Alle guten Geister ...


Roman

von

Anna Schieber


Vierzehnte Auflage


Verlag von Eugen Salzer in Heilbronn
1908

Christliches Verlagshaus, Buchdruckerei, Stuttgart.

Erstes Buch

Erstes Kapitel

Es sind allerlei Leute, die sich in diese Geschichte hereindrängen. Es ist eine ganze Versammlung von Leuten, alten und jungen, und es ist gar nicht leicht, sie alle an den richtigen Platz zu stellen. Da sind wohl solche darunter, die warten könnten, bis die Reihe an sie käme. Zum Beispiel der Rektor Cabisius, der mit seinen heitern, milden, jungen Augen durch den Garten geht und mit siebzig Jahren noch an die Freude glaubt, oder „jetzt erst recht“, wie er selber sagt. Und der Turmwächter und Schneidermeister Nössel und seine Schwester, Frau Judith, die so wunderbare Dinge sah, und der alte Hollermann, und immer noch mehrere, da nun das Tor offen ist. Da ist der alte Hirt, der dreimal über den Stock sprang, wenn er sein Morgengebet verrichten wollte, und der sinnige Küfermeister Riedel, von dem auch einiges zu sagen sein wird. Sie alle könnten wohl warten, bis die Reihe an sie kommt, denn das Warten haben sie unter andern guten Tugenden durch ein langes Leben hindurch gelernt und wenn sie gefragt würden, so würden sie sagen, wie so oft im Leben: nur immer die Jugend voran. Wir Alten gehen gern einen sachten, behaglichen Schritt, und dann: es ist auch besser, die Jungen im Aug’ zu behalten. Und die Frau Rektorin Cabisius würde nach ihrer Gewohnheit ein paar rasche, trippelnde Schritte machen, dem Mittelpunkt zu, und dann wieder stehen bleiben und ihrem Mann zunicken: so komm doch, Alter. Ich sehe nicht ein, warum du dich so hinten hältst. Und dann würde sie selber zu ihm zurücktreten und nur die kleine Gertrud vorschieben und mit bescheidenem Stolz sagen: das Kind hat heute seinen ersten Schritt gemacht; das darf nicht übergangen werden.

So soll nun die Frau Rektorin Recht behalten, und der erste Schritt in das Buch hinein soll auch von einem ersten Schritt ins Leben hinein handeln. Und die andern mögen ihm zusehen, und es wird nach und nach ein jedes seinen Platz in der Geschichte finden, die einen kommend, die andern gehend, ganz wie im Leben draußen auch. Und es wird Lichter und Schatten darin geben und zuletzt wird die Sonne über die Schatten siegen, wie das so ihre Art ist.

**
*

Es ist wohl der Mühe wert, von dem ersten Schritt zu reden. Da ist so eine lange, lange Bahn, es ist nicht zu sagen, wieviel Schritte darauf zu tun sind. Und niemand weiß, wann er sie zum erstenmal betritt, was er auf ihr finden wird. Wo sollte sonst ein junges Menschenwesen den Mut hernehmen, sich auf die Füße zu stellen und sich auf den Weg zu machen?

Der Frühlingssonnenschein lag auf der alten Stadtmauer, auf den Giebeldächern des Städtchens und auf den Gärten, die in der Hut der Stadtmauer und der Giebeldächer lagen und sich darauf besannen, daß es ein schönes, festliches Ding um Frühling, Leben, Werden und Wachsen sei.

Die Luft war voll Schwalbengezwitscher und Starengeschwätze. Auf dem Kirchendach klapperten die Störche, in den Blüten der Frühkirschenbäume summten die Bienen wie toll vor ausgelassener Daseinsfreude. Eine Katze schnurrte auf dem Bretterzaun. Es war kein übler Zeitpunkt, den ersten Schritt zu wagen.

„Freude, Tochter aus Elysium,“ sang die Schöpfung und ließ alle Instrumente dazu klingen. Es war ihr einerlei, daß es Leute gab, die behaupteten, es sei nicht der Mühe wert, in diese Welt herein geboren zu werden.

Der Rektor Cabisius gehörte nicht zu ihnen. Er ging in den sonnigen Wegen auf und ab, besah sich seine Obstbäume, wie sie mit ausgebreiteten Armen auf ihren Frühling warteten, paffte große und nicht besonders zierliche Rauchwolken aus seiner langen Pfeife, und nahm ab und zu diese Pfeife aus dem Mund, um damit irgend eine Melodie zu taktieren, die ihm durch den Sinn zu gehen schien. Vielleicht war es dieselbe Melodie, die durch die Luft schwirrte; wer kann das wissen? Er sah nicht aus, als ob er irgend jemandem hätte den freundschaftlichen Rat erteilen mögen, nicht in diese Welt herein geboren zu werden.

Sein Haar war grau; auf der Stirn lagen ein paar tiefe Querfalten, und unter den Augen hatte er unzählige feine Fältchen, ein ganzes Heer von Fältchen.

Aber was waren das für junge Augen, warme, lebendige, ungetrübte, die zwischen den Fältchen heraus sahen, so, als ob sie sagen wollten: „Ach, das ist ja alles nur äußerlich, das Alte, Graue, Faltige, Mitgenommene. Wenn ihr da innen hinein sehen könntet, wie da Leben ist. Aber das könnet ihr nicht.“

Ihn freute der Frühling. Er nahm sich das Recht dazu, sich zu freuen trotz allerlei trübem, das ihn durchaus aus dem Winter herüber begleiten wollte. Und es ist nicht zu sagen, wieviel Trauriges ein ehrlicher Mensch, der es von Herzen mit der Freude halten will, durch sie besiegen kann. Die lieblichsten Frühlingswunder zeigt sie ihm, und ein solches zeigte sie ihm jetzt eben, als er stillstehend nach dem grünen Rasenfleck hinübersah, wo auf einem ausgebreiteten, großen Tuch ein kleines Menschenkindlein saß. Es krabbelte mit den Händchen nach den rosa Blütenblättern, die der junge Pfirsichbaum über ihm von Zeit zu Zeit niederschweben ließ. Und als sich einige davon etwas zu entfernt niederließen, da kam ihm das Verlangen, sie zu holen.

Und da geschah es, daß das Kindlein seinen ersten Schritt auf dieser Erde machte, den ersten von so vielen, die ihm zu tun vorbehalten waren.

Die runden Händchen faßten den schlanken Stamm als Stütze, und als die Füße fest standen, etwas gespreizt und unsicher freilich, aber doch wirklich und wahrhaftig auf dem Grund, da ließen die Händchen los. Und da geschah der erste Schritt.

Der Großvater sah ihm zu. Er klopfte die Pfeife aus, legte die Hände auf den Rücken und sah in das blühende Wunder hinein, still, und ein wenig bewegt, und ein wenig belustigt. Das war so etwas Selbständiges, was da vor seinen Augen geschah, da regte sich so eine junge, sichere Kraft, die etwas werden wollte. Mit ernstem Gesicht vollbrachte die kleine Enkelin ihre brave Tat.

Aber dann kam die Angst über sie. Da war solch ein großer, leerer Raum, in den sie sich hineingewagt hatte; darin war sie so allein. Sie streckte die Händchen aus und wußte nicht weiter.

Nun war es Zeit für das Alter. „Da,“ sagte der Großvater und trat vollends heran. Er streckte sein langes Pfeifenrohr aus. „Halt’s fest,“ sagte er. Da schlossen sich die kleinen Fingerchen darum, da kam nun die Sicherheit wieder, die im Alleinsein so kläglich vergangen war. Da war ja nun eine Stütze, und der unendliche Raum war liebevoll ausgefüllt durch ein Menschengesicht.

Und nun machten die beiden jungen Leute eine große, große Wanderung mitsammen, wohl fünf, sechs Schritte, und immer das Pfeifenrohr zwischen ihnen als Halt und Leiter. Dann nahm der alte Herr das kostbare, kleine Menschenwunder in die Arme, und sah zu, wie es über das ernsthafte Gesichtchen flog, wie lauter Sonne; da war ein Leuchten des Glücks zu sehen; bis unter die braunen Härchen auf dem runden, weichen Kinderkopf alles ein Lachen und ein Stolz.

„Ja, ja,“ sagte er, „ja, ja, das hätten sie sehen sollen,“ und er meinte damit nicht die Leute im Städtchen, die Nachbarn und Freunde, sondern zwei andere Menschen, die vor allen hierhergehört hätten.

„O du Symboliste,“ sagte seine kleine, heitere, behende Frau, als sie später las, was ihr Mann in das Büchlein geschrieben hatte, in dem er denkwürdige Ereignisse zu verzeichnen pflegte, „o du Symboliste,“ das sagte sie öfters, wenn er mit weitsichtigem Blick in die Lebensfernen in den kleinen Geschehnissen des Tages wie durch einen Spiegel den tiefen Sinn des Lebens sah. Das war ihm eigen, und sie war stolz auf ihn und liebte ihn, gerade so, wie er war. Aber darum konnte sie es doch nicht unterlassen, ihn zu necken. Es hätte ihm auch gefehlt, wenn sie es eines Tages nicht mehr getan hätte.

Der Eintrag in das Büchlein aber lautete:

„Das war nun der Anfang. Sie hat sich tapfer auf den Weg gemacht, allein und ohne Hilfe. Das ist gut und nötig. Es wird noch oft nötig sein, daß sie das tut. Aber, o du Kind meines Kindes, mögest du nie im Alleinsein des Lebens vergeblich die Hände ausstrecken nach einem, der dir die Leere fülle.“

Jetzt eben kam die Frau Rektorin eilfertig durch den Küchengarten geschritten und trat zu den beiden. Sie hatte graues Haar, wie ihr Gatte, und äußerlich betrachtet, hatte sie keinerlei Grund, so strahlend auszusehen, wie sie es wirklich tat. Es lag eine traurige Geschichte in dem Lebensjahr, das die kleine Gertrud schon hinter sich hatte.

War nicht ihr Vater der jüngste Sohn der beiden alten Leute und seiner Mutter Liebling gewesen? Und hatten nicht beide Eltern das junge Pflänzchen auf Erden zurückgelassen, nachdem sie es in die Hut der Alten gegeben hatten?

Was für ein wackerer Helfer ist doch ein Kinderlachen, wenn es gilt, über so viel Leid und Sorgen hinüber wieder froh und jung und hoffnungsvoll zu werden.

Es war ein Festtag heute. Die Großmutter erfuhr das fröhliche Geschehnis und wollte es auch mit ihren eigenen Augen sehen; und als das geschehen war, da stimmten die drei, wenn’s erlaubt ist, so zu sagen, ein Terzett an, das mit reinen Tönen in das Frühlingsorchester hinein klang: „Freude, schöner Götterfunken!“ Gertrud fing an. „Mama, Mama,“ rief sie, und darauf folgte allerlei Kauderwelsch, das man nicht widergeben kann.

Was die beiden Alten dazu taten, eignet sich gleichfalls nicht für den Druck, und so muß auch der Text hier verschwiegen bleiben und, zusamt der Melodie, dem Ahnungsvermögen derer überlassen werden, die gleich dem Herrn und der Frau Rektor schon die Sonne haben durch Tränentropfen hindurch scheinen sehen.

Zweites Kapitel

Es erkälte sich niemand, wenn unmittelbar nach diesem linden, sonnigen Tag im Frühling von Schnee und Eis, Nordostwind, knarrenden Wetterfahnen und Neujahrsglückwünschen die Rede ist. Denn man kann sich ja ebensowohl die Seele erkälten, als den Leib bei solch einem schroffen Wechsel. Und der Leser teilt nicht den Vorzug, den die Leute von Wiblingen haben, daß nämlich seit dem letztgenannten Tage alle Jahreszeiten in guter Ordnung an ihnen vorbeigezogen sind, wie das in dem Kreislauf der Dinge liegt, der sich seit den Tagen Noahs nicht geändert hat. Die Erde hat seitdem einige Male ihre gewiesene Bahn um die Sonne gemacht, und es liegt jetzt der Winter über der nördlich gemäßigten Zone.

**
*

Unter der Tür von seines Vaters Haus stand ein Bub von zehn Jahren. Er hatte einen kurzen, steil aufstrebenden Haarschopf, blaurote Ohren und ein vergnügtes Gesicht. Die Hände hatte er in den Taschen vergraben. Er sah nicht aus, als ob er sie an diesem sicheren Zufluchtsort zu Fäusten geballt hielte.

Auf der Straße lag ein frischer Schnee, der über Nacht gefallen war. Am Himmel hing weißes, zerrissenes Gewölk und dazwischen sah ein kräftiges, reines Blau heraus. Es fuhr ein scharfer, lustiger Wind durch die Straßen. Er wirbelte einzelne Schneeflocken in der Luft umher, bis er ihnen gestattete, sich zu ihren Vorfahren zu versammeln und tat sehr herrisch, weil er zugleich mit dem neuen Jahr in Wirkung getreten war.

Dem Jungen gefiel es nicht übel bei diesem Zustand der Welt. Er ließ sich auf die Nase schneien und pfiff dazu vor sich hin. Über ihm baumelte an einem eisernen Haken die große, goldene Bretzel, die das Abzeichen des Hauses war. Der Wind spielte mit ihr und sie knarrte beim Hin- und Herschwanken wie ein ungeöltes Wagenrad. Er hieß Franz Ehrensperger und sein Vater hieß auch so, und vor ihm hatte dessen Vater und Großvater auch so geheißen. Und über ihnen allen hatte die goldene Bretzel gebaumelt und im Winde geknarrt und sie war von jeder neuen Generation frisch vergoldet worden. Die Ehrensperger hatten es dazu. Sie hatten von jeher ihr Brot zu backen gewußt, wie es sich gehörte und ihre Mitbürger erkannten das auch an. Es war zu erwarten, daß auch Franz der Junge in späteren Jahren die Bretzel neu vergolden würde; es lag gar kein Grund vor, etwas anderes anzunehmen.

Und so konnte er an diesem Neujahrsmorgen wohl mit Seelenruhe ins Wetter schauen und, wenn ihm die erfreuliche Gegenwart nicht genügte, auch in eine erfreuliche Zukunft blicken, die wie eine weiße, saubere, wohlgeebnete Landstraße vor ihm lag und an der es freundliche Rastorte zur Rechten und zur Linken gab.

Es ist nicht gesagt, daß er es getan habe. Der Erbe des Hauses Ehrensperger war nicht so veranlagt, daß er allzuweit in die Ferne gesehen hätte und mit neun Jahren pflegt man das auch nicht zu tun. Jungfer Liese tat es für ihn; und sie tat es mit Wohlgefallen, mit innerlichem Schmunzeln. Sie stand hinter dem Ladentisch und verkaufte die Neujahrsbretzeln und legte den honorigen Kunden noch eine extra obendrauf zusamt dem Prosit Neujahr, das sie mit wohlwollend zugespitztem Munde im Namen der Firma aussprach. Und lächelte breit und sonnig, wann die Kundschaft ebenfalls ihre Glückwünsche hergab und legte sie alle säuberlich auf die Seite, einen zum andern, nicht für sich, behüte, für das Haus, und für den Franz besonders. Es war eine stattliche Anzahl von Bretzeln, die sie verkauft, und von Glückwünschen, die sie eingeheimst hatte, Jungfer Liese konnte schon mit Behagen um sich blicken. Drinnen in der Ladenstube saß Franz Ehrensperger, der Ältere, und hielt einen kleinen Nicker im Großvaterstuhl. Das runde Haupt mit dem Doppelkinn ruhte auf dem Brustlatz der weißen Schürze, die Hände waren auf dem stattlichen Bauch gefaltet, er drehte noch halb im Traum die Daumen umeinander, dann hörte auch diese Bewegung auf. Über ihm an der blauen Tapetenwand hingen ein paar Öldruckbilder, ein Ritter und ein Edelfräulein; sie sahen einander mit feurigen Blicken an. Der Mann unter ihnen schlief in Gelassenheit und Jungfer Liese sah ihm durch das Guckfenster in der Zwischentür zu, es war ihr erbaulich zu Mute.

Sie war vor zwei Jahren ins Haus gekommen, eine arme Base des Hausherrn, aus einem ärmlichen, mageren Leben heraus, selbst ein leibarmes Persönchen, das, wie der Herr Vetter in einer scherzhaften Stunde sagte, „wohl hätte eine Gais zwischen den Hörnern küssen können.“ Seither war ihr außer einigen Anfängen zur körperlichen Rundung ein unbegrenzter Respekt gegen alles, was nahrhaft, wohlhabend und stattlich aussah, angewachsen. Sie bewegte sich ehrfürchtig zwischen den Mehlsäcken und Brotschränken des Hauses und wenn sie mit dem Inhalt der ledernen Geldtasche klimperte, so tat sie es verstohlen und mit Furcht vor böser Hoffart.

Es stolperte etwas die Treppe vom Oberstock herunter und dann kam ein kleiner Ehrensperger herein, der jüngere Sohn des Hauses. Er hieß Georg und seine Zukunft war noch nicht so über jeden Zweifel hinaus klar und sichergestellt wie die seines Bruders. Es hatte noch Zeit dazu, denn er war erst acht Jahre alt, aber das hinderte Jungfer Liese nicht, ihn zuweilen mit einigem Mitleid zu betrachten, weil er ja doch später einmal ins Leben hinaus mußte, Gott mochte wissen, wohin. Inzwischen tat sie ihre Pflicht an ihm. Es wäre ein anderer Grund zum Mitleid vorhanden gewesen, da nämlich die Mutter der Kinder seit Jahren fern von ihrer Familie in einer Anstalt lebte und kaum eine Aussicht war, daß sie je wieder einmal gesunden Geistes zu den Ihrigen zurückkehre. „Aber,“ sagte diese ihre Stellvertreterin, wenn die Rede drauf kam, „ein Kreuz ist ein Kreuz, der Herr Vetter muß es tragen, und er trägt es auch, das muß man ihm lassen. Die Kinder vermissen nichts. Denn erstens sind sie zu jung dazu, und zweitens bin ich da.“ Und sie spitzte den Mund zu einem bescheidenen Lächeln und schluckte alles Lobenswerte, das sie über sich selbst zu sagen gehabt hätte, hinunter, doch so, daß es der Beschauer wenigstens ahnen konnte. Georg wollte durch den Laden eilfertig ins Freie entwischen. Aber seine Ziehmutter hatte erst noch Pflichten an ihm auszuüben. „Halt,“ sagte sie und faßte ihn am Grips, „an diesem heiligen Neujahrsmorgen willst du mit Mehl am Ärmel und einem solchen Strobelkopf hinaus? Und in der Küche bist du mir gewesen und hast einen Rußfleck am Kinn.“ Und sie begann ihn zu säubern und zu bürsten, und machte des Rußflecks halber ihren Schürzenzipfel auf sehr natürliche Art feucht. Der Junge tat borstig, wie ein Igel, aber das half nichts, er mußte aushalten. „So,“ sagte Jungfer Liese und gab dem aufrechtstehenden Haar des Buben noch einen Strich nach hinten, „so, jetzt bist du sauber, um und um. Paß’ auf, verlier’ dein Sacktuch nicht wieder, wie gestern. Und ungebetet kommst du mir auch nicht hinaus. Das walte Gott der Vater und der Sohn und der heilige Geist. So leg’ doch die Hände zusammen, Bub’, es hat keine Art, dazu mit den Füßen zu trippeln.“

Es ist betrüblich zu sagen, aber Georg lief ihr unter den Händen weg, eh’ sie noch Zeit gefunden hatte, ihre Ermahnung zu beendigen.

Draußen rief eine helle Stimme seinen Namen. Da tat er einen Ruck und schlüpfte hinaus. Jungfer Liese stand und schüttelte den Kopf, und mit ihr schüttelt ihn vielleicht mancher, der es liest.

Und es ist nur zu hoffen, daß wir zu einer anderen Zeit erfahren, daß noch allerlei Gutes in dieses junge Leben hereinkam, dem es nicht unter den Händen weglief, und daß sich noch andere Hände fanden als die der braven Jungfer Liese, um es ihm darzureichen. Denn es war nicht jedermanns Meinung gleich der ihrigen, daß die Kinder der traurigen Frau, deren Geist hinter schweren Riegeln saß, keinerlei Mangel an irgend einem Gut aufzuweisen hätten.

„Georg,“ rief es noch einmal, „komm schnell, sonst kommen wir zu spät zum Läuten, es muß gleich anfangen.“

„Natürlich,“ sagte Jungfer Liese hinter ihrer Ladentür, „natürlich, ist mir doch das Mädchen, die Gertrud, schon wieder auf der Gasse, und stapft durch den Schnee wie ein Storch, in ihren roten Strümpfen. Und Röcke bis an die Knie, und alles fliegt an ihr, das Haar am meisten. Behüt’ mich. Wenn ich ihre Großmutter wär’.“ Es verlautete auch diesmal nicht alles, was sie zu sagen hatte, vielleicht versagte ihr die Phantasie, wann sie versuchte, sich an die Stelle der Frau Rektorin Cabisius zu versetzen.

Drittes Kapitel

Inzwischen ging die Jugend ihrer Wege und überließ das Alter seinen Betrachtungen.

Es führte eine steile, schmale Gasse gleich hinter dem Bäckerhaus in die sogenannte alte Stadt hinunter, in der die Kirche stand, ein schmuckloses, nüchternes, weißgetünchtes Bauwerk, an dem nur der Turm bemerkenswert war, der, eine viereckige, trotzige Masse, hoch, frei und stark aufstieg und über die nah herangebauten Häuser hinwegragte, wie ein großer Mann über die Menge der Durchschnittsmenschen. Auf der Höhe dieses Turmes, gleich über den Glocken, hauste der Nacht- und Feuerwächter Nössel, der auch zugleich Flickschneider war. Er hatte mehr als die Hälfte seines Lebens dort oben zugebracht. Jetzt war er ein alter Mann. Aber immer noch stieg er zweimal in der Woche seine hundertundfünfzig Treppenstufen hinunter, um die geflickten Gewänder an ihren Ort zu bringen und neue Schäden zur Heilung mit sich hinauf zu nehmen.

Wann er schlief, wußte man nicht so recht. Die Mitbürger hörten, sofern sie nicht im Schlafe lagen, mit Behagen sein halbstündliches, hellbimmelndes Glockenzeichen durch die Nacht klingen und zogen sich getrost die Decke über die Ohren, da ja außer dem Herrn im Himmel auch noch der alte Nössel auf dem Turm über die Sicherheit der Stadt wachte. Am Werktag flickte er die Löcher, die der Kampf ums Dasein in die Gewänder riß, und außerdem besorgte er an Sonn- und Feiertagen und zu den Betzeiten das Läuten der Glocken. Er saß nie unter den Andächtigen in der Kirche, sondern blieb in der Höhe bei den Glocken und streckte seinen grauen Kopf durch ein Mauerloch, das eigens zu diesem Zweck ausgehauen war, fast an der Decke des Kirchenschiffs, der Gemeinde und dem Pfarrer entgegen. Begann der letztere dann das Vaterunser, so verschwand, zur großen Befriedigung der Schuljugend, die hierauf fast mehr achtete als auf das Schlußgebet, der Kopf an der Öffnung und allsogleich begann das Läuten.

Diesem wichtigen und interessanten Mann war der Besuch der Kinder zugedacht, und es war nicht das erste Mal, daß er denselben entgegennahm. Er galt auch nicht ihm allein, sondern ebensowohl der Mitbewohnerin des Turmes, deren Bekanntschaft nicht lang mehr wird auf sich warten lassen, und deren Dasein die freundliche Fülle an lebendigen Gestalten vermehrte, die das Jugendbilderbuch der Kleinstadtkinder aufzuweisen pflegt. „Gehst du mit, Franz?“ fragte Gertrud und pflanzte sich vor dem größeren Nachbarssohn auf. „Dann komm, aber schnell.“ Franz bejahte, um aber schon an der Ecke wieder umzukehren, da ihm, wie er sagte, von Jungfer Liese ein Apfelkrapfen auf die Ofenplatte gelegt sei und derselbe sicherlich jetzt im richtigen Wärmezustand sich befinde.

Georg strebte mit langen Schritten voran; er hörte mit Wohlgefallen das leise Knirschen des leichtgefrorenen Schnees und sah die scharfumrissenen Abdrücke seiner genagelten Schuhe in der reinen weißen Decke; auch trieb ihn die Furcht, zu spät zu dem erwünschten Genuß des Läutens zu kommen, zur Eile. So blieb Gertrud, die sich mit Franz aufgehalten hatte, einen Augenblick zurück, und ihr Spielkamerad sah sich erst mahnend nach ihr um, als sich, aus einem Haus der engen Gasse kommend, ein drittes Kind zu ihr gesellte. Es war ein zierliches, feingebautes Mädchen mit rötlichblondem Haar, das in Locken unter einem hellgrünen Samtmützchen hervorquoll. Auf dem Kragen des weiten und etwas eigenartig zugeschnittenen Mäntelchens lag ein Machwerk von gelblichen Spitzen. Die ganze Erscheinung machte nicht den gewöhnlichen Eindruck, den die Bürgerskinder, auch die bessersituierten, in einem kleinen Städtchen zu machen pflegen.

Das Kind gehörte der Putzmacherin Maute, einer, wie sie selbst von sich sagte, „unglücklichen, verlassenen, aber nicht herabgekommenen Frau, die nur zu gutmütig und zu ideal für diese Welt sei.“ Man war gewöhnt, es in einem etwas ungewöhnlichen Aufputz zu sehen. Und die Leute verziehen die Abweichung von dem allgemeinen Geschmack, da ja die Frau ohnehin weder zu den Vornehmen, noch zu den Geringen so recht gehörte, und da sie mit praktischem Sinn einsahen, daß in einer solchen Hantierung, wie die Putzmacherei, doch immer Reste übrig blieben, die dann das Kind vollends auftrage. Es hieß Lore und war, obgleich im gleichen Alter wie Gertrud, viel kleiner, zarter und zierlicher als diese.

„Komm mit, Lore,“ sagte Gertrud, die eine besondere Vorliebe für alles Feine, Zarte und Schwache hatte und die „die Affenlore“ schon öfters mit Mut gegen die Angriffe der Schulkinder verteidigt hatte. „Darfst du mit auf den Turm? Erlaubt’s deine Mutter?“ Lore nickte glücklich. Sie war so viel allein und mußte sich so oft anders fühlen als die andern, daß sie es als Glück empfand, wenn gute Bürgerskinder sie als eins der ihrigen an sich zogen. Die Frau Putzmacherin nickte mit etwas struppigem Kopf aus dem Fenster, als die Kinder abzogen; Georg blieb stehen und sagte bockig und mit offener Geringschätzung: „Die soll mit? Die hat ja doch Angst vor den steilen Treppen und dann erst noch vor den Glocken.“ Er hatte noch keinen offenen Sinn für die Anmut und schätzte Größe und Kraft mehr als Zierlichkeit. Aber die Kleine wußte sich einzukaufen. Sie zog ein schwarz und weiß geflecktes Kaninchenschwänzchen aus der Manteltasche. „Da, willst du das?“ fragte sie. „Es ist ein Tintenwischer. Ich habe gar keine Angst, die Gertrud hält mich schon.“ Da nahm der Junge das Schwänzchen und dann gingen sie mitsammen durch den Schnee. „Guck einmal,“ sagte Gertrud, „meine Füße sind grad so groß wie die deinen.“ Sie setzte vergnügt ihre breiten, kräftigen Stiefelabdrücke neben die ihres Freundes und verhieß ihm, der es sich auch von ihr gefallen ließ, daß sie immer mit ihm Schritt halten würde und ebenso groß, kräftig und gescheit zu werden gedenke; „oder auch noch ein bißchen mehr,“ setzte sie hinzu, zog aber das letztere willig zurück, als Georg aufzubegehren drohte. Im Grunde war es ihr nur um die keckliche und ungeminderte Kameradschaft zu tun, nicht um den Wettbewerb. Während nun die beiden in gleichem Schritt und Tritt kräftig auszogen, trippelte Lore in ihren Fußtapfen hintendrein, flink und leicht und immer noch einen eigenen, kleinen Fußabdruck in den großen der Vorgänger hineinsetzend und kam so fast mit ihnen und ohne Schaden ihres zierlichen Schuhwerks am Fuß des Turmes an.

„Das ist nun wieder so eine Neujahrsbetrachtung.“ Meister Nössel setzte die Hornbrille mit den runden Gläsern auf und sah zu, wie eins ums andere von den blühenden Kindergesichtern aus dem dunklen, engen Treppenhaus auftauchte und ans Licht des Glockenbodens kam. Und dann wünschten sie ihm ein gutes Neujahr und er nickte ernsthaft und sagte: „Das ist wie eine Neujahrsbetrachtung, sag’ ich. Da kommet ihr so herauf zu mir und stehet da, breit und keck, und seid schon ein Stück ins Leben hineingewachsen und kaum war’s doch, daß ihr hereingekommen seid, in die Welt, mein’ ich, nackt und bloß, wie der Psalmiste sagt. Und vordem sind eure Väter da heraufgestiegen und haben mir am Läuten geholfen, und sind nun schon dahingegangen. Heißt das, deiner nicht, Georg, aber heraufsteigen tut er auch nicht mehr, er ist zu dick dazu. Und deine Mutter sitzt im Dunkeln und muß in Geduld warten, bis ihr Gott wieder das Licht ansteckt, und war ein schönes Mädchen zu ihrer Zeit und mein Sohn hätte sie gern gefreit, aber sie hat ihn nicht genommen. Und so gehen denn die Jahre dahin und man weiß nicht, was noch kommt und ist das Beste, daß unser Herrgott noch immer auf seinem Stuhle sitzt, und wollen wir denn in Gottes Namen ans Läuten gehen, und er walte das zu Anfang, Mittel und Ende.“ Damit nahm er die Brille ab und steckte sie in die Tasche, und seinen jungen Gästen, ob sie ihn gleichwohl nur halb verstanden hatten, war es zu Mute, als ob sie durch die Dachluken hindurch den lieben Gott auf seinem Stuhle sitzen sähen und wie er nun das Zeichen zum Beginn des Läutens gäbe. Sie faßten mit zager Hand nach dem Strick der beiden kleinen Glocken, indeß Meister Nössel die große anzog. Lore drückte sich in die entfernteste Ecke an die Wand. Und dann war es nicht anders, als ob hier oben die Brunnenstube des Zeitstroms sei, und die Wellen kämen aus innerem Trieb zu Tage und strömten über und zu den Schalllöchern hinaus und würden ein Meer und füllten die ganze Welt, und überall müßte man sie rauschen hören, hier oben am lautesten und fernhin leiser und leiser und bis in den Himmel hinein. Und dann schwiegen sie; leise klang noch einmal ein Ton auf, noch einer, dann verzitterte nur noch der Nachhall in der Luft.

„So und nun geht in die Stube hinauf zur Judith und wärmt euch.“ Meister Nössel klappte sein Lädchen an der Mauerluke auf und setzte sich in Positur. Drunten in der Kirche begann die Orgel zu tönen, es flogen einzelne Laute von ihr bis hierher, und dann schwoll der Gemeindegesang, der die Kirche füllte, über, und bis in die Stille hier herauf. Den Kindern war es, als ob er aus einem fernen, unsichtbaren Lande komme, demselben, in das sie vorhin zu sehen meinten, und ihre jungen Seelen regten sich und schwangen leise mit und versuchten, aufzuflattern, als ob sie irgendwo zu Hause wären, nicht hier. Aber sie wußten nicht, wo.

Und dann schlichen sie auf den Zehenspitzen die Treppe hinauf und als Lore einen ungeschickten Tritt auf einen astigen Knorren tat, der mitten auf einer ausgetretenen Stufe hervorsah, denn die Treppe war ihr noch ungewohnt, und es polterte etwas, da gab ihr Georg einen Schubs und sagte leise und eindringlich: „Du Trampelliese.“ Und das Wort war nicht aus einem streitsüchtigen Bubenherzen, sondern aus dem Bedürfnis heraus geboren, daß die Feierlichkeit des eben vergangenen Augenblicks ungestört nachhallen könne, und mangelte nur der Feinheit. Die konnte er sich aber noch erwerben.

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*

„Da seid ihr denn nun,“ sagte Frau Judith und öffnete ihre Stubentür, daß das helle Licht des Wintertags in breitem Strom aus der lichten Stube auf die dunkle Treppe floß. „Da seid ihr denn wieder einmal heraufgekrabbelt, und wißt ihr auch, wie lang es her ist, seit ihr das letzte Mal hier oben waret? Ganze sechs Wochen ist es her und seither war so viel zu sehen von meinen Fenstern aus, und das ist nun alles vorbei und kommt nicht mehr. Nun mögt ihr hinaussehen, so viel ihr wollt, es ist nur Schnee zu sehen, sonst nichts.“ „Ach, gar,“ sagte Gertrud und lachte ein bißchen unsicher, „laß mal sehen, Frau Judith, es muß doch sonst noch was da sein,“ und sie zog ihren Kameraden, der mit großen, erschrockenen Augen dastand, mit ans Fenster. „Siehst du, du mußts ihr auch nicht immer gleich glauben, Georg,“ rief sie in ausbrechendem Jubel, „da sind alle Häuser und Gassen und der Himmel, und die Raben auf den Bäumen! O, o, Frau Judith, der Großvater sagt’s auch immer, daß man dir nicht alles glauben soll. Und jetzt sagst du gleich, was alles noch zu sehen war, so lang wir nicht hier waren. Komm, Lore, setz’ dich nur hier auf den Schemel und nimm deine Mütze herunter, denn jetzt erzählt Frau Judith so lang fort, daß mans gar nicht sagen kann.“

„So meinst du?“ Frau Judith stand an der Krücke in der Mitte der Stube und ihr breites Gesicht glänzte vor unsäglichem Vergnügen. Sie versuchte vergeblich, zu tun, als ob sie heut nichts wüßte; Georg sah so flehentlich drein und nahm die kleinste Weigerung so ernst, daß ihr das Herz zerschmolz. Und Gertrud pflanzte sich kriegerisch vor ihr auf und ihr ehrliches, rundes Kindergesicht flammte. „So, nun setz’ dich einmal in deinen Stuhl und fang’ an,“ sagte sie. „Du kannst sagen, von was du willst, es wird doch eine Geschichte draus. Und mein Großvater kommt auch nächstens, das hat er noch extra heut morgen gesagt, und dann will er mit dir eine Reise machen, ins Jugendland, hat er gesagt und du wissest schon, wo es liege. Aber das ist ja auch bloß Spaß, du kannst ja gar nicht verreisen. So, jetzt fang an.“

Lore saß ganz still. Die beiden andern waren hier so zu Hause, das konnte sie wohl sehen, sie aber fühlte sich fremd und scheu in ihrem Putz und ihrer ganzen Art. Die Mutter hatte sie heut früh vor den Spiegel gestellt. „Herzig siehst du aus,“ hatte sie gesagt, und noch anderes. Von der Zukunft, und daß Schönheit ein Reichtum sei. Jetzt hätte sie gern den Staatsmantel ausgezogen, wenn nicht darunter ein zerrissenes Werktagskleidchen gewesen wäre.

Da strich ihr plötzlich eine große, weiche Hand sacht und leise über das Haar. Sie duckte sich wie ein Vögelchen unter der ungewohnten Berührung. „Ich kenn’ dich schon, du Kleines,“ sagte Frau Judith. „Bist noch nie bei mir gewesen, gelt. Aber ich kenn’ dich doch. Ich tu’ dir nichts, mußt dich nicht so ducken.“ Und Georg und Gertrud nickten ihr zu: „Sie tut dir nichts, natürlich nicht; mußt dich nicht so ducken,“ sagten ihre Gesichter. Da fing sie plötzlich an zu lachen, und lachte und lachte, und hielt sich die Hände vors Gesicht und die Locken fielen ihr drüber her. Und kein Mensch wußte, warum sie lachte, und sie fragten und fragten, und lachten endlich mit und wußten auch nicht, warum, und als Frau Judith ihr die Hände vom Gesicht zog, da waren sie naß, über und über.

„Behüt uns,“ sagte Frau Judith leise, und dann fing sie an, zu erzählen, was sie von ihrem Fenster aus gesehen habe all’ die Zeit daher.

Sie kam nie mehr hinunter, seit sie ein hölzernes Bein und eine Krücke hatte, das war schon 10 Jahre her. Meister Nössel war ihr Bruder. Er hatte sie sich da herauf geholt, nachdem man ihr im Krankenhaus das Bein abgenommen hatte. „Und das ist ein solches Stück Arbeit gewesen,“ sagte sie und meinte nicht ihr Unglück, sondern die Reise auf den Turm, daß ich nun hier oben bleibe, bis mich einmal die schwarzen Männer holen. Es sei denn, fügte sie hinzu, „der Turm falle vorher ein, was aber nicht wahrscheinlich ist. Da käme ich dann freilich schneller hinunter als ein Vogel fliegt.“ Sie war in diesen Jahren und bei der sitzenden Lebensweise ungeheuer in die Dicke und Breite gegangen und es war ein gruselig machender Genuß, sich auszudenken, wie das alles vor sich ging. Es war alles, wie im Märchen; man konnte nie wissen, was mit Frau Judith geschah und mit dem Meister Nössel und mit dem ganzen Turm. Unten auf ebener Erde, da ging alles seinen nüchternen Gang. Aber hier oben, es war nicht auszusagen, was man hier oben alles erleben konnte. „Ja,“ sagte Frau Judith, „und darum möchte ich auch nicht für Geld und einen neuen Fuß wieder in die Unruhe da hinunter, wo man nicht weiter sieht, als bis an die nächste Mauer. Wenn man nun zehn Jahre hinter einander hat am heiligen Abend die Christbäume im Himmel brennen sehen. Ja, im Himmel, und das ist sicher, denn von hier aus sieht man mitten hinein, wenn man rechte Augen hat und die Zeit nicht verpaßt, wo er offen ist.“

Daran war nicht zu zweifeln. Und wenn auch Gertrud hie und da den klugen Kopf schüttelte, im Grunde glaubte sie es doch. Um es recht zu sagen: es war wie im Märchen vom unsichtbaren Königreich. Die Königin ging an Krücken und kochte mühselig in irdenen Töpfen im Ofen, und der König war ein zusammengesessenes Männlein und flickte den Leuten die Hosen. Und die meisten Leute wußten nicht, daß sie ein Land hatten und ein Reich. Aber das tat nichts zur Sache. Das konnten die Leute halten, wie sie wollten. Man konnte daran nur sehen, daß sie nicht desselben Landes waren. Die beiden wußten es selber und das war die Hauptsache. Der Rektor Cabisius wußte es auch, und seine Frau, und der alte Korbmacher Hollermann. Und die Kinder, die fast am besten, obgleich sie keinen Namen dafür hatten.

Da saß denn die Frau Judith Tag für Tag an ihrem Fenster und nähte. Und dann kam die Sonne herauf und lachte, übers ganze Gesicht, zu ihr herein, und dasselbe tat Frau Judith, zu ihr hinaus. Und die Spatzen kamen, die ihr Nest an der Dachrinne hatten, und die Schwalben strichen hin und her und schwatzten von ihren Erlebnissen, und im Winter, wenn sie fort waren, hockten doch die Raben flügelschlagend auf dem Dach und holten sich mit Geschrei die Brocken, die ihnen Frau Judith zuwarf. Zuweilen kam eine große, schwarze Katze und guckte mit blanken, grünen Augen ins Fenster und machte einen Buckel und stellte den Schwanz in die Höhe. Und alle diese Geschöpfe wußten so viel zu erzählen, von den Leuten im Städtlein unten weniger, aber sonst eine ganze Menge wunderbarer Sachen, und das taten sie sonst niemanden, als nur der Frau Judith und etwa, der Verwandtschaft halber, ihrem Bruder; und daran „konnte man es mit Pelzhandschuhen greifen“, wie der Rektor Cabisius sagte, „daß etwas Besonderes an ihnen sei.“ Am Abend war es noch viel wunderbarer. Da kam der Mond und füllte die Stube bis in den letzten Winkel mit seinem Licht, „und,“ sagte Frau Judith, „wenn wir noch eine zweite hätten, dann bekämen wir die auch noch voll, aber wir haben nur die eine, und das ist gerade gut, denn dann haben wir alles näher beieinander.“ (Es war fast alles „gerade gut“, und das sei das königlichste an der Frau Judith, sagte ihr alter Freund, der Rektor, und da er sie so genau kannte, so mußte er es ja auch wissen.)

Da glänzte dann die ganze Gegend in einem silbernen Schimmer, das ganze Tal war wie ein leise wallendes Meer von geheimnisvollen, verhaltenen Lichtfluten; das Städtlein und die Wiesen und Berge und Wälder, alles ruhte auf dem klaren Grund und die Flut ging hoch darüber hin. „Und da ist es denn, als sollte man mitschwimmen,“ sagte Frau Judith zu den Kindern, „zum Fenster hinaus und ganz weich und sachte durch die Luft, nicht fliegen, schwimmen. Aber seht ihr, ich bin zu schwer dazu, das ist der einzige Grund, warum ich’s nicht tue. Aber das kommt noch.“ Und die Kinder horchten, mit großen Augen sahen sie in Frau Judiths Gesicht. Ja, die war freilich anders, als andere Leute. Man konnte nie wissen, was mit ihr noch geschehe. Sie wußten auch wohl, daß oben, ganz weit oben über den Wolken der liebe Gott sitze und, Meister Nössel hatte es gesagt, direkt durch die Fenster hier in die Stube sehe, da man sich denn freilich wohl in acht nehmen müsse, daß alles mit Ehren zugehe, weil man ihm ja doch nicht unter die Augen treten möchte mit irgend einer zweifelhaften Sache.

Ob denn, fragte Georg einmal, der liebe Gott auch in die Taschen sehe? Es war ihm nicht recht behaglich dabei, das konnte man ihm ansehen. „Natürlich,“ sagte Meister Nössel, „in die Taschen, und durch und durch.“ Da drückte sich der Bub so an der Wand hin und suchte mit guter Manier zur Tür hinaus zu kommen, und polterte die Treppen hinunter, daß er sich fast überschlagen hätte. Unten aber auf dem Kirchplatz gab er Kindern und Hunden ein Fest mit zerdrückten, verkrümmelten Eierwecken, die er sich aus der Backstube gemaust hatte und die ihm plötzlich die Taschen verbrennen wollten. Es war ihm noch nicht so ganz wohl dabei, er hätte sie am liebsten wieder nach Haus getragen. Aber wer konnte sie so noch gebrauchen? Auch war niemand da, bei dem man eine Lossprechung von dem unbehaglichen Gefühl erhoffen konnte, das sich da auf einmal eingestellt hatte. Da mußte es denn auch so gehen. Er kehrte die Taschen um, daß der liebe Gott so recht deutlich sehen konnte, es sei nichts unrechtes mehr darin, und dann ließ er sie fröhlich heraushängen und erstieg neuerdings die Höhe mit verhältnismäßig gereinigtem Gewissen.

Meister Nössel schien nichts gemerkt zu haben. Er saß auf seinem Tisch und flickte einen Arbeitskittel, und als das geschehen war, putzte er noch die Flecken heraus, mit Wasser und grüner Seife, und bügelte die Runzeln glatt, und es war nichts zu verbergen, in der ganzen Stube nicht. Und das war eine so fröhliche Sache, daß man den lieben Gott wohl einladen konnte, zuzusehen. Meister Nössel aber blinzelte zu Frau Judith hinüber, und sie zu ihm. Und er nahm die Brille ab, deren er nur in der Nähe bedurfte, und sah mit hellen Augen über sein Königreich hin. Das reichte, so weit man sehen konnte, und noch weiter, und die Beiden nahmen es niemanden weg und niemand hatte einen Schaden davon. Denn es war ihnen alles zu eigen, weil sie sich an allem zu erfreuen vermochten. Und sie „fülleten die Erde und machten sie sich untertan“ mit ihren stillen und fröhlichen Gedanken; und alle guten Geister halfen ihnen dazu.

Viertes Kapitel

Es saßen drei alte Männer beisammen auf dem Kanapee. Es war ein breites, geräumiges, altes Kanapee, ohne Sprungfedern und schwellende Polster, hart und zusammengesessen, und es hatte einen rot und blau gewürfelten Überzug. Die drei Männer hatten bequem Platz darauf; es tat ihnen auch in ihrem Behagen keinen Eintrag, daß sie mit den Ellenbogen zusammenstießen, wann einer sich rührte, um seine Pfeife frisch zu füllen. Sie waren alle drei Wiblinger Stadtkinder, der Rektor Cabisius, der Korbmacher Hollermann und der Meister Nössel. Einst waren sie miteinander auf einer Schulbank gesessen und hatten miteinander in den Freistunden ihre überschüssige Kraft vertobt. Dann waren sie ihrer Wege gegangen, ein jeder den seinigen, und hatten nichts mehr von einander gewußt. Und nun waren sie alte Männer und saßen eng beisammen, und waren hier zusammengekommen, um eine Reise in ihr Jugendland zu machen.

Auf dem Tisch stand Frau Judiths braune Kaffeekanne, und Frau Judith hantierte am Ofen mit den Töpfen und bereitete den Trank. Sie konnte gut mitreden, denn sie war einst als wildes Mädchen mit den drei Jungen über die Hecken gestiegen, und sie war, wie sie selbst sagte, „jetzt noch jünger, als sie alle drei zusammen.“

Die Frau Rektorin saß im Lehnstuhl und klapperte mit ihren Stricknadeln, als ob es ums Geld geschähe. Sie hatte einen kleinen Ärger zu verstricken. Denn erstens war sie kein Wiblinger Stadtkind und konnte darum die Reise nicht so recht mitmachen. Und zweitens verspürte sie einen unangenehmen Kitzel in der Nase, weil sich ihr Gemahl mitten zwischen die zwei alten Schulkameraden gesetzt hatte, und weil er nun soeben sagte: „Aber natürlich dutzen wir uns. Das wäre noch schöner. Wie, ich soll wohl Herr Hollermann sagen?“ Denn der alte Korbmacher war die ganze Zeit bisher in der Fremde gewesen und war nun vor kurzem in seine Heimat zurückgekehrt, ohne Frau und Kinder und ohne viel Habe, und wohnte in einem Häuschen ganz draußen an der alten Synagoge, die auf freiem Felde stand, und schien der Frau Rektorin ganz und gar kein Mann zu sein, mit dem sich ihr Gatte zu dutzen brauche.

Er war ihm einerlei, das wußte sie wohl, was die andern „Herren“ des Städtchens zu dem Verkehr sagen würden, er war darum doch überall beliebt. Aber das schloß nicht aus, daß es ihr nicht einerlei war. Sie hatte sonst gute Augen, die wohl geeignet waren, durch abgetragene Kleider und kümmerliche Gesichter und Gestalten hindurch zu sehen und sich die Seele eines Menschen anzuschauen und zu fragen: „Was bist du für ein Mensch? Ich meine, du selbst, dein eigentlichstes Ich. Bist du ein froher Mensch, ein wackerer, ehrlicher, tapferer? Oder schleppst du dich mit dem Leben? Und warum?“

Aber heute abend waren sie nicht so hell wie sonst. Sie war eine Dekanstochter, ihr Großvater war Oberamtsrichter gewesen. Das stieg ihr noch hie und da nackensteifend auf. Und nun saß ihr Mann hier auf dem alten Kanapee und tat, als ob er sein Leben lang als Handwerksbursche durch die Welt gezogen wäre. Er war ja doch auf Schulen gewesen. Er war ja doch akademisch gebildet und war Rektor der Lateinschule. Und nun sagte er eben: „Ach, Hollermann, weißt du noch, wie wir zu deinem Großvater auf die Weide gingen? Weißt du noch, wie sein schwarzer Schäferhund nach der Flöte tanzte, immer rundum, hinter seinem eigenen Schwanz drein?“

Sie war noch nicht recht reif für die Jugenderinnerungen. Sie hatte heiße Backen. Warum war sie auch mitgegangen? Was hatte sie keuchen müssen die engen Wendeltreppen herauf. Aber ihr Gatte hatte es gewollt. „Du wirst deine helle Freude haben, Anne,“ hatte er gesagt. „Es wird sein wie eine laterna magica, immer ein Bild nach dem andern. Wie ein leibhaftiges Stück Jugend wird es sein.“ Er war ein großes Kind. Er sah es gar nicht ein, daß er denn doch etwas anderes geworden sei, als der Flickschneider und der Korbmacher. Warum hatten sie sich nicht auch geregt? Warum waren sie nicht auch so klug? „Was,“ dachte die Frau Rektorin, „nun soll ich wohl einen Kranz mit ihnen halten, immer reihum, bei uns, und auf dem Turm, und in der Villa Hollermann, dem windschiefen Lehmhäuschen? Das könnte eines Tags mit uns umfallen und dann hieße es in der Stadt, daß wir ganz ordnungsgemäß mit unseren besten Freunden zusammen unter den Trümmern liegen.“

Die Phantasie der Frau Rektorin war im besten Zug, ins Kraut zu schießen und ganz üppige Blüten zu treiben. Die Stricknadeln klapperten dazu. „Man kann die Menschenfreundlichkeit auch zu weit treiben,“ eine Nadel; „wenn das mein Großvater wüßte,“ die zweite; „aber so ist mein Mann, immer ist er so,“ die dritte. Da fühlte die Frau Rektorin eine leichte Berührung am Arm. Sie kannte sie. Das war ihr Mann, der sie über den Tisch herüber mit der Mundspitze seines Pfeifenrohrs antippte, ganz leicht und leise. Und als sie aufsah, mit einem hellen, raschen Blick, da lagen seine Augen auf ihr; sein ganzes Gesicht fragte in das ihrige hinein und gab zugleich die Antwort, lächelnd und warm, und ein bißchen belustigt. „Ja, was ist denn, Anne? Was denkst du dir denn für krause Sachen zusammen, Weib? Bist doch sonst so klug. Ein bißchen Kastengeist, was? So, jetzt komm, jetzt laß das; jetzt paß einmal auf, was das für Leute sind, du hast ja selber deine Freude dran. Alle guten Geister, Anne. So, so.“ Er nickte ihr noch ein paarmal zu, kaum merklich, die andern sahen von dem allem nichts. Aber es war, als ob man einem Kind beschwichtigend auf den Rücken klopft, ganz sachte und gelind. Da glätteten sich die Wogen. Da fiel es ihr wieder ein, wie er sie gelehrt hatte, durch sich selbst, durch sein eigenes, ehrliches, aufgeschlossenes Wesen, all’ die Jahre daher, seit sie seine Frau war, an das unsichtbare Königreich der schlichten, frohen, kindlichen Menschen zu glauben und sie sich unter allen Hüllen herauszusuchen, und sie als Landsleute der besten Art zu begrüßen. Und sie war froh, daß nur er ihre Gedanken gelesen hatte, und nickte ihm auch zu und schüttelte sich ein wenig, als wolle sie etwas los werden. Und dann legte sie den Strickstrumpf in den Schoß und die Hände behaglich übereinander und hörte zu, wie die Bilder der Vergangenheit lebendig wurden und ins Reden kamen.

Sie tat einen suchenden Blick nach dem alten Korbmacher hin. Der hatte ein braunes, hageres Gesicht und hängte die Schultern etwas nach vorn, und über den Augen liefen die dichten, struppigen Brauen zusammen. Die Augen selbst und der Mund aber waren weich, fast kindlich, als wären sie nicht auf einer beschwerlichen, weiten Lebensreise gewesen. „Der muß wohl fromm sein,“ dachte die Frau Rektorin, „so auf eine stille, in sich gekehrte Art. Der muß wohl nicht viel wissen von den Dingen rings um ihn her. Der hat sich da innen irgend etwas aufgebaut, das wird man ja noch erfahren, was.“

Und sie war schon geneigter, ihm zu verzeihen, daß er’s im Leben nicht weiter gebracht habe.

„Ja,“ sagte er jetzt eben, „ich habe oft an ihn gedacht, draußen herum, an meinen Großvater, meine ich, den alten Schäfer Hollermann. Meinen Vater hab’ ich nie gekannt und meine Mutter war so still und gedrückt, wie meine Großmutter laut, stark und entschlossen. Da sagte er, als ich noch ein kleiner Knirps war, oft zu mir: „Komm, Bub, geh’ mit mir hinaus, das ist nichts für uns zwei. Geh’ mit mir auf die Weide.“ Da saß ich denn unter einem Weidenbusch und ringsum war die Welt ganz rund um mich her, ich saß ganz in der Mitte. Die Schafe grasten auf den Brachäckern, die Staren saßen ihnen auf den Rücken, und flogen ab und zu, und mein Großvater stand und lehnte sich auf seinen Stock und sah still um sich. Es muß im Frühling gewesen sein. Er sagte nie viel. Aber wenn er auf der Flöte blies, dann verstanden wirs Beide, der Schäferhund und ich. So war es uns auch zu Mut, gerade so. Das kann man nicht sagen. Ich habe die Flöte überkommen, ich habe sie noch.“

Er schwieg wieder und sah still vor sich hin. Da kam Frau Judith in den Kreis. „Jetzt das von dem Stock,“ sagte sie, „das war das Geheimnisvollste, was man sich denken kann, das ist ein Märchen.“

„Ja,“ sagte er, „das ist es auch, warum ich so viel an ihn dachte in der Welt draußen. Wenn die Leute so alles wußten, und sich stritten um das Wahre, und dabei so unruhig wurden und arm. Dann dachte ich an den Stock.

Mein Großvater war so, was man einen unwissenden Menschen nennt. Er konnte weder lesen, noch schreiben, und auswendig gelernt hat er nur einen einzigen Vers aus dem Lied: „Wer weiß, wie nahe mir mein Ende.“ Das verdroß die Großmutter und sie hielt ihm hundert Mal vor, daß sie ihn eigentlich lieber nicht hätte nehmen sollen, „wenn er,“ sagte sie, „nicht sonst solch ein guter Kerl wäre,“ und daß er eigentlich auch gar kein rechter Christ sei. Auch sagte sie des öfteren, daß sie über seine Zukunft in jenem Leben ihre starken Zweifel habe, da er ja nicht einmal den Katechismus könne, und daß sie sich jedenfalls werde einen anderen Platz aussuchen müssen. Dazu lächelte er aber nur vor sich hin und sah so nach seinem eisenbeschlagenen Schäferstock hin, der in der Ecke stand, als ob der es besser wisse. Und das war auch so, denn der Großvater legte ihn jeden Morgen quer vor sich hin auf die Erde, wenn er draußen war bei den Schafen. Und dann legte er die Hände zusammen und sprang darüber, ein, zwei, dreimal. Er sagte nichts dazu, ich habs oft genug gesehen. Aber sein Gesicht war feierlich und festlich dabei. Ich glaube doch, daß er den Schäferstock vor unsern Herrgott hingelegt hat und nachher wieder in Gottes Namen aufgehoben.

Das ist so mit mir gegangen, und daß er dabei fröhlich war und lieb und ohne Streit. Und ich hätte manchmal sagen mögen, wenn sich einer abmühte mit Grübeln und Sorgen und dabei das Licht in seinen Augen erlosch: „Leg’ deinen Stock hin und spring’ in Gottes Namen drüber.“

Da waren sie eine Weile still und stießen große Rauchwolken aus und sahen, ein jeder, in ihre vergangenen Wege hinein und die noch kommenden derer, die sie lieb hatten, und waren eine Gemeinde untereinander. Frau Judith nickte stark und fröhlich mit dem Kopf. Das war so ihre Art, wenn ihr innerlich etwas Frohes aufging. Und die Frau Rektorin schluckte tapfer den Antrieb hinunter, den sie einen Augenblick lang hatte, zu sagen, daß der alte Schäfer doch wohl ein halber Heide gewesen sein möchte, wenn auch vielleicht ein frommer.

Ihr Töchterlein fiel ihr ein, das sie einst mit sechs Jahren in den Sarg gelegt hatte, unter lauter Blumen. Und ihr Gatte, wie der damals sagte: „Besseres kann keinem widerfahren, als nach einem Kinderleben zu sterben als ein Kind.“

Und es wurde ihr warm ums Herz; da schwieg sie.

**
*

Sie hatten sich viel zu erzählen aus den langen Jahren ihrer Lebenswanderung. Sie blieben nicht an den Kindertagen stehen. Das hatten sie gern gewollt. Aber das Leben trat vor sie hin und sagte: und dann, und dann. Da kamen sie über die Grenzen der Jugend hinaus, und sprachen von Lehr- und Wanderjahren, von Hochzeit, Geburt und Tod. Meister Nössel hatte sein Weib verloren, und Frau Judith ihren Mann, und der Rektor Cabisius seine Kinder, und der Korbmacher hatte weder das eine noch das andere jemals besessen. Da kamen sie in ihrer Rede nach und nach darauf, daß der Mensch in das Leben hereingeboren werde als ein junger Baum, den man ins Land pflanzt, und der des Sonnenscheins bedarf und der Stürme und all’ des Wechsels von Trockenheit und Erdfeuchte, Frost und Hitze, um daran stark zu werden und fruchtbar und eigenständig, „und,“ sagte der Rektor Cabisius, „seine Wurzeln tief und fest in den Grund zu versenken, den keiner sieht und jeder bedarf“. Aber sie machten nicht viele und kluge Worte darüber, denn sie waren einfache Leute, und was das Leben sie gelehrt hatte, das war mehr in die Tiefe gegangen, als in die Breite.

Nur die Frau Rektorin sagte, aus ihrem wallenden Großmutterherzen heraus: „Aber den Kindern möchte man doch manches Harte ersparen. Wenn ich an Gertrud denke, und daß das Leben sie so rütteln sollte. Ich mag nicht daran denken. Sie ist so zur Freude geschaffen.“ „Darum wird sie auch zur Freude gelangen, das ist sicher,“ sagte ihr Mann herzlich und bot ihr über den Tisch herüber die Hand, und die andern sahen mit stillen Augen zu.

Fünftes Kapitel

So hatte Georgs und Gertruds Freundschaft angefangen; das lag ein paar Jahre zurück.

Es war ein Drehorgelmann durchs Städtchen gezogen, ein alter Invalid mit einem lustig zwinkernden Gesicht und einem großen, roten Schnauzbart. Der rechte Ärmel hing ihm schlaff herunter, die Orgel trug er an einem Riemen, der über die Achsel ging; mit der linken Hand drehte er die Kurbel herum, da kamen die Lieder aus dem Kasten heraus, eins ums andere. Es waren deren vier. Ein Choral; da horchten die alten Leute auf und die ganz einfachen, frommen Gemüter. Sie unterbrachen ihre Hantierung, legten den schrillen, gellenden Tönen den Text unter, den sie aus dem Gesangbuch kannten und nickten beifällig. Und die alten Weiblein, die unter den knospenden Akazienbäumen des Marktplatzes ihre Enkel hüteten, summten mit, und suchten in der Rocktasche nach einem Stück Kupfergeld. Dann ein Marschlied, wie es die Soldaten singen, wann sie heimziehen vom Exerzierplatz. Da hörten die Gesellen in den Werkstätten auf zu hämmern, und den Mägden, die am Spültrog standen oder die Straße kehrten, schwellte sich die Brust. Denn mit dem Lied zogen ganze Regimenter an ihnen vorbei, junge, starke Burschen, so recht aus dem Vollen. Der Oberlehrer Hölzle in der Knabenvolksschule ging von Fenster zu Fenster und schloß alle Flügel. Denn nun schallte das dritte Lied herauf: „Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd.“ Und in der Schule wollte mit einem Mal alles jung werden. Was Geographie von Hindostan! Was Stromgebiet des Ganges! „Ins Feld, in die Freiheit gezogen.“ Die Buben rutschten hin und her und hatten nicht übel Lust, auszubrechen. Es war auch solch eine starke, frische Frühlingsluft draußen. Darum schloß Herr Hölzle die Fenster. Denn er dachte, daß fern von der Versuchung, fern von der Übertretung sei. Und dann fuhr er fort, von der Höhe des Himalaja zu sprechen. Gegenüber war die Lateinschule. Da bog sich ein grauer Kopf aus dem Fenster und ein heiteres Gesicht sah auf den Markt hinunter, wo der alte Kriegsmann seine Orgel drehte und ein immer feurigeres Tempo anschlug. Denn er war jetzt von einer ganzen Schar umgeben. Aus allen Häusern und Höfen und Nebengäßchen quoll es von Kindern, solchen, die noch in dem glücklichen, freien Alter standen. Sie drängten sich um ihn und als er weiter ging, die Hauptstraße entlang, schwärmten sie mit, stolpernd und keuchend vor Eifer, ihm ganz nah zu sein, und traten einander auf die Schuhbänder, bis einige fielen, und die Mütter hintendrein rannten, um ihre Sprößlinge unter ihre Augen zurückzuholen.

Da gab die Oper Martha noch das vierte Lied her: „Ach, so fromm, ach, so traut“. Das schmolz nur so hin. Und die Amtsdienersfrau Ramsler putzte ihrem Jüngsten das Näschen mit der Schürze und schneuzte hernach sich selbst in Rührung. Denn das Lied hatte sie einst in einem Biergarten gehört, in Blechmusik, damals, als sie mit ihrem Ramsler versprochen war, und es war schön gewesen damals.

Als der Rektor Cabisius das noch mit angesehen hatte, trat er vom Fenster zurück zu seinen Lateinern.

Er hatte vorhin seine Enkelin unter der horchenden Jugend entdeckt. Sie war mit großen Augen in dem Schwarm gestanden, die Hände auf dem Rücken, und hatte den Tönen nachgespürt, wie sie so unbegreiflich aus dem braunen Kasten kamen, eine Welle nach der andern. Da hatte er ihr zugerufen; es war ein gutes Stück vom Hause weg: „Verlauf’ dich nicht, Gertrud, hörst du?“ Und sie hatte, wie erwachend, zu ihm hinaufgesehen und dann lachend den Kopf geschüttelt. „Verlaufen? Nein, nur noch ein Stückchen mit dem Mann.“

Da war er zufrieden gewesen. Sie war fünf Jahre alt damals, und ein festes, stämmiges, kleines Mädchen. Sie stand so wacker unter all’ den andern. Das freute ihn. Er dachte nicht, daß seine Frau unter der Haustür stehe und mit der Hand über den Augen Ausschau halte, bis das Kind sein Geldstück abgegeben habe und wieder komme, um dann, „als ein nettes Kind“ im Garten zu spielen. Er war so sorglos. Es fiel ihm gar nicht ein, eine Topfpflanze aus dem Kind zu machen, und es wurde denn auch keine, obgleich die Großmutter hie und da einen Anlauf nahm, wenigstens ein Honoratiorenkind zu erziehen.

Die Drehorgel tönte ferner und ferner. Es hatten sich nur wenige Leute im Städtchen über die Musik, die sie hervorbrachte, geärgert, und diese Wenigen konnten nun aufatmen. Die andern, die sich gefreut hatten, nahmen ihre Arbeit wieder auf, und da und dort ging einem und dem andern noch eine der Melodien durch den Kopf. Draußen auf einem Grasrain setzte sich der Invalide nieder und begann das Geld, das in seiner Mütze lag, zu zählen. Da standen noch zwei Kinder vor ihm. Sie waren, jedes für sich, nicht bewußt miteinander, hinter ihm hergegangen, bis er hier anhielt. Das eine war ein Bub. Er hatte ein blasses, sommersprossiges Gesicht und ernsthafte Augen, die auf den Orgelkasten blickten, als könnten sie etwas aus ihm herausholen. „Ist es jetzt ganz aus? Ist nichts mehr da drin?“, fragte er und machte ein sehnsüchtiges Gesicht. Der Invalide lachte. „Hast du etwas?“ fragte er zurück. „Es ist schon noch etwas drin, aber nicht für nichts. Hast du Geld?“ Da schoß dem Buben das Blut ins Gesicht vor hilfloser Scham. Er wendete sich ab und suchte in seinen Taschen. Da kamen ein paar alte Brotrinden hervor, ein Stück Bindfaden und ein Stück farbiges Glas. Das Glas hielt er zögernd hin, ohne etwas zu sagen; vielleicht fand es Gnade vor dem Orgelmann, wann er es sah. Der lachte noch viel lauter. „Ha, ha,“ lachte er, „damit willst du mich wohl bezahlen? du Knirps! ha, ha, das ist gut. Du, das kann man nicht essen, das Glas.“ Da kamen dem Buben die Tränen. Er schämte sich so sehr und hätte so gerne noch etwas Musik gehört. Ganz voll Wasser standen seine Augen; da fuhr er sich mit dem Ärmel darüber und schluckte und schluckte. Das kleine Mädchen, das daneben stand, sah es. Es war auf eigene Faust hier heraus gekommen. Aber nun war es plötzlich ganz lebendig dabei. „Warum lachst du so, Mann?“ fragte es zornig. „Jetzt weint er, siehst du’s? Da, so nimm das Bildchen, es ist eine Rose drauf. Jetzt mach’ Musik, du mußt nur da herumdrehen, ich habs gut gesehen.“ Der Junge sah mit Staunen auf die Beschützerin, die ihm so unverhofft erwachsen war. Sie war nicht größer als er, aber viel kecker, so wie Kinder sind, deren fröhliche Zuversicht noch nirgends schmerzhaft beschnitten und zur Schüchternheit herabgedämpft ist. Da kam wieder ein wenig Lebensmut in seine Augen. Der Invalid lachte, daß es dröhnte. Aber es war ein wohlgefälliges Lachen. Mit der Faust schlug er auf die Drehorgel, da erhob sich ein leises Schwirren und Klingen darin. „Friß mich nicht, Kleines,“ sagte er. „Ich werd’ doch noch lachen dürfen. Wenn man bloß noch einen Arm hat und sich sein bißchen Notdurft muß zusammendudeln, und soll nicht einmal lachen dürfen. Was hat man denn sonst, he? Das sag’ mir.“

Sie sah ihn groß an. Einer, der solche Musik machen konnte, und fragte so. „Wo ist dein anderer Arm?“ fragte sie. „Laß einmal sehen, unter dem Kittel.“

„Der? liegt in Frankreich begraben,“ sagte er. „Dort liegt er und ich plage mich hier herum mit dem einen. Wenn das nicht zum Lachen ist, was denn sonst? Den hat mir eine Kugel weggerissen. Aber davon versteht ihr nichts. Oder, versteht ihr das, warum die Leute einander die Arme wegschießen und die Füße, und einander totschießen? Ich meine, Leute, die gar nichts von einander wissen, bloß so von Weitem her; bloß weil ihnen das einer befiehlt? He, versteht ihr das?“

Nein, das verstanden sie nicht. Musik wollten sie hören; das andere, das war ihnen eine dunkle Sache. Arme und Beine wegschießen? Sie waren noch nicht sehr lang in der Gegend, das will sagen, auf der Welt. Es war da noch sehr viel Fremdes, das sie noch nicht kannten.

„Ja so,“ sagte der Invalide. „Ja so, ja, ihr krieget noch ein Lied da heraus; heißt das, das Mädel kriegt eins. Du kannst dich in ein Mausloch hinein schämen, Bub, daß du dich hinstellst und heulst. So, angefangen. Aufgepaßt.“

Da drehte er seinen Handgriff herum und drehte ein Lied heraus. Noch eins. „So, das gefällt euch wohl?“ sagte er, als die Beiden horchten, wie die Mäuse. Sie nickten nur. Es war wohl jetzt unwiderbringlich zu Ende? Denn der Invalide stand auf und hängte sich seinen Kasten um.

„Da müßt ihr eben sehen, daß ihrs auch einmal so weit bringet, als ich,“ sagte er. „Das ist ein feines Leben, das könnt ihr glauben. Seht ihrs, ich habe die Taschen voll Brot. Was will man mehr? So weit könnt ihrs auch bringen.“

„Wir haben daheim den ganzen Laden voll Brot und Wecken,“ sagte der Bub, „und noch Feinbackwerk, so viel, daß mans gar nicht zählen kann.“ Er hatte einen gewaltigen Anlauf dazu genommen, um auch etwas Rechtes zu sagen; da schoß er übers Ziel hinaus und protzte. Das hatte er nicht beabsichtigt.

„Aber ich will auch Musik machen, wann ich groß bin, und dann mach ich so viel Musik, den ganzen Tag, und hör’ nicht immer gleich auf, wie du. Bis ich genug habe, so lang spiel’ ich.“ Da wurde er wieder rot. Denn der Orgelmann sah ihn so spöttisch an, daß er in seine vorige Verlegenheit zurückfiel.

„So,“ sagte er. „Aha. Da ißt du dich zuerst dicksatt und dann, wenn du noch kannst, dann kommt die Musik dran. Aha. Da setzst du dich wohl an den Backofen dazu? Bis du genug hast, so lang tust du das alles? Du Teigprotz.“

Ganz erstaunt sahen ihn die Kinder an. Da kam solch ein verbissener Grimm heraus. Sie faßten einander an der Hand. Sie verstanden nicht, daß behagliche Sattheit und ein geruhlicher Sitz in der Ofenwärme dem landfahrenden Mann ein Paradies war, in das er nie gelangen konnte, und daß seine Grobheit unwillige Bewunderung des Versagten sei. Es paßte nicht zu dem lustigen Gesicht, das der Invalid den ganzen Morgen gemacht hatte. Es war wie einer der schrillen, gellenden Nebenaustöne, die seine Orgel oft mitten in eine heitere Melodie hineinwarf. Aber die Kinder verstanden diesen Ton aus einer fremden, düsteren Welt nicht. Sie kehrten still um und ließen ihre Hände ineinander und sahen sich nur noch einmal schüchtern nach dem Mann um, wie er davonstapfte zwischen den hellbegrünten Hecken und immer noch den Kopf schüttelte und einmal mit dem Fuß aufstieß, daß der Kasten schütterte.

„So, jetzt laß ihn,“ sagte Gertrud, da der Bub blaß und still neben ihr hertrottete. „Jetzt gehen wir heim; meine Großmutter wartet. Hast du auch eine Großmutter? Dann sagst du’s ihr, das von dem Mann.“

„Nein,“ sagte er; „eine Großmutter? Nein.“

Er war kein Prahlhans. Es war ein schüchternes Kind, und hatte allen Mut zusammengenommen, um sich auch an der Unterhaltung zu beteiligen. Die Musik und das kecke kleine Mädchen hatten ihn so kühn gemacht. Nun war er gewaltig aus dem Sattel geworfen.

„Aber einen Großvater, das hast du doch?“ sagte Gertrud. Sie sagte es sehr eindringlich, denn es war ihr unbehaglich, zu fühlen, daß solch etwas durchaus Nötiges in irgend einem Leben fehle.

„Nein,“ sagte der Bub noch einmal. „Einmal, da habe ich einen gehabt, aber das ist schon lang. Da war ich noch ganz klein. Der ist gestorben.“ Es war eine durchaus kühle Mitteilung.

„Hm,“ sagte Gertrud, (das hatte sie von dem Rektor Cabisius aufgeschnappt), „gerade wie mein Vater und meine Mutter. Die sind auch gestorben, wie ich noch klein war. Sie sind im Himmel. Meine Großmutter hat’s gesagt.“

Und auch das war ohne Trauer ausgesprochen. Es fehlten zwei gute, starke Ringe an der Kette, die das Kind mit dem Leben verband. Aber es war darum nicht in steuerlosem Nachen auf der See, es war nur um so fester an das vorige Glied angebunden.

Die zwei Alten standen unter der Gartentür, als die Kinder herankamen, denn der Rektor war inzwischen aus der Schule heimgekommen, und nun mußte er mitanhören, daß das Kind anfange, auszureißen und daß er wohl ein wenig Schuld daran sei. Das Keckliche, Ungebundene, sagte die Großmutter, das habe es von ihm. Und er ließ das über sich ergehen mit seinem guten, stillen Lächeln. Da kam die Erwartete um die Ecke und zog den kleinen Buben mit sich. „Großvater,“ sagte sie, „du mußt ihm auch noch Musik machen, noch schönere, als der Orgelmann. Er hat keinen Großvater und niemand.“

„Was?“ sagte der Rektor, „niemand? Bist du nicht ein kleiner Ehrensperger? Gehörst du nicht dem Bäcker drüben am Marktplatz? Was faselst du da, Gertrud?“

Da trat seine Frau dazwischen. „Nein, laß nur, Mann,“ sagte sie, und war ganz Güte und Mütterlichkeit, „es ist doch ein armes Kind, das weiß ich. Er hat eine Mutter und doch keine. Er hat nicht umsonst solch ein freudloses Gesicht.“

Wißt ihr, wie das ist mit der Liebe? Das ist wie mit dem Apfelbaum im Garten der Frau Holle, der stand und rief: „Pflücke mich, pflücke mich, meine Äpfel sind alle miteinander reif,“ und als das Kind kam und anstieß, da rollte ihm der schwere Segen in den Schoß.

So schwer von Reichtum und Früchtesegen steht ein liebereiches Herz, und wartet, ob nicht irgend eine Leere sei, in die es seine Fülle gießen könne, und ist noch dankbar und froh, daß es wieder Raum gewinnt zu neuen Trieben. Sie hatten schon so vieles aus ihrem Leben hingegeben, das sich hatte von ihnen lieben lassen, die beiden alten, jungen Leute. Und da noch quellendes Leben in ihnen war, das lieben mußte, so kam das den anderen zugute.

Ich will nicht hoffen, daß irgend jemand absprechend den Kopf schüttelt, wann von dem warmen, weiten Herzen der Frau Rektorin die Rede ist. Etwa, weil er ihr den kleinen Hochmutsanfall vom vorigen Kapitel stark ins Wachs gedrückt hat. Trug nicht der große, alte Zwetschgenbaum in meiner Großmutter Garten alljährlich außer den süßen Früchten eine Anzahl aus der Art geschlagener merkwürdiger Knorpeln, die wir „Zwetschgennarren“ nannten? Und verspeisten wir diese säuerlichen Dinger nicht mit besonderem Behagen als eine heitere Merkwürdigkeit des Alten, um uns nachher mit umso größerer Lust an die Erzeugnisse seiner besten, süßesten Säfte zu machen?

Lächelte nicht ihr Gemahl selbst sein helles, humorvolles Lächeln zu ihren kleinen Schwächen? Und traute er ihr nicht darum doch das Beste, Reichste zu, das in dem fruchtbaren Boden eines liebreichen Herzens gedeihen kann?

Er aber mußte es doch wohl wissen.

So wunderte er sich denn auch gar nicht, daß sie den kleinen Georg von diesem Tag an ins Herz schloß, und ihm eine Heimat darin schuf. Das begab sich ganz von selbst, es war weiter nicht die Rede davon. Sie hätte sich das Kind nicht ins Haus geholt. Sie wäre nicht hingegangen und hätte gesagt: „So und so. Ich weiß wohl, daß Sie das Unglück haben mit der kranken Frau, Herr Ehrensperger. Schicken Sie mir die Kinder, oder wenigsten den Kleinen, den Georg. Man muß einander beistehen, das ist Christenpflicht.“ Das hätte sie nicht getan. Aber als der ernsthafte Bub’ so unter ihrer Gartentür stand an Gertruds Hand, und nicht recht Leben zeigte, da nahm sie ihn mit hinein. Natürlich. Was denn weiter?

„Der Drehorgelmann hat wahrscheinlich Hunger gehabt, ihr Lämmer,“ sagte sie, „nicht nach alten Brotrinden, die in seiner Tasche waren, sondern nach etwas Besserem, das ihr noch nicht so versteht; da hat er denn so ein wenig gepoltert. Wenn die Leute Hunger haben, darf man ihnen nichts übel nehmen.“ Die Beiden saßen hinter dem Tisch und bissen tief in dickgestrichene Gesälzbrote und nickten einander mit blaurot verschmierten Gesichtern zu, und waren geborgen in einem Hafen, in den weder der eine noch der andere Hunger Zutritt hatte.

Die Alten aber ließen mit Vergnügen ihre reifen Äpfel von den Zweigen fallen. „So, du möchtest gern noch mehr hören, Bub’?“ sagte der Rektor. „Das kann wohl sein.“ Und ging ans Klavier und ließ die Saiten tönen. „Ich hatt’ einen Kameraden,“ spielte er, und behielt dazu die Pfeife zwischen den Zähnen und sah sich drunterhinein nach den Kindern um. „Noch eins, Großvater,“ sagte Gertrud. Da spielte er ein altes Studentenlied: „Es hatten drei Gesellen ein fein Kollegium.“ Und es kam ihn an, daß er die Pfeife neben sich legte und dazu sang.

„Aber Mann,“ sagte seine Frau. „Ist das auch ein Kinderlied?“ Nein, so eigentlich nicht, gab er zu, aber sie hätten doch ihr helles Vergnügen daran gehabt, und ob das nicht genug auf einmal sei?

Sie kam mit Wasser und Schwamm und wusch ihnen die Gesichter ab. Und konnte es nicht lassen, den kleinen Buben in die Backe zu kneifen und nachher sänftigend darüber zu streichen. Es war ihr darum, ihm einen Kuß in sein ernsthaftes Gesicht hinein zu geben. Aber den hielt sie noch zurück. Sie wollte ihn nicht scheu machen. Das Kneifen tat auch heute denselben Dienst.

Es fing etwas an, in dem Kinderherzen auseinanderzugehen. Es war, wie wenn sich ein grünes Blättlein in der Sonne auseinanderwickelt.

Da war früher einmal, als Georg noch auf ungeschickten Füßen von einem Stuhl zum andern trippelte, eine Frau gewesen, die hatte ihn auch gewaschen und auch, — in die Backe gekniffen hatte sie ihn wohl nicht, aber ähnlich mußte es doch gewesen sein. Sie hatte später viel geweint. Es war einmal ein kleines Kindlein dagewesen, das war durch irgend einen Unfall bald wieder gestorben, und sie hatte sich ja wohl die Schuld daran zugemessen und hatte Tag und Nacht geweint. Es war oft laut dabei zugegangen. Das lag alles noch in unklaren Umrissen in dem Gedächtnis des kleinen Buben. Dann war sie eines Tages nicht mehr dagewesen. Das sei die Mutter, sagte Franz, der wußte es noch besser, der war zwei Jahre älter. Dem sagten es auch die Mägde genau. Sie sei hintersinnig geworden, sagten sie, und das sei schlimmer als tot und werde nie mehr anders. Denn sonst könnten sie eine neue Mutter bekommen und damit sei nun nichts. Der Vater sprach nie davon. Er sprach überhaupt selten etwas mit Georg, er wußte nichts mit dem stillen Kind anzufangen. Er tat ihm weder wohl noch weh. Nun war Jungfer Liese da, erst seit kurzem. Die sprach viel und hatte viel an ihm zu hantieren, zu putzen, zu flicken, zu erziehen. Sie hatte sich sozusagen mit aufgestülpten Ärmeln an ihre Aufgabe gemacht. Aber das ließ er so über sich ergehen. Seine Seele, die lag wohl noch in der Knospe, die regte sich nur so hie und da ein wenig. Aber jetzt, heute. Es war ihm so wunderlich zu Mute. Er mochte sich nicht rühren. Es war, als ob sonst alles aus wäre. Darum blieb er ruhig sitzen, bis irgendwo eine Glocke läutete und der Rektor sagte, daß das die Betglocke sei und daß er jetzt nach Haus gehen müsse. „Ja, und morgen kommst du wieder,“ sagte Gertrud, „und morgen komm’ ich wieder,“ sagte Georg, und der Rektor setzte auf dieses Versprechen einen ungeheuren Handschlag. Einen Handschlag, der an Kraft und Wärme alles übertraf, was Georg in den sechs Jahren seines Lebens in dieser Art kennen gelernt hatte und dem er seine kleine, braune Bubenhand und sein ganzes erwachende Ich ohne Widerstand auslieferte.

Sechstes Kapitel

Es war einmal ein Mensch, der saß ganz im Dunkeln. Er hatte sich ein Haus gebaut und daran die Fenster vergessen; es war ein einfältiger Mensch. Da saß er nun und sann, wie er Licht in sein Haus bringen könne. Denn daß es draußen die Welt erfüllte, das sah er, wenn er unter seine Tür trat. Und er ging aus, nahm einen Sack mit, in den ließ er die Sonne scheinen, dann, als er voll von Licht war, band er ihn zu und trug ihn in sein Haus. So tat er eine lange Zeit und wunderte sich, daß es nicht hell werden wollte, wenn er den Sack aufband und ausleerte. „Es ist noch nicht genug,“ sagte er und ging aufs Neue, Licht hereinzutragen. Es war ein hartes Leben. Es war nur zu ertragen durch die stete Mühe, die er sich machte. Denn die Mühe hat doch immer irgend eine Hoffnung, etwas zu erreichen, sei es noch so wenig.

Da, als er eines Tages lange ausgewesen war, fand er, als er heim kam, die Wände seines Hauses eingeschlagen. Das hatte sein Feind getan. Der hatte ihm einen rechten Schabernack antun wollen. Nun konnte das Licht herein. Es strömte durch das ganze Haus und drang in alle Ecken. Ganz voll von Licht war das Haus. Aber nun war es auch zerstört. „Das schadet nichts,“ sagte der einfältige Mensch vergnügt, „wollen schon ein neues kriegen.“ Von dem neuen Haus ist nichts gesagt. Da wird er ja wohl das Licht hereingelassen haben.

**
*

Es war ein großes, weißes Haus mit unzähligen Fenstern. Es stand abseits von dem Lärm der Gassen. Ein großer, schattiger Garten war rings darum her; die alten, hohen Bäume reichten mit ihren obersten Zweigen bis an das Dach. Aber es ging ein hoher, eiserner Zaun um den Garten; an der Eingangspforte war ein Wächter und er ließ nur hinein und heraus, wen er des Ein- und Ausgangs für berechtigt hielt. Die Fenster waren vergittert. Es waren Gefangene des Geistes, die in dem hohen Hause wohnten, Leute, die in irgend einer Art im Dunkel tappten. Sie konnten sich oder andere stoßen, wenn man sie draußen in der Weite gehen ließ. Darum hielt man sie hier verwahrt. Es war wohl der eine und der andere darunter, der nur für eine Zeitlang hier Zuflucht suchen mußte, der, so hoffte man, bald wieder hinaus konnte in das freie Licht. Aber es waren ihrer mehr, hinter denen sich das eiserne Gittertor für immer geschlossen hatte. Was man so menschlich „immer“ heißt, die Spanne Zeit, von der ein alter Dichter sagte, daß sie „dahinfahre wie ein Rauch“. Es ist nicht so weit her mit dem „immer“ eines Menschenlebens. Aber es kann doch lang währen, für den, der wartet, bis eine Zeit um die andere verstreicht, in Not der Gegenwart und Angst vor dem Künftigen.

Es war wohl viel Angst und Not in den Gemächern des Hauses. Wache, helle Pein, die sich ihrer bewußt war, und die zu Zeiten ihr Elend in lauten, starken Tönen hinausschrie, als ob es die Tür des Himmels aufstoßen müßte; dumpfe, unklare Angst, unter der sich der Geist wand, der aufwachen wollte und nicht konnte. Lächelndes, blödes Elend, das seiner selbst vergessen hatte und mit der Not spielte, wie das Kind, das in der Wolfsgrube saß unter jungen Wölfen und sie mit dem Löffel aufs Maul schlug im Spiel: „Geh weg, oder ich geb’ dir eins.“

Man kann nicht sagen, daß eins oder das andere das größte Elend von allen sei. Man darf wohl die Augen aufheben und sagen: „Sondern erlöse uns von dem Übel.“ Es ist gut, es ist wohl gewiß gut, daß das „für immer“ eines Menschenlebens nicht gar so lang währt, wenn man das betrachtet.

Da war eine Frau, eine von denen, die keine Aussicht hatten, wieder mit hellen Augen durch die Welt zu gehen. Sie war noch jung; es sollte noch ein langes Leben vor ihr liegen, wer konnte das wissen? Als sie hereingebracht worden war, hatte sie immer in die dunkelsten Ecken gesehen, ratlose Angst im Gesicht, und hatte geweint und gewimmert. „Nein, es ist nicht tot. Laßt es mich noch einmal versuchen, nur noch einmal. Ich kann nichts dafür. Nein, ich kann nichts dafür. Kann auch ein Weib ihres Kindes vergessen, daß sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes?“ Ihre Reden und ihre Gedanken gingen durcheinander. Die Krankheit hatte sich in das Gewand der Schuld verkleidet. Die saß nun neben ihr und sah sie starr an und sagte: „Das war wohl so: du warst in der Backstube, als das kleine Kind so allein in dem großen Bett lag. Das war dir wohl wichtiger, daß das Geschäft blühe? Du hattest es wohl so eilig mit dem Reichwerden? Da schrie das Kind, und kam ins Ausgleiten, das arme kleine Ding. Und kam unter das große Deckbett. Da erstickte es. Das war zu spät, daß du es aufhobst und all’ die Mühe daran wandest, ob es nicht wieder erwache. Du hättest bei ihm bleiben sollen. Was? Das litt der Mann nicht? Das Gepimpel mit dem Kleinen, sagte er? Ist er die Mutter oder du?

Es war auch noch nicht getauft, nicht wahr? Es war doch schon acht Wochen alt? Ihr hattet keine Zeit, weil Ostern so nahe war und Konfirmation und sonst noch allerlei Festliches; da blühte das Geschäft. Das ging ja vor, natürlich, man konnte es später taufen. Dazu ist es nun viel zu spät. Man kann nicht wissen, kein Mensch weiß, was aus dem kleinen Seelchen geworden ist. Und du bist schuldig. Doch, das bist du.“

So redete die Krankheit, die in dem Gewand der Schuld mit der jungen Frau hier hereingekommen war. Da schloß sie die Augen, um sie nicht zu sehen. Aber das nützte nichts. Sie drang auch durch die Lider. Sie war überall und immer wach. Es war ein dunkles, dunkles Haus, in dem die Frau saß. Da schickte sie ihre irren hilflosen Gedanken aus, um etwas Licht hereinzubringen. Aber sie verstanden es nicht. Einer kam und sagte: „Irgendwo ist Gott, du mußt beten.“ Der wußte, daß ein Licht sei. Aber er konnte es nicht hereintragen. Da fing die Frau an: „Wenn wir in großer Angst und Pein, und wissen nicht wo aus und ein, und finden weder Hilf noch Rat“; da gingen alle ihre Gedanken rundum und wußten immer nur bis zu dieser Stelle zu sagen. Das währte eine lange Zeit. Da fand sie eines Morgens die Wärterin, wie sie ein kleines Bündel aus Tüchern sorgfältig zusammenwickelte und es an die Brust drückte. „Schlaf, Kindlein, schlaf,“ sang sie leise. Das tat sie nun immer. Sie ließ das Bündel nicht mehr aus den Armen, niemand durfte es berühren. Seitdem weinte sie nicht mehr. Sie sang und lächelte, und trug das Bündel umher. Wenn sie nicht hie und da mit großen, suchenden Augen, wie in sich selbst hineinschauend gestanden wäre, so hätte man nun denken können, sie habe es aufgegeben, nach Licht auszugehen. Aber auch das kam nur noch selten vor.

Da, nach Jahren, kam einer mit einer blanken Axt, der hatte den Auftrag, ihr die Wände ihres dunklen Hauses einzuschlagen. Er zerstörte es nicht ganz und gar auf einen Hieb. Er stieß ein Loch hinein, da flog viel Staub und Lehm und Mörtel davon, und etwas Helle kam zu dem Bewohner herein. Dann wartete er ein paar Tage. Er war kein Feind, er handelte, wie schon gesagt, im Auftrag, und nun sollte er seinen letzten, stärksten Hieb noch sparen. Vielleicht wäre das Licht sonst gar zu blendend gewesen, wer kann das wissen? Also wartete der Tod noch. Es kam eine Krankheit an die junge Frau, eine von denen, die man eine Erlösung nennt, weil sie rasch und sicher die Körperkraft aufzehren, und ein sanftes Ende der Pein bringen. Sie hatte ein paar Tage im Fieber gelegen und fast nichts geredet. Nun schlug sie die Augen auf; es war mitten in der Nacht. Oder, es ging schon etwas gegen den Morgen hin. Das Fenster stand offen. Draußen in den Bäumen wehte ein sachter Wind, sie rauschten leise. Die Welt lag in tiefem Schlaf, es war ganz still ringsum. Die Kranke hob den Kopf ein wenig und wandte die Augen nach dem Fenster. Da stand der Morgenstern hoch am Himmel über den Baumkronen. Die waren in tiefem Schatten, oben aber leuchtete in der fast durchsichtigen Glocke des Sommernachthimmels der Stern in wunderbarem Glanz. Den hatte sie lang nicht gesehen. Sie hatte in den trüben Nächten ihrer Krankheitsjahre keine Augen für die Schönheiten der Welt gehabt; sie hatte immer ins Dunkel gesehen.

Sie strich sich über die Stirn. Da war so etwas Freies. War da nicht ein Band gewesen? Wo mochte das hingekommen sein? Wer war sie, und wo?

Da sah sie das Gitter am Fenster; hinten in der Stube brannte ein kleines Nachtlicht, nur eines Funkens groß. Aus dem anstoßenden Gemach, dessen Tür offen stand, verkündeten kräftige Atemzüge, daß dort jemand schlief, das war die Wärterin. Auf dem Stuhl am Bett lag ein Paket, aus Tüchern zusammengebunden, mit einem Band umwickelt. Da kamen ihr die Gedanken wieder, schreckhaft und schwer. Aber doch anders, als seit langem. Sie griff nicht nach dem Bündel. Die Furcht, die ihr ans Herz kroch, war die Furcht vor etwas Gewesenem. Ob es vorbei war? Ob das abziehende Schatten waren, die wie wogende Nebel durch ihren Kopf zogen? Abziehende und nicht kreisende, die nur einen Augenblick frei ließen, um dann wieder desto fester einzuziehen? Wie war das nur? Sie war so müde, sie konnte kaum eine Hand rühren. Aber als sie so hinaussah in die stille Sommernacht, und das milde Licht des Sterns auf ihr Lager fiel, da versuchte ihr Geist, sich zu regen. Man weiß nicht, was sie erlebte, bis der Morgen kam. Der Arzt sagte, als er die Veränderung sah, das sei von dem Fieber. Aber, sagte er draußen, das helfe nun nichts, denn die Lebenskraft sei am Erlöschen. Das sei hie und da, daß solch ein heller Schein komme vor dem Ende. Denn sie lag mit einem stillen, sanften Gesicht da, und in den Augen war geistiges Leben, kein irres Flackerlicht mehr. Und sie hatte vorhin gefragt, wie das denn sei, sie habe doch zwei kleine Buben, und, nach einigem Zögern, und einen Mann? Die lebten ja doch noch? Und klagte, mit einem Lächeln, das wie um Entschuldigung bittend war, daß sie sich auf nichts recht besinnen könne, ihr Kopf sei so müde. Da ging der Tag so hin, und gegen den Abend sagte sie, schüchtern wie ein Kind, das zaghaft eine Bitte tut, von der es denkt, daß sie ungeheuer sei, — ob das denn möglich wäre, daß die Ihrigen herkämen? Oder ob das gar zu weit sei? Denn sie wußte nicht recht, ob sie in der gleichen Welt lebe mit denen, nach denen ihr aufwachendes Ich mit seinen ersten Regungen verlangte.

Ja, sagte man ihr, das könne freilich wohl sein. Gut könne das sein, sie solle ruhig einschlafen und morgen werden sie wohl da sein, denn es gehe heut in der Nacht noch ein Brief ab.

Siebentes Kapitel

Den folgenden Tag haben die Ehrenspergerskinder mit allen Einzelheiten im Gedächtnis behalten. Es war der Feiertag Petri und Pauli, und sie zogen so recht in der Morgenfrische aus, um den Kirschbäumen in der Wingerthalde einen Besuch zu machen. Jungfer Liese sah ihnen mit Behagen nach. Sie hatte beiden Brüdern tags zuvor das Haar glatt abgeschoren und sie heute, den Kirschbäumen zulieb, in verwaschene Drilchkleider, mit neueingesetzten Ellbogen und Hosenböden gesteckt. Es rührte sie in ihrem eigenen Busen, daß sie dem Herrn Vetter, der ja ihr Nächster unzweifelhaft war, so getreulich „sein Gut und Nahrung helfe fordern und behüten“. „Denn,“ sprach sie zu sich selbst, „wo viel ist, will mehr hinkommen,“ und meinte damit die Ehrenspergershabe, deren Vermehrung sie mit erbautem Gemüt zusah. Sie glaubte nicht befürchten zu müssen, daß ihr dieser erfreuliche Lebenszweck abhanden komme, auch nicht im Fall, daß, wie sie sagte, „unser Herrgott nun richtig ein Einsehen habe, wie das ja an der Zeit sei mit der Frau.“ Denn der Herr Vetter war allmählich ein bißchen bequem, und ein bißchen sehr korpulent geworden, und er ließ sich die brave Fürsorge der Jungfer Liese sowohl für sich selbst als für sein Haus immer behaglicher gefallen. Es muß bezeugt werden, daß sie nicht daran dachte, die Nachfolgerin der ersten Frau zu werden. So hoch verstiegen sich ihre Gedanken nicht. Das wäre ja außer aller Standesordnung gewesen und solche Durchbrechung der bürgerlichen Schranken begehrte sie nicht für sich. Auch war ihr jüngst der letzte breite Schaufelzahn, der noch ihren Oberkiefer geschmückt hatte, entfallen. Das gemahnte ans Altwerden, wie das fallende Laub an den Winterschlaf der Natur. Es sollte ihr lieb sein, wenn alles seinen Gang weiterging, und daß das geschehe, hoffte sie mit Zuversicht.

So waren die Gedanken, die sie den Söhnen des Hauses nachsandte, freundlicher und gedeihlicher Art und kamen auch nicht ans Stocken, als an der Ecke noch Gertrud und Lore sich zu den Beiden gesellten. Warum sollten sie sich nicht Gesellschaft mitnehmen? Die Kirschbäume standen zum Brechen voll, es kam auf ein paar Spatzen mehr oder weniger nicht an. Als die leuchtenden blaugrauen Flicken, das Werk ihrer Hände, verschwunden waren, kehrte sie ins Haus zurück.

Es führte ein steiler Weg zwischen Weinbergen zu der sonnigen Höhe empor, auf der das Baumgut lag. Georg wußte später noch genau, als ob ihm das lebendige Bild vor der Seele stünde, wie ihnen beim Aufsteigen die hellroten Herzkirschen aus dem grünen Laub entgegenleuchteten, gleich einem freudigen, ersprießlichen Lebenszweck, der dem Wanderer zuruft: „Hoch, immer höher, Mühe ist nichts, Schweiß ist nichts, denn hier bin ich, hier oben. Nun komm.“

Das und anderes gehörte für ihn zu dem Inhalt des Tages, der ihm in seinem Verlauf noch einmal und dann nicht wieder seine Mutter zeigte und der ihm darum kostbar vor andern Tagen war. Er konnte es die wenigen Male, die er in seinem Leben davon redete, nur schwer unterdrücken, alle Einzelheiten dazu zu erzählen.

Er mußte von diesem Tag zehren, so oft sein Herz zu seiner Mutter wollte. Da konnte er nichts entbehren, was damit zusammenhing.

Zwei Handwerksburschen ließen sich aus dem Geäst des Schwarzkirschenbaumes fallen, der weiter hinten, dem Waldrand zu, stand, als sie die Kinder kommen sahen. Vielleicht vermuteten sie ein Gefolge von Erwachsenen hinter ihnen. Da verlor einer von ihnen beim Herabgleiten seinen einen durchlöcherten Stiefel, der ihm schlapp genug um den Fuß gehangen haben mochte. Den warfen sie ihm in hellem Mutwillen nach. Dann ging es über die Kirschbäume her. Lore blieb unten stehen und zog, auf den Zehenspitzen stehend, einen niedrig hängenden Zweig um den andern zu sich heran, um ihn abzuernten. Dann setzte sie sich in den Schatten und wartete, bis ihr die andern hie und da eine Handvoll Kirschen ins Gras warfen. Es lag von Anfang an nicht in ihrer Art, auf Bäume zu steigen. Gertrud saß oben in dem großen Herzkirschenbaum, Georg gegenüber. Hoch über ihnen beiden kletterte Franz in den äußersten Zweigen, wo die süßen Früchte in der Sonne kochten. „Du,“ sagte Georg unter’s Essen hinein, „muß dir was sagen. Meine Mutter ist krank, anders, weißt du, als vorher. Sie liegt im Bett und hat immer die Augen zu. Jungfer Liese hat’s zur Frau Metzger Konz gesagt. Vielleicht stirbt sie; wahrscheinlich stirbt sie, hat sie gesagt.“ „Wie die meinige.“ Gertrud nickte sachverständig. „Guck’ einmal, da sind lauter Zwillingskirschen, die kann man sich an die Ohren hängen. Streck’ mir deinen Kopf herüber, so, noch ein bißchen näher, jetzt hast du Ohrringe. Wart’ einmal, ich hänge mir auch an.“ Da fing sie an zu lachen. „Weißt du, wer wir jetzt sind? Der Kaufmann Henne und seine Frau. Guten Morgen, Mann. Du, weißt du, warum die immer so große goldene Ohrringe tragen, er und seine Frau und seine Söhne, und glaub’ ich noch die Magd? Soll ich dir’s sagen? Ich weiß es von Frau Judith; aber man weiß nicht, ob es auch so ist. Also: da war einmal einer von ihnen, glaub’ ich, sein Großvater, der war so krank, daß ihm kein Doktor mehr helfen konnte; er mußte bald sterben und das wollte er noch nicht. Da ging er in den Wald und setzte sich unter einen Baum und seufzte ganz laut und sagte so vor sich hin: „Wenn es doch nur etwas gäbe, das mir die Krankheit aus dem Leibe zieht. Da stehen die Kräuter um mich herum und sind stark und frisch. Wer weiß, was sie für Kräfte haben? Warum muß ein Mensch krank sein? Das ist etwas Fremdes, Böses. Das ist wider die Natur.“

Da regte sich etwas neben ihm, und was er für eine große Baumwurzel gehalten hatte, war ein altes Männchen. Das stand auf und stellte sich vor ihn hin und sagte: „Da hast du recht. Krank sein muß einer nicht. Aber die Kräuter tun’s nicht. Da hilft nur das lautere Gold, das ganz tief aus der Erde kommt.“ Da griff es in seine Kitteltasche und holte ein paar große, goldene Ohrringe heraus. „Die mußt’ du in den Ohrläppchen tragen,“ sagte er. „Die ziehen dir die Krankheit aus dem Leibe. Das reine Gold verzehrt alle bösen Säfte.“

Der alte Kaufmann Henne besah sich die Ohrringe. Sie waren groß und schwer, kein Mensch trug solche. Was würden die Leute sagen zu dem sonderbaren Schmuck? Aber das war ja doch einerlei. Wenn man darum gesund wurde. Da stach er sich Löcher in die Ohren und hängte die Ringe hinein. Und, sagte Frau Judith, dann sei er ganz stramm und aufrecht nach der Stadt zurückgekehrt und habe noch lang gelebt.

Seither müssen alle Hennes solche Ringe tragen. Zuerst, wenn sie geboren werden, kleine, und dann immer größere. Wenn einer stirbt, begräbt man seine Ohrringe besonders in der Erde. Ein Jahr lang, dann sind sie wieder zu gebrauchen, dann hat die Erde alles angezogen. Da war eine Tochter von dem vorigen Henne, die wollte nicht anders sein als andere Leute und hängte sich die Ohrringe aus, wenn sie aus dem Haus ging. Die wurde krank und starb.“

„O du,“ sagte Georg, „die wäre wohl ohnehin gestorben.“ Er nahm sich den hängenden Schmuck von den Ohren und aß ihn auf. Er war ihm nicht mehr recht geheuer. „Das ist wohl nur so eine Geschichte.“

„Was für ein Unsinn,“ sagte Franz, der auch zugehört hatte, „damit ist gar nichts anzufangen. So ist’s: Als der alte Henne, der vorige, das Haus baute, da drang das Grundwasser vom Stadtbach her in den Keller. Da war alles feucht im Haus und sie kriegten alle miteinander entzündete Augen, nur der Knecht nicht, der hatte kleine, goldene Knöpfchen in den Ohren von seinem Taufpaten her.

Da sagte der alte Henne: „Ist wenig Gold gut, so ist mehr besser,“ und ließ gleich für die ganze Familie Ringe machen, wie ein guter Schlüsselring in der Größe. Da wurden sie gesund, und jetzt ist das Haus lange trocken, aber jetzt sind sie’s gewöhnt.“ „Ja, und wenn sie einer ablegt, dann zieht ihm irgend was aufs Herz. Die Entzündung,“ sagt Jungfer Liese, „und dann stirbt er.“

„Ach, das ist ja einerlei,“ sagte Gertrud. „Das sind alles so Geschichten. Willst du gleich die Steine heraustun, Franz! Wenn man einen Kirschenstein schluckt, wächst einem ein Baum im Magen. Der zersprengt einen, dann muß man sterben. Das sagt Frau Judith.“

„Ach, immer mit eurer Frau Judith. Immer mit eurem Sterben.“ Franz war ein bißchen erschrocken. Da tat er ärgerlich: „Wenn ihr sonst nichts wißt.“

„Die Mutter muß auch,“ sagte Georg. Das ging ihm heute so neben allem her. Nicht als Schmerz gerade. Er war jetzt zehn Jahre alt und als sie von ihren Kindern ging, in das dunkle Haus ihrer Seele, da war er erst zweijährig gewesen. Die paar schattenhaften Züge, die noch von ihr in seinem Herzen lebten, waren immer blässer geworden. Da hatte er angefangen, sich ein neues Bild von ihr zu schaffen; abends, wenn er im Bett lag. Das bekam von ihm alle schönen freundlichen, starken und liebenswerten Züge zugeteilt, die er irgend an andern Menschen sah. Aber auch die Menschen seiner Umgebung arbeiteten an dem Bild, und fügten traurige, mitleidenswerte, grausige und sogar schuldige Züge hinzu. Da mit einem Wort und dort mit einem. Das gab eine Mischung von Wonne und Grausen in die Gedankenwelt des kleinen Buben hinein. Es war nur ein Traumbild, das ihm sterben wollte. Aber es war ihm nun doch, als ob er nie mehr abends unter der Decke seine stillen Fäden in Furcht und Liebe zu diesem Bild hin spinnen könne. Es gab doch auch eine Leere. Er wußte nichts, das an dessen Stelle treten könne. Er konnte mit niemand davon reden; am Tag dachte er auch nur selten daran; nur heute ging der Gedanke so mit ihm. Darum fing er immer wieder davon an.

„Das kann man noch nicht wissen,“ sagte sein Bruder Franz. „Wir müssen noch Kirschen brechen zum Heimbringen. Gib einmal den Korb herauf, Lore.“

„Lore! Die schläft ja wohl?“ Nein, das tat sie nicht. Sie hatte sich aus den trockenen, harten Kirschen eine breite, prächtige Halskette gemacht, immer einen Stiel neben den andern mit rotem Garn gebunden. Die hatte sie nun umgehängt, gerade als sie gerufen wurde. Das mußte zuerst in Ordnung sein.

„Da,“ sagte sie dann. „Nein, ich schlafe gar nicht. Guckt einmal. Bin ich nicht schön?“ Sie stellte sich auf die Fußspitzen und drehte sich einmal im Kreise.

Doch, das war sie. Das sahen auch die anderen. Wie die roten, schimmernden Früchte um den weißen Hals lagen, der, gleich den Armen, entblößt war; wie die losen, rotblonden Haare auf das hellblaue Kleidchen fielen. Nein, sie wußten nicht so recht, warum Lore schön sei; sie fühlten es mehr. Sie war solch ein kleines, feines, leichtes Ding. Es tat nichts, daß sie in der Schule selten etwas recht konnte, und auch nicht, daß sie bei den Spielen immer zimpferlich tat. Sie mochten sie doch gern dabei haben. „Wißt ihr was?“ sagte Franz einmal, „zum Wegblasen ist sie. Wie Mehlstaub ist sie,“ sagte er und wählte den Vergleich aus seinem künftigen Handwerk, „man muß nur blasen, dann fliegt sie.“ „Nein,“ sagte Georg, „wie ein Löwenzahnstengel; wenn man bläst, fliegen die Samen hinaus, und so fliegt ihr Haar, aber Lore selber? Die steht doch fest auf den Füßen.“ Er war gründlicher, er konnte nicht recht solch ungenaue Vergleiche leiden.

Franz sah von seinem hohen Sitz aus wohlgefällig auf Lore herunter. „Du Krott,“ sagte er. Das sollte eine Schmeichelei sein; so faßte sie es auch auf. Sie lachte vergnügt und hüpfte ein paar Schritte gegen den Abhang zu. Da sah man den steilen Weg hinunter und weit über das Tal hin. „O,“ rief sie und drehte den Kopf zurück, „da kommt Lude. Der rennt, was er kann. Jetzt ist er an den Staffeln. So rennt kein Mensch sonst den Berg herauf. O, jetzt verliert er seinen Schlappschuh. Schon wieder! Jetzt nimmt er beide in die Hand und läuft in den Strümpfen.“

Lude war der Bäckerlehrling. Es war schon bemerkenswert, daß er es so eilig hatte, er gehörte im gewöhnlichen Leben nicht gerade zu den Hastenden. Er war klein und rund und sah meistens schläfrig aus. Er wollte sicher etwas anderes, als etwa Kirschen brechen.

Ein paar mal stand er still und schnappte nach Luft, dann trabte er vollends weiter den steilen letzten Stich herauf. Nun kam er heran. „Was ist, Lude?“ Sie fragten alle miteinander. Da stieß er unter Pusten und Schnauben heraus: „Heimkommen sollet ihr. Aber schnell; was ihr laufen könnt. Ihr müsset verreisen. Es ist, es ist, da hin, wo, wo die Frau ist. Euer Vater hat schon seine schwarzen Hosen an; er geht auch mit.“

Da waren sie schon vom Baum herunter und rannten davon. Keines von ihnen sagte ein Wort. Was war da zu sagen? Da war etwas zu erleben. Der Vater hatte die schwarzen Hosen an. Und sie sollten dorthin reisen; das war etwas Wirkliches, das war nicht mehr nur Gerede und ausgemaltes Phantasiewerk. „So wart doch, Georg,“ rief Gertrud, als sie den langen Sprüngen ihres Kameraden nicht mehr nachkam; „du rennst auch gar zu arg.“ Da blieb er stehen und sah sich um, aber nur einen Augenblick. „Du gehst ja doch nicht mit,“ sagte er, und dann rannte er weiter, bis ins Tal und bis nach Hause.

Da hatte auch Gertrud ihr Erlebnis des Tages, das sie nicht vergaß. Da war eine Sache, das nur ihn anging, sie nicht, und die sie nicht mit ihm teilen konnte.

Da hatte sie einen schweren Satz aus dem Katechismus des wirklichen Lebens zu lernen. Er handelte davon, daß kein Mensch dem andern überall hin folgen kann und daß man sich darin ergeben muß, zu Zeiten draußen zu stehen, während der andere, mit dem man gleichen Schritt halten möchte, drinnen im Haus ganz allein ein Stück weiter lebt, in Lust oder Leid, oder in Mühe, die beides in sich schließt.

Sie lernte heute nur die äußeren Umrisse davon. Es war schon dafür gesorgt, daß sie später wieder und wieder daran zu lernen hatte. Es war auch für heute ganz genug. Das geht nicht nur so wie eine Kopfarbeit. Sie stampfte mit dem Fuß auf aus einem machtlosen inneren Grimm heraus. Und dann fing sie an zu laufen, daß die Röcke flogen. Nach Haus, nach Haus. Sie wollte nicht so allein zurückbleiben. Lore? ja, die stieg behutsam hintendrein; und oben im Kirschbaum saß Lude, der sich für die vorige Eile durch einen behaglichen Schlendrian und einen Schmaus bezahlt machen wollte. Aber sie war dennoch allein.

Darum lief sie, was sie konnte, daß sie nach Hause kam.

Der Bäcker Ehrensperger hatte nicht nur die schwarzen Hosen an, die dem Lude solchen Eindruck gemacht hatten, sondern auch die Weste und den Rock. Er sah unbehaglich und hilflos genug aus in diesem feierlichen Anzug, der ihm doch von Jungfer Liese als passend und erforderlich für die heutige Fahrt aufgenötigt war. An der Weste hatte sie findig das Rückenfutter auseinandergetrennt; das klaffte nun unter dem Rock; da schlossen vorn die Knöpfe über Brust und Bäuchlein. Aber der Rock. Der war nach allen Seiten hin zu eng. Vorne stand er weit offen. Aber am Rücken und an den Schultern verspürte der Mann ein beständiges Ziehen und Drücken. Ihm war, als knacke da und dort etwas. Das waren wohl die Nähte? Es war ihm unbehaglich zu Mute. Innerlich und äußerlich. Die Reise schuf ihm auch ein Mißbehagen. Er war nicht aufs Absonderliche, Tragische angelegt. Und dies hier war absonderlicher als alles, was er bisher erlebt hatte. Denn hin und her besehen, was sollte er dort? Er hatte immer unweigerlich bezahlt, was die Sache kostete. Aber, noch einmal, persönlich gefragt, was sollte er dort? Es war ihm unzweifelhaft unbehaglich zu Mut. Da war solch’ eine fremde, andersartige Welt; so eine gewisse, geistige Macht, eine düstere, tragische. Es war ihm, als sollte er mit Geistern aus dem Jenseits in Verbindung treten. Wie sollte er sich da benehmen? Was sollte er sagen? Er hätte gern einen tüchtigen Kuchen eingepackt und sich mit dieser Gabe von der persönlichen Verpflichtung gelöst, der er sich unterworfen fühlte. Aber das war ja wohl nichts. Wie hatte es in dem Eilbrief geheißen, der vor einer Stunde in den Vormittagsnicker des Meisters hereingefallen war?

„Ihre Frau, von deren Krankheit Ihnen bereits Anzeige gemacht ist, hat, nicht ganz ungewöhnlicherweise, noch eine fast vollständige Klärung ihrer Sinne erlebt und verlangt in diesem wachen Zustand nach Mann und Kindern. Sollten Sie, wie anzunehmen ist, diesem Wunsch zu entsprechen gedenken, so wird es gut sein, dies unverzüglich zu tun, da die Kranke ihrer Auflösung in den nächsten vierundzwanzig Stunden entgegengeht.“

Diesem Ruf war nicht zu entgehen. Den letzten Wunsch eines Sterbenden muß man erfüllen. Das wurzelt tief im Volk, im Menschen überhaupt. Es ist wohl die unbewußte Hochachtung vor der Majestät des Todes. Der Mensch, der vor solch einem Gegner steht, ist ernst zu nehmen und nimmt sich selber ernst.

Ja, er mußte hin.

Da kamen die Buben an, und bekamen, mitten in der Woche, frische Hemden, und wurden mit den Sonntagsanzügen bekleidet. Und Jungfer Liese ging geschäftig hin und her und steckte ihnen noch ein Extrataschentuch ein. „Ihr werdet’s brauchen,“ sagte sie.

Dann gingen sie zur Bahn und wagten alle drei nicht umzusehen auf der Straße und gingen ungelenk dahin, wie Leute tun, die sich beobachtet fühlen. Denn unter den Türen der Werkstätten, und auf den Hausstaffeln, und unter den Fenstern erschienen die Nachbarn und stießen einander an und flüsterten vernehmlich: „Da gehen sie. Es ist eine Erlösung. Es ist eine Wohltat, daß die Frau stirbt. Aber hinreisen? Da können sie etwas Schönes erleben. Nicht für hundert Mark in so ein Haus.“ Und die andern sagten: „Da können sie nicht anders. Es stirbt eins nur einmal.“

Durch das Getuschel hindurch gingen die drei, mit verlegenen Gesichtern, und waren froh, als sie in der Bahn saßen.

Sie sprachen unterwegs nicht viel miteinander. Hie und da fing einer der Buben etwas an. Aber der Vater gab nicht recht Antwort. Wie mochte sie aussehen, seine Frau? Was konnte sie mit ihm reden wollen? Er hatte sie einst gern gehabt; sie war ein feines, blühendes Mädchen und eine fleißige, rührige, mütterliche junge Frau gewesen. Aber als das Unglück geschah und dann die Krankheit kam, ja, er hatte ihr wohl so ein bißchen Vorwürfe gemacht damals; („das hätte ein anderer auch getan,“ dachte er), da hatte er nichts mehr mit ihr anzufangen gewußt. Seitdem war sie ihm wie gestorben. Und nun lebte sie noch einmal auf und wollte mit ihm reden.

Das ging rundum mit ihm. Da konnte er nicht auf die Fragen seiner Söhne hören.

Und als, kurz vor dem Eintritt durch das eiserne Tor, schon das Haus mit den Gitterfenstern vor Augen, Franz seinen Rockflügel ergriff und sagte: „Könnte ich nicht lieber draußen warten? Ich, ich möchte lieber nicht mit hinein,“ da kam es ihm vor, als ob die Kinder doch wohl nicht recht auf den Besuch bei ihrer Mutter vorbereitet seien.

Und er wollte noch rasch seiner Pflicht Genüge tun, als Mann und Vater, und gab seinem Lieblingssohn, obgleich er ihm seinen Wunsch mehr als nur nachfühlen konnte, eine Ohrfeige, daß ihm der Hut aufs Pflaster fiel, und sagte: „Was? Draußen bleiben? Das könnte dir passen. Du gehst mit hinein, sag’ ich und besuchst deine Mutter, wie sichs gehört. Bleib’ ich vielleicht draußen?“ Und er fühlte sich nach dieser Tat und Rede sicherer und erhobener als zuvor.

Da schritten sie miteinander durch das Tor und gingen über Treppen und lange Gänge, und hörten unterwegs allerlei Töne, die sie nicht verstanden und die ihnen Herzklopfen machten, weil sie nicht wußten, von welcherlei Wesen sie kamen. Und dann tat sich ihnen eine Tür auf; helles Licht kam durch das breite, geöffnete Fenster in den Raum, den sie betraten; und Georg Ehrensperger, der Jüngste, der von allen Dreien am meisten mit Herz und Sinnen dabei war, dachte mit Staunen, daß Meister Nössel, der Flickschneider auf dem Turm, nichts Rechtes gewußt habe.

Denn er hatte gesagt, daß die Mutter im Dunkeln sitze und warten müsse, bis ihr Gott das Licht wieder anzünde.

Und hier war helles Licht.

Oder? Oder war das bereits wieder angezündet?

Aber es war helles, gewöhnliches Tageslicht, solches, in dem alle Menschen wandeln. Es war gar nichts Absonderliches dabei.

Auch die Frau, die in den weißen Kissen ruhte und ihnen entgegensah, war weder so besonders schön noch so besonders schrecklich, wie das abendliche Phantasiegebild, das die Stelle einer Mutter bei ihm vertreten hatte, wechselsweise gewesen war.

Sie hatte ein weißes, sanftes Gesicht, und Augen, in denen das ganze Leben zusammengedrängt schien, suchende, bittende, hungrige Augen; man wußte nicht, ob sie lachen oder weinen, sich fürchten oder sich freuen wollten. Es war wohl das alles miteinander, und löste sich in raschem Wechsel in ihrer Seele ab. Sie hatte gescheiteltes Haar; links und rechts hing ihr eine Flechte davon über die Schulter und lag auf ihrer Brust, blond und silbern gemischt und verlor sich unter der Bettdecke.

Die Hände hatte sie schwer auf der Decke liegen; da hob sie mit Mühe eine davon zum Willkomm, und ließ sie wieder fallen. „Da seid ihr,“ sagte sie. „Das seid ihr? ach!“ Denn sie hatte kleine, zwei- und vierjährige Kinder verlassen. Die waren ihr wieder ans Herz getreten, als ihr Ich zu sich selber kam. Nun standen ein paar sonnverbrannte, halbwüchsige Buben an ihrem Bett, und traten näher, als ihnen ihr Vater einen kleinen Puff von hinten her gab, und machten verlegene Gesichter.

„Grüß Gott,“ sagte der Kleinere und sah sie so von unten herauf an. Da fand er, daß hier nichts zu fürchten sei, und daß er schon lang mit dieser Frau zusammengelebt habe, irgendwie und wo. Und auch, daß sie sowohl mit Frau Judith, als mit der Rektorin Cabisius irgend eine Ähnlichkeit habe; er besann sich nicht, welche, er fühlte sie nur. Vor denen aber war er längst nicht mehr scheu. Da war er es auch vor ihr nicht mehr. „Ich glaube doch,“ sagte er später, als er sich selbst besser verstand, „ich glaube doch, daß mir damals einen Tag lang meine Mutter gehört hat, wie eine Mutter ihrem Kind gehört, und ich auch ihr.“

Denn es währte an jenem Tag nicht lange, da saß Georg auf dem Bettrand und hatte seine rauhe Bubenhand in die feine, weiße, heiße Hand seiner Mutter geschoben. Und sie holte die eine und andere Frage aus sich heraus, Fragen, wie ein Kind sie tut, und sah ihn an, als trinke sie etwas Langentbehrtes, Frisches aus seinem Gesicht und aus seinen Reden.

Der Bäcker Ehrensperger war froh, daß er nicht viel zu sagen brauchte. Sie waren Beide etwas hilflos, als sie versuchen wollten, einander ein Wort zu sagen. Die Frau bekam einen Augenblick eine heiße Röte in die Wangen; er war ihr fremd geworden, er war wohl nie so recht ein Teil ihres Wesens gewesen. Da setzte er sich auf einen Stuhl, der am Fenster stand und sah mit Erleichterung, daß Georg die Sache in die Hand nahm. Er ertappte sich nach einer Weile darauf, daß er die Daumen umeinander drehte. Das war ihm so zur Gewohnheit geworden; so oft er in Ruhe dasaß, tat er so. Da hörte er erschreckt auf; es war wohl nicht passend heute. Aber nach ein paar Minuten fing er wieder an. Die Uhr auf dem Türmchen, das zwischen den Bäumen herausblickte, zeigte auf ein Uhr. Da stand er auf und sagte, er wolle mit den Kindern gehen, etwas zu essen. Franz griff nach seinem Hut, er war mehr als Georg Fleisch von seines Vaters Fleisch; er wußte hier auch nicht recht etwas anzufangen. Georg rührte sich nicht. „Laß mich da,“ sagte er. Da leuchtete aus den Augen der blassen Frau ein Strahl, als ob ein helles Licht sich darin spiegele, und sie drückte in ihrer Schwachheit leise die Kinderhand, als ob sie sie festhalten wolle für immer. Ihre Gedanken gingen wohl nicht weit hinaus. Jetzt war immer.

Da ließen sie ihn sitzen und gingen.

Sie kamen lang nicht wieder.

Als sie wiederkamen, hatte Georg eine kleine Mundharmonika an den Lippen, die er meist in der Tasche bei sich trug. Er blies darauf, weich und sachte, als ob er fühle, daß hier herein keine lauten Töne paßten. Es war keine eigentliche Melodie, es war nur so ein Tonreigen, nicht tonreicher, als das Geplätscher eines Bächleins ist. Aber sie waren froh dabei, beide.

„Willst du wohl?“ sagte der Vater, „das fehlte noch, Musik machen.“

Da lächelte die Kranke. „Nein, laß ihn,“ sagte sie, freier als zuvor, „er hat mir gesagt, daß er etwas werden will, bei dem man Musik machen kann. Laß ihn.“

Dann sah sie aus, als ob sie einschlafen wollte.

Georg hielt ihre Hand und fühlte, wie die Pulse in den Fingerspitzen pochten, als ob das Leben überall da innen gegen die Wände stieße und heraus wolle. Und einmal klopfte es hart und stark unter der leichten Decke der Mutter, „klopf, klopf, klopf.“

„Mutter, was klopft so bei dir?“ fragte er.

Er sagte heute in jedem Satz „Mutter.“

„Das ist mein Herz,“ sagte sie müde.

„Laß einmal hören.“ Da legte er seinen runden Bubenkopf auf die Decke. Sie lächelte.

Sie lächelte auch noch, als die Wärterin wieder hereinkam und zu dem Mann sagte: „Sehen Sie doch,“ und den Buben von ihrer Brust wegnahm und auf den Boden stellte.

„Bst,“ sagte er, „es klopft nicht mehr. Ich habe den Kopf draufgelegt, jetzt hat es aufgehört.“

Aber er wußte nicht, was das war.

„Nein,“ sagte die Wärterin, „es klopft nicht mehr.“

Da hatte nun der Mann mit der Axt, der Tod, den letzten Hieb getan. Da hatte der Bewohner nicht mehr seines Bleibens in dem Haus. Es tat ihm auch nicht mehr not.

Er hatte heute ein freundliches Licht und eine kleine, keimende Liebe gesehen, und die Augen waren ihm davon groß und froh geworden.

Nun waren sie ja wohl stark genug, in eine Flut von Licht und in eine große, überwallende Liebe zu schauen, die in dem neuen Haus auf ihn warten mochten.

Aber unsere Sprache hat kein Wort, davon zu reden.

**
*

Die Stadtzinkenisten hatten den Trauerchoral vom Wiblinger Kirchenturm geblasen und waren eben die Treppe hinuntergepoltert, um nun auch auf dem Weg zum Kirchhof zu blasen. Es war nächstens Zeit, ans Läuten zu gehen.

Die beiden Freunde, der Korbmacher Hollermann und der Turmwächter Nössel, hatten still zugehört und in wandernden Gedanken der Lebenden und der Toten gedacht und daß sie wohl alle in guten Händen seien und alle einmal mütterlich nach Hause geleitet werden.

Sie hatten es nicht beredet; sie wußten einer des andern Gedanken auch ohne das.

Da griff der Turmwächter auf den Sims über dem einen Fenster und holte da ein Buch herunter und las, da schon auf der Straße unten der schwarze Wagen über das Pflaster rasselte, eine Stelle, die angestrichen war und bei der ein getrocknetes Kräutlein lag:

„Denn die Welt ist vor dir wie ein Stäublein an der Wage und wie ein Tropfen des Morgentaus, der auf die Erde fällt.

Aber du erbarmst dich über alles; denn du hast Gewalt über alles.

Denn du liebest alles, was da ist, und hassest nichts, das du gemacht hast; denn du hast ja nichts bereitet, dazu du Haß hättest.

Wie könnte etwas bleiben, wenn du nicht wolltest? oder wie könnte erhalten werden, das du nicht gerufen hättest?

Du schonest aber aller; denn sie sind dein, Herr, du Liebhaber des Lebens, und dein unvergänglicher Geist ist in allen!“

Als er das gelesen hatte, nickte er zufrieden mit dem Kopf und legte das Buch wieder an seinen Ort.

„Da brauchen wir uns ja nicht weiter den Kopf zu zerbrechen,“ sagte er. „Da versammeln sie sich nun allmählich, da unten um die weiße Kapelle her, und liegen ganz still, ein jedes an seinem Ort. Und haben viel Qual und Unruhe hinter sich, und Sorgen, und haben viel Umwege gemacht, da man nicht wissen könnte, ob sich auch nur eins von ihnen nach Hause findet, wenn das nicht wäre, davon hier geredet ist: „Denn sie sind dein, du Liebhaber des Lebens, und dein unvergänglicher Geist ist in allen.“

„Ja,“ sagte Hollermann und setzte die Schildkappe auf, um zu gehen, „es wird uns ja wohl zu gut gehalten werden, daß wir davon reden als einfältige Leute, die wohl wissen, daß unser Herrgott ein ganzes Stück klüger ist als wir.

Nämlich, daß wir das nicht in unser Herz hineinbringen, das mit dem großen Unterschied drüben, der nicht auszusagen sei und nicht aufhöre; und das mit dem Gedanken, daß Gott es mit etlichen seiner Kinder in alle Ewigkeit nicht mehr zurecht bringe und ohne sie leben müsse in seiner himmlischen Herrlichkeit und Pracht. Da man ihm doch zutrauen möchte, daß er sie alle herausholen möchte aus Sumpf und Feuer und dem Tod und sie endlich einmal bei sich zu Haus sein lasse, wenn’s genug ist mit der Plage.“

Der Flickschneider hatte die Brille eingeschoben und ging mit seinem alten Kameraden das Treppchen hinab zum Läuten. „Wir haben wohl nicht so den Verstand,“ sagte er. „Das liegt uns nur so im Gemüt. Etliche sagen, die Bosheit sei allzugroß, und etliche wieder anders; es sei, als ob drüben die Geister ineinander flössen, wie die Bäche in die Flüsse, und die Flüsse ins Meer, da man die Wasser nicht mehr unterscheidet und alles ein großes Wallen ist. Aber das ist uns nicht bekannt und das wird auch so recht sein, damit wir unseres Weges gehen wie die Kinder, und nicht gar so klug sein wollen.“

Da ließen sie die große Frage, die sie nicht um der Frau willen allein aufgeworfen hatten, der das Läuten galt, sondern die je und je ihre Herzen bewegte in Hoffnung und demütigem Vertrauen.

Unten bliesen die Stadtmusikanten einen Trauermarsch aus aller Kraft ihrer Lungen, und gingen die Ehrenspergersbuben hinter dem Sarg her mit neuen Kleidern und Blumensträußen, und schritt der Bäckermeister zwischen zwei Anverwandten einher, ernsthaften Gesichtes und in einem Rock, der breit und weit genug war, als ein stattlicher Witwer, und ging Jungfer Liese in der Zahl der Frauen als leidtragende Verwandte des Hauses, das Taschentuch zwischen den Händen. Es war alles, wie es sein mußte, denn das Besondere, das um die Frau her war, das hatte der Tod ausgelöscht.

Gertrud stand in der Reihe mit den singenden Schulkindern; und als sie ihren Kameraden sah, der mit einem merkwürdig erloschenen Gesicht nach dem sinkenden Sarg blickte, da war es ihr doch, als müsse sie neben ihm stehen, als gehe das gar nicht anders an. Und sie verstieß gegen alles Herkommen, wie das rasch und lebhaft empfindende Menschen zuweilen tun, und schob sich leise, einen Schritt um den andern, zwischen den Männern des Gefolges und etlichen Cypressen und Grabkreuzen durch, bis sie dicht hinter Georg stand und ihn sachte am Ärmel zupfte. Jungfer Liese warf einen vernichtenden Blick nach ihr und vergaß einen Augenblick, zu schluchzen.

Aber das schadete nichts. Darum hatten die zwei Kinder doch zu dieser Stunde einen Teil aneinander, und konnten das dunkle Kapitel des Lebens, das sie nicht recht verstanden und das hier seinen Schlußpunkt erhielt, schließen lassen, um sich nach Kinderart ihrem eigenen Weg zuzuwenden. Sie nahmen etwas von dem Vergangenen mit da hinein und holten es hie und da gesprächsweise heraus, wenn sie im Dämmer beisammen waren. Aber das Düstere daran, das ging nicht mit. Das zerfloß im Nebel, nur das Lichte, Freundliche blieb. Es war den Kindern doch später, als hätten sie einmal Mütter besessen. Das machte, daß sie das Wenige, das sie von diesem Schatz besaßen, miteinander zu teilen wußten, da wuchs es daran.

Achtes Kapitel

„Mutter,“ sagte Lore, das Kind der Putzmacherin Maute, „du mußt schnell was anziehen. Da kommt die Frau Rektor Cabisius aufs Haus zu. Sie macht so kurze, rasche Schritte, wie ein Mädchen geht sie und ist doch schon eine alte Frau. Das heißt, wenigstens hat sie ganz graues Haar. Und überall hält sie den Rocksaum hoch; sieh’ mal, Mutter, da ist doch tiefer Schmutz auf der Gasse, und sie hat nie ein Tüpfelchen Schmutz an sich.“ Lore saß am Fenster und sah in den kleinen Straßenspiegel, der da angebracht war und durch den man alles beobachten konnte, was draußen vorging, ohne selbst gesehen zu werden.

Ihre Mutter saß ihr gegenüber. Sie hatte die Haare auf Papilloten gewickelt und war mit einer Nachtjacke bekleidet, die, der fehlenden Knöpfe wegen, am Hals mit einer blitzenden Hutagraffe zugesteckt war. Sie hatte eben noch an einem bestellten Samthut gestichelt; nun stand sie auf und ging ins Nebenzimmer. „Sag’, wenn sie kommt, ich käme sogleich,“ sagte sie im Hineingehen. „Und, Lore, räum’ noch rasch ein bißchen auf.“ Denn es fiel ihr nun plötzlich auf, daß das Waschgeschirr noch auf dem Tisch stand und Kämme und gebrauchte Kaffeetassen sich mit Seidenbändern und Hutformen auf der Kommode breit machten. Da nahm das Mädchen einen Anlauf und trug einiges ins Nebenzimmer. Dort stellte sie es auf den Boden. Und anderes streifte sie mit rascher Hand in eine geöffnete Schublade; und fuhr mit einem Pfauenwedel über die Kommodenplatte und legte rasch eine Decke auf den Tisch. Es sah nicht mehr so übel aus im Zimmer, wenn man nicht gerade kritisch hinsah.

Da klopfte es, und als die Frau Rektorin eintrat, kam ihr Lore entgegen, frisch und zierlich, wie ein Bachstelzchen und bat, Platz zu nehmen, nur einen Augenblick zu warten, da die Mutter sogleich kommen werde. Sie habe nur etwas Notwendiges zu schaffen, das gleich erledigt sei. Darauf setzte sie sich wieder an ihren Fensterplatz und hob sittig an, zu häkeln. Irgend etwas Zartes, Zierliches, es gab einen Halskragen, das konnte man schon erkennen.

Die Uhr tickte, es war still im Zimmer. Draußen rieselte der Regen herunter und klopfte hie und da ein wenig an die Fensterscheiben. Von der nahen Kirche her hörte man vereinzelte Orgeltöne; irgend ein musikbeflissener Unterlehrer übte sich da.

Die Frau Rektorin saß und sah nachdenklich aus.

Sie sah dem Spiel der feinen Hände des Kindes da auf dem Fenstertritt zu. Es war eine wahre Freude, zuzusehen.

Warum machte sich nur Gertrud nichts aus selbstgehäkelten Halskragen? Warum war sie so ganz anders als alle Mädchen, die die Frau Rektorin kannte?

Sie saß in ihres Großvaters Studierstube und lernte Latein von ihm. Ja, Latein. Und ihre Großmutter richtete jetzt und immer die Frage an das Weltall, was ein Mädchen mit Latein zu tun habe? Aber hier war niemand, der ihr Antwort gab.

Sie, nämlich Gertrud, war groß und stark für ihr Alter und hatte ein kluges, etwas breites, offenes Gesicht, und ihre Bewegungen erinnerten etwas an die einer jungen Dogge.

Sie war die Freude der beiden Alten. Ja, unstreitig auch die ganze Freude ihrer Großmutter. Aber das verhinderte nicht, daß die Frau Rektorin in einer eifersüchtigen Regung „ihres Nächsten Schönheit“ begehrte; nicht für sich, für das Kind, und daß sie innerlich bereit war, etwas von „der unnötigen Gelehrsamkeit, mit der sie mein Mann füttert“, dafür dranzugeben.

Sie hatte jetzt nicht lang Zeit, sich den Tausch auszudenken, denn nun kam die Putzmacherin herein und fing sogleich eine wortreiche Entschuldigung an, daß sie habe warten lassen. „Es ist immer so vieles im Haushalt, wenn man alles ordentlich haben will,“ sagte sie, und vielleicht glaubte sie es in diesem Augenblick selbst, daß sie alles ordentlich haben wolle, obgleich sie soeben aus ihrer Schlafstube kam, in der das Chaos herrschte.

Und dann fing sie an, mit Hutformen, Samt und Spitzen zu hantieren und Lore verließ ihren Fensterplatz und ihre Handarbeit, um bald die Stecknadeln, bald eine Schere, bald das Metermaß zu suchen. Denn die Frau Rektorin sollte mit einer neuen Winterkopfbedeckung versehen werden. Das war aber so, daß die neue der alten immer noch ein wenig ähnlich sein mußte, und es gehörte eine gewisse Kunst dazu, einen neuen, haubenähnlichen Hut, (oder eine hutähnliche Haube, was in der Wirkung auf eins herauskommt,) zu schaffen, der weder modern noch altmodisch, weder ärmlich, noch großartig war. „Sondern der,“ sagte die Frau Rektorin, „auf meinen eigenen Kopf paßt und nicht auf den von hundert anderen Menschen.“

Ja, das war immer eine Art von Kunstwerk, so einfach es aussah und Frau Maute war die Erste und Einzige, die die schwierige Frage mit einer Art von Genialität zu lösen wußte. Es gibt allerlei Bande, die sich um die Menschen schlingen, und das Geschick der Frau Maute, einen ästhetisch befriedigenden Hut für die Frau Rektorin herzustellen, war so eine Art von Band, das die beiden Frauen nach einer gewissen Richtung hin umschloß.

Aber es war ein Band, das im Begriff war, sich zu lösen.

„Das wird nun der letzte Hut sein, den ich der Madam Cabisius mache,“ begann die Putzmacherin das Gespräch. (Sie war nicht davon abzubringen, ihre honorigeren Kundenfrauen mit Madam’ zu titulieren und die Rektorin Cabisius ließ sich das nun allmählich gefallen, weil Widerspruch nichts nützte und der Klügste nachgibt.)

„Was, den letzten?“ fragte sie. „Das muß merkwürdig zugehen. Entweder sterb’ ich bald, oder sterben Sie bald, oder, was ists? am Ende ist Maute wieder aufgetaucht und Sie gehen mit ihm und dem Kind nach Amerika, wohin er damals verschwunden sein soll?“

„Ach, Madam Cabisius scherzen. Madam Cabisius wissen wohl, daß Maute für mich abgetan ist. Und wenn er auch mit Gold überzogen käme, und kniete hier vor mir nieder, da, wo Madam Cabisius sitzen, ich ließ’ ihn knieen. Ich nähme das Kind an der Hand und sagte: „Maute, du weißt, daß du mich verlassen hast. Keine Widerrede, das hast du. Ich habe das Kind und mich ernährt und werde es ferner ernähren und brauche dein Gold nicht.“ Und dann würde ich ihm die Tür aufmachen. ‚Bitte, hier ist die Tür,‘ würde ich sagen.“

Und damit machte sie ein paar Schritte nach der Tür hin, um sie für den Abzug des imaginären Maute zu öffnen, besann sich aber und kehrte wieder um. Lore stand mit aufgestützten Armen am Tisch und sah und hörte dem Schauspiel zu, das sie offenbar nicht zum ersten mal genoß.

Die Rektorin zupfte Frau Maute am Ärmel. „Das Kind,“ sagte sie mahnend.

„Ja, das Kind, das ist noch mein Trost. Ich sag’s alle Tage: Lore, du bist mein Trost, denn ich bin eine verlassene, unglückliche Frau.

Ich bin viel zu ideal, das ist mein Hauptfehler.“

„Ja, aber warum wollen Sie mir keinen Hut mehr machen? Das möcht’ ich wissen.“

Denn die Rektorin war über diesen Punkt noch ebensowenig aufgeklärt, als wir es sind.

„Alles wegen des Kindes, Madam Cabisius. Denn das Kind ist alles, was ich habe, und es soll glücklicher werden, als seine Mutter. Das sag’ ich immer: Lore, du sollst glücklicher werden als ich.

Darum habe ich beschlossen, nach Tübingen zu ziehen. Madam Cabisius müssen nicht denken, daß es um meinetwillen sei. O nein, mir ist alles recht, mir ist’s auch in dieser kleinen Stadt recht, obgleich fast niemand Sinn für den höheren Geschmack hat, außer der Madam Cabisius, und — noch ein paar wenigen.

Aber dort kann ich mich besser aufschwingen. Ich bin so sehr für den Aufschwung. Das sagte schon Maute immer, obgleich ich sonst nicht viel auf seine Meinung gebe: ‚Henriette, du bist viel zu schwunghaft.‘

Er verstand mich nicht. Das hat uns getrennt.

Dort kann ich einen Laden mieten und das bessere Publikum gewinnen. Und vielleicht nehme ich Studenten in möblierte Zimmer, später dann.“ Frau Maute sah in diesem Augenblick außerordentlich schwunghaft aus. Man sah ordentlich ihr Mutterherz durch die Falten ihrer geblumten Bluse scheinen. Denn das mit dem Laden und den möblierten Zimmern geschah ja nur des Kindes wegen, dem ein besseres Los bereitet werden sollte, und dem zuliebe die Mutter sich in jede verlangte Höhe zu schwingen bereit war.

„Mutter, dein Haar,“ sagte Lore leise.

Denn es hatte sich ein dünnes, rotblondes Zöpfchen unter den Spitzen des Morgenhäubchens vorgestohlen und wippte auf der geblumten Bluse auf und nieder, alle schwungvollen Bewegungen seiner Trägerin begleitend.

„O, es ist mir nicht bange,“ sagte Frau Maute, und schob das Zöpfchen wieder an seinen Ort. „Ich kann mit allerlei Leuten verkehren. Wenn ich sonst nichts gelernt hätte, so hätte ich doch das gelernt. Und nun gar mit jungen Leuten. Wenn man selbst Mutter ist und das Leben kennt. Ich werde sie mütterlich beraten, meine Studenten, meine ich. Daran werden Madam Cabisius nicht zweifeln.“ „Madam Cabisius“ hatte wohl so ihre Zweifel, aber diese waren von einer Art, die hier nicht ausgesprochen werden konnte.

Darum schwieg sie darüber und dachte nur im Stillen: „Ich bin froh, daß Gertrud nicht zu studieren hat. Mütterliche Beratung. Ich danke.“ Und dann bot sie ihren grauen Kopf her, um sich das werdende Kunstwerk ausprobieren zu lassen, und sah unter Samt und Spitzen hervor mitleidig auf das junge Kind, das zu seinem Besten an dem Aufschwung der Mutter teilnehmen sollte.

„Soll mich wundern, was sie aus dem Mädchen macht,“ sagte sie zu sich selbst, als sie auf dem Nachhauseweg mit hochgehaltenen Röcken durch den Schmutz der Straßen stieg. „Einreden läßt sich da nichts. Nun ja. Mit ihren Hüten war ich immer zufrieden. Eine gelungene Person, das ist sie. Aber soll mich wundern, was sie aus dem Mädchen macht. Ein feines, kleines Ding ist das.“

Und dann kam ihr mütterliches Herz ins Wallen.

„Ich wollte doch,“ sagte sie, aber sie sprach nicht aus, was sie wollte. Vermutlich war ihr der Wunsch aufgestiegen, das „kleine, feine Ding“ zu behüten. Wovor? Da eilten ihre Gedanken weit voraus.

Aber das war eigentlich nicht ihre Art so. Sie trat fest auf und machte rüstige Schritte, als sie über den gepflasterten Marktplatz ging. „Das lerne ich allmählich von ihm,“ sagte sie entrüstet zu sich selbst, „das Vorausdenken. Aber das ist nichts für mich. Braucht man mich etwa dazu? Ich meine, zur Weltregierung?“ Und sie schüttelte sich wacker unter dem Regenschirm und rief ihre sorgenden Gedanken zur Ordnung. Da kam sie hellen und heiteren Angesichts nach Hause und fand Gertrud, das Mädchen, das ihr zu gelehrt werden wollte, auf dem Treppengeländer reitend, daß die Zöpfe flogen. Sie sagte nichts darüber, wie sie an andern Tagen wohl getan hätte, und wußte auch warum.

Neuntes Kapitel

Kennt ihr das Geschlecht der Sonntagskinder?

Es hat allerlei Namen. Man könnte es auch das Geschlecht der Schauenden nennen, oder der Horchenden.

Es hat eine Gabe mitbekommen, die nicht alle haben, von dem Strom heimlichen Lebens zu wissen, der unter der Oberfläche aller Dinge hingeht. Die dazu gehören, die ahnen die wundersame Schönheit, die in die Welt gelegt ist, und lieben sie und horchen nach ihr hin. Und weil sie sich nach ihr sehnen, die Leben ist und Liebe, Licht, Freude und Werdekraft, so suchen sie sie überall.

Im Grauen des Morgens, in der Glut des Mittags, im Wehen des Windes, im Zirpen der Grille im Grase.

Im Lachen eines Kindes, in einem Männerzorn, in einer jungen, starken Menschenkraft, im Ringen der Leidenschaften, in tausend und tausend Regungen des Lebens vernehmen sie etwas von dem tiefen Grund, aus dem das Leben quillt.

Und wenn ein Klang aus jener verborgenen Welt ihr Ohr streift, dann halten sie den Atem an und horchen still hinein.

Manchem von ihnen ist es gegeben, in Tönen davon zu reden, manchem in Bildern, in der Glut der Farben oder in beredten Linien, manchem in Worten.

Aber nicht allen. Es sind viele, die tragen den empfangenen Glanz still in sich herum und die Welt weiß nichts davon. Oft sind sie arm und unscheinbar, und oft macht sie die innere Fülle ungelenk, steif und wortarm nach außen. Aber was schadet das? Wer ihnen zu rechter Stunde in die Augen sähe, der sähe in einen tiefen See, in dem ein Schatz verborgen liegt.

**
*

Der alte Korbmacher Hollermann war keiner von denen, die die Welt mit Harmonien füllen. Aber seine Seele war voll von einer Musik, die niemand gehört hatte, obgleich an warmen Abenden, wann die Fenster seines Häuschens offen standen, die Töne seiner Flöte, der ererbten Großvatersflöte, über die Äcker hin und über die Landstraße und zu den wenigen Häusern, die hier draußen an der Landstraße standen, hinflogen. Das, was aus der Flöte strömte, das war das, was an die Oberfläche drang. Aber wie wenig war das im Vergleich zum Ganzen. Wenn er so dasaß, mitten zwischen seinen Weidenkörben und Hühnerkäfigen, auf dem niedrigen Drehstuhl und in der grünen Schürze, mit hängenden Schultern und braunen, rissigen Händen, die die Flöte hielten, da sah ihm niemand an, daß er innerlich wunderbare Chöre hörte. Vielleicht waren sie wirklich, vielleicht tönten sie aus irgend einer Welt zu ihm herüber, wer vermag das zu sagen?

Was er hervorbrachte, waren selten so eigentliche Melodien. Es war ein Reden in Tönen, vielleicht auch nur ein Stammeln. Es fragte ihn niemand danach und er sagte es zu niemand. Das heißt, das war seitdem so gewesen. Aber das sollte nun nicht länger so fortgehen. Die Jugend kam zu ihm herein unter das tief herabhängende Dach.

Gertrud kam. Sie war einmal auf einem Spaziergang mit dem Großvater einen Augenblick eingetreten, hatte dem alten Hollermann bei der Arbeit zugesehen, hatte das Wetterhäuschen, aus dem der Kapuziner trat, wenn es schön Wetter wurde, bewundert, und die rankenden Kürbisse an der Hinterwand. Und da es ihr schien, als ob hier noch viel zu bewundern sei, so versprach sie das Wiederkommen. Das hielt sie auch. Als sie hier einigermaßen zu Hause war, brachte sie Georg mit. Der wurde es noch mehr als sie, und noch schneller. Das machte, daß er Meister Hollermanns Flötenspiel gehört hatte. Es war an einem Samstagabend gewesen. Die Kinder hatten über ihren Aufgaben gesessen, bis es dunkeln wollte. Dann hatte sie die Großmutter ins Freie gejagt: „jetzt geht! wollt ihr mir hier versitzen und mit sechzehn Jahren Brillen tragen?“

Nein, das wollten sie nicht. Da gingen sie los. Die beiden Alten wandelten zwischen den Rabatten des Gartens hin und her, und die Kinder machten einen Streifzug. Durch den Baumgarten, da hingen kleine grasgrüne Äpfel in den Zweigen, es gab noch nichts Reifes; über den Lattenzaun, durch den trockenen Burggraben, da kamen sie auf freies Feld.

„Jetzt besuchen wir den alten Hollermann,“ sagte Gertrud. Da liefen sie in langen Sätzen den schmalen Feldweg entlang. Das Korn war noch grün und wogte leise hin und her, eine Blindschleiche glitt über den Weg. In der zitternd warmen Sommerluft summten die Schnaken. Hinter dem Wald ging die Sonne hinunter.

Dann blieben sie stehen. „Horch,“ sagten sie beide. Da schwebte es in der Luft, wie ein süßer Gesang. Und doch wieder anders als ein Gesang. „Jetzt flötet er,“ sagte Gertrud. „Das tut er alles auswendig, so aus sich selber heraus.“ Und dann liefen sie wieder. Es war bezeichnend für Georg, daß er es hübscher fand, außen auf dem Bänkchen neben der Tür zuzuhören, weil er den Flötenbläser nicht kannte, und für Gertrud, daß sie ihn an der Hand hineinzog ohne viel Federlesens. „Da sind wir,“ sagte sie. „Wir wollen zuhören.“

Aber er war es nicht gewöhnt, Zuhörer zu haben. Er setzte die Flöte ab und sah vor Verlegenheit grimmig aus. So lang, bis er in das enttäuschte Gesicht des Buben sah. Es konnte niemand sonst so enttäuscht aussehen. Nun war er hier hereingekommen und gleich hörte das auf, was ihn so herangezogen hatte.

Der alte Hollermann war in Not. Das, was er soeben geblasen hatte, das konnte er jetzt nicht fortsetzen. Davon war ihm der Faden abgeschnitten, und das war auch etwas wie ein Selbstgespräch gewesen. Da besann er sich auf alte, längst gehörte Klänge. Denn er konnte es den Kindern nicht antun, daß er so verstummte, so gern er das getan hätte.

„So, nun merkt auf,“ sagte er. Und spielte ein klingendes, singendes Lied, und dann noch etwas, das tat, wie zwitschernde Vogelstimmen. „Das ist von Mozart,“ sagte er und nickte mit dem Kopf. „Kennt ihr den nicht? Das ist aus der Zauberflöte. Vor zwanzig Jahren hab ich das gehört. Als Mina noch lebte. Ja so, ihr kennt Mina nicht. Sie war in München und dort hörten wir das miteinander. Sie wollte meine Frau werden, aber dann starb sie.“

So, nun war es wohl aus?

Nein, sie kannten Mina nicht. Sie waren nun zwölf und dreizehn Jahre alt, hatten schon vieles gelernt und hatten den starken Trieb, noch viel mehr zu lernen, und hätten am liebsten eines immer dasselbe gelernt, was das andere lernte, obgleich das ja nicht so durchzuführen war.

Sie hatten auch schon von Mozart gehört, wenn auch nicht allzuviel. Aber noch fragten sie nicht viel danach, wer die und jene Musik geschaffen habe. Es mußte nur klingen und singen, das war die Hauptsache.

Es wurde auch rasch vollends dunkel, darum gingen sie nun wieder, hielten einander an der Hand und gingen auf der breiten Landstraße ins Städtchen hinein.