Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist so ausgezeichnet.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am [Ende des Buches].

Wanderschuhe
und andere Erzählungen

Von

Anna Schieber

Elftes bis fünfzehntes Tausend.

Verlegt bei Eugen Salzer in Heilbronn
1914

Druck: Christliches Verlagshaus, Stuttgart

Inhalt

Seite
Wanderschuhe [1]
Ein Sommer [59]
Aus Kindertagen [109]
Ellen [133]
Ein Vater [187]
Sein Geburtstag [223]

Wanderschuhe

Novembernebel lag dicht und schwer auf der Erde; droben auf der rauhen Alb war es. Kaum daß man zwei, drei Schritte vor sich sah. »’s könnt’ Schnee kommen, Herr Pfarrer,« sagte der Ulmer Bote, der neben seinem schwergeladenen Wagen herging und prüfend in die Luft guckte. »Aber freilich, nichts Gewisses weiß man nicht.«

Der Pfarrer hatte einen Gast abgeholt, einen jüngeren Freund und Bundesbruder. Er selber war alt geworden im Amt, er war schon viele Jahre hier und mochte auch nicht mehr ans Wandern denken; er war verwachsen mit dem rauhen Stück Erde da oben und mit den Menschen, die auf ihm emporwuchsen.

»Ich hätte dir gern die Gegend in sonnigerem Lichte gezeigt,« sagte er zu dem Jüngeren. »Gestern noch wäre es schön gewesen, da hatten wir blauen Himmel und Sonne, die Wälder sind noch vielfarbig bunt, nun müssen wir uns im Hause einspinnen.« Dann saßen sie einander gegenüber in der großen Wohnstube. Ein gutes Feuer brannte in dem mächtigen eisernen Ofen, der von der Küche aus geheizt wurde. Draußen hantierte die alte Magd, die Pfarrfrau war verreist. »Großmutterpflichten,« sagte der Pfarrer lächelnd, »es ist das sechste Enkelkind, drunten im Unterland, wir werden immer reicher.«

Drüben auf dem Turm fing eine Glocke an zu läuten. Ernst und schwer drangen die Töne durch den Nebel; oder schien es dem Gast nur so? »Ich muß dich nachher eine halbe Stunde lang allein lassen, du magst dich so lang an meinen Bücherschränken umsehen, die sind dir doch schon längst im Sinne. Es ist eine Beerdigung – und sonderbar genug ist der Fall, ich erzähle dir nachher davon, da du doch auf Geschichten erpicht bist. Nein, nein, laß nur, das wissen wir noch von früher her. Und im Grunde, was ist uns auch näher, als der andern Menschen Geschichte, Lust und Leid, Arbeit, Liebe und Tod?«

Der Gast nickte. So war der Pfarrer immer gewesen; unter allen Interessen waren ihm die, die des Menschen Schicksale betrafen, am nächsten gestanden. So war er warmen Herzens ein Vater seiner Gemeinde geworden, ihn konnte man wohl so nennen, es war keine Phrase.

Nun läuteten die Glocken zusammen. Draußen der Nebel war dicht und dichter geworden. Der Gast stand am Fenster, das auf den Kirchhof ging und sah, wie sich die Schulkinder mit dem Lehrer um einen aufgeworfenen Hügel versammelten, und wie ein kleiner Leichenzug zu dem unteren Tor herein kam, wie sich der Pfarrer zu ihm gesellte und wie der Sarg, auf dem ein einziger Kranz lag, niedergestellt wurde. Ein Mann mit einem kleinen Bübchen auf dem Arm stand zunächst des Sarges; das mußte der Hauptleidtragende sein. Das alles sah der Gast nur in schattenhaften Umrissen, es war alles dicht eingehüllt in den Nebel, und aus dem Nebel heraus drangen auch dünn und wie verschwommen die Stimmen der singenden Kinder, dann die tiefe Stimme des Pfarrers. In der Stube war es heimelich warm und die Bücherschränke übten ihre Anziehungskraft aus; bald saß der Gast mit einer seltenen Ausgabe der Aeneide im Sofa, aus deren altertümlichen Kupfern er erst den Blick wieder erhob, als der alte Pfarrer vor ihm stand.

Der kurze Novembertag ging schon stark zur Neige, und, als müßte es so sein, fielen nun weich und lautlos die Schneeflocken vom Himmel und legten sich auf das neue Grab da draußen, in dem ein unruhiges Menschenherz war zur Ruhe gelegt worden.

»Nein, kein Licht, Ursel,« sagte der Pfarrer, als die alte Magd mit der Lampe erschien, »wir wollen im Dämmer sitzen und uns Geschichten erzählen.« Dann, als die Pfeifen brannten, fing er an: »Es war so ein Tag wie heut, das ist nun drei Jahre her. Ich weiß es wohl noch. Wir hatten die beiden ältesten Enkelkinder da, die spielten um den Tisch herum und jauchzten laut, daß es meiner Frau und mir zumute war, als kämen die alten Zeiten noch einmal herauf, wo unsere Eigenen so herumtollten.

Über dem ging die Tür auf; wir hatten ein leises Klopfen überhört, und in dem Rahmen stand ein junges Zigeunerweib. Ursel war an den Brunnen gegangen und hatte die Haustür solange offen gelassen, so war die Fremde unberufen bis in die Wohnstube gekommen. Die Kinder verstummten in ihrem Jubel und hingen sich meiner Frau an das Kleid. Ich habe schon viele aus diesem fahrenden Volke gesehen, Siegfried, es hat immer mein Herz bewegt, daß sie sind wie die Wanderschwalben, immer mit dem Trieb in die Ferne, und doch mit der Sehnsucht nach einer Heimat. Aber die hier stand und bittend die Hand ausreckte, die war so das Urbild eines Mädchens aus der Fremde, ein blütenjunges Weib, dem in dem bräunlichen Gesicht Lippen und Wangen in einem matten Rot leuchteten und dem aus dem bläulichen Weiß die Augensterne in einem feuchten, goldenen Braun hervorglänzten, die noch schlanke, junge Gestalt in ärmliche, doch etwas phantastische Gewänder gehüllt. Ich weiß das noch so genau, denn dieses junge Weib ist hernachmals noch oft in meinen Weg getreten und immer sah ich an ihr das Fremdartige, das sich in die Ferne sehnte und doch aus der Ferne wieder zurückstrebte, das Rätsel der Menschenseele, die ein Zuhause sucht durch alle Welt hindurch.

Für jetzt bat sie nur in fremdartig klingender Sprache um etwas alte Leinwand und Bettzeug, da in dem Wagen draußen vor dem Dorf, da, wo es hart an den Wald anstößt, ein Kind zur Welt geboren sei, und nichts vorhanden, es einzuwickeln. Meine Frau ging, unter mütterlichem Schelten über den Leichtsinn, solch ein junges Wesen in die Tür zu dieser Welt treten zu lassen, eh’ ihm ein Bett bereitet sei, um einiges, was ihr das Herz eingab, zusammenzusuchen. Da, während ich diese und jene Frage an die Wandernde stellte, beugte sie sich plötzlich, wie von einem unwiderstehlichen Trieb geheißen, zu dem kleinen Mädchen nieder, das sie mit großen Augen ansah, und strich ihm mit einer sachten, weichen Bewegung über das Blondhaar, irgend etwas Zärtliches in fremder Sprache murmelnd. Und sonderbar, das Kind, das sonst scheu sich vor Unbekannten zurückzieht, faßte von dem Augenblick an eine Zuneigung, eine fast leidenschaftliche Liebe zu der Fremden. Das ist nachher – doch ich greife voraus – noch andern so gegangen. Es war ein paar Tage später. Da brachte unsere Ursel eine fast unbegreifliche Kunde mit ins Haus, die im Dorf die Zungen und die Gemüter stark in Bewegung brachte und die auch uns, ich muß es gestehen, nicht ohne einige Aufregung ließ.

Draußen, am südlichen Ende des Dorfes – du hast vielleicht beim Hereinfahren das stattliche Giebelhaus mit dem gebräunten Balkenwerk gesehen – wohnte damals ein Junggeselle, von dem man allmählich die Meinung gewonnen hatte, daß er es bleiben würde, ein begüterter Bauer, der sich den Vierzigern näherte, und, seit ihm seine alte Mutter gestorben war, allein mit einer halbtauben Magd in seinem großen Anwesen hauste. Der sollte, so ging nun die Sage, mit der schönen Zigeunerin versprochen sein und sie zur Bäurin machen wollen. Ich konnte es nicht glauben, aus allerlei Gründen nicht. Aber am selben Abend noch, als ich schon in meiner Studierstube bei der Lampe saß, klopfte es an meiner Tür und der Bauer erschien, den weichen Filz etwas verlegen in den Händen drehend, und doch die sonst etwas trockenen Züge des hartgeschnittenen Gesichts von einem inwendigen Licht überglänzt. Ich habe dieses Licht schon je zuweilen auf Menschengesichtern leuchten sehen, und wenn ich es sah, ist es mir immer schwer gefallen, etwas dagegen zu sagen und es hat auch nie viel geholfen. Denn was ist die menschliche Vernunft gegen die geheimnisvolle Macht, die über alles hinüber die Menschen zueinander zieht? Nun, es war richtig so, wie die Ursel es ins Haus getragen hatte. Der Bauer saß mir gegenüber, und als er dann Worte gefunden hatte, da kam die Geschichte zutage. Du weißt, wir stehen gut miteinander, meine Pfarrkinder und ich, sie sind nicht scheu gegen mich.

Er hat es vielleicht nicht mit den gleichen Worten gesagt, aber so ungefähr war es doch: als er an jenem düsteren Nebelabend hinausging, die schweren Holzläden an den Wohnstubenfenstern vorzulegen, da stand, wie aus der Erde gewachsen, die Fremde vor ihm. Sie bat um etwas Milch für die Wöchnerin; man konnte von dort aus das flackernde Feuer, über dem der Kessel hing, vor dem Wagen der fahrenden Leute, durch den Nebel sehen. Der Bauer, er heißt Markus Lohrmann, hieß sie ins Haus kommen und führte sie unter das Licht der hängenden Ampel in der großen Stube, wo in einer Ecke die alte Burge saß und spann. Er war von jeher so ein wenig anders, als die meisten Leute im Ort, er gab sich auch mit Bücherlesen ab und hat schon manchen Band von mir geliehen, hat auch eine stattliche Bücherreihe auf dem Brett über dem Sofa stehen. Die alte Burge sah wohl etwas unwillig drein: die Zigeunerin hätt’ auch draußen warten können, was wollte sie hier in der Stube? Aber sie stand doch auf und ging in die Milchkammer, die hinter der Küche lag, um nach einer Weile mit dem gefüllten Gefäß des Mädchens wiederzukommen. Was derweil drinnen in der Stube geschehen war, wußte wohl keines von allen dreien zu sagen; aber es war doch so, daß aus den jungen, seltsam-schönen Augen der Fremden und aus ihrem ganzen Gesicht und Wesen der rätselhafte, zündende Funke auf den Mann übergesprungen war, der seither von den Mädchen im Dorf für einen hagebüchenen Einspänner hatte gehalten werden müssen. Burge mußte sich fast zu Tode wundern, daß nach dem Abendessen der Bauer, der sonst um diese Zeit sich über eines seiner nachdenklichen Bücher zu beugen pflegte, noch einmal seine Kappe aufsetzte und in den dicken Nebel hinausging. Sie blieb, als sie mit den Abendgeschäften fertig war, hinter dem Spinnrad sitzen und mag da wohl über dem Warten eingenickt sein, denn sie fuhr erschrocken empor, als ihr mit einemmal der Bauer die Hand auf die Achsel legte: »Warum gehst du nicht ins Bett, Burge? Es hat elf Uhr geschlagen, du solltest längst drinnen sein.«

Ihm selber hingen im Haar und in dem dunkelblonden, dünnen Schnurrbart die feuchten Nebel, die sich zu kleinen Tropfen sammelten. Er war stundenlang umher gelaufen, um eine Unruhe los zu werden, die er selber nicht an sich kannte, aber sie war nur größer geworden. Freilich, er hatte sie auch im Umkreis des flackernden Feuers herumgetragen, anstatt weit hinaus zu laufen über die Felder hin oder ins Dorf hinein. Aus dem Wagen war Zitherklang gekommen und Gesang einer Frauenstimme; eine fremdartig-sehnsüchtige Melodie kam zu ihm herüber, die Worte konnte er nicht verstehen. Dann, als eine Weile alles still war, glaubte er das Weinen eines Kindes, ein dünnes, hohes Stimmlein zu hören. Aber es wurde durch Männerstimmen und dann wieder durch ein Hundegekläff abgelöst. Am andern Morgen erschien das Mädchen wieder mit dem Milchgefäß, gerade zu der Zeit, als Burge im Stall auf dem Melkstuhl saß und der Bauer die beiden Taglöhner, die bei ihm schafften, anwies, ihm nur voraus auf den Rübenacker zu gehen.

Und da geschah das Merkwürdige, daß der große schottische Schäferhund des Bauern, der in der Stube auf einer alten Strohdecke lag, winselnd zu der Zigeunerin herrutschte und ihr seine eiternde Vorderpfote zeigte, wie ein Kind, das fragt: Kannst du mir nicht helfen? Sie aber beugte sich, wie sie es bei unserem Enkelkind getan hatte, nun zu dem Tier herunter, das sie mit großen, ausdrucksvollen Augen ansah, strich ihm sachte und lind über das Fell mehrere Male und fing dann an, die kranke Pfote zu bestreichen. Das alles tat sie nur mit einigen leisen, halbsingenden Tönen, – su su – sie schien den Bauer dabei vergessen zu haben. Und, nun magst du darüber sagen, was du willst, aber der Hund, der schon seit Wochen auf dem Stroh gelegen, der stand doch, als das Mädchen gegangen war, auf, und kratzte bellend an der Tür; er wollte ihr nach, und seinem Herrn erging es nicht anders. Die Pfote soll auch noch denselbigen Tag geheilt sein. – Der Pfarrer blies nachdenklich einige leichte Wölkchen aus seiner Pfeife, als wollte er in den krausen Gebilden, die sich im Dämmerschein ergaben, eine Lösung suchen für das Rätselhafte, das mitunter in unser Leben tritt in allerlei Gestalten. – Dann fuhr er fort: früher hat man Hexen verbrannt, heute nennt man es Sympathie. Aber wir wollen nicht zu den Alleswissern gehören, Siegfried. Es ist so viel Wunderbares rings um uns herum, was hilft es uns, daß wir ein Wort dafür suchen? Es liegt doch hinter unserem Horizont, wenigstens jetzt noch. –

Aber ich habe ja nur zu berichten, nicht zu erklären, sagte er lächelnd. Markus Lohrmann war es, als habe dieselbe leichte Hand, die vor seinen Augen den Hund gestreichelt hatte, auch ihm selber Stirn und Augen berührt und dort allerlei weggetan, was ihm bisher das Leben verhüllt hatte: er sah, daß die alte Burge doch bei all’ ihrer grämlichen Treue nicht das für ihn sei, was er zum Leben brauche; daß seine Stube öd sei und sein Tagwerken niemand nütze. Und er fing an, sich zu wundern, daß nie eine von den Dorfmädchen so in seinen Augenkreis getreten sei, daß er sich, wie bei der Wandernden, immerfort herzklopfend nach ihr hatte hinwenden müssen. Wie oft hatte man ihm früher das Heiraten vergeblich vorgestellt; aber dies hier war doch ein anderes Ding.

Und daß ich’s kurz mache; nachdem er sich den einen und andern Tag umsonst damit herumgequält hatte, die schöne Fremde aus seinem Denken und Fühlen auszuschließen, ging er ihr nach, als sie dort am Waldrand dürres Holz aufzusammeln beschäftigt war und fragte in stockenden Worten, ob sie denn nicht bei ihm bleiben könne, nun die andern, die im Wagen dort, weiterzögen. »Als deine Magd?« fragte sie und richtete sich auf. Es sei ein seltsames Glänzen dabei in ihren Augen gelegen, – doch das lag ja eigentlich allezeit darin – so als wenn die Königstöchter in den Märchen für eine Zeitlang in Lumpen gehen müssen, weil ihnen ein Zauberer das angetan hat, und nun doch ein Eckchen des goldenen Kleides darunter hervorguckt.

Da faßte sich der Bauer ein Herz; er mag wohl in den wenigen Sekunden, die es dauerte, seine ehrsame Verwandtschaft im Dorf überflogen haben und die Gesichter, die sie machen würden, wenn er ihnen die Zigeunerin zuführte, und das Gesicht der Burge, wenn sie die neue Bäuerin sähe. Aber das konnte alles nichts helfen, denn wenn er dachte, daß Mirza wieder aus seinem Leben entschwinden würde und er sie nie mehr sähe, dann tat ihm etwas im Innersten weh, wie noch nichts in seinem Leben.

Also atmete er tief auf und sagte: »nein, als mein Weib, denn –« da wußte er nicht mehr weiter und sah sie nur hilflos an; aber als sie wie in ausbrechender Freude das gesammelte Holz aus der Schürze fallen ließ und die Arme hoch in die Luft hob, da wagte ers und legte zaghaft den einen Arm und dann auch den andern um sie.

Sie hatte sich immer, wenn sie durch die Städte und Dörfer kamen, nach einer Heimat gesehnt, nach einem Dach, unter dem man wohnen und bleiben konnte; ob auch nach einem Herzen, das ihr allein gehöre, das weiß ich nicht.

»Der Jarno ist gestorben,« sagte sie; »er hat mich gewollt und ich hätte ihn auch nehmen müssen. Aber er war so wild und ich kann das nicht leiden.« Sie sah ihn aufmerksam an, als müsse ihr aus dem minutenlangen Sehen ein Wissen um des Freiers ganzes Wesen erwachsen. »Du bist gut,« sagte sie dann kopfnickend, »ich habe es gleich gesehen, daß du gut bist. Nun kommt der Winter und es wird kalt; ja, ich will bei dir bleiben.« Das alles sagte sie wie aus Träumen heraus; sie ließ es aber geschehen, daß er sie fester an sich zog. Mehr hat er mir nicht davon erzählen wollen; ich mußte es aus seinem freudig aufgewachten Wesen lesen, daß für ihn mit Mirza, – denn wir nannten sie bald alle so – wirklich die Zeit angebrochen war, da man aus dem Alleinsein für sich in das Alleinsein zu Zweien übergegangen ist.«

»Aber,« der Gast rückte etwas unruhig in seiner Sofaecke hin und her, – »du als Pfarrer, ich meine, es hätte da doch« –

Sein freundlicher Wirt unterbrach ihn. »Kommt schon, Siegfried, ich weiß, du meinst, ich hätte da nachsehen müssen, wie es mit dem Katechismus und mit der Moral und dem Vorleben bestellt gewesen sei. Das haben andere mich auch gefragt; ich weiß, ich bin dazu bestellt, daß alles ordentlich und recht zugehe in meiner Herde.

Aber siehst du, manche Menschen haben es auf dem Gesicht geschrieben, was sie sind. Da haben Gott oder die Natur oder wie du es nennen willst, etwas gemacht, das für sich selber redet. – Wir hatten in meinem väterlichen Garten ganz hinten in der Ecke einen Schutthaufen, auf den alles Abgängige geworfen wurde. Es wuchsen Nesseln darauf, auch manchmal ein Stechapfel oder eine Distel. Aber eines Tages standen weiße Lilien darauf. Weiße Lilien, hoch und schlank und mit den goldenen Staubfäden in dem Grunde der weißen Kelche. Und wir versammelten uns alle darum und staunten, und mein Vetter, der Apotheker, sagte, daß das eigentlich gar keine richtigen Lilien sein könnten, denn die wüchsen nur, wenn man sie pflanze und pflege. Aber da lachten Alle, denn es waren unzweifelhaft weiße Lilien und man wußte nur nicht, wie der Samen, oder eine Zwiebel davon unter die Komposterde gekommen sei; sonst war da keine Frage. – Nun,« er unterbrach sich, »ich wollte nicht sagen, daß Mirza eine weiße Lilie gewesen sei. Nur, etwas Besonderes unter ihresgleichen, das war sie schon. Und das andere fand sich auch noch. Markus Lohrmann hatte sie zu einer Base gebracht drüben im Filialdorf. Das war die einzige aus seiner Verwandtschaft, die er um solche Güte ansprechen konnte, wie es die war, eine Zigeunerin ins Haus zu nehmen. Sie war arm, und es war so mancher Sack mit Kartoffeln und mancher Brotlaib schon in ihr Häuslein gewandert im Lauf der Jahre.

Er hatte ihr Geld gegeben, daß sie die Fremde in landesübliche Gewänder kleide und sie hatte das auch getan. »Aber,« flüsterte sie dem Vetter zu, als er darauf kam, die Braut zu besuchen, »sie sieht trotzdem nicht aus, wie eine Bäurin, da magst du machen, was du willst.«

Nein, so sah sie ja freilich nicht aus. Als er in die niedrige Stube trat, erhob sich von der Bank, wo sie nähend gesessen hatte, eine Gestalt, die ihm vertraut und doch fremd war, in dem weiten, gefältelten Rock, der die Füße in blauen Strümpfen und niederen Lederschuhen freiließ, der breiten Bundschürze und dem Leibchen aus rot und blau gewürfeltem Zeug, aus dem die weißen Hemdärmel hervorkamen. Drüben auf dem Bett, dessen Vorhänge zurückgeschoben waren, lagen noch die weiteren Stücke der Ausrüstung, der tuchene Spenser und das breitbebänderte Spitzhäubchen der Älblerinnen. Also das war seine Bäurin, seine. Sie sah nicht aus wie die andern, sie war auch jetzt nur in einer Vermummung, wie sie es zuvor in den zusammengeschenkten Bettlerkleidern gewesen war. Aber sie sah ihn lächelnd an, mit freudigen Blicken, sie hatte sich das dunkle, weiche Haar gescheitelt und in zwei Zöpfe geflochten. Draußen sauste der Wind vorbei, die Fenster des Stübchens klirrten. Da erschauerte sie leise und barg sich bei ihm. »Ich habe nun Heimat und Haus und dich,« sagte sie, »wo aber mögen die andern sein?« Ihm aber war es recht, daß sie nichts von »den andern« wußte, er wollte nur sie allein und bei aller Liebe, mit der er sie umfaßte, die übrige Gesellschaft wußte er doch am liebsten in möglichst weiter Ferne. Sie hatte auch keine nahen Verwandten unter ihnen, ihre eigenen Leute waren gestorben.

Bald darauf kamen sie einmal miteinander zu mir; es war in der Abenddämmerung. Markus Lohrmann wollte so schnell als möglich Hochzeit machen und, da es doch einmal sein sollte, war es auch besser so, schon damit das Geschrei und Gezeter im Dorf aufhöre; denn das hatte er nicht mit Unrecht vorausgesehen, es war ihm nichts davon geschenkt worden.

Nun hatte ich mit ihnen zu reden, wie sie es mit dem Hausstand und mit der Trauung halten wollten. Denn er war evangelisch; Mirza aber gehörte, wenn man davon überhaupt reden konnte, der katholischen Kirche an. Freilich, sie wußte nicht viel von deren Lehren, nur einige stark abergläubisch vermischte Formeln, wie sie unter den fahrenden Leuten von Mund zu Mund gingen.

Ich hatte einiges gefragt und es war still in der Stube. Da sah sie mit hingebenden Augen ihren Verlobten an: »Du bist gut und ich will bei dir daheim sein – ja, ich will sein, wie du bist.«

Das war vielleicht ein mangelhafter Grund, auf dem die neue Gotteserkenntnis aufgebaut werden sollte. Aber ist nicht beim Besten in uns immer wieder das Verlangen nach einer Gemeinschaft, ist nicht die Liebe immer wieder die treibende Kraft gewesen?

Nun kamen manche Tage, da das fremde Mädchen, freilich jetzt in Bauerntracht und mit hängenden Zöpfen, mir gegenüber saß. Es war bald nicht mehr der Wunsch allein, so zu sein wie Markus Lohrmann, es war, als sprängen in dieser jungen Seele lauter Quellen auf, die bisher geschlafen hatten. Mitunter öffnete sie die Lippen, wie durstig, einen frischen Trunk einzuschlürfen, wenn ich sie an der Hand nahm, um sie aus dem dämmernden Halbdunkel, in dem Dämonen, Amulette, Alräunchen und allenfalls die fernen Heiligen regierten, unter den freien Himmelsdom zu führen, in dessen tiefem Blau eine Sonne über allen schien, und, wie wir in Ehrfurcht und Herzensmüssen glauben, ein Herz für alle war.

Ich habe nicht von mir zu reden. Sonst, Siegfried, es ist auch nicht nichts für unsereinen; wenn man Sonntag für Sonntag seine Bauern vor sich sitzen hat – nun, ich habe die meinigen gern – aber man weiß nicht sicher, denken sie nun an Korn und Haber und Viehhandel, oder an ihre Krauthäfen daheim die Weiber, oder hören sie, was du sagst.

Es ist auch nicht nichts, wenn so ein paar durstige braune Augen so dringlich fragen: »Hast du sonst noch etwas? gib mir alles, was du hast.«

In diesen Stunden stahl sich wohl mein Enkeltöchterchen leise zu uns herein und schlüpfte, die Augen auf mich gerichtet, ob ich es nicht verjagen werde, zur Mirza hin. Die faßte die kleine, warme Kinderhand, ohne sich im übrigen zu rühren, und das Kind saß glücklich dabei, wie ein Vögelein unter Flügeln sitzt.

Auch das nahm sein Ende. Eines Tags im Dezember standen die beiden, Markus Lohrmann und Mirza, vor dem Altar. Draußen wehte es stark, ein scharfer Nordostwind fegte durch die Gassen und über unsere Hochfläche hin, und ich, als mir bei den wenigen Schritten vom Hause bis zur Sakristei der Kirchenrock flatternd um die Beine schlug, mußte es nachsprechen, was ein anderer vor mir gesagt hat: »weh’ dem, der keine Heimat hat.«

Nun, die beiden, die sich in dieser Stunde die Hände gaben, die hatten ja nicht nur ein Dach über sich, sondern, was erst recht die Heimat macht, ein Herz, um darin daheim zu sein, ein jedes im andern. Zwar daß bei ihm die Leidenschaft stärker und tiefer war, als bei ihr, das hatte ich schon gesehen. Aber sie hatte sich doch hingebend und nicht ohne eine stille Innigkeit in ihn gefunden und wollte ihm allein gehören; das mußte genug sein. Seltsam, daß so die Rollen vertauscht waren: unsere Albbauern haben es sonst nicht so stark mit den Gefühlen, sie sind mehr aufs Nüchterne, Praktische gerichtet, und das fremde, dunkeläugige Volk der Zigeuner, das gilt bei uns eher für heißblütig und leicht hingerissen. Das war aber nun, wie es war.

Mir kamen die beiden nun für eine Zeitlang mehr aus den Augen; es war Winter und es gab allerlei Kranke am Ort, die ich zu besuchen hatte. Doch hörten wir ab und zu, daß dort draußen in dem Hause mit den braunen Balken alles gut gehe, den Schwarzsehern und Unglücksraben, die alles Böse hatten prophezeien wollen, zum Trotz. Selbst die alte Burge, die anfangs gemeint hatte, daß nun der Himmel einstürzen müsse, ließ sich, als gegen den Frühling hin eine böse Grippe ins Dorf kam, gern von den leichten und geschickten Händen des jungen Weibes pflegen, und mir war, als ich sie besuchte, als ob ihre grämlichen, harten Züge einen sanfteren Ausdruck gewonnen hätten.

Da kam ich einmal, als die Märzstürme mit aller Macht bliesen und auf den höhergelegenen Flächen den Schnee wegfegten, gegen Abend vom Nachbarort her. Es war eine frische, reine Luft, es lag etwas frühlinghaftes trotz der Schärfe darin und ich blieb stehen, um – den Hut hatte ich abgenommen – ein paar tiefe Züge davon einzuatmen und mir auch den alten Kopf ein wenig durchwehen zu lassen. – »Du weißt, ich bin hart gewöhnt worden da oben,« unterbrach sich der Erzähler lächelnd, »ihr Jungen hättet euch vielleicht dabei einen Schnupfen geholt.«

Da sah ich auf dem kleinen Hügel, den eine einzelne alte Eiche bekrönt, eine Frauengestalt unbeweglich stehen. Sie wandte mir den Rücken, sie sah in den sinkenden Abend hinein. Dort, im Westen, hingen einige leuchtende Wolken, denen die schon entschwundene Sonne schmale Purpursäume gewoben hatte. Ich sah es nun auch, sie veränderten ihre Form in rascher Folge, ballten sich zusammen und flossen auseinander, eine reichere Phantasie als die meinige hätte wohl allerlei Wesenheiten aus ihnen geschaffen. Mir will so etwas nie gelingen. Das aber sah ich, daß die Frau da oben wie in einer starken Bewegung die Arme ausbreitete und so eine kleine Weile regungslos verharrte. Dann, als rasch nacheinander die Purpurfarben am Horizont verlöschten und es dort grau und trübe wurde, wandte sie sich langsam um und ging mit zögernden Schritten den schmalen Weg, der zu der Landstraße führt, herunter. Und ich sah, daß es Mirza sei. Wäre es eine Fremde gewesen, ich wäre weitergegangen. So blieb ich noch eine Weile stehen, um sie herankommen zu lassen. Sie sah mich erst, als sie fast vor mir stand. Ich aber sah, daß ihr Gesicht tiefernst war, und daß ihre Augen immer noch in die Ferne gingen, wie in einer großen Sehnsucht. Als sie mich gewahr wurde, schrak sie zusammen, wie jemand, der in Träumen gegangen ist und den man angerufen hat. Dann färbte sich ihr Gesicht langsam mit einer dunklen Röte, aber sie faßte sich schnell und streckte mir die bräunliche Hand hin: »Guten Abend, Herr Pfarrer.« Ich wollte sie nicht fragen, was sie da draußen zu suchen gehabt habe bei sinkendem Tag; ich fragte nach ihrem Haus und ihrem Mann, nach Burge, die wieder gesund war und sagte scherzweis: »Und im Pfarrhaus, da lässest du dich gar nicht mehr sehen, seit du die Lohrmannsbäurin geworden bist, – oder ist es, seit das Agathlein nicht mehr da ist?« Das Agathlein, du weißt es, ist das Enkelkind, das sich so schnell in die Fremde verguckt hatte.

Sie gab mir auf alles Red’ und Antwort, aber doch wie eine, die nur mit Mühe dabei ist und neben dem, was es aussprach, schien ihr Mund immer noch etwas zu hüten, was er verschweigen mußte. So kamen wir selbzweit bis an das Haus, unter dessen Tür der Ehemann stand und nach seinem Weibe Ausschau hielt. Er sah heiter aus und bot mir die Hand. »Ja, nicht wahr, Herr Pfarrer,« sagte er, »mein Weib, das fürchtet sich nicht vor Wind und Wetter.« Und, als er sah, daß Mirza zusammenzuckte, sagte er mit einem guten Lächeln: »Ich weiß es wohl, sie ist das Stubensitzen nicht gewohnt, sie muß sich hie und da verlüften. Aber wart nur, sei’s um kurze Zeit, so fängt draußen das Ackern an, da kannst du frische Luft haben, und Bewegung, grad genug. Und man hat einen weiten Umblick bei uns da oben.« Er lachte ein frohes Lachen: »Das ist dann doch anders, so im Eigenen, mit der Sonne hinaus und mit der Sonne heim.« Das Weib stand still daneben. Dann, als zwinge sie etwas hinunter, atmete sie auf. »Du bist gut,« sagte sie und drängte sich an ihn. Immer wieder: »Du bist gut.« Da gingen sie miteinander ins Haus und ich dachte: »Um die zwei brauchst du keine Sorge zu haben, die wachsen schon zusammen,« aber ich konnte es doch nicht ändern, daß mir hie und da wieder das sehnliche Gesicht vor die Seele trat, das ich da außen gesehen hatte. Da, es war schon gegen Ende April – auch bei uns, zu denen der Frühling erst spät kommt, knospeten die Hecken und standen die Veilchen im Grase – kam die Bötin aus dem Nachbarort bei uns vorbei; sie hatte meiner Frau etwas aus der Stadt mitgebracht. »Ja, ja,« sagte sie, als sie in der Küche saß und eine große Schüssel mit heißem Kaffee vor sich auf dem Tisch stehen hatte, »ja, ja, so geht’s, wenn man etwas anderes will, als Seinesgleichen. Die Marie vom Adlerwirt, die wär ihm nicht davongelaufen, und ist auch eine saubere, postierte Person; es hätt’ nicht gerad eine schwarze Zigeunerin sein müssen; aber wer nicht hören will.« Ich kam gerade an der Küche vorbei und hörte ihr Reden. »Was sagt sie da, Bötin?« fragte ich. »O nichts, als daß der Lohrmann ja jetzt das Nachsehen hat, er hat sie ja nun den Winter über durchgefüttert.«

Ich wollte nichts mehr hören, es durchfuhr mich doch in jähem Schreck. Und, obgleich es Samstag war und meine Predigt noch nicht fertig, nahm ich Stock und Hut und ging ans Ende des Dorfes, um zu sehen, was es mit der Sache auf sich habe.

Der Bauer war in der Scheuer, er machte sich allerlei zu tun, aber ich sah doch auf den ersten Blick, daß seine Gedanken nicht beim Futterschneiden seien. Als er mich gewahrte, sah er mit einem eigenen, stillen Blick auf, darin nichts von der Frohheit der letzten Zeit lag, aber etwas anderes doch, das mir für ihn wohl tat, etwas Unentwegtes. Er führte mich wortlos in die Stube; dann erst, als er die Tür hinter sich geschlossen und mir einen Stuhl angeboten hatte, sagte er: »Ich weiß wohl, warum Sie kommen, Herr Pfarrer; ich dank’s Ihnen. Aber wenn’s nach mir gegangen wäre, ich hätt’s keinem Menschen gesagt. Sie können’s nur immer nicht schnell genug ausschnüffeln, die Leut’, wenn irgendwo etwas nicht im Gleis ist. Die Burge hätt’ nichts gesagt, die auch nicht. Aber der Fuhrknecht vom Lammwirt, der hat sie gestern in der grauen Morgenfrühe gesehen, wie sie mit einem ganz kleinen Bündelein in der Hand Blaubeuren zugegangen ist. Und, Herr Pfarrer, sie hat das rote Tuch um Kopf und Schultern gehabt, in dem sie einst hierher gekommen ist. Im Lamm hat er’s erzählt, sie sei gegangen, wie auf Federn, so leicht, und leis vor sich hingesungen habe sie. Jetzt wissen sie’s im ganzen Dorf und das ist mir leid um sie. Denn sie kommt wieder, o Herr Pfarrer, sie kommt wieder, sie kann es gar nicht anders. Es ist nur das Frühjahr, ich seh’s gut, ich seh’ in sie hinein wie in einen Spiegel.«

Und damit stieg ihm wieder etwas von der Freude in die Augen, als ob er sein Weib schon vor sich sähe, wie sie zur Tür herein käme: da hast du mich wieder.

»Und dann, wenn sie kommt?« ich fragte es eigentlich ohne Not; denn ich sah es ja, wie er sie aufnehmen würde.

Da brach es aus seinen blauen Augen wie ein heller Strahl. »Dann?« Er ballte gewaltsam die Hände zu Fäusten und preßte die Lippen aufeinander, daß sie es nicht hinausschrieen, was dann sei; die Augen mußten es ganz allein sagen mit ihrem Leuchten. Und ich sagte und wandte mich wieder zum Gehen, denn der hier wurde allein fertig: »ja, ja, Markus, die Liebe muß immer das letzte Wort behalten. Gott geb’s, daß sie es auch bei euch tue.«

»Es ist mir nur um sie. Sie hat so wie so keine Freunde im Dorf; sie werden arg über sie herfallen. Aber was tut’s am Ende? Daheim ist sie doch nur bei mir.« Damit gab mir Markus Lohrmann das Geleite bis vor die Tür und schon als ich ein kleines Stück weit vom Hause entfernt war, hörte ich wieder das Klappern der Futterschneidemaschine.

Am andern Tag, als wir unseren Sonntagsspaziergang machten in den Frühlingswald hinaus, meine Frau und ich, kommen wir an Lohrmanns Haus vorbei: da saß im Sonnenscheine die alte Burge am offenen Fenster. Sie hatte die Brille auf der Nase und das Gesangbuch auf dem Schoß, aber ihre Augen gingen ins Weite, und als sie uns herbeikommen sah, winkte sie mächtig mit dem Kopf: »ich bin allein im Haus, der Bauer ist mit seinem Weib hinaus, sie wollen ein bißchen nach der Saat sehen.« Und, als wir beide uns in freudigem Schrecken nach ihr hinwandten; fuhr sie fort: »ja, ja, das Böse kommt immer schneller herum, als das Gute, aber heut in aller Gottesfrühe, es waren noch die übernächtigen Sterne am Himmel, da höre ich doch trotz meiner dicken Ohren, daß etwas draußen am Laden herumtastet. Und da schlägt auch schon der Hund an und reißt an der Kette, wie toll, aber eh’ ich meine Röcke überwerfen kann, geht schon die Haustür und der Bauer tritt über die Schwelle. Geschlafen hat er nicht die zwei Nächte, das weiß ich wohl. »Ich muß bei der Hand sein, wenn sie kommt,« hat er gesagt. Und als ich meinen Laden aufstoße, da steht sie richtig draußen und guckt ihn so an, als ob sie heulen und lachen möchte an einem Stück, und er nimmt sie nur so an beiden Händen und sagt: »komm, komm;« es hat ihm ganz die Stimme verschlagen. Und er zieht sie so an den Händen ins Haus herein und läßt die Türe wieder ins Schloß fallen. Da müssen sie lang gestanden sein, denn erst nach einer Viertelstunde hab ich ihre Kammertür gehen hören. Ich bin wieder ins Bett gestiegen, ich bin ein alter Mensch und die Nächte sind kalt. Und es war mir auch, ein drittes sei zu viel dabei: Aber wie ich dann hinauskomme ein paar Stunden später, da hantierte die Frau schon in der Küche, und der Bauer steht dabei und guckt ihr zu, wie sie die Milch seiht, und der Hund, Gott verzeih’ mir’s, wenn’s eine Sünd’ ist, aber der steht daneben und frißt sie fast mit den Augen, ganz gleich wie der Bauer. Und wie ich sag: »so, so, auch wieder da?« und daß wir in der Angst gewesen sind, – da hat sie die Augen voll Tränen und lacht dazu und sagt: »Burge, Burge, ihr hättet mich sollen nicht ins Haus nehmen, so einen Wandervogel. Ich hab hinaus müssen, ich wär gestorben sonst. Aber, – und dann guckt sie den Bauern an, daß es mir altem Weib ganz siedheiß wird unter dem Kittel – haben müßt ihr mich jetzt doch, denn ich muß hier daheim sein, das kann man nicht mehr ändern. Es ist eine Not.« Und dann schlüpft sie an ihn hin, wie ein Kind, wenn es Angst hat, und, Herr Pfarrer, ich mag’s kaum sagen, aber der Bauer trägt sie ja richtig auf seinen Armen in die Stube und sagt: »mit einem siebenfachen Seil bind’ ich dich an, daß du mir nicht entlaufen kannst«, und sie sagt immer nur: ja, ja, bind mich an, aber mir ist angst, ich komme dir doch noch hinaus.«

Die alte Burge schüttelte den Kopf.

»Was soll ein alter Mensch, wie ich bin, dazu sagen? Ich habe in meinem ganzen Leben noch nichts solches gesehen, es ist nicht der Brauch bei uns. Aber so eigentlich bös sein, das kann man ihnen beiden nicht.« Und damit nahm das runzelige, trockene Gesicht einen Ausdruck an, den es noch nie gehabt hatte vorher; sie liebte Mirza, wider ihren Willen.

»Sagen, Burge? wir wollen gar nichts sagen.« Meine Frau war in mütterlicher Wallung für die beiden Menschen. »Gott behüt uns alle, wir haben’s alle nötig.«

Und damit setzten wir unseren Weg fort, und als wir von Weitem ein Menschenpaar Hand in Hand durch die hellgrünen Saatfelder gehen sahen, bogen wir auf ein Seitenweglein ab. Denn wir hatten nichts dabei zu tun.

Wir haben es später erfahren, daß Mirza auf den Blaubeurer Felsen herumgestiegen sei und auch, unter einen überhangenden Stein geduckt, frierend dort genächtigt habe. Und daß sie, hin- und hergerissen von ausbrechender Wandersehnsucht und von dankbarer Liebe zu dem Mann, der sich selbst und sein Haus zu ihrer Heimat gemacht hatte, umhergewandert sei, bis sie im Talgrund unten einen Wagen mit Leuten ihres Volkes gesehen habe. Da sei es ihr in heißem Schreck ins Herz gefahren, daß sie zu ihnen nicht gehöre, und sie sei atemlos gelaufen bis vor die Schwelle »seines« Hauses. Und sie hat ja nicht vergeblich dort geklopft, da die Liebe wach war und auf sie wartete.« – Der alte Pfarrer stand auf und ging ein paarmal im Zimmer auf und ab. Der Gast wußte, daß er nun eine innere Bewegung und vielleicht auch die Versuchung, eine Nutzanwendung zu dem Gesagten zu machen, in sich unterdrückte; so saß er schweigend und wartete. Der Feuerschein aus dem Ofen fiel durch das geöffnete Türchen auf den weißen Stubenboden; draußen war es dunkel. Ursel steckte den Kopf zur Tür herein.

»Bring ein Krüglein Wein, Ursel. Nein, nicht vom Neuen, von dem kleinen Fäßchen im Eck, alten roten. Und dann auch die Lampe.«

Nun kam der Hausherr wieder in Zug.

»Es ist nicht bei dem einenmal geblieben,« fuhr er fort. »Sie ist noch hie und da, dem dunklen Trieb in die Ferne gehorchend, auf einen oder zwei Tage aus ihres Mannes Haus verschwunden und immer wieder beim Sternenschein oder beim ersten Hahnenschrei zurückgekehrt. Er hat sie jedesmal mit der steten Treue seines Wesens aufgenommen, und sie barg sich dann, wie in wachsender Angst vor sich selber, in seinen Armen. Ich sah aber doch hie und da, daß ein Zug von stiller Schwermut auf dem Gesicht des Mannes lag, bis er eines Tags wie übersonnt vor Freude in mein Haus trat. »Er ist da,« sagte er, »der Bub, wir haben einen Buben.« Ich mußte mich mit ihm freuen. »Das ist ja gut,« sagte ich und gab ihm die Hand, »nun wird ja auch die Mutter noch fester bei euch einwurzeln, als sie es bisher getan hat, nun, da sie die Wiege neben dem Bett hat.« »Das wird sie, so Gott will,« sagte der Bauer und wieder brach ein freudiger Strahl aus seinen Augen, »wir zwei, wir binden sie an auf immer, der Bub und ich.«

Meine Frau konnte dem Drang ihres mütterlichen Herzens nicht lange widerstehen. Sie wußte es wohl, das fremde junge Weib hatte keine Freundinnen unter den Dorfweibern. Und wenn auch die alte Burge da draußen herumhantierte, – kurz, sie mußte hin und nach dem Rechten sehen.

Es war ein sonniger Märztag, als sie den Gang machte. Und als sie an den niedrigen Fenstern vorbeiging, die halbgeöffnet waren, da drang ein leiser, lieblicher Gesang an ihr Ohr. Das war Mirza, die ihrem Kindlein ein Wiegenlied sang, eine fremdartig süße Weise, wie deren die wandernden Leute so viele haben. Drinnen soll es lieblich genug ausgesehen haben. Die junge Mutter hatte das Büblein an der Brust und der Vater stand, ein Schnitzmesser in der Hand, unter der Tür, die nach dem Stadel hinausführte und konnte sich nicht ersättigen am Anblick der beiden dunkelhaarigen Köpfe, die da so traut beieinander auf den Kissen lagen. Denn das Kindlein hatte einen Wald von schwarzem Kraushaar und die großen, glänzenden Augen der Mutter mit in die Welt hereingebracht.

»So ist er jetzt immer,« sagte Burge, »hundertmal läuft er von allem Geschäft weg und guckt die zwei an, als ob sie ihm könnten gestohlen werden.«

Aber sie selber machte es nicht viel anders, das konnte man deutlich sehen. Sie versorgte Mirza und wickelte das Kind und besorgte den Hausstand. Es war, als ob sie Räder an ihre alten Füße bekommen hätte und ein junges Gesicht dazu. Das machte alles die Freude.

»Viel zu gut habe ich’s,« sagte Mirza. »Die Frauen meines Volkes – wenn ich denke, wie sie hinter einer Hecke oder auf einem Heuhaufen –,« sie brach ab, als der Mann mit einer hastigen Bewegung auf sie zukam: »Dein Volk ist jetzt hier, Mirza, bei uns, bei mir, sonst nirgends mehr.« Und sie preßte das Köpflein des Kindes an sich und sagte: »ja, ja, das ist es. Aber ich kann’s nicht ändern, ich muß auch an die andern denken.« Und leiser, das rote Fäustchen und das sattgetrunkene Mäulchen küssend, fuhr sie fort: »er hat’s gut, mein Kleiner. Er ist da geboren, wo er hingehört. Ihn wird es nicht in der Welt herumwerfen – und nicht hinausziehen mit aller Gewalt.«

»Ja, und du bleibst nun auch da, Mirza, nun bleiben wir alle beieinander,« sagte der Mann, und es sei eine leise Angst und eine rührende Bitte in seinem Ton gelegen, sagte meine Frau.

Nun ging ein Jahr hin, – mehr als ein Jahr – ein Sommer und ein Winter und wieder ein Sommer, das war für Markus Lohrmann eine gute Zeit. Ich weiß noch einen Sommertag vom vorigen Jahr; es war im Heuet; draußen an der großen Wiesenbreite gegen die Elchinger Markung hin gingen wir beide, das Agathlein, das zum Besuch gekommen war, und ich, selbander spazieren. Das heißt, das Agathlein hüpfte mir voraus, immer drei Schritte vor und einen zurück, und machte einen Strauß aus Heckenrosen und gelbem Ginster und solchem Blumengezeug an den Rainen, das nicht unter der Sense gefallen war. Und dazwischen hinein sah es sich um, ob der Großvater auch nicht verloren gehe. Aber auf einmal, an einer Wegbiegung, – es stand eine Gruppe von Schlehdorngebüsch davor, tat das Kind einen Schrei aus seinem freudigen Herzlein heraus und rannte gradeaus über die Wiese hin, bis wo unter einem Vogelbeerbaum ein Häuflein Menschen saß, offenbar beim Vesper. Ich stieg langsamer hintendrein, bei unsereinem pressiert’s nicht mehr so stark; da fand ich das Agathlein schon neben seiner Freundin Mirza auf dem moosigen Mäuerlein sitzen, das dort die Wiese abschließt, und es hatte auch wie die andern ein Stück Käsbrot in der Hand, von dem es fröhlich herunterbiß.

Das schwarzhaarige Büblein, das für seine viereinhalb Monate schon prächtig herangediehen war, das lag mit weitoffenen Guckaugen auf seiner Mutter Schoß und krabbelte mit den Händlein an ihrer Brust herum, als ob es wisse, daß es jetzt dann an die Reihe komme mit der Mahlzeit. Mirza war, wie Burge und wie der Mann und die beiden Taglöhner, in Hemdsärmeln. Sie unterschied sich durch nichts als durch ihre fremdartige, dunkle Schönheit von einer echten Albbäurin. Aber das Sehnsüchtige, Rätselhafte in ihren Augen und um ihren Mund, das war jetzt ausgelöscht oder doch zugedeckt durch eine weiche, mütterliche Freude an dem jungen Leben, das sie in ihrem Schoße hielt, und als sie aufsah und mir die Hand hinstreckte, tat sie es mit einem Lächeln, wie es nur ein Mensch hat, dem es im Herzen wohl ist. Ich bin damals eine gute Vesperviertelstunde lang mit unter dem Eschenbaum gesessen und auf dem Heimweg war mir’s warm, nicht von der Sonne allein, auch nicht von dem Glas Bratbirnenmost, das ich nicht hatte ausschlagen wollen; so ein Stück reifen, guten Sommerglückes, das man Menschen, die man gern hat, genießen sieht, das wärmt einen im Innersten. Das Agathlein, – das muß ich noch sagen – blieb auf der Wiese zurück. »Ich muß den Marx hüten, die Mirza muß wieder schaffen,« rief sie mir nach. Und als ich mich einmal umwandte, da sah ich Markus Lohrmanns Weib, wie sie rüstig neben ihm mit dem Rechen hantierte; er aber konnte es nicht lassen, zwischenhinein seine Augen nach ihr hinzuschicken. Ja, da hatte er gute Zeit.

Wenn man sie gegen ein langes Leben hinhält, war sie kurz.

Aber wie viele gehen über die Erde hin, die nie ein ganzes, volles Leuchten in sich gehabt haben, so eins, das durch dunkle Tage und Jahre hinscheint wie ein Licht: damals bin ich glücklich gewesen. Zu denen gehört Markus Lohrmann nicht. Wenn er nun mit seinem Büblein in seinem Haus da draußen sitzt und es kommt ihm so leer vor, und das Kind wächst daher und sollte eine Mutter haben, – ich weiß, dann nimmt er es auf den Schoß und erzählt ihm, noch eh’ es den Verstand dazu hat, daß einen Sommer und einen Winter und wieder einen Sommer lang sich dunkle Augen in den seinigen gespiegelt haben. Daß eine zärtliche Stimme schöne, seltsame Weisen über seinen ersten Kinderschlaf hingesungen hat, daß sein schwarzes, lockiges Köpfchen im Schoß einer lieben Frau geruht hat, die seine Mutter war.

Und wenn er dann auch in vergeblicher Sehnsucht die Arme nach dem fernen Bild ausstrecken wird, es ist doch sein eigen gewesen. Und er wird sein Büblein an der Hand nehmen und« – »Du wirst ja ganz poetisch,« sagte der Gast dazwischen, und dann räusperte er sich und nahm einen Schluck Wein.

Der Pfarrer nahm auch einen. »Na ja,« sagte er, »das ist sonst meine Art nicht. Aber es ist mich so angekommen.

Im vergangenen Sommer, – der kleine Marx zog schon sein hölzernes Gäulchen an einer Schnur hinter sich her und wackelte auf seinen anderthalbjährigen Füßen ums Haus herum – sah ich Mirza eines Tags gegen ihre sonstige Gewohnheit an einem sonnenheißen Tag unter der großen Linde, die nahe bei ihrem Haus steht, auf der Steinbank sitzen. Sie hatte ein altes, rotes Tuch um die Schultern gelegt und zog es an sich, als ob sie friere. Und ihre Augen sahen müd und traurig aus.

»Was ist dir, Mirza?« fragte ich und setzte mich neben sie. »Du siehst nicht gut aus. Bist du krank?«

Nein, das sei sie nicht, sagte sie, nur müde, es sei unbegreiflich, und doch auch wieder nicht. Es kam und ging eine dunkle Röte auf ihrem Gesicht. Sie kämpfte augenscheinlich damit, mir etwas zu sagen, tat aber dann ein paar lange Atemzüge und strich sich mit der Hand übers Gesicht, wie um dort etwas wegzuwischen. »Wenn dich etwas drückt, Mirza, und du möchtest’s mir gern sagen, – das weißt du wohl, daß ichs gern hören will,« sagte ich. »Aber freilich, wenn man so einen guten Mann hat, wie du, dann hat man den Beichtvater bei sich im Haus und braucht den Pfarrer nicht dazu.« Ich versuchte zu scherzen, aber eigentlich war es mir nicht recht um Spaß zu tun. Denn die Augen des Weibes neben mir sahen wie in eine dunkle Tiefe oder in eine große, weite Ferne.

»Es gibt Sachen, Herr Pfarrer,« sagte sie tiefernst, »mit denen muß der Mensch ganz allein ins reine kommen, da hilft das Reden nichts,« und ich spürte, daß es bei ihr so sei.

So machte ich mir nur noch ein wenig mit dem Bübchen zu schaffen und freute mich, daß, als ich weiterging, der kleine Bursch vor seiner Mutter auf dem Boden saß und sein eifriges Gesichtlein zu ihr erhob, die seine stammelnde Sprache allein bis jetzt verstand.

Einige Tage später hörten wir von der alten Burge, die in letzter Zeit wegen zunehmender Kurzatmigkeit einer jungen Magd Platz gemacht hatte, aber gleichwohl noch dort draußen aus- und einging, wie ein Eigenes, daß dem kleinen Marx ein Geschwisterlein sollte geboren werden, vielleicht so gegen den Wintersanfang hin. »Die Mirza ist nicht recht zuweg,« sagte sie, »auch vergnügt ist sie nicht. Es nimmt mich wunder; sie können ja gut mehr Kinder verhalten, darum braucht sie sich keine Sorgen zu machen. Aber freilich, ich kenn mich nicht aus bei ihr, es ist wohl nicht ums tägliche Brot, daß sie so unter dem Druck herumläuft. Sie hustet auch so viel, ich mein’ immer, der Mann solle den Doktor holen. Nur, wenn ich das sage, dann schüttelt die Mirza stumm mit dem Kopf und guckt ihn so flehentlich an mit ihren großen Augen, als ob sie sagen wollte: das, was mich krank macht, das ist nichts für den Doktor. Und er – er tut ja, was sie will, da kann unsereins nichts machen.« Meine Frau tröstete an der treuen Seele herum.

Das sei oft so in diesen Zeiten bei den Frauen, da müsse man nur warten und Geduld haben, mit dem neuen, jungen Leben werde auch der neue Lebensmut geboren und was man so zu sagen pflegt. Aber es war doch auch uns beiden nicht recht wohl ums Herz, als wir in einer der nächsten Wochen bei einem Abendspaziergang das junge Weib dort draußen auf dem kleinen Hügel trafen, auf dem ich sie schon einmal hatte stehen sehen, damals im Vorfrühling. Heute sah sie krank aus, mit übergroßen, dunklen Augen, die wie in einer sehnlichen Glut brannten; das schöne Gesicht war hager geworden und um die Mundwinkel lag ein fremdes, trauriges Lächeln. Sie wollte sich zwingen, heiter zu sein, als sie, sich dichter in das alte, rote Zigeunertuch hüllend, sagte: »die Schwalben sammeln sich schon wieder zum Fortgehen. Ich hab ihnen zugesehen, man sieht so weit hinaus da oben.« Aber es war, als ob eine gefangene Seele die beschnittenen Flügel höbe: warum kann nicht auch ich hinausziehen in die große, uferlose Weite? Ich wollte nun doch auch einmal mit Markus Lohrmann reden, das nahm ich mir vor; denn ich wußte wohl, daß er in Sorge und Liebe jetzt seine Tage hinbringe, und es war mir auch, als ständen wir alle vor einem tiefen Rätsel, zu dessen Lösung wir uns die Hände reichen müßten.

Aber eh’ ich noch, durch allerlei Amtsgeschäfte abgehalten, dazu kam, ihn aufzusuchen, geschah, was geschehen mußte, so wie das Leben nun einmal ist.

Es war ein Tag im Herbstanfang, so, wie es bei uns da oben viele gibt, blau, sonnig und von einer durchsichtigen Klarheit. Das Agathlein war wieder einmal bei uns. Es stand, als ich von einem Krankenbesuch im Filial heimkam, am Gartenzaun und streckte sein Näschen zwischen den Latten durch. »Großvater,« sagte es, als ich herankam, »sei einmal ganz still, ich höre Musik, feine, schöne.« Und ich stellte mich neben das Kind, das den Finger vor den Mund gelegt hatte und sich horchend vornüberneigte und horchte mit ihm in die blaue Luft hinein. Da hörte ich es denn auch, es kam näher und näher: Klarinetten und eine Geige, und dazwischen die klagenden Töne des Dudelsacks. Es war eine Zigeunermusik; die halbe Dorfjugend und, so viele ihrer sich ein Gewerbe auf der Straße machen konnten, auch von den Alten, zogen hinter einigen schwarzhaarigen, bräunlichen Gesellen in malerischen, aber vertragenen Gewändern drein. Und bald ging es von Mund zu Mund: heute Abend sollte große Tanzmusik droben im Ochsen sein. Draußen vor dem Dorf, in der gleichen Bodensenkung stand nun auch der Wagen der fahrenden Leute wie einst der, der Mirza gebracht hatte. Ein paar Weiber gingen vor die Türen, allerhand heischend, was es so bei den Bauern gibt; mir war Angst im Herzen um Mirza, an die ich heut immer denken mußte, als ob ihr Schlimmes bevorstände. Aber, wie so oft schon, ich beruhigte mich bei dem Gedanken, daß sie ja in einer treuen Liebe geborgen sei; die würde auch heute um sie wachen. Als ich jedoch am späten Abend von einer Krankenkommunion heimkehrend an Markus Lohrmanns Haus vorüberging, sah ich nur die dunklen Fenster ringsherum und bei näherer Betrachtung den alten Knecht auf dem Bänklein vor dem Hause, wie er mißmutig in seiner Pfeife herumstocherte. Der Bauer sei für drei Tage ins Unterland gegangen, er wollte Vieh kaufen und Wein. Und die Frau? Die sei seit einer Stunde fort, wohin, das wisse kein Mensch, und ganz richtig sei es nicht mit ihr und es gehe auch nicht gut, das sage er.

Wo nun der kleine Marx sei? fragte ich. Da erhellten sich die Züge des Knechts. Ei, der liege in seinem Bettlein und schlafe. Die Frau habe ihn hineingetan und habe bei ihm gesungen, als er schon lang geschlafen habe; es sei gewesen, wie geweint, ihm, dem Zuhörer da außen, habe sich alles um und um gedreht im Innern. Er verstehe nichts von so Sachen, aber es sei wahrhaftig gewesen, wie wenn eine arme Seele ums Lösgeld bitte. Und dann sei sie zur hinteren Haustür hinausgegangen und in ihrem alten, roten Tuch übers Feld hinauf in den sinkenden Abend hineingelaufen. »Sie ist halt anders, als alle dazuland,« schloß der Knecht, »aber unrecht, das ist sie nicht, bloß anders.« Mir kam die Angst aufs neue, die ich bei Tag verscheucht hatte. Denn dieses Menschenkind, das hast du schon gesehen, lag mir am Herzen.

Ob wohl ihre fahrenden Stammesgenossen bei ihr gewesen waren? Ob sie die Musik der dunklen Gesellen gehört hatte? Und der Mann war nicht da, bei dem sich Mirza sonst wohl in der Not, auch vor sich selbst, geborgen hatte.

Es hatte sich ein starker Wind aufgemacht, einer von den Herbststürmen, wie sie bei uns da oben so manche Nacht ihr wildes Lied singen. Nach dem schönen, sonnigen Tage war es verwunderlich; das Wetter mußte rasch umgesprungen sein. Nun trieben schwere Wolken in großen Heerhaufen am Himmel dahin. Wenn sie den Mond, der hinter ihnen stand, auf Augenblicke freigaben, so warf der sein blasses Gesicht auf ihre zerrissenen, zerklüfteten Gestalten, die seltsam rasch über ihn dahinflogen. Der Wind rauschte in den Bäumen, es war eine andere Musik, als die sie da oben machten im Ochsen. Die klang mir nun auch in die Ohren, je mehr ich mich meinem Hause näherte, um so stärker. Ich gönne meinen Burschen und Mädchen wohl ein Vergnügen; ich habe selber auch schon zugesehen, wenn sie sich im Reigen drehten, und ich wußte, so, wie heute, bekamen sie nicht oft aufgespielt. Du kennst das kleine Liedchen, wir haben es schon miteinander gelesen:

»Eine braune Geige schluchzt,

Und daneben juchajuchzt

Eine tolle Flöte.«

Das fiel mir ein, als ich eine Weile horchend stehen blieb; denn, anstatt in mein Haus zu gehen, ließ ich mich von den Tönen noch ein Stück näher gegen den Ochsen hinziehen. Es war mir, als müsse ich sie diesmal still sein heißen; als müsse ich sagen, es sei ein Krankes um den Weg, das Stille brauche. Als ob die schluchzende Geige, der klagende Dudelsack Mirzas Seele seien, die sich zur Ruhe singen wolle und nicht könne. Aber die Instrumente sangen weiter, ein jedes seinen Ton, und nun hörte ich auch das Stampfen der Stiefel auf dem Saalboden des Ochsenwirts und sah an den hellerleuchteten Fenstern des Oberstocks die Gestalten der Tanzenden vorübergleiten.

Ich wollte wieder umkehren, ich hatte ja eigentlich nichts da oben zu suchen; und dennoch, fast von selber, gingen meine Augen durch die Dunkelheit in allen Winkeln umher; sie suchten dennoch etwas. Da, als ich mich schon zum Gehen wandte, riß eben der Wind, der da oben noch ganz anders hausen mochte, die Wolkendecke wieder einmal auseinander. Und in dem unsteten Licht, das sich aus dem Wolkenspalt heraus ergoß, sah ich, hart an die Wand des gegenüberliegenden Hauses gedrückt, eine Frauengestalt in einem roten Tuch, und ein blasses Gesicht, aus dem die Augen, groß nach dem hellen Lichtschein aus dem Tanzsaal gerichtet, fast herausspringen wollten wie in Hunger und vergeblicher Sehnsucht.

Ich trat zu ihr hin und fühlte, als ich ihr die Hand bot, wie sie heftig zusammenschrak. »Guten Abend, Mirza,« sagte ich, aber es wollte mir jetzt kein heiterer Ton gelingen. Mir war nur, als müsse ich mich still neben das arme Weib hinstellen, das die Zähne zusammenbiß und zitterte, wie in körperlichem Schmerz. Wir schwiegen eine Weile miteinander, dann sagte ich: »Komm, Mirza, ich begleite dich an dein Haus, heim, du mußt nicht so im Sturm draußen sein, ich meine, du seist nicht wohl die Zeit daher. – Ums Zusehen beim Tanzen wird dir’s ja nicht sein,« versuchte ich nun doch zu scherzen. Sie schüttelte nur stumm den Kopf, es war nicht der Mühe wert, darauf zu antworten, es lag so weit ab. Ich wußte es auch wohl, es war nur die Musik, die von der weiten Ferne redete, von dem Lied, das der Herbstwind in den Bäumen spielt, von allem Glück und Elend, das im Wandern liegt, – ach, mehr als das, von allem Hinausdrängen und Heimbegehren der Menschenseele. Ich sah es wohl, sie trank das alles in sich hinein, – und verging fast daran.

Ein wenig zögerte sie noch, dann ging sie still neben mir her. Ihre Schritte waren schwer, das mochte wohl ihr körperlicher Zustand machen, aber nicht er allein. Sie ging wie eine, die eine Last trägt und weiß: ich kann sie nicht ablegen, eh’ ich mich selbst ablege.

Vor ihrer Haustür bot sie mir mit einer seltsam heftigen Gebärde die Hand. »Nicht bös sein, Herr Pfarrer, gut an mich denken,« sagte sie und ich sah trotz der Dunkelheit ihre Augen flehentlich auf mich gerichtet.

»Gut an dich denken? Das tu’ ich immer, Mirza,« sagte ich. »Komm doch in diesen Tagen, so lang dein Mann fort ist, einmal auf ein Stündlein zu meiner Frau hinauf. Du weißt, sie freut sich darüber. Das Agathlein ist auch da, du mußt dein Bübchen mitbringen.«

Sie sagte nichts darauf, sondern machte sich mit dem Hausschlüssel zu schaffen, und ich dachte, der Friede ihres Hauses werde über sie kommen, wenn sie drinnen in der Kammer das Atmen ihres Kindes höre und ließ sie allein und sagte zuversichtlich beim Gehen: »Gott behüt dich, Mirza. Wir müssen alle durch schwere Zeiten hindurch, aber sie vergehen wieder und es wird wieder hell.«

So ist es mit uns Menschen. Wir ahnen einer des andern Not und gehen ein Stück neben ihm her und glauben ihn zu kennen. Aber sie brennt uns nicht auf der Seele, wie ihn, und wenn er lautlos neben uns stöhnt in Qual, dann sagen wir zuversichtlich: es wird schon besser werden – und meinen wunder, was wir Gutes wissen. Ach ja, wir Menschenhüter! Es ist uns doch immer wieder ein großes Müssen, an eine Hand zu glauben, die in alle Tiefen reicht und in die hinein sich die Verirrten und Verwirrten bergen können.

Am andern Tag, das heißt, als es schon in die tiefe Dämmerung überging, kam Markus Lohrmann zu mir in den Garten, wo ich nach meiner Gewohnheit noch ein wenig zwischen den Beeten auf und ab ging. Er hatte den kleinen Marx auf dem Arm und sah fahl und verstört aus. »Schon zurück, Markus?« fragte ich noch, da brach ein Ton so schmerzlichen Jammers aus seiner Brust hervor, daß ich im tiefsten Grund erschrak. »Was ist – mit Mirza?« fragte ich. Da bot er mir ein Blatt, das mit den etwas mühsamen, ungelenken Schriftzügen, die ich während des Religionsunterrichts bei Mirza kennen gelernt hatte, bedeckt war.

»Ich muß gehen,« stand darauf. »Ich weiß nicht, wohin, daß Gott erbarm. Markus, du bist gut, ich wäre auch gern gewesen, wie du bist. Aber ich bin doch anders. Es treibt mich hinaus unter die Bäume und unter den freien Himmel, ich meine, ich müsse ersticken schon lange Zeit. Und ich meine, ich müsse weit, weit fort. Die Musik heut abend; ich hätte nicht zuhören sollen; ich kann nicht mehr ins Haus hinein.

Ich weiß mir nicht mehr zu helfen, – daß Gott erbarm –« da brachen die Schriftzüge ab. Das Blatt war unter der Haustür gelegen, als der Knecht in der Morgenfrühe öffnete. Er hatte es grimmig auf den Tisch in der Wohnstube gelegt. Von dort hatten es wohl die Spatzen vertragen; denn im Dorf ging es wieder einmal von Mund zu Mund: sie ist mit den Musikern fort. Art läßt nicht von Art – und dergleichen mehr, was die Leute so sagen.

»Ach, Markus, sie kommt wieder,« sagte ich, als ich das Blatt gelesen hatte. Aber ich glaubte es selbst nicht recht, ich fühlte wohl, das Glück kam nicht mehr für die beiden.

Er schüttelte auch den Kopf und drückte das Kind an sich. »Jetzt hab’ ich nur noch dich,« sagte er zu dem Bübchen. »Jetzt sind wir zwei allein miteinander,« und wieder kam das kurze Stöhnen.

Dann faßte er sich äußerlich zusammen. »Ich bin erst seit einer Stunde da,« erzählte er. »Ich bin schon heut gekommen, anstatt morgen, weil es mir keine rechte Ruhe mehr ließ. Das Weib ist so sonderbar gewesen die Zeit daher. Sie hat auch im Schlaf geredet, da hab’ ich gemerkt, daß sie krank ist nach der Ferne. Sie ist gewesen wie ein Vogel im Käfig, und doch hat sie mich lieb gehabt – und das Kind auch.« Er schüttelte den Kopf. »Es ist ein Jammer. Ich weiß nicht, was tun. Ich habe gedacht, ich wolle Ihnen das Kind aufzuheben bringen, Herr Pfarrer, und fortgehen, sie zu suchen. Aber ich glaube, ich muß sie lassen, wie sie muß und will. Ich darf sie nicht zu mir zwingen.«

Er wußte nicht, wie vornehm und wie lauterer Güte voll er mir erscheinen mußte; er redete und tat alles aus seinem einfachen, liebenden Herzen heraus. Ich wußte, er verging nach ihr; er hätte sie auch gefunden, wenn er sie ernstlich gesucht hätte. Aber er wollte sie nicht im Käfig halten. »Ach, Markus,« sagte ich, »Gott helf’ uns allen.«

Er nickte nur, ernst und schwer; er wußte auch keinen andern Trost. Dann ging er wieder; er drückte das Kinderköpflein an seine Wange und ich hörte ihn zärtliche Worte sagen, als er den Gartenweg hinunterschritt.

In den paar Wochen, die nun folgten, bin ich oft eine Dämmerstunde lang oder auch beim Licht der Ampel draußen in Markus Lohrmanns Stube gesessen. Ich wußte, er sei so allein und er habe niemand, der so recht mit ihm fühle. Da saßen wir einander gegenüber, oft mit einer Pfeife Tabak, oft auch ohne das. – Was? Du meinst, ich sei verbauert da oben? Anderswo wäre das unmöglich? Ja, ja, das kann schon sein. Aber weißt du, so eine gemeinsame Pfeife, – und dann, – viel reden, das ist nicht meine Sache, – da spürt so ein Mensch doch, daß jemand da ist. Ach was – nun will ich weiter erzählen.

Da kam eines Tages ein Brief an mich. Er war von einem Amtsbruder im Schwarzwald. Warte, du kannst ihn lesen, ich habe ihn da bei der Hand.«

Der Pfarrer kramte unter seinen Papieren, dann brachte er ein Blatt zum Vorschein.

Der Gast las es. »Geehrter Herr Amtsbruder! Es liegt in einer Kammer des hiesigen Armenhauses ein Weib, offenbar eine geborene Zigeunerin, die aber in älblerischen Bauernkleidern hierher kam und behauptet, in Ihre Gemeinde zu gehören. Besagtes Weib ist in einer Waldhüterhütte eines toten Siebenmonatkindleins genesen, und, da sie dort aufgefunden wurde, als eine Schwerkranke zu uns heruntergeschafft worden, bis sie ihr wanderndes Leben wieder fortsetzen könne. Ich glaube aber, sie wird nicht viel irdische Fahrt mehr vor sich haben, denn ihre Kraft schwindet hin, wie ein Licht verbrennt. Es ist eine wunderliche Geschichte, die mir, da ich als Seelsorger nach der neuen Insassin sehen wollte, das Weib erzählt hat. Und kaum zu glauben wäre sie mir, sowohl um des einen willen, daß ein seßhafter Bauer sollte eine aus dem fahrenden Volke zu seiner Ehefrau gemacht haben, als auch um des andern, daß solche dann wieder aus aller bürgerlichen Ordnung und reichlicher Versorgung weg ins Elend hinaus gelaufen wäre, wenn nicht das Menschenherz zuweilen wunderliche Wege ginge, daß auch ein alter Praktikant den Kopf schütteln und sich des Verständnisses begeben muß. Es ist nämlich, wie ich sagen muß, Gesicht und Sprache, auch das ganze Gehaben des Weibes nicht das einer Verdorbenen oder Lügnerin, sondern nur einer Verirrten, die sich nun im Angesicht des Todes wieder dahin zurücksehnt, von wo sie ausgegangen ist. Freilich sagt sie – und ich habe ihr solches auch reichlich bestätigt, – daß sie wie eine Undankbare gehandelt habe, die so großer Liebe ihres Mannes nicht wert gewesen sei, da sie ihn und auch ihr unmündiges Kind verlassen habe. Aber ob auch ihre Augen ernst und traurig dreinsehen und beim Reden bittere Tränen daraus hervorgeflossen sind, so sagt sie dennoch: Gott weiß, ich habe nicht anders können, er ist stärker gewesen als ich.

Da ich sie nun gestern ermahnt habe, Gottes Verzeihung zu suchen, so schüttelte sie den Kopf und sagte: »mir tut not, daß mir mein Mann verzeiht, Gott wird es wohl tun.«

Damit nun diese Seele sich vom Irdischen ab- und dem Ewigen zuwenden könne, so ersuche ich Sie, Herr Amtsbruder, um Ihre Vermittlung, daß der Mann, der Markus Lohrmann heißen soll, nicht achtend seiner erlittenen Kränkung, der Sterbenden, denn das wird sie bald sein, ein Wort der Verzeihung schicke, wie wir denn vergeben sollen, damit auch uns vergeben werde.«

Darauf folgte die Unterschrift.

»Und?« Der Gast fragte es mit einem Lächeln, das schon vieles zu wissen schien.

Da tat der Pfarrer einen tiefen Atemzug und bekam leuchtende Augen hinter seiner Brille.

»Jetzt horch, Siegfried, denn jetzt bekommst du etwas zu hören, das ist wie ein Fest, ist lauter Hochzeit, Sieg, Liebe und Leben, obgleich es aussieht wie Elend, Not und Tod.

Es war am späten Abend, als ich Markus Lohrmann den Brief brachte. Er tat gerade sein Bübchen ins Bett und entschuldigte sich, daß es spät geschehe: »Es wird so bald dunkel und die Abende sind schon so lang. Da hab ich das Kind so gern bei mir. Ich weiß, es gehört ins Bett. Aber, Herr Pfarrer, draußen stürmt’s und die Nächt’ sind schon so kalt, und ich muß dann immer hinausdenken, ob sie herumirrt und kein Haus hat. Und oft ist mir’s, sie rufe nach mir.«

»Sie ruft auch, Markus,« sagte ich und gab ihm den Brief.

Er las ihn und blieb ganz still. Nur daran, daß das Blatt in seiner Hand zitterte und daß sich seine Brust stark hob und senkte, so als ob er sein Leben mühsam in sich berge, sah ich, was ich schon vorher wußte, daß sein ganzes Wesen erschüttert sei. Ein paarmal lächelte er beim Lesen und ich verstand warum; es schnitt mir ins Herz und machte mich auch stolz auf ihn. Nach einer Weile fing er an zu reden. Es geschah zu dem Kind. »So, so, Marxle,« sagte er, »jetzt mußt du hinliegen und schlafen. Der Vater muß fort, der muß zu deiner Mutter, die wartet und kann sonst nicht einschlafen.« Dann versagte ihm die Stimme und er machte sich an dem Bettchen zu schaffen. Als er ringsherum das Deckbett um den kleinen Kerl fest gemacht hatte, hob er das Gesicht zu mir. »Ja also, Herr Pfarrer, wie ist da die Reise?« fragte er. »Ich muß mich noch ein wenig anziehen, dann kann ich gleich gehen. Ich hol’ sie, ich bring’ sie noch heim. Da ist keine Red’ davon, daß sie in dem Armenhaus dort stirbt, das hat sie nicht nötig. Kann sein, sie wird wieder gesund, sie haben scheint’s dort keinen Doktor.«

Wir machten den Reiseplan miteinander. Er mußte sich noch gedulden bis gegen Morgen. Dann, es war noch tiefdunkel, schritt er durch die nächtlichen Gassen. Ich hörte seinen festen Schritt und hörte ihn mit dem Stock aufstoßen. Denn sein Weg führte nah am Pfarrhaus vorbei.

Ich lag wach und sah den Morgenstern hoch am Himmel stehen und hätte dem Wanderer gern ein gutes Wort nachgerufen; aber ich besann mich anders. Der hat in sich, was er braucht, dachte ich, der bedarf eines Wortes nicht. Er war mir lieb so.

Das war der Morgen des ersten Novembers.

Am Abend des dritten kamen die beiden miteinander heim.

Wir wußten es von der alten Burge, die es sich nicht hatte nehmen lassen, den kleinen Marx zu versorgen, und die Weisung erhalten hatte, das Wägelein mit dem Braunen an die Bahn zu schicken.

Im Dorf war viel Gerede und viel Schelten. »Er hätte sollen froh sein, daß er sie los hat. Auch noch nachlaufen, einer solchen, – aber er ist rein nicht gescheit. Jetzt, wo unser Herrgott ein Einsehen gehabt hat; sie hätt’ dort hinten im Schwarzwald sterben können, dann hätt’ er seine Ruh’ gehabt.« Aber die zwei, die auf dem Wägelein saßen, das spät am Abend in sachtem Tritt durch die Gassen fuhr, die horchten nicht nach dem Gerede hin. Sie hatten, das sah ich, als ich sie am übernächsten Tag besuchte, auch die Meinung, daß unser Herrgott ein Einsehen gehabt habe, es war aber doch anders, als die Dorfgenossen es meinten.

Sie wußten es wohl, daß sie nicht beisammen bleiben konnten, ich brauchte da nichts einzureden. Aber sie hatten noch ein paar Sommertage vor sich, eh’ es Nacht wurde, das war ihre hohe Zeit. Mirza atmete mühsam und schwer, denn ihr Herz war schwach und das Fieber brannte in ihr mit hoher Glut. Aber sie hatte leuchtende Augen, die waren bis zum Rande gefüllt mit Liebe und mit Heimatgefühl und nichts mehr von vergeblichen Kämpfen und von ausbrechender Sehnsucht stand in ihren Zügen. Und Markus Lohrmann, der eben den Doktor hinausbegleitet hatte und von ihm wußte, wie es stehe, der stützte sie, daß sie leichter atmen konnte, und streichelte ihre heiße Hand, und sie waren eins im andern daheim, wie ich es noch nie gesehen hatte.

Das machte, daß ihnen die Angst vor sich selber, vor allem Bitteren und Bösen, das sie einander hätten antun können, und vor aller Qual der vergeblichen Wanderwege nun abgenommen war, wie man Kindern ein gefährliches Spielzeug sacht aus den Händen nimmt und sagt: so, nun laßt das, nun kommet her zu mir, ich will euch etwas Schönes erzählen.

Und darauf horchten sie nun und sagten eins dem andern, was es im Herzen erhorchte.

»Ich hab’ dich anbinden wollen,« sagte der Mann, »weißt du noch? mit einem siebenfachen Seil, daß du mir nicht hinauskommest. Aber das Anbinden, das hilft nichts; hätt’ ich’s nicht tun sollen, Mirza?«

»Doch, du hast müssen, Markus,« sagte sie. »Und ich hab’ auch so tun müssen, wie ich getan habe. Wir können nicht anders, wir sind arme Leut, wir Menschen. Ich hab’ oft gedacht, wie ich so herumirrte und doch nicht heimkonnte: wenn ich der Gott wär’, ich hätt’ so ein großes Mitleiden mit allen, daß ich vom Himmel herunterlangen müßte um zu helfen.« –

Ich war lang still dagesessen, mehr im Hintergrund. Sie taten sich vor mir keinen Zwang an, ich war ihnen nie ein Fremder gewesen. Der Abend brach stark herein und wir schwiegen alle eine Weile. Dann mußte ich aber doch sagen: »Das tut er ja auch, Mirza. Dir ist die Welt und dein Ich zu eng gewesen; jetzt gehst du wohl in eine Weite, da wirst du nicht anstoßen und auch nicht fremd sein.«

Dann schwiegen wir wieder. Es ging so vieles durch mich durch. Es ist ein so großes Heimbegehren in uns Menschen allen. Der alte Claudius fiel mir ein: »Es muß irgendwo ein Ozean für uns sein.« Das und noch vieles. Aber ich konnte jetzt nicht davon reden. Wenn Markus Lohrmann diesen Winter mir hie und da gegenüber sitzen wird, – und das wird er, ich weiß es – dann werden wir wohl von diesen Dingen reden. Damals – ich habe selber mit horchen müssen und mit nach der Hand greifen, die Mirza wollte vom Himmel herunterlangen sehen, um uns allen zu helfen.«

»Und dann?« fragte der Gast, als der Pfarrer eine Zeitlang schwieg. »Und dann ist auch diese Zeit zu Ende gegangen, wie alle unsere Zeiten, die hohen und die tiefen. Ich denke, es sei so recht geworden, daß wir das, was des Wanderns müde war, begruben, und daß das, was nach der uferlosen Weite begehrte, ›laut jubelnd wieder in die Flut gegangen ist.‹«

Drunten am Haus schellte es.

Ursel machte auf und man hörte sie reden. »Und der Marxle ist noch auf und noch draußen?« sagte sie. »Arm’s Büble, du g’hörst ins Bett jetzt, so Männer haben doch keinen Verstand für die Kinder.« Dann ging die Tür auf und der Mann, von dem sie so viel gesprochen hatten, kam herein. Er trug sein Bübchen auf dem Arm, das war in ein großes Tuch gewickelt und hatte warme, rote Bäckchen und legte sein schwarzhaariges Köpflein an das blasse, ernste Gesicht des Vaters.

Der sah den Gast nicht, der im Schatten saß.

»Drum hab’ ich nur noch wollen einen Dank sagen,« hob er an. »Ich – ich wär’ sonst am Grab so allein gewesen, – aber was der Herr Pfarrer gesagt hat, das –«.

»Red’ nicht so daher, Markus,« sagte der Pfarrer, »du hast noch ein »gut’ Nacht« holen wollen, das ist recht. Morgen komm’ ich und seh’ nach dir. Was danken. Ich hab’ sie auch lieb gehabt, da dankt man nicht.« Der Mann setzte noch ein paarmal an, aber dann schien es ihm auch, als ob sonst nichts zu sagen sei. Ja, ja, liebhaben, da ist nichts zu bedanken, das geschieht umsonst. Da ging er wieder.

Der Gast saß still in seiner Sofaecke. Der Pfarrer sah ihn in seiner Brieftasche blättern, und dann ein gelbes, zerlesenes Blättchen herausholen.

»Lies,« sagte der Gast und hielt es seinem Freunde hin. »Ich meine, es werde nicht viel anders sein.«

Der Pfarrer las halblaut:

Es kam eine arme Seele im Himmelreich an:

Tut mir auf, tut mir auf, daß ich eingehen kann!

Und als sie nun stand am himmlischen Tor,

da kamen die Englein mit Haufen hervor:

»Arme Seele, was hast du zerrissene Schuh!«

Bin immer gewandert, fand nirgendwo Ruh.

»Verblichen, zerrissen dein altes Gewand!«

Das trug ich in Regen und Sonnenbrand.

»Arme Seele, was gehst du so krumm und gebückt?«

Mich haben die Lasten des Lebens gedrückt.

»Arme Seele, was suchst du im himmlischen Haus?«

Gott Vater, den sucht’ ich weltein und weltaus.

Dem leg ich zu Füßen die Kleider und Schuh,

die Last und mein sehnendes Herze dazu.

Da traten die Englein zusammen in Reihn

und führten die arme Seele hinein.

Da ward sie beschienen vom himmlischen Glast,

da war sie genesen der sehnenden Last.

– Die seligen Engel im ewigen Licht,

so selig waren die Engel nicht. –

Er reichte ihm das Blatt still wieder hin.

»Ja, ja,« sagte er. »Es wird gut werden, irgendwie gut, ganz gut. Wir wollen still sein und warten.«

Sie sahen eine Weile schweigend ins Lampenlicht. Dann redeten sie von andern Dingen.

Ein Sommer

Ob die Himmelreichsgasse ihren Namen mit Recht oder mit Unrecht trage, darüber gingen die Ansichten auseinander.

Die da meinten, er soll besagen, es sei ein himmlisches Leben und Aufenthalt daselbst, die schüttelten ärgerlich und enttäuscht den Kopf, wenn sie die niedrigen, rauchigen Häuser sahen, die rechts und links von dem ausgetretenen Pflaster standen und die Last ihrer spitzen Giebel trugen.

Wer aber die steil ansteigende Gasse als einen Weg ins Himmelreich betrachten wollte, räumlich angesehen, der gab wenigstens zu, daß das obere Ende demselben ein gut Stück näher sei als das untere. Und das ist in dieser unhimmlischen Welt auch nicht nichts.

Die letzten, obersten Häuser, zu denen noch eine Flucht von Staffeln emporführte, stießen dicht an den Wald an.

Von dessen Rand aus konnte man einen weiten Blick, ein ordentliches Auge voll tun über Erd’ und Himmel hin. Unten lag der alte Marktflecken, von einem kleinen Fluß durchzogen, von steil ansteigenden Höhen sorglich umschirmt. Hier oben war es still, friedlich und weit.

Es war doch nicht ganz ohne mit der Himmelreichsgasse.

Die stieg an einem schönen Junitage ein junges Fräulein empor. Es trug in der einen Hand einen zusammengeklappten Feldsessel, zwischen dessen Tragbändern ein hellgrauer Schirm stak, in der anderen einen schwarzen Kasten mit blitzendem Metallgriff, über dessen Zweck und Inhalt sich die Bewohner der Himmelreichsgasse vergeblich den Kopf zerbrachen. Mit aufmerksamen Augen studierte das Fräulein im Hinansteigen die Inschriften der Hausschilder, die Auslagen der Metzger- und Bäckerläden, die Blumenbretter vor den Fenstern und die Schwalbennester an den Balkenvorsprüngen.

Die Hausnummern sah sie auch prüfend an. Aber da sie dabei rüstig weiterschritt, so wagte sie niemand anzureden mit der Frage, die auf jedem Gesicht stand, wohin sie wolle, und etwa noch, warum?

Es war gegen Abend. Auf dem Pflaster spielte die Jugend, vor den Häusern standen Mütter mit den kleinsten Kindern auf dem Arme, vor der Schmiede stand ein Fuhrmann mit seinem Gaul, und der Schmied trat mit dem glühenden Eisen an der Zange unter die Tür. Es war ein belebtes Bild, das Fräulein sah mit lebendigen Augen um sich.

Vor der Tür des letzten Hauses ganz oben links, blieb sie stehen, besah sich die Nummer, nickte zustimmend, klinkte an dem schwarzen eisernen Griff der Haustüre, sah, als diese verschlossen war, zu den niederliegenden Fenstern des Erdgeschosses hinein und schüttelte den Kopf, als auch da kein lebendes Wesen zu entdecken war. Da sah sie hinter dem Bänklein unter dem Ahorn, der das niedrige Haus beschattete, ein Kindergesicht hervorlugen und blitzschnell wieder verschwinden. Nur ein blonder, borstiger Haarschopf guckte noch hervor. Dem ging sie nach. Mit einem leichten, geschickten Griff zog sie den widerstrebenden, kleinen Buben aus seinem Schlupfwinkel, stellte ihn vor sich hin und sagte: »Nun sag mir einmal, du Bürschchen, gehörst du in das Haus da?« Der Kleine nickte nur und steckte alsdann den Daumen in den Mund. Nur die Augen sprachen weiter; sie sagten: »Ich weiß gut, wer du bist. Du bist das Fräulein, das die obere Stube gemietet hat und unser Sommergast werden will.« Aber diese Augensprache war dem Fräulein nicht genug. »Warum ist das Haus geschlossen? Wo sind deine Eltern?« fragte sie. »Du gehörst doch dem Schuhmacher Notacker?« Das war ein bißchen viel auf einmal gefragt. Es brauchte schon eine Weile, bis die ganze Antwort herauskam. »Das Haus schließt man, wenn man aufs Feld geht. Aber der Schlüssel liegt hinter dem Schuhabkratzer. Der Vater trägt geflickte Stiefel fort, und die Mutter ist auf dem Rübenacker. Die drei Kleinen hat sie mit.« »Die drei Kleinen? Ja, wie alt bist du denn?« Das wußte der Bub nicht so genau anzugeben, wohl aber, daß er Gottfried heiße und in zwei Jahren in die Schule komme. Ferner, daß er ein Sonntagsgewand im Schrank hängen habe und auf den Winter eine Pelzkappe mit Ohrlappen besitze. Als Gottfried mit diesen Berichten fertig war, kam von unten her ein Mann, der zum Zeichen, daß er etwas sehr Merkwürdiges sehe, fortwährend mit der linken Hand seine Mütze hin und her rückte und nun auch anfing, seine Schritte zu beschleunigen. »Da ist das Fräulein,« sagte er, als er da war. »Da ist sie nun, und das Haus geschlossen, und kein Mensch zum Empfang da. Das ist eine schöne Geschichte, das hätte nicht sein sollen.« Man brauchte es einem nicht zu sagen, daß der Mann ein Schuhmacher sei. Er trug eine grüne Schürze mit einer gelben Metallkette als Schloß, trug die Hemdärmel aufgekrempelt und hatte an Händen und Armen deutliche Pechüberreste. Er roch auch stark nach Leder. Er habe ein gutes, ernsthaftes, etwas gedrücktes Gesicht, dachte das Fräulein. »Das tut ja nichts,« sagte sie. »Wenn man nicht genau angibt, wenn man kommt, so kann man auch nicht erwarten, daß man empfangen wird. Zudem hat mich der Gottfried schon ganz gut unterhalten.« Der Bub lachte so ein wenig bei diesem Bericht und der Vater sagte: »Da muß es das Fräulein gut mit den Kindern können, wenn er das getan hat. Denn er ist sonst scheu und ganz stumm vor Fremden, so gut sein Mundwerk läuft, wenn er daheim und unter uns Eigenen ist.« Er schloß die Haustür auf und geleitete das Fräulein die steile, halbdunkle und ausgetretene Treppe hinauf in den Oberstock, wo unter dem spitzen Dachgiebel ein einziges Stüblein eingeklemmt lag. Das Fremdenzimmer. Es war mit Liebe und Stolz eingerichtet, das sah man sofort. Mit allem guten Willen, das Möglichste an Eleganz aufzubringen. Das sagte sich das Fräulein, als ihm jeglicher Mangel an gutem Geschmack empfindlich auf die Nerven ging. Sie beschloß, das Angenehme daran herauszufinden. Das fiel ihr auch nicht schwer, als sie zum offenen Fenster hinaus die Aussicht sah. »Wie schön,« sagte sie, »o wie schön!« Der Schuhmacher nahm das Lob auch gleich für die Stube. »Man tut halt sein Möglichstes,« sagte er. »Wenn’s dem Fräulein nur bei uns gefallen wird. Es wär uns eine Freude.« »Das wird es, das wird es schon.« Das Fräulein streckte dem Mann plötzlich die Hand hin. »Auf gute Hausgenossenschaft.« Er nahm sie, behutsam, sie war so weiß und fein gegen seine schwielige Schustershand. Es ging ein warmer Strahl über sein bärtiges, ernsthaftes Gesicht. »Jetzt kommt die Mutter,« rief Gottfried, der bisher stumm zugesehen hatte. Drunten knarrte ein Wägelchen, Kinderstimmen wurden laut. Gottfried polterte eilfertig die Treppe hinunter. »Mutter, das Fräulein ist da,« rief er schon von weitem. »Sie hat gesagt, es sei schön bei uns. Sie ist schon droben in ihrer Stube.« »Ich will Ihnen meine Frau schicken,« sagte der Mann, »und wenn Sie einen Wunsch haben, und es ist zu machen, so tut man’s.« Dann ging er auch.

Sie sah sich in ihrer neuen Klause um, als sie allein war. Grelle, blaue Tapeten, buntfarbige Öldrucke darauf, weiße gehäkelte Deckchen auf Tisch und Kommode, ein Stückchen geblumten Teppichs auf dem Fußboden. »Es ist schrecklich, aber es ist gut gemeint; es ist gewiß ihr Stolz. Ich will mir’s nach und nach ein wenig menschlich machen. Was ist das für ein rührend ernsthafter, sorgenvoller Mann. Ich bin begierig, wie die Frau ist.« Das Fräulein fing an, seinen Koffer auszupacken, der schon vorher angekommen war. Und dazwischen hinein ging sie ans Fenster, immer wieder, und sog den Anblick in sich hinein. In langen Zügen tranken ihre Augen die friedliche, liebliche Schönheit des Sommerabends. Das Fenster bot so recht eine Mischung von dem, was sie liebte. Nach rechts hinunter den Blick in die Himmelreichsgasse, wo die Kinder spielten und die Alten vors Haus kamen am Feierabend. Das war ein Stück Menschenleben, einfach, eng begrenzt, aber anheimelnd. Es zog sie an, es war ihr, als müsse sie hier etwas erleben. Gerade mit den Menschen da vor ihren Augen, etwas Gemeinsames, Verbindendes. Aber was? Das würde sich ja zeigen. Das brauchte man gar nicht zu suchen. Gegenüber war kein Haus mehr, da ging der Blick ohne Hindernisse ins Weite. Wie abendstill nun das Tal dalag. Wie dunkel und schweigend die grüne Wand des Tannenwaldes in den dämmerigen, nachtenden Himmel hineinragte! »Kaum zwei Minuten ist’s dahin, wo der Wald anfängt. Da muß ich noch hin, das muß ich alles grüßen und in Besitz nehmen,« sagte das Fräulein zu sich selbst. »Das Auspacken mag warten.« Es ging ein so heimatliches Grüßen aus ihr heraus und um ihre Umgebung herum. Sie war einer von den Menschen, die überall daheim sein können, weil sie es in sich selber sind.

An der Tür wurde geklopft. Die Schustersfrau kam herein. Sie blieb hart an der Tür stehen. »Ich will nicht stören,« sagte sie, »ich hab’ nur dem Fräulein Grüß Gott sagen wollen.« Sie war eine kleine, schmächtige Frau mit zerarbeiteten Zügen und geraden, stillen Augen. »Ja, aber das ist ja natürlich, daß wir uns begrüßen müssen,« sagte das Fräulein lebhaft und trat zu ihr. »Wenn man einen Sommer lang Hausgenossenschaft halten will. Wir wissen ja noch gar nichts von einander, persönliches, mein’ ich. Da war Ihre Anzeige in der Zeitung und meine Anfrage, und Ihre Zusage. Sonst nichts. Sie werden kaum noch meinen Namen wissen? Doch? Solger, Adelheid Solger. Ich will hier kein müßiger Kurgast sein. Ich will zeichnen und malen, und hoffentlich nütze ich meine Zeit gut aus. Es ist gefährlich, wenn es so schön ist um einen herum. Da sitzt man so leicht und macht beide Augen auf, daß alle die Schönheit hinein kann, und vergißt, daß man daran lernen wollte. So wiedergeben Strich um Strich, das ist dann ernsthafte Arbeit. Aber ich hoffe, daß ich den Sommer ausnütze.« Sie unterbrach sich. »Das rede ich Ihnen nun alles vor. Es hat mir oben gesessen, seit ich da zum Fenster hinaussehe: Wenn du nur auch ans Zeug gehst, so in der Freiheit, nun dir niemand den Stundenplan macht.«

»Davon weiß unsereins freilich nichts,« sagte die Frau. »Es ist immer etwas da, das zuerst getan sein muß. Man weiß oft nicht, wo anfangen. Da braucht man sich nicht extra zu besinnen, ob man jetzt will oder nicht.«

Ihr Gesicht blieb ganz ruhig, während sie sprach; ihre Stimme hatte einen tiefen, etwas bedeckten Ton.

»Soll ich jetzt eine Lampe bringen?« fragte sie noch, schon die Türklinke in der Hand. »Das Nachtessen ist auch bald fertig, soll ich das dem Fräulein dann heraufbringen?« »Ja,« sagte das Fräulein, »bis es fertig ist, bin ich wieder hier. Ich gehe noch die paar Schritte bis an den Wald hin, eh’ es ganz dunkel wird. Damit kann ich nicht warten bis morgen.«

Unter der Haustür auf der Schwelle saßen zwei Kinder, verkleinerte Abbilder des Gottfried. Sie waren barfüßig, trotzdem sie Schusterskinder waren, hatten vielfach geflickte Röckchen von Druckkattun an und guckten mit runden, blauen Augen vor sich hin. Aus der offenen Stubentür kam kräftiges Geschrei eines noch kleineren Notackerleins, das von Gottfried im Wagen hin und hergeschoben wurde, und dazwischen hörte man das klopf klopf des Schusterhammers. Das Küchenfeuer warf einen flackernden Schein auf den kleinen Vorplatz. Das Fräulein trat jetzt, von der Treppe herkommend, in seinen Lichtkreis. »Ah,« sagte sie fröhlich, und sog den kräftigen Duft ein, der einer Bratpfanne entstieg, »da gibt’s etwas Gutes. Da freu’ ich mich aufs Wiederkommen.« Die beiden kleinen Buben auf der Schwelle zogen auch die Näschen hoch. Das war ein Duft, den sie kaum kannten. Es war für sie mit dem Fräulein verwoben, nicht mit Unrecht. Was da protzelte, war nicht für die Schelme. Sie sahen sich verlegen an, als der Sommergast an ihnen vorbeischlüpfte. »Bleibet nur sitzen, ihr zwei,« hatte das Fräulein gesagt, »an zwei so kleinen Mäusen komme ich schon noch vorbei.« Da ging sie hin den Waldweg hinauf. Sie kam ihnen sehr groß und sehr schön und sehr vornehm vor. Sie war etwas Neues, etwas Niedagewesenes für das ganze Haus. Und sie gehörte ihnen, aber nur zum Anstaunen. Sie war »unser Fräulein«.


»Also das gibt’s noch,« sagte Adelheid Solger und streckte sich wohlig. »Das gibt’s noch. Das hab’ ich gar nicht mehr gewußt. Seit ich ein Kind war, bin ich nicht mehr im Heu gelegen. Das ist schon lang her. Und nun so. Sehen Sie, Meister Notacker, wie schön es ringsum ist? Sehen Sie’s recht?«

Sie lag lang ausgestreckt auf der abgemähten Wiese, die sich ziemlich steil talwärts zog. Die Hände hatte sie als Kopfkissen in den Nacken geschoben, die Augen gingen mit einem sonnigen Behagen hin und her, blieben in der Weite hängen, kamen wieder in die Nähe zurück und fragten dann eindringlich in den Mann hinein, der auf seinen Rechen gestützt dastand und an einer Antwort arbeitete. Es liege ein Leuchten darin, dachte der. Sie war erst vorhin aus dem Wald gekommen, angeregt von ihrer Arbeit frisch und vergnügt.

»Nun hab’ ich ein Recht, eine Weile zu feiern,« hatte sie gesagt. »Ich war ausbündig fleißig diesen Morgen. Ich muß mich selber ein wenig loben, es ist sonst niemand, der es tut. Und es ist mir nötig, ich brauch’s. Was ist das für eine Welt! Im Wald war’s so dämmerig und hier ist alles voll Sonne.«

Und dann hatte sie die Frage an ihn gestellt. »Sehen Sie, wie schön es um und um ist?« Was sollte er nur darauf sagen?

Sie konnte ja nicht wissen, wie es in ihm aussah, und das war ihr wohl auch nicht wichtig. Aber in ihm lebte ein starker Drang nach allem Schönen hin, der regte sich neu, seit sie da war. Er war weder im Aussprechen noch im Sehen geübt. Und sie war das beides.

Die Sonne lag mit vollem Glanz auf der Landschaft, der Fluß blitzte darin in tausendfältigem Geflimmer, die nachbarlichen Höhen hatten einen dunkelblauen Ton. In der Nähe lagen hellgrüne Kornbreiten, blaue Kornblumen und roter Mohn leuchteten in starken, sicheren Farben daraus hervor. »Ja,« sagte er langsam, »es ist schön – aber,« er stockte. Er hatte noch sagen wollen: »Aber so, wie Sie, seh’ ich’s nicht.« Er sah an ihren Augen, daß es so sei. Aber er verschwieg es. Vielleicht fürchtete er, zu viel zu sagen. Denn das, was sich mit Macht in ihm regte, durfte sie nicht erfahren. Das war ein Neid gegen sie und alle, die so ungehindert, so selbstverständlich in einer Welt lebten, die ihm verschlossen war. Er war ein Schuster gegen seinen Willen. Er wäre gern etwas anderes geworden in seiner Jugend. Irgend etwas, bei dem der Geist die Flügel regen konnte, er wußte es selbst nicht so genau. Lernen hatte er wollen, viel und vielerlei, Bücher lesen, Musik machen, alles, was es nur gab. Aber da war nichts zu machen gewesen.

Er war kein Genie, das sich einen Weg erzwingt, er hatte nur eine durstige Seele, die sich in einem engen Käfig duckte und draußen eine weite Welt ahnte, an der sie nicht teilhaben durfte. So lernte er sein Handwerk, aber verdrossen und unfroh, wie einer, der nicht an seinem Platz ist. Er brachte es nicht weit darin. Das wunderte ihn auch gar nicht. »Warum hab’ ich nichts anderes werden dürfen?« sagte er sich vertrutzt, wenn er sah, wie andere seines Handwerks weiter vorwärts kamen als er. »Ich passe einmal nicht dazu.«

Er hatte es ein wenig vergessen gehabt, daß er so verkürzt sei. Aber nun kam es stärker herauf als je zuvor.

Davon wußte ja das Fräulein nichts. Die war so frisch und lebensfreudig, erzählte so harmlos drauf los von ihrer Welt, die nicht die seine war und nahm die Schönheit der Welt und des Lebens in Besitz, als ob das gar nicht anders sein könne.

»Jetzt habe ich aber lange und geduldig gewartet,« sagte Fräulein Solger und richtete sich auf. »Es kommt wohl keine Fortsetzung mehr auf das Aber. Da erscheint nun der Gottfried und ruft uns zum Essen. Ich hätte so gern wissen wollen, ob’s nur mir allein so schön vorkommt, mir mit meinen Stadtaugen, denen es so golden wohl ist in der Freiheit nach der Enge des Zeichensaales?«

Da gab der Mann dem Rechen und sich selbst einen Ruck. Den Rechen rammte er fest in die Erde, da stand er aufrecht und frei. Aus sich selber heraus sagte er, langsam, als müsse er jedes Wort von unten heraufholen: »Es wird wohl so sein, wie Sie meinen, so schön. Es gibt Leut’, die sehen’s immer. Denen liegt’s in den Augen, die sind dazu gemacht. Die anderen sehen das andere, es ist viel auch nicht schön in der Welt. – Aber heut’ seh’ ich’s auch.« Es war eine Anstrengung gewesen, das alles zu sagen. Der Mann atmete tief auf. Fräulein Solger sah ihn von der Seite an, aufmerksam und nachdenklich. Was mochte hinter dieser Stirn mit den tiefen Querfurchen vorgehen? Gottfried war vollends herangekommen. »Die Mutter wartet schon lang,« sagte er. »Sie sagt, du habest gewiß wieder nicht Zwölfe läuten hören. Und das Fräulein hätt’ ich auch suchen sollen.« »So,« sagte das Fräulein heiter, »im Wald hättest du mich aber lang suchen können. Ich bin im dicksten Dickicht gesessen und habe Baumwurzeln gezeichnet.« Sie klappte ihr Skizzenbuch auf und hielt es dem kleinen Buben vors Gesicht. »Da sieh her. Gefällt dir’s, du?« Gottfried sah ernsthaft auf das Blatt und machte ein kurioses Gesicht. So ein knorriges Zeug? So ein Gewirre? »Nein,« sagt er, ganz kurz und bestimmt. »O du Staatskerl du. Versprichst du mir, daß du deiner Lebtag’ so deutlich sagen willst, was dir gefällt und was nicht?« Fräulein Solger hatte nicht übel Lust, dem Kritiker einen Kuß in sein ernsthaftes Kennergesicht hinein zu geben; aber er sah aus, als ob er ihn wieder wegwischen könnte; sie ließ es. »Wenn ich nach Haus komme, muß ich’s meinem Professor zeigen. Vielleicht gefällt’s dem besser als dir. Aber du darfst zur Belohnung meinen Feldsessel tragen, und heut’ nachmittag darfst du in meine Stube kommen, dann zeig’ ich dir, was dir besser gefällt. Ich habe schon noch Schöneres. Und jetzt marsch marsch. Auf meiner Magenuhr ist’s schon lang Zwölfe vorbei.« Gottfried trabte stolz mit dem Feldsessel voraus. Die zwei anderen folgten. Der Mann hatte auch mit in das Skizzenbuch gesehen, gesagt hatte er nichts. »Wenn Sie dem Buben Bilder zeigen,« hob er nach einer Weile, als sie so nebeneinander hergingen, zögernd an, »am End’ dürft’ ich’s auch sehen. Man sieht auch gern einmal etwas anderes. Und ich, – ich hab’ immer eine Freud’ an so etwas gehabt.« Es kam fast entschuldigend heraus. Die Lust war größer gewesen als der Vorsatz, zu schweigen. Das Fräulein sah aus, als ob ihr eine große Freude widerfahren wäre. Das war auch so. Sie hatte eine so ehrliche, gesunde Freude an ihrem Studium, die wollte sie so gern mit den Menschen, die um sie her waren, teilen. Und wenn sie einen Sinn dafür fand, wo sie ihn nicht vermutet hätte, da begrüßte sie ihn mit der ganzen geraden Herzlichkeit ihres Wesens. »Das ist ja fein,« sagte sie, »das freut mich ja von Herzen, Meister. Wollen wir das heute abend tun? Gleich heut?« Sie nannte ihn immer Meister. Das Wort gefiel ihr so für den einfachen, biederen Mann. Sie hatte bis jetzt immer geglaubt, er gehe in seinem Handwerk auf, und er war so gar kein Herr. Am Ende kannte sie ihn aber doch noch nicht.

Die Frau stand unter der Tür und wartete. Sie schützte die Augen mit der vorgehaltenen Hand vor der Sonne. Ihr Gesicht war so eben und unbeweglich wie immer und mit dem gewohnten ruhigen Ton grüßte sie die Ankommenden. »Das Essen steht schon droben, Fräulein,« sagte sie. »Es ist hoffentlich noch gut. Ich hab’s auf zwölf Uhr gerichtet.«

»Geschieht mir ganz recht, wann ich’s kalt bekomme; ich bin so gar kein pünktlicher Mensch. Erziehen Sie mich nur ein bißchen.« Adelheid Solger hatte immer das Gefühl, als wenn sie diese Frau ein wenig aufheitern, ein wenig froh machen sollte. Aber wie? Sie war wohl auch gar nicht traurig, nur so tonlos, so gleichmäßig still ging sie ihres Weges. Und man wußte nie, was in ihr vorging. »Aber das ist ja vielleicht das allerbeste,« dachte das Fräulein, als es die Treppe hinanstieg und sein Zimmer betrat. »Es ist gar nicht immer gut, wenn man einen so durch und durch sehen kann, wie zum Beispiel mich, die ich keinen Gedanken verbergen kann. Ich will sie nur ruhig ihres Weges gehen lassen. Wenn ich’s nur könnte. Ich kann es ja doch nicht. Einen Tag lang, ja, aber dann muß ich wieder in ihrem Gesicht herumstudieren, und in seinem. Warum bin ich nur so, so menschenhungrig? Warum muß ich an allem teil haben, was um mich herum vorgeht?«

Ihr Tisch war sauber gedeckt. Mit billigem Geschirr und dünnem Tischzeug, wie man es in Warenhäusern um ein Geringes bekommt. Aber alles neu und ganz. »Das ist für mich angeschafft,« dachte sie. »Da sitz’ ich nun allein dabei und ess’ das Beste, was im Haus ist. Es ist mir zuwider. Ich bezahl’s ja, sie verdienen noch ein bißchen dabei. Aber es ist mir doch zuwider. Soll ich ausgehen und im Wirtshaus essen? Dann kränkt’s die Frau, sie tut, was sie kann. Jetzt würde ich wieder ausgelacht, wenn mich meine Freunde sähen. ›Immer rücksichtsvoll,‹ würde Heinz sagen, und spöttisch den Hut ziehen. Ich weiß, was ich möchte. Ich möchte unten mit am Tisch sitzen und mitessen. Ich habe ganz gewöhnlichen Menschenhunger.« Damit beendete sie ihr Selbstgespräch und fing an zu essen. Sie war jung und gesund, es schmeckte ihr trotz allem.

Ein gutes Stückchen hob sie für Gottfried auf, der eilig daherstolperte, kaum daß er den Löffel weggelegt hatte. Er blieb staunend stehen. Das Zimmer war anders, als da das Fräulein einzog. Auf der Kommode stand in einer breiten tiefen Schale ein Waldstrauß, ein duftiges Gewirre von grünen und rötlichen Ranken, langstieligen Glocken und Waldlilien. Die Öldrucke waren von den Wänden verschwunden; ein paar Kreide- und Kohlezeichnungen waren mit Reißnägeln da und dort lose angeheftet, über dem Bett hing an einer roten Schnur ein farbenfreudiges Aquarell. Ein hohes, graues Steinhaus mit einem mächtigen Portal, vergitterten Fenstern im Erdgeschoß und einer heiteren Fensterreihe oben, zwei der Fenster mit Brettern voll brennendroter Geranien davor.

Vor diesem Bild pflanzte sich der kleine Bub auf und guckte es mit großen Augen an. »Siehst du, da bin ich daheim,« sagte das Fräulein und wies auf die Blumenfenster. »Da geh’ ich wieder hin, wenn ich im Herbst fortgehe. Es war einmal ein Schloß und hat einem Grafen gehört. Der ist aber schon lang tot.« »Gehört’s jetzt dir?« fragte Gottfried. »Nein, Bub, so reich bin ich nicht.« Sie lachte. »Da wohn’ ich nur, und außer mir noch viele Leute; fast in jeder Stube jemand anderes. Und in der Mitte ist ein ganz mächtig großer Hausflur, so groß, daß man euer Haus hineinstellen könnte. Da tanzen bei der Nacht die Mäuse.« Gottfried sah unbefriedigt aus. Es paßte ihm nicht, daß dem Fräulein das Haus nicht gehöre und daß bei Nacht die Mäuse darin tanzten. Er hatte mit den Kindern der Himmelreichsgasse schon viel von »unserem Fräulein« gesprochen. Kein Mensch außer ihnen hatte einen Sommergast. Er hätte den anderen gern das Haus gezeigt; die hätten Augen gemacht. Aber wenn’s ihr gar nicht gehörte. Dann konnte man nur gleich still sein. »Ist dein Vater und deine Mutter auch drin?« fragte er. Da machte sie ein sehr ernsthaftes Gesicht. »Ich habe keinen Vater und keine Mutter mehr,« sagte sie. »Schon als ich so groß war wie du, nicht mehr.« Gottfried war immer enttäuschter. »Ja, hast du denn gar niemand?« fragte er. Da überkam das Fräulein wieder »dieser ganz gewöhnliche Menschenhunger«. Sie konnte doch dem kleinen Buben nicht sagen, daß sie zu niemand gehöre, zu gar niemanden. Sie hatte doch so viele Freunde, so einen frohen, belebten, anregenden Kreis. Aber jemand eigenes? »Doch,« sagte sie nach einer kleinen Weile. »Ich habe schon jemand. Es ist fast, wie wenn ich eine Mutter hätte. Oben, ganz da oben, man sieht das Fenster nicht auf dem Bild, es ist auf der anderen Seite, da wohnt sie. Sie kann nicht gehen, sie ist krank. Aber sie ist immer da, wenn ich zu ihr komme. Die hat mich lieb, sie gehört mir.«

Gottfried verstand den Bericht nicht so ganz. Das konnte er ja auch nicht. Das Fräulein hatte ja gar nicht gesagt, wer da oben wohne und fast wie ihre Mutter sei. Sie kam ihm ein klein bißchen weniger erstaunenswert vor, als er wieder die Treppe hinunterging. Sein Vater saß am Schustertisch und flickte einen klaffenden Riß in einen Bauernschuh. Dem konnte er alles erzählen. Er horchte auch hoch auf. »Daß sie am End’ gar nicht zu beneiden wär?« dachte er. »Daß sie auch ihren Schatten hat in ihrem Leben?« Er zog den Pechdraht eifriger durch die Löcher, die die Ahle machte. »Aber sie hat’s doch schön; Herr! wenn man selber so ist, so gescheit und geschickt, und tun kann, wie man will!«

Derweil saß das Fräulein oben und schrieb einen langen Brief an die, die »fast wie ihre Mutter« war. Mit dem Herzen und Gedanken kehrte sie ein in der stillen Stube der alten Freundin, die fast nichts mehr tun konnte und doch so viel war. So ein aufgeschlossener, warmer, lebendiger Zufluchtsort für die, die sich draußen herum müde und unruhig gemacht hatten. Sie wurde wieder froh während des Schreibens, ihres Reichtums bewußt. Es ging ein starkes Grüßen dem Brief voraus, direkt durch die Luftlinie. »Wenn ihr jetzt nur die Ohren klingen möchten,« dachte das Fräulein, als es die Himmelreichsgasse hinunter wandelte und den Brief in den gelben Schalter steckte, ganz unten an der Ecke.

Denn sie wußte wohl, daß die Freundin manchmal saß und nicht wußte, wozu ihr tatenloses Leben noch tauge. Wie das einem Gemüt gehen kann, das nichts von seinem segnenden Reichtum weiß. Das nicht weiß, daß es eine stille Heimat ist für die, die es lieb hat. – – – –

Das war ein Sommerleben, ein rechtes, echtes! Früh heraus, fast mit der Sonne, und den ganzen Tag sich des Daseins gefreut. »Ich werde braun, wie eine Bäuerin,« dachte Adelheid Solger vergnügt und studierte ihr sonnverbranntes Spiegelbild. Die Himmelreichsgasse hatte das schon von ihr gemerkt. Sie war so ein bißchen Gemeingut geworden, da mußten die Leute schon darauf achten. Wenn sie die Gasse hinabging, hatte sie viele Händedrücke von sauberen und schmutzigen Händlein in Empfang zu nehmen und viele Grüße zu erwidern. Sie tat es gern, es war ihr so selig patronatsmäßig und landpomeranzig zugleich zumute. Der Schmied war ihr guter Freund und die dicke Bäckersfrau ihre Freundin. Und der Sternenwirt unten an der Ecke zog, wenn er sie kommen sah, seine Spieluhr auf. »Freut euch des Lebens,« konnte sie spielen und den Hohenfriedberger Marsch. Denn das Fräulein blieb dann regelmäßig stehen und horchte; sie wippte so einverstanden mit dem Kopf zu der Musik. Das freute den Sternenwirt.

Sie ging aber viel öfter gleich vom Haus aus in den Wald. Nicht nur so in die nächste Nähe. Sie machte große Streifereien und brachte reiche Beute im Skizzenbuch heim. Wie die Bienen sammelte sie ein in der schönen Welt. »Das war ein Prachtsgedanke von Heinz,« dachte sie. Dieser Heinz war ein Freund und Studiengenosse von ihr, der sich gern zu ihrem väterlichen Berater aufwarf und er hatte sie hierhergeschickt. »Sie müssen so recht in die Natur kommen,« hatte er gesagt, »das ist für Ihr Studium und für Ihren Menschen nötig. Sie werden neuerdings so zivilisiert.« – »Ich wollte, er könnte mich jetzt sehen.« Sie lachte, als ihr der Wunsch kam. Denn jetzt lebte sie so natürlich, als nur möglich. Es war eine Lust, zu leben. Sie hätte so gern ihre ganze Umgebung mit ihrer inneren Frohheit angesteckt. Das gelang teilweise, teilweise auch nicht. Meister Notacker, der lebte auf; er sang sogar manchmal. Er hatte eine schöne, tiefe Stimme und er kannte alte, wunderbare Volkslieder. Es war lang her, seit er sie gesungen hatte, die Kinder horchten hoch auf, und die Frau warf einen langen, merkwürdigen Blick auf ihn, als er’s das erste Mal tat. Er sah den Blick nicht, nur Adelheid Solger sah ihn. »Ist’s ihr am End’ nicht recht, daß er singt?« dachte diese. »Sie sollte doch froh sein, wenn er ein wenig Leben zeigt. Wenn ich einen Mann hätte mit solch einer Stimme, er müßte mir alle Tage singen.« Aber die Frau hatte schon wieder den Kopf über die Näharbeit gebeugt und zog mit unbewegtem Gesicht den Faden aus und ein. »Ich habe mich wohl getäuscht,« dachte die Beobachterin. Sie hieß jetzt nicht mehr Fräulein schlechtweg, sie war zum Fräulein Adelheid geworden. Sie hatte sich’s nicht ausgebeten, das war nach und nach so gekommen, ganz von selbst. So war’s ihr recht. Sie saß auf einem dreibeinigen Schemel am offenen Fenster. Draußen war’s Nacht, eine warme, düftereiche Sommernacht. Um die aufgehängte Ampel über dem Schustertisch surrten aufgeregte Schnaken mit langen Füßen und glasigen Flügeln. Der Meister saß mit einem halbgeflickten Rohrstiefel auf dem Schoß, ließ die Hände ruhen und sang aus gehobener Brust. »Es waren einmal drei Reiter gefangen, gefangen waren sie.« Und dann noch viele andere. Die Kinder spitzten die Ohren und horchten wie die Mäuse, und die Frau wendete das zerrissene Röcklein hin und her, bis alle Löcher zu waren. Dann stand sie auf: »So jetzt ins Bett, Kinder, ’s ist schon viel zu spät für euch.« Adelheid konnte es schon lang wieder nicht lassen, an ihrem undurchdringlichen Gesicht und Wesen herumzustudieren. »Warum sie nur so ist? So stumm und ernst. So sorglich und fleißig, und brav und still. Aber gar nichts Warmes. Ich möchte sie wohl fragen, ob sie nicht glücklich ist. Aber das wag’ ich ja gar nicht. Sonst bin ich so keck und vor ihr scheu’ ich mich. Wie das nur ist? Am End’ hat sie schwere Nahrungssorgen. Der Mann ist nicht so übereifrig. Aber sie haben doch auch die Wiese und eine Kuh. Da bin ich nun schon wieder beim Grübeln.« Adelheid gab sich einen innerlichen Rippenstoß und kehrte in die Gegenwart zurück.

Der Meister hatte aufgehört zu singen. »Sie haben gar nicht mehr gehorcht,« sagte er. »Meine Gedanken sind mir durchgegangen,« gab sie reumütig zu. »Ich hab’ aber danebenher doch noch zugehört. Sie haben eine gute Stimme, warum singen Sie nie? Das sollten Sie viel öfter tun.« – »Ich will’s tun, wenn Sie’s freut. Es ist mir selten singerig zumute. Das muß einem von innen heraus kommen, sonst ist’s nichts.«

Adelheid mußte wieder einmal sein Gesicht betrachten. Es hatte in letzter Zeit so etwas Lebendiges, Aufgehelltes bekommen. Sie wußte nicht, daß er in diesem Augenblick in seinen Gedanken zu ihr sagte: »Ja, wenn du immer da wärest, dann sänge ich wohl. Wie hast du mir das Leben aufgetan, du Sommergast.«

Es war gut, daß sie es nicht wußte. Sie holte ihr Skizzenbuch herbei und zeigte ihm Altes und Neues daraus. Er tat so verständige, tüchtige Bemerkungen dazu, sie waren beide so plaudersam angeregt, als die Frau zurückkam und wieder ein Paar Strümpfe zum Stopfen vornahm. »Ich habe fast ein böses Gewissen,« sagte Adelheid, »Sie sind noch so fleißig und ich habe so frühen Feierabend gemacht. Lassen Sie mich ein bißchen mithelfen, ich kann auch Strümpfe stopfen, Sie werden’s schon sehen.« Die Frau warf einen Blick in ihr bittendes Gesicht. »Ich glaube, Sie meinen’s gut,« sagte sie. »Aber helfen können Sie mir nicht. Ich habe auch nur noch das eine Paar vor.«

»Wie sie das nun wieder so tief und schwer sagt,« dachte Adelheid. »Das ist doch so eine harmlose Sache. Ich glaube, Heinz hat recht. Es gibt Leichtblüter und Schwerblüter. Die Frau gehört zu den Schwerblütern. Die müssen alles schwer nehmen.« – »Ich glaube, daß Sie’s gut meinen.« »Will’s glauben, daß ich’s gut meine. Oder eigentlich, ich meine es weiter gar nicht. Ich bin nur so ein vergnügter Mensch und hätte die andern gern auch so. Das ist eigentlich lauter Egoismus.«

Damit erstieg sie ihre Treppe und begab sich zur Ruhe. »Ihre Lieder müssen Sie mich noch lehren, Meister,« rief sie noch von der Treppe her. »Die nehm’ ich im Herbst mit nach Hause und sing’ sie meinen Freunden vor. Da krieg’ ich einen Preis; so schöne können die nicht. Aber wir müssen bald daran, die Zeit vergeht so schnell.«

Das Letztere war so wahr. Die Zeit verging so schnell: es war fast nicht zu glauben. Die Ernte war vorbei, der Wind ging übers Stoppelfeld. Heute hatte Adelheid den ersten silbernen Altweibersommerfaden an einer Hecke gefunden. Den besah sie sinnend. Sie freute sich auch wieder auf ihren alten Kreis in der Stadt. Aber es war ein so schöner, reicher Sommer gewesen, es tat ihr leid, daß er scheiden wollte. Die Menschen hier waren ihr auch wert geworden, so, wie einem die wert werden, an deren Sein und Tun man teilgenommen hat; wie das ein rechter, echter Mensch an denen tut, die um ihn her sind. Gottfried hatte ihr schon lang verziehen, daß das große Haus in der Stadt nicht ihr gehöre. Sie hatte so viele andere Vorzüge, er war ihr guter Freund geworden. Auch die anderen Notackerlein krabbelten die dunkle Treppe herauf und pumperten mit den Fäustlein an die Tür, und nach und nach taten das noch andere Kinder aus der Himmelreichsgasse. Auf einem Eckbrett stand eine glänzende Büchse, darin waren Himbeeren, wie man sie nicht im Wald findet, groß und glänzend, von süßem Zucker. Die banden die kleinen Herzlein an das große. Es waren nicht nur die Himbeeren, es war sonst noch viel Liebes und Schönes. Adelheid malte einen Zweig fliegender Herzen und in jedes rote Herzchen hinein einen der Kinderköpfe. »Lauter Originale,« sagte sie mit Stolz und trug das Bildchen im Haus herum, um es bewundern zu lassen. Sie traf die Schuhmachersfrau am Waschzuber. »Da sehen Sie her,« sagte sie, »das nehme ich mit nach Haus. Ich muß doch meinen Freunden zeigen können, was ich diesen Sommer gewonnen habe. So viele Herzen, und lauter frohe, harmlose, und keins betrübt und zerbrochen.« Wie froh sah sie aus, als sie das sagte, und so frisch und herzenswarm. Sie mußte wahrlich die Herzen gewinnen. Die ernsten Augen der Frau lagen auf ihrem Gesicht, und plötzlich brach ein warmer Strahl, der sich nicht zurückhalten ließ, aus ihnen. »Das ist ein herziges Bildchen,« sagte die Frau. Und dann, ganz unvermittelt: »Sie meinen es gut, es muß Ihnen gut gehen auf der Welt. Wenn Sie nur auch so froh bleiben, wie Sie jetzt sind, es tut einem so gut, auch noch frohe Menschen zu sehen, die sind selten.« Adelheid war seltsam befangen. Es kam plötzlich solch eine Wärme aus dieser verschlossenen Frau heraus und sie wollte sich dessen freuen, aber sie konnte nicht recht.

»Ach,« sagte Adelheid, »ich habe auch schon mein Teil Trauer gehabt im Leben. Wenn man ohne Eltern heranwächst und niemand ganz Eigenes hat. Es ist aber wahr, ich weiß nicht, wie’s kommt, ich muß mich an vielem freuen. Das Leben ist doch so schön, ich wollte, alle Menschen freuten sich dessen. Und,« sagte sie auf einmal mit hervorquellendem Mut: »ich wollte, ich hätte Ihnen etwas zu geben, das Sie froh machte. Sie sind’s nicht. Oder mein ich das nur?« Die Frau wusch eifrig weiter. Sie hatte das Gesicht über ihre Arbeit gebeugt und nichts mehr regte sich. »Es geht mir nicht schlecht,« sagte sie nach einer kurzen Weile. »Es kommt jedem etwas, das er tragen muß. Mancher ladet sich’s selber auf und muß es dann schleppen. Was man sich selber aufladet, ist auf die Dauer schwerer als das, was Gott schickt. Aber es muß dann auch gehen.« Sie stand so unscheinbar an ihrem Waschzuber. Sie war weder jung noch schön, noch lieblichen Wesens, auch nicht besonders klug und hatte keinerlei Interessen, die über ihren täglichen Kreis hinausgingen. Und doch hatte sie etwas ganz Besonderes an sich. War es, daß sie im stillen eine Last trug, die sie niemanden klagte? Was mochte sie sich aufgeladen haben? Denn sie hatte doch vorhin von sich selbst gesprochen.

Adelheid stand noch in stillen Gedanken ihr gegenüber, da sagte die Frau, wie aus einem langen Gedankengang heraus: »Ich bin gar nicht in die Welt hinausgekommen. Ich war immer hier, in diesem Haus. Es ist meines Vaters Haus. Man kann aber daheim auch genug erleben, das ist überall eins.« Dann brach sie wieder ab. Sie hatte noch viel auf dem Herzen. Aber sie drückte es wieder hinunter, sie hatte die Macht dazu, es für sich zu behalten, und Adelheid wollte nicht fragen. Sie ging in die Stube, um dem Meister ihr Blatt zu zeigen. Der sah es an, er wollte es nicht loben. Er atmete aus tiefer Brust und zog die Augenbrauen zusammen. »Was ist, wo fehlt’s?« fragte Adelheid. Da nahm er einen Anlauf zum Reden. »Es ist gut gelungen,« sagte er. Sonst nichts. Es lag ihm etwas anderes obendrauf, etwas, das er nicht sagte, das konnte man gut merken. »Wenn’s Ihnen nicht gefällt, so sagen Sie’s nur ganz ehrlich.« Adelheid war ein wenig ärgerlich. »Sonst muß ich mir den Gottfried holen, der sagt seine Meinung frei heraus.« »Ja,« brach er nun los, »ich wollte, ich dürfte das auch. Aber das habe ich mein Lebenlang noch nicht gedurft. Als ich so ein Bub’ war, wie der Gottfried jetzt, starb meine Mutter. Meinen Vater hab’ ich nie gekannt. Da kam ich hierher ins Haus meines Pflegers. Der war ein Schuhmacher. Ein geschickterer, als ich geworden bin. Ich mußte auch einer werden, als ich aus der Schule kam. Das war so natürlich, daß man mich gar nicht fragte. O ich hab’ auch einmal aufgemuckt. Ich hab’ auch einmal gesagt, was ich wollte. Ich wollte Musik machen lernen, es nahm mir fast den Atem, wenn ich ein Instrument hörte. Ich hätt’ auch etwas anderes gelernt, ich hätte die Musik dran gegeben, wenn ich hätte in Büchern lernen dürfen. Aber da kam ich schön an. Wissen Sie, wie man mir die Gelüste ausgetrieben hat? Hinausgehauen hat man sie! Ausgeprügelt.« Der Mann war in einer Erregung, Adelheid hatte ihn noch nie so gesehen. Als sei an einem vollen Dampfkessel das Ventil geöffnet, und lasse die zusammengepreßte Gewalt ausströmen, so flutete es aus ihm heraus.

Er nahm sich gewaltsam zusammen. »Aber das ist nichts für Sie,« sagte er. »Was wissen Sie von so etwas?«

»Doch, das ist etwas für mich.« Adelheid saß ihm gegenüber auf dem niedrigen Fenstersims. Sie lehnte den Kopf an den Rahmen und sah ihn herzlich an. Ihr kleiner Ärger war längst verflogen.

»Erzählen Sie mir das alles, warum soll ich von so etwas nichts wissen? Ich bin dreiundzwanzig Jahre alt und weiß, daß man im Leben kämpfen muß.« Sie füllte die Fensteröffnung fast ganz mit ihrer hellen Gestalt; er sah an ihr hinauf und sprach weiter, gesänftigter, als ob es ihm eine Wohltat sei, sein Leben vor ihre Augen zu legen.

Von den Lehrlingsjahren sprach er und von seinem Ungeschick zum Handwerk. Von seiner Unlust dazu, die ihn drückte und würgte, und von der Furcht vor den Schlägen des Lehrmeisters. Von der ganzen zusammengepreßten Jugendlust am Streben und Leben.

Dann von der Gesellenzeit und den Militärjahren, wo er von ferne die bunten Bilder des Lebens hatte an sich vorbeiziehen sehen. »Da hab’ ich meine Lieder singen gelernt,« sagte er. »Das war schön, wenn wir sie sangen zum Marschieren am frühen Morgen beim Ausrücken. Und wenn dann die Regimentsmusik spielte. Die Brust wollt’s einem zersprengen vor Hochgefühl.

Da hab’ ich mich auch manchmal vor die Schaufenster gestellt, wo Bücher und Bilder ausstanden, und hab’ alles um mich herum vergessen vor Staunen. Daß man so viel Bücher schreiben kann. Was da alles darin stehen mag? Und die Bilder; wie man so etwas machen kann? Das ist ja ein Wunder. Grad so viel hab’ ich gesehen, daß ich’s weiß, das gibt’s alles; mehr nicht.«

Er hämmerte eine Weile drauf los, schweigend, und wie von einem inneren Drang beseelt, sich frei zu schaffen. Dann sagte er: »Grad an dem Tag, als ich vom Militär frei kam, schrieb mir Regine – das ist meine Frau. Das wissen Sie noch nicht, daß sie meines Pflegers Tochter ist? Wir sind immer zusammen gewesen. Sie ist aber älter als ich. Jaso. Ja, sie schrieb mir, daß ihr Vater krank sei, vom Schlag gelähmt. Ich solle kommen, das Geschäft fortführen. Was sollte ich anders? Ich konnte mich nicht besinnen, ob ich wollte oder nicht. Das hab’ ich nie gekonnt in meinem Leben, es stand immer alles vor mir, ein Zaun hüben und drüben am Weg. Und das, was ich gern gewollt hätte, war hinter dem Zaun.«

Adelheid sah so teilnehmend in ihn hinein. Sie konnte hier nichts geben, als ihr lebendiges, stilles Zuhören. Was für ein Strom verborgenen, zurückgedämmten Lebens ging da an ihrer Seele vorüber. Sie sagte auch in den Pausen nichts; sie war ganz still. »Dann ging vollends alles seinen Weg,« fuhr der Mann fort. »Nach einem Jahr starb der Meister. Er konnte nicht mehr sprechen, aber zeigte mir mit Gebärden, daß ich das Geschäft fortführen solle. Und dann – dann tat ich’s. Die Tochter hat dazu gehört. Ich hab’s nicht gleich begriffen, ich hatte nicht daran gedacht. Sie war mir lieb und wert. Aber ich hatte mir das anders vorgestellt, das mit dem Liebhaben und Zusammengehören. Ganz anders. Man machte mir das deutlich. Es sei ein Glück für mich, hieß es. Ein Haus und ein Geschäft zu haben, und eine rechte Frau dazu. Solch ein armer Mensch wie ich. Sie wollte mich gern, das konnte ich deutlich sehen. Am Ende hatte ich mir das andere nur eingebildet, das mit dem Glück und dem Zusammenstimmen. Da hab’ ich sie gefragt. Und seither hausen wir zusammen.«

Der Sommergast hatte sich langsam von seinem erhöhten Sitz herabgelassen. Das war so etwas Wehtuendes. Das schnitt so scharf in ihre liebewarme Seele hinein. Sie waren alle beide nicht glücklich, der Mann und die Frau. Und dabei war wohl nichts zu helfen.

Adelheid wendete das Gesicht den Fenstern zu. Draußen kam vom Tal herauf ein Herbstnebel und hüllte nach und nach die ganze Gegend ein. Sie sah dem Gewoge zu.

Da sprach er weiter, hinter ihr. Sie sah nicht, wie seine Augen an ihrer Gestalt hingen, wie er aufstand und die Hände auf dem Rücken verschränkte in ohnmächtigem Verlangen. Sie hörte nur, daß seine Stimme zitterte.

»Es geht mir immer so,« sagte er. »Jetzt, heut’, mit Ihnen. Ich sehe und höre von allem, was das Leben reich macht, so viel, daß ich weiß: das gibt’s. Daß ich sehe: das könnte ein Leben sein, wenn du das hättest. Und dann muß ich’s wieder lassen. Nur grad soviel, daß ich Hunger darnach bekomme. Nur grad vor mir sehen und nicht fassen dürfen.«

Sie wagte nicht umzusehen, es wurde ihr so unbegreiflich schwül zumute. Das war ein Ausbruch! Daran hatte sie nicht gedacht.

»Und da soll ich noch Ihr Bildchen loben und mich dran freuen? Das sind die Herzen, die Sie diesen Sommer gewonnen haben? Und Sie nehmen sie mit nach Hause und zeigen sie Ihren Freunden und sagen: ›Seht her, was ich mitgebracht habe!‹ Bin ich nicht auch ein Mensch? Und ich bleibe hier zurück, und wie? Sie aber gehen, denn der Sommer ist dahin.«

Sie war ein rechtes, tüchtiges Menschenkind. Es war eine junge, starke Kraft des aufrichtigen Empfindens und Wollens in ihr. Darum wandte sie sich nun nicht in heiligem Unwillen von ihm, flüchtete nicht erschrocken vor den Wellen seiner armen, heißen Lebensleidenschaft. Sie fing auch nicht an, mit grüblerischem Forschen in sich herumzuquälen: »Hätte ich etwas anders machen sollen? War es am Ende Sünde, daß ich ihn an allem teilnehmen ließ, was ich lebte und genoß?«

Die Schwüle war vergangen. Das, was sie sah, war klar, und sie verstand sich selbst und ihn.

Der Schuster hatte damals auf der Heuwiese zu ihr gesagt: »Es gibt scheint’s Augen, die immer sehen, was schön ist, die sind dazu gemacht.« Da hatte er noch nicht gewußt, daß solche Augen auch Innerliches sehen können, und daß sie das Schöne herausfinden, mit dem tiefen, sicheren Blick des Quellenfinders, auch da, wo es sich nicht klar und lauter zeigt, wo es getrübt und vermischt mit Unreinem ist.

Sie hatte ihm etwas, das ihn freute, in sein Leben hereingebracht. Und nun sie es wieder mitnahm, litt er darunter. Das war so natürlich. Dafür konnten sie beide nichts. Das mußte getragen sein. Er war ein armer Mensch, er hatte keinen Trost in sich selbst. Es verlangte sie, ihm einen zu geben. Aber welchen? Daß sie in Freundschaft seiner gedenken werde? Das war nichts. Das konnte ihm nichts helfen.

Sie hatte auch eigentlich nur eine offene, herzliche Teilnahme für ihn. Die war echt. Aber sie konnte dem Mann nichts helfen. Die konnte sie ihm nicht geben. Wenn er doch nur gesehen hätte, wie viel Gutes er habe, Eigenes, bei sich im Haus, das ihm blieb. Und wenn’s nur die Kinder waren. Aber das konnte sie ihm alles nicht sagen. Ratlos wandte sie sich um. Sie wollte ihm die Hand geben und nach einem Wort suchen, das vom Herzen komme.

Da sah sie unter der offenen Tür auf der Schwelle die Frau stehen. Und als sie ihr ins Gesicht sah, wußte sie, daß hier eine verborgene Kraft der Seele ins tätige Leben getreten sei, und daß die Kraft Gutes bedeute, irgend etwas Gutes, für den Mann, der so arm war in seiner innerlichen Unkraft. Daß sie nicht zu helfen brauche mit ihrer armseligen Teilnahme, sondern daß da Liebe sei, echte, rechte, die sich ans Tageslicht dränge wie ein Quell. Zu dieser Stunde und nicht früher, obgleich sie früher wohl dagewesen sein mochte. Adelheid ging zur Tür. Sie wußte nichts zu sagen. Es war ihr auch nicht mehr not.

Aber im Hinausgehen gab sie der Frau die Hand.

Die tat einen Schritt vorwärts. Sie trocknete sich die Hände und streifte die Ärmel herunter. In ihrem tieferblaßten Gesicht sprachen nur die Augen, und sie holte Atem, tief und schwer von unten herauf. Der Mann konnte noch nicht lesen, was in ihren Augen stand. Er ließ die geballte Faust schwer auf den Schustertisch fallen und streifte mit den Augen die Frau; scheu und trotzig und unsäglich elend sah er aus. »Sag nichts,« sagte er mit tonloser Stimme, »sag nichts! Du hast alles gehört, ich seh’s. Na ja. Ich bin auch ein Mensch. Das will einmal heraus. Jetzt weißt du’s. Laß mich mit Fried’, jetzt.« Es kam stoß- und ruckweise heraus. »Oder, ’s ist mir auch einerlei, kannst auch schelten. Aber nichts über das Fräulein. Kein Wort. Die ist gut, die kann nichts dafür, daß ich –, das ist alles aus mir heraus.«

Seine Stimme verging. Es schüttelte ihn von innen heraus. Er legte die Hand auf die Augen.

Da trat sein Weib zu ihm. Wie eine Mutter und auch wie ein liebendes Weib trat sie zu ihm. So voll des Rechtes, zu trösten. Er war unglücklich, und sie hatte ihn lieb. Er war nie recht glücklich gewesen und sie hatte ihn immer lieb gehabt. Aber sie hatte es ihm nicht zeigen dürfen. Sie hatte eine Schuld auf sich gehabt, all die Jahre her, die hatte sie stumm gemacht und scheu. Und ihre Schuld war gewesen, daß sie sein Leben an das ihre gekettet hatte, trotzdem sie wußte, daß er sie nicht liebte mit einer großen, starken Männerliebe. Sie hatte auf das Kommen dieser Liebe gehofft und gewartet, und als die Hoffnung abnehmen mußte, als sie ihn hungrig sah, gedrückt und flügellahm an ihrer Seite, da wollte sie wenigstens eins tun, ein Großes, ihm zu Lieb. Sie wollte ihre Liebe in sich hineinschließen. Er sollte sie nicht sehen, sie mußte ihn ja quälen. Sie sorgte für ihn und für die Kinder. Mehr durfte sie nicht. Aber jetzt, heute.

»Andres,« sagte sie, »Andres, mußt nicht so verzagt sein.« Sie legte ihm die Hand auf die Schulter, leicht, leise.

Es war ein Glücksgefühl in ihr, ein ganz eigenes. Eines, das nur die Menschen kennen, die schon ganz arm gewesen sind. Teil haben an seiner Last, die man so gut kennt, so gut. In seiner Armut zu ihm stehen, nun das andere geht, das Sonnige, Helle, das sein Leben gestreift hat. Ihm zeigen: Du bist nicht allein, die Treue bleibt dir, du Armer.

Das ist auch schon ein Glück für solch ein Herz. Aus dem vollen Reichtum heraus wäre das ein Elend. Aus der Armut heraus, aus dem stummen, zugeschlossenen Nebenhergehen – ihr war es ein Reichtum. Sie hatte diese Stunde kommen sehen, all die Zeit daher.

An seinem aufgehellten Wesen, an seinem Gesang, an tausend kleinen Zügen. Und sie hatte gewußt, daß ihm die andere nichts zu geben habe. Daß sie gehe und sein aufgewachtes, hungriges Herz zurücklasse. Das hatte so kommen müssen. Daran war gar nichts aufzuhalten und zu ändern gewesen. Das hatte der Sommer zur Reife gebracht. Und nun war er dahin.

– Er zuckte zusammen unter ihrer linden Berührung. Als ihn ihre Stimme traf, mit so einem eigenen, zitternden, warmen Klang, sah er auf. Er hatte etwas anderes erwartet. Er hätte auffahren, lospoltern mögen, sich verteidigen, ihr ins Gesicht schleudern: Laß mich, du! Was verstehst du vom Leben, vom Liebhaben, vom Feuer, das in mir brennt?

Das konnte er nun nicht. Das konnte er ihr nicht sagen.

Diese Frau, deren Augen so voll und tief und fest auf ihm lagen, verstand wohl etwas von dem allen. Das sprach aus ihr heraus. Und ihn streifte eine Ahnung von dem, was in ihr war. Er ließ den Kopf wieder sinken.

Da wagte sie es, sein Haar zu streicheln. Der kleine Bub’ hatte sich am Morgen gestoßen, er hatte eine Beule an die Stirn bekommen; den hatte sie auch so gestreichelt und dazu liebe Worte gesagt: »So, so, nun wein’ nicht mehr. Das geht vorüber. Das tut nur eine Weile weh.«

Das gleiche konnt sie zu ihm nicht sagen, der da saß und wund vom Leben war. Aber ihre Liebe redete doch.

»Ich versteh’ dich so gut. Ich weiß, wie das ist. Sehen, vor Augen haben und doch nicht besitzen. Lieb haben und sich hungrig sehnen. Und vorbei lassen müssen. Wenn man’s nicht wüßte, wär’s leichter. Aber glaube, meine Last war schwerer als die deine. Denn ich trug sie lang und still, und ich mußte dich leiden sehen. Durch mich.«

Das sagte sie ihm nicht alles so nacheinander. Aber er verstand sie doch. Er saß und rührte sich nicht. Er war so wunderlich aufgerührt in seinem Innern. Da war noch ein Leid neben dem seinigen. Da war ein Mensch, ein lebendiger, dessen ganzes Herz ihm gehörte. Der begehrte nichts, als zu ihm zu stehen, ihn zu trösten, etwas Gutes zu sein in sein Leben herein.

Wie ein Riß im schwülen, dunklen Gewölk war das, durch den der klare, blaue Himmel hereinsieht.

Wie ein Acker, der vom Hagel verwüstet und ganz zertreten schien, und auf dem sich doch noch Halme mit Ähren aufrichten, still und stark, und eine Ernte verheißen, wenn auch keine üppige, lachende. Sie begehrte jetzt kein Wort von ihm. Er ließ sie ja bei sich. Er wies sie nicht ab mit ihrer stillen Tröstung. Das war jetzt genug.

Das Kleine in seinem Wagen erwachte und ließ seine Stimme hören. Da ging sie hin zu ihm und hob es heraus. Und ein Lebens- und Freuden- und Kraftgefühl war in ihr, daß sie das Kind hoch in die Höh’ hob. »Du Schatz,« sagte sie, »du Schatz.«

Sie war ja jetzt reicher als vor sechs Jahren als Braut. Damals hatte sie nach Liebe gehungert und ihrer begehrt. Jetzt liebte sie. Sieghaft brach die Liebe aus ihr heraus. Hier in diesem Haus war Liebe nötig, echte starke. Und niemand sollte fürderhin daran Mangel leiden.

Das wuchs, das drängte. Sie hatte selbst nicht gewußt, wie lebensreif das alles in ihr gelegen hatte.

»Mann,« sagte sie zu dem zusammengesunken Dasitzenden, »du, Mann, da guck den Kleinen an. Ist er nicht ein Schatz?«

Sie hätte jetzt noch viel sagen können. Liebes, Warmes, Aufmunterndes. Aber er war so wund, da durfte man nicht derb zugreifen. Da konnte sie nicht sagen: »Ich bin nun einmal dein Weib, und die Kinder sind deine Kinder. Und wir wollen suchen, einander mehr zu sein, als seither.« Das nicht und sonst viel Schönes nicht. Das sagte nur ihr Wesen, ihr stilles, liebes Tun, das auf einmal so anders, so selbstverständlich um ihn her war.

Er hatte seine Mutter kaum gekannt. Nun schien ihm sein Weib beides zu sein, Weib und Mutter. So hatte er sie noch nie angesehen, so warm hatte es ihn nie zu ihr gezogen, wie jetzt, da sie das, was ihn als Schuld drücken wollte, nur als Lebensleid ansah, und sich zu ihm stellte, es tragen zu helfen.

Es war am Abend. Die Mutter saß in der dunklen Kammer an den Kinderbetten und sang leise ein Lied. Das tat sie selten. Heute mußte sie es tun, es war so viel Aufgewühltes, Unruhiges, Frohes und Schweres durcheinander in ihr. Das mußte zur Ruhe kommen. Die Kinder schliefen drüber ein. Draußen in der Stube saß der Mann, allein, die Ellbogen schwer auf den Tisch gelegt, den Kopf auf der Brust. Sie hätte ihn so gern auch in den Schlaf gesungen, mit Liebe zugedeckt. Aber sie wagte sich doch nicht so nah an ihn heran. Die aufflackernde Freudigkeit des Nachmittags war nicht mehr in ihr. Er liebte sie ja doch nicht. Er trauerte ja, daß die andere ging. Und er sehnte sich nach einem Leben, das sie ihm nicht geben konnte.

»Sei du Schloß und Riegel,

Unter deine Flügel

Nimm dein Küchlein ein,«

sang sie leise. Mit einem Herzen, das gern stark sein wollte und doch unruhig und zitternd schlug, sang sie es.

Da kamen schwere, unsichere Tritte von der Stube her durch die dunkle Kammer. Wie einer, der eine schwere Last auf den Schultern hat, kam der Mann gegangen. Er tastete sich zwischen den Kinderbetten durch. Und dann sank er vor ihr nieder und legte den Kopf in ihren Schoß. »Kathrin,« sagte er, und seine Stimme brach mitten in dem Aufschrei: »Kathrin, ich weiß mir nicht zu helfen. Hilf mir!« – – – –

Die Freunde in der Stadt waren nicht so recht zufrieden mit der heimgekehrten Adelheid. Zwar sie war braun, frisch und gesund, hatte reiche Beute im Skizzenbuch und in den Mappen mitgebracht und zeigte auch ihr Kinderbildchen mit Freude und Stolz. Aber sie war nicht so mitteilsam, als Heinz und die andern gewünscht hätten. Sie waren begierig auf Adelheids Erlebnisse gewesen, denn sie waren samt und sonders stolz auf sie, und überzeugt, daß sie überall die Menschen, und nicht nur die Kinder gewinnen müsse. Das hätten sie nun gern mitgenossen. Aber Adelheid sagte nur: »Sie waren alle gut gegen mich. Viel zu gut. Erzählen? Ja, das kommt schon noch, nach und nach. So Besonderes war nicht dabei.« Und dann fing sie an, sich auf die Arbeit zu werfen, als stünde der Hunger hinter ihr.

Nein, da mußte etwas nicht in Ordnung sein.

Die alte Freundin, oben unterm Dach, die mit dick verbundenen Füßen im Lehnstuhl saß und ihre Gichtschmerzen aushielt, die wußte nun wieder einmal, wozu sie auf der Welt sei.

Draußen riß der Wind die Pappelkronen hin und her, daß sie ächzten. Drinnen saß Adelheid im Dämmer auf einem Schemel und sah in die Ofenglut. So liebte sie’s. Zu dieser Zeit pflegte sie zu kommen und, wie sie’s nannte, »ihren Tag hier auszubreiten.«

Heute war sie lange still geblieben.

Es geht etwas in ihr um, dachte das alte Fräulein.

Das braucht seine Zeit, bis es spruchreif ist. Sie konnte warten. Sie wußte schon, daß es komme.

Adelheid nahm die Feuerzange und stieß in die Ofenglut. Mit einer so heftigen Bewegung tat sie es, als ob sie damit irgend einem unsichtbaren Feind einen Treff versetzen wollte. »O, ich wollte, ich brauchte gar nicht mehr von hier hinaus,« sagte sie plötzlich, unvermittelt: »Wenn man nie weiß, was man den Leuten antut mit sich selbst. Wenn man einfach in den Tag hineingeht und sich des Lebens freut und der Menschen. Und dann ist’s doch nicht gut getan. Und ich kann nicht anders sein, als ich bin.«

Da kam nun die Sommergeschichte an den Tag.

Sie hatte sich doch mehr damit gequält, als sie am Anfang gedacht hatte. Nicht mit Selbstvorwürfen. Aber mit Fragen: warum ist das so? Warum haben nicht alle Menschen die Macht, sich aneinander und am Leben zu freuen? Warum müssen sie durcheinander leiden und sind doch ohne Schuld daran? Da war die Mutige, Frohe eine Furcht vor dem Leben angekommen.

Es ist nicht leicht in Worten wiederzugeben, was aus dem abgeklärten Gemüt der Alten in das junge, aufgestörte Wesen hinüberfloß. Daß die Menschen einander brauchen, zum Aufwachen, zum Werden, durch Freuden und Schmerzen hindurch. Daß ein heiliger Wille auch über dem lebe und walte, was uns unklar und verworren scheine. Und daß nur Einer sehe, was der Sommer des Lebens für Frucht zeitigen solle. Und daß die Menschen nur reines Herzens vor ihm leben sollen, und das andere ihm anheimstellen.

Man kann das nicht so sagen. Man muß solche Dämmerstunden kennen, um zu wissen, welch still- und frohmachenden Schatz man von ihnen hinaustragen kann ins laute Leben des Tages.


Es war ein heller, heißer, staubiger Sommertag im nächsten Jahr. Kurz vor den großen Ferien.

Niemand hatte mehr rechte Lust, Vorträge anzuhören oder Studien im Zeichensaal zu machen.

In der viertelstündigen Pause zwischen den Vormittags-Übungsstunden der Kunstschule war es. Sie standen so in zwanglosen Gruppen herum, die jungen Träger der Kunst der Zukunft. Auf der Steintreppe, unter den Arkaden, in der kühlen Eingangshalle. Wohin man ausfliegen wolle, beriet man, und ob man den Semesterschluß ganz abwarte – bei dieser geisttötenden Hitze.

»Eine Schande ist’s, jetzt in den Stuben zu hocken,« sagte Heinz, den wir bereits kennen und dessen anderer Name hier nichts zur Sache tut. »Fenster auf und hinaus. Einmal ich. – Hallo, was gibt’s da?« unterbrach er sich. Er trat aus seiner Gruppe und sah zu, wie Adelheid Solger, aus der Halle kommend, die breite Treppenflucht hinunterflog, auf einen Mann von bäuerlichem Ansehen und einen kleinen Buben zu, sah, wie sie den Beiden die Hände schüttelte, und wie das bärtige Männergesicht aufleuchtete in frohem Grüßen.

Und dann ging er, als der Nächste dazu, ein paar Schritte entgegen, als sie die Gäste heraufführte.

»Das sind meine Freunde aus Steinkirchen,« sagte Adelheid, sobald sie bei ihm angelangt waren. »Dies hier ist Gottfried, wissen Sie, mein Kritiker. Und das ist sein Vater.«

Der Schuhmacher sah froh und verlegen zugleich drein. Er hatte etwas auf dem Herzen. Aber er brachte es nicht so leicht vor, hier, in dieser Umgebung, wo ihm das Fräulein fremder, ferngerückter schien, als da sie bei ihm in der Himmelreichsgasse wohnte. Es war nur gut, daß er den Gottfried mit hatte. Der tat nicht lang fremd.

»Jetzt mußt du wieder kommen,« sagte er mit seiner hellen Bubenstimme. »Wir haben ein Kleines, und die Mutter hat gesagt, das müsse so heißen, wie du. Damit man wieder eine Adelheid habe, und du mußt zu Gevatter stehen, hat sie auch noch gesagt.«

Heinz lachte laut auf.

»Du bringst deine Sache gut vor, Junge,« sagte er. »So ist’s gut, nur nicht lang gefackelt.«

Diesmal besann sich Adelheid nicht lange, ob sie nicht abgewiesen werde. Sie beugte sich zu dem kleinen Buben herunter und küßte ihn in sein rundes, ernsthaftes Gesicht hinein. »So, muß ich?« sagte sie und lachte. Es war ein so fröhliches, befreites Lachen. Und sie streifte dabei mit fragenden Augen den Mann. »Ist das wahr? Könnt ihr mich brauchen?«

»Der Bub’ sagt’s ungeschickt,« sagte der Mann entschuldigend. »Aber Sie nehmen’s ja nicht für ungut, das weiß ich wohl. Das nicht und nichts sonst. Von ›müssen‹ kann ja keine Rede sein. Aber wenn wir halt recht schön bitten dürfen. Weil alles so gut steht bei uns; und weil wir halt immer sagen, das Weib und ich: daß das Fräulein gekommen ist, damals, das ist ein Gottessegen.«

Er streifte mit einem verlegenen Blick den fremden Herrn, der dabei stand und der gar nicht gesonnen schien, sich von der Gruppe zu trennen. Er hätte gern noch mehr gesagt. Aber das ging nun nicht an. Das mußte er noch aufsparen.

»Ja, Meister, das ist mir ja eine Freude, eine große, rechte,« sagte Adelheid in überquellendem Empfinden. Ihr war so froh zumute, so reich. Da war etwas Gutes gewachsen, das konnte man ja sehen. Das bedurfte gar nicht vieler Worte. Und sie sollte daran teil haben. Wie schön das Leben war. Wie schön. Ihre Augen leuchteten.

»Ist das nicht herrlich?« fragte sie zu Heinz hinüber. »Aber nun kommen Sie, nun wird heut’ Feiertag gemacht. Sie gehen mit, ganz freundschaftlich. Wir müssen den Beiden alles Schöne zeigen, das sie nur in sich hineinkriegen. Ist es nicht ein Fest?«

»Daß irgend etwas wunderschön ist, seh’ ich an Ihren Augen. Und ich seh auch, daß Sie uns heuchlerisch verschwiegen haben, was unter Freunden geteilt gehört. Aber ich räche mich,« sagte Heinz.

»Komm, mein Junge, du gehst mit mir.« Und darauf rächte er sich, indem er seiner Freundin den Freund und Verehrer Gottfried gänzlich abspannte, und bald voraus, bald hintendrein, des kleinen Burschen Herz im Sturm eroberte. Es nahm’s ihm niemand übel.

Die beiden gingen allein, Adelheid und Meister Notacker. »Jetzt hab’ ich die Stadt nicht mehr gesehen, seit ich vom Militär wegkam,« sagte der Meister. »Mich dünkt, sie ist seither noch viel schöner geworden.«

Er sah so aufgehellt aus. In seinen Augen und auf seinem Gesicht lag so einfache, biedere Kraft. Wie einer, der das Leben erkannt und aufgenommen hat, sah er aus.

»Ich hab’ nicht hierher gewollt,« sagte er. »Ich hab’ schreiben wollen. Aber ich hab’ keinen rechten Brief zustand’ gebracht. Es ist mir so viel im Kopf herumgegangen. Da hat meine Kathrin’ gesagt: »Geh doch selber. Männer müssen auch hier und da etwas sehen, wie’s draußen zugeht.« Da bin ich gegangen.« Er wurde ganz warm. »Sie versteht’s, was man braucht.«

»Ich weiß nicht, wo ich meine Augen gehabt habe,« hob er nach einer Weile wieder an. »So ein Weib, wie mein’s. Was einem das sein kann. Und geht neben einem her, und man merkt’s nicht. Und wartet, bis man’s braucht. Dann ist es da, und hilft einem, und hat keine unschöne Rede, nicht eine. Das hat uns zusammengebracht. Das wär’ sonst nie so weit gekommen. Und jetzt ist’s gut, gottlob!«