E-text prepared by Heiko Evermann, Wolfgang Menges,
and the Online Distributed Proofreading Team
(http://www.pgdp.net)


Ludwig Fugeler

Roman
von
Anna Schieber


Erste bis vierzehnte Auflage



Verlegt bei Eugen Salzer in Heilbronn
1918

Copyright by Eugen Salzer, Heilbronn
Den Einband zeichnete Karl Sigrist

Ich muß dir etwas erzählen, liebste Frau, was mir gestern begegnet ist, und was ich dir gerne mündlich sagte, wenn du nicht in weiter Ferne am Meeresstrande säßest, du Ausreißerin.

Deine braunen Fensterläden sind geschlossen; der alte Nußbaum klopft mit schwanken Zweigen daran und fragt, ob du bald kommest.

Und auch ich frage so. Du weißt, warum. Ich darf heute nichts davon sagen, ich habe es dir versprochen. Du sollst Ruhe haben zu allem. Ruhe? Wenn ich dir diese Blätter schicke?

Doch ich wollte dir ja etwas erzählen.

Ich ging mit meinem Freund Haller, den du den Tolpatsch nennst, gegen die Wilhelmsburg hinauf. Er hatte das kaffeebraune Sommerröckchen an, das du ihm längst wegsprechen wolltest, und ging, die eine Hand in der Tasche, mit der andern lebhaft seine Rede begleitend, neben mir her. Er ist ein Kind und ein Weiser zugleich. Du hättest ihn sehen und hören sollen. Er fand einen aus dem Nest gefallenen jungen Finken und trug ihn im Taschentuch mit sich, solang er mir seine Lieblingsidee, die er von Fichte aufgenommen hat, auseinandersetzte: es gibt nur eine Tugend, sich selber vergessen, und nur eine Sünde, sich selber zu wichtig nehmen. Dabei erdrückte er im Eifer des Gesprächs den Finken und sah, als er es merkte, bestürzt das Vogelleichlein an. Ich wollte es nicht, versicherte er, ich wollte es gewiß nicht tun. Plötzlich sah ich einen in der Sonne schimmernden Faden, der an seiner Schulter aufglänzte, und dessen anderes Ende in der himmlischen Bläue verfestigt zu sein schien. Er mochte sich drehen oder wenden wie er wollte, der Faden ging mit ihm, so zart er war, denn die unsichtbaren Spinnfrauen hatten ihn fest und zäh gesponnen. Und mich ergriff eine heitere Rührung, als ich das große Kind so lieblich an das All gekettet sah. Geh' du nur hin, dachte ich, und stolpere deinen Gang. Es fliegt doch ein zartes Seelchen hinter dir drein und leitet dich an einem Silberfaden.

Aber als ich nach Hause kam, fiel es mir ein: Kann nicht im Grunde auch ich von einem solch festen und zarten Gespinst sagen, das mich, mir selbst zum Trotz manchmal, auf Holper- und Stolperwegen begleitet hat, ohne zu zerreißen? Ich achtete nicht darauf, denn ich war in mir selbst befangen und haschte täppisch nach Scheindingen, die mir in der Hand zergingen, indes ich das Beste am Wege stehen ließ. Ich machte weite Umwege und verlor dabei Kostbares, das ich nicht mehr fand, und beinahe auch mich.

Und doch zerriß der Faden nicht, der mich mit dem lebendigen Leben verband. Als ich erwachte und mich einsam sah, wurde ich seiner gewahr. Da merkte ich, daß er von guten Händen fest gesponnen sein mußte, denen man nicht so leicht hinauskommt, um ins Abgründige und Wesenlose zu fallen. Mit dir werden sie leichtere Mühe haben, als mit mir.

Ich habe mich nun entschlossen, dir die Blätter zu schicken, die ich eigentlich für mich selbst beschrieben habe. Es war vor deiner Zeit. Ich wußte nicht, ob ich sie noch einmal in vertraute Hände legen würde, als ich an vielen einsamen Abenden mein Leben vor mir ausbreitete, das zu stocken schien. Bei manchem, das in der Erinnerung freudig und freundlich zu mir trat, verweilte ich gern und ausführlich, manches aber aufzuschreiben fiel mir schwer, wie es einem schwer wird, im Spiegel mit Aufmerksamkeit sein Gesicht zu betrachten, wenn man inne wird, daß es von vorzeitigen Runzeln durchfurcht oder von Flecken entstellt ist, und vor manchem auch graute mir, daß es einmal gewesen sei. Da hieß ich meine Feder eilen. Doch glaube ich, kann ich sagen, daß ich mich davor gehütet habe, etwas an mir zu beschönigen, oder mich besser zu machen, als ich war, wenngleich es mich manchesmal verlangte, daß ein lieber Mensch mir in die Blätter sähe und zu mir sagte: Du seiest, wie du wollest, so bin ich dennoch dein und liebe dich.

Ein solcher, der es sagen würde, war einmal.

Wird auch jetzt ein solcher zu mir kommen, wenn du sie gelesen hast?

Ich soll ja nicht fragen. Aber warten, das darf ich doch?

Es war einmal ein Tag, da machte ich die Augen auf in einem hohen, weiten Raum. Das ist das erste von allem, dessen ich mich entsinnen kann, es ist mir, als sei ich damals in die Welt herein geboren worden. Ich lag auf einer Bank, die eine hohe, geschnitzte Lehne hatte, und sah mit blinzelnden Augen um mich und über mich. Es ging hoch hinauf, fast schwindelnd hoch, und ich spürte auf einmal, daß ich ein klein – kleinwinziges Büblein und nicht daheim in meiner Stube sei. Da waren viele steinerne Säulen, die alle so unmenschlich hoch und groß waren und oben irgendwie zusammenstrebten. Und da waren Fenster, durch deren buntfarbiges Glas Ströme von farbigem Licht in die hohe, dämmerige Halle flossen. Das Licht floß an den Steinsäulen hin und auf dem Fußboden weiter und traf auch mich, und auf einmal fing es an, zu klingen, zuerst hoch und hell, und dann leise und zart, und dann so mächtig, immer stärker und mächtiger, daß ich nicht wußte, wo ich hinfliehen sollte, so mächtig dröhnte und tönte das Licht, das ich noch nie gesehen hatte. Es tat mir etwas wohl, aber noch viel weher tat es daneben, und ich tat, was alle Kinder in der Not ihres erschrockenen Herzleins tun mögen, ich rief der Mutter.

Sie hörte es nicht, weil das Getöse so stark war, da rief ich lauter und lauter und rutschte von der Bank herunter auf meine Füße und schrie: Mutter, Mutter!

Da hörte ich unter das starke Tönen hinein eine Weiberstimme, die gehörte einer breiten, dicken Gestalt, die einen Besen führte, und sie rief nach einer Ecke hin: „Fugelerin, Ihr Bub ist aufgewacht, er schreit.“

Gleich darauf tauchte meine Mutter zwischen den Steinsäulen auf und kam schnell auf mich zu. „Still, still, Ludwig,“ sagte sie und wischte mir mit einem trockenen Zipfel ihrer nassen Schürze die Tränen weg, die mir im ersten Schreck über die Backen gesprungen waren. Und dann nahm sie mich an der Hand und führte mich den langen Weg zwischen den Säulen hindurch bis an einen großen steinernen Tisch, auf dem eine grüne Decke lag mit silbernen Fransen, und hieß mich auf die Stufen niedersitzen, die zu dem Tisch hinaufführten.

Ein Teppich lag darauf, den streichelte ich mit der Hand. Er war so weich und dick, wie das graue Fell unserer Katze daheim, und ich bekam einen halben Wecken, den die Mutter aus der Tasche zog. Ich solle jetzt ruhig hinsitzen und auf das schöne Orgelspiel horchen, sagte die Mutter, und als ich fragte, was das sei, Orgelspiel, hob sie den Finger in die Höhe und sagte: „Horch, Büble, da droben kommt's herunter, dort wo es so silberig glitzert an der Wand. Dort sitzt ein Mann und spielt, und morgen ist Sonntag, da sitzt alles voller Leut' in der Kirche, und da muß er wieder spielen“; dann ging sie, und ich sah sie dort drüben mit Eimer und Schrubber hantieren, da konnte mich das Große, Fremde nicht mehr anfechten, weil ich ihre lebendige Nähe spürte.

Aber das konnte ich noch nicht verstehen, daß das Tönen dort oben herunter komme und das Scheinen zum Fenster herein. Es war beides da, der Raum war voll davon, und mein Kinderherz war voll davon, und als ich mit der Mutter heimkam, da rief ich den beiden Schwestern, die in dem schmalen Vorgärtlein neben der Haustür saßen und strickten, entgegen: „Ihr müßt einmal mitgehen, in dem großen Haus drin ist etwas ganz rot und blau und goldenes, das schreit so arg.“

Da lachten sie und staunten, daß ich solche Sprüche tue, und erzählten es am Abend unserem Mietsmann, dem Heinrich Kilian, der mit seinen sechzig Jahren noch Ausläufer in einer Buchhandlung war, und der immer alles wissen mußte, was ich den Tag über gesagt und getan hatte. Er hatte mich stark in sein altes Herz geschlossen, die Freundschaft war aber gegenseitig.

Ich meine, mich zu entsinnen, daß ich an jenem Abend, als die Schwestern um ihn herumstanden und ihm von meinem Ausflug in die Kirche, in der meine Mutter zum Reinigen angestellt war, und von meinem Ausspruch erzählten, – daß ich auf seinen Knien saß und die rote Nelke hinter seinem Ohr hervorholte und sie hinter mein eigenes steckte. Er aber ließ mich reiten, „nach Sachsen, wo die schönen Mädchen auf Bäumen wachsen,“ und sagte wohlgefällig: „Ja, ja, du kriegst sie, Herzkäfer, gescheiter,“ und lachte in seinen Stoppelbart hinein.

Wenn es nicht an diesem Abend war, so war es sicher an vielen andern so.

Denn alles, was schön, erfreulich und begehrenswert war in dem kleinen Bereich, in dem ich lebte, das war mein. Ich streckte die Hand darnach aus und es neigte sich zu mir. Das war eine lange Zeit hindurch so.

Die graue Katze gehörte mir, und die Mutter und die Schwestern und der alte Heinrich Kilian samt allem, was er in seiner Kammer hatte, und Häuslein und Garten und darüber hinaus. Das war die Zeit, da ich im Paradiese lebte, und aß von allen Bäumen im Garten und wußte noch nichts vom verbotenen Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Es war nichts verboten, und so konnte ich nicht sündigen.

Mein Vater starb, als ich noch kein Jahr alt war. Er hatte mich in seiner Krankheit bei sich im Bett, wenn er genug Atem hatte, um mich auf seiner Decke sitzen zu lassen, und ich zupfte mit meinen kleinen Händen an seinem dichten Bart herum. Damals soll ich, geht die Sage, ein sehr schönes Kind gewesen sein mit einem braunen Lockenbusch und dunkelblauen Augen, und er, der sich immer einen Sohn gewünscht hatte und ihn nun, da er in so erwünschter Weise vorhanden war, verlassen mußte, sagte mit seinem letzten Atemzug: „Lasset mir meinem Büble nichts geschehen.“

Das war nun ein heiliges Vermächtnis für die Mutter und die beiden Schwestern, die vier und sechs Jahre älter waren als ich, und denen die Lust an einem hübschen, lebendigen Spielzeug noch ein stärkerer Antrieb war, mich zu verwöhnen und zu hätscheln, als das letzte Wort des verstorbenen Mannes, der an ihnen nie die große Besitzerfreude gehabt hatte, wie an mir.

Wir wohnten damals in einem der kleinen Häuslein „am Graben“, die der Stadt gehörten und von dieser samt den winzigen Vorgärtchen um ein Billiges an Taglöhner, Waschfrauen, Flickschuster, Näherinnen und dergleichen kleine Leute vermietet wurden.

Es ist mir, als habe dort immer die Sonne geschienen, und tatsächlich blinkten auch die nach Südosten gelegenen kleinen Fenster der einstöckigen Häuslein, die kein Gegenüber hatten, in jedem Morgenstrahl, der vom Himmel kam; und in den schmalen Rabatten der Gärtchen hoben, vom ersten Schneeglöckchen bis zur letzten Aster des Herbstes, den ganzen Sommer die Blumen der armen Leute ihre Gesichter dem freundlichen Licht entgegen.

Salat und Suppenkräuter baute meine Mutter in ihrem Gärtchen; sie hatte keine Zeit und auch nicht so recht die Gemütsart, die man braucht, um Blumen zu ziehen; die Blumen pflegte dafür Heinrich Kilian; der hatte ein Stücklein des Gartens in Pacht, nicht viel größer, als meines Vaters schmales Bett auf dem Kirchhof drüben, und doch groß genug für eine Fülle der rötesten Nelken. Rote Nelken, das waren seine Lieblingsblumen, von denen hatte er immer, so lang sie blühten, eine zwischen den Zähnen oder hinter dem Ohr, mit ihnen trieb er einen Luxus und eine Verschwendung, wie sonst mit gar nichts.

„Kilian,“ sagte meine Mutter manchmal, wenn sie ihm seine gewaschene und geflickte Wäsche zurückgab, „Kilian, die Hemden halten nimmer. Ich setze einen Fleck an den andern, aber was genug ist, ist genug.“

„Ja, ja,“ sagte der Kilian, „sie tun's schon noch. Gut geflickt gibt auch warm. Ich kauf' dann schon einmal neue, jetzt grad langt das Geld nicht dazu.“

„Aber zu den teuren Nelkenstöcken, da langt's,“ eiferte die praktische Frau. Denn er hatte sich wieder einmal etwas ganz Wunderbares kommen lassen, etwas ganz Märchenhaftes, nie Dagewesenes von roten Nelken, das in der Zeitung ausgeschrieben gewesen war. Er fiel immer damit herein, es war nie so etwas ganz Besonderes, es wurden eben immer gewöhnliche rote Nelken, wie von jeher. Aber er hatte seine große Vorfreude daran, wenn sie Knospen trieben und die Knospen sich rundeten. „Diesmal gibt's ganz dicke, ganz große,“ sagte er dann geheimnisvoll.

Das sagte er auch jetzt, als ihn die Mutter wegen der Hemden plagte.

„Ja, ja, und dann sind's wieder dünne, und das Geld ist draußen, und der Winter kommt, und kein gutes Hemd ist im Kasten, und das Alter kommt auch.“

Aber er lächelte bloß und ließ mich auf den Knien reiten. Und ich schlug mich auf seine Seite und sagte: „Jawohl gibt es dicke, gelt, Heinrich, es ist in der Zeitung gestanden?“

Da seufzte die Mutter nur noch ein wenig und brummte: „Vier Kinder hab' ich, nicht bloß drei.“ Aber es hätte ihr eins gefehlt, wenn sie den Heinrich Kilian nicht mehr zu bemuttern gehabt hätte. Sie war eine gute, gute Frau. Sie gab alle ihre Kraft her für die, die sie liebte, sie wollte nichts für sich. Sie schaffte im Taglohn in guten Bürgerhäusern, sie wusch und putzte, sie hatte das Kirchenreinigen und das Schulhausfegen. Sie gehörte einem Heer von Frauen an, die da mit Kübeln und Besen hantierten. Sie brachte verschrumpelte Hände mit heim und in der Tasche das Geld, das unser tägliches Brot kostete. Und sie saß bis in den späten Abend hinein bei der Lampe, die einen grünen Blechschild hatte, und flickte alles, was wir den Tag über zerrissen, und einmal brachte sie einen Samtrest mit heim, der aus fünf bis sechs Stücken bestand, und machte mir ein Anzüglein daraus. Das alles tat sie mit wenig Worten und mit einem ruhigen, ebenen Gesicht. Ich glaube, wer nach ihren Augen gesehen hätte, der hätte viel gefunden. Aber ich weiß jetzt nur noch von einem einzigenmal, daß ich ganz weit hinein gesehen habe in diese Augen. Das war spät, das kommt jetzt noch nicht.

Als sie das Samtanzüglein genäht hatte, nahm sie mich den Sonntag drauf an der Hand und ging mit mir in ein schönes, vornehmes Haus, das war mitten drin in der Altstadt. Es hatte eine breite, schwere Tür, daran war ein großer eiserner Kopf von irgend einem Ungetüm, der hatte einen dicken Ring im Maul.

Daneben hing ein Glockenzug, der hatte einen Griff von einer Schlange, die eine lange Zunge herausstreckte. Und die Mutter hob mich auf und ließ mich daran ziehen. Da ging die Tür von innen auf und wir traten in eine Halle, darin war ein grünes Licht, das kam vom Garten herein, zu dem hin eine Pforte offen stand, und wir stiegen eine breite, dunkle Treppe hinauf, die ein geschnitztes Geländer hatte, und kamen in einen weiten Raum, an dem viele Türen lagen, und von dessen Wänden gemalte Männer und Frauen auf uns niedersahen. Ich hielt mich fest an der Hand der Mutter, denn unsere Schritte hallten in dem hohen Raum, der mit einem buntfarbigen Steinmuster gepflastert war, und es war kühl und groß und dämmerig da. Da ging eine Tür auf, es fiel helles Sonnenlicht auf die Steine des Pflasters, und in dem Sonnenlicht stand ein schöner alter Herr. Er hatte einen Sammetkittel an, darauf fiel ein langer, silberiger Bart hinunter, und seine vollen Locken schimmerten auch silberig, und er rief: „Aha, da haben wir ja das Zaunköniglein! Grüß Sie Gott, Frau Fugeler. So, so, das ist recht, wollen Sie nur gefälligst hereinspazieren!“ Er hatte ein so lachendes, helles, heiteres Gesicht, daß ich ihn immer ansehen mußte, auch als wir in dem Saal waren, in den er uns führte, er war das Hellste von allem. Zwar die Sonne fiel durch hohe Fenster herein, und auf dem Boden lag ein Teppich voll glühender Blumen, und an den Wänden hingen Bilder: Äpfel und Birnen und Trauben, die aussahen, als ob sie zum Essen wären, eine Wiese mit lauter durchsonnten, roten und blauen Blumen, ein Blütenbaum mit weißschimmernden Ästen. Aber der alte Herr war doch noch heller als das alles.

Ich starrte ihn unverwandt an. Da sagte er lachend: „Was ist, kleiner Zaunkönig, was guckst du so?“ Und ich wurde dunkelrot und sagte aus der Mutter Schürze heraus, in die ich meinen Kopf gesteckt hatte, vor plötzlicher Verlegenheit: „Das da ist so glänzig.“ Ich deutete auf seinen Kopf. Da brach er in ein helles Lachen aus und ließ mich kleinen Buben in seinen Armen durch die Luft fliegen, ganz hoch hinauf gegen die Decke hin, auf der in hoher Arbeit ein Walfisch war, der den Propheten Jonas ans Land warf.

Und meine Mutter saß da und hatte noch nichts gesagt.

„Ja also, Frau Fugeler,“ sagte der alte Herr, „ich brauche so ein paar kleine Buben für mein großes Altarbild. Der da gibt schon so einen Engelsbuben mit seinen Locken und seinem Gesichtlein. Ziehen Sie ihn nur einmal aus, ich möchte ihn einmal in seiner ganzen Herrlichkeit durch die Stube springen lassen.“

„Wieso denn ausziehen?“ fragte meine Mutter. „Ich hab' ihm extra ein besseres Gewändlein gemacht, daß er sich sehen lassen kann. Das Hemdlein, das ist nicht mehr neu, ich muß ihm die alten anziehen, von den Mädchen her.“

„Ja, daß wir einander recht verstehen, Frau Fugeler, der Bub soll ja gar nichts anhaben. Das muß sein wie im Paradies, wie in seligen Welten, wo niemand sich verhüllen und vor dem andern verstecken muß. Das muß sein, wie wir alle wären, wenn wir geblieben wären, wie in der Kindheit: schön, wahrhaftig, lachend, fromm und gesund.“

Die Mutter schüttelte den Kopf. „Ich bin ein einfaches Weib, Herr Professor, es mag schon recht sein, wie Sie's meinen, aber ich versteh' das nicht so. Mein Mann tät's nicht leiden, wenn er's wüßte, daß Sie den Buben so nackend vor aller Welt hinstellen wollen, und ich leid's auch nicht.“

Der alte Herr trommelte mit den Fingern auf die Fensterscheiben und sah eine Weile in den Garten hinaus. Dann rief er hinunter: „Maidi, komm einmal herauf.“ Und gleich darauf wurde ein leichter Tritt draußen hörbar, und ein kleines Mädchen kam herein. Es hatte ein weiß und rotes Gesichtlein und hatte ein blaues Kleid an, auf das zwei hellglänzende Zöpfe niederhingen, und alles an ihm wippte und lachte. „Maidi, nimm einmal das Büblein eine Weile mit dir in den Garten,“ sagte der alte Herr, „du kannst ihm Kirschen geben und mit ihm spielen.“

„Ja, Großpapa,“ sagte Maidi, „er kann mein Bräutigam sein, wir spielen Hochzeiterles.“

„Wer ist das: wir?“

„Ach,“ sagte Maidi, „die andern, die hab' ich mir bloß so dazu gedacht, die Brautfräulein und alle. Sie haben weiße Kleider mit Schleppen und tragen Kränze und Lichter.“

„So, so, ja, dann tut das nur,“ sagte der Großvater und schob uns zwei zur Türe hinaus.

„So,“ sagte Maidi, „jetzt mußt du der Bräutigam sein.“ Wir waren in eine grüne, blühende Welt eingetreten. Große, schattige Bäume wölbten sich über unsern Häuptern, üppiges Buschwerk neigte sich über die Steige hin und machte sie eng und schmal, Beete waren da voll dunkelblauer Iris und flammender Feuerlilien, ein Rondell aus lauter Rosen; es schlug eine große, schwere Welle von Duft und Farben und Schönheit über dem kleinen Buben zusammen, der willenlos und wie im Traum tat, was das Mädchen ihn hieß.

„Du mußt mich jetzt am Arm führen,“ sagte Maidi, „und mußt sehr aufpassen, daß du mir meinen Schleier nicht zerdrückst. Und da vornen, an der Laube, das Bänkchen, das muß die Kirche sein, da brennen Lichter, viele,“ sie sprang voraus und pflückte von dem Schutthaufen hinten in der Ecke einige von den Samenkugeln des Löwenzahns, die dort standen, und steckte sie in die Bretterspalten des Bänkchens. „So, jetzt – nein, jetzt mußt du der Pfarrer sein, ich kann schon eine Weile denken, daß der Bräutigam da steht.“

Aber ich konnte nicht so spielen, ich war ein wenig steif und dumm und stellte mich ungeschickt an, da schlug sie vor, daß wir nun essen müßten, und dazu war ich vielleicht eher zu gebrauchen. Wir traten in die Laube ein, da stand ein weißglänzendes, geflochtenes Körbchen voll großer brauner Kirschen, und wir fingen an, zu schmausen. Aber Maidi hängte mir zuerst noch Zwillingskirschen an die Ohren und steckte mir ein kleines Zweiglein mit Laub und Kirschen dran in die schöne, steife Schleife, die mir meine Mutter am Hals zugebunden hatte zum Schmuck des Samtanzügleins. Dann durfte ich essen. Mir war so seltsam wohl, wie noch nie. Und in diesem Wohlsein, in der grünen, farbigen Welt, die über uns beiden Kindern zusammenschlug, kam mich das Reden an. Ich erzählte Maidi, daß wir auch einen Garten haben, der gehöre mir, und er sei ganz voll roter Nelken, und daß ich eine Katze habe, wenn man die vom Schwanz an aufwärts streichle, so schlage sie Funken. Sie habe ganz grüne Augen, damit könne sie bei Nacht sehen, und im Dunkeln seien sie wie glühende Kohlen. Da staunte Maidi und wollte brennend gern das alles auch sehen. Und ich sagte, daß ich auch noch den Heinrich Kilian habe, der gehöre mir ganz allein, und er könne wunderschön auf der Mundharfe blasen, da kommen abends alle Leute vor ihre Türen und horchen, und der Heinrich Kilian habe in der Stadt drinnen ein großes Haus ganz voll mit Büchern.

So tat ich dem kleinen Mädchen, in dessen wundersamer Welt ich einen kurzen Augenblick zu Gaste war, meine eigene Welt auf, die ihr vom Hörensagen vorkam, wie ein Königreich und sie mit einem Verlangen füllte, das nicht gestillt werden konnte, weil es alles im Tageslicht draußen anders aussah, als hier in der grüngoldenen Dämmerung des Gartens und des Kinderherzens. Aber das wußte ich jetzt selber nicht.

„Mama, Mama!“ rief Maidi und flog auf eine Frau zu, die den gelben Sandweg des Gartens herunterkam. Sie trug ein langes, dünnes, weißes Kleid und hatte einen sonnigen Schein um den Kopf aus lauter krausen, blonden Haaren, und trug auf den Armen ein kleines Kindlein.

„Mama, es ist noch viel schöner bei ihm. Sie haben rings herum alles ganz voll roter Blumen, und eine Katze geht herum und gibt Funken und hat Augen wie glühende Kohlen, und ein Mann ist dabei, der macht immerfort Musik. Und alle Leute stehen außen am Garten herum und horchen.“

Die junge Frau lächelte gut und fein. Sie hatte den Auftrag, mich zu meiner Mutter zu holen, die außen auf der Straße auf mich wartete. Sie kannte unser armes Häuslein und Gärtchen und unsere kleine Welt wohl, aber sie wollte nicht an unser beider Seligsein rühren. Sie sagte nur: „Das wirst du alles einmal sehen, Maidi. Aber jetzt müssen wir bei dem kleinen Bruder bleiben, das weißt du ja. Und der Ludwig muß jetzt zu seiner Mutter gehen, komm, zeig' ihm den Weg durch das grüne Pförtchen. Er ist ihr Bub, und du bist mein Maidi.“ Da tat sich hinter mir die Pforte wieder zu. Auf der Schwelle sah ich noch einmal den Weg hinunter und sah die schöne Frau mit dem Kindlein im Grünen stehen, und sah Maidi wie einen Schmetterling auf sie zufliegen und hörte ihren lachenden Ruf: „Mama, ich habe gesagt, wir kommen dann einmal alle. Wenn der Bubi laufen kann, dann.“

Da stand ich auf der Straße und sah nur noch die grünen Baumkronen oben über die hohen Gartenmauern herausgrüßen, und sah meine Mutter, die ein Stück weiter unten vor der Haustür auf mich wartete. Sie nahm mich fest und ein wenig hart bei der Hand und machte fast zu große Schritte für mich kleinen Buben, als wir wieder unsrem Hause zugingen.

„Mutter, wer ist der schöne, alte Herr? Mutter, was hat er gesagt?“ fing ich an. Aber sie war nicht zum Reden aufgelegt. Der alte Herr war ärgerlich geworden, als sie ihm ihren steifen, ungelenkigen Widerstand entgegenhielt. Es waren Funken aus seinen gütevollen blauen Augen gefahren, und die junge Frau war aus dem Nebenzimmer herein gekommen und hatte vermitteln müssen. Er hatte geschimpft und gewettert, daß nirgends mehr Natur sei, Einfachheit, Selbstverständlichkeit. So gottverlassen seien die Menschen, daß sie sich der Glieder schämen, die ihre Kinder in ihrer unschuldigen Pracht mit sich herumtragen.

Dabei war die Mutter immer stummer geworden. Sie konnte nicht dafür, es war ihre Art so. Sie konnte nicht mehr umlenken, wenn sie sich irgendwo festgefahren hatte, auch wenn sie wollte nicht. Sie blieb dabei: „Nackend lass' ich den Buben auf kein Bild, und gar in einer Kirche. Ich versteh's nicht besser, so kommt mir's recht vor.“

Damit ging sie, es half alles nichts.

Sie tat mir das Samtkittelchen aus, als wir daheim waren und ließ mich in Hemdsärmeln auf die Gasse springen. Und ich hörte noch, wie sie zum Heinrich Kilian sagte: „Die Vornehmen sollen mir vom Leib bleiben. Alles drehen sie um und um in einem. Ich versteh's nicht; er ist sonst ein guter Herr, der Herr Professor, und nicht unrecht. Aber im Himmel die seligen Leut' haben doch auch Kleider an, steht in der Bibel. Brav soll er werden und recht, der Bub, sonst nichts. Ich kann nicht draus hinaus, wir haben's bei uns immer so gehabt.“

So ungefähr sagte die Mutter damals. Ich aber stand mitten auf der Gasse und sah das Gärtchen an, das winzige, schmale, und das niedrige Häuslein, dem das steile Dach so tief über den einzigen Wohnstock herunterhing, daß es aussah, wie ein Mensch, dem der Hut in die Stirne gerutscht ist. Und mich überkam ein kleines, dummes Leiden und ein Zorn, daß es alles nicht so schön sei, wie ich es vorhin der Maidi beschrieben hatte, und wie es auch in meinem kleinen Bubenherzen gewesen war. Da ging ich ins Haus zurück und setzte mich auf die Schwelle, die von der Wohnstube in den Alkoven führte, in dem ich mit der Mutter schlief, und fing an, laut hinauszubrüllen, denn ich wußte mir nicht anders zu helfen. Und sie kamen alle zusammen, die Schwestern, der Heinrich Kilian und die Mutter, und fragten, was mir sei. Aber die Mutter sagte: „Lasset ihn nur, er hat's wie ich, er ist aus dem Gleis gekommen.“ Da fing sie sachte an, mich auszuziehen und wickelte mich in den alten, grauen, wollenen Schal, der für alle Schäden gut war, und legte mich in ihr großes Bett, und ich spürte ihre guten, hartgeschafften Hände und roch den Duft von dem Strohblumenkranz, der um des Vaters Bild gelegt war, gerade über meinem Kopf. Da hüllte mich das Heimatliche wieder warm und gewohnt ein, und ich schlief in den andern Tag hinüber. Denn es war noch ein Leiden, das man verschlafen konnte.

*

Aber nach dem alten Herrn hatte ich hie und da ein Verlangen. Nicht nach Maidi und nicht nach ihrer feinen, weißen Mutter. Ja, ich hatte manchmal eine plötzliche Angst, sie könnten kommen und sehen wollen, was ich Maidi beschrieben hatte und was doch nicht so war, und ich müßte mich dann verkriechen in hilfloser Scham. Dann vergaß ich sie nach und nach, und eines Tages stand ich plötzlich vor dem alten Herrn. Es war in einer engen Gasse zwischen hohen Häusern, die sich oben fast zusammenneigten.

Da schritt er fest und rasch daher und war wieder das Hellste von allem.

Ich trug ein neues Ränzlein auf dem Rücken, darin klapperte und rasselte es von Tafel und Griffelrohr, die es bis jetzt noch allein bewohnten, und kam in einem blauen Anzüglein, das mir die Mutter aus einer Arbeitsbluse vom Vater gemacht hatte, gerade aus der Schule, in die ich erst seit Tagen ging. Woher er gekommen war, wußte ich nicht. Vermutlich aus einem der alten Häuser. Er trug den Hut in der Hand und sah beim Gehen links und rechts an den Häusern hinauf, es war aber nichts zu sehen, als alte Giebel und einige Blumenbretter und Taubenschläge und so altes Zeug; aber mich sah er nicht und wollte grad an mir vorbeischreiten. Da griff ich, weil das nicht sein durfte, schnell nach seinem Samtkittel und hielt ihn daran fest und erschrak erst, als ich es getan hatte, über meine eigene Keckheit, denn zuvor hatte ich nichts gedacht, nur gespürt, daß er mir nicht so entschwinden durfte.

„Oho, du Stumper,“ sagte der alte Herr, der solchergestalt mit seinen Gedanken auf die Straße heruntergezogen worden war, und sah mir in das Gesicht, das in großer Verlegenheit erglühte, „was gibt's?“ Und ich freches Mücklein hätte mich gern verkrochen, aber ich konnte nicht.

Da fiel ihm auf einmal ein, wo er mich schon gesehen hatte, und er sagte: „Ja, ja, ja, das ist ja der Maidi ihr Bräutigam, den man nicht abmalen durfte.“ Und wie es ihm so gerade durch den Kopf ging, sagte er: „Weißt du was? Willst du was sehen? Komm einmal mit mir. Sag einen schönen Gruß an deine Mutter und ich hätte dir etwas gezeigt.“

Damit nahm er mich an der Hand und machte lange Schritte, und ich kleiner Schulbub rasselte mit meinem Ränzlein neben ihm her und konnte es fast nicht erschreiten, bis wir an ein großes, kahles Haus kamen und etliche Treppen erstiegen. Da traten wir in einen hellen Raum ein und waren beide ganz still. Denn was da drinnen war, das redete mit uns. Da saß die blonde junge Frau, Maidis Mutter, auf einem kleinen Grashügelchen, ganz im Grünen, aber sie hatte andere Kleider an, als man bei uns hatte, etwas wie einen großen Mantel, der sie und das Kindlein, das sie auf dem Schoß hatte, ganz einhüllte. Und irgendwo kam Sonne her, die war im Haar und im Mantel und in den Gesichtern, da wurden sie ganz glänzend und ganz fremd und froh.

Aber von beiden Seiten her kamen kleine Buben mit lustigen kurzen Flügeln, die ihnen am Rücken herauswuchsen, die trugen Blumensträuße und Kirschen, und einer schleppte ein Vöglein herbei, das ihm davonfliegen wollte, und einer ein schneeweißes Häschen. Das brachten sie alles der schönen, schönen Frau und ihrem Kindlein. Sie hatten keine Kleider an, aber sie kamen mir auch nicht vor, wie rechte Buben, solche, mit denen ich auf der Gasse spielte, sie waren anders. Es war alles eine ganze Welt für sich auf einem großen Bilde, das lebte und blühte und rührte sich doch nicht.

Da streifte mich eine große, fremde Schönheit und strich mir über die Augen, daß sie wie in ein Wunder hineinsahen. Und ich stand ganz still und rührte mich nicht und atmete kaum. Das weiß ich alles noch, als ob es erst geschehen wäre. Auf einmal mußte ich aufsehen, es zwang mich etwas dazu. Da sah ich, wie der alte Herr seine Augen auf mir liegen hatte, voller Güte und wie in einer großen Bewegung, die mochte ihm mein stummes Andächtigsein geschaffen haben. Und er hob mich ganz sachte mit seinen Händen empor und küßte mich auf den Mund. Dann stellte er mich wieder auf den Boden und sagte: „So, jetzt gehst du heim zu deiner Mutter. Grüß' sie. Findest du den Weg? Behüt dich Gott.“

Ja, den Weg fand ich schon, meine Füße fanden ihn von selber, denn ich ging wie in Träumen.

Da sah die Schönheit in mein Kinderleben herein und sagte: „Ich bin. Suche mich, kenne mich, liebe mich. Ich bin Wahrheit und Güte, Farbe, Licht und Glanz. Ich bin in allem und auch in dir.“

Aber ich konnte es nicht recht erzählen, als ich nach Hause kam.

Doch war es der Mutter recht, daß der Herr Professor scheint's nicht mehr böse sei. „Denn sonst hätt' er dich nicht mitgenommen, denk ich,“ sagte sie.

Aber daß er mich geküßt hatte, das behielt ich für mich.

Bei uns daheim küßte man einander nicht. Auch mich nicht, so gut ich es sonst hatte.

*

Eines Tags wurde Lotte Wolf unsere Nachbarin; ich konnte froh sein, daß sie es wurde.

Sie war groß und dunkelhaarig; es dauerte nicht lange, bis sie auch zu meinen Besitztümern gehörte. Als sie am ersten Abend nach ihrem Einzug eine Weile unter der niedrigen Haustür stand und auf die grünen Bäume der Au hinübersah, da wunderte ich mich, daß sie da drinnen in dem Häuschen Platz haben sollte. Es schien mir niedriger zu sein als alle andern, weil sie so groß und hoch war. Sie trug eine blaue Bluse und eine weiße Schürze und hatte den Hals frei, daran hing ein dünnes Silberkettlein mit einem Herzchen. Es zog mich mächtig zu ihr hin, aber ich wußte nicht, was ich sagen sollte; ich beschrieb aber immer engere Kreise um sie her. Da sah sie mich und lachte mich an und sagte: „Komm her, Kleiner, wie heißt du?“ Ich sagte, daß ich Ludwig Fugeler heiße, und daß das Haus da drüben mir gehöre, und daß ich viele rote Nelken habe. Da sagte sie, ich solle ihr eine davon holen, die wolle sie an ihre Bluse stecken und dafür wolle sie mir etwas Schönes zeigen. Ich rannte hinüber und pflückte einen ganzen Strauß von den Blumen, die mir seither nur zum Ansehen gehört hatten, und brachte sie ihr, die mich zum Dank mit ihrer großen, festen Hand an meinem Lockenwald packte und ein wenig zauste. Da wurde ich heiß und rot vor Glück und Stolz, und sie nahm mich mit in ihr Häuslein hinein, daß, wie die andern alle, eine Stube mit einem Alkoven und zwei Kammern hatte.

Das Schöne, das sie mir zeigen wollte, stand auf der glänzend polierten Kommode und war ein ausgestopftes Eichhorn, das blanke Äuglein und spitze weiße Zähne hatte. Es saß auf einem bemoosten Baumast und hatte eine Nuß zwischen den Vorderpfötchen, und Lotte sagte, sie wolle mir einmal die ganze Geschichte des Eichhorns erzählen, das Mux geheißen habe und fast gescheiter als ein Mensch gewesen sei. Sie sei aber sehr traurig und ob ich gerne traurige Geschichten höre? Das wußte ich aber nicht, denn bis jetzt hatte mir niemand Geschichten erzählt, und ich entdeckte auch in diesem Augenblick noch etwas anderes, das mich stark interessierte. Das war eine alte Frau, die neben dem Ofen in einem mächtig hohen Lehnstuhl saß und immerfort mit dem Kopf zitterte. Sie hatte eine breite weiße Binde um die Stirn gelegt, und unter der Binde sahen ein paar dunkle Augen hervor und zu mir herüber, und ich bekam auf einmal Angst vor diesem Menschenwesen und wollte mich aus der Stube machen. Da nahm mich Lotte bei der Hand und führte mich zu ihrer Mutter hin. Denn das sei ihre Mutter, sagte sie, und sie müsse immer im Lehnstuhl sitzen, sie könne gar nicht von selber aufstehen. Ja, nun sah ich es, sie zitterte mit den Händen und den Füßen ganz ebenso, wie mit dem Kopf, sie zitterte am ganzen Körper, das sah unheimlich aus. Aber als sie anfing zu sprechen, da war es gleich anders. Da hatte sie einen so freundlichen Mund und so freundliche Augen, daß meine ganze Angst verging. Sie sagte, wenn wir nun Nachbarsleute seien, so müsse ich fleißig zu ihr kommen, und sie habe auch ein Buch mit Bildern, das wolle sie mir zeigen, und ob ich keine Geschwister habe? Da sagte ich zuerst nein, denn die Schwestern waren immer wie etwas anderes, wie Kindermädchen oder Pflegemütter, und sie hatten auch eine jede ein Haus, für das sie Ausgänge zu machen hatten und spielten fast nie auf der Straße oder ums Haus herum. Aber dann besann ich mich und sagte, daß ich doch Geschwister habe, zwei, es seien aber bloß große Schwestern. Und Frau Wolf sagte, das müsse ich nie vergessen, daß ich große Schwestern habe. Auch später nicht, wenn ich ein Mann sei, denn es gebe sonst fast niemand, die Mütter ausgenommen, der so getreulich für die Brüder sei, wie ältere Schwestern, die gehen durch dick und dünn mit ihnen.

„Mutter, das versteht er ja noch nicht,“ sagte Lotte, und die alte Frau wackelte mit dem Kopf und sah mich freundlich an, und schwieg. Und ich erfuhr es erst später, daß sie einen einzigen Bruder habe, der ein großer Herr geworden sei und nichts mehr von ihr wissen wolle. „Aber,“ sagte Lotte, als sie das meiner Mutter erzählte, „das mag er halten, wie er will. Ich kann meine Mutter gut erhalten, und das tue ich auch.“ Dabei streckte sie den einen bloßen Arm mit dem heißen Bügelstahl, den sie in der Hand hatte, wagrecht hinaus und ich dachte, sie sehe der Germania gleich, die oben auf dem Kriegerdenkmal auf dem Friedhof stand, nur daß die Germania einen Kranz ausstreckte und Lotte einen Bügelstahl. Aber für Lotte paßte ein Bügelstahl besser, denn eben damit erhielt sie ihre Mutter.

Sie stand den ganzen Tag am Bügelbrett, und um sie herum häufte sich die weißeste Wäsche; sie hatte immer eine schneeweiße Schürze an und eine Bluse mit kurzen Ärmeln und regierte das heiße Eisen, daß es blitzend hin und her fuhr und alles sich glättete, was sie unter die Hand bekam.

An schönen Sommertagen, wenn drinnen in der Küche der kleine Bügelofen glühte und seine Hitze mit der zitternd warmen Sommerluft vermischte, stand sie wohl draußen unter dem Vordach aus Sackleinwand, das sie sich selber aufgespannt hatte. Dann hingen an den Latten des Zaunes gebügelte weiße Unterröcke und rosenfarbige und blaue Kleider und führten, wenn ein Lüftchen zwischen ihnen hinstrich, für sich selbst ein Tänzchen auf, als wollten sie sich auf den Sonntag einüben, wo sie sich um junge, warme Glieder schmiegen würden, drunten in der Au und wo ihre Falten und Spitzen noch ganz anders hin und her geschwenkt werden würden als jetzt, nach den Klängen einer guten Blechmusik und in den Armen der stattlichen Grenadiere und Pioniere. Denn die schöne Lotte hatte zu ihrer Kundschaft nicht die großen, feinen Häuser in der Stadt, die, wenn sie tanzgelüstig wurden, sich selber aufspielen lassen konnten, sondern das hart verdienende, arbeitsame Völkchen der Fabrikmädchen, der Verkäuferinnen in den Warenhäusern und was so junges, lebenslustiges Geziefer mehr war. Es kamen auch ledige Herren zu ihr, die ihre Wäschepäckchen selber unter dem Arm trugen und am Samstagabend selber wieder abholten. Darunter waren solche, die ich leiden konnte, und solche, die mir unausstehlich waren. Einige stellten sich zu Lotte ans Bügelbrett und sahen zu, als ob sie demnächst ihre Hemden selber bügeln wollten und ihnen nur noch die letzte Feile zu der Kunst fehlte, und dann begannen sie allerlei Gespräche mit ihr. Aber manche machten dumme Späße und versuchten Lotte in die bloßen Arme zu kneifen, da fuhr ich wütend dazwischen, denn das durften sie nicht, da Lotte mir gehörte und ich sie, wenn ich groß war, heiraten wollte. Lotte aber zupfte mich leise am Haar, daß ich still sein sollte und sagte: „Laß nur, Ludwig, ich wehre mich schon selber,“ und holte sich einen frischen Bügelstahl, den schwenkte sie ein paarmal hin und her, da sah sie wieder aus, wie die Germania, und ihr Gesicht war ernst und schön, aber zu dem Kecken sagte sie gar nichts. Da sah der meist ein bißchen dumm aus und machte, daß er fort kam. Das war mir recht, denn es war mir am wohlsten, wenn wir drei allein waren. Bei mir zuhause war oft den ganzen Nachmittag niemand daheim, da wurde das Häuschen der beiden Frauen meine zweite Heimat, und ich dünkte mich König darin zu sein. Aber eines Abends kam ich so gegen Dunkelwerden hinüber. Man hatte mir heut bei Tag meine Locken abgeschnitten, weil ich nun doch zu groß dafür wurde, und weil mich die Buben soviel damit neckten, und ich fühlte mich erwachsener als je dadurch, aber es fror mich auch irgendwie, und ich wollte mich bei meinen Freunden wärmen. Da sah ich, als ich in die Stube trat, einen jungen Mann, den ich immer gern hatte leiden mögen, weil er so still und bescheiden kam und ging und nie viel sagte. Der hatte seinen Arm um die schöne Lotte geschlungen und sah sie leuchtend an, und sie wehrte sich gar nicht, sondern stand ganz still und sah ihn auch so an, und das Bügeleisen stand mitten auf einer Bluse, es roch auch schon verdächtig. Ich blieb an der Türe stehen und wußte gar nicht, was beginnen, es ging ein Schmerz und Zorn und ein Schrecken durch mich durch. Da sahen sie mich und lächelten und winkten mir mit den Augen, daß ich näher treten solle, und Lotte nahm das Bügeleisen und stellte es an seinen Platz. Aber ich rührte mich nicht von der Stelle und wäre nur gern wieder draußen gewesen, weil ich das nicht sehen konnte, daß sie der fremde Mensch umschlungen hielt.

Da sahen sie meine Not und Lotte machte sich los und kam zu mir her und sagte: „Siehst du, Ludwig, das ist mein Bräutigam. Jetzt gerade vorhin habe ich mich ihm versprochen. Gib ihm eine Hand, er heißt Friedrich Meister, ihr müsset nun auch Freunde sein.“ Aber ich gab ihm keine Hand. Wie konnte ich ihm die Hand geben, wenn er nur so da herein kam und alles störte, was bisher war und wenn er Lotte um den Hals faßte? Da sagte die alte Mutter aus ihrem Lehnstuhl heraus: „Gehet ihr beiden nur ein bißchen spazieren, das wird euch gut tun. Der Ludwig bleibt bei mir, gelt, Ludwig?“

Und ich setzte mich auf den niedrigen Schemel zu ihren Füßen und legte meinen geschorenen Kopf an ihre Knie und spürte, wie sie fortwährend zitterten. Das Brautpaar ging hinaus, und wir blieben allein, und die alte Frau sagte, als ob sie mich durch und durch sehen könnte: „Ja, lieber Bub, das kommt uns beiden sonderbar vor, daß uns der Friedrich unsere Lotte nimmt, gelt? Aber weißt du, er nimmt sie nicht fort, er läßt sie da und bleibt auch dabei, und so haben wir sie alle beide.“

Aber ich schüttelte meinen Kopf in ihre Zudecke hinein und sagte da heraus: „Er soll sie nicht in den Arm nehmen, sie gehört mir. Sie hat es gesagt, daß sie mir gehört.“ Und dann sah ich auf, ob sie keinen Rat wisse.

Da lagen ihre alten Augen gut und warm auf mir, und sie sagte: „O Büblein, wo will das hinaus mit deinem heißen Herzen? Sieh, wir können nicht alles für uns allein haben, was gut ist und schön und was wir lieb haben. Du verstehst es noch nicht, aber du mußt es noch lernen. Das kommt noch oft. Komm, komm,“ und sie streichelte mich mit ihren zittrigen Händen und sagte: „Es wird schöner, als du denkst. Was meinst du, mir hat die Lotte auch gehört, schon lang vor dir, schon als sie noch ganz klein war.“ Da mußte ich sie ansehen, wie sie so gut und so gelassen in ihrem Stuhl saß und ich dachte, ich müsse sie lieb haben, weil sie so arm sei und packte sie plötzlich mit beiden Händen an den Armen. Das tat weh, das durfte man nicht. Sie zuckte zusammen und preßte die Lippen aufeinander, und ich schämte mich, daß ich so ungestüm war. Aber sie lächelte mich an und sagte: „Ich versteh's schon, Ludwig, du meinst es gut. Sei nur ruhig, sei nur still. Komm, ich erzähl' dir was, weil wir grad so schön beisammen sind.“ Da erzählte sie mir die Geschichte von dem ausgestopften Eichhörnchen. Die hieß etwa so:

„Es ist einmal gewesen, schon lang, als die Lotte noch nicht viel größer war als du, da haben wir, mein Mann und das Kind und ich, droben an der steilen Steige gewohnt in dem Bahnwärterhaus, denn mein Mann ist ein Bahnwärter gewesen. Da haben wir eine gute Zeit gehabt, sag' ich dir. Da bin ich noch grad gewesen und aufrecht und stark. Ja ja, guck nur, ich bin erst seit der bösen Krankheit so, so elend. Der Mann, so gut und immer vergnügt, es sei ein Wetter gewesen, was es für eins wolle. Eine Stimme wie eine Amsel hat er gehabt und immer die Mundharfe in der Tasche. Wenn er die Strecke abgeschritten ist, hat er immer geharft dabei, und am Abend daheim gesungen auf dem Bänklein vor der Tür, und unsern Garten geschafft, es hat kein fürwitziges Gräslein drin sein dürfen. Solche rosa Pfingstnelken, dünkt mich, habe es sonst nirgends gegeben. Einen Nußbaum haben wir gehabt, der hat ein ganzes Dach über unser Häuslein gebreitet, und gleich dahinter hat der Wald angefangen.

Ja, lieber Bub.

Da sitzen wir einmal an einem Sonntagabend um den Tisch. Alle drei. Das Fenster steht offen und die Lotte sagt: ‚Vater, blas' eins. Blas': Brüder, Brüder, wir ziehen in den Krieg‘. Denn er ist ein alter Soldat gewesen und hätt' gern einen Buben gehabt, der auch einmal Soldat würde, und hat der Lotte immer vom Militär erzählt. Das ist ihr Leben gewesen. Da zieht er die Mundharfe heraus und bläst eins ums andere, und auf einmal legt Lotte ihre Hand auf meinen Arm und sagt leise: ‚Da sieh' hin‘. Da sitzt auf dem Fenstersims ein Eichhörnchen und guckt mit seinen schwarzen Äuglein zu uns her und horcht auf die Musik. Denn darauf sind sie aus, das lieben sie.

Wir sind ganz still gewesen, um es nicht zu verscheuchen, und es ist erst wieder fortgesprungen, als mein Mann das Blasen einstellte und die Mundharfe auf den Tisch legte. Von da an ist es oft gekommen, immer öfter. Es ist noch ein ganz junges gewesen, und es ist nach und nach ganz zahm geworden. Die Lotte hat ihm Haselnüsse auf den Sims gelegt und dann auf die Bank am Fenster und auf den Tisch, und es ist bald aus- und eingegangen, wie ein Eigenes. Dann, im Winter, ist es ganz dageblieben. Die Lotte hatte ihm ein Bettchen gemacht in einem Korb, darin ist es gelegen, wie ein Kind. Sie hat es immer selber hineingetan, es hat ihm sonst niemand etwas tun dürfen. Wenn sie ganz leise gepfiffen hat, so ist es heraus und auf ihre Achsel gesprungen und hat seinen schönen buschigen Schwanz um ihren Hals gelegt. Die Lotte ist damals hergewachsen, wie ein junger Baum und hat zwei lange dicke Zöpfe hinuntergehängt, aber mit dem Lernen, da ist's ihr nicht so leicht gegangen. Sie hat sonst so vielerlei im Kopf gehabt. Jetzt hat sie nur noch lernen können, wenn der Mux mit in das Buch hineingesehen hat. Und dann hat sie ihn allemal gefragt: ‚Verstehst du das, Mux?‘ und hat ihm ins Gesicht geblasen, da hat er sich geschüttelt und sie hat zu mir in die Küche hinausgerufen: ‚Mutter, der Mux ist ein Gescheiter, der versteht's auch nicht.‘

Das ist drei Jahre lang so gegangen. Im Sommer hat der Mux seine Freiheit gehabt. Bei Tag auf dem Nußbaum und im Wald und bei Nacht in seinem Korb. Im Winter, da hat er ganz bei uns gelebt. Da, in einem Frühjahr, die Lotte ist zwölf Jahre alt gewesen und ein großes Mädchen, geht eines Tages ein schweres Gewitter herunter. Es donnert und blitzt und der Regen fällt nur so kübelweis, und ich denke: Das ist schon gar nicht mehr geregnet, und richte trockne Sachen für meinen Mann, denn er ist ja richtig weit draußen auf der Strecke. Da sind auf einmal Tritte vor der Tür, und etwas schüttelt sich und pustet, und ein Herr kommt herein, den hatte ich noch nie gesehen. Es war der neue Forstassessor, und er wollte dableiben, bis der ärgste Guß vorbei sei. Es war ein schöner Mensch, groß und breit und mit einem Weltsschnurrbart, aber es hat mir gleich etwas nicht gefallen an ihm, so um die Augen herum. Die Lotte ist dagesessen und hat an ihrem Federhalter genagt, denn sie hat sollen einen Aufsatz machen, und der Mux sitzt an seinem gewöhnlichen Platz auf ihrer Achsel und klopft mit dem Schwanz, wie wenn er sich auch besinnen müßte. Da packt der Assessor die Lotte am Zopf und sagt: Ein schönes Kind! Das dürfen Sie auch hüten, wenn ein paar Jahre noch herum sind. Und ich sagte: Wir wollen es so erziehen, daß es sich selber hütet, das wird noch besser sein.

Die Lotte funkelt ihn so an mit den Augen und zieht den Zopf wieder aus seiner Hand, sagt aber nichts. Da bleibt ihm das Zopfband in der Hand und er fragt: Schenkst du mir das? Und ich sage statt ihrer: sie ist noch ein ganzes Kind, sie braucht ihre Zopfbänder selber, gelt, Lotte? Aber sie macht nur ein trutziges Gesicht, und als der Assessor ihr auf die Achsel klopfen will, rückt sie auf der Bank hinunter. Wie es aber geschah, weiß ich nicht mehr zu sagen: Der Mux fährt blitzschnell nach seiner Hand und schlägt ihm seine spitzen Zähne in den Zeigefinger. Er hatte vorher nie jemand gebissen, es war das erstemal.

‚Verfluchte Wildkatz,‘ sagt der Assessor und pfeift zwischen den Zähnen, und seine Augen sehen aus, wie nichts Gutes. Da geht auf den leisen Pfiff plötzlich die Tür auf, die nicht ganz fest zu war, und ein brauner Jagdhund kommt herein, der draußen unter dem Vordach gelegen war. Und da geht eine Jagd an, das ist nicht zu sagen. Der Hund fährt auf das Eichhorn los, und das rennt an der Wand hinauf in sinnloser Angst. Alles Locken von der Lotte und mir hilft nichts, und es hilft auch nichts, daß ich das Fenster aufmache, damit es sich flüchten soll. Vielleicht, wenn der Assessor seinem Hund gleich gepfiffen hätte, wäre es noch Zeit gewesen. Aber der besah seinen gebissenen Finger und war still, und als er endlich sagte: Feldmann, daher! da steht er auf dem Tisch und bellt wütend an dem Bücherbrett hinauf, auf das sich das Tierchen geflüchtet hatte. Ich weiß nicht, wie es zuging, aber als der Assessor endlich seinen Hund am Halsband hatte und ihn zur Stube hinausführte, da tat der Mux plötzlich einen klagenden Schrei und war tot. Mein Mann, der bald nachher heimkam, sagte: es sei an einem Herzschlag gestorben, den habe ihm die große Angst angetan.

Die Lotte aber war nicht zu trösten. Sie hat vorher noch nie ein Herzeleid erlebt gehabt, es war ihr erstes, und es war ein großes. Sie legte den Kopf auf den Tisch und weinte, als ob sie nie mehr aufhören wolle, und der Assessor stand daneben und sah erschrocken und bekümmert aus. Und ich sagte, daß er lieber jetzt gehen solle, denn das Kind sei so außer sich, ich könne es jetzt nicht vor einer Unart hüten. Da, wie er so dastand, tat es mir auf einmal leid, denn das Spöttische, Ungute war aus seinem Gesicht weg, und er sah aus, wie ein großer Bub, der etwas angestellt hat und gern wieder gut sein möchte. Und ich dachte, ob er wohl auch eine Mutter habe, denn das denken wir Frauen immer zuerst, und gab ihm die Hand und sagte: ‚Behüt Sie Gott, und wir wollen einander nichts nachtragen.‘“

Soweit hatte die liebe Frau erzählt, und ich fühlte einen Grimm in mir gegen den Hund und den Herrn, es war mir nicht recht, daß ihm die Mutter die Hand gegeben hatte, und ich hätte der Lotte etwas Gutes antun mögen, weil sie damals so ein Leid gehabt hatte. Da fiel es mir ein, daß ich ihr ja nun den Friedrich Meister gönnen könne, und ich beschloß, es zu tun, und als die beiden wieder herein kamen, da stand ich auf und gab ihm die Hand und sagte: „Dann will ich!“ Das sollte heißen, daß ich nun sein Freund sein wolle und ihm die Lotte lassen. Er verstand es auch, er lachte so herzlich erfreut über sein ganzes Gesicht und drückte meine kleine Bubenhand, daß sie krachte, und versprach auch sogleich, daß er mir einen Drachen machen wolle, so groß, daß die Spatzen davor erschrecken.

„Ja, und mit einem langen Schwanz,“ sagte ich.

Da versprach er das auch noch, und ich merkte, daß auch die neue Einrichtung ihr Gutes habe.

*

Einmal, als ich neun Jahre alt war, lag ich in meinem Gitterbett, das mir schon fast zu klein wurde, im Alkoven neben der Stube. Es hing ein alter, farbiger Zitzvorhang von der Decke herunter, der trennte die beiden Gemächer voneinander und ließ nur einen gedämpften Schein der Lampe zu mir herein. Draußen vor dem Haus jagte ein starker Wind vorüber. Er klapperte mit Fensterläden und riß die paar Bäume in den Nachbargärten hin und her; man konnte sie bis hier herein stöhnen hören, und es zog ein Gewitter herauf. Ich kugelte mich unter meiner Decke zusammen vor Wohlbehagen, daß ich hier so im Windstillen und Hellen lag und so beschützt und umgeben war. Draußen in der Stube saßen sie noch alle um den Tisch her: meine Mutter und meine beiden Schwestern und Heinrich Kilian. Ihre Stimmen gingen in ruhigem Gespräch einher, ich horchte nicht besonders darnach hin. Ich hatte ihnen vorhin, eh' ich ins Bett geschickt wurde, ein Gedicht hergesagt: „War einst ein Riese Goliath, ein gar gewaltig' Mann.“ Das ging mir nun noch im Kopf herum; ich wäre wohl auch daran eingeschlafen, wenn ich nicht auf einmal meinen Namen hätte nennen hören und dann eine Sache, die mich anging. Sie wähnten mich wohl schlafend, weil ich so ganz stille lag.

Als ich anfing aufzuhorchen, sagte meine Mutter: „Wenn es geschehen soll, dann ist es an der Zeit. Ich bin heut bei seinem Lehrer gewesen – ich habe bei seiner Frau gewaschen – und habe ihn gefragt. Da hat er gesagt: Ja, ja, der Bub ist hell im Kopf und ist auch fleißig und hat gute Gedanken. Ich glaube, man kann aus ihm machen, was man will. Aber es wird Ihnen sauer geschehen, Frau Fugeler. Das Schulgeld ist teuer, und es dauert eine lange Zeit, bis einer fertig ist, wenn er ein Studium ergreift. Da habe ich gesagt, daß es mir nicht ums Hochhinauswollen sei mit meinem Buben, sondern daß ich es dem Mann versprochen habe, daß ich alles an ihm tun will, was ich kann, und daß ich auch zwei Töchter habe, die mir helfen können.“

Ich sah ein wenig durch ein kleines Loch im Vorhang, als die Mutter so redete und sah, daß die Schwestern einverstanden mit dem Kopf nickten über ihre Arbeit hin, und daß Heinrich Kilian beide Arme vor sich auf den Tisch legte und den Kopf vorstreckte vor Eifer und hörte ihn sagen: „Und von mir, hat sie von mir auch etwas gesagt, die Mutter? Hat sie nicht gesagt, daß der Heinrich Kilian auch mittun will?“

„Nein,“ sagte die Mutter, „von Ihnen habe ich nichts gesagt, Kilian, das wär' noch schöner.“

Aber er tat es nicht anders, er wollte auch etwas an meinem Schulgeld bezahlen, wenn ich ins Gymnasium käme.

„Wen hab' ich denn sonst?“ sagte er. „Ich habe niemand, als euch. Ich habe dreihundert Mark in der Sparkasse, die vermache ich dem Buben sowieso. Ich bin in der Sterbekasse, zu meinem Begräbnis brauch' ich nichts zu sparen. Und wenn ich nicht mehr schaffen kann, krieg' ich meine Altersrente. Aber ich kann noch lang schaffen.“

Da legte ich mich wieder in meine Kissen zurück und schloß die Augen und sah in meine herrliche Zukunft hinein.

Also ich sollte auch zu denen gehören, die jetzt nächstens von der Bürgerschule ins Gymnasium hinübergingen. Ich war der Zweite in meiner Klasse. Der Erste war Fritz Meißner, der Sohn eines Kaufmanns am Marktplatz, ein großer und gescheiter Kerl, der immer Rohrstiefel mit Glanzlederstulpen anhatte und sehr breit in ihnen auftrat. Der Dritte war Samuel Kern, ein Pfarrerssohn, fein und blond und von einer guten Aussprache des Deutschen, weil seine Mutter eine Hannoveranerin war und es von ihm verlangte. Aber manchmal, wenn er in die Hitze geriet, was selten war, verfiel er in ein ebenso gutes Schwäbisch, wie wir andern es sprachen; erst vorgestern hatte er, als wir miteinander rangen und ich ihn unten liegen hatte, keuchend an mir emporgefaucht: Du Saukerl. Das war mir eine große Ehre und ein rechtes Freundschaftsstück gewesen. Diese beiden standen seit einiger Zeit mit ein paar andern, die weiter unten saßen, immer in den Freistunden auf einem Häuflein beisammen und beredeten, wie es würde, wenn sie drüben seien. Darüber gab es viel zu sagen, von neuen, farbigen Kappen und von vielen andern Dingen, aber ich glaube nicht, daß sie viel von den Wissenschaften sprachen, die waren ihnen noch nicht so wichtig. Ich aber stand beiseite und biß an meinen Nägeln herum, denn nun sah ich, daß ich nicht so kurzweg an allem teilhatte, was das Leben hergab. In der Volksschule war es einerlei gewesen, daß meine Mutter eine arme Wittfrau war, da kam es nur darauf an, daß ich in allem meinen Mann stellte. Aber das wurde jetzt anders, denn aus ihr hinaus führte nur ein Weg für die, die Geld hatten. Das war eine böse Sache. Aber nun war ihr auf einmal gesteuert. Denn die Mutter und die Schwestern und der Heinrich Kilian sorgten dafür, daß ich mit den Auserlesenen über die Straße gehen könne und grüne oder rote Kappen tragen und alles tun, was die andern auch taten und auch alles lernen. Aber an das Lernen dachte ich erst zuletzt, denn ich lernte gern und leicht, aber ohne Leidenschaft, das hatte mich bisher noch nicht besonders angefochten. Es erschien mir recht von den Meinigen, daß sie so taten, aber sie konnten es wohl tun, denn sie verdienten ja alle Geld. Meine Schwester Luise war jetzt fünfzehn Jahre alt und stand den ganzen Tag am Bügelbrett drüben bei Lotte, die jetzt Frau Meister hieß, und einen kleinen Buben in der Wiege hatte. Und Helene war fast dreizehn, aber sie war fast so groß wie Luise, und war Ausläuferin für ein Modegeschäft neben der Schule her und brachte auch schon Geld heim, und Heinrich Kilian hatte dreihundert Mark in der Sparkasse, das war viel, da konnte ich beruhigt sein. So schlief ich nun in guten Gedanken ein. Als ich schon lange geschlafen hatte, war es mir auf einmal, die Mutter stehe vor mir mit dem Lämpchen in der Hand und sehe über mich hin. Ich hörte sie sagen: „Mach mir etwas Rechts aus meinem Buben. Tüchtig soll er werden und brav. Paß' auf ihn auf, wenn ich nicht mehr da bin.“

Aber ich wußte nicht, zu wem sie es sagte, denn es war sonst niemand da. Ich konnte auch die Augen nicht recht aufmachen, sie waren mir voll Schlafs.

Als ich am andern Morgen meinen Kameraden verkündigte, daß ich auch ins Gymnasium komme, drehte sich auf einmal mein Vordermann um und sah mich mit merkwürdig erloschenen Augen an. Ich hatte ihn gern, denn er war ein fröhlicher Kamerad, der einen Spaß verstand, und dabei ein tüchtiger Schüler. Seine Mutter ging mit der meinigen zum Kirchenreinigen. Wir waren schon oft dabei gewesen, alle beide, und hatten uns auf den Emporen und hinter der Orgel umhergetrieben und untereinander ausgemacht, wem die angemalten Posaunenengel in der Spitalkirche ähnlich sähen. Da hatten wir immer viel Vergnügen dabei gehabt und auch ein paarmal die Bälge getreten, wenn jemand kam zum Orgelspielen. Jetzt sah er mich erschrocken an und sagte: „Du auch?“ sonst nichts. Aber in der Freiviertelstunde wartete er, bis ich die Treppe herunter kam und sagte, er müsse mich etwas fragen, und wir gingen miteinander hinter die Holzbeige im Hof. Ich stand dumm und bockig da, denn ich hatte etwas wie ein schlechtes Gewissen gegen ihn, aber ich wußte nicht recht, warum. Da schlug er mir auf einmal mit aller Macht eine hinter die Ohren und drehte sich dann an das Holz hin und fing an, in die Scheiter hineinzuschluchzen. Wenn er nicht geweint hätte, dann hätte ich ihm die Ohrfeige ohne Frage heimgegeben, aber so war ich ratlos und wußte mir nicht zu helfen. Ich hätte jetzt bei den andern stehen können zum erstenmal. Denn darauf hatte ich mich schon den ganzen Morgen gefreut. Und nun hatte ich eine Ohrfeige auf mir sitzen, die brannte und mußte dazu noch aus meinem Kameraden herausfragen, warum ich sie hatte, und es war mir fast, ich wisse es schon.

Da kam es denn nach und nach heraus, daß er sich schon eine ganze Weile gefreut habe, bis die andern fort seien, und daß wir dann zusammenhalten und alles herrlich regieren wollten. Er habe sich schon Sachen ausgedacht, feine, aber er sage mir's jetzt nicht, was für, er suche sich jetzt einen andern heraus, dem er sie sage. Ich solle nur machen daß ich fortkomme, ihm sei es ganz recht, er möchte nicht geschenkt da hinüber. Dabei trocknete er nach und nach seine Augen und sah mich zornig an, daß ich mir noch einmal vorkam, wie geschlagen. Denn ich hatte ihn recht eigentlich gern, das spürte ich nun deutlich, und ich stand in zwei Feuern, die brannten mich von links und rechts. Da sagte ich in meiner Not, ich könne doch nichts dafür, daß ich ins Gymnasium komme. Meine Mutter wolle es haben, mir wäre es sonst gleich. Aber das war gelogen, denn es war mir gar nicht gleich, und da in diesem Augenblick die andern nach mir riefen, lief ich schnell davon und stellte mich zu ihnen, und es war mir übel zumute. Aber es mußte ja nun dennoch alles seinen Gang gehen und ging ihn auch, und als der Herbst kam, da war ich ein höherer Schüler geworden.

*

Drüben bei Meisters war ich nach wie vor oft und viel, und dort lernte ich auch eigentlich meine Schwester Luise kennen. Ich trat sozusagen in ein neues Verhältnis zu ihr, denn daheim war ich um sie herumgestrichen wie um die alte Stockuhr in unserer Wohnstube oder um den Rosmarinstock, der auf dem breiten Fenstersims stand. Sie war eben da wie alles andere und gehörte zum Haus wie die graue Katze, nur daß die Katze immer im Fußende meines Bettes schlief und eine persönliche Freundschaft mit mir hatte. Bei Meisters aber sagten sie, daß Luise ein gescheites und geschicktes Mädchen sei, und daß sie hübsch werde, eh' man sich's versehe. Groß sei sie schon, einmal für ihr Alter, aber nun fange sie auch an, aufzublühen, und das stehe ihr gut. Das alles sagten sie nicht vor ihren Ohren, sondern vielleicht einmal, wenn sie in die Küche ging, um im Bügelofen nachzuschüren oder, wenn sie draußen im Vorgärtchen die gebügelte Wäsche in der Sonne ausbreitete. Denn sie war bei Lotte als Lehrmädchen eingetreten. Aber mir kam ein solches Wort hie und da zu Ohren, und dann dachte ich: Ja, gelt, die gefällt euch schon. Sie ist meine Schwester, aber ich lasse sie euch einstweilen. Ich habe noch eine, die heißt Helene, an der ist bis jetzt noch nicht so viel zu sehen.

Solche Sachen sagte ich in Gedanken zu ihnen, aber ich mußte aufpassen, daß es die alte Frau Wolf nicht merkte, denn sie sah mir immer alles an, was ich im Herzen hatte, und dann sagte sie: „O Ludwig, dich sieht man doch durch und durch. Du hast ein Gesicht wie ein Spiegel.“ Das war mir nicht recht, denn ich wollte nicht immer alles wissen lassen, was ich dachte.

Aber daß mir meine Schwester Luise gut gefiel, das durften sie wohl wissen, das mußte kein Geheimnis sein, bloß sollten sie nicht merken, daß es mir etwas Neues sei und daß ich es von ihnen gelernt habe. Und sie gehörte mir doch zuerst und vor allen.

Sie hatte ganz hellblonde Haare, und sie waren lang und dick. Sie trug sie glatt gekämmt mit einem Scheitel in der Mitte und zwei Zöpfe um den Kopf gelegt, daß es war wie ein Kranz. Ich hatte gar nicht gewußt, daß sie so gut lachen könne; wenn sie lachte, dann sah man, daß oben einer von ihren vorderen Zähnen schief stand, aber das sah so drollig aus. Es war wie ein Wegweiser, der in ihren Mund hinein führte: „Hier ist Luise Fugeler. Man muß keine Angst vor ihr haben.“

Das sagte ich auch niemand, daß ich das dachte. Denn es fielen mir hie und da sonderbare Sachen ein, und wenn ich sie heraussagte, dann lachten sie alle und erzählten es weiter. Und das war mir nicht recht. Aber meine Schwester Luise lachte nie über mich, weil sie merkte, daß ich dann rot und verlegen wurde; sonst lachte sie viel und gern. Es gab auch genug andere Sachen dazu, da hatte sie ganz recht. Gegen mich war sie immer gut und freundlich. So war sie früher nicht gewesen meiner Meinung nach. Es war aber nur so, daß sie nun überhaupt mehr ins Heitere, Jugendliche hineinkam, da zeigte sich alles, was gut und lieb an ihr war, mehr als vorher. Denn sie hatte nie recht ein Kind sein dürfen; es waren immer Sorgen vorhanden gewesen und Armut und Arbeit. Das erfuhr ich alles erst später recht, denn ich selber hatte es viel zu gut. Bei Meisters da konnte sie schon in ein freudiges Fahrwasser kommen, wenn sie gleich in ihrer jungen Jugend schon stramm an den Wagen gespannt war. Daß man arbeiten müsse, das war ihr nichts Neues, das verstand sich von selber. Was denn sonst? Aber sie waren alle miteinander so herzlich und fröhlich und gut, und es war nicht wie ein Dienst bei einer Herrschaft. Sondern man half einander mit der Arbeit und mit dem Lohn und mit dem Zusammengehören und keins war höher und vornehmer, als das andere. Friedrich Meister war Schreiber auf dem Rathaus. Er ging immer anständig angezogen zum Haus hinaus; da sah ihm Lotte unter der Türe nach und hatte den Buben auf dem Arm. Wenn er aber abends heimkam, oder auch mittags schon, dann fuhr er flugs in einen Hauskittel und wirtschaftete irgendwo herum mit Hammer und Nägeln und mit alten Brettern. Zum Beispiel machte er einen Taubenschlag auf das Dach und setzte Tauben hinein. Er mußte ihn aber bald wieder wegtun, weil die Tauben keinen rechten Respekt vor der weißen Wäsche im Garten hatten. Sie machten sie ohne alles Verständnis schmutzig, und da war nicht zu helfen, sie mußten wieder fort. Da tröstete er sich und verfertigte ein Stockbrett für das Küchenfenster, darauf setzte er ein Zigarrenkistchen mit Schnittlauch und eins mit Monatrettichen. Das heißt, er steckte die Rettichkerne hinein und wartete täglich darauf, daß sie treiben sollten. Sie trieben auch, aber bis zu richtigen Knollen brachten sie es nicht. Es blieben kraftlose Schwänzchen. Da mußte er sich viel gutmütigen Spott von seiner Frau gefallen lassen, und um sich in Respekt zu setzen, machte er nun ein Blumenbrettchen ans Wohnstubenfenster. Denn sie konnten in ihrem Vorgärtchen nichts ziehen, sie brauchten den Platz für die Wäsche.

Da konnte sie nun nichts mehr sagen, außer darüber, daß er sich mit der grünen Farbe ganz eingeseift hatte an Rock und Hosen. Sie schluckte es aber und nannte ihn zärtlich „Meister Hämmerlein“. Aber er wußte nicht sicher, ob es nicht doch ein bißchen spöttisch gemeint sei. Denn sie verbarg ihre Liebe zu ihm gern unter ihrer Neckerei, wenigstens vor den Leuten. Er war fast einen Kopf kleiner als sie. „Aber darum muß ich doch an ihm hinaufsehen,“ sagte sie, „er ist gerade um einen Kopf klüger als ich.“ Das mußte ich ohne weiteres zugeben. Denn sie machte Schreibfehler, das hatte ich schon gesehen, und sie wußte nicht einmal, wo der Neckar entspringt. „Ich habe es natürlich einmal gewußt,“ sagte sie, „aber ich habe es wieder vergessen.“ Es schien ihr nicht viel auszumachen. „Mein Bub kann es einmal lernen. Ich habe sonst so viel um die Ohren, ich kann mich nicht auch noch um die Geographie bekümmern.“

Aber einmal nahm Friedrich Meister sie mit auf einen Ausflug an den Bodensee. Er hatte dort droben einen Bruder verheiratet, der ein Landwirt war und ein kleines, eigenes Gütchen hatte.

Davon kam sie am Abend des dritten Tages ganz erregt zurück.

Mir brachte sie einen großen gebackenen Hasen mit aus Kuchenteig und sagte: das sei ein Seehas. Das sei eine ganz besondere Sorte, die gebe es bei uns nicht. Und der See sei so groß, nicht zu sagen, und so tief, sie habe sagen hören, man könne einen Kirchturm hineinstellen, ohne daß er oben heraussehe. Wenn man mitten auf dem See sei, so kommen am anderen Ufer die Schweizer Berge heraus, man möchte nur vollends hinüber, so verlange es einen darnach, wie sie so dastehen und leuchten. So schön gebe es bei uns nichts, das sei aus und vorbei. Ich mußte sie immer ansehen, wie sie im währenden Erzählen geschäftig hin und her ging, die Reisekleider ausstäubte und verschloß, ihr Bübchen besorgte und ihre langen, prachtvollen Zöpfe losband, daß sie ihr über den Rücken hinunterhingen, und wie ihr Gesicht dabei hell, klug und durchsonnt aussah, wie eine Landschaft, in die auf einmal neues Leben gekommen ist, etwa durch einen Maienregen oder durch einen unverhofften Sonnenblick. Ihr Mann saß neben mir auf der Bank am Fenster, folgte ihr mit den Augen und sah glücklich drein. „Guck,“ sagte Lotte plötzlich zu mir, „das kann ich jetzt behalten. Von dem, was ich gesehen habe, da vergesse ich nichts, das ist mir alles in den Kopf hineingebrannt oder ins Herz meinetwegen. Das kann ich meinem Buben noch erzählen, wenn er groß ist. Das andere, was nur so in den Büchern steht, das ist nichts für mich. Zum Beispiel Schwenningen oder Tuttlingen, das ist gar nichts. Da kann ich mir nichts Besonderes denken. Aber Friedrichshafen, das hat ein Schloß mit zwei Türmen, die sehen zwischen grünen Bäumen heraus und spiegeln sich im See, und auf der Bahnhofsterrasse haben wir einen Schoppen Seewein getrunken und verschiedene Schiffe ankommen sehen. Das ist etwas Lebendiges.“

„So werde ich dir eben nach und nach das ganze Vaterländchen zeigen müssen,“ sagte Friedrich Meister behaglich lächelnd. „Ich habe eine gescheite Frau, die will die Welt selber sehen, vom Hörensagen glaubt sie nichts.“

Damals stieg Lotte gewaltig im Respekt bei mir.

Dumm war sie freilich nicht, wenn sie alles selber sehen wollte. „So könnte jeder kommen,“ dachte ich. Aber es gefiel mir, daß sie so anspruchsvoll war und schien mir Beweis einer Besonderheit zu sein, die Lotte ja auch in anderen Dingen an sich hatte. Die Reisen durch das Vaterländchen hin und her wurden aber nicht getan. Sondern das Leben zeigte ihr seine Reichtümer und Weisheiten auf andere Weise, und es gab vieles dabei in den Kopf und ins Herz zu fassen, das man gleichfalls nicht aus Büchern und vom Hörensagen kennen lernt.

Als ihr Bübchen seine ersten Schritte machte, lag wieder eins in der Wiege, und als das heraus war, folgte ihm ein Schwesterlein. Und die Mutter wurde immer schöner, stattlicher, fleißiger und fröhlicher dabei.

Aber als sie das Kleeblatt beisammen hatte, da kam eines Tages Friedrich Meister mitten im Vormittag nach Hause und legte sich ins Bett mit einer schweren Fieberkrankheit, und als er es verließ, da war es nur, um es mit einem andern draußen auf dem Friedhof zu vertauschen. Da war sie eine Witwe geworden und stand in einem schwarzen Kleid am Bügelbrett. Denn das Bügeln durfte sie nicht versäumen, jetzt noch viel weniger als je. Wenn ihr hie und da Tränen auf das weiße Zeug tropften, so fuhr der heiße Stahl darüber und löschte sie aus, und das war noch gut. Denn die alte Mutter saß immer noch in ihrem Lehnstuhl am Ofen und zitterte heftiger als früher und hatte über dem Unglück, das in das Haus eintrat, alle ihre schöne Gelassenheit und Seelenruhe verloren. Nun seufzte sie ohne Ende, daß es eine verkehrte Einrichtung sei: sie, die alte, unnütze Frau, sei noch da als Last für die andern, und der junge Mann, der fast nicht zu entbehren sei, der sei nun weggenommen, es sei eine Jammererde, und es können einen nur die Kinder dauern, die dahinein geboren werden. Da hatte nun Lotte statt eines mütterlichen Trostes eine ewig fließende Jammerquelle um sich herum. Aber das war vielleicht noch besser für sie als alle Teilnahme und alles Mitleid hätte sein können. Denn nun mußte sie sich zusammenraffen, daß das Licht im Hause nicht auslösche. Sie mußte für Brot sorgen und für ein wenig Fröhlichkeit für die Kinder und mußte noch die alte Mutter aufzuhellen suchen, wenn diese gar zu tief ins Jammern geriet.

Weil sie aber eine so durchaus gesunde, wahre und unverstellte Natur war, so geriet ihr dieses alles auch selber zum Heil, und sie erlebte trotz ihrer aufrichtigen Liebe zu dem Toten eine neue Auffrischung und war als Witwe wie als glückliche Frau ein Menschenbild, das einem verbissenen Schwarzseher hätte zeigen können, es sei noch nicht alles verloren bei unserem Geschlecht. Denn die Kinder von solchen Müttern müssen ja doch etwas mitbekommen ins Leben hinein, das sie nicht so leicht unter die Räder des Wagens kommen läßt.

*

In den Jahren, in denen dies alles geschah, wuchs ich zu einem großen, kräftigen Buben heran. Es ging mir überall gut, ich kann nichts von einer schweren Kindheit erzählen. Ich nahm es mit Seelenruhe und ohne viel Gedanken hin, daß die Meinigen für mich sparten und schafften; es war mir nichts Besonderes, daß meine Mutter und Heinrich Kilian allmählich ein paar alte abgerackerte Leute wurden, die auch am Sonntag nichts anderes mehr wollten, als nach der Kirche, die sie nie versäumten, auf dem Bänklein vor der Haustür zu sitzen und sich von der Sonne anscheinen zu lassen. Die Mutter war ja viel jünger, als Heinrich Kilian, der schon unermeßlich alt war in meinen Augen. Aber dafür hatte sie mehr mit Sorgen und Lebensnöten gekämpft und schwerere Lasten getragen als er, der nur die Bücherpakete auf der Achsel, aber nichts Schweres auf dem Herzen hatte. Sie ging immer noch zum Waschen und Putzen fort, aber ich besuchte sie nicht mehr in der Kirche, um dort hinter der Orgel und auf den Emporen herumzustreichen und mit meinem alten Freund August Volland seltsame Geschichten über die Bilder der früheren Prälaten und Kirchenerbauer zu erfinden. Ich war ein Schüler, bei dem es ohne allzugroße Mühe voranging, und der auch in den Freistunden ein Wort reden durfte und seinen Mann stellte. Die grüne Mütze saß mir kecklich auf dem vollen Haarbusch, und ich fühlte mich darunter als einer, dem das Leben eine schöne Sache ist.

Viel darüber nachzudenken, war nicht meine Art damals; ich lebte meine Tage dahin, wie sie kamen, und fand es ganz in der Ordnung, daß ich immer saubere Kleider und gute Stiefel hatte und daß auf dem täglichen Brot auch die Butter nicht fehlte. Meine Schwester Helene war nun auch konfirmiert. Sie trat sogleich nach dem Verlassen der Volksschule bei einer Kleidermacherin in die Lehre. Diese gab ihr die Kost und ein weniges an Geld, und sie mußte dafür im ersten Jahre alle untergeordnete Arbeit tun, die Rocksäume mit Litzen einfassen und dergleichen, und außerdem die fertige Arbeit zu den Kunden tragen. Dabei begegnete sie mir manchmal mit einem großen, in ein grünes Tuch geschlagenen Bündel auf dem Arm, in ihrem kurzen und unscheinbaren Kleidchen, und ich schlüffelte mit meinen Kameraden an ihr vorbei, ohne sie mit mehr als einem halbverlegenen Zunicken zu begrüßen. Sie nahm mir das weiter nicht übel, „weil Buben halt so sind,“ und stellte ihre Jugend ebenso fraglos in den Dienst der strengen Pflicht, wie Luise es vor ihr getan hatte und immer noch tat.

Sie war zufrieden, etwa am Sonntag ein paar Stunden in einem billigen Fähnchen, mit einem hellen Band oder Spitzenkrägelchen geschmückt, mit der Schwester oder einer Freundin in die Au hinunter zu wandern, der Musik zuzuhören und die heiteren Bilder des Lebens an sich vorbeiziehen zu lassen und vielleicht dabei den einen oder anderen Gedanken daran auszuspinnen, daß auch ihr einmal irgendeine bescheidene Frucht und ein paar farbige Blumen in dem reichen Garten des Daseins zuwachsen würden. Sie entwickelte sich aber in den dürftigen Sonnenstrählchen, die ihre Jugend trafen, wie ihre Schwester zu einem schlanken, hübschen, blühenden Geschöpf, dem auch eine natürliche Fröhlichkeit nicht fehlte, und es tönten in diesen Jahren oft aus der Giebelkammer, in der die beiden Schwestern schliefen, am frühen Morgen oder am Abend, wenn sie ihre Ruhestätten aufsuchten oder verließen, die schwermütigen Lieder, die das Volk singt, wenn es fröhlich ist, oder es ging ein Geplauder und Lachen die steile Treppe hinunter, wenn ich an dunklen Wintermorgen noch im Bett lag. Dann drehte sich der Schlüssel in der Haustür, und die Schritte und das Lachen ertönten auf der Straße, der Stadt und der Arbeit zu.

Es war alles gut und schön. Aber eines Tages, als ich beim Dunkelwerden von einer Streife durch den Frühlingswald nach Hause kam, einen großen Busch hellblauer Scillablüten in den Händen, da fand ich die beiden Schwestern und die Mutter miteinander um meinen guten alten Freund Heinrich Kilian herumstehen, der auf dem harten Sofa mit dem blumigen Zitzüberzug lag mit geschlossenen Augen und schwer atmete.

Sie flüsterten miteinander, und als ich fragend von einem zum andern sah, da legten sie die Finger an die Lippen: „Still, Ludwig, stör' ihn nicht,“ und sagten, daß der Doktor bald kommen werde.

Ich legte meine Scillablüten auf den Tisch und fühlte eine dumpfe Beklommenheit in mir. Wie konnte das sein, daß auf einmal etwas anderes war, als sonst? Es war so fremd und merkwürdig, daß Heinrich Kilian da auf dem Sofa lag und die Augen geschlossen hielt. Er war sonst immer irgendwo herumgegangen oder auf der Bank am Fenster gesessen und hatte ein Späßchen für mich gehabt oder eine Geschichte, die ihm in der Stadt über den Weg gelaufen war.

Die andern machten so ernste und bestürzte Gesichter; es roch in der Stube nach Hoffmannstropfen und Kräuteressig, und Lotte Meister kam herüber und wurde ganz still, als sie in die Stube trat, Sie hatte ihr Mariele auf dem Arm und hielt ihm das Mäulchen zu, als es anfing, Heinrich zu rufen, und sie schüttelte den Kopf, als ob sie nichts Gutes von der Sache denke.

Der Doktor kam, und ich wurde hinausgeschickt und bekam das Nachbarskind mit. Da standen wir im Vorgärtchen, das der Heinrich erst gestern umgegraben hatte. Es roch nach frischer Erde, in der Rabatte guckten schon da und dort grüne Spitzen heraus, und in der Ecke am Zaun war ein runder Fleck ganz blau von Veilchen. Es strich ein frischer Wind an den Häusern hin, und alles war so lebendig da draußen, aber drinnen im Haus war es anders. Ich hatte vor zwei Jahren Friedrich Meister tot daliegen sehen, still und bleich und mit wächsernen Händen; alles war mir noch gegenwärtig: Glockengeläute, Gesang und Schluchzen bei seiner Beerdigung. Nun war es mir, als trete der Tod durch unsere eigene Tür, und das war schauerlich genug. Aber daß der Heinrich Kilian dann nicht mehr da sein könnte, das konnte ich mir noch nicht denken, denn er war immer dagewesen, schon lang vor mir.

Der Doktor kam wieder aus dem Haus und ging rasch weiter, und ich dachte hinter ihm drein, daß ich kein Doktor sein möchte, denn überall, wo er hinkomme, sei etwas Arges im Haus, und helfen könne er doch nicht. Das machte, daß bei uns armen Leuten da herum der Doktor meistens nur in ganz schweren Fällen geholt wurde, wo dann freilich gegen den Tod kein Kraut gewachsen war. Ich stand noch trübsinnig herum und sah ins Wetter, da kam meine Mutter zu mir heraus und sagte: „Du sollst zum Kilian kommen, er will dich.“

„Stirbt er?“ fragte ich, und sie nickte kummervoll mit dem Kopf: „Wird wohl so sein,“ sagte sie. Und dann erfuhr ich, daß er in der Stadt von einem Lastwagen überfahren worden sei, grad über den Leib seien ihm die Räder gegangen. Man sehe gar keine Verletzung, es sei alles innen, aber da sei es auch bös. Sie wußte nicht, wie es hatte zugehen können, aber das wußte sie, daß er noch heim verlangt hatte, nicht ins Spital. Das erzählte sie in den nächsten Tagen mit traurigem Stolz noch oft, wenn die Nachbarn kamen, denn das durfte man wohl wissen, daß der Kilian hier eine Heimat gehabt hatte.

Ich schlich auf den Zehen in die Kammer, in der mein Freund jetzt im Bett lag. Er sah zum Erschrecken elend aus. Der schwarze Bart, der ihm sonst ganz fröhlich um sein heiteres Gesicht herumstand, sah düster und wild aus, weil das Gesicht selber so fahl und eingesunken dazwischen lag. Er ließ seine Augen mühsam nach mir hingehen, als ich zu ihm trat und regte die Lippen, um etwas zu sagen, aber es kam nichts Deutliches heraus, und das leise Flüstern, das er hervorbrachte, verlor sich in seinem Bart. Noch ein- oder zweimal probierte er es, dann ließ er's sein und schickte noch einen Blick zu mir herüber, der deutlich sagte: „Da ist nun eben nichts mehr zu machen; ich habe dir noch etwas mitteilen wollen, aber das muß ich nun für mich behalten.“

Mich packte ein ängstliches Grauen, das war noch größer als das Leid, das ich empfand über sein Hingehen, und kam davon, daß ein Mensch daliegen mußte mit einem Gedanken in sich, den er gern aussprechen wollte, und für den es keine Brücke mehr gab heraus zu den andern. Ich wollte der Mutter rufen, aber ich brachte keinen Ton heraus, es war mir, als ob ich nun auch stumm sein müsse, weil es das gab. Da sah ich auf einmal, wie sich die Hände meines Freundes, die fest verschlungen ineinander auf der Bettdecke lagen, auseinander taten. Das geschah nicht wie von einem Willen diktiert, sondern es sah aus, als ob sich mit den Händen auf einmal alles Leben löse und nun still und müde daliege, weil es nicht mehr weiter könne, und als ob von jetzt an ein anderer zu dirigieren habe in allem, was den alten Heinrich Kilian betreffe. Währenddiesem kam meine Mutter herein mit einem geöffneten Champagnerfläschchen, mit dessen Inhalt sie den Sterbenden erquicken wollte. Als sie aber einen Blick auf sein Gesicht geworfen hatte, stellte sie es still zur Seite, denn sie sah, daß hier nichts mehr zu stärken sei.

Das Glas floß über von dem schäumenden Wein, und die Mutter, die das doch nicht mitansehen konnte, tauchte ihre Hand in die kleine Lache, die sich auf dem Tisch bildete, und bestrich Stirn und Hände ihres alten Pfleglings mit dem Naß, vor dem sie um seiner Kostbarkeit und Seltenheit willen eine große Ehrfurcht hatte, und unter ihren netzenden Händen verging er vollends und atmete tief und leise aus.

Ich aber durfte mich nicht dem reinen Gefühl des schmerzlichen Abschieds hingeben, wie die Mutter und die beiden Schwestern, die in ein herzliches Weinen aus der Tiefe ihrer guten Gemüter ausbrachen. Ich mußte mich damit quälen, was es wohl gewesen sei, das er zu mir hatte sagen wollen, und ich wußte nicht, sollte ich froh oder traurig sein, daß er es nicht mehr hatte aussprechen können, denn ich hatte ein schlechtes Gewissen von seinetwegen, das wachte nun mächtig auf.

Der Tag, an den ich denken mußte, lag um vier Wochen zurück. Ich hatte dem Kilian am Abend vorher abgebettelt, daß ich seine große silberne Uhr in der Schule tragen dürfe, weil alle andern Buben auch Uhren hatten. „Am Sonntag allemal, da kriegst du sie wieder, da gehört sie dir,“ hatte ich gesagt; denn am Sonntag trug er sie selber an einer dicken Nickelkette. Er war nicht recht damit einig gewesen. „Du wirst mir doch nicht großartig werden, Ludwig,“ hatte er gesagt, „silberne Uhren am Werktag, behüte Gott, das ist für Herrenleut', aber nicht für unkonfirmierte Buben von unserlei Leuten.“

Aber ich hatte es dann doch durchgesetzt, er konnte mir nichts abschlagen.

Und nun trug ich die Uhr recht sichtbar an der Kette und hatte den Kittel offen, daß man sie deutlich sehen mußte und ging mit meinen Kameraden nach der Schule in einen Laden, wo man Bleistifte und dergleichen kaufen konnte. Zwei oder drei waren drin, ein paar andere, zu denen ich auch gehörte, standen unter der Ladentür und warteten auf ihr Herauskommen. Es war einer dabei, den ich schon lang gern zum Freund gehabt hätte, ein kleiner, gewandter Kerl, blond und witzig und aus einem Künstlerhause stammend, der tat allerlei Sprüche über die Vorübergehenden und brachte uns so zum Lachen, daß unsere Kameraden im Laden drin neugierig die Hälse streckten, um zu sehen, was da Lustiges vor sich gehe.

Währenddem kam auf der andern Seite der Straße mein Heinrich Kilian daher, schwer mit Bücherpaketen beladen, deren eines ihm unbequem auf der Achsel saß, so daß er den Kopf stark auf die Seite legen und immer wieder drehen mußte, um eine erträgliche Stellung zu gewinnen. Das fiel dem Spaßmacher sogleich auf, er fing in seiner sprühenden Laune an, den Gang und die Haltung des alten Mannes nachzumachen, und der Zufall kam ihm noch mit weiterem Material zu dieser Vorstellung entgegen, indem dem Schwerbeladenen ein anderes Paket, das er unter dem Arm getragen hatte, entglitt, und er sich unter starken Verrenkungen bücken mußte, dasselbe aufzuheben. Bei dieser mühsamen Bewegung nun geschah es, daß die alte, geflickte Hose, die ihm meine Mutter längst hatte wegsprechen wollen, hinten nachgab und einen großen, klaffenden Riß bekam. Er befühlte den Schaden verdutzt und kopfschüttelnd und ging dann, überschüttet von dem Bubengelächter, das von der anderen Straßenseite herüberscholl, weiter bis zu einem schmalen Nebengäßchen, in dem er verschwand, wahrscheinlich um sich dort in irgendeinem Hause notdürftig ausbessern zu lassen. Das war nun ein großes Gaudium für den Witzbold und die ins Lachen geratene Bubenschaft. Mir aber war übel zumute. Da stand ich, hatte Kilians Kette über meine Schülerbrust gespannt und trug seine Uhr in der Tasche und lachte mit den andern über ihn, denn ich konnte es nicht lassen, ich mußte lachen, so schändlich ich mich auch empfand, und tat, als ob er mich nichts anginge. Als er verschwunden war, machte ich mich unter irgendeinem Vorwand von den andern los und schlich mich nach Hause, wo ich kaum den Kopf aus den Büchern erhob, als Heinrich Kilian am Feierabend kam und gut und freundlich wie immer war. Er hatte mich nicht gesehen, das merkte ich gleich, und ich schüttelte, so gut es ging, mein übles Empfinden ab durch allerlei Entschuldigungen, die ich in mir selbst vorbrachte.

Aber nun lag er da und hatte die Augen für immer geschlossen, und vorher hatte er sich noch gemüht, mir etwas zu sagen; wer konnte wissen, ob es nicht doch das gewesen war?

Und es gab keine Gelegenheit mehr, miteinander ins Glatte zu kommen, keine; ich mußte nun mein Leben lang so an ihn denken, und wer weiß, wie er an mich dachte? Denn es war doch eine recht unsichere Sache mit dem Totsein, es gab da so allerlei Möglichkeiten, und vielleicht war er nun auf einmal irgendwo fein heraus, sah alles und verachtete mich. Das war eine schwere Sache.

Zwei Tage lang ging ich mit bösem Gewissen herum, stumm und bedrückt. Ich muß bleich ausgesehen haben, denn meine Mutter fragte mich, ob ich krank sei, und ich hörte sie zu Lotte Meister sagen: „Es geht ihm näher als er zeigen mag; er hat auch viel verloren, es ist kein Wunder.“ Und dann fügte sie mit einiger Befriedigung bei, daß ich doch ein gutes Gemüt zu haben scheine, und daß sie froh sei, es zu sehen, denn sie sei manchmal in Sorgen meinetwegen, ob auch alles gut ablaufe mit mir und ich nicht an meiner Seele Schaden leide durch die Standeserhöhung, in die sie mich selber hineingestellt habe durch die höhere Schule.

„Ich weiß nicht, wie lang ich noch da bin,“ sagte sie, „und weiß oft nicht, ob ich nicht etwas Dummes angerührt habe mit dem Buben; ich habe gemeint, es müsse so sein, weil ich's dem Mann versprochen habe, daß ich alles tun will für ihn. Jetzt geb's der liebe Gott, daß er recht wird, denn ich muß ihn grad laufen lassen, er ist einen halben Kopf größer als ich, und ich bin ein einfältiges Weib.“

Was Lotte darauf sagte, hörte ich nicht mehr, denn beide Frauen gingen miteinander zur Türe hinaus, und ich saß in dem Alkoven hinter dem alten Vorhang auf einem Stuhl und wußte nicht recht, was mit mir anfangen.

Die Mutter kam wieder herein und setzte sich auf die Bank, die am Fenster hinlief; sie hatte die Hände im Schoß gefaltet und sah still vor sich hin mit einem Ausdruck von Müdigkeit und Ergebung, wie ihn Menschen bekommen, die sich ein ganzes, langes Leben hindurch immer in das, was ihnen auflag, schicken mußten und denen dieses Sichschicken die einzige Waffe war im Lebenskrieg. Mich aber überkam es, ihr zu sagen, daß ich recht werden wolle und gut und daß sie meinetwegen ohne Sorge sein solle. Ja, es trieb mich ein starkes Verlangen dazu, auf ihren Schoß zu sitzen, wie als kleines Kind und ihre Hände um mich herum zu spüren, warm und gut. Dann hätte ich vielleicht auch von mir getan, was mich Heinrich Kilians wegen beklemmte, denn ich fand nicht recht den Weg daraus heraus.

Aber ich war nicht gewöhnt, zärtlich zu sein und fand auch das Wort nicht, das ich gern gesagt hätte. Ich schob mich langsam aus dem Alkoven heraus in die Stube, und als mich die Mutter sah, sagte sie: „Bist du da drin gewesen und hast alles gehört?“

Das bejahte ich mit einem Kopfnicken, und als ich in ihr Gesicht sah, da war es so voll von einer großen Liebe und Sorge und so himmelgut, wie ich glaubte, es noch nie gesehen zu haben, und ich legte meinen Kopf auf den Tisch und ließ meine Tränen, die ich bisher immer noch verschlossen gehabt hatte, laufen, wie sie wollten. Aber es wurde mir so wohl dabei, wie schon lange nicht mehr. Es war, als ob ein Bach aus meinem Innern breche und alles mit sich fortnehme, was übel und schwer darin gelegen war, und als ob meine Mutter alles wisse, was mich angehe, ohne daß ich ein Wort sage, bloß weil sie meine Mutter sei. Und das wird ja wohl auch so gewesen sein.

*

Ich wollte, ich hätte sie länger gehabt, es hätte meiner Jugend gut getan.

Ich weiß nicht. Vielleicht hätte ich alle meine Torheiten dennoch begangen, auch wenn sie dagewesen wäre, denn sie hätte mich nicht davor behüten können, wenn ich in der Welt draußen war. Und vielleicht hätte ich ihr weh getan, wie den andern. Ich möchte so gerne denken, daß ich den Weg zu ihr gefunden hätte, wenn ich mir verweht und verlaufen vorgekommen wäre, und daß ich ihr zuliebe manches besser gemacht hätte, als ich es tat. Es ist umsonst, daß ich mich darüber besinne.

Es muß ja alles so recht sein, wie es ist.

Als ich konfirmiert war und am Sonntag in einem neuen dunklen Anzug und mit einer gestärkten Hemdbrust auftrat, machte ich zum ersten- und einzigenmal in meinem Leben einen Ausflug mit ihr. Er geschah zu einem entfernten Vetter auf der Alb, der mein Pate war, und der uns eingeladen hatte. Wir zogen am frühen Maimorgen aus und sahen die Stadt und die Türme und den Fluß im Nebel liegen und schritten selber durch den Nebel, der bald rosig durchleuchtet wurde von der durchbrechenden Sonne. Da wurde uns ganz reiselustig zumute, und meine Mutter machte Schritte neben mir her wie ein junges Mädchen vor lauter Freude am Dasein und an der Reise mit mir.

Dann saßen wir in der Bahn und fuhren nach Blaubeuren, und sie hatte tausend Dinge zu bestaunen und wurde ganz redselig mit den Fahrtgenossen, deren Reiseziel und Heimat sie unverzagt erfragte, und mit denen sie sich ohne weiteres einig fühlte, als mit solchen, die einen seltenen, schönen Sonntag in der Freiheit genießen.

Es war auch ein altes Bauernweiblein im Wagen, das saß mit einer scheuen Glückseligkeit im Schatten eines mächtigen, breitschultrigen Mannes von exotischem Äußern, der an allen erdenklichen Stellen von goldenen Knöpfen, Ketten und Ringen erglänzte. Er hatte ein gutes Gesicht und fing bereits an, sein anglo-amerikanisches Deutsch, das er „drüben“ angenommen hatte, wieder mit schwäbischen Brocken zu vermischen. Sie war seine Mutter und war ihm auf seinen Wunsch entgegengefahren, weil er jetzt auf Besuch heimkam, und sie fühlte sich wie auf einer Himmelfahrt, da sie nun mit dem stattlichen Sohn ihrem Dorf entgegenfuhr. Mit ihr kam meine Mutter bald ins Gespräch und sagte mit hoffnungsvollem Stolz, daß sie ihren Ludwig auch etwas Rechtes werden lasse, er müsse nur sagen, was er im Sinn habe, und daß es freilich, wenn es auf sie ankomme, nicht grad Amerika sein müsse, indessen, wie es Gottes Will' sei, wenn er nur brav werde und recht. Da sah mich das alte Weiblein, das sein Schaf im Trocknen hatte, kopfnickend an und dachte wohl, freilich, so einer, wie ihr Johann, wachse nicht an jedem Hag, aber recht werden könne ich immerhin, schon der Mutter zulieb, und der mächtige Amerikaner sagte: „Well“ und strich sich den Bart, daß die Ringe an seinen Fingern erglänzten. Ich war froh, als wir ausstiegen und wieder für uns waren.

Die Mutter freilich konnte noch nicht so schnell von den beiden abkommen. Sie waren am Bahnhof von einem stattlichen Fuhrwerk mit zwei schweren Gäulen abgeholt worden und verschwanden vor uns in einer weißen Staubwolke, als wir sachte, Schritt vor Schritt die Steige hinanstiegen, die hinter dem Blautopf auf die Höhe der Alb hinaufführt.

„Das Gefährt ist nicht ihr eigen,“ sagte meine Mutter. „Es gehört ihrem Nachbar. Der hat es entgegengeschickt, weil er einen Respekt hat vor dem Amerikaner. Sie hat es auch mühsam gehabt vorher, aber seit fünf Jahren hat ihr der Sohn immer Geld geschickt, da hat sie sich eine Güte antun können.“

Sie schwieg und sah an mir hinauf und hinunter und hätte gern noch mehr gesagt. Aber sie wollte vielleicht meine Jugend nicht beladen, oder sie traute sich selber nicht, so weit hinauszufahren mit ihren Gedanken, so ging sie neben mir her, ohne es auszusprechen, wie sie es von mir auch erhoffe, daß ich einst ihr Alter schmücke und erleichtere.

Mich trieb es an, ihr große Dinge zu versprechen, denn ich konnte es nicht leiden, daß mich der Amerikaner etwa ausstechen sollte. Aber ich wußte noch nicht, wo bei mir der Glücksbaum wachsen würde, von dessen Zweigen ich meiner Mutter die Taler herunterschütteln konnte, und um das Gespräch auf etwas zu bringen, bei dem ich auch etwas galt, fing ich an, meiner Mutter die Geschichte von der schönen Lau zu erzählen, die ich kürzlich gelesen hatte.

Sie horchte hoch auf und nahm es alles wahr und wichtig, so daß mir die Sache selber im Erzählen noch viel lebendiger wurde als zuvor.

Tief unter uns lag das Städtlein mit Kloster und Kirche friedlich hingelegt bei dem tiefen, dunklen Wasserbecken, an dessen Ufer wir vorhin gestanden waren mit einem leisen Grauen, weil es gar so unergründlich tief hinabging.

Nun sahen wir nur noch die Bäume, deren grüne Wipfel sich über ihm zusammen zu neigen schienen, und sahen die junge Blau, die hell und fröhlich durch grüne Wiesen ging, als ob sie nicht erst vorhin aus ihrer wundersamen Quellenheimat ausgeflossen wäre. Die nackten Felsen standen trutzig um das Tal herum, aber die Sonne legte einen Glanz auf sie, daß sie zu scheinen anfingen, und der Himmel stand hoch und heiter über dem Ganzen.

Und die schöne Lau stieg aus ihrer blauen Tiefe herauf und trug ihr schweres Herz zu den Menschen und lernte bei ihnen das Lachen, das ihr so nötig war. Als alles gut ausgegangen war, atmete die Mutter tief auf. „Gott Lob und Dank,“ sagte sie, „wenn's auch bloß ein Märlein ist, mich hat die arme Frau doch gedauert; ich weiß gut, wie es ist, wenn's einem nicht ums Lachen ist. Als ich mit dir gegangen bin, Ludwig, ein paar Monate vor deiner Geburt, da ist mir's immer so schwer gewesen, das ist nicht zum Aussagen. Da hab' ich immer gedacht: Lieber Gott, laß nur mein Kind kein schweres Gemüt kriegen. Gelt, du hast keins, Ludwig, ich meine einmal nicht. Wenn ich dich habe lachen hören und gesehen, daß du lustig bist, dann ist mir ein Stein vom Herzen gefallen.“

Als die Mutter so redete, wurde es mir sonderbar ums Herz. Es war mir auch, als ob ich in eine unterirdische Quellenstube hineinsehe, aus der mein Leben herausgeflossen sei, und ich spürte eine dunkle Zärtlichkeit für diese Frau, anders als je zuvor. Aber ich ließ nichts davon merken.

Als wir höher stiegen, atmete sie mühsam und schwer und blieb immer wieder stehen, um sich den Schweiß abzuwischen, dabei sah sie blässer aus, als ich sonst an ihr gesehen hatte.

„Ich weiß nicht, es ist mir nicht ganz recht,“ sagte sie. „Mich deucht, ich höre ein Fuhrwerk; wenn ich das erwarten könnte und ein Stück weit aufsitzen, das wäre gut. Du könntest derweil weitergehen, dir tut das Laufen gut, du hast junge Füße und ein junges Herz.“

Das wollte ich meinen, daß ich das hatte. Ich ließ die Mutter auf einem Steinhaufen am Wegrand sitzen und ging voran, singend und pfeifend. Unter mir tat sich das Tal immer weiter auf, Dörfer lagen in der Sonne, und Höhenzüge traten hervor und grüßten herüber. Im reinen Blau des Maihimmels schwammen kleine, weiße Wölkchen dahin, und in den Ebereschen zu beiden Seiten der Straße pfiffen Ammern und Meisen in ausgelassener Daseinslust. Ich empfand mich jung, stark und froh, und es schien mir alles gut zu sein. Nach der Mutter sah ich mich nicht um. Ich wollte, wenn die Höhe vollends erstiegen wäre, auf das Fuhrwerk warten, aber meine Gedanken flogen ein paarmal zu ihr, weil sie mir das Herz so sonderbar bewegt hatte.

Doch sagte mir keine Ahnung, auch nicht die leiseste, daß meine Mutter jetzt eben den Tod erlitt. Er war ihr lind und gut; er trat nur an sie heran, als sie erschöpft auf dem Steinhaufen saß und legte ihr die Hand auf das Herz, da hörte es auf, zu schlagen. Vielleicht sah sie ihn herankommen, ich weiß es nicht. Wenn sie ihn gesehen hat, das glaube ich, dann hat sie ihre hartgeschaffte Hand mit einem geduldigen Seufzer in seine knöcherne gelegt und sich von ihm führen lassen. Denn es war nichts von Widerstreben und darum auch nichts von Angst in ihr.

Als der leere Müllerwagen kam, den sie gehört hatte, saß sie in sich zusammengesunken da, die Hände müd im Schoß und den Kopf auf der Brust. Die Sonne lag auf ihrem grauen Scheitel und der Müllerknecht meinte, sie schlafe.

Als er merkte, daß sie tot sei, packte ihn ein Grauen, und er hieb auf seine Schimmel ein, daß sie die Steige hinaufrasselten, wie auf der Flucht. „Da unten sitzt ein totes Weib,“ rief er, als er mich sah, „weißt du, wer sie ist?“

Da löschte mir mit einem Male die fröhliche Fackel aus, die mir den ganzen Morgen ins Leben hinein geleuchtet hatte, und es kam eine dunkle Wolke, die überzog Land und Himmel und meine Jugend und mich. Ich lief in verzweifelten Sprüngen die Steige wieder hinab, bis ich bei ihr war, und blieb in Herzensnot und Grauen bei ihr sitzen, bis Leute von oben herunterkamen, von dem Müllerknecht geschickt und sich unser annahmen.

Sie wurde dort droben in dem Albdörflein begraben. Da war ein Platz frei in dem ganz zusammengesunkenen Grab der Großmutter meiner Mutter, das einst von der Familie gekauft worden war.

„Da liegt sie gut,“ sagte der Vetter, den wir hatten besuchen wollen.

„Die Großmutter ist ein braves Weib gewesen, bei der hat sie ihren Frieden. Und sie liegt im eigenen Grund und Boden, das hättet ihr in der Stadt drunten nicht zahlen können.“

Da kam in aller Trauer noch ein kleines, bescheidenes Stölzlein in uns auf, auch in den Schwestern, die gekommen waren, daß wir hier an diesem Platz sozusagen ansässig seien, und wir waren einig damit, die Mutter hier zu lassen.

Das liegt tiefer als es viele wissen, im Menschenherzen, daß es irgendwo unvertrieben sein will, daß es ein Stücklein Land besitzen will und wäre es noch so klein, teilhaben an der Erde, die unser aller Mutter ist.

Im Leben hatte die Mutter immer im Hauszins wohnen müssen, nun ererbte sie im Tode ein eigenes, enges Häuslein und war nur gehalten, die bleichen, weißen Knöchelein der Urahne bei sich ruhen zu lassen, denn diese war immerhin vorher dagewesen.

*

Ein halbes Jahr nach der Mutter Tod wurde uns das Häuschen gekündigt, weil die Stadtverwaltung irgendeine Änderung in dieser Gegend vornehmen wollte. Da gab es einen schweren Abschied zwischen Meisters und uns. Denn wir zogen nun in zwei verschiedene Stadtteile. Auch Lotte hatte die Kündigung getroffen, und es war nun zwischen ihr und meiner Schwester Luise ein Abkommen wie zwischen Abraham und Lot: „Willst du zur Rechten, so geh' ich zur Linken, willst du aber zur Linken, so geh' ich zur Rechten.“ Luise wollte nun ein eigenes Bügelgeschäft aufmachen mit Lehrmädchen und Pariser Neubügelmethode, und dazu brauchte sie ein Feld für sich. Lotte aber zog ihre bisherige Kundschaft nach sich in ein Haus, das in der Nähe des alten lag. Sie waren beide wie Schwestern miteinander, es war nichts von Neid und Streit in ihrem Auseinandergehen, sondern, weil das Leben mit seinen Bedürfnissen es so verlangte, darum trennten sie ihre Wege und blieben sich um so mehr in Freundschaft zugetan.

Wir zogen an einem Tag nach verschiedenen Seiten hin. Unsere Möbel waren aufgeladen und zeigten sich im Tageslicht und unter freiem Himmel als eine ärmliche Habe. Einmal waren sie auch neu gewesen und aus vielen Spargroschen mit Lust und Liebe nach und nach erworben worden, nun sah die neue Generation darüber hin als über etwas Abgängiges, es war aber so der Lauf der Welt. Wir gingen noch einmal durch die leeren Räume und sahen an den dunklen Stellen auf den verschossenen Tapeten, wo die Bilder gehangen waren: Hier des Vaters Bild und hier die Schlacht bei Leipzig, und dort der Haussegen, der die heilige Dreieinigkeit zeigte, je nachdem man links oder rechts oder in der Mitte stand, den Vater oder den Sohn, oder den heiligen Geist als Taube. Über der Bank war eine fettige Fläche, da hatte der alte Heinrich Kilian immer seinen Kopf angelehnt. Die Schwestern waren in gerührter Stimmung, als sie sich noch einmal hier umsahen und lehnten sich aneinander, wie um sich zu vergewissern, daß keine von ihnen allein in die Fremde geht. Mir aber war es unbehaglich zumute. Es ging so allerlei durch einen durch, wenn man hier seinen Gefühlen nachhing, es war wohl am besten, vorwärts zu gehen und sich nicht mehr viel umzusehen, sonst tat es in der Brust weh, und das Herz klopfte einem; das war aber eines bloßen Umzuges wegen nicht nötig, meinte ich.

Da kam soeben Lotte Meister zur Tür herein, um Luise noch etwas zu sagen. Sie stand so groß und hoch und stattlich in der niederen Stube, aber sie hatte ein Glänzen in den Augen, aus dem man schließen mußte, daß sie geweint habe. Denn sie nahm ja freilich hundertfache Erinnerungen mit sich fort. Es war bei ihr nicht wie bei uns das Geschehen zu tragen, das im Gang des Menschenlebens von vornherein liegt, daß die Alten davongehen und zu den Vätern versammelt werden, sondern sie hatte die Unnatur des Zerreißens erlebt, der Trennung mitten auf der gemeinsamen Bahn. Die alte, leidende Mutter aber ging mit ihr und freilich auch die Kinder, das kommende Geschlecht, das hier seinen Ursprung genommen hatte.

Man konnte aber mit keinem mitleidigen Gedanken an Lotte herankommen, obgleich man ihre Tränenspuren noch sah. Denn sie beherrschte ihr Gesicht und ihre Haltung vollständig und war dem Leben gewachsen, wie es auch verfahren mochte, man konnte in allem nur Respekt vor ihr haben. Als sie ihre Sache an Luise ausgerichtet hatte, sah sie mich lächelnd an, wie früher, da ich noch als lockiges Bürschlein neben ihr am Bügelbrett gestanden war und sagte: „Wie ist's, Ludwig, wird man dich auch noch hie und da zu sehen bekommen, wenn man eine Viertelstunde Wegs zueinander hat, oder müssen wir gleich ganz Abschied nehmen?“ Sie streckte mir aber dabei ihre schöne, kräftige Hand hin, und ihr Gesicht war so voll von einer unwandelbaren Güte und Zuversicht, daß es mich heiß durchfuhr, und ich in einem Augenblick die ganze Zukunft durchreiste, in der es immer eine Lotte Meister geben mußte, sie war nicht wegzudenken. Ich spürte, daß ich feuerrot wurde und daß mich ein ungestümes Verlangen packte, sie wieder für mich zu haben, wie einst, aber ich tat nicht dergleichen, sondern sagte nur, ich werde schon kommen, wenn ich Zeit habe und ich müsse jetzt so viel lernen, weil der Professor so streng sei. Darauf sah sie mich einen Augenblick prüfend an und erklärte dann, eigentlich habe sie fragen wollen, ob eins von uns den Rollstuhl mit der Großmutter in die neue Wohnung führen wolle. Die Kinder könnten es ja, aber die Großmutter vertraue sich ihnen nicht an, weil sie ohnehin vor dem fremden, entlehnten Rollstuhl und vor dem Fahren durch die Straßen eine entsetzliche Angst habe. Ich spürte, daß ich dazu vermeint sei, aber ich konnte mich nicht schnell entschließen, denn es konnte mir jemand begegnen, etwa der Stadtpfarrer, der dann sagen würde, so sei es recht, oder meine Kameraden, die lachen würden, wenn die alte Frau immer mit dem Kopf wackelte, und da war eines so schlimm, wie das andere. Es gab eine Verlegenheitspause, und in die Stille hinein sagte meine Schwester Helene ganz freundlich und bereitwillig, ja natürlich, das tue sie gern, und Lotte empfahl sich, ohne noch einmal etwas zu mir zu sagen. Sie mußte schleunigst hinter ihrem Möbelwagen, auf dem hoch oben die drei Kinder saßen, eng in dem geblumten Sofa aneinandergeschmiegt, lustig und lachend, weil ihnen das Fahren ein Fest war. Wir sahen ihnen nach, und dann gingen wir gleichfalls davon und ließen die Türen hinter uns offen, weil nichts mehr im Haus war, das man verschließen mußte. Aber nun hatte ich auch mein Teil an Abschiedsschmerzen, und es war mir vielleicht übler zumut als den andern allen, sie brauchten es aber nicht zu wissen.

Die neue Wohnung, die wir bezogen, lag mitten in der Altstadt, in einer engen Gasse, in der die Häuser nah beisammen standen, und in der es mit Sonne, Mond und Sternen nicht besonders leuchtend zuging. Ich allein hatte in meiner Kammer hoch oben unter dem Dach Licht genug, und die Nelken des alten Heinrich Kilian, die meine Schwestern sorglich ausgegraben und in Töpfe gepflanzt hatten, führten vor meinem Fenster ein blühendes Leben, so lang die gute Jahreszeit währte. Unten im Haus, im Kellergeschoß, da war es fast den ganzen Tag dämmerig; es mußte gut gehen, wenn einmal ein wenig Sonne hereinkam. Aber es ging hell und heiter zu trotzdem. Da ging es mit glühenden Bügelstählen um und mit Lachen und Schwatzen und oft mit Singen daneben her. Sie schafften selbdritt oder viert, Luise und ihre Lehrmädchen. Sie hatten Kundschaft genug, denn schön gebügelte Kragen und Manschetten, das war etwas, das jedermann brauchte; auch der einfachste Mann wollte wenigstens am Sonntag glänzen und gleißen mit sauberer Wäsche.

Luise spielte so wenig wie Lotte Meister die hohe Vorgesetzte. Sondern sie zeigte, wie die Sache gemacht werden mußte, und da hieß es parieren, denn was aus dem Haus kam, das mußte tadellos sein; aber im übrigen war eine schöne und freudige Arbeitsgemeinschaft, und es war hier nichts von „Arbeitgeber und Arbeitnehmer“ und von bitteren Standesunterschieden. Um die Vesperzeit ging das jüngste Lehrmädchen, wie es ging und stand, mit aufgekrempelten Ärmeln und in weißer Schürze, über die Gasse zum Dreikönigswirt und holte so viel Gläser Bier, als Personen da waren, und dann gab es eine vergnügliche Pause, in der man sich von den Stadtneuigkeiten unterhielt und von den privaten Erlebnissen, etwa einem neuen Kleid oder einem Sonntagsausflug, oder auch, wenn man gerade recht in Stimmung war, von dem jeweiligen Schatz und den Zukunftsaussichten mit ihm.

Das taten sie nicht gern vor mir, der ich mich oft um diese Stunde auch da unten herumdrückte. „Was braucht so ein Bub davon zu wissen?“, sagten sie und steckten wispernd die Köpfe zusammen. Aber gerade davon hätte ich gern gewußt. Es schienen mir lauter hübsche Mädchen zu sein, fast eine wie die andere. Sie hatten bloße Hälse und Arme und junge, frische Gesichter und meistens ein hübsches Band im Haar oder so etwas, und es mußte eine schöne Sache sein, mit solch einem Geschöpf einmal spazieren zu gehen oder gar zu tanzen. Daß sie Du zu mir sagten, störte mich hier im Hause, wo es niemand sonst sah und hörte, nicht, ich gab es ihnen heim und es war mir behaglich dabei. Ich saß auf einem umgestülpten Waschkorb oder einer Stärkekiste, trank gleichfalls mein Bier und machte billige Witze, bis Luise ihr leeres Glas wegstellte und sich die Hände wusch, was ihr die andern nachtaten, und was das Zeichen zum Wiederanfangen war. Dann ging ich mit meinem Bücherpack, den ich unter dem Arm getragen hatte, in meine Kammer hinauf und ließ den Eindruck zurück, als ob ich mich in meine Arbeit vergrabe. Das tat mir wohl, daß die Mädchen das von mir dachten; aber ich stand oft genug am Fenster und sah ins Wetter, denn es ging noch manches mit mir um, was ich unten gesehen und gehört hatte. Da war ein hübsches, weißblondes Mädchen namens Hermine, das ein so lustiges Gesicht und ein ganz schlankes, feines Hälschen hatte, und das schon einen Bräutigam besaß. Er war Feldwebel bei den Pionieren, und sie wollte um Geld bügeln, wenn sie verheiratet war, darauf freute sie sich, als ob es in ein lustiges Leben hinein ginge. „Den Tag über schaffen wir, und abends geht's zur Musik oder sonstwohin,“ sagte sie und zeigte alle ihre weißen Zähne. Da wäre ich auf einmal gern Feldwebel gewesen, denn man konnte nicht wissen, ob es nicht auf dem wissenschaftlichen Weg, den ich eingeschlagen hatte, viel langweiliger zuging, und ich wußte manchmal nicht recht, warum ich gerade studieren sollte. Da horchte ich hinunter in die enge Gasse, ob ich nicht einen Zipfel von dem vergnügten Leben da unten wahrnehmen könne. Aber nach einer Weile war die Anwandlung vorüber, und ich saß wieder an meinen Büchern und hielt mich ordentlich zur Arbeit, ohne besondere Begeisterung dafür, nur weil so eines aus dem andern folgte und ich nichts anderes vorhatte. So kam ich voran, wie andere auch und bestand, als ich etwas über das achtzehnte Jahr hinaus war, die Reifeprüfung für die Universität. Jetzt galt es aber, sich endgültig für ein Fach zu entschließen, denn das hatte ich bis jetzt immer noch hinausgeschoben, weil ich für keines eine besondere Liebe hatte und an jedem etwas auszusetzen war. Da fragte mich der Rektor, als ich mein Abgangszeugnis von ihm holte, ob ich nicht Lust hätte, in eine vornehme Universitätsbuchhandlung einzutreten und das Studium überhaupt zu unterlassen. Er sei von einem Freund, der der Inhaber sei, gefragt worden, ob er nicht einen tüchtigen jungen Menschen wisse, der eine gute Vorbildung habe und Lust zu den Büchern, aber auch zu einem soliden und praktischen Geschäftswissen, und der es bei ihm zu etwas Rechtem bringen könne. Er habe mich vorgeschlagen, weil er gemerkt zu haben glaube, daß ich Freude an der Literatur habe und auch nicht unpraktisch sei, und weil, – setzte er väterlich hinzu, – es vielleicht doch auch ratsam sei für mich, daß ich es in absehbarer Zeit zu einer Selbständigkeit bringe.

Er kannte meine Schwestern und besonders Helene, die bei ihm im Hause nähte und seiner Frau die Kleider machte, und hatte einen hohen Respekt vor ihrer arbeitsamen Tüchtigkeit. Vielleicht ärgerte er sich auch im stillen, daß ich den braven Mädchen so ganz auf der Tasche lag, aber davon sagte er nichts, sondern fragte nur, ob ich vielleicht schon eine starke Vorliebe für ein besonderes Fach habe, was dann freilich die Sache verändern würde.

Aber das hatte ich nicht, sondern es war gut für mich, daß mir jemand einen Schub gab von außen her, und ich sagte nach kurzem Zögern, daß ich morgen kommen und mit dem Herrn reden wolle, der gerade in der Stadt zum Besuch war, und daß es vielleicht ganz gut für mich passe, ein Buchhändler zu werden, weil es mich immer nach Büchern gelüstet habe, schon seit ich mir denken könne.

*

Daheim war ein großes Erstaunen, als ich mit meinem Plan daherkam, der schon auf dem kurzen Weg nach Hause deutliche Gestalt in mir gewonnen hatte. Die Buchhandlung, um die es sich handelte, war in einer Stadt, von deren Schönheit ich schon viel gehört hatte, unfern des Rheins und des Schwarzwaldes, also immerhin weit genug von meiner Heimat entfernt, um den Zauber der Ferne und Fremde für mich zu haben. Die Schwestern waren ein wenig enttäuscht, daß nun kein Student zu ihnen in die Ferien kommen würde und kein studierter Herr einmal mit einem guten Titel etwa in der Zeitung stehe, von dem sie dann sagen konnten, das sei ihr Bruder. Auch ging es vielleicht tiefer bei ihnen, daß sie mir in Wahrheit alle Pforten des Lebens wollten aufgetan wissen. Aber ich sagte mit schnell angenommener Überlegenheit, daß ich es auf diesem Wege mindestens gerade so weit bringen werde, als auf dem andern, und daß ich überhaupt trachten werde, so bald als möglich selbständig zu werden. Das rührte die Schwestern tief, denn ich hatte ihnen noch nicht oft gezeigt, daß ich an ihre Arbeit und Mühe für mich denke, und so gern sie alles für mich taten, so tat es ihnen doch wohl, daß ich nicht nur so ins Blaue hinein alles anzunehmen schien. Aber sie wußten nicht, daß ich vor dem Besuch bei dem Rektor noch keinen Augenblick daran gedacht hatte, und von mir aus brauchten sie es auch nicht zu wissen.

Am andern Tag ging ich wieder zu dem Rektor hin, und da war dann auch der Buchhändler, der ein alter Junggeselle war und äußerlich nichts vorstellte. Er trug sich in einem lederfarbigen Braun und hatte selber eine etwas vergilbte, pergamentene Haut, und ich weiß nicht, wie mir so geschwind der Gedanke kam, er sehe aus, wie ein antiquarisches Exemplar etwa des Horaz oder sonst so eines alten Weisen, in Leder gebunden. Darüber ging mir, ehe ich es verhindern konnte, ein Lachen über das Gesicht, und der Rektor, der dabeistand, fragte mich: „Was haben Sie Heiteres, Fugeler?“ Aber ich faßte mich schnell und machte ein ernsthaftes Gesicht und sagte, es sei mir draußen auf der Gasse ein Kameltreiber begegnet mit drei Äffchen, die seien so possierlich gewesen. Das war schon wahr, aber gelacht hätte ich darum nicht.

„Sie sind noch sehr jung, mein Lieber,“ sagte der alte Herr, der Hagenau hieß, und meckerte ein wenig. Das war bei ihm gelacht. Ich sagte, daß ich achtzehn sei und das Maturum gemacht habe, und das hatte er ja auch schon gewußt und die Bemerkung nur meines unzeitigen Lachens halber gemacht.

Wir kamen aber darauf gut ins Gespräch und einigten uns auch darauf, daß ich am ersten Oktober bei ihm eintreten und drei Jahre lernen solle, ohne Gehalt, aber mit freier Kost und Wohnung in seinem Hause. Später sehe man wieder. Er habe es mit einem, der sich zur Sache anlasse, gut im Sinne, wolle aber vorher sehen, was an mir sei. Darum, daß er ein Junggeselle sei, brauche ich mich nicht um das leibliche Auskommen bei ihm abzukümmern. Er habe eine Schwester bei sich, die mich so wohl versorgen werde, als eine rechte Hausfrau, und sie sei auch sonst gut, ich komme bei ihr in gute Hände. Zu lernen gebe es genug für einen, der strebsam sei, es müsse nicht alles auf Universitäten erworben werden, es gebe auch sonst noch Möglichkeiten. Das kam mir alles ganz richtig und vernünftig vor, und auf dem Heimweg kaufte ich mir ein steifes Hütlein, weil ich das Gymnasiastenwesen abgelegt hatte und in eine Bahn einlenken wollte, auf der es frühzeitig dem Ernst des Lebens zuging.

Als ich aber nur noch ein paar Schritte von unserem Haus entfernt war, sah ich eine helle, schlanke Mädchengestalt in Luisens Bügelstube von der Straße her eintreten, und als ich gleich nach ihr auch dort hineinging, war es Maidi, mit er ich als kleiner Bube im Garten gespielt und Kirschen gegessen hatte, und die ich noch gut genug kannte. Sie war eine Berühmtheit unter den Gymnasiasten ihrer feinen Schönheit wegen, und es galt für eine Ehre, wenn man sie grüßen konnte; da neigte sie leicht den Kopf, wie ein Königskind, und war dabei doch keine stolze Jungfer, sondern eine freudige Augenweide.

Geredet hatte ich nie mehr mit ihr seit jenem Gartentag, nun stand sie hier in der halbdunkeln Bügelstube, in der man schon das Gas anzünden mußte und war wie eine Sonne darin. Da ärgerte mich auf einmal mein steifes Hütlein, und ich tat es schnell in ein Fach hinein, in dem Stärkwäsche lag, weil es gar nicht zu ihr paßte. Sie hatte ein hellblaues Kleid an und niedere braune Schuhe, und ihren langen, blonden Zopf hatte sie hinten im Nacken mit einer blauen Schleife hinaufgebunden, auf der kleine rote Punkte saßen, wie lauter Herrgottskäfer. Um ihr Gesicht her aber drängten sich lustige Löckchen unter dem breiten Hut hervor, und auf dem Hut lag ein Kranz von Margeriten. Sie sah aus, als ob sie zu einem Fest ginge, aber das war bei ihr immer so, und das Fest war ihr junges Leben, in das schritt sie hinein in ihren hübschen braunen Schuhen.

Ich konnte sie beobachten, ohne daß sie mich sah, denn ich war hinter den Vorhang getreten, der den Eingang in ein Nebenkämmerchen verdeckte und sah hinter demselben vor in ihr helles Gesicht. Sie hatte eine Bestellung zu machen. Es sollte regelmäßig zu bestimmten Zeiten Wäsche abgeholt und wieder hingebracht werden und sie nannte dazu das Haus ihres Großvaters, in dem sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder wohnte. Der Vater, der zum Ganzen gehörte, war nicht mehr vorhanden, und ich wußte, daß er irgendwie nebenhinaus gegangen war auf der Welt und wohl noch lebte, aber nicht mehr zu den Seinigen gehörte. Wie es zusammenhing, wußte ich nicht, aber es hatten also doch auch schon dunkle Schatten das junge Leben gestreift, das hier in aufblühender Pracht in unserer Stube stand und mit meiner Schwester sprach. Als mir das einfiel, gewann ich auf einmal die Macht, hinter meinem Vorhang hervorzutreten und sie anzureden, denn sonst wäre sie mir zu schön dazu gewesen und zu hoch, so freundlich sie auch aussah.

Ich überlegte mir auch, was ich zu ihr sagen wollte. Sie hatte einen Vetter, der war mein Schulkamerad gewesen und war nun seit einem Jahr bei der Marine, und er war es auch gewesen, der bei den Kameraden immer ihren Preis verkündigt hatte. Nach dem wollte ich sie fragen. Aber ich war es nicht gewohnt, junge Mädchen anzureden, so oft ich es auch in der Phantasie tat, und so stand ich etwas verlegen herum, als ich sie gegrüßt hatte.

Da sah ich an ihrem Gesicht, daß sie mich auch kannte, vielleicht noch von damals her, und daß lustige Lichter darüberflogen wie Sonnenvögel und sie ein Lachen unterdrücken wollte, das um jeden Preis gelacht sein mußte.

Es war sicher, sie kannte mich noch und auf einmal sagte sie: „Da wohnen Sie jetzt? Seit wann? Wissen Sie noch, damals? Sie erzählten mir von Ihrem Garten, und –“ da wurde sie doch ein bißchen rot und ich auch, denn es war ein heikler Punkt. Und in der Verlegenheit fingen wir beide an zu lachen und wurden dadurch ganz erlöst. Denn wenn man darüber lachen konnte, dann war es nicht mehr schlimm. „Ja, ja“ sagte ich, „ich habe damals, glaub' ich, ein bißchen dazu erfunden, und nachher hatte ich immer Angst, Sie könnten einmal kommen und ich stehe dann mit Schanden da.“

Aber als ich das sagte, war es mir inwendig heiß vor Glück, daß sie mich so gut kannte, und daß sie noch an damals dachte, und es kam mir auch sonderbar vor, daß wir nun Sie zueinander sagten, denn ich hatte immer in Gedanken Du zu ihr gesagt.

„Ich bin auch einmal gekommen,“ sagte sie, „das Verlangen war immer stärker geworden in mir, und der Garten immer größer und die Nelken immer röter. Wissen Sie noch, von der Katze, die da herumgehen und Funken sprühen sollte und von der Musik, die der alte Mann machte? Da brachte ich es einmal mit List heraus, wo Sie wohnten und suchte mir den Weg. Aber als ich die Häuschen sah und die kleinen Gärtchen davor, da wurde ich böse und traurig und hätte fast geweint vor Zorn und Enttäuschung. Und meine Mutter sagte nachher, als ich es ihr erzählte: „Siehst du, man muß auch nicht alles untersuchen wollen, das geht noch mit vielem so im Leben.“ Und sie sagte, daß das Bübchen damals nicht gelogen habe, es habe es alles so im Herzen gehabt, wie es gesagt habe.“

Als Maidi das alles erzählte, sah ich so unbegreiflich deutlich wieder das kleine Mädchen von damals vor mir und die schöne junge Frau mit dem Kinde, und es war mir, als gehöre ich irgendwie zu ihnen. Die Bügelmädchen sahen mit Staunen zu und Luise auch, daß wir so ins Reden miteinander kamen, aber ich machte mir gar nichts daraus, sondern als Maidi gehen wollte, fragte ich ganz kecklich, ob ich ein Stückchen mit ihr gehen dürfe, ich müsse sowieso noch einmal in die Stadt. Sie sagte auch freundlich: ja, das dürfe ich gerne, und wir wollen dann über den Marktplatz gehen, weil Messe sei.

Da ging ich denn nun neben dem allerschönsten Mädchen her, das ich kannte, aber ich hatte meine Schülermütze aufgesetzt und das Hütlein daheim gelassen, und nun pochte mir das Herz wie ein Schmiedehammer, weil solche Dinge geschahen, nicht in Träumen, sondern im hellen Wachen.

Maidi stieg so leicht und schlank und lieblich daher, und wir plauderten, als ob vieles nachzuholen sei, aber es war mir immer darunter hinein unbegreiflich, daß es ihr nicht zu wenig sei, mit mir zu gehen, und ich hielt mich so aufrecht wie möglich. Inzwischen kamen wir auf den Marktplatz, wo sich eine bunte Menge von Menschen hin und her schob, unter die wir uns fröhlich mischten. Maidi fragte mich, wo ich eigentlich hin wolle, weil ich von einer Besorgung gesagt hatte, die ich machen müsse, aber ich lachte nur und sagte, das habe noch lange Zeit, und wir waren wie rechte Kinder, die nicht viel an nachher denken, sondern sich an dem, was gerade vor Augen ist, ganz vergessen.

Es war ein selten schöner Tag, der dem Marktleben wohl bekam.

An den Ständen der Schuster, der Hut- und Kappenmacher, der Messerschmiede und Wollwarenhändler drängten sich die Albbauern und ihre Weiber, aber da hatten wir nichts verloren, sondern wir gingen den Ausrufern nach, die vor ihren Schaubuden standen und alle Seltenheiten der Welt anpriesen. Da war ein ärmliches Leinwandzeltchen, in dem ein lebendiges Kalb mit zwei Köpfen zu sehen war, und daneben wurde eine Riesendame gezeigt, deren Bildnis in grellen Farben auf der Eingangsseite der Bude prangte und einem schlanken Herrchen zulächelte, das ihr auf einem Brett Würste, Schinken und einen angeschnittenen Brotlaib hinhielt und wie ängstlich schien, es möchte etwa aus Versehen mitgeschluckt werden. Ein Wachsfigurenkabinett war da, und ein schwindsüchtig aussehender Mensch in einem fadenscheinigen Frack lud die Leute hustend ein, hereinzuspazieren. Es sei da zu sehen die Ermordung Wallensteins, die Hamburger Kindsmörderin soundso, der Ritter Blaubart aus dem Märchen und Schneewittchen mit der bösen Königin, alles beweglich und in voller Arbeit. Er sah selber einer vergilbten Wachsfigur nicht unähnlich und bewegte wie automatisch den Kopf hin und her, um nach rechts und links hin die Leute einzuladen. Am Eingang der Bude saß ein prächtig gekleideter und angemalter Türke, der aus einer langen Pfeife sehr natürlich zu rauchen schien, und an seinen Knien lehnte eine wunderschöne Frau, die todunglücklich aussah und deren rabenschwarzes Haar ihr am Rücken hinunter und bis auf den Boden hinabfloß. Sie zwinkerte beständig mit den Augenlidern und hob hie und da in abgemessenen Zwischenräumen die beringte Hand, was alles ein wenig gespenstig aussah. Auch schien sie die Lippen zu regen, wenn man länger hinsah, und der schwindsüchtige Ausrufer sagte, es sei die Scheherazade, die beständig unter dem Henkersbeil lebe und sich nur ihr Leben retten könne, indem sie dem Sultan tausend und eine Nacht lang Geschichten erzähle. Es gingen ziemlich viele Leute hinein, Soldaten und Mägde und Arbeiter, die gerade aus den Fabriken kamen, und auch Schulkinder. Wir sahen einander fragend an, ob wir es auch wollten. Aber Maidi schüttelte nach kurzem Besinnen den Kopf, denn innen waren sicher grausige Dinge zu sehen, und sie ging lieber den fröhlichen nach, deren es genug hatte auf dem Markt. Da war gleich in nächster Nähe das Kasperletheater, das kam uns so recht gelegen. Wir stellten uns hinter den Seilen, die den Zuschauerraum umgrenzten, auf, und sahen zu, wie der Kasperle mit einem Prügel auf den armen Bauern einhieb, der ihm eine Katze in einem Sack hatte verkaufen wollen. Das war nichts so Besonderes, aber wir hatten schon selber die nötige Fröhlichkeit in uns und brauchten nicht viel Anstoß dazu, um mitzulachen. Es stand ein kleines Kerlchen neben uns, das sich vergebens auf die Zehen stellte, um etwas zu sehen. Das setzte ich auf meine Achsel, und nun schrie und strampelte es vor Wonne und brachte die ganze Umgebung ins Feuer mit seiner Begeisterung. Maidi aber lachte uns beide gut und freundlich an, das Kind und mich, und mich dünkte, es sei bis jetzt kein Tag in meinem Leben gewesen, der diesem gleichzustellen sei. Ich kaufte ihr ein Rosensträußchen aus Zucker und sie mir einen roten Ballon, den ich mit seinem Schnürchen in meinem Knopfloch befestigte, und das geschah beides neben dem Kasperle her, denn es gingen hausierende Verkäufer über den ganzen Markt hin und an uns vorbei. Da kam die Frau des Besitzers mit einem Sammelteller in unsere Nähe, und ich wollte mich eben davon drücken, wie wir Buben das in solchen Fällen sonst getan hatten, aber das schöne und anständige Wesen neben mir legte mir in aller Stille eine moralische Verpflichtung auf, so daß ich männlich in die Tasche griff und ein paar Nickel in den Teller legte: „Für uns beide,“ sagte ich wie selbstverständlich, und die Frau dankte achtungsvoll. Da überkam es mich wie eine heimliche Besitzerfreude, daß ich für Maidi bezahlt hatte und sie in diesem Augenblick zu mir gehörte, und es flog mir durch den Sinn, daß ich ungeheuer arbeiten wolle die nächsten Jahre, weil ich es bald zu etwas Rechtem bringen müsse. Aber es war nur so ein Augenblicksgedanke, und der nächste mußte wieder hier auf dem Platze sein, sonst verging etwas von dieser Stunde, ohne daß ich es genoß. Sie war ohnehin vorbei, eh' man es dachte. Vom hohen Kirchturm herunter schlug es sieben Uhr, und Maidi sagte mir wie erwachend, daß sie nach Hause müsse, und gab mir die Hand, als ob wir täglich beisammen wären. Aber als ich ihr mit plötzlichem Ernst sagen wollte, daß ich sie nun wahrscheinlich nie mehr sehe, weil ich in die Fremde gehe, sah sie drüben zwischen den Buden ihren Großvater gehen, der den Hut in der Hand trug, und in der ganzen Pracht seiner silbernen Haare und seines heiteren Gesichts einherschritt, und sie ging rasch davon, um ihn noch einzufangen und winkte nur noch einmal mit Hand und Augen grüßend zurück. Ich sah die beiden miteinander gehen und sah wohl, daß sie eines Blutes und einer Art waren: königlich, heiter, vornehm und frei. Mich aber hatte nur ein Sonnenstrahl getroffen, der gerade vorüberflog. Doch hatte er mein junges Blut erfreut und erwärmt, und es malte mir nun zum Dank tausend Bilder, die eine schöne, freudige Zukunft gaben. Ich hatte aber freilich noch nie daran gezweifelt.

Wenn ich jetzt an meine Lehrjahre denke und sie an mir vorbeigehen lasse, so wundert es mich immer aufs neue, wie zufällig und ohne Einmischung von irgend einer väterlichen oder beratenden Stimme, ausgenommen meinen Rektor, meine Berufswahl vor sich gegangen war. Ich hatte wohl einen Vormund, den bäuerlichen Vetter, den ich damals mit der Mutter auf ihrem letzten Wege besucht hatte, aber er war froh, wenn wir Geschwister uns selber rieten, und sagte zu allem Ja und Amen. So sah ich mich auf einmal in der neuen Umgebung auf eine Bahn gestellt, von der ich gar nicht wußte, ob ich für sie und sie für mich tauge und von deren Möglichkeiten ich wenig genug kannte. Es hätte aber schlimmer ausfallen können, als es geschah, denn ich hatte tüchtige Lehrmeister, wenn auch meiner Meinung nach nicht die angenehmsten, nämlich lauter ältere Männer, die einer um den andern so vertrocknet waren, wie alte Wüstenheilige; wenigstens kamen sie mir so vor. Sie waren alle, ein Buchhalter und ein paar Gehilfen, schon lang im Hause Hagenau, dem sie mit großer Zähigkeit anhingen, und wußten, wie es mir schien, nichts Besseres, als auch vollends darin abzusterben, was mich mit Grauen und einem zornigen Widerstand erfüllte. Ich kam mir vor wie das Entlein auf dem gefrierenden Teich im Märchen, das rudert und rudert, um nicht mit einzufrieren, und das eines Morgens dennoch tot im Eise steckt, so frostig dünkte meiner warmen Jugend das umgebende Alter, dem ich dennoch nicht entfliehen konnte. Doch muß ich ja sagen, daß man in unreifen Jahren die Altersgrenze bei andern, die einem um ein Stück voraus sind, niedrig genug steckt, und sie erst sachte hinauszurücken anfängt, wenn man selber dabei in Betracht kommt. Es war vielleicht nicht gar so weit damit bei den Herren, von denen nur einer, der die Bücher führte, angegraute Haare hatte, während ein anderer, der sein intimer Freund war, mit einer tüchtigen Glatze herumlief, was mir alles für mich selbst in unendlichen Fernen zu liegen schien. Heute denke ich schon etwas anders darüber. Der Buchhalter war mir eigentlicher und nächster Vorgesetzter, da der lederbraune Herr Hagenau stets in seinem kleinen Privatkontor steckte und nur zu besonderen Gelegenheiten daraus hervorkam, wo er mich kaum beachtete; wenigstens kam es mir so vor. Das war mir einesteils angenehm, da ich mich törichterweise schämte, von ihm gesehen zu werden, wenn ich, der ich noch vor kurzem ein Primaner gewesen war und ein Student hatte werden wollen, nun Dinge zu tun hatte, die jeder frisch entlassene Volksschüler auch konnte, denn die geschäftserfahrenen Herren schenkten mir nichts von allem, was einem Lehrling gebührt. Ja, sie hielten mich wohl grundsätzlich ein wenig drunten, als sie meine junge Überheblichkeit bemerkten, der dies und jenes unnötig erschien, was durch Brauch und Herkommen geheiligt, sein und geschehen mußte, und das mir tödlich langweilig war. Ich hatte nicht von ferne gedacht, daß es solches auf der Welt gebe. Da waren Register zu führen von solcher Umständlichkeit, und die so vielfach verästelt waren, daß es mir vorkam, als ob ein findiger Kopf, dem es zugleich um eine tüchtige Bosheit zu tun gewesen sei, ein System ausgeheckt habe, das unzweifelhaft alle, die sich damit befaßten, in die Irre und im Kreis herum führen müsse.

Einmal getraute ich mir, einem der Gehilfen, der es mir auseinandersetzte, einen Vorschlag zu machen, wie man irgend ein Ding meiner Ansicht nach etwas einfacher angreifen könnte. Aber der sah mich von seinem Schreibbock herunter an mit einer strafenden und doch milden Überlegenheit, daß mir das Blut in den Kopf stieg vor Scham und ich mich über meine Zettel beugte, ohne mehr ein Wort zu sagen. Ich sah wohl, ich mußte mich da durchbeißen, es war nichts anderes zu machen, und nach und nach kam auch ein Sinn in das Irrsal. Aber lieber war es mir doch, wenn die Bücher selbst durch meine Hand gingen und ich einen Blick hinein tun konnte, gerade lang genug, um zu sehen, daß es für mich noch unabsehbare Goldfelder umzupflügen, Meere zu befahren, Bergwerke auszugraben gab in der Welt der Dichter und der Weisen. Nach und nach fingen einzelne Namen an, aus den vielen anderen herauszuglänzen, wie an dem unübersehbaren Sternenhimmel dem Liebhaber und Beobachter, je fleißiger er hinaufschaut, einzelne herausleuchten in besonderer Klarheit, um die sich dann wieder andere zu sammeln scheinen in milderem Glanze. Wenn mein Prinzipal im Laden stand und etwa mit einem der bekannteren Kunden verhandelte, so konnten sie miteinander in ein Feuer geraten über dies oder jenes Buch, daß der trockene und etwas angestaubte Mann wie verjüngt und verwandelt schien. Dann horchte ich auf meiner Leiter oder wo ich gerade war, und beschloß, mir das Kleinod dem Inhalt nach auch anzueignen, denn es stand mir ja die ganze Schatzkammer offen. Ich fing an, in meinen Freistunden zu lesen, über Mittag und am Abend bis tief in die Nacht hinein und es schien mir, als ob ich nicht aufhören könne, ehe ich alle Schönheit und allen Reichtum in mich hineingetrunken hätte, und kam mir ja freilich dazwischen hinein vor wie das Knäblein des heiligen Augustin, das in seine kleine Schale das große Weltmeer fassen wollte.

Aber ich hätte mich vielleicht doch verirrt in den weiten Gärten der schönen Literatur, denn dahinein zog es mich zuerst und mit aller Macht, wenn sich mir nicht ein besonderes Schloßgärtlein aufgetan hätte, in dem das Schönste vom Schönen blühte. Es war ein kleiner, offener Mahagonischrank, mit Büchern angefüllt, der in dem Zimmer des Fräulein Brigitte Hagenau stand. Das war die Schwester des Prinzipals, und ich kann kaum erwarten, von ihr zu reden.

Ich habe bei ihr viel für meinen Beruf gewonnen, was mir sonst niemand geben konnte; aber noch mehr fürs Leben. Die Werke der Dichter hatten eine stille Heimat bei ihr; sie sprach von den besten unter ihnen als von ihren Freunden und lehrte mich, den Edlen aufgeschlossen und ehrfürchtig entgegen zu kommen, nur dadurch, daß sie selbst es tat. Was echt war und aus den Tiefen des Lebens stammte, das nahm sie freudig auf, und lehnte alles Halbe, Oberflächliche, oder was nach Gunst und Mode ging, ab; so war sie mir ein Wegweiser, als ich dessen sehr bedurfte, und glücklicherweise ohne einen solchen darstellen zu wollen.

Ich hatte noch nie gesehen, daß man so las wie sie, die ein Buch genoß, wie man edlen Wein aus kristallenen Kelchen langsam schlürft, zugleich den Duft genießend mit dem kühlen Labsal; ich selbst hatte, von dem großen Reichtum berauscht, angefangen, eins ums andere zu verschlingen, wie man wohl an heißem Tage ein Glas Apfelmost nach dem anderen mit langen, durstigen Zügen leert, ohne doch mehr davon zu haben, als den prickelnden Reiz, mit dem er durch die Kehle fließt.

Nun, ich war jung und fing erst an, in dieser Welt daheim zu werden; sie aber lebte schon lang darin und verlangte nichts von mir, was meinen Jahren nicht natürlich war, denn sie war keine vorsätzliche Einwirkerin, sondern lebte, wie sie ihrem Wesen nach mußte, ohne damit Schule zu machen.

Es war viel anderes, was ich von ihr hatte, und mehr, was ich hätte haben können, wenn ich den Sinn dafür gehabt hätte. Sie ist einer der wenigen Menschen aus meinen jungen Jahren, an die ich ohne Leid und Reue zurückdenken kann, und wenn ich auch zuzeiten manches vergaß oder in den Winkel stellte, was Lebendiges von ihr hätte mit mir gehen und mein Tun bestimmen sollen, so habe ich doch sie selber verehrt und sie hochgehalten, und sie ist mir gut gewesen wie eine Mutter oder eine Freundin.

Davon will ich nichts vergessen.

Als ich sie zum erstenmal sah, erschrak ich vor ihr, denn sie war klein und stark verwachsen und hatte den Kopf tief zwischen den Schultern sitzen. Sie saß mir am Tisch gegenüber, neben ihrem Bruder, und sprach unbefangen, frei und heiter, fragte mich nach der Reise, von der ich gerade erst herkam, und nach allerlei anderem und war in allem ein Mensch, der dem Schicksal gewachsen oder sogar überlegen ist, da sie doch mit einem mißratenen Körper hausen mußte und von Rechts wegen hätte bedrückt und kleinlaut sein sollen meiner Meinung nach. Denn ich begriff nicht, wie man leben und dazu noch heiter sein mochte, wenn man nicht aufrecht und gerade gewachsen war.

Es sahen auch lauter stattliche Leute auf sie hernieder von den Wänden, nämlich eine Anzahl von gemalten Vorfahren, die mit klugen und aufrecht getragenen Köpfen unter feinen Hauben oder Perücken hervor zu fragen schienen, wie eins aus der Familie so kümmerlich habe werden können, und deren Gesichter sie aber nicht im mindesten zu scheuen schien. Im Gegenteil blickte sie aus großen grauen Augen warm lebendig drein und hatte alle Augenblicke ein solches Lächeln um den Mund, als ob sie über alles hinüber inwendig etwas freue, und ich hielt mein Gesicht nicht im Zaum, das sie erstaunt betrachtete.

Es fiel mir auch auf einmal ein Spiel ein, das wir daheim gehabt hatten mit zerschnittenen menschlichen Figuren, die man wechselsweise zusammensetzen konnte nach Belieben; und es fuhr mir so durch den Sinn, daß hier aus Versehen oder im Spiel ein feiner, wohlgebildeter Kopf auf ein Körperlein gesetzt sei, das ihn nicht aufrecht zu tragen vermöge, während vielleicht anderwärts ein grotesker Schädel auf schönen, schlanken Schultern ruhe und man nun die Figuren wieder verwechseln müsse, daß sie in Richtigkeit seien.

Darüber kam mich ein kleines dummes Lachen an, das ich mit aller Mühe nicht schnell genug erwürgen konnte, und plötzlich sah ich die schönen Augen der Hauswirtin groß und ein wenig verwundert auf mir liegen, so als ob sie schon alles wüßten, und kam mir unter ihnen wie ein rechter Schulbub vor, da ich doch hatte in allem Ernst mit der Männlichkeit anfangen wollen.

Sie ließ es mich aber nicht entgelten, sondern lachte mich auch ein wenig an ohne alle Empfindlichkeit, aus einer ganz jugendlichen Seele heraus, die alles versteht, was junge Dummheiten sind, so daß ich mit einem Schlag für sie gewonnen war und ihr am liebsten alle meine Gedanken gesagt hätte.

So kann es zugehen, daß man einen achtzehnjährigen Jüngling gewinnt, habe ich später oft gedacht, denn es wissen es nicht alle Leute so gut anzugreifen. Aber es gibt freilich auch nicht viel Brigitten.

An jenem Abend, den ich noch ein wenig vor mir ausbreiten will, weil es der erste war, stand sie gleich nachher auf und ging ans Klavier, da spielte sie ohne Noten eine Musik, welcher der Bruder, in einer Ecke sitzend, mit in die Hände vergrabenem Kopf zuhörte und welche mich fremd und geheimnisvoll berührte. Ich hatte bis jetzt noch nicht viel Musik gekannt, und jedenfalls gar keine intime, wie diese hier, die eigentlich nur auf einen Zuhörer berechnet war, denn ich, das fühlte ich wohl, saß nur dabei und störte vielleicht sogar. Aber ich schaute doch aufmerksam nach dem Klavier hin und mußte mich wundern, wie sicher und kräftig das Fräulein mit schlanken, schönen Händen auf den Tasten herumregierte und das Instrument nach einem inneren Wissen zum Erklingen brachte, so, daß es inwendig in mir mitklang.

Ich mußte an daheim denken, an meine Mutter und an Heinrich Kilian, die beide schon lange vom Leben hinweggegangen waren, und die mir nur ganz selten einfielen, und auch an meine Schwestern, wie sie morgens an der Eisenbahn gestanden waren in ihren grauen Regenmänteln und mit ihren freudlosen Gesichtern, die meinem Fortgehen galten. Es rührte sich allerlei in mir, daß ich ihnen gern ein gutes Wort gesagt hätte, weil sie immer im Geschirr stehen mußten und nie hinauskamen, und weil ihnen nie etwas zu viel war für mich. Aber sie waren nun fern von mir, und am Ende hätte ich doch nichts gesagt, wenn ich sie dagehabt hätte, denn es war nicht der Brauch bei uns. Das machte alles nur die Musik, ich wußte nicht, wie es zuging.

Als sie zu Ende war, kam der Prinzipal wie erwachend aus seiner Ecke hervor. „Das war schön, Brigitte,“ sagte er, und sie nickte ihm zu, noch den einen oder andern Ton leise anschlagend: „Das freut mich, Bruder, es war aber auch Beethoven.“ Er nannte sie immer beim Taufnamen, dabei die mittlere Silbe betonend, sie aber sagte nie anders als Bruder zu ihm. Das sei, erfuhr ich später, darum der Fall, weil er Kasimir heiße und den Namen nicht ausstehen könne, was ja auch wohl zu begreifen war. Ich nannte ihn aber von da an im stillen und nenne ihn auch in diesen Aufzeichnungen so.

Er hatte damals recht geredet, als er sagte, daß ich bei seiner Schwester in rechten Händen sei. Ich hätte, grün und unreif, wie ich von daheim fortkam, in keine besseren fallen können.

Sie hatte nicht nur ein schönes Gesicht und schöne Hände, sondern es brannte auch aus ihrem Wesen heraus eine stille und helle Flamme von unüberwundener Liebe zu allem Schönen und Guten, und sie war nicht nur nicht zu bemitleiden, sondern sie stand weit über unsereinem, der noch am Leben herumtastete als ein Neuling.

Es erging mir mit der Zeit sonderbar genug mit ihr. Nachts, wenn ich im Bett lag und im Begriff war, ins Nichts hinüberzuträumen, dann kam es mir hie und da vor, als ob ich in sie verliebt sei. Dann sahen mich ihre großen, klaren Augen wundergütig an, und ihr feiner Mund lächelte unendlich lieblich, und ich ahnte hinter beidem verborgene Schmerzen und Reichtümer. Die Musik, die sie gemacht hatte, schien mir ihre eigene Sprache zu sein, die mir jungem Knaben das Herz umdrehte und alles, was sie am Abend getan und gesagt hatte, übte noch im Nachhall einen Zauber auf mich aus, so daß ich etwa aufstand und nach dem nächtlichen bewaldeten Berg hinüber und auf das in den Nachthimmel hinein dunkelnde Münster schaute, was beides von meinem Zimmer aus zu sehen war, und dabei die Ströme meines warmen Blutes ziehen hörte. Dann dachte ich mir aus, daß sie eine wunderschöne Prinzessin sei, die ein böser Zauberer in einer Mißgestalt gefangen halte und die sich selbst erlösen müsse in viel Mühsalen, bis ein Stück des Häßlichen ums andere von ihr abfalle und sie in lauterer Schönheit dastehe. Es brannte etwas in mir und riß mich mit sich fort, und ich entsinne mich noch einer stürmischen Februarnacht, in der es mich dergestalt überwältigte, daß ich in meine Kissen hineinschluchzte, wie ein unglücklicher Verliebter, bis ich daran müde wurde und einschlief. Aber am Morgen war alles anders. Da konnte ich froh sein, daß sie nichts von dem allem wußte. Denn sie regierte das Haus so ruhig und sicher wie eine brave Bürgersfrau und ging auch selber auf den Markt, von der Magd Salome begleitet, und sah kümmerlich genug dabei aus.

Man konnte auch sogleich sehen, wer einheimisch war und wer fremd. Denn die Einheimischen grüßten, soweit sie honorige Leute waren, das Fräulein mit viel Respekt, und sie dankte mit ruhiger Höflichkeit, aber wer fremd war, sah sich, wenn sie vorbeigegangen war, kopfschüttelnd nach ihr um, und ich war dumm genug, froh zu sein, daß ich nicht neben ihr gehen mußte. Sie aber schien nichts von meinen heimlichen Gedanken zu merken. Sie versorgte mich im Leiblichen so gut, daß ich kräftig aufschoß und auseinanderging, wie ein junger Baum, und tat zu allem noch etwas hinzu von einer schönen, geistigen Wärme und Bildung, die ich bisher nicht einmal vom Hörensagen gekannt hatte, und die mich umgab wie eine heilsame Luft. Sie scheint mir, wenn ich an sie zurückdenke, eine jener Frauen gewesen zu sein, denen das Schicksal darum eigene Kinder versagt, damit sie um so ungeminderter allen, die in ihren Weg kommen, etwas von der wahren, durchschauenden und alliebenden Mütterlichkeit zu geben vermögen, die einem jeden not tut. Gott mag wissen, woher sie ihre eigene Nahrung beziehen, aber sie scheinen nur leben zu können, indem sie andern geben und für sie da sind, was dann ihr Glück ausmacht und sie aufleuchten läßt in einem milden und warmen Glanz.

*

Unter den Herren im Geschäft war einer, der sich hie und da etwas mehr mit mir zu schaffen machte, als unumgänglich nötig war. Er lockte mich zu dieser und jener Arbeit heran, etwa zur Ausschmückung eines Schaufensters, zum Zusammenstellen einer Auswahlsendung und dergleichen, wobei er mich um meine Meinung fragte und mich etwas gelten ließ, was mir zwar wohl gefiel, mich aber doch wunderte, da er diese Dinge sehr gut allein machen konnte und jedenfalls besser als ich, wenigstens für jetzt noch. Es kam mir mehr und mehr vor, als ob er etwas Besonderes von mir wolle, ich konnte mir aber nicht denken, was es sei. Hie und da sah ich, daß er mich mit auf die Seite geneigtem Kopf anschaute, als ob er über irgend etwas im Zweifel sei, und ich war mehr als einmal nahe daran, ihn zu fragen, was er damit meine, ließ es aber, weil es mich dann doch wieder nicht genug interessierte. Er war ein Österreicher, der schon in seiner frühen Jugend zu uns verschlagen worden war durch irgend ein Schicksal, wie ich gelegentlich erfuhr, und hieß Frerichs. Von den andern Herren wurde er nicht besonders geschätzt, wie ich merkte, trotzdem er ein stiller, friedlicher Mensch und ein überaus fleißiger Arbeiter war. Sie machten sich gern über ihn lustig, und besonders tat das der rotbärtige Giller, den ich im stillen den Kettenhund hieß, denn er war wie ein solcher knurrig und bissig und hatte eine Bewegung an sich, die aussah, als ob er zuschnappen wolle. Dieser sprach von Frerichs als dem Dichter, aber in einer Weise, wie wenn ein anderer von einem Dummkopf spricht, oder wie einer der Josephsbrüder auf der Weide bei Sichem gesagt haben mag: Seht, da kommt der Träumer her. Das hörte ich aber nur nebenbei, denn mit mir sprach er nur über geschäftliche Dinge. Da begab es sich, daß ich eines Abends mit Frerichs zugleich das Kontor verließ, um noch einen Gang zu tun vor dem Abendessen, das ich allein von allen Angestellten im Hause einnahm, wie ich auch allein darin wohnte. Er sah mich wieder so zweifelhaft an und sagte dann mit der kindlichen Stimme, die mir immer an ihm auffiel, weil sie gar nicht zu seinem Äußeren paßte: „Ich möchte Sie schon lang etwas fragen, Fugeler. Ich habe nämlich, – ich mache nämlich hie und da Gedichte, oder auch“ – er neigte den Kopf zu mir her und sah sich um, ob niemand in der Nähe sei, und flüsterte: „ich verfasse auch hie und da Novellen oder dergleichen, und würde Ihnen gern einmal etwas zeigen. Das heißt, wenn Sie es gerne wollen.“

Da war nun das Rätsel gelöst. Ich ging mit ihm in seine Stube, die hoch gelegen war und eine schräge Wand hatte, wie sich das für einen Dichter gehört, und er hatte auf einmal einen festlichen Glanz in den Augen und ein aufgewachtes Wesen, und holte aus einem Wandschränklein ein Bündel Hefte hervor, die alle mit einer kleinen, schnörkeligen Schrift beschrieben waren, von denen sollte ich dies und das mitnehmen und lesen, wenn ich nämlich so gut sein wolle. Ich fühlte mich nicht wenig geschmeichelt, daß er mich ins Vertrauen zog, und las auch seine Sachen, die mir aber teilweise irgendwie bekannt vorkamen, ohne daß mir beikommen wollte, woher. Einmal erinnerte mich etwas an diesen Dichter, einmal an jenen; ich wurde nicht recht klug daraus. Dann wieder auf einmal kam ein Gedicht, in dem sonderbar traurige oder sehnliche Gedanken in eine ungefüge Form gefaßt und so halblebendig geblieben waren, da man doch den Eindruck hatte, als ob gerade diese ihm ganz eigen seien und er nur nicht die Kraft besessen habe, sie herauszumeißeln. Frerichs wartete geduldig, bis ich etwas sagte, ich sah ihm aber wohl an, wie gern er mich gefragt hätte, während es mir doch schwer fiel, eine Kritik zu üben, die eigentlich kein Lob enthielt, da ich doch ein junger Mensch war seinem reifen Alter gegenüber und auch gar keine Übung darin hatte, was ich meinte, sachlich zu begründen.

Einmal mußte es aber doch sein. Ich gab ihm die Hefte zurück und sagte zögernd, manches habe mir gut gefallen; ob es aber nicht schwer sei, zu vermeiden, daß einem fremdes dazwischen komme, wenn man unter so vielen Büchern lebe?

Da sah er mich erschrocken an und sagte: „Also das haben Sie auch gemerkt? Und so hilft denn alles nichts!“ Und er bekannte mir, daß er an einer Art von Dichtkrankheit leide, die ihn zwinge, immer, wenn er etwas recht Schönes gelesen habe, etwas dem Ähnliches zu verfassen, das ihm aber während des Schreibens nach und nach so eigen werde, als ob es ganz allein aus ihm heraus entstanden sei, so daß er die Dinge eigentlich geistig wiederkäue oder vielmehr wiedergebäre und sie trotzdem dann liebe wie eigene Kinder. Er habe deren auch, denn hie und da falle ihm, etwa Sonntag morgens im Bett, etwas ein, das ihn dann nicht mehr loslasse, bis er versuche, ihm eine Form zu geben, was aber meistens nur halb gelinge, so daß die Lebewesen dann nicht ganz entstünden und etwa mit dem Kopf oder Oberleib aus dem Stein herausschauten, mit den übrigen Teilen aber stecken blieben, was ihn dann kläglich plage.

Er sagte das alles so bekümmert und ehrlich, wie ein Patient dem Doktor, zu dem er Zutrauen hat, die Symptome seines Leidens mitteilt, und mir blieb das Gelächter, in das ich schon hatte ausbrechen wollen, im Hals stecken und zuckte nur immerfort in den Kinnbacken, so daß ich das Gesicht verziehen mußte, als ob mir etwas weh tue. Denn es war eine solche Mischung von Torheit und von Ehrlichkeit und eigentlich rührendem Ernst in seinem Gesicht, als er die Sache vorbrachte, daß ich mich gar nicht dabei zu behaben wußte.

Er fügte noch hinzu, wenn die Spiegelgebilde, wie er sie wohl nennen dürfe, da sie im Spiegel der echten Werke entstanden seien, dann allemal ein gewisses Alter erreicht hätten, und er sie wieder ansehe, so sei es ihm oft, als ob sie ihren Urbildern doch nicht so ähnlich seien und er sie eigentlich wohl für eigene ausgeben dürfe. Dann reize es ihn immerfort, sie in die Welt hinauszugeben und ihnen so ein eigenes Leben zu verschaffen, und er müsse sie vor sich selber verstecken, damit er es nicht tue, bis er wieder etwas Neues mache und das Spiel von vorne anfange.

Ich hatte mich inzwischen gefaßt und sagte einige weise Worte, die mir im Gefühl meiner Wichtigkeit einfielen, wie, daß nicht jeder Mensch ein Dichter sein könne und man freilich jedem das Seinige lassen müsse, da das Nachahmen keine schöne Sache sei, und solcher Binsenwahrheiten mehr.

Denn damals wußte ich noch nicht, was ich jetzt weiß, daß nicht alle, die an dieser Krankheit leiden, sich damit hinter Schloß und Riegel setzen, sondern manche der Patienten machen ein großes Geschrei und tun noch, als ob die Bastarde die rechten Kinder wären.

Der Nachdichter, wenn ich ihn so heißen soll, hatte in einer Anwandlung von Schwäche erhofft, meine Jugend und Unerfahrenheit, die aber doch wieder nicht gar zu groß sei, werde das Verfahren nicht merken, so daß ihm vielleicht in mir einer entstehe, gleichsam als Vertreter einer Sorte von Lesern, der sich unbefangen an seinen Schätzen erfreue und den zweiten Aufguß für einen ersten nehme. Denn es verlangte ihn nach einem kleinen Ruhm oder einer Wirkung bei aller Wahrhaftigkeit, die ihm immer wieder das Gelüste totschlug, und er hatte sich mit den zwei Seelen, die er in der Brust trug, tüchtig herumzuplagen.

Für den Augenblick war er jetzt verlegen und enttäuscht und sah aber auch an meiner Findigkeit hinauf, die mir selber erstaunlich war, und mich vor mir erhob, so daß ich, ohne es zu wissen, für einige Zeit den raschen, federnden Gang und die elegante Handbewegung des Herrn Hubli annahm, der mir am meisten von den Gehilfen imponierte trotz seiner großen Glatze. Denn ich war selber ein Nachahmer, wenn auch in andern Dingen, nur mir selber unbewußt; ich merkte es immer erst nachträglich.

Mit Herrn Frerichs kam ich in ein halb freundschaftliches Verhältnis, das bei mir aber mit ein wenig Überheblichkeit vermischt war, so daß ich in meiner Jugend väterlich über ihn lächelte, was dann wieder den Kettenhund Giller reizte, da es nach seiner Meinung nicht dasselbe war, ob er oder ich über den seltsamen Kauz urteilte.

Wir gingen hie und da miteinander spazieren in fleißigen Gesprächen, und ich merkte wohl, daß er freilich dennoch ein Dichter sei, da er selig empfand, was tief und schön sei, und da er litt, wenn er nicht das Wort fand für das, was in ihm lebte.

So ging ich einige Zeit mit dem reiferen Alter um, ohne Verkehr mit Jugendgenossen; es konnte aber nicht lange so bleiben.

Eines Wintersonntags kamen wir beide von einem Waldspaziergang her auf die breite, mäßig abfallende Steige, die von dem bewaldeten Berge nach der Stadt hinunterführt. Es lag ein schöner Schnee, der in der blassen Wintersonne frisch erglänzte. Im Wald war es traumhaft still gewesen, bis wir uns dem Ausgang genähert hatten, wo dann die Ausläufer eines lustigen Lärms hereingeschallt waren und mich ungeduldig getrieben hatten, an die Quelle solcher Fröhlichkeit zu kommen. Denn es war Zeit bei mir, daß ich wieder unter meinesgleichen kam, nachdem ich lange nur im Bücherlesen und im Umgang mit den Alten gelebt hatte. Als wir nun an den Tag traten, wimmelte der Berg von einer fröhlichen Jugend, die auf Schlitten die glatte Bahn hinuntersauste mit Geschrei und Lachen, von dem die Luft widerhallte. Es waren da viele rote und blaue Mützen und farbige Brustbänder der Studenten zu sehen, und dazwischen mischten sich zierliche Pelzmützen, die auf blonden oder braunen Locken oder Zöpfen saßen, ungerechnet das Gewimmel der Schulkinder, das barhäuptig, in gestrickten Sturmhauben oder Kapuzen erschien und den weitaus größten Lärm machte, denn es mußte die überschüssige Kraft los werden.

Das alles rührte mich heimatlich an und rief mich zu sich, daß ich mitkommen möge, so daß ich es nicht erwarten konnte, bis ich den Frerichs los hatte, der mir auf einmal in seinem langen Überzieher und mit dem milden Gesicht vor aller Lustbarkeit zu stehen schien. Ich stand begierig zusehend still, bis er kalte Füße bekam und entschuldigend sagte, wenn es mir nichts ausmache, so wolle er vorausgehen, da er noch etwas zu tun habe; denn er hatte wieder ein neues Buch gelesen, das ihm keine Ruhe ließ, soviel ich schon unterwegs gemerkt hatte.

Da stand ich denn nun in der Freiheit auf dem Berge und überlegte mir, wie ich zu einem Schlitten kommen solle, denn ich mußte fahren, das war ausgemacht.

Als ich nun so sinnierte und nicht recht den Rang bekam, einen der Schulbuben darum zu fragen, ertönte auf einmal neben mir ein helles Gelächter und ich sah, mich umwendend, drei lustige junge Mädchen, die mich vergnügt betrachteten. Sie hatten einen langen Schlitten, den sie miteinander an einem Strick den Berg hinaufgezogen hatten, und waren jetzt im Begriff, wieder abzufahren. Es waren offenbar Mädchen, die am Werktag in irgend einer Brotarbeit standen, das konnte ich wohl sehen, so sauber sie auch jetzt in einem billigen Sonntagsputz aussahen. Vielleicht waren es Bügelmädchen, wie die, die daheim meiner Schwester Luise halfen.

„Wollen Sie aufsitzen?“ fragte die eine, die eine weiße wollene Mütze auf den krausen Haaren trug und ein paar frische rote Backen hatte von der Schneeluft. Aber als sie das gesagt hatte, lachten alle drei aufs neue, denn sie waren in dem Alter, wo man keinen besonderen Grund zum Lachen braucht, sondern nur in der passenden Stimmung sein muß, um unaufhörlich fortzulachen. Da war ich nun in der Lage, die ich mir gewünscht hatte, ich hätte nur ja sagen oder mit dem Kopf nicken müssen, so hätte ich ohne weiteres den Strick in die Hand bekommen und auch etwa das eine oder andere der jungen Geschöpfe hinter mich auf den Schlitten für eine oder ein paar Fahrten den Berg hinab. Denn sie waren einfachen Wesens und nicht zimpferlich, das war leicht zu sehen. Mir aber schoß auf einmal eine hochmütige Regung durch den Sinn, so daß ich dachte: „Das denn doch nicht,“ obgleich ich soeben noch voller Verlangen nach der Jugendlust gewesen war. Und weil ich nicht wußte, warum sie lachten, und dachte, ihre Fröhlichkeit sei irgendwie auf mich gemünzt in spöttischer Weise, so stieg mir das Blut in den Kopf wie einem gereizten Truthahn, und ich gab dem Schlitten einen Stoß mit dem Fuß, damit immerhin und ohne meinen Willen zeigend, daß ich kein vornehmer junger Herr sei, sondern eher in etwa ihresgleichen, aber es doch nicht sein wollte. Sie waren ein wenig betreten wegen meines unfreundlichen Wesens und sahen einander und mich einen Augenblick erstaunt an. Aber der Schaden war nur auf meiner Seite, denn die kecke Blonde mit der weißen Mütze sagte mit schnell wiedergewonnener Fassung: „So kommt und lasset den Herrn. Er wird schon zu alt sein zu solchen Sachen, und es könnte ihm auch sein Hütlein davonfliegen.“ Und darauf stiegen sie alle drei ohne viel Umstände wieder auf den Schlitten; aber als ich unwillkürlich den Abfahrenden noch einen Blick nachsandte, da traf mich aus einem Paar guten braunen Augen, die der Letzten auf dem Fahrzeug gehörten, ein Strahl, der mir Herzklopfen machte, weil er freundlich und gut war und zu sagen schien: Wir haben es nicht bös gemeint, du hättest immerhin aufsitzen können. Da war es bei mir aus mit der Lust; ich ging mißmutig nach Hause und vergrub mich in meine Kammer. Ich konnte es aber nicht lassen, zum offenen Fenster hinauszuhorchen, ob ich von ferne den Schlittenjubel vernehme, und wenn ein Jauchzen die dünne Luft zerschnitt, so spürte ich, daß ich meiner Jugend etwas schuldig geblieben sei.

*

Bald darauf schmolz der Schnee, der nur noch ein Nachzügler gewesen war, und der Frühling kam ins Land mit allen guten Dingen, die er hatte: mit frischen Winden, die er den Leuten lachend ins Gesicht blies, mit Starengeschwätz, mit singenden Bächen, die überall von den Bergen herunter kamen, mit Palmkätzchen, die die Bauernweiber auf dem Münsterplatz feil hielten, und dergleichen, so daß wieder einmal die Zeit war, in der man nicht wußte, was noch werden mag.

An einem sonnigen Nachmittag trat ich unter die Ladentür, die offen stand, um etwas von dem leiernden Lied eines Orgelmanns, der draußen vorbeiging, aufzunehmen. Er spielte und sang dazu mit mißtöniger Stimme Bertrands Abschied, und hatte einen Schweif von Gassenkindern hinter sich drein. Neben uns lag ein Blumenladen, dem eine sehr stattliche Dame vorstand, deren Leibesfülle ich schon oft angestaunt hatte. Sie hatte ein kleines Schnurrbärtchen auf der Oberlippe und gar nichts von einer Flora an sich. Aber an diesem lichten Frühlingstag trat auf die Schwelle heraus ein schlankes, braunhaariges Mädchen, das einen angefangenen Kranz in den Händen hielt, und dessen Gesicht ich früher schon gesehen haben mußte, aber ich wußte nicht gleich, wo. Das Mädchen ging, nachdem es einen Augenblick gehorcht hatte, in den Laden zurück und kam gleich darauf mit einem Nickelstück wieder heraus, das sie dem Orgelmann auf seinen Kasten legte. Sie lächelte ihn gut und freundlich an, und in dem Augenblick wußte ich auch, daß sie das Mädchen von dem Schlitten war, das mich so tröstlich angeblickt hatte. Da besann ich mich nicht lange, sondern ging, weil es Frühling und mein Blut in frischer Regung war, ohne Scheu über die Straße, um ein gleiches Stück daneben zu legen und gleichfalls einen guten Blick aus den braunen Augen zu erhaschen. Der Leiermann ließ sich nicht in seinem Lied stören, er nickte uns beiden, dem Mädchen und mir, nur beifällig zu und wir hielten uns auch nicht mit ihm auf, sondern lachten einander an wie alte Bekannte, und das war der Eingang zu einer kleinen Unterhaltung. „So, also da sind Sie?“ sagte ich, denn es fiel mir nichts anderes ein; „was tun Sie denn da?“

Da lachte sie ohne allen ersichtlichen Grund noch mehr, vielleicht bloß, weil es ihr gefiel, zu lachen. „Das hätten Sie schon lang sehen können, daß ich da bin,“ sagte sie, „aber wenn man immer so ernsthaft herumgeht und die Augen nicht aufmacht, dann kann viel vorbeigehen, was man nicht sieht.“

Und sie erzählte mir ohne aller Ziererei, daß sie schon damals, als die Schlittengeschichte gewesen war, meine Nachbarin gewesen sei, und daß es ihr immer leid getan habe, daß ich ihr nie einen Blick geschenkt habe. „Lieber Gott, wenn man so jung ist,“ sagte sie, „dann muß man doch auch ansehen, was jung ist, und einander ein gutes Wort gönnen, alt wird man bald genug, meinen Sie nicht auch?“

Da hatte sie recht, das fühlte ich deutlich. Aber noch war es ja Zeit, und es mußte jetzt anders kommen, sonst ging mir irgend etwas vorbei, das schön sein konnte und es nicht war, weil ich die Augen nicht aufmachte. Sie mußte wieder zu ihrem Kranz zurückkehren, der Eile habe, wie sie sagte. Er sei ganz aus einem hellen Moos mit lauter Veilchensträußen rings herum, und er sei für ein junges Mädchen, das an der Auszehrung gestorben sei. Als sie das sagte, wurde ihr helles freundliches Gesicht wie beschattet, weil es so unbegreiflich war, daß man vom Jungsein hinwegsterben konnte. „Ich trage ihn nachher selber auf den Friedhof,“ sagte sie, „denn ich will das Mädchen sehen, das schon in der Leichenhalle liegt. Es ist fremd hier, ein Herr hat den Kranz bestellt, ich glaube, es ist ihr Schatz gewesen, aber ein vornehmer. Er hätte sie doch nicht genommen, wenn sie auch gelebt hätte.“

Das sagte sie mit einem kleinen Seufzer, aber ich wußte nicht, ob er dem toten Mädchen galt oder dem verlassenen, das es wahrscheinlich geworden wäre, wenn es gelebt hätte, und ich mochte auch nicht fragen, weil mir zu viel Neues auf einmal im Kopf herum ging.

Das Mädchen sah mich einen Augenblick prüfend an, dann fügte es hinzu: „Wenn Sie wollen, können Sie mitkommen. Oder sehen Sie nicht gern Tote? Ich schon, ich lebe dann noch viel lieber, wenn ich gesehen habe, daß man auch tot sein kann.“ Es war mir nicht ganz so, ich hatte immer ein Grauen vor dem Tode und allem, was damit zusammenhing. Aber ich mochte es jetzt nicht gestehen, weil sie so ganz natürlich davon sprach, und ich mochte ihr das Mitgehen auch nicht abschlagen, sonst saß ich wieder allein da. So sagte ich zu ohne viel Besinnen und hatte nun also eine Verabredung mit einem hübschen jungen Mädchen, das ich vor ein paar Minuten noch gar nicht gekannt hatte. So ging es zu im Frühling.

Die dicke Dame mit dem Schnurrbärtchen rief: „Hertha!“ mit ihrer tiefen Stimme, und das Mädchen enteilte, aber es nickte mir vorher noch gut und freundlich zu, und ich ging nachdenklich und aufgeregt zu meinen Büchern zurück, denn es ging allerlei in mir um.

Ich war kaum fünf Minuten draußen gewesen. Auf dem Ladentisch lag ein Stoß Landkarten, denen ich Etiketten aufzukleben hatte. Der Buchhalter hustete und räusperte sich im Kontor, dessen Tür offen stand, und Herr Hagenau ging drinnen auf und ab und hielt ihm einen Vortrag, den er schon vorher angefangen hatte. Es war alles ganz wie zuvor. Aber ich hatte in der Zwischenzeit etwas erlebt. Es hatte sich eine Tür aufgetan, die seither verschlossen gewesen war, und ich stand unter ihr und sah allerlei schöne Dinge. Sie durfte nicht wieder zufallen, denn draußen stand die Jugend und das Leben und hatte lachende braune Augen und einen Kranz von braunen Zöpfen. Und alles hing auch wieder mit dem Tod zusammen. Man konnte davonkommen, eh' man es dachte, und dann blieb vieles ungeschehen, das erst hätte kommen sollen.

Das durfte aber um keinen Preis sein, dazu war man nicht Mensch geboren. Aber andererseits: Wie konnte ich es möglich machen? Ich hatte nach Ladenschluß beim Nachtessen zu erscheinen und da gediegen und ehrbar am Tisch zu sitzen bei Fräulein Brigitte und Herrn Kasimir. Das waren alte Leute, von meiner Jugend aus betrachtet, und sie konnten mir zum Umgang keineswegs genügen. Bis aber das Essen vorbei war, wurde es dunkel, und der Abend war hin. Da wurde mein Gemüt borstig und sträubte sich, denn es wollte nicht an der Kette liegen, und es tat nichts zur Sache, daß es diese bis heute nicht empfunden hatte. Ich schmiß die Karten mit einem zornigen Wurf auf den Nebentisch, um doch etwas gegen die Ordnung zu tun, und beschloß bei mir, der alten Salome zu sagen, daß ich in einen Vortrag gehe und nicht beim Abendessen erscheinen könne. Das war frank und frei gelogen, und es war eine Kunst, die ich bisher nicht geübt hatte. Aber es kam mir nicht unmännlich vor, daß ich es tat, im Gegenteil. Denn man brauchte nicht alles zu wissen, was ich vorhatte, da ich immerhin über neunzehn war. Da, als ich grimmig ausdachte, wie ich mich benehmen wolle, kam zur Ladentür herein ein junges Menschenpaar, Bruder und Schwester, wie man sogleich sah. Sie waren beide hoch und schlank und von einem hellen, kühlen Blond, und ich wußte, als sie nach Herrn Hagenau fragten, daß es erwartete Gäste waren, Neffe und Nichte aus Holstein oder sonst da oben her. Man hatte bei Tisch von ihnen gesprochen und sie wohl an einem andern Tag erwartet. Aber nun sie da waren, gab es ein großes Grüßen und Händeschütteln. Herr Kasimir verjüngte sein Faltengesicht in der Freude an der Familienjugend und ließ es sich gefallen, daß er auf beide Backen geküßt wurde; das mochte dem Weib- und Kinderlosen ein seltenes Streicheln sein.

Ich hatte das Zusehen dabei, und es war mir einen Augenblick, als sähe ich einen alten ledernen Geldbeutel auseinandertun, verwittert und abgerutscht, aus dessen Innerem es plötzlich hervorgleißte von Gold und Silber, was ihm äußerlich niemand zugetraut hätte, so zum Lebendigen verändert schien es aus dem alten Herrn heraus, den ich noch nie so durchsonnt gesehen hatte.

Da konnte ich nun meine Pfeifen einziehen, was die Tischgesellschaft bei uns betraf, denn Jugend gab es nun gleichfalls im Hause, es war nur die Frage, ob sie etwas von mir wissen wollte.

Die alte Salome ging eilig, um noch irgend etwas einzukaufen, an der offenen Ladentür vorbei, und ich wäre vielleicht wohlfeil davongekommen, wenn ich mich bei ihr abgemeldet hätte. Aber ich tat es nicht, es war keine Rede mehr davon bei mir, sondern ich ging nach einer Zeit, als ich gerufen wurde, mit einer neuen Krawatte geschmückt, zum Tisch und saß herzklopfend neben dem jungen Mädchen, das Eleonore hieß, Eleonore Bitterolf nämlich, und vielleicht zwischen siebzehn und achtzehn war. Es war aber, um es gleich zu sagen, kein junges Mädchen, was man so heißen konnte, sondern eine Dame, vor deren sicherem und gewandtem Wesen und Auftreten ich mich verkriechen konnte. Der Bruder hieß Hermann, hatte ein freies und heiteres Gesicht, erzählte frisch und munter, brachte alle und auch mich zum Lachen und war ein junger Mensch wie ich. Dagegen das Fräulein brachte sogleich die Überzeugung in mir auf, daß es auf mich herabsehe und mich gering schätze, was mich tief kränkte, obgleich ich keinen Beweis dafür hatte. Sie hatte einen kühl-erstaunten Blick zu versenden, wenn ich, von des Bruders frohmütigem Wesen angesteckt, ins Lachen geriet und in die Unterhaltung eingriff in meiner schwäbischen Mundart. Dann wurde ich verlegen und zornig auf mich selbst, daß ich es wurde, sprach schriftdeutsch und stolperte dabei und machte eine unglückliche Figur, vor mir selbst vielleicht mehr als vor den andern, die mich gewiß nicht so wichtig nahmen.

Fräulein Brigittens schöne Augen lagen des öftern aufmunternd auf meinem Gesicht, und sie versuchte mein Schifflein zu steuern und brachte es auch in ruhigeres Fahrwasser, nur durch ihr freundliches Dabeisein. Das Mädchen war vielleicht so übel nicht, wenn man es recht überlegte, es war ihm alles fremd hier unten im Süden, und es hatte von Natur eine andere Gemütsart und Sprache als wir, nämlich eine norddeutsche, da konnte man nichts machen. Dazu kamen die großen hellblauen Augen und die Last des ganz ährenblonden Haares samt der weißesten Haut, was alles zusammen unerreichbar fein und vornehm aussah, so daß man zwar vorläufig einen vorsichtigen Bogen um die ganze Erscheinung herum machte, aber zum Haß keinen ausreichenden Grund hatte. Es wurde auch alles leichter und besser, als der Abend vorrückte. Nach dem Nachtessen gab es Bowle, und als ich aufstehen und mich entfernen wollte, lud mich Herr Kasimir in aufgemachter Stimmung ein, ein Glas mitzutrinken, und ich ließ mich ohne Mühe halten, trotzdem ich Hertha das Mitkommen versprochen hatte. Es wurde musiziert, das Fräulein Eleonore spielte die Geige, die sie mitgebracht hatte, und ich hing mit den Augen an ihr, wie sie so schlank und hoch dastand in ihrem dunkelblauen Kleid und mit sicherer Bewegung den Bogen führte, während dagegen Fräulein Brigitte recht kümmerlich am Klavier saß, was mir heute auf einmal wieder auffiel und mir ein peinliches Gefühl schuf. Aber das konnte bei ihr nie lange dauern. Man brauchte bloß in ihr heiteres, warm beseeltes Gesicht zu blicken, so konnte man sich mit seinem Mitleid verkriechen und sie für eine verkleidete Göttin halten, und dafür sprach auch die Musik, die unter ihren Fingern hervorquoll, wie ein kristallener Bach.

Es war Mozart, was sie spielten, und es war eine so reine, leichte Heiterkeit und ein so frühlingshafter Duft und Wohlklang darin, daß meine törichte Wichtignehmerei davor in nichts verging und ich nur begierig war, mich noch länger so dahintragen zu lassen ohne Gedanken und auch ohne persönliche Ansprüche.

Es war mir zumute wie einst beim Baden im heimatlichen Fluß, wo ich mich gern auf den Rücken gelegt und von den lauen, durchsonnten Wellen hatte tragen lassen. Aber das konnte nicht ewig fortgehen. Die Musik jubelte noch einmal auf und schwieg dann, und es wurde einiges darüber geredet, von dem ich nichts verstand. Ich saß auf einem Stuhl am Fenster, von dem ein Spalt geöffnet war, und sah bald auf die schwach erhellte Straße hinaus, bald nach dem blonden Fräulein hin, und es ging allerlei in mir um, von dem ich am Morgen noch nichts gewußt hatte. Ich dachte, wer solche Musik spielen könne, der sei freilich zu bewundern und habe allen Grund, viel auf sich zu halten, denn er habe einen Schlüssel zu hohen und schönen Welten. Und ich bat es dem Fräulein Bitterolf ab, daß ich sie im stillen ein steifes und hochmütiges Ding genannt hatte, und schickte meine Augen unverhüllt nach ihr hin. Da lächelte sie plötzlich und wurde ein wenig rot und sah auf einmal aus wie ein siebzehnjähriges Mädchen, das sich gern in seiner schönen Jugendpracht ein bißchen bewundern läßt. Und ich war froh und befreit, denn lange hätte ich das verehrende Gefühl doch nicht ausgehalten, ich hatte keine Übung darin.

Der Bruder sang noch ein paar Lieder mit einer hübschen, warmen Stimme; ich fühlte mich zu ihm hingezogen und wünschte ihn mir zum Freund zu haben, und er war auch ganz harmlos herzlich und einfach mit mir, obgleich er älter war als ich.

Die Geschwister blieben etwa vierzehn Tage da, und es war in dieser Zeit ein anderes Leben im Hause als sonst. Es ging allerlei Jugend aus und ein, es wurde gespielt und musiziert, und ich nahm an allem Anteil, als verstehe es sich von selbst. Da verging manches Unsichere, Ungelenke und es fiel auch manches trotzige Wehren gegen bloß vermutete Geringschätzung von mir ab, da mir niemand etwas zuleide tat und ich im allgemeinen ein fröhlicher Bursch war, wo ich mich heimisch und im Recht fühlte. Es wurden Nachenfahrten und Ausflüge gemacht, und ich bekam zum einen und andern ein paarmal Urlaub, was mir freilich den zornigen Ingrimm der alten Garde zuzog, wie ich die Herren bei mir hieß, die für sich selber nie eine freie Stunde außer der Regel nahmen. Das focht mich aber wenig an, denn es ging mir im allgemeinen viel zu gut, es sollte nur brummen, wer es nicht lassen konnte, bei mir ging es mit vollen Segeln ins Jungsein hinein.

Ich kaufte mir ein Fahrrad und mußte ja freilich meinen Schwestern die Rechnung darüber schicken und einen Brief, in dem geschrieben stand, daß ich es später einmal zahlen wolle, denn jetzt brauche ich es unbedingt. Denn es war so, daß ein ganzer Trupp junger Leute von beiderlei Gattung sich zum Radfahren zusammentat und am letzten Tag, den die Geschwister Bitterolf unter uns waren, einem Sonntag, eine weite Fahrt in die Rheinebene hinunter machen wollte. Dabei aber zurückzustehen, wäre mir bitter gewesen, und ich sah keinen Grund ein, es zu tun. Gelernt hatte ich die Kunst schon auf dem klapprigen Rad unseres Ausläufers, und als der Sonntag kam, saß ich auf meinem Wanderer und fuhr leicht wie ein Vogel dahin in einem fröhlichen Schwarm.

Die Stadt lag in einem weiß- und rosafarbigen Blütenstrauß und spiegelte sich im Fluß, wie ein junges Mädchen, das Freude an seinem hübschen Bilde hat, und wir, als wir unter dem blauen Himmel in einer leichten Staubwolke dahinflogen, die unsere Räder aufwirbelten, fühlten uns so recht im Besitz der schönen Welt. Ich lenkte mein Rad neben das der Fräulein Eleonore, die soeben ein wenig hinter den andern zurückgeblieben war. Denn ich hatte einen ganzen Sack voll Lebensmut an diesem schönen Sonntagsmorgen, und ich wollte ihn vor ihr auftun und spielen lassen, da sie morgen wieder fortging und ich noch etwas bei ihr auszuwetzen hatte vom ersten Abend her. Es peinigte mich, daß sie mich als einen ungeschickten Burschen in der Erinnerung behalten sollte, was ich meiner Meinung nach gar nicht war. Denn ich hatte doch viel gelesen und gelernt und war überhaupt nicht dumm, ich konnte mich ganz gut unterhalten, wenn jemand auf mich einging. Auch fielen mir oft die lustigsten Sachen ein, wenn ich nur jemanden gehabt hätte, dem ich sie erzählen und der mit mir hätte lachen können.

Also nahm ich einen Anlauf mit einem Strauß Maiblumen und einer höflichen Anfrage, ob ich sie am Rad befestigen dürfe. Es fiel aber, um es gleich zu sagen, nicht gut aus. Denn das Fräulein, das hoch und nobel auf seinem Rad saß in seinem blauen Leinenkleid, blieb unlebendig und höchstens höflich und ließ seine Augen nach unserem Vordermann, einem Mediziner, hingehen, der sich soeben zu einer dicken und lustigen Studentin gesellt hatte und ihr etwas Lachendes zurief, das man bei uns nicht verstehen konnte. Es war meiner Dame nicht recht, daß der Mediziner nicht neben ihr fuhr, das mochte ich ihr aber in meinem Innern gönnen, ja es erhob mich, daß sie auch nicht alle Trümpfe in der Hand hatte, und ich bekam plötzlich Oberwasser und fing an, vom schönen Wetter und der schönen Gegend zu reden und, als das nicht recht verschlagen wollte, vom Geigenspiel und der Musik überhaupt. Ich verstand zwar nichts davon, aber das schadete nichts, darum konnte ich doch davon reden, und die Dame wurde auch dabei auf einmal lebendig und munter und belehrte mich aufs beste.

Da kamen wir schön in Zug miteinander. Ich bekam vor lauter Fröhlichkeit eine Suada, als ob ich süßen Wein getrunken hätte, und brachte das Fräulein einmal ums andere zum Lachen. Die Trauben wuchsen mir nur so zu, und sie sah mich drunterhinein erstaunt an, was ich so auslegte, als ob sie mich nun erst recht kennen lerne, und ich ihr imponiere, und ich dachte: Ja, schau nur, du wirst dann später schon noch das Nähere von mir erfahren, nämlich, daß Ludwig Fugeler es mit allerlei Leuten aufnimmt, ob sie nun aus Preußen oder Schwaben seien.