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Das Gedächtnis
Von
Alfred Leopold Müller
Volkshochschule der Universität Leipzig
und Lehrer-Seminar Leipzig
Mit 18 Abbildungen
12. Auflage
S t u t t g a r t
Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
Geschäftsstelle: Franckh’sche Verlagshandlung
1922
Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht, vorbehalten.
Für die Vereinigten Staaten von Nordamerika:
Copyright 1922
by Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart
Eine schwedische Ausgabe dieses Buches ist unter dem Titel „Minnets Vard“ im Verlag von Wahlström und Widstrand, Stockholm, erschienen.
STUTTGARTER SETZMASCHINEN-DRUCKEREI
HOLZINGER & Co. STUTTGART
Inhaltsverzeichnis.
| Seite | ||
| I. | Die grundlegende Bedeutung des Gedächtnisses | |
| II. | Der wissenschaftliche Versuch | |
| III. | Bewußtseinsvorgänge | |
| IV. | Ein kurzer Ausflug in die Werkstatt unseres Geistes | |
| V. | Regeln für jede Gedächtnisarbeit | |
| Aufmerksamkeit | ||
| Die Taktgliederung | ||
| Gruppenbilden, Stelle-Anweisen (Lokalisieren), Gliedern | ||
| Gefühl und Anteilnahme (Interesse) | ||
| Lernen im Ganzen oder in Teilen? | ||
| Verteilung der Wiederholungen auf mehrere Tage | ||
| Die Einbildung | ||
| VI. | Mehr Arbeit der Sinne! Die Zeugenaussage. Ihre Mängel und mögliche Besserung | |
| VII. | Persönliche Eigentümlichkeiten beim Vorstellen | |
| VIII. | Wie stellen wir fest, welche Vorstellungsseiten uns fehlen und deshalb einzuüben sind? | |
| IX. | Sinnvolles Lernen | |
| X. | Mnemotechnische Anregungen?? | |
| XI. | Hemmung und Förderung der Gedächtnistätigkeit | |
| Gesundheitlicher Teil | ||
| XII. | Zusammenfassung | |
I. Die grundlegende Bedeutung des Gedächtnisses.
Die gewaltigen Errungenschaften der Technik und Großbetriebe, die kulturfördernden Leistungen der Wissenschaften, die in rastlosem Fortschreiten die Menschheit zu ungeahnten Höhen führen, sie alle entsprangen dem menschlichen Geiste. Nicht auf einmal. In mühevollem Arbeiten, Entdecken und Verwerten baute die Nachwelt auf den Errungenschaften der Vorwelt weiter. Was der einzelne schuf und entdeckte, vermochte er mit einer bewundernswerten Kraft seines Geistes zu bewahren, mit dem Gedächtnis. Es entfiel ihm nicht sofort wieder. Er lehrte das Neue die andern. Sie vermochten es auch zu behalten, zu verwerten und weiter zu vererben. Das Gedächtnis ist die Fähigkeit des Menschen, Wahrnehmungen oder Vorstellungen einzuprägen, zu behalten, wenn auch nicht unverändert, und später in ähnlicher Weise wieder zu erneuern.
Im Gedächtnis liegen die Wurzeln zu jenem gewaltigen Riesenbau an Errungenschaften, den der einzelne Mensch überhaupt nicht mehr zu überschauen fähig ist. Das Gedächtnis ist das Pfund, mit dem er wuchern konnte. Darum wurde es auch immer hochgeachtet und zu bilden versucht. Von den ältesten Zeiten an bis zu den Gelehrten unserer Tage, Weltweisen, Ärzten, Erziehern usw., schenkte man ihm regste Beachtung. Es ist ein Schlüssel zum gesamten geistigen Leben.
Und wenn wir die verschiedenen Stufen menschlicher Begabung betrachten, so zeigt sich eine fast ausnahmslose Regel: Minderwertige Geister haben geringe Gedächtniskraft,[1] mittelgroße stets bessere Gedächtnisleistung, und hervorragende Geister fallen meist auch durch ihre erstaunliche Erinnerungsfähigkeit auf. Das Gedächtnis und die gesamte Geistesbildung stehen im allgemeinen im gleichen Verhältnis zueinander.
Ein Aristoteles, Leibniz, Goethe, Humboldt, Wilhelm Wundt und andere waren nur deshalb fähig, große geistige Zusammenhänge zu schauen und hervorzubringen, weil ihnen das Gedächtnis wie ein großes beseeltes Buch, das von selbst seine Seiten öffnet, einen ungeahnten Reichtum an geistigen Arbeitsunterlagen lieferte.
Auf so breiter, umfassender Grundlage gewonnene Ergebnisse haben entschieden mehr Allgemeingültigkeit und kommen der Wahrheit sehr nahe. Das Gedächtnis vertieft die Geistesbildung und gibt ihr Reichtum und Umfang.
II. Der wissenschaftliche Versuch.
In fabelhafter Weise beherrscht jetzt der Mensch die Natur, deren einstmals gefürchtete Kräfte von ihm zu getreuen, arbeitsamen Knechten herabgedrückt worden sind. Den Hauptanteil an dieser Arbeit hat jenes winzige bißchen Gehirn, 1400 g schwer, das erst ganz langsam, dann immer schneller, lawinenartig die Mittel fand, den Menschen zum Herrn der Natur zu machen.
Dabei entdeckte er einen bemerkenswerten Kniff. Es ist noch gar nicht so lange her, daß er darauf verfiel, im Vergleich zu dem weiten Weg, den die Menschheit bisher gehen mußte. Er entdeckte, daß die Natur einfach gestellte Fragen unveränderlich nach bestimmten Gesetzen beantwortete. Diese Frage ist das Experiment. Nachdem ihm diese Gewißheit geworden, stellten seine Arbeiter auf naturwissenschaftlichem Gebiete Milliarden von Fragen an den Erdgeist. Dem Ursachgesetz unterworfen, beantwortete er auch geduldig alle einfach gestellten Fragen in unzweideutiger Weise. Wenn aber voreilig und neugierig nach den letzten, höchsten und schwierigsten Dingen gefragt wird, dann schüttelt er kräftig sein Haupt, und wenn er überhaupt antwortet, so geschieht es in einem Rätselwort.
Der Forscher läßt sich jedoch dadurch nicht entmutigen. Er zerschlägt listig das ganze Rätsel in mehrere Teilfragen und wiederholt vereinfacht den Versuch, bis er die Gesetzmäßigkeiten des Geschehens klar erkennt. Mit der Erkenntnis der Natur sind aber dem Menschengeiste meist gleichzeitig die Mittel zu ihrer Beherrschung gegeben.
Als er nun gar entdeckte, daß er selbst den Gesetzen des Naturreichs unterworfen ist, übertrug er den Versuch auch auf sich selbst. Es wäre nun merkwürdig, wenn er vor dem Gehirn und seinen Fähigkeiten haltgemacht hätte. So haben wir denn tatsächlich seit etwa 60 Jahren den wissenschaftlichen Versuch im Geistesleben, d. h. eine Erforschung nach naturwissenschaftlichem Verfahren.
Lotzes, Steinthals, F. H. Weber-Fechners Versuche über leiblich-seelische Wechselbeziehungen[2] und Helmholtz’ Untersuchungen über Sinnesvorgänge bereiteten die Bahn vor, die erst Wilhelm Wundt nachdrücklich beschritt, um mit Hilfe des wissenschaftlichen Versuchs die Psychologie,[3] die bisher rein grübelnd übersinnliche Geisteswissenschaft gewesen war, mit neuen und sicheren Ergebnissen zu bereichern. Seitdem ist in vielgliedriger Gelehrtenarbeit mit Bienenfleiß eine ungeheure Menge geistiger Tatsachen zusammengetragen worden. Die neue Seelenforschung ist eine wissenschaftliche Bewegung fast ohnegleichen geworden. Sie steht heute im Mittelpunkte unseres Denkens und beeinflußt alle Strömungen unserer Zeit.
Ein Rätsel lag der seelischen Forschung besonders nahe, das Gedächtnis, das als Grundbedingung alles höheren geistigen Lebens wohl überhaupt die tiefste Frage der Seelenkunde ist. Auch technische Vorzüge hat gerade diese Frage: Die Arbeitsleistungen des Gedächtnisses sind ja genau gemessen, und die Lernbedingungen lassen sich auch in zahlloser Weise verändern. Ebbinghaus war der erste Forscher, der dieses Teilgebiet bearbeitete, indem er in mühseliger Arbeit sinnlose Silben unter den verschiedensten Bedingungen selbst lernte und so die grundlegenden Ergebnisse der Gedächtnisforschung entwickelte.
Obgleich aber diese Wissenschaft heute mit wichtigen Ergebnissen einer fast abgeschlossenen Gedächtnisforschung aufwartet, ist leider von einer allgemeinen Nutzbarmachung so gut wie nichts zu spüren. Und doch ist es ein dringendes Bedürfnis unserer Zeit, bei den großen Anforderungen, die an das Wissen und Können jedes Menschen unserer Zeit, besonders aber des Schülers, gestellt werden, diese Schätze zu heben. Es ist eine unverantwortliche Kraft- und Zeitvergeudung, wenn Lehrer ihre Schüler, Eltern ihre Kinder planlos oder mit unsinnigem Verfahren den nun einmal erforderlichen Gedächtnisstoff einprägen lassen.
Die Überbürdungsfrage im Schulbetriebe wäre zur Hälfte gelöst, wenn jedes Kind zu einem vernünftigen Gebrauche und zu sinngemäßer Pflege seiner Gedächtniskraft erzogen würde. Die Kurzsichtigkeit würde vermindert, Zeit und Nervenkraft gespart werden. Dann ließe sich auch Zeit für bessere körperliche Ausbildung des Schülers gewinnen, damit jeder fähig ist, mit Körper und Geist, also mit allen seinen Kräften, dem Vaterland zu dienen.
Dabei will dieses Büchlein helfen. Es soll eine volkstümliche, kurze, aber doch nach Möglichkeit umfassende Darstellung bewährter alter Wege und neuerer Versuchs-Gedächtnisforschungen auch für Eltern und Schüler sein. —
[1] Binets und Simons Untersuchungen an geistig Minderwertigen (Imbezillen und Debilen) haben bewiesen, daß ein umfangreiches Gedächtnis eine recht seltene Ausnahme ist. Einer geringen Klugheit entspricht ein geringes Gedächtnis. Das ist die Regel. Die Untersuchungen an Durchschnittsschulkindern bestätigen sie durchaus. Erwähnt sei aber immerhin, daß bei Minderwertigen auch einmal eine Gedächtnisart sich ganz fabelhaft entwickeln kann. Ein geistig minderwertiger Vierzehnjähriger z. B. sagte nach drei Minuten Einprägung eine Seite lateinischer Wörter her, ohne je Latein gelernt zu haben. Vgl. auch S. 58 [Inaudi].
[2] Vgl. die Kosmos-Buchbeilage Dr. H. Dekker, Fühlen und Hören, S. 32/33.
[3] psyche (griech.) = Seele, logos (griech.) = Wort, Lehre. Psychologie = Seelenlehre, Seelenkunde. Leider ist unser wissenschaftliches Schrifttum noch so verwelscht, daß wir die Welschwörter noch daneben setzen müssen. Sonst findet sich der Leser auf keiner Seite einer wissenschaftlichen Abhandlung zurecht.
III. Bewußtseinsvorgänge.
Nach traumlosem, tiefem Schlafe, dem wir bewußtlos hingegeben waren, erwachen wir und mit uns die bewußte Tätigkeit unseres Geistes. Wir wissen von uns selbst, erkennen Teile der Außenwelt, wir sind bei Bewußtsein. Im Bewußtsein beginnt nun die Verarbeitung von Reizen der Außenwelt; denn an Auge und Ohr treten Äther- und Luftschwingungen. Die Sinnesnerven leiten die Reize weiter,[4] und im Gehirn haben wir Empfindungen. Darunter versteht der Forscher ein kühles Kenntnisnehmen von dem Reiz, das in Wirklichkeit so kühl gar nicht vorkommt. Wenn wir durch sinnreiche Apparate den Puls eines Menschen aufzeichnen lassen und zeigen ihm eine einfache Farbe, etwa Blau, oder lassen einen Ton erklingen — sofort zeigt der Puls Veränderungen, weil das Herz durch Gefühle etwas beeinflußt ist. Schon daraus sehen wir, daß mit den einfachsten Empfindungen schon Gefühle verknüpft sind. Reine Empfindungen, also bloßes kühles Kenntnisnehmen von Reizen ohne Gefühlsbegleitung, gibt es nicht. Der Seelenforscher aber muß die verwickelten geistigen Vorgänge zergliedern und unterscheidet deshalb scharf zwischen Empfindung, Gefühl und Willen. In Wirklichkeit hängen diese drei Elemente des Bewußtseins eng verbunden miteinander zusammen. Wie eng, das werden wir noch in diesem Abschnitt erkennen.
Abb. 1. Einfache Zuckung (Reflexbewegung).
Abb. 2. Leitung des Reizes bei bewußten Empfindungen (willkürliche Bewegungen).
Selbst wenn wir in einem stillen Zimmer die Augen schließen und kein störender Reiz uns trifft, merken wir doch noch deutlich, daß wir bei Bewußtsein sind, und können irgendein Erlebnis, einen Spaziergang u. dgl. vor unser geistiges Auge, wie wir das Bewußtsein auch nennen können, hinstellen. Vorstellungen sind es, die dann im Bewußtsein vorüberziehen. Freilich gelingt es uns nicht, alle Einzelheiten des damals Geschauten oder Erlebten wieder aufleben zu lassen. Unser körperliches Auge sieht ja nicht alles, und was es sieht, nicht überall mit gleicher Deutlichkeit. Von all dem aber, was unsere Augen sehen, macht das Bewußtsein, das geistige Auge, abermals einen Abzug; denn es hält Auslese. Nur das nehmen wir in unsern Geist auf, was das innere Auge aufmerksam betrachtet hat. (Vgl. auch [S. 50] ein auffallendes Beispiel dazu.)
Und damit sind wir wieder bei dem großen Rätsel angelangt, dem wir uns in diesem Buche widmen wollen: Was von unserm Bewußtsein erfaßt wurde, ob es nun dem Gesichts-, Gehörs-, Körpergefühls-, Geruchs- oder Geschmacksbereich angehört, können wir als Vorstellung in ähnlicher Weise auch wieder ins Bewußtsein zurückrufen. Diese großartige Fähigkeit, Erinnerungsreste (Vorstellungen) im Bewußtsein in ähnlicher Weise wie früher wieder aufleben zu lassen, bezeichnen wir, wie schon gesagt, als Gedächtnis.
Cartesius war der Meinung, was durch das Bewußtsein eingehe, hinterlasse (Gedächtnis-) Spuren. Diese Ansicht ist ein Fortschritt gegenüber Platos Veranschaulichung dieses Rätsels. Nach ihm sollen wir uns Erinnerungsbilder in der Seele ähnlich vorstellen, als wie den Siegelabdruck im Wachs. Aber auch des Cartesius’ Ansicht führt leicht zu grobsinnlicher Auffassung der Gedächtnisfrage. Deshalb redet man heute vorsichtiger von Anlagen zur Wiederbelebung früherer Empfindungen. Damit meint man, daß jeder Eindruck infolge der Anlage (oder Disposition) leicht wieder erneuert werden kann, sogar dann erneuert werden kann, wenn die Empfindung längst vorüber ist. Sie dauert mitunter jahrzehntelang. Ja, Ebbinghaus, der bei seinen Versuchen noch nach langen Zeiträumen Ersparnisse beim Wiedererlernen feststellen konnte, ist der Meinung, daß es bei Gesunden kein restloses Vergessen gibt.
Es ist unmöglich, uns der geistigen Schätze an Vorstellungen, die unser Gehirn besitzt, auf einmal bewußt zu sein; sie ruhen in ungeheurer Menge gewissermaßen in Dunkelheit, im Unbewußten. Nur einige wenige treten über die Bewußtseinsschwelle ins Bewußtsein ein, und jetzt erst bemerken wir sie.
Abb. 3. Schnellseher nach Wundt. Rechts Schieber in einem Augenblick des Falles. (Aus Schulze, Werkstatt der experiment. Psychologie und Pädagogik.)
Nun ist es mit unserem geistigen Auge ebenso wie mit dem körperlichen: Das Bild, das unser Blick erfaßt (das Blickfeld), ist nicht in allen Teilen gleich deutlich und klar. Nur einen kleinen Ausschnitt des Bildes in der Richtung, in der das Auge gerade blickt, sehen wir ganz klar, den Blickpunkt.
Die Vorstellung nun, die eben aus dem großen Reich des Unbewußten über die Bewußtseinsschwelle ins Bewußtsein eingetreten ist, erscheint uns noch nicht ganz deutlich und klar. Sie steht nun zwar im Blickfeld des Bewußtseins, erreicht aber erst ihre höchste Klarheit und Deutlichkeit, wenn sie in den Blickpunkt des Bewußtseins („Brennpunkt der Aufmerksamkeit“ nach Wundt) weiterschreitet. Dies geschieht unter der Leitung der Aufmerksamkeit, von der sie hier festgehalten werden kann, sonst schreitet sie vom Blickpunkt in das Blickfeld und wird immer mehr verdunkelt. Wenn sie nicht von der Aufmerksamkeit wieder in den Blickpunkt gehoben wird, sinkt sie nach einiger Zeit über die Schwelle des Bewußtseins ins Unbewußte zurück. Wir merken dann nicht eher wieder etwas von ihr, als bis sie wieder einmal über die Bewußtseinsschwelle gelangt. Fortwährendes Gehen und Kommen geistiger Inhalte finden wir so im Bewußtsein. Alle wandern durchs Blickfeld (Perzeption),[5] nicht alle durch den Blickpunkt (Apperzeption),[6] nämlich nur die durch Aufmerksamkeit ausgezeichneten.
Früher wurde hin und wieder behauptet, in einem Augenblick könne unsere Aufmerksamkeit sich nur einem Eindruck hingeben, sich nur auf eine Vorstellung richten. Das ist aber eine Unterschätzung dieser geistigen Kraft des Bewußtseins und der Aufmerksamkeit. Rein aus der Erfahrung liefert uns die Schrift der Blinden den Gegenbeweis.
Ihr Urheber, der französische Blindenlehrer Braille, hatte in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts keine Ahnung von den Ergebnissen der Versuchs-Seelenforschung und jener merkwürdigen Beständigkeit des Bewußtseinsumfangs (Höchstzahl 6 Einheiten), die wir sofort kennenlernen werden. Da er selbst erblindet war, kam er nach den mannigfaltigsten Versuchen und Übungen darauf, nicht über sechs verschieden gelagerte (erhabene, d. h. fühlbare) Punkte hinauszugehen = ⠿ Nur so können diese Punkte als Buchstaben von den Blinden leicht und sicher tastend unterschieden werden. Gewöhnlich werden dazu beide Zeigefinger benützt. Der rechte geht voraus und faßt gleichzeitig die vorhandenen Punkte auf, der linke folgt prüfend, zergliedernd und faßt die Punkte nacheinander auf.
Die Buchstaben A–J werden durch die obersten vier Punkte dargestellt, die Buchstaben K–T entstehen durch Hinzufügen des untersten linken Punkts. Zu diesen Zeichen noch den rechten untersten Punkt gesetzt, ergibt den Rest des Abc.
a
b
c
d
g
q
Diese Beschränkung auf 6 Punkte ist nicht zufällig gewesen. 9 Punkte etwa hätten Gelegenheit gegeben, noch Zahlen und Satzzeichen darzustellen. So fehlen diese.
Für den Gesichtssinn gilt das gleiche. Wird eine Anzahl unzusammenhängender Linien, Punkte, Ziffern oder Buchstaben dem Auge in Bruchteilen einer Sekunde gezeigt und dann schnell wieder verdeckt — genaue Versuche ermöglichen die verschiedenen Arten der Schnellseher[7] (Tachistoskope) —, so zeigt sich, daß Ungeübte 3–4, Geübte dagegen 6 einzelne Linien, Punkte, Ziffern, Buchstaben klar und deutlich gleichzeitig erfassen können. 6 Einheiten vermag die Aufmerksamkeit also beim Gesichtssinn gleichzeitig zu umfassen. Beim Gehör arbeitet sie in ähnlicher Weise. 6 getrennte Schalleinheiten, etwa Taktschläge, umfaßt sie auch nacheinander, nur muß auf strenge Sonderung der einzelnen Schläge geachtet werden.
Sowie etwas Takt oder Sinn mitspielt, umfängt die Aufmerksamkeit sogleich bedeutend mehr. Wenn nämlich dem Auge in obiger Weise sinnlose Silbenverbindungen geboten werden, erfassen wir in einem gegebenen Augenblick 6–10 Buchstaben, bei geläufigen Satzbildungen, Sprichwörtern, gar 4–5 kurze Worte mit zusammen 20–30 Buchstaben. Selbst der Ungeübte vermag folgendes Wort zu lesen, es in einem Augenblick überfliegend:
Sommernachtstraum.
Beim Gesichtssinn gleichzeitiges Umfangen mit der Aufmerksamkeit (simultan), beim Gehörssinn nacheinander (sukzessiv) — es bleibt das gleiche Ergebnis: Höchstens 6 voneinander getrennte Einheiten umspannt die Aufmerksamkeit. Wir wollen uns durch folgenden einfachen Versuch selbst davon überzeugen. Wir lesen einer andern Person ohne Taktgliederung (!) und ohne Betonung (!) folgende Silben vor:
su, le, ar, ip, ed, ok.
Sie wird uns diese 6 Einheiten aus 12 Lauten bestehend wiedergeben können. Wir bieten ihr in gleicher Weise folgende Silben:
som, dek, lim, fag, tub, ked, hif, ent.
Höchstens 6, meistens weniger, etwa 5 Silben mit 15 Buchstaben, vermag sie uns wiederzugeben.
Die Macht der Gliederung aber erkennen wir so recht aus den Versuchen Wundts. Mit Klopfapparaten, die auf bestimmte Schläge Nachdruck legen, z. B. beim ⁴⁄₄-Takt auf den ersten stark, auf den dritten nicht so stark, auf den zweiten und vierten Schlag schwach klopfen, läßt sich bei einiger Übung feststellen, daß die Aufmerksamkeit umfassen kann (der Nachdruck wird durch Striche über der Note angezeigt):
6 unrhythmische Eindrücke.
12 = M. M.[8] 6×2 im ²⁄₈-Takt rhythmisierte Eindrücke.
20 = 5×4 Achtel im ²⁄₄-Takt.
40 = 5×8 Achtel im ⁴⁄₄-Takt.
Mit 40 Eindrücken, in 5 Einheiten zusammengefaßt, ist der Höhepunkt erreicht, und zwar bei geübten Versuchspersonen.
Tragen wir mit Takt und Betonung etwas verhältnismäßig Sinnvolles vor, so ist es auch Ungeübten möglich, mit ihrer Aufmerksamkeit sehr viel zu umspannen. Und vermuten läßt sich, daß es uns noch leichter fallen wird, wenn wir die 3 Hilfen: Takt, Betonung und etwas Sinn, nützen dürfen. Wie leicht fällt uns darum die Auffassung und Wiedergabe z. B. des Signals zum Sturm auf den Feind:
Wir erkennen also schon hieraus ein grundlegendes geistiges Gesetz: Getrennte Elemente vermag unser Bewußtsein nur wenige (6) aufzufassen. Je mehr aber gegliederter Zusammenhang herrscht, desto mehr vermag die Aufmerksamkeit zu umspannen und zu verarbeiten.
Abb. 4. Verlauf der Empfindungen und des Gefühls bei Einwirkung regelmäßiger Taktschläge (Nach Wundt.)
Das bringt uns auf die Frage, ob denn jene 6 getrennten Schalleindrücke im Geiste getrennt bleiben? Ist die Zeit von einem Taktschlag zum andern wirklich ganz leer? Nein! Eine aufmerksame Selbstbeobachtung schon zeigt uns, daß seelische Elemente ausfüllend und so verbindend wirken. Wenn wir aufmerksam auf etwas hören, haben wir leise Spannungsempfindungen und -gefühle am Trommelfell, das Augenzwinkern unterbleibt, dem Gesicht sieht man an, daß es gespannt ist, die Atmung wird für Augenblicke unterbunden, zum mindesten verflacht. In dieser Beherrschung so vieler Muskeln, mitunter des ganzen Körpers, zeigen sich uns Willensäußerungen; dazu haben wir deutlich die Gefühle und Empfindungen der Spannung, des Tätigseins, der Anstrengung. Das alles vor einem Taktschlag, hinterher stellt sich für Bruchteile einer Sekunde das Gefühl der Entspannung, der Lösung ein, um in Erwartung des nächsten Taktschlags wieder zum Gefühl der Spannung emporzuschnellen. Der Verlauf dieser Empfindungen und Gefühle bei Einwirkung regelmäßiger Taktschläge läßt sich etwa so veranschaulichen (s. [Abb. 4]). Punktiert sind die Empfindungen von den Taktschlägen 1 2 3 4 5.
Doch nicht nur Spannung und Lösung, noch zwei ganz andere Gefühlspaare können sich mit den bloßen Empfindungen verbinden: Lust und Unlust, Erregung und Beruhigung.
Wir erwähnten schon, daß die einfachsten Empfindungen von uns nicht kalt hingenommen werden. Es ist sofort für Gefühlsbegleitung gesorgt, wie wir aus den Veränderungen der Atmung und des Herzschlags ersehen. Diese Veränderungen können mit langen Hebelvorrichtungen auf berußtes Papier geschrieben werden.[9] Nach Wundt herrschen folgende Gesetzmäßigkeiten zwischen Puls und Gefühlen:
Abb. 5. Die Gesetzmäßigkeit zwischen Puls und Gefühlen. (Nach Wundt.)
In diesen sechs Gefühlsrichtungen liegt eine ungeheure Summe von Gefühlsschattierungen und -verbindungen, die zu jeder Empfindung hinzutreten können.
Empfindungen enthalten Tatsächliches über die Außenwelt, Gefühle dagegen sind persönliche, innerliche Antworten des Geistes auf Reize.
So erblicken wir bei tieferer Betrachtung in unserm Geiste den mächtig schaffenden Grundsatz der Verbindung, weitgehender Verquickung und Durchdringung, aber doch auch wieder Wahrung der Eigenart der geistigen Elemente. Empfindung, Gefühl, Wille treten nicht vereinsamt auf, sondern immer eng verschlungen wie die Fäden eines wundersam verknüpften Flechtwerks.
Jetzt begreifen wir, warum wir überhaupt fähig sind, die einzelnen Hornstöße des Sturmsignals im Zusammenhang nachzusingen. Wenn wir nicht diesen Grundzug des Geistes kennten, getrennte Empfindungselemente mit anderen Empfindungen, mit Gefühls- und Willenswerten zu verknüpfen und zu einem Ganzen, zu einer Einheit, zusammenzuschweißen, würden wir vor einem Rätsel stehen. So aber zieht die Vorstellung vom ersten Hornstoß alles andere ins Bewußtsein nach, weil alles Dazugehörige: Empfindungen mit Klang-, Spannungs-, Lösungs-, Tätigkeits-, Lustgefühlen usw. verbunden wird, wozu noch eine Verknüpfung mit dem Wortgedächtnis getreten ist: „Kartoffelsupp, Kartoffelsupp, den ganzen Tag Kartoffelsupp, Supp, Supp, Supp.“ Dabei fühlt jeder ganz deutlich eine damit verbundene Gefühlsmischung, die sich nicht leicht in Worte fassen läßt: Das Ganze wirkt scharf, rhythmisch, stramm, ulkig usw. Im Gefecht treten dazu noch ganz andere, vorzugsweise Willenswerte von Pflicht, Gehorsam, Begeisterung, Wut usw. Ich erinnere mich noch ziemlich deutlich meiner eigenen Bewußtseinslage beim Hören dieses Rufes im Schlachtgetümmel. An das „Kartoffelsupp“ dachte ich nicht mehr, sondern werbend und mahnend, aufreizend und vorwärtsdrängend stand nur die andere Sinnverbindung im Blickpunkt des Bewußtseins: „Geht schneller vor, geht schneller vor, geht immer, immer schneller vor, vor, vor, vor!“ Und war man auch vom letzten Sprung noch atemlos, dieser Ruf stachelte an und peitschte alle vorwärts, bis nach ungeheuern Anstrengungen und Opfern die Stellung der Russen unser war.
Dieses Verbindungenschlagen der geistigen Elemente untereinander bezeichnet man, wenn es von selbst geschieht, als Assoziation (socius [lat.] = der Genosse, der Gesellschafter).
Es wird Zeit, daß wir auch in der Wissenschaft den fremden Sprachplunder loswerden: Vorstellungsverbindung ist für die Zunge nicht leicht genug. Das lange Wort mehrere hundertmal in einem Buche gebraucht, kostet Zeit, Lohn, Papier usw. Also: Vorstellbindung kann nicht mißverstanden werden.
Diese Bindungen verglich man früher mit einer Kette, bei der die Einzelvorstellungen, den Gliedern einer Kette gleich, aneinander gereiht sind. Jetzt veranschaulicht man das Wesen dieser nicht einseitigen, sondern vielseitigen, fast allseitigen Bindungen besser als ein weitverzweigtes Geflecht, als ein vielseitig brauchbares Netz.
Arten der niederen geistigen Verbindungen (Assoziationen).
1. Wenn wir auf der Orgel einen Ton erzeugen, glauben wir, einen Ton zu vernehmen. Wir sind sehr erstaunt, wenn wir mit Hilfe der Helmholtzschen Schallverstärker erkennen, daß dieser eine Ton sich aus einem Grundton und einer ganzen Menge von Obertönen zusammensetzt, die jenem die Klangfärbung geben. So innig haben sie sich verbunden, daß wir die Obertöne fast nie heraushören. Wenn sich Metalle zu einer Legierung verbinden, verschmelzen sie. Wir reden hier von einer vollkommenen Verschmelzung und erblicken darin eine Art der niederen Bindungen. Die Haupttöne eines Akkordes verschmelzen ziemlich innig, z. B. bilden in dem Vierklang c e g c′ die Klänge c und c′ eine nahezu vollkommene, c und g, c und e aber unvollkommene Verschmelzungen. Noch unvollkommener verschmelzen c–es. Darum ist ein Mehrklang immerhin eine Verschmelzung, aber eine lose.
Fast jeder Geschmack außer den einfachen Empfindungen: süß, sauer, bitter, salzig, ist eine Verschmelzung der Geruchs- und Geschmacksempfindungen. Wenn wir jemand bitten, sich die Nase zuzuhalten, und geben ihm kleine Zwiebelstückchen in Würfelform zu kauen oder streichen ihm die schönste Vanillentunke auf die Zunge, so kann er nicht angeben, was er im Munde hat. Erst wenn er die Hand von der Nase wegnimmt, riecht er, was wir ihm gaben. Er sagt aber sicher: „Jetzt schmecke ich, daß es Zwiebel (Vanille) ist.“
Unsere räumlichen Gesichtsvorstellungen sind Verschmelzungen der Netzhautempfindungen mit jenen äußerst feinen, die Stellung und Bewegungen des Auges begleitenden Muskelempfindungen (vgl. Praktische Gedächtnispflege S. 40–42). Doch nicht nur Empfindungen verschmelzen untereinander, auch Empfindungen mit Gefühlen und Gefühle untereinander. Von den vielen tausend Möglichkeiten wollen wir ein echtes Beispiel herausgreifen, das sog. Gemeingefühl. Es ist eine innige Verschmelzung hauptsächlich der sinnlichen Gefühle, die an die Spannungs- und Bewegungsempfindungen der Muskeln und an die Empfindungen der inneren Schleimhäute, besonders des Magens, geknüpft sind. Darauf beruht also unser Gesamtbefinden, die Frische und Lebendigkeit, die uns beseelt, oder die allgemeine Unlust und Mattigkeit, die uns mitunter beherrscht.
2. Eine neue, die Verschmelzung ergänzende Form der Vorstellbindungen lernen wir kennen, wenn wir das folgende Bildchen ([Abb. 6]) aufmerksam betrachten: Ganz deutlich sehen wir, wie sich das vorderste Kind herumdreht, das dritte Mädchen, mit zwei Zöpfen, nach oben schaut. So meisterhaft hat der Künstler die weißen Fleckchen angebracht, daß die Personen des Bildes stellenweise geradezu körperlich heraustreten.
Abb. 6. Die umbildende Angleichung beim Betrachten von Bildern.
(Aus Neue Bahnen, 1906.)
Diese prächtige Gelegenheit, unsere seelische Tätigkeit bei einer Bildbetrachtung zu zergliedern, wollen wir nicht ungenutzt vorübergehen lassen. Wollen wir zunächst mit schwarzem oder geschwärztem Papier alle weißen Kleckse, die Lampen darstellen, zudecken! Dann nehmen wir ein Stück Papier zur Hand! Damit decken wir zunächst die obere Hälfte des Bildchens zu, so daß der unterste Rand des Papierstreifens in der Richtung der Linie a–a liegt. Wie? diese länglichen weißen Spritzer haben wir als Kinderkörper gedeutet?
Nun decke man die untere Hälfte des Bildes zu, daß der Streifenrand in der Richtung b–b liegt! Mit Ausnahme des zweiten Kindes von links werden wir kaum in jenen Flecken Köpfe vermuten. (Überzeugen!!)
Wie können diese unverständlichen Lichtflecke und -linien von uns zu einem so „sprechenden“ Bilde gedeutet werden? — Wir sind es, die eine Deutung ins Bild hineintragen, wir geben unglaublich viel alte Vorstellungselemente von Kindern, Laternen usw. an den neuen, an sich gänzlich unvollständigen, feinberechnet unvollständigen Eindruck ab. Der neue, ganz und gar lückenhafte Eindruck wird im Nu ergänzt durch früher erworbene entsprechende Vorstellungen aus dem Gesichtsgedächtnisschatze. So wird der Eindruck „aufgefaßt“, „verstanden“. Wenn der Künstler die weißen Flecke nicht so geschickt angebracht hätte, so wären aus unserem Gedächtnis keine unbewußt ergänzenden Vorstellungselemente hinzugetreten, würde uns das Bildchen „unverständlich“ bleiben — wir wüßten „nichts mit ihm anzufangen“. Dieses gleichzeitige Zusammenfließen alter und neuer Vorstellungen wird als Assimilation, als umbildende Angleichung, bezeichnet.
Alle Bild- und Gemäldebetrachtungen sind umbildende Angleichungen. Doch nicht nur sie, auch alle Auffassungen von Dingen, die wir wiederholt sehen. Angenommen, wir sehen einen wirklichen Fackelzug der Kleinen. Wie unendlich lange Zeit würden wir wohl brauchen, um die ungeheure Fülle von Einzelempfindungen, die gewaltige Flut von Gefühlen und ihren Verbindungen, wirklich alle aufzufassen! So greift unsere Aufmerksamkeit aus der Fülle von Eindrücken nur einige wenige Züge heraus (Kinder, Fackeln, Laternen). Wir haben gar nicht die Zeit, alle Einzelheiten aufzufassen. Aus früheren Vorstellungen wird so schnell, daß wir es gar nicht merken, alles Fehlende ergänzt.
Auf diese Weise wird die Auffassung aller Eindrücke wesentlich beschleunigt, weil unser Bewußtsein natürlich mit Erinnerungsvorstellungen viel schneller arbeiten kann, als wenn eine Zergliederung der gesamten Flut von Eindrücken erfolgen müßte. Wir erinnern uns daran, daß unser Bewußtsein nur 6 Einheiten gleichzeitig aufnehmen kann. Wem das als ein Mangel erscheint, der wolle ja bedenken, daß ohne diese wundervolle Angleichung und ohne jene Bewußtseinsenge die Eindrücke unserer Umgebung das Bewußtsein erdrücken oder wir so fassungslos dastehen würden wie ein Blinder, der plötzlich sehend wird.
Genau der gleiche Fall liegt vor beim Übersehen von Druckfehlern. Unser Lesen ist infolge der Übung so geschwind, daß wir nicht mehr Buchstaben an Buchstaben reihen, sondern wir überfliegen ganze Wörter. Kaum ist das Wortbild flüchtig erfaßt, sofort kommt aus dem Erinnerungsschatze das ganze Wort und die richtige Wortbedeutung ins Bewußtsein. Wir übersehen also eigentlich nicht nur den Fehler, wir tun noch viel mehr, wir setzen unbewußt infolge des lebendigen, sofort sprungbereiten Vorstellungsschatzes das richtige Wort an Stelle des falschen.
Beim Sprechen, besonders beim schnellen, werden ganze Silben verschluckt, ganze Wörter arg verstümmelt, und doch hören wir sie richtig. Sofort, wenn solche unvollständige Klanggebilde ins Bewußtsein treten, taucht das vollständige Wort aus dem Gedächtnis ergänzend auf, verbindet sich mit dem neuen Klanggebilde, und die Wortbedeutungsvorstellung tritt dann auch noch aus dem Gedächtnis ins Bewußtsein. So verstehen wir. Wie unvollständig unser sprachliches Hören meist ist, merken wir erst, wenn wir uns einmal verhören. Wir glauben ein Wort bestimmt gehört zu haben, während es nachweislich gar nicht gefallen ist. Aus unserm Gedächtnis stammt das Wort mit Wortbedeutung. So mächtig treten alte Vorstellungen auf, daß sie jene unklare Schallempfindung vollkommen in den Schatten stellen und uns selbst weismachen, es sei der neue Eindruck.
Diese Umbildungsvorgänge machen uns um eine wichtige Entdeckung reicher. Sie zeigen uns, wie unglaublich viel Altes, Gedächtnismäßiges wir in unsere Erlebnisse hineintragen. Alles Erkennen und Wiedererkennen sind Umbildungen, wobei von den betreffenden alten Vorstellungen meist ein gemengter Knäuel von Erinnerungsresten rege wird.
Uns fällt das Sprichwort ein: „Irren ist menschlich!“ Das hat uns die Erfahrung schon oft gezeigt. Wie tief dieses Irren aber schon in den einfachsten Erinnerungsvorgängen begründet ist, hatten wir doch nicht vermutet. Ist doch insofern alle menschliche Auffassung ein Irren!! So erklären sich schon manche Mängel der Zeugenaussage. Vgl. S. 50–55.
Jetzt beginnen wir zu ahnen, von welch gewaltiger Bedeutung die Forderung ist: „Mehr Arbeit der Sinne!“ ([S. 50].) Es leuchtet doch ein, daß nur dann eine neu auftretenden Reizen entsprechende Auffassung erfolgen kann, wenn wir früher peinlich genau ähnliche Dinge aufmerksam zergliedernd auffaßten und so einen reichen Schatz möglichst vollständiger und richtiger Vorstellungen erwarben.
3. Es sind aber auch Vorstellbindungen verschiedener Sinnesgebiete möglich. Freilich besteht zwischen den einzelnen Sinnen eine Scheidewand, so daß ein ununterscheidbares Zusammenfließen wie bei der vollkommenen Verschmelzung nicht stattfinden kann. Aber doch knüpfen sich auch hier zarte Bande, die allerdings etwas loser sind als die Verbindungen des gleichen Sinnesgebiets, aber doch noch als feste Bindungen angesprochen werden müssen. Es sind die „Komplikationen“ (ich schlage dafür vor „mehrsinnliche Bindungen“). Wenn wir einen Borsdorfer Apfel sehen, und es läuft uns das Wasser im Munde zusammen, so ist das nur möglich, weil die Gesichtsvorstellung vom Borsdorfer Apfel mit der Geschmacksvorstellung früher eine Bindung eingegangen ist, so daß jetzt sofort die Speicheldrüsen abzusondern beginnen. Ein starker Donner weckt in unserm Bewußtsein gleichzeitig vielleicht das Gesichtsbild eines Feldgeschützes oder Mörsers infolge der Gehör-Gesichtsbindung. Beim stillen Lesen können viele an sich beobachten, wie sie leise Sprechbewegungen ausführen. (Siehe später Inaudi! [S. 57].) Eine Übersicht würde uns also bieten:
| Vorstellbindungen (Assoziationen) | |||
| eines Sinnesgebietes, |
| verschiedener Sinnesgebiete | |
| | |
| |
| Verschmelzung | Angleichung |
| vielsinnliche Bindung |
Endlich gibt es auch Bindungen, die nicht in einer für die Beobachtung unteilbaren Tat (simultan) vor sich gehen, sondern wo infolge Verzögerung deutlich zwei Teile nachzuweisen sind. Diese verzögerte (sukzessive) Vereinigung beruht sonst auf den gleichen allgemeinen Ursachen und hat dieselben Eigenschaften zweier gleichzeitiger Bindungen, der umbildenden Angleichung und der mehrsinnlichen Bindung. Sie ist der Beobachtung leicht zugänglich; denn alles, was uns von selbst einfällt, wenn wir uns ganz willenlos dem Spiel der Gedanken hingeben, ist verzögerte Bindung. Das gesamte Erinnern, sämtliche Gedächtnisvorgänge sind nacheinander ins Bewußtsein tretende Vorstellbindungen. Scheinbar von selbst folgt einer Vorstellung dann eine ganze Menge anderer. Wir wissen aber, daß dieses Folgen nur auf Grund von Verbindungen möglich ist. Deshalb verweisen wir andauernd auf frühere oder spätere Stellen, damit jeder beim zweiten Lesen möglichst viele Brücken schlägt.
Wirkt aber bei den geistigen Verbindungen der Wille mit und unterscheiden wir deutlich Gefühle der Spannung, der Tätigkeit dabei, so entstehen nach Wundt Apperzeptionen, die unmittelbar unter der Mitwirkung der Aufmerksamkeit zustande kommen. Denken, Überlegen, Einbildungskraft und Verstandestätigkeit sind (nach Wundt) solche Verbindungen. Durch sie nur sind dann solche weitgespannten Zusammenhänge und Überblicke (Synthesen), solche tiefeindringenden Zergliederungen (Analysen) möglich, wie wir sie bei den Größen des Geistes bewundern.
Für Apperzeption, wie sie Wundt auffaßt, haben wir zahlreiche deutsche Wörter: denken, beziehen, überlegen, zergliedern, verknüpfen, verketten usw. Durch sie entstehen die höheren, den Menschen vor der Tierwelt auszeichnenden Gedächtnisverknüpfungen. Von diesen höheren Verbindungen läßt Goethe den Teufel bewundernd sprechen:
„Es ist mit der Gedankenfabrik,
Wie mit einem Webermeisterstück,
Wo ein Tritt tausend Fäden regt,
Die Schifflein herüber, hinüber schießen,
Die Fäden ungesehen fließen,
Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt.“
[4] Wie derartige Reize zustande kommen und wie sie von den Sinnesnerven fortgeleitet werden, um als Empfindungen in unser Bewußtsein zu treten, zeigen die beiden ersten Abbildungen. Unser Finger berührt einen heißen Gegenstand oder verletzt sich an einer Nadel; sofort wird der Finger auch schon zurückgezogen, ohne daß unser Wille daran beteiligt ist. Das geht so zu: Der heftige Reiz (Hitze, Stichverletzung) erregt eine Empfindungs-Nervenzelle, ein Sinneskörperchen, von denen Hunderte und Tausende auf Fingern, Lippen und anderen empfindlichen Stellen verteilt sind ([Abb. 1]). Jedes dieser Sinneskörperchen, die nur einige Tausendstel-Millimeter messen, ist von einer feinen Nervenfaser umstrickt, die sofort den Reiz bis zum Hinterhorn des Rückenmarks leitet. Dort löst er eine so starke Erregung aus, daß sie nach dem Vorderhorn zu (motorischen) Bewegungs-Nervenzellen überstrahlt und dort auch Erregung verursacht. Sie teilt sich der Bewegungsnervenfaser mit, die den dazugehörigen Muskel zusammenzieht und den Finger von der gefährdeten Stelle entfernt. Der Zuckungsbogen ist geschlossen, wir haben eine unwillkürliche Bewegung, eine Reflexbewegung, gemacht, an der unser Gehirn vorderhand gar keinen Anteil genommen hat.
Wesentlich zusammengesetzter werden die Vorgänge, wenn wir uns im Dunkeln tastend bewegen. Dann genügt nicht die einfache Zuckungsbewegung zum Schutz des bedrohten Gliedes. Dann springt die Erregung nicht sofort vom Hinter- zum Vorderhorn, sondern steigt erst im Hinterhorn aufwärts ins Großhirn. Verschiedene Hirnstellen sind daran beteiligt ([Abb. 2]). Die an dieser Stelle als Schmerz, Druck, Kälte oder Wärme in unser Bewußtsein tretende Empfindung wird unter Hinzutritt des Willens zu einem Bewegungsantrieb umgearbeitet, der von der Bewegungszone im Gehirn zum Muskel abwärts geleitet wird, das bedrohte Glied mit bewußter Absicht zu bewegen.
[5] Bloße Aufnahme.
[6] Erfassung.
[7] Solcher „Schnellseher“ gibt es mancherlei Arten. Bei den einen fällt eine Platte mit viereckiger Öffnung herab, durch die der Blick Bruchteile von Sekunden lang auf bestimmte Ziele freigegeben wird. Oder es schwingt vor den Augen eine Fläche mit einem Schlitz hin und her, durch den Zeichen oder Gegenstände auf ganz kurze, bestimmbare Zeit betrachtet werden ([Abb. 3]).
[8] D. h. nach dem Taktmesser (Metronom) von Mälzel gemessen.
[9] Wie sich Puls und Atmung bei jenen drei Gefühlsrichtungen gestalten, ist bei Wundt, Grundzüge der Physiologisch. Psychologie, II. Band, 6. Aufl., S. 304–309, zu ersehen. Es sind ähnliche Puls- und Atemlinien, wie wir eine auf [Seite 69] bringen.
IV. Ein kurzer Ausflug in die Werkstatt unseres Geistes.
Es ist natürlich, daß unser Gehirn ([Abb. 7] und [8]), diese wunderbare Gedankenfabrik, die Forscher besonders anzog, daß es ebenso wie das der Tiere mit allen möglichen Verfahren bis zu seinen Zellen mikroskopisch gründlich durchforscht wurde. Im Jahre 1887 schon erschien ein Verzeichnis von 341 Arbeiten über Nervenfasern und Ganglienzellen.[10] Allein 1895 bis 1908 wurden gegen 1500 Arbeiten nur über die Bauart der Gehirnzellen veröffentlicht.
Abb. 7. Das menschliche Gehirn von oben.
Ein Schnitt durch das Gehirn zeigt uns, daß die rötlichgraue Oberfläche, die „graue Substanz“, das „Rindengrau“, nur einen dünnen Überzug von wenigen Millimetern Dicke bildet. Was darunter liegt, sieht weiß aus und besteht aus ungezählten Millionen von markhaltigen Fasern, Nervenleitungen, die wir als Mark bezeichnen ([Abb. 11]).
Wenn wir nach einem Vergleiche suchen, der uns den Zweck dieser Einrichtung verständlich macht, so eignet sich dazu das Bild einer elektrischen Kraftanlage recht gut. Die Dynamomaschine als Kraftwerk versorgt die Leitung, ein weit gespanntes Drahtnetz, mit Kraft und Licht. Das Rindengrau würde als Kraftstelle, die ungeheuren Mengen von Markfasern als das ganz verschlungene Leitungsnetz zu bezeichnen sein; denn mehrere Millionen solcher Nervenleitungen verbinden die einzelnen Teile des Gehirns und ihre Oberflächenzellen untereinander.
Abb. 8. Das menschliche Gehirn von unten.
Außerdem ziehen ganze Faserzüge von einer Hirnhälfte zur andern. „Der größte Teil des menschlichen Großhirnmarkes besteht also tatsächlich aus nichts anderem als aus Millionen wohlabgedichteter, insgesamt Tausende von Kilometern messender Leitungen, die die Sinneszonen untereinander, die Sinnesbezirke mit den geistigen Bezirken und diese wieder untereinander verknüpfen; — und nur aus dieser Mechanik ergibt sich die Einheitlichkeit der Großhirnleistungen.“ (Flechsig.)
Abb. 9. Isolierte Ganglienzelle. Nach Ramon y Cajal.
(Aus Pfeiffer, Menschliches Gehirn.)
N Neurit (Nervenfaser); alle übrigen Ausläufer sind Dendriten (baumartig verästelte Ausläufer des Zellinhalts).
Das ganze Gehirn ist nun in kleinere oder größere Arbeitsgebiete eingeteilt. Das Kleinhirn ist durch Nervenleitungen mit allen Gelenken, Sehnen, Muskeln, auch mit den drei Bogengängen des Labyrinths im Ohr, verbunden. Darum empfinden wir mit seiner Hilfe fortwährend jede Lageveränderung der beweglichen Körperteile und sind stets über die Lage unseres Körpers genügend unterrichtet.
Abb. 10. Einzelne Zellen und Faserverbindungen aus der vorderen Zentralwindung des Menschen. Nach Ramon y Cajal.
(Aus Pfeiffer, Menschliches Gehirn.)
A Große Pyramidenzellen mit nach oben gerichteten Dendriten und nach abwärts gerichtetem Neurit. — B Schaltzellen, vielleicht Mittelglieder von Assoziationsfasern. — D Endverzweigungen aufwärts gerichteter Neuriten.
Um die Bedeutung des Mittel- und Zwischenhirns zu ermitteln, versuchte man, bei Säugetieren das Großhirn zu entfernen, was nach mühevollen Versuchen endlich Goltz, dem Straßburger Anatomen, bei einem Hunde gelang. Das Tier, das also nur noch Kleinhirn und Mittel- und Zwischenhirn besaß, blieb noch 18 Monate am Leben, und man konnte an ihm beobachten, daß auch ein großhirnloses Säugetier nicht ohne seelische Regungen ist. Zwar war der Hund blödsinnig geworden, hatte die Fähigkeit zur richtigen Auslegung des Empfundenen und das Gedächtnis verloren und vermochte die Nahrung nicht selbst zu suchen. Doch konnte er sich ohne Unterstützung aufrichten, stehen und sogar aufrecht gehen. War er auf glattem Boden hingefallen, so richtete er sich von selbst wieder auf. Aus folgendem Versuch schließt der Nichtfachmann vielleicht gar auf erste Anfänge eines Denkens ohne Großhirn. Man ließ ihn zwischen lange Bretter. Er lief bis zum Ende, wo die Zimmerwand ihm den Weg versperrte. Umdrehen konnte er sich in der Enge nicht, so versuchte er lange, sich an der Wand emporzurichten und das Hindernis zu überwinden. Nach vielen fruchtlosen Anstrengungen fing er langsam an, rückwärts zu gehen, und war nach einer Viertelstunde (!) erst wieder aus den Brettern heraus.
Ob man, wie Wundt, auf ein ganz leises Dämmern von Bewußtsein daraus schließen darf? Oder war es nur bei dem Tiere ein etwas unheimliches Gefühl vor dem unüberwindlichen Hindernis, das ein Zurückweichen hervorrief, und dann ein zwangsläufiges Weiterpendeln, nachdem das Rückwärtsgehen einmal eingeleitet war? Selbstverständlich fehlte seinem Gehen Zweck und Ziel. Sinnestätigkeit war beschränkt vorhanden, denn er war nicht blind, nicht taub, nicht stumm, hatte Geschmack und Gefühl.
Abb. 11. Frontalschnitt durch die rechte Großhirnhalbkugel des Menschen. (Nach Dr. C. Heitzmann.)
Stl Stirnlappen. Schl Schläfenlappen. Sw weiße Substanz. Sg graue Substanz. Ba Balken. Sth, Lk u. Vm innere Anhäufungen grauer Substanzen. Ki innere Kapsel. Vr rechte Hirnkammer.
Aber die Triebe machten sich noch mit starker Wucht und Selbständigkeit geltend. Hatte er kein Futter, so lief er hungrig und sehr lebhaft umher. Nach dem Fressen trat sofort Ruhe ein, und es überfiel ihn ein ruhiger, anscheinend traumloser Schlaf, bis Nahrungsmangel oder starke innere oder äußere Reize sein Bewußtsein von neuem aufstachelten. Die körperlichen Bedürfnisse wirken also sogar noch bei völligem Großhirnmangel treibend (Trieb!) und setzen alle Glieder in Bewegung, die der unmittelbaren Befriedigung der körperlichen Bedürfnisse dienen.
Nach Goltz und Flechsig gleicht nun das neugeborene Kind — besonders aber eine Frühgeburt, da sie mit einem fast ganz unreifen, des Nervenmarks fast völlig entbehrenden Großhirn zur Welt kommt — einem großhirnlosen Wesen. Schon vom ersten Atemzuge an wirken die Triebe mächtig. Schreiend fordert das junge Leben die Befriedigung seiner Bedürfnisse. Sind sie befriedigt, schwinden die Zeichen von Bewußtsein, es schläft. Noch lange zeigt sich die Herrschaft der Triebe, nach deren Befriedigung fast ausschließlich die Sinne verlangen. Idioten, deren Großhirn sich nicht ausbildete, bleiben auf dieser Entwicklungsstufe stehen. Wir ersehen daraus, daß ein gesundes, voll entwickeltes Großhirn nötig ist, um die Triebe zu beherrschen und überhaupt zu höheren geistigen Leistungen zu gelangen.
Abb. 12. Innen(Median-)seite der linken Großhirnhalbkugel des erwachsenen menschlichen Gehirns in ½ natürl. Größe. Rechts Stirn, links Hinterhaupt. Das verlängerte Mark mit dem Kleinhirn bei h (Hirnschenkel) abgetrennt. a empfindende, b bewegende Zentren, B Balken, S Sehhügel. (Aus Pfeiffer, Das menschliche Gehirn.)
Wir wenden uns nun den größeren und kleineren Arbeitsgebieten der Großhirnrinde zu, wie sie auf unserem farbigen Umschlagsbild,[11] das nach Pfeiffer hergestellt wurde, und auf der Abbildung 12 zu sehen sind. Über die Abgrenzung der Sinneszonen sind die Forscher einig. Von den Sinnesorganen lassen sich die Nervenleitungen sowohl anatomisch als auch entwicklungsgeschichtlich bis zur Rinde verfolgen.
Der Hinterhauptslappen enthält den Sehbezirk. Wir „sehen“ mit dem Hinterhauptsteil des Großhirns. Der Schläfenteil enthält die Hörzone. In Teilen der untern Großhirnfläche (in der Seepferdchenwindung, gyrus hippocampi) liegen Geruch und Geschmack (s. [Abb. 12]). Aber ganz einig ist man sich noch nicht. Entwicklungsgeschichtliche Betrachtungen verlegen beide Sinne mehr an den Balken und über ihn. Wenn auch bei Tast- und Körpergefühlsempfindungen die niedern nervösen Organe (Rückenmark, verlängertes Mark, Kleinhirn, Mittel- und Zwischenhirn) eine große Bedeutung haben, spielt dabei doch auch die hintere Zentralwindung eine ganz bedeutende Rolle.
Bewegungen sind das Ergebnis einer gemeinsamen Betätigung mehrerer Bezirke des gesamten Gehirns und Rückenmarks. Die vordere Zentralwindung des Großhirns gilt aber als engere Bewegungszone, weil sie eine Menge Punkte enthält, die nach Öffnung des Schädels und Reizung mit elektrischem Strom Arbeiten bestimmter Muskeln auslösen.
Nun bleibt aber noch ein großer Teil der Hirnrinde (nach Flechsig reichlich zwei Drittel) frei, wohin keine Nervenfasern von den Sinnesorganen verlaufen, und von wo sich auch keine Verbindung zu Muskeln nachweisen läßt.
Es liegt nahe, dorthin die Vorstellungs- und Gedankenverknüpfung (die Assoziations- und Apperzeptionstätigkeit) zu verlegen. So unterscheidet Flechsig auf Grund entwicklungsgeschichtlicher und reicher praktischer Erfahrung als Irrenarzt drei große Assoziationszonen, die aber noch nicht allgemein als solche anerkannt werden, gegen die sich sogar schärfster Widerspruch erhebt.
Die Mehrzahl der Forscher neigt nämlich zu der Annahme, daß die verbindende und verknüpfende Fähigkeit unseres Geistes nicht von genau zu umgrenzenden Zonen (Assoziationsherden) abhängt, sondern daß bei solchen Vorgängen größere oder geringere Teile der gesamten Hirnrinde mitarbeiten. Dieser Meinung ist z. B. Wundt.
Aber auch Flechsig behauptet nicht, daß die von ihm angegebenen Stellen des Gehirns unabhängig von andern arbeiten können. Er meint auch, daß wir Vorstellungen in tausend-, hunderttausend- und millionenzellige mit Rücksicht auf die dabei in Tätigkeit tretenden nervösen Elemente einteilen können. Wenn wir etwa das Wort Honig schreiben, so wird dem Schreibbezirk eine gewisse Führerschaft zukommen, aber es muß doch erst in einer andern Zone ein Vorstellen des Wortes Honig stattfinden. Da wir häufig während des Schreibens leise Sprechbewegungen vollziehen, die, durch Hebelvorrichtungen aufgezeichnet, sich nachweisen lassen, also auch deutlich oder undeutlich der Klang des Wortes im Bewußtsein anklingt, müssen jedenfalls auch die Sprech- und Hörzone mitarbeiten, ebenso die Sehzone; denn jedes Wort wird ja auch gesehen, meist sogar noch prüfend überflogen. Außerdem schreiben wir das Wort nicht geistlos hin, wir sind uns über seine Bedeutung klar. Dann arbeitet die Wortbedeutungszone mit. Dazu denken wir vielleicht an die gelbe Farbe des Honigs, die Vorstellung vom süßen Geschmack läßt uns das Wasser im Munde zusammenlaufen (Geschmacksbezirk). Denken wir nun noch an seinen Urheber, an die summende Biene (Gehör-Gesicht), an seinen Ursprung, den Blütenkelch, usw., so ist als sicher anzunehmen, daß bei diesem doch immerhin einfachen seelischen Erlebnis beinahe die ganze Gehirnrinde mitarbeitet.
In der Schläfengegend liegt die sogenannte Insel. Tiefe Erkrankungen der linken Insel führen bei Rechtshändern meist zu starken Sprachstörungen. Nach Flechsig ist sie schon durch ihre Lage und ihre Nervenverbindungen dazu berufen, besonders in der linken Gehirnhälfte die zerstreuten Bezirke der Sprache einheitlich zusammenzufassen. Aber schon gegen die Abgrenzung der Wortseh- (Lesen), Worthör-, Sprech- und Schreibbezirke hat sich starker Widerspruch bemerkbar gemacht. Daran ist allerdings nicht zu zweifeln, daß es diese 4 Bezirke gibt, daß die 4 verschiedenen Äußerungen der Sprache: Lesen, Worthören, Sprechen und Schreiben nicht einheitlich an einem Orte untergebracht sind. Das zeigen die Störungen bei Sprachlähmungen (Aphasie). Nur ob diese Bezirke einen besonderen Platz neben den Sinneszonen haben oder ob sie nicht vielmehr in den linken Sinneszonen mit drinstecken, das ist die Streitfrage.
1911 ist Nießl von Mayendorf in seiner großen Sonderarbeit „Die aphasischen Symptome und ihre kortikale (auf der Hirnrinde) Lokalisation“ auf Grund vieler Tatsachen zu der Überzeugung gelangt, daß die bisherige Abgrenzung der Sprachzonen nicht haltbar ist. Sie seien in die Sinneszonen zu verlegen.
Auf unserer Titelblattabbildung ist noch der von Dejerine vermutete Lesebezirk angegeben. Allein es gibt eine ganze Reihe Fälle, wo die graue Rinde (und nur in der grauen Rinde können Erinnerungen haften, nur sie hat Nervenzellen, die weißen Markfasern darunter sind nur Leitungsbahnen für die Erregungen der Rinde oder der Sinneswerkzeuge) dieser Gegend zerstört war durch Erweichungen oder gelähmt durch Blutergüsse — und die Kranken fröhlich weiterlasen. Nur wenn die linken Leitungsbahnen zur Stelle schärfsten Sehens, oder dieser linke Hirnbezirk schärfsten Sehens selbst zerstört war, dann war Leseblindheit immer vorhanden.
Nießl von Mayendorf hat weiter gezeigt, daß die Brocasche Sprechstörung von Erkrankungen der unteren linken vorderen Zentralwindung verursacht wird. Von dort gehen auch die sonstigen Bewegungsantriebe zu Zunge, Lippen, Schlund, Kehlkopf aus. Wiederum liegt die Sprechzone im Sinnesgebiet (und nicht außerhalb, nicht in der linken dritten Stirnwindung).
Für das Worthören (Wernicke) sollen auch nur die beiden Schläfenquerwindungen in Betracht kommen.
Die zweite große Hirnzone für geistiges Verknüpfen ist nach Flechsig das Stirnhirn, das sich beim Menschen durch eine besonders starke Entwicklung auszeichnet, wie auch bei den Tieren die geistige Entwicklung mit der Ausbildung des Vorderhirns gleichen Schritt hält. Kleinere anatomische Eingriffe oder Verletzungen bleiben in den höheren Teilen meist ohne nachweisbare Schädigung, d. h. es stellt sich keine Lähmung von Gliedmaßen ein, auch die Sinne arbeiten wie sonst. Es erfolgt auch keine merkliche Störung des Geisteslebens, vielleicht deshalb, weil gerade dort die große Vielseitigkeit der Faserverbindungen den angrenzenden Hirnteilen ermöglicht, stellvertretend für die verletzte Stelle zu wirken. Größere Verletzungen allerdings haben eine Abnahme des Gedächtnisses zur Folge, auch geringere, in gewissen Fällen sogar gänzliche Willenlosigkeit.
Neben Wundt und Flechsig nehmen auch andere Forscher an, daß das Stirnhirn eine große Bedeutung für die Aufmerksamkeits- und Lernvorgänge und den Willen hat. Und da alle Willenshandlungen von Gefühlen begleitet sind — Wundt bezeichnet ja sogar die Willenshandlung als einen zusammengesetzten Gefühlsprozeß —, wird das Stirnhirn wohl bedeutungsvoll für Gefühle sein.
Infolge reicher, ja verschwenderischer Ausstattung mit Leitungsfasern bis in die entlegensten Teile der Hirnrinde sei der Anteil des Stirnlappens an der Ausbildung des Bewußtseins sehr groß. Hier können Erregungen sämtlicher Sinnes-, Bewegungs- und Vorstellungszonen zusammentreffen. Bei Störungen in diesem Teil finden sich denn auch Beeinträchtigungen des Bewußtseins, die sich beim Affen auch durch wissenschaftliche Versuche nachweisen lassen. Da außerdem Erkrankungen des Stirnlappens zu Veränderungen des Bewußtseins, zur Entstehung von Größenwahn oder Selbstvernichtungswahn führen können, soll dieser Teil des Hirns wichtig sein für den Begriff der eigenen Persönlichkeit, für die Vorstellung vom Ich.
Demgegenüber macht Nießl von Mayendorf geltend, daß fast jede Verletzung des Gehirns die Menschen zu Neurasthenikern macht, daß also Abnahme von Aufmerksamkeit und Gedächtnis eintritt. Das sei kein Grund, Aufmerksamkeit, Bewußtsein, Gefühl und Willen gerade dorthin verlegen zu wollen.
Eine dritte große Verknüpfungszone, gegen die sich allerdings viel Widerspruch erhebt, nimmt Flechsig im hintern Scheitelhirn an (s. [Umschlagbild] und [Abb. 12]). Was er sich als deren Aufgabe denkt, wird uns in folgenden zwei Beispielen klar werden. Newton sah einen Apfel vom Baume fallen. Dieser einfache Vorgang gab ihm den Anstoß, das Gesetz der Schwere zu entwickeln. Galileis Pendelgesetze haben ihre erste Ursache in einer vom Winde hin und her bewegten Kirchenampel. Von wieviel Millionen Menschen sind schon fallende Äpfel oder vom Winde bewegte Gegenstände gesehen worden — und ihnen fiel dabei gar nichts ein! Diese Fähigkeit, daß bei gewöhnlichen Dingen ungewohnte, außerordentliche Gedanken auftauchen, die sich im Kopfe des Schöpfergeistes zu einem ganzen Gebäude der prächtigsten Gedankenverbindungen auswachsen, verlegt Flechsig in das hintere Scheitelhirn. Tatsächlich zeigen solche Schöpfer der großen geistigen Zusammenhänge, eine starke Entwicklung ihres Schädels in der Scheitelgegend, so der Mathematiker Gauß, die Tonmeister Bach, Beethoven, Richard Wagner, der Philosoph Kant und Naturwissenschafter, wie Darwin und Liebig.
Andere Forscher sind vorsichtiger. So möchte Nießl von Mayendorf über die übrige Hirnrinde außer den Sinneszonen nur so viel sagen, daß sie wahrscheinlich nichts mit Wahrnehmungen, Erinnerungen, Gedächtnis zu tun haben, sondern daß die Ernährungszustände der Hirnrinde als Gefühle das einzige sind, was von den dort sich abspielenden Vorgängen zu Bewußtsein kommt.
Wir müssen abwarten, wie die Verarbeitung der Kriegshirnverletzungen die Ansichten klären wird.
Die leitenden Markfasern entwickeln sich größtenteils erst nach der Geburt und gehen wohl erst um die Zeit der Geschlechtsreife der vollen Reife entgegen. Außerdem ist anzunehmen, daß der Mensch, solange sich noch neue Markfasern, also Nervenleitungsbahnen, im Gehirn bilden, neuer geistiger Erwerbungen fähig ist. Denn weil alle körperlichen Glieder durch Übung stärker werden, besonders eine Zunahme ihrer Muskelmasse eintritt, liegt die Vermutung nahe, daß geistige Arbeit auch neue Leitungsbahnen schafft und vorhandene Bahnen verstärkt; das würde bis zum 40. Lebensjahr und darüber der Fall sein. Dann wird sich wohl der Faserreichtum und die damit verbundene geistige Leistungsfähigkeit längere Zeit auf gleicher Höhe halten, mit zunehmendem Alter aber abnehmen. In den Vergrößerungsuntersuchungen von Kaes findet sich eine Stütze für diese Vermutung.
Abb. 13. Ganglienzellenschicht aus der Sehrinde des Menschen. Nach Ramon y Cajal.
(Aus Verworn, Mechanik des Geisteslebens.)
Die Rinde setzt sich aus mehreren Schichten verschiedener Zellenlagen zusammen. Nicht überall ist die gleiche Anzahl von Schichten, auch ihre Stärke ist nicht überall die gleiche. Die Assoziationszonen haben den Meynertschen Fünfschichtentypus, während in anderen Gegenden Schichten mit Unterschichten auftreten. Vordere und hintere Zentralwindung (für Gliedmaßenbewegung und -empfindung) unterscheiden sich dadurch, daß in der hinteren Zentralwindung eine sogenannte Körnerschicht vorhanden ist, an deren Stelle in der vorderen Zentralwindung mächtige Pyramidenzellen treten. Diese Pyramiden sind die Ursprungsstätte sämtlicher Bewegungsnerven und eines großen Teils der Assoziationsfasern (Bechterew). Sie sind beim Menschen 30–40 µ (µ = ¹⁄₁₀₀₀ mm) groß. Wie die einzelnen Zellen miteinander in Berührung stehen, sehen wir an einer Vergrößerung aus der Sehrinde ([Abb. 13]).
Zwei Arten von Ausläufern hat die Zelle: Verästelte Protoplasmafortsätze aus dem Zellinnern, die Reize empfangen (Dendriten), und einen wenig verzweigten Ausläufer, der Reize fortsendet (Neurit). Dieser wird gleich zum Achsenzylinder einer Nervenfaser — die aus Hülle, Mark und Achsenzylinder besteht —, wenn die Zelle beim Übergang des Rindengraus zum Rindenweiß liegt.
[10] Ein Ganglion ist ein Nervenknoten, aus dem Nervenfasern zu den Sinneswerkzeugen oder Muskeln oder andern Ganglien gehen ([Abb. 9]). Aus lauter Ganglien setzt sich die Hirnrinde zusammen ([Abb. 10]).
[11] Um auf dem Umschlagsbild die Insel sichtbar zu machen, wurde der sie bedeckende Schläfenlappen entlang der Sylvischen Spalte nach unten gedrückt. Jedem Bewegungsherd in der vorderen Zentralwindung entspricht ein in der gleichen Höhe gelegener Empfindungsherd in der hinteren Zentralwindung; doch wurden diese letzten Zonen zur größeren Übersicht als „Zentren für die Körperempfindlichkeit“ zusammengefaßt. (Aus Pfeiffer, Das menschliche Gehirn.)
V. Regeln für jede Gedächtnisarbeit.
Aufmerksamkeit.
Wir würdigten schon die hervorragende Bedeutung der Aufmerksamkeit bei den Bewußtseinsvorgängen. Sie ist eine grundlegende Bedingung alles Denkens und bewußter Verknüpfung. Wir ahnen schon ihre Bedeutung für das Gedächtnis und wollen deshalb den Vorgang der Aufmerksamkeit noch besonders beobachten. Bei Schnell-Leseversuchen in Bruchteilen einer Sekunde zeigten sich persönliche Unterschiede in den Leistungen. So wurde nach mehrmaligem kurzen Zeigen (am Schnellseher, [s. Fußnote S. 12]) gelesen: Vom
| I. stetigen | II. unsteten | III. mischenden Typus |
| statt: bedauernsw. | Weihnachtsausstellungen | Papierschneidemaschine |
| 1. b . . . . . . . . | 1. Buchausstrebungen | 1. Polizei . . . . . . . . . |
| 2. . . . er . . . . . | 2. Weihnachtsabgaben | 2. . . . . maschine |
| 3. bedauer . . . . | 3. Weihnachtsbaum | 3. Papierschneidemaschine |
| 4. . . . . . werter | 4. Weihnachtsausstellungen | |
| 5. be . au . . . r | ||
| 6. be . au . . . r | ||
| 7. bedauernsw. . | ||
| 8. bedauernswerter |
Der erste Leser setzt sich langsam, aber sicher und ohne Fehler, das Wort zusammen. Er verschließt sich der umbildenden Angleichung ([S. 18–20]) und macht auf sachliche Treue Anspruch. Der zweite glaubt gleich alles gesehen zu haben, er springt förmlich mit den Augen über das Wort hin, hat aber kaum einen Buchstaben richtig gesehen. Die äußeren Reize veranlassen ein reges Auftauchen von Erinnerungen. Kennzeichnend für ihn sind Einbildungszutaten, bis er mit der vierten Lesung das Wort richtig erfaßt hat. Der dritte mischt beide Arten. Bei der ersten Lesung ist sein Blick über das Wort hingehuscht, ein Einfall hat das richtig gesehene P unrichtig zu Polizei ergänzt. Bei der zweiten Lesung hat er durch genaues Sehen den hinteren Teil des Wortes richtig erfaßt und bei der dritten das ganze Wort.
Infolge der ganz kurzen Lesezeit enthüllen sich uns hier die drei Grundformen der Aufmerksamkeit:
1. die festhaltende (fixierende), stetige,
2. die hin und her schwankende (fluktuierende), unstete,
3. die mischende Art.
Diese drei Grundformen des Aufmerkens führen uns zu scharf unterscheidbaren Arten des Arbeitens überhaupt:
1. Der Stetige vermag sich nur langsam einer Aufgabe anzupassen. Es vergeht erst einige Zeit, ehe er seine volle Anpassung an den zu lernenden Stoff erreicht. Aber allmählich sammelt sich sein Geist immer mehr, beharrt nun zäh und treu bei der Arbeit und läßt sich nicht ablenken. Das Gedächtnis dieser Grundform des Aufmerkens nimmt langsam auf, aber behält sehr treu. Der Geist beharrt in der einmal eingeschlagenen Richtung wie ein Fernrohr, das, auf eine bestimmte Entfernung eingestellt, die nähere oder fernere Umgebung unscharf oder gar nicht abbildet. Der Forscher bezeichnet diese Erscheinung als „Einstellung“. Kommt dazu noch eine überragende Begabung, dann ist der Gelehrte fertig.
2. Das Gegenteil in allen Punkten ist die unstete, die hin und her schwankende Aufmerksamkeitsform. Überraschend schnell paßt sich ihr Vertreter einer umfangreichen Aufgabe an. Seine Aufmerksamkeit ist schnell auf den zu lernenden Stoff gerichtet, hat sehr bald den persönlichen Höhepunkt der Zuspitzung und Verdichtung erreicht. Aber die innere Sammlung ist nicht so tiefgehend wie bei der ersten Art, darum läßt sich seine Aufmerksamkeit leicht ablenken und einem neuen Gebiet zuwenden. Irrtümer sind bei ihm an der Tagesordnung. Seine Einstellung ist nicht so bestimmt gerichtet wie bei der ersten Form, er gleicht einem Fernrohr mit fortwährendem Linsenwechsel. Seine Leistungen sind nicht tiefgründig. Sein Gedächtnis nimmt überraschend schnell auf, verliert aber auch rasch wieder das Gelernte, was ohne Zweifel Nachteile sind.
Jedoch befähigt gerade diese Form des Aufmerkens zu ganz bestimmten Berufen, ist sogar die grundlegende Eigenschaft mancher Begabung. Die umfangreiche, sich schnell hingebende, aber auch schnell wieder neuen Gebieten zuwendende Aufmerksamkeit zeichnet den geborenen Zeitungsmann, Künstler, Staatsmann und jeden Geschäftsmenschen aus, begünstigt das Aus-den-Ärmeln-Schütteln und die Schlagfertigkeit der Rede.
3. Die dritte Art ist meiner Meinung nach die vollkommenste. Wer ihr angehört, vermag seine Aufmerksamkeit zu verteilen, vielen Dingen gleichzeitig, allerdings mehr oberflächlich zuzuwenden, aber sie auch kräftig und tiefgehend auf die einzelnen Reize zu richten. Diese Aufmerksamkeit ist ein Vorzug des geborenen Offiziers. Einen Nützlichkeitserfolg dieser Form sehen wir an obigen Leseversuchen. Das Wort wird schon beim dritten Versuch getroffen.
Deshalb habe ich die beiden ersten Grundformen der Aufmerksamkeit ausführlicher dargestellt, damit der Leser prüfen kann, welcher Form er angehört. Die Art seines Aufmerkens erklärt sicherlich etwaige ungünstige Gedächtniserfolge.
Dann gilt es bei der ersten Art, fleißig zu üben, um die Langsamkeit zu überwinden und eine schnellere Anpassung der Aufmerksamkeit zu erreichen. Nach den Feststellungen Meumanns vermag zähe, jahrelang fortgesetzte Übung beinahe alle angeborenen Unterschiede im Gedächtnisbereiche auszugleichen. Er weist das an einem langsam Lernenden nach, der das erstemal zu 12 Silben 56 Wiederholungen brauchte. Nach mehrmonatiger Übung waren nur noch 19 nötig.
Die zweite Form des Aufmerkens muß sich bemühen, gründlicher zu sein, Einbildungszutaten unter allen Umständen zu unterdrücken. Dadurch wird ja die Treue des Gedächtnisses außerordentlich beeinflußt. Für solche Personen ist das genaue Zeichnen eine gute Schulung des Geistes, und es gilt für sie besonders das, was über die Ausbildung der Sinne gesagt ist (vgl. [S. 50–57]).
Die zähe Übung ist also der Zauberstab, der grundlegende Schwächen des Gedächtnisses beseitigt. Und ein zäher Wille erreicht stets mehr, als die glänzendste Begabung eines haltlosen Menschen, bei dem nicht Not, Ehrgeiz oder Begeisterung den starken Willen zur Arbeit entwickeln halfen.
Man glaube ja nicht, dem Schöpfergeiste falle alles in den Schoß. Auch der Gipfelmensch muß rastlos arbeiten, üben, wenn er die Vollendung sehen will. Da hat z. B. ein Dichter eine „Leichenphantasie“ auf den frühen Tod eines Jünglings gedichtet, und darin wird vom Vater des Verstorbenen gesagt:
Zitternd an der Krücke,
Wer mit düsterm, rückgesunknem Blicke,
Ausgegossen in ein heulend Ach,
Schwer geneckt vom eisernen Geschicke,
Schwankt dem stummgetragnen Sarge nach?
Floß es „Vater“ von des Jünglings Lippe? (des Gestorbenen!)
Nasse Schauer schauern fürchterlich
Durch sein gramgeschmolzenes Gerippe,
Seine Silberhaare bäumen sich. —
Vollständig verrückt! Nicht? Nun, der das dichtete, war der junge Schiller. Daraus kann man die Größe der Arbeit und Übung ahnen, die ihn zu unserem Dichterfürsten gemacht hat. Und von Fritz von Uhde wird erzählt, daß sein Lehrer ihm den guten Rat gab, Pinsel und Palette wegzulegen: „Aus Ihnen wird doch nichts!“ Aber der Grundsatz: „Nulla dies sine linea“, kein Tag ohne Linie oder Pinselstrich, hat ihn auf die Höhen seiner Kunst geführt.
Von einer andern Seite her wollen wir die Aufmerksamkeitserziehung als eine Erziehung grundlegender Geisteseigenschaften betrachten. Unsre Ärzte heilen manche Nervenkranke neuerdings dadurch, daß sie diese ernsthaft arbeiten lassen. Im ärztlichen Schrifttum wird geradezu einstimmig auf die ganz erstaunliche Bedeutung der Arbeit für die Persönlichkeitsbildung, für den Willen, ja, für die geistige Gesundung des Menschen hingewiesen. Aber, diese wohltätige Wirkung findet sich nur bei streng geordneter, stetiger, pflichtgemäßer Arbeit, nie bei spielerischer Scheinarbeit.
„Manche schwere Neurasthenien des späteren Lebens, die sich in sog. Platzangst, nervösen Lähmungen usw. äußern, sind nur vergrößerte Formen jener mangelnden Unterordnung des Körpers und des Nervensystems unter den Willen, die sich im Schulleben in fortgesetzter Nachlässigkeit, Flüchtigkeit und Zerfahrenheit in der Arbeitsleistung zeigt. Starke Übung in der geistigen Bezwingung nervöser Unstetigkeit im Arbeiten kann sehr wohl eine starke vorbeugende und heilende Wirkung auf dem Gebiet der Nervenleiden haben.“ (Förster, Schule und Charakter, S. 239.)
Unser Buch soll keine bloße Belehrung sein, es soll zur Tat anregen. Der rechte Mann verlangt Beweise und forscht selbst nach. So wäre eine reizvolle Aufgabe, die eigene Aufmerksamkeitsform festzustellen und mit dieser kleinen Aufgabe den segensreichen Grundsatz: „Erkenne dich selbst“ zu üben. Ein beliebiger Lesestoff, ganz kurze Zeit von einer zweiten Person gezeigt, genügt dazu schon. Wir hätten aufzuschreiben, was wir gesehen haben, und zu vergleichen. Haben wir einzelne Wörter oder Buchstaben richtig erfaßt, so gehören wir zur ersten, müssen wir uns viel Flüchtigkeitsfehler, Einbildungszutaten bei der Nachprüfung eingestehen, zur zweiten Art.
Jene mögen sich im schnellen Erfassen der Buchstaben und Wörter, bei Spaziergängen im schnellen Erfassen der Fensterzahl, einer Häuserreihe mit einem Blick, der einzelnen Latten an einem Zaun usw. üben.
Die andern möchten ihrem Blick bestimmte Richtung geben, ihn nicht oberflächlich dahinschweifen lassen: Andauernd mehr ins einzelne schauen, mehr nach Unterschieden beim Betrachten des Lattenzaunes oder der Fenster einer Häuserreihe suchen usw.
Diese Übungen sind bei den verschiedensten Gelegenheiten noch zu erweitern, bis sich die gemischte Aufmerksamkeitsform entwickelt, die alle Vorzüge der beiden andern in sich vereinigt. Über die vieldienliche Anwendung des hier Erkannten in Lehre und Leben ließe sich ein ganzes Buch schreiben. Ich habe in der „Praktischen Gedächtnispflege“ S. 12–23 mehr darüber mitgeteilt.
Die Taktgliederung.
Die Versuchs-Seelenforschung entdeckte, daß die Aufmerksamkeit rhythmisch ist. Wir können uns davon überzeugen, indem wir unsere Taschenuhr so weit von uns entfernt niederlegen, daß wir ihr Ticken gerade noch hören. Da merken wir zu unserem Erstaunen, daß wir ein paar Augenblicke das Ticken vernehmen, dann eine kurze Zeit nicht mehr, es dann abermals hören, darauf wieder nicht usw. An der Uhr liegt es nicht, die tickt in bestimmtem Takt weiter, unsere Aufmerksamkeit aber wechselt, indem sie sich anspannt, dann nachläßt, um wieder angespannt abermals nachzulassen.
Jetzt wird uns auch die Ursache der merkwürdigen Tatsache klar, daß unser Bewußtsein, wie wir bereits auf [S. 11–14] ausführten, nur sechs gesonderte Taktschläge, aber 40 Töne, in 5 Takten zu 5 Einheiten zusammengefaßt, umspannen kann: Aufmerksamkeit und Bewußtsein sind rhythmisch veranlagt. Das liegt offenbar an unserer gesamten leiblich-geistigen Einrichtung. Da das Herz in bestimmtem Takt klopft, klopft es in den Schlagadern des ganzen Körpers in gleicher Weise. In Fieberzuständen fühlen wir, wie es überall hämmert, in gesundem Zustand allerdings seltener, mitunter aber deutlich vor dem Einschlafen. Aber schon die Atembewegungen wirken merklich auf uns ein. So kommt es, daß wir jede körperliche und geistige Arbeit am besten, erfolgreichsten und liebsten in einem gewisse Takte ausführen.
Die Aufzeichnungen des Ergographen, an dem der menschliche Finger Gewichte über die Ermüdung hinaus fortgesetzt hebt, bis ein weiteres Heben infolge Ausgabe aller Kräfte nicht mehr möglich ist, zeigen ein Gleichmaß von bewundernswerter Stetigkeit. Awramoff[12] ließ Versuchspersonen Hebungen mit dem Finger an diesem Gerät ausführen. Er stellte ihnen die beiden Aufgaben, ohne und mit Takt zu arbeiten. Da mußte er die merkwürdige Erfahrung machen, daß er niemand fand, der nicht nach 2–5 Hebungen ganz von selbst zu einem bestimmten Rhythmus überging. Ebbinghaus zweifelte überhaupt daran, daß es ihm möglich sein würde, seine Silben gänzlich ohne Takt zu lernen. Darum lernte er alles taktmäßig.
Und gar der Takt des Gehens bildet (nach Wundt) „einen deutlich erkennbaren Hintergrund unseres Bewußtseins“.[13] Dieser Grundzug unseres Wesens gilt sogar für die Denkarbeit. Erwähnt sei Goethes Ausspruch: „Die besten Gedanken kommen mir im Gehen.“ Auch der Naturforscher Helmholtz machte ähnliche Erfahrungen. Er erzählt von sich, daß er bei gleichmäßigem, langsamem Bergsteigen leicht und erfolgreich zu denken vermöge. Vergleiche Praktische Gedächtnispflege S. 15. Von Beethoven sagt man, daß er fast alle Tondichtungen im Gehen geschaffen habe.
Die drei empfanden also die gewaltige Macht des Rhythmus. Sie sind unverdächtige Zeugen; denn sie hatten damals sicher noch keine Ahnung von den tieferen Gesetzmäßigkeiten des Bewußtseins, die uns erst die Versuchsforschung enthüllte.
Tatsächlich hat der Rhythmus zu allen Zeiten und bei allen Völkern eine Rolle gespielt, bei den Tänzen und Liedern sowohl, als auch beim Arbeiten (s. [Abb. 14], S. 39). Heute noch beobachten wir die vereinigende und belebende Kraft des Taktes beim Getreidedreschen, beim Straßenpflastern, beim Rudern usw.
Abb. 14. Bestellung eines Feldes in Ngilla (Kamerun), die in Abteilungen von 100 Mann nach dem Takte der nachfolgenden Musik erfolgt. Hinter den Arbeitern marschieren ebenfalls im Takt die Säeleute, aus einem umgehängten Sack Samen streuend.
(Aus Meinecke, Deutsche Kolonien.)
Er schafft einen gewissen Anreiz zur Arbeit, so daß der Zuhörer gar nicht untätig bleiben kann. Lebhafte und abwechslungsreiche Takte können erregen, sogar aufregen.
Beim Lernen ist der Takt darum schon seit den ältesten Zeiten eingeführt. Die Griechen bevorzugten stark diese Form für Lebensregeln und Gesetze. Ich persönlich habe noch keine Sprachlehre der alten Sprachen gesehen, die nicht eine Fülle von Regeln in Rhythmus und Reim enthielte. Ja, der Takt ist sogar ein Kennzeichen der Dichtung geworden. Aus welchen Ursachen er es wurde und seine seelischen Wirkungen, habe ich ausführlich dargestellt in „Deine gestaltende Seele und Dein Stil“.
Ebert und Meumann haben denn auch zahlenmäßig die Vorteile festzustellen versucht. Bei einer Versuchsperson waren für 10 Silben, unrhythmisch gelernt, 23 Wiederholungen; für 12 Silben, rhythmisch gelernt, 14 Wiederholungen; bei einer anderen Versuchsperson für 12 Silben, unrhythmisch gelernt, 49 Wiederholungen; für 16 Silben, rhythmisch gelernt, 31 Wiederholungen nötig.
Die Erklärung dieser auffallenden Ergebnisse dürfte darin zu suchen sein, daß sich der Rhythmus unserer Aufmerksamkeit selbsttätig, d. h. unwillkürlich, regelt, so daß die Anspannungen mit den betonten Silben, das Nachlassen der Aufmerksamkeit mit den unbetonten zusammenfällt, die schwach und kurz betonten Eindrücke sich an die kräftiger betonten anschließen und so zusammen eine Einheit bilden. Durch den Wechsel der Tonstärke werden eng zusammenhaltende Gruppen gebildet. Die Aufmerksamkeit selbst wird beherrscht und ihre Verteilung geregelt; denn nicht allein die Aufmerksamkeitskraft, sondern auch ihre sparsame und zweckmäßige Verwendung ist bedeutungsvoll.
In welchem Takte zu lernen ist? Je nach den Verhältnissen! Schnelles rhythmisches Lernen gliedert günstiger als langsames Lernen. Bei sinnarmen Stoffen oder Tätigkeiten (Berufstätigkeiten) wird man also ein schnelles Zeitmaß wählen, da durch schnelles Lesen und Arbeiten die Aufmerksamkeit aufs höchste gespannt wird. Dann aber vermindert sich die Aufmerksamkeit, und schließlich wird die Arbeit von selbst abschnurrend. Aber gerade das selbstwirksame Arbeiten ist ja vielfach das Ziel der Übung, besonders im Berufe, weil durch Selbstbetrieb die meiste geistige Kraft erspart wird.
Allein es ist wohl zu beachten, daß dieses maschinenmäßige Verfahren sich nur für Sinnloses eignet. Für Stoffe, die der Verstand erarbeitet und wo jedes einzelne Glied aufgefaßt werden soll, sollte langsam und mit Verstand gelernt werden. Es ist also die Unterscheidung, ob sinnlos oder sinnvoll, wichtig für den einzuschlagenden Weg zur Einprägung.
Mehr darüber in der „Praktischen Gedächtnispflege“ S. 23–29.
Gruppenbilden, Stelle-Anweisen (Lokalisieren), Gliedern.
Auch beim beobachtenden Merken einer Reihe von Gegenständen ist ohne Zweifel das Gruppenbilden vorteilhaft. Es ist ein Gliedern beim Gesichtssinn. Ein Kaufmann hat Kisten zu zählen. Es bedeutet für ihn eine große Zeit- und Kraftersparnis, wenn er stets drei oder vier Kisten zusammenfaßt.
Abb. 15. Beförderung eines Stierkolosses beim Palastbau des assyrischen Königs Sanherib (705–681 v. Chr.). Relief aus Kujundschik, den Ruinen des alten Ninive. (Nach Layard, aus Bücher, Arbeit und Rhythmus.) — Der Leiter der Arbeit steht am Vorderende der zu befördernden Last und gibt mit Handklatschen den Seilziehern das Zeichen zum gleichzeitigen Anziehen. (Vgl. [S. 39].)
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GRÖSSERES BILD
Dieses Einheitenbilden, das Umfassen mehrerer Personen oder Gegenstände mit einem Blick, sollte oft geübt werden. Gelegenheit dazu bieten spielende Kinder, auf der Straße sich bewegende Personen, vorüberfahrende Eisenbahnzüge, Gartenzäune, Häuserfronten mit ihren zahlreichen Fenstern usw.
Besteht doch auch die Tätigkeit des geübten Lesers nicht mehr in einem mühseligen Aneinanderreihen von Buchstaben, sondern einige wenige Buchstaben werden scharf ins Auge gefaßt, was an Zeichen dazwischen liegt, wird überflogen und in Gruppen zusammengefaßt. Gar nicht anders ist es beim schnellen Klavierspielen oder Stimmenbuchlesen. Diese Hinweise deuten darauf, daß die eben angeregte Übung des Geistes im Zusammenfassen zu Einheiten keine Spielerei ist, sondern den mannigfachsten angewandten Gebieten zugute kommt, nicht zuletzt dem Gedächtnis, dessen wichtige Grundlagen in einer scharfen gründlichen Beobachtung und eben im Einheitenbilden bestehen. Die Vorteile, die Takt und Gruppenbilden dem Gedächtnis gewähren, scheinen zum Teil ihre Ursache in dem „Stelle-Anweisen“ zu haben.
Jedes Glied einer übersichtlichen Gruppe hat seinen bestimmten Platz. In ungeordneter Masse ist das unwillkürliche Merken eines bestimmten Platzes sehr erschwert. Da nun Zahlen, sinnlose Silben, verwickelte Formen gewissermaßen glatt sind und dem Gedächtnis kein hervorstechendes Merkmal bieten, fördert tatsächlich Ortsmerken das Gedächtnis.
In Lehre und Leben läßt sich das Stelleanweisen mannigfaltig mit Erfolg verwenden. Mündliche Darbietungen müssen gut gegliedert, klar geordnet sein. Auf alles Neue muß der Hörer durch eine Ankündigung, gewissermaßen Überschrift, vorbereitet werden, damit er weiß, wohin es einzuordnen ist. Schriftliche Darbietungen an der Tafel oder in Unterrichtsbüchern sind übersichtlich zu gruppieren. Gelegenheit zu einem Überblick, zu Rückschau und Zusammenfassung sollte oft geboten werden. Ist etwa die Übersicht über jene vier Begriffe auf [S. 21] dem Leser überflüssig erschienen? Oder hat nicht vielmehr jeder deutlich gefühlt, wie dadurch mehr Klarheit geschaffen und Verwechslungen vorgebeugt wurde?
Gefühl und Anteilnahme (Interesse).
Die Bedeutung der Gefühle schon bei einfachen geistigen Vorgängen lernten wir [S. 14/15] kennen. Es kommt ihnen aber eine noch weit größere Macht zu. Wie die Zergliederung der Seelenvorgänge lehrt, sind die entscheidenden Antriebe sowohl bei der ursprünglichen Bildung der Vorstellungen wie bei ihrer allmählichen Umwandlung die begleitenden Gefühls- und Willensvorgänge (W. Wundt). Und nach Th. Ziegler kommt uns überhaupt nur zum Bewußtsein, was Gefühlswert hat. Darum stehe das Gefühl an der engen Pforte des Bewußtseins und entscheide über Aufnahme oder Nichtaufnahme, über ja oder nein. Daraus geht hervor, daß der Gedächtnisvorgang die allertrefflichste Anregung erfährt, wenn der Lernende eine möglichst hochgespannte Neigung für die Arbeit gewinnt. Dann sind Aufmerksamkeit und Wille ohne weiteres da.
Was du tust, das tue freudig — und es wird gelingen. So wird jede Arbeit zu einer Quelle der Lebensfreude. Aber wie kommen wir zu einer solchen frohen, ausgeglichenen Gefühlslage von mittlerem Maß, wie sie sich auch für die Gedächtnisarbeit als fördernd erwiesen hat?
Man sollte meinen, eine aufgeregte Begeisterung müsse ungemein fördernd wirken. Das ist aber nicht der Fall. Ob dabei zuviel Aufmerksamkeit aufgesaugt wird? Die anzustrebende mittlere frohe Gefühlsstimmung steht nicht mehr unter dem unmittelbaren Eindruck eines lustvollen Erlebnisses, das die Wogen der Freude hochgehen ließ, sondern unter seinen Nachwirkungen, die über den ganzen Tag und seine Gedächtnis- und Arbeitsleistungen einen Schimmer von froher Stimmung verbreiten. Wir können diese Gefühlsnachwirkungen mit den Nachbildern (vgl. Praktische Gedächtnispflege S. 13) vergleichen. Wie es möglich ist, Nachbilder festzuhalten und auszunützen, so auch eine abklingende Gefühlsflut.
Heinrich Seidel[14] schuf in seinem „Leberecht Hühnchen“ das Bild eines wundervollen Alchimisten des Glücks, der aus den unscheinbarsten, vom Durchschnittsmenschen unbeachteten Gedanken und Dingen unglaublich viel goldene Schätze des Gemüts herausschmelzt. Und wenn wir es versuchen, werden auch wir erkennen, daß die Erinnerung an froh verlebte Stunden des Lernens und Schaffens, der Hinblick auf das ferne schöne Ziel oder auf die nahe Belohnung, die man sich selbst nach getaner Lernarbeit gönnt, Neigung, Freude und Willen steigern. Selbst der sprödeste Stoff hat für einen aufnahmefähigen und klugen Kopf reizvolle Seiten. Suchet, ihr werdet bestimmt finden! Meist fehlt es auch nur an einem kraftvollen Anfang. Hat man sich nur erst hineingewagt, dann merkt man Zusammenhänge und findet, daß alles fesselnd und bedeutsam ist innerhalb seines Zusammenhangs. Auch im Kraftgefühl, daß man trotz verlockender Ablenkungen sich doch nicht von den gestellten Lernaufgaben abbringen läßt, ist leicht ein Grund zur Fröhlichkeit zu finden.
Man schätze diese Anregung ja nicht gering ein! Die Freude vertieft, beschleunigt, gibt unserer Gedankenentwicklung Flügel — gedrückte, trübe Stimmung verlangsamt. Wenn es nun noch gelingt, in dieser frohen, ausgeglichenen Gefühlslage von mittlerem Maß dem Stoff Entzücken abzugewinnen, dann ist der Lernerfolg gesichert. Aber woran haben wir das meiste Vergnügen?
An dem, was wir erleben, wobei wir im höchsten Grade tätig sind. In einer Arbeit des Leipziger Instituts für experimentelle Pädagogik[15] habe ich nachweisen können, daß fast sämtliche freien und ungebundenen Aussagen der Kinder von 8 Jahren bis zur Geschlechtsreife auf die verschiedensten Reizworte hin Erinnerungsreste von bestimmten Erlebnissen sind.[16] Das Kind bietet fast stets eine Geschichte, die ein eigenes oder fremdes Erlebnis darstellt.
Darum kommt jetzt auch der Arbeitsunterricht dem Kinde viel näher. Er bietet dem tätigen Kinde neue, tiefgreifende Erlebnisse, nicht einen rasch vorüberrauschenden Wortschwall. Dem Kinde die Dinge in die Hand! Nachbilden! Daran erleben! Das ist die heutige Losung. Worte sind unlebendig, die nur dann das Kind packen und fesseln, wenn eine Geschichte, also ein fremdes oder eigenes Erlebnis, alle übrigen unterrichtlichen Maßnahmen mit einem gewissen Erlebnisgefühl überstrahlt.
Mit der Geschlechtsreife wird der Gedankenverlauf begrifflich, aber doch verfehlen Erlebnisse auch beim Erwachsenen nie ihre Wirkung, wie wir aus der Spannung schließen müssen, die man Reisebeschreibungen, Novellen, Romanen, Kriegserlebnissen usw. entgegenbringt. Da sind wir gespannt, erregt, unser Geist ist in außerordentlich hohem Maße tätig. Schon der selige Homer kannte diesen Zug der menschlichen Seele. Anstatt trockene Beschreibungen zu bieten, etwa eine Rüstung Stück für Stück zu beschreiben, stellt er uns den Helden dar, wie er sie Teil für Teil anlegt. So wird aus einer trockenen Beschreibung — eine Geschichte, ein Erlebnis.
Die Anwendung des Grundsatzes, Gedächtnisstoffe erst gründlich zu erleben, bedarf einer ausführlichen Darstellung. Ich gebe sie in „Neue Gedächtnisgesetze. Ihre Anwendung in Lehre und Leben“. Th. Müllers Verlag und Versandbuchhandlung. Leipzig-Eutritzsch.
Lernen im Ganzen oder in Teilen?
Wenn wir einen Schüler beim Lernen von Gedichten beobachten, so machen wir fast stets die Erfahrung, daß er das Ganze in kleinere Abschnitte zerlegt, diese einzeln lernt und dann versucht, sie aneinanderzureihen. Die Gründe dafür sind: Man will die schwierigen Stellen erst für sich lernen. Dann möchte man auch gern einen Fortschritt sehen, denn beim Lernen im Ganzen kommt das Gefühl des Auswendigkönnens erst ganz zuletzt. Auch glauben besonders Kinder leicht, einer umfangreicheren Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Diese Einbildungen, Selbsteinflüsterungen (Autosuggestion) beeinflussen tatsächlich das Gedächtnis manchmal in so ungünstiger Weise, daß unter Umständen das Lernen im Ganzen weniger wirkungsvoll ist (vgl. auch [S. 48]). Aber wie unsinnig dieses stückweise Lernen ist, zeigt folgende Zeichnung. Die starken Striche zeigen an, wievielmal ein Vers für sich gelernt wurde. Die Bogenlinien zeigen, wie oft das Versende an den Anfang gehängt wurde.
Wer so lernt, braucht sich nicht zu wundern, wenn es ihm geht, wie dem Vereinsvorstand, der beim Stiftungsfest mit der üblichen Rede loslegte: „Verehrte Anwesende, es ist so Sitte in unserm Verein, daß wir den Tag seiner Entstehung festlich begehen ....“ Dann ging es munter weiter, bis der Begrüßungsgedanke ausgeführt und die Überleitung zu etwas Neuem nun fällig war. Statt dessen stammelte der Redner: „Ja, jawohl, verehrte Anwesende, es ist so Sitte in unserm Verein, daß wir den Tag seiner Entstehung festlich begehen ....“ Nun war er unrettbar wieder auf den 1. Abschnitt seiner Rede eingestellt und fand sich erst weiter, als er sie ablesen konnte.
Berggipfel erglühen,
Waldwipfel erblühen,
Vom Lenzhauch geschwellt;
Zugvogel mit Singen
Erhebt seine Schwingen,
Ich fahr’ in die Welt.
nur einmal!
Mir ist zum Geleite
In lichtgoldenem Kleide
Frau Sonne bestellt;
Sie wirft meinen Schatten
Auf blumige Matten,
Ich fahr’ in die Welt.
nur einmal!
Mein Hutschmuck die Rose,
Mein Lager im Moose,
Der Himmel mein Zelt:
Mag lauern und trauern,
Wer will, hinter Mauern,
Ich fahr’ in die Welt.
Wir wissen sofort, wie er sie einlernte: stückchenweise. Wenn das Ende eines Abschnitts 4–6mal an den Anfang gehängt wird wie in obiger Zeichnung und nur einmal die zum nächsten Abschnitt führende Verbindung geschlagen wird, dann kann’s ja gar nicht anders kommen; denn die Gefahr, daß man an den Anfang zurückgeführt wird, ist immer da vorhanden, wo stückchenweise eingeprägt wird.
Deshalb empfiehlt sich in jedem Falle das Ganzlernen, dann hängt aneinander, was zueinander gehört.
Überdies zeigen auch zahlreiche seelenkundliche Versuche mit Sicherheit, daß das Lernen im Ganzen bedeutend vorteilhafter ist in bezug auf Zeitersparnis und Behalten.
Besonders ist das Lernen im Ganzen natürlich bei sinnvollem Stoff zu empfehlen, der sich ja förmlich dagegen wehrt, durch ein Lernen in Teilen zerstückelt zu werden. Hier unterstützt der Denkzusammenhang ganz außerordentlich das Verknüpfen; denn es wird uns der Sinn fortwährend und weiterlaufend zum Bewußtsein gebracht. Die Aufmerksamkeit bleibt dadurch fortwährend besser gefesselt als beim Lernen in Teilen, wo die Versuchung gar zu groß ist, achtlos zu lernen und einen wichtigen Vorteil aus der Hand zu geben: Sinnvolles Lernen hat meist eine etwa zehnfach bessere Wirkung als geistloses Einpauken. Darum wird beim Lernen im Ganzen eher ein gedankenloses Hersagen vermieden, das für das Einprägen fast wirkungslos ist.
Nun gibt es aber doch ganz große Gedichte. Die in einem Zuge einzuprägen, dürfte schon aus dem Grunde nicht ratsam sein, weil die Aufmerksamkeit gar nicht so lange angespannt zu arbeiten vermag. Am Anfang und gegen das Ende hin spannt sich die Aufmerksamkeit an, während in der Mitte deutlich ein Nachlassen nachzuweisen ist.
Und doch ist das Lernen im Ganzen auch hier zu empfehlen, aber mit einer Änderung, die Meumann vorgeschlagen hat. Man teilt ein großes Gedicht, etwa Schillers „Lied von der Glocke“, dem Inhalte nach in mehrere Teile und zieht dort trennende Bleistiftstriche.
Nun wird im Ganzen gelernt, aber bei den Bleistiftstrichen ist zu warten, damit sich die Vorstellbindungen und -verknüpfungen festigen können, die Aufmerksamkeit sich neu sammelt und man dann mit aller Frische und Sammlung nach jedem Striche wieder fortfahren kann.
So bilden sich die Bindungen nur in einer Richtung. Und die beim Lernen in Teilen entstehenden, an den Anfang zurückführenden Verbindungen werden vermieden.
Das gilt besonders für gleichartigen, überall gleich schweren Lernstoff. Finden sich mehrere schwere Stellen, wird es ohne Zweifel vorteilhafter sein, sie mit einigen Mehr-Lesungen gesondert einzuprägen während des Ganzlernens.
(Wer da glaubt, mit dem Teil-Lernen bessere Erfolge zu erzielen, der vergesse wenigstens nie, den Teil am Anfang und Ende in natürlichen Zusammenhang zu bringen. Stets wird es sich empfehlen, dem gesonderten Lernen einige Ganz-Lesungen vorauszuschicken.)
Verteilung der Wiederholungen auf mehrere Tage.
Es ist nicht zweckmäßig, etwas durch unsinnige Häufung von Wiederholungen in einem Atem einprägen zu wollen. Größere Unterbrechungen und Verteilung auf eine längere Zeitstrecke sind unter allen Umständen vorteilhaft. (Also zeitig beginnen!) Ebbinghaus fand zum Beispiel, daß 68 Wiederholungen an einem Tage nicht den Einprägungswert haben, wie insgesamt 38 Wiederholungen, auf drei Tage verteilt. Auch Adolf Jost fand, daß besonders bei den Stoffen, die eine große Zahl von Wiederholungen brauchen, die ausgedehnteste Verteilung am wirksamsten ist. Er stellte ein schnelleres Lernen und besseres Behalten fest.
Schließlich kommt es gar nicht darauf an, daß wir etwas so schnell als möglich lernen. Die Hauptsache ist, daß sich feine Fäden in alle möglichen Gedankenbereiche spinnen, damit das Gelernte nicht als toter Ballast, sondern lebendig in uns wirkt, eng mit unsrer Persönlichkeit verknüpft wird, damit Schätze des Schönen, etwa Dichterworte, Einfluß auf unser Leben gewinnen, nach allen Richtungen hin mit ihren Strahlen erwärmend, bereichernd und vergoldend wirken. Und das wird durch eine Verteilung der Wiederholungen viel besser erreicht als durch ihre Häufung.