Stromaufwärts

Aus einem Frauenleben


von
Angela Langer

1913


S. Fischer, Verlag, Berlin

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
Copyright 1913 S. Fischer, Verlag, Berlin.

Herrn
Otto Brandes
in dankbarer Freundschaft gewidmet.

Vom Volke nahm ich's,  
Dem Volke geb' ich's ..
Angela Langer

Meine Eltern hatten einen kleinen Laden und eine ganz kleine Wohnung dabei. In dem Laden lagen viele Sachen, wie Kerzen, Seifen, Bürsten und noch anderes, das mir ungeheure Achtung einflößte. Wenn Weihnachten herannahte, erhielt mein Vater jedesmal eine gewaltige Kiste, deren Auspacken mein größtes Glück war. Oft verschob mein Vater diesen feierlichen Akt, und in meiner Ungeduld mahnte ich ihn manchesmal daran. Wenn er dann endlich eines Morgens erklärte, er würde heute die Kiste öffnen, stand ich schon lange, bevor er sich wirklich daranmachte, mit einem Hammer und einer Zange in den Händen um ihn herum und konnte meine Ungeduld kaum zügeln.

Mit größter Spannung beobachtete ich dann, wie mein Vater das Stemmeisen zwischen die Kiste und den Deckel preßte, um die Nägel zu lockern, wobei er den Deckel oft sprengte. Unter diesem lag gewöhnlich eine dichte Schicht fein geschnittener Papierschnitzel und darunter wieder waren die kleinen Kästen, die allerhand Figuren aus Zucker oder Schokolade enthielten. Beim Auspacken fand sich dann oft etwas Zerbrochenes vor, wie ein Reiter, dem der Helm abgeschlagen worden war, ein Fähnrich, der seine Fahne verloren hatte, oder eine andere Gestalt, der Arm oder Bein fehlte. Von diesen zerbrochenen Stücken gab mir mein Vater oft das eine oder das andere, aber ich bezähmte meine Sehnsucht, die Sachen sogleich zu verzehren. Ich suchte mir einen kleinen Zweig oder sonst etwas, das wohl mit sehr viel Einbildung einen Christbaum vorstellen konnte, hängte den zerbrochenen Engel oder den verunglückten Reiter daran, um dann mit vielem Bedacht ein Stück nach dem andern herunter zu essen. Mein Bruder half mir in allen diesen Dingen, besonders im Essen.

Ich erinnere mich eines Weihnachtsabends. Ich zählte ungefähr fünf Jahre, mein Bruder vier, als ich eine ganz kleine hölzerne Puppe bekam, die mich ungemein erfreute. Sie hatte kein Haar und konnte sich auch nicht viel bewegen, doch das merkte ich damals kaum. Ich saß auf dem weißgescheuerten Fußboden und spielte glückselig mit ihr. Mein Bruder hatte ein kleines Messer mit einer Klinge, wie man sie in unserer Gegend zum Weintraubenschneiden benutzt, erhalten und war sehr stolz darauf.

Den nächsten Morgen saßen wir beide in unseren Hemdchen auf dem großen Tische, der mitten im Zimmer stand, und meine Mutter war daran, uns zu waschen. Sie hatte irgend etwas aus der Küche zu holen, und während sie draußen war, sagte mein Bruder, daß meine Puppe nicht schön sei, worauf ich erwiderte, daß sein Messer nicht schneide. Daraufhin frug er mich, ob er es an meinem Beine probieren solle. Ich erlaubte es sofort, worauf er das Messer unter meinem Knie ansetzte. Im nächsten Augenblick zeigte sich ein roter Streifen, und das Blut floß über das weiße Tuch, auf dem wir saßen. Ich glaube, mein Bruder war etwas erschrocken, doch nicht genug, um nicht triumphierend über meine vorherige Behauptung, das Messer schneide nicht, zu lachen. Sobald ich aber das Blut bemerkte, fing ich sehr zu weinen an, worauf meine Mutter hereinkam und erschreckt mein Bein in der Waschschüssel wusch. Nachdem das Blut gestillt war und ich mich beruhigt hatte, nahm sie meinen Bruder vom Tische herab und prügelte ihn mit einer Rute, die das Christkind am Vorabend gebracht hatte.

Eines Tages wurden alle unsere Möbel aus der Küche und dem Zimmer geschafft und auf einen Wagen geladen. Als alles fort war, nahm meine Mutter mich und meinen Bruder bei der Hand und ging mit uns in ein anderes Haus, wo wir gleich beim Eintritt unsere alten Möbel erkannten. Es war schon ziemlich spät, meine Mutter gab uns unser Abendbrot und legte uns schlafen.

Am nächsten Morgen waren wir beide, mein Bruder und ich, sehr beschäftigt. Wir liefen in den Hof hinaus und fanden zu unserem größten Entzücken, daß mitten durch diesen ein Bach floß, über dem ein ganz schmales, zur anderen Seite führendes Holzbrett lag. Mein Bruder machte zuerst den Vorschlag, hinüberzugehen. Ich fürchtete mich zwar, doch wünschte ich mich auch hinüber, und so hielt ich mich an seinem kurzen Röckchen fest, als wir sehr langsam, aber auch sehr entschieden den schmalen Steg überschritten. Auf der anderen Seite war es sehr schön. Der Boden war zwar auch mit Steinen gepflastert, doch standen in einer Ecke einige Blumen, die mir wunderbar vorkamen. Sie hatten lange Stiele mit vielen Blättern, länglichen glockenartigen Blüten, deren Farbe mich an gestoßenen Zimt erinnerte, wie ich ihn oft in dem Laden meines Vaters gesehen hatte. Das wunderbarste aber war, und das fand ich erst später aus, daß die Blüten sich gegen Abend schlossen und am Morgen wieder öffneten.

Es waren Feuerlilien.

Diese Ecke mit den Blumen spielte von nun an in meinem Dasein eine große Rolle. Während mein Bruder sich mit dem Fangen von Fliegen beschäftigte oder ein kleines Papierschiffchen im Bache so lange schwimmen ließ, bis es entweder davonschwamm oder zerriß, saß ich mitten unter den Lilien und konnte mich nicht satt daran sehen.

Sie gehörten aber nicht uns, sondern einer anderen Partei, die in demselben Hause wohnte, und nur diesem Umstande hatte ich es zu verdanken, daß mein Bruder sie nicht ausriß. Ich selbst hätte sie wohl kaum gepflückt, denn die Freude, sie am Abend geschlossen und am Morgen wieder offen zu sehen, war zu groß.

Einmal als wir beide wie gewöhnlich im Hofe spielten, erschien plötzlich unser Vater und rief uns zu sich. Wir waren erstaunt, ihn zu sehen, da er das Geschäft meist nur des Abends verließ, und wir dann schon gewöhnlich im Bett lagen.

Er sagte, daß wir eine kleine Schwester bekommen hätten. Die Freude hierüber war groß. Wir liefen sofort ins Haus; doch das kleine Wesen, das meine Mutter so behutsam anfaßte, flößte uns keinerlei Respekt ein, und besonders mein Bruder machte sich nichts daraus. Es war viel zu klein, um uns irgendwie bei unseren Spielen nützen zu können; sicher wäre es unmöglich gewesen, es über die Brücke zu bringen. Der Vorfall hatte also für uns nichts zu sagen, und es blieb alles beim Alten. Mein Bruder und ich waren nach wie vor unzertrennlich und ich glaube einander unentbehrlich.

Die Zeit kam allmählich heran, wo ich zur Schule zu gehen hatte. Ich freute mich sehr mit der Schultasche wie mit dem einen geheimnisvollen Buche, mit der Schiefertafel und dem Schieferstift, der zur Hälfte mit einem schönen roten Papier umwunden war. Meine Mutter nahm mich am festgesetzten Tage selbst zur Schule, und zum ersten Male in meinem Leben ging ich irgendwo hin, wo mein Bruder nicht mitgeben konnte und durfte. Ich war ungemein stolz darauf. Das große Schulhaus erweckte in mir ein Gefühl scheuer Ehrerbietung. Meine Mutter brachte mich bis zur Tür meiner Klasse und kehrte dann nach Hause zurück, nicht ohne mir vorher eingeschärft zu haben, ja recht brav zu sein.

Ich fand in der Schulstube viele Mädchen meines Alters vor und war ganz starr vor Staunen. Mein Platz war in einer der ersten Bänke. Neben mir saß ein Mädchen, die Tochter eines der Lehrer.

Sie hieß Hilda, und ich fand sie sehr schön. Die Tatsache, ein so vornehmes Mädchen wie die Tochter eines wirklichen Lehrers zur Nachbarin zu haben, machte mich ganz stumm, und ich wagte kaum aufzusehen. Diese Schüchternheit verlor sich aber sehr bald. Hilda sprach mich zuerst an, und beim Nachhauseweg erzählte sie mir, daß sie auch eine Lehrerin werden würde. Neben diesem Mädchen saß die Tochter eines Bäckers, die Leopoldine hieß und später ebenfalls meine Freundin wurde.

Mein Leben wurde nun ein ganz anderes. In der Schule verabredeten wir gewöhnlich, wo und wann wir uns am Nachmittag treffen würden, und jeder Tag wurde für mich ein Ereignis. Manchesmal kamen meine neuen Freundinnen auch zu mir, dann spielten wir im Hofe, und ich zeigte ihnen mit großem Stolze meine Lilien, die sie aber, glaube ich, wenig oder gar nicht interessierten. Dagegen fanden sie viel Vergnügen daran, in dem kleinen Bache herumzufischen oder auf die Mauer zu klettern, die den Hof begrenzte. Gewöhnlich war es Leopoldine, die mich besuchte – Hilda kam nur selten, und, wie ich ganz genau wußte und auch vollkommen würdigte, erlaubten ihr ihre Eltern keine Bekanntschaft. Ich sah sie darum fast nur in der Schule, doch war sie mir die liebste unter meinen Freundinnen.

Noch öfter als zu Hause trafen wir uns aber auf dem Kirchenplatz. Er war mit einem Geländer umgeben und daher ein idealer Ort für alle unsere wilden Spiele. Die Stunden, die wir um den alten Kirchturm verbrachten, waren die schönsten meines Lebens. Mit heißen Wangen und zerzausten Haaren tollten wir dort herum, bis die Siebenuhrglocke läutete. Um diese Zeit sollten wir alle zu Hause sein, und nach einigen hastigen Lebewohl stoben wir nach verschiedenen Richtungen auseinander.

Bei diesen Veranstaltungen war auch natürlich mein Bruder dabei. Hier und da gesellte sich ein anderer kleiner Junge zu uns, und dann kam Karl auch in sein Element. Er hatte Jungens entschieden lieber als Mädchen und schalt uns immer: »dumme Dinger«.

Nach und nach lernte ich verschiedene Leute im Ort kennen. Leopoldine nahm mich eines Tages zu Bekannten, die fast am Ende des Dorfes, gerade unterhalb des Kirchhofes wohnten. Der Mann war Färber und ich fand ihn unendlich interessant. Er hatte einen langen, ganz schwarzen Bart und ganz schwarze Hände, letzteres eine Folge seines Berufes. Die Frau war dick und rund und hatte ein sehr rotes Gesicht. Im Zimmer befand sich ein Glasschrank, der seltsame Figuren aus Porzellan enthielt. Ich meinte, die Sachen wären das schönste, was ich je gesehen hätte.

Am meisten gefiel mir eine vielleicht spannlange Statue der Mutter Gottes. Sie war ganz weiß und nur um den Schleier wand sich ein lichtblauer Streifen. Gewöhnlich gab bei diesen Besuchen die Frau des Färbers uns Brot, einen Apfel oder sonst eine Kleinigkeit. Sie sprach fast immer nur mit meiner Freundin, wenig mit mir. Daraus machte ich mir aber gar nichts. Ich war so glücklich, vor dem Glasschrank sitzen zu dürfen und die Statue der Mutter Gottes anschauen zu können.

Eines Abends geschah etwas Wunderbares. Die Frau sprach wie immer mit Leopoldine, die sich nach Kinderart auf ihrem Stuhl hin und her schaukelte, und ich starrte auf meine Madonna. Sie erschien mir schöner als je. Ich fragte mich eben heimlich, ob ich wohl ebenso schön sein würde, wenn ich gerade so ein Kleid und gerade so einen Schleier mit dem lichtblauen Saum anhätte, als die Frau auf den Schrank zutrat, die Madonna herausnahm und sich damit vor mich hinstellte. Ich zitterte vor Vergnügen. So genau hatte ich sie noch nie gesehen, hatte doch die Glastüre meinen verlangenden Blicken immerhin etwas von dem unmittelbaren Beschauen geraubt. Die Frau hielt nun die Madonna in ihren großen roten Händen, und die heilige Jungfrau schien mir noch weißer als zuvor.

»Weißt du denn etwas von der Mutter Gottes?« frug mich unsere Wirtin. Ich fing an, mich furchtbar zu schämen, da ich dachte, sie müßte gemerkt haben, wie sehr ich die Figur bewunderte und sie mir wünschte. Ich nickte bejahend und sagte, »sie sei die Mutter Jesus.« Und dann geschah das Unfaßbare. »Da,« sagte sie und drückte mir die Statue in die Hände, »Du kannst sie behalten.« – Wie ich damals nach Hause kam, weiß ich nicht mehr, nur eines weiß ich noch, nämlich, daß es acht Uhr war und mich mein Vater mit einer jener verwünschten Weihnachtsruten prügelte, weil ich viel zu spät war.


Ein zweites Schwesterchen hatte sich eingefunden, und ich glaube, die Wohnung wurde zu klein, denn eines Tages kam ein Wagen vor unsere Tür. Zwei Männer trugen alle Sachen hinaus und fuhren sie fort.

Die neue Wohnung war sehr schön, sie erschien mir wenigstens damals so. Wir hatten vier Zimmer und eine große Küche. Meine Mutter nahm sich jetzt auch ein Dienstmädchen und mein Vater einen Gehilfen ins Geschäft. Dieses ging nun besser als früher, und meine Eltern fingen an, im Dorfe als wohlhabende Leute zu gelten.

Das Haus, in dem wir jetzt wohnten, lag nur einige Schritte von der Wohnung meiner liebsten Freundin entfernt, ein Umstand, der mich sehr glücklich machte. Einmal kam sie auch zu mir herüber, und ich zeigte ihr die Zimmer und die neuen Möbel, die meine Mutter angeschafft hatte, um die Räume ausfüllen zu können. Eines der Zimmer nannte meine Mutter den »Salon«.

Auf dieses Zimmer war ich ganz besonders stolz; es stand freilich nur ein Tisch und ein Blumenkorb darin und an den Wänden hingen ein paar Bilder. So oft ich in das Zimmer trat, befiel mich eine ehrfurchtsvolle Scheu, die sich auch einstellte, als ich meine Hilda hineinführte. Ich dachte, daß sie nun dasselbe empfinden müsse wie ich und war daher auch gar nicht erstaunt, daß sie sofort wieder hinausging; glaubte ich doch, daß sie die Pracht des Zimmers überwältigt hätte.

Das Haus hatte einen sehr großen Hof, in dem einige alte breitästige Kastanienbäume wuchsen. Er war daher im Sommer ein ungemein schöner schattiger Aufenthalt, dessen Vorzüge wir Kinder in vollen Zügen genossen.

In einer Ecke des Hofes stand ein Wagen, der auf uns immer eine sehr große Anziehungskraft ausübte. Einmal spielten wir Hochzeit. Der Bruder meiner Freundin Leopoldine war der Bräutigam, und ich war die Braut. Ich trug einen Kranz aus Butterblumen und ein Handtuch war mein Schleier. Wir setzten uns in den Wagen und taten, als ob wir zur Kirche fuhren. Von meinem Bräutigam unterstützt, stieg ich dann aus, und eines der Kinder sprach den Segen über uns. Wir machten alles genau, wie wir es in der Dorfkirche gesehen hatten, und jedes von uns zwei sagte recht ernst und feierlich: »Ja«.

Einmal zankte ich mich mit Hilda über irgendeine Sache und wir wurden beide »böse«. Ich mußte etwas gesagt haben, das sie ärgerte, und anscheinend wollte sie mich nun auch ärgern. Es war schon gegen Abend, und wir standen beide vor unserem Hause. Hilda lehnte an der Mauer des gegenüberliegenden Hauses und blickte trotzig auf mich. Ihr Mund war verächtlich gekräuselt, ihr ganzes Wesen war Spott und Herausforderung. Einen Augenblick maßen wir uns beide wie erbitterte Gegner. – Plötzlich zermalmten mich ihre Worte: »Euer Salon ist gar nicht schön.« – Ich war tief unglücklich, und mit einer brennenden Röte auf den Wangen lief ich ins Haus. Meine Mutter rief eben nach mir, da es anfing spät zu werden, und ich stürzte auf sie zu. »Mutter,« rief ich mit erstickter Stimme, »Hilda sagte eben, unser Salon sei nicht schön.« Meine Mutter lächelte und während sie mich über die Stiege hinauf ins Zimmer nahm, sprach sie: »Das macht ja nichts.« – Nach Kinderart hatte ich den Vorfall bald wieder vergessen. So oft ich aber später in jenes bewußte Zimmer kam, wunderte ich mich über seine Leere und konnte nicht begreifen, wie ich den »Salon« je hatte schön finden können. Meine Mutter hatte zwar eine grüne Decke über den Tisch gekauft, doch die Ehrfurcht, die ich sonst empfunden hatte, kam nie wieder. –

In die Schule ging ich schon lange nicht mehr gern, und ich glaube, ich lernte auch nichts; meine Aufgaben machte ich nur, weil ich die Strafe fürchtete; Ehrgeiz besaß ich keinen. Geographie und Geschichte konnte ich nicht leiden, und das Rechnen haßte ich. Vom Singen hatte mich mein Lehrer ausgeschlossen, weil er behauptete, daß ich falsch sänge. Das einzige, das ich gern tat, war, Sätze zu bilden. Diesen Gegenstand hatten wir aber nur einmal in der Woche, wobei der Lehrer Worte auf die Tafel schrieb, mit denen wir einfache oder zusammengesetzte Sätze zu bilden hatten. Es gab für mich kein einziges Wort, mit dem ich nicht Sätze von beliebiger Anzahl und beliebiger Art zustande gebracht hätte; meine Mitschülerinnen dagegen waren in dieser Stunde immer recht stumm. Während des Unterrichts war ich meist sehr unaufmerksam und versuchte beständig mit den anderen Schülerinnen zu schwätzen. – Oft genug wurde ich bestraft.

Wir hatten auch Religionsstunde und zwar jeden Freitag. Ein ganz junger Geistlicher, den wir Katechet nannten, kam in die Schule und las uns aus dem Katechismus vor. Ich weiß nicht mehr, ob ich in dieser Stunde besser war; wohl aber daran erinnere ich mich, daß mir oft recht seltsam zumute wurde, wenn die hohe Gestalt im langen schwarzen Talar zur Türe hereintrat und sich mit ruhiger Würde setzte. Meiner Ansicht nach war er ein schöner Mann. Er hatte blaue Augen und dichtes braunes Haar. Sein Mund war immer fest geschlossen, und der junge Geistliche machte auf mich einen stolzen, herben Eindruck.

Wenn ich an jene Zeit zurückdenke, sehe ich das Schulzimmer lebhaft vor mir. Keines der Kinder war wohl mehr als zehn Jahre alt, und während wir ganz still saßen, klang eine Frage nach der andern durch den Raum: »Wer hat die Welt erschaffen?« worauf eine feine junge Stimme antwortete: »Gott hat die Welt erschaffen.«

»Was heißt erschaffen?« Wieder eine andere Stimme: »Erschaffen heißt, aus nichts etwas hervorbringen.« –

»Müssen alle Menschen sterben?« ... »Alle Menschen müssen sterben.« –

Diese letzteren Worte beschäftigten noch lange meine Gedanken und wollten mir nicht aus dem Kopfe. Oft erwachte ich des Nachts, und ich hörte die Frage: »Müssen alle Menschen sterben?« – worauf es antwortete: »Alle Menschen müssen sterben.« – – – In solchen Augenblicken war mir immer unsäglich bange. Ich setzte mich in meinem Bette auf, horchte auf die Atemzüge meiner Geschwister und wunderte mich, wer wohl von uns zuerst sterben müsse. – Oft packte mich eine rasende Angst, wenn ich daran dachte, daß auch meine Mutter und mein Vater sterben müßten. Ich konnte dann nie mehr einschlafen, und überlegte, was geschehen würde, wenn ein solcher Fall einträte, wobei ich oft solche Qualen litt, daß ich laut aufschrie. Gewöhnlich kam dann eines meiner Eltern an mein Bett, und da sie annahmen, daß ich irgend etwas Aufregendes geträumt hatte, suchten sie mich auf ihre Art zu beruhigen. –

Der Sommer brachte immer ein herrliches Ereignis. Sobald nämlich unsere Schulferien anfingen, nahm uns meine Mutter zu Verwandten, die in einem sehr entlegenen Dörfchen lebten. Die sechsstündige Reise dahin unternahmen wir mit dem Postwagen. Eigentlich konnte man den Ort nicht einmal ein Dörfchen nennen, da dort nur das Haus unserer Verwandten, eine Mühle, stand. Ringsum lagen die herrlichen Wälder des unteren Wiener Waldviertels, stellenweise von hellen, grünen Wiesen unterbrochen, auf denen so hohes Gras wuchs, daß es über unsere Köpfe ging. Dicht neben dem Hause floß ein klarer, schmaler Bach, der zuweilen so schmal war, daß wir hinüberspringen konnten, und dann wieder so breit, daß wir ihn durchwaten mußten, um an das andere Ufer zu gelangen. Unmittelbar vor dem Hause befand sich ein ziemlich großer Küchen- und Obstgarten, ein Ort, der für uns immer ein neues Entzücken barg. Einmal war es ein Apfelbaum, der eine seiner Früchte wie neckend uns zu Füßen warf, einmal eine Staude, deren Beeren endlich – endlich erröteten, – dann wieder eine Blume die sich über Nacht erschlossen hatte. Am äußersten Ende des Gartens stand ein Bienenstock. Obwohl wir uns vor den Bienen fürchteten, näherten wir uns doch vorsichtig und wagten uns sogar öfters bis zu der Rückseite der Körbe vor, um durch das Glasfenster das emsige Treiben dieser lieben, fleißigen Geschöpfchen zu beobachten. –

Später, als der Kinder immer mehr wurden und das Geschäft meines Vaters schlechter ging, hörten diese Besuche auf, weil meine Eltern den Fahrpreis für den Postwagen nicht mehr erschwingen konnten. Die Erinnerung an diesen stillen herrlichen Flecken Erde, aus ungetrübter Jugendzeit, hat für mich immer etwas Wehmütiges, und ich trage stets eine heimliche Sehnsucht danach mit mir herum.

Meine Mutter nahm mich und meinen Bruder jeden Sonntag zur Kirche. Der hohe dunkle Raum, der immer so stark nach Weihrauch roch, machte mich jedesmal scheu und still. Meine Mutter saß in einer der Bänke, mein Bruder und ich aber hatten mit den Schulkindern zu stehen. Wir waren ganz vorne beim Hochaltar, und der Priester mit den Ministranten mußte jedesmal an uns vorbei. Es war derselbe Geistliche, der uns in der Schule Religionsunterricht erteilte, und er gefiel mir in dem weißen Spitzentalar noch besser als sonst. Da ich mir in der Messe die Stellen, wo niedergekniet werden mußte, nie merken konnte, so richtete ich mich nach den andern. Doch, ob wir knieten oder standen, immer hielt ich meine Augen auf den Priester gerichtet und verfolgte jede seiner Bewegungen. Mit einem Gefühl scheuer Ehrerbietung blickte ich auf ihn; sah, wie er den Wein mischte und trank, wie er das Weihrauchfaß feierlich schwang, wie er mit gefalteten Händen aus dem Heiligen Buche betete und es zum Schlusse andächtig küßte. –

Mein Bruder ging nun natürlich auch schon in die Schule und trieb sich meist mit seinen Schulkameraden umher. Wir waren nicht mehr so viel zusammen wie früher, doch noch immer genug, um zanken zu können. Er wurde überhaupt von Tag zu Tag unartiger, und meine arme Mutter konnte ihn nicht mehr zügeln. Oft wenn mein Vater abends nach Hause kam und ich schon im Bett lag, konnte ich hören, wie meine Mutter weinte und ihm klagte, wie sie es mit dem Buben nicht mehr aushalten könnte. Mein Vater wurde dann gewöhnlich ärgerlich und erklärte, daß er doch neben seinem Geschäfte nicht auch noch die Erziehung der Kinder übernehmen könne, und so blieb alles beim alten.

Als ich zwölf Jahre alt war, trat eine große Veränderung in unseren Verhältnissen ein. Mein Vater verkaufte sein Geschäft und kaufte ein Haus mit einem Geschäft in einem anderen Markte. Wieder einmal wurden alle unsere Möbel aus der Wohnung getragen, doch dieses Mal wurden sie zur Bahn gebracht. Seltsamerweise erfuhren wir nichts von der ganzen großen Veränderung bis zur letzten Stunde, so daß ich keiner einzigen meiner Freundinnen Lebewohl gesagt hatte und am Vorabend vom Kirchenplatz weglief wie jeden andern Tag.

Es war schon dunkel, als wir in Hohenburg ankamen. Ein Wagen brachte uns von der Bahn nach Hause. Mein Vater war schon dort und zeigte uns alle Zimmer im Erdgeschosse. Er hatte auch noch einen Stock aufsetzen lassen, doch durften wir nicht mehr hinauf. Meine Mutter brachte uns dann zu Bett und sagte, wir sollten, was uns träumen würde, nicht vergessen, da das, was man an einem fremden Orte, wo man zum ersten Male schliefe, träumt, wahr werde. – Ich paßte scharf auf, als meine Mutter das sagte, und am Morgen wunderte ich mich sehr über meinen Traum.

»Mutter,« sagte ich, »mir hat geträumt, daß wir wieder nach Langenau zurückgefahren sind.« – Darauf lächelte meine Mutter und sagte, sie glaube nicht, daß so etwas eintreten könne. –

Die ersten Tage und Wochen vergingen sehr schnell und waren sehr aufregend. Meine anderen Geschwister sowie ich schlossen rasch neue Freundschaften, und ich glaube nicht, daß ich mich damals besonders nach den alten Freundinnen sehnte. –

Die Leute, die noch in dem Hause wohnten, nannten meine Mutter »Hausfrau«, und ich vermute, sie hatte das gern. – Wir hatten auch ein neues Dienstmädchen, die in meinen Augen eine sehr wichtige Person war; sie erzählte mir oft Geschichten von Männern, und erwähnte, daß sie bald heiraten würde. So oft sie von der kommenden Heirat sprach, schaute sie recht froh darein. Ich dachte bei mir, heiraten müsse etwas sehr Schönes sein und wollte auch heiraten. Als ich dem Mädchen das gestand, erwiderte sie, ich sei noch zu jung.

»Wie alt muß man denn sein, um heiraten zu können?« Auf diese Frage erfolgte die prompte Antwort: »Das ist nicht gleich; einige Mädchen heiraten früh und einige später.« Ich beschloß, daß ich früh heiraten würde.

Wir waren seit einigen Wochen in der neuen Gegend, als ich anfing, zu merken, daß etwas in unserem Hause nicht richtig war. Ich sah, daß mein Vater sehr nachdenklich, ja sogar traurig aussah, und meine Mutter sehr oft weinte. Dann verließ uns mein Vater und kam erst nach vielen Wochen wieder. Er sah von Tag zu Tag schlechter aus, und meine Mutter hörte zu weinen nicht mehr auf.

Eines Tages war ich unten in dem kleinen Gemüsegarten und wollte mich auf einen alten Sessel setzen, der dort stand. Es saß jedoch schon ein anderes Mädchen in meinem Alter darauf, das einem unserer Mietsleute angehörte, und das sonst immer recht höflich zu mir gewesen war. Als ich aber jetzt auf sie mit der untrüglichen Bewegung zukam, mich setzen zu wollen, stand sie nicht auf, wie ich erwartet hatte, sondern kreuzte die Arme über ihrem Kopf und blinzelte mich schläfrig an.

»Steh auf!« forderte ich trotzig.

»Warum soll ich denn aufstehen?«

»Weil ich mich setzen will.«

»Setz' dich doch auf den Boden.«

Diese Antwort machte mich wütend. »Steh auf!« schrie ich jetzt und stampfte mit den Füßen, »der Stuhl gehört uns.« Darauf lachte sie, und nach einer Weile sagte sie noch immer lachend: »Euch gehört gar nichts, es ist euch doch alles gepfändet worden. Ihr habt nichts als Schulden.« Dann sprang sie auf, gab dem Stuhl einen Stoß, daß er zurückflog und rannte davon.

Ich stand wie betäubt und konnte die Worte erst gar nicht begreifen; dann aber erinnerte ich mich an meiner Mutter vieles Weinen, an das traurige Gesicht meines Vaters, und es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Scheu und leise wie ein Verbrecher ging ich in das Wohnzimmer zurück und setzte mich ganz still in einen Sessel. Meine Mutter saß am Tisch mit dem jüngsten Kinde im Arme und sah mich erstaunt an. Ich war sonst immer sehr laut und warf gewöhnlich einen Stuhl dreimal um, bevor ich mich setzte.

»Hast du dich mit jemand gezankt?« frug sie sofort.

»Nein. Aber ich möchte wissen, ob es wahr ist, was die Leute sagen.«

Meine Mutter zuckte leicht zusammen. »Was für Dummheiten! Was sagen die Leute?«

»Daß wir nichts haben als Schulden.« Meine Mutter stand auf und legte das Kind auf das Bett, dann zog sie die Tischdecke gerade und blickte dabei ins Leere.

»Wer hat denn das gesagt?« frug sie, wie von ungefähr. Ich sagte es ihr, worauf sie tief seufzte – sonst war es still im Zimmer.

»Würde es dir Freude machen,« sagte sie nach einer Weile, »wenn wir wieder nach Langenau zurückgingen?« Ich war starr vor Staunen und jähem Entzücken. Hilda, Leopoldine, der alte Kirchplatz und hundert andere Dinge fielen mir plötzlich ein und weckten eine maßlose Sehnsucht in mir.

»Wirklich?« rief ich, »oh Mutter, ich würde mich so freuen.«

In der folgenden Woche wurden unsere Möbel abermals aus den Zimmern getragen und wieder zur Bahn gebracht. Wir waren alle sehr aufgeregt, und mein Vater sah ungemein blaß aus. Spät am Abend kamen wir in Langenau an und fuhren zur neuen Wohnung. Das ganze Dorf schlief. Niemand sah uns kommen. – Wir waren ein Jahr fort gewesen.

Die Wohnung, die wir jetzt innehatten, gefiel mir nicht; sie lag ziemlich tief, und an den Wänden lief das Wasser herab, wodurch sich viele dunkelbraune Streifen bildeten. Ich hörte meine Mutter sagen, daß die Wohnung recht feucht und ungesund sei, und daß sie nie gedacht hätte, daß man so herabkommen könne. Darauf entgegnete mein Vater, daß sie sich nur gedulden möchte, er würde schon trachten, etwas Besseres zu finden, sobald nur das Geschäft etwas zu gehen anfinge. Über letzteren Gegenstand sprachen sie noch lange, und ich hörte, daß es sich um ein neues Geschäft handle und daß man wahrscheinlich einige Zeit brauchen werde, um Kunden zu bekommen.

Ich fand die Wohnung hauptsächlich so scheußlich, weil sie eine gute Strecke von dem Hause meiner früheren Freundinnen entfernt war. Dazu befand sich, wie ich den nächsten Morgen herausfand, gar kein netter Hof oder sonst ein Platz zum Spielen und Laufen in der Nähe. Es wohnten in dem Hause noch drei andere Parteien, und meine Mutter ermahnte uns, immer recht still zu sein, da sich sonst die andern Leute beim Hausherrn über uns beklagen würden.

Ich wollte gleich nach dem Frühstück zum Kirchplatze laufen, um zu sehen, ob sich etwas verändert hatte, und wenn möglich Hilda oder Leopoldine zu sprechen. Eben als ich zur Türe hinaus wollte, rief mich meine Mutter zurück.

»Wohin willst du?«

»Fort.«

»Das geht nicht.« In der Stimme meiner Mutter lag etwas wie Pein. »Du siehst, daß ich kein Mädchen habe und daß es hier aussieht wie Kraut und Rüben. Wenn du spazieren gehen willst, so mußt du die zwei Kleinen mitnehmen.«

»Das tue ich nicht,« erklärte ich, wobei mir die Tränen in die Augen traten. »Die sind viel zu klein und können unsere Spiele nicht spielen.«

»Mein liebes Kind, da müßt ihr eben etwas spielen, wo sie mittun können.«

Erst wollte ich davon nichts wissen und beschloß, zu Hause zu bleiben. Als es jedoch elf Uhr schlug, stellte ich mir vor, wie meine Freundinnen wohl jetzt aus der Schule kämen, und konnte nicht widerstehen. Ich nahm die beiden Kleinen, ich glaube, recht unsanft, und verließ die Wohnung. Meine Schwester war ungefähr zwei Jahre alt und konnte schon laufen, mein jüngerer Bruder jedoch war noch ganz klein und mußte getragen werden. Meine Schwester hängte sich an meinem Rocke fest, und so schritten wir langsam dahin – viel zu langsam für meine Ungeduld. Einige Vorübergehende, alles Leute, die sich zur Arbeit in ihre Weingärten begaben, sahen mich mit seltsamen Blicken an, sprachen dann zueinander und zum Schluß lachten sie. Ich fühlte, daß ihr Lachen mir galt, und ich schämte mich, weil ich annahm, sie meinten, die beiden Kinder gehörten mir. Es war natürlich recht dumm von mir, so etwas zu denken, doch ich wußte damals noch nicht, daß man ein Mädchen meines Alters niemals für eine Mutter halten würde. Ich wußte nur, daß es für eine große Schande galt, wenn ein unverheiratetes Mädchen Kinder hatte. – Mein ganzer Zorn kehrte sich nun gegen die unschuldigen Kleinen, und ich hätte sie am liebsten geschlagen.

Endlich näherten wir uns dem Schulhause. Zu meiner großen Beruhigung fand ich, daß die Klassen noch nicht aus waren und die Kinder jeden Augenblick herauskommen mußten. Nach einigen Minuten vernahm ich auch den wüsten Lärm, der immer entstand, wenn die Knaben die Schule verließen. Paarweise kamen sie heraus, und ich fühlte mein Herz stärker klopfen. Nun kamen die Mädchen. Erst die ganz kleinen, dann meine Klasse. Zitternd vor Freude gewahrte ich Hilda und Leopoldine zu gleicher Zeit heraustreten und gemächlich daherkommen. Mein Augenblick war da. Ich trat aus der Ecke, hinter der ich mich verborgen hatte, hervor und rief laut ihre Namen. Sie drehten sich sofort um, und meine kleine Schwester nachziehend, lief ich ihnen entgegen.

»Anna!« riefen sie beide. Dann aber schwiegen sie und sahen mich an. Ich fühlte sofort, daß etwas nicht ganz richtig sei, und das Blut stieg mir langsam in die Wangen. Um meine Verlegenheit zu verbergen, zwang ich mich zur Ruhe und sagte scheinbar gleichgültig:

»Wohin sollen wir gehen?«

»Wir dürfen nicht mit dir reden,« erwiderte endlich Leopoldine, »dein Vater ist eingesperrt.«

»War,« verbesserte Hilda leise.

Sie waren beide fort, als ich überhaupt begriff, was sie meinten. Ein kleiner Junge, den ich früher oft in der Gesellschaft meines Bruders gesehen hatte, kam vorbei, sagte ein grobes Schimpfwort und streckte mir die Zunge heraus. Doch was kümmerte mich jetzt der Junge? – Was kümmerte mich jetzt die ganze Welt? – Ich stand wie jemand, der betrunken ist, und wäre noch lange so gestanden, wenn nicht mein kleiner Bruder zu weinen angefangen hätte. Das brachte mir, neben einer maßlosen Scham, einen heftigen Schmerz in meinem Arm zum Bewußtsein, und ich fühlte, daß der Kleine mir recht schwer wurde. – Es war auch schon Mittagszeit, und ich wußte, daß meine Mutter auf mich warten würde. Ich rief nach meiner Schwester, die sich die ganze Zeit damit unterhalten hatte, Steinchen vom Boden aufzuheben. Alle belebteren Plätze vermeidend, lief ich mit den Kindern nach Hause.

Meine Mutter stand vor dem Tore und blickte die Straße suchend auf und ab; als sie mich erspähte, kam sie mir entgegen und nahm den Knaben von meinem Arm.

»Wo bist du denn gewesen? Du siehst ja ganz erhitzt aus.«

»Ich bin furchtbar hungrig.« Dann huschte ich ins Haus, und meine Mutter folgte langsam mit den Kindern. Bald nachher setzten wir uns zu Tische. Meine Mutter war eifrig beschäftigt, das Essen für die Kleinen vorzubereiten, und ich half ihr dabei, indem ich ihr einen Löffel, eine Gabel oder sonst etwas reichte.

»Hast du Bekannte gesehen?« frug sie einmal nach einer längeren Pause.

»Nein,« erwiderte ich, ohne zu zögern, und würgte einen großen Bissen ungekaut hinunter; ich fühlte, wie mir das Blut wieder ins Gesicht stieg, nicht weil ich gelogen hatte (ich log sehr oft), sondern weil mir die Worte, die ich gehört hatte, derart in den Ohren summten, daß ich sie hätte herausschlagen mögen.

»Du bist schon ein großes Mädchen,« fing meine Mutter wieder an, »und könntest mir sehr viel zu Hause helfen, wenn du nicht in die Schule zu gehen hättest.« – Mich überfiel plötzlich eine unsinnige Angst. Bis jetzt hatte ich gar nicht daran gedacht, daß ich wieder zur Schule zu gehen hätte. »Mutter,« sagte ich und hob die Hände flehend, empor, »bitte, schicke mich nicht mehr in die Schule.«

»Du wirst täglich fauler, du solltest dich schämen.«

»Ich schäme mich auch,« antwortete ich mit einer lauten, unverschämten Stimme. Meine Mutter stand plötzlich auf, und ich glaubte, daß sie mich der frechen Antwort wegen schlagen würde; aber sie schlug mich nicht. Sie bog sich über eines der Kinder, und mit abgewandtem Gesicht befahl sie mir, den Tisch abzuräumen.

Während unseres Aufenthaltes in Hohenburg hatte ich sehr wenig gelernt. Als meine Mutter mich den nächsten Tag zum Oberlehrer brachte, um mich einschreiben zu lassen, fand er das schnell heraus und erklärte, daß ich in die vierte Klasse nicht aufgenommen werden könnte, sondern in die dritte zurück müsse. – Meine Mutter hat nie begreifen können, warum ich bei dieser Nachricht so glücklich dreinsah. – Nun war ich wenigstens nicht mit den »beiden« zusammen. – Der Gedanke an sie war mir unerträglich. – Ich nahm mir vor, mich ihnen in keiner Weise zu nähern und alles zu vermeiden, was mich mit ihnen in Berührung bringen konnte. – Trafen wir uns aber in den Zwischenstunden, die wir im Sommer gewöhnlich im Garten zu verbringen pflegten, sah ich schnell nach einer andern Richtung; die beiden waren fast immer zusammen, doch manchesmal begegnete ich auch Hilda allein. Sie ging immer mit zu Boden geschlagenen Augen an mir vorüber, aber ich fühlte innerlich, daß sie mich noch immer lieb hatte und nur nichts sprach, weil es ihr verboten war. – In solchen Augenblicken hatte ich sie lieber als je und nahm mir sogar vor, auf sie zuzugehen, um nur einmal noch mit ihr zu sprechen. – Doch so oft ich dies verwirklichen wollte, versagten mir die Füße, ich stand wie angewurzelt und konnte nichts anderes als ihr nachblicken, wie sie langsam, oft recht langsam, an mir vorüberging.

Eines Tages hörte ich von einer Schülerin, daß Hilda nach Krems in das Lehrerinnenheim geschickt worden war. Ich fühlte mich danach elend und einsam, wie selten sich ein Kind gefühlt hat. Obwohl sie nie mit mir wieder gesprochen, lebte ihr Bild in meinen Gedanken, und von irgendeiner Ecke aus sie heimlich beobachten zu können, war mir ein süßes, wehmütiges Glück gewesen. – Ich knirschte mit den Zähnen, wenn ich daran dachte, daß es Hilda sei, die fortgehen mußte, und nicht Leopoldine. – So oft die letztere mich erblickte, erschien auf ihrem Gesicht jenes hämische Lächeln, das sie damals gelächelt hatte, als sie mir die fürchterlichen Worte zurief. Ich fing an, sie zu hassen, und betete jeden Abend zu Gott, daß er ihre Mutter (sie hatte keinen Vater mehr) auch einsperren lassen möge.

Aber ihre Mutter wurde nicht eingesperrt. Als mich mein Weg einmal an ihrem Hause vorbeiführte, bemerkte ich viele Handwerker, die eifrig daran arbeiteten; und als ich mich darauf nach einigen Tagen des Abends hinschlich, um zu sehen, was man denn tue, stand das ganze Haus noch prächtiger und schöner da, als es früher gewesen war. – Leopoldine trug jetzt immer sehr hübsche Kleider, und ihre Blicke wurden noch boshafter als zuvor.

Ich hatte keine hübschen Kleider und meine Eltern hatten kein hübsches Haus. Das Geschäft ging immer schlechter, und mein Vater wurde so wortkarg, daß er zu uns Kindern oft wochenlang nicht sprach. Es war auch wieder ein kleiner Bruder angekommen, und meine Mutter arbeitete unaufhörlich. Ich half ihr, indem ich auf meine kleinen Geschwister achtgab und das allerkleinste herumtrug, doch tat ich das nicht gern und fühlte mich heimlich recht unglücklich.

Mein Bruder wurde aufs Gymnasium nach Krems geschickt, da meine Mutter es unbedingt wünschte. Mein Vater wandte zwar ein, er könne das Kost- und Studiergeld nicht erschwingen, worauf meine Mutter stets erwiderte, daß es eine Sünde sei, Karl nicht studieren zu lassen, da er der klügste Bursche sei, den man sich denken könne. Darauf schwieg mein Vater gewöhnlich; doch weiß ich, daß er meinen Bruder viel lieber in irgendeine Lehre gegeben hätte.

Karl kam nun jeden Samstag nach Hause und fuhr am Montag wieder fort. Bei diesen Besuchen behandelte er uns immer in sonderbarer, hochmütiger Weise. Einmal sagte er, daß die Leute am Lande alle Trotteln seien. Dennoch begleitete ich ihn gewöhnlich zur Bahn, und wenn der Zug aus der Halle dampfte, war mir immer zum Weinen.

Schon seit längerer Zeit fühlte ich mich unglücklicher als je, ohne dafür eine besondere Erklärung geben zu können. Manches Mal kamen mir in solchen Stunden allerlei Geschichten, und ich nahm dann oft einen Bleistift zur Hand und schrieb sie nieder. Es entstanden so größere und kleinere Gedichte, die ich aber nie jemand zeigte. Ich hob sie auch nie auf, sondern zerriß den Zettel sofort wieder. Mein sehnsüchtigster Wunsch war, auch in das Lehrerinnenheim geschickt zu werden, und ich fragte mich, ob Hilda dann wohl mit mir sprechen würde oder nicht. Selbstverständlich war dieser stille Wunsch unerfüllbar.

Die Zeit kam endlich heran, wo ich aus der Schule entlassen wurde. Ich begrüßte dieses Ereignis mit großer Freude und war überglücklich bei dem Gedanken, daß ich jetzt Leopoldine nie mehr zu begegnen brauchte.

Ich hatte nun etwas mehr Zeit, doch half ich darum meiner Mutter nicht mehr als früher. Ich fand überhaupt keine Freude am Hause und wünschte von ganzem Herzen, fortgehen zu können. So oft ich aber davon sprach, erklärte meine Mutter, daß sie mich noch einige Zeit zu Hause brauche und daß ich auch noch viel zu jung sei, um in die Welt zu gehen. Ich aber war recht ungeduldig und wurde von Tag zu Tag unzufriedener. Meiner Mutter und meinen größeren Geschwistern gegenüber verschloß ich mich immer mehr und mehr und führte, trotz der manches Mal recht lauten Gesellschaft um mich, ein sehr einsames Leben. Die einzige wirkliche Freude bereiteten mir meine Gedichte. Sie kamen immer wieder, und ich hielt sie heimlich wie zuvor.

Unter diesen Verhältnissen wurde ich fünfzehn Jahre alt, und in die unzufriedenen Gedanken und unruhigen Wünsche begannen sich jene Träume einzuflechten, die sich in die Gedanken und Wünsche eines fünfzehnjährigen Mädchens einzuflechten pflegen. Ich wußte, daß alle die Mädchen, die mit mir zu gleicher Zeit die Schule verlassen hatten, schon mit jungen Männern verkehrten, die sie gerne hatten, und ich sann nun öfters, welchen von den Burschen ich wohl lieben könnte. Ich machte aber sehr bald die Entdeckung, daß mir kein einziger gefiel, da ich fand, daß sie alle mehr oder weniger roh und anzüglich waren. Sie flößten mir nur Abscheu und Verachtung ein. Es stand also bei mir fest, daß der Held meiner Träume in Langenau nicht sei.

Die Burschen ihrerseits haßten mich. So oft sie mich ansprachen, gab ich nur knappe Antworten, und wenn der eine oder der andere versuchte, mich in den Arm zu kneifen oder mir die Wange zu streicheln, so trat ich immer rasch zurück, und mein Mund fand oft ein schnelles, zorniges Wort. Gewöhnlich sagten sie dann, daß ich nur nicht so tun solle, wenn sich ein ehrlicher Bursche mit mir einlassen wolle, da meine Eltern doch nichts hätten als Schulden. Ich war an solche Reden schon lange gewöhnt, es wurde auch in meiner Familie ohne Hehl davon gesprochen, und ich wußte, daß wer immer das sagte, recht hatte.

Da mein Vater das Schulgeld nicht mehr zahlen konnte, hatte mein Bruder auch schon aus Krems fortgemußt und war einem Kaufmann in die Lehre gegeben worden.

Ich empfand diese unglücklichen Verhältnisse mehr, als ich je sagen kann. Mein einziger Wunsch war, Langenau zu verlassen und irgendwo hinzukommen, wo man mich nicht kannte und niemand mir etwas vorwerfen würde. Aber meine Mutter wollte davon nichts wissen. So oft ich darüber sprach, vertröstete sie mich auf eine spätere Zeit, und ich gab nach – weil ich eben nichts anderes tun konnte.

Es gehörte zu meinen täglichen Beschäftigungen, Holz klein zu machen; der Holzschuppen befand sich unten im Hause, und an den Schuppen stieß der Weinkeller des Hausherrn. Oft kamen reiche fremde Herren aus Wien oder aus der Umgebung, um Wein zu kaufen, und der eine oder der andere stieg mit unserem Hausherrn in den Weinkeller, worin sie einige Zeit probend verbrachten.

Eines Nachmittags hackte ich wieder Holz und sann dabei über eine Geschichte; es war immer das schönste bei dieser Beschäftigung, daß ich so ganz allein im Schuppen war und meine Gedanken sich ungestört abrollen konnten. Ich stand mit dem Rücken gegen die Türe und hackte und dachte fleißig darauflos, als plötzlich ein Schatten über die hölzernen Wände des Schuppens fiel. Mich umwendend, gewahrte ich einen jener Herren, die den Weinkeller zu besuchen pflegten. Er lächelte und fing ein Gespräch an: ob mich diese Arbeit freue und so fort. Ich schämte mich anfangs, daß er mich überhaupt beobachtet hatte, doch seine freimütige Art und Weise verscheuchte bald mein Unbehagen. Noch während er sprach und lächelte, kam er ganz in den Schuppen. Trotz seiner Freundlichkeit befiel mich aber auf einmal eine rasende Angst, und ich erhob die Holzhacke wie zum Schutz. »Gehen Sie hinaus!« rief ich dabei. Er lächelte noch freundlicher und entblößte ganz weiße, regelmäßige Zähne. »Wie scheu Sie sind, Kleine – alles was ich haben will, ist ein Kuß.« Da preßte ich mich gegen die Holzwand, biß die Lippen aufeinander und hob die Hacke höher. – Er mußte in meinem Gesicht etwas von meiner Entschlossenheit gelesen haben, denn er fing plötzlich an zu pfeifen und ging rückwärts aus dem Schuppen. – Hätte er mich angerührt, ich hätte ihn erschlagen. –

Öfters kam auch in unser Dorf ein junger Mensch, der schuldpflichtige Beträge für eine Lebensversicherung einkassierte. Meine Eltern waren in keiner Weise versichert, aber die Partei nebenan empfing jeden Monat seinen Besuch. Eines Tages erschien statt des Burschen ein sehr elegant gekleideter Herr und erzählte der Partei nebenan, daß er der Direktor der Versicherungsgesellschaft sei und persönlich einen Einblick in all die Versicherungsverhältnisse nehmen möchte, da man dem Kassierer Veruntreuungen nachgewiesen habe. Nachdem er sich von der Familie verabschiedet hatte, klopfte er bei uns an und trat mit einem recht höflichen Gruße ein.

Er sah ungemein fein aus, meine Mutter wischte mit ihrer Schürze über einen Stuhl und forderte ihn zum Sitzen auf. Es war im Sommer und ziemlich heiß; der Herr Direktor schien müde zu sein und bat um ein Glas Wasser. Nachdem meine Mutter eines ihrer besten Gläser mit dem reinen, kühlen Brunnenwasser gefüllt hatte, trank er es mit einem Zuge leer, streckte dann seine Beine weit von sich und sah sich forschend in dem zwar ärmlichen, aber reinlichen Zimmer um. Meine Mutter, die recht einfach und bescheiden ist, fühlte sich durch sein offenbares Wohlbehagen sehr geehrt und machte schüchterne Versuche zu einer Unterhaltung.

»Liebe Frau,« sagte der Direktor plötzlich, »könnten Sie mir wohl ein junges Mädchen empfehlen, das meiner Frau mit den Hausarbeiten an die Hand gehen könnte?« –

Ich saß am Fenster mit einem Strickstrumpf in den Händen und ließ diesen langsam sinken.

»Was ich brauche,« fuhr der vornehme Mann fort, »ist ein nettes, bescheidenes Mädchen, das auf kleine Kinder achtgeben könnte und sich in Zimmer und Küche nützlich machen möchte.«

Meine Mutter wollte eben sagen, daß sie gerade jetzt niemand wüßte, aber sich erkundigen könnte, wenn der Herr es wollte – oder so etwas war es wohl –, als ich aufstand, mich vor den Herrn hinstellte und sagte: »Ich glaube, ich könnte das tun.« Kaum war dies heraus, so erschrak ich über meinen Mut und dachte, daß ich etwas sehr Dummes und Freches getan hätte. Doch der Direktor schien dieser Ansicht nicht zu sein, denn er lächelte sehr freundlich und nickte mit dem Kopfe. »Das wäre ja herrlich!« – und nach einer kurzen Pause, während ich beharrlich den Blick meiner Mutter vermied, frug er: »Wann könnten Sie wohl kommen?«

Er wandte sich bei diesen Worten nach meiner Mutter um. Ich hatte erwartet, daß diese heftig widersprechen, vielleicht sogar in Tränen ausbrechen würde, und war daher sehr erstaunt, als ich sie sagen hörte: »Wenn Sie denken, daß sie Ihnen nützlich sein wird, so könnte sie schon nächste Woche kommen.« Mit größter Mühe unterdrückte ich einen Jubelschrei und zwang mich zur Ruhe.

Der Direktor sagte dann noch, daß er in Krems wohne und ich auch öfters nach Hause kommen könnte. Es wurden nun noch der Tag meines Stellenantrittes, sowie einige andere Dinge verabredet, worauf der Herr Direktor sich außerordentlich höflich von meiner Mutter und mir empfahl.

Nachdem er fort war, blickte ich meine Mutter unsicher an; sie sah aber ganz ruhig aus. »Da du doch unbedingt nicht zu Hause bleiben willst,« sagte sie, »so ist es am besten, daß du gehst und selbst siehst, wie es in der Welt zugeht« – und nach einer Pause fügte sie hinzu: »Vielleicht machst du dein Glück.«

Den Rest des Tages war ich gegen meine Mutter und Geschwister fast zärtlich. Ich wiegte das Kleinste auf meinem Arm, und den Größeren erzählte ich Geschichten. Am Abend, als die Kinder in ihren Betten lagen, sagte ich meiner Mutter, daß ich recht fleißig sein und trachten würde, etwas zu ersparen. Als mein Vater vom Geschäft kam und von dem Vorgefallenen hörte, bemerkte er nur, er hoffe, daß ich es aushalten könne.

Die Woche verging ungemein schnell. Meine Mutter wusch und bügelte das Wenige, was ich an Wäsche und Kleidern besaß, und ich nähte und stopfte daran. Ich hätte mir sehr gern einen kleinen Koffer gekauft, doch sagte mein Vater, er hätte kein Geld, und so machte ich ein Paket aus starkem braunen Papier und umwand es mit einer dicken Schnur.

Der Direktor hatte versprochen, mich selbst abzuholen, und ich stand am festgesetzten Tage mit meinem Sonntagskleide und einem verblaßten Strohhut, den ich mit einem neuen Bande versehen hatte, im Zimmer und wartete auf ihn. Er traf denn auch mit dem verabredeten Zuge ein. Nachdem meine Mutter etwas Kaffee und Milchbrot aufgetischt hatte, von dem der Direktor unglaubliche Mengen verschlang, machte er sich zum Gehen bereit. Ich hatte weder von dem Kaffee noch von dem Brote etwas angerührt und war sehr bewegt, was ich aber nie eingestanden hätte. Einige Male lief ich in die Küche, als ob ich etwas holen wollte, in Wirklichkeit aber wischte ich mir schnell und heimlich die Tränen aus den Augen. Endlich kam es zum Abschied, eine Szene, die bei so einer schlichten Frau, wie es meine Mutter ist, nur schlicht sein konnte, wenn auch unter dem bunten Waschkleide ihr liebes treues Herz zitterte und zuckte.

»Sei brav,« rief sie mir noch nach, und ich nickte zurück – dieses Mal mit Tränen in den Augen.

Die Leute, zu denen ich kam, waren Juden. Die Frau in ihrem schwarzen Haar und den dunkeln Augen erschien mir sehr schön. Die vier Kinder, drei Knaben und ein Mädchen, hatten alle bis auf einen siebenjährigen Jungen, der blödsinnig war, mehr oder minder rotes Haar und Sommersprossen. Ich hatte die drei älteren Kinder in die Schule zu nehmen und wieder abzuholen, ferner die Zimmer aufzuräumen und die Küche in Ordnung zu halten. Das Kochen besorgte die Hausfrau. Da der blödsinnige Knabe die Schule nicht besuchte, war er beständig um mich herum und sprach den ganzen Tag zu mir in wirren unzusammenhängenden Reden. Sehr oft riß er sich auch die Kleider vom Leibe und lief nackt herum. Anfangs fürchtete ich mich vor ihm, doch sah ich bald, daß er außer einigen unangenehmen Dingen, an die man sich eben gewöhnen mußte, harmlos war. Unzählige Male des Tages stellte er sich vor mich hin und spuckte mir ins Gesicht. Erst war mir das unerträglich, doch nach und nach lernte ich seine Bewegungen kennen und wandte mich schnell ab, wenn er auf mich zukam. Noch unerträglicher als dieser unglückliche Junge aber war mir der Älteste, ein zwölfjähriger Bube, der eine abscheuliche, hämische Art und Weise, mit mir zu sprechen, hatte und mich bei jedem Worte fühlen ließ, daß ich ihm gehorchen mußte. – Das Mädchen war mir die liebste.

Ich hatte mich noch keine zwei Monate auf meiner Stelle befunden, als ich merkte, daß die Verhältnisse des Direktors nicht viel besser waren als die meiner Eltern.

Es kamen oft Leute an die Türe, die mich fragten, ob sie den Herrn Direktor sehen könnten. So oft ich aber einen solchen Besuch anmeldete, wurde der Direktor sehr böse und sagte, die Leute sollten sich zum Teufel scheren. Ich erfuhr sehr bald, daß das alles Gläubiger waren, die ihr Geld verlangten. Es war verabredet gewesen, daß ich jeden Monat acht Kronen bekommen würde, und ich konnte die Zeit kaum erwarten, wo mein Lohn fällig sein würde. Als ich von zu Hause fortging, hatte ich nur ein Paar Schuhe gehabt und diese waren fast ganz zerrissen. Das erste, was ich mir daher kaufen wollte, war ein Paar Schuhe und dann ein kleines Büchlein, in das ich meine Gedichte einschreiben konnte; denn obwohl ich genug zu tun hatte, hinderte mich das doch nie, an meine Gedichte zu denken und Reime zu schlingen. Doch einsam war ich nach wie vor.

Ich hätte wohl Bekanntschaften schließen können, aber daran lag mir nichts. Eine Köchin nebenan sprach öfter zu mir und erzählte mir auch einmal, daß sie jeden zweiten Sonntag mit ihrem Schatz, einem Korporal, ausgehe, wobei sie mich fragte, wie oft ich denn Ausgang hätte. Ich sagte ihr, ich ginge überhaupt nicht aus. Daraufhin zog sie ihre dünnen Augenbrauen hoch und maß mich mit kritischen Blicken.

»Da hört sich aber doch alles auf, dann erlaubt Ihnen wohl die Gnädige Ihren Schatz ins Zimmer, heh?«

»Sie sind unverschämt, ich habe gar keinen Schatz.«

Nach diesen Worten verzog sich ihr Mund zu einem höhnischen Grinsen. »Ist es also schon so weit, daß Sie die Männer satt haben? – Es hat Sie wohl schon einer in die Tinte gebracht?«

Ohne ein Wort zu erwidern drehte ich ihr den Rücken, und seitdem vermied ich sie, wo und wie ich nur konnte.

Nach und nach haßte ich alle Leute, mit denen ich in Berührung kam: den Bäcker, der das Brot brachte, weil er immer ein rohes Wort wußte, das mir die Lider niederschlug und die Wangen färbte, den Milchmann aus demselben Grunde und die Familie selbst, weil ich sah, daß der Mann ein Lügner war. Zu meiner großen Enttäuschung hatte ich meine acht Kronen noch immer nicht erhalten und schrieb daher meine Gedichte, die sich in jener Zeit noch reichlicher als früher einfanden, auf Düten, in denen sich Dinge wie Reis und Mehl befunden hatten und die ich immer sorgfältig aufhob.

Einmal kam ich von einem Spaziergange mit den Kindern nach Hause. Nachdem ich den Kleinen in das Bett gelegt hatte, ging ich rasch in die Küche, um die Milch zu wärmen. Als ich die Küche betrat, sah ich die Frau Direktor an der Schublade stehen, in der sich meine wenigen Sachen befanden. Die Schublade war offen, und die Dame hielt eine jener Düten in den Händen, die ich so gut kannte. Innerlich war ich erschrocken und empört, doch der Respekt, den ich vor der indiskreten Person wenigstens äußerlich hatte, drängte den zornigen Ausruf in mir zurück.

Mit einem Gesicht, dem man Verblüffung und Belustigung ansah, drehte sie sich nach mir um und hielt die Düte hoch.

»Davon haben Sie ja nie etwas gesagt,« sprach sie, anscheinend nicht im geringsten gestört, daß ich sie beim Durchsuchen meiner Sachen überrascht hatte.

»Oh, bitte,« sagte ich und langte nach dem Gedicht, »Das wäre ja nicht der Rede wert gewesen.« Sie lächelte noch immer ein stilles, belustigtes Lächeln.

»Lassen Sie doch, ich zeige das meinem Manne.«

»Um Gottes willen,« rief ich erschrocken.

»Warum nicht? Die Gedichte gefallen mir alle sehr gut.«

Aller Zorn, alle Empörung von meiner Seite waren fort. Ich wäre am liebsten vor ihr niedergekniet und hätte den Saum ihres Kleides geküßt – so glücklich machten mich diese Worte. Von diesem Tage an sah ich in ihr einen Engel.

Der Umstand, daß sie mir meine acht Kronen noch immer nicht bezahlt hatte, betrübte mich zwar, doch maß ich die Schuld dem Manne bei, der sie hätte mit Geld versehen sollen, denn wie ich genau wußte, hatte sie nie Geld.

Sie hatte dem Direktor auch einige meiner Gedichte gezeigt. Er hatte darüber gelacht und seiner Frau gesagt, sie solle mir doch den Kopf nicht verdrehen, weil ich wirklich ein ganz brauchbares Mädchen sei. Es gäbe wahrhaftig mehr gute Dichter als gute Dienstboten.

Der Direktor hatte fast jede Woche nach Wien zu fahren. Eines Tages, als er wieder fort war und die Kinder schon in den Betten lagen, kam seine Frau heraus in die Küche, wo ich beschäftigt war, die Teller und Schüsseln abzuwaschen. »Anna,« sagte sie, »ich möchte gerne mit Ihnen sprechen.« Mein Herz hüpfte hoch, weil ich dachte, sie würde mir endlich meinen Lohn bezahlen. Sie setzte sich auf einen der Küchensessel und beobachtete mich eine Weile schweigend, während ich in meiner Arbeit fortfuhr.

»Sagen Sie,« begann sie endlich, »warum sind Sie denn nicht aufrichtig zu mir?«

Ich blickte sie bestürzt an. Mein Gewissen war aber rein und so sagte ich ruhig: »Ich weiß nicht, was Sie meinen.«

Sie klopfte mit den Füßen ungeduldig auf den Boden. »Tun Sie doch nicht so, Sie haben mir einmal gesagt, Sie hätten keinen Liebsten, aber diese Gedichte ...« und zu meiner unendlichen Beschämung hielt sie eine Papierdüte hoch, die ich erst gestern beschrieben hatte und die ich nie und um nichts in der Welt jemand gezeigt hätte. »Dieses Gedicht, sagt das nicht ...? Wo ist er denn? und was ist er denn? Haben Sie sein Bild?«

Ich nahm meine Hände aus dem heißen Abwaschwasser und hielt sie vor mein Gesicht. Ihr Lachen brachte mich zur Besinnung.

»Seien Sie doch nicht so dumm,« fuhr sie fort, »ich bin doch eine verheiratete Frau, und mir dürfen Sie es schon sagen. Also heraus damit.« Sie blickte mich halb zärtlich, halb befehlend an, und ich ließ die Hände sinken; es fiel mir dabei auf, wie rot und häßlich sie aussahen, und eine neue Scham überfiel mich.

»Es ist wahr,« sagte ich endlich.

»Daß Sie also doch jemand haben?«

»Nein, ich meine, daß ich niemand habe.«

»Aber das Gedicht?« rief sie und sah ungemein belustigt auf die Düte, die nach Kaffee roch.

»Ich weiß nicht, wer das ist ... ich weiß auch nicht, wo er ist, ...« und mit einer plötzlichen Kühnheit: »ich weiß nur, daß er ist.«

»Aber wo und wann haben Sie ihn denn gesehen?«

»Ich habe ihn nie gesehen ... nur,« schloß ich zögernd, »in meinen Gedanken.«

»Oh,« sagte sie, stand auf und gähnte. Sie schickte sich an, die Küche zu verlassen, doch auf der Schwelle drehte sie sich noch einmal um und rief mir zu: »Solange Sie ihn nur in Gedanken kennen, wird er Ihnen nichts schaden.«

Kaum war sie draußen, so stürzte ich mich auf meinen Schrank, riß alle Düten heraus und verbrannte sie im Küchenherd. Ich wartete, bis das letzte Zucken der jähen Flamme vorüber war, dann lehnte ich mich an die graue Küchenwand und weinte bitterlich.

Oh, jene Tränen in jener grauen Küche! Oh, jene Träume in jener grauen Küche! – Keine Minute verließ mich jene unsagbare, unbegreifliche Sehnsucht nach ihm.

Wann würde er denn kommen? – Wann? – Wann? – Wann würde er kommen, um mich fortzunehmen, wie die Prinzen in den Märchen kamen, um eine Gänsehirtin oder eine Spinnerin zu freien? – Irgendwo und irgendwann mußten wir uns doch treffen, und oft frug ich das Schicksal klagend: »Ist der Weg noch lang?«

Manches Mal überkamen mich auch Zweifel. Meine Augen glitten dann gewöhnlich über meine Hände, die mir so dick und rot erschienen. – Wie – wenn er mich aber nicht lieben würde? – Doch schon im nächsten Augenblick flog mir die eine oder die andere Zeile meiner Gedichte durch den Kopf, und während mir vielleicht noch die Tränen in den Augen standen, lächelte ich ein stilles, glückliches Lächeln. Was hatten die Hände – diese Hände mit mir zu tun? – Der Mann, von dem ich träumte, war kein Mann, der ein Mädchen liebte, weil es schön war. – Nein, er war ein Mann, der mich lieben würde – der weißen Gedanken wegen, der reinen Sehnsucht wegen und um denjenigen Teil meines Herzens wegen, der beständig dichtete und träumte.

Einmal hatten wir Waschtag, und ich stand in der Waschküche, die voll Dampf war, als die Türe aufging und meine Mutter hereintrat. »Mutter!« rief ich erstaunt, »warum hast du mir denn nicht geschrieben, daß du kommen würdest?«

»Wir haben so lange von dir keinen Brief bekommen, und als gestern wieder nichts kam, da wurde mir bange, weshalb ich heute herübergegangen bin.«

»Bist du denn gegangen?« Erst jetzt bemerkte ich, daß ihre derben schwarzen Schuhe ganz bestaubt waren und sie selbst recht müde aussah.

»Ja, ich bin gegangen;« und nach einer kleinen Pause fügte sie zögernd hinzu:

»Es geht mit dem Geschäft viel schlechter, und wir müssen unsere Kreuzer zusammenhalten, wenn wir nicht noch mehr herunterkommen wollen.«

Ich fühlte einen stechenden Schmerz in mir und hielt die Tränen nur mit größter Mühe zurück.

»Wenn ich nur Geld hätte, ich würde es euch so gerne geben.«

Meine Mutter schüttelte hastig den Kopf.

»Sei nicht dumm, du brauchst ja deine paar Gulden selbst, – hast du dir schon etwas erspart?«

Ich errötete bei dieser Frage.

»Nein,« sagte ich langsam.

»Laß sehen, du bist doch jetzt schon ein Jahr hier.« Meine Mutter rechnete an den Fingern, »und jeden Monat 8 Kronen,« – sie rechnete wieder – »das macht eine schöne Summe – ich glaube, du bist leichtsinnig, Anna.« Sie sah mich bei den letzten Worten mit einem sanften Vorwurf in den Augen an.

»Ich bin nicht leichtsinnig.« Dann ließ ich mich neben ihr nieder und erzählte, daß ich meinen vollen Lohn nie bekommen hätte, sondern immer nur eine Kleinigkeit, gerade genug, um ein Loch in meinem Schuh übernähen zu lassen oder irgendein wichtiges Kleidungsstück kaufen zu können. Ich schämte mich sehr, das alles zu sagen, da es ja nur mein Eigensinn gewesen war, der mich hierhergebracht hatte.

Meine Mutter saß ganz still, und erst nach einer langen Pause sagte sie: »Ich bin froh, daß ich gekommen bin. Ich wollte einmal selbst sehen, ob es dir hier wirklich gut geht. Es hat sich nämlich eine recht schöne Stelle für dich gefunden; es sind drei Kinder, auf die du acht zu geben hättest, und es ist ein sehr großes Haus, wo du eine Menge lernen könntest.«

Mir fiel der blödsinnige Junge ein, dem es noch immer so oft gelang, mich anzuspucken, sowie die hämischen Reden des älteren Buben und noch vieles andere, das mir widerwärtig war. »Ich glaube, ich möchte die Stelle sehr gerne annehmen,« sagte ich.

Meine Mutter erhob sich von dem Wäschekorb, auf dem sie sich beim Eintritt niedergelassen hatte, und schickte sich zum Gehen an. »Ich habe damals mit dem Herrn Direktor vierzehntägige Kündigung verabredet; wenn ich jetzt mit der Frau Direktor spreche, so bist du in zwei Wochen frei; ich habe mich wegen der anderen Stelle schon über alles erkundigt, die Frau ist sehr lieb und wartet gerne noch drei Wochen, so daß du noch eine Woche zu Hause sein kannst, ehe du die Stelle antrittst. – Ist dir das so recht?« Ich nickte schweigend und verabschiedete mich von ihr.

Als ich später in die Küche kam, war meine Mutter schon fort, und die Frau Direktor saß beim Herdfeuer, als ob sie auf mich gewartet hätte. »Es tut mir leid, daß Sie fortgehen, – doch ich habe es ja immer gesagt, daß Sie für all die groben Arbeiten eigentlich zu gut sind. Ich hoffe, die neue Stelle wird Ihnen gefallen.«

Nachdem die vierzehn Tage vorüber waren, packte ich meine Sachen wieder in starkes braunes Papier, und das Paket schien mir kleiner als damals, als ich auszog, mein Glück zu suchen.

Ich war zum Gehen fertig. Die Frau Direktor gab mir zehn Kronen und versprach, alles rückständige Geld nachzusenden. Obwohl ich wußte, daß das nie geschehen würde, bedankte ich mich doch sehr für die zehn Kronen, die mich ein ungeheurer Reichtum dünkten.

Zu Hause angekommen, fand ich alles etwas verändert. Die Wohnung war zwar noch dieselbe, doch vermißte ich sofort einige Möbel. Aber aus einer unbegreiflichen Angst und Feigheit wagte ich nicht nach deren Verbleib zu fragen. Ich sah auch, daß meine Geschwister, wenn auch tadellos reinlich, so doch recht ärmlich gekleidet waren. Auf einem Wandbrett bemerkte ich auch eine Pfeife.

»Wer raucht denn die Pfeife?« frug ich.

»Oh,« sagte meine Mutter nach einem raschen Blick auf den besagten Gegenstand, »Vater sagt, eine Pfeife käme billiger als Zigarren.«

Noch manches bemerkte ich, doch ich fragte nicht mehr. »Du weißt doch,« sagte meine Mutter, »daß Karl von seinem Lehrplatz fort ist?«

»Wie soll ich das wissen? Niemand hat es mir mitgeteilt. Wo ist er denn?«

»Mit Vater. Sie werden ja bald kommen.«

Trotzdem ich mich sehr freute, meinen Bruder, von dem ich, seit er in die Lehre geschickt wurde, nichts mehr gehört hatte, wiederzusehen, so empfand ich es doch schmerzlich, daß er von dort fort war und seine Lehrzeit von neuem anfangen mußte.

Meine Mutter fing an, die kleinen Kinder zu Bett zu bringen und den Tisch für das Abendbrot zu decken. Mein Vater und mein Bruder kamen erst, als es schon dunkel war. Nach der einfachen Begrüßung setzten wir uns zum Essen nieder und ich bemerkte erst jetzt, wie schön mein Bruder während seiner Abwesenheit geworden war. Trotzdem er nur sechzehn Jahre zählte, war er doch viel größer als mein Vater und von so graziösen Bewegungen, daß ich kein Auge von ihm abwenden konnte. Sein Gesicht war ebenfalls sehr schön, die Augen waren blau und groß, und lange Wimpern senkten sich beschattend darüber. Auf seiner Oberlippe zeigte sich ein feiner blonder Schnurrbart, und nur die Unterlippe wölbte sich etwas zu voll für meinen Geschmack.

»Was willst du denn eigentlich jetzt tun?« frug ich einmal während des Essens. »Eigentlich bist du doch zu groß (und zu schön, hätte ich beinahe hinzugefügt), um ein Lehrjunge zu sein.«

»Du hast recht, liebe Schwester,« sagte er in etwas spottendem Tone, »für einen Lehrjungen bin ich schon viel zu groß und, um die Wahrheit zu sagen, viel zu fein.«

»Zu fein,« wiederholte ich und bemerkte nun auch, daß er die Hände eines Prinzen hatte.

»Ja, zu fein,« wiederholte er und betrachtete nachdenklich seine schönen Nägel, »zu groß und zu fein, um Ohrfeigen einzustecken.«

»Hat man dich –?« frug ich und wagte nicht zu vollenden.

»Ja, darum lief ich davon.«

»Du hättest das vielleicht doch nicht tun sollen,« warf meine Mutter schüchtern ein, »was wirst du denn jetzt anfangen?«

Ich erschrak auf das tiefste über den Blick, den er meiner Mutter zuwarf, – es war ein böser, fast drohender Blick, der seinem Gesicht alle Schönheit raubte; doch als ob er wüßte, welchen Eindruck er soeben auf mich gemacht hatte, lehnte er sich anscheinend gleichgültig in den Holzsessel zurück, und ein selbstzufriedenes Lächeln spielte um seine Lippen.

»Fange nur nicht an zu jammern,« wandte er sich an meine Mutter, »ich werde euch nicht zur Last fallen – ich gehe nach Wien,« schloß er, sich zu mir wendend.

»Nach Wien?« frug ich, »was willst du denn dort tun?«

Er lächelte wieder und dieses Mal etwas verächtlich. »Das weiß ich noch nicht, ein Bursche wie ich einer bin, braucht sich darüber nicht zu sorgen, ich habe zwar kein Geld, doch hier (er zeigte auf seine Stirne) habe ich etwas, das ist mehr wert als Geld.« Er fing dann an, seine Zukunft zu schildern. »Es ist ein Unglück,« sagte er, »auf dem Lande geboren zu sein; man denke an die ungeheuren Möglichkeiten, die sich einem in der Stadt bieten: die gut geleiteten Schulen, die Plätze von geschichtlicher Bedeutung, die zahllosen Gewerbe und die feinere Form des Daseins, die jeden umschließt. Auf dem Lande gibt es keine richtige Arbeit. Man steht zwar jeden Morgen auf und tut, was man eben tun kann; doch wo ist jener Wettlauf aller einzelnen Kräfte des Geistes und des Körpers, wie wir ihn in den Städten finden, wo in jedem Beruf der Geniale von dem Genialsten verdrängt wird und daher jeder nach dem Höchsten strebt. Würde ich hier auf dem Lande bleiben, so würde ich sicher mein ganzes Leben lang nichts anderes sein als ein Tagedieb, der das große Kapital, das ihm der Zufall – meine liebe Schwester,« wandte er sich an mich, »ich bin über die Albernheiten von Gott und Kirche schon lange hinaus – in die Wiege, oder besser gesagt, in das Hirn gelegt hat, ohne Zinsen und Verwertung herumschleppt. Darum habe ich mir vorgenommen, es mit den Besten und Schnellsten meines Alters aufzunehmen, und es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn ich in ein paar Jahren nicht so viel Geld hätte, daß ich nicht hundert solcher Buden (er sah sich bei diesen Worten verächtlich im Raume um) aufkaufen könnte.« Ich saß die ganze Zeit mit andächtig gefalteten Händen und wußte nicht, was ich von ihm denken sollte. Ich bewunderte die leichte, fließende Rede und die neuen Gedanken, die ich zum erstenmal hörte; dabei aber warnte mich etwas vor der unbedingten Übergabe meiner bisherigen Ideen.

»Ich wünsche dir viel Glück,« warf ich dazwischen, als er endlich eine Pause entstehen ließ. »Aber was willst du denn eigentlich werden?«

»Ich sehe schon,« erwiderte er, »daß du in keiner Weise besser bist als diese Leute (er wies dabei mit dem Daumen auf meine Eltern), daß du dich in gar keiner Weise über den Flecken erhoben hast, auf dem du geboren wurdest; du denkst wie diese Leute (er zeigte wieder auf meine Eltern), und diese Leute denken, wie ihre Großeltern dachten. Fortschritt ist euch allen so fremd wie China. Wie kannst du fragen,« fuhr er in etwas sanfterem Tone fort, »was ich werden will? Wie kann ich das schon heute sagen? Erstens kenne ich die Verhältnisse in Wien gar nicht und weiß auch nicht, welche meiner Fähigkeiten die hervorragendste ist. Gib mir die Gelegenheit zum Wählen, die Möglichkeit zum Prüfen, und ich sage dir, wozu ich mich am besten eigne.«

Ich schämte mich sehr wegen meiner Unwissenheit und sagte lange kein Wort.

»Wenn du Verstand hättest,« fuhr mein Bruder fort, »was ich leider nach den paar Worten, die ich das Glück hatte (er machte eine ironische Verbeugung), mit dir zu wechseln, nicht vermute, so müßtest du sehen, daß ich ein außergewöhnlicher Mensch bin und meine ganze Natur auf einen Künstler deutet; leider haben diese Leute (er zeigte wieder nach meinen Eltern) für so etwas gar kein Verständnis und werden meine Größe wahrscheinlich nie begreifen. Von dir aber erwarte ich, daß du aus deiner gegenwärtigen Laufbahn (ich bewunderte sein Feingefühl, die Laufbahn nicht zu nennen) bald herauskommst, damit ich mich deiner nicht zu schämen brauche, denn wenn du auch meine Höhe nicht erreichen wirst, so könntest du es doch weiterbringen, als du es bisher gebracht hast.«

Mein Vater war schon seit einiger Zeit vom Tische aufgestanden und ging mit auf dem Rücken gekreuzten Armen im Zimmer auf und ab. Er räusperte sich manches Mal, als ob ihm etwas in der Kehle stecke, und ich merkte, daß er zornig war. Plötzlich blieb er vor meinem Bruder stehen. »Meinst du nicht,« fragte er, »daß es für dich am besten wäre, wenn du so bald wie möglich unter deinesgleichen verkehren könntest?«

»Gewiß, lieber Vater,« entgegnete mein Bruder mit dem größten Gleichmut, »ich habe beschlossen, schon morgen nach Wien zu fahren, nur muß ich dich bitten, mir die paar nötigen Kronen zur Fahrt zu geben, eine Kleinigkeit, die ich dir schon in einigen Monaten tausendfach zurückbezahlen werde.«

In der Ruhe, mit der sie sich jetzt ansahen, lag etwas furchtbar Bedrückendes. Meine Mutter mußte das auch gefühlt haben, denn sie stand hastig auf und sagte: »Macht doch das morgen aus und geht jetzt schlafen.«

Am nächsten Tage brach das Gewitter los. Mein Bruder wollte eine bestimmte Summe Geldes haben, und mein Vater weigerte sich, ihm die ganze Summe zu geben.

»Willst du, daß ich ohne einen Kreuzer in Wien ankomme?«

»Ich gebe dir so viel ich dir geben kann; ich kann doch nicht deinetwegen die kleinen Kinder verhungern lassen!«

»So willst du lieber, daß ich verhungere?«

»Dazu wird es wohl nicht kommen. Du bist alt genug, um irgend etwas angreifen zu können und dir dein Brot zu verdienen.«

»Alt genug? Sechzehn Jahre nennst du alt genug?«

»Warum nicht? Ich habe mit elf Jahren von zu Hause fort gemußt und habe mir seither mein Brot verdient.«

»Brot verdient?« sagte mein Bruder höhnisch, »Schulden hast du gemacht und uns in einen Ruf gebracht, daß uns kein Hund anschaut.«

Die Zornesader schwoll dick auf meines Vaters Stirne. »Du,« schrie er und stürzte sich auf meinen Bruder, »ist das der Dank dafür, daß ich mich, seit ihr auf der Welt seid, schinde und plage, um euch aufbringen zu können.«

Mein Bruder mußte wohl einen solchen Ausbruch von seiten meines stets ruhigen Vaters nicht erwartet haben; er wurde ganz blaß und suchte sich aus dem Griffe meines Vaters zu befreien. Nachdem ihm das gelungen war, nahm er seinen Hut und ging zur Türe; bevor er sie aber hinter sich schloß, drehte er sich um und sagte: »Morgen werdet ihr mich im Kamp finden.« Der Kamp war ein ziemlich tiefer und breiter Fluß. –

Nachdem er fort war, bot das Zimmer ein Bild des Jammers. Meine Mutter lehnte weinend an der Wand, mein Vater schritt mit pfeifender Brust im Zimmer auf und ab, das kleinste der Kinder war von dem Lärm erwacht und weinte, und ich zitterte vor Aufregung am ganzen Körper. – Was mich am meisten aufregte, waren meines Bruders letzte Worte: »Morgen werdet ihr mich im Kamp finden.« – Ich stellte mir vor, wie er sich in die schwarzgrünen Wellen stürzte und langsam untersank. In meiner Verzweiflung weinte ich laut und sagte zu meinem Vater, er habe es zu weit getrieben, worauf dieser, ohne ein Wort zu erwidern, aus dem Zimmer ging.

»Mutter,« sagte ich, die Worte stoßweise hervorbringend, »glaubst du, er hat schon ...?«

»Frage mich nichts,« erwiderte sie, »ich bin die unglücklichste Frauensperson in der Welt.« – Ich hoffte den ganzen Tag, daß Karl zurückkommen werde, doch er kam nicht; und als er am Abend nicht erschien, da gab ich alle Hoffnung auf, ihn je wiederzusehen.

Den nächsten Tag litt es mich nicht mehr im Zimmer, und ich verließ das Haus. Ohne daß ich es eigentlich wollte, schlug ich den Weg zum Kamp ein und blieb jedesmal erschrocken stehen, wenn mir ein größerer Trupp Leute begegnete, weil ich dachte, man hätte ihn schon gefunden. Es waren aber meist junge Burschen, die aus ihren Weingärten kamen.

Als ich über den Kirchplatz ging, der eine Menge wehmütiger Erinnerungen in mir hervorrief, so daß ich mich noch unglücklicher fühlte als zuvor, sah ich plötzlich meinen Bruder aus einer Nebengasse herauskommen. Mit einem entzückten Aufschrei lief ich auf ihn zu. »Karl,« rief ich, »wo bist du die Nacht über gewesen?« – Er schien über die Frage nicht sehr erbaut zu sein.

»Ich hätte dir mehr Takt zugetraut,« erwiderte er, an meine Seite tretend, »als eine so heikle Sache, wie sie sich leider in deiner Gegenwart abgespielt hat, auch nur indirekt zu berühren.«

Ich wagte keine weitere Frage mehr und schritt schweigend neben ihm hin; heimlich aber wunderte ich mich über seine Ruhe.

»Dein Schicksal, liebe Schwester,« sagte er plötzlich in mein Schweigen hinein, »jammert mich.«

Meiner Ansicht nach war seines viel jämmerlicher, doch er schien nicht so zu denken. »Warum?« fragte ich und bereute die Frage im nächsten Augenblick, denn seine Augen leuchteten zornig.

»Du fragst, die du doch selbst Zeuge jenes peinlichen Vorfalles gewesen bist, der dich gelehrt haben muß, welch' niederer Herkunft du bist.«

»Ich?«

»Ich meine wir – doch ich habe ja selbstverständlich mit diesen Leuten nichts mehr zu tun, und es dauert mich, daß du dein ganzes Leben lang mit so eng denkenden, kleinlichen Menschen in Berührung zu bleiben hast; ich habe darum seit gestern überlegt, wie dir zu helfen sei (meiner Ansicht nach brauchte er viel eher Hilfe als ich, doch schien er das wieder nicht zu denken), und,« so fuhr er fort, »so habe ich den Entschluß gefaßt, dich zu mir nach Wien zu nehmen, dein weiteres Leben selbst zu überwachen und, wenn sich irgendwelche Fähigkeiten in dir zeigen sollten, diese auszubilden, kurz gesagt, dich zu erziehen. – Sobald ich also den Staub dieses Dorfes von meinen Füßen geschüttelt haben werde und in Wien angelangt bin, werde ich Tag und Nacht arbeiten, um so schnell wie möglich eine größere Summe Geld herbeizuschaffen, die es mir möglich machen wird, dich zu mir zu nehmen und dich in allen Fächern des Wissens, in Musik und Sprachen unterrichten zu lassen. –

Bist du damit einverstanden?«

Ich war so gerührt, daß ich kaum sprechen konnte.

»Selbstverständlich,« fuhr er rasch fort, »wird das noch eine Weile dauern, und du kannst ja in der Zwischenzeit die Stelle antreten, die dir Mutter gesucht hat; doch versäume nicht, deine freie Zeit mit dem Lesen nützlicher Bücher auszufüllen, damit ich mich deiner nicht zu sehr zu schämen habe, wenn ich dich in meine Kreise einführe. Hauptsächlich empfehle ich dir Schiller. Du wirst in seinen Dramen alles finden, was man im Leben braucht, um in jeder Lage geistreich und witzig zu erscheinen. Gewöhne dich daran, die Stellen aus seinen Büchern oft zu zitieren, damit du dann meinen Freunden gegenüber nicht in Verlegenheit bist; auch Goethe kann ich dir empfehlen; doch muß ich dir hier etwas Vorsicht im Zitieren anraten, da du bei deinem jetzigen beschränkten Verstehen den Sinn der Worte nicht richtig erfassen könntest und die Stellen zur unrechten Zeit zitieren möchtest. Warte darum, bis ich selbst imstande sein werde, dir alles zu erklären; und nun, liebe Schwester (ein wunderbares Lächeln erschien auf seinem Gesicht), muß ich dir leider Lebewohl sagen.«

»Lebewohl?« rief ich bestürzt, »wohin willst du denn?«

»Ich fahre heute noch nach Wien.«

»Aber du hast doch keinen Kreuzer Geld.« Das wunderbare Lächeln schwand von seinen Lippen.

»Ich sehe,« sagte er, »daß du in jeder Beziehung sehr zurück bist. Das erste, was du lernen mußt, ist Takt: Denkst du denn, daß jeder Mensch eine Bärenhaut als Gemüt hat, wie es leider in unserer Familie einen solchen Fall gibt? Gewöhne dich daran, nie etwas zu sagen, das einem andern einen peinlichen Vorfall oder eine peinliche Lage in Erinnerung bringen könnte; es gibt in jedem Menschen, wenn er auch noch so herabgekommen ist, etwas, das Stolz heißt. Hüte dich, das anzugreifen. – Und nun Gott befohlen, liebe Schwester!«

Er reichte mir die Hand, ich nahm sie jedoch nicht, sondern starrte nur auf seine schönen weißen Finger.

»Ich will dich ja nicht kränken,« sagte ich endlich, fast weinend, »aber wie kannst du ohne Geld nach Wien fahren?«

Er runzelte die Brauen und sah mich etwas mitleidig an.

»Ich sehe schon, daß ich von dir nicht jene Höhe des Empfindens verlangen kann, die eigentlich meine Zuneigung für einen Menschen bedingt. Doch weil du meine Schwester bist und dein gegenwärtiges Los ganz unverdient trägst, denn es wäre die Pflicht unsrer Eltern gewesen, uns alle studieren zu lassen, so will ich für heute von deiner Erziehung absehen und deine Frage bezüglich des Mammons beantworten. Wie du richtig vermutest, habe ich leider kein Geld; doch ich würde lieber nach Wien laufen, als von dem Manne, der unbegreiflicherweise mein Vater ist, auch nur einen Heller anzunehmen. Ich habe die Abfahrt des Güterzuges herausgefunden und werde mich in einem der Wagen verbergen, bis wir in Wien ankommen.«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, nein,« rief ich, »das sollst du nicht. Ich habe Geld. Hier hast du alles.« Und dabei drückte ich ihm den Rest meines Geldes, das ich in ein Stück weißes Papier eingewickelt hatte, in die Hand.

Sein Gesicht zeigte Gerührtheit und Entrüstung. »Ich müßte doch ein Lump sein,« sagte er, »wenn ich deine sauer verdienten Kreuzer annehmen würde. – Ferne sei das von mir.« Und während er das Geld in meine widerwillige Hand zurücklegte, schloß er: »Du hast zwar eine große Taktlosigkeit begangen, aber ich verzeihe dir.« Im nächsten Augenblicke war er fort.

Trotzdem ich auf der Straße stand, fing ich erbärmlich zu schluchzen an und verwünschte meine Armseligkeit, meinen Mangel an Edelsinn, schließlich mich selbst. Ich war fest überzeugt, daß mein Bruder nicht nur ein Künstler, sondern auch ein Held und ein Märtyrer sei....

Die Stelle, die ich bald nach diesen Vorgängen antrat, unterschied sich von der früheren in folgendem: erstens waren nur nur drei Kinder da, zweitens war außer mir noch ein Mädchen da, die Köchin; drittens erhielt ich statt acht Kronen zehn Kronen monatlich, sonst war aber meine Lebensweise nicht sehr verändert. Nach wie vor hatte ich das Waschen des Geschirres und der Böden zu besorgen, und wenn das vorbei war, die Kinder auszunehmen.

Diese waren im Alter von vier bis elf Jahren. Sie waren viel höflicher als die Kinder des Direktors, und ich hatte sie alle sehr lieb. Auch die Köchin hatte ich gern. Sie führte keine Reden, die anzuhören man sich hätte schämen müssen, und ich durfte ihr sogar meine Gedichte vorlesen, die ihr immer sehr gut gefielen, und von denen sie das eine oder andere öfter zu hören verlangte. Dieser Umstand machte mich ungemein glücklich.

Nachdem aber einige Monate in dieser Weise vergangen waren und mir die anfängliche Neuheit der Verhältnisse zur Gewohnheit geworden war, erwachte in mir wieder das alte Gefühl der Unzufriedenheit und der Verlassenheit. Es geschah nicht selten, daß ich mich in irgendeine Ecke setzte und heftig weinte, ohne dafür eine Ursache angeben zu können. Vor meiner Frau verbarg ich das sehr sorgfältig, doch der Köchin gegenüber konnte ich das nicht immer tun. Sie frug mich öfters, was mir fehle, doch konnte ich ihr nie eine zufriedenstellende Antwort geben.

Als wir einmal, es war an einem Samstagnachmittag, daran waren, die verschiedenen Kochbretter sowie den Boden zu scheuern, bemerkte die Köchin, daß meine Augen wieder einmal vom Weinen dick geschwollen waren.

»Was haben Sie denn,« frug sie mich in ihrer teilnehmenden Art, »ich glaube gar, Sie haben Heimweh!«

Ich schüttelte langsam und nachdenklich den Kopf: »Ich glaube nicht, daß es Heimweh ist, ich glaube vielmehr, daß es der Wunsch ist, etwas zu lernen.«

»Lernen,« wiederholte sie, »du lieber Gott, was denn?«

»Ich weiß nicht,« sagte ich zögernd, »ich weiß nur, daß ich gar nichts kann.«

»Nichts kann? Das will ich nicht sagen, ich bin ganz zufrieden, wie Sie mir bei der Arbeit helfen.«

»Das schon, aber ich meine, ich kann weder Französisch noch Klavier.«

»Französisch und Klavier, das brauchen Sie aber doch nicht in Ihrem Beruf.«

»Das schon, aber ich möchte einen anderen Beruf haben.«

»Oh« ... und dann schwiegen wir lange.

Wir hatten nun unsere Arbeit fertig gebracht, legten die nassen Schürzen ab und banden reine vor. Die Köchin nahm dann eine der blanken Pfannen von der Wand und schickte sich an, den Nachmittagskaffee zu kochen, während ich den Tisch im Eßzimmer deckte. Als ich das Brett mit der heißen Milch, dem heißen Kaffee und den reinen weißen Schalen hineingetragen hatte, setzten wir uns zu unserem Kaffee in der Küche nieder. Die Köchin schenkte ein, und ich bemerkte, daß ihre Hand leicht zitterte. Da sie nicht sprach, sagte auch ich nichts; doch ich fühlte, daß sich ihre Gedanken mit mir beschäftigten. Nachdem ihre Schale leer war, stützte sie ihren Kopf in die Hände und sah mich voll an. »Also Französisch wollen Sie lernen.«

»Es braucht ja nicht gerade Französisch zu sein.«

»Also was soll es denn sein?«

»Ich weiß es nicht!«

»Das ist ein Unsinn, Sie müssen doch wissen, was Sie wollen.«

»Ich glaube, ich möchte Englisch lernen,« gestand ich endlich sehr verwirrt und sehr verlegen.

»Das lernt aber doch kein Mensch, warum nicht lieber Französisch?«

»Ich weiß nicht, aber ich möchte lieber Englisch lernen,« wiederholte ich langsam, aber sehr entschieden.

»Ich hab' über alles nachgedacht,« fing sie nach einer Pause wieder an. »Die Frau darf natürlich nichts davon wissen, denn sie hat so etwas nie gelernt und würde es für Hochmut halten, wenn Sie dergleichen lernen wollten. Doch ich denke, es ließe sich einrichten, wenn Sie abends, nachdem die Kinder zu Bett gebracht sind, sich damit beschäftigen würden.«

»Natürlich,« rief ich entzückt, »ich würde nie daran denken, während des Tages dergleichen zu tun; es fragt sich nur,« fügte ich etwas kleinlaut hinzu, »ob sich eine Lehrerin finden wird, die mir am Abend Stunde gibt.«

»Eine Lehrerin?« frug meine Köchin erstaunt. »Brauchen Sie denn eine Lehrerin?«

Mein Mut sank ganz beträchtlich bei dieser Frage. »Natürlich, ohne eine Lehrerin werde ich es nicht fertig bringen.«

»Aber wird das nicht zu viel kosten?«

»Oh,« sagte ich anscheinend leichthin, »ich glaube nicht, daß das viel kosten wird.«

»Wieviel denken Sie denn?«

»Ich weiß es nicht, aber ich denke, ein bis zwei Kronen die Stunde.«

»Du lieber Gott, das können Sie nie erschwingen.«

»Vielleicht doch, ich bekomme ja zehn Kronen im Monat, und ich brauch' das ja nicht alles.«

»Das schon, aber Sie sollten doch an die Zukunft denken.«

»Das tue ich ja gerade,« aber sie verstand nicht, wie ich es meinte.

Die Klingel läutete, ein Zeichen, daß man mich wünschte; so ließen wir denn dieses Mal den Gegenstand fallen, und ich wagte ihn nicht mehr zu berühren, obwohl in mir eine Ungeduld und Sehnsucht nagte, die ich kaum bemeistern konnte.

Es war einige Tage später, als die Köchin ganz plötzlich wieder davon anfing.

»Meinen Sie, daß Sie davon einen Nutzen haben könnten?«

»Wovon,« frug ich, mich unwissend stellend.

»Von dem Englischen.«

»Oh, ich weiß nicht, aber ich denke, wenn ich Englisch gründlich wüßte, so könnte mir das viel Geld einbringen.«

»Wo?« frug sie.

»Natürlich nicht hier!« entgegnete ich und wandte verlegen den Kopf.

Wir waren wieder mit dem Scheuern beschäftigt, und sie widmete sich dieser Arbeit jetzt mit doppeltem Eifer.

Nachdem die ganze Küche glänzte und prangte und wir wieder bei unserer Schale Kaffee saßen, begann die Köchin wieder:

»Sie müssen trachten, daß Sie die Stunden an einem Freitag abend haben können, denn die Herrenleute sind dann aus und kommen vor elf Uhr nicht nach Hause. Glauben Sie, daß Sie bis dahin zurück sein können?«

Mein Entzücken war unbeschreiblich; ich hätte dieser guten, einfachen Person um den Hals fallen mögen. »Was denken Sie,« rief ich und faltete im Übermaß meiner Freude beide Hände wie zum Gebet, »ich werde schon viel früher zurück sein, da ist nur eines,« sagte ich, wieder kleinlaut werdend, »wird der Hausknecht mich nicht verraten?«

»Lassen Sie das nur, mit dem werde ich ein Wort reden.«

Wir beschlossen dann noch, daß ich mich nach einer Lehrerin umsehen sollte, die in der Nähe wohnte, und die Sache war für dieses Mal erledigt.

Die nächsten Tage beschäftigte ich mich, so oft ich mit den Kindern ausging, die an den Häusern angebrachten Schilder zu lesen. Endlich fand ich, was ich suchte. »Musik- und Sprachlehrerin«, lautete es auf einer schwarzen Granittafel, und die Granittafel hing an einem sehr vornehm aussehenden Hause. Obwohl mir das feine Haus einige Schüchternheit einflößte, wäre ich doch am liebsten gleich hineingegangen, und nur der Umstand, daß die Kinder mit mir waren, hielt mich davon zurück. Sie waren alt genug, um alles zu verstehen, und hätten sicher alles haarklein ihrer Mutter erzählt, die zwar sehr gut zu mir war, doch sich stets in sehr einfachen Kreisen bewegt hatte und, wie die Köchin richtig bemerkte, nur Hochmut darin gesehen hätte.

Als ich nach Hause kam, erzählte ich der Köchin sofort von meinem Erfolge und frug sie, wie ich es möglich machen könnte, die Lehrerin zu sprechen, da ich doch gar keinen Ausgang hatte. »Da gibt es nur eines: Sie müssen eben einen Sprung hinein machen, wenn Sie die Milch holen.« Ich hatte nämlich jeden Abend die Milch zu holen. Der Vorschlag gefiel mir aber nicht im geringsten. Mußte ich nicht einen lächerlichen Eindruck auf die Lehrerin machen, wenn ich mit einer großen Milchkanne in den Händen in das Zimmer trat? Da aber, ohne Verdacht zu erregen, eine andere Gelegenheit nicht möglich war, so beschloß ich dennoch, den Rat zu befolgen und zog schon am nächsten Tage die Glocke an dem vornehmen Hause. Ich hörte sie von innen läuten, und der Klang machte mich noch ängstlicher, als ich schon war. Während ich stand und wartete, kam mir der Gedanke, die Milchkanne, die ich heimlich verwünschte, in einer Ecke auf der Straße zu lassen. Aber noch während ich mich nach einer günstigen Ecke umsah, überkam mich die Besorgnis, daß sie gestohlen werden könnte; so hielt ich sie in den Händen und versuchte sie hinter mir zu verbergen, als die Tür aufging und ein Dienstmädchen fragte, was ich wolle. Ich sagte ihr errötend Bescheid, worauf sie mich einzutreten bat und mich in ein Zimmer führte, das mir unglaublich schön erschien und mir allen Atem raubte. In einem hohen Spiegel erblickte ich mich plötzlich selbst, wandte den Blick aber schnell ab, als ich die Milchkanne ebenfalls darin entdeckte. So groß und häßlich war sie mir noch nie vorgekommen.

Es vergingen einige Minuten, ohne daß jemand kam, und ich bereute schon, daß ich überhaupt hier war, als sich eine Tür öffnete. Eine schlanke, mittelgroße Gestalt trat herein, Risa de Vall, die Lehrerin.

Ein kleines Lächeln spielte um ihre Lippen, als sie mich erblickte, ein Lächeln, worüber ich der Milchkanne bittere Vorwürfe machte.

»Das Mädchen sagte mir, daß Sie englische Stunden nehmen wollen,« frug sie mich endlich, »ist dem so?«

»Ja, wenn Sie so freundlich sein wollen.«

»Wohnen Sie bei Ihren Eltern?«

»Nein,« antwortete ich und schämte mich sehr, es zu sagen, »ich bin in Stelle.«

Sie schwieg eine Weile und beobachtete mich scharf. »Gut,« sagte sie dann, »ich unterrichte von zehn Uhr morgens bis sechs Uhr abends; wann möchten Sie Ihre Stunde gerne haben?«

»Das tut mir sehr leid, ich könnte vor acht Uhr abends nicht kommen,« und dann drängten sich mir die Tränen in die Augen.

Nun lächelte sie wieder, doch diesmal so gütig, daß ich wußte, es hatte mit der Milchkanne nichts zu tun, und zu meinem unendlichen Entzücken hörte ich sie sagen: »Da muß ich wohl einmal eine Ausnahme machen und Ihnen die Stunden zu einer Zeit geben, wo Sie kommen können.«