo er wolle, sprechen über Dinge, die ihm am Herzen liegen; er schwöre, keine Waffen zu haben, nichts Feindliches im Sinn zu haben; er brauche Hilfe. Sie gingen auf Umwegen am Jesuitenkolleg vorbei, stiegen von der Rückwand die Treppe des weiten Konventhauses hinauf. In der dunklen Zelle steckte der Geistliche eine Kerze am Türpfosten an; es war ein schmaler hoher Raum, völlig kahl; über einer Bücherreihe an einer Längswand hing das Bild des heiligen Franziskus in der Wildnis. Der Fremde setzte sich unter die Kerze, gab nach langem Zudringen des Paters Auskunft. Er sei von protestantischen Eltern im Österreichischen geboren, vor Jahren von einer Kommission bekehrt; seine Eltern seien verschollen oder getötet bei den Aufständen; und dann kam er nicht weiter, irrte mit den Blicken immer wieder zu dem großen Gemälde. Was dies Bild bedeute, wollte er dann wissen. Der Pater gab ihm Antwort. Dann stieß der Fremde rasch und hintereinander hervor: er käme — ihm sei prophezeit worden, er werde in diesem Jahr im Krieg umkommen in der Lombardei; er wolle ein Amulett, hätte kein Zutrauen zu einem andern, sei verzweifelt, verzweifelt. Und dabei knirschte der bärtige Mann mit den Zähnen, die Tränen standen ihm in den Augen, er schluckte, schluchzte, blickte den Priester erbärmlich an. Vorsichtig ein Lächeln unterdrückend, fragte der Priester, ob jener ihm wirklich zugehört habe. „Ihr habt ein Amulett,“ bettelte dumpf der andere, immer den Franziskus anblickend, „Ihr wißt alles, ich habe Euch zugehört, gebt mir eins. Denkt an einen andern.“

„Mein Lieber, wenn Euch bestimmt ist, wie Ihr sagt, zu sterben, so wird Euch mein Amulett nichts helfen.“

„Ich will nicht sterben, Ehrwürden. Mein Vater und Mutter sind schon tot um nichts. Ich hab’ nichts verbrochen. Nur Kummer und Plag’ hab’ ich gehabt, und jetzt soll ich sterben.“

„Lieber, Ihr müßt Euch das mit dem Zaubermittel aus dem Kopf schlagen. Das ist verruchtes Soldatenwerk. Seid fromm, betet.“

Erwartungsvoll blickte ihn der gehetzte Mann unter der Kerze an: „Wird mir Gott helfen?“

„Betet.“

„Aber wird er mir helfen?“

„Ihr habt nichts zu fordern.“

„Wozu soll ich beten, wenn es nicht hilft. Gebt mir ein Amulett.“

„Mann, geht Eurer Wege. Ich habe mit Euch nichts zu schaffen.“

Der Pater stand ruhig auf. Der Mann, die Fäuste ballend: „Ich bin doch kein Narr und Lump, daß Ihr mich so wegschickt und mit Worten abspeist.“

„Ihr seid ein Narr. Und das ist noch wenig gesagt.“

Der Soldat zitterte an der Tür, hinter seinem Stuhle stehend: „Weil ich nicht beten will? Es wollen andre auch nicht beten. Und mit ihnen springt man nicht so um wie mit mir; sie brauchen nicht zu sterben.“

„Wer will aus deiner verruchten Gesellschaft nicht beten?“

„Wer? Das fragt Ihr noch? Eure eignen Schüler, die habt Ihr so weit gebracht. Gewiß. Mein Herzensbruder war Novize bei Euch, hat mir geraten, in Eure Andacht zu gehen. Ich hab’s nicht bereut, hab’ wohl gemerkt, daß Ihr alles recht wißt und hab’ Euch in allem recht gegeben. Und so speist Ihr mich ab.“

Der Pater trat an den weinenden Mann, der sich den lumpigen Filzhut vor die Augen hielt: „Wer hat Euch in meine Andacht geschickt?“

„Wer? Wer?“ äffte der andere widerspenstig und grimmig nach; stülpte sich nach kurzem Anstieren des Priesters den Hut auf, sprang mit zwei Sätzen auf das Bild des Franziskus, riß es am Rahmen herunter, raste, den starr stehenden Priester mit dem Bild wider die Brust stoßend, durch die aufgerissene Tür davon; die Kerze schlug er im Vorüberfahren mit dem Holz herunter, so daß er Finsternis hinterließ.

Nach einer Woche wurde dem Pater beim Betreten des Hauses vom Bruder Pförtner gemeldet, daß ein junger Mann ihn vor seiner Zelle erwarte. Der Pater konnte den zum Schutz begleitenden Pförtner gleich zurückschicken; den jungen Menschen, der da stand, erkannte er sofort. Erst als sie in die Zelle traten, bemerkte er, daß der gebräunte feingesichtige Mensch ein Bild am Boden herzog. Der Pater blickte ihn starr an: „Du warst das?“ „Ich habe ihn nicht geschickt, Pater; er lief immer mit mir, er ist ein hilfloses Geschöpf. Das Bild hab’ ich ihm mit List abringen müssen. Hier habt Ihr’s wieder.“

„Ich danke dir. Hast du ein Anliegen? Stell’ es nur an die Wand.“

„Ich muß nicht sterben wie mein ängstlicher Freund, aber Ihr seht: ich bin hier.“

„Hast du ein Anliegen?“

„Ich will Euch nicht um ein Amulett bitten; kann ich Euch sprechen?“

Der Priester setzte sich an das Fenster, wo für Vögel Krumen gestreut waren: „Eure Eltern haben sehr gejammert um Euch.“

Der andere vor dem Bücherpult lächelte streng: „Ich habe mir einen wahrhaft geistlichen Beruf erwählt, sagt das, bitte, ihnen; ich bin Soldat geworden, jetzt unter der dritten Fahne. Ich muß wie die Engel und Teufel um meine Seele kämpfen; wer nicht stark ist, geht dabei unter.“

„Du dienst unter Tilly?“

„Fragt nicht nach mir, Pater. Was tut mir not, Pater?“

„Sprich dich aus, mein Sohn.“

„Ich hab’ ein Dutzend schwere Bataillen mitgefochten, gefangen war ich, bin entwischt. Ich hab’ jahrelang mein Leben geführt, seit ich Euch durchbrannte, wie’s mir gut tat. Als mein Regiment Pikeniere aufgelöst wurde, hab’ ich gebettelt, gearbeitet, kein gut getan; und wie ich unversehens hierher kam und Euch hörte, seht, Pater: da ist keiner gewesen unter allen, die da saßen, der so gelechzt hätte nach Euren Worten wie ich. Ihr müßt mir mehr sagen. Ich — brauch es.“

Bitter sagte der Priester: „Ihr hättet nicht nötig gehabt zu lechzen. Aber du bist ein junges Blut und bist gewiß, daß man dir verzeiht.“

„Sprecht mir von Gott.“

„Schlage du Menschen tot, Dänen, Schweden, und frage nicht nach Gott.“

„Wie steht es mit Gott? Als ich bei Euch lernte, aus Thomas und Aristoteles las, habe ich ganz vergessen zu beachten, was sie sagten; ich nahm es ohne Gedanken an. Jetzt brauch’ ich es; wie steht es mit ihm?“

„Du hast doch Angst, mein Lieber.“

„Wie muß ich von ihm denken, wenn ich lebe, und meinetwegen, wenn ich sterbe.“

Der Priester kauerte sich am Fenster, vor dem die Vögel sprangen, über seinem Schoß zusammen: „Das einzige, was not tut, ist, den Hochmut brechen. Du kannst nicht mehr tun, als Gott aus deinem Herzen reißen. Merk dir dies! Nimm dies auf den Weg. Ja, Gott aus deinem Herzen reißen. Vor dem ungeheuren ewigen Wesen hat jeder dumpfe freche Gedanke in dir zu verstummen; jedes Auge erblindet. Es ist noch zu wenig, wenn geschrieben steht: ihr sollt seinen Namen nicht mißbrauchen. Laß ihn mit deinem Sterben zufrieden. Sein Name, dir sage ich es, soll aus Dir ausgerottet werden. Er soll nichts sein als der Warnungspfeiler vor einem grauenvollen Abgrund: „Bis hierher!“ Der gähnende Abgrund! Die Menschen, weder lebend noch tot, haben teil an ihm. Nichts ist uns von ihm gegeben. Wehe denen, die seiner nur gedenken. Du tust ja recht, mein Lieber, hast nicht nötig, mich zu fragen: tu, was dir beliebt, morde, raube, geh in die Kirche, schenke Almosen, liebe, verheirate dich — es ist ihm, ihm nicht dran gelegen. Wen schert das etwas! Die Menschlein! Ich bin nicht sein Anwalt. Aber sei gewiß: Gott lebt. Nur nicht unser.“

Der andre stemmte gebückt die Ellbogen auf die Knie, stützte das Kinn in die Hände: „Nicht seiner gedenken! Wer aber hat uns dies denn in das Herz gelegt? Wer dies getan hat, war ein Verbrecher am Menschen. Wenn — Ihr recht habt, Pater.“

Still stand der Priester auf: „Ich habe gesprochen, Vincenz.“

„Das hilft mir nicht, Pater, was Ihr mir sagt. Als ich bei Euch lernte, hätte es mir vielleicht genügt. Jetzt brauch’ ich etwas andres.“

„Nimm den heiligen Franziskus, wie dein Herzbruder.“

„Ihr schiebt mich nicht so leicht ab; ich denke doch, Ihr spottet nicht über mich. Wozu braucht Ihr Heilige und den Heiland?“

„Der Heiland sagt aus, wie wir leben sollen.“

„Herr, wie kam der Heiland zu Gottes Wort?“

Der Priester, abgewandt, schwieg lange: „Wir sind Christen. Wir beten zu Christus.“

„Ich weiß nicht, wovon Ihr redet.“

Das starre strenge Gesicht drehte der Priester ihm zu: „Da ist nichts unklar. — Der Hochmut ist zu brechen in den Menschen. Der Gott, den du in dir hast, ist der letzte Rest des Heidentums. ‚Gott‘ sagt der Heide; es ist gleichgültig, ob ein Gott oder mehrere Götter. Man hat euch so lange Ruhe damit gelassen. Es ist Zeit.“

Er beobachtete finster den Soldaten: „Nicht wahr, du willst Heide werden?“

Unruhig, gequält, drohend gab der zurück: „Ich weiß nicht.“

„Was weißt du nicht?“

„Ob Ihr Christ seid.“

Mit kaltem Ausdruck lächelte der Jesuit, indem er den Kopf langsam zurückbog. Der Soldat hob den Arm: „Ihr lacht!“

„Es ist niemand so Christ als ich.“

Dem an der Tür flammten die Augen: „Ihr wollt die Menschen der Verzweiflung ausliefern. Ich habe gebetet, mich gefreut, mich fähig gefühlt zu allen schweren Dingen — durch Gott. Das soll mir alles genommen werden.“

Der Pater setzte sich ans Fenster, schwieg.

„Das soll mir alles genommen werden.“

„Ja.“

Mit schüttelnden Armen: „Und wozu? Wem zu gut?“

„Lieber, nun werde ich wirklich bald lachen. Ich bin Priester der Kirche; was gehen mich Menschen an.“

„So geht doch hin, Pater, und sagt Eure Weisheit dem Papst, den Bischöfen und Mönchen. Sie sind für uns Menschen da.“

„Es ist nicht nötig, sie wissen es schon.“

„Und was sagen Sie?“

„Ja, sie kümmern sich nicht um Gott. Denn sie sind fromm. Sie helfen den Menschen, indem sie sie beschäftigen mit Andachten, Gebetübungen. Für das Christentum sind erst die wenigsten reif.“

Der junge Soldat: „Ich nicht.“

„Nein.“

„Ich wollte Gott wieder in mir errichten. Zu ihm wollte ich beten, mich zu ihm führen lassen. Zu ihm.“

„Nein.“

Wallenstein im Gespräch mit dem Venetianer Pietro Viko, der bei ihm Kreuzzugsideen, gegen den Großtürken, propagierte.

„Will der Herr mir Neuigkeiten erzählen! Ich hab’ in Gradiska für Ferdinand gekämpft. Wittelsbach ist größenwahnsinnig, den Kaiser Ludwig, den Ketzer, hat es nicht vergessen. Man hätte den Wittelsbacher zerschlagen sollen; nun sitzt er an der Isar, der dunkle Mann, prunkt und protzt sich auf, geizt und darbt. Ein Fürst!“

„Er wird dem Kaiser nicht übel zusetzen.“

„Ferdinand ist der beste Mann, ein Edelmann, ein Ritter. Er ist ein Kind. Wenn Ihr daran zweifelt, so seht den Ausgang dieses Kriegsübels an. Den guten Böhmen, meinen Vettern, sollte er den Schädel einschlagen. Er hätte nur nötig gehabt, sein Kaiseramt auszuüben. Aber er war ein Kind. Ich kann mir vorstellen, wie er damals glühte als Kaiser, mit dem Böhmersieg in der Tasche. Und so vor den Bayern zu treten!“

„Ja, er war nicht gut beraten.“

„In der Löwenhöhle ein Kalb verzehren wollen! Warum ging er gerade damals zu Maximilian? Weil München so am Weg lag. Versteht Ihr gut, die Wiener Herren Räte? Er mußte dem Münchener Dank sagen, sich ihm vorstellen. Sie konnten es nicht verhindern; die Herren hatten gerade etwas anderes zu denken.“

„Und da hatte ihn der Max!“

„Die Maus kam ihm spaßhaft vor die Schnauze gelaufen.“

„Haha.“

„Sie fraß ihn. Einmal gepackt, herumgeworfen, dann in die Gurgel geschnappt.“

Wallenstein sagte: „Herr, er hatte schon lange auf den Kaiser gewartet. Der konnte ihm nicht entgehen. Er hatte geholfen, ihm den Kaisermantel umlegen, aber nur um die Lust zu haben, ihn ihm herunterzureißen. ‚Zeig’ mal, was du anhast!‘ sagte der Max. Und als Ferdinand München verließ, hatte er schon fast aufgehört, Kaiser zu sein.“

„Euer Liebden: es sind Zeiten, die erfreulicherweise längst vorbei sind. Ihr werdet bald freie Hand für allerhand haben.“

Wallenstein lachte wieder grell: „Ich hätte in Wien sein mögen, als sie den Ferdinand aus dem Wagen holten von dieser Reise. Begossen, lahm, stumm. Und keiner wußte, was mit ihm war, und er hatte doch in Frankfurt gesiegt, war Römischer Kaiser, und den böhmischen Sieg hatte er damit schon in der Tasche. Was mögen sie sich gedacht haben in der Burg, die weisen Herren! ‚Der Kaiser ist krank, er ist schwermütig,‘ haben sie geschrien, morgens und abends, haben nach den Doktoren im ganzen Reich geschickt.“

„Es ist so.“

Maßlos lachte der Herzog: „Sie werden ihn weidlich zum Purgieren gebracht haben. Gebüßt hat er es, daß er sich hat beglückwünschen lassen von seinem Schwager Max.“

In das Dorf Bubna bei Prag, wo der Herzog eine Meierei besaß, kam eine Truppe Schauspieler Zauberkünstler und Quacksalber gefahren. Erst riefen sie ihre Künste bis nach Prag hin aus; dann schlugen sie einen Bretterzaun auf, bauten eine tiefe Bühne. Vom Herzog auf sein kleines Sommerschloß geladen, veranstalteten einige von ihnen unter großem Geheimnis eines Nachmittags eine besondere Belustigung.

Ein großer Saal stand ihnen zur Verfügung; vornehme Herren und Damen besetzten die Balkons und Galerien; Dienerschaft drängte sich an der offenen Tür. Von den Balkons und Galerien führten Wendeltreppen in den Saal; zu Beginn der Unterhaltung rief von der Tür ein maskierter Schauspieler — er hatte kothurnartige hohe Stiefel, ein griechisches weißes Faltenkleid, trug einen mit Blitzen versehenen Keil in der geschlossenen Rechten; der hoheitsvoll düstere Ausdruck des Zeus —, man hätte davon abgesehen seitens der Truppe, sich am Spiel zu beteiligen. Man möge heruntertreten in den Saal, wer Lust habe. Es werde absonderliche Freude geben.

Im Saal herrschte eine ungeheure Hitze; blickte man von oben herunter, so brodelte und wogte die Luft über dem gefügten Holzboden wie in einem Ofen oder über einem Brand. Die aber unten gingen, merkten von Hitze nichts, auch hatten sie keine Beklemmung der Brust. Aufrecht und übergroß spazierten über die Diele zwei braune Schimpansen, die sich von Zeit zu Zeit auf die Hände fallen ließen und dann rasch liefen; sie kletterten an Säulen hoch, blickten spuckend mit weisen Gesichtern nach der Galerie herüber, ließen sich wieder herab, zeigten vierfüßig jagend ihren hohen Steiß. Woher sie gekommen waren, wußte man nicht. Unten tauchten immer neue Wesen auf; es war nicht zu erkennen, woher sie kamen. Ein junges Fräulein riß sich auf der Galerie von ihrer Begleiterin los, sie wollte sich die kuriosen Affen in der Nähe ansehen. Wie sie die unterste Stufe der Treppe betrat, der heiße Brodem des Saals gegen sie schlug, rannte stürmte sie vorwärts: da lief ein nacktes Geschöpf, das auf der Stelle vor Übermut sprang, sich um sich drehte und jauchzte. Sie ging mit ihren runden rosigen Gliedern, prallem Leib langsam und ungeniert gegen den einen braunfelligen Schimpansen an, der gerade wie auf einer Eisbahn über den Boden rutschte. Ihr wuchs hinten aus dem Rückgrat ein armlanger peitschendicker schwarzer Schweif heraus, mit dem schlug sie ihm vor die Nase; sie trug noch ihre Silberschuh und bunten hängenden Strumpfbänder, ihre übervollen Brüste schaukelten, ihr blondes lockengedrehtes Haar wogte wie eine Kapuze über ihr stumpfnasiges vergnügtes Gesicht. Die beiden Affen balgten sich hinter ihr, dann schlangen sie die Arme umeinander, begannen so, einer den andern festhaltend, ihr zu folgen.

Dicht an der Treppe legte sich ein ernster kleiner Mann, nachdem er sich unglücklich hin und her gewandt hatte, ruhig auf die Diele, zog sich mit den Händen und Knien auf dem Bauch hin. Man trat ihn, schimpfte über ihn. Er bat um Entschuldigung, kroch weiter zwischen den Füßen, unter den Füßen. Bisweilen richtete er sich auf, verschnaufte ernst, sah wehmütig den andern ins Gesicht, ging wieder an seine Arbeit. Niemand unter ihnen wunderte sich über den anderen. Sie waren alle mit sich beschäftigt.

Eine ältere Dame mischte sich ein. Sie trug einen kostbaren Zobelpelz, den sie auch in der Hitze nicht ablegte, aber ihre Hände rührten von Zeit zu Zeit unruhig, während sie gespannt alle beobachtete, die Schnalle vorn an ihrem Hals, die den Pelz zusammenhielt. Plötzlich schrie sie gräßlich, dabei riß sie sich wie erstickend den Umhang auf. Und nun mit offenem Hals stellte sie sich breitbeinig hin an dem Fleck, wo sie war, bog den Kopf zurück, blähte den Hals auf, stieß hochroten Gesichts, während ihre hohe graue Perücke wackelte, einen eselsartigen Trompetenruf aus, mit Blauwerden der Lippen, Zittern der hochgehobenen Arme, die den Fächer fallen ließen. Darauf ging sie rasch, den Fächer aufhebend, die seidenen Röcke wedelnd, weiter, heftig atmend, gewissermaßen erleichtert. Um nach einigen Rundgängen langsamer und zögernd werdend, nach Zausen an ihrem Pelz, wie unter einer Eingebung das helle Geschrei von sich zu geben. Wobei ihr bald von rechts und links, auch von den Zuschauern, heftiges Gelächter antwortete, das sie mit Erblassen, entrüsteter Miene aufnahm.

Einem Offizier geschah, wie er sich in den Saal herunterbegab, ein großes Unglück. Er hatte vor, mit seinem Degen und seiner Muskelkraft der Galerie ein besonderes Schauspiel zu geben. Heimlich warf er sich die Treppe herunter, die letzten Stufen glitt er ab, prallte auf den federnden Boden. Und nun kam er nicht zur Ruhe. Er war wie ein kleiner holzgeschnittener Mann mit zusammengeschlossenen Beinen anzusehen, zusammengeschlossenen Händen, dickem Hals, dickem Kopf; er stürzte bald auf die Hände, da prallte er hoch; stürzte auf den Rücken, da wippte er um; kam auf den Bauch, schoß hoch, stand auf den Füßen, machte einen Schritt. Aber sein tretender Fuß warf ihn hoch; er mußte sich Mühe geben, auf den anderen Fuß zu kommen, und so schnellte er rechts und links meterhoch durch den Saal, immer bemüht, unten ein freundliches Lächeln gegen die anderen, nach der Galerie herauf zu machen, ihnen seinen Degen zu zeigen, seine gewaltigen Armmuskeln. Sofort hatte der Saal sich gegen ihn gewandt, warf ihn auf die Knie, schnellte ihn weiter.

Es kamen viel neue, überall aber war ersichtlich, daß die Situation Keime zu Erregung und Zwistigkeiten barg und daß man einem bösen Wesen gegenüberstand. Es wurde klar, als ein Geistlicher von oben sich entschlossen unter Mitnahme eines Gebetbuches in das Treiben hineinwagte. Auf der Treppe drückte er das Buch gegen seine Brust mit der Linken, mit der Rechten hob er sein silbernes Brustkreuz vor sich. So dachte er bannend in den Saal zu schreiten. In der Tat, sobald er erschien, geriet alles in furchtbares Toben, das Geschrei nahm überhand, die Figuren fuhren toll umeinander. Zugleich aber zog sich der heiße Brodem um ihn in sonderbar spiralig schwebenden Wellen, rauchartig zusammen; wie er mit seinem Kreuz schlug, hingen Flammen an den Spitzen; sein Gebetbuch öffnete er in herausfordernder Ruhe, die Blätter kräuselten sich, wurden gelblich, an den Rändern tief braun. Und jäh brannte das Buch; der erschreckte öffnete die Hand, das Buch loderte am Boden. Wie er das zusammenrinnende bläulich überlaufene Kreuz losließ und gegen die verbrannte Hand blies, seufzte er aus tiefem Herzen auf; er streckte, die Augen schließend, schwarzhaarig, langgewandig wie er war, die Arme sehnsüchtig aus: schon vergingen in den scharfen Luftwellen um ihn seine Talarröcke, die weiten Ärmel. Er konnte tanzartig gehen wie keiner im Saal, einen schmächtigen Jünglingsleib trug er auf langen Beinen, die in Leinenhosen steckten. Aus unverschleierten großen blauen Augen blickte er, er sang hymnisch. Hell trillernd, alle siegreich übertönend, klang seine Stimme; so schön und freudig schmetterte er, daß die auf den Galerien sich mit kleinen Augen scheu ansahen, von gleichgültigen Dingen sprachen und das Beben in sich unterdrücken mußten. Er hatte ein leicht albernes Jungengesicht mit Stuppnase. Einer der beiden Schimpansen zog ihn bald an den Ohren hinter sich her, ängstlich folgte man ihnen, von leisen Angstrufen wurde der Gesang unterbrochen.

Es wirkte verführerisch auf die Massen, die sich an den offenen Türen drängten. Die Türmeister hielten die Stäbe vor, aber die Lockung war zu groß. Man lief, während der Dunst des Saals schwoll, in kleinen Rudeln hinein, hatte sich noch eben die Hände gereicht, war im Saal wie auf dem babylonischen Turm, mit verrenkten Gliedern, hängenden Zungen, sonderbaren Gebärden, fremd gegeneinander, von einer ungekannten Rastlosigkeit und Befriedigung erfüllt. Man lief wie im Traum gegeneinander, prallte voneinander ab, lief wieder gegeneinander, konnte sich darin nicht sättigen. Sie sprangen, schoben sich mit irgendwelchen Begierden in den Saal und dann waren sie jäh entgeistert, absonderlich verloren und verwirrt. Ein paar edle Herren gingen streng durch die Menge, hoben die Arme hoch, schrien den Hut schwenkend: „Hier ist der berühmte edle Soundso, lobt ihn, ehrt ihn“; mit feierlicher Grimasse spazierten sie weiter. Fragte sie einer: „Was kann der Herr?“ antworteten sie: „Alles was man will; nichts ist uns verborgen. Lobt uns, ehrt uns!“ Sie breiteten die Arme aus, nickten würdevoll.

Pferde tummelten sich unter den Menschen, auf denen Männer saßen. Hunde sprangen lüstern umeinander, es war kein Hund in den Saal gekommen. Eine Anzahl Herren blickten nach lauten Ausrufen ihre Umgebung an, dann verunreinigten sie den Boden unter Gestank, wiesen darauf hin, schienen hochentzückt, wieherten vor Lachen. Eine furchtbare Erscheinung zeigte ein Mann, dem die Tränen aus den Augen troffen; ihm war der Kiefer bis auf das Knie gesunken; ungeheuer schnappend mit klaffenden Lippen hing das Maul mit armlangen Zähnen; der Schädel und das obere Gesicht stand trübselig klein dahinter, die blicklosen Glotzaugen und das vertrocknete Bäuchlein mit den Beinchen, die wie Stiele unten tripp-trapp liefen. Er hielt sich bejammernswert an einer Säule auf; von Zeit zu Zeit trippelte er, schlürfte schnaubte schnarchte grausig. Schnüffelnd sich einem Menschen nähernd, faßte er den erstarrenden schreienden eisern bei den Händen, schlug den Oberkiefer wie eine Zange über ihn, rang sich den gebückten strampelnden in den Rachen, saugend, blauwerdend. Unter dem entsetzlichen Gekeif der Zuschauer würgte er das Geschöpf in seinen anschwellenden Leib. Man schlug, spie auf ihn, er heulte, schluchzte; Tränen und Speichel liefen ekelerregend von ihm. Nach kurzen Minuten war das Treiben um den Stummen wieder wie vorher. Nur bläuliche durchsichtige Schatten von Menschen setzten sich neben ihn; das waren, die er verschlungen hatte: sie suchten von Zeit zu Zeit in seinen Mund einzudringen, um ihre Leiber zu holen, aber er sperrte krampfhaft die Kiefern, schnatterte grimmig gegen sie mit den Zähnen.

Atemlos schweißbedeckt drängten manche in einer unsicheren Verzweiflung zurück an die Treppe, an die Saaltür, hatten sogleich ihre alte Gestalt wieder, lächelten lispelten ängstlich. Sie fragten, hatten ein Zittern an sich, brachen in Gelächter aus, als man ihnen erzählte, was unten vorging, drängten stürmisch fort. Manche waren, kaum bei sich, von einer Traurigkeit befallen, saßen fassungslos da, bedeckten das Gesicht.

Unter der Hitze im Saale, dem wachsenden Andrang stieg der Lärm. Die Menschen fielen sich gegenseitig an. Sie bemerkten sich allmählich. Wer nicht fortgeschlichen war, fand sich in seiner neuen Heimat zurecht. Plötzlich schwang sich der Hoppser, der unglückliche Offizier, mit einer, dann einer anderen Dame in die Luft; sie schrie, er juchzte, improvisierte, wenngleich nicht Herr seiner Sprünge, einen ungeheuerlichen klatschenden Tanz über den Köpfen des Gedränges. Er riß dem Riesenmaul einmal einen halberstickten aus den Zähnen; das Brüllen des Enttäuschten, das Keuchen des Befreiten, der schlapp auf dem Arm des Springers durch den Raum segelte. Die Hunde lagen verbissen im Kampf mit den Affen bald hier bald da auf dem Boden. In einem rasenden Entschluß fiel der singende Jüngling, plötzlich verstummend, die vorübertänzelnde Junge mit dem Pferdeschwanz an; sie schlug ihm den Schweif um den Hals, er warf sie um; sie schrie kläglich.

Eine Stimme rief, während grausig Massen von Tieren durch den Saal wogten, Pferde, Kühe, Eber, während blitzartig manche Erscheinungen wechselten, sich überkugelten, rief: „der Herzog, der Herzog.“ Immer durchdringender rief sie. Eine Feuersäule ging durch den Saal, sie sauste wie ein Wasserstrahl, streckte sich langsam gegen die Decke auf; im Wandern äscherte sie Menschen und Tiere ein, die nicht auswichen. Der beizende Qualm wallte durch den Saal.

Da schlug man auf den Galerien und von außen am Saal die Fenster ein. Erschütternd rasselte das Geschrei aus dem Saal und von oben. Die Feuersäule bewegte sich nicht. Wie an den Füßen abgeschnitten brach sie plötzlich zusammen. Der Rauch schwelte über die Diele, legte sich dick über die Geschöpfe, die hilflos im Tumult kreischten und sangen. In Stößen drang frische Tagesluft ein.

Nach diesem alarmierenden Vorfall erlebte die Bevölkerung um Prag und an anderen Teilen Böhmens eine ganze Reihe Teufeleien. Zwei Teufel hatten sich in der Hölle von ihren Ketten losgemacht und schweiften über den böhmischen Boden. Sie suchten besonders die Gegend bei Aussig, an den Felsenwänden des Ziegenberges, am Waltheimer Tal heim, ließen sich in der Abenddämmerung blicken, scheuten bald frech das Tageslicht nicht. In den Monaten April Mai sah man sie über die dreizipfligen Gipfel des Sperlingsteins mit den Spießen im Rücken herumlaufen, langen wippenden mit Widerhaken versehenen Stangen, die oberhalb der Hüften in ihrem Fleisch saßen, mit denen man aus dem Höllenabgrund geworfen haben mußte, als sie entwichen. Sie taten in diesen Monaten, als trügen sie wie müde Knechte der Artillerie ihr Schanzzeug da hinten in einer Lederröhre am Leib und als mochten sie es nicht von sich tun. Man entlarvte sie aber mehrfach, als sie leicht berauscht am Schlosse Tetschen die Mäntel von sich taten und unversehens die Bedienten der Losamente nach dem lustig schaukelnden Gestänge zugriffen, um es davon zu tragen. Ein mordsmäßiges Geschrei, schrilles Keifen und Jaulen erhob sich, die beiden Gevattern warfen die Arme hoch, ihre Augen hingen ihnen wie Äpfel vor der Stirn, ihre Leiber bogen sich nach vorn unter den schönen Westen zusammen, die Stangen zitterten, klirrten metallisch auf den Dielen, jach sausten die Gesellen, Rauch um sich schüttelnd, heulend in den Schornstein, von den Spießen lief grüner Saft herunter, noch vom Dach klapperten und pfiffen sie. Gegen Ende Mai war es aber in der ganzen Gegend, in der sie sich herumtrieben, schon zu bekannt, daß sie entlaufene Teufel wären. Sie hatten einmal selbst davon geplaudert, daß man sie bei einem Aufruhr in der Hölle nicht hätte bändigen können, die Aufruhrsucht in der Hölle wüchse von Tag zu Tag, es werde alles krank und ließe es auf Gewalt ankommen; sie seien nur die Vorläufer von ganzen Scharen. Die beiden konnten sich darauf nirgends mehr sehen lassen, und eines Abends bemerkten Viehtreiber an der Berghalde bei Bodenstedt ein stumm ringendes Paar im Klee, das anscheinend mit Spießen sich zu Leibe ging. Aber es waren Teufel, die geschworen hatten, sich umzubringen oder sich von den Stangen zu befreien. Sie warfen sich in heißem Kampf rechts und links; wie Schwänze, die hochgehoben waren, zappelten an ihnen die Stangen; plötzlich hob der eine den andern, ein Knall, ein rasender Schrei, Wimmern; der eine lag bleich bewegungslos auf dem Rücken, die Lanze dreißig Schritt zersplittert vor ihnen, der Sieger kroch nach ihr, beschnüffelte ihr Ende, von dem das grüne Satansblut troff. Er richtete den Bewußtlosen auf, fuhr ihm mit dem Arm in den Rachen, holte die Zunge zurück, spritzte ihm seinen brennenden Harn ein, wobei der andre würgte, sich wand und wieder zu sich kam. Mit Baumrinde verpflasterten sie das sickernde Loch am Rücken. Dann bellten sie wieder gegeneinander. Der Sieger lief heulend vor Neid um den geraden schlanken andern; der nahm die abgebrochene Eisenlanze, band seinen Gefährten an einen Baumstamm und fing an, lustig auf dessen Stange zu klopfen, darauf ihn zu bespeien und, des Jammerns nicht achtend, zu ziehen, bis er rückwärts stürzte, vom grünen Saft begossen, und jener bald verreckt wäre. Entschlossen stemmte sich der andre an ihn, preßte, Rücken gegen Rücken, die Wunde zu, verstopfte sie mit Pech, das ihm zwischen den Zähnen hervorquoll, und mit dem Körper eines toten Kätzleins, das gerade vor seinen Füßen lag.

So erschienen sie einmal unversehens zu zweit mittags vor der Wegkreuzung bei Bodenstedt, als nackende buschige Teufel, mit trappsigen Pferdefüßen, roten Fellen, stieren Glotzaugen, das schwarze Haar in Strähnen nach rückwärts gestrichen, kaum größer als ein zehnjähriger Junge, rauh miteinander schnatternd. Die Vögel auf den Feldern schwirrten vor ihnen auf. Plötzlich schwirrten die Teufel selber als Raben hinter einer Magd her, über deren Schultern sie fielen, hackend mit ihren spitzen Schnäbeln in das blanke Fleisch. Das gräßliche Gebrüll der Weiber und Knechte; das Geifern der scheugewordenen Ochsen, Flattern der Hühner und Quieken der Schweine war grausig. Die Bauern verbarrikadierten sich in ihren Häusern, läuteten Sturm. Nach einer reichlichen Stunde kamen zwei modisch gekleidete edle Herren des Wegs, hatten Lehm an den seidenen bebänderten Schuhen, schienen ermüdet. Sie sahen erstaunt auf der toten Dorfgasse um sich, riefen sanft nach Menschen, nach einem Trunk Wein, spielten mit ihren Degen. Zaghaft öffnete man die Laden; man fragte aus den Fenstern heraus, ob sie nichts gesehen hätten. Aber die hatten nichts bemerkt; nur einen abscheulichen Gestank hätten sie, wie sie verwundert erzählten, gespürt, aber der könnte von verwesendem Vieh herrühren. Die Bauern hätten sich für geäfft gehalten, wenn nicht die stumpfsinnigen Stalltiere auch jetzt noch heftig um sich geschlagen hätten; das Loch in der Schulter der Magd bearbeitete noch eben der Bader. Sie kamen heraus aus ihren Türen, erwiesen sich beglückt, daß gerade jetzt zwei edle Herren des Weges kamen, denen sie vertrauen könnten. Der eine der Herren betrachtete durch sein Brennglas mit Grimm und Freude, die seine Lippen umwulstete, das Loch in der Haut der Magd; die fuhr jammernd zurück, lief über die Gasse, es sei nicht richtig mit denen, der eine sei der Teufel, der sie gehackt hätte. Allgemein verspotteten die Bauern, die über die Gasse strömten, die Verletzte, dienerten vor dem Besuch. Gerade auf die rabiate Magd hatte es aber der eine Herr abgesehen; er ließ sich noch einmal die besalbte Wunde zeigen, er wolle sie auf italienische Art kurieren. Das Mädchen weigerte sich, der Herr wütete, lachte gell und drohend. Die beschämten und empörten Bauern schoben in einem Häuschen die Widerstrebende ab, er wies stolz das andere Gesindel hinaus. Da drin saß er mit der Magd allein, saß vor ihr, blickte sie an, weidete sich an ihrer Angst. Und während er grinste und die Arme hinter dem Rücken verschränkte, sich seine Nase lang herunterzog, hatte er plötzlich einen dicken starken Schnabel, weitete hob sich sein loser Mantel mit plusternden Federn, saß ein Rabe auf der Bank, stieß mit dem Schnabel in die Wunde, pickte, hackte, riß. Er flatterte um sie, die aufgesprungen war und unter entsetzlichem Geblök um sich schlug, drängte sie ab von der Wand, aus einer Ecke heraus, fuhr ihr gegen die Stirn, vor den kreischenden Mund, kratzte. Er krächzte und freute sich. Mit einem Bein krallte er sich an ihrem Schürzenband über der Schulter fest, dann patschte er in die spritzende Wunde hinein, hier verkniffen tastete er mit dem aufgebogenen Bein ihren Mund ab, riß ihr von der Nase herunter Schramme auf Schramme. Sein dicker fedriger Rumpf drängte sich an ihre erblichene Backe, der Schnabel hackte; auf ihre Nase springend verteilte er nach rechts und links auf die hochstoßenden Hände Hiebe zwischen die Haarwülste, die er auseinanderzerrte, zerzupfte; die starken Flügel schlugen blendend vor ihre Augen. So vertieft war er in den hitzigen Kampf, daß er das Klopfen nicht wahrnahm. Erst als die Tür gesprengt platzte, ließ er wild von ihr. Die draußen sahen noch den mächtigen Raben, seine Federn flogen. Aber schon gleichzeitig saß da und kam ihnen entgegen der degenklingende Herr, zornsprühend, blitzenden Auges, fest gegen sie geworfen: was sie sich erfrechten, er sei eben dabei, den bösen Geist, der in sie gefahren, aus ihr zu vertreiben; da lägen die Federn, nun sei er verschwunden; wüste ungebärdige Tröpfe und Tölpel, die sie seien. Die Hände hatte er auf dem Rücken; als er sie vorholte, waren sie bis an die Knöchel blutrünstig. In ihrem Schrecken sagten sie nichts, ließen ihn durch, die Magd schlug bewußtlos und schäumend um sich am Boden. Beim Wein in der Kammer des Pfarrers beruhigten sich die beiden Herren; sie feierten lärmend den Nachmittag über, bis gegen Abend der verwirrte Geistliche sich ermannte nach der Spätmesse; er wolle sie examinieren, was ihm und dem Dorf die Ehre brächte, von wannen des Weges sie kämen, dann —.

Und während er in der Küsterei nachdachte, war ihm schon, als wenn er wuchs, als wenn etwas Geweihtes aus ihm sprach; fast zornmütig war er und kaum zu halten, sich auf den Weg zu machen. Denn auch die andern Bauern hatte ein Verdacht ergriffen, sie standen vor dem Kirchlein, munkelten miteinander, fürchteten sich. Steckten die Köpfe in das Fenster des Pfarrhauses, die Gäste waren ausgeflogen. Der eine von den beiden, der sich im Hintergrund gehalten hatte, ging pfeifend in der Nachbarschaft herum, hatte Interesse an den Kornhäusern Backöfen Vorratskammern Viehställen, fragte rechts und links seine katzbuckelnden Begleiter, wovon sie meist lebten, was sie am meisten quäle und betrübe. Es war Mißwachs im Jahr gewesen, lange hatte der Regen gedauert, eine kurze Spanne, kaum eine Woche schien die warme Sonne, und man mußte mähen und einbringen, das schwarze Mutterkorn fiel über die Ähren. Der Edelmann, gänzlich unorientiert, sog die Neuigkeiten ein. Seine eindringlichen Fragen waren kurios; wenn aber welche aus dem Haufen über den Herrn lachen wollten und schon daherpolterten, so sah er blitzrasch mit einem gräßlichen ins Herz schneidenden, Blick an ihnen herunter; sie faßten sich an die Brust; es schien, als ob kein Mensch so schnell die Augen bewegen könnte. Zischend, leise, zum Boden schauend, fragte er nach seinem Freund, verschwand im Augenblick um eine Ecke. Schon schoß er wieder gegen sie, scheltend, wo also sein Freund wäre, ob sie ihm ein Leids angetan hätten, er wolle sich beschweren bei der Landeshauptmannschaft, bei der Prager Statthalterei, haderte, schrie, er wolle doch einmal wissen, wo sein lieber Geselle sei. Eine schwarze Henne gluckerte vor ihnen auf einem Dach; er krähte, gackerte sie höhnisch an, schlüpfte, über die Schulter weg den anwandernden Pfarrer erkennend, ihm den Hut entreißend, in die offene Kirche, gackerte noch grinsend an der Tür, er wolle seinen Freund suchen. Und schon schallte der Raum innen wider vom Toben, Lachen, Klatschen. Gegen den Pfarrer höhnte er hinter dem Altar: „Bring’ mir mein Brüderlein“, jauchzte, lockte, der Pfarrer suchte ihm den Hut zu entwenden, ein kalter Schleim sprühte ihn an, er wich voll Ekels zurück, stürzte im Entsetzen die Turmstiege herauf, riß das Glockenseil. Alarm läutete er über das Tal und die Nachbartäler. Die Nachbardörfer antworteten, er gab nicht nach, unablässig unter dem höllischen Krachen und Getobe unter sich riß er die Glocke und ließ sie sausen. Vom Altar zu den Beichtstühlen hüpften sie, kauzten schmutzverbreitend auf den Heiligensäulen Kruzifixen. Mit Wagen Äxten Feuerspritzen Löscheimern knarrten und trabten die Nachbarn an, staubend auf den Alleen. Der Pfarrer, angsterstarrt, sah und hörte im Regen und Anspannen seiner Arme nichts mehr. Auf dem Turm stand er noch, als die Glocke plötzlich hochanschwingend aus dem Stuhl flog, auf die Straße wuchtete und berstend ein Schwein erschlug. Der gleiche Schwung riß ihn zur Seite, er wehte der Glocke nach, zerknickte kopfaufgestellt. Der Raum selbst der Kirche begann zu beben, sich zu dehnen, zu weiten, ein Dunst von Kalk rann an ihren Wänden herunter, im Kirchturm klaffte plötzlich ein Loch, daraus zwischen fallenden Steinen zwei kupferrote geschwänzte Gestalten vorstießen im Zickzack. Aus der Luft meckerte es. In dem Tumult unten fielen sich die Dörfler an; die Nachbarn glaubten sich gefoppt von den Einheimischen, in rätselhafter Weise flammte bei den Leuten eine dunkle Wut auf, sich zu zerfleischen und zerkratzen wie unter einem wilden Juckreiz. Die Glocken der Nachbardörfer dröhnten; von Bergen herunter, die Bäche entlang wälzten sich schreiende Menschen, gräßlich tieffaltige Gesichter, dicke pralle Lippen, stöhnende Brüste, von der Arbeit, vom Essen, vom Schlaf aufbrechend, wo sie standen und lagen. Unten an dem geborstenen Kirchlein schlugen sich, zerrissen sich die verwirrten, sich selbst nicht kennenden Männer und Frauen. In den Kessel mußten sie. Wie sie stockten im Gedränge, schaute einer betrübt und leidend dem andern an den Hals, griff ihm um die Kehle; es war die Not einer gräßlichen zähneknirschenden umdampfenden Lust.

Die Bauern warfen ihre Pflüge hin, schickten die Weiber zum Vieh, saßen, sich die Mäuler schleckend, finster vor ihren Häusern und Ställen. In manchen Landschaften drängten sie zusammen, trollten über die Fluren, fanden ein Behagen darin, sich wechselseitig zu sehen und zu befühlen. Ziellos liefen sie in die Wälder ab, rotteten sich um die Herrschaftshäuser, zerstoben wieder auf die Felder. Sie standen haufenweise in einer stummen Gebanntheit, ratlos, mißtrauisch, mit stockenden Säften vor den kleinen Holzstandbildern an den Wegen, den Kruzifixen. Hier jagte sie keiner fort. Grimmig beschnüffelten sie das Holz. Verächtlich schrie einer: „Wir haben keinen Grund, hier stehenzubleiben. Wir ziehen unserer Wege.“

„Wir bleiben schon hier.“

Sie sahen sich prüfend an, schoben sich zusammen, fühlten wieder die Kraft der Nachbarmuskeln, schoben sich dichter. Enger kreisten sie das Kruzifix ein. Die hinten standen, fühlten sich ferngehalten, drängten heftiger, von ihnen lief der Ruf nach vorn: „Das hat nicht auf unserm Acker zu stehen.“ Und dazu tönte grelles Lachen.

„Christus, Christus!“ dumpften die vordern, schon fast die Säule berührend.

„Die Pfaffen haben ihn hingestellt.“

„Sie wissen, warum sie’s tun.“

„Zieht die Mützen ab! Daß ihr wißt und nicht vergeßt, was man vor dem zu tun hat. Der Herr Pfaff hat ihn hingestellt.“

„Das hat nicht auf unserm Feld zu stehen.“

In ihnen allen krampfte der Drang, etwas zu tun; von Muskel sprang es auf Muskel.

„Werft es um.“

„Die Schandsäule um!“

„Schandsäule.“

Jeder Schrei hatte die Kraft, fünfzig neue nach sich zu ziehen. Wehrlos, schaudernd wurden die vordersten, fast Anbetenden gegen die Säule geworfen; mit ihren Gliedern brach die Menge den Holzstock entzwei, zerknisterte ihn. Dann wußte man, was man wollte; man wogte weiter auf die nächsten Kruzifixe; es war eine Jagd auf die Säulen des Gekreuzigten.

Aus den zurückliegenden Häuschen auf den gepflügten Berghängen sah man ihnen vergrollt, vertattert zu, schloß sich in die Stuben ein: „Auch damit ist es nichts! Sie schaffen’s nicht.“ Der graue Vikar der Gemeinde, plötzlich angesteckt, zerknüllte seinen Talar, hatzte zu seiner Herde herunter, hielt mit stürmischer Brust eine tobende Predigt: es sei geistliches Werk, was sie täten, er nähme sich ihrer an, man hätte ihnen Christus gestohlen, einen falschen untergeschoben. Die Menge verschlang ihn; sie war nur Sturmbock, Stoßbock gegen die Holzsäulen. Aber immer wieder machte er sich frei, von allen Seiten wuchs das Geschrei, man war glücklich nachzustammeln: „Man hat uns Christus gestohlen. Das ist nicht unser Christus. Das ist der Christus der Herren, der Fürsten, der Ritter. Glaubt mir! Der falsche Christus. Zur Fron steht er hier. Sie haben Burgen gebaut mit Kartaunen, Wällen, Gräben, Mauern, um uns zu unterjochen. Die Kirchen sind Burgen. Der Heiland wollte uns befreien davon; sie haben ihn in die Kirchen geführt, gefesselt, eingeschlossen. Auf den Äckern steht er, damit wir wissen, daß wir dienen, daß wir Knechte zu bleiben haben. Kommt, ihr Mühseligen — hoho, kniet, ihr Mühseligen. In Rom steht er in der Petersburg ganz aus Gold. Der Satan hat sich des Heilands bemächtigt. Er hat ihn gestohlen!“

„Wir müssen ihn befreien!“

„Der Papst ist im Bunde!“

„In die Kirchen.“

„Rettet Jesum!“

Von Aussig und Tetschen kamen Männer und Frauen gelaufen, die Scharen vergrößerten sich; die Masse gereizt, tatdurstig; dabei in der Tiefe gepeinigt von dem Gefühl, falsch zu laufen, immer wieder stockend, sich beruhigend. „Wir fordern das Evangelium Jesu, das die Herren uns geraubt haben.“

„Betrüger! Schelme!“

Und doch lief man nicht wider die Herrschaftshäuser, auf die Edelgüter, sondern durch die Dörfer gegen die Kirchen. Und unter dem Gefühl des Irrlaufs wuchs die Wut. Sie schrien, gegen die Haustüren schlagend: „Machet auf! Gebt Christus heraus! Sein Bild her aus den Häusern. Es ist der Falsche.“ Sie rissen Mistwagen aus den Ställen, spannten Ochsen davor, stapelten Kruzifixe, Bilder, Gebetbücher darauf. An den Fenstern weinten die Frauen, die Kinder erschraken vor ihren Vätern, die sie nicht ansahen. Ein junger einäugiger Bauer aus Aussig, ein ehemaliger Mansfelder, weinte brünstig, die Arme windend vor dem Stapel: „Besudelt hat man unsern Herrn Jesum Christ. Du warst nicht unser Schild, denn wir haben dich nicht gekannt. Es war nicht unsere Schuld, wir haben es nicht gewußt. Es war nicht unsere Schuld, daß wir deiner so spät gedenk sind. Verzeih uns Sündern!“

Viele brachen in der Nähe in die Knie nieder. Angstvolles Rufen: „Jesus, Jesus!“ „Verzeih uns!“ „Erbarmen!“ Die Starken, Grollenden ließen sich nicht bewältigen: „Wir wollen ihn retten!“ Einer drängte sich durch, mit Schwimmerstößen gelangte er an den umzingelten Ziehbrunnen; als er am Schwengel zu reißen begann, wich man rechts und links ab. Wie ein Tiger schleppte er den vollen Eimer an den Wagen. Sie verfolgten aufmerksam seine Bewegungen. Er goß im Schwung Wasser über die Kruzifixe, schreiend mit wilder, überschlagender Stimme: „Die zweite Taufe. Es ist geschehen!“ Freudig, mit aufgehobenen Armen betrachtete er das triefende Gehäuf, auch um ihn hob man dumpf sich hingebend die Arme. „In die Erde!“ brüllte der Täufer, fanatisch sich schüttelnd und erbleichend. Sie schoben, automatisch gehorchend, den Wagen aus der Gasse; auf dem ersten Wiesenanger hieben sie mit Piken ein Loch, versenkten die Kruzifixe, auch die schönsten mit den milden Gesichtern und den weinenden Frauen am Fuß. „Sein Leib in die Erde. Er selber auferstanden von den Toten, wohnt im Himmel über uns.“ In das Gewimmel, das sich weiterschob: „Nachdem uns alles so gut gelungen ist, wollen wir zu Prag dem Statthalter sagen, was wir getan haben und was wir denken?“ Mit grimmig fletschenden Zähnen der berserkerhafte Täufer: „Wollen wir nach Wien zum Kaiser und ihm sagen, daß wir die Herren nicht mehr wollen und keine Gewalt wollen und nur Jesum Christum und den Römischen Kaiser über uns anerkennen. Wir verlangen Verantwortung für die Schändung unsers lieben Heilands, man soll uns Jesum wieder ausliefern. Und Buße zahlen.“ „Buße!“ „Buße!“

Leute, die hinzu liefen, fragten: „Wo wollen wir hin?“

Von hinten, aus der Mitte: „Wo ziehen wir hin?“

Kaiser Ferdinand erlebte mit tiefem Glück, wie das deutsche Reich unterjocht wurde. Es war sein Entschluß gewesen, der diese grausige Maschinerie Wallenstein in Bewegung gesetzt hatte, er allein hatte verhindert, daß man die Maschinerie hemmte, sie arbeitete weiter. Rechts und links standen sie an seinem Hoflager auf, um seine Wonne zu schmälern, er sah mit ungestörter Ruhe zu, zwinkerte mitleidig, hoheitsvoll. Fürst Eggenberg war zu nüchtern auf Sicherheit bedacht, konnte nicht spielen, nicht gewinnen; gut, daß er so war, man konnte sich seiner bedienen. Trautmannsdorf hatte Mut, aber er trug an seinem Buckel, liebte es an der Sonne zu liegen und behaglich aus dem Winkel zu kläffen. Freudig grunzte der große Lamormain, roch den großen Braten, der der Kirche im Norden bereitet wurde; damit war es genug, sonst hieß es mäkeln, ihm war niemals recht geschehen. Herrn Meggau flossen die Gelder nicht rasch genug her, Graf Strahlendorf ächzte über die fatale Armee, die nur halb katholisch war, als ob eine Unterwerfung durch protestantische Hand weniger nachdrücklich wäre als durch katholische. Und was machte in München der entthronte Max, jetzt nicht mehr Kaiser im Reiche, sondern Fürst unter vielen, ein zähneknirschender. Das Abenteuer hatte er in schon grauer Zeit heraufbeschworen, ohne ihn wäre der Herzog von Friedland nicht in die Höhe gekommen und angenommen als kaiserlicher General; der Kaiser war ihm Dank schuldig, aber der Bayer war nicht froh über den Lauf der Dinge, es schien so, es schien ganz so, ihm behagte nichts mehr im Reich, Opfer sein machte keinen Spaß. Und Sieger sein dem Friedländer nicht. Den trieb es als sein Verhängnis um, er hatte ein böses giftiges Blut in sich; wenn er Niedersachsen erobert hatte, drängte es ihn nach Dänemark; wenn Dänemark dalag, war Bethlen nicht ruhig; war Bethlen besänftigt, reizte der Türke; der Friedländer war das heiße Schwert, das zu schneiden verlangte, man mußte ihn halten, regieren. Ihm aber, dem Kaiser Ferdinand, war alles durchsichtig; für seine Frömmigkeit hatte ihm die Mutter Gottes diese Menschen und das unterjochte Deutschland verliehen. Der Kaiser, der in diesen Monaten nach der Zerschmetterung der Dänen und Niedersachsen, noch gelb vom Sumpffieber, in der Burg, in Wolkersdorf und Schönbrunn herumwankte, blickte den Dingen scheu und mit einer kichernden Verliebtheit unter die Augen, er empfing sie geheim und stumm wie ein Einsiedler, der Hirsche Rehe in seine Hütte einläßt. Der Zermalmung der Feinde in Schlesien schaute er mit einer schmerzlichen Gespanntheit zu, dann war plötzlich ein Faden in ihm gerissen. Er war plötzlich hellsichtig geworden. Die ungeheuern Märsche kamen, die Siege, er wußte sie vorher; ihm kam vor, er wußte noch vielmehr; manchmal schien ihm, als ob Wallenstein sein Vertrauter war, aber die kalten Meldungen zeigten ihm, daß der Herzog nicht wußte, was vorging. Und so wälzte sich geheimnisvoll leise der Krieg ab vor seinen Füßen; am Hofe tobten ekstatisch die Menschen über die Erfolge, die lauten Glocken dröhnten über Holstein, Pommern. Ferdinand erfüllte sich mit wachsender Ruhe und Scheu. Er wurde behutsam, stille; sein Schicksal sah er draußen sich abspielen. Eine ungeheure Hand wurde sichtbar in diesen von Kriegern Pferden Kanonen getriebenen Ereignissen, die Krieger wußten nicht, was sie taten, warum sie fielen, die Pferde liefen und glaubten den Lederzügeln und dem Kutscher zu gehorchen, die Kanonen waren aus Bronze und keiner glaubte, daß mehr als die Geschicklichkeit der Bedienung die Stein- Blei- und Kettenkugeln lenkte. Eine Hand schrieb für den Sehenden in den niedersächsischen und holsteinischen Boden, Zug um Zug wurde die Schrift deutlicher.

Die Kaiserin sollte daran teilnehmen. Ferdinand dachte wenig an sie, so innig er auch mit ihr zusammen war, mit ihr spazierte, ausfuhr, ihr Geschenke brachte. Er ging mit einer Schöpfung von sich um, einer sanften aufsaugenden Frau, die nur Gewalt in der Inbrunst besaß; eine Gnade des Himmels hat sie ihm zugeschoben, sie war der schwingende widertönende Raum in seiner Seele. Jetzt zeigte er ihr, in der verschlossenen Sänfte mit ihr über Maienhügel fahrend, mit kleinen Sätzen, wie sich draußen alles fügte. Ferdinands Gesicht hatte sich von der Krankheit noch nicht hergestellt; einen fast kahlen kleinen Schädel, von faltiger Haut überzogen, bewegte er auf einem schlottrigen Hals, sein frierender eingefallener Leib verkroch sich, eingeschnürt wie ein Igel, in die braunen und gesprenkelten Pelzmassen, Hände und Füße tremolierten viel. Die weißblauen Augen ließen es sich genügen, geradeaus zu blicken. Er flüsterte demütig: „Wir sind ein Werkzeug des Allmächtigen. Die Gebete und Fürsprachen sind nicht umsonst gewesen.“

Die Mantuanerin, aus allen ihren Zusammenhängen gelöst, ließ sich schon fast willenlos treiben, das Gefühl einer tiefen Sündhaftigkeit wurde sie nicht los. Knirschend beugte bog bäumte sie sich neben ihm zu der Rolle, die er ihr zuschrieb; immer wieder vergewaltigte sie sich mit Graus und Wonne, bog sich für ihn zurecht. Das lombardische Geträllere, süß, frei, mit der Lust einer reinen, hellen Landschaft um sich, die Erinnerung an ländliche Tänze, bunte Kleider, Feste mit sich tragend, vermochte sie nicht mehr zu hören, oder mit einem Hohn, der ihr selbst schmerzlich war. Was die Kirche war, daß es eine Kirche, eine seligmachende heilige Kirche geben mußte, wurde ihr verständlich in ihrer Sündhaftigkeit, rettungslosen Selbstentfremdung; in Gebeten schmiegte sie sich neben den Kaiser, es gab eine reine und selige Gemeinschaft zwischen ihnen, die alles entsühnte, da konnte sie ohne Zittern mit ihm wandern; wenn sie so bleiben konnte mit ihm. Sie wurde Stifterin von neuen Orden; alte zerfallene lockte sie an sich; der Gnadenschatz, den sie sich erwarb, mußte ihr das Leben erleichtern, Dunkel über den Weg gießen, den sie ging. Sie entdeckte mit selbstmörderischer Freude, daß ihr die härtere kühle Luft des Landes zunehmend mehr behagte, daß sie in Straßen fuhr, als wenn sie hier zu Hause wäre. Nur die Fremden, die aus Savoyen und Mantua sie besuchten und sahen, fanden, daß sie mit ihren unnatürlich aufgerissenen Augen nicht mehr zu erkennen war, daß sie wie vom Gram zerschnitten war, bezogen es auf ihre Kinderlosigkeit.

Und wie der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches versunken in die Höhe geschoben wurde von den Siegen, die ihm eine himmlische Macht zuwies, drängten sich im Reiche seine Parteihalter zusammen, sich des Raubs der Siegesbeute zu bemächtigen, wo er sich greifen ließ. Ihre heißen Augen lagen auf den beiden Erzbistümern, zwölf Bistümern in Niedersachsen, mit dem berühmten Magdeburg, Bremen, Halberstadt, Merseburg, Lübeck. Man konnte sie jetzt anpacken, nach denen man solange lüstern war; die Hochstifte waren die Zeugen des Niedergangs der katholischen Macht. Langsam, kaum merklich waren sie in protestantische Hände abgeglitten. Die trüben Zeiten waren vorbei. Unter den ligistischen Mitläufern des Kaisers hörte das Geraune nicht auf, als das Gesicht des Krieges sich unverhüllt zeigte, lächelnd gegen die Wallensteiner, finster gegen den Dänen. Man zog den Kaiser nicht ins Geheimnis, plante mit Ansprüchen an ihn heranzutreten als zu einer Kompensationsforderung bei seinem Machtzuwachs. Die feinhörigen Herren in Wien fingen ihnen das Wasser ab, besänftigten die Wut und das Widerstreben gegen das Vorgehen des Friedländers, indem sie die Rückgabe jener Stifte als mögliches Zugeständnis des Kaisers in Aussicht stellten, nach dem Siege, nach dem Siege. Sie wurden kirr; inzwischen konnte ungehindert der Kriegswagen des eisernen Böhmen über Niederdeutschland fahren. Wenn erst der Böhme und mit ihm der Kaiser in Glorie und Furchtbarkeit flammen werde, werde die Verhandlung über jene Ansprüche ein andres Ansehen bekommen, wie man wünschte: dachten die Räte.

Die geistlichen Herren traten einzeln und in Gruppen in Wien auf; vor dem Reichskammergericht erschienen ihre Abgesandten, vor dem Reichshofrat. Klein war ihr Rechtsgepäck, um so schwerer; es war sicher nach den Friedenssatzungen des vergangenen Jahrhunderts, daß zahllose Güter Erz- und Hochstifte sich in falschen Händen befanden, — wenngleich inzwischen Land und Herrschaft protestantisch geworden war. Aber der Kirche war ihr Besitz entrungen, ihr war nach dem Buchstaben Unrecht geschehen, wie einem Kranken Unrecht geschieht, der nicht essen kann und dessen Speisen unterdessen die Gesunden schlucken. Erregter wurden die Forderungen der Prälaten, je mehr der Hof an sich hielt; Prämonstratenser verlangten ihre Klöster im Erzstift Magdeburg wieder, kaum wäre noch der kleinste Teil der Menschen dort katholisch; Benediktiner regten sich. Unverzüglich, schrien sie in Wien vor den Kammern — und um so hitziger, als die Pracht um sie zeigte, welche Summen aus den eroberten Ländern herflossen —, sogleich sollten jene unbefugten Inhaber die Güter ausräumen und abtreten, samt allen noch vorhandenen Fahrnissen; durch Nachlässigkeit der Geistlichen, durch List und Gewalt der Ketzer sei ihnen ihre Habe entzogen, tausend Seelen um ewiges Heil gekommen. Wie Gläubiger schwirrten sie um die Wiener Burg, schnarrten vor dem ernsten träumenden Kaiser. Er verlangte sie nicht vor sich, als ihm Fürst Eggenberg von dieser Bewegung unter den Altgläubigen erzählte: „Ich bin nicht Kaiser für die Benediktiner und Prämonstratenser.“ Ein zähes Äbtlein, Kaspar geheißen, von dem Prager Kloster Strahow, verstand es, sich einzuschmuggeln, prahlend von seinem verlorenen Kloster Sankta Maria zu Magdeburg zu schwadronieren, auch von den Klöstern Gottesgnad und Jericho im selben Erzstift, bis Ferdinand ihm seufzend ein Zettelchen bot, das eine Anweisung auf den Geldbetrag dieser Klöster darstellte. Damit war Kaspar nicht zufrieden; Prälaten, die davon erfuhren, sahen darin nur ein Zeichen des kaiserlichen Widerstands. Abt Anton von Kremsmünster war Benediktiner, wußte von säkularisierten Gütern seines Ordens; er wandte sich an Eggenberg um Hilfe. Die beiden alten Freunde lächelten sich an: „Ich will Euch nur wiederholen, was die Majestät zum schlauen Kaspar sagte —, daß sie nicht bloß Kaiser der Mönchsorden sei.“ Antonius meinte, es könne doch niemand durch Ausführung von Rechtsbeschlüssen gequält werden, die Leidtragenden seien Ketzer, Rebellen. Eggenberg hob die Hand: „Er will nicht.“ „Er wird wollen, Eggenberg. Man kann es verschieden ansehen, man kann aber auch sagen: es ist nicht schön, am vollen Tisch tafeln und andere hungern lassen.“ „Es ist nicht so, Ihr verkennt ihn.“ „Ich weiß, es ist nicht so. Aber wir wollen tafeln.“

Und die andern schrien nicht mehr Hunger, sondern schon Rache an den Protestanten für die Ablösung jener Stifter und Güter. Der hitzige Abt von Strahow sprach offen aus: Die Kirche habe in der Agonie gelegen vor Jahrzehnten, da sei das Luthertum über sie hergefallen und habe sie ausgeplündert; Leichenraub sei geschehen; das Unrecht muß beseitigt werden, Strafe muß folgen. Mit Strahow sprach ein Profoß der Jesugesellschaft in Wien, sie gingen vor einem wachsenden Klosterneubau hin und her; der Jesuit lobte den Eifer des Abtes, lobte seine Argumente, fand sie nur unvollständig. Und den sehr erstaunten Abt beglückte und stärkte er mit dem Hinweis, zum Leichenraub gehörten zwei, einer der stirbt, und einer der lebt. Ist es ein Verbrechen des Luthertums gewesen, daß es damals lebte; ist es ein Ruhm der heiligen Kirche gewesen, daß sie fast hin war? Wenn Unkraut auf dem Acker überwuchert, kann das Korn nicht gedeihen; wenn das Unkraut ausgerissen ist, findet das Getreide Platz: da ist Recht und Unrecht. Nicht beim Unkraut und Korn, wohl aber beim Gärtner und Bauer. Die Kirche hat Gärtner gehabt, die ihre Äcker nicht gepflegt haben. Jetzt werde man alles nachholen und sich nicht hindern lassen. Heraus mit dem Unkraut; Raum für das blühende Getreide.

Die Kirchenherren erreichten, daß der Abt von Meggau sich an den Herzog von Friedland mit einem Schreiben wandte, was er der Majestät rate und welche vermutlichen militärischen Folgen sich aus einem Zugeständnis ergeben würden. Der Herzog saß in Wismar, organisierte eine deutsche Kriegsarmee gegen Dänemark und arbeitete der drohenden schwedischen Invasion entgegen. Er gab schriftlich von sich, daß man ihn nicht mit Politik befassen möge. Herr von Strahlendorf, Fürsprecher der Rückgabe im Geheimen Rat, drang in das Wismarer Rathaus ein. Was, fragte Friedland verärgert den edlen Herrn, an dieser Angelegenheit denn so wichtig wäre, daß man einen besonderen Befrager an ihn entsende. Als Strahlendorf mit Wärme dargelegt hatte, welches Unrecht der Kirche geschehen sei, schloß der hagere General kurz und den Herrn an die Tür drängend, die Kriegstage erlaubten ihm keine langen Debatten; gehörten die fraglichen Güter der heiligen Kirche, so würde das Reichskammergericht das Urteil fällen; er käme nur für die Exekution in Frage. Erst bei den stockenden Bemerkungen des langen Grafen, daß der Kaiser nicht recht für die Sache zu haben sei, wurde der General aufmerksam, warf seinen schlauen stechenden Blick. Er ließ seinen Freund, den jovialen Arnim von Boitzenburg, in das Zimmer rufen und fragte ihn, den Protestanten, in Gegenwart des kopfsenkenden Grafen, ob er Lust hätte, Magdeburg für die Katholiken zu erobern. Und auf das Erbleichen des Mannes und sein unsicheres finsteres Hin- und Herblicken; gab er ihm die Hand: dies sei ihm nicht zugedacht von ihm, dem Herzog, sondern — irgendwoher, wo man anscheinend Hunger hätte nach dem Rind, aber keine Leine, es zu fangen. Er möge nicht beunruhigt sein, für dies Rind hätte er auch keine Leine. Dies sei, schmähte er nach der Entlassung Arnims gegen Strahlendorf, seine Antwort an ihn: der Krieg habe nichts mit Religion zu tun, man möge nicht Schwierigkeiten machen. — Aber er sei doch Katholik, hob nach langer Pause der Graf den Kopf; ob er es nicht für billig ansehe, Vorteile, die sich aus der Kriegslage für die Religion ergäben, zu benutzen. — „Man denkt vielleicht wieder“, sagte der General, „mir einen Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Wenn ich katholisch bin, ist es meine Sache; mag den Herrn nicht scheren. Ich lause Rebellen in derselben Weise, ob sie katholisch oder lutherisch sind.“ Darauf wiegelte sehr ruhig Strahlendorf ab, es sei nur eine Anfrage gewesen, die er nicht verübeln wolle; es gäbe in einem Reich vielfache Interessen, regten sich viele Wünsche. Mißtrauisch betrachtete ihn Wallenstein in der Nähe: „Der Kaiser ist wohl dem und jenem zu stark geworden. Möchten ihn etwas zwicken. Möchte wohl auch der und jener im Trüben fischen. Laß er sich nicht zum Werkzeug verkappter Schelmereien machen.“ Strahlendorfs Abschied war nicht gnädiger als sein Empfang.

„Man will ihm an den Kragen,“ streckte Friedland die Arme über sich am Fenster, als Arnim nach Strahlendorfs Abschied wieder eingetreten war. „Sie wollen ihn unter den päpstlichen Hut drücken. Er ist ihnen zu groß, schon jetzt viel viel zu groß.“

„Fühle sich Herzogliche Gnaden nicht durch mich gebunden oder beengt in ihren Entschlüssen. Arnim kann in Boitzenburg seinen Kohl bauen, oder bei den Polen fechten.“

„Es liegt nicht an Euch, Herr Bruder. Hab’ er vielen Dank. Man will ihm an den Kragen, dem Kaiser. Das ist es.“

Er stieg durchs Zimmer: „Sieh da, sieh da, die Liga lebt noch. Man wird den Herren den Kopf vor die Füße legen müssen.“

In Rom residierte im goldenen Vatikan ein Panther, Maffio Barberini, der achte Urban. Man konnte nicht sagen, er verstünde seine Zeit nicht. Zur Macht war er gekommen, indem er beim Konklave beiden Parteien schwor, er sei der Todfeind des andern. Über den Eingang seines Theaters schrieb er, er denke nur an die Sicherheit der Kirche. Vierzigtausend Mann konnte er aus dem Rüstzeug des päpstlichen Arsenals bewaffnen. Das Castell Franco baute er an der Grenze des Bolognesischen, armierte in Rom Sankt Angelo. In Tivoli arbeitete seine Waffenfabrik. Er wollte statt marmorner Denkmäler eiserne. Als jenseits der Alpen der Krieg auf die Höhe stieg, erneuerte er die Nachtmahlsbulle in coena domini, verfluchend Ketzer, Hussiten, Vicklifiten, Lutheraner, Zwinglianer, Calvinisten, Hugenotten, Trinitarier, Wiedertäufer und die Meerpiraten. Zerschmettert sollten die deutschen Ketzer werden, die gestohlene Habe ihnen wieder entrissen werden und der Kirche zufallen.

Schon während der militärischen Aktion erklärten seine Gesandten am Wiener Hofe, die Kirche verlange, wo die Macht des Kaisers, des Kirchenvogtes, dazu ausreiche, daß Anstalten getroffen werden, ihr zu ihrem rechtlichen Besitz wieder zu verhelfen. Witzige Gesellen am Hofe lachten: Wallenstein sollte marschieren, um dem Papst Magdeburg Halberstadt und die anderen deutschen Stifte wiederzuerobern. Es bedurfte nicht des Lamentos der Ligisten, der entrüsteten Hinweise des bigotten Grafen Strahlendorf, um einen Sonderlegaten nach Wien zu rufen, als die Glocken den Sieg in den Straßen läuteten. Schon bereiste eine geheime päpstliche Kommission die besetzten Gebiete und das übrige Deutschland, um für Urban die kommenden Einkünfte abzuschätzen; er hatte vor, mit diesem Gelde die Grenzen des Kirchenstaates vorzurücken, die Liga gegen den gefährlich übermächtigen Kaiser zu unterstützen, Frankreich gegen Spanien zu helfen. Dem abreisenden Nuntius blies Urban bei verschlossener Kammer in die Ohren: „Die Kirche hat nie frömmere Fürsten gesehen als die deutschen und den Kaiser Ferdinand. Das weiß ich. Aber es wäre schrecklich, wenn sie nicht die Frömmigkeit besäßen. Schließlich rechtfertigt nur der Glaube ihre Entsetzlichkeiten und schamlosen Räubereien. Der Kaiser mag uns bitten, die Stifter anzunehmen und auf Ersatz der verlorenen Jahre zu verzichten; wir werden erwägen, ihm einen Anteil am Ertrag, ihm und der Liga, zuzugestehen. Vergeßt nicht, einmal die Bemerkung hinzuwerfen: Ihr hättet von mir das Wort gehört, die Welt verlöre ihr Gleichgewicht ohne Frankreich, und damit verbeugt Euch vor Habsburg; man wird Euch verstehen. Im übrigen liebe ich Frankreich nicht mehr als Deutschland; der Tisch der Kirche ist groß genug für viele Kinder.“

Und zu seinem Unwillen wurde Ferdinand aus Wolkersdorf durch Boten Eggenbergs nach Wien berufen; es sei eine feierliche päpstliche Nuntiatur eingetroffen, die in besonderer Sache empfangen zu werden begehre. Im spanischen Saal, matt in den Armlehnen hängend, wie ein Wundervogel ohne Begierde durch die Käfigstangen den Schnabel steckend, hörte Ferdinand milde und still neugierig den vor großem Gefolge im Kardinalspurpur gestikulierenden Italiener an. Noch einmal ließ ihm der Heilige Vater und nun mündlich Glück zu dem Siege wünschen, dessen Gerüchte den Weltball erschütterten. Es sei durch die Frömmigkeit und Tugend Habsburgs vornehmlich geschehen, daß sich die trauernde Kirche aus ihrem Jammer erhoben habe und nun majestätisch um sich blicke, die Braut Christi, die ein süßes und dankbares Lächeln denen spende, die ihr Schwertträger gewesen waren. Dies aller Welt zu verkünden in feierlich offener Audienz sei dem Papst Urban Herzensbedürfnis. Mögen auch die noch nicht Unterworfenen und unter das Schwert Gefallenen wissen, wessen sie sich zu vergewärtigen haben, wofern sie in Starrsinn verharren. Die Heilige Kirche aber stehe nicht an, ihre Freude zu äußern, wo sie ihre Kinder wieder um sich sammeln wolle, die heimtückisch von ihrer Hand gerissenen Hochstifte und Klöster, die sie mit Jubel an ihr Herz drücke, alles Vergangene vergessend. Sie nehme sie entgegen aus der Hand des kaiserlichen Hauses, dem sie im Glück ihrer Brust keinen Vorwurf über den erlittenen Verlust mache.

Zugegen waren bei dieser Audienz fast alle Herren des Geheimen Rats, die Gesandten Bayerns, Kursachsens, die Vertreter der geistlichen Fürsten. Sie hatten maskenhafte Gesichter, mit keiner Bewegung ihre Anteilnahme verratend. In Ferdinand zog sich, während er zuhörte, ein gräßliches Gefühl zusammen, das ihm den Mund verpappte, sich mit Hitze und Beengung auf ihn legte. Er sollte überfallen werden. Man überfiel ihn: man wollte ihn vor die vollendete Tatsache stellen, daß das Reich geplündert wurde. Ihn, den Kaiser; sie wußten, daß er es nicht zulassen würde. Man wollte ihn zum Erwachen bringen. Er war überflutet, nicht imstande, seitlich zu ihnen hinzublicken. Bestürzt reichte er dem stolzen tönenden Kardinal die Hand.

„Was war das? Was war das?“ flüsterte er, in sich verwirrt, auf den Korridoren. Er saß kaum eine halbe Stunde, als Eggenberg und Trautmannsdorf angemeldet wurden, während er selbst auf die Mantuanerin wartete. Der Habsburger, noch im großen Ornat des Empfangs, in die Ecke eines Armstuhls geschoben, über dessen Lehne Purpurmantel und Schärpen bauschig herabfielen, als gehörten sie nicht zu diesem Manne. Seine Kammer halb dunkel.

Als sie eintraten, machte er, ohne die Arme zu bewegen und sich aufzurichten, ohne sie anzusehen, wagerechte Striche mit den bedeckten Händen, hauchend: „Nicht sprechen. Nicht nötig. Der Besuch ist geschenkt.“ Die beiden, erschüttert, wie er im Audienzornat, wollten unter Verneigungen auf dem Teppich näher treten; er winkte gleichmütig weiter: „Ihr stört mich. Nehmt an, ich hätte euch schon angehört. Ich billige eure Argumente. Es ist gut.“ Eggenberg: „Wir haben keine Argumente. Wir wollten eine Erklärung abgeben.“ „Empfangen. Danke. Die Herren sind entlassen.“ Der schmerzbewegte Fürst: „Was haben wir verschuldet?“ „Ich erwarte die Kaiserin. Ich danke.“ Er strich immer weiter vor sich in die Luft. Trautmannsdorf grub sich die Nägel in die Handteller: „Auf die Gefahr, den Zorn der Majestät herauszufordern: wir sind nicht schuld. Den Satz muß ich gesagt haben.“ Fast mitleidig drehte sich ihm der Kopf Ferdinands zu, die linke Hand fuhr leicht in die Höhe: „Welchen Satz?“ „Daß wir nicht schuld sind. Der Kardinal hat uns bloßgestellt.“ „Wie sonderbar.“ „Eine feierliche Danksagung an Eure Majestät, die Überbringung des päpstlichen Segens war verabredet.“ Wortlos, ohne seine Lage zu verändern, ließ der Kaiser minutenlang von einem zum andern seine weißen Augen gehen: „Was wollt ihr mir erzählen.“ Eggenberg, mit tiefer, wutzitternder Stimme: „Es ist nötig, beim vatikanischen Stuhl zu protestieren in aller Form, wie der Kardinal hier verfahren ist. Gegen den Anstand, gegen Treu und Glauben.“ „Das wollt ihr mir erzählen.“ Eggenberg standen die Tränen in den Augen; voll Bitterkeit sah er auf den Boden. Der Ausdruck des Kaisers veränderte sich, seine Stimme klang entspannter: „Graf Trautmannsdorf, es ist wahr, man hat euch übertölpelt?“ „Es ist ein schwacher Ausdruck für das, was vorgefallen ist.“ „Und ihr beide und andere?“ „Vor uns hat der Kardinal geredet, ohne daß wir uns dessen versehen konnten.“ „Er wollte, er hat erreicht —“ „Gut, Graf Trautmannsdorf.“

Der Kaiser bog den Kopf zur Zimmerdecke, gerade auf das goldene hohe Kruzifix, sein Gesicht wurde wieder gleichmütig; wie er den Kopf gegen die Schulter ablegte, atmete er erleichtert. „Mich freut, daß ich nicht allein überrascht bin und daß ihr meine Freunde seid. Daß ihr nichts gegen mich gewollt habt. Wahrhaftig, Eggenberg, hättet ihr wieder mit mir so getan wie vor einiger Zeit, so hätte ich“ — der Kaiser sprach sehr leise, versunken, monologisch — „kaum noch Lust gehabt zu irgend etwas. Es hätte mich genug gedeucht hier. Ich dachte vorhin: dieser Tag, mich auf meinen Heiland zu besinnen, sei heute gekommen. Gegrollt hätte ich euch nicht —, qualvoll war es nur für einen Augenblick. Geht. Ich danke euch.“

Die Herren traten zögernd nach Verneigungen ein paar Schritt zurück. Dann bat, hingewandt, Eggenberg um Vergebung; was man tun solle, sachlich; wie sich die Majestät zum Heiligen Vater und zur Stifterfrage stellen werde. Es sei genug, äußerte der Kaiser erst, den Kopf in die linke Hand gestützt. Dann mit verhauchender Stimme: den Heiligen Vater respektiere er immer; er habe ja Vollmacht, zu lösen und zu verdammen; worum handle es sich? Um die Stifter —; er werde auch darüber nachdenken.

Dann kam sie hinter den Damen und ihrem Obersthofmeister, die sich ehrfürchtig zurückzogen. Sie half ihm aus den schweren Prunkmänteln und Schärpen heraus. Schwer ließ sie die Stoffe auf den Teppich rauschen. Er saß noch erschöpft, die linke Hand den Kopf stützend, sprach wenig. „Ich denke,“ sagte er, als sie ihn bedrängte, „unser Leben ist nicht lang. Ich wäre heute bald aller Schwierigkeiten Herr geworden.“ — „Ich wäre,“ flüsterte er später, „bald so gegangen, wie mein spanischer Vorfahr, der fünfte Karl. — So durchschauert hat es mich.“ Bleich, langgezogen das tieflinige Gesicht, aufgerissen Mund und Augen, suchte sie mit ihrer linken Hand seine rechte, die zwischen seinen Knien hing, zu fassen: „Du wolltest ins Kloster.“ Sie krümmte sich auf ihrem Stuhl, sie schlug ringend die Arme zusammen: „O, du hattest recht, Ferdinand. O, hattest du recht.“ Sie schlang ihren linken Arm um seine Schulter, er ließ sich zu ihr herüberziehen, still sie anschauend, deren Augen fast delirierten: „Es gibt nichts als den Himmel und Maria, Jesus, die Heiligen, Ferdinand. Wir können nichts weiter tun, als uns zurechtmachen für die Seligkeit. O, wie freue ich mich, daß du sie finden willst. Ich bin glücklich bei dir, mein Leben.“

Er ließ sie sprechen und stammeln. Seine innre, wie wartende Ruhe wurde in diesen Tagen selten unterbrochen. „O, gib nicht nach, Ferdinand,“ flüsterte sie, sich über ihre Knie werfend, „sei da, wenn es dich ruft. Ich will bei dir sein.“

Ferdinand zog das linke Augenlid höher. Er betrachtete sie von der Seite her, rief sie an. Er rief sie nochmal an. Verloren schob sich die Mantuanerin auf. „Eleonore, willst du mich anhören? Dies ist ja vorbei. Es ist an mir vorübergegangen für jetzt. Man ist an mich herangetreten mit Vorschlägen. — Laß mich das überlegen mit dir.“

„Ich kann nicht. Verzeih’ mir.“

„Was hat man von mir gewollt? Schlechtes und Niedriges sollte ich dulden. Es könnte ihnen passen. Ja, ich gefalle ihnen nicht.“

„Willst du mir verzeihen, Ferdinand, daß ich dir nicht folgen kann. Rufe den Beichtvater, oder, es soll ein päpstlicher Legat am Hof eingetroffen sein: er wird dir helfen.“

„Er wird mir helfen! Warum ist er gekommen und hat diese Szene gemacht. Ich will daran nicht denken. Er wollte Länder. Sie sind habsüchtig, wagen sich an mich heran.“

„Der Papst hat von dir Länder verlangt? So gib sie ihm doch. Freue dich, daß er sie verlangt.“

„Ich habe den Krieg gewonnen durch die Gnade des Himmels, durch tausende Gebete und Fürsprachen. Jetzt soll ich zeigen, ob ich’s verdient habe. Ist er nicht wie der Versucher, der Papst? Ich habe meine Macht begründet durch die göttliche Gnade, jetzt will er mich locken, ungerecht und ruchlos zu sein.“

„Ferdinand, von wem sprichst du! So freu’ dich! Gib! Gib mir, daß ich schenken kann! Ferdinand!“

„Ich hab’ ja nichts zu schenken, Eleonore. Ich besitze selbst nichts. Je mehr ich Kaiser wurde, um so mehr wurde von mir genommen, liegt nun da. Ich hab’ es alles zu verwalten, gut zu versehen, recht abzugeben. Ja, ich verfüge über nichts. Ich bin ganz arm, Eleonore.“

„Schenk’ mir. Sprich nicht so. Ich brauch’ es, ich bedarf es. Willst du nicht meiner gedenken, bin ich nicht deine Eleonore, die du aus Mantua geholt hast? Und ich will es ihm schenken, dem Heiligen Vater.“

„Bist du nicht die zweite Versucherin, Eleonore? Und dir würde ich noch eher nachgeben.“

Sie saß plötzlich steif, spannte ihr Gesicht; klar und ernst: „Ich weiß, es gibt einen Versucher, dem du nachgeben wirst, weil er dich zwingt. Das bist du. Wenn es auf mich fiel, könnte ich nicht widerstehen. Wo es dich getroffen hat, kannst du nicht anders. Ich weiß es.“

„Du weißt das?“

Abweisend artikulierte sie: „Ich weiß. Du kannst dich nicht entziehen. Du hast sowenig eine Wahl wie ich.“

„Wir sind fromm. Wir haben nichts verbrochen. Warum sollte ich nicht wählen können?“

„Versuche.“

Er fixierte sie, wie gestochen: „Ich — regiere.“

„Versuche.“

„Wer kommt, um zu stehlen, findet mich und meinen Schwertträger.“

„Versuche.“

„Das heißt: ich sei noch nicht Kaiser?“

Sie drehte sich zu ihm, warf sich über sein Knie: „Es heißt, daß es damit nicht genug ist. Sei Kaiser, sei nicht Kaiser: ich will dich so nicht. Komm mit mir. Sei mein Begleiter — zu Maria.“

Ferdinand hatte seine stille erwartende Miene wieder: „Du darfst mich nicht verwirren, Eleonore. Wir dürfen uns nicht erregen. Man hat versucht, mir Länder mit Gewalt zu entreißen. Daraus spricht ein schlechtes Gewissen. Ich vergesse darum nicht, was ich der Heiligen Kirche schuldig bin und wieviel ich ihr gerade zu danken habe.“

Sie hängte sich an ihn, als er mühsam aufstand und die Arme, als wenn sie steif wären, schaukelte, zweifelnd ängstlich: „Gib mir nach. Bald.“

„Nein,“ schrie sie bald darauf verzückt, „tu, wie du willst. Ich will dir nicht raten. Nichts will ich geraten haben. Tu. Tu wie du willst.“

Während die Geheimen Räte warteten, was Ferdinand beschließen würde, wurden sie überrascht von der Nachricht, daß Befehl zur Abreise von Wien gegeben sei. Der Oberstallmeister bestätigte, von der Kaiserin selbst den Befehl erhalten zu haben. Und so hatte sich Ferdinand in der Tat in einem Zustand unbezwinglichen Grolls, zwangsartig sich steigernden Abscheus, dazu auch einer Furcht entschlossen: wegzugehen von Wien, in Wolkersdorf sich einzuschließen und nicht zuzugeben, wie er von dem Wege der Kaiserlichkeit, auf dem er ging, abgedrängt würde. Er kniff die Augen zu, spie: er wollte sie alle nicht. Er suchte instinktiv die Verdunklung wieder, in der er sich befunden hatte; in dieser Dunkelheit ging sein Weg. Er sträubte sich gleichermaßen gegen den Nuntius, wie gegen seine Räte, wie gegen dieses Wien überhaupt, diese Dichtigkeit der Häuser um ihn, dieses Zudringen und Bedrängen, diese Stimmen an allen Seiten der Burg.

Da wagte es der päpstliche Nuntius, ein Mann, der die Person des Kaisers nur von der Audienz kannte, sich gegen die Warnungen in seine Kammer zu begeben, nur gedenk seines Auftrages, und es gelang ihm, den Kaiser, der im Reisemantel ihm befremdet entgegenblickte, zu bewegen ihn anzuhören. Widerwillig, stumm setzte sich der Kaiser auf den Sessel, von dem er eben widerwillig aufgestanden war, gedrängt, fast mit Pein, ließ er seinen Körper auf das Holz nieder, von dem er sich eben freigemacht hatte, drückte den hutbeschatteten Kopf auf die Brust, schob die Arme auf dem Schoß gegeneinander, schwieg. Mit einer stummen Bereitwilligkeit harrte er, horchte, was da gebraut wurde, blickte gelegentlich scheu den dozierenden roten Menschen an, den Arm, der ihn hier zurückgedrückt hatte.

Er ließ ihn später wissen, er werde bald über den kaiserlichen Entscheid informiert werden. Er war herausgefordert, er wollte sich entschließen. Man sollte es fühlen, sie wollten ihn in ihre kleinlichen Zweifel einmengen. In die Schreibstube seines Sekretärs ließ er sich fahren, Schrecken verbreitend, diktierte augenblicklich, kaum eine Stunde nach der Verabschiedung des Italieners, er begehre Gutachten vom Geheimen Rat und Hofrat noch einmal über die Angelegenheit der Stifter. Sie sollten zeigen, wer sie sind.

Dann in die Gemächer der Mantuanerin. Ihre Damen sahen sie neben dem Habsburger, ihn belauschend, sich an ihn heftend wie eine Spinne an eine graue Mauer. Er blieb in Wien.

Nach zehn Tagen wurden die klaren harten Worte des Herzogs durch den Oberst Neumann vor ihn gebracht. Der Plan wurde darin als albern bezeichnet, man solle ihn abweisen. Der stille Kaiser hielt das Blatt geknüllt stundenlang vor sich, ohne es zu lesen. Der Nuntius des Papstes! Der Papst Urban! Die Mönche! Die Kurfürsten! Was wollten die, was wußten sie! Gegen diesen, gegen den Herzog! Da lag der Friedländer mit seiner Armee über dem Reich, erdrückend ja, aussaugend ja, keine Gewalt sollte ihn daran hindern, so zu tun wie er wollte: das Reich platt hinzulegen. Sie sollten alle verschwinden, die gegen ihn meuterten. Wie ging der finstere Mensch, der Friedländer, gnadenlos durch das Reich. Wie der Kaiser sich über seinen Leib bückte, zerriß ihm die Lust die Eingeweide; es wogte über die Haut seiner Hände, seines Rückens, ein kühler Schauer lief ihm über Wangen und Mund; er zitterte, preßte sich zusammen und genoß es, was ihn schmerzhaft wild überfiel. Er lachte heiß und gequetscht aus sich heraus. Er versteckte das Papier Wallensteins an seiner Brust, ehe er aufstand und sich den irrenden fragenden Augen der eingetretenen Mantuanerin darbot. Sie war selbst so erregt über sein freudiges Gebaren, als er davonging, daß sie auf dem roten Teppich hinkniend, allein in der Kammer, leise kreischte und kicherte.

Es erfolgte damals der erste Versuch des Fürsten Eggenberg, die Macht des Kaisers auf andre Schultern zu stützen als auf die Wallensteins; nach der Überrumpelung durch den Nuntius begriff er rasch: man konnte mit dem Geschenk der Stifter sich eine Zahl ligistischer Herren gewinnen und sie an den Gefahren der Situation beteiligen. Eggenberg saß neben Ferdinand in den anberaumten Besprechungen, den weißen kleinen Spitzbart an den steifen Mühlsteinkragen andrückend, klein, die hohe Stirn steil runzelnd, das weinrote Gesicht gestrafft, nicht gewillt nachzugeben. Er fühlte, daß man dem Kaiser wehe tun mußte, aber es war ihm von Tag zu Tag seit den Siegen mehr, als wenn nicht dieser gelbliche Herr unter dem blauweißen Baldachin, sondern er verantwortlich wäre für die Dinge. Dieser Kaiser konnte sich sträuben, das Haus Habsburg stand in Gefahr; ein liebes Kind war Ferdinand, der Heiland möge geben, daß diesem Herrscher Schlimmes erspart bliebe. Er war Ferdinand innig verbunden, sein Brautwerber und Vater war er gewesen; er begriff die Fascination Ferdinands durch den monströsen Herzog. Das Haus aber durfte durch den Kaiser nicht erschüttert werden. Die Räte, die herumsaßen, stumm, lippenbeißend, hatte er für die Stiftersache gewonnen; sie waren im Machtrausch, die Abgabe von Geschenken an den Papst und wen sonst schien ihnen belanglos. Die Unterhaltung zog sich stockend hin, der Kaiser ließ sich hinausführen.

„Welchen Rat gibst du mir?“ fragte an der Tür ihrer Kammer Ferdinand die Mantuanerin, die er umarmte, an der er sich versteckte. Glücklich bog sie sich, erschauernd, an ihm; sie suchte ihm ins Gesicht zu blicken, aber er drückte die Stirn noch tiefer vor ihr: „Du wirst es ja wissen, ich habe für dich gebetet“, jubelte sie.

Scheuer betrachtete und betastete Ferdinand das zerknüllte Schreiben des Friedländers, das er in seinem Gürtel trug. Er hatte seiner Gläubigkeit und Frömmigkeit, der Fürsprache der Heiligen Kirche seine Macht zu verdanken. Die Länder, die sie verlangten, unterlagen seiner Obhut, sie durfte er nicht als Beutestücke weggeben, er sträubte sich dagegen, wütend, jäh, von seiner Kaiserlichkeit einen Titel abzugeben. Aber sie gewannen ihm Boden ab, indem sie sich mit den Generalen gleichstellten, die er auch beschenkt hatte. Die Heilige Kirche verlangte ihren Sold. Wie ihn die Gesandten der Liga und des Papstes bedrängten, fiel es immer schwarz in ihn: „Man will mich schwächen, man will mich schwächen, ich seh’ es.“

Und einmal fand er sich vor dem Papier, das die Worte „albern“ und „frech“ enthielt, in einem zuckenden Schmerz; ein Flüstern in ihm: „Ich muß dir weh tun, verzeih es mir, es muß geschehen, denke nicht schlimm von mir. Unser Seelenheil verlangt es. Du weißt es nicht. Sei gut, sei gut.“

Dann legte er es vor Eleonore: „Sie sollen die Länder haben.“

Eleonore starrte ihn aus ihren inbrünstigen Augen an: „Wie ich dich beneide, Ferdinand, daß dir diese Wahl gegeben ist.“ Er lachte sie finster an. „Ich danke dir herzlich.“ Die Frau drängte sich unheimlich in seine Seele, in seine Entschlüsse.

Der Kaiser aber, welk und tief gereizt, wie er dieses knisternde, aus allen Balken brennende Leben neben sich fühlte, hatte das wilde Begehren, ihr etwas anzutun, sie auflodern zu sehen, leiden zu machen. Der Wunsch, Böses zu tun, war in ihm erwacht, der Zwang hatte in ihm das Gefühl der Rache hinterlassen. Tosend gab er nach. Zwischen den Zähnen knirschte er; während ihm der Schweiß auf die Stirn trat und die Augen in graue Höhlen zurückfielen und er ihre linke dünne Hand rieb: „Ich will dem Heiland zuliebe nichts versäumen; was ihm zu Ehren ist, wird mich leiten.“ Sie krallte sich an ihm fest und stöhnte. „Ja,“ seufzte er, hingeworfen mit ihr betete er, dann umschlangen sie sich.

In der Nacht ließ er einmal die Kaiserin rufen. Grimmig empfing er sie: „Bin ich wieder so weit, daß ich nicht weiß, wen ich rufen soll? Meine Narren, den blöden Grafen Paar? Blick mich nicht an.“

„Was ist?“ weinte sie über seinem Bett.

„Daß du zu früh triumphierst. Es ist die Spekulation, daß ich es nicht wage, den Friedländer zu rufen. Und ich rufe ihn, ich rufe ihn doch.“

„So tu es doch.“ Sie war hilflos.

„Er soll kommen, sag’ ich Euch. Die Augen werden Euch übergehen. Er soll Euch in Eisen schlagen, weil Ihr Euch vergreift an mir.“

„Was hab’ ich dir getan?“

Widerwillig legte er sich zurück: „Nichts, nichts, beim Heiland, nichts. Ich bin verloren, verkauft. Weiter nichts.“

Das war wieder der Fremde. Sie stand auf. „Wohin willst du?“ fragte er höhnend.

Sie kniete vor seinem Kruzifix.

Tage gingen hin; täglich marterte sich lange Stunden der Kaiser im Gebet neben der Mantuanerin. Lamormain, der große Beichtvater, trat an ihn heran. Ferdinand erhob sich mühsam, verstört aus den Andachten. Lamormain pries den Kaiser, daß er im Glanz des Siegerruhms den demütigen Glauben, den kindlichen Gehorsam bewahrt habe. Die schmächtige Kaiserin lief, nachdem sie rasch vor dem lächelnden hinkenden Jesuiten ein Knie gebogen hatte, aus der Kammer mit stürmischer Atmung. Mit lahmen Füßen schleppte sich Ferdinand an seinen Sessel, seine Hände zitterten. Dumpf, leise sagte er: „Ich danke.“ Hing an den Lippen des Jesuiten, bückte sich in sich, fiel zusammen. Beichtete ihm.

Dem Beichtvater gab er am nächsten Tage den Entscheid über die Stifter: Er sei mit sich zu Rat gegangen, habe Maria und die Heiligen fleißig und innig angerufen. Durch die Gnade dieser Himmlischen sei ihm zuteil geworden, daß ein furchtbar schwerer Feldzug beendet, der einen glücklichen Ausgang bis zur Stunde genommen habe. Sein Thron sei gefestigt worden, der erst so unsicher war wie sonst etwas Irdisches. Nun habe man ihn angegangen um Wiederherstellung kirchlichen Eigentums, das im Laufe der Jahrzehnte verlorengegangen sei. Er hätte sich schon früher dem nicht verschlossen, daß den geistlichen Gewalten ein Recht auf diese Güter zustand. Aber trotzdem hätte er sich gesträubt, um nicht neue Unruhen im Reich entstehen zu lassen. Ihm sei gewiß, daß er nicht wohl daran tat, sich zu sträuben. Die Kirche müsse belohnt werden für die unsagbare Hilfe der Gebete. Die armen Seelen, die in jenen Stiftern den Ketzern anheimgefallen seien, wiederzugewinnen, müsse er sich bemühen als gottergebener Mensch, geschweige als Kaiser. Ihm, seinem Beichtvater, müsse er gestehen, wie er geschwankt habe, sündig und zage. Er wolle von der Sünde befreit werden. Der Pater lächelte: „Glücklich der Mensch, dem es verliehen wurde, seine Macht zugunsten der Heiligen Kirche zu verwenden.“

Papst Urban der Achte, an seinem goldenen waffenklirrenden Hofe umgeben von Artilleristen Ingenieuren Landmessern Intriganten von Legaten Vizelegaten Notaren, nahm in Gegenwart des französischen Botschafters die Meldung seines Nuntius mit Freude auf. Er bezeichnete es im übrigen als Selbstverständlichkeit, daß diese Maßnahme des Restitutionsedikts getroffen wurde, und schließlich als eine kaum verzeihliche Lässigkeit, daß sie erst jetzt getroffen wurde. Die Franzosen beglückwünschten ihn im Auftrag des dreizehnten Ludwig, dessen Gevatter der Papst war. In Urbans Namen erklärte dem deutschen Gesandten Paolo Savelli der Kardinalstaatssekretär Franzesko Barberini, der Papst fühle sich durchaus nicht bemüßigt, eine Dankprozession angesichts der Verkündung der Restitution zu veranstalten, auch lehne er strikte ab, dem Kaiser die erste Besetzung der verlangten Bistümer zu konzedieren. Was dem Heiligen Stuhl zustehe, hielte er fest.

Eggenberg hatte mehr für den kaiserlichen Hof erhofft. Aber eisig kam aus Rom die Nachricht, der Papst gedenke die Hälfte der Renten aus den neu erlangten Stiftern der frommen Liga des bayrischen Maximilian zuzuweisen. Fein lächelte darauf Trautmannsdorf den Fürsten an, auch der Abt von Meggau sah auf den Boden; aber jetzt hielt Eggenberg alle Blicke aus. Sehr fest äußerte er, ihn freue, ja freue die Nachricht; den Kaiserthron auf breiten Fuß zu stellen, sei sein Bemühen; man werde mit Bayern zusammenarbeiten müssen, auf Bayern sich stützen können. „Zu welchem Zwecke“ — Meggau blickte vor sich — „haben wir den Herzog von Friedland gerufen?“ Eggenberg: „Ihr werdet es einmal lobpreisen, was ich sage; der Kaiser ist nicht vom Teufel befreit, um dem Beelzebub anheimzufallen.“

Die schmähenden Worte, die unverhüllten Drohungen, die aus den mecklenburgischen Quartieren an den Hof drangen, gelangten nicht an den Kaiser. In unbestimmten Wendungen überbrachte ihm Graf Strahlendorf die friedländische Ansicht; verschleiert, ernst, mit stiller trächtig schwerer Zärtlichkeit hörte Ferdinand den Bericht. Plötzlich fuhr er auf, warf erregte Blicke, ging auf und ab: „Wer ist dieser Friedland? Wie kommt er dazu, mich mit der Heiligen Kirche in Widerspruch zu bringen? Wie kommt irgend etwas dazu, mir mein Seelenheil zu nehmen?“ Er stand klein, mit gequältem Blick vor dem sehr stolzen Grafen, schwitzte. Und wie als Buße für Vergehen gab er doppelten und strengen Befehl, der Kirche nichts vorzuenthalten, weder an Gut noch an Seelen.

In diesen Tagen gab er das Edikt heraus, daß in allen neu eingezogenen und von kaiserlichen Truppen eroberten Gebieten der alte Grundsatz der Glaubensfreiheit aufgehoben und beseitigt werde, als nicht vereinbar mit kaiserlichen Pflichten gegen die Kirche; mögen die, die andern Glaubens seien, die eingezogenen Länder verlassen, dies sollte ihnen freistehen. Die herrscherliche Fürsorge und Verantwortung erfordere Anwendung des Satzes: Wessen Land, dessen Bekenntnis; die Auswanderer hätten den zehnten Teil ihres Besitzes zu hinterlassen.

Wie zur Sühne war das Edikt hingeworfen, und der Kaiser, von der fast irren Freude der Mantuanerin umfaßt und gestachelt, sättigte betäubte sich in der Übertreibung seiner Durchführung. Es dünkte ihm ein Glück, Vogt und Schwert der Kirche zu sein. Und einen Triumph empfand er über Wallenstein: er hatte sich über ihn erhoben, hatte ihn besiegt. Wallenstein war das Blinde, Mechanische, das Schwert; der Herzog verstand nicht, daß es noch etwas anderes gab als die Unterwerfung von Ländern. Er war Meister über ihn. Herzlicher als vorher liebte er Wallenstein, der Gedanke an Wallenstein machte seine Augen verschleiern, ein trunkenes Glücksgefühl schlug durch seinen Leib; die Knie zitterten ihm manchmal, wenn er an Wallenstein dachte. Er fühlte den Herzog sonderbarerweise noch fester an sich gebunden, weil er ihn abgewiesen, gestoßen und verwundet hatte. Wie ein warmer Dunst schwelte in ihm das angenehme Gefühl: der Herzog rast jetzt meinetwegen, er ist bestial, er ist ja ein Untier, er flucht mir, er möchte mich zerreißen. Zum Lachen schön war die Vorstellung.

Er ließ sich melden, welche Maßnahmen getroffen seien, welcher Stifter man sich bemächtigt habe. Wieder zogen vor ihn jammernde Abordnungen einzelner Städte und Hochstifter von protestantischer Religion, er nahm sie an, nur um über ihren Schmerz zu triumphieren und demütig die Anerkennung aus den Augen und Mündern der Jesuiten entgegenzunehmen. Die Mantuanerin war zugegen bei dem kläglichen Schauspiel, sie genossen es gemeinsam als ihr Werk.

Er hatte Maximilian von Bayern ganz vergessen. Er war der Kaiser, der es sich gestatten konnte, im Reich das Vogtamt des Papstes zu vollziehen. Er stand über Wallenstein, seinem Diener und Untertan.

In diesen Wochen stieg das Geschrei vertriebener Familien zu tausenden Malen aus südlichen und nördlichen Teilen des Reiches zum Himmel auf. In Ruhe dehnten sich die Heere des Wallenstein über die vielen Kreise; untätig lagerten sie, zehrten die Habe der Landbevölkerung, das Vermögen der Städter auf.

„Feiglinge, Lumpe, stinkige Jesuitenteufel“, waren die Schimpfworte, die in Güstrow und Wismar von der friedländischen Tafel an die Wiener Adresse gerichtet wurden. Der Herzog fluchte und haderte aber nach dem Edikt auffallend wenig mit seiner Umgebung, die er sonst bei Verstimmungen stark anfaßte. Der Vorfall arbeitete in der Tiefe in ihm. Er sah sich gereizt von einer Clique, gegen die er nichts vermochte. Sie konnten ihm nichts anhaben, er hielt den Kaiser in der Hand, aber sie waren da, sie wagten sich sogar jetzt herauf, sie errangen etwas wie Erfolge. Ein schlimmes Wesen, dieser Kaiser; schlapp bis zur Verächtlichkeit. Sie zogen und zerrten an ihm. Man mußte auf der Hut sein vor dem Volk; und er grimmte, daß er ihnen etwas abgeben sollte, was er nicht wollte.

Friedländische Truppen hielten die Seekante besetzt, Kurbrandenburg war mit Einquartierung niedergezwungen, von der Wetterau her hielten Regimenter Kurmainz in Schach, aus der Eifel wurde Trier eingeschüchtert, Köln war ganz ohne Schutz, Sachsen fühlte den friedländischen Stachel in der Lausitz. Seinen Freund, den Marschall Arnim, beruhigte der Herzog über den Wisch, das Edikt; man solle den Maulwürfen und Schnapphähnen am Hofe den billigen Triumph gönnen. „Der Kaiser ist schwach, er ist in der Hand der Memmen und Schelmen, die sich gegen mich nicht herauswagen. Es wird ihnen nichts fruchten.“ Und zu einer fast komödienhaft schwachen Aktion stattete er die gewünschte Aktion gegen Magdeburg aus, das er in Besitz nehmen sollte; er gedachte an dem Feuer nur sein eigenes Süppchen zu kochen. Er fragte noch einmal Arnim, ob er die protestantisch stolze Gemeinde für die Katholiken erobern wolle; und in der Tat stellte er dann Regimenter in das Expeditionskorps ein, die zum großen Teil lutheranische Offiziere führten. „Sie fuchteln“, höhnte der Herzog, „mit ihrem Edikt in der Luft herum, haben einen hölzernen Stiel und eine Klinge aus Pappe. Wir werden damit spaßhafte Kriege führen.“ Er verlangte von der Stadt die Einlagerung einer Garnison; die Stadt lehnte es ab aus Furcht vor dem Edikt. Dann, nach Verübung vielerlei Unbill, Scharmützeln zwischen Kroaten, Fischern und Roßknechten, Aufbringung von zweitausend Schafen und allen Stadtschweinen, Drohung mit Blockade, verhängte er eine Kontribution von zweihunderttausend Talern, von denen ihm hundertfünfzigtausend sofort hinterlegt wurden; für den Rest bürgte die Hansa. Die überraschten Syndici wurden bei einer Unterredung versichert, das Edikt habe keinen Bestand, sie sollten sich nicht fürchten, Wallenstein auch in Zukunft nicht die Besetzung des Elbpasses verwehren; die Zeit der Religionskriege sei im Reiche endgültig vorbei.

Dann zog er sich nach Mecklenburg zurück; das Geld war sein.

Der Herzog lag lang mit seinen Armeen an der nördlichen Seekante; er mußte sich des baltischen Meeres bemächtigen. Sein eigner Besitz, Mecklenburg, forderte es.

Die ungeheuren Güter, die Tag um Tag der graue Wasserrücken trug. Von Livland Hanf bundweise, Flachs in Fässern, Getreide. Aus Riga Wachs in Schiffspfunden für den Klerus, Wachs von der Wolga, Düna, über Smolensk und Polozk. Aus den Steinbrüchen der finnländischen Küste Leichensteine. Aus Rußland Pelzwerk von Zobel Wolf Marder Vielfraß Wiesel Hermelin Iltis Biber. Garn aus Stettin, geknotetes Gut, hamburgische, brüggesche, wittstocksche, ratzenburgische Laken. Auf diesem meilenweiten, scheinbar leeren Wasser, das niemandes Land war, fuhren stündlich die kostbarsten Waren der Welt, der Reichtum der Menschen: das riesig bezahlte Salz nach Abo Wiborg Narwa; Travesalz, Salz aus Lüneburg, Oldesloe, grobes, ungesottenes Bayernsalz, schottisches, französisches Salz; Fleisch Speck Malz Tabak Messer Kartenspiele Leder Leinen; die Kriegsware: Waffen Munition Pulver Blei eiserne Kugeln Schwefel Salpeter Harnische Panzer Röhren Rapiere Dolche Schlachtschwerte. Ähnlich Sklavenschiffen mit orientalischen Weibern brachten sie, erwartet von jung und alt, in Tonnen eingeschlossen, die Bodengeister, das Aroma fremden fernen, glutvollen Bodens: berauschende Weine, Alikante, kreischenden Korsiker, Malvasier, betäubenden Portugieser, von Bordeaux, Porto, aus der Pikardie, von Ungarn, von der Mosel, vom würzreichen Rhein. Aus den Kolonien vorüber in Holzlatten geschlagen, gebändigt, Anis, kandierter Ingwer, Kaffee, Kubatee, Kakao, Muskatblume, Paradieskörner, Manna, zwanzig dreißig Zuckersorten, Datteln. Duftende ölige Hölzer für die Apotheken: Terpentin Kampescheholz Pernambukholz. Metalle, Indigo, Weihrauch, Glas aus Rouen, Glas aus Flandern, englische Scheiben, hessisches Glas in Kisten, Kacheln, Klinken.

Zum Herzog kamen der vielvermögende Herr von Michna und de Witte aus Prag, über die Aufbringung der Geldsummen zu beraten, die unter Ausschluß Spaniens zu den Meeresplänen nötig wurden. Wie Fische schwammen sie auf den Köder, der sich ihnen an der fernen Seekante zeigte. Sie ritten durch Sachsen und die Mark, im offenen Wagen fuhren sie unter Bedeckung durch eine Rotte von Friedlands Leibgarde; mit Lust sahen sie überall kaiserliche Besatzungen in den Städten, die Einquartierungen. Den Zügen bettelnder Bauern, verbrannten Dörfern begegneten sie; es milderte ihre Lust nicht. Michna kniff die Augen, Verzückung über Brust und Magen; was war Wuchern Münzbetrug Kippen Wippen gegen dies: Krieg. De Witte erzählte von der Dankbarkeit, die der Judenprimus Bassewi gegen den Herzog fühlte und die er ihm in Güstrow äußern sollte mit der Versicherung grenzenloser Ergebenheit der Prager Judenschaft.

Wallenstein stand ihnen im Jagdschloß zu Güstrow, zwischen den riesigen Eichen- und Buchenwaldungen, im roten Mantel gegenüber, hager, hoch. Den vorsichtig vorgetragenen Schrecken der Herren über das Stifteredikt beruhigte er; auf die Wismarer Werft geführt, besahen die ausländischen Herren das graue rollende Meer, ließen sich bewimpelte Ausleger und Kaperschiffe zeigen, riefen den lübischen Bürgermeister Heinrich Brokes, ein verschimmeltes schlitzäugiges Männlein herüber, das ihnen gelassen jede Auskunft erteilte —, auch nebenbei, daß die Schonenfahrerkompagnie eine Defensionskasse der Stadt Lübeck eingerichtet habe gegen jegliche Überwältigung durch welchen Feind auch immer, durch Besteuerung aller Güter, die auf der Achse ein- oder ausgeführt wurden; kein Laken käme unbesteuert heraus.

Der graue träge Wasserrücken. Auf ihn geladen wie auf eine Tischplatte mit wallender Decke der fuderhohe ganze blinkende Reichtum der Menschen. Hier rann es wie in einem Engpaß vorüber, versucherisch; sie hingen am Fels darüber. Die Ausdehnung der Länder war verschwunden; Livland die Wolga Smolensk Stettin Wiborg Saragossa Ofen Venedig stießen aneinander. Und so nah, so schutzlos, wie kichernde Weiber, die baden gehen und spritzen.

Das lag vor den Füßen der drei Böhmen, die unter breiten federlosen Filzhüten, in langen weißen Mänteln am Strand neben dem gestikulierenden mißtrauischen Lübecker über den Sand schurrten. De Witte und Michna stampften erregt und fast betäubt von dieser Unterredung in das friedländische Quartier; der Herzog blies bedenklich vor der Weinkredenz die Backen, fächelte sich die Stirn mit einem Sacktuch. Ihr Schluß war, daß man sich der Hansa zu versichern habe. Ihre Augen funkelten, als sie schweigend hinter ihren Weingläsern phantasierten.

Neben Schwarzenberg, einem schmeerbauchigen Grafen vom Kaiserhofe, der auf eigene Faust spanisch-deutsche Meerpläne trieb, die Lübecker Kaufherren und Krämer mißtrauisch machte, tauchten in Lübeck die beiden Prager Herren, Friedlands Vertrauensmänner, auf, der kühle Kaufmann und der menschenkundige harte Serbe; sie nahmen Fühlung mit den einflußreichen Familien, den von Höveln, Bröntsee, Kirchring. Sie wurden auffallend oft von den höflichen Herren auf die Wälle geführt, die eben erst ein Italiener vom Holstentor bis zum Burgtor gezogen hatte. Mächtig war alles bestückt. Bei Travemünde stand ein steinernes Blockhaus für die Hafeneinfahrt; überall warnende Bastionen. Versteckte Gräben.

Auf die kaiserlichen Anträge an die Hansa, eine Flotte zu bilden und dem Admiral zu unterstellen zur Verteidigung gegen die dänische und schwedische Gefahr, wurde ein Lübecker Tag einberufen, beschickt von Hamburg, Köln, Bremen, Magdeburg, Braunschweig, Lüneburg, Rostock, Wismar, Stralsund. Hitzig rangen Wallensteins beste Sendboten mit den Weinherren, den Ältesten der Kompagnien, Frachtherren, Kaufleuten, Brüderschaften der Fahrwasser. Kein Lärm war in der dunklen Hörkammer im Niedersten Rathaus, aber ein unsichtbares, unnachgiebiges Schieben und Drängen, Überreden, Beschwören. So wichtig schien dem Friedländer diese Sache, daß er alle paar Tage Boten mit persönlichen Winken an die Deputierten herüberschickte. Der überreizte großspurige Schwarzenberg aber mit den spanischen Plänen und dem mörderischen Ungeschick, dazu das Edikt hatten die Luft in allen Trink- und Ratsstuben verdorben. Es wurde deutlich, daß die Lübecker und eben jener kleine Brokes sich schon längst mit den Generalstaaten verbunden hatten, in Furcht vor dem seegewaltigen Spanien; man glaubte in Lübeck nicht mehr an einen Krieg des Kaisers gegen das schon niedergeworfene Dänemark; man fürchtete die friedländische Faust und fürchtete die Jesuiten.

Die ehrenfesten hochgelehrten hoch- und wohlweisen Räte der freien Reichsstadt verneigten zuletzt sich vor den betroffenen Vertretern Wiens und des Admirals, ihrer großgünstigen Herrn, bestimmt erklärend: man könne sich nicht in einen Krieg einlassen mit den Potentaten, die Gewalt über die Meere und Pässe besäßen, welche ihre Schiffe täglich befahren müßten. Dem gräflichen Reichsboten verehrte der stolze Tag viertausend Taler und beglich seine Kosten, ehe er, von Wallenstein mit Groll beworfen, zum kaiserlichen Hoflager aufbrach.

Sie waren alle drei, die Böhmen, schon nicht mehr geldgierig. Sie waren an ihrem Reichtum hochgewachsen und hatten ihn gemeistert. Friedland kannte von je nur das Spiel, dessen Drang wuchs mit der Größe der Einsätze; er kannte nur umsetzen, umwälzen, kannte keinen Besitz. Er war nur die Gewalt, die das Feste flüssig macht. Er schauderte und zerbiß sich, wie sich ihm etwas Festes entgegenstellte.

In den ausgesogenen sumpfigen Meeresgebieten, dem dürftigen Kurbrandenburg, ließen sich die großen Truppenkörper nicht lange massieren. Zwar war genau bestimmt, wieviel Bauer Bürger täglich zu entrichten hatte, es war Vorsorge getroffen, daß ihnen nur soviel genommen wurde, daß sie dabei bestehen konnten; aber trotz grausam strenger Feldpolizei und Feldgerichts häuften sich die Beuteritte der Soldaten, kecke Erpressungen der Offiziere, Unterschleif des Proviantkommandos. Der Widerwillen der Kontribuenten wuchs; es half nicht viel, daß man halbe Dörfer einäscherte und Dutzende der böswilligen Ackerer an ihren eigenen Obstbäumen aufknüpfte; die Landschaften waren dürftig, ihre Pflege gering. Schon entliefen zahlreiche Söldner, führten als Vaganten weiter südlich Krieg auf eigene Faust. Man hatte in Wien und Prag an gewissen Stellen mit heimlicher Genugtuung von der stolzen Feindseligkeit der Hansa vernommen; man hatte ein zwiespältiges Gefühl.

Verbiestert, reglos lag der große Herzog von Friedland, der überreiche Böhme, ausgestreckt am Meer. Er kaute an dem Bissen, den ihm die Hansa zu essen gegeben hatte; langsam dämmerte ihm, was ihm geschehen war. Das Meer, das Verhängnis. Nicht die Reichtümer; es war der Weg: das Land war nicht zu halten ohne das graue, weißzottelige, schäumende Untier. Es rannte gegen seine Feste an, brachte sie zum Schaukeln. Rasch hatte er Mecklenburg an sich gerissen, konnte nicht hin und her. Wie zum Hohn verbrannten dänische Orlogs ihm fünf Schiffe im Greifswalder Hafen.

Plötzlich lief das Stichwort: Ungarn! Ungarn! aus dem Hinterlande über die Erblande. Täglich sah man klarer, was man zuerst nicht erkannt hatte — die Bayern sahen es, die Böswilligen in Wien, Strahlendorf und sein Anhang, das entzückte Paris, der mächtige Papst Urban —, daß sich Wallenstein seine Grube gewühlt hatte am Meer und daß es nicht ein endloser Siegeszug gewesen war von Schlesien bis nach Jütland; die Spitze war schon der Sturz. Die Hansa das Verhängnis. Er spannte sie nicht ein; nun konnte er am Meere liegen bleiben und sein Heer verfaulen lassen oder vom Meer sich zurückziehen, und der Däne stand wieder da! Christian, der Besiegte, der wieder ein neues Heer sammelte. Es war, wie man hörte, vom Grafen Pappenheim ein Kriegsplan ausgearbeitet worden auf Ersuchen des kaiserlichen Hofkriegsrats; darin wurde die Verteidigung der zweihundertfünfzig Meilen langen deutschen Küste als unmöglich bezeichnet; man könne es machen, wie man wolle — ziehe man die Truppen zusammen, lege man sie dünn auseinander — war das Land geöffnet für einen dänischen oder schwedischen Einfall.

Die Jesuiten hatte Friedlands Widerstand in der Stifterfrage gereizt. Sie hielten sich genötigt, ihn zu stacheln — nicht zu stark, aber deutlich.

Fanatische Mönche, jetzt von den Jesuiten nicht gehindert, hielten in Wien Predigten: es zeige sich wieder, wohin der Unglaube führe — frech ein Heer zu mischen aus Altgläubigen und Ketzern — und damit gedenken mehr als Eintagserfolge und Plündersiege zu erzielen.

Ungarn! Aus diesem Sumpfe werde er sich diesmal nicht ziehen.

Michnas Agenten arbeiteten in Mähren und Niederösterreich mit zäher Wut, um Getreide für das Heer heranzuschaffen; sie trieben, von ihren Herrn gejagt, die Preise in die Höhe. Michna erlebte es, wie eine zwei Wochen ihm Geldsummen aus der Hand nahmen, die er in Jahren gerafft hatte, aber er zögerte keinen Augenblick, alles hinzugeben. Schurken und Dummköpfe, dazu Neidbolde waren diese alle, ihre Stunde würde schlagen, sie sollen gerupft werden, wie sie sich nicht träumen ließen.

An der Spitze der böhmischen Landschaft stand im höchsten Vertrauen noch der schöne eisige Slavata. Der Herzog hatte ausgemacht, daß dem Heere ausreichende Getreidemengen aus Böhmen geliefert würden.

Die bösen, noch einflußlosen Kreise hielten den Augenblick, ihn zu schwächen, für sehr günstig; als Wallenstein von Güstrow scharf monierte, man hätte sich festgelegt auf zwanzigtausend Strich böhmischen Getreides und geliefert seien zehn Fingerhüte, log die Landschaftskammer. Und wenn auch der Herzog von Betrug offen redete, man hatte Zeit gewonnen, die Zeit, die Zeit, die Friedlands Heer zerschmelzen mußte durch Hunger Unordnung, wie einst Seuchen Durst im schrecklichen ungarischen Alföld.

Lange erfuhr niemand, was der Herzog unternahm, um sich zu retten. Wie würde er sich wehren. Es sprach sich herum, daß, wie immer, wenn Friedland in Gefahr war und einen neuen Schlag vorbereitete, der Jude Bassewi neben Michna und de Witte mit ihm konferierte und nach der Residenz Güstrow gereist war unter herzoglicher Eskorte.

Dann wurde offenbar, was geschehen war.

Während sich der Anblick der kriegerischen Maßnahmen im Reiche in nichts änderte, die Musterungen von Monat zu Monat beschleunigt wurden, Neueinstellungen im wachsenden Umfang erfolgten, besonders in dem fränkischen Kreise, waren aus dem Güstrower Hauptquartier Unterhandlungen mit dem Dänen angeknüpft.

Der Fuchs zog den Kopf aus der Schlinge.

Zug um Zug brachte den Herzog in Fühlung mit dem Dänen. Ein ruheloser Kurier lief zwischen Wien und dem Hauptquartier. Der Kaiser und der Hof wurden auf eine Probe gestellt. Sie hatten es in der Hand jetzt jeden Weg zu gehen, den sie wollten. Der Feldhauptmann erklärte: man hätte gesiegt, man hätte den niedersächsischen Kreis zur Ruhe gebracht, den Dänen zu Boden geschlagen; darüber hinaus sei nichts möglich. Als man scheinbar entsetzt gegenfragte, kam der Bescheid, ob man auf die Armeen für die Zukunft verzichten wolle.

Der Kurfürst verbrachte seine Tage mit Rechnen und Drechseln. Er saß in der Neuen Feste viel an der Drehbank zusammen mit dem Pater Adam Kontzen, einem jugendlich heftigen kleinen Manne, den ihm sein alter Beichtvater, der Lothringer Vervaux, zugeführt hatte. Kontzen, den das Raspeln des Kurfürsten nicht störte, trug ihm eindringlich und fordernd politische Grundsätze vor, die nach Ansicht des Paters das Mindestmaß darstellten, das man von einem katholischen Politiker verlangen könnte. Der Kurfürst, dick, blaß, leicht schwitzend, teilte seine Aufmerksamkeit zwischen den hastigen Reden des Dialektikers und seinem Elfenbein. Zornig fuhr der Pater über die Ketzerei her, die, wie er immer wieder drohte, in der Lasterhaftigkeit und dem Atheismus wurzelte; Prälaten und Fürsten seien von ihr angesteckt. Wenn der Fürst müde zu ihm aufsah, schleuderte er vor ihn ein Muß: alle Welt sei einig darin, daß Laster und Gottlosigkeit auszurotten seien; ihm, dem Pater Adam Kontzen, wurde zuteil, den Zusammenhang der Ketzerei mit Laster und Anarchie und Atheismus zu erkennen; sie müsse, die Ketzerei, sie müsse beseitigt mit Gewalt werden. In Sodom und Gomorrha hätten auch Menschen gelebt. Gott hätte kein Erbarmen gekannt, er der Herr selber, habe Feuer und Schwefel über die Sündenstädte gegossen. Dieses Beispiel der Heiligen Schrift müsse man verstehen; stehe es dem Menschen an zu verzeihen, wo Gott straft. Bekehrung oder Vernichtung: es bleibe nichts drittes. Und gerötet, gereizt, ingrimmig blickte der Priester auf den Fürsten, leidend unter seiner Ohnmacht, hier bitten und argumentieren zu müssen, wo er fordern konnte im Namen der Heiligkeit. „Was soll geschehen,“ fragte wie abwesend, mit dem kleinen Finger an dem Elfenbeinstäbchen rührend, Maximilian, „wenn wir nicht die Macht haben, zu zerstören oder zu bekehren.“ „Sünde ist es,“ zischte gequält der Priester, „ja, es ist Sünde, nicht die Macht zu haben. So lange wir leben, haben wir Macht in uns. Jedes Pünktchen davon gehört Gott, nichts einer Aufgabe, sie sei welche auch immer. Die Pest ist nicht so schlimm als der Gedanke, wir können nicht Gott dienen.“ „Was soll man mit Leuten tun, die Gott und der Kirche nicht dienen.“

Fassungslos der Priester: „Töten oder bekehren. Wir haben ja keine Wahl.“ „Würdet Ihr selbst, Pater, so handeln? Wenn Ihr einen Einzelfall vor Euch hättet?“ „Ich würde,“ glücklich hob der Pater beide schwarzbehängten Arme, „wie ich steh und sitze mich aufmachen und meine Pflicht erfüllen. Es gibt nichts Größeres, als Fürsten zum Glauben zu bringen oder sie zu töten.“

Im Feilen lispelte der Kurfürst: „Kontzen ich danke Euch ja. Wenn nur alle, oder nur viele so beseelt wären wie Ihr. Es ist schlimm, daß wir arbeiten, arbeiten müssen und nur so wenig erreichen. Allmacht ist nur Gott gegeben. Würde uns verliehen sein von Gott, Feuer und Schwefel zu regnen, so wäre das Heilige Römische Reich längst wieder rein vom Übel.“

Maximilians Leibkammerdiener führte die kleine zögernde Gestalt des grauen Tilly heran über den langen Läufer. Maximilians Unterhaltung mit ihm war kurz. Der Pater Kontzen wollte sich entfernen, der Kurfürst aber schüttelte den Kopf; es sei ihm angenehm, wenn der Pater da wäre; wieviel besser, wenn immer. Er befragte den steif stehenden Grafen, der aus Wiesbaden zurückgekehrt war, mit keinem Wort nach seiner Gesundheit. Orientierte ihn, wie die Sachen nach den letzten Meldungen an der Weser, Elbe, Ems stünden. Ob ihrer Liebden bekannt wäre, wie sich die Dinge bei der Armada der friedländischen Durchlaucht entwickelt hätten. Kurz so — ohne die Antwort abzuwarten, aber der Pater möge nur dableiben, sich nicht gekränkt fühlen, wenn sie militärische Sachen besprächen —, daß also es ganz zweckmäßig, zweckentsprechend, wünschenswert wäre, wenn sich die ligistische Armee in irgendeiner Weise als vorhanden erwiese. Vielleicht könne sie die friedländische bald ablösen. Man stehe jedenfalls nach allem Trübsal und offenbarem Unglück wieder vor Möglichkeiten. Er warf Werbungspläne hin, verwies auf die vorhandenen Geldhilfen aus Umlagen.

Plötzlich fixierte er den Grafen; ob er sich nun gesund fühle: „Ihr wißt, es wird mit den Dänen Friede geplant. Habt Ihr Verhandlungen aus Wiesbaden mit ihm angeknüpft?“ Verwirrt drehte der eisgraue General den Kopf zu dem Pater, zum Fürsten zurück. „Ich weiß, Ihr habt es nicht getan. Es ist ja nicht Eure Sache. Der Herzog von Friedland hat es getan und ist Euch zuvorgekommen. Oder uns; denn wir waren doch bis Pinneberg mit im Krieg, und unsere Artillerie hat noch in Jütland geschossen. Jedenfalls, Ihr sollt für mich als Kommissarius an den Unterhandlungen teilnehmen, bei standhaltender Gesundheit.“ Der Graf, bis in die Ohren errötend, erklärte, daß er sich feldfähig fühle und sich glücklich schätze, dieser Ehre für würdig erachtet zu werden.

Der Kurfürst ließ, die Bohrinstrumente auf die Drehbank legend, vom Kammerdiener die Fenster öffnen. Als sich nach einer Pause die Herren zum Gehen anschickten auf ein Nicken des Fürsten, endete sehr laut Maximilian, der Graf werde noch genaue Instruktionen erhalten. „Aber — der Herr Graf hat nicht den Frieden zu befördern. Versteh’ Er recht. Laß Er sich das von dem Pater hier erklären. Es hat keine Eile und keine Not, mit Ketzern Frieden zu schließen. Es ist nur ein Notbehelf. Seh’ Er zu, unsere Armee stark zu machen. Mir — merke sich der Herr Graf das, mir liegt nichts am Frieden.“

In Boitzenburg, auf dem Gute seines Freundes Arnim, begegneten sich der Herzog und der ligistische General, und wurden im Beisein kaiserlicher Legaten furchtbare Friedenspropositionen für den geschlagenen Dänen festgesetzt.

Der Wiener Hof im Überschwang seiner Stärke hatte von sich aus verlangt, daß dem Besiegten die schwersten Bedingungen auferlegt würden. Er sollte in Zukunft auf jede Einmischung in deutsche Angelegenheiten verzichten, sollte die Ansprüche auf niedersächsische Stifter verleugnen, alle Kriegsschäden vergüten, Kriegskosten an den Kaiser erstatten, und dann ganz Holstein, Schleswig, Dithmarschen an das Reich abtreten, den Sund den Feinden des Kaisers sperren, ihm und seinen Freunden öffnen.

Bei Pinneberg waren sich der ligistische ausgehöhlte Wicht und der gallige verbogene Böhme unter dem Donner der Belagerungsgeschütze begegnet. Von Wut zerfressen war der klappernde Tilly weggetragen worden; jetzt saßen sie sich am Tisch gegenüber, Friedland erwartete die Trümpfe des Kleinen.

Der dänische Generalwachtmeister Schauenburg empfing in Güstrow aus des Herzogs eigener Hand die Punktation; Friedland betonte, daß er den kaiserlichen Forderungen seinerseits noch einiges hinzuzufügen für nötig befunden habe. Es betraf die Entwaffnung der dänischen Armee, die unerhörte Forderung der Auslieferung der Hälfte der dänischen Kriegsflotte. Wallenstein trieb es zum Äußersten, er wollte Christian zur Verzweiflung reizen, die Liga an die Seekante zwingen und ihr Heer massakrieren lassen.

Während der Generalwachtmeister erschreckt abzog, lobte in hohnverschleierten Briefen nach Wien der Herzog die Proposition über alle Maßen, bat den triumphierenden Grafen Tilly zu sich, um mit ihm gemeinsam den Kriegsplan und die Heranziehung der Liga zu erörtern. Er war, wie er lippenzitternd, ein Lachen verhaltend, erklärte, bereit, mit dem bayerischen Kurfürsten und seinem General den Oberbefehl zu teilen und ihm auch die Kräfteverteilung zu überlassen.

Aus Dänemark vernahm man durch die ernannten Kommissare von der tiefen Bestürzung des geschlagenen Christian und der von Tag zu Tag wachsenden Leidenschaft und Begeisterung des Volkes; die grausamen Friedenspunkte des Friedländers waren das Signal zu einer ungeheuren nationalen Erhebung.

Die Prager Helfer des Herzogs hielten sich in dem Güstrower Schlößchen auf. In dem verräucherten schmalen Speisesaal vor Arnim und schweigenden Offizieren scholl der Lärm des Friedländers: „Der Krieg hat sich gewendet. Wir haben gesiegt, aber zum Schluß muß ich mich mit dem giftigen Dänen verbinden und über den Kaiser herfallen. Meine Freude, Ihr Herren!“

„Setze Euer Liebden den Wiener Hof her,“ schmähte Arnim, die Fäuste ballend und sich auf die Knie pressend, „soll er die Butter an der Sonne hart erhalten.“

„Ich schmeiße den Säbel nicht hin zum Gefallen anderer. Aber meine Freude, Ihr Herren! Täte der Spanier mit und wollte er uns nicht das Reich verderben, so könnte ich das Meer halten. Indianisches Gold und Silber: in dreißig Jahren regt sich nicht der Engländer noch Schwede noch Holländer. Nichts. Basta. Sie werdens bezahlen. Ich kämpfe mit den Dänen gegen den Römischen Kaiser. Es wird nötig, daß ich Offiziere nach Fünen schicke, um das dänische Heer zu organisieren. Mein Herr Bassewi hat schon verraten, er wisse, wohin er das nächste erhobene Geld schicken werde. Nach Kopenhagen. So ist’s.“ Seufzte der fette de Witte: „Wofür, mit Verlaub, führt der Herr denn Krieg? Um die Sache des Römischen Reiches? Wenn der Römische Kaiser glaubt, seines Rates nicht mehr zu bedürfen und er Euch für überflüssig hält.“

„Hat Er beinah’ recht, Herr Vetter,“ blinzelte auf seinem Faulbett der General, dessen rechter Fuß in einem gepolsterten Eisenkasten steckte, der von heißen Ziegeln getragen wurde, „Ulmer Zuckerbrot schmeckt besser als ein Brieflein aus Wien.“

Wieder seufzte der fette de Witte, besah seine ringgeschmückten Finger: „Wüßt’ ich mir nachgrade etwas Besseres an Eurer Statt. Trüge nicht meine Haut zu Markt. Ich vermeine, so wie die Sachen jetzt zwischen dem Kaiser und Euch liegen. —“ Da brüllte, keifte, röchelte der Herzog, der Schaum wehte über seinen Kinnbart: „Was wißt Ihr von meinem Verhalten mit dem Kaiser. Hab’ ich Euch was davon aufgebunden. Wollen die Herren nicht die Nase in meinen Topf stecken. Der Kaiser ist der Kaiser und mein freundgnädiger Herr. Diene ihm und dem Reich treu. Laß nichts wühlen zwischen ihm und mir.“

In Lübeck erschienen im Winter für den dänischen König des Reiches Kanzler Christian Fries und Jakob Ulfeld, der Reichsrat Albert Skaal, der Kanzler Levin Marschalk, Detlev und Heinrich Rantzau. Aus Wien war herübergefahren der rechtskundige Rat Walmerode mit den Offizieren, auch der vielgewandte Aldringen und Balthasar Dietrichstein. Tilly hatte abgeordnet den Rat Ruepp, gelehrt wie sein Begleiter, der Graf Gronsfeld. Die Schlacht war für Friedland gewonnen, als der weißbärtige straffe Walmerode die Wallensteinschen Quartiere durchfuhr und bis in die sumpfigen Dithmarschen geleitet war.

Die dänischen Kommissare, flanierend mit den lübischen Weinherren, zu Gast bei der Gesellschaft der schwarzen Häupter in Riga, im Hause der Schiffergesellschaft, hochangesehen als Vertreter des mächtigen Seestaates, setzten Gerüchte in die Welt: nächst der zunehmenden Neuformation des dänischen Heeres, das der wachsenden Interesse und Teilnahme des jungen Schwedenkönigs Gustav Adolf für das unglückliche Brudervolk. Drohend vor aller Welt spielte sich dazu im Pfarrhaus zu Ulfsbrück eine Zusammenkunft der beiden Könige ab, die sich sonst nicht über den Weg trauten. Man erfuhr nicht, daß der junge ehrsüchtige dicke Schwede vorhatte, den Dänen vor seinen Wagen zu spannen, daß zum Schluß beim Trinken halbgefrorenen Weins, der in den Gläsern klirrte, der gedemütigte Däne in die Worte ausbrach: „Was haben Euer Liebden in Deutschland zu tun?“ in Eifersucht giftend, daß jener unternehmen und ausführen konnte, was ihm mißglückt war. Für die Unterhändler in Lübeck war es klingende Münze: der Schwede beriet geheim mit dem Dänen. Das Wort des todeswilden Christian kam herüber: seine Kommissare mögen die Sachen rasch in Bausch abmachen; kämen sie zu einem günstigen Frieden: recht; sonst möchten die Herren die Dinge liegen lassen wie sie liegen.

Der Kaiser mußte aus seinen Träumen gestürzt werden. Walmerode reiste nach Wien. Schwer drang er zu Audienzen bei Eggenberg und Meggau. Er stellte den widerwillig Zuhörenden das ganz Unbegreifliche der Friedensbedingungen vor; das Heer war das kaiserliche; es würde nutzlos aufgerieben. Meggau, zugänglicher als der Fürst, erklärte offen eines Nachmittags auf einer Schlittenfahrt: niemand in Wien, der den Herzog kenne, glaube recht an die Jeremiade von der zerfließenden Armee; man fürchte ein politisches Manöver des Friedländers gegen die Liga. Und dies — nun: der Wind hätte sich am Hof gewandt; bei aller Ehrfurcht vor des Herzogs Genie, in solche wilden revolutionären Experimente hätte doch niemand Lust sich einzulassen. Ob es wahr wäre, fragte sehr ernst Meggau, als sie unter Schneegestöber zwischen den Stämmen des Praters klingelten, daß der Herzog an offener Tafel in Güstrow erzählt hätte, man müsse nach französischem Muster verfahren; ein Land, ein König?

„Wie entsetzlich, Euer Liebden, Herr Walmerode. Wir sind in Scham fast in den Boden gesunken vor dem sächsischen Gesandten, der danach anfragte. Solche Bemerkung kann uns teurer zu stehen kommen als eine verlorene Schlacht. Ich fasse es nicht.“

„Wir stehen gut mit allen Ständen des Reiches,“ glaubte auch Herr Eggenberg Walmerode warnen zu müssen. „Wie lange, meint Ihr, soll der dänische Krieg noch dauern?“ „Sagt und meldet seiner herzoglichen Gnaden: so lange, wie Kaiserliche Majestät ohne Einbuße an Macht und Reputation bestehen bleiben kann.“

Walmerode reiste ab. Er sah nach Gesprächen mit der Umgebung des Kaisers in Wolkersdorf: es bestand keine Möglichkeit, ihm mit den Wünschen des Herzogs zu kommen. Seinem fast unirdischen Machtgefühl hatte er das Zugeständnis des Stifteredikts abringen lassen; daß er gesiegt hatte über die Rebellen, in Böhmen, Süddeutschland, Niedersachsen, Dänemark war der Pfeiler seines Fühlens, seiner kaiserlichen Erhabenheit. Keiner seiner Umgebung hätte gewagt ihm zu sagen: der Krieg muß Hals über Kopf beendet werden, ein böses Ende drohe, keiner hätte es geglaubt.

Da, während Hungermeutereien in Holstein und Pommern unter den Söldnern stattfanden, als die Verhandlungen mit Tilly sich zerschlugen, baute Wallenstein selbst ab. Etwas Unerwartetes Kaltblütiges Feindseliges geschah.

Von Jütland her in langen Zügen marschierten die Truppen landeinwärts; in Pommern ballten sie sich bis auf kleine zurückbleibende Garnisonen zusammen. Es waren noch tausende über tausende, hinter denen das verlassene Land rauchte und verwüstet lag. Halbverhungert und von dem untätigen monatelangen Lungern verwahrlost strömten sie im niedersächsischen Kreis zusammen, fielen über Kurbrandenburg, standen da, bereit, das Reich zu überziehen. Der Herzog, des Kaisers Generalobrister Feldhauptmann schien die Gewalt über sie verloren zu haben. Die kaiserlichen Legaten vernahmen angstvoll in Lübeck das Gerücht, Friedland ziehe die Truppen zu einem neuen Offensivstoß zusammen. Sie liefen umeinander, die Kuriere jagten nach Güstrow.

Der Herzog reise, nach Berlin, Frankfurt, hieß es da; man traf ihn nicht. Sein Schwager Harrach hatte ein Handschreiben von ihm, das im geheimen Rat verlesen und besprochen wurde; es sprach von beliebigen privaten Dingen; dann zum Schluß: er gehe jetzt auf Berlin; der Soldat sei eine Bestie, wenn er hungere friere und nichts zahlen könne. Er bürde denen die Verantwortung für das Geschehene und Kommende auf, die auf ihn nicht gehört hätten.

In der Bestürzung fand man sich. Der Friede mußte geschlossen werden. Es war nicht klar, ob das Heer wirklich zusammenschmolz, oder was der Herzog vorhatte. Der Kaiser war zu verständigen. Man wandte sich an den Obersthofmeister, an den der Kaiserin, man verzagte.

Bis der Beichtvater der Kaiserin die hohe Frau informierte und sie den Kaiser aufklärte. Sie nahm es als ein vermutetes Glück hin, daß man mit dieser Aufgabe kam; sie hörte, der Entschluß müßte gefaßt werden, trotz aller Bitterkeit. Sie dachte an die Entzückungen und Zerknirschungen, die der Stifterhandel mit sich gebracht hatte; der Kaiser mußte wieder opfern.

Aber kaum sie zaghaft die Situation erläutert hatte, lächelte sie Ferdinand an. Es geschah etwas Unglaubliches. Der Kaiser hatte ein Übermaß von Lasten über den unglücklichen Dänen gehäuft, es war sicher, daß er sich mit der Mantuanerin weidete an den Leiden der befallenen Landstriche. Fast überhörte er alles, was ihm an Demütigendem gesagt wurde. Er hörte nichts; er hörte nur, es sollte der Friede gemacht werden. Er nickte; unberührt schenkte er alles weg, wie er zuletzt die Stifter weggegeben hatte, aus der Fülle seiner kaiserlichen Macht. Er war versteift in seine Majestät. Er ließ sich nicht noch einmal, wie durch den Zwischenfall der Stifter, aus seiner Starre bewegen. Jetzt rüttelte man vergeblich an ihm, alles veränderte sich vor seinem Blick. Die Mantuanerin war leicht enttäuscht.

Sie klagte, um ihm einen Schmerz zu entlocken, sich eine Hemmung zu bereiten: der dänische Übeltäter solle einen guten Frieden bekommen nach solchen Untaten und nach solchen Niederlagen? Das sei es ja, fand Ferdinand, mit dunklen weichen Blicken nach langem Besinnen, man könne ihm Frieden geben: man hätte es in der Hand. Er stockte wieder, nun völlig genesen, in einer dunklen genießerischen Trunkenheit. Man solle den Herzog tun lassen, gab er von sich; er hätte die Schlachten durchgefochten. Von weitem erinnerte er sich der Stifteraffaire; ein feiner kurzer Schmerz wirbelte durch ihn; in einer traumhaften Abwehrbewegung sagte er: nein, man solle den Herzog tun lassen; wenn er könnte, würde er ihm noch größere Ehren zuteil werden lassen. Und schließlich müsse man auch dankbar sein gegen den König Christian von Dänemark, an dem man sich so habe erheben können.

Er war mit leichter Schlaffheit und viel Fett aus dem letzten Anfall seiner Krankheit herausgekommen, langsam hatten sich die Prunkmähler und Bankette in Bewegung gesetzt, im üppigen Verschleudern fand er sich wieder, eine fast dankbarkeitgesättigte innere Freude am Menschen und allen Dingen hatte er. Er schenkte, schenkte.

Sie sah sich, die ekstatische Kaiserin Eleonore, wieder einem ganz anderen, aber ebenso wunderbaren, quellenden, blutenden, sprießenden, blütenrauschenden Wesen gegenüber. Er betete wie ein Kind mit hellen neugierigen Augen, freundlich, mit jedem vertraut, Priester, Abt, Chorknabe; zur Kirche ließ er sich sanft wie das Tier zu einer Krippe führen. Sie staunte, bog errötend den durchstürmten Kopf, hing sich an ihn.

König Christian hatte mit seinen gefräßigen Orlogs Kopenhagen verlassen, war in die Wismarische Bucht gedrungen, zum Hohn auf die deutschen Admiralsgelüste. Er erschien auf der Reede von Travemünde, in der Nähe des Verhandlungsortes Lübeck; seine Unterhändler, Jakob Ulfeld und Levin Marschalk, segelten zu ihm heraus, geschwollen gingen sie nachher in der Hörkammer des Niedersten Rathauses einher, die Kaufherren buckelten vor ihnen, die Kaiserlichen kniffen den Schweif ein, der Wind hatte umgeschlagen. Der Böhme fragte mit grausamer Ruhe an, welche Friedensbedingungen er nunmehr stellen solle. Die Küste war bis auf den Mecklenburger und einen kleinen pommerschen Streifen schon gänzlich entblößt, ohne Schwertstreich konnte alles dem Dänen wieder zufallen, was ihm nur die stärkste Heeresmacht wieder entreißen konnte. Niemand wußte, wo Friedland sich aufhielt und was er vorhatte.

Man gebärdete sich in der Hofburg verzweifelt. Es kamen Tage, wo man in Scham den Kaiser ohne Nachricht der Vorkommnisse ließ.

Christian aber war gar nicht mehr begierig, Krieg in Deutschland zu führen. Wenn er an Mitzlaff dachte, hatte er Tränen; er wünschte das Kapitel „Deutscher Krieg“ zu beenden. Er saß mit seinen Trinkgenossen und lieben Frauen auf den Schiffen, schweifte in den Küsten und Häfen des Heiligen Römischen Reiches, jeden Tag von neuem die Segel hissend, wie ein Ausgestoßener, der bereut, einen Winkel zum Schlafen sucht. Der böse Ehrgeiz des jungen Schwedenkönigs, die schlimmen Absichten Gustavs auf das Festland, machten ihm das alte Heilige Reich noch lieber. Ungläubig las er die neuen Friedenspropositionen, die ihm der Herzog von Friedland durch Schaumburg übersandte. Angewidert vernahm er, daß drei schwedische Gesandte in Lübeck aufgetaucht waren und versucht hätten, sich in die Verhandlungen einzudrängen, vielleicht nichts weiter vorhatten, als einen Kriegsvorwand für ihren Herrn zu suchen. Sein Nachfolger war sichtbar, sichtbar auf der deutschen Bühne erschienen.

Er wollte Frieden, er wollte Frieden.

Man gab ihm alle seine Provinzen wieder, verlangte keinen Schadenersatz. Die Bayern rebellierten in Wien, aber nur schwach. Auch sie waren in nicht geringer Furcht vor Friedland. Christian war von seinen Schiffen heruntergestiegen. In vieler Berauschtheit und halber Sinnlosigkeit irrte er in Schleswig herum mit einer kleinen Mannschaft, die den Resten der Wallensteiner unter seinem Befehl Treffen lieferte, je nach Laune auch die Bevölkerung überfiel, strafend für ihren angeblichen Abfall, oder mit ihnen ein glückliches Wiedersehen feierte. Die üppige Christine Munk begleitete ihn auf einem Maulesel; sie war schwanger. Als er auf dem Gute Kjärstrub auf Taasinge jubelnd und tränenströmend die Urkunde in Händen hielt, die Dänemark seine Krone ungeteilt beließ, als er aus dem verwirrten Stammeln: „Mein Dänemark! Mein Dänemark!“ nicht herauskam, Siewert Grubbe ihn zum erstenmal unter den Tisch trank, konnte sich die dralle schwarze Wibeke Kruse, ein Fräulein der schwangeren Christine, nicht enthalten; sie bat die eigene Mutter Christinens, sie möchte sie dem König zuführen; täte sie es nicht, würde sie die schwangere Frau umbringen. Mit dem unbändigen Grubbe, der schwangeren Christine und der Wibeke taumelte der König in das neue Frühjahr hinein.

Alleingelassen der Pfälzer Kurfürst, der schöne Friedrich. Saß wieder im Haag, im Asyl der Hochmögenden. Der grausame Krieg in Deutschland vorbei. Die Not in seinem Quartier. Verschuldet war er.

Der Hochmut verließ ihn und die leidenschaftliche Elisabeth nicht. Man beugte sich zu jeder Stunde vor ihnen als den böhmischen Majestäten. Wenn sie zusammenfallen wollten, umkreiste sie zornwütig die kleine Bremse Rusdorf.

Langsam gewöhnte sich Friedrich wie ein geheiligter Stein über Europa zu ragen: die Welt veränderte sich rasend um ihn; die Säule schrie „Recht, Recht“; zum Stein war er geworden, konnte nicht mehr kämpfen.

Er wartete, daß ihn einer nahm, auf einen Wagen lud, siegte.

Wie ein Schiff, das den Anker lichten kann nach langer beschwerlicher Hafenruhe, nahm der Böhme sein Heer zusammen und fing an, es über das Reich zu werfen.

In diesem Augenblick des Lübecker Friedensschlusses geriet das ganze Reich in einen Zustand atemloser Erwartung. Der Böhme war von seiner Kette losgebunden, das Reich lag vor ihm.

Seine Pläne waren gänzlich unbekannt; man wußte nur, daß er vorhatte, das Reich, wie er sich ausdrückte, auf einen sicheren Boden zu stellen.

Der Rest der Regimenter marschierte aus Schleswig hervor; die Hauptpässe der Küste und des angelagerten Inlandes wurden mit Garnisonen versehen. Alsdann zogen an fünfzehntausend Mann unter Arnim nach Polen; sollten dort schwedische Kräfte binden; der gefährliche Gustav Adolf kämpfte gegen Polen. Arnim rückte mit seinen vier Regimentern zu Fuß und dreitausend Pferden bei Neustettin über die polnisch-preußische Grenze, grollend, daß ihm diese Aufgabe in dem feindlichen Lande gegeben war.

Der Infantin in Brüssel wurden siebzehntausend Mann zur Verfügung gestellt gegen die Generalstaaten.

In das Magdeburgische wanderten sechstausend ab.

Zwölftausend Mann deckten die Seekante.

Unverändert im Reich die Regimenter.

Aus Niedersachsen her neue Regimenter nach Franken und Schwaben.

Der Herzog selber in Mecklenburg lagernd mit vier Kompagnien, die Merode unterstellt waren. Sie mußten aus Schwaben unterhalten werden.

In wenigen Wochen wurden acht neue Regimenter errichtet; bei Erfurt stellten sich drei zu Fuß auf.

Der Winter war vorbei, das Frühjahr da. Konfiskationen begannen an liegenden und fahrenden Gütern der Rebellen des letzten Krieges durch kaiserliche Kommissarien, unter Zuteilung des gesamten Erlöses an die Kriegsarmada. Die Hand der in Güstrow tagenden Finanzkommission wurde sichtbar.

Tillys Heer wurde bei der vulkanartig erfolgenden Ausdehnung der kaiserlichen Armada in einen Winkel Ostfrieslands gestoßen. Der ungeheure Reichtum, der in Friedlands Regimentern zutage trat, lockte ligistische Offiziere und Söldner in Scharen an, dazu das Konfiskationsdekret, der stolze Ton im Heer.

Lorenzo de Maestro, der Oberst, verließ Tilly. Dem ligistischen Obersten Gallas versprach Wallenstein das Patent als Generalwachtmeister; Tilly wollte ihn in Arrest werfen, aber Gallas ließ sich nicht einschüchtern. Graf Jakob von Anholt, der vorher in Jever und Oldenburg mit seiner Frau silberne Becher und goldene Ketten geplündert hatte, brauchte keinen schweren Entschluß fassen. Unverhüllt erging an Tilly und Pappenheim selbst die goldene Reizung; vierhunderttausend Taler waren Tilly zugesprochen für den entscheidenden Vorstoß über die Elbe; er sollte mit dem welfischen Fürstentum Kalenberg, Pappenheim mit Wolfenbüttel abgelöst werden.

Dann geschah nichts.

Im Sommer nichts, im folgenden Winter nichts.

Wallenstein und das kaiserliche Heer war da. Das Heer wechselte seine Standorte, schob sich aus unruhigen in ruhige Gegenden, aus abgegrasten in frische. Fatamorganahaft geschahen Wunder: ein Regiment, zwei Regimenter wurden aufgelöst, die Reiter tauchten an anderen Orten, bei fremden Regimentern auf, die auf das doppelte anwuchsen.

Wallenstein reiste nach Prag, Gitschin, vergrößerte sein Herzogtum Friedland durch den Ankauf der böhmischen Herrschaften Waldschütz, Sentschitz, halb Turnau, Forst, Chotetsch, Petzka. Durch kaiserliches Privileg war dem Herzogtum ein besonderes Recht und Tribunal verliehen, das es staatsrechtlich unabhängig vom Königreich Böhmen machte, befreite von der schweren ferdinandischen erneuerten Landesordnung im Erbkönigreich; Wallenstein traf Anstalten, eine eigene Landesordnung abzufassen. Die Pläne für Gitschin, das seine Hauptstadt werden sollte, wurden ausgearbeitet, Scharen von Handwerkern herangezogen. Der Ausbau der Klöster, gestifteten Schulen und Seminare wurde angegriffen.

Nach Polen war der biedere Arnim mit friedländischen Regimentern marschiert; er sollte den Schweden festbinden. Die Polen aber haßten die Deutschen; widerwillig war er in die barbarische Landschaft gegangen; nach rechts und links sich schlagend nahm Hans Georg seinen Abschied; der Herzog konnte ihn nicht bändigen, der Marschall vergrub sich grollend in Boitzenburg. Die friedländischen Regimenter rückten in das Reich ein. Die Armada war um fünfzehntausend Mann gewachsen. Einschnurrten die ligistischen Truppen.

Den Kreis Schwaben überflutete der Herzog plötzlich so, daß die ligistischen Regimenter Kronberg und Schönberg abgeführt werden mußten.