Das Exemplar
Roman
von
Annette Kolb

1913
S. Fischer, Verlag, Berlin

Zweite Auflage
Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten.
Copyright 1913 by S. Fischer, Verlag, Berlin

Das Exemplar

Erstes Kapitel

Zwei Monate aus Mariclées seltsamem Leben seien hier preisgegeben und der Vorhang weit davon zurückgeschlagen; dann falle er wieder zu, und sie mag wieder ihres Weges ziehen. Man nannte sie Mariclée. Niemand wußte, wer sie zuerst so nannte, aber keiner nannte sie anders. Und es war bezeichnend, denn sie hatte etwas Namenloses, Unzuständiges, wie es auch stets ihr Los war, mit gesellschaftlich denkbar verschiedensten Leuten in Kontakt zu kommen und selbst keinem einzigen Kreis anzugehören. Dies führte so weit zurück, als sie sich erinnern konnte, und fügte sich so allerorts, als müßte es so sein.

Denn in unserem Leben stehen wir wie inmitten einer Landschaft, und mögen unsere Schicksale noch so bereichert wiederkehren, sie weisen doch einen höchst gleichartigen Charakter auf; wie etwa ein Gletscher nicht auf einer Düne steht: diese Art von Uniformität, meine ich, trägt unser Leben zur Schau.

Und das ihre glich einer Bergstraße. Wo nur ein Ausblick lag, da würde sie stehen; da zog sich ihr Weg hin, doch lenkte er nie bis ins gelobte Land hinein. Nur eines anzuführen: Mariclée kam leicht in Palästen zu wohnen, wie die Steinnelke gern an steilen Anhängen wächst. Aber sie hatte kein Geld. An ihr war alles wie hingeflogen und wieder abgerissen: ihr Verhältnis zum Leben, zur Natur, zu den Menschen, zu sich selbst. Sie stand sich nicht sehr nahe. Und darum gehörte sie zu jenen heute nicht mehr seltenen Menschen, von denen behauptet wird, daß sie nicht lieben können.

Mariclée hatte viele Freunde und dachte sie diese zu einer Garbe zusammengestellt, so hielt sie eine Probe der verschiedensten, seltensten Blumen, die’s heute gibt. Denn auch dies war ihr Geschick, daß sie spät oder früh, dauernd oder flüchtig auf ihrem Wege blühten. Darum stand sie zu ihnen wie ein Kunstsammler zu seinen Raritäten: daher ihr Spleen, vielleicht auch ihre Blasiertheit. Denn wer die Menschen ihrem Wert nach liebt, der schätzt den einen gegen den anderen ab, und das schrankenlose Aufgehen in einem einzigen vermag er nicht mehr.

Doch auch die besten Auktionen haben ihre Glanznummern. Und plötzlich war es über sie gekommen, daß sie im August des Jahres 1909 nach London fuhr, um nach Jahren ein Wunderexemplar ihrer Sammlung wieder vorzunehmen. Allein es fing gleich damit an, daß sie einander verfehlten. Das „Exemplar“ — es soll nicht anders heißen in dieser halb leidenschaftlichen, halb kuriosen Geschichte — hatte sich eingefunden, aber Mariclée hatte sich unbegreiflicherweise im Datum geirrt und traf erst am folgenden Morgen ein. Jetzt mußte sie zehn Tage bleiben, wenn sie ihn erwarten wollte.

Es war ihr erster Abend. Wie mit einem gelben, welken Schleier umwob die Hitze den Himmel und den träumerischen Park von St. James. Über die Brücke gebeugt, hingen ihre Blicke an den Wasserflächen und tauchten unter wie gebannt. Die Schwäne glitten, nie emporblickend, dahin, und so schwermütig und weit vibrierte da die müde Stunde, so riesig waren ihre Schauer, daß Mariclée sich hastig losriß und zur Ablenkung, und weil sie London überblicken wollte, das Dach des ersten Motorwagens bestieg, der ihr entgegenfuhr.

Allein er trug sie unversehens in eine entsetzliche Welt. Denn jene selbe Gleichförmigkeit, die ihr an den glatten, großfenstrigen Häusern der Reichen so würdig, stilvoll und motiviert erschien, wie schmachvoll ist sie in den Slums! Und Sklaven waren das, die hier mit gemordeter Phantasie, ja, wie Geblendete in solch unerhörten Häusern zu wohnen einwilligten, an denen nicht ein Fenster, nicht eine Tür von der des Nachbarn sich unterschied, sondern die in ihrer schmählichen Gleichförmigkeit wie Sträflinge dastanden, ihre meilenlangen, niedrigen Reihen verzweifelt ausgestreckt, Händeringende, Lebendig-Begrabene, Bilder der Hölle!

In dieser Woche sollten viele Leute an Hitze sterben, ihr aber war am nächsten Morgen, als sei London eine riesengroße gelbe Schlange, die sie unbarmherzig immer fester an sich drücken und ersticken wollte. Aber es war etwas anderes: es hatte sie so hart und unvorbereitet getroffen, das Exemplar verfehlt zu haben, daß sie, um den Schlag aufzuhalten, sich sagte, sie spüre ihn nicht, die Verzögerung passe ihr sogar. Nun rächte sich die Lüge. Was wollte sie in London und was nützte ihr jetzt die zierliche, nahe an Westminster gelegene Wohnung, die ihr von Freunden überlassen worden war? Selbst die Sonne konnte es ihr nicht mehr recht machen, ob sie grell schien oder wie durch Alabaster: Spleen, Neurasthenie sind ja nichts anderes als ein Erkranken unserer Eindrücke, und jeder ist da sein eigener Arzt und weiß allein, ob er dem Leiden gebieten kann, oder ob es über ihn hinschlägt und wie eine Sturzwelle ihn hinabreißt. Mariclée hatte einen Brief an eine irische Dame in Hampstead — einem Vororte — ganz zu unterst in ihrem Koffer liegen, denn sie hatte nie beabsichtigt, sich seiner zu entledigen. Statt dessen gab sie ihn nun auf der Stelle auf. Sonst war — im August — von allen ihren Bekannten nur der deutsche Botschaftsrat in London und ihm hatte sie ihr Hiersein erst recht zu kaschieren gedacht, statt dessen stürzte sie ans Telephon und es fiel ihr ein Stein vom Herzen, als sie die wohlbekannte Stimme hörte und er sie für denselben Abend zu sich lud. Sie nahm sogleich einen Hansom und blickte mit fiebernden, wie erweiterten Augen in den gelb verglühenden Tag.

Bei ihm sah es übrigens auch recht verlassen aus: sein Hausstand unterwegs und alle Möbel in Überzügen. Aber die rationelle Art, mit der Mariclée ihm jetzt eine Menge Eindrücke, von denen sie nichts zu wissen glaubte, Beobachtungen und Vergleiche mitzuteilen hatte, frappierte sie. Sie hatte doch geglaubt, sie sei krank! Und jetzt ging sie so munter das weite Zimmer auf und nieder, blieb wieder stehen, rauchte Zigaretten vor dem Kamine, warf sich in einen Armstuhl, sprang wieder auf, und war ganz Bewegtheit und Bewegung, wie der vom Windstoß gekräuselte See.

„Ich finde London verändert wieder,“ rief sie. „Wie individuell, wie wesenhaft ist doch die Seele einer Stadt. Diese hier gleicht einer Blume, die sich jetzt voll entfaltete, einem vollen Kelche, einer fast überreifen Frucht. Neu ist auch in dem alten Zauber, der alten Glut, die über London ausgegossen liegt, der nachsommerliche Puls. Aber die Worte wie überschrittener Höhepunkt, absteigende Linie sind hier viel zu bequem! Der Maßstab des Altertums ist an unsere Ära nicht anzuwenden, in uns liegt ein zu großer Vorrat treibender Kräfte der Umwandlung und der Verjüngung. Auch unsre gefährlichsten Phasen führen nicht mehr zum Verfall.“ Und dabei erhob sie sich, denn gewagte Dinge pflegte sie immer sehr bestimmt zu sagen; hier lag ihre ganze Sicherheit.

„Ein Etwas auf diesem Boden,“ fuhr sie fort, „heimelt mich immer so unsäglich an. Man ist hier viel weniger intellektuell, aber wie viel vergeistigter ist dennoch das Tierische. Auserlesene Organismen dürfen sich gewiß am glücklichsten potenzieren, wo das äußerliche Leben den adligsten Zuschnitt findet, als hätten die Engländer nicht nur mehr ästhetischen Sinn, sondern ästhetischere Sinne. Auge, Nerv und Sensibilität des Gebildeten erfahren so im vornherein mehr Würdigung und Schonung, weil die Zivilisation in ihrer untersten Stufe — der dienenden Klasse — um einige Schichten höher fundiert. Ich ließ mir heute von einer housemaid eine Adresse aufschreiben und war von ihrer schönen, ja eleganten Schrift gerührt.“

„Dafür ist bei uns die Mittelklasse entschieden schmucker geraten,“ sagte der Botschaftsrat. „Hier nennt man ja auch middle-class,“ sagte Mariclée, „was wir auf deutsch untergeordnet heißen würden. Wie anders bei uns! Insofern ist es zutreffend, dies überfüllte London leer zu nennen, wenn die vornehmen Leute nicht zugegen sind. Ich habe noch keine schönen Menschen gesehen.“

Und immer lebhaft, immer von neuem angeregt, fuhr sie zu plaudern fort. Wie ein Feuer, das zusammensank, und dann plötzlich wieder zu knistern, zu prasseln und zu lodern anfängt, so war sie jetzt mächtig in Schwung geraten, die Dinge nahmen wieder ihre rechten Verhältnisse an, und ihr Spleen und alles was sie selber betraf, schrumpfte zu einem so unwichtigen Punkte ein, daß sie ihn nicht mehr gewahrte. Die beiden aßen dann allein in dem großen Speisesaal am verkleinerten Tisch und im Raum verloren wie auf einer Bühne. Der Faden ging ihnen nie aus, und sie waren einander zugetan und vertraut. Allein sie waren zu jung, um nicht zu fühlen, daß der Rahmen etwas zu romantisch war für die Situation, weil sie nie aneinander dachten.

Dies war Mariclées zweiter Abend in London.

Tags darauf gedachte sie einer Freundin, auf welche sie sich bisher nicht hatte besinnen wollen. Denn ihre Wege lagen so abseits. König Eduard verbrachte alljährlich eine Woche bei ihr; sie hielt auf einem der schönsten Schlösser Englands großen Staat, und Mariclée scheute aus vielen Gründen das Drum und Dran eines solchen Besuches. Und nun schrieb sie ihr doch. „Wie gerne würde ich kommen,“ schrieb sie ihr, „sofern es sich in einem Tage machen läßt, denn leider ist es mir ganz unmöglich zu übernachten.“ Nachträglich riß sie den Brief noch einmal auf, um die Worte „ganz unmöglich“ zweimal zu unterstreichen.

Diese wenn auch noch fiktive Unterbrechung ihrer Tage mußte sie sich jetzt schaffen, denn der Spleen saß ihr immer tiefer im Nacken. Wem er nie widerfuhr, wie könnte der begreifen, daß eine ledigliche Stimmung in dem Maße unsere Energie lähmen darf? Ein paar vor uns liegende Tage nehmen da die bedrohliche, unübersehbare Länge finsterer Jahreszeiten an, und man entschließt sich nicht eine Straße hinabzugehen, weil einem vor der weiten Reise graut. In Westminster Abbey hatte Mariclée die Flucht ergriffen, weil in dem grasigen Hofe das Sonnenlicht so qualvoll stille auf dem Gemäuer lag und die etwas rudimentäre englische Gotik (sie feiert keine heimlichen Minnelieder in luftigen Balustraden, tröstlichen Pfeilern und Koloraturen) ihr das Herz zermalmte. Ihre Fenster sahen auf einen grünen Hof, eine gotische Kirche und ein paar Bäume. Und auch hier steigerte sich der helle Tagesschein, der darüber leuchtete, zu einem so kranken, unerträglich wehen Licht, daß sie die schweren Vorhänge gesenkt hielt, um es auszuschließen. Mariclée lag im Dunkeln auf dem Diwan ihres geborgten Salons, als plötzlich ein Pfiff ihre stillen Räume durchdrang. Sie stürzte an die Tube. Der Liftjunge meldete einen Besuch und fragte an, ob sie empfing.

Es war die Dame aus Hampstead, die als Antwort des eingesandten Empfehlungsbriefes erschien und ehe Mariclée die Vorhänge zurückschlagen konnte, stand sie schon an der Schwelle. Sie war sehr provinzlerisch, hatte Zähne, vor denen man sehr erschrak, und auf ihrem Hute schwankten rote, lächerliche Blumen. Aber den Ausschlag gab eine anheimelnde Begrenztheit, die Mariclée unverweilt zu Herzen ging. Sie war die Gutherzigkeit in Person, hielt sich nicht lange auf, und lud Mariclée ein, den morgigen Sonntag nach Hampstead zu fahren und den Nachmittag und Abend mit ihrer Familie zu verbringen. Gewiß, natürlich, mit Vergnügen würde sie kommen. Es war ein kurzer Besuch und weil ihr bangte, so schnell wieder allein zu bleiben, und sie ihren Brief aufgeben wollte, gab sie dem Gast zur naheliegenden Victoriastation das Geleite. Erst auf der Straße im Sonnenlicht bemerkte sie deren erhitztes und ermüdetes Gesicht. Sie hatte die Mühe nicht gescheut, in dieser Glut so weit zu ihr herauszufahren und Mariclée hatte nicht einmal daran gedacht, ihr eine Tasse Tee anzubieten. Dies war unverzeihlich. Allein es stand geschrieben, daß sie sich mit dieser Familie stets schlecht benehmen würde.

Und der Sonntag kam: auf heißen, bleiernen Sonnenrädern kreiste er über die Stadt. Mariclée mußte an Münchener Freunde denken, die ein junges Krokodil in einem Glaskasten aufgezogen hatten: an einem schönen Frühlingsmorgen stellten sie ihn auf die Veranda, und vergaßen ihn dort; die Sonne prallte gegen das Glas, und nach Verlauf von ein paar Stunden lag hier, verdurstet und verdorrt, ein in dem kalten Deutschland vor Hitze verendetes Krokodil. Und so ward ihr die Einsamkeit, der sie sich zur Unzeit in die Arme geworfen hatte, zum erstickenden Glaskasten.

Sie wohnte in einem sogenannten mansion das heißt, es fehlte die persönliche Bedienung, aber läutete man, oder blies in die Tube, so meldete sich ein Stubenmädchen oder ein Liftboy oder ein Kellner, und wer nicht ausgehen mochte, konnte zu Hause essen, vorausgesetzt, daß er auf den Sonntag nicht vergaß. Als sie da um zwei Uhr klingelte, hieß es, die Küche sei gesperrt und sie hätte nichts bestellt. Sich aber in den heißen Häuserozean zu stürzen, und nach einem Hotel zu fahnden, dazu fehlte ihr ganz und gar die Kraft. Zur Teezeit würde sie ja in Hampstead sein, und so lange hielt sie es schon aus. Später beim Umkleiden fror sie, woraus sie schloß, daß es kühler geworden sei, und sie zog sich herbstlicher an.

Aber draußen wehte keine Luft, nur heißer Benzinhauch, und die Häuser begannen zu schwanken und zu brausen, und wie Wellen sich zu häufen, unbarmherzig und uferlos. Die Dächer glitzerten, die Fenster blendeten . . . so kam sie nach Hampstead. Das Haus der irischen Familie aber war luftig und groß, der kühle Salon fast ein Saal. Er überblickte einen flachen, reizenden Garten, und schweres Silber schimmerte vom Teetisch. Mariclée warf einen raschen Blick auf die hot-cakes und nahm sich vor, eine hübsche Anzahl davon zu essen, aber sie brachte, so vorzüglich sie waren, kaum das erste hinunter und zerbröckelte es mit etwas zitterigen Fingern.

Die Familie war sehr zahlreich und bestand aus alten Eltern und gereiften Söhnen und Töchtern. Nach dem Tee wurde gefragt, ob sie lieber zur Hampsteader Heide oder zum Tennisklub ginge. Ach! sie schielte nach dem Garten! aber der Tennis, sie merkte es gleich, stand auf dem Vergnügungsprogramm des Tages und so zog sie denn mit, und in der Sonne, auf einem unbequemen Klappstuhl placiert, sah sie den Spielenden zu. Was sie da vor Augen hatte, war gute Bourgeoisie, abseits des Snobismus, wie der Eleganz. Wer immer zu ihr sprach, sprach ihr mit einer herzhaften Breitspurigkeit, die wir fast schamlos fänden, ausschließlich vom Wetter. Aber Wetter, Politik und Sport sind eben die drei brennenden Themen in England. Und dann war von diesen spielenden Männern keiner von des Gedankens Blässe angekränkelt; sie fanden im Ballwerfen nicht Erholung, sondern Beschäftigung, und selbst die schon Ergrauten hatten etwas von sympathischen Kindern an sich. Nur für den Schneider machte es einen Unterschied.

Mariclée saß in ihrem heißen Kleide in der Sonne, unbeweglich mit aufgespanntem Schirm und von den Wettergesprächen grenzenlos ermattet, als plötzlich ein neues Klubmitglied in Gestalt eines Franzosen auf dem Platze erschien. Darob entstand nun — der Entente cordiale zum Trotz — allgemeine Verwirrung und Konsternation. Ein Ring des Schweigens zog sich um ihn; verstohlene Blicke gingen hin und her, zögernde Mienen umgaben ihn: er war wie unter die Wilden geraten. Mit einer Geste selbstloser Entschlossenheit legte endlich eine Spielerin ihr Rakett hin und begann mit dem neuen Ankömmling ein wundervolles Gespräch. Der Franzose, der sehr höflich, aber aus Bordeaux war, gab sich erst alle Mühe zu verstehen, dann aber zu vertuschen, wie wenig er von dem entlegenen Französisch dieser Engländerin erriet, und statt ihr beizuspringen, hielt Mariclée ihren Schirm etwas tiefer und horchte so ergötzt, daß sie alle ihre Leiden darüber vergaß.

Als es endlich kühl und angenehm im Freien wurde, brach alles auf, um sich für den Abend umzuziehen. Sie indessen blieb wieder in dem luftigen Salon, bald von diesen, bald von jenen Mitgliedern der Familie unterhalten. Und jetzt sprach man nicht mehr vom Wetter zu ihr, sondern von den Kriegsplänen der Deutschen gegen England. Sie raffte sich auf, sie abzuleugnen, und voll Eifer zu versichern, daß wir die Engländer liebten. Dann fragte alles, ja wozu wir dann in so wütendem Tempo unsere Kriegsschiffe bauten?

„Weil es nichts Rückständigeres gibt, als die Gegenwart,“ sagte sie plötzlich. Der Satz gehörte nur weitläufig hierher, aber sie hatte ihn irgendwo einmal mit Erfolg geäußert, und half sich schnell damit aus. Die Worte fingen nämlich jetzt an denselben Tanz aufzuführen, wie vordem die Dächer und Häuser. Mein Gott! dachte sie, wann essen diese Menschen zu Abend? Jetzt wollte gar der Hausherr den Gedanken näher erörtert haben, und seine Tochter setzte hinzu: o, sie hätte schon vernommen, was für eine geistreiche und interessante Person sie sei. Mariclée wollte etwas darauf erwidern, aber statt dessen streckte sie die Hand aus, und fiel zurück.

Es war jedoch keine Ohnmacht. Denn sie sah genau, wie die alte Mutter dieser gereiften Söhne und Töchter ihrem Manne und ihren Kindern ein Zeichen gab, daß sie das Zimmer verlassen sollten; und sie blieb allein mit ihr zurück. Mariclée sprach eine Zeitlang nichts, dann sagte sie, es sei die Hitze, die ihr solche Kopfschmerzen gebe. Aber die Alte wollte nicht dulden, daß sie sich aufrichtete, sondern hieß sie schweigen, und ergriff ihre Hand. Dabei murmelte sie Worte wie zu sich selbst, mit einer leisen, veränderten Stimme. Mariclée betrachtete sie mit einem Male voll Neugier. Ihre Schlichtheit hatte etwas so Edles — wem in aller Welt glich nur diese Frau? an wen erinnerte dies gebleichte Haupt und diese unbewegte und versteinerte Gestalt? Ja wahrhaftig, jetzt hatte sie’s, sie hatte etwas rein Antikes, sie gemahnte an die alte Schaffnerin der Odyssee.

Mariclée sank wieder zurück und ließ sie gewähren, ihre Hände streicheln und ihre Worte murmeln. Denn ihre Gedanken wanderten jetzt weit von hier. Ach wie ferne stand ihr dieses Haus, und diese gütige Alte! und sofern das Leben ein Wandern ist, hatte sie nicht Jahre winterlichen Bodens überschritten, und war sie nicht traurig und fremd wie Demeter unter diesem Dache eingekehrt? Sie weinte nicht, ihre Züge verhielten sich ja unbeweglich: es war nur als quoll ein heißer Saft tropfenweise aus ihren geschlossenen Augen. Warum hatte sie ein falsches Datum angegeben? welch freudloser Stern hatte es so gewollt? und was hatte sie vermocht, sich selber vorzulügen, daß es sie nicht beträfe? Nichts fällt ja so schwer auf unsere Schultern zurück, als wie ein abgeworfenes Kreuz.

Dies war ihr vierter Tag in London. Jedoch der Wein und der Schinken, den es an diesem Abend gab, blieben ihr unvergeßlich.

Zweites Kapitel

Bis jetzt war Mariclées Reise ein fortwährendes Fiasko gewesen, und zwar gleich von der Überfahrt an. Sie hatte sich nicht vorgesehen, und alle Einzelkabinen besetzt gefunden. Im Ankleideraum aber boten — wie auf Order hier eingeschifft — die häßlichsten Damen des Kontinents ein wahrhaft tückisches Bild. Und die Abscheulichste, mit hornharten, zielsicheren Augen, seifte und striegelte ihre Arme, die Sünderin, als wären sie schön. Mariclée wich vor ihrem Anblick erschrocken zurück und floh an Deck. Denn lieber als mit den häßlichen Frauen verbrachte sie die kalte Nacht (das schöne Wetter setzte erst am folgenden Tage ein) ohne Mantel auf einer harten Bank. Dort hatten sie gegen Morgen recht trübselige Träume heimgesucht . . . .

Am Montag zog die Sonne wieder am wolkenlosen, gelb umdunsteten Himmel, wie inmitten eines Strahlenkranzes, auf und drückte wie eine feurige Krone auf London hernieder. Auf den Simsen der Fenster lag überall ein feiner Ruß, doch standen am Vormittag ihre Zimmer im angenehmsten Licht, und ganz erfüllt von Londons penetrantem und rauchigem, jedoch so stimulierendem Geruch. Freilich durfte man jetzt nicht denken: ein paar Stunden von hier, da frohlockt eine beschauliche Luft, da summen Bienen, da atmen Wälder und das glückliche Meer — — — und wie sie eben dennoch daran dachte, pfiff und klingelte es wieder in ihrer Wohnung, und ein kleiner Telegraphenjunge stand mit einer Depesche vor ihrer Tür. Jene Freundin, auf die sie sich nicht hatte besinnen wollen, von der sie sich vergessen glaubte, und der sie dann doch geschrieben hatte, lud sie dringend bis zum Samstag zu sich ein. Mariclées Herz stockte vor Freude. Vor Sonntag hatte sie keine Aussicht das Exemplar in London zu sehen. Wie sich das traf! Auch zauderte sie keinen Augenblick, schrieb eine Zusage und reichte sie dem Boten. Erst als er mit ihrer Antwort abgezogen war, fiel ihr das dickunterstrichene „ganz unmöglich“ aus ihrem Briefe ein.

Den Abend verbrachte sie mit dem Botschaftsrat. „Eigentlich wollte ich morgen nach Glenford,“ teilte sie ihm mit.

„Wie amüsant!“ sagte er.

„O nein!“ seufzte Mariclée. „Wenn viele Gäste dort sind, setzen sie des Abends ihre Tiaren auf, und meine Situation ist dann unhaltbar. Fürs erste wäre ich natürlich die einzige, die nicht ihre eigene Jungfer brächte. Wie stehe ich dann da?“

„Ich versichere Sie, wegen Ihrer Pretiosen ladet Sie niemand ein.“

„Wie herzlos Sie oft reden!“ sagte sie. Aber er ließ sich nicht aus seiner Ruhe bringen.

„Ich bin auf Ihre Eindrücke gespannt,“ gab er zurück.

„Aber ich kenne den Schauplatz, und weiß, was ich riskiere.“

„Ich meine, daß Sie es dennoch riskieren sollten,“ sagte er.

Und sie sprachen von etwas anderem.

Von allen gedankenlosen Aussprüchen ist der gedankenloseste: „Les extrêmes se touchent“. Zum mindesten bei Individuen. Wo Kontraste sich berühren, geschieht es immer durch irgendwelche geheime Ähnlichkeiten. So bestand zwischen den Beiden infolge ihrer Kontraste eine Kluft, aber die Gleichheit ihrer Interessen war ein starkes Band.

Mariclée war vorhin einem sehr komischen Herrn begegnet, der mit fliegenden Frackschößen seiner Mahlzeit entgegeneilte. Von ihm erzählte sie nun. Er schien so ohne jeglichen Vorbehalt und auf so groteske Weise mit dem Leben einverstanden und eine so froschhafte Befriedigung machte sich auf seinem alten Gesichte breit, daß zu ihm gehalten selbst der dümmste Deutsche denkerisch veranlagt schien. Und sie vertieften sich wieder in ihr übliches Gespräch. Er meinte, selbst die gescheiten Engländer dächten sehr oft nicht. „Aber,“ rief sie, „wie haben es dafür die paar Nachdenklichen hier schön! Und wie früh gelangen sie zur Macht. Sie haben nicht wie bei uns wider die überhitzte Intellektualität jener Legion von Halbgescheiten anzukämpfen.“

Von draußen wogte und brauste die mächtige Stadt wie von der Ferne herein. Mariclée hatte sich behaglich in eine Sofaecke zusammengerollt und starrte vor sich hin. „Ich habe eine große Entdeckung gemacht,“ hub sie an, „aber es ist so hart, daß ich für meine Entdeckungen nie etwas bekomme!“

„Was denn für eine Entdeckung?“ forschte er.

„Ich entdeckte etwas, indem ich etwas wissen wollte,“ sagte sie. „Ich wollte wissen warum die deutsche Dummheit sich so gar nicht zur englischen Borniertheit verhält, da der englische und der deutsche Geist einander doch so zugänglich, so verwandt, ja in mancher Hinsicht fast identisch sind. Während der französische und der deutsche Geist solche Not haben einander zu durchdringen, und zwar am fühlbarsten wohl in der Politik, wo Ihr beim besten Willen vor Reibereien zwischen der Gloriole Française und dem deutschen Starrsinn nicht vom Flecke kommt. Dies Kompliment muß ich Euch en passant schon machen.“

„Aber die Entdeckung?“

„Ferner wollte ich wissen,“ fuhr sie fort, „warum dagegen bei so großer Divergenz des Geistes die Sottise française und die Bêtise allemande so stammverwandt sind, und so ausgezeichnet harmonieren, daß sie die reine Terz abgeben! Dies ist meine Entdeckung. Was geben Sie mir dafür?“ und sie streckte lachend die Hand aus. Denn Mariclée wurde stets sehr aufgeräumt, wenn man auf ihre Worte achtete. Vor leidlich klugen Leuten konnte sie nicht bestehen. Es bedurfte wirklichen Scharfsinns, denn sie war allzu elektrisch: wer nicht fest auf die Klinge drückte, vernahm keinen Ton.

Als sie nach Hause kam, lag schon ein Brief ihrer Freundin vor, der genaue Angaben betreffs ihres Zuges enthielt, und ebensowenig wie das Telegramm auf das bewußte „ganz unmöglich“ einging. Sie las ihn noch unten in der Halle. „Es wird, wie’s wird,“ dachte sie, „zum Absagen ist es zu spät.“ Und sie betrat den Fahrstuhl, vor dessen Tür ein Junge wartete. Den Dienst besorgten zwei Liftboys, von welchen der eine häßlich war und untersetzt, der andere einen eleganten Kopf auf einem hochgewachsenen Körper trug. O Macht der Schönheit! Immer zog sich ihr Herz zusammen, wenn sie der Häßliche hinaufzog.

Drittes Kapitel

Früh am nächsten Nachmittag fuhr sie statt in einem Taxameter aus Liebhaberei in einem Hansom zur Bahn, weil es sie jedesmal optimistisch stimmte, wenn sie in diesem so geschmackvollen und würdigen Vehikel einherzog. Der Londoner Himmel sah aus, als ob er überhaupt nie wieder zu regnen, noch je ein Wölkchen aufzubringen gedächte. Ihr Hansom fuhr recht gemächlich, so daß sie Zeit hatte, eine Revision ihres Geldbestandes vorzunehmen. Denn Mariclée notierte nie eine Ausgabe, weil es sie deprimierte, und ihre Rechenkünste beschränkten sich darauf, daß sie hin und wieder zusammenzählte, was ihr noch blieb. Man hatte ihr versichert, in England sei es akzeptiert dritter Klasse zu fahren, selbst für die reichsten Leute; sie fand das zwar im höchsten Grade merkwürdig von diesen reichen Leuten, allein die Fahrt war teuer, sie trug sich noch mit ungewissen Plänen, und mußte in petto die sehr bedächtige Ameise spielen, wollte sie auf ein Weilchen den Schein der zirpenden Grille vertreten. Sie lief also erst auf den Perron, sah mit Späherblicken umher, und musterte alle Reisenden. Es war ein denkbar philiströses Publikum, und sie löste beruhigt eine Karte; kaum schritt sie aber wieder den Zug entlang, als eine Dame vor ihr stand, die genau aussah, als führe sie nach Glenford. Ihr Haar war wundervoll aufgebaut, in der Hand hielt sie ein Safrantäschchen (ihre Tiara?) und nicht nur eine Jungfer, es summte auch, halb Hofprediger, halb Monsignore, der distinguierteste aller Kammerdiener um sie her. Mariclée wollte an das andere Ende des Zuges gehen, aber der Schaffner beschied sie, daß nur ein einziger Wagen bis nach Ollerton lief. Es war derselbe, den die Dame bestieg. Ihre Reisegefährten, ein borstiger alter Brite und seine unschöne ältliche Tochter waren vielleicht sehr reich, elegant waren sie nicht. Sie sahen aus als bewohnten sie in irgendeinem geisttötenden Nest ein phantasieloses Cottage. Und so war es auch. Als der Zug vor einem öden, roten Städtchen hielt, befanden sich die beiden offenbar zu Hause. Statt ihrer zog jetzt eine große Hutschachtel in das sehr schäbige und schmutzige Kupee, gefolgt von einem Fräulein in Filosellhalbhandschuhen und mit zerstochenen Fingern. Aber vielleicht war sie sehr reich und nähte nur zu ihrem Vergnügen. Die Dame mit der Tiaratasche fuhr noch immer mit. Schon wurde Leicester ausgerufen. Da — o unverhoffte Freude! Wahrhaftig sie entstieg dem Zuge, auf Nimmerwiedersehen überschritt sie die Plattform, von ihrer Jungfer, ihrem päpstlichen Legaten und Mariclées Segenswünschen gefolgt. Bald darauf kam ein Fluß und ein Hügel, der sich ganz für sich allein am Ufer hinzog und hier stieg auch das Fräulein mit der Hutschachtel aus und Mariclée war allein. Wie eine schimmernde Schale breitete sich das Land vor ihren Blicken aus, und der Tag schien in seinem eigenen Glanze versunken. Die Sonne goß jetzt ermattet Ströme silbernen Lichtes über die umfriedeten Äcker und die in biblischer Ruhe gelagerten Schafe. Und die umflitterten Bäume, das wellige Land, die schwimmenden Fernen, sie alle schienen zum Meere hinzuwallen oder zu rufen: „Als eine Insel liegen wir im Meeresschoß!“

In den leeren Wagen drang bald darauf der Abend mit köstlicher Frische herein; niemand störte sie mehr. Der Zug fuhr durch das versonnene Land wie im Traume dahin und erfüllte die stille Luft mit seinem Gerausch. Wälder tauchten empor, Dörfer, verlorene Städtchen richteten sich auf, doch unaufhaltsam eilte er jetzt an ihnen vorbei. Über den schlicht gepolsterten Sitzen hing ein Spiegel. Mariclée band sich einen neuen Schleier um, und fing an sich zu richten. Ihr halb gejagter, halb duldender Blick machte ihr nichts weis. Sie wußte, das Wesen, das sie da mit so ernster Miene ansah, war jetzt doch in seinem Element und liebte es halb als Heldin, halb als Abenteuerin sich zu fühlen. Bald kam es jetzt, das prunkende, ewig umdüsterte Haus, Englands berühmtes Geisterschloß mit seinen trauernden Fenstern. Würde man ihr wieder dasselbe Zimmer geben? sie erschrak bei dem Gedanken. Weiß Gott! der Gespenster hatte sie vergessen.

Der Zug näherte sich wieder einer kleinen Station, aber statt durchzufahren hielt er diesmal an. Ein Lakai im langen weißen Mantel lief hin und her, während ein großer Herr in hellem Überrock auf jemanden zu warten schien. Es stieg aber niemand aus.

Da riß ein Schaffner an ihrer Türe, rief heftig: „Ollerton“ und im Nu sprang Mariclée heraus. Die Station war erweitert worden, sie hatte sie nicht wieder erkannt. Geschwind war sie beim Gepäckwagen und zeigte dem weißen Lakaien ihren Koffer, der mit großer Eile ausgeladen wurde. Schmerzlich fielen ihr dabei alle Gegenstände ein, die in ihrem Kupee für die nächste Millionärin, die dort einsteigen würde, zurückblieben: ein Sonnenschirm, ein Täschchen, Handschuhe und ein Buch. Sie hatte noch Zeit. Sollte sie sie schnell aus der bekannten Dichterklasse hervorholen? Nein, gewiß nicht. Dazu war sie viel zu feig. Stand der Herr noch hinter ihr? hatte er sie gesehen, oder hatte er sie nicht gesehen? Aber natürlich hatte er sie gesehen. Sie war ja das einzige, was auf dieser Plattform zu sehen war. Nicht nur, daß er sie gesehen hatte, er sah sie an.

Mit einem halben Lächeln nähertretend, zog er den Hut und sie erwiderte seinen Gruß.

Wenige Schritte vor ihnen stand ein Auto, der weiße Lakai hatte sich schon zum Chauffeur geschwungen und sie stiegen ein.

„Ein heißer Tag,“ begann er. „Ich war über Land und kam von einer anderen Seite.“

Das Auto fuhr, leise schwirrend wie ein Pfeil.

Plötzlich sagte Mariclée: „Ich hoffe nur, mein Gepäck ist nicht zurückgeblieben!“

Er drückte an den Knopf, ließ sofort halten, versicherte sich, daß alles in Ordnung war und sie fuhren wieder zu. Er hatte es so angelegentlich getan, daß sie ihm hätte danken sollen, und es lag ihr auf der Zunge. Aber etwas hielt sie zurück und sie schwieg; denn es war ihr nicht gegeben, zwei Dinge auf einmal zu tun und die Art, wie er sich einer so geringfügigen Sache als wäre sie von großer Wichtigkeit, annahm, hatte sie zu sehr frappiert. Denn die „Manier“ war unverkennbar die des Don Juan.

Sie flogen im hellen Abendlicht die weite Schloßallee entlang, perlmutterfarbene Wolken schwammen am sonnenlosen Himmel über die Wälder hin. Und wie damals ging ein Rufen, Schlagen, Wehen, wie von Tieresstolz über Boden und Gezweig. Wie damals tauchte wieder aus einer Mulde, und keinem unbefugten Auge sichtbar, ein riesengroßer, schweigsamer und strenger Bau empor, der auf finsteren Gedanken, wie auf Pfeilern gegründet schien; — hinter einer breiten kurzen Brücke zuerst der niedere Teil des ehemaligen Konvents, und unter steinernen, wappentragenden Löwen, der offene Eingang in der gedämpften, gemütlichen Pracht seiner kostbar ausgeschlagenen Wände.

„Sind viele Gäste hier?“ fragte Mariclée mit verhaltenem Atem.

Sie hatte im Park helle Silhouetten und wallende Hüte bemerkt.

„Für den Augenblick fast niemand.“

„Aber wer ist das Mädchen?“ Und sie deutete auf eine hohe Gestalt mit einem bebänderten Schleierhut, die ruhigen Schrittes dem Portale zuging.

„Das ist Ihre Freundin,“ sagte er. Sie hatte jedoch schon eine verheiratete Tochter.

Einen Augenblick später begrüßten sie sich. „Und dasselbe Zimmer sollst du wieder haben,“ verkündete sie ihr. Mariclée nickte wie jemand, dem man etwas mitteilt, was er schon weiß. Denn vom Moment an, wo sie wieder über diese Schwelle gezogen war, hatte sie dies gewußt.

Viertes Kapitel

Don Juan zeigte sich bei Tische, wo er Mariclées Nachbar war, als ein ungewöhnlich begabter und vielseitiger Mann und wie einer selbstgefällig seine Hand ausstreckend, geschliffenes Glas im Lichte dreht und wendet, so drehte und wendete er ihr alle Fazetten seines Geistes zu und ließ sie funkeln und gefiel sich mit viel Natürlichkeit und noch mehr Geschick an seinem eigenen Feuer. Es trug niemand eine Tiara und sie waren nur zu sechs: Don Juan und Mariclée, ihre Freundin, deren Gatte Lord S., seine Mutter und seine Schwester. Mariclée hatte nicht gedacht je wieder hier zu sein, und wie fühlte sie sich doch wieder mit ihren innersten Fibern an dies prunkvolle und interessante Haus gewöhnt, als sei etwas von ihrem Geiste all die Weil in diesen Mauern zurückgeblieben. Wie hatten sie selbst die Schauer der oberen Zimmer wieder angeheimelt, da sie die alten Eindrücke so unverändert wiederfand. Die Pracht der Möbel, der Gobelins und Kamine war es ja nicht allein, denn in Museen sieht man vereinzelt, wie ausgestopft, solche Stücke. Sondern überall das Zusammentönen und -leben dieser stillen Truhen, dieser alten Teppiche, dieser seidenen Draperien und Quasten, mit den schlanken Fachkästen und Stühlen und dem kunstvoll so rein und naiv gewundenen oder skulptierten Holz. Wo an den niedern Wänden der Raum nicht von den Wappen mit den ausgehauenen Löwen ausgefüllt, oder köstliche Schreine eingelassen waren, zogen sich durch jene oberen Zimmer hindurch früh mittelalterliche Gobelins. Lange Prozessionen schritten da einher, Könige, Bischöfe und Heilige; edle Jungfrauen blickten rührend und ernst, und hinter dem Stuartbett heute wie damals eine geheimnisvolle schöne, eine große, weinende Gestalt. Alles dies hatte sie schon erlebt und ihr stilles Wiedererkennen war ein inneres Grüßen. Ob es die Gespenster schon wußten, daß sie wieder gekommen war?

Man hatte sich nach Tische in den großen Saal verfügt, und Mariclée war mit ihrer Kaffeetasse an das äußerste Ende gegangen, und staunte wie die Beauvais, die alten Möbel und Bilder, die ausgeschüttete Pracht kostbarer Dinge hier wie zu leuchtender Musik zusammenflossen, als sie plötzlich merkte, daß Don Juans schwerer Blick auf ihr ruhte. Aber sie hielt ihn aus und lächelte ein wenig, ein Lächeln, das ihn intrigierte, weil er es nicht verstand.

Und dann saßen sie alle beisammen und man sprach für den Rest des Abends von nichts anderem mehr, als von Politik. Es war der Sommer, in dem es in ganz England nur ein einziges Thema gab: Das Budget; und Mariclée dachte für den Rest des Abends nur mehr an dies Budget, das sie nichts anging.

Es war schon vorgeschrittene Nacht, als sie auf ihr Zimmer kam. Der weiche Glanz der mächtigen Hänglaternen vermochte so wenig wie die Morgenstrahlen die Düsterkeit dieser Gänge zu verscheuchen, als könnten Jahrhunderte nichts daran rücken. Sie dachte an den jungen Mann, der damals ihr gegenüberwohnte. Was mochte wohl aus ihm geworden sein? Da öffnete sich dieselbe Türe und Leporello glitt mit einer Wasserkanne aus dem Zimmer seines Herrn: sie sah im Fluge schimmernde Spiegel, anheimelndes Kerzenlicht, und wohl an die zwanzig Schuhe am Boden hingereiht. Ach, morgen früh würde er Glenford schon verlassen! sollte sie denn wieder wie damals diesen Flügel ganz allein bewohnen? Aber gottlob, neue Gäste waren ja erwartet! mochten sie drei Diademe übereinander tragen!

Und sie betrat ihr Zimmer; blickte auf ihr Bett, auf die maskierte Türe. Wie illusorisch war die Zeit! es gibt vergangene Dinge, die nicht vorüber sind, ob wir sie auch vergaßen. Und eine Nacht von ihren damaligen Nächten war geblieben. Denselben Ton, dieselbe Stimmung nahm sie wieder mit innerem Erblassen wahr. Aber sie traf ihre Maßregeln, drehte das Licht nicht ab, sondern umflorte es mit einer rosa seidenen Schärpe.

Am nächsten Morgen hörte sie die Stimme ihrer Freundin, die vom Garten aus nach ihr rief. Sie folgte ihr und beide gingen plaudernd die Terrassen auf und nieder, als Don Juan aus dem Hause trat und sich zu ihnen gesellte; es hatte sich ein Irrtum mit seinem Zuge herausgestellt und vor Nachmittag konnte er nicht fahren.

Die Sonne stieg höher und sie setzte sich mit den beiden unter einen Baum, dessen mächtiges Gezweige einen weiten Schattenring am Rasen zog. Sie gerieten bald sehr eifrig ins Gespräch. Das intellektuelle Prestige der Deutschen ist in England ebenso enorm, wie ihre Unbeliebtheit; so viel hatte Mariclée schon heraus. „Daß die Engländer die Deutschen nicht kennen,“ sagte sie, „ist nämlich gar nicht wahr: Deutsche und Franzosen kennen einander nicht, aber zwischen uns und England besteht nichts anderes, als ein durch das Tantengetratsch der Zeitungen immerwährend hin- und hergetragner Bruderhaß. Wenn wir einmal zu einer Verständigung kommen, gibt es eine Familienfeier, wie sie kolossalischer nie dagewesen ist.“

„Und inzwischen das Tempo, mit dem ihr eure Dreadnoughts beschleunigt!“ warf ihre Freundin ein.

„Und inzwischen euer Argwohn!“ seufzte Mariclée.

„Unser sehr berechtigter Argwohn,“ schloß Don Juan.

Und wohin sie in England kam, es hallte ihr über die Deutschen nirgends ein anderer Ton entgegen!

Zum Schluß natürlich — wie wäre es anders möglich gewesen? — sprachen sie von Liebe.

Es war zuvor von Politik die Rede gewesen, und es reizte Mariclée, Don Juan gegenüber die These zu verfechten, die Politik sei eine passionelle Ader und ein großer Staatsmann könne nicht zugleich eine Laufbahn als homme à bonnes fortunes verfolgen; sie zitierte dabei Bismarck, Beaconsfield und Gladstone.

Don Juan, der wie so viel andere Konservative, bei den letzten Wahlen seinen Sitz im Parlament verloren hatte, wollte dies nicht gelten lassen. Er nannte Goethe und Napoleon; allein sie ließ den einen ebensowenig als einen wirklichen homme à femmes gelten (Napoleon nämlich) wie den andern als eigentlichen Staatsmann. Er sammelte flugs andere Leute und schickte englische Politiker ins Treffen, deren Biographie sie nicht genügend kannte. Übrigens war er bezaubernd. Es ist hart zu sagen, aber nicht die Liebe, die man hegt, sondern etwas so Abhängiges, wie die Liebe, die man einflößte, diese ist die abtönende und feilende Kraft, die so wenig für unseren Wert, aber so einzig für unsere Geltung entscheidet. Was ihn trug, war nicht sein eigenes Feuer, noch die Gefühle, die er etwa empfand, sondern es war die Gewalt, welche ihm die Frauen zugestanden, und der Reflex ihres Blutes, nicht das Spiel seines eigenen, hing ihm wie ein Purpur an. So war es nur natürlich, daß er die Liebe als etwas so Unentrinnbares hinstellte. „Unentrinnbar?“ wiederholte fragend Mariclée und ließ ihre Blicke in die Ferne schweifen. „Ist sie so einfach? Unser Hang in eure Arme zu sinken ist doch ebenso elementar wie unsere Scheu euch zu verfallen. Ihr glaubt nicht recht daran, weil es ein Zug ist, der euch fehlt. Denn ihr seid uns zwar untreu, jedoch nicht abgeneigt.“

Es amüsierte sie so, ihm das zu sagen.

Und diesmal widersprach er nicht, nur wollte er diesen „Zug“ sehr einfach auf einen Instinkt der Selbsterhaltung zurückleiten; die Liebe griffe so ungleich mächtiger in unsere Organismen ein, daß die Natur selbst in größerer Zurückhaltung Schutz suche. Aber dies war den Freundinnen doch nicht subtil genug. Freilich destillierten sich die höchsten Dinge aus den primitivsten, aber wie ein Grundstein die erste Bedingung zu schwebenden Pfeilern sei. Man brauche ihn nicht zu sehen und für das Bild des Ganzen sei er unbeträchtlich.

Und so disputierten sie hin und her, um sich dann wieder auf irgendeinen Scherz des Don Juan hin zu einigen, bis sie die Luncheon-Glocke unterbrach.

Bei diesen Luncheons fand Mariclée vor allem zwei Dinge nach Wunsch: daß man seinen Hut aufbehielt (man zog meist bis gegen Abend damit herum) und daß man sich selbst bediente. Der butler und sein Generalstab erschienen nur zu Anfang, reichten einiges herum und zogen dann wieder ab. Auf den mächtigen Seitentischchen brannten Flämmchen unter den silbernen langstieligen Kasserolen und warfen Reflexe auf die farbigen Teller, das Gold und Silber der Bestecke, die feierlichen Platten, die da warteten. Nichts aber von allen Speisen schien ihr so prächtig zu einem Stilleben geeignet, wie zerlegte grouse. Die Teile schichteten sich mit so satter Kompaktheit auf, der Ton des Fleisches, mit seiner, wie in sich ruhenden Fülle, war so souverän, daß zu ihm gehalten solch alltägliche Dinge wie Indiane oder Fasane jede künstlerische Berechtigung verloren. Es war das Ideal.

Mariclée ging eben mit ihrem Teller spazieren, als eine junge und sehr elastische Gestalt, die ganz mit Schleiern und hellen Tüchern bedeckt schien, zur Tür hereinwehte. Es war die Herzogin von R. . . Sie sah aus, als käme sie von einem Ritt durch die Wüste und sei soeben vom Höcker ihres Kamels herabgeglitten; es stand aber nur ihr Auto draußen auf dem Kies und sie war gekommen, um den Don Juan darin mitzunehmen. Erst als sie den Schleier von ihrem Gesichte zurückschlug, sah Mariclée, daß die Jugend von ihr entwichen war. Wenn aber eine junge Schönheit uns entzückt, so haben die Reize einer schön gebliebenen Frau etwas, das uns begeistert. Ist die Zeit etwas so Niedriges, dachte sie bei ihrem Anblick, daß alles, was ihr widersteht, so edel wirkt?

Es kam auf der Stelle und unter großem Wehklagen die politische Lage zur Sprache. Daß Tags zuvor ein englischer Pair im Parlament übel bestanden hatte und die Liberalen die besseren Führer aufwiesen, war ein Grund mehr, gegen sie erbittert zu sein. Der Name Churchill, der in Deutschland so bereitwillige Erwähnung findet, war in diesen Kreisen geächtet. Er hatte soeben in einer glänzenden und insolenten Rede die Herzöge arg zerzaust, und diese immens reichen Herren, die Roseberry those poor but honest dukes zu nennen gewagt hatte, ironisiert. „And we are so poor!“ klagte die Herzogin.

Man war von Tisch aufgestanden und hatte sich in die Halle verfügt, denn es war dort am kühlsten. Mariclée schlich indes in die Bibliothek, um diese Rede, die ihr entgangen war, nachzulesen. Sie brauchte eine ganz Weile, um sie herauszufinden, vergrub sich dann mit ihrer Zeitung in einen tiefen Lehnstuhl und machte sich gewissenhaft darüber. Da ging plötzlich die Türe auf, und Don Juan trat herein.

„Ich komme mich zu verabschieden“, sagte er. Und wie er vortrat und lächelnd auf sie zukam, und ihre Hand faßte, und sie hielt und die Hoffnung aussprach ihr wieder zu begegnen, so daß unwillkürlich ihre Haltung der seinigen entsprach, und sie ihn ansehen und ein wenig lachen mußte, — das Ganze war ein Meisterstück. Weiß doch ein Frauenkünstler so geschickt mit ihnen umzugehen wie ein Virtuos mit seiner Geige. Zwar kannte sie ja die Art, und das Prinzip war überall dasselbe: selbst nach flüchtiger Begegnung leichthin den Schein anzunehmen, als sei ein Eindruck hingenommen worden, einzig zu dem Zwecke, daß ein Eindruck hinterbliebe.

Aber aber — — — zufällig war ihr schon der Don Juan Deutschlands und Frankreichs, Don Juan d’Austria, ja sogar der Süditaliens begegnet. Und nichts sieht einem Erleben so ähnlich wie ein Erkennen.

Fünftes Kapitel

Mariclée ging in die Halle zurück und fand dort ihre Freundin im Gespräch mit der Herzogin, die, wieder ganz verschleiert, aussah wie Scheherazade. Als die beiden Frauen sie gewahrten, lächelten sie, als müßten sie lächeln, weil sie daherkam, da sie eben von ihr sprachen. Mariclée bemerkte es, aber an keinem Ort der Welt fühlte sie sich so sicher. Ihre Freundin besaß eine starke Eigentümlichkeit, ohne daß man je versucht gewesen wäre, sie eigentümlich zu nennen. Sie hatte so viel in der Welt gelebt, daß eine natürliche Anlage die Menschen zu behandeln, wie es ihnen am wohlsten tat, sich bei ihr so ausgebildet hatte, daß es kaum mehr eine Intuition, schon mehr ein Instinkt zu nennen, war. Sie hatte Routine wie ein anderer eine Glatze, sie war taktvoll, wie ein anderer korpulent ist, das heißt es war ihr zur Natur geworden. So verfuhr sie mit Mariclée unwillkürlich, als wäre diese von Glas, und in der Tat war sie, obwohl gar nicht empfindlich, im höchsten Grade zerbrechlich. Ließ man sie im Stiche, so fiel sie allsogleich um, und wenn sie nicht sehr behutsam zwischen zwei Fingern gehalten wurde, lag sie gleich in Scherben. Dann war sie weder Seele noch Leib, nur mehr ein sichtbares Stück Unbehagen, das sich nach Unsichtbarkeit sehnte, ungefüge und erloschen.

Don Juan hatte der schönen Herzogin in den Wagen geholfen und entschwand mit ihr durch dieselbe Allee, durch die er tags zuvor mit Mariclée einherzog. Sie folgte jetzt der Freundin, die sie vom Peristyle aus gerufen hatte und trat mit ihr ins Freie. Der Ausblick war hier von einer unerhörten Düsterkeit. Hatte sich Glenford mit dieser Landschaft oder diese Landschaft mit Glenford in Einklang gesetzt? Sie gemahnte an die machtvollen und zugleich unerbittlich verfallenen Shakespeareschen Königsdramen. Und welcher Meister hatte diese flachen Beete, diese Senkungen und diese in ihrer Gepflegtheit so selbstherrlichen Plane gelegt, die bis an den Saum der tiefen Wälder reichten, und den gesteigerten Ton dieser Natur noch erhöhten? Mariclée dachte an die erwarteten Gäste. Wo blieben sie nur?

„Komische Leute!“ sagte da plötzlich Lady S. „Man hat doch seine Tage so ausgerechnet. Unsere Freunde wollen am Freitag kommen, aber Samstag fahren wir ja selber nach Schottland. Ich kann sie natürlich nicht haben.“

Da warf Mariclée einen stummen Blick zu den Bäumen empor, die wie starke Tore gegen Norden die Mulde versperrten. Heute ist Mittwoch, dachte sie, also drei Nächte! Im übrigen ließ sie sich nichts merken, sondern zeigte sich gesprächig und heiter, erzählte und ließ sich erzählen, aber abends dehnte sie das Zusammensein möglichst lange hinaus. Die anderen hatten sich schon eine gute Weile zurückgezogen, als sie mit der Freundin die weite Treppe hinaufging. Auf dem Freiplatz trennten sie sich und Mariclée wollte in ihren stillen Gang einbiegen, da durchschauerte sie ein plötzlicher Frost. Im selben Augenblick fühlte sie sich am Arme erfaßt!

„Du fürchtest dich!“ rief ihre Freundin.

Aber Mariclée machte sich auf der Stelle von ihr los.

„Wovor denn?“ fragte sie mit dem natürlichsten Lachen der Welt.

„Keine Torheiten. Es ist doch so einfach, daß ich dir eine Jungfer schicke!“

„Und ich muß dich wirklich bitten, mich damit zu verschonen, ich fürchte mich kein bißchen. Wovor soll ich mich fürchten?“

Und sie tanzte den Gang hinab.

„Ich würde es dir wirklich sagen,“ lachte sie noch an der Türe. Und sie schlüpfte in ihr Zimmer hinein. Dort sank sie in einen Stuhl. Das mit der Jungfer war nämlich durchaus nicht so einfach; sie wußte von früher her genug törichte Stücke von den Glenfordschen Leuten. Man hatte das ganze Personal längst unter Dach nach einer anderen Himmelsrichtung untergebracht. Und dann hatte sie kein Verlangen, ihre Gespensterfurcht so fraternisieren zu lassen. Denn sie tat sich etwas darauf zugute. Allein sie glaubte wahrhaftig, wenn Don Juan nur noch bis zum Abend geblieben wäre, sie hätte sich zu seinen Füßen gestürzt, damit er sie nicht allein ließe. Denn sie verging vor Angst. Zwar nur von jener Türe drang sie wieder auf sie ein. Warum war sie jetzt maskiert? Und von neuem dachte sie an den Marquis von Chandieu, der bei ihrem letzten Besuch ihr Nachbar gewesen war, und sie immer so eindringlich nach ihren Eindrücken befragt hatte. Aber damals hatte sie keine zu verzeichnen, es war alles erst nach seiner Abreise geschehen. Wie stolz hatte sie ihn damals angehört! Wie hatte sie sich innerlich gebrüstet, wenn er ihr seine gestörten, schlaflosen Nächte gestand, während sie so gänzlich unangefochten von derlei Nervositäten blieb. Was war aus ihm geworden? Warum hatte sie all die Zeit hindurch niemals an ihn gedacht? Und warum, da sie ihn so vergessen hatte, war er ihr mit einem Male so gegenwärtig, als müßte sie aufstehen und den Gang überschreiten und ihm erzählen, wie alles über sie gekommen und sie eins geworden war mit ihm in ihrer Angst, aber viel später, erst eine Woche nachdem er so plötzlich verreiste, und sie allein in diesen Gängen und dieser Flucht von Gemächern zurückblieb. Und plötzlich überkam sie eine große Reue, daß sie es nie getan hatte, und sie nahm sich vor (des Nachts faßte sie immer sehr viele Vorsätze) es nachzuholen. Es würde das erste sein, daß sie sich morgen nach ihm erkundigte.

Sie rückte ihren Schreibtisch zurecht, und bereitete sich vor, ihre Briefschulden zu tilgen. Denn seitdem sie nach London gefahren war, hatte sie keinem Menschen geschrieben. Sie faßte geschäftliche und Freundesbriefe ab und warf sie dann auf den Tisch. Von Zeit zu Zeit blickte sie auf und sah auf die Türe. Nur eines hätte sie nie ertragen: das Licht zu verlöschen und dieser Türe den Rücken zu kehren. Erst als der Morgen graute, legte sie sich auf das Bett und dort wollen wir sie eine Weile schlafen lassen und erzählen, was für Erinnerungen es denn waren, die sich für sie an dieses Zimmer ketteten.

Als sie vor ein paar Jahren zum erstenmal nach Glenford fuhr, hatte sie nicht nur von seinen Ländereien, dem langen Saale mit den elf nach Westen stehenden Fenstern, der Minnesängergalerie, Straffords berühmtem Porträt, und all den Bildern und historischen Schätzen vernommen, sondern auch von den Gespenstern, die seit Jahrhunderten hier umgehen sollen. Die Aussicht auf eine Bekanntschaft mit ihnen wollte sie mit gespannter, aber heiterer Neugierde erfüllen. Steht doch selbst der Leichtgläubigste solchen Dingen skeptisch gegenüber, weil er fühlt, daß sein Leben alles Gespenstige so siegreich ausscheidet, wie das Licht die Finsternis; und darum macht es ihm Spaß, wenn er von jenen leeren Schemen — zu welchen er zwar selbst über Nacht gehören kann — wie von etwas „Wirklichem“ Kunde erhält.

Schlaflos war sie damals die Nacht hindurch via Ostende gefahren. Draußen graute kaum merklich der Tag über ein baumloses, flaches, unsäglich trübes Land. Hie und da streckte eine Windmühle wie verzweifelt ihre bretternen Arme aus und erhöhte noch den Eindruck von Verlassenheit und Öde. Und in jenem unendlichen, schattenhaften Grau, das den Himmel und die trauernde Ebene erfüllte, wollte endlich auch ihr Bewußtsein ruhen und versinken. Aber kaum eine Minute lang!

Denn als sie erwachte, lag nach wie vor matte, unklare Dämmerung über das Land gebreitet, und zugleich rief ihre erschrocken ausgestreckte Hand ein anderes Bild in ihr wach, das unvergeßlich, sie wußte es wohl! zwischen ihr und der Außenwelt entstanden war.

Welcher Unhold hatte sie da so unvermittelt und so willenlos über eine so fremde Schwelle geführt?

Durch ein hoch und ohne Sims in der Mauer angebrachtes Fenster schien das Abendlicht unsäglich bange in ein schmales, verließartiges Zimmer schräg herein; und sie erblickte da in einem hohen Lehnstuhl, der aber nicht entfernt bis zu dem Fenster reichte, die Umrisse einer zarten und kostbar gekleideten, aber schon sehr alten Frau: — zwei langgestreckte seidne Locken, deren Enden sich ätherisch lösten, umschimmerten ihre klaren Züge; ihre reizende Hand hing ernst und traurig herab, und den Blick hielt sie gespannt, erwartungsvoll auf Mariclée gerichtet. Als diese aber, seltsam zu ihr hingezogen, nähertrat und in der sinkenden Dämmerung sie zu erkennen suchte, da zerfiel, zersetzte, zerfetzte sich ihr Angesicht vor ihren Augen zu dem eines grauen, unnennbaren Gespenstes, und schaudernd streckte sie die Hand aus, um den furchtbaren Anblick von sich abzuwehren.

Am Abend dieses selben Tages war sie in Glenford. Und der Zufall fügte, daß gleich während des Diners von den Gespenstern des Schlosses gesprochen wurde, ein Thema, das in Gegenwart der Eigentümer für gewöhnlich ausgeschaltet blieb. Dies rief nun unverzüglich ihre eigenen Erinnerungen wach; ihr, meinte sie, hätten Glenfords Gespenster wohl besondere Ehren zugedacht, da ihr ja schon eines bis übers Meer entgegenfuhr. Und lebhaft schilderte sie das seltsame Gemach, seine eigentümliche Lage und das Gesicht, das sie am Morgen dieses Tages erlebte, hielt aber betroffen mitten in ihrer Erzählung inne, als sie die plötzliche Stille und die überraschten, gespannten Mienen rings um sie her bemerkte.

Einer der Gäste, ein Herr von Chandieu, ging nach Tische auf sie zu und bot sich ihr als Führer an für ihren morgigen Rundgang durch das Schloß. Er bestand darauf mit einer eigentümlichen Bestimmtheit, als gälte es einen Vertrag, oder meinetwegen ein Engagement für einen Walzer, den man aber, einmal vergeben, nicht mehr mit einem anderen tanzen dürfe.

So zogen sie denn Tags darauf durch die herrlichen, doch so umdüsterten, ja wie untröstlichen Gemächer. Und von der schweren Stimmung, die darin herrschte, überkommen, fühlte jeder sich allein und vergaß des anderen, vergaß sich selber, und verstummte. Denn wie in sehnsüchtiger Abendröte, atmete und verweilte hier noch die weite Vergangenheit. Als sie endlich die Plattform eines breiten, turmförmigen Vorbaues betraten, der den Übergang bildet zwischen dem Schloß und der noch älteren Abtei, sagte Chandieu: „Noch ein Zimmer muß ich Ihnen zeigen,“ und deutete auf die Wand. Eine Eckmauer höhlte sich hier zu verschiedenen Windungen und Stufen und führte plötzlich zu einer Versenkung und einer Türe. Sie traten ein, zwischen den Quadern verborgen hineingebaut, hing da wie ein Lift ein hohes schmales Gelaß. Schwermütig fiel das Licht durch ein hoch und ohne Sims in der Mauer angebrachtes Fenster, und ein hoher Lehnstuhl, der aber nicht entfernt bis zu dem Fenster reichte, stand davor. Mariclée begegnete Chandieus fragendem, gespanntem Blick und erschrak. Zu genau war ihr schon der Anblick, die unheimliche Lage dieser Kammer und ihre bange Atmosphäre bekannt!

Indes erfüllte es sie mit unbeschreiblicher Genugtuung, daß die teilweise Bestätigung eines gespenstigen Traumes sie nicht ängstigte, um so mehr als die Inhaber der sogenannten Stuartzimmer sich über ihre schlaflosen Nächte unumwunden äußerten. Dabei wußte man von diesen Räumen sowie von dem anstoßenden Prunksaal, den der König während seines jährlichen Besuches bewohnte, gar nichts Schauerliches zu berichten. Sie hingegen wohnte auf der Ostseite nicht nur ganz allein, sondern ihre Türe führte direkt in das große, in gelbem Damast und Silber ausgeschlagene Paradezimmer, das für die „schwersten Gespensterfälle“ notorisch war.

Nach einigen Tagen reisten die anderen Gäste, und mit ihnen Chandieu, ab, und infolgedessen stand nun der ganze obere Teil des rechten Schloßflügels leer; Mariclées Freunde forderten sie wiederholt auf, in ein anderes, bewohnteres Stockwerk umzuziehen, allein sie weigerte sich auf das entschiedenste, denn jetzt war alles so schauerlich und schön, und es gefiel ihr erst recht. Sie besaß indes für Geister offenbar doch keine Attraktion. Denn weder „das Mädchen“, noch „der Mönch“, noch der „cuddling ghost“, noch die alte Dame, die sie doch kennen mußte, bemühten sich zu ihr.

Da eines Nachts fuhr sie aus tiefem Schlafe von diesem Bette empor, warf sich mit einem Satze blindlings gegen die Ausgangstüre, drehte dort blitzschnell das Licht auf, und stürzte dann zu Boden. Verwundert blickte sie in dem hellerleuchteten Raume umher. Was war geschehen? sie konnte sich auf nichts besinnen. Warum lag sie zu Boden? und warum fühlte sie ihren Blick umtrauert, wie ein vom Nebel umdüstertes Licht? Warum? Nur ein Gedanke: Licht zu schaffen, hatte ja in ihr gelebt. Aber welch höllisches Entsetzen hatte sie dann niedergeworfen und jagte sie von neuem, bevor sie es faßte? — Ach, jenes Licht, sie hatte es entfachen müssen, damit sie die Erschütterung ertrug, die ihr jetzt das Bewußtsein brachte! sie war nicht erwacht, sie war geweckt worden.

Erst als Tageshelle ihr Zimmer erfüllte, löschte sie, und trat ans Fenster. Allein die Frühluft, die jetzt so froh zu ihr hereindrang, verscheuchte nicht, wie sie es hoffte, die Grauen dieser Nacht. Der silberne Morgenhimmel lehrte ihr nur, daß sie den Mut nicht finden würde, ja daß ein unheimlich seltsamer Widerwille sie erfüllte, ihre untatsächlichen Erfahrungen zu bekennen, als hafte etwas Totenhaftes an ihr, weil sie sie erlebte. Und darum blieb sie in diesem Zimmer und schwieg. Aber sie ließ ihre Lichter immer bis zum Sonnenaufgang brennen, und die Furcht vor einem Erwachen, wie sie mit Bestimmtheit glaubte, es in seiner Unnatur ein zweites Mal nicht zu ertragen, hielt Nacht für Nacht ihre Wachheit rege. Und sie saß aufrecht und horchte. — Gerührt vernahm sie das Rauschen der Bäume, oder wenn ein Nachtvogel sich bewegte. Und sie horchte entsetzt — wie ein Scheinlebender — auf den unhörbaren Lärm, auf die feindselige Luft, und durch alle Ritzen und Gänge hindurch die zerrüttete Ruhe. Welcher Sinn war in ihr erwacht für die finsteren Flammen, lechzend wie das Leben reißender Tiere vom Leben Verstoßener? für dies Wehen wie von Schmerzensfaltern, der schweren Raupe des Verbrechens entflattert! Denn es schien, als dürsteten sie nach ihr, als richte sich ihr Ansturm gegen eine verwundbare oder gefahrvolle Stelle, eine Bresche in ihrem innersten Selbst.

Dabei hing es oft an einem Haar, daß sie über alles dies nur lachte.

So drehte sie eines Nachts das Licht ungeduldig wieder ab und lag vor Müdigkeit wie eine Schnecke zusammengerollt, ganz jenem Gefühl des raschen Versinkens anheimgegeben, das uns umfängt, wenn der Schlaf, wie ein guter Riese, unser Bewußtsein davon trägt.

Allein wie eine unrechte Beute ließ er sie jäh fallen. — In der Schnelligkeit, mit der sie nach dem Lichte auffuhr und ans Fenster stürzte, hatte sie Decken und Tücher mit fortgerissen: ihr Blut wie in Flucht geschlagen, hämmerte in ihren Schläfen, als dränge es den Augenhöhlen zu entströmen, und in dem glänzenden Gemache, wie in einer Zelle eingemauert, fühlte sie sich von der Nacht, die beglückt da draußen flutete, geschieden. Und wie das erste Mal, kam jener unbeschreibliche und haßerfüllte Schatten eines Hauches von jener Tür. —

Aber wir müssen zu Mariclée zurückkehren, denn sie ist schon erwacht. Ein leises Klopfen scheuchte sie aus dem Schlafe und gleich darauf ertönte eine Glocke. Es half ihr nichts, nach ihrer Uhr zu sehen; sie hatte wieder einmal vergessen sie aufzuziehen. Sie eilte sich nun so gut sie konnte, denn die Mutter des Hausherrn, die mit ihrer Tochter im Erdgeschoß wohnte, war eine sehr alte, aber sehr pünktliche Dame, und Mariclée wollte nicht später als sie erscheinen. Da sie jetzt allein auf diesem Stockwerk hauste, nahm sie zum Ankleiden, wie früher, das Badezimmer in Beschlag. Es lag den Königszimmern gegenüber, man mußte den Gang hinaufgehen und dann rechts einbiegen. Wenn Gäste in Glenford waren und Stimmen, Seidengeknister und huschende Zofen die Atmosphäre erhellten, die wie ein schwerer Himmel diese Räume überhing, dann gewannen sie einen Zauber, eine faszinierende, schaurige Heimlichkeit, die in der Welt vielleicht nicht ihresgleichen hatte. Ein herumliegender Atlasschuh, ein hypermoderner Hut, ein Parfüm wurde hier zur ergreifenden Note, und Schritte konnten wie beruhigende Orgelklänge verklingen. Aber wehe, wenn das Leben an diesen verwunschenen Gestaden nicht länger brandete. Vergangenes herrschte dann wieder, grübelte und versank in sich selbst, schwarze Wolken sammelten sich wieder und die erdrückte Luft preßte, wie einen Todesschweiß der Berührung weichende und sprachlose Dinge aus! Untilgbarer Haß lauerte hinter den Baldachinen, ohnmächtige Wut hing sich an die altertümlichen Pfosten, an das Holz und an die damastenen Wände. Öffnete sich aber die Türe, trat ein Mensch in diesen finsteren Kreis, so entstand jener gewaltige, unhörbare Tumult, und dann rang es in allen Ecken den Kreis zu sprengen, die Schatten gerieten in Aufruhr und überall gierte es so heiß, gierte so traurig ein Gesicht, eine Gebärde zu werden. Und keine Sonne, kein frohlockendes Wölkchen, kein Vogelgezwitscher linderte die Qual.

Sechstes Kapitel

Lord S. saß allein beim Frühstück, als Mariclée etwas atemlos hereintrat. Die zweite Glocke war längst ertönt.

„Wie spät ist es denn?“ fragte sie.

Er war ihr sichtlich überrascht entgegengekommen.

„Es ist noch früh,“ sagte er. „Aber ich gehe auf die Jagd. Und nun hat man Sie mit dem Gong so aufgeschreckt. Er galt nur mit.“

„Ach, das macht gar nichts,“ sagte Mariclée und setzte sich gegen das Licht, um ihre übernächtigen Augen zu schonen. Sie war sehr zufrieden, denn ihr Plan war alsbald gefaßt. Ihrer Freundin gegenüber gewisse Eindrücke zu besprechen, hatte sie sich niemals entschließen können. Sie hatte den sehr deutlichen Verdacht, daß man sie damit beunruhigen konnte. Mit einem Manne war es anders.

„Ja, danke,“ sagte sie, da er für sie sorgte. „Ich fange mit einem Pfirsich an.“ Sie hatte einen wahren Heißhunger nach ihrer schlaflosen Nacht. „Aber verdiene ich zu leben, da ich nie weiß, wie lange es her ist? Wann bin ich hier gewesen? vor zwei Jahren oder vor zehn? Alles bleibt mir so lebhaft, nur zerrinnt mir die Zeit, hier hängt ein Bild anders als damals“, und sie deutete auf die Wand.

„Hören Sie noch von Chandieu?“ fragte sie weiter. „Was treibt er, und was ist aus ihm geworden?“

„Denken Sie,“ sagte Lord S., „er ist tot, er starb vor ungefähr einem Monat in der Schweiz. Wir hörten es erst kürzlich.“

„Tot!“ rief Mariclée. „Mein Gott! so jung! was hat ihm gefehlt? er ist tot!“ wiederholte sie bestürzt. Und jetzt hielt sie nichts mehr zurück: „Ich hatte seltsame Gespräche mit ihm,“ gestand sie.

„Was hat er Ihnen gesagt?“

„Er klagte über seine Nächte und forschte immer nach den meinen. Sie wissen, ich wohnte ihm gegenüber, und er schüttelte den Kopf, wenn ich ihm sagte, daß ich sie eine nach der anderen in größter Seelenruhe durchschlief. Aber ich weiß nicht,“ fuhr sie scheinbar zögernd fort, „ob es mir gestattet ist, von solchen Dingen mit Ihnen zu sprechen?“

„Aber natürlich! Wie kommt es, daß Sie zweifeln?“

„Man warnte mich, daß Ihnen Erörterungen über diese Dinge nicht willkommen seien, und daß ich sie vermeiden sollte,“ rückte sie wieder unverblümt heraus.

„Wer hat Ihnen das gesagt?“

„Ich habe es oft gehört. Auch Chandieu machte mich darauf aufmerksam.“

„Chandieu hat vor seinem Tode das merkwürdige Geständnis abgelegt,“ sagte jetzt Lord S., „er habe in Glenford ein Gespenst gesehen und angesprochen.“

„Das hat er mir nie gesagt!“ rief Mariclée. Aber sie wollte sich der Mitteilung würdig erzeigen, indem sie kein zu großes Wesen daraus machte. „Glauben Sie denn an solche Sachen?“ fragte sie.

„Ich muß gestehen,“ sagte er, „ich habe nie eine Wahrnehmung gemacht, welche die Gespensterchronik dieses Hauses bereichern könnte.“

„Ach,“ sagte Mariclée, „sobald man diesen Dingen mit Worten kommt, tritt so viel Unsinn ans Tageslicht, daß sie zerfließen. Ob es an ihrer Wesenlosigkeit oder an der Plumpheit des Wortes liegt, das ist mir noch nicht klar. Aber eines wissen wir alle: Glenford besäße ohne seine Schauer nie einen so unerhörten Reiz.“

Er nickte. „Ich glaube es selbst; und was Sie über mich sagen hörten,“ fuhr er dann fort, „trifft nicht für mich, es traf nur für meinen Vorgänger zu. Solange mein Onkel lebte, blieben hier gewisse Fragen auf das bestimmteste unterdrückt, und er duldete nicht, daß man sie vor ihm debattierte. So wurde allerdings seine Abneigung für den Ton dieses Hauses bestimmend.“

„Im großen Ganzen sicher die richtige Haltung. Aber was hat Chandieu gestanden?“ Sie brannte darauf, mehr zu hören.

„Nichts, als was ich Ihnen sagte, und dies erst am Tage, an dem er starb.“

„Was hätte wohl Ihr Onkel zu einem solchen Geständnis gesagt?“

„Er hätte keine Notiz davon genommen. Hierin war er wirklich sehr eigen. Selbst wo er sich gezwungen sah, etwas zu konstatieren, ließ er es ohne Kommentar. So wollte er anfangs den Flügel für sich nehmen, in welchem Sie, glaube ich, wohnen, weil ihm dort die Aussicht am besten gefiel. Seine besondere Vorliebe galt dem gelben Zimmer.“

„Das in gelbem Damast und Silber ausgeschlagene,“ unterbrach sie, „das in meines führt?“

„Mein Onkel wollte es zu seinem Schlafzimmer machen, und hätte es sicherlich behalten; er besaß jedoch einen Hund, von dem er sich nicht trennen wollte, und was ihn nötigte auszuziehen, war nur dieses Tier. Es hatte plötzlich voll Entsetzen auf eine Stelle des Zimmers hingestarrt, und wurde von einem solchen Beben aller Glieder befallen, daß es nur flehentlich winseln und sich sträuben konnte, aber nicht mehr imstande war zu gehen, noch sich auf den Füßen zu halten. Man trug es endlich hinaus und von dem Tag an wehrte es sich, mit allen Zeichen einer wütenden Angst, in dieses Zimmer zu treten, und weder durch Schläge noch durch Lockungen brachte mein Onkel das sonst so gefügige Tier über die Schwelle.“

Sie fragte nicht, nach welcher Richtung es geschaut hatte, sie konnte sich so gut denken, auf welche Stelle es seine hilflosen Augen gerichtet hielt, als es in seiner armen Hundeseele zusammenbrach. Die Schreckenstüre, die sie von jenem Zimmer schied . . .

„Wie grauenhaft!“ entfuhr es ihr und sie fügte dann schnell hinzu: „Wie lang ist es her?“

„O an die dreißig Jahre mindestens.“

„Eine sehr lebendige Geschichte für einen toten Hund,“ versuchte sie zu scherzen.

„Sie haben ja gar nichts gegessen!“ sagte Lord S.

„Was Sie mir erzählten, war wirklich zu spannend,“ und sie erhob sich rasch. Denn sie wollte ihn nicht länger von seiner Jagd zurückhalten. „Ich möchte gerne mit Ihrer Mutter frühstücken. Sie wird gleich erscheinen und ich will sie in der Halle erwarten.“ Damit ging sie zur Türe und sie trennten sich.

Mariclée vergrub sich in einen Lehnstuhl.

„Daß ich das alles gerade heute zu hören bekam, dachte sie, war wirklich nicht nötig.“ Sie nahm eine Zeitung, ließ sie ungelesen zu Boden fallen, und sah mit müden Augen umher. Wie war Chandieu in diese Halle verliebt gewesen, in diese tiefen Fenster, die Rüstungen, das Gebälk, und da oben die alte Minnesängergalerie, eines der Schaustücke des Landes.

Dies also war der junge Mann gewesen, den sie für einen ziemlich oberflächlichen Weltmann gehalten hatte. Wenn man auch die Sache selbst, die allzu dunkel war, ganz außer acht ließ und nur sein Geständnis — und dies war nicht anzuzweifeln — im Auge behielt, so hatte er auf jeden Fall einen Mut bewiesen, dessen sich Mariclée, mit ihrem Stich ins Heroische, noch immer unfähig wußte. Denn traulich scheinende, mit rosa Seide umwundene Lampen waren freilich nicht die Szenerie, gewisse Phänomene zu fördern, so erfahren war sie jetzt schon, daß sie dies wußte. Und sie stellte sich Chandieu vor, wie er in der Dunkelheit aushielt. — Aber plötzlich riß ihr der Faden. „Ich habe ja noch zwei Nächte,“ dachte sie, „für diese langweilige Sippe.“

Siebentes Kapitel

Es war Schlag halb 10 Uhr, als die alte Dame, von ihrer Tochter begleitet, die Halle betrat, in der Mariclée auf sie wartete. 85 Jahre trug diese Erde sie, doch schien sie nicht dem Leben, sondern der etwas bleibenderen Region eines Romans entnommen. In ihr war eine Vereinfachung, welche die Vielfältigkeit des Lebens nie so ungebrochen gestattet, und man wurde ganz träumerisch, ja man fühlte sich wie beschattet in ihrer Nähe. Denn sie hatte das friedvoll Umgrenzte, das in sich selbst Beruhende und dabei Spendende des Baumes. Sie hatte auch feine Weisheit, die von nichts zu wissen braucht, die nie banal und doch für jedermann vorhanden ist. Ihr Leben mußte ein merkwürdig geschütztes gewesen sein, aber daß es dabei so hinaufwuchs, war ihr Verdienst. Mariclée war als ein recht fremder Vogel diesem Baume zugeflogen, ein Grund mehr, um sein Gezweige schützend über ihn zu breiten, denn irgendwie war das ein einsamer, vielgewanderter und recht zerflatterter Vogel. Nahm sie ihren Tee nicht zu stark? war sie nicht müde? das sollte sie lieber essen wie das. Sie hatte da ein hübsches Kleid, und es stand ihr! Und bei allem, was die alte Dame äußerte, nickte sie mit ihrem großen ehrwürdigen Kopf, der ihr nicht mehr recht solide auf den Schultern saß. Mariclée kannte sie erst seit zwei Tagen. Wenn sie nicht bei einem ihrer Kinder zu Gaste war, lebte sie in ihrem schönen Londoner Hause mit dieser unverheirateten Tochter, die eine so närrische Liebe zu ihr hatte, daß sie sie nie auch nur auf einen Tag verließ, so daß man sich unwillkürlich fragte, was einmal aus ihr werden würde. Das ältliche Fräulein hatte außerdem noch eine Leidenschaft; die des Schießens. Jeden Morgen zog sie gemessenen Schrittes, in einem sehr städtischen Hute, sonst ganz wie Amor bewaffnet, mit Köcher und Bogen aus und übte sich stundenlang auf einem eigens für sie ausgesteckten Terrain. Mariclée versprach, sie später dort zu treffen und ging indessen nach einer anderen Seite.

Wohin man von dem Schlosse aus sah, das diese weiten Parkländer, diese offenen Haine und Äcker beherrschte, erstreckte sich unübersehbar ein alter, heilig gehaltener Boden, dehnten sich Wälder, die kein fremder Fuß betrat, und im nächsten Umkreis, bis zu dem nahen See, Plane mit zauberhaften Bäumen, Terrassen, die nur ein tiefes Schönheitsbedürfnis so ins Leben rufen und erhalten konnte; und links die schattige und stets geheimnisvolle Straße. Und von hier bis zu jener Straße drang unaufhörlich und hold der Turteltauben matter Ruf. Mariclée durchstreifte einen großen Wald, in dessen Lichtungen das Wild sich rudelweise lagerte. Große runde Rehaugen starrten sie fremd und ein wenig feindlich an, und alle Köpfe wandten sich neugierig dem Wege zu, den sie verfolgte. So gelangte sie bis zu einem niederen Tor, das aller Verlassenheit der Erde gewidmet schien. Aber es gemahnte sie an die Zeit, und daß sie nicht wußte, wie spät es war. Da fing sie an zu laufen, bis sie wieder zu den Gärten zurückfand, und von weitem die Bogenschützin noch erblickte. In einiger Entfernung saß unter einem Zelt die alte Dame. „Ah!“ sagte Mariclée und lagerte sich neben ihr am Boden, „ich bin so gelaufen, wieviel ist die Uhr und kann ich eine Viertelstunde hier rasten?“ Die Alte reichte ihr ein Kissen; Mariclée schob es unter den Kopf und starrte in den alabastermilden Himmel. „Es war schön im Walde,“ sagte sie, „und wie weich ist in diesem Lande das Licht. Aber wie grimmig sehen Glenfords Mauern in den Mittag hinein!“

„Ja, es ist ein finsteres Schloß,“ sagte die Alte.

„Ich glaube, wenn es Gespenster gibt, so gibt es welche, die gar nicht so schlimm, und andere, die ganz abominabel sind. Am ärgsten ist der Mönch des gelben Paradezimmers, an ihm starb jener Mann.“

„Woher wissen Sie das?“

„Ja, das weiß ich ganz bestimmt.“

„Fürchten Sie sich da oben ganz allein?“ fragte die Alte, die das Fürchten nicht kannte.

„Nein,“ sagte Mariclée gedehnt und schüttelte den Kopf, „ich genieße es.“ Dann fügte sie hinzu, indem sie zu ihr aufsah: „ich wüßte gerne, ob Sie abergläubisch sind.“

„Ich grüße stets eine Elster, die einzeln vorüberfliegt: One for sorrow, Two for mirth, Three for a wedding, Four a birth“, rezitierte sie und nickte jedesmal mit dem Kopfe.

„Ich möchte gerne einen Mann ertappen, wie er gerade vor einer einschichtigen Elster den Hut abnimmt.“

„O Kind,“ erwiderte die Alte, „deshalb ist ein Ding noch lange nicht töricht, weil es sich mit einem Manne nicht wohl verträgt.“

Gibt es etwas schöneres, dachte Mariclée, wie so ein mütterliches, altes Weib?

Aber die Tochter hatte ihr Spiel beendet und Mariclée war wieder aufgesprungen, denn sie hatte nur Zeit, sich umzuziehen.

Zum Lunch erschienen zwei Fräuleins, Töchter eines gewesenen Botschafters, denen es das Leben nicht mehr recht machen konnte. Sie waren beide baumlang und nicht sympathisch. Die eine war ältlich, die andere noch leidlich schön, aber im Begriff zu verblühen. Mariclée wünschte der jüngeren einen Mann und beide zum Hause hinaus. Denn sie hatten sich in Amerika, dem letzten Posten ihres Vaters, eine höchst unangenehme Sprechweise angewöhnt, die auf die Nerven ging. Sie sahen Glenford zum ersten Male und kreischten vor Bewunderung bei jedem Stück, ja im großen Saale schrien sie wie am Spieß. Mariclée bekam starkes Herzklopfen von ihren Organen, sie war müde von ihrem Spaziergang und ihrer schlaflosen Nacht. Aber die beiden Damen wollten das Schloß ansehen der Länge und der Quere nach, nicht nur die Kapelle und alle Zimmer, sondern auch die Souterrains und alles Porzellan. Arbeit genug für zwei Stunden, aber sie führten einen großen Vorrat von Bewunderung mit. Lady S. fühlte sich plötzlich von Mariclée am Ärmel gezupft:

„Bitte, führe sie nicht in mein Zimmer,“ flüsterte sie, „bei mir liegt alles so herum,“ und sie schlich hinauf, warf sich auf ihr Bett und schlief sofort ein.

Als sie etwas verspätet zum Tee herunterkam, waren die beiden Damen noch da und der Quell ihrer Bewunderung sprudelte noch immer. Dafür trug die Miene der Frau des Hauses deutliche Symptome von Erschöpfung zur Schau. Mariclée konstatierte es mit Bedauern, aber ohne Gewissensbisse, denn sie war der Meinung, daß solche Leiden nicht besser werden, indem man sie teilt. Auch harrte schon ein Diener, mit Mänteln bepackt, im Hintergrund, die jüngere hatte einen kleidsamen Schleier über ihren weitläufigen Federhut geworfen und als sie sich jetzt wirklich erhoben und, wenn auch unter einem neuen Schwall von Worten, wirklich verabschiedeten und wirklich zur Türe gingen, war Mariclées Lächeln und ihr Händegruß von bezaubernder Wärme. Denn sie wünschte ja allen Menschen das Beste.

Die beiden fuhren durch dieselbe Allee von dannen, durch welche gestern Don Juan mit der schönen Herzogin entschwand. „Und jetzt Mariclée, ich bitte dich, gehen wir spazieren,“ sagte Lady S. Und sie nahmen ihren Weg durch die entzückenden Gärten; aber sie kamen nicht weiter als bis zum Fluß. Inmitten blauer Glyzinen, blauer Gladiolen, einem Dunstkreis langstieliger blauer Lavendel stand eine marmorne Bank. Hier machten sie Halt und hier vergaßen sie weiter zu gehen.

Mariclée hatte indessen wieder einen Plan. Sie starrte in den sinkenden Tag nur von dem einen Gedanken erfüllt: Wie lenke ich das Gespräch unauffällig auf das Exemplar? Er gehörte aber den Kreisen ihrer Freundin an, und er war in Glenford gewesen, seitdem sie ihn nicht mehr gesehen hatte: sie wußte es von ihm selbst. „Mein Gott!“ sagte sie, „was für ein blauer Abend, welch köstliche Stunde! Sieh diese blaue Libelle.“ Es ist doch so leicht, dachte sie, ich brauche das Gespräch nur auf gemeinsame Bekannte zu lenken. Allein sie mußte doch einen gewaltigen Anlauf nehmen, um seinen Namen zu nennen, denn sie hatte Angst vor dem, was sie jetzt hören würde; sie dachte nicht an seine Ehe, aber an seine Gesundheit; denn sie wußte, wie krank er war. Noch kein halbes Jahr war es her, daß sie auf der Welt nichts anderes wie englische Zeitungen las, um Nachrichten über seinen Zustand zu erfahren. Und durfte sie von einer Besserung lesen, so las sie bald darauf von einem Rückfall. Dabei konnte sie sich durch nichts anderes, als diese greulichen Blätter informieren: sein Zusammenbruch war unmittelbar nach seiner Heirat erfolgt und von seinen neuen Leuten, bei denen er todkrank darniederlag, kannte sie niemand. Jetzt erfuhr sie, daß er sich mit dem Haus eines der reichsten Herzöge Englands alliiert hatte, und mitten in ihre Spannung kam ihr das Lachen: Er war kein Snob, aber dies sah ihm so ähnlich.

„Jetzt geht es aber wieder vorwärts mit ihm?“ fragte sie.

„Ach nein! Man trägt ihn ja noch die Treppen hinauf.“

„Das kann doch nicht gut sein!“ rief Mariclée. „Er fuhr doch erst kürzlich nach London.“

„Es wundert mich sehr,“ sagte die Freundin, „daß er imstande war.“

Mariclées Herz hatte zu schlagen aufgehört. Und dann entstand in ihr ein betäubendes Brausen, als setzten von allen Seiten viele dumpfe Glockenschläge ein, die ihr ganzes Innere erfüllten.

„Und ich habe ihn verfehlt, ich habe ihn verfehlt, ich habe ihn verfehlt!“

Aber sie fragte nicht mehr. Sie wollte nichts hören. Am Sonntag würde er bestimmt wieder nach London zurückkommen. Er hatte es ihr ja geschrieben. Es ging ihm eben viel besser, als man es noch wußte. Daß es ihm so viel besser ging, war eben das Neueste. Sie ließ keinen anderen Gedanken in sich aufkommen.

„Was hast du denn in London getrieben? Im August?“ fragte die Freundin.

„Es war wirklich sehr heiß!“

„Und trotzdem fährst du jetzt wieder hin?“

„Vielleicht nur für einen Tag,“ erwiderte Mariclée errötend.

„Du weißt,“ fügte sie, nur um etwas zu sagen, schnell hinzu, „meine Pläne sind immer sehr unentschieden, ich weiß nie, was ich morgen tue, ich armes Kätzchen.“

„O, du bist gar kein armes Kätzchen!“

„Was? Ich tu dir nicht einmal leid?“ fragte Mariclée, die jetzt um jedes andere Thema froh war.

„Du tust mir kein bißchen leid, ich finde dich sehr beneidenswert.“

Mariclée riß die Augen auf.

„O bitte,“ sagte sie fast beleidigt, „so beneide mich halt. Aber du bist nicht anspruchsvoll, das muß ich schon sagen. Und um was, wenn ich fragen darf? Um die ganze Liste von Dingen, die mir versagt sind?“

„Vielleicht,“ entgegnete die andere, „ja vielleicht. Die anderen sind alle so absolut abhängig von diesen Dingen und du bestehst nicht nur ohne sie, nein, du bringst es sogar fertig zu balanzieren.“

„Was bleibt mir übrig,“ seufzte sie, „vom Seil zu stürzen, oder darauf zu tanzen.“

Aber die andere schüttelte den Kopf. „Was soll man dir wünschen?“ fragte sie. „Was möchtest du eigentlich?

„Nichts,“ sagte Mariclée, plötzlich sehr ernst geworden. „Nichts, denn ich möchte alles und es würde mir nicht genügen, es zu haben, sondern ich möchte es behalten. Aber mein Bewußtsein der Zeit ist so akut, daß ich sie immer höre, und wie mit hundert Augen überall sehe, wie alles der Reihe nach, ihrer Strömung weicht und von ihr fortgerissen wird, so daß ich mich schon fragte: wie halten es die Glücklichen aus?“

Mariclées Freundin war eine gescheite Frau, die ihre nachdenklichen Anwandlungen hatte, aber solche Exkurse waren ihr zu deutsch. Wenn Mariclée anfing, solche Fäden auszuwerfen, verlor sie die Geduld.

„Ich wünsche dir einen Mann,“ sagte sie, „du solltest jetzt wirklich bald heiraten.“

Mariclée, immer bereit einzulenken, rollte ihren Faden wieder auf und warf ihn beiseite.

„Aber ich brenne doch darauf,“ versicherte sie. „Nur ist es müßig. Ich werde so wenig einen Mann ziehen, wie das große Los. Paß nur auf.“

„Deine Einstellung auf den Haupttreffer ist aber auch nicht glücklich, ich habe dir immer gesagt . . . .“

„Dabei gefalle ich euch ja so gut.“

Mariclée lachte, aber zugleich trieb es sie wieder ihren Gedankengängen zu. „Irgendwie bin ich im vornherein für den Mann verdorben,“ sagte sie. „Das ist’s. Denn die Dinge, die in meinen Kopf nicht hineinwollen, sind die, welche sich von selbst verstehen und die andere gar nicht zu lernen brauchen; die Begrenzung in der Liebe, so einfache Rechenexempel z. B. wie Einen Mann zu lieben, glaubst du, ich brächte mir das bei? Entweder ist kein Mann der Liebe wert, oder ich will nicht sagen viele, aber doch eine gewisse Anzahl. Gesetzt nun, ein recht annehmbarer, ja sagen wir sogar un parti inespére, hätte ein Heim mit mir gegründet — weißt du, auf wen ich heute eifersüchtig wäre? O mit nichten auf andere Frauen, die ihn fesseln würden, sofern sie reizend wären.“

„Du weißt nicht, was du daherredest,“ unterbrach sie die Freundin.

„Bitte sehr, ich habe meinen Abnormitäten das exakte Maß genommen und ich weiß es; ich wäre nicht auf andere Frauen eifersüchtig,“ wiederholte sie, „und um so weniger, je reizender sie wären, aber auf die liebenswerten Männer wäre ich eifersüchtig, die ich indes kennen gelernt hätte, und denen ich kein unverkürztes Interesse zuwenden dürfte, weil ich doch an den einen gebunden wäre. Denn das Gebundensein, das ists! Das ist das Todesband, das uns an alle Endlichkeiten knüpft. Die Befriedigung, das Lustgefühl, niemandem zu gehören, ist aber so überbietend, daß man ebenso übermächtig daran hängen kann, wie ein anderer am Genuß. Es ist jammerschade, daß keine Vergleiche möglich sind. Ja, es frägt sich, wer mehr zurückbehält, der alle Dinge auskostet, oder dem es glückt, sich von keinem fangen zu lassen. Auf seiten des Verzichtes liegt nur leider das Odium der Moral, aber man wird bald dahinter kommen, daß er nicht Sache der Tugend ist, sondern der Liebhaberei, genau wie das Klettern, ein Sport, dem des Fliegers vergleichbar, der vom Boden losgerissen, auf der Luft dahinzieht. So ist der Wüstling für den andern, wie der andere für den Wüstling, ‚l’ingénu‘.“

Sie hatte sich während dieses Monologes weit zurückgelehnt und sah zum Abendhimmel empor.

Und was zog da unversehens, jedoch zu ihrer Rechten, am Horizonte auf? Es war der Mond, den sie zum ersten Male in seinem neuen Kreislauf gewahrte. Die halb gefüllte Scheibe noch kaum erkennbar, da es noch tagte. Mariclée war leider, wir dürfen sie nicht besser machen, eine unendlich abergläubische Person, die blindlings alles glaubte, was man ihr sagte. So hatte sie einmal gehört, und glaubte seitdem erprobt zu haben und war überzeugt, daß man den jeweiligen Mond zuerst von links erblicken müsse, um Zeit seines Verlaufes günstiger Tage gewärtigen zu dürfen.

Sie gingen wieder durch die Gärten zurück, die Sinne vom Duft der vielen Blumen benommen. Der Hauch entschlafener Rosen aber zog noch weiter, fernab der Beete, durch die still gewordene Luft bis zu den großen Rasenflächen vor dem Schlosse, und wie magisch zu den paradiesischen Bäumen hingezogen, die dort standen, und aus deren undurchdringlichem Gezweig der matte Ruf der Turteltauben unaufhörlich drang. In dieser holden Welt ragten Glenfords Mauern, rauh und unversöhnlich, die fahle Front wie in sich selbst versunken, und die schaurigen Fenster noch untröstlicher und böser, wenn sie in der Abendsonne blinkten.

Übergehen wir die folgende Nacht, und sehen wir am nächsten Nachmittag nach unserer Heldin, als sie, selbst einem flüchtigen Schatten nicht unähnlich, in die Halle glitt, und zu ihrer heftigen Bestürzung einen Brief, in der Hand des Exemplars, liegen sah. Dies konnte nur Schlimmes bedeuten, denn er schrieb nie, wenn er anders konnte, und niemals, um zu schreiben. Daß Mariclée eine große Anzahl Briefe von ihm besaß, dankte sie einzig dem Umstand, daß er sich nicht entschließen konnte, die ihrigen zu missen. Allerdings konnte es geschehen, daß er nur ein paar Sätze, wie auf einen Anlauf hin und aufs Geradewohl geschrieben, an sie gehen ließ, allein sie wußte, daß es etwas Unerhörtes für ihn war, einen Briefwechsel mit irgend jemand aufrecht zu erhalten, so daß sie sich mit solchen Notsignalen begnügte. Heute aber hatte er keinerlei Veranlassung, sie wagte kaum seinen Brief zu öffnen und zögerte, bevor sie ihn las. Und es war, wie sie befürchtete. Er hatte einen Rückfall erlitten und fragte nun, ob sie es möglich machen könnte, ihre Pläne umzugestalten, und in vierzehn Tagen in London zu sein. Bis dahin glaubte er bestimmt dort eintreffen zu können.

Mariclées erster Gedanke war ihre Wohnung. Sie stand ihr nur für den Monat August zur Verfügung, wohin würde sie ziehen?

„Mariclée! Maricleia!“ rief es draußen. Es war die Freundin, die im Wagen zu einer Ausfahrt auf sie wartete, um noch eine Plauderstunde mit ihr zu haben, denn für den Abend waren Gäste erwartet, und der morgige Vormittag kam, nicht mehr in Betracht. Mariclée eilte hinaus und stieg mit heiterer Miene zu ihr ein. Im Erleben von Enttäuschungen hatte sie schon früh eine bemerkenswerte Routine erlangt und die soeben empfundene saß zu tief, um mir nichts dir nichts emporzutreiben. Auf der Rückfahrt aber, als plötzlich ein klagender Wind über die Farren hinwehte, und ein großes Rauschen den Wald erfüllte, den sie eben hinter sich ließen und die halb gefüllte Mondesscheibe langsam über die dunstumwobenen, blauen, bläulichen, violetten Fernen aufzog, die nach dem Meer zu wallen schienen, da dachte Mariclée an das heiße, rußige London, nach dem sie nun umsonst gefahren war, zu dem sie nun umsonst zurückfuhr, an den einzigen Zweck ihrer Fahrt, deren Erfüllung sich immer mehr hinausschob, immer unsicherer zu werden drohte, sie dachte wie wenig Geld sie hatte, und daß keine Aussicht war, diese Reise nochmals zu unternehmen, falls sie fehlschlug, und mit einem Male mußte sie schnell über etwas lachen, um die allzu nahen Tränen zurückzudrängen.

Aber auch die Freundin schien nachdenklich geworden:

„Ich weiß nicht, was dich um diese Jahreszeit in London halten kann,“ sagte sie ganz unvermittelt, „und ich frage dich nicht, aber bist du dort wenigstens gut aufgehoben?“

„Ich habe mich entschlossen, gleich nach Irland zu fahren, und erst im September länger in London zu bleiben,“ erwiderte Mariclée, die erst sehr rot und dann sehr blaß geworden war. „Es ist jetzt doch zu heiß.“

„Sieh dann in mein Haus. Es ist zwar geschlossen, aber die Lage ist viel angenehmer, und man weiß doch, wo du steckst.“

„Ich danke dir sehr,“ sagte Mariclée. Sie war stumm vor Freude. Ein schönes Haus in einer schönen Umgebung. Aber davon lebte sie ja!

„Das wäre also abgemacht. Du steigst bei mir ab. Es ist mir eine Beruhigung.“

„Liebst du mich denn?“ fragte Mariclée schüchtern.

„Ich bin dir wirklich sehr ergeben,“ erwiderte die Freundin.

Sehr, spontan, doch nie sentimental, gebot sie über keinerlei Gefühlsvokabularien und ihre Gestalt — eine der schönsten ihrer Zeit —, die nie das Mittelbare eines Bildes, sondern stets, selbst in der Bewegung wie eine Statue wirkte, war das getreue Abbild ihrer Seele. Auch um diese konnte man ringsherum gehen, nirgends war sie Larve oder Wand, nirgends eingekeilt. Sie besaß sich ganz, doch ohne sich zu kennen, denn über die Form ihres Geistes war viel mehr zu sagen, wie über ihre Intellektualität, und Mariclée hatte viel von ihr gelernt. Sie entwarf jetzt drollige Schilderungen ihrer Melancholien in dem großen Mietshaus — empfand sie es doch stets als eine Befreiung, wenn sie sich selbst zum besten haben konnte — mußte aber dabei des schönen Knaben gedenken, der, einen finsteren Lift auf- und niederziehend, seine Tage dort vertrauerte. Denn er war hilfbereit und dabei flink wie ein Page zu ihr gewesen, hatte ihr beim Packen geholfen, ihre Koffer geschlossen und zugeschnallt, ihre Schlüssel gefunden und sie zur Eile gemahnt, so daß sie ohne ihn nie rechtzeitig zur Bahn gekommen wäre. Sie erzählte nun von ihm, wie leicht er sicherlich seinen Dienst in einem großen Hause erlernen würde und wie dekorativ er sei; denn sie hätte ihm gerne zu einem besseren Dasein verholfen. Die Freundin riet ihr aber, ihn erst zu verhören und dann seinen Namen der alten Haushälterin zu geben, die ihr Haus in London bestellte und ihn wohl unterzubringen wüßte.

Auch Mariclées letzte Nacht möchte der kluge Leser sicher lieber übergehen. Er setzt voraus, daß sie die Lichter doch wiederum nicht löschte. Dennoch müssen wir ihr noch einmal auf ihr Zimmer folgen.

Ihre Nachtwache eröffnete sie diesmal damit, daß sie den Brief des Exemplars beantwortete, aber statt ihm gelassen, wie er sie fragte, zu erwidern, artete ihr Brief in eine wilde, unordentliche Epistel aus.

„Ich bin der lebende Monat März,“ brach sie sehr unnötigerweise aus. „Immer Knospen haltend, die mir verkümmern, gleich immer einen neuen Büschel, kaum daß mir der eine in der Hand verwelkte. Ach, ich bin es müde. Ja, ich werde in London sein. Ich habe ja nur mir selbst Vorwürfe zu machen, ich weiß es wohl,“ fuhr sie fort, „und meine Klagen sollten nur Ihrer Krankheit gelten, von der ich so wenig weiß, und auf die ich nie eingehe, weil Sie mir nie davon sprechen.“ Aber dann schrieb sie ihm: „Sie wissen, wie sehr ich es hasse, mich in einem Zimmer wiederzufinden, das ich schon einmal bewohnte, weil es mir wie ein Spiegel ist, in dem ich mich wohl oder übel selber konfrontieren muß. Ich war mir selbst hier auf der Lauer, und dabei erschien mir das Wesen, das ich damals war, zarter, feiner, durchsichtiger und edler, als das Wesen, das ich heute bin. Denn ich habe zwar die alten Ängste wiedergefunden, von denen ich Ihnen erzählte, und über die wir uns oft zusammen unterhielten, doch ohne ihr Gefühl. Denn ich liebte, ja ich liebte jene Grauen, und wenn auch nicht der Mut, so lebte doch in mir der Wunsch, ein leidenschaftliches Begehren, mich ihnen anheimzustellen; ich empfand, welche Schmach es sei, sich vor dem zu fürchten, was man selbst über Nacht zu werden bestimmt ist, aber ich bin stumpf und tot für sie geworden, die ich ihnen doch indes um viele Tage näher gerückt, und näher bin dem Tage, der mich zu ihnen gesellen wird. Ach! warum,“ brach sie wieder ab, „sind Sie immer krank!“

Und obwohl sie wußte, daß er einen so fassungslosen Brief nur mißbilligen würde, und wie wenig er angezeigt war, schrieb sie dennoch dahin. Denn die Nächte in diesem Zimmer hatten ihr recht zugesetzt und sie war nicht mehr auf ihrer Höhe.

Als von dem leeren Gange draußen zwölf Glockenschläge erdröhnten, warf sie die Feder hin und erhob sich. Nur noch einige Stunden, dann war es Morgen. Und plötzlich warf sie sich vor ihrem Bette längs der maskierten Türe hin, rang die Hände und eine Flut von Tränen entströmte ihren Augen. Und sie tat den Schwur, falls sie ein drittes Mal in dieses Haus einkehren würde, jenem Schatten, der, wie sie zu fühlen glaubte, nur auf eine Möglichkeit lauerte, auf sie loszustürzen, mit dem alten Mitgefühl, ja wie mit bräutlich geöffneten Armen zu stehen, und wenn es etwas wie eine Hilfe gab, etwas wie diese Hilfe zu sein. Nur heute flehte sie gleichsam zu ihm selbst. Nur heute kann ich es nicht, denn sieh! mein Geist ist solchen Dingen zu sehr abgewandt, und zu sehr auf ein Leben gerichtet, das, immerwährend gefährdet, alle Spannung meiner Seelenkräfte erheischt und „heute ist nicht meine Stunde“.

Mariclée hatte eine Art, sich den „Dingen“ gegenüber engagiert zu fühlen, und einsehen gelernt, daß in ihr das Leben nicht wohl eingedämmt war, sondern an irgendeiner schadhaften oder eingerissenen Stelle immerwährenden Einlaß für jede Strömung beließ, und sie hatte entdeckt, daß es viel weniger warm in ihr pulsierte als ihr Herz. Ob auf Grund eines Defektes oder einer Qualität, hätte sie nicht zu sagen gewußt, aber sie wußte, daß sie das Leben auf eine etwas geisterhafte Weise vergötterte, und sie glaubte den okkulten Dingen, welche sie doch scheute, sich nicht entziehen zu dürfen, infolge der Schatten, von welchen sie selbst wie befleckt war.

In dieser Nacht kam sie auf einen Gedanken zurück, der uns noch zu sagen bleibt. Sie hatte einige Bücher vom Fach genommen, sie mit ihrer Schreibmappe und ihrer Nähschachtel aufs Bett gebracht, und sich häuslich darauf niedergelassen. Dies war bei ihr nichts Sonderliches. Ein Bett, das von ihr bezogen wurde, gewann sehr leicht den Anstrich eines Wohnzimmers, die Bücher lagen wie auf einem Tische darauf verstreut, und man konnte sich zwar denken, daß hier jemand schlief, sofern er einiges beiseite rückte, doch nur so nebenbei. Heute aber wollte ihr kein einziges zusagen, und sie fühlte sich außerstande, zu lesen, die Geschichte des toten Hundes und Chandieus Geständnis fanden mit einem Mal eine Resonanz und einen Nachdruck, die sie ganz erfüllten. Sie sah den armen, irr gewordenen Hund entsetzten Auges auf die Türe starren, schäumen und sich sträuben. Doch was ihr am lebhaftesten dabei vorschwebte, war die Fülle, das köstliche, begehrenswerte Element, das in seinem aufgescheuchten Blute, und seinem lodernden Blick den kurzen, aber alles überbietenden Triumph beging. Er war längst tot, dieser lebenbehauptende Hund, viel toter als das neidisch lechzende Gespenst, dessen Welt ihm so ewig fremd bedünkte. — Denn in der Tat: wie sänftiglich war der Gedanke an den zu Staub zerfallenen Hund, und wie erweiterte sich die Kluft zwischen Mensch und Tier im Tode, der sie doch gleicherweise schlug. „Tod, wo ist dein Stachel?“ schlug da, grell wie eine Flamme, der Sinn jener versteckten Frage in ihr auf. Sie griff zur Bibel, zu müde, sie zu halten, entfiel sie ihr. Doch ihr Geist trieb jetzt, wie von Fittichen getragen, heimischen Bereichen wieder zu. Wenn sie dem Leben gegenüber stets etwas wie im Nachteil sich befand, so durfte sie dafür so stille Buchten des Gedankens in sich bergen, daß sie, die so kümmerlich Umfriedete, stets die Gesicherte und Gerettete war.

Ihre Fühlung zum Christentum hatte zwar viele Wandlungen erfahren, und ließ nie ab, sich umzugestalten und zu verschieben. Für nichts war ihr Auge so hart und so geschärft, wie für die Scheidungen, die hier zwischen Kern und Schale vorzunehmen waren. Ja in ihrem Hang ihn immer reiner zu schälen, konnte sie sich gar nicht genug tun, und immer weitergehend hatte sie auch längst die Frömmigkeit von ihm gesondert, die, ihrer Meinung nach, dem Christentum so wenig inhärierte, wie etwa die Sentimentalität dem Gefühl. Sie galt ihr nur wertvoll als der Moment, dem die mittelalterliche Gotik das verdiente ewige Relief verlieh, aber wie diese zugleich nur eine Phase, und als solche weder festzuhalten, noch wieder zu beleben. Auf ihrer Bahn immer weitergehend, oder besser gesagt, sich immer mehr entfernend, glich ihr Rückzug letzten Endes einer Flucht, auf der sie immer mehr preiszugeben und immer weniger zu retten fand. So erreichte sie glücklich ein Gestade, zu dem auch nicht ein Echo mehr von all den verkehrten Zeitläuften herüberdrang, denen eine zu erhabene Idee naturgemäß zum Opfer fallen mußte; und so war ihr wachsender Indifferentismus nicht der Skepsis, sondern dem Glauben entsprungen. Von übermächtigen Aversionen angetrieben, hatte sie indes vielfach unbewußt und doch mit allen Mitteln unablässig um die Mysterien gerungen, die hinter schwerfälligen Riesendogmen weit versteckt und entzogen sind, bis sie sich einen Christus „herausschälte“, der den meisten sicherlich profan erschienen wäre, ihr aber ein letztes, absolutes Genügen, ein restloses Entzücken gewährte. Denn dieses, schien ihr, wäre ein schlechtes Erlösungswerk, das nicht im Prinzip die endliche Verjährung in sich trüge, und dies wäre ein trauriger Christus, bei dem von dem Gekreuzigten nie abzusehen wäre . . . . Nicht eher, schien ihr, würden die Zeiten sich erfüllen können, als bis dies langsame Geschlecht die zwei Gesichter eines Gottes anerkannte, der infolge seiner Mission sich zwar auch den Einfältigen und Toren und dem gemeinen Volke zuzukehren hatte, aber, wie alle Götter, als ein aristokratischer Gott sein wahres Antlitz nur den adeligsten Geistern entschleierte. Dies aber war sein Überwinderantlitz, das des Grabessprengers, der die entschwundene Antike aus der Versenkung heben und sie von dem Fluch einer vorweg genommenen, daher vergebens vindizierten Lebensfreude erlösen würde. Durch ihn führte ein Pfad zu dem gelobten Land der Griechen und den verbannten Göttern zurück. — Auf ihren Katholizismus, der ihr von anderen Katholiken gern bestritten wurde, tat sie sich nämlich viel zugute. Sie hielt ihn für viel würdiger als den der anderen, die, ohne zu denken, sich bescheiden wollten, während sie den Gedanken, der ihn trug, so stark gefunden hatte, daß sie ihn, wie ein großes Kauffahrteischiff, mit allem befrachtete, was die Welt an geistigen Werten enthielt, und ihm außer den neun Musen con allegria den ganzen Olymp, außerdem die heterogensten Passagiere aufzuladen verstand. Infolge ihrer hohen Meinung von der Tragfähigkeit jenes Gedankens war sie von einem geradezu uferlosen Liberalismus, aber auch eine ganz grimmige Anti-Klerikalistin, und Mönchen und Pfarrern begegnete sie auf der Straße gar nicht gern; wo sie mit einem zusammentraf, was selten genug vorkam, da sie es wohl zu vermeiden wußte, fand sie nach ein paar Worten meist Grund, das Gespräch wieder abzubrechen. Dagegen hatte sie in Rom einen französischen Monseigneur kennen gelernt, einen illustren Gelehrten von europäischem Rufe, der seine Religiosität hinter einer Maske von vollendeter Ironie verbarg, die alle Frömmler erbitterte. Und dabei lavierte er so geschickt, daß die Leuchte seines Ruhms einer Partei erhalten blieb, die immer Miene machte, ihn auszuweisen, und er einen Bau, der nirgends mehr zusammenhielt, und statt niedergerissen und neu errichtet zu werden, nur ein Dach auf seine Schäden setzte, zu schilden fortfuhr, weil er die ewigen Fundamente dieser geborstenen Mauern sondiert hatte.

Achtes Kapitel

Mariclée stand reisefertig auf dem Perron. Der allgemeine Aufbruch hatte zu einer kleinen Komplikation geführt, und da die alte Dame mit ihrer Tochter zu dem Landsitz eines ihrer anderen Kinder per Auto gebracht werden sollte, und das andere nach Schottland benötigt war, fuhr Mariclée mit ihr, um dann an einem nördlicheren Punkt ihren Zug nach London einzuholen. Was ihre Fahrplankenntnisse anging, hatte sie noch ein Mißtrauensvotum in Gestalt eines Zettels mitbekommen, auf dem die Zweigstationen, an welchen sie umsteigen mußte, mit allen nötigen Zeitangaben genau aufgeschrieben standen. Doch wollte dies der alten Dame nicht genügen, und sie gab ihr unterwegs die Absicht kund, nicht eher weiterzufahren, als bis sie sie wohlverwahrt in ihrem Kupee gesehen und dem Stationsmeister anempfohlen habe, eine Idee, die nicht angetan war, ihrem Schützling zuzusagen. Mariclée zeigte sich förmlich entrüstet über den Gedanken, drohte sofort auszusteigen, wenn die Greisin sich ihretwegen einer solchen Mühe unterziehen wollte, bat und beschwor sie, davon abzusehen, erreichte aber nur ein freundliches Nicken dieses ehrwürdigen und naiven Kopfes und die Versicherung, es sei ihr nur eine Freude, ihr bis zuletzt das Geleite zu geben, und die Tochter, als die gute Seele, die sie war, echote: es sei nur eine Freude. Da sah Mariclée zum Fenster hinaus und sandte einen mutlosen Blick zum Himmel empor. Er nur wußte: sie mußte jetzt sparen, sparen. Es gehörte zu den sonstigen Unzuständigkeiten des armen Kindes, daß sie stets nur auf das Geld rechnen konnte, das sie gerade besaß. Ging es ihr aus, so mußte sie unerbittlich den Rückzug antreten, und wenn zehn Exemplare tags darauf herbeieilen würden. Nun hatte sie eine ganz hübsche Summe zusammengerafft, die für einige Wochen ausreichend war, aber sie wußte jetzt gar nicht mehr, wie lang ihre Reise sich ausdehnen würde und mußte für Unvorhergesehenes gewappnet sein. Sie ließ jetzt einen letzten Drachen steigen, zwar nicht besonders hoch, denn es war zu aussichtslos, aber mit einem geographischen Interesse, das man sonst nicht an ihr gewohnt war, fragte sie nach der Eisenbahnlinie, zu der sie jetzt fuhren, und wie sie sich zu derjenigen verhielte, auf der sie gekommen war, und dann eine Terz tiefer und etwas mehr Fortepiano, aber mit derselben rein sachlichen Neugier: „Könnte man da eigentlich dritter Klasse fahren?“

Die Mutter hatte ihre Erkundigungen überhört, aber das „o nein!“ der Tochter war mit solcher Überzeugung gesagt, daß Mariclée ihre Frage lieber nicht wiederholte.

„Ich muß, glaube ich, dreimal umsteigen,“ bemerkte sie, nur um etwas zu sagen. Aber das war wiederum Wasser auf eine andere Mühle.

„Sie brauchen sich gar nicht darum zu kümmern,“ sagte die alte Dame, „der Stationschef ist mir bekannt, ich werde mit ihm reden, und er wird Order geben, daß der Schaffner Sie bei jedem Wagenwechsel benachrichtigt.“

„Aber ich bin doch kein Kind!“ rief Mariclée ganz verzweifelt. „Sehen Sie, es steht alles auf meinem Zettel! O ich bitte Sie, bleiben Sie im Wagen, Sie haben noch eine lange Fahrt vor sich. Sie müssen sich schonen! Ich kann nicht dulden . . . .!“

Es war alles in den Wind, und sie gab es auf. Aber am Perron, schnell den Augenblick wahrnehmend, floh sie, wehenden Mantels, zum Schalter, konnte aber nicht so schnell ankommen, denn es war Samstag und infolgedessen der Andrang ziemlich stark. Endlich hatte sie ihr Billet (ein Billet erster Klasse bis zur nächsten Zweigstation), und kehrte zu ihrer stattlichen Suite zurück, bestehend aus den beiden Damen, dem Chauffeur und einem Diener in weißer Livree, und man mußte wohl auch den Schaffner hinzuzählen, der sich zu der Gruppe gesellt und dem man sie schon anempfohlen hatte. Zwar waren sie alle im Begriff gewesen, sich zu zerstreuen, und auf die Suche nach ihr zu gehen.

„Gottlob, da ist sie,“ rief die Tochter.

„Ah! da sind Sie!“ rief die Mutter, „warum entwischten Sie uns. Wir hatten Sie ganz verloren! Wo steckten Sie denn?“

„Ich habe nur schnell mein Billet geholt,“ sagte Mariclée, und weil auch für den geringsten der Tage, ein ausgeworfener Würfel steht, drehte sie sich jetzt selber den Strick.

„Ich bin wirklich sehr gescheit gewesen,“ gestand sie mit einer kindlich neckischen und noch dazu recht falschen Vertrauensseligkeit, „da ich immer alles verliere, nahm ich mein Billet nur bis zur Station, an der ich umsteigen muß,“ (mein Gott, warum erzähle ich das? dachte sie) und fügte im schwankenden Tone hinzu, „denn ich verliere es doch und so verliere ich es nicht.“

Diese ebenso unnötige wie stupide Mitteilung fand die verdiente Wirkung:

„Aber mein bestes Kind, was für ein Gedanke! das ist ja ganz verfehlt! Sie können doch nicht dreimal unterwegs an den Schalter laufen, um eine neue Karte zu lösen, Sie riskieren ja Ihren Anschluß zu verfehlen. Geben Sie her!“

Und schon war sie ihr entwunden und dem Schaffner überreicht, um schleunigst umgetauscht zu werden. Er kam gleich wieder zurück, denn es war jetzt höchste Zeit und der Schalter schon leer.

„Sie schieben das Billet in Ihren Handschuh, so können Sie es nicht verlieren,“ mahnte die Alte.

„O da ist keine Gefahr,“ erwiderte Mariclée, sich selber vergessend „was schulde ich Ihnen?“ fragte sie den Schaffner mit gottergebener Miene. Dann umarmte sie die Damen, dankte ihnen und stieg ein. Im letzten Augenblick lief noch eine ladysmaid mit einem Kistchen Pfirsichen herzu, öffnete eilig den Schlag und stellte es in ihr Kupee. Die Freundin hatte ihre Vorliebe für diese Frucht wahrgenommen, und es für sie verpacken und in den Wagen bringen lassen, woselbst Mariclée es dann vergaß. Nun aber war nicht mehr zu spaßen. Ihre Türe wurde hastig zugeworfen und der Zug setzte sich in Bewegung. „Schluß!“ dachte Mariclée und fiel auf die Polster zurück.

Sie erwog jetzt, ob es nicht ratsamer wäre vor ihrer Londoner Wohnung, in die sie doch nicht mehr zurückkehren würde, nur vorzufahren, ihre Koffer aufzunehmen, und noch gleichen Abends nach Irland weiter zu fahren, vollzog einen Kassensturz, und saß ganz in Gedanken, als der Schaffner mit respektvoller Miene bei ihr eintrat, um ihr den ersten bevorstehenden Wagenwechsel zu verkünden. Er teilte ihr gewissenhaft mit, was auf ihrem Zettel stand und was sie schon wußte, trug ihre Sachen in ein anderes Kupee und blickte von Zeit zu Zeit, wie zu einer Gefangenen, zu ihr hinein, als wollte er sich überzeugen, daß seine hohe Schutzbefohlene noch am Leben sei. Er gestattete ihr auch keinerlei Gefährten und hielt sie scheinbar für zu vornehm, um mit anderen Reisenden in Kontakt zu treten. Als er sie dann zum zweiten Male in einem leeren Wagen installiert hatte, trat er mit einer Verbeugung vor und meldete, daß er selbst zwar nicht mehr weiterführe, statt seiner jedoch sein Kamerad Sorge für sie tragen würde.

Mariclée hatte zu viel Humor, um ihm nicht den Lohn einzuhändigen, den er von einer so hochgestellten Persönlichkeit erwarten durfte, und verabschiedete ihn mit einem herablassenden Kopfnicken. Kaum war er abgetreten, als schon die neue Wache aufzog, und zwei interessant aussehende und sehr typische englische Herren, die bei ihr einsteigen wollten, zurückhielt. Mariclée war sehr enttäuscht: es hätte ihr solche Kurzweil bereitet, sie im stillen zu beobachten und zu studieren. Sie war stets voll Interesse für Menschen, die sie nicht zu kennen brauchte, betrachtete sie mit reger Anteilnahme für ihre Schicksale und ihr Sein, ohne doch je durch eine Miene ihre Spannung zu verraten, und so ganz Publikum verbleibend, daß die von ihr also Dramatisierten wie Bühne und Zuschauerraum distanziert blieben. Es ging ihr mit den Menschen wie mit den Bergen, deren Umrisse in der Ferne oft so viel verlockender sind, und die man so mysteriös ausmalen kann, solang man ihren räumlichen Weitschweifigkeiten und ihren rauhen Furchen nicht zu Leibe rückt. Allein ihre neue Wache nahm es nicht minder genau wie die vorige, und hielt sie streng isoliert. Sie mußte an den Kaiser von Österreich denken, von dem sie gehört hatte, daß ihm die Briefe nie zukamen, die ihm geschrieben wurden, und endlich verkürzte ihr der Schlaf ihre teure und langweilige Fahrt.

Neuntes Kapitel

Ruß und Hitze lasteten noch schwerer auf London als vor einer Woche. Der Hansom, den Mariclée an der Bahn genommen hatte, stand schon stille und noch immer war sie unschlüssig, was sie tun würde, stieg aus, ließ den Wagen warten, und trat ins Haus. Ein Brief vom Botschaftsrat stellte ihr den ersehnten Einlaß ins Parlament für nächsten Montag in Aussicht und da solche Vergünstigungen in Anbetracht der Suffragetten mit jedem Tage seltener wurden, gab er ihr den Rat, die Gelegenheit nicht unbenützt zu lassen, um so mehr als die nächste Sitzung sehr stürmisch zu werden versprach; er schlug ihr, der Zeitersparnis halber vor, selbst um Mittag auf die Botschaft zu kommen (sie brauchte nur quer durch den Park zu gehen), bis dahin würde ihre Karte ausgefertigt sein, sie könnten zusammen essen, ein Museum besuchen und von dort aus, er in seine Kanzlei, und sie nach dem Parlament fahren; alles so recht nach seiner Art, ganz programmäßig eingerichtet. Mariclée entschloß sich zu bleiben und zog hinauf. Sie fand ihr Zimmer in bester Ordnung und bestellte sich Tee, teils weil sie einen zu nehmen wünschte, teils um eine etwas anheimelndere Atmosphäre zu schaffen. Aber kaum hatte sie sich eine Tasse eingeschenkt, als wieder ein Pfiff die Stille unterbrach und ein telephonischer Fernruf an sie erging. Sie stürzte hinaus, verlangte den Lift, und da er nicht gleich in die Höhe zog, ließ sie sich nicht Zeit, auf ihn zu warten, sondern fing an die steile Treppe, die sonst nur die Leute benutzten, hinunterzulaufen, ohne zu bedenken, wieviel schneller sie doch der Lift, auch wenn er sich einen Augenblick verspätete, die vier Stockwerke hinunter brächte. Schon war er auf ihr Geheiß hinaufgeschnellt und schwirrte pfeilschnell wieder hinab, indes sie ihre Stufen dahinstürmte, und doch nicht vorwärts zu kommen glaubte. Es war wie in einem Traum: immer eine neue steinerne Windung vor sich, die Treppe, die nie ein Ende nahm, und ihre Ungeduld — denn sie wußte: nur Einer konnte auf den Gedanken gekommen sein, nach ihr zu rufen, nur Einer wußte von ihrer heutigen Rückkehr.

Das Telephon war in der Halle, ohne Deckung, nahe am Eingang und höchst unpraktisch angebracht. Es standen Leute herum, und von draußen tönte aller Straßenlärm herein. Mariclée nahm das Rohr und nannte, ein wenig atemlos, ihren Namen. Eine fremde Stimme bat sie einen Augenblick zu warten und dann klang seine Stimme zu ihr hin. Seine Stimme! Diese Stimme, deren Klang fast aus der Welt verklungen, verhallt und fast vergessen, sie nun wieder bis ins Mark durchdrang; ihre Bänder waren nicht zerrissen, fest zusammengefügt zu jenem verwöhnten, melodiösen Organ, vor dem ihr jetzt schwindelte, und das tausend Erinnerungen in ihr wachrief, als läge sie im Sterben! Ach, wie hätte Mariclée da auch vernommen, was er zu ihr sagte?

„Ich verstehe Sie nicht!“ rief sie angstvoll in die Tube. Und jener gemeinsame Bekannte fiel ihr ein, der sie gefragt hatte:

„Ist er schon tot?“

Ha! nichts von Tod, nichts für ihn von solcher Schmach! Er war nicht gestorben. Dies war seine Stimme! O wie sie lebte!

„Ich verstehe Sie nicht!“ rief sie von neuem.

Mochte sie immer ferne dieser ihrer Heimat, in der ihr Herz gleichsam wie angekommen in sich selber rasten durfte, mochte sie trauernden Fußes immer ferne von ihr irren, — wenn dieser Mann nur lebte! — Wenn die Schale, in der die Elemente seines Wesens wie zu einer Götterspende, köstlich gemischt zusammenflossen, nur nicht zerbrach, wenn er nur lebte!

„Ach, ich kann Sie nicht verstehen!“ rief sie und vernahm jetzt deutlich, wie er sagte:

„Es ist umsonst!“

Und statt schnell zu rufen: Ich höre Sie jetzt, schwieg sie, denn ihr Hirn war wie ausgelöscht. Sie lauschte, doch er war verstummt; da hing sie das Rohr wieder ein, wandte sich ab und zog wieder in ihre Wohnung hinauf. Noch lag Sonne über dem grasigen Hofe, vor ihrem Fenster, und die Kirche, deren rauhe, ungefeilte Gotik auch die Jahrhunderte nicht glätten und verfeinern konnte, tat ihr in der Seele weh. Vorm Kamin stand noch das Tischchen mit dem Teegeschirr, allein beim Anblick der gefüllten Tasse durchschauerte sie Ekel, und sie blieb am Fenster und starrte in das Tageslicht, von Bitterkeit gesättigt.

Zehntes Kapitel

Mariclée verbrachte ihren Sonntag, in Anbetracht des Montag, so gut es ging, und nährte sich von Pfirsichen. Auf diese Weise gedachte sie die überschrittene Bilanz des vorhergehenden Tages ein wenig auszugleichen; zum Frühstück Pfirsiche, mittags Pfirsiche und abends Pfirsiche; das Kistchen mußte schon dran glauben. So brauchte sie es auch nicht noch einmal mitzunehmen. Wie ökonomisch von ihr!

Pünktlich und zu gleicher Zeit, wie viele Abgeordnete, fand sie sich Tags darauf vor den Toren des Parlamentes ein. Diese waren sämtlich von frierenden, geduldig dreinschauenden und überall von Schutzmännern bewachten Suffragetten umlagert, die, mit ihren Vereinsbändern umgetan, den Vorübergehenden Zettel und Traktate entgegenstreckten. Mit Mariclée waren sie besonders dringlich; sie wagte aber nichts anzunehmen, aus Angst sich zu kompromittieren, zudem sie, als einzige Dame, ein gewisses Aufsehen zu erregen schien, und nicht rechts noch links sehend, verleugnete sie mit dem Mut der Feigheit die ganze Gesellschaft. So drang sie, den Abgeordneten auf dem Fuße folgend, von einem Gitter zum anderen, bis zu einer inneren Halle vor, in der alsbald ein Wächter auf sie zukam, und ihr den Einlaß verwehrte. Mariclée hielt ihm gelassen ihre von der deutschen Botschaft ausgestellte Karte entgegen. Er aber schüttelte nur den Kopf.

„Wir müssen uns nach der neuesten Verordnung richten,“ sagte er, „die Suffragetten sind schuld daran.“

„Aber ich bin doch keine Suffragette, ich bin eine Fremde; Sie haben meine Karte nicht gut angesehen.“

Er bedauerte, zuckte die Achseln, allein er wankte nicht. Sie bestand auf ihrem Recht und er auf seinem Verbot. Sie zeigte sich hartnäckig, dann unangenehm, dann unsanft, und schließlich riß ihm die Geduld und er rief: Was rief dieser Mann? Er rief. O Leser, ich muß es im Text wiedergeben.

„But Madam,“ rief er, „I would only be too happy if I could oblige you.“

Man denke! — sie kam von München, der Stadt der hohen künstlerischen Initiativen, zwar auch der lauten Schwadroneure, doch zugleich der stillen, seltenen Größen, dieser reizenden Stadt, die in mancher Hinsicht allen anderen den Rang abläuft, und es in der Tat verdienen würde, als heutiges Athen gepriesen zu werden, wäre sie nicht die Stadt unausgeglichenster Kultur, in der sich Gebildete von Schutzmännern wie Rekruten von einem ungeschlachten Feldwebel angefahren sehen und allgemein gesprochen, die Stellung der „Dame“ jeder Tradition entbehrt.

Mariclée starrte dem zivilisierten Wächter ins Gesicht und machte ohne ein Wort zu sagen kehrt. Es war ja nicht eben angenehm, einen Rückzug durch all die Gitter anzutreten, vor welchen so viel Neugierige Posten standen, und ihren Einzug beobachtet und kommentiert hatten. Sie wunderte sich sehr, niemand kichern zu hören, besonders als sie jetzt eine Flugschrift, die ihr eine Suffragette darbot, höflich dankend, in ihre Tasche schob.

Zwei Monate sind schnell dahin und dennoch viel zu ausgedehnt für ein extenso. Die kostbare Zeit ist das große Wertlose an sich, daher der nichtige Klang des Wortes „Tagebuch“.

Es kann nur wenig interessieren, was Mariclée nach ihrem Ausweis aus dem Parlament mit ihrem letzten Londoner Abend anfing. Im Vertrauen gesagt, da ihr noch Pfirsiche blieben (es war dies ihre Art zu rechnen) fuhr sie in ein Theater, und ihr Staunen über das niedrige Niveau des Stückes war ebenso groß wie über die wundervollen Gestalten der Spieler, und sie mußte sich sagen, daß man in Deutschland ebensowenig ein derartig albernes Werk ertrüge, als man solche Gestalten über die Bühne ziehen sah.

Ohne den schönen Liftjungen wäre sie auch am nächsten Morgen nie rechtzeitig zur Bahn gekommen. Er hatte sich wieder, auf seine schüchterne Art, ganz zu ihren Diensten gestellt, sich um alles gekümmert, wie ein Page sich um sie bemüht, bis er sie dann im Lift zum letzten Male hinunterzog. Und nun starrte sie ihm mit ihren oft so leblosen Augen, die doch alles in sich aufnahmen, ins Gesicht und sagte:

„Kann ich etwas für Sie tun?“

Und er erwiderte: „Ich bin unglücklich in diesem Hause.“

Da ließ sie ihn Namen und Adresse aufschreiben und steckte den Zettel zu sich. Dann durchschritt sie die Halle und verließ dieses Haus, für sie mit einem grasigen Hofe und der freudlosen rohen Gotik eines mittelalterlichen Kirchleins auf immer assoziiert.

Es war eine schlecht gezimmerte Barke, die Mariclée zur irischen Küste hinübertrug. An Deck befand sich ein wunderschönes Mädchen mit einem jungen Mann, die sich große Mühe gaben, nicht verliebt drein zu sehen, und in deren Anblick sie sich sofort, wie in ein Bilderbuch, vertiefte. Nach einer Weile befiel sie jedoch ein bedenkliches Würgen und sie floh nach dem Damensalon, fühlte sich dort besser, streckte sich aber vorsichtshalber auf einem Diwan aus, schloß die Augen und verhielt sich ganz ruhig. So bemerkte sie nicht, daß ihr eine Stewardin gefolgt war, die Handtücher und eine Wasserflasche in den Waschraum brachte und sich dann wieder zurückzog. Erst als die Türe plötzlich aufgerissen wurde, fuhr sie aus einer Art Halbschlaf empor und sah das wunderschöne Mädchen, mit bleichen, verzerrten Zügen (einer Miene, mit der sie in einem fünften Akt Furore gemacht hätte) herein und geraden Wegs in den Waschraum stürzen, wo sie sich einer ganz formidablen Seekrankheit überließ. Sie stöhnte und jammerte und als sie wieder zum Vorschein kam, war ihr Hut ganz verschoben und ihr Haar sehr aufgelöst.

Mariclée bemerkte jetzt, wie völlig unausgerüstet sie war, erhob sich sofort, goß Kölnisches Wasser in ein Glas und stellte ihr Reisenecessäre zur Verfügung. Das Fräulein Wunderschön erzählte ihr nun, sie habe schon so oft diese Fahrt unternommen, ohne je im Leben seekrank zu werden. Übrigens erholte sie sich sehr bald, brachte ihr reizendes Haar in Ordnung, band mit großem Geschick einen höchst kleidsamen Schleier vor, beguckte sich von allen Seiten in Mariclées doppeltem Spiegel, und eilte dann, schnell wie sie gekommen, wieder davon. Mariclée fühlte sich recht elend und legte sich wieder hin. Zu müde, um zu lesen, und nicht mehr imstande zu schlafen, starrte sie zu einer runden Luke empor, durch die man das blaue, aber heftig bewegte Meer seine Wogen treiben sah, und ebenso elementar und unaufhaltsam trieb da in ihr eine Woge von Melancholie die andere. Sie dachte an das Exemplar, wie um an einer Planke sich daran festzuhalten, jedoch umsonst. Er war zu fern, zu unerreichbar, eine zu lange Zeit hatte zwischen ihnen schon geflutet. Schwermut schwoll zu etwas Mächtigerem an, als ihr Gefühl und riß sie noch weiter von ihm weg. Und sie preßte ihre heißen Hände auf ihr verdunkeltes Gesicht und überließ sich dem Unwetter, das in ihr raste. O sterben zu können, ächzte sie, verlöschen zu dürfen. Es löste nur der Anblick des treibenden Meeres durch die runde Luke solche Leidenschaft in ihr aus, aber sie wußte es nicht.

Und indessen fuhr das Schiff, um ihren Weltschmerz unbekümmert, zur irischen Küste hin. Schon machte sich jene Unruhe fühlbar, die einer Landung vorangeht; Mariclée eilte auf den Vorplatz und spähte nach einem Träger, als die Stewardin auf sie zukam, und sie mahnte, es sei gebräuchlich, für Benützung der Handtücher etwas zu entrichten. „Ich brauchte ja keines,“ sagte Mariclée und wollte vorüber. Aber sie hatte es mit einer cholerischen Person zu tun, die sofort die Hände über dem Kopf zusammenschlug.

„O!“ rief sie, „das ist nicht recht.“

„Es war eine andere Dame da,“ sagte Mariclée ungeduldig, wurde aber zugleich entsetzlich rot, verlor die Contenance und fügte hinzu:

„Was kosten denn die Handtücher?“

„Ich stehe hier Posten und habe keine andere Dame nicht gesehen,“ dröhnte die andere. Sie hatte durch ihren exaltierten Ton sofort Aufmerksamkeit erregt, so daß sich Neugierige sammelten, die auf die Landung wartend, nichts Besseres zu tun hatten, als hier aufzupassen; und sie gehörte wohl irgendeiner Predigersekte an, denn, durch das Publikum stimuliert, wollte sie jetzt vor Jehova ihr Recht austragen, und stimmte mit wirklichem Talent ein regelrechtes Exordium an:

„Es ist nicht um des Geldes und es ist nicht um der Tücher willen, aber ich habe keine andere Dame nicht gesehen.“ Sie sagte es wie einen frommen Vers herunter, und Mariclée stand jetzt einfach auf dem Pranger. Die Umstehenden, schien ihr, konnten keinerlei Sympathien für sie hegen, denn sie sah aus wie der Typ der überführten Lügnerin und war rot wie eine Gartenerdbeere. Was wollte sie mit einem solchen Gesicht lange sagen? Je weniger Worte je besser. „Wieviel macht es?“ fragte sie nochmals. Aber so schön hatte es die Alte nicht jeden Tag, und sie nahm die Gelegenheit wahr. „Wahrlich, wahrlich,“ hub sie mit lauter Stimme an, „ich bin arm und geprüft, aber es ist nicht um der Tücher willen.“ Und es klang, als sagte sie: „Lügenhafte Lippen sind dem Herrn ein Greuel.“

O, ich darf nicht mehr allein reisen, dachte Mariclée, ich bin zu absolut hilflos. Und sie zog ihre Börse wie einen Degen; dabei entsann sie sich, daß sie vergessen hatte, zu wechseln und nur mehr Gold besaß. „Wechseln Sie mir,“ sagte sie. Die Landungsbrücke war jetzt gelegt worden; dies interessierte die Umstehenden mehr und schweigend, wie sie sich versammelt hatten, entfernten sie sich. Alsbald verstummte die Stewardin, sie kramte jetzt ganz demütig in einer schmierigen Tasche herum und zog endlich einen Schilling hervor. Mariclée war nun kreideweiß vor Erschöpfung und Zorn. „Schnell,“ sagte sie, „wechseln Sie sofort.“ Die gottesfürchtige Alte lief mit dem Pfunde die Treppe hinab. Mariclée wartete auf ihre Rückkehr, das Schiff leerte sich rasch, und sie stand bald allein. „Der Zug wird gleich abfahren, wir haben Verspätung,“ sagte ein Matrose.

„Ich warte auf die Stewardin.“

„Sie haben kaum Zeit,“ bedeutete er.

„Hier ist meine Tasche, ich komme gleich nach,“ sagte sie, und lief die Treppe hinab. Aber da war nirgends eine Stewardin zu sehen.

„Es sei höchste Zeit,“ erfuhr sie nur. Da verlor sie den Kopf und rannte, ohne ein Wort zu sagen, wieder hinauf, denn der Matrose, der ihre Tasche trug, machte ihr von weitem immerzu Signale und den Zug wollte sie nicht verfehlen. „Ich darf nicht zur Plattform, ich habe Dienst,“ erklärte er.

Da nahm sie ihre Tasche und schleppte sie selbst.

Elftes Kapitel

Der Zug stand vor ihr, sie hatte nur ein paar Schritte zu gehen und weil sie voll Schmerz über ihren eingebüßten Dukaten war und überhaupt nichts mit der Menschheit mehr zu tun haben wollte, machte sie am äußersten Ende ein leeres Kupee ausfindig, hob mit einiger Mühe dort ihre Tasche hinein, und wollte eben selbst einsteigen, als sie ganz erbärmlich ausglitt. Sie wußte nicht, daß in Irland die Stufen zu den Eisenbahnwagen tiefer, statt höher, als der Boden gesetzt sind, und nun war sie so unglücklich gestürzt, ihr Fuß so böse zwischen die Stufe und die Versenkung geraten, daß sie sich weder rühren, noch ihn hervorziehen konnte. Er lag wie in einer Falle, und buchstäblich auf die Folter gespannt, sobald sie sich bewegte. Alles lief geschäftig hin und her, doch wie meilenweit von ihr entfernt, und ohne ihrer zu achten. Sie wagte einen verzweifelten Ruck, da glitt ihr Vorderfuß nur noch tiefer hinab. O Gott! dachte sie voll Entsetzen, noch einen Augenblick und er bricht. Es war aus. Das Exemplar immerdar zu verfehlen, mit einem gebrochenen Fuße hier zu stranden, dies war ihre Bestimmung, dazu war sie herübergekommen und damit konnte sie nach Deutschland zurückhinken. Es kam niemand ihr zu helfen, wer half ihr je? Ein drohendes Knacken, ein unerträglicher, ein giftiger Schmerz; sie glaubte die Besinnung zu verlieren; — in dieser Sekunde, was sage ich? diesem Bruchteil einer Sekunde, fühlte sie sich von rückwärts unter beiden Armen gefaßt, leicht und geschickt auf die Beine geholfen und mit heilem Glied der gefahrvollen Klemme entzogen. Sie wollte ihren Retter erkennen, aber dort rannte er schon, einen letzten Koffer zu heben, ein Bürschlein, fast ein Kind, angewiesen Trägerdienste zu leisten. Sie wollte ihn einholen, aber sie konnte kaum auftreten, geschweige denn laufen, ein Schaffner gab ihr ein warnendes Zeichen, halb stieg, halb kroch sie in den Wagen, ihre Türe wurde zugeschlagen und der Zug setzte sich in Bewegung.

Sie hatte ihren Fuß ausgestreckt und saß da wie betäubt, denn sie konnte es noch immer nicht fassen. Es dünkte ihr so unwahrscheinlich, so wunderbar, daß sie gerade in jener Sekunde äußerster Not, und zwar nicht früher, auf daß sie ihrer Drangsal voll bewußt werde, vor dem Schlimmsten verschont geblieben war. Eine heiße Röte stieg in ihr auf, indem sie ihres unbelohnten Retters gedachte, der wie auf ein höheres Geheiß auf sie zuflog, ohne zu wissen was er tat — sie aber wußte wohl, was sie ihm dankte. Sie bedurfte hiezu keines Arztes, ein gesunder Instinkt hatte sie im Moment der Gefahr nur zu hellsichtig gemacht und ihr die Eventualitäten bedeutet, denen sie nun entronnen war. Aber warum eine solche Fügung zu ihren Gunsten? Wo lag der Grund? der Sinn? den Sinn wollte sie haben! Es war alles zu deutlich, zu kraß für einen Zufall gewesen, warum hatte dies nicht geschehen, ein solcher Ruin ihrer Pläne und Hoffnungen sie nicht treffen dürfen? Sie überdachte es noch einmal, rekapitulierte alles von vorn. Warum war es so gekommen? Ja warum? Sie zermarterte sich das Gehirn und konnte es nicht finden.

Draußen zog ein neues, ungewohntes, erstaunliches Land an ihr vorbei, eine wilde, geheimnisvolle Gegend, deren Seele sie befremdete. Ein Bediensteter trat bei ihr ein, meldete, daß ein Speisewagen im Zuge sei und fragte, ob sie zu essen wünsche. Sie starrte ihn verwundert an. Was träumte dieser Mensch?! Essen?! Ja richtig, solche Dinge gab es auch. Aber sie schüttelte den Kopf. Nein. Das störte sie jetzt. Erst mußte sie diese Geschichte ihres Sturzes ins reine bringen. Also wie war es? sie dachte an das Exemplar. Da lag ihr Fuß, zwar mächtig in Schwellung begriffen, aber heil, nicht gebrochen; er bedurfte keines Chirurgen ihn einzurenken, kein Knochen war zersplittert. Denn dies hatte ja nicht sein dürfen. Und als es im Begriff war dennoch zu geschehen, mußte just etwas anderes geschehen dies eine zu verhindern. Aber warum denn? den Sinn wollte sie haben; und Mariclée stieg immer tiefer in ihrem Bewußtsein hinab. Hast du selbst nicht immer geholfen? sagte es ihr. Warst du nicht, ohne zu fragen, ja blindlings, zu helfen immer bereit? und schlug hier nicht, nach dem Gesetz aller Dinge, ein Pendel, so wie er anschlug, und genau wann er mußte, wieder zurück? Denn warst du nicht selbst in jenem rettenden Knaben, der ohne zu fragen dir zu Hilfe kam, und unbelohnt dir enteilte?

Zwölftes Kapitel

Die vierzehn Tage, die Mariclée in Irland zubrachte, lassen wir im Fluge vorüberziehen. Sie liegen außerhalb der Bahn, deren Linien wir hier verfolgen. Denn Mariclée hatte viele Existenzen, ja ein ganz weit verzweigtes, nicht selten sogar ein verstricktes Netz von Existenzen, die uns hier nicht kümmern; und sie war von ihren Zentren so vielfach weggetrieben, daß sie nur selten fühlen durfte, daß sie lebte. Es war deshalb in ihr eine innere Unaufmerksamkeit, welche sie immer wieder meistern mußte, damit sie nicht in die Augen sprang. Sie war nicht zerstreut, sie war abgewandt. Und nie war sie so versonnen und verträumt, so fernab, wie an dem Orte, an dem sie sich jetzt befand. Lassen wir sie also. Wir haben sie ja nicht zu suchen, wo sie nicht wirklich ist. Nur eines einzigen unerwarteten, wenn auch lang vorbereiteten Erlebnisses werden wir gedenken.

Wenn sich Mariclée diese Gegend ansah, geschah es stets mit derselben Verwunderung wie das erste mal; sie konnte den Schlüssel zu ihr nicht finden; und es ging ihr wie mit einem fremden Gesicht, das ein anderes, wohlvertrautes, auf das man sich aber vergebens zu besinnen sucht, mächtig evoziert. Sie meinte erst, das Rätsel läge wohl in ihrer historischen Unkenntnis dieses Landes, und als sie reger geworden, verschlang sie ein Geschichtsbuch um das andere. Als sie aber dann Bescheid wußte und wieder hinaustrat in diese Natur, da wies sie alles zurück, vergaß und verwarf alles was sie darüber gelesen hatte. Und nun erst war sie sich über ihren Eindruck klar. Dieses Land erinnerte sie an Italien, aber es hatte keine Geschichte, das heißt seine Geschichte fügte ihm nichts hinzu. Es gleicht einem Pergament, an dem kein Griffel haften blieb.

Diese Natur schien, wie mit zurückgehaltenem Atem nur einen Laut, nur einen Widerhall zu hegen und elende Geschicke, ununterbrochene Leiden und Kämpfe verwischten sich auf diesem Boden und verwehten, als gehörten sie nicht zu ihm. Und hier erst wußte Mariclée, warum ganz Norditalien, bis hinab nach Rom (weiter war sie nicht gekommen) sie insgeheim irritierte: weil Schritt für Schritt zu viel Geschichte, zu viel Begebenheiten sich vorzudrängen suchten und weil es ermüdete, auf einen solchen Tumult von Dingen, und auf so viele Fußstapfen zu stoßen. Kein gestürzter Sockel, keine Steinplatte, kein noch so schlechtes Madonnenbild, das dem Vorüberziehenden nicht zuzurufen scheint: „Achte mein!“ „ich bin von dieser Schule!“ „ich aus jener Zeit“. Jeder Hügel, jede Straße, jeder Meilenstein von Historie wie durchtränkt, und überall das Gedächtnis eines Namens, eines Mordes, oder eines Affektes perpetuierend; ein zu redseliges, gleichsam ausgeplauschtes Land, mit Daten und Erinnerungen wie ein Kalendarium angefüllt; immer an das Tun von Menschen, die tot oder lebendig stets die gleichen sind, und an das Vergangene und Vergängliche gemahnend, und nie an das, was Mariclée vor allem liebte, an ein Verweilen und ein Stillestehen. So war es denn ein untraditioneller, aber doch sehr deutscher Zug, der ihre Liebe zu Italien mit einer gewissen Abneigung untermischte.

Hier dagegen war alles göttliche Vergessenheit und Öde. Dies wundervolle, tiefbeseelte Land, seine verlassenen Ufer, seine leeren Abhänge und Täler riefen inbrünstig nach edlen Bauten, nach Belebung, und doch liegt nichts Abgestorbenes und nichts Begrenztes in ihrer Melancholie. Diese Höhenzüge atmen nicht die wehe Holdseligkeit der allzu inkrustierten Hügel Fiesoles. Ein stärkerer Trank: die Schale der Vergessenheit wird in dieser ungelehrigen und ungelehrten Atmosphäre gebraut, die sich das Mittelalter, die Renaissance wie den Amerikanismus gleicherweise entgleiten ließ, und die nahe Brandung der Jahrhunderte nicht hört, weil sie, wie eine brausende Muschel, der eigene Rhythmus erfüllt.