ZARASTRO
Westliche Tage
von
Annette Kolb
1921
S. Fischer / Verlag / Berlin
1.—5. Auflage
Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten.
Copyright 1920 by S. Fischer, Verlag, Berlin
Zarastro
Dieses Buch, das auf Grund täglicher Aufzeichnungen entstand, enthält Enttäuschungen als sein Wesen. Es ist ein Tagebuch der Enttäuschungen, ich verhehle es nicht. Gerade sie sind das einzig wertvolle daran. Denn an allen Erlebnissen während dieser Jahre, an allen Szenen, allen Ereignissen, allen Episoden hat sich die Beobachtung ergeben, daß im wachsenden Umfang die besten Hoffnungen, die reinsten Zugehörigkeiten ihre dramatische Zerstörung nach sich zogen. Zu sehen, wie sie immer sehr buchstäblich zuschanden kommen mußten, versetzte mich erst in eine dumpfe, herabgestimmte Unruhe, und nur allmählich entdeckte ich, daß sich in allem die kleine wie die große Höllenmaschine menschlicher Niedrigkeit gleichsam eingebaut hielt, überall, auf dieselbe Weise und mit derselben Wirkung jede edle, jede vernünftige Absicht, jede Harmonie im Keim vernichtete. Diese Gefolgschaft, dies enge Schritthalten der Bösen — jeder Zufälligkeit bar — zeigt sich vom Anekdotischen bis zur Entladung so konform, daß es die Schicksale des einzelnen zur genauesten Replik der Weltschicksale prägt.
Erster Teil.
Am 1. Februar 1917 kam ich gegen Abend definitiv nach Bern. Im Zug — am Fenster — schlief ich zwischen Zürich und Baden auf einige Sekunden ein. Dabei rückten sich Bilder aus meiner Wohnung, aber um ein Drittel vergrößert — die sich also selbst vergrößert hatten —, selbst an einer Wand zurecht. —
Trotz dieser so unvermittelt aufblitzenden Vision wurde die Mutlosigkeit, gegen die ich anzukämpfen hatte, immer drückender, und geradezu trostlos gestaltete sich meine Einfahrt in die Bahnhofhalle. Es goß so recht von innen heraus, wie nur der Berner Himmel zu gießen versteht. So begibt man sich wohl ins Gefängnis, wie ich in das Haus, um dessen anheimelnder alten Stiege willen ich im zweiten Stock zwei kleine Zimmer mit einem Alkoven gemietet hatte. Übrigens waren sie noch nicht frei, und indessen wurde mir ein großes niedriges angewiesen, das sofort meine Abneigung erregte: bis auf einen gewaltigen Tisch von wahrhaft tröstlichem Umfang. Er stand mitten in der Stube, ganz auf sich beruhend:
Sieh mein geräumiges Rund, und wie gefällig es ist! Sahst du ein weiteres je?
Bürde nur füglich mir auf, was immer du willst. Ich schaffe noch Platz dir. Na also!
So redete er, halb in Hexametern, halb wie eine alte Kindsfrau zu mir, war immer optimistisch und richtete mich auf.
Das Münster aber, das so gut anhebt und so schlecht verläuft, beschattet und beherrscht den Platz, und die Aussicht hart vor meinen Fenstern ist durch ihn versperrt. Auch mein Herz schlägt hinter Riegeln. Ich bin nicht mit den Illusionen hergekommen wie das erstemal.
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4. FEBRUAR. Kalte regnerische Tage, unfroh wie die Stunde meiner Ankunft, welche Telramunds, als sei dies unvermeidlich, zuerst erfuhren. Die Lauben sind, wie es scheint, ihr Jagdrevier, denn kaum trete ich vors Haus, so schießen sie mir schon wie auf Rollschuhen der Neugierde entgegen, jedesmal mit einer Einladung zum Tee. Ich bin entschlossen, ihr nicht zu folgen, denn sie ist natürlich nur verhörsweise gedacht. Fortunio rät von einer so schroffen Haltung ab. Wir diskutieren hin und her, und ich lasse mich leider überreden.
6. FEBRUAR. Tee bei Telramunds. Ich trage meinen teuren Pelz, denn es ist kalt, dazu aber ausgebesserte Schuhe, weil es regnet. Der Empfang ist übrigens von so glänzend imitierter Herzlichkeit, daß er mich fürs erste ganz beschämt. Wie unverkennbar ist doch im Grunde Telramunds Zuneigung für mich! Er erörtert meinen Roman in den höchsten Tönen, und wie freut sich Ortrud, mich zu sehen! Wie ungerechtfertigt ist der Name, den ich ihnen gebe! Wie funkeln Teekanne, Dose und réchaud! Wir sitzen ein wenig merkwürdig zusammen, es ist wahr! unsere sechs Knie eng aneinander gerückt: die meinen in der Mitte, wie die eines Delinquenten, von den beiden andern flankiert. Doch ist das nur zufällig vielleicht.
Wenn aber drei Leute sich äußerlich in so enger Gemeinschaft befinden, und zwei von ihnen werfen sich Blicke zu, so wird es der Dritte bemerken, auch ohne es zu wollen und ohne hinzusehen. Ortrud guckte wertschätzend von meinem Mantel herab auf mein Schuhwerk. Der Pelz einerseits und die Reparatur anderseits gaben zu denken. Wie aber konnten sich die beiden so vergessen, daß sie plötzlich anfingen, wie mit Fliegenklappen nach mir auszuholen und sich hochbefriedigt ansahen, wenn sie glaubten, mich ertappt zu haben?
Zwar lag es auf der Hand, daß ein so leicht zu überführendes Geschöpf unmöglich zugleich jene raffinierte Person sein konnte, für welche ich wußte, daß sie mich hielten. Aber wie resolut Leute von schlechten Instinkten jegliche hemmende Logik von sich weisen, wußte ich auch. Von neuem auf der Hut, beantwortete ich jede Frage mit einem Kunstbogen; als jedoch der Name Elisabeth Rotten fiel, hielt ich krampfhaft an diesem Thema fest. Telramund konnte ihren politischen Scharfsinn nicht genug loben (später stritt er ihn ihr öffentlich ab). So erzählte ich denn von ihrer schwer angegriffenen Gesundheit und ihrem Wunsch nach einer Erholungsreise. Diese aber sei nur durch List und Tücke zu erreichen. Es müßte also, meinte ich, mehr mitteilsam wie raffiniert, unter Vorspiegelung eines Vortrags, welchen sie dann natürlich nicht halten würde, ein Paß für sie erschlichen werden.
Die Idee wurde stillschweigend zur Kenntnis genommen. Blicke flogen . . . und es war unverkennbar, daß etwas nicht stimmte.
Bin ich nach Bern gekommen, dachte ich auf dem Rückweg, um mit Leuten zu verkehren, die ich zu Hause nie ertragen hätte?
Das Wetter hatte sich auf einige Stunden aufgehellt, und über der Brücke von Kirchenfeld flammten plötzlich die Alpen auf. Blaß und verheißungsvoll leuchtete die losgelöste Jungfrau über das Gewölk, das sich in schwarzen Massen zu Tale schob. Wie ganz und gar nicht existierend, dachte ich da, ist doch letzten Endes das Gemeine! Nur unser träges und verwischtes Sehen leiht ihm den Schein von Wesenheit, und Leuten wie Telramunds das Gesicht. Und zwei verschwisterte Seelen hatten da einen Bund geschlossen, wie die Hölle ihn liebt. Dabei war Telramund Berliner und Ortrud, wie zum Schulexempel, eine Französin aus der Provinz. Ach! Welch ein Schabernack wird doch über alle Grenzen hin mit unseren Gesetzen getrieben! Keine Feder wiegen sie auf gegen die Schleuderwaffen, über welche schlaue Unvernunft gebietet. Wohl haben wir gelernt, Weingärten und Äcker zu bestellen, veredelt hängen uns die Früchte von den Bäumen hernieder, und wie umsichtig, wie bewundernswert ist der Mensch angesichts seiner Felder! Nur vor sich selbst ist er stehengeblieben. Da jätet er nicht. Da steht überall goldener Weizen, von wild um sich greifendem, allgewaltigem Unkraut erstickt. Gegen die Natur, die Elemente, die Erde, ja die Luft selber schritten wir ein, nur vor uns selbst sinken uns die Arme, und wir lassen geschehen. Dies ist die bisherige Logik der Welt, der Nationen. Nicht einmal bis zu unseren Verbrecherstatistiken besannen wir uns — wie hätten wir da bis zu den Tabellen unserer verkleideten und ganz undrastischen Übeltätern gedacht? —
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Allseitige Verstimmung. Mein Wunsch, Fräulein Rottens Wunsch zu erfüllen, hat schwärzesten Verdacht erregt. Ich kannte die in Bern geschaffene Atmosphäre noch zu wenig, um zu verstehen. Warum in aller Welt, beschwert sich Fortunio bei mir, mischte ich mich da hinein! Welches Interesse hatte ich an dieser Reise?
Und diese Idee eines Vortrags! (Sogar er, es war unverkennbar, hat Argwohn geschöpft!)
Nur ein Vorwand natürlich! ich sagte es ja Telramund.
Fortunio zuckte die Achseln: er hat es Ihnen natürlich nicht geglaubt.
Die beiden werden uns noch sprengen!, brach ich aus, alle unsere Anstrengungen hintertreiben und uns alle zu Grabe tragen.
Mit Martin im Walde hatte ich ja meine Not. Die Verdächtigungen auf ihn regneten ohne Unterlaß. Schon während jenes Diners, welches Aramis bei meiner ersten Berner Ankunft gab, hatte ihn Telramund als einen Agenten mit doppeltem Schubfach bezeichnet, und Ortrud pfiff förmlich vor Hohn wie eine Maus. Daß ich widersprach, fiel nur auf mich zurück. Für einen ehemaligen Kruppdirektor also machte ich Reklame! Sprach dies nicht Bände? Daß er tatsächlich seine Stellung seinen Überzeugungen geopfert hatte, war ein Beweis mehr für seine Verschlagenheit. Den Bruder kannte er. „Den Bruder kenne ich!“ war sein Refrain.
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9. FEBRUAR. Ich miete einen Flügel: ohne Schmelz, ohne Tiefe, es ist wahr, und doch edel, weil immerhin ein Flügel. Gott sei Dank! Flügel sind jetzt sehr schwer zu kriegen! Ich bin einen ganzen halben Tag glücklich. Welches Glück! — es ist ein Glück, das ich der Protektion eines jungen Berner Pianisten verdanke. Wir hatten ein Zusammentreffen verabredet, um in die Fabrik zu fahren. In den Lauben kam Ortrud auf mich zu und äußerte den Wunsch, mich zu besuchen, und da ich ungeheuer eilig tat, begleitete sie mich, um zu sehen, ob es wirklich der junge Pianist war, der mich erwartet. Da er es wirklich war, denke ich mir, sie beruhigt sich jetzt.
10. FEBRUAR. Telramund erzählt mit vielsagender Miene, daß ich einen Flügel gemietet habe. Kein Zweifel mehr: ich bin eine Spionin.
11. FEBRUAR. Aramis gibt mir zu wissen, daß er sich wundere, weil ich ihm noch kein Lebenszeichen gebe. Ich unterließ es nur, denn er ist mir sympathisch, weil mir versichert wurde, daß er mir nicht mehr traue.
Es sei kein Grund, sagt mir Fortunio, ihn zu schneiden. Seufzend (da er mir ja mißtraut!) rufe ich ihn ans Telephon, und vor seiner Sprache, ach! wird mein zerrissenes Herz sofort wie eine Geige, in welche diese Sprache (auch die meine, ach!) hineingreift wie ein Bogen.
13. FEBRUAR. Gestern abend war ich bei Fortunio, und Martin im Walde fand sich zum ersten Male bei ihm ein. Vor dem Kriege hätte ich sie nicht einander zugeführt: Fortunio so musisch und sternengebannt, aber auch stemschnuppenhaft, Martin im Walde so schwerblütig, so problematisch und so vorbedacht! Heute aber muß alles zusammenstehen, was aufrecht blieb. Wie errichten wir sonst jene Dämme gegen die blinde Gewalt, den Schutzmauern vergleichbar, die sich so wacker gegen die Bergwände stemmen, um zur Zeit der Schmelze die Lawinen aufzuhalten? Auch unserem Planeten stand der Frühling nahe bevor, als die Lawine sich entlud, die allen Schutt nach oben warf und eine grünende Welt und alle Glocken der Vernunft mit ihren toten Blöcken und ihrem schmutzigen Geröll brüllend und dröhnend überzog. Jene Mauern, Lawinenschutz genannt, sind natürlich nur roh aufeinander geschichtete, jedoch wetterfeste Steine, die nichts anderes zum Ausdruck bringen, als die Not des Augenblicks, dem sie entstanden sind. So scheint mir heute, wo es den Kampf des menschlichen gegen das unmenschliche gilt, das wichtige nicht, glattes einzufügen, nicht einmal der inneren Gemeinsamkeit den Ausschlag zu lassen, sondern die Widerstandskraft und das Gewicht der Dinge zu bedenken.
Doch ach! Der als Schachfigur so schwer festzulegende Fortunio war heute auf meine Opportunismen nicht gestimmt, sondern wie zum Trotz in einer ganz herausfordernden, ganz interpellierenden, ganz konträren, um ihre eigene Wirkung ganz unbekümmerten Laune. Zu machen war da gar nichts. Im stillen nur nahm ich mir vor, auf dem Heimweg Fortunios Wesensart, welche Martin im Walde nicht geläufig war, so beweglich wie möglich zu schildern. Aber nicht einmal diese nachträgliche Intervention sollte mir gelingen. Denn als ich auf der Stiege in die Taschen meines Mantels griff, war mein Hausschlüssel nicht darin, die Nacht aber viel zu weit vorgeschritten, um meine Pension durch Glockenreißen zu alarmieren. Die übermüdete Fortunia, über die Rampe gebeugt, rief mich wieder zurück. Neben dem großen Empfangsraum lag ein schmales Zimmer. Ich bezog es ohne viel Worte und warf mich mit meinen Kleidern auf den breiten Diwan, der dort stand, ganz erledigt für den Rest der Nacht. Immer verschärfter schwebte mir die Bilanz des mißratenen Abends vor und regte mich auf. Wie ungut ließ sich doch alles an!
Eine tiefe Stille lag jetzt über dem ganzen Hause, den Wänden, den Fenstern und der Luft, als ob sie ein Signal erwarteten. Denn nebenan war plötzlich ein anderes Leben erwacht, eine andere Unruhe, als die des Tages, ein Rücken, Geknister, ein Gewisper, Disput und Ungeduld. — — Zwar ist dem Herzen kein Organ verliehen, das unsichtbare zu sehen, aber so mancher kennt gewiß jenes aussetzen seines Schlages, bevor es tiefer zu horchen beginnt . . . Es fiel mir ein, daß die ganze Häuserreihe dieser alten Gasse für mehr oder minder spukhaft galt; doch ein so wenig grauenhafter, höchstens malitiöser, nicht einmal boshafter Spuk war mir noch nicht begegnet. Neugierde trieb mich endlich hin zur Türe, hinter der er sich begab. Aber jenseits derselben hatte augenblicklich — als sei nie Lärm gewesen — Totenstille eingesetzt, und die Klinke, von Tücke besessen, widerstand allem drücken, drehen und schieben. Mit schmerzenden Händen ließ ich sie los und kehrte auf meinen Diwan zurück. Alsbald war Geknister und Getusche, rücken und huschen, Unruhe, Aufregung, heiseres Eifern und Streiterei im verstärkten Grade wieder da. Offenbar wollte die Gesellschaft von mir nichts wissen und boykottierte mich. Wie aber kam es, daß ich plötzlich wie unter freiem Himmel lag und den Arm aufstützte, als schirmten mich die Zweige eines Baumes, und als horchte ich statt zur Seite hin, tief unter die Erde hinab? Was immer mir jetzt in den Sinn kam, bot sich wie eine Zwiesprache dar. Dem Nixenbegriff lag wohl eine tiefe Erkenntnis zugrunde. Wie diesseits des Menschengeschlechtes, so sind aber auch jenseits desselben Geschöpfe Gottes denkbar, die an der entgegengesetzten Peripherie des Lebens beschattet stehen und hinausgerückt; und winzige, kaum bemerkbare Dinge könnten es sein, die ihnen ein leises Grauen vor ihrem eigenen Wesen entgegenhauchen: ihr unakkurater Sinn für Wirklichkeiten, ihr vorwegnehmen des Zieles über Hindernisse hinweg, ist wie ein gestörter Sehwinkel oder wie ein verkürzter Fuß, den solche Menschen durchs Leben ziehen, und sie erschauern, verzagen und vereinsamen bis ins Mark, wenn sie daran erinnert werden. Über die fernest abliegenden Dinge dachte ich hin und her. Aber warum in aller Welt überkam mich ein Heimweh nach dieser verschlossenen Tür, und um was für Dinge war mir denn leid? Du lieber Gott, wollte ich denn von allem haben!
Der ganze tumultarische Betrieb setzte übrigens mit einer spurlosen Plötzlichkeit aus, als hätte er nie geherrscht. Nur eins war deutlich: durch die Türe verzog er sich nicht. Es kam etwas anderes: aus dem unteren, nachts unbewohnten Stockwerk drangen sanfte Trommelwirbel, oh, so deutlich zu mir, und dann ertönten gedämpft, aber klangvoll, tamponierte Posaunen. Und dann kam das huschen und fegen eines Kleides, das schleifen einer Schleppe, ja! im Takt dieser erstickten Musik. Ich horchte mit allen Fasern. So fein, so spöttisch, so leicht! oh! in der Tat geistreich war der Rhythmus dieses pas-de-deux, waren die Füße, die Grazie, die Unkörperlichkeit dieses balancierenden Körpers im Klang der wonnig umhüllten Posaunchen. Tod und Leben in lächelnder Umarmung — Leben noch im Tode? Liebe selbst bei ihm? — Was verfing sich da eine Uhr, mit vier groben Schlägen in den Zauber hineinzufahren? Nichts rührte sich mehr. Im Augenblicke alles längst verflogen und verweht — welchem Sterne, welcher Nacht entgegen?
Nunmehr versank die Dunkelheit in ihrer eigenen Stille, und der Schlaf atmete mir jetzt — als käme er von außen — seltsam genug! — mit weiten Flügeln entgegen. Ich fühlte noch den Wunsch, mich ihm ganz zu überlassen, aber daß er mich dahintrug, schon nicht mehr. Gespannten, wachen Sinnes stand ich in der Mitte eines Saales — nicht wissend, daß ich schlief. Die Wände lagen im Zwielicht, und ein paar Leute saßen dort als Zuschauer herum. Ich fragte mich, was es zu sehen gab und merkte dann erst, daß ich es war, welche nun tanzte. Die Rhythmen nämlich, nach welchen ich mich drehte, „geschahen“, ohne zu verlauten, als stünden hier die Gesetze am Anfang aller Musik, noch ehe, oder ohne daß sie sich vertonten. Dabei geboten sie mit so wunderbarer und zwingender Macht, daß es unmöglich war, ihnen nicht zu folgen, und unwiderstehlich kreiste ich dahin. Mit einem Male hörte ich Fortunios Stimme von der Wand herüber auf französisch sagen: „Comme elle danse bien“! aber sehen konnte man ihn nicht, denn der Saal war nur in der Mitte hell. „Pourquoi dites-vous que je danse bien“? rief ich tanzend zurück. Und tanzte dahin, denn es gab nichts anderes mehr. Nur den Tanz. Ganz allein nur ihn; ohne innehalten, ohne Unterlaß, den Tanz allein in diesem Raume, der aufgehört hatte, ein Saal zu sein, denn seine Wände traten ins Endlose zurück. Nur allmählich merkte ich, daß sich jemand zu mir gesellt hatte und mich hielt und mit mir tanzte. Es kümmerte mich nicht. Die Erfüllung war zu tief, meine Augendeckel zu schwer, sie aufzuschlagen die Mühe zu groß! In den Rhythmen lag alle Wonne. Und sie gebaren ohne Übergang eine neue Phase, denn halb abwesend, halb aufmerksam sah ich nun doch meinem Tänzer groß ins Gesicht: matt von Farbe, mit schwarzem, glattanliegendem Haar war er mir gänzlich unbekannt und zugleich vollkommen vertraut; der sehr edle Umriß von Kopf und Schultern so geschlossen, daß er fast ausschloß, was er nicht selber war, fast negierte, was er nicht kannte. Was dünkte mir daran so fremd und so verwandt zugleich? Die Melodie einer Rasse, der ich entstammte, und doch nicht mehr die meine? von ihr hinausgerückt? verabschiedet von ihr? wiederum der Boykott? Gleichviel! wir tanzten. Eines Schrittes! Diese Zeitmaße kannten keine Zeit. So mögen Sterne kreisen. Aber auch was ich dachte, war nicht mehr aus seiner Bahn zu drängen: aus reinstem Lateinertum setzten sich die Elemente dieses Tänzers zusammen. Nicht das Gesicht eines bestimmten Menschen sah mich da an. Nicht dieses oder jenes — was dann? Das Sinnbild einer Rasse war zu mir hingetreten und tanzte mit mir. Jetzt wußte ich’s! — Aber die Entdeckung sprengte die Fesseln des Traumes: Ich lag auf dem Diwan gerade ausgestreckt, vor mir das Fenster, in dessen Scheiben sich von der Straße herauf der Reflex einer Laterne fing. Aber gleich darauf stand ich auf den Füßen. Noch nie so hoch aufgerichtet gewiß! Die Türklinke drehte sich lautlos und glatt, wie geölt. Aber die Kälte der Frühluft nach der Hitze der Nacht hatte vielleicht die Wandlung besorgt. Ich schlich durch den Gang, die Stiege hinab und ließ mich zum Tore hinaus. Ins Freie! Hinter den Scheiben leuchtete hie und da schon ein Licht aus den Lauben hervor. Im Hause, in dem ich wohnte, war eine Bäckerei. Unbemerkt kam ich in mein Zimmer. Es tagte noch nicht. Nach oben unkenntlich stand das Münster vor meinen Fenstern aufgerichtet, viel schöner und gewaltiger so, als mit dem übel verlaufenden Turm. Wie schien aber dies alles eine Wirklichkeit zweiten Ranges, sozusagen, wenn ich sie mit jener verglich, die mich in dieser Nacht umgab. Ich wußte zur Stunde mit der letzten Sicherheit, daß mein Traum sich erfüllen würde. Die beiden Rassen, die heute zu vereinigen solches Elend, solche Zerrissenheit bedeutet, werden eines Tages, allen Höllenhunden zum Trotz, das Glück der Welt durch ihren Bund begründen. Ach! Danach darf man nicht fragen, ob man selbst längst ein Schatten sein wird, wenn diese Dinge sich ereignen. Nur Mut, mein Herz! rief ich mir an diesem Morgen öfters zu, denn mit seinem fahlen Licht wuchsen die üblichen Ernüchterungen an.
Gegen Mittag kaufte ich Blumen und wählte Kuchen mit Bedacht, denn um vier erwartete ich Monsieur Aramis zum Tee. Nicht ohne Bangigkeit. Seinen ersten günstigen Eindruck hatte ihm ja Telramund gründlich auszureden verstanden. Als er in meine niedere Stube trat und mir die Hand entgegenstreckte und mich ansah, wurde es mir wieder fühlbar. Das Echo der Worte: „Sie lügt! sie lügt!“, die er von jener Seite unausgesetzt vernahm, war zu eindringlich, um mir zu entgehen.
Daß die unteren Zimmer nun endlich frei werden und mein Flügel sogar schon unten steht, interessiert ihn gar nicht; wen ich in Deutschland gesehen habe, um so mehr. Die Grenze hatte ich gerade am Vorabend des Tages überschritten, an welchem der verschärfte Unterseebootkrieg verkündet wurde; als diese Nachricht alle Anschlagmauern verfinsterte, wäre ich am liebsten umgekehrt, denn jetzt lag doch alles in Scherben.
„Une bêtise capitale,“ sagte er, „et qui fait bien notre affaire.“ Nichts mehr von Klavier! Ich möchte mich gar nicht mehr mit Politik befassen, sage ich, und lese: „Sie lügt! sie lügt!“ in seinen Augen. Er blieb lange, sprach jedoch nur wenig und hörte zu. Ich dagegen redete die ganze Zeit, hemmungslos und aufs Geratewohl. Es überzeugte ihn auch dieses keineswegs. Sie lügt! sie lügt! blieb das Echo, das zwischen dem Vertrauen, welches er instinktiv zu mir gefaßt hatte, und den Dingen hallte, die er über mich hört. Kaum ist er gegangen, so erscheint Fortunio auf dem Plan, gespannt zu hören, wie der Besuch verlief. Ich komme ihm jedoch zuvor: Wenn Aramis mir mißtraut, so mißtraue ich seiner Menschenkenntnis. Es ist zu leicht, mich zu durchschauen, als daß es erlaubt sein dürfte, mich zu verkennen. Ich bin so eindeutig wie ein Pferd. Seine Gangart ist unmißverständlich genug!
„Sie sind aber kein Pferd,“ sagte Fortunio, „und gerade Ihre Eindeutigkeit ist mit Ihrer sonstigen Art nicht so ohne weiteres in Einklang zu bringen.“
Daß er dabei eine so bedenkliche Miene beibehielt, riß an meinen ohnedies zerzupften Nerven. Er erinnerte mich allzusehr an einen Schreibtisch, der, mit großen und kleinen, inneren und äußeren, ja sogar mit geheimen Schubfächern ausgestattet, für mich aber nur eine einzige Lade offen hielt. Ich fühlte mich plötzlich tödlich gekränkt. Und womit hält er heute zurück? Auch er, auch er! sage ich mir.
„Ihr Roman kursiert jetzt in Bern“, geruhte er mitzuteilen.
„Um so besser. Zeit wär’s, daß hier das rechte Licht über mich aufgeht.“
„Leider nein“, sagte Fortunio. „Das Buch schadet Ihnen.“
„Schadet mir!?“
„Ich hätte es auch nicht gedacht. Aber die große Zielbewußtheit, welche Sie Ihrer Heldin einverleiben . . .“
„Aber gerade die Natur dieser Zielbewußtheit . . .“ unterbrach ich ihn.
„Gewiß, man sollte glauben . . .“
„Hören Sie, das ist nicht möglich!“ Und in höchster Ungeduld riß ich an allen Schubladen zugleich.
„Ich selbst“, machte nun Fortunio mich vertraut, „habe die Leute auf das Buch hingewiesen. Ich glaubte, Ihnen nicht besser dienen zu können.“
„Es ist nicht möglich, daß Aramis sich verdreht dazu stellt“, rief ich wieder. „Es kann nicht sein!“
Fortunio zuckte die Achseln.
„Aber sogar Telramund, dieser Gräuel, lobte es über den Klee.“
Er schwieg. Es entstand eine Pause.
„Das ist furchtbar“, sagte ich. „Es geht also um ein Duell zwischen mir und diesen Leuten.“
„Sie sind so ungeduldig! Die Dinge wollen ihre Zeit. Letzten Endes ist es immer die gute Gesinnung, welche triumphiert.“
„Oh! letzten Endes“, wehrte ich ab. „Daß meine Grabrede besser ausfallen wird, glaube ich ohne weiteres. Mais d’ici là . . .“
Fortunio wollte mich überreden, mit ihm auszugehen, doch ich blieb zurück. Was ich ihm dabei nicht verriet, war meine Absicht, im Laufe des Abends nach Martin im Walde zu sehen; denn mir lag das gestrige Zusammensein, dem Fortunio keinen Gedanken mehr schenkte, schwer im Gedächtnis.
Fürs erste war meine Niedergeschlagenheit zu groß, um nicht allein mit ihr zu bleiben.
Die Tatsache, daß in Ermangelung anderen Beweismaterials nun gar mein Roman als Belastung herhalten sollte, war insofern der comble, als sich ja dann, auf diesem kürzesten Wege, so ziemlich alles auf den Kopf stellen ließ. Gegen solche Waffen war jedenfalls nicht aufzukommen. Sie waren zu alt erprobt. Ich hatte zuviel erfahren. Ich wußte zu viel.
Oh Fortunio! es ist dir nicht bekannt, warum ich lebe. Wie ein nach Süden schauendes Ufer fängst du die Sonne auf; wie eine nach Norden aufgerichtete Mauer stehe ich zu ihr.
„Von allen Menschen weg“, dachte ich da, „und zur Sonne hin!“ Angebetete Sonne! Ohne dich zu sein! Beseelt, doch unbeseligt steht mein Haus. Wo du undeutlich werden und verflimmern läßt, wo du begünstigest, ja, wo du lügst, hast du doch immer recht, und nichts bestünde vor deiner Glorie.
Es hatte längst durch alle Stockwerke gegongt, doch ich blieb wie ein Wetterwinkel am Fenster haften, jenen Bergkuppen vergleichbar am Rande des Tals, die alle Wolken an sich ziehen; so schien auch ich alle Düsterkeiten heranzulocken. Und es gab dann nur zwei Möglichkeiten, um dagegen aufzukommen: entweder die Arbeit, die auch wirklich die Atmosphäre läutert, oder der Umgang mit Menschen: ein Notbehelf nur, welcher zwar, wie der im Unwetter aufgespannte Schirm die ärgsten Güsse von uns abhält, an der Witterung aber nicht das geringste ändert.
Augenblicklich war mir jedoch der Mut so gänzlich ausgepustet, daß ich mich plötzlich im Sturmschritt zu Martin im Walde aufmachte, sehr in Sorge sogar, ihn zu verfehlen. Ja, die Sorge steigerte sich zur Angst, so windschief stand es um mich. Aber die Herrschaften ließen, Gott sei’s gelobt und gedankt, bitten, und ich jagte die Treppe zu ihnen hinauf. Die Stimmung, welche dort betreffs der gestrigen Fete herrschte, war natürlich schlecht. Mit sehr unerwarteter Schauspielkunst gab Martin im Walde alle Figuranten des Abends in einer Person zum besten, wobei er die ihm zugewiesene Rolle gar grimmig unterstrich. Ich lachte fürs erste aus vollem Halse, wenn auch mit recht halbem Herzen, brachte dann alle meine Glätt- und Bügelkünste zur Anwendung, zog meine Döschen, Fläschchen und Beruhigungstropfen hervor, mußte mir aber dabei sagen, daß hier wieder einmal ein wünschenswerter Zusammenschluß vorbeigeglückt war.
14. FEBRUAR. Ich kann erst morgen die unteren Zimmer beziehen: ein hübscher alter Sekretär, ein altmodisches Sofa und ein schönes Tischchen kommen mit mir. Auch die Kiste mit meinen Sachen ist eingetroffen. Als ich nachmittags die Lauben hinunterging und an die Zimmer dachte, wie sie mit ein paar indischen Schals, der schier vergessenen blauen Seidendecke und ein paar Bildern am besten auszustaffieren wären, lächelten plötzlich von rechts Telramund, von links Ortrud auf mich ein: „Wohin des Wegs?“
„Nach Hause“, war meine erschrockene Antwort.
„Wie sich das trifft! Wir sind gerade auf dem Weg zu Ihnen.“
„Das ist ja reizend“, rief ich entsetzt. „Leider bin ich mitten im Umzug und darf Sie nicht heraufbemühen.“
„Das macht uns gar nichts! Wenn wir Sie nicht stören.“
„Im Gegenteil. Kommen Sie nur.“
War es nicht besser, die kamen noch in meine alte Stube, als daß sie mit ihren malocchios meine neuen Räume behexten? „Nur herauf, Ihr beiden! es ist das letztemal.“ Und die Treppe voransteigend, führte ich sie zu mir.
Dort stand der altväterische Tisch, der mich beschützte und nicht mit mir ziehen würde.
Wir nahmen Platz.
„Aramis war gestern bei Ihnen“, sagte Telramund. „Er hat es uns erzählt.“
„Warum auch?“ dachte ich.
„Er wird immer launischer“, bemerkte Ortrud.
„Launisch?“
„Haben Sie das noch nicht herausgefunden?“ fragte Telramund und heckelte ihn eine Weile durch. „Im Grunde“, klang es fast drohend von diesen Berliner Lippen, „ist er ein ganz germanophiler Bursche.“
Ich goß Tee ein und erwiderte nichts. Aber mir wurde bang und bänger über das Gespräch.
Daß die beiden es wagten, vor mir, die selbst obenan und mit so fetten Lettern auf ihrer Proskriptionsliste stand, derart rückhaltlos Leute auszurichten, mit welchen sie scheinbar die besten Beziehungen unterhielten, war das nicht ein Beweis für die Rückversicherungen, deren sie sich versehen hatten? Und wie weit mochten diese gehen?
Und woher wußte — von allen Deckungen abgesehen — dies im wiedererzählen so blitzschnelle Paar, daß sich unsere usancen voneinander unterschieden?
War es die starke Gegenwärtigkeit des wuchtigen Tisches, um den wir saßen, und der wohl einst am Waldesrand Jahrhunderte hindurch als mächtiger Baum — wissend und weise — in rauschender Verschwiegenheit sein Gezweige ausbreitete — oder welch überspringender Funke war es nur, der mir da mit der unbewiesenen und doch stahlharten Sicherheit intuitiver Erkenntnis die Tatsache enthüllte, daß die Niederträchtigen, aus ihrer, mit Selbsterhaltungstrieb gepaarten Verdorbenheit heraus, die Menschen, welche guten Willens sind, ungleich deutlicher erkennen, als diese sich unter sich durchschauen. Fortunio, von Martin im Walde nicht zu reden, kannte mich nicht entfernt so gut wie diese zwei: welche Waffen ich gegen sie anwenden und welche nicht, ihnen war es nicht zweifelhaft, und für sie war ich wie durchsichtiges Glas. Indem sie mich haßten, wußten sie sogar, daß ich nicht ihrer Person, sondern ihrer Schlechtigkeit den Haß vergalt, und wenn meine hiesigen neuen Freunde vielleicht in ihrem Urteil über mich noch schwankten, diese meine erbittertsten Feinde werteten mich nach Verdienst. Dies war der Grund, warum sie mich verfolgten. Wer in der Tat stand einander im Wege, wenn nicht wir? Soweit ich zurückdenken konnte, und lange ehe er ausbrach, dieser elende Krieg, und dann wieder vom Tage seines Bestehens an, war ich für einen Frieden um jeden Preis. Mich interessierte, noch freute kein einziger Sieg. Nur dem Frieden gönnte ich den Sieg über eine so schmähliche Niederlage wie diesen Krieg.
Für dieses Paar jedoch waren Versöhnung und Verständigung zwei Dinge, deren Möglichkeit sie mit allen Mitteln zu hintertreiben entschlossen waren. Dafür lebte es. Wehe dem Franzosen, der kein Jusqu’auboutiste war. Er hatte allen Grund, vor diesem deutschen Telramund zu zittern, und wenn nur der letzte Deutsche verblich, durfte für diese französische Ortrud der vorletzte Franzose unbesehen verbluten. Denn die Saite, auf welche sie beide gestimmt waren, ihr Element war der Haß. In welcher Tropenluft aber lebten wir heute, daß die Gemüter sich mit solcher Fieberhitze entfalten oder zersetzen durften? Nie hat Gelegenheit ärgere Diebe gemacht. Hier war Telramund — vor dem Kriege ein ränkespinnendes, sonst aber vielleicht ganz traitables Männchen — zum professionellen Verleumder und Verräter entartet, und Ortrud, einstens eine gehässige Klatschbase und weiter nichts, nunmehr zur angriffswütigen Ratte, zur erbarmungslosen Menschenfresserin von Hokusai.
Mit solchen Wesen aber paktierte, tergiversierte, lavierte man.
Und zu denken (dachte ich), daß doch sonst so viele Schutz- und Trutzverbände bestehen. Der Adel, die Juden, die Ärzte, Arbeiter, Bäcker, Schneider und Hoteliers, alle bilden sie ihre geschlossenen Gilden und Vereine. Und nur ausgerechnet die Menschen, die guten Willens sind, sie allein, die überall verstreuten und ausgelieferten, setzten sich noch nicht zur Wehr, berieten und versammelten sich noch nicht. Ihr Klub ist der einzige, der noch nicht zustande kam, ihre Statuten, ihre Geschlossenheit, ihre Einigung, welche doch gleichbedeutend wäre mit ihrer Vorherrschaft, über alle Grenzen hin. Denn nichts scheut ja das Geschmeiße so sehr wie seinen Namen und ihren Boykott.
Nicht äußerste Vorsicht (die nützte gar nichts!), sondern schroffste Ablehnung war Telramund gegenüber am Platze. Aus jedem Wort, das ich sagte oder zu erwidern unterließ, wurden jetzt handfeste Stricke wider mich gedreht. Solche Leute zu kennen, sie zu sehen, dies war der kapitale Fehler.
Ortrud kam immer wieder auf meinen Flügel zu sprechen, und als sie sich zum Gehen anschickte, bezeigte sie eine Neugierde, ihn zu besichtigen, als handelte es sich um einen neuentdeckten Raffael. Der Gedanke aber, daß die beiden als die ersten meine unteren Zimmer betreten sollten, bevor ich sie noch bezog, versetzte mich in eine so abergläubische Verwirrung, daß ich die Treppe hinablief, um sie daran zu hindern. Allein die Türen standen offen, und ehe ich sie schließen konnte, hatten Telramunds meine Schwelle überschritten und waren meine ersten Besucher gewesen.
Abends bei A. H. Pax. Ich ärgere mich über Bemerkungen, die dort fallen: Brücke von Kirchenfeld; die müsse ich doch kennen. Was ist das nun wieder?
18. FEBRUAR. Meine „Wohnung“ ist ursprünglich ein großes Zimmer mit Alkoven gewesen und nun durch eine eingebaute Wand so unwirsch in zwei geschnitten, daß sich das Auge an den falschen Massen immerwährend stößt. Aber die Farben bringen einen gewissen Trost, eine Suleikaportiere, indisch mit scharlachrotem Rand, führt in ein drittes vorgebliches Gemach, und der Flügel macht sich ausgezeichnet.
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Besuch der Miß Annie A. Wir hatten uns seit dem Kriege nicht mehr gesehen. Sie ist mütterlicherseits deutsch wie ich französisch, väterlicherseits englisch wie ich deutsch. Nur ist sie nebenbei auch ein Engel von Güte, und das bin ich nicht. Doch ach! andere werden schon mit mir bemerkt haben, daß gerade solche Engel von Güte es so oft nicht über sich bringen, die Vortrefflichkeit derjenigen anzuzweifeln, deren Instanz sie zunächst unterstehen, ja die es für eine Perfidie halten würden, ihren eigenen Zeitungen und eigenen Machthabern nicht zu glauben. Wer kennt sie nicht, diese Engel von Güte, mit ihren „they say“, ihren „man sagt“, ihren „on dit“ und ihren „si dice“. Unbesehen ist für sie der Teufel überall nur drüben.
„Mein Deutschtum ist tot in mir“, sagte sie. „Auch Sie sollten sich entscheiden.“
Dasselbe Ansinnen, nur umgekehrt natürlich, war mir in Deutschland zu oft gemacht worden, und ich war in solchen Dingen sehr abgebrüht. „Was brauchen mich die Franzosen,“ seufzte ich, „die ganze Welt steht ja auf ihrer Seite.“
Da sie mich traurig sah, schaute sie mich betrübt mit ihren guten und veilchenblauen Augen an. „I thank God on my knees“, brach sie dann aus, „that I am English.“
Auch die Variationen dieser Formel waren mir vertraut. Und ich konnte nicht umhin, ihr von den Halbengländerinnen zu erzählen, die in Deutschland unter die Patriotinnen gegangen waren, von Marie von B . . ., die mich wie keine andere deutsche Frau in den deutschen Blättern verriß, und von jener jungen englischen Gouvernante in München, die ich in Tränen fand, weil ihre, an einen norddeutschen Offizier verheiratete Schwester soeben, anläßlich eines Luftangriffes auf London, von den Zeppelinen als von „our glorious zeps“ geschrieben hatte. Aber kaum hatte ich meine Pfeile abgeschossen, so war mir’s schon leid. Unser Wiedersehen fand also nur statt, um uns unsere Trennung nur um so fühlbarer zu machen.
„Nichts ist mehr, wie es war!“ rufe ich aus, indem ich sie in meine Arme schließe. Denn sie ist ein Engel.
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Bevor Annie A. . . mich gestern verließ, zog sie ein Fünffrankenstück hervor, das sie mir im Auftrage der Fürstin Patschouli, einer gemeinsamen rumänischen Bekannten, einhändigte, welche vorgab, es mir zu schulden. Dieser so kurzerhand beim Schopf gefaßte Annäherungsversuch war zum mindesten originell. Ich machte ein sauberes Päckchen aus dem Geldstück, bedankte mich für die schöne Gabe und bat um die Erlaubnis, ihr ein ebensolches Gegengeschenk machen zu dürfen. Daraufhin schlug sie per Telephon die Brücke zu mir und lobte einen schwarzen Kaffee, den sie selber braue. „Bonjour, je vous attends!“ und damit hing sie das Hörrohr aus.
Ich wußte in der Tat nicht, was erfrischender war, ihr Kaffee oder sie selbst in ihrer herzstärkenden und vorgefaßten Oberflächlichkeit. Die Fürstin, deren Röcke unten zusammengebunden schienen, ging mit kurzen und kleinen, aber heftigen Schritten, war braun wie ein Maikäfer, die auffallendste Erscheinung von ganz Bern, brüsk, witzig und ohne Stachel. Da sie eine Villa in Tegernsee und Freunde in München hatte, war sie im Grunde germanophil, jedenfalls bayernfreundlich, und stand außerdem stark unter dem Eindruck der deutschen Siege. „Je suis l’amie des bons jours“, erklärte sie.
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25. FEBRUAR. Zwar scheint die Sonne hin und wieder, und die Zauberwand der Berge stellt sich dann strahlend auf, doch das Licht bleibt spröde. Nie träumt dieser kalte Himmel dahin, nie ermatten die Reflexe; stets rufen sie: gedenk! und nie: vergiß! und ewige Gegenwart ist die Fanfare. Oder liegt es an mir? —
„Mein gutestes Fräulein,“ sagte mir einmal ein dickgebliebener Berliner Aufsichtsrat, „wer sagt Ihnen, daß nicht am Ende mit dem Frieden so bunte Zeiten kommen, daß wir uns nach den Kriegszeiten zurücksehnen werden —, bis auf die Schlachten natürlich“, hing er mit einer Handbewegung an, als wären sie ein Detail.
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ENDE FEBRUAR. Die Tage haben soviel widerwärtiges gebracht, daß mir das Schreiben verging. Man sollte hier mit seiner Aufenthaltsbewilligung zugleich ein Vorhängeschloß wie Papageno erhalten; statt dessen wird einem ein Nessushemd übergeworfen. Schreckliche Stöße mit Fortunio, schwere Havarie mit Martin im Walde. Telramund, dessen Hochöfen alle in Betrieb stehen, erstattete ihm einen formellen Besuch und brachte ihm zugleich mit dem Ausdruck seiner Hochachtung sein Bedauern vor, durch mich und meine Darstellungen ein so falsches Bild von seinem Charakter gewonnen zu haben. Halb lachend wird es mir erzählt. Ich mache ihm Vorwürfe, daß er den Mann vorläßt. „Ihnen danke ich ja die angenehme Bekanntschaft.“ Das war im Herbst, sage ich, wo man noch glauben durfte, es stecke vielleicht doch etwas Gutes in ihm, an das man sich halten könne. Heute dürfen Sie keinen Umgang mehr mit ihm pflegen.
Einem Glücksfall, der allen Glanz eines Hintertreppenklatsches trägt, danke ich es im übrigen, daß von dieser Seite wenigstens Fortunio nicht mehr irre an mir werden kann: er saß mit einem Freunde, als Telramund sich zu ihm gesellte und Äußerungen wiederholte, die er von mir vernommen haben wollte. „Und nun sehen Sie,“ schloß er, „wie sie lügt“, zahlte sein Schöppchen und ging. Aber in der Eile, mir zu schaden, übersah er, daß Fortunios Freund zufällig Zeuge gewesen war, wie ich jene Worte nicht nur nicht gesagt, sondern heftig dagegen protestiert hatte, als sie vor mir fielen. Dies also wäre, gottlob, besorgt.
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Es ist gewiß nur recht und billig, daß auch die Überlebenden heute auf der Verlustliste stehen. Wie man dem Kranken, der nicht teilnehmen kann an dem Treiben der Gesunden, gerne darauf hinweist, wenn es draußen stürmt und die Fußgänger gegen Frost und Wind ankämpfen, während er in der geschützten Stube liegt, so möchte man heute denen, welche fallen, nachrufen: Ihr habt nichts verloren!
Ich schreibe der Königin im Auftrage ihrer Mutter, die seit Monaten ohne Nachricht von ihr ist. Die Idee des Königtums ist gewiß nur deshalb in Diskredit geraten, weil ein verrohter, subalterner Mensch oder auch ein, Idiot höchst widersinnigerweise zum Herrscher avancieren konnte. Wegen meiner Ansichten werde ich hier viel ausgelacht. Aber wie würden sie erst lachen, wenn sie wüßten, wie gern ich selbst regieren möchte. Da würde man doch was Richtiges erleben! Kein mittelmäßiger Künstler käme bei mir hoch, welche Unsummen aber flössen den andern zu; kein Lämpchen ließe ich mir je als ein Lumen aufschwätzen, also auch kein Talent, das sich zum Genie aufblasen möchte. Herr Pfitzner bewürbe sich also vergebens um eine Dirigentenstelle an meinem Theater, und gar Herr Weingartner, welcher die Wiener Philharmonie herunterbrachte, wage es nicht, vor mich zu treten. Ich verarge es heute noch der Pariser Kritik, welche ihn seinerzeit „un jeune dieu“ genannt hat. Denn nie hatten die Götter das Geringste mit ihm zu tun.
Ach, und was für schöne Häuser ich erbauen, was für Gärten ich anlegen ließe! was für prachtvolle Katzen würden meine Marmorbrunnen entlang schweifen!
Doch genug über meine Herrscherzeit.
Über Weingartner, dessen Überschätzung ich der Pariser Presse verdenke, fällt mir die Äußerung ein, die kürzlich ein Pariser, den ich nicht nennen werde, einem Deutschen gegenüber, dessen Namen ich gleichfalls unterschlage, gefällt hat: „il y a une chose, monsieur, que nous ne vous pardonnerons jamais, c’est de nous avoir forcés d’aimer les Belges.“
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Den Abend bei A. H. Pax verbracht. Bei ihm kann man sagen, was einem gerade einfällt, ohne Gefahr zu laufen, daß es entstellt in alle Winde hinauswirbelt. Dieser Vorkämpfer des Friedensgedankens, der mit so feierlichem Ernst seine Stimme zu erheben weiß, ist bei strengster Sachlichkeit der gemütlichste Mann der Welt, in dessen Atmosphäre man sein bißchen Humor und sein verlorenes Lachen auf Augenblicke rettet. Gestern sprach er zwar tief entmutigt über die vollkommene Unmöglichkeit, gegen den so geschickt angerichteten, so eifersüchtig gehegten und drinnen und draußen immer neu genährten Wirrwarr in den Köpfen der allermeisten Deutschen auch nur das geringste auszurichten. Plötzlich tauchte ein Nachmittag in München aus dem Sommer 1916, ein schattiger Garten, ein gedeckter Tisch, zwei Damen, die davor saßen, vor mir auf, und wie eine phonographische Platte spielte sich in hemmungslosem Bayrisch ein halbvergessenes Gespräch so getreulich in mir ab, daß ich mit einem Male alle Rollen in einer Person herunterspielte.
Wir brachen alle in ein schier trostloses Gelächter aus. Waren nicht ganze Generationen mit allen brauchbaren Argumenten des Scheins in ein Wirrsal gelockt, dessen Dunkel den Tag derer ausmachte, die es unterhielten, so daß sie jede anbrechende Helle augenblicklich verscheuchten?
Und mußten nicht fast alle Gehirne vermodern, ohne zu erfahren, was denn eigentlich los ist? Mit so teuflischem Geschick sind alle Ausgänge der Lügenburg zementiert, in welcher sie sich narren ließen. Unschuldig Betörte. War es nicht überall so?
Unter den Tagebüchern, welche an den deutschen Gefallenen vorgefunden wurden, erzählte neulich Abigail von der agence, seien manche sehr schöne zum Vorschein gekommen. „Warum veröffentlicht Ihr diese nicht auch?“ rief ich. „Nous n’avons“ sagte er, „qu’à nous occuper des atrocités.“
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Dafür, daß ich so viele Dinge nicht verstehe, werde ich mit den paar Gedanken, die mir im Kopfe sitzen, viele Jahre nach meinem Tode wahrscheinlich recht behalten, so zum Beispiel mit meiner Skepsis betreffs der Demokratie. Aber natürlich ist es für andere ärgerlich, das, was immer sie mich lehren, und was immer ich lerne, gerade nur eben jene paar Überzeugungen weiter ausbaut und nur ihnen zugute kommt. Jede Erkenntnis geht nun einmal bei mir auf Kosten einer ganz exemplarischen Unbegabtheit.
Es müßte einer blind sein natürlich, um an den Sozialismus und seine Unerläßlichkeit nicht zu glauben. Aber in Wirklichkeit ist heute keiner sozialistischer geworden, als er es von je gewesen ist. Es scheint nur so. Machen wir uns nichts vor. Wir haben uns den Sozialismus eingebrockt. Dank unserer Verkehrtheit nur ist er die einzig richtige Parole. Er ist kein Ziel, sondern ein Weg. Keine andere Brücke ist stark genug, uns aus unserer baufälligen Welt zu den neuen Ufern hinzutragen, wo die neuen Autokratien auf ganz neuer Basis sich erheben werden. Nur durch den Sozialismus, dieser fausse sortie aus einer Welt der Standesunterschiede, kommen wir zu einer neuen Welt der Standesunterschiede, der Herrenkaste und der Knechteschar.
Für diesen Glauben will ich mich gerne köpfen lassen, denn geköpft, sagen die andern, werde ich ja doch, entweder von rechts oder von links.
Mittlerweile bin ich viel zuviel unter Menschen. Es geschieht aus Trägheit und einer Art von Furcht. Denn bin ich nicht zufriedener allein und so viel weniger allein, wenn ich allein bin? Füllt sich dann nicht die Luft mit Geistern guter und hilfreicher Art? Und bin ich dann nicht umgeben?
28. FEBRUAR. Forsell als Don Juan: der Tod als Objekt der Kunst. Forsell ruft ihn und mißt sich mit ihm. Gewiß ist der Tod nur was wir aus ihm machen: der größte Individualist fürwahr! Welche Feigheit jagt mich so oft von mir selber fort zu den Menschen hin, oder hält mich ab, mich ihnen zu entziehen? Ist es das grauschleichende Verzagen vor jener eisigen Verlassenheit, in die wir eingehen werden? Hinter dem ganzen Geselligkeitstrieb der Menschen steckt ja viel mehr Todesangst, als man glaubt. Die einen fürchten sich vor dem Sterben, die andern vor dem Gestorbensein; auf dieses, nicht auf jenes gilt es, sich zu bereiten.
3. MÄRZ. Ich fahre nach Lausanne und gehe dann nach Ouchy hinab, eine Bekannte aus München zu besuchen. Beißend kalter Wind. Wir besprechen die letzte Affäre. „Das Schreckliche ist, daß immer alles aufkommt bei uns“, äußerte sie. So ein Pech! Im übrigen sagte mein guter Vater immer: „In der Politik gibt es keine Moral“; à qui la faute, wenn die Deutschen dies für ein unabänderliches Weltgesetz halten, so feststehend wie Tag und Nacht und die vier Jahreszeiten? gewiß an ihrer Gedankenlosigkeit, aber gewiß noch mehr an den Vorbildern, welche sie haben. In der Politik gibt es keine Moral. Sie sagen es wie: Ehre Vater und Mutter, oder: Du sollst nicht stehlen. Ihre Fantasie liegt ja nicht auf diesem Gebiet.
8. MÄRZ. Besuch des sozialistischen Reichstagsabgeordneten W. H. Er ist gegen den Unterseebootkrieg. Ich glaube, daß er unter dem Krieg leidet. Aber was mich an diesen Sozialisten so furchtbar erbittert, ist die Preisgabe des deutschen Volkes, auf das sie sich berufen, indem sie vorgeben, diese oder jene Konzession an die Gegner „ihm nicht zumuten zu können“. Vor August 1914 gab es kein friedfertigeres auf der Welt: wie die Posaune des letzten Gerichtes erscholl ihm der Schlachtenruf; es stand auf, und von da ab glaubte es alles. Wäre es unglücklicher und beunruhigter gewesen, man hätte es weniger leichtgläubig gesehen. Aber weil es sich belügen ließ, sollte es nicht auch noch verleumdet werden. Im Januar 1917 lauerte ich im Hause einer Bekannten dem damaligen Staatssekretär Zimmermann auf. Er trat ein mit der forschen Bonhomie eines Kegelklubpräsidenten, der mir jede Schüchternheit benahm, und als ich mit meiner Rede über die elsässische Frage zu Ende war, nickte er ganz kulant und bemerkte; „Wir müssen nur bedenken, was wir dem deutschen Volk zumuten können.“ „In vier Tagen haben wir es hineingelogen, vielleicht lügen wir es in acht Tagen wieder heraus“, sagte ich. Er schien kein bißchen choquiert. In der Politik gibt es ja keine Moral.
10. MÄRZ. Heute kam Herr v. Sch. mit der erstaunlichen und fatalen Eröffnung zu mir, daß sein Chef mich zu sehen wünsche. Herr v. Sch., den ich von London her kenne, hatte sich große Mühe um meinen Paß gegeben, und im ersten Schrecken fiel mir keine Ausflucht ein. Ich wagte nicht, es Fortunio mitzuteilen, der sicher dagegen gewesen wäre, sondern spielte wieder einmal mit dem Feuer und bat Aramis zu mir. Sollte ich wirklich über die Brücke von Kirchenfeld, so wollte ich keine Anspielungen darauf, sondern wünschte um so mehr, daß man es wisse, als man es ja doch wissen würde.
Aramis kam sofort zu mir. Wir verabreden ein paar sehr direkte Sätze, die ich während meines bevorstehenden Besuchs möglichst pointiert anzubringen hätte, und daß ich nachher zu ihm kommen würde, ihm die Wirkung jener Worte mitzuteilen.
11. MÄRZ. Sonntag. Das Wetter ist schön und warm. Die Sonne lacht bis in das Auto hinein, in dem ich neben Herrn v. Sch. Platz genommen habe. Schafwölkchen treiben so zuversichtlich am Himmel, und er hängt so hoch, daß ich nicht sogleich die leise Hoffnung unterdrücke, der Besuch würde am Ende doch nicht ganz resultatlos sein. Aber nichts von Sonne an Herrn von Rittersporn, vielmehr der Widerschein des sterbenden Tags. Ich hatte vor mir einen jener persönlich uranständigen, autoritätsgläubigen Deutschen strengster Observanz, die vor lauter Gewissenhaftigkeit und Loyalität und Treue und Ehrenhaftigkeit zur Vertretung der unehrenhaftesten Methoden unverbrüchlich auf dem Posten ausharren, ein Mann, der privatim gewiß nie eine Lüge sagte und nur offiziell und in Gottes Namen log. Mit seltsamer Distanzierung, als sei ich die Angehörige eines fremden Staates, fing er das ganze Weißbuch mit einer so deprimierenden Weitschweifigkeit an aufzusagen, daß wirklich nur das fehlte, was es selber wegließ. Er war bleich, müde, sichtlich schwer unter dem Kriege leidend. Endlich wurde er fertig mit seinem récital, und ich hatte das Wort in diesem großen, vielfenstrigen, hellen und doch so unfrohen Salon, in dem keine rechte Zuversicht aufkommen wollte. Zwar schien auch ihm die französische Frage vor allen andern am Herzen zu liegen, aber das Feuer, mit dem ich sprach, dünkte mir selber deplaciert. Hier ist ein Stuhl, schloß ich, faßte ihn mit beiden Händen und sprang auf, hier ist ein Tisch: nur eins ist heute wichtig auf der Welt: die Formel zu finden, welche es den Franzosen ermöglicht, in diesem Stuhle Platz zu nehmen! „Ich bin vollkommen Ihrer Ansicht“, sagte er. Und zum ersten Male schwante mir, wie wenig er vermochte. Auf Aramis übergehend, hob ich jetzt seine Beziehungen, sein Geschick, seinen guten Willen hervor, sowie die Chancen, die er als Vermittler bot. Hier jedoch fiel ein Schatten. Ich fand keinen Anklang. Es war die alte Kamarilla, ich merkte es wohl, vielleicht auf indirekte Umtriebe Telramunds zurückzuführen, aber auch Widerstände, Unsachlichkeiten. Ich hatte Carry mit Aramis zusammengeführt, ohne Parteinahme, weil es sich von selbst ergab, und man mißgönnte ihm den Vorsprung. Auch Carry war voll Ehrgeiz, aber er besaß Schwung, eine künstlerische Ader, Sinn für Kameradschaft, Ritterlichkeit. Man wußte, wie man mit ihm dran war. Auf seine Fehler wie auf seine Tugenden fiel das Mittagslicht. Il ne ment pas, hieß es auf gegnerischer Seite von ihm. Dies besagte so viel in Tagen wie den unsern! In der europäischen Literatur ungemein bewandert und von regstem Geiste, besaß er zudem eine glückliche und wohltuende Art mit Menschen umzugehen und hatte etwas Jünglinghaftes bewahrt. Selbst ein Mischling, war er rassenmäßig den andern lange nicht so fremd wie seine zünftigeren Kollegen.
Es war nahe an zwei Uhr. Vergebens mahnte man zu Tisch. Daß die Unterredung sich so in die Länge zog, unterstrich ihre Nutzlosigkeit nur noch mehr. Auf dem Heimweg, in dem schneidend kalten Alpensonnenlicht wurde es mir mit jedem Schritt bewußter. Die Aare floß so leuchtend blau wie vor zwei Stunden, als ich über die Brücke fuhr. Mutlosigkeit aber drückte mich in diesem Augenblick zur Greisin nieder. Wie eine Hundertjährige lehnte ich über das Geländer und sah zu den Kindern hinab, die wie besessen schrien. Dann raffte ich mich auf und rannte die kalten Schatten der Keßlergasse entlang zu mir hinauf. Plötzlich fühlte ich, wie verausgabt ich war, warf mich auf den Diwan und schlief ein. Aber um vier Uhr erwartete mich Aramis, und dies weckte mich beizeiten. Ich strich jetzt die Lauben auf der Sonnenseite hinauf. Oh wie deutlich ist mir der Schein, in dem sie lagen! Wie ein tobender Schmerz, der auf Sekunden aussetzt, riß er mich auf einen langen Augenblick in seinen Bann, tauchte mich schonungslos unter in sein Gold, ließ mich bewußtlos werden wie die uralten Häuserreihen, die es durchdrang: unempfindlich werden vor Empfindung.
Bei Aramis herrschte an diesem Vorfrühlingstage schon sommerliche Kühle. Eine leise Spannung lag in seinen Zügen, und die Wärme, mit der er mich begrüßte, kontrastierte doch recht seltsam mit dem Empfang, der mir vor ein paar Stunden zuteil geworden war. Was ich ihm aber zu sagen hatte, war so verdammt unwesentlich, derart neben hinaus, daß ich erschrak, indem ich es formulierte. Es ließ keine Spur von Bereitwilligkeit, ihn ernst zu nehmen, verraten. Und da es vollkommen zwecklos gewesen wäre, ihm etwas vorzulügen, durchschaute er natürlich die ganze rettungslose Sturigkeit, in die man ihm gegenüber sich versteifte.
17. MÄRZ. Abends bei Dätwyler im kleinen Zimmer mit Carry und Fortunio. Dieser entfaltet mir gegenüber eine aggressive, ja feindselige Haltung größten Stiles, die keinen Zweifel läßt, daß er von den Vorkommnissen der letzten Tage gehört hat. Heftige, immer heftigere Szenen auf dem Heimweg. Ich bebe vor Zorn und sehe ihn so haßerfüllt an, daß er erschrickt. Eine schlaflose Nacht krönt die Explosion.
Wie ungerecht war Fortunio! Wie falsch wurde ich hier gesehen! Im Juni wollte ich nach München fahren und dachte heute schon an das Schlößchen im bayrischen Vorgebirge wie an eine selige Insel. Waltete dann Telramund noch hier — soviel stand fest —, so kam ich nicht zurück.
Und ich suchte Trost, indem ich an das Schlößchen dachte, angelehnt an den ernsten Berg: an die lange hölzerne Laube mit dem hölzernen Gartensaal; wie von Adalbert Stifter für eine seiner Verlobungsszenen erdichtet. Und die Freundin selbst, die immer Werdende mit der weiten Note der Leidenschaft, wer, kam ihr gleich? Ging, blickte, lächelte, lebte sie ihren Tag von Jahr zu Jahr nicht Göttinnen ähnlicher? Wer kannte sie? Wie schön und insgeheim war unsere Freundschaft verkapselt! Wie verlor die innere Einsamkeit so manche Schärfe zwischen uns! Weil ich den Spiegel ihres Wesens unausgesprochen mit mir führte und sie es wußte, war ich, die immer Zusammenbrechende, ihr Halt. Wer vergalt mir dies hier? — Eine Fratze sah man statt meiner.
18. MÄRZ. Sonntag. Fortunio in dunkelblau und Strohhut holt mich ab, um nach Worb zu fahren. Es hat sich auf die Feindschaft von gestern wie ein neuer Friede zwischen uns aufgetan. Wieder liegt das Land in jenem schonungslosen Licht des Berner Oberlands, das, ich weiß nicht warum, in die Seele schneidet. Aber das Wetter war so warm und strahlend, daß man immer wieder innehielt, vor einer ersten Blume, ein paar Schafen, einem Hause. Wir sprechen heute in aller Ruhe über die Dinge, über die wir gestern stritten. Ich sagte ihm, daß ich manchmal mit der Sicherheit einer Mondsüchtigen Dachrinnen entlanglaufen müsse; wenn sie dann herunterfällt, ist es ganz und gar ihre Sache. — „Ich fürchte weniger, daß Sie vom Dach als zwischen zwei Stühle fallen.“ — „Aber das ist ja gerade mein Platz! Jeder von uns ist heute stärker sich selbst, handelt unweigerlicher seiner Natur nach als jemals zuvor, und ich habe es halt immer mit dem Vermitteln gehabt.“ — Er schüttelte den Kopf: „Es sieht nichts dabei heraus.“ Und weil auch ich davon überzeugt bin, beteuerte ich, sind es nur mehr Gelegenheiten, die sich mir aufdrängen, welche ich ergreife. Niemand hätte ungerner die Brücke passiert.
„Ich hätte es nicht getan“, sagte Fortunio.
„Es gibt Leute, die nicht dazu da sind, nein zu sagen. Zugegeben,“ sagte ich, „daß es die Belangloseren sind.“
Wir kehrten in ein dunkles, altes Gasthaus ein, und es gab wundervolles Brot, wundervolle Butter und ebensolche Marmelade. Wahrscheinlich war es heute auch in Deutschland schön, und die Menschen suchten das Freie dort wie hier. Es sei denn, daß sie es vorzogen, sich nicht hungrig zu laufen, da es ja in keiner Herberge etwas Richtiges für sie gab. Besonders die Kinder . . . so ist einem heute alles vergällt.
21. MÄRZ. Der Brief einer Deutsch-Amerikanerin, die sich auf der Rückreise nach New York in Zürich aufhielt, setzte mich in großes Erstaunen. Kinderlos, von Haus aus eine biedere Württembergerin mit steinschweren Augen, war sie, in Ermangelung jeglichen Ventils für ihre natürliche Schwermut, dem Okkultismus verfallen und ein Schreibmedium geworden. Sonst ohne andere Interessen — selbst während des Krieges — als ihren Mann, ihren Haushalt und allenfalls ihre letzte Häkelarbeit, paßte dieser vom Zaun gebrochene Brief — wir kannten uns kaum — in keiner Weise zu ihrem Phlegma. Wie kam sie zu meiner Adresse? — Sie schrieb mir, daß sie mich warnen müsse.
Zürich.
22. MÄRZ. Der Brief der schwäbischen Amerikanerin ließ mir keine Ruhe, und ich fuhr hierher. Am Berner Bahnhof kaufte ich Zeitungen für unterwegs. Sie waren alle von Berichten über Verwüstungen der deutschen Truppen auf ihrem Rückzug aus Nordfrankreich erfüllt: eine künstlich gestartete Agitation, dachte ich erst, um dem, in den letzten Wochen abflauenden Haß neue Nahrung zu geben und Öl in das abnehmende Feuer zu gießen. Denn leise, leise war von der Möglichkeit zu vermitteln die Rede gewesen. Da koppelten sich denn die Interessenten des Krieges zu neuen Präventivminen zusammen. Glich ihnen dieses nicht auf ein Haar? Aber zu meinem Entsetzen fand ich da jene Verwüstungen, und zwar mit unleugbarer Genugtuung als „militärische Notwendigkeit“ in den deutschen Blättern bestätigt. So war jenem so aufgerissenen und gemarterten Boden eine neue Schmach zugefügt, und ein genarrtes Volk gehorchte als sein eigener Henker den Befehlen, die ein Hut voll toll gewordener Idioten, „Oberste Heeresleitung“ genannt, ihm erteilte. Diese „militärischen Notwendigkeiten“! Oh, wieviel deutsche Landsmänner würden ihretwillen kläglich verderben! — Ein Sturm brach in mir los, um so heftiger nur, als er in Ohnmacht sich entfesselte und seinem Rasen nichts im Wege stand, als die Wurzeln meines Seins, an welchen er riß und, wilden Regentropfen gleich, kalte Tränen aus meinen Augen schlug. Stäupen hätte ich sie lassen mögen, diese Herren Befehlshaber, keine Strafe wäre mir jämmerlich genug erschienen für diese menschenunwürdigen Köpfe, deren Nasen kurz ausliefen wie die Schnauzen der Hunde, oh! ebenso unfähig wie Hunde den geistigen Gang der Dinge zu spüren! Und die erbärmlichen Blasen dieser infantilen Gehirne, durch ein Wunder des Teufels für wirkliche Felsengebirge gehalten, beherrschten und verrammelten heute als „militärische Notwendigkeiten“ alle Straßen der Welt! Nein! das war kein Leben! Es war nicht zu ertragen! Es war mir fremd das Geschlecht, das solche Dinge befahl und sich nicht scheute, sie auszuführen. Und ich war betroffen! und ich war mitgefangen. Mitgehangen war ich, ohne mitzugehen! — Der Zug lief in die Halle ein; die Passagiere verließen ihn. Hatte der Wahnsinn der Welt mir den Verstand geraubt? — Ich konnte mich nicht besinnen, weshalb ich da auf dem Zürcher Bahnhof stand. Er war von beißendem Nebel erfüllt, und mit hochgestülpten Kragen eilten alle dem Ausgang zu, während ich, den Mantel am Arme, im dünnen Kleide dastand, in unerträglicher Hitze und stürmisch bereit, aus dieser Welt, wie sie sich drehte, davonzulaufen. Ein Dienstmann fragte, wohin ich wollte, und ich sagte, daß ich es nicht wisse. Uralte Instinkte der Rachsucht und der Wildheit tobten in mir wie einst die Peitschen des Xerxes gegen das Meer! Ha! was wollten sie noch in der Weltgeschichte, diese verspäteten Hanswurste in dem lächerlichen Aufzug ihrer frisierten Helmbusche, ihrer aus gelbem Blech gedrehten Achselrollen, den zurückgeschlagenen roten Eselsohren ihrer Mäntel, ihren albernen Säbeln, gut für ein Possenstück, gut für ein Schaukelpferd, ein Ulk, bevor wir uns erniedrigten, davor zu zittern.
Wie es zusammenhing, daß ein fliegender Zeitungsstand die Erinnerung zurückrief, welche mir doch gerade die Zeitungen geraubt hatten, mögen andere erklären, ich telephonierte an Frau Eleonore Grell: sie war zu Hause. Aber auch ihr Gatte, Onkel Sam aus Mannheim, der flinke Geschäftsmann mit dem schnurrigen Schnurr- und Vollbart, befand sich at home. Er hatte sich das okkulte Getaste seiner Frau energisch verbeten und glaubte es infolgedessen längst unterdrückt. So trafen wir uns denn bei Huguenin, aber sie beteuerte mir, nichts anderes sagen zu können, als was sie mir auf ein inneres Drängen hin geschrieben hatte. Ich ließ ihr aber keine Ruhe und folgte ihr auf gut Glück in ihr Hotel. Und richtig war ihr Mann inzwischen ins Freie spaziert.
Wir setzten uns ans Fenster, welches die Limmat überhing. Der See, die Wolken und das ferne Bergland leuchteten im Abendschein grüßend und verträumt in dies hochgelegene Zimmer.
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Hier schalte ich für den Leser eine Warnung ein: die Unwirklichkeit spielt in diesem Buch so stark in die gröbste Wirklichkeit hinein, daß ich gerade die besten, an die ich mich doch wenden möchte, abzustoßen befürchte. Aber ich muß mich streng an die Begebenheiten und ihre Reihenfolge halten, und wenn ich nicht ebenso chronologisch das große Spiel der Schatten mit hereinbeziehe, ist dieses Buch nicht wahr.
Sobald wird ja der Okkultismus seine besondere Peinlichkeit gewiß nicht los. Denn für Namenloses ziehen da Benennungen mit großem Schwalle herauf, und geistiger Brechreiz ist die unweigerliche Folge. Wer sich heute auf den Weg zum Nichts aufmacht, ist jenen Steinklopfern vergleichbar, die auf ein fragliches Echo hin die Felsenwand behämmern, und mitten im treibenden Geröll Schutt ablagern, wo kein Liebhaber des Schönen seinen Fuß noch setzt. Und doch wird für ihn vielleicht die Straße hier gelegt, die nach dem dornenumwachsenen Reiche schaut, vor welchem Ferne, Wachstum und Allmählichkeit entstürzt. Denn ob dein Sarg noch auf den Schultern derer lastet, die ihn hinaustragen, oder ob deine Grabesinschrift seit Jahr und Tag verwitterte, ist gleich.
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Ich kehre zurück in das hochgelegene Hotelzimmer, wo wir auf einem roten Repssofa beim Fenster saßen, das die Limmat und den See und Ferne und Gebirge übersah. Von Heerscharen erfüllte sich die Luft. — Auf den Ruf welches Jagdhorns — uns Tauben nur unhörbar — eilten sie her? — Wie durchsickertes Gestein so schwoll die Stube an. War der Ansturm der Schatten das Neue, was es unter der Sonne gibt? — Aber schon war ich des einfachsten Denkens nicht mehr fähig: alle Poren des Gesichtes sanft gebläht, ergoß sich unaussprechliche Verlorenheit, ein hinträumen, unbeweglich wie ein Leben lang. Das Herz erstickte von all dem Sang und Braus. Kein Mißton trübte den unendlichen Chor. Ein Chor sage ich. Kein Ungebetener darin. Hier war die Sichtung: volles Orchester, nicht wie in unserer Mitte unreines dazwischenfahren, grelles übertönen eines unbefugten Soprans. Ausgekämpft!
Ganz versunken in den Vielen oder in mich, selbst? — (ich unterschied es nicht) — faßte ihr wissen und ihr begreifen das, ganze Herz. Des Mediums hatte ich vergessen. Mir zu Liebe, es ist wahr, doch auf sein Geheiß nur waren sie hergewallt, so dicht! so feierlich gedrängt! „Sieh dich vor, du kannst nicht wissen, du bleibst allein, oh!“ . . . stammelte die Feder.
Wozu war ich denn hergereist, wenn nicht sie zu vernehmen? Und nun dünkte mich dies so fremd und kindisch, ein Bilderbuchbegriff. Gab es denn im Scheine dieser wogenden Luft etwas wie eine Zukunft? Führte man sie nicht mit sich wie ein Geweih? Wuchs sie nicht an mit uns? War sie denn nicht der eigene Hauch, der eigene emporstrebende oder schwankende, flackernde oder in nichts zerrinnende Schatten? Stand sie nicht als der Wald, der aus seinen Tiefen unsern eigenen Ruf zurückhallt? — so die Völker, so der einzelne. Was immer ihnen glückliches oder grausames begegnet, jeden Zufall riefen, beriefen sie herauf. Wir nennen’s Zukunft! —
Frau Eleonore Grell hielt mir ein Blatt entgegen, das mit den Schriftzügen eines zehnjährigen Mädchens überzogen war. Es besagte immer dasselbe: Im Nu war alle Weisheit abgeworfen und die Furcht, die mich hierher getrieben hatte, wieder da.
Verwirre sie nicht, schrieb jetzt Eleonore, und als sie diese Worte gelesen hatte, legte sie augenblicklich die Feder weg. Nichts hätte sie vermocht, sie wieder aufzunehmen. Die Sitzung war zu Ende.
23. MÄRZ. Ich fahre nach Bern zurück. Fortunio kommt mir entgegen, und ich frage ihn, was von den Berichten über die Verwüstungen zu halten sei. „Die deutschen Communiqués geben sie ja selber zu,“ seufzte er, „sie brüsten sich sogar.“ Wir überschritten den Platz zum Kasino. Das Gebirge strahlte im vollen Ornat. Wir setzten uns ins Freie und starrten, Verbündete der Verzweiflung, ohne zu reden, vor uns hin.
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Fortunio fragte, warum ich in Zürich gewesen sei, und ich verweigerte die Auskunft.
24. MÄRZ. Auch meine vier Wände sind mir verleidet. Die Sonne scheint grell, verletzend, und nachts faßt mich der Schlaf nur wie eine Kranke, um mich zu erschrecken. Ein Gesicht wendet mir so gemarterte Augen zu, daß ich erschüttert frage: „Hast du Arme denn nicht ausgelitten?“ und fahre stöhnend auf, weil es nur der Reflex von einem Kummer war, den diese Augen spiegelten. Nur ein überschwängliches Mitgefühl.
25. MÄRZ. Gestern abend bei Fortunio war Abigail von der Agence, der hartnäckig am Thema der Verwüstungen festhielt. Auf dem Heimweg wurde er immer dringlicher. Logisch, folgerichtig wäre es, zu den Ereignissen Stellung zu nehmen; unvereinbar mit meiner bisherigen Haltung, wenn ich schwiege. „In der Tat!“ rufe ich in einem Tone, der bitterer ist als Galle. „Sie reden, als wüßte ich nicht, daß Ihr die Dinge glaubt, die Telramund Euch von mir sagt.“
Doch Abigail nahm alsbald seinen Vorteil wahr: „Sie haben es ja in der Hand, Ihre Freiheit des Handelns zu dokumentieren!“ Je mehr er mich in die Enge trieb, desto schwerer wurde mir zumute, hatte er mir doch meine eigenen Gedanken verraten.
„Es wird nicht gut.“ Und ich erzählte ihm meine Züricher Reise.
Er war mächtig interessiert. Ich ließ ihn trotz der späten Stunde zu mir herauf und zeigte ihm das Blatt Eleonorens. Es enthielt nichts, was ihm behagte. „Die Hand eines Kindes“, sagte er wegwerfend. Ich bereute schon, es ihm gezeigt zu haben, und wünschte ihn die Treppe hinab, riß die Fenster auf, als er gegangen war, und warf sie ruhlos, verlassen, gepeinigt wieder zu.
25. MÄRZ. Wie in aller Welt haftete Pech meinen zehn Fingern an? Aber ich täuschte mich ja! Es war ein Irrtum . . . ah, es war ein Traum, so lebhaft aber, daß ich mit beiden Händen in die Höhe fuhr.
Nachmittags bei der Fürstin, in der Hoffnung, ihre nüchterne Atmosphäre würde mir Ernüchterung bringen.
„Et la Calicie“, sagte sie. „Ah! ils se valent bien tous, allez!“
Mir wurde nicht besser, und ich ging.
Über der Kornhausbrücke hing sehr niedrig eine Mondsichel, so wunderbar ausgeprägt, so sprechend, so beseelt, so festlich!
27. MÄRZ. Nicht nur in meinem, nein, ich darf es sagen: mehr noch im Namen der vielen in Deutschland (oder der wenigen, gleichviel!), welche sich nicht äußern konnten, wollte ich gegen die neueste Kraftprobe der Herren Militärs protestieren, und es dabei genau so halten wie die oberste Heeresleitung, nur umgekehrt: das heißt mit eben derselben Arroganz über militärische Notwendigkeiten hinwegsehen, wie sie über menschliche und moralische. Meine Wohnung aber, meine Sachen, meine zurückgelassenen Briefe, ein gewisses Schlößchen im bayrischen Vorgebirge, das selbst mitten im Kriege so zauberhafte Kreise zog, dies alles sah ich vielleicht nicht wieder. Und, die Trennung von meinen Freunden, meine Geborgenheit? Hier war ich so fremd! Warum aber verhielt sich dies alles bleich, ohne Licht, unvorhanden, ohne Resonanz, da mir doch wohl bewußt war, daß es wieder in ganzer Kraft ausziehen würde? Wie jene rein umrissene und sehnsuchtsvolle Mondsichel, die gestern über der Brücke so tief am Himmel hing und ihn beherrschte. Was weiß er noch von ihr, sobald die Sonne brennt? So waren alle Beweggründe, die mich zurückhielten, von einer stärkeren Forderung entkräftet und verdrängt.
29. MÄRZ. Kaum war an diesem 29. März mein Protest an das Journal de Genève abgeschickt, als mir eines jener erprobten Warnsignale übler Vorbedeutung, die wie mit Hellebarden mein so ganz auf innere Stimmen angewiesenes Sein umstellt halten, auf einem Rad, als hätte es höchste Eile, entgegensauste.
30. MÄRZ. Schon verschieben sich sachte wie auf einer Wandelbühne die Kulissen: Verstummtes, Unterdrücktes belebt sich aufs neue, findet wieder Farbe und Gestalt.
31. MÄRZ. Eine Antwort. Schon! — „Die vielen Zuschriften, der Raummangel . . . meinen Brief jedoch gedächte man zu bringen.“ Es steht nichts von einem Termin. Aber ins Ungewisse ertrage ich diesen Zwiespalt nicht. Morgen fahre ich nach Genf zu Romain Rolland.
1. APRIL. Sonntag. Unter strömendem Regen bin ich nach Champel gefahren. Rolland wußte schon, warum ich kam. Er war zufällig auf der Redaktion gewesen, als mein Brief dort eintraf, hatte ihn gelesen und war unbedingt für dessen Veröffentlichung.
Ich sprach dann beim Journal de Genève vor und erwirkte, daß der Protest am übernächsten Tage erscheinen würde. Somit war die Sache erledigt, und ich ging.
Das Wetter hatte plötzlich umgeschlagen. Es wehte eine schneidende Luft, aber See und Himmel strahlten in frühlinghafter Bläue. In mir derselbe jähe Szeneriewechsel.
Ein erstickend schwerer Vorhang riß magisch in die Höhe. Nicht der Salève, der sich hier an allen Straßenecken türmte, sondern die bayrischen Berge in ihrem seelenvollen Dunst und ihre Waldungen verstellten mir den Weg, und die betrübten und bestürzten Mienen meiner zurückgelassenen Freunde. Es war die Trennung von ihnen, das Exil. Drüben im Vorgebirge das Schlößchen, das wie eine selige Insel auf dem dunkeln Meer dieser Zeiten träumte, die schöne und musenhafte Freundin, die mich dort erwartete, die dort verbrachten Herbst- und Sommerwochen.
Tausend Erinnerungen setzten sich wie Trauerglocken in Bewegung. Oh teuer erkaufte Ruh!
4. APRIL. Bern. Abigail besucht mich; sehr gespannt. Ich sage ihm, wie Rolland, den er immer anschwärzt, sich verhielt.
5. APRIL. Der Protest ist heute erschienen. Ich kaufe das Blatt, ohne den Mut zu finden, es zu entfalten.
* *
*
Ich übergehe die nächsten Tage. Diese Aufzeichnungen sind ja nicht verfaßt, um Gemütsbewegungen zu schildern. Ganz andere Zwecke verfolgt dieses Buch. Auch ist die Zeit nicht mehr, und man wird härter. Nur im Hinblick einer Einsicht, einer Erkenntnis, wo Erfahrungen mit immer verstärkter Deutlichkeit den Charakter des Lebens kennzeichnen und Kommentare stellen zum Schicksal überhaupt, dürfen wir dabei verweilen. Kein größerer Wahn als der, zu glauben, man kenne das Leben, um es ausgekostet, sich mit allen seinen Genüssen, Schrecknissen und Abenteuern vertraut gemacht, viele Männer oder Frauen gekannt oder geliebt zu haben. Es starb so mancher ahnungslos dahin, welcher die ganze Welt bereiste. Auch nicht wer Gefahren überstand, nein, sondern wer die Gefährlichkeit des Daseins, dessen Gefährdetheit durchschaute, die wie ein giftiger Trank sich unablässig bereitet und immer die Hefe zurückläßt, um sich neu zu mischen, nur wessen Auge geschärft wurde für die Schatten, die im Tageslicht aufpassen, nur der weiß über diese Welt Bescheid, und in ihm lebt das Bewußtsein — bitter wie die Aloe —, daß er umsonst gelebt hat, wenn die Schule, durch die er ging, anderen nicht zur Lehre dienen wird.
Das erste war übrigens, daß mich die Fürstin ans Telephon rief: „C’est désastreux! quelle folie!“ sagte sie unverblümt; und als ich sie besuchte: „Je dis ce que je pense, mais est-ce que j’écris, moi? — Pas si bête!“ empfing sie mich und kochte mir mit heftigen Bewegungen Kaffee.
Dann aber kam Besuch: eine offiziöse Engländerin, deren Mann mit atrocités allemandes einen schwunghaften Handel trieb, und ein russischer Diplomat von professioneller Verlogenheit, die mir Komplimente machten und mich einluden. Wie schwül mir da wurde! Nein, so war es nicht gemeint, und ich gehörte nicht hierher! Nicht hierher und nicht dorthin. Bevor die Fürstin mich mit einer ihrer Brüskerien zurückhalten konnte, war ich ausgerissen und die Treppe hinabgeeilt.
Fortunio, der mir auf der Straße begegnete, nahm dieses typische Palaceerlebnis von der komischen Seite und lachte. Wir saßen zusammen, als Telramund im biederen Pelzrock, an seiner Rechten die Menschenfresserin von Hokusai, mit jener so charakteristischen Verleumderwärme, die unbedingt etwas anderes scheinen möchte, auf uns zueilte. Seine Hand weit entgegenstreckend, brachte er mir rückhaltlose Schmeicheleien zu herzhaftestem Ausdruck. Fortunio, welcher fühlte, wie bitter sie mir mundeten, lenkte das Gespräch auf andere Dinge.
13. APRIL. Den Abend mit Fortunio und Abigail verbracht. Wir sprachen von Träumen. Abigails sehr spekulatives Gehirn kann sich in so feinen Windungen verlieren, daß es sich beizeiten von seiner höchst stofflichen Person vollkommen losgelöst darstellt. Plötzlich, mitten in einem Satz, den er sagte, lebte ein geradezu abscheulicher Traum der vergangenen Nacht in mir auf, und schon begriff ich nicht mehr, daß ich mich jetzt erst auf ihn besann, unterbrach aber sofort das Gespräch, um ihn zu erzählen. — „Achtung!“ rief ich, „so etwas Widerliches habt Ihr noch nicht gehört:
Ein Mann, von dessen schwarzem, fettem, unbeschreiblich schmutzigem Haare dichte graue Schuppen auf seinen Anzug regneten, war dicht an meine Seite getreten. Dabei zog er mit einem Kamm durch diese Strähne von nie dagewesener Schmierigkeit, so daß der graue Regen immer dichter fiel. Ich rückte unwillkürlich von ihm weg, da fuhr er weitausholend mit diesem treibenden Kamm in mein eigenes Haar, ich fühlte ihn noch darin stecken und erwachte vor Ekel.“
Fortunio schwieg. Auch der zu Kommentaren schnell bereite Abigail äußerte sich mit keinem Ton.
„Es steht mir natürlich etwas höchst Widerwärtiges bevor!“ nahm ich selber auf. Auch diese Bemerkung weckte kein Echo. — Man ging auf konkrete Dinge über. Es wurde spät. Fortunio erwähnte das neue Blatt, welches Telramund schon in den nächsten Tagen zu starten gedachte und wie jemand, der sich ungern etwas zu sagen entschließt: „Er, beabsichtigt übrigens, eine Übersetzung Ihres Protestes in seiner ersten Nummer abzudrucken.“
„Was fällt ihm ein!“ rief ich. „Das kann er nicht.“
„Er kann es schon“, sagte Fortunio.
„Die Friedenswarte bringt sie.“
„Er will ihr zuvorkommen.“
„Ungefragt? Ohne sie nur zu zeigen?“ fuhr ich im lichterlohen Zorne auf. „Sie sind Zeuge, daß er mir nichts von einer solchen Absicht verriet, als er vorgestern zu uns stieß. Ich figuriere nicht in diesem Blatt.“
„Fassen Sie sich doch!“ sagte Fortunio.
„Nein, ich fasse mich nicht. Oh Fortunio!“ rief ich, „oh mein Traum!“
„Schreiben Sie ihm halt.“
Ich ließ sofort das Nötige herbeischaffen und schrieb zitternd vor Aufregung, was er mir diktierte. Dann brachen wir auf. Der gänzlich verstummte Abigail blieb an unserer Seite. „Die Gefahr ist natürlich,“ bemerkte Fortunio, „daß der Brief zu spät eintrifft.“
Dies sagte genug. Er wußte mehr. Meine Empörung, meine Wut steigerte sich mit jeder Sekunde. Je ungezügelter ich mich über den Charakter des bevorstehenden Blattes ausließ, desto reservierter wurde Fortunio. Je mehr ich sah, daß er sich ärgerte, desto mehr ärgerte ich mich über seinen Ärger. Der meine richtete sich besonders gegen Abigail, dessen Schweigen mir mißfiel. Nicht das Ungestüm, mit welchem ich auf den mir zugedachten Schlag reagierte, sondern die ausgemachte Tücke desselben schien mir das wesentliche, was unbedingt eine Parteinahme für mich verlangte. Auf eine solche ließ jedoch nichts in der, all die letzten Tage so überschwänglich gewesenen Haltung Abigails schließen.
Oben in meinen sorgfältig geschmückten, aber von Telramund behexten Räumen, in welchen ich noch nicht eine einzige frohe Stunde verlebt hatte, noch fernerhin erfahren würde, brach ich in helle Flammen der Verzweiflung aus. Dies also war das Resultat! Zu diesem Ende also hatte ich die Worte, zu welchen ich glaubte, mich entschließen zu müssen, so bang gewogen, so behorcht. War ich dafür bis an die äußerste Kante einer abschüssigen Stelle vorgetreten, so weit, als mein Fuß noch Boden unter sich fassen konnte, um hinterrücks diesen Stoß zu erhalten? Denn was für eine Übersetzung und zu welchem Zwecke sie fabriziert wurde, wußte ich genau. Am Arme Telramunds, dieses Verräters, sollte ich an die Öffentlichkeit. Ich hatte mich, es ist wahr, vom Anfang des Krieges an zur Opposition geschlagen. Aber sie galt seinen Anstiftern und deren verworfener Gefolgschaft. Das Volk selbst tat mir unabänderlich leid. In meiner, von kalten Wirbelwinden der Abneigung durchsackten und durchkreuzten, aber dabei tiefen Liebe zu Deutschland, lag das Band zwischen Fortunio und mir. Oft sprachen wir davon. Und dünkten uns allein. Gerade unsere gallische Seite setzte uns ja auf Grund unserer Abgerücktheit in Besitz des Spiegels, den die unvermischt Deutschen nicht führen. Ihr Nationalismus ist ja Import, ihr Fremdenhaß unecht, imitiert, immer bereit, wie Mörtel von ihnen abzufallen. Im übrigen ist die Gefahr derjenigen Deutschen, welche Selbstkritik üben, viel eher, daß sie erstarren. Wenn es kein französisches Wort für „Gemüt“ gibt, so gibt es noch weniger ein deutsches Wort für „affectueux“. Die Deutschen — und das ist es, was einem oft an ihnen erbarmt — sind nicht imstande, sich im geringsten zu hegen. Weil jede Nation seine so typischen Unholde hat, war Telramund, allen deutschen Germanophoben voran, gerade in dieser Germanophobie ein so typischer Boche. Jedenfalls durfte der Mann von Glück reden, daß sein und seiner Gesponsin Leben an diesem Abend nicht in meine Hand gegeben war. Statt dessen war es ihr Trick natürlich, welcher aufs beste gelingen mußte, und weit entfernt, daß die beiden verdienterweise und auf meine Order hin vor Sonnenaufgang baumelten, haftete meinem Frühstückstablett am Morgen dieses 14. April die erste Nummer der Telramundschen Zeitung an. Sie umfaßte vier Seiten. Alle Beiträge waren anonym. Nur mein fettgedruckter, im Reporterdeutsch übertragener Protest trug meinen Namen. Ich übergehe den Zorn, mit dem ich diese wüste Revolverprosa las, welche hier als meine eigene stand; wie vortrefflich war dabei ihre Wirkung auf mich selber berechnet! Denn die Feindschaft von Leuten wie Telramund ist wie mit tausend Augen auf uns gerichtet, mit tausend Fühlern in uns verbissen. Sie kennen ja die Ablenkung ins Reich der Ideen nicht! Sie spinnen keine eigenen Gedanken! Ich Törin hatte, wie über einen Witz, lustig darüber aufgelacht, daß Telramund meinen Protest als eine „Manoeuvre allemande“ bezeichnet hatte, ohne zu erwägen, daß er natürlich auf Mittel und Wege sinnen würde, dies zu bekräftigen. So galt es denn, mich gewaltsam über die Linie zu ziehen, die ich mir selbst gesteckt hatte. Dies ergab sich ohne weiteres durch den gehässigen Ton der Übersetzung. Das andere würde ich schon selber besorgen; denn daß ich reagieren, ja mich hinreißen lassen und ihm in die Hände arbeiten würde, wußte niemand so gut wie dieser ausgezeichnete Kenner meiner Person. Ja, es kam noch besser für ihn, als er wohl dachte.
Fortunio, den ich sofort benachrichtigte, ließ mir sagen, er könne mich erst gegen zwölf Uhr sehen. Dies war mir viel zu spät. Gleich, in einer Viertelstunde, bevor noch irgend jemand auf die Gasse trat, mußte meines Erachtens etwas geschehen. Wahn! überall Wahn! In der Redaktion des Bundes bestand ich darauf, daß meine Verwahrung sofort in der nächsten Nummer stehen müsse. Es wurde mir versprochen. Immer noch war es Morgen. Rückte denn heute die Zeit nicht vor? Alle Hauptstraßen meidend, kam ich im Sturmtempo zu Fortunio, ihm das fait accompli mitzuteilen.
Wenn es wahr ist, daß kein Sperling versehentlich vom Dache fällt, nun dann steht gewiß auch ein jeder unserer Tage unter einer bestimmten Konstellation, und mein Unstern feierte gerade seinen Mittag. Fortunia, die auf der Treppe stand, empfing mich mit einem unglücklich gewählten Wort. Schließlich war es ihr Haus, ich konnte sie nicht niederstoßen. An ihr vorbei, geradeswegs in Fortunios Arbeitszimmer, der die Mitteilung von meiner zu erscheinenden Notiz mit einer Kälte aufnahm, die mich unsagbar erbitterte. Hier bin ich fehl am Ort, dachte ich, und nahm eilends Abschied. Auf der Straße war es kalt. Ich sah mich um: sie war leer. „Ich bin verraten“, sagte ich laut. Ich hatte nur ein paar Schritte bis zum Haus, in dem ich wohnte. Die Hand vor den Augen haltend, als sei mir etwas hineingeflogen, eilte ich die Treppe hinauf und schloß mich ein.
15. APRIL. Telramund (immer anonym natürlich) veröffentlicht eine hämische Erwiderung auf die meinige. Meinen französischen Text und seine Übertragung würde die nächste Nummer seiner Zeitung zusammen abdrucken. Der Leser möge sich dann selbst ein Urteil über mich bilden. Ich sofort wie eine Windsbraut, auf Flügeln des Zorns, in die Redaktion mit einer „Schlußerklärung“. Auch diese wollte ich sofort eingerückt sehen.
Daraufhin vertiefte sich das Waldesschweigen um mich her. Fortunio war ohne ein Wort nach Lugano abgereist. Ich begriff es nicht. In meiner Unkenntnis alles dessen, was mit Partei- oder Presseinteressen zusammenhing, wollte mir ein Überblick der besonderen Situation nicht gelingen. Ein paar Dinge sah und erkannte ich mit unbeeinflußbarer Sicherheit, gleichsam durch ein Brennglas, mußte aber jede Einsicht mit einer Unzulänglichkeit überzahlen, jedes Überbieten mit einem Versagen. Wer mich für dumm erklärte, dem hatte ich von jeher meinen Segen gegeben. Es will keine Geographie in meinen Kopf; vergebens starre ich auf einen Globus; ein Morseapparat bleibt mir ein unergründliches Geheimnis; in scheuer Bewunderung starre ich während einer Panne auf die Mechanikerkünste des Chauffeurs, und so teilnahmslos ist gewiß kein Mensch, daß er, ohne mir beizustehen, zusehen könnte, wie ich meine Koffer packe. Durch Vorzüge, wie durch Mängel isoliert, muß ich mich selber auf mich nehmen wie ein Kreuz. Es kann geschehen, daß ich vom Blatt begleite auf eine Weise, die jeden Musiker empfinden läßt, welche Entbehrung es für mich ist, ohne Musik zu leben, und mir selbst wird zumute gewesen sein wie einem plötzlich freigelassenen Pferd, das über eine Ebene voll Sonnenlicht und Schatten fliegt. Nichts kommt seinem Rausche gleich. Von solchen Augenblicken wahren Lebens erwache ich zum Tode des Alltags wie ein Gefangener aus seinem Freiheitstraum. Gerade nach solchen seelischen Abenteuern aber wird es am leichtesten vorkommen, daß ich mit einer aufgeregten Hilflosigkeit, viel eher eines Dorftrottels, als meiner würdig, nach meinen vergessenen oder verirrten Habseligkeiten suche, und keiner der Musiker von vorhin würde mich wiedererkennen.
* *
*
21. APRIL. Besuch Abigails. Oh nichts von Komplimenten mehr! Nichts mehr von „femme exquise“. Wir prasselten uns Vorwürfe, groß wie Taubeneier, ins Gesicht. Meine Schlußerklärung sei eine Abschwächung gewesen. Ob dies der Moment wäre, zu sagen, daß es Boches in jedem Lande gäbe.
Es sei die Wahrheit.
In der Tat hätte ich die richtige Gelegenheit ergriffen, dies zu äußern.
„Ihr habt ja meinen Protest als eine manoeuvre allemande angesehen.“
„Cest donc une vengeance“, sagte er, indem er sich zum Gehen anschickte. Ich eilte zur Tür, und, vor ihr aufgepflanzt, gedachte ich das letzte Wort zu haben, als mir plötzlich ein Licht aufging, auch Fortunios wortlose Abreise mir erklärte. „Sie haben das Wort ‚Abschwächung‘ gebraucht“, sagte ich, „und werden dieses Zimmer nicht verlassen, bevor Sie mir selbst, geholfen haben, einen Nachsatz aufzusetzen, der jede Möglichkeit einer solchen Auffassung ausschließt. Alles andere ist mir im Augenblick egal.“
Mein Entschluß einer neuen Bekräftigung konnte ihm nur erwünscht sein. Es setzte ihn in den Stand, zum zweiten Male Heu einzufahren, nachdem das erste verregnet war. Zum dritten Male schlug ich nun den Weg in die Redaktion des „Bundes“ ein. Nicht mit Unrecht wurde ich aber dort darauf hingewiesen, daß sich eine Schlußerklärung mit keinen neuen Erklärungen vertrüge. Ich führte mit aller Vehemenz dagegen aus, sie sei für mich Ehrensache, und setzte endlich ihre Veröffentlichung durch. Natürlich mußte sie wieder auf der Stelle her.
Daß hiermit ein Loch an Stelle eines Fleckens trat, war mir zwar klar. Und nach der deutschen Seite hin verschlechterte sich natürlich meine Situation, war eine Herausforderung mehr. Doch auch die formvollendetste Blamage durfte ich in diesem Augenblick riskieren, nur nicht, daß behauptet werden durfte, ich liefe vor meinem eigenen Mute davon. Ich war froh, daß jetzt um mich her eine solche Leere bestand, und niemand in Sicht, der mir einen Rat erteilen konnte. Denn der Fall lag allzu klar. Hier war es nicht le ridicule qui tuait.
23. APRIL. An der Schnelligkeit jedoch, mit welcher jetzt meine Stimmung umschlug, merkte ich den Stoß, den mein Gleichgewicht erfahren hatte: meine Gemütsverfassung war eins mit dem herrschenden Wetter: Regen, Finsternis, zerrissenes Gewölke, Himmelsblau, Sonne und wieder Sturm und Schnee. Kurz entschlossen löste ich eine Karte, um einer Aufforderung A. H. Paxens nach Lugano zu folgen.
Abigail, der sich nachmittags bei mir meldete, war sichtlich erfreut über die inzwischen schon erschienene Notiz. Aber ich hatte jetzt reichlich genug von der leidigen Geschichte, deren dickes Ende ja noch bevorstand, denn bis jetzt hatte noch kein deutsches Blatt auf meinen Vorstoß reagiert.
23. APRIL. In Luzern unterbreche ich meine Fahrt und steige im Hotel Tivoli ab, bei Glasenfrosts.
Warum aber fallen nachts Felsenblöcke über mich hin? Warum sehe ich einen Baum an einem unsichtbaren und doch so verzehrenden Feuer verbrennen, daß er im Nu nur ein Gerippe ist von einem Baum? Ohne Flamme und ohne, daß ein Blitz ihn traf, nur ein gespaltener Stamm?
Warum stürzt von zwei Leuchtern der eine mit herabgebrannter, erloschener und tränender Kerze zu Boden? Eine trübe Bildersprache, die ich in diesem Jahre noch nicht entziffern sollte.
Um Mittag fahre ich weiter. Jenseits des Gotthard gerät der Himmel ins Lachen. Er findet offenbar die Welt noch schön. Tröstlich prangende Blütenhänge und endlich, tief unten, das hingezauberte Blau des Sees, einem verliebten Abendhimmel hingegeben. Und die Bäume stehen hier wie sanfte, begütigende Bräute.
Der Weg nach Paradiso ist holperig genug, auf den Bergen oben leuchten feurige Spieldosen auf. Die Natur ist ein Zwischenakt mit Verwandlungsmusik, und die Nachtluft wird von Amoretten hingetragen. Oh Plansee im bayrischen Gebirg! Du See auf dem Plan, so hoch oben im Wind! Warum schwebst du, Verwunschener, mir vor? Vor mir liegt lächelnde Erfüllung. Du aber bist unbegrenzte Sehnsucht und Verweigerung.
Ein nachgesandter Brief von ihr, die von jenen Bergen spricht, hatte mich in Luzern ereilt. „Bald kommt der Sommer, schreibt sie, rücken wir ihm vor. Der Flügel wird schon in der Halle aufgestellt, die Schwalben fliegen gewiß schon ein und aus.“
Die Droschke rollt jetzt auf glatter Fähre den See entlang.
25. APRIL. Fortunio, welcher von meiner Ankunft bei Paxens erfahren hatte, kommt, verfehlt mich, telephoniert und bittet mich zum Tee.
Ha! denke ich, diesen Tee soll er sich merken bis in sein achtzigstes Jahr. Mit vielem Bedacht staffiere ich mich zu diesem Wiedersehen heraus, um die Meinung, die ich mir von seinen Ritterdiensten gemacht habe, möglichst wirkungsvoll zu unterstreichen.
Wie dem auch sei, ich trug an diesem Tage ein, wenn auch nicht neues, so doch neu beschlagenes Kleid mit halblangen, weit auslaufenden Ärmeln. Weiße Besätze, federleicht und schwarz besäumt, schlossen sie am Ellbogen in zwei Reihen ab. Zwischen ihnen lag wieder eine Spanne Stoffes, den sie ein wenig heruntergezogen, denn so dünn ihr Gewebe war, durch ihre Fülle beschwerten sie ihn doch. Beim Gehen glockten sie ganz leise ab und zu und hingen dann still, bevor sie sich von neuem bewegten. Es war in der Tat ein sehr rhythmisches und geglücktes Ärmelpaar. Vor allen Dingen aber — andere mögen dies gewiß auch schon beobachtet haben — können wir von einer „geistigen Schminke“ angeflogen werden, chimärisch wie jene, welche die Kosmetiker bereiten — denn auch sie, wenn sie von uns fällt, läßt uns fahler, aufgeriebener als zuvor. — Indes gewährte ich den ausgestandenen Nöten der vergangenen Tage ihr beredtes Schattenspiel, ja ein selbstbewußter Schleier chiffrierte noch ein übriges dazu. Also gepanzert, höchst intangibel und durchaus bestechend ging ich, die ihm zugedachte Szene wohl im Kopf, gewandten Schrittes, als hätte ich soeben meine besten Erfolge hinter mir, auf ihn zu.
Es gehört jedoch irgendwie mit zum Leben, daß im geringfügigen, wie im großen die Dinge anders verlaufen, als man sie erwartete.
Zwar in der Tat eilte da Fortunio wie mit neubeschwingter Freundschaft mir entgegen.
Seine Sympathie, erklärte er dabei, hätte nun wirklich die Feuerprobe bestanden.
„Wie meinen?“
Da nicht einmal die desaströse Erklärerei im „Bunde“ vermocht hätte, daran zu rütteln. „Sie kennen die letzte nicht“, erwiderte ich mit der erkünstelten und flackernden Würde einer Überrumpelten.
„Was!?“ schrie er entsetzt und fuhr mit den Armen in die Luft. „Noch eine?!“ Unglücklicherweise mußte ich lachen, und da mir dies seit drei Wochen nicht mehr vorgekommen war, hielt ich nicht sogleich inne, sondern geriet ins lachen, wie einer ins laufen gerät, und ehe Fortunios Arme sich wieder gesenkt hatten, war er angesteckt. Es gab kein Aufhalten mehr. Lachraketen stiegen jetzt in die verblaute Luft, in einer vor Wonne irrsinnigen Natur. Wäre ich zehnmal bedrückter noch gewesen, ich hätte gelacht.
Bald fingen denn auch die Berge wieder an, ihre funkelnden Spieldosen aufzuziehen. Nicht einmal nachts wollte diese Landschaft zum Ernste gelangen; des Krieges selber schien sie zu spotten. Wer hatte denn recht, wenn nicht die Bäume hier am Strand des Sees, die ihre Düfte einander zuhauchten und vertauschten, und wenn sie welkten, wieder erblühten, und wenn sie verdorrten, andere dafür erwuchsen. Es war mir ein Schlag ins Wasser geglückt. Und was dann?
Ich zog Fortunio mit in den Kursaal, sah den Dämchen zu, wie sie tanzten, gewann sechs Franken und verlor deren zwölf.
* *
*
Und nunmehr ging ein Tag blitzender als wie der andere auf, und wie in einer leuchtenden Schale der Vergessenheit zerfloß der See. Vergiß! Vergiß!
Es hinderte nicht, daß ich Fortunio bei Gelegenheit das alte Leitmotiv vernehmen ließ, solange Telramunds im Hintergrunde säßen, sei jede Aktion, jeder Versuch, dem Haß entgegenzuwirken, im vornherein eine gescheiterte Sache. Er ist für das „abwirtschaftenlassen“ solcher Elemente, und ich nicht. Denn bis sie abgewirtschaftet haben, ist ja zuviel verdorben, aufgehalten, zugrunde gerichtet. Fortunio, in vielen Dingen weit beschlagener als ich, sieht nicht, wo ich erfahrener bin als er. Gewiß sind ihm die Götter hold. Taucht er unter, so fischt er gleich etwas Schönes, hält’s gegen das Licht, freut sich des Prismas und läßt sich von den Wellen schaukeln.
Die paar Meinungen dagegen, die mir unverrückbar im Kopfe horsten, muß ich zu Markte tragen, und habe keine Ruhe. Muße bleibt Müßiggang für mich, solange ich sie nicht formulierte. Und die Aufgabe ist doch so schwer, daß ich vor jedem Anlauf von neuem zögere. Bis mein Tagewerk gelingt, sofern es mir gelingt, wird der Abend für mich herangebrochen und meine Gastrolle in dieser zweifelhaften Welt ausgespielt sein. Sollten meine Bücher mich überleben und ich selber wiederkommen, so lese ich sie vielleicht, und vielleicht wird mir dabei etwas sonderbar zumute. Ein Dirigent möchte ich dann werden. Regieren möchte ich!
Die erste Katze möchte ich sein, die keine Vögel mordet. Ich bin in diese beiden Tiere vernarrt und wünschte, sie schlössen Frieden.
Um auf Fortunio zurückzukommen: darüber sei man sich vollkommen einig, sagte er, wie Telramunds Verfahren mir gegenüber zu qualifizieren sei.
Warum ergriff denn keiner meine Partei?
Er zuckte die Achseln, wie jemand, der es aufgibt, etwas zu erklären. Gerade dieses Achselzucken aber gab mir endlich voll und ganz zu verstehen, mit welch unsäglich trübem Wasser in Politicis gekocht wurde; so zwar, als müßte es so sein. Diese Notwendigkeit war es gerade, die ich mich anzuerkennen weigerte.
Ich kann gar nicht aussprechen, wie grausam mich der Plan von einem „Zusammenschluß der Geistigen“ anlächert . . . Wie sollte ein Zusammenschluß der Geistigen zustande kommen, da noch ganz und gar kein Zusammenschluß gegen die Ungeistigen besteht? Ach, kennt ihr Geistigen die Welt noch immer nicht? Was redet ihr groß von eurem Zusammenschluß? Sprecht von Aufgebot, von einem Kampfesruf gegen den Zusammenschluß jener, denen alle Waffen zu Gebote stehen, welche die Gemeinheit führt, dem einzigen Zusammenschluß, der sich bisher verwirklichte, denn dort gebietet der Verworfene über den Verworfeneren, und der Verworfenste ist es, der das Zepter schwingt.
Sprecht von Ausschluß, sprecht von Sorge. Davon sprecht, daß es keine gute Sache geben kann, solange schlechte Elemente sich zu ihr bekennen dürfen, um sie zu untergraben, ist doch an ihrer eigenen nichts mehr zu verderben. Zum Zerstören aber sind sie da.
Gelänge es mir, auf diese noch immer nicht genügend beachtete Beschaffenheit der Dinge die Aufmerksamkeit zu lenken, ich hätte nicht umsonst gelebt. Ich weiß ja, wie sehr mein Scharfblick auf Kosten von Kurzsichtigkeiten geht. Welche Pein ist das! Ich stürme nicht voran, ohne über das Nächstliegende zu stolpern. Von ausgemachter Selbstherrlichkeit, wo ich meiner Sache sicher bin, unheilbar blöde, unheimlich schlau, so harmlos, daß man kichert, so gerissen, daß man mir mißtraut . . .
27. APRIL. Ein Berliner Kriegsgewinnler, den Paxens von Wien her kennen, meldete sich bei ihnen zu Besuch. Der erste, dem ich mit Bewußtsein begegne. Nie habe man bei Hiller so gut gegessen, nie bei Borchard soviel Champagner getrunken. Die Welt habe jetzt die deutsche Faust kennenzulernen. Was Ludendorff befahl, sei unbesehen das Richtige, und keine Kritik gestattet; (das galt mir!) Gott, wie gemütlich man hier beisammen säße, während die Völker einander schlachteten. (Dies sagte er, wie man am warmen Kamin vom Schneesturm spricht, der draußen wütet.) Allen könne es nicht gut gehen, bemerkte er auch. „Schweigen Sie“, rief Frau A. H. Pax. Er guckte etwas verdutzt. „Das ist ja schrecklich mit unserer Valuta“, lenkte er dann ein. „Und mit der geistigen erst!“ fuhr A. H. Pax dazwischen.
Kunstwerk der Zukunft.
28. APRIL. Heute früh bin ich in einer Messe gewesen. Aber welche Messe! In einem sehr alten, dem See gegenüberliegenden und köstlichen Bau: Traumhafte Fresken, das übrige mit roten, langverjährten, rosagewordenen Damasten ausgeschlagen. So gut wie leer. Die Schellen, die der Ministrant in Bewegung setzt, erklingen abgetönt und sind gewiß aus Silber, Weihrauchwolken steigen vom Altar. Dunkel — nein nicht dunkel, von einer lichten Penombra wie eine bedeckte Vollmondnacht, ohne Orgel und Gesang, und dennoch brausend, unendlich groß, ja wie zum Firmament — (wie wurde mir?) weitete sich das stille und verlassene Haus und schwamm im All.
Endlich wieder eine schöne Kirche. Die in Bern hatte ich aufgeben müssen, denn so war die Messe wirklich nicht gemeint. Als ich aber jetzt durch die schwerbehangene Türe ins Freie trat, auf den noch leeren Platz und den besonnten Strand, wo die Platanen ihre eben erschlossenen Kronen so bräutlich dem Licht entgegenhielten, da schien dies alles, diese Natur mit den dekorativ vor und wieder zurücktretenden Wänden ihrer Berge und das gekräuselte, wie in sich selbst verliebt hinziehende Gewässer, selbst der Himmel, der darüber hing, schien nicht so weit wie der eben verlassene, leicht zu umspannende Bau mit den damastenen Wänden von verblaßtem Rot.
2. MAI. Die Pforte, die ins Weglose führt, wurde bisher nur im Vorübergehen angekreidet. Ziemt es sich doch nicht, es zu beschreiten. —
Diejenigen aber, welche solange über die Schiffbarmachung der Luft gegrübelt haben, sind nicht dieselben, welche sich auf Äroplane schwingen, sondern viele Jahrhunderte werfen ihre wilde Brandung zwischen sie. Und doch, und doch . . .
Wie in der nunmehr erkrankten Luft die Menschheit eine infizierte oder jedenfalls, auch ohne es zu merken, eine affizierte ist, wie vielleicht ein Pesthauch so allmählich unseren Planeten umschichtet, daß wir es nicht gewahrten, ebenso glaube ich, daß bei vielen unter uns der innere Sinn dem lautlos tumultarischen drängen und wogen (wo gäbe es Worte?) der so zahllos und so jäh entströmten Leben zugewandter ist, als sie es wissen. Da sind Akzente, da sind Lockrufe, die noch nicht ergingen . . . Da treiben wehe Schwingungen der Wonne von unaussprechlicher Pein, da greifen Klänge ans Herz, zerspringen und ermatten wieder, ohne zu ertönen, und da sind uns Zaubertränke hingehalten, als hätten wir geistige Lippen, sie zu genießen . . .
Es war nicht mehr Nacht, aber der Tag dämmerte noch nicht. Ich schlief nicht mehr und war noch nicht wach. Eine Gestalt, höchst eindrücklich in ihrer Schattenhaftigkeit, erfüllte die Atmosphäre bis an den Rand, als müsse diese wie ein zu voller Becher überfließen, das Zimmer sprengen oder sich entflammen. Und schon war das Unnennbare ungegenwärtig, und es wäre lächerlich unzureichend, wenn ich sagte, es hätte sich entfernt, so ganz außer jeder Beziehung stand es zu Zeit und Raum.
Was aber war inzwischen nochmals vor mir aufgeschimmert? Locken? — von einer Gelocktheit, die es nicht gab, von einer goldenen Blondheit, die nicht vorkommt, ein Licht, das ich nicht kannte, schärfer, und dabei nicht so grell wie das des Tages. Geisterhaft? Aber es war ja von einer schärferen, wärmeren, pulsierenderen Lebendigkeit gewesen, als wir sie kennen. Wir sind nicht lebendig genug, dachte ich bestürzt, und schlug die Augen auf. Draußen hatte sich ein Wind erhoben. Die Fenster sahen auf den Garten; der Himmel ganz blaß, aber im vollen Staat. Kleine Wolken als Vorreiter ausgesandt. Die Bahn war frei, die Vögel vollzählig, Brust heraus, in Positur und einzustimmen bereit. Höchste Spannung in den Bäumen: kommt sie schon? Blumengeflüster: ist sie schon da? — Es war alles wie am ersten Tag.
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3. MAI. Sicher haben die Menschen ihr Hofzeremoniell dem Sonnenaufgang abgelauscht. An sich gewiß eine hübsche Idee. Mit acht Jahren war ich im Kloster Page der schönen Gelmini, die an Epiphania mit dem Beinamen die Gerechte zur Königin ausgerufen wurde. Meine Haare wurden Tage hindurch im Hinblick der zu drehenden Locken mit gezuckertem Wasser gedrillt. Dem Hofnarren fielen sie aus der Schellenkappe tief ins Gesicht. Denn gelockt standen wir alle am Tage unseres Umzugs. Gelmini wurde zweimal gewählt und starb das Jahr darauf. Wie groß war mein Staunen, als ich später erfuhr, eine erwiesene Larve könne ihr Lebtag lang unter Zimbeln und Trompeten als „Majestät“ aufziehen. Und welches Gelächter erntete meine Entrüstung! Aber wie oft hat der verspottete recht! Jede Epoche hat ihren wahren Fürstenkonzern. Wir verkannten dies ganz: darum sind heute unsere goldenen Kutschen remisiert. Großherzogliche Hoflieferanten, Palast- und Schlüsseldamen, wo seid ihr? Terror der Wiener Komtessen, wo bist du? Kurz, kurz ist’s her.
Abends im Kursaal bei Musik geschrieben. A. H. Pax will in der „Friedenswarte“ eine tongetreue Übersetzung meines Protestes bringen, und da er zugleich einen Beitrag für das Maiheft wünscht, setze ich meinen Apparat in Bewegung. Es ist, als träten ungeheure Wasserwerke in Kraft, um einen Fingerhut voll zu kredenzen. Stirnrunzelnd sitze ich inmitten des Hin und Her von Eisschokolade und Tangotänzen, um einige Sätze über die elsässische Frage zu formulieren. Ich begann mit ein paar Anspielungen und zitierte mich aus einem Essay, den ich über die Markgräfin von Bayreuth geschrieben hatte: der Frau fehle es zwar nicht an literarischer Begabung, wohl aber an literarischer Perspektive, und für die Realität des geschriebenen Wortes wohne ihr auch nicht entfernt dasselbe scharfe Gefühl inne wie dem Mann. Heute sei hinzuzufügen, fuhr ich fort, ihr Interesse und ihr Verständnis für Presse- und Parteiwesen sei in der Regel gering, und auf jene allerletzten Endes so gedankenlose Parole: right or wrong my country, wäre die Frau nicht verfallen.
So wird sie denn, erzählte ich von ihr, und meinte mich, nur wenig von bisheriger Politik verstehen, dafür um so mehr von der kommenden. Denn es ist ganz gewiß falsch, zu behaupten, man dürfe Politik nicht mit dem Gefühl treiben. Wie veraltet die ohne Gefühl betriebene sogenannte Realpolitik im Grunde schon war, hätten die zuletzt auf dem Plan erschienenen jugoslawischen Völker sehr wohl erkannt, als sie einst jenen brüderlichen Balkanbund zu gründen beschlossen, welcher dann am Widerstand der europäischen Kabinette gescheitert war.
Es läge auch ein vollkommen richtiger Instinkt einer Versinnbildlichung der Nationen durch überlebensgroße Menschengestalten zugrunde: Marianne, John Bull, Michel, Onkel Sam . . . Von hieraus zieht sich deutlich ein Weg zur Einsicht, daß den Beziehungen zwischen hochstehenden Völkern genau dieselben Grundsätze unterliegen sollten wie zwischen hochstehenden Menschen. Statt sich zu überlisten und brutal zu übervorteilen, suchen sich diese im Gegenteil an Schonung, Großmut und Rücksicht gegenseitig zu überbieten. Der Wetteifer um den Rücksitz hat als Ergebnis, daß man sich darin teilt; statt einander zu berauben, hilft man einander aus. Man gesteht sein Unrecht und wird vernommen, statt verdammt. Wäre somit eine solche Politik nicht auch die praktischere?
Ich hätte mir vorstellen können, fuhr ich fort, daß auf einer solchen Grundlage hin ein Dialog zustande gekommen wäre zwischen Michel und der unversöhnlich von ihm abgewandten Marianne. Ich könnte mir wahrhaftigen Gottes vorstellen, daß er — nach Art der Liebhaber — zu ihren Füßen hingerissen, die elsässische Frage vor ihr zur Sprache brächte; ich könnte mir vorstellen, daß im Laufe dieses Dialogs endlich ein Wendepunkt sich ergäbe, von wo ab beteuert würde, was verneint worden war . . . und in dieser Tonart lange hin und wieder so beharrlich, bis die wunde Frage sich zwischen ihnen isolierte, auf einen höheren Plan gehoben, langsam über ihren Häuptern wie eine Morgengabe schillerte.
Aber den Realpolitikern dünkte die andere Alternative, der wir heute zusehen müssen, die gerissenere. Spätere Europäer werden sich freilich an den Kopf greifen; dann aber wird vermutlich das andere Schlagwort aufkommen vom Antagonismus der weißen und der gelben Rasse; und dann wird sich der Himmel verfinstern von den neuen Schrecknissen; und dann erst werden die Überlebenden nicht mehr bestreiten, daß die europäische Psyche durch Assimilierung der asiatischen die endliche Bereicherung, ja ihre letzte Vollendung erführe.
Nicht allein, daß die grauenvollen Erfahrungen, die geopferten Generationen, die vergeudeten Jahrzehnte, Jahrhunderte notwendig sind, um diese Welt zu Anschauungen zu bekehren, welche sich der einfachen Nachdenklichkeit aufdrängen, sondern all diese Kriege, und die gewesenen sind nur Vorstufen zu einem letzten Kampf, dessen Stunde zugleich mit der Stunde der Vergeltung schlagen wird für jene Elemente, welche von jeher die schlechte Sache in der Welt betrieben oder die gute verdorben haben. Die Leute also, schloß ich meinen Aufsatz, welche auf den ewigen Krieg schwören, mögen zufrieden mit mir sein; denn bevor jene Elemente (und es sind stets überall dieselben) nicht gekennzeichnet und untergeordnet werden, glaube auch ich an keinen dauernden Frieden.
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Um mich von der Anstrengung zu erholen, setzte ich zehn Franken und gewann zwei. Plötzlich taucht der Kriegsgewinnler vor mir auf und fragt, ob er mich nach Hause begleiten dürfe. Es war sehr spät, ja, er dürfe. Er begleitet mich also, ich aber leuchte ihm heim. Und siehe da, in dieser nächtlichen Weile scheinen ihm sehr andere Bilder vorzuschweben als die, mit welchen er noch gestern renommierte. „Es geht uns ja so lausedreckig,“ jammerte er, „warum verfolgt ihr das in den Brunnen gefallene Kind?“ „Also so steht es“, rief ich. Mein fertiger Aufsatz stimmte mich frech. „So steht es, und ihr blufft weiter mit Schwertfrieden und Grenzverbesserungen in Tod und Ruin hinein. Ich sehe schon, was für Argumente ihr schmiedet, falls es schief ausgeht mit eurem Verbrechen!“ Es läßt sich gar nicht sagen, wie weinerlich, wie persönlich gutmütig dieser eingepeitschte Alldeutsche sich herausstellte; wahrscheinlich der beste Gatte und Vater dabei, ein gewissenhafter Arbeitgeber vielleicht.
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Melide. Fortunio hat drei Elsässer getroffen. Im Schein der Windlichter schlage ich ihm die Karten, er dagegen liest mir aus der Hand. Die Edeljüdin hat ein rotes Tuch umgeschlagen, und wir sind vergnügt. Doch oh, die Nachtigall, die wir am Heimweg schlagen hören. Mein Herz hing sich an sie und drang in den Busch zu ihr. Ich hätte mich so gern nicht mehr von der Stelle gerührt.
Der Himmel blieb die ganze Zeit über so blau, daß sich die Wolken in meinem Gemüt angesichts soviel Sonne nicht behaupten konnten. Der erste bedeckte Tag war auch der unserer Abfahrt. Ich nahm den Frühzug mit Paxens und steckte meine Post gerade noch zu mir. Fürs erste galten dann meine Blicke nur dem schwindenden See und den schnell sich verstellenden Bergen.
In Bellinzona trennten wir uns. A. H. Pax wünschte die Mitarbeit der Gräfin Reventlow, und ich sollte sie zu ernsterer Arbeit ermuntern. Es stellte sich aber heraus, daß nur 40 Minuten in Locarno blieben, so depeschierte ich ihr auf gut Glück und fuhr dann durch das breite, lange Tal zum Lago Maggiore. Sie stand am Bahnhof. Wir erkannten einander, ohne uns je gesehen zu haben, und gingen mit einer Art von kalter Vertraulichkeit hinab zum See. Ihr Zynismus kannte keine Grenzen, doch immer alles mit Grazie. Vom Schreiben wollte sie nichts mehr wissen und hatte eine Übersetzung unternommen. Bei jeder Seite freue ich mich, daß ich das nicht selber geschrieben habe, sagte sie. Ich drängte sie zu größerem Fleiß, ohne Anklang zu finden. „Mein Ideal wäre die Leitung eines großen Hotels“, versicherte sie. Ihre Augen waren wunderschön. Ich sprach von ihren Schriften, und daß keine Bücher dieses leichten Kalibers mit ähnlicher Qualität geschrieben worden seien, so blaß, so spöttisch, so geistreich. Aber sie schüttelte den Kopf: es sei zu schwer.
Wir gingen in der Mittagsschwüle den bergigen Weg zur Station zurück. Einige Wochen später sollte sie in Konstanz ihrem Sohn zur Desertion verhelfen. Heute amüsiert sie die Geisterwelt mit ihrem Witz. Schreiben werden wir beide kein zweites Mal.
Ich hatte gerade Zeit, in den Zug zu springen: er bewegte sich schon, wir riefen uns noch einmal auf Wiedersehen zu, bevor wir einander für immer aus den Augen verloren. — Zu lesen hatte ich gar nichts mehr, mit Ausnahme einer französischen Zeitung, die unter meiner Post gewesen war. Sie enthielt auf der zweiten Seite einen Angriff gegen mich: Erbitterte Zeilen mit dem deutlichen Wunsch, mich zu verletzen. Fürwahr, dachte ich, das ist wirklich zu unverdient. Aber der Verfasser täuscht sich: es ist mir egal.
Ich legte die Zeitung weg und sah in die Gegend hinaus. Merkwürdig durchdrang mich da ganz und gar die Weite des Tals. Wie ein prächtiger Festsaal der Natur, gemeint, als sei er auch bei Nacht zu erglänzen. Als fehlten nur die Riesenkandelaber an den gleichmäßigen und feierlichen Wänden der Berge.
Die Lokalbahn hatte Anschluß an den zweiten Zug, der von Lugano kam. Er war schon eingelaufen. Fortunio und der Redakteur der Humanité standen auf dem Perron. Ich reichte ihnen das Blatt, das mir unter Kreuzband zugeschickt worden war, und wollte etwas dazu bemerken, es stellte sich jedoch heraus, daß meine Stimme zwischen Locarno und Bellinzona hängengeblieben war. Hatte die Luft sich abgekühlt? Wie Fanfaren drang das Blau durch die dunstigen Wolken. Dicht vor dem Platz am Fenster, den Fortunio mir gesichert hatte, zogen jetzt die grauen Riesenwände des Gotthard vorüber, durchstrichen von zahllosen Wildbächen, die aus ihren unversiegbaren Gründen senkrecht im hellen Jubel herabschossen. Es war ein Hals über Kopf sich überstürzendes Geglitzer. Ich behielt sie im Auge, diese Flüsse, einen nach dem andern, und zählte sie. Wie eine Rettung war’s, als die table d’hôte ausgerufen wurde und alles in den Speisewagen ging, Fortunio ganz besonders und der Redakteur. Der Wunsch, allein zu bleiben, brannte wie ein Durst. Welchen Auges mag der Hirsch das Laub, das sein Geweih vom Aste schlägt, das Tal, die Tiefe einbegreifen, bevor er sich getroffen weiß? Wir wissen nicht, wie seine Welt da vor ihm aufleuchtet. — Was für ein selbstherrliches Ding ist doch das Herz! Du rufst ihm zu, und es vernimmt kein Wort, als gehörte es sich selber und nicht dir.
Verstrickte und sich selbst widerstreitende Liebesgefühle haben ihre eigentümlichen Reflexbewegungen wie Zerreißungen und Wunden. Ich hatte mich getäuscht: der Angriff in der französischen Zeitung war mir nicht egal. Und wie aber hätte die Erbitterung zwischen den Zeilen mich nicht bewegt? Zwischen den Erbfeinden des Abendlandes stand in Wahrheit reinste und einzigste Erotik am Spiel. Was hier von jeher, was von neuem auf Menschenalter zertreten wurde, war der Keim aller Verjüngung und Erneuerung eines Kontinents, die Blume aller Allianzen. Alle andern sind unfruchtbare Bündnisse dagegen, Geschwisterehen. Sagt mir nicht, daß es anders sei. Ich weiß es besser.
Ach! Grund genug, wenn es jetzt den Augen unaufhaltsam entströmte wie über die grauen Furchen der Gotthardfelsen. Oh! und nichts von bayrischem Gebirg! Was sich da drüben hinter Schleiern spiegelte, das war Paris am lauen Septembertag, der eigenen Erfüllung hingegeben, und einem Himmel, der keine andere Stadt so überhing wie sie. War sie nicht meine eigenste Heimat? War sie nicht die unerreichbarste Geliebte? War sie nicht eine Göttin? Oh mein beraubtes Herz! Jedes Bild, jede Erinnerung an sie zerriß es neu.
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Abends in Bern, wo inzwischen auch der Frühling gekommen, sozusagen ausgebrochen ist, leidenschaftlich abgetrotzt wie etwas, das sich keineswegs von selbst versteht wie im Süden. Ich liebe im Norden nur den Sommer.
4. MAI. Abigail stattete mir eine richtige Sympathievisite ab. Es fehlte nur der Zylinder. Dieser neue Ziegelstein auf mein Dach dünkt ihm entschieden de trop. „Erklären Sie mir nur,“ sage, ich, „liegt denn eine solche Ungerechtigkeit in eurem Interesse?“ „Wir fragen heute nicht nach Gerechtigkeit“, erwidert er. „Wir verlangen alles oder nichts, Sie bieten uns die Hälfte, das ist zu wenig.“
„Sie vergessen, daß ich Deutschland liebe.“
„Es sind Gefühle, die wir zu wenig teilen, als daß sie uns interessieren könnten“, erwiderte er steif.
Wir sprachen dann von anderen Dingen.
6. MAI. Besuch von Frau Karfunkel. Sie fragt mich, ob ich eine Revolutionärin sei, und ich bin im Augenblick zu müde, es zu wissen. Das Wort „gekrönte Republik“ fällt mir ein, das kürzlich vor mir gefallen war. Mochte es herhalten. „Eine gekrönte Republik“, sage ich und gähne.
Daß Frau Karfunkel mich kaum kannte, hinderte sie nicht, mir jetzt eine jener Szenen zu machen, die man wie ein Unwetter über sich ergehen läßt. Die Worte wie krasse Ignoranz gehörten zu den mildesten, die sie mir vorsetzte. Sollte ich ihr sagen, warum? ihr bekennen, in welchen Gedanken sie mich unterbrochen hatte? ihr den Grund jener mangelhaften Kenntnis eingestehen, die sie so richtig erraten hatte?
Welchen Kriegsbericht hatte ich zu Ende gelesen? Von welcher Phase des Krieges mir auch nur einigermaßen ein Bild gemacht? Über die erdrückende Tatsache, daß er herrschte und kein Friede kommen konnte, sah ich nicht hinaus. Für seinen Verlauf, seine Geschichte blieb mein Interesse ungefähr.
Was wollte die Frau bei mir?
Sie hatte mich aus der Arbeit gerissen, und ich war froh um die Unterbrechung gewesen; so mühselig war die Pein, daß ihr Stigma sich den Schläfen aufdrückt, und daß sie einsinken wie zermürbt. Oder gleicht eine geistige Not der immerwährenden Welle vielleicht und die Schläfen dem Stein, der von ihr zernagt und bearbeitet wird? Von den Dingen selbst ist mein Verständnis so karg! Der Kommentar zu ihnen ist meine Sparte: ihn stets von neuem, zergliederter, ausgreifender zu formulieren, ist der Stachel, der mir keine Ruhe läßt, meine Einzelhaft mitten im Leben. Denn über die Vielfältigkeit unserer Wege hin, sehe ich die Einfältigkeit der Gefahr; die ewig selbe Fratze, die jeder edlen Bestrebung wie eine verruchte Karikatur noch immer auf dem Fuße folgte. So schmal, schwankend und immerzu gefährdet zieht unser Weg empor! Aber naiver als ein Soldat, der mitten im Treffen nicht weiß, wo er steht, führte der Mensch bisher seinen Kampf. Auch ihn trafen die Geschosse, ohne daß er sah, aus welchem Hinterhalt sie stammten, und von der unheimlichen Geschäftigkeit, mit welcher in den Niederungen sein Verderben betrieben wurde, merkte er nur das Resultat. Unermüdlich und nahezu ungestört dürfen die Untermenschen, von Herrschsucht besessen, in der Familie, dem Staat, der Gemeinde, der Partei ihre zersetzende Arbeit verrichten. Aus Tausenden von Schlagwörtern sind ihre Netze gewoben, der ganze ungeheure Nationalitätenschwindel hält seit Jahrhunderten den Zusammenschluß der Vollwertigen auf. Notsignale zu geben, bin ich hier. Unvernommen? Gleichviel! Ohnmächtig wie im Traum hinauszurufen: Richtet Wälle auf! Seht euch vor! Achtet der Stufen! Schützt eure Häuser! Mit unschuldiger Miene, ja mit dem Antlitz eines Engels vielleicht, kauert das Unheil an euerm Herd. Oh Brüder, Freunde, nehmt es nicht in eure Arme, wie ihr den Fuß nicht auf die sanft beschneite Stelle setzt, ihr hättet sie zuvor geprüft.
„Ich glaube,“ schreibt René Schickele, „daß der Sozialismus kommen muß mit einer großen, tiefen Flut von Licht, die alle Menschen durchdringt.“
Und ich sehe, wie emsig die Schatten sich sammeln, welche danach dürsten, dies Licht zu verschlingen.
8. MAI. Abigail klopft wieder an meine Türe. Er trägt sein breitestes Lächeln, reicht mir die Münchner Zeitungen und lacht noch stärker. Sie enthalten meinen Protest in der Telramundschen Übertragung, wahrscheinlich von ihm selbst eingesandt.
„Und das sind die Leute, mit welchen Ihr Euch einlaßt“, brach ich aus. „Ihr seid mir schöne Richter!“
Doch Abigail war in einer nicht zu verderbenden Laune. „Einigen wir uns,“ sagte er, „mag er denn Telramund heißen, unter einer Bedingung, verlangen Sie nicht, daß wir Sie Elsa nennen.“
Die „Pressestimmen“ ließ er mir zum Geschenk. Ich las u. a., daß ich „ein hysterisches Weib von abgrundtiefer Gemeinheit sei“.
9. MAI. Beim bayrischen Gesandten; er kannte mich von Kind auf. Er empfing mich. Aber der Verwirrtere, der Trostbedürftigere schien durchaus er. Es war bei ihm wie bei den Hähnen der modernen Waschtische, die gleichzeitig heißes und kaltes Wasser ausströmen: zwei Sprachen wie zwei Denkungsarten entflossen da immer zugleich: seine eigene und die anbefohlene.
„Vous êtes déshonorée!“ jammerte er.
„So schlimm ist es nicht“, redete ich ihm zu. „Kommen Sie, lassen Sie Gras wachsen über die Geschichte.“
„Gras? Da wächst kein Gras. Je vous supplie ne rentrez pas en Allemagne; on vous jettera dans les fers; je ne pourrai rien faire pour vous. Bleiben Sie um Gottes willen da.“
„Ich bleibe schon da.“
„Ja, bleiben Sie da. Was wollen Sie in München? Es ist ja alles verpreußt. Diese entsetzlichen Preußen haben uns ja alle aufgefressen. Ich bin der letzte Bayer.“
„Ich auch.“
„Sie sind gar nichts. Vous êtes une criminelle. Ce n’est pas moi, qui vous condamnerai, je suis votre ami. Vous êtes une criminelle“, unterbrach er sich laut. „Oh, so viel Phantasie zu haben und so wenig Verstand! Sie sind erledigt. Wir sind gefressen.“
Damit entließ er mich.
Daß dem alten Herrn der Krieg so über den Kopf wuchs, machte ihn mir nur sympathisch. Es wäre jedoch hartherzig gewesen, ihn praktisch in Anspruch zu nehmen. Ich hatte es gar nicht versucht.
MITTE MAI. Gerade in diesen Tagen lud mich Frau v. Schreckenburg, ohne mich zu kennen, zu sich ein. Engländerin von Geburt, trug sie dabei den gefürchtetsten deutschen Namen. Ihr Mann, von dem die Franzosen sagten: „Heureusement qu’il n’en a pas l’air“, und die Engländer: „He is worth a better name“, stand an der Spitze der Gefangenenfürsorge. Durch seinen unzeitgemäßen Mangel jeglichen Strebertums fiel er gänzlich aus dem Rahmen. Still, unermüdlich und geschickt verrichtete er sein humanitäres Werk.
Es nahte Felix Mottls Todestag. Ich wollte die Münchner erinnern, daß ich es nicht von ihnen verdiente, unvernommen und mit Knüppeln vor das Stadttor gewiesen zu werden, denn ich habe sie einmal vor einer großen Weltblamage bewahrt. Einige Redakteure waren damals meinetwegen geflogen, und ich hatte gesiegt. Waren solche Reminiszenzen angetan, den Herrn Chefredakteur zu rühren? Er sandte mir meine Eingabe, obwohl durch Schreckenburg übermittelt, mit dem Vermerk zurück, daß er sich für die Beiträge einer Hochverräterin heute wie fernerhin bedanke.
An jenem Abend ging ich lange die beiden Brücken auf und nieder. Die Jungfrau hatte eine Schärpe übergeworfen. Ein kalter Wind trieb von den Gletschern herüber. Ich ging und ging. Es war wieder bei Fortunio viel von einem Zusammenschluß der Geistigen gesprochen worden, und wieder ließ keiner das Ausschließen seine Sorge sein. Was aber ging aus dem ungeheuren Trugwerk dieses Krieges hervor, wenn nicht der vollendete und riesenhafte Triumph des Sklaven über den Freien, wenn nicht die immer drohendere Forderung, uns selbst jenes letzte Gericht erstehen zu lassen, von dem geschrieben steht, daß es auf immer die Scheidung zwischen den Menschen, die guten Willens sind und den anderen bestimmen soll? Ja, nicht die große Einigung, den großen Bruch gilt es zuerst zustande zu bringen: die herrische und heilige Offensive der menschenwürdigen Menschen, gegen jene „Untermenschen“, welche Villiers de l’lle Adam als erster mit so großem Nachdruck kennzeichnete. Erst gilt es, jenen allzulange geduldeten Elementen das Stimmrecht zu entreißen. Sahen wir nicht alle großen und bahnbrechenden Ideen in Verwirrung ausarten, das Christentum selbst unter die Räder geraten und eine Sache um so sicherer verderben, je edler sie war, weil Unzulänglichkeit und Niedertracht das große Wort zu führen in der Lage sind; Solange diese Gattung ihre Gleichberechtigung behält, hat die Menschheit nichts zu hoffen. Sie wird wie ein Kranker sein, der sein Übel zu betäuben sucht, indem er sich auf seinem Schmerzenslager dreht und wendet, oder hochaufgerichtet nach Atem ringt, um doch nur eine illusorische Erleichterung zu finden. Sie wird alle Regierungsformen, eine nach der andern, erproben, und ob sie auch ihre Könige gegen Republiken eintauscht — es werden doch nur falsche Republiken sein, und auch die Anarchie wird sich als nichts anderes herausstellen als einen Mißbrauch der Macht.
Und wie könnte die einzig wirkliche Freiheit entstehen, wenn nicht durch die Knechtung desjenigen Pöbels, der allerorts alle Klassen, von den höchsten bis zu den sogenannten niedrigsten verheert. Hierarchien aber sind es ja gerade — weniger rudimentär und kindisch nur als diejenigen, welche man sich aufoktroyieren ließ — Hierarchien aber sind es, die auf neuer und gerechtfertigter Basis zu errichten sind: geben wir uns keinen Täuschungen hin: die Klasse der Könige, der Fürsten und Herren, ja der ganze Troß der kleinen Gentry sogar, er ist vorhanden (nur so anders!), und alle wahren Adelsbriefe, die sich in unendlichen Fluktuationen aus der menschlichen Würde ergeben, existieren auch. In allen Kreisen aber und durch alle Zeiten hindurch wurde die wahre Elite gepeinigt, geopfert oder zur Ohnmacht verdammt, weil urteilslose oder niedriggesinnte Elemente, die sich weder in Gleichheit, noch in Brüderlichkeit zu ihr verhalten, dasselbe Stimmrecht genießen.
Man rede mir also nicht von Zusammenschlüssen, sondern vorerst von neuen Gesetzbüchern und neuen Statuten. Auf einen treibenden Sumpf, einer Welt wie sie ist, Ringmauern aufzurichten, daran glaube ich nicht. Wozu führte der vielgehegte voto pietoso Deutschland und Frankreich zu einigen? Statt der stolzesten aller Galleonen ein Wrack, beiden nahezu unnennbar geworden. Dieses Wrack ist mein eigenster Boden, ich verlasse ihn nicht. Die paar Einsichten aber, die mich sehr bestimmte Erfahrungen lehrten mit der Persistenz des Marktschreiers zu verkünden, ist mein Beruf.
Ich lehnte über der Brücke von Kirchenfeld. Hat die Nacht ihre eigene Helle, daß sie uns die Dinge mit größerer Schärfe zeigt? Sie deckte jetzt den Fluß, der unten den Bergen zurauschte. Von den Häusern in der Tiefe, so eng geschart, fast ein Gerümpel, auf zartesten Säulenarkaden gehoben, und wie edel! leuchteten jetzt munter die tagsüber so verschlossenen Fenster. Wie wenig löste schließlich und endlich unsere zufällige Existenz von unserem wirklichen Wesen aus! Vielleicht war sie nur eine Jahreszeit unseres weitverästeten Seins. Wozu sich alterieren, redete ich mir zu, wozu die Hast, wozu die Ungeduld? — Es wurde zuletzt ein Spazieren mit der Nacht, statt in die Nacht hinein, und ich war um eine größere Fassung, etwas mehr Gleichgültigkeit für meine persönlichen Geschicke aus allen Kräften bemüht.