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F. A. Lattmann in Goslar
gedruckt in einer Auflage
von 600 handschriftlich
numerierten Exemplaren,
davon dieses Nr.
DER KÖNIG CANDAULES
DRAMA IN DREI AKTEN
VON ANDRÉ GIDE
DEUTSCHE UMDICHTUNG
VON FRANZ BLEI
ERSCHIENEN 1905 IM
INSEL-VERLAG LEIPZIG
ÜBER DIE ENTWICKLUNG
DES THEATERS.
Die Entwicklung der dramatischen Kunst aufzuweisen, ist ein Gegenstand von eigentümlicher Schwierigkeit. Das dramatische Kunstwerk findet und kann seinen hinreichenden Zweck nicht in sich selber finden; der Dramatiker richtet es vielmehr sozusagen zwischen dem Zuschauer und dem Schauspieler auf, und so nehme ich mir vor, mich einmal auf den Standpunkt des Dichters, dann auf den des Schauspielers und schließlich auf den des Zuschauers zu stellen.
Eine andere Schwierigkeit, und keine geringe, kommt daher, daß zu dem Erfolg eines Stücks oder selbst einer ganzen Gattung von Stücken, manches in Betracht kommt, das mit der Literatur gar nichts zu tun hat. Ich meine damit nicht nur diese vielfachen Elemente, die das dramatische Kunstwerk zu seiner Darstellung und zu deren Erfolg braucht, wie Dekoration, Kostüm, Frauenschönheit, Talent und Berühmtheit der Schauspieler; ich meine damit vielmehr besonders die sozialen, patriotischen, pornographischen oder pseudokünstlerischen vorgefaßten Meinungen des Autors. Die erfolgreichen Stücke unserer heutigen Bühne sind zumeist in solchem Maße aus solchen vorgefaßten Meinungen fabriziert, daß man, läßt man eine nach der anderen fallen, fast vom ganzen Stück nichts übrig behält.
In den meisten Fällen dankt eben diesen vorgefaßten Meinungen und Anschauungen das Stück seinen Erfolg; und der Autor, der ihnen nicht gehorcht, dem bloß und nichts als die Kunst seine vorgefaßte Meinung ist, riskiert meistens, nicht nur nicht beliebt zu sein, sondern gar nicht aufgeführt zu werden.
Da aber das Drama nur virtuell im Buche, völlig nur auf der Szene lebt, sieht sich der Kritiker, der sich heute mit der Entwicklung des Theaters und der hierzu parallelen der Schauspieler und des Publikums beschäftigt, verpflichtet, von Werken zu sprechen, die nur eine sehr entfernte Beziehung zur Kunst haben, und Werke von rein künstlerischem Wert hinwider zu ignorieren oder von ihnen nicht anders zu sprechen, als von Buchdramen, deren Entwicklung weit verschieden von jener anderen des gespielten Dramas ist, zu dem sie außerdem in Opposition steht.
«Bei den in Gesellschaft lebenden Tieren, schreibt Darwin, ändert die natürliche Zuchtwahl die Formation eines jeden Individuums in der Richtung seines Nutzens für die Gemeinschaft, – immer unter der Bedingung, daß die Gemeinschaft von der Änderung profitiert.» – In unserm Falle profitiert die Gemeinschaft nicht … Der nicht aufgeführte Dramatiker schließt sich in seinem Werke ein, entzieht sich der allgemeinen Entwicklung und endet damit, sich ihr zu widersetzen. Diese Werke sind alles solche der Reaktion.
Reaktion gegen was? – Ich könnte sagen: gegen den Realismus, aber dieses bereits so vielsinnige Wort würde mich selbst sehr bald in große Verlegenheit bringen. Der schlimmste Sinn, den ich dem Worte gegen könnte, reichte nicht hin, die Werke des Herrn Rostand etwa des Realismus zu überführen, oder des Antirealismus die Komödien Molières oder die Dramen Ibsens. Ich möchte lieber von einer Reaktion gegen den Episodismus sprechen, in Mangel eines besseren Wortes. Denn die Kunst besteht nicht im Verbrauch heroischer, historischer oder legendärer Personen, wie es nicht notwendig unkünstlerisch ist, die Bourgeois von heute auf die Bühne zu bringen. Gleichwohl etwas Wahres in dem Worte ist, das ich in Racine's Vorrede zum «Bajazet» lese: «Die tragischen Helden wollen mit einem andern Auge angesehen sein als wir für gewöhnlich die Leute aus unserer Nähe betrachten. Man kann sagen, unser Respekt vor dem Helden wächst in dem Maße seiner Entfernung von uns.» Ich möchte noch hinzufügen, daß dieser Respekt vor den dargestellten Personen vielleicht nicht nötig ist. Daß der Künstler seine Wahl in einer ferneren Zeit trifft, kommt wohl daher, daß die Zeit zu uns nur ein Bild kommen läßt, das schon alles Episodische, Bizarre und Vorübergehende verloren und nichts sonst behalten hat als sein Teil der tiefen Wahrheit, auf der die Kunst schaffen kann. Und die Fremdhaftigkeit, die der Künstler hervorzubringen sucht, indem er seine Menschen von uns entfernt, zeigt eben dies sein Verlangen an: um sein Kunstwerk als ein Kunstwerk zu geben, als nichts sonst, und nicht hinter der Illusion einer Realität herzulaufen, die selbst wenn sie glückte nur eine Realität noch einmal wäre: ein Pleonasmus. Und ist es nicht, und fast mit Wissen dieses selbe Verlangen, das unsere Klassiker an den drei Einheiten festzuhalten trieb: aus dem Drama kühn und offensichtlich ein Kunstwerk zu machen?
Wenn immer die Kunst ermattet ist, verweist man sie auf die Natur, wie man einen Kranken ins Bad schickt. Aber die Natur kann da nichts – es ist ein Quiproquo. Ich gebe zu, daß es manchmal ganz gut ist, wenn sich die Kunst auf die Weide treibt und sie, blaß von Erschöpfung, auf freiem Feld, im Leben die Hoffnung auf neue Kraft sucht. Aber die Griechen, unsere Meister, wußten ganz gut, daß Aphrodite nicht aus einer natürlichen Befruchtung geboren ward. Die Schönheit wird niemals eine natürliche Schöpfung sein: man erreicht sie nur durch künstlichen Zwang. Kunst und Natur sind Rivalen auf der Erde. Gewiß: der Künstler umfaßt die Natur, die ganze Natur, drückt sie in seine Brust, aber er könnte in Erinnerung an den berühmten Vers sagen: «Ich umarme meinen Rivalen – um ihn zu erdrücken.»
Die Kunst ist immer das Resultat eines Zwanges. Glauben, daß sie sich um so höher erhebe je freier sie sei, das ist zu glauben, das was den Papierdrachen am Steigen verhindere, sei die Schnur. Aber ohne Schnur könnte er sich nicht erheben. Kant's Taube denkt, sie flöge besser ohne den Widerstand der Luft, der ihrem Flügel lästig ist, aber sie weiß nicht, daß ihrem Fliegen dieser Widerstand der Luft Bedingung ist, auf die sie ihren Flügel stützen kann. Auf gleichen Widerstand muß sich die Kunst stützen, um steigen zu können. Ich sprach von den drei dramatischen Einheiten, aber was ich nun sagen will, gilt ebenso für die Malerei als für die Plastik, für die Musik wie für das Gedicht. Die Kunst wirbt um die Freiheit nur in Zeiten der Krankheit: sie möchte mühelos sein. Aber wenn sie in starker Kraft ist, sucht sie den Kampf und das Hindernis. Sie liebt ihre Blattscheiden platzen zu machen, und deshalb wählt sie diese eng und knapp. Ist es nicht in Zeiten des starken Überschäumens von Leben, daß die pathetischesten Geister den Genuß der striktesten Form fühlen? Daher das Sonnet, aus der üppigen Renaissance heraus, bei Shakespeare, bei Ronsard, Petrarca, selbst bei Michel-Angelo; die Verwendung der Terzine durch Dante; die Liebe zur Fuge bei Bach; dieses unruhige Bedürfnis nach dem Zwang der Fuge in den letzten Werken Beethovens. Gibt es ein Staunen darüber, daß die Expansionskraft des lyrischen Atems im Verhältnis zu seiner Kompression steht, oder daß es die zu überwindende Schwere ist, welche die Architektur ermöglicht?
Der große Künstler ist der, den die Hinderung erregt, dem das Hindernis als Sprungbrett dient. Es wird erzählt, daß es ein fehlbehauener Marmorblock war, der den Michel-Angelo diese starke Geste seines Moses zu erfinden veranlaßte. Es ist die beschränkte Zahl von Stimmen, über die er gleichzeitig auf der Szene verfügen konnte, die dem Äschylos der Zwang war, das Schweigen des Prometheus zu erfinden, da man ihn an den Kaukasus kettet. Griechenland schickte den in die Verbannung, der der Lyra eine neue Saite gab. Die Kunst aus dem Zwang geboren, lebt vom Kampfe, stirbt an der Freiheit.
Der Künstler freute sich sonst darüber, das Drama an Ausdruck gewinnen zu lassen, was es alsbald an Schönheit verlor und er verminderte nach und nach den Raum, der Bühne und Theatersaal trennt. Eine verhängnisvolle Entwicklung, scheint es. Diese «Distanz» zwischen Zuschauer und dargestellter Person zu vermindern, den Helden zu vermenschlichen, daran arbeitete auch der Schauspieler nach Kräften. Eins nach dem andern gab er auf, Maske, Kothurn, alles was aus ihm etwas Fremdartiges machte und das man nach dem zitierten Wort Racine's «mit einem andern Auge betrachten solle als wie wir gewöhnlich die Personen betrachten, die wir aus nächster Nähe kennen.» Er unterdrückte alles, bis auf das konventionelle Kostüm sogar, das er sozusagen abstrakt machte und der Person nichts sonst ließ, als was ihr allgemein und menschlich war. Wenn es darin vielleicht einen Fortschritt gab, so war der doch gefährlich und nicht wenig. Unter dem Vorwande der Wahrheit suchte man die Exaktheit. Kostüme, Requisiten, Dekorationen strengten sich an, Ort und Zeit des Dramas zu präzisieren, unbekümmert darum, ob sich Racine nicht vielleicht um das direkte Gegenteil gekümmert hatte.
Bevor Talma den «Mahomet» des Voltaire spielte, glaubte er gut daran zu tun, zuvor den Mahomet der Geschichte einen ganzen Monat lang zu studieren. Er erzählte es selbst, wie er «zu große Verschiedenheiten zwischen seiner Auffassung des Mahomet und der des Voltaire gefunden und daher sofort die Rolle abgegeben habe, die zu spielen ihm unmöglich gewesen wäre ohne der Wahrheit Gewalt anzutun.» Der Fall zeigt besser als man es erfinden könnte, wie der Autor den Akteur gegen sich hat. Hier mag es ja hingehen, denn Voltaires «Mahomet» ist kein gutes Stück, aber … Nach einer Darstellung des «Britannicus» hielt man einem unserer größten Schauspieler vor, daß er seine Rolle nicht so auffasse, wie es Racine vielleicht verlangt habe. «Racine?… wer ist das?» antwortete er. «Ich, ich kenne nur Nero.»
Die unvermeidliche Mitarbeit des Schauspielers partikularisiert dort wo der Autor generalisiert. Ich kann darob den Schauspieler nicht anklagen; das Drama ist kein Abstraktes; die Charaktäre sind Vorwand für Generalisierung, aber immer Wesen von besonderer, partikularer Wahrheit; und das Drama ist wie der Roman der Schauplatz der Charaktäre.
Das Theater ist eine merkwürdige Sache. Wir Zuschauer kommen da des Abends zusammen, um von andern Leidenschaften gemimt zu sehen, die wir selbst zu haben kein Recht besitzen, – weil sich Gesetz und Sitte dem entgegenstellt. Ich möchte an ein außerordentliches Wort Balzac's erinnern; es steht in der «Physiologie der Ehe»: «Die Sitten, das ist die Hypokrisie der Nationen.» – Will er vielleicht damit sagen, daß diese Leidenschaften, die der Schauspieler darstellt, in uns nicht von der Sitte unterdrückt, sondern nur versteckt worden sind? Daß unsere gemessenen Bewegungen nur sind, um auf eine falsche Spur zu leiten? Daß wir die Komödianten sind – Hypokrites heißt im Griechischen der Schauspieler –, daß unsere Höflichkeit nur gemimt und die Tugend, diese «Höflichkeit der Seele», wie sie Balzac nennt, nur ein Dekorationsstück ist? Ist es daher, woher zum Teil unsere Lust am Theater kommt: da laut sagen zu hören, was die Wohlanständigkeit in uns erstickt? Manchmal wohl – doch häufiger noch sieht der Mensch die Leidenschaften auf der Bühne wie gebändigte wilde Bestien. Er hat die wundervolle Fähigkeit, das zu werden, was er zu sein prätendiert, und das ist was Condorcet schreiben ließ: «Die Hypokrisie der Sitte, das spezielle Laster der modernen europäischen Nationen hat mehr als man glaubt dazu beigetragen, die Energie des Charakters, welche die antiken Nationen auszeichnet, zu zerstören.» Die Hypokrisie der Sitte hat also nicht immer existiert.
Ja, der Mensch wird das, was er zu sein prätendiert; aber das zu sein prätendieren, was man nicht ist, das ist eine spezifisch moderne Prätention, deutlicher: die christliche. Ich sage nicht, daß die Intervention des Willens nichts in der Bildung oder Entbildung des Charakters vermag; aber der antike Mensch glaubte nicht anders sein zu müssen als er war. Der Mensch banalisierte sein Wesen nicht aus einem Zwang, sondern trieb es auf Äußerste aus Tugend; keiner verlangte von sich anderes als sich selbst und setzte sich neben den Gott ohne sich zu deformieren. Daher die große Zahl der Götter – so groß wie die Instinkte der Menschen. Das war nicht freie Wahl, die den Menschen sich diesem Gotte hingeben ließ; der Gott erkannte im Menschen sein Ebenbild. Oft kam es vor, daß er, der Mensch, sich dem Ebenbilde weigerte; und der so im Menschen verkannte Gott rächte sich, wie es so schrecklich dem Pentheus geschah in den Bacchen des Euripides.
Selten nahmen die antiken Menschen die Qualitäten der Seele als Güter, die man sich erwerben könnte, sondern nicht anders als die Güter des Leibes, wie einen natürlich zukommenden Besitz. Agathokles war gut, Charikles tapfer, so natürlich wie der eine ein blaues, der andere ein braunes Auge hatte. Die Religion steckte ihnen nicht auf eines Kreuzes Spitze dieses Bündel Tugenden, dieses moralische Phantom auf, dem gleich zu sein sie alle Wichtigkeit gab, unter Strafe anders für gottlos genommen zu werden. Der typische Mensch war nicht einer, sondern Legion und so gab es überhaupt keinen typischen Menschen. – So war die Maske da im Leben ohne Sinn und Brauch – und reserviert für den Schauspieler.
Spricht man über die Geschichte des Dramas, muß man sich vor allem dieses fragen: Wo ist die Maske? Im Saal oder auf der Bühne? Im Theater oder im Leben? – Sie kann nur hier oder dort sein. Die glänzendste Zeit des Theaters, jene, da die Maske auf der Bühne triumphiert, ist die Zeit, wo die sittliche Hypokrisie aus dem Leben verschwunden ist. Hinwider ist die Zeit, da siegte was Condorcet die «Hypocrisie des mœurs» nennt, jene, da man dem Schauspieler die Maske abreißt, wo man von ihm nicht mehr so sehr verlangt, daß er schön sondern daß er natürlich sei – was, wenn ich es recht verstehe, so viel heißt als: der Schauspieler soll sich ein Beispiel an den Realitäten oder mindest an deren Schein nehmen, das der Zuschauer ihm bietet, – das will sagen, ein Beispiel an einer einförmigen oder bereits maskierten Menschheit. Der Autor endlich, der gleichfalls in das Natürlichsein seinen Stolz setzt, soll sich zur Aufgabe machen, das Drama zu diesem Zustande zu liefern: ein monotones, maskiertes Drama, ein Drama, in dem das Tragische der Situationen – denn das Tragische braucht man immer – nach und nach das Tragische der Charaktere ersetzt. Diesen beunruhigenden totalen Mangel an Charakteren kann man im naturalistischen Drama beobachten, das die Wirklichkeit zu kopieren vorgibt. Das ist nicht erstaunlich. Unsere moderne Gesellschaft, unsere christliche Moral tun alles was sie können, Charaktere zu verhindern. «Die antike Religion, schrieb schon Macchiavel, sprach nur die Männer des weltlichen Ruhmes selig, die Heerführer, die Staatsgründer, unsere Religion glorifiziert eher die ergebenen und beschaulichen Menschen als die Tätigen. Unsere Religion will die Menschen stark, damit sie leiden können, nicht um große Taten zu vollbringen.» Mit solchen Charakteren – wenn es noch solche sind – was bleiben da noch für dramatische Aktionen möglich? – Wer aber Drama sagt, sagt Charaktere, und das Christentum widersetzt sich dem Charakter, indem es jedem Menschen ein allen gemeinsames Ideal aufstellt.
So gibt es auch kein rein christliches Drama. Der «Polyeucte» und der «Saint-Genest» können sich, wenn sie wollen, christliche Dramen nennen, und sie sind christlich durch dies und jenes christliche Element darin; aber Dramen sind sie nur durch ihr nichtchristliches Element, welches das christliche Element bekämpft.
Ein anderer Grund der Unmöglichkeit des christlichen Theaters ist der, daß sich der letzte Akt notwendigerweise in der Kulisse abspielen muß, ich meine im Jenseits. Im Himmel schließt der zweite «Faust», im Himmel schließt sicher der sechste Akt des «Polyeucte» und der sechste Akt des «Saint-Genest». Wenn ihn weder Corneille noch Rotrou schrieben, so nicht nur aus Respekt vor den drei Einheiten, sondern weil Polyeucte, Pauline, Saint-Genest an der Schwelle des Paradieses alle die Leidenschaft von sich fallen lassen, durch die das Drama Drama war und als vollendete, völlig entcharakterisierte Christen durchaus nichts mehr zu sagen haben.
Ich schlage keine Rückkehr zur Antike vor. Ich konstatiere einfach, woran unsere Tragödie stirbt: aus Mangel an Charakteren. Das Christentum ist nicht allein für diese Nivellierungsarbeit verantwortlich, von der Kierkegaard sagt: «Die Nivellierung ist nicht von Gott, und jeder gute Mensch dürfte Augenblicke kennen, da er über dieses Werk der Verwüstung weinen möchte.» – Für jene, über die die Begehrungen siegreich sind, ist es nicht schwierig an Götter zu glauben. Sie sind wahrhaft Götter, so lange sie herrschen; um sie der Gefälschtheit zu überführen, ist es schon nötig, daß die Einheit einer despotischen Vernunft sie verdrängt. Das ist die Erfindung einer Moralität, die aus dem Olymp eine Wüste machte. Der Monotheismus ist im Menschen, bevor außerhalb ihm ein Gott ist. In sich selber und bevor er seinen Glauben ins Blaue wirft, fühlt der Mensch Gott oder Götter. Antike oder Christentum – das ist zuerst eine Psychologie, dann erst eine Metaphysik. Die Antike war gleicherzeit der Triumph des Individualismus und der Glaube, daß der Mensch sich nicht anders machen kann, als er ist. Das war die gute Schule des Theaters.
Noch einmal: Ich schlage hier nicht die unmögliche Rückkehr zur Antike vor; ich kann auch nicht kühl Ende und Tod des Theaters konstatieren – aber es liegt mir daran, an dem, was heute das Theater tötet, zu erkennen, was es lebendig machen könnte, denn es ist nicht der Niedergang der dramatischen Kunst, an den ich glaube, sondern ihr Aufgang, den ich fast sehe.
Das Mittel, das Theater dem Episodismus zu entreißen, ist: ihm wieder Zwänge finden. Das Mittel, das Theater aufs Neue mit Charakteren zu beleben, ist: es wieder vom Leben entfernen.
Ich könnte leicht sagen, man solle uns die Freiheit der Sitten geben und der Zwang der Kunst würde folgen; man möge die Hypokrisie des Lebens unterdrücken, und die Maske stiege wieder auf die Bühne. Aber da nun schon die Sittlichkeiten und Moralen immer noch nicht hören wollen, so ist es am Künstler, den Anfang zu machen. Ich habe einige Hoffnung, daß die Moralen folgen; und deshalb:
Es ist klar, daß die neuen gesellschaftlichen Formen, die neuen Verteilungen des Besitzes, unvorhergesehene äußere Einschüsse viel für die Bildung der Charaktere bedeuten; doch glaube ich, daß man all dieser Dinge formgebende Bedeutung überschätzt: ich gebe ihnen nur die Bedeutung des Aufdeckens, Enthüllens. Alles ist immer im Menschen gewesen, mehr oder weniger offen oder verborgen – und was da die neue Zeit aufdeckt, wacht nur unter dem Blicke auf, doch war schlafend da in aller Zeit. Wie ich glaube, daß auch in unserer Zeit noch Prinzessinnen von Cleve und Celadone existieren, so bin ich überzeugt, daß es Adolphe, Rastignac und sogar Julien Sorel lange gab, bevor sie in den Büchern erschienen. Mehr noch: ich glaube, indem ich die Menschheit über die Rasse setze, daß man auch anderswo als in Petersburg, in Brüssel zum Beispiel oder in Paris Nedjanoff, Karamasoff und Anna Karenina finden kann. Aber so lange die Stimmen dieser nicht im Buch, auf der Bühne festgehalten, sind, sind sie verschlossen, erstickt unter dem Mantel der Sitten und warten auf ihre Stunde. Man horcht auf die Welt und hört diese Stimmen nicht, denn die Welt hört nur auf die, deren Stimme sie erkennt, und diese neuen Stimmen sind erstickt, unterdrückt. Man schaut auf den schwarzen Mantel der Sittlichkeiten und sieht nicht was darunter. Und: diese neuen Formen der Menschheit kennen sich selber nicht. Wie viele heimliche Werter kannten sich nicht und mußten erst auf die Kugel des Goethe'schen Werter warten, um sich zu töten! Wie viele verborgene Helden, die nur auf das Beispiel eines Helden in einem Buche warten, auf einen daraus zu ihrem Leben hin entsprungenen Funken um zu leben, auf sein Wort, um zu sprechen! Ist es nicht das, was wir vom Theater hoffen, daß es der Menschheit neue Formen des Heldentums gibt, neue Helden?
Und hier stoße ich auf eine letzte Schwierigkeit: unsere heutige Gesellschaft gestattet uns eine einzige Form des Heldentums (wenn das noch Heldentum ist): den Heroismus der Resignation, des Hinnehmens; deshalb ist es, daß wenn ein so mächtiger Schöpfer von Charakteren wie Ibsen über die Menschen seines Theaters den traurigen Mantel unserer Sittlichkeiten legt, er mit gleicher Hand seine heldenhaftesten Helden zum Bankerott verurteilt. Ganz notwendigerweise zeigt uns sein außerordentliches Theater Heldenbankerotte auf der ganzen Linie. Wie hätte er es anders gemacht, ohne sich von der Wirklichkeit zu entfernen – oder ebensogut, wenn nämlich die Wirklichkeit den Helden, den vortretenden dramatischen Helden erlaubte? Diese kühne Arbeit eines Prometheus, eines Pygmalion glaube ich jenen aufbewahrt, die beherzt einen tiefen weiten Graben vor der Rampe ziehn, die Bühne vom Saal, von der Wirklichkeit die Erfindung, vom Zuschauer den Schauspieler und vom Mantel der sittlichen Konvenienzen den Helden weit trennen.
«Die langsame und unendliche Zeit, sagt der Ajax des Sophokles, bringt ans Licht alles Verborgene und verbirgt was im Licht war, und nichts ist was nicht kommen kann.» Wir erwarten von der Menschheit neues, das ans Licht kommt. Oft behalten jene, die das Wort ergreifen, es schrecklich lang; die noch stummen Generationen sind ungeduldig in Schweigen. Die da sprechen und meinen, sie repräsentierten die Menschheit ihrer Zeit, sollen nicht vergessen, daß andere warten und daß sie es dann nicht mehr haben für lange, haben jene andern einmal das Wort genommen. Heute gehört jenen das Wort, die noch nicht gesprochen haben. Welche sind es? Das wird uns das Theater sagen.
Ich denke an das «offene Meer», von dem Nietzsche spricht, an das vom Menschen noch unentdeckte Land voll neuer Gefahren und Überraschungen für den kühnen Seefahrer. Ich denke was die Fahrten waren vor den Karten und ohne das genaue und begrenzte Repertoire des Gekannten. Und ich lese die Worte Sindbads wieder: «Nun schleuderte der Kapitän seinen Turban zu Boden, schlug sich ins Gesicht, raufte seinen Bart und warf sich in unsäglichem Schmerze auf dem Verdecke des Schiffes hin. Alle Reisenden und Kaufleute umringten ihn fragend, was all das bedeute. Der Kapitän sagte: Wir sind mit unserm Schiff vom rechten Wege ab, aus dem Meere, in dem wir waren, in eines gekommen, dessen Wege wir kaum kennen.» Ich denke an das Schiff des Sindbad – und daß unser Theater die Wirklichkeit verlasse und den Anker hebe.
Personen:
- Candaules
- Gyges
- Phedros
- Syphax
- Nicomedes
- Pharnaces
- Philebos
- Simmias
- Sebas
- Archelaos
- Der Koch
- Nyssia
- Trydo
Diener und Musikanten. – Zu alten Zeiten in Lydien.
ERSTER AKT
Die Szene stellt einen Teil eines wohlgepflegten Gartens dar, der zu einem Festsaal verwandelt ist. Etwas nach rechts ist eine Tafel reich gedeckt.
Prolog:
GYGES: Der, der ein Glück hält, soll sich gut verstecken! Und besser noch: sein Glück vor Andern. Hier wird Candaules seine Schmeichler lehren, an seinem Reichtum reich zu werden. Ich kann nicht schmeicheln, nicht schön reden, und stärker als meine Zunge sind meine Arme. Ich, der arme Gyges, hab' nichts, als vier Dinge auf der Welt: Meine Hütte, mein Netz, mein Weib und meine Armut. Ein Fünftes noch: die Kraft, mit der ich mir meine Hütte und meinen Stolz baute, die sich am Strand die Binsen brach, mein Haus zu decken. Ebbt das Meer, so sammle ich den Tang – getrocknet gibt er ein rauhes duftendes Lager, auf dem wir müde ruhn, ich und mein Weib. Zum Morgenaufgang zieh' ich aus, im einen Arm mein Netz, im andern meine Kraft. Ich fing den Fisch hier. Ich fing ihn, mein Weib, das wird ihn braten; seit zwei Tagen arbeitet sie draußen in den Palastküchen. – Wie wenn sein Glück ihm zu groß für einen einzelnen Menschen schiene, ruft der freigebige Candaules die Könige und Großen seines Reiches um sich. Man feiert Feste. – Ehemals kannte ich, der arme Gyges, Candaules, den König. Wir sind gleichen Alters und da wir beide jung waren, kam der kleine Candaules oft herab zur Küste und spielte da. Er spielte und wollte alle seine Spiele mit mir teilen, denn er hatte ein gebendes Wesen. Er erinnert sich nicht mehr daran, weil er reich ist, aber in dem Leben eines Armen bleibt alles. Seit jener Zeit sah ich ihn nicht mehr. Doch liebe ich Candaules und leide daran, daß ich ihn von solchen schamlosen Schmeichlern und Dummköpfen umgeben sehe, die seine gütige Art nützen und ihn preisen, ohne ihn verstehen zu können. Es lebe Candaules! Alle schönen Redensarten der Schmarotzer sind nicht das eine «Danke!» wert, das ihnen der König gibt. Aber was macht es Candaules, daß ich ihn liebe? Der Blick der Mächtigen schaut über die Kleinen weg und sieht sie nicht. Drum geh' ich, wenn auch zum Feste in den Küchen eingeladen, das endet spät, und später noch der Rausch. Und morgen fehl' ich dann den Fang. – Auf Gyges du Stolzer, Gyges du Nüchterner, trag deine nassen Netze in die Küche; dann warte an der Tür – schau' nicht viel um – bis daß dein Weib die Teller abgewaschen und mit dir geht in's Haus des Fischers Gyges. Komm', Gyges.
(Er geht ab.)
Erste Szene.
Der Koch und mehrere Diener mit Schüsseln treten ein.
DER KOCH: Überallhin Früchte … He! Gyges! Du gehst?… Nein, nicht hierher den Salat!… Gyges, bleib doch bei uns. Der König lädt' heut' Alles, was vorbeikommt in sein Haus. Ich lade Dich im Namen der ganzen Küche. Der König will, daß heute so viel Wein vergossen werde, daß er bis auf unsere Tische fließt und daß der kleinste Küchenjunge betrunken darunter liegt.
GYGES (der mit seinen Netzen beladen zurückkommt): Ich bin kein Diener des Königs.
DER KOCH: Was macht das? – Wenn des Königs Tisch zu voll ist und überläuft: mach' Dir's zu Nutzen.
GYGES: Es gefällt mir nicht, den König zu nutzen. (Er geht ab nach links.)
DER KOCH: Was für ein Tölpel! – Ein Glück, daß sein Weib es leichter nimmt. (Zu den Dienern): Eilt Euch, eilt Euch!
(Sebas und Archelaos sind eingetreten und gehen umher.)
SEBAS (nimmt eine Feige und ißt sie): Haben wir gute Plätze?
DER KOCH (zeigt ihm einen Platz):
SEBAS: Nah bei den Flötenspielerinnen, hoff' ich.
DER KOCH: 's gibt heut' keine.
SEBAS und ARCHELAOS: Oh!
DER KOCH: Die Königin will keine.
ARCHELAOS: Da werden wir uns mit dem Anblick der Königin trösten.
SEBAS: Sie wird also beim Fest sein?
DER KOCH: Das erste Mal, daß sie sich öffentlich zeigt.
SEBAS: Weshalb verbirgt sie sich? – Hält sie sich für zu häßlich?
ARCHELAOS: Im Gegenteil: für zu schön.
SEBAS: Stolz also?
(Beide lachen.)
SEBAS (nimmt wieder Feigen, ißt und reicht dem Archelaos davon): Das macht Appetit! – Ich bin verzweifelt, mein teurer Archelaos: Sie geht wieder!
ARCHELAOS: Wer denn?
SEBAS: Die Köchin!
ARCHELAOS: Dein Schatz von gestern Abend?
SEBAS: Ihr Mann holt sie nach dem Essen.
ARCHELAOS: Das tut mir leid für Dich.
SEBAS: Es tut mir leid für sie, das arme Kind … (Sie entfernen sich.) Also Flötenspielerinnen …
(Man hört):
ARCHELAOS: … Was ein Narr!!
(Nicomedes, Syphax, Pharnaces treten auf.)
NICOMEDES: Das kleine Fest kündet sich nicht übel an, mein lieber Syphax. Was denkst Du?
SYPHAX: Bess'res vom Fest als von Candaules.
PHARNACES: Und doch ist er besser als das Fest.
NICOMEDES: Glaubst Du?
PHARNACES: Gewiß – denn dieses Fest läßt uns nur einen Candaules sehn, während Candaules uns viele Feste sehen läßt.
DER KOCH (zu den Dienern): Feigen hierher.
SYPHAX (kommt mit Nicomedes vor): Ich fange wirklich an zu glauben, daß es weder Politik noch Dummheit ist, was den König veranlaßt, uns mit Festen und Geschenken zu überschütten, es ist vielmehr, wie Du es sagtest, so eine Art unentschiedener Gnädigkeit.
NICOMEDES (bestätigt): Das ist es.
DER KOCH: Da fehlen noch zwei Becher.
SYPHAX (fortfahrend): Und das ist gerade, was mich geniert. So lang ich auch den König schon verachte, ich nahm seine Geschenke gern; aber wenn er wirklich der ist, den ich ihn zu glauben anfange, so bin ich es, den ich nun verachten will.
NICOMEDES: Ach laß doch! Du nimmst doch nichts sonst, als was er Dir anbietet. Komme das Gute nun vom Himmel oder vom Menschen – die Wohltat freudig hinnehmen, das ist das Geheimnis des Glücks.
DER KOCH: Nun ist wohl alles fertig.
(Er zieht sich mit den Dienern zurück. – Die Herren entfernen sich.)
Phedros und Simmias, freundschaftlich verschlungen, Philebos.
PHEDROS: Nein, glaub' mir, Lieber: Der König Candaules ist weiser als Du zugibst. Es ist eine große Weisheit, sich für glücklich zu halten.
SIMMIAS: Ist er denn wirklich glücklich, oder scheint er es bloß?
PHEDROS: Noch mehr Weisheit braucht es dazu, glücklich zu scheinen.
PHILEBOS: Sich glücklich glauben, ist mehr wert, als es zu sein suchen.
PHEDROS: Trotz aller seiner Schätze, weiß er doch den Wert der Freundschaft. Er weiß, sie ist nicht mit Gold zu kaufen. So macht er sich wenig aus der Freundschaft seiner Schmeichler und schätzt nach ihrem Preis ihre Worte, und bezahlt er sie, so tut er's ohne Glauben. Mehr noch – ich sah ihn gegen nichts sonst aufgebracht, als gegen diese süßen Worte.
PHILEBOS: Wenn eines noch sein Glück beunruhigt, ist es dies, um sich und eben wegen seines Reichtums nur Höflinge zu spüren – und nicht einen Freund.
SIMMIAS: Er hat seine Frau.
PHILEBOS: Die Frau – der Freund ist nicht dasselbe.
SIMMIAS: Man sagt, er liebe sie leidenschaftlich.
PHEDROS: Da tut er recht.
SIMMIAS: Man sagt, sie sei ganz wunderbar schön.
PHILEBOS: Nur hat sie noch niemand sehen können.
SIMMIAS: Man sagt, sie würde heut' Abend beim Fest erscheinen.
PHILEBOS und PHEDROS: Wer sagt das?
(Währenddem ist Candaules mit einigen der Herren nähergekommen. Er hört die letzten Worte, und)
SIMMIAS (wendet sich zu ihm und sagt): Aber Candaules selbst.
Zweite Szene.
CANDAULES: Ja, Candaules sagt es. Ja, die Königin Nyssia wird an diesem Abend das Fest schmücken. – Ein köstlicher Abend … die Schönheit dieses Tages wuchs bis zu dieser Stunde, wie eine Freudenhymne, die bis zum höchsten Klingen stieg, daß sie die Sinne kaum mehr noch vernehmen. Nun ruhigt alles und verklingt … doch draußen da, auf der kleinen Terrasse, kaum eine Stunde ists her, da war's ein Schwelgen, Wollust … Ihr hättet mit uns kommen sollen, süßer Philebos. Der Lorbeer unten steht in Blüten und ist im Schatten ein Duft davon …
SYPHAX, NICOMEDES und PHARNACES: … köstlich.
CANDAULES (immer zu Philebos, der sich noch zu Phedros und Simmias hält): Ihr geniert Phedros und Simmias.
SIMMIAS (lächelnd): Oh … nicht …
CANDAULES: Die Beiden – ja, von denen verlange ich nicht, daß sie mit mir kommen. Ihre Freundschaft sucht die Einsamkeit und füllt sie aus. Ich bin eifersüchtig auf Deine Freundschaft, schöner Simmias. Sie ist kostbarer als all mein Gut, und ich will, daß all mein Gut sie schütze. Sebas, für Dich ließ ich von weit her weiße Feigen pflücken, ich mag es gern, daß Dein guter Geschmack sie den andern vorzieht – Du findest sie wie ich süßer und duftender. Pharnaces, Dein Witz hat mich unterhalten, morgen mußt Du mir die Geschichte weitererzählen. Die Verse, die Du mir lasest, lieber Syphax, sind hübsch, ich werde sie in Musik setzen lassen. – Armer Archelaos, diesen Abend gibt es keine Flötenspielerinnen … die Königin wird da sein … Siehst Du sie wieder an wie gestern, wird ihre Scham es ungern merken. Werte Herren, – verzeiht, ich schäme mich des Verlangens: daß Ihr bedacht in Euren Reden seid: die Königin wird hier sein. Gleich komme ich mit ihr. (Er entfernt sich, kommt indes ein Weniges zurück.) Was für ein köstlicher Abend!… Wir hatten, süßer Philebos, auf der Terrasse, die süßesten Sorbetts, die Du träumen kannst … – O Fülle meines Glückes! Wie hätte ich an meinen Sinnen allein genug, es zu erschöpfen! So sei Euch, Ihr Herren, Dank dafür, daß Ihr mir helft, das Ende dieses Tages auszupressen, wie den Saft der Traube, alles, was der Tag an Trunkenheit und Glück enthält. Eine Freude, mit Euch geteilt, ist zwiefach. – Und morgen wiederholen wir diesen schönen Tag … (Er geht.)
SYPHAX: Candaules ist doch wundervoll!
ARCHELAOS: Er ist schön.
SEBAS: Er ist groß.
NICOMEDES: Seine Art, uns zu empfangen, ist einfach glänzend.
PHARNACES: Ja, wahrhaftig, das ist sie.
SYPHAX: Wir müssen dann gleich auf das Glück des Candaules trinken.
PHARNACES: Das ist gefährlich, Syphax.
SYPHAX: Für wen? – Für mich?
PHARNACES: Für ihn.
SYPHAX: Ah! Woher könnte ihm das Unglück kommen?
NICOMEDES: Vielleicht von seiner Frau.
PHEDROS: Es gibt keine, die treuer wäre.
PHILEBOS: Oder … von ihm selbst …
SIMMIAS: Still! Schweig – da sind sie.
Dritte Szene.
CANDAULES (zur Königin): Schlage den Schleier zurück: Alle sind meine Freunde.
DIE KÖNIGIN: So viele Freunde, hoher Herr! Ich wußt Euch reich, doch dacht' ich Euch es nicht so sehr. Und seien Alle mir willkommen, da Ihr mich neben ihnen an diesem Tische wollt.
(Alle setzen sich. Eine gewisse Verlegenheit folgt den Worten der Königin.)
ARCHELAOS (zu Pharnaces): So sprich doch was!
PHARNACES (halblaut): Ich weiß nicht, was sagen, als daß die Königin sehr schön ist.
ARCHELAOS (zu Philebos): Sprich Du …
PHILEBOS (macht eine stumme Geste).
DIE KÖNIGIN: Wie das? Ihr schweigt – ist's meinetwegen? Wie groß auch mein Vergnügen sei, dem, was Candaules will, zu dienen und ich mich, wie ich's tat, an diese Tafel setzte – könnt' ich denken, daß ich die Festfreude nur in Etwas störte, so stünde ich wohl gleich auf und ginge wieder, denn die laute Freude ist besser hier am Platze als die Königin.
NICOMEDES: Nichts wag' ich sonst der Königin zu sagen, als dieses, daß es die ungewohnte Schönheit ihres Angesichts, die jeden von uns so sehr in Staunen setzt, daß unser Schweigen nichts anderes ist als stumm schauende Bewunderung.
CANDAULES: Laß, Nicomedes! Das ists gerade, was die Königin nicht wollte und fürchtete: daß man sie preist. – Nyssia, ich bitt' Euch, antwortet ihnen. Wacht Ihr mir darüber nicht, passiert's den Herren, daß sie dem Feste nichts sonst bieten als ein langweiliges Hin und Her von wohlgesetzten Komplimenten und Worten ohne Witz und Laune. Wohl macht das Ungewohnte Eurer Gegenwart so sie leicht gezwungen, ängstlich. Doch glaubt mir, sonst wissen sie wohl bessere Worte, leichtere Rede. Mög' Euer Witz ihnen gnädig zuhülfe kommen, das Übel heilen, das Eure Schönheit ihnen antat … wir wollen ein Fest begehen.
DIE KÖNIGIN: Ist wirklich mein Gesicht die Schuld daran, mein hoher Herr, ist's leicht zu machen, daß es nicht mehr schade. Erlaubt, daß ich vor seiner Röte einen Schleier lege, den ich nur gezwungen hob, vor Andern als vor Euch.
CANDAULES (erregt): Nein, Nyssia, nein … noch solche Worte mehr und unser Fest ist ohne Freude. Schlag' den Schleier zurück, Nyssia. Und wir, Ihr Herren, wir trinken den ersten Becher auf die Freude! Die Freude dieses Festes schläft noch, auf! Der Lärm der Stimmen soll sie wecken! – (Bewegung.) Nyssia! – trink auch, Nyssia!
SYPHAX: Sprech ich im Namen Aller?
EINIGE: Sprich, Syphax, sprich zu!
CANDAULES: Füll' erst Deinen Becher wieder.
SYPHAX: Im Namen von Candaules' Freunden bringe ich dies der vollendeten Schönheit von Nyssia, Candaules Weib …
CANDAULES: Laß, Syphax!…
SYPHAX: Und dem Candaules, der ein so seltenes Gut sein Eigen nennt und, statt es zu verbergen und für sich allein zu halten, erlaubt, daß unsere ehrfurchtsvollen und entzückten Blicke sich dran berauschen.
EINIGE (heben ihren Becher): Gut! Gut gesagt, Syphax! Es lebe Candaules!
CANDAULES: Nicht doch, meine Werten! Ihr sollt mir es nicht danken, daß ich diesem Feste die Schönheit der Königin gewähre. Wahrhaftig: ich litt zu sehr daran, sie nur allein zu kennen. Je mehr mein Staunen vor ihr wuchs, so mehr fühlte ich auch, wie ich Euch Alle darum beraube. Wie ein habsüchtiger Wuch'rer kam ich mir vor, der ohne Recht das Licht zurückhält.
PHARNACES: Ohne Recht, Candaules? Ist es nicht Recht, daß jeder sein Gut verwendet, wie es ihm beliebt?
CANDAULES: Vielleicht, – doch war mir, als täte ich Diebstahl an dem Gut, mit dem ich ganz allein zur Freude war.
SEBAS: Man kann einen sublimen Gedanken nicht schöner ausdrücken.
DIE KÖNIGIN (zu Candaules): Ihr scheint, Gebieter, zu vergessen, daß ich das Gut bin, von dem man spricht.
CANDAULES: Verzeiht, Ihr gebt den Worten falschen Sinn! Ich dachte, Nyssia, an Euch nicht mehr und was ich sagte, sagte ich nur so im allgemeinen.
PHILEBOS: Und Ihr, Frau Königin was denkt Ihr von dem Mitbesitz und Teilen?
SIMMIAS (zu Phedros): Philebos ist sehr kühn.
DIE KÖNIGIN (zu Philebos): Ich denke, man tötet lieber manches Glück, als daß man's teilen könnte.
(Das Fest wird nach und nach belebter. – Die Stimmen drängen sich, und Sebas, Phedros und Candaules antworten fast gleichzeitig.)
CANDAULES (gereizt, als ob er nur die Antwort der Königin gehört hätte): Es kommt d'rauf an, mit wem …
PHEDROS (zu Simmias): Hast Du gehört, wie fein die Königin das gab?
SEBAS: Man kann nicht hübscher auf eine doch so heikle Frage antworten.
CANDAULES: Laß, Sebas! Gieb Dich lieber mit den Feigen ab. (Er wirft ihm eine zu.) Phedros! Du trinkst nicht? Reich' mir Deinen Becher, komm! Ich habe mir vorgenommen, Euch Alle auf die Probe zu stellen.
NICOMEDES: Uns auf die Probe, Candaules? – Und womit?
CANDAULES: Mit dem Rausch.
PHEDROS: Ich bin ein trauriger Trinker, und aller Rausch erschrickt mich. Erlaß es mir, Candaules.
CANDAULES: Was fürchtest Du, Phedros? Der Rausch zeigt nichts sonst, als was wir in uns tragen. Was fürchtest Du ihn, der Du nur Edles in Dir hast? Die Trunkenheit entstellt nicht, übertreibt nur, nein, sie zeigt von jedem, was er sonst aus falscher Scham verborgen hält: Dir Phedros Deine Klugheit; dem Pharnaces und Syphax ihren Witz, dem Archelaos – nichts, dem Sebas die Feigen, mit denen er sich vollstopft.
PHEDROS: Der König fängt an, viel zu sprechen.
CANDAULES (zu den Dienern): Zerlegt den Fisch!
NICOMEDES: Wenn er nur braun genug ist.
CANDAULES: Ich wette, er war dort im Meer daheim, wo sich die Sommersonne zur Ruhe legt. Seht …
DER KOCH (zeigt den Fisch).
ARCHELAOS: Es ist ganz köstlich.
DER KOCH: Es ist ein Goldkarpfen.
CANDAULES: Trinken wir auf die Pracht dieses Fisches! Und Du, Pharnaces, machst uns die Verse auf den Karpfen!
PHARNACES: Der König scheint zu vergessen, daß die Fische stumm sind.
SYPHAX: Nicht alle! Man erzählt von einem der Orakel gab.
PHARNACES: Mach Du die Verse, Syphax!…
EINIGE: Den Spruch! Die Verse!
SYPHAX: Paßt auf … um so schlimmer, wenn sie schlecht sind:
Du Sonne, deren letzten Strahlen
Dich Karpfen durchaus goldig malen,
Laß auch den Dichter ohne Qualen
Dir diesen Spruch als Dank bezahlen.
PHARNACES und CANDAULES: Bravo, Syphax!
NICOMEDES: Hoffen wir, der Fisch ist besser als das Gedicht. (Man reicht den Fisch.)
CANDAULES: Wie findet Ihr ihn, Pharnaces? Archelaos?
PHARNACES: Ausgezeichnet …
ARCHELAOS (mit einem Schrei): Hölle! Was ist das? – Beinahe hätt' ich einen Ring gegessen!
NICOMEDES und ANDERE: Einen Ring? –
ARCHELAOS: Und habe mir zwei Zähne daran ausgebrochen.
SYPHAX (leise): Was ein gefräßiges Tier!
ARCHELAOS: Er war im Fleisch des Fischs versteckt. Ihr lacht dazu?!
SYPHAX und ANDERE (lebhaft widersprechend): Durchaus nicht! Nicht im geringsten!
SEBAS: Du nimmst eben zu große Bissen.
ARCHELAOS: Ich hätte dran ersticken können.
SYPHAX: Mindestens.
NICOMEDES: Zeig' doch den Ring.
PHILEBOS (gibt ihn ihm): Er ist nicht übel.
NICOMEDES (nimmt ihn in der Reihe): Im Fisch, sagst Du?
SYPHAX: Höchst sonderbare Nahrung.
NICOMEDES: Der Stein darin ist hübsch.
CANDAULES: Ein ganz gewöhnlicher Saphir, nichts weiter. Ich hab' mehr solche, größer noch und reiner. Morgen sollst Du sie sehen, Nicomedes.
SYPHAX (zu dem nun der Ring, der die Runde gemacht, gekommen): Wem gehört er nun, der Ring?
ARCHELAOS: Mir gab ihn der Fisch und ich geb ihn dem König.
SYPHAX: Für Archelaos ist das Wort sehr hübsch.
EINIGE: Dem König den Ring, dem Candaules!
PHEDROS (der den Ring genommen, um ihn dem König zu geben): Halt, da ist was eingeschrieben.
NICOMEDES (neigt sich schauend zu Phedros): Syphax hat Recht: der Karpfen hat gesprochen.
DIE KÖNIGIN und CANDAULES: Was sagt er?
NICOMEDES: Ich seh' nicht deutlich.
PHEDROS: Pharnaces hat scharfe Augen.
PHARNACES (erhebt sich und geht mit dem Ring zu einer der Fackeln, die die Diener mittlerweile gebracht hatten): Zwei griech'sche Worte.
CANDAULES: Und heißen?
PHARNACES: εὐτυχίαν κρύπτω
PHEDROS: «Ich verberge das Glück.»
EINIGE: «Ich verberge das Glück»? Was für ein Glück?…
NICOMEDES: Das Wort ist dunkel.
PHARNACES (als ob er noch etwas sähe): Wartet! – Da … (Alle in Erwartung.) Nein – es ist alles. König Candaules, ich stecke diesen rätselvollen Ring an Deinen Finger.
CANDAULES (hält mit einer Geste Pharnaces zurück): Koch! – Woher kommt der Fisch?
DER KOCH: Ein Mensch bracht' ihn vorhin. Der Fisch war schön, so kaufte ich ihn.
CANDAULES: Wo ist der Mensch?
DER KOCH: Er ist heim.
CANDAULES: Weshalb hast Du ihn nicht zum Gelage in der Küche zurückgehalten?
DER KOCH: Er wollte nicht.
CANDAULES: Ich seh's nicht gern, daß man zurückweist, was ich biete … Was für ein Mensch?
DER KOCH: Ein armer Fischer, weiter besond'res nichts.
CANDAULES: Und Du, Du gabst ihm für den Fisch?
DER KOCH: Vier Silberstücke.
CANDAULES: Gold verdiente er dafür.
DER KOCH: Er ist so unglücklich, daß Silber ihm genug ist.
CANDAULES: Es gibt nur Glückliche in meinem Reich, – oder es ist, daß ich ihn nicht kenne. Wie heißt er?
DER KOCH: Er hat, zu dienen, den Namen Gyges.
CANDAULES: Man suche ihn. Ich will ihn kennen. Ich schwöre es, kein Finger kommt in diesen Ring, bevor ich nicht den Mann gesehn. Gyges sagst Du?
CANDAULES: Bevor ich nicht mit Gyges, dem Fischer, gesprochen. Geh! Such' ihn!
DER KOCH (gibt einem Mann Befehle): Auf der Stelle.
(Ein ziemlich langes Schweigen begleitet das Schweigen des Königs. Dann hört man):
SEBAS: Es ist luftiger hier als drinnen im Saal.
PHILEBOS: Und diese Stelle hier im Garten ist wundervoll zur Nacht.
NICOMEDES: Was für ein Blick! Ich hab' es gern, wenn man so bis aufs Meer sieht: – wo sich, da seht, der wachsende Mond heraufhebt.
NYSSIA: Was ist das für ein Leuchten?
PHILEBOS: Es ist der Mond, hohe Frau.
NYSSIA: Nein! Da, da unten, ganz am Rand der Küste.
PHARNACES: Man möchte sagen, eine Hütte brennt.
NICOMEDES: Es sieht sehr schön aus, so in der Nacht, das Brennen.
SEBAS: Diese Fasane sind vorzüglich.
ARCHELAOS: Ich habe eine Wachtel genommen.
SYPHAX: Candaules spricht kein Wort und scheint bekümmert.
CANDAULES: Man sieht fast nichts mehr … bringt Fackeln, mehr Fackeln. (Man bringt Fackeln.) – Mein Becher ist leer. Der Eure auch. Philebos! Pharnaces … der Wein verdirbt.
(Philebos, dem man Wein eingießen will, weist zurück.) Und wenn Du schon nicht trinkst, so sprich – ich bin voll Unruh … dies Wort im Ring … was denkst Du davon? Philebos? Ich kann mein Denken nicht davon wenden.
PHILEBOS: Weshalb, Candaules? Ich glaube, nichts weiter ist's als solcher doppelsinniger Worte Spiel, wie sie im Brauche der Orakel. Was sie Geheimnisvolles haben, ist nur der Glaube, den man ihnen gibt. Mit vieler Mühe findet man am Ende nichts weiter in dem Rätsel als eine ganz gemeine Alltagswahrheit.
PHARNACES: Und öfter noch findet man überhaupt nichts.
CANDAULES: So meint Ihr, die Worte wollen fast nichts sagen?
PHILEBOS: «Ich verberge das Glück» –? Nein … nichts.
CANDAULES: So besser so. Ich hätte mich davon beunruhigen lassen.
NICOMEDES: Und dann, wenn Worte dieser Art schon einem nüchternen Menschen widerspenstig scheinen, sind wir, der eine nicht und nicht der andere, glaub' ich, jetzt im Stand, das Rätsel zu lösen.
SYPHAX: Du hast recht, Nicomedes! Trinken wir kurz und gut auf das Glück des Candaules. Er macht es dem Ring nicht nach, er verbirgt sein Glück nicht, im Gegenteil! –
PHARNACES (erhebt sich, um mit den Anderen anzustoßen): Es lebe Candaules, der glücklichste Mensch der Erde!
CANDAULES (schlägt mit der Faust heftig auf den Tisch): Was! Mein Glück! Was wißt ihr von meinem Glück!? Was!
PHEDROS: Nichts, Candaules.
CANDAULES (sich besinnend): Verzeiht, Ihr werten Herren – ich weiß nicht, was mich so bewegen konnte … Und Ihr, Nyssia, die Ihr schweigt, wenn man an Euch nicht ganz besonders das Wort richtet – sagt, was denkt Ihr von meinem Glück?
NYSSIA: Daß es ist wie ich, hoher Herr.
CANDAULES (von Neuem erregt): Rätsel! Wieder Rätsel! – Was meint Ihr damit? Sprecht!
NYSSIA: Ich wollte sagen, das Glück verwelkt, wird es entschleiert.
CANDAULES (in dem der Wein zu wirken beginnt): So bedeckt Euch! Es liegt mir nichts mehr daran nun Jeder Euch gesehen hat.
NYSSIA (macht eine Bewegung traurigen Erstaunens).
CANDAULES: O, verzeiht, Nyssia!… Was habe ich sagen können? Ach Schmerz … ich will Euch keinen Schmerz antun. Doch weil mein Glück, weil mir mein unverborg'nes Glück im Andern seine Kraft und seine Heftigkeit zu schöpfen scheint, so kommt's mir vor, oft kommt's mir vor, es existierte nur im Wissen, daß die Andern davon haben und daß ich's erst besitze, wenn Andere wissen, daß ich es besitze. Dies schwör' ich Euch, Ihr Freunde, wenig läg' mir daran, die Erde mein zu nennen, wär' ich allein auf ihr und keiner da, der wüßte, daß die Erde mein ist. Glaubt mir dies: ich fühle meinen Reichtum nur, da Ihr ihn nützt. Ich bin so reich …! Kein Rausch ist stark genug, daß er mich dieses übertreiben machte: ich bin sehr reich. Und da ich vorhin unwillig ward, als Ihr mein Wohl, das Wohl des reichsten Menschen dieser Erde tranket, so war es nur, weil Ihr ja gar nicht wißt, wie reich ich bin.
PHEDROS: Nicht auf Deinen Reichtum tranken wir, Candaules, wir tranken auf Dein Glück.
CANDAULES (beugt sich vor, sich ereifernd): Das ist das Schlimm're! Was? Was wißt Ihr von meinem Glück? Weiß ich denn selbst davon? Kann man sein Glück denn ansehn, greifen? Man sieht nur das der Anderen. Das eigene fühlt man nur, wenn man's nicht ansieht. – Die Luft ist schwül heut Nacht und ihre Wollust drückend … Und dieser Gyges! Was ist's mit ihm! (Er erhebt sich und schwankt ein wenig, aber ganz wenig.) Wenn Gyges kommt, so wollen wir ihn betrunken machen. (Man gießt ihm ein. – Er nähert sich Phedros.) Und Du weißt nicht, Phedros, noch nicht weißt Du – ein Geheimnis …
(Er setzt sich zwischen Phedros und Simmias. Die Tafel ist etwas in Unordnung, wie bei unsern Mahlzeiten, wenn der Kaffee gereicht wird. Nicomedes nähert sich der Königin und spricht zu ihr.)
CANDAULES (zu Phedros): Und dann – was liegt mir, mir am Glück? Nicht wahr, 's ist nur des Armen würdig, sich zu beschäftigen mit dem Glücklichsein. Sag, verstehst Du mich, Phedros? Und Deine Weisheit, unterschreibt sie, was ich nur Dir sagen kann? Jedes neue Gut, das man besitzt, es schleppt sein neues Verlangen nach, es zu probieren, es zu wagen … Und Besitzen, das ist für mich Versuchen, Wagen. (Er schlägt mit seinem Becher auf den Tisch und hört auf den Ton.) Warum sagst Du nichts, Phedros? Hast Du nichts getrunken? Phedros, ist Dein Glück denn in der Ruhe? Hab' ich mehr Weisheit, als Du Philosoph, um zu verstehen, daß, nur wo das Leben überfließt, das Glück ist? O Phedros! Für mehr Glück und mehr Leben verbraucht sich der Mensch, wenn er arm ist, im Verlangen – das ist die eine Art, verstehst Du? Aber nichts verlangen, nein: Arbeiten für das, was man verlangt. Und wenn man es hat, es wagen. Verstehst Du. Das Glück auf's Spiel setzen – das ist die andere Art, die Art der Reichen. Das ist die meine. Ich bin so reich, Phedros, und des Lebens so voll …
SIMMIAS: Wäre Dein Glück eine Freundschaft, Du sprächst nicht davon, mit diesem Glück zu spielen, Candaules: aber eine Freundschaft, das ist es, was Dir fehlt.
CANDAULES: Du hast recht. Um wieviel Schätze, schöner Simmias, kaufte ich nicht die Deine!
DER KOCH (kommt mit Gyges, von links.)
DER KOCH: König, hier ist der Fischer.
CANDAULES (von der rechten Seite des Tisches, wo er sich niedergelassen): Also Du bist Gyges?
GYGES: Ja, ich bin Gyges, König Candaules.
CANDAULES: Gyges, der Fischer.
GYGES: Ja, Gyges der Fischer.
CANDAULES: Gyges, der Arme.
GYGES: Gyges, der Arme, König Candaules.
ARCHELAOS: Er ist nicht sehr gesprächig.
SEBAS: Das hat er von den Fischen.
CANDAULES: Laß, Sebas, – Komm näher, Gyges. Warum bist Du nicht beim Gelage in den Küchen?
GYGES (antwortet nicht).
CANDAULES: Man reiche ihm einen Becher. Trinkst Du manchmal Wein?
GYGES: Sozusagen nie.
CANDAULES: Trink! (Er sieht einen Sklaven gewöhnlichen Wein eingießen.) Nein! Nicht von dem! Bessern.
PHARNACES: He! Das schmeckt, Gyges!
CANDAULES: Laß, Pharnaces! Ist es wahr, daß Du so unglücklich bist, Gyges?
GYGES: Nein, nicht unglücklich – elend.
CANDAULES: Bist Du sehr arm?
GYGES: Ich habe, was ich brauche.
SYPHAX: Für einen Fischer ist er gar nicht so dumm.
CANDAULES: Was hast Du denn?
GYGES: Ich hatte ein kleines Haus. Aber mein Weib kam aus Deinen Küchen, König, und hatte sich da ein wenig betrunken. Sie wollte das Herdfeuer aufschüren, mir meine Suppe zu wärmen. Sie brachte Feuer an's Stroh und, ich weiß nicht wie es kam, die Hütte war wohl ausgedörrt – Alles brannte nieder.
CANDAULES: Hattest Du sonst nichts, Gyges?
GYGES: Meine Netze – sie verbrannten in der Hütte.
CANDAULES: Wie kann auf dieser selben Erde, neben einem Glück wie dem meinen, wie kann ein solches Elend sein?… Ich will Dein Weib sehen armer Gyges.
ARCHELAOS: Und ich auch.