Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1910 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
Die [Buchanzeigen] wurden der Übersichtlichkeit halber am Ende des Texts gesammelt dargestellt. Der Verweis auf das [siebte Vollbild], welches ein rankendes Geißblatt zeigt, wurde dem Sinn entsprechend von der [Überschrift der Lektion 14] (‚Wie die Pflanzen Nahrung aufspeichern‘) zur [Kapitelüberschrift 13] (‚Kletterpflanzen‘) verschoben.
Die gedruckte Ausgabe ist in Frakturschrift gesetzt. Passagen in Antiquaschrift werden hier kursiv dargestellt. Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original gesperrt gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt erscheinen.
Kinderaugen in der Natur
Drittes Buch
Pflanzenleben in Feld und Garten
Von Arabella B. Buckley (Mrs. Fisher)
Einzige autorisierte Übertragung
von Oberstudienrat Dr. Fritz Kriete in Halle
und
Oberstudiendirektor Dr. Otto Rabes in Nordhausen
Mit 8 bunten Vollbildern und 16 Illustrationen im Texte
Dritte Auflage (11.–14. Tausend)
Halle a. S.
Hermann Gesenius
Vorwort.
Zur Einführung dieser Übersetzung sei hier kurz auf einige uns zusagende Eigentümlichkeiten dieser anspruchslosen Hefte hingewiesen, die uns veranlaßten, auf die Aufforderung der Verlagsbuchhandlung hin, sie ins Deutsche zu übertragen.
Überall ist versucht, Stil und Satzbau so klar und einfach zu gestalten, daß nach dieser Seite hin Kindern beim Lesen keine Schwierigkeiten erwachsen.
Die behandelten Stoffe aus dem Leben der Tiere und Pflanzen sind gut gewählt, dabei interessant — nicht rein beschreibend — gestaltet.
Vielmehr ist jeder einzelne Abschnitt, der stets ein in sich abgeschlossenes Ganzes bildet, so durchgeführt, daß er die kleinen Leser zu eigenen Beobachtungen anregt.
Endlich sind die farbenschönen Abbildungen einheitlich und naturgetreu ausgeführt, so daß auch sie das Interesse der Kinder beleben helfen. Überhaupt stand für unsere Erwägungen der Gedanke im Vordergrunde, daß diese Bücher geeignet sein könnten, sich im Kampfe gegen die unsere Jugend verseuchende Schundlitteratur als nützlich zu erweisen.
Kriete. Rabes.
Inhalt.
Seite | |||
Vorwort | |||
Lektion | 1. | Das Hirtentäschelkraut | |
„ | 2. | Die Arbeit der Blätter | |
„ | 3. | Die Geschichte einer Kohlrübe | |
„ | 4. | Wie ein Samenkorn wächst | |
„ | 5. | Wie sich neue Samen bilden | |
„ | 6. | Wie die Insekten helfen | |
„ | 7. | Früchte, die wir als Gemüse essen | |
„ | 8. | Der Kohlkopf | |
„ | 9. | Wie die Pflanzen sich schützen | |
„ | 10. | Feldblumen und Gartenblumen | |
„ | 11. | Die Rosenblütler und ihre Früchte | |
„ | 12. | Die Taubnessel und die Erbsenblüte | |
„ | 13. | Kletterpflanzen | |
„ | 14. | Wie die Pflanzen Nahrung aufspeichern | |
„ | 15. | Unterirdische Gemüse | |
„ | 16. | Wie der Samen wandert | |
Hirtentäschelkraut.
III. 1.
Drittes Buch.
Pflanzenleben in Feld und Garten.
Lektion 1.
Das Hirtentäschelkraut.
Es ist sieben Uhr an einem lieblichen Sommermorgen. Heraus aus dem Bett und einen Blick aus dem Fenster! Es ist eine Schande noch im Bette zu liegen, wenn die Sonne so hell scheint, die Vögel singen und die Bienen von Blume zu Blume fliegen.
Warum sind die Bienen so früh bei der Arbeit? Sie sammeln den gelben Blütenstaub, der beim Kriechen in die Blüten an ihren behaarten Körpern hängen geblieben ist, und mit Hilfe der Beine bürsten sie ihn ab und ballen ihn zu kleinen Kügelchen zusammen. Dann packen sie diese in eine Rinne an ihren Hinterbeinen und fliegen nach dem Bienenstock. Dort vermischen sie den Blütenstaub mit Honig und machen Bienenbrot daraus; damit füttern sie die jungen Bienen.
Sieh, wie geschäftig der Specht da unter der Ulme ist! Er fängt Insekten, die er nach Hause zu seinen Kleinen trägt, welche seit mehr als einer Woche ausgebrütet sind. Weiter weg im Felde kämpft eine Drossel mit einem großen Wurm; auch sie besorgt wohl ein Frühstück für ihre Familie.
Wie fleißig sie alle sind, und du liegst noch im Bette! Wenn ich an deiner Stelle wäre, so würde ich aufstehen und Unkraut im Garten ausjäten. So kannst du dich nützlich machen und zugleich viel Interessantes lernen, während du bei der Arbeit bist.
Hier ist ein Unkraut, das zwischen den Kohlköpfen wächst. Kennst du seinen Namen? Es wird Hirtentäschelkraut genannt wegen seiner sonderbaren Samenschoten. Sie wachsen auf Stielen aus dem Stamme der Pflanze unter den kleinen weißen Blüten. Wenn eine davon vorsichtig geöffnet wird, findet man an jeder Seite eine kleine Tasche, die sich von der Mitte losreißen läßt, wenn die Schote reif ist. Die Samen bleiben dann an der schmalen Scheidewand haften.
So ist also die Schote eine Art Börse mit zwei Taschen, und man kann die Samen als das Geld darin ansehen.
Nimm die Pflanze in die Hand, und ich will dir dann die einzelnen Teile derselben nennen. Sieh dir zuerst die Wurzel an. Diese wächst immer nach unten in den Boden hinein. Sie hat feine Wurzelfasern, die von ihr ausgehen. Die Wurzel und die Wurzelfasern haben alle zarte Spitzen, die aus dem Erdboden die Nahrung für die Pflanze einsaugen.
Du weißt, daß dein Vater Dünger in die Erde bringt, ehe er Samen aussät oder Obstbäume pflanzt. Dann dringt der Regen in die Erde und löst den Dünger auf. Dies gibt eine sehr reichliche Nahrung, die die Wurzeln einsaugen, und so wird die Pflanze kräftig.
Dann sieh dir den Stengel an. Du kannst ohne weiteres sehen, wo er anfängt; denn ein Kranz von Blättern wächst dicht über dem Erdboden hervor. Eine Wurzel hat niemals Blätter, so muß also da, wo Blätter wachsen, der Stengel sein.
Sieh diesen Blätterkranz sorgfältig an. Du wirst dann sehen, daß die Blätter nicht genau übereinander stehen. Die in der oberen Reihe stehen immer genau zwischen denen der unteren Reihe. Und wenn der Stengel weiter wächst, und die Blätter weiter voneinander getrennt sind, wachsen sie immer noch so, daß sie nicht gerade übereinander stehen.
Was ist nach deiner Ansicht der Grund, daß sie so wachsen? Weil sie so viel Sonne wie möglich haben möchten. Wenn sie gerade übereinander ständen, so würde das obere Blatt die Sonne von dem unteren fernhalten. Aber auf jene Weise bekommen sie so viel davon, wie nur irgend möglich.
Du siehst also, daß die Pflanze eine Wurzel hat, die nach unten wächst, um Wasser aus dem Erdboden zu saugen, und einen Stengel, der nach oben wächst und die Blätter in das Sonnenlicht hinaufträgt. Was die Blätter zu tun haben, wollen wir in der nächsten Lektion lernen.
Lektion 2.
Die Arbeit der Blätter.
Die Blätter brauchen sehr viel Sonnenschein und Luft; denn sie sind den ganzen Tag lang beschäftigt, Nahrung zu bilden. Hast du jemals daran gedacht, wie wunderbar es ist, daß Pflanzen ihre eigene Nahrung bereiten können? Weder du noch die Tiere sind dazu imstande. Alles, was du ißt, stammt entweder vom Tiere oder von der Pflanze. Zu einem Kuchen zum Beispiel kommt das Mehl aus Weizenkörnern, die Korinthen von einer Weinrebe, der Zucker von Zuckerrüben, die Gewürze von verschiedenen Bäumen und die kandierte Schale (Zitronat usw.) von Früchten.
Alles andere, was man ißt, wie Fleisch, Fische, Vögel, Gemüse und Früchte, ist einmal belebt gewesen.
Pflanzen ernähren sich nicht auf diese Weise. Ihre Wurzeln ziehen Wasser und andere Stoffe, wie Kalk, Soda und Pottasche, die im Wasser aufgelöst sind, aus der Erde. Die Blätter nehmen Gase (Kohlensäure) aus der Luft auf. Für uns sind Erde, Luft, Wasser keine Ernährungsstoffe. Wir können nicht davon leben. Aber die Pflanze kann es.
Die hübschen grünen Blätter, die wir so gern haben, arbeiten angestrengt. Wenn die Sonne sie bescheint, so können sie das Wasser und die Gase in lebende Nahrung verwandeln, und diese Nahrung erzeugt wieder Blätter, Blumen und Früchte, die uns zur Nahrung dienen.
Wie nützlich sind doch die Pflanzen! Wenn sie keine Nahrung erzeugten, so könnte es nichts Lebendes auf der Welt geben. Insekten fressen Pflanzen, und Vögel fressen Insekten. Schafe fressen Gras, und wir essen Schafe. Kaninchen fressen Pflanzen, und Füchse und Wiesel fressen Kaninchen. Wenn es keine Pflanzen gäbe, so könnten auch keine Insekten, Vögel, Tiere und Menschen leben.
Aber dies ist nicht die einzige nützliche Arbeit, die die Pflanzen verrichten. Ihr wißt, daß, wenn viele Menschen in einem Raum eingeschlossen sind, sie die gute Luft verbrauchen und schlechte Luft ausatmen, die nicht wieder gebraucht werden kann. Nun gebrauchen die Pflanzen diese für uns schlechte Luft. Sie atmen dieselbe durch ihre Blätter ein und benutzen die darin befindlichen Gase zum Wachstum. So verwandeln sie nicht nur Gase in Nahrung, sondern sie verbrauchen dabei auch die schlechte Luft, die wir ausatmen und geben sie uns rein und frisch zurück. Deshalb ist das Leben auf dem Lande so gesund, weil hier so viele Pflanzen sind.
Es ist sehr lehrreich, die Pflanzenblätter zu betrachten, ihre Formen zu beobachten und zu sehen, wie sie am Stengel angeordnet sind, um Licht und Luft zu bekommen.
Ihr kennt doch wohl die gemeine Taubnessel, die einer Brennessel so ähnlich ist, aber nicht sticht. Sie wächst in Hecken und hat eine hübsche, helmförmige, weiße oder rote Blüte. Ihre Blätter sind paarweise um den Stamm geordnet, und jedes Paar steht genau quer über dem unteren Paar, um diesem genug Licht zu lassen.
a. Taubnessel. b. Sauerklee.
Die glänzenden grünen Blätter des Efeus an der Mauer liegen flach und haben lange Stiele, so daß sie weit in die Luft hinausragen.
Die Blätter der Kresse in unseren Gärten sind wie ein runder Schild geformt. Der Stiel steht unter der Mitte des Blattes und ist sehr lang. So sieht das Blatt grade zum Himmel empor und bekommt eine Menge Luft und Licht.
Das Blatt der Roßkastanie ist in mehrere Teile geteilt, so daß es aussieht, als bestände es aus 5 oder 7 Blättern, und jeder einzelne Teil breitet sich dem Licht entgegen.
Die Blätter des Sauerklees, welche die Kinder gern essen, weil sie sauer schmecken, haben drei runde Blättchen wie das Kleeblatt, und diese legen sich in der Nacht oder an einem Regentage zusammen, stehen aber weit geöffnet, wenn die Sonne scheint.
Und nun wollen wir zu unserem Hirtentäschelkraut zurückkehren. Wir haben noch nicht nach seinen Blüten gesehen. Sie wachsen auf Stielen, die zwischen den Blattstielen und dem Stengel herauskommen. Auf diesen Stielen stehen einige kleinere Blätter und eine Menge Samentaschen.
Über den Samentaschen an der Spitze des Stieles stehen einige weiße Blüten dicht zusammen. Sie sind so klein, daß man ihre einzelnen Teile kaum unterscheiden kann. Aber man vermag doch zu sehen, daß sie vier äußere grüne Blätter und vier innere weiße haben. In der nächsten Lektion werden wir mehr darüber lernen.
Sammle sechs Pflanzen mit verschieden geformten Blättern und untersuche, wie sie am Stengel wachsen.
Lektion 3.
Die Geschichte einer Kohlrübe.
Die Blüten des Hirtentäschelkrauts sind sehr klein, daher wollen wir die Blüten einer anderen Pflanze zur Hilfe nehmen, um etwas über sie zu lernen. Wenn man im Garten eine Kohlrübe finden kann, die in Samen geschossen ist, so wird man sehen, daß sie Blüten hat wie die des Hirtentäschelkrauts, sie sind nur größer und gelb statt weiß.
An beiden Blüten haben wir vier äußere grüne Blätter. Sie heißen Kelchblätter, denn sie bilden den Kelch der Blüte. Dann sehen wir noch vier farbige Blätter, die über den Kelchblättern wachsen. Sie heißen Blumenkronblätter, weil sie die Blumenkrone der Blüte bilden. Sie sind weiß beim Hirtentäschelkraut und gelb bei der Kohlrübe. Aber in beiden Blüten stehen sie in Form eines Kreuzes.
Nun kommen sechs dünne Fäden mit kleinen Köpfchen an der Spitze. Zwei derselben sind kurz und vier lang. Sie heißen Staubfäden. Die Köpfchen heißen Staubbeutel, die den gelben Blütenstaub oder Pollen enthalten. In der Mitte der Blüte finden wir endlich den Fruchtknoten. Beim Hirtentäschelkraut ist dieser wie ein Herz geformt, bei der Blüte der Kohlrübe wie eine lange Schote.
Die Schoten wachsen auf kleinen Stielen am Stengel. Sie waren einst von Blütenblättern umgeben, aber diese sind verwelkt, und die Schoten sind groß geworden.
Einige der besten Gemüse in unseren Gärten haben Blüten wie diese in der Form eines Kreuzes und vier lange und zwei kurze Staubgefäße. Mehrere, wie die Kohlrübe und das Radieschen, haben Wurzeln, die sehr wohlschmeckend sind. Von anderen, wie z. B. dem Weißkohl und dem Braunkohl, essen wir die Blätter, vom Blumenkohl dagegen die Stiele des Blütenstandes mit den Blütenknospen.
Wir wollen nun zur Kohlrübe zurückkehren. Was hat sie für eine prächtige dicke Wurzel! Man findet eine Art von Kohlrübe wild wachsend, aber die Wurzel ist hart — du würdest sie nicht essen können. Unsere Rüben dagegen sind weich und deshalb so gut, weil sie in fruchtbarem Boden gewachsen sind, der seit vielen Jahren in bester Weise bearbeitet worden ist, und weil nur der beste Same ausgesät wird.
Ihr werdet nun vermutlich glauben, daß die Kohlrüben nur für uns dasein müßten, da wir den Boden umgraben und den Samen säen. Aber es gibt viele Tiere und Insekten, die auch ihren Anteil daran haben wollen. Sobald die Pflanze ihre ersten grünen Blätter herausstreckt, ist schon ein kleiner Käfer da, um sie zu fressen. Wenn seine Flügel geschlossen sind, ist er nicht größer als der Buchstabe „o“ in der Überschrift dieser Lektion. Er hat lange Hinterbeine und kann sehr gut springen, und deshalb wird er Erdfloh genannt.
Im Winter schlafen diese Käfer unter der Erde oder unter verwelkten Blättern. Wenn der Frühling kommt, erwachen sie und nähren sich vom Hirtentäschelkraut oder irgend einem anderen Unkraut, das früh im Jahre aufschießt. Dann legt das Weibchen seine Eier unter die Blätter, und bald kriechen kleine Larven aus und fressen Löcher in dieselben.
In vierzehn Tagen sind sie fett. Dann fallen sie auf den Boden und spinnen sich in Kokons ein, gerade wie die kleinen Ameisen im Ameisenhaufen. In weiteren vierzehn Tagen werden sie kleine Käfer.
Löwenzahn.
III. 2.
Garten-Kohlrübe und Erdfloh.
Teile der Blüte:
s Kelchblätter. p Blütenblätter. d Staubgefäße. o Fruchtschote.
1. Larve des Erdflohes. 2. Der fliegende Käfer.
(Beide stark vergrößert.)
Um diese Zeit stecken die frühen Kohlrüben gerade ihre ersten Blätter hervor, und der Erdfloh hüpft herbei, um sie zu fressen. Dann findet man, wenn man eines Morgens aufsteht, das Kohlrübenbeet kahl gefressen, und wenn man scharfe Augen hat, kann man die kleinen, schwärzlich glänzenden Käfer, die das Unheil angerichtet haben, fangen.
Wenn man früh im Jahre alles Unkraut ausjätet, und den Boden hackt, so daß die jungen Rüben schnell wachsen, so kann man den Erdfloh fernhalten. Aber dann fordern andere Geschöpfe ihren Teil. Der Kohlgallenrüsselkäfer legt seine Eier in die Wurzel unter der Erde, wie der Nußbohrer in die Haßelnuß (vgl. Buch I). Wenn man eine Kohlrübe sieht, an der kleine Klumpen oder Gallen sitzen, so kann man sicher sein, daß eine Larve dieses Käfers im Inneren ist.
Wenn dann die großen Kohlrübenblätter gewachsen sind, wird eine hübsche orangefarbige Blattwespe ihre Eier auf diese legen, so daß die Larven viele wegfressen. Dann wird das Kaninchen, wenn es herankommen kann, die Spitzen fressen, während die Mäuse die Wurzeln benagen. Und wenn man endlich Samenkohlrüben baut, so wird der kleine grünlich-schwarze Rapsglanzkäfer seinen Anteil fordern und die Blütenknospen fressen.
So hat die Kohlrübe, wie man sieht, viele Freunde, aber noch mehr Feinde. Ein guter Gärtner hat Freude daran, zu lernen, wie man diese Gartendiebe fernhält.
Nimm die Blüten des Goldlacks, der Levkoie, des Ackerpfennigkrauts, der Kohlrübe und des Hirtentäschelkrauts und beobachte ihre Ähnlichkeit in der Form und der Anordnung ihrer Teile.
Lektion 4.
Wie ein Samenkorn wächst.
Wir sahen in den beiden letzten Lektionen, daß eine Pflanze eine Wurzel, einen Stamm, Blätter, Blüten und Früchte hat. Heute will ich euch erzählen, wie diese Teile wachsen.
Wenn der Lehrer dich einen kleinen Versuch machen lassen will, so kannst du selbst beobachten, wie eine Pflanze aus dem Samen aufwächst. Nimm eine Untertasse und ein kleines Stück Flanell. Lege den Flanell in die Untertasse und gieße Wasser darüber, bis er ganz naß ist. Dann laß dir von jemand etwas Senfsamen geben und streue ihn auf den Flanell. Setze das Ganze dann in die Fensterbank oder auf den Tisch und sorge dafür, daß der Flanell immer feucht ist. Dann achte darauf, was geschehen wird.
Am zweiten Tage, nachdem du den Samen gesät hast, wirst du finden, daß er weich und aufgequollen ist. Er hat Wasser aufgesogen und braucht dasselbe zum Wachsen. Am dritten Tage werden viele der Samenkörner eine zierliche Wurzel ausgetrieben haben, welche sich an den Flanell anklammert.
Die Spitze der Wurzel wird nun noch mehr Wasser aufsaugen, und wenn man ein Samenkorn öffnet, so findet man, daß es sich in zwei Teile gespalten hat. Aus jeder der beiden Hälften wird ein Blatt werden. Aber diese sind nicht grün, sie sind noch ganz weiß, und man kann sich kaum denken, daß es Blätter sind.
Wenn du am vierten Morgen zur Schule gehst, wirst du wahrscheinlich finden, daß die beiden Hälften aus ihrer Umhüllung herausgewachsen sind. Einige sind noch weiß, aber andere werden schon an den Spitzen grün und unten rot, und jeder würde sie jetzt als Blätter ansehen. Sie wachsen auf einem Stiel, und die leere Umhüllung der Samen hängt an der Stelle, wo der Stiel und die Wurzel sich treffen.
Beachte wohl die Form dieser Blätter. Sie bestehen aus zwei Halbkreisen mit einer Kerbe in der Mitte. Es sind die Keimblätter des Senfs. Sie sind aus dem Samen aufgewachsen und haben die Nahrung, die darin war, benutzt, um sich auszubreiten und in das Sonnenlicht emporzusteigen. Und wenn das Licht nun auf sie niederströmt, so werden sie grün und bereiten sich selbst Nahrung aus den Luftgasen und dem Wasser, das die Wurzeln einsaugen. Denn die Wurzel hat nun viele kleine Würzelchen und Wurzelfasern getrieben, wie man sehen kann, wenn man eine aus dem Flanell herauszieht.
In einigen Tagen zeigt sich eine grüne Spitze zwischen den beiden Keimblättern und wächst zu zwei weiteren Blättern heran. Diese haben zwischen sich wieder eine kleine Knospe, die wieder Blätter bildet, und so wird die Pflanze größer und größer.
Aber die neuen Blätter sind in ihrer Form ganz verschieden von den Keimblättern. Sie sind lang und haben fünf Lappen, einen großen an der Spitze und zwei kleinere an jeder Seite.
Was nun mit dem Senfsamen auf dem Flanell vor sich geht, ist dasselbe, was mit jedem Samen geschieht, den man in den Erdboden sät. Zuerst schwillt er auf, wenn der warme Regen ihn erreicht. Dann treibt er eine zarte Wurzel. Die Keimblättchen strecken sich, ihr Stiel wächst, sie schlüpfen aus ihren Umhüllungen und wachsen aus der Erde hervor.
Dann werden sie im Sonnenlichte grün und fangen an, Nahrung zu bereiten. Damit ernähren sie Stengel und Blätter, bis sie zu großen Pflanzen oder selbst zu Bäumen heranwachsen.
Das Wachsen der Bohne.
1. Gequellter Same. 2. Die Wurzel bricht hervor. 3. Die Schale um die Keimblätter reißt auf. 4. Die Keimblätter sind geöffnet, zwischen ihnen eine Blattknospe. 5. Ausgebildeter Bohnenstengel.
Ein anderer hübscher Versuch, den man machen kann, ist der, eine Bohne in warmem Wasser einzuweichen und sie auf einen mit Erde gefüllten Blumentopf zu legen. Halte die Erde feucht und beobachte die Bohne, wie du es bei dem Senfsamen getan hast. Das Wachsen derselben nimmt längere Zeit in Anspruch. Es kann eine Woche dauern, ehe die Wurzel den Weg in die Erde findet und eine weitere Woche, ehe die großen grünen Keimblätter aus ihrer Umhüllung hervorbrechen.
Es ist sehr merkwürdig, die Wurzel zu beobachten. Zuerst sendet die Bohne nur eine Keimwurzel aus, dann mehrere. Die schwere Bohne liegt noch auf der Erde, während der Stiel weiter wächst. So bildet derselbe einen Bogen, mit dem Samen an dem einen Ende und der Wurzel an dem anderen. Wenn nun die Pflanze die Nahrung in den Keimblättern verbraucht, werden diese allmählich leichter und der Stengel wird kräftig genug, sie zu heben, so daß sie sich nach oben richten. Sie lassen die Samenhülle nicht unten wie der Senfsamen. Sie tragen dieselbe mit empor, und sie vertrocknet und fällt ab. Dann kann man zwischen den Keimblättern die neue Knospe sehen, die sich bald zu wirklichen Blättern entfaltet.
Streue Senfsamen auf feuchten Flanell. Weiche eine Bohne eine Nacht lang in warmem Wasser ein und lege sie auf sehr feuchte Erde in einen Blumentopf.
Lektion 5.
Wie sich neue Samen bilden.
([Zweites] und [drittes Vollbild].)
Wir verließen unsere Pflanzen am Ende der letzten Lektion, wie sie grüne Blätter im Sonnenlichte bildeten. Nun wachsen sie schnell heran. Ihre Wurzeln saugen Wasser aus dem Boden, und ihre Blätter nehmen Gase aus der Luft auf.
Wenn die Pflanze reichlich Wurzeln und Blätter gebildet hat, so beginnt sie Nahrung aufzuspeichern, um Blüten hervorzubringen, in denen neuer Same erzeugt wird. Dies ist ein sehr wichtiges Werk; denn Samen sind nötig, um neue Pflanzen zu erzeugen, und es werden so viele von Vögeln und Insekten vertilgt oder von anderen Pflanzen erstickt, daß es sehr viele geben muß, damit die Pflanze nicht ausstirbt.
Sumpfdotterblume.
1. Blüte. 2. Fruchtstand mit den einzelnen Samenkapseln (o). 3. Geöffnete Samenkapsel mit dem Samen (s).
Daher ist der Fruchtknoten, in dem die Samen sich bilden, sehr sorgfältig geschützt. Er wächst gerade in der Mitte der Blüte, wo er dicht in die Knospe eingehüllt werden kann. Selbst wenn er unter der Blüte wächst, wie beim Geißblatt, sitzt die klebrige Spitze, auch Narbe genannt, immer sicher im Innern der Knospe.
Pflücke eine Schlüsselblume und eine Butterblume auf dem Felde und eine Erbsenblüte aus dem Garten und betrachte ihre Fruchtknoten. Inmitten der Blüte der Butterblume wirst du sehr viele finden. Sie haben die Form von Birnen, deren Stiele nach oben gerichtet sind, und in jedem der Fruchtknoten liegt die Anlage eines kleinen Samens.
Man muß die gelbe Blumenkrone der Schlüsselblume abreißen, ehe man den kleinen grünen Fruchtknoten in dem grünen Kelche sitzen sieht. Aus demselben wächst eine Röhre hervor, die in einem runden Knöpfchen endet.
Schlüsselblume.
1. Blüte mit den Staubgefäßen (a) im oberen Teile der Blumenkronröhre und der knopfartigen Narbe (k) weiter unten. 2. Blüte, bei der die Staubgefäße (a) unten und die Narbe (k) im oberen Teile der Blumenkronröhre stehen. 3. Fruchtknoten (o) mit Samenknospen (ov) und Blütenstaubkörnern (p).
In der Erbsenblüte bildet der Fruchtknoten eine einzelne Hülse im Innern der Blumenkronblätter, die mit einem langen Schnabel an der Spitze versehen ist. Wenn du die Hülse öffnest, so wirst du sieben oder acht kleine weiße Kügelchen finden. Das sind die kleinen Erbsen. Wenn man imstande ist, den Fruchtknoten der Schlüsselblume zu öffnen, so wird man dieselbe Art von Kügelchen finden. Sie sind aber außerordentlich klein, weich und durchscheinend. Man kann sie leicht mit dem Finger zerdrücken. Es sind keine wirklichen Samen, sondern nur „Samenanlagen“ oder Samenknospen. Ehe sie zu harten Samen werden können, müssen sich einige von den gelben Pollenkörnchen aus den Staubbeuteln, die über ihnen wachsen, mit ihnen verbinden.
Aus diesem Grunde tragen die Fruchtknoten Spitzen und Schnäbel und Knöpfchen. Die Spitze auf dem Fruchtknoten der Butterblume, der Schnabel am Ende der Erbsenschote und das Knöpfchen oben auf der Röhre, die über den Fruchtknoten der Schlüsselblume hervorragt, sind alle klebrig. Dieses Knöpfchen nimmt also den aus den berstenden Staubkörnern entlassenen Staub auf und sendet ihn durch die Röhre auf die Samenknospen des Fruchtknotens hinab, der sich zu einer Kapsel umwandelt und so die reifen Samen umschließt.
Wenn du nach Hause gehst, so pflücke irgend eine Blume, die du siehst, und versuche, ihren Fruchtknoten zu finden. Du kannst vielleicht in einem Kornfelde eine Klatschrose pflücken. Diese hat einen schönen großen Fruchtknoten, der aussieht wie eine mit einem Deckel versehene Tasse. Unter dem Deckel befinden sich kleine Löcher, wenn der Fruchtknoten reif ist. Der Wind bewegt ihn hin und her und schüttelt so die Samen aus den Löchern heraus. Es sind so viele, daß man sie nicht zählen kann.
Du kannst auch ein Veilchen pflücken, und wenn du dann die farbigen Blätter fortgenommen hast, so wirst du einen sehr sonderbaren Fruchtknoten finden. Denn die Röhre und der klebrige Knoten an der Spitze sehen genau wie der Hals und der Kopf eines Vogels aus. Die Staubbeutel, die dicht um den Fruchtknoten herumstehen, haben eine hübsche orangegelbe Farbe.
Sumpf-Dotterblume.
III. 3.
Es gibt eine hübsche rote Blume, die Stockrose oder Malve, deren Fruchtknoten aussieht wie ein runder flacher Käse mit einer in der Mitte stehenden kräftigen Säule. Diese Säule hat acht bis zwölf klebrige Stellen, und rund herum stehen sehr viele gelbe Staubgefäße. Kinder nennen die Samenkapseln der Malve, wenn sie reif sind, und die Säule abgefallen ist, „Käse“.
Aber überrascht wirst du sein, wenn du einen Löwenzahn oder ein Gänseblümchen pflückst, denn du wirst keine Fruchtknoten in der Mitte finden. Der Grund ist der, daß der Löwenzahn und das Gänseblümchen nicht aus einer Blüte bestehen, sondern aus einer großen Menge von Blüten, die zu einer Blume vereinigt sind.
Zerlege eine Löwenzahnblüte, und du wirst finden, daß sich jede kleine Blüte leicht von den übrigen trennt. Es gibt deren mehr als hundert in einer Löwenzahnblüte. Nimm eine von diesen kleinen Blüten in die Hand und betrachte sie.
Am unteren Ende sitzt ein ovaler Sack, das ist der Fruchtknoten. Oben auf diesem stehen einige feine Haare; das sind die Kelchblätter. Dann folgt die gelbe Blumenkronröhre, die auf einer Seite zu einer langen Zunge ausgewachsen ist. Im Innern der Blumenkrone sehen wir die Staubgefäße mit sehr langen Staubbeuteln, die zu einer Röhre fest verwachsen sind. Durch diese Röhre wächst der Griffel mit zwei gelben klebrigen Hörnern, der Narbe, empor.
Teile des Löwenzahns.
1. Eine einzelne Blüte: (s) Kelchblätter, (p) Blumenkrone, (st) hörnerartige Narbe, (a) Staubgefäße, (o) Fruchtknoten. 2. Fruchtstaude: Vier Früchte sind darauf geblieben. (s) haarförmiger Kelch, (o) Frucht. 3. Vergrößerte Frucht. (o) und (s) wie 2.
Dies zierliche Ding ist also eine vollständige Blüte, die mit ihren Gefährtinnen den Blumenkopf des Löwenzahns bildet. Bei dem Gänseblümchen ist es ebenso mit einigen kleinen Unterschieden. Versuche diese selbst herauszufinden.
Suche die Fruchtknoten der Erbse, des Goldlacks, des Hirtentäschelkrauts, der Butterblume, der Schlüsselblume, des Mohns, der Malve und des Löwenzahns.
Lektion 6.
Wie die Insekten helfen.
Sobald die Sonne die Erde zu erwärmen beginnt, kann man nach Frühlingsblumen ausschauen. Wenn in der Nähe feuchte Wiesen und Gräben sind, so kann man im April die Sumpfdotterblume in Blüte finden. Dies ist eine Pflanze mit hohlem Stengel und dunkelgrünen, herzförmigen Blättern, die am Rande gekerbt sind. Die Blüten sind hellgelb; die Kinder nennen sie oft Butterblume.
Die Blüte hat 6 verschieden gestaltete Kronblätter und innen stehen zahlreiche Staubgefäße und Fruchtknoten. Wenn man einen der letzteren herausnimmt, so wird man eine kleine Höhlung mit Honig darin finden.
Die Bienen sind sehr hinter diesem Honig her, da es noch so früh im Jahre ist, daß sehr wenige Pflanzen blühen. Sie brauchen außerdem Blütenstaub, um Bienenbrot für die kleinen Bienen zu machen. Auch andere Insekten suchen nach Nahrung. Wenn man an einem sonnigen Tage die Butterblumen beobachtet, so wird man viele Bienen und Fliegen sich auf den Blüten niederlassen sehen.
Sie fliegen von Blüte zu Blüte, saugen aus jeder ein Tröpfchen und nehmen außerdem aus den Staubbeuteln Blütenstaub mit.
Wir sahen in der letzten Lektion, daß Pflanzen keine Samen bilden können, wenn der Blütenstaub nicht auf die Narbe gelangt, und man hat durch Versuche herausgefunden, daß der Samen besser wird, wenn der Blütenstaub von einer anderen Blüte kommt. So nützen die Bienen den Pflanzen, indem sie den Blütenstaub von einer Blume zur anderen tragen, als Bezahlung gewissermaßen für den Honig, den die Pflanzen ihnen spenden.
Man wird sicher irgendwo im März an den Hecken eine hübsche gelbe Blume finden, die wie ein Stern aussieht mit glänzend grünen, herzförmigen Blättern. Es ist das Scharbockskraut oder die Feigwurz. Sie hat drei grüne Kelchblätter und acht bis zwölf gelbe Blumenkronblätter. Bienen und andere Insekten kommen in großen Mengen zu ihr, denn sie hat einen Tropfen Honig an dem dünnen Ende jedes Blumenkronblattes in der Mitte der Blumenkrone.
Wenn man diese Pflanze ausgräbt, so wird man Knöllchen von Feigenform finden, die zwischen den Wurzeln wachsen. Jedes derselben hat eine kleine Knospe an der Spitze, aus der sich eine neue Pflanze entwickelt, wenn man sie in die Erde setzt.
Eine andere Blume, die schon früh auf den Feldern blüht, ist der gemeine gelbe Huflattich, ein für den Landmann sehr unangenehmes Unkraut. Er hat einen langen kriechenden Stengel und breitet sich sehr schnell unter dem Boden aus. Er hat eine Blumenkrone wie der Löwenzahn, aus Hunderten von winzigen Blüten bestehend. Diese wächst auf einem filzigen Stengel, welcher mit roten Schuppen bedeckt ist. Die Blätter wachsen erst, nachdem die Blüte verwelkt ist.
Sieh den Blütenkopf aufmerksam an. Du wirst ungefähr vierzig runde Blüten in der Mitte finden. Sie bergen in sich Staubgefäße und einen großen Tropfen Honig. Um diese herum stehen ungefähr 300 kleine Blüten, jede mit einer langen, gelben Zunge. Im Innern dieser äußeren Blütchen sitzt ein Fruchtknoten mit zwei klebrigen Hörnern. Die Bienen und anderen Insekten kriechen über diese äußeren Blüten, um den Honig aus den Blüten in der Mitte zu saugen, und wenn sie nun zurückkehren, so bringen sie etwas Blütenstaub mit, den sie auf den klebrigen Hörnern der Narben zurücklassen.
1. Aronsstab.
1 A. Blütenstand: 1. Steife Haare, 2. Staubgefäße, 3. verkümmerte, 4. wirkliche Fruchtknoten.
2. Kleiner Huflattich.
Und wenn du nun den Aronsstab oder die Aronswurz finden kannst, so will ich dir eine wirkliche Insektenfalle zeigen. Er hat eine weißliche tütenförmige Blüte mit einem purpurfarbenen Kolben im Innern. Im Frühling hat diese Blume einen sehr starken Geruch. Dieser lockt die Insekten an, und sie kriechen an dem purpurroten Kolben hinab, um nach Honig zu suchen.
Auf ihrem Wege dahin kommen sie an einer Reihe von steifen Haaren vorbei, die von ihrem Gewicht niedergebogen werden und sie vorüber lassen. Dann gelangen sie an einen Ring von roten Staubbeuteln, die noch nicht offen sind. Darauf treffen sie auf einige verkümmerte Fruchtknoten und erreichen endlich die wirklichen Fruchtknoten mit klebrigen Spitzen.
Nun sind sie bis auf den Boden gelangt und suchen nach Honig. Aber ach! Es ist keiner da. Dann versuchen sie zurückzugelangen. Aber die steifen Haare biegen sich nicht nach oben, und die Insekten sind Gefangene. Sie sind für ein oder zwei Tage eingeschlossen, dann verwelken die klebrigen Narben der Fruchtknoten und jede schwitzt einen Tropfen Honig aus. Die Insekten sind also nicht betrogen. Zu gleicher Zeit platzen die Staubbeutel, und der Blütenstaub fällt auf die Insekten. Dann verwelken auch die Staubgefäße und die Haare, und die Insekten können ihrem Gefängnisse entschlüpfen.
Wenn sie an den verwelkten Staubbeuteln vorbeikommen, streifen sie den übriggebliebenen Blütenstaub ab und tragen nun auf ihrem Rücken genug davon zu anderen Blumenfallen.
Man kann dies sehr leicht selbst sehen, wenn man zwei Aronsstäbe beobachtet und zwar eine junge Pflanze mit vollen Staubbeuteln und eine alte, in der diese schon verwelkt sind.
Suche Sumpfdotterblume, Scharbockskraut, Huflattich und Aronsstab.
Lektion 7.
Früchte, die wir als Gemüse essen.
Wenn die Fruchtknoten der Pflanzen ausgewachsen und reif sind, nennen wir sie Früchte. Vermutlich kommt es euch sonderbar vor, eine Erbsenschote „Frucht“ zu nennen. Aber wenn ihr an alle die anderen Früchte, die ihr kennt, denkt, so werdet ihr finden, daß alle aus Fruchtknoten entstanden sind.
Der Apfel entsteht aus dem Fruchtknoten der Apfelblüte. Die Stachelbeere enthält den Samen des Stachelbeerstrauches. Die Nuß ist die Frucht des Nußbaumes. Die Eichel ist die Frucht der Eiche.
Bei Erbsen und Puffbohnen essen wir die Samen der Frucht. Aber bei anderen Bohnenarten essen wir meistens die unreife Frucht, Samenkapsel sowohl als Samen. Wenn du in einem Gemüsegarten umhergehst, wirst du gewiß einige Gemüse finden, von denen wir die ganze Frucht essen.
In den meisten Gärten gibt es eine Ecke, in der welke Blätter und Abfall aufgehäuft werden, um daraus einen Düngerhaufen zu machen. Erde wird auf den Haufen geworfen, und Gurken und Kürbis werden darauf gezogen. Man wird sofort erkennen, daß Gurken und Kürbis fleischige Samenkapseln sind, denn sie sind voll von Samen.
Habt ihr jemals die Blüten des Kürbis angesehen? Sie sind ebenso groß und schön wie viele Gartenblumen. Ich möchte euch auf etwas Sonderbares in ihnen aufmerksam machen.
Wenn man verschiedene Blüten betrachtet, so wird man sehen, daß sie nicht alle gleich sind. Sie haben einen blaßgrünen Kelch mit fünf langen Spitzen und eine kleinere oder größere gelbe Blumenkrone. Die kleineren haben den Ansatz eines jungen Kürbis unter dem grünen Kelche, während die größeren nichts als den Stengel an Stelle des Kürbisansatzes haben. In einigen Tagen wird der junge Kürbis größer geworden sein, während die Blüten, aus denen kein Kürbis hervorgeht, allmählich verwelken.
Kürbisblüten.
1. Blüte mit Staubgefäßen (a) und saftabsondernden Falten. 2. Blüte mit Fruchtknoten (m) und Narbe (s).
Sieh in das Innere der verwelkenden Blüten. Du wirst einige sonderbare Staubbeutel voll von gelbem Blütenstaube finden, aber keinen klebrigen Stempel in der Mitte. Dann betrachte die kleinere Blüte über dem jungen Kürbis. Im Innern derselben stehen einige klebrige, klumpenförmige Gebilde und wahrscheinlich findet sich etwas gelber Staub auf ihnen. Jene verdickten Stellen bilden die Spitze des Fruchtknotens, die Narbe, aber du wirst keine Staubbeutel in dieser Blüte finden.
So siehst du also, daß der Kürbis die Staubbeutel in der einen Blüte und den Stempel in einer anderen hat. Wie kommt nun der gelbe Blütenstaub aus einer Blüte in die andere, um den Samen zum Wachsen zu bringen?
Weißkohl (unten) und Kohlweißling mit Raupe und Puppe (oben)
III. 4.
Hier helfen die Insekten. Wir fanden die schädlich, die die Kohlrüben vernichteten, jetzt werden wir nützliche finden.
Im Inneren jeder Kürbisblüte gibt es einige saftige, faltenartige Stellen, an denen die Bienen und andere Insekten gern nagen, um den süßen Saft zu bekommen. Wenn sie sich nun in die Blüte drängen, um an den Falten zu fressen, reiben sie sich an den Beuteln und tragen etwas von dem gelben Blütenstaube auf ihrem Rücken mit fort. Dann fliegen sie in die kleineren Blüten auf der Suche nach dem süßen Safte und kommen an der klebrigen Narbe vorbei. Die gelben Staubkörner kleben daran fest, und so kann der Inhalt des Blütenstaubs zu den Samenknospen gelangen, so daß diese zu Samen heranwachsen.
Die Blüten der Gurke sind ebenso verschieden wie die des Kürbis. Nun wissen wir auch, weshalb der Gärtner seine Mistbeetfenster alle Tage sorgfältig öffnet. Er muß nicht nur frische Luft einlassen, sondern auch den Insekten Gelegenheit geben, auf die Blüten zu fliegen. Denn wenn sie nicht kämen, würde der Blütenstaub nicht von einer Pflanze zur anderen getragen werden. Manche Gärtner pflücken eine Blüte mit Staubbeuteln ab und reiben sie an den klebrigen Narben der kleinen Blüte und verrichten so dieselbe Arbeit wie die Insekten.
Alle Arten von Kürbissen, wie Flaschen-, Riesenkürbisse usw., Melonen und Gurken haben zweierlei Blüten wie die oben beschriebenen.
Es gibt noch eine Frucht, die wir als Gemüse essen, aber ich bin nicht sicher, ob ihr sie in eurem Garten habt. Es ist die schöne Tomate, die wie ein tiefroter Apfel aussieht. Wenn ihr sie nicht habt, solltet ihr versuchen, sie anzubauen.
Säe die Samen im Februar in einen Kasten, decke Glas darüber und halte sie in der Küche, wo es warm ist. Wenn dann die kleinen Pflanzen einige Blätter getrieben haben, setze jede einzelne in einen kleinen Topf mit etwas sandiger Erde. Begieße die Pflanze tüchtig, und im Mai setze die Töpfe hinaus ins Freie in eine warme Ecke.
Sobald die Pflanzen sich abgehärtet haben, grabe an einem der Sonne ausgesetztem Platze ein tiefes Loch, fülle es mit Erde und Dünger und pflanze sie da hinein. Sie werden emporwachsen und schöne Tomaten hervorbringen. Man muß nur sorgfältig Raupen und Schnecken fernhalten; denn sie lieben den süßen Tomatensaft ebensosehr wie wir.
Wenn die Früchte groß genug sind, und das Wetter nicht warm genug ist, um sie im Freien zur Reife zu bringen, so kann man sie pflücken und auf die Küchenbretter legen. Sie werden sich dann rot färben und können gegessen werden.
Suche die zwei verschiedenen Arten der Blüten, die auf dem Kürbis und der Gurke wachsen. Suche die Frucht der Gurke und der Tomate.
Lektion 8.
Der Kohlkopf.
Wenn die Frühlingsblumen anfangen, aus der Erde hervorzulugen, wird der Gärtner im Garten tüchtig bei der Arbeit sein. Im März, wenn nicht schon früher, müssen saubere Beete mit Kohl, Rosenkohl, Blumenkohl usw. besät und die kleinen Pflanzen nach und nach ausgepflanzt werden. Frühe Rüben müssen gezogen, und Radieschen und Senfsamen und Brunnenkresse zum Salat ausgepflanzt werden.
Alle diese Pflanzen gehören zu der Familie der Kreuzblütler, deren Blüten die Form eines Kreuzes haben. Es ist, wie ihr seht, für den Gärtner und Landwirt eine sehr nützliche Familie. Sie schenkt uns außer dem lieblichen Goldlack auch die vielfarbige Levkoie und das hübsche Steinkraut in den Gärten, sowie die Brunnenkresse in den Bächen.
Aber sobald unsere Kohlpflanzen zu wachsen anfangen, finden wir, daß die Insekten, die so nützlich sind, die Pflanzen zu befruchten, in einem Gemüsegarten vielen Schaden anrichten können. Früh im Mai, wenn die Pflanzen noch klein sind, kann man den Kohlweißling durch den Garten flattern sehen.
Wo ist er wohl hergekommen? Den ganzen Winter lang ist sein Körper von einer harten gummiartigen Masse bedeckt gewesen, die ihn überzog, als die Raupe sich verpuppte und sich mit seidenen Fäden an einem alten Kohlstrunk aufhing oder sich vielleicht in einer Ritze des Zauns versteckte.
Jetzt, wo die Sonne warm scheint, ist er ausgekrochen, und das Weibchen legt seine Eier. Der Schmetterling nährt sich nicht selbst von Kohlblättern, er saugt nur Honig aus den Blüten. Aber er nährte sich von Blättern, als er eine Raupe war, und deshalb legt das Weibchen ihre Eier unter ein Kohlblatt, wo die Raupen Nahrung finden, wenn sie ausgekrochen sind.
Ein anderer Schmetterling, der Fuchs genannt wird, legt seine Eier auf Brennesseln, weil seine Raupen sich von deren Blättern nähren. Sie weben ein kleines Nest unter denselben, wohin sie des Nachts zurückkehren, und wo man sie finden kann.
Wenn man nun seine Kohlpflanzen vor den Raupen schützen will, muß man die Eier des Kohlweißlings unter den Kohlblättern ablesen. Sie sind sehr klein, aber in vierzehn Tagen werden aus ihnen kleine grüne Raupen auskriechen, die schwarze Flecke und eine gelbe Linie auf dem Rücken haben.
Sie fressen und fressen ungefähr vier Wochen lang, und gegen Juli oder August kriechen sie dann nach irgend einem Baum oder Zaun, verpuppen sich und hängen sich an seidigen Fäden bis zum nächsten Frühling auf. Dann kriecht der Schmetterling aus, um seine Eier auf die jungen Kohlpflanzen zu legen.
Wenn ihr während des Winters überall den Garten im gefallenen Laube und an den Zäunen durchforschen werdet, werdet ihr die Puppen finden und sie vernichten und so helfen, eure Gemüsepflanzen vor den Raupen zu schützen.
Wenn ihr aber kleine weiße Bällchen von der Größe von Hanfsamen in der Nähe einer toten Raupe findet, so hütet euch sie zu vernichten. Es sind die Kokons einer kleinen Wespe, die ihre Eier in den Körper der Raupe des Kohlweißlings legt; wenn die Larve dann auskriecht, nährt sie sich von dem Inneren der Raupe.
Ist es nicht eine sonderbare Geschichte? Der Schmetterling saugt den Honig aus den Blüten und überträgt dabei den Blütenstaub. Dann legt er seine Eier unter ein Kohlblatt und stirbt. Die Raupe nährt sich vom Kohl, und dann kommt vielleicht eine kleine Wespe und legt ihre Eier in sie hinein. Deren Larve nährt sich von der Raupe, und wenn nun die Zeit kommt, wo sich diese in einen Schmetterling verwandeln soll, stirbt sie.
Viele andere Geschöpfe nähren sich noch von der Kohlpflanze. Larven und Schnecken lieben grüne Nahrung und der Kohlgallenrüsselkäfer, der sich, wie wir gesehen haben, von der Kohlrübe nährt, frißt die Wurzel des Kohls ebenso gern. Der beste Weg, alle Feinde fern zu halten, ist, den Boden von Unkraut zu befreien und alle Insekten, die man findet, abzulesen.
Suche möglichst viele Kreuzblütler: Goldlack, Brunnenkresse, Brennessel, Levkoie, Ackersenf, Kohlrübe und eine in den Samen geschossene Kohlpflanze. Versuche die Puppe des Kohlweißlings zu finden.
Lektion 9.
Wie die Pflanzen sich schützen.
Im Mai sind an den Hecken eine Menge von Blumen zu finden. Ich habe keinen Platz, sie euch alle zu beschreiben. Ihr solltet auf eurem Schulwege von jeder Sorte eine pflücken und euren Lehrer darnach fragen. Auf Abhängen und im Walde versteckt, findet man die wilden Hyazinthen, die rote Kuckuckslichtnelke und die lieblichen Sternmieren mit Blüten wie reine weiße Sterne und mit schmalen spitzen Blättern, die im Volksmunde auch Hühnerdarm oder Vogelmiere heißen.
Die Wiesen sind nun ganz gelb vom Hahnenfuß, die Gräben blau vom Vergißmeinnicht, und den kleinen, blauen Ehrenpreis kann man überall finden. Er hat einen dünnen, schwachen Stengel, und seine zwei Staubgefäße stehen wie Hörner aus den vier blauen Blumenkronblättern hervor. Binnen kurzem wird die hohe Wiesenspierstaude mit ihren zierlichen weißen Blütentrauben am Ufer der Flüsse und an feuchten Stellen blühen, und der hübsche, kleine Horn- oder Schotenklee wird Hecken und Felder schmücken.
Ihr werdet diese kleine Blume wahrscheinlich sehr gut kennen! Sie erhebt sich nur wenig über die Erde und sieht aus wie eine sehr kleine gelbe Erbsenblüte. Ungefähr vier oder fünf kleine Blüten wachsen auf jedem Stengel und die Knospen haben hellrote Streifen. Wenn die Schoten reif sind, stehen sie nach außen wie die Zehen eines Vogelfußes.
Diese Blumen und viele andere kann man auf den Feldern und in den Hecken finden, und ihr wißt nun, wie man ihre Fruchtknoten und Staubbeutel finden kann, und ihr werdet gewiß auf die Bienen und anderen Insekten achten, die kommen, um Honig und Blütenstaub zu holen.
Wenn ihr eure Augen offen haltet, so werdet ihr bald sehen, daß auch andere Geschöpfe zu den Pflanzen und Blumen kommen, die ihnen nicht so nützlich sind wie die Bienen. Da ist die Kuh, welche sehr viel von ihren Blättern beim Grasen frißt. Da ist der Esel, der mit Vorliebe Disteln sucht. Da ist das Kaninchen, das am Abend aus seinem Bau herauskommt, um an den zarten, jungen Schößlingen zu knabbern, und da sind die kleinen Feldmäuse, die die Erde wegkratzen und von dem dicken Stamm und den Wurzeln unter der Erde fressen.
Nun will ich euch von einigen Pflanzen erzählen, die sich selbst schützen, und vielleicht könnt ihr noch einige andere dieser Art ausfindig machen. Da haben wir zuerst die Anemone und die Wiesenbutterblume. Beide haben bittere Blätter, welche auf der Zunge brennen, wenn man in sie hineinbeißt. Wenn man über ein Feld geht, auf dem viele Butterblumen stehen, so wird man finden, daß die Kühe und Schafe sie möglichst unberührt stehen lassen. Wenn sie die Blätter fressen, so werden sie doch die Blüten vermeiden, die am bittersten sind. So hindern diese Pflanzen die Kühe, sie zu vernichten. Auch die Blätter des wilden Storchschnabels haben einen unangenehmen Geruch und Geschmack.
Dann haben die Farnkräuter sehr viel bitteren Gerbstoff in sich. Ihr werdet finden, daß, wenn Kühe oder Schafe an einer Stelle weiden, wo diese Pflanzen wachsen, sie dieselben nicht berührt haben. So schützen sich die Farnkräuter.
Auch der Sauerklee schmeckt sehr scharf, und der Ehrenpreis verursacht ein trockenes Gefühl im Munde, wenn man die Blätter ißt. Der Aronsstab hat so giftige Beeren, Blätter und unterirdische Knollen, daß kein Tier von den über der Erde liegenden Teilen fressen und keine vorsichtige Feldmaus unter der Erde daran nagen wird.
Dann gibt es Pflanzen, die Dornen an ihrem Stamme haben. Kühe und Pferde fressen nicht gern Stechginster, denn er verletzt ihr empfindliches Maul. Dies sind nur einige wenige Beispiele. Ich kann euch nicht mehr anführen, weil ich euch noch etwas weit Merkwürdigeres erzählen will.
Die Pflanzen haben Bienen und andere fliegende Insekten nötig, damit sie ihren Blütenstaub von einer Blume zur anderen tragen. Aber andere Insekten, so z. B. Ameisen, lieben auch Honig und können nur kriechen, nicht fliegen; sie reiben allen Blütenstaub, der auf sie fällt, ab, ehe sie eine andere Pflanze erreichen. So rauben sie den Blüten ihren Honig und geben ihnen nichts dafür.
1. Kuckuckslichtnelke. 2. Sonnenwolfsmilch. 3. Weberkarde oder Kardendistel.
Wilde Rose und Gartenrose.
III. 5.
Wie schützen sich nun wohl die Blumen gegen diese Honigräuber? In der mannigfachsten Weise. Die Weberkarde oder Kardendistel hat einen großen Blumenkopf voll von Honig. Aber die Ameisen können ihn nicht stehlen, weil ihre Blätter am Stengel einander gegenüberstehen, so daß sie ein kleines Bassin bilden. Tau und Regen füllen dasselbe und verhindern die Ameisen hindurchzukriechen.
Die Pflanzengattung, zu der die Kuckuckslichtnelke gehört, hat an den Blütenstengeln feine Haare, und der Stamm in der Nähe der Blüte ist sehr klebrig. Wenn die Ameisen hinaufkriechen, um den Honig zu stehlen, kleben sie fest und können nicht weiter.
Eine sehr gewöhnliche Pflanze in den Hecken ist die Sonnenwolfsmilch, die eigentümliche, kleine grüne Blüten hat. Diese Blume hat einen giftigen, milchigen Saft in ihrem Stengel. Wenn die Ameisen nun versuchen hinaufzuklettern, stechen sie mit ihren Klauen Löcher in denselben, der Saft quillt hervor, und sie kleben fest und sterben.
Ich möchte euch gern noch mehr von der Art und Weise erzählen, wie Pflanzen sich durch Dornen, Haare und Gift schützen, aber ihr müßt für euch allein Untersuchungen darüber anstellen.
Suche Sonnenwolfsmilch, Kuckuckslichtnelke, Sauerklee, Farnkraut, Distel und wilden Storchschnabel.
Lektion 10.
Feldblumen und Gartenblumen.
Nun wißt ihr, wie wilde Pflanzen wachsen, wie die Insekten helfen, sie zu befruchten, und wie sie sich gegen Feinde verteidigen, die ihre Blätter fressen oder ihren Honig stehlen möchten.
Wir wollen nun die Pflanzen in unseren Gärten betrachten und untersuchen, in wie weit sie den wilden auf dem Felde ähnlich sind. Alle Gartenpflanzen wachsen irgendwo wild. Wir haben sie in unsere Gärten gesetzt und ihre Blüten größer und farbenprächtiger gemacht. Einige davon wachsen noch wild in Deutschland, andere sind aus fremden Ländern gekommen.
Das Vergißmeinnicht am Gartenrande ist im großen und ganzen dasselbe, das wir draußen auf den Feldern finden. Das Schneeglöckchen wächst wild in manchen Teilen Deutschlands. Das hübsche blaue Immergrün mit den dunklen glänzenden Blättern ist sehr verbreitet. Das Tausendschönchen in unseren Blumengärten entstammt dem Gänseblümchen, das überall bei uns wächst. Das Geißblatt ist ebenso schön in den Hecken wie an dem Gitterwerk der Gartenpforte.
Aber die große purpurfarbige Waldrebe (Clematis) und die schönen, gelben und weißen Wucherblumen (Chrysanthemum), welche in so manchen Gärten blühen, stammen von auswärts. Die lieblichen gelben und violetten Stiefmütterchen, die den ganzen Sommer hindurch blühen, scheinen auf den ersten Blick zu großartig, als daß sie von wilden abstammen könnten. Aber man kann überall wilde pflücken, und wenn man die Blüte des Gartenstiefmütterchens ansieht, so wird man auf dem Fruchtknoten den sonderbaren Vogelkopf sehen, den wir beim Veilchen fanden. (Abbildung S. 41.)
Sicher habt ihr die gelbbraunen Primeln in eurem Garten. Anfangs glaubt man, daß nichts Ähnliches auf den Fluren zu finden ist. Aber wenn man eine Schlüsselblume pflückt und sie mit der Gartenprimel vergleicht, so wird man sehen, daß alle ihre Teile gleich sind. Denn die Gartenprimel war einst auch wild, und die Gärtner haben sie gedüngt und den besten Samen ausgesucht, bis sie ihre schönen Farben bekommen hat. Der Grund, weshalb Gartenblumen oft größer und schöner sind als wilde, ist der, daß die Pflanzen nicht so viele Mühe bei ihrer Ernährung nötig haben und nicht so viele Samen zu erzeugen brauchen. Der Gärtner setzt sie in guten Boden, pflegt sie und wählt die Samen der besten Blumen aus, um sie im nächsten Jahre zu säen.
Wildes und Garten-Stiefmütterchen.
Ihr könnt es ebenso machen, und obgleich man in einigen Jahren nicht viel fertig bringen kann, wird man doch für seine Mühe belohnt werden dadurch, daß man viel schönere Pflanzen erhält. Man muß die Pflanze beobachten, alle welken Blätter abpflücken, den Boden ordentlich hacken und düngen und ihn frei vom Unkraut halten. Dann muß man feststellen, welche Pflanzen die besten und glänzendsten Blüten haben. Nun bindet man einen Wollfaden um den Stengel dieser Blüten und wartet, bis ihre Samenkapseln reif sind, dann sammelt man deren Samen für die Aussaat im nächsten Jahre. In einigen Jahren wird man auf diese Weise weit bessere Blumen ziehen.
Die Nelken gehören zu den schönsten und lieblichsten unserer Gartenblumen. In unserer Heimat wachsen verschiedene Nelkenarten wild, und auch die Seite 38 abgebildete Kuckuckslichtnelke gehört zu dieser Familie.
Wenn man ihre Blüten mit denen der Nelke vergleicht, so wird man finden, daß beide schmale Blätter haben, die einander gegenüberstehen. Der Stamm ist an dem Gelenk, wo sie sitzen, verdickt. Sie haben einen langen, grünen Kelch mit Spitzen und fünf blaßrote oder weiße Blumenkronblätter, die am Rande gezähnt sind. Zehn Staubgefäße stehen im Innern und in ihrer Mitte ein großer Fruchtknoten mit zwei oder drei klebrigen Hörnern, die die Narbe bilden.
Nun suche eine reife Samenkapsel zu finden. Sie wird an der Spitze offen und nach dem Grunde zu ausgebuchtet sein wie eine Vase. Im Innern steht ein senkrechtes Säulchen, und um dieses herum liegen die Samen. Findest du alle diese Merkmale in einer Blüte vereinigt, so weißt du, daß sie zu den Nelkengewächsen gehört.
Vogelmiere, Sternblume, Lichtnelke, Seifenkraut, Kuckuckslichtnelke und wilde Nelke sind alle ohne Zweifel leicht in den Feldern und an den Hecken zu finden.
Aber ihr habt jedenfalls auch einige gefüllte Blumen in euren Gärten, z. B. Levkoien, Goldlack und Rosen. Diese haben sehr viele farbige Blumenkronblätter und kaum irgendwelche Staubgefäße und Fruchtknoten, manchmal überhaupt keine. Die Gärtner haben diese gefüllten Blumen dadurch hervorgebracht, daß sie die Blumen in sehr fetten Boden einpflanzten und die Samen derjenigen aussäten, welche am meisten Blumenkronblätter an Stelle der Staubgefäße hatten.
Wilde Pflanzen haben fast niemals gefüllte Blüten. Sie müssen sehr viel Samen hervorbringen. Wenn man eine Pflanze mit gefüllter Blüte in mageren Boden bringt und sie wild wachsen läßt, so wird sie bald wieder eine einfache Blüte treiben. Aber Gärtner brauchen schöne Blumen. So ziehen sie gefüllte Malven, Dahlien, Päonien und Primeln neben den einfachen.
Vergleiche die wilde und die Gartenrose, das wilde und das Gartenstiefmütterchen, Schlüsselblume und Primel, Nelke und Kuckuckslichtnelke.
Lektion 11.
Die Rosenblütler und ihre Früchte.
Im Juni steht die wilde Rose in Blüte. Es sieht sehr hübsch aus, wenn sie ihre rotweißen Blüten aus der Hecke hervorsteckt. Obwohl sie Dornen haben, kannst du es doch wohl fertig bringen, einen Zweig abzupflücken und ihn mit zur Schule zu nehmen. Wir wollen heute etwas von den Rosenblütlern lernen.
Ich wünsche, daß ihr eine Menge Blüten und Früchte aus Hecke und Garten außer der Rose mitbringt. Ihr erinnert euch, daß unsere besten Gemüse aus der Familie der Kreuzblütler stammen. Nun werdet ihr sehen, daß die Familie der Rosenblütler uns die besten Früchte liefert.
So holt also aus der Hecke einen wilden Rosenzweig. Es muß eine wilde Rose sein, denn, wie ihr euch erinnert, haben unsere Gartenrosen die meisten ihrer Staubgefäße in Blumenkronblätter verwandelt. Dann sucht, wenn möglich, einen Brombeerzweig mit einer Blüte und holt von dem Abhange eine wilde Erdbeerpflanze, möglichst eine mit Blüte und Frucht zugleich. Denn es gibt eine andere Pflanze, das Fingerkraut, das der Erdbeere so ähnlich ist, daß man es mit ihr verwechseln könnte, wenn keine Frucht dabei ist.
Dann hole aus eurem Garten eine Erdbeere, eine Himbeere, eine Kirsche und eine Pflaume, einen unreifen Apfel und eine Birne. Was für eine Menge das schon ist! Und doch könnten wir noch einen Pfirsich, eine Mispel, eine Quitte und eine Aprikose hinzufügen, denn alle diese Früchte gehören zu den Rosenblütlern. Ich glaube aber kaum, daß alle diese Früchte in eurem Garten wachsen. Laßt uns zuerst die Blüten betrachten. Ihr werdet sehen, daß die wilde Rose einen sehr tiefen, krugförmigen Blütenboden hat, um dessen Rand fünf grüne Kelchblätter mit langen Spitzen stehen.
Wenn es eine wilde Rose ist, so wird die Blumenkrone aus fünf hübschen hellroten Blättern gebildet. Sie stehen alle getrennt, so daß man sie einzeln aus dem grünen Kelch ziehen kann, ohne die anderen zu beschädigen. Wenn man sie alle abgepflückt hat, so findet man eine große Menge von Staubgefäßen, die auf dem Rande des grünen Blütenbodens wachsen.
Nun betrachte die Stempel. Ihre klebrigen Spitzen gucken aus dem Kelch hervor. Aber man muß den krugförmig vertieften Blütenboden aufreißen, wenn man nach ihnen sucht. Sie stehen alle einzeln, und jeder hat eine eigene klebrige Spitze, die Narbe.
Wir untersuchen jetzt die Blüte der Erdbeere; auch sie hat fünf grüne Kelchblätter, fünf weiße Blumenkronblätter und sehr viele Staubgefäße, gerade wie die Rose. Aber sie hat keinen vertieften Blütenboden. Ihre Stempel stehen auf einer kleinen Erhöhung zwischen den Kelchblättern. Allmählich wird diese Erhöhung schwellen und weich und saftig und süß werden, und die kleinen Samenkapseln stecken darin, wie Nadeln in einem Nadelkissen. Wenn man die kleine Frucht der Walderdbeere und die große der Gartenerdbeere ansieht, so wird man sie leicht erkennen. Die Leute nennen diese trocknen Kernchen oft „Samen“, aber es sind keine Samen, es sind winzige Samenkapseln, von denen jede einen Samen in sich trägt.
Nun kommen wir zur Blüte der Brombeere. Es ist bei ihr ebenso wie bei der Erdbeere: die Stempel wachsen auf einem erhöhten Blütenboden. Aber wenn die Frucht reif ist, wird man sehen, daß diese Erhöhung nicht größer geworden ist. Bei der Brombeere werden die Fruchtknoten selbst weich und wachsen zu kleinen Bällen heran, die voll von süßem Safte sind. Man kann sie voneinander trennen und wird in jedem einen Samen finden.
Bei der Himbeere ist es ebenso, nur ziehen sich die kleinen roten, saftigen Samenkapseln von der Erhöhung etwas zurück. So kann man sie wie eine Mütze von der weißen spitzen Erhöhung abziehen.
Und wie ist es nun mit den anderen Früchten? Im nächsten Frühling, wenn die Pflaumen und Kirschen blühen, wirst du sehen, daß sie dieselbe Art von Blüten haben wie die Rose. Aber jede Blüte enthält nur einen Fruchtknoten. Dieser wird nach außen hin saftig und behält im Innern um den Samen herum eine sehr harte Schale. Man ißt also die saftige Umhüllung, und muß die harte Schale zerknacken, ehe man an den Kern oder Samen kommen kann.
Der Apfel und die Birne geben uns ein Rätsel auf, bis man den Apfel quer durchschneidet. Dann sieht man die fünf kleinen Samenkapseln in Form eines Sternes inmitten der Frucht. Jede Samenkapsel hat ein oder zwei Kerne oder Samen und stellt das dar, was wir Kerngehäuse nennen. Der grüne Blütenboden ist dick und fleischig geworden und ganz um das Kernhaus herumgewachsen. Man kann die vertrockneten Spitzen der grünen Kelchblätter oben auf dem Apfel sehen. In der Apfelblüte liegen die Fruchtknoten getrennt; der vertiefte Blütenboden und der Kelch umschließen sie, und aus diesen wächst ein großer Apfel hervor.
Suche eine wilde Rose, einen blühenden Brombeerzweig, eine wilde blühende Erdbeere, einen Apfel, eine Birne, eine Pflaume, eine Kirsche, eine Himbeere und Gartenerdbeere.
1. Brombeerblüte.
Längsschnitt, der die einzelnen Stempel zeigt.
2. Pflaumenblüte.
Zeigt den einzigen Stempel und in dessen Fruchtknoten den Kern.
3. Apfel.
Querschnitt, auf dem die fünf Samenkapseln (Kernhaus) zu sehen sind.
Früchte aus der Familie der Rosengewächse.
1. Hagebutte der Rose. 2. Himbeere. 3. Brombeere. 4. Erdbeere.
III. 6.
Lektion 12.
Die Taubnessel und die Erbsenblüte.
Wenn die Biene auf der Suche nach Honig ist, so ist sie sehr froh, wenn sie die Taubnessel findet. Es ist ihr einerlei, ob die Pflanze weiße oder rote Blüten hat, denn sie ist sicher, daß, wenn vor ihr keine andere Biene dagewesen ist, sie Honig finden wird.
A. Blüte der Taubnessel. B. Längsschnitt derselben.
a. Staubbeutel. s. Narbe. f. Haarkranz. n. Fruchtknoten. l. Unterlippe.
Es gibt Taubnesseln gewöhnlich in großer Menge, denn ihre Blätter haben keinen angenehmen Geschmack, und sie sehen den Brennesseln so ähnlich, daß nur wenige Tiere sie fressen.
Die wirkliche Nessel hat nur kleine grüne Blüten, während die Taubnessel ganze Büschel von roten oder weißen Blüten hat, die um den Stengel herumwachsen, immer über einem Paar von Blättern. Diese Blüten sind helmförmig und haben eine breite Unterlippe, die vorn herabhängt und eine tiefe Kerbe in der Mitte zeigt.
Der Stengel der Blume ist nicht rund wie der der meisten Pflanzen; er ist vierkantig. Hieran kann man sie stets von einer Brennessel unterscheiden, selbst wenn sie nicht blüht. Die runzeligen Blätter stehen einander gegenüber, und zwar die oberen gerade in den Lücken der unteren, wie wir in Lektion 2 gesehen haben.
Laßt uns nun die Blüte betrachten. Man nimmt dazu am besten eine weiße, da sie sehr groß ist. Fasse den Helm und ziehe leise daran. Er wird sich loslösen, so daß der grüne fünfzähnige Kelch zurückbleibt. Aber wahrscheinlich wirst du auch den langen fadenförmigen Griffel mit den 2 Narbenlappen mitgenommen haben, welcher auf dem Fruchtknoten wächst, denn er löst sich leicht los.
Trenne nun bei einer anderen Blüte den Helm sorgfältig auseinander. Du wirst auf dem Boden des Kelches den Fruchtknoten mit vier kleinen Samenanlagen finden, die wie Nüßchen aussehen, und in deren Mitte der lange fadenförmige Griffel aufwächst. Er hat als Narbe zwei Lappen.
Bienen im Wiesensalbei.
A. Längsschnitt der Blüte, um die Bewegung der Staubbeutel (a) zu zeigen, sobald eine Biene in die Röhre kriecht.
Sieh jetzt in eine neue Blüte hinein. Du wirst vier Staubgefäße finden, die inmitten der hinteren Wand der Blütenröhre wachsen. Zwei von ihnen sind so lang, daß sie bis oben in die Oberlippe hinaufreichen. Wenn du die Oberlippe jetzt zurückschiebst, so sind die Lappen der Narbe von den Staubbeuteln umschlossen. Unten in der Röhre ist sehr viel Honig, aber kriechende Insekten können nicht hinzugelangen; denn ein dichter Saum von Haaren verhindert sie daran.
Aber wenn die Biene kommt, steckt sie ihren Rüssel durch die Haare hindurch, und wenn sie den Honig saugt, bürstet sie den Blütenstaub aus den Staubbeuteln. Dann fliegt sie zu einer anderen Blume und läßt ihn dort auf den Lappen der Narbe zurück. Es gibt sehr viele Pflanzen, die Lippenblüten haben wie die Taubnessel. Minze, Salbei, Melisse, Thymian, Pfefferminze, Lavendel, Rosmarin und der hübsche blaue und weiße Günsel in den Hecken gehören alle zu den Lippenblütlern. Man erkennt sie an dem vierkantigen Stengel, den gegenständigen Blättern und den Fruchtknoten mit den vier kleinen Samenanlagen.
Im Salbei bilden die Staubgefäße eine Art Schlagbaum. Die Biene stößt mit dem Kopfe gegen das untere Ende, und so kommt der volle Staubbeutel auf ihren Rücken zu liegen (s. S. 48).
Eine andere Pflanze, die die Biene sehr liebt, ist die Erbse. Auch da ist sie sicher, Honig zu finden. An einem schönen Morgen kann man die Bienen im Gemüsegarten um die Erbsen und Bohnen summen und ihren Kopf bald in diese, bald in jene Blüte stecken sehen.
Nimm eine Erbsenblüte und untersuche, wie sie es machen. Halte die Blüte vor dich hin. An ihrer Rückseite ist ein großes Blütenblatt mit einer tiefen Kerbe in der Mitte. Dieses steht wie eine Fahne in die Höhe, um der Biene zu zeigen, wo sie den Honig suchen soll. Deshalb wird es „Fahne“ genannt. Zwei kleinere Blütenblätter stehen zusammengefaltet gerade darunter. Diese heißen „Flügel“. Zwischen diesen sind zwei andere Blütenblätter, die wie das Vorderteil eines Bootes zusammengefügt sind; sie heißen „Schiffchen“.
Erbsenblüte und Schnitt durch dieselbe.
a. Staubgefäße. b. Klebriger Schnabel (Narbe). o. Fruchtknoten. s. Samenanlagen.
Wenn man die Flügel erfaßt und sie sanft hinunterdrückt, so ziehen sie das Schiffchen mit hinunter. Dann wird man die Staubbeutel der zehn Staubgefäße sehen, sowie den klebrigen Schnabel der winzigen Erbsenschote. Sie waren vorher im Schiffchen verborgen.
Wenn du die Blüte zerlegst, so wirst du sehen, weshalb das Schiffchen hinunterging. An jedem Flügel ist eine Art Knopf, der in eine Höhlung in der Seite des Schiffchens hineinpaßt. Wenn die Biene sich auf den Flügeln niederläßt, so drückt sie dieselben durch ihr Gewicht hinunter. Die Flügel drängen ihrerseits das Schiffchen hinab, und die Staubbeutel schlagen gegen die Brust der Biene. Und so fliegt diese zur nächsten Blüte, bedeckt mit Blütenstaub.
Es gibt fast ebenso viele Schmetterlingsblütler — so heißen die Pflanzen, die eine Blüte haben wie die Erbse —, als es Lippenblütler gibt. Der schöne gelbe Stechginster, der Klee und alle Wicken in den Hecken gehören zu dieser Familie. Jeder Kopf einer Kleeblüte besteht aus einer Menge von winzigen Blüten, die alle wie die der Erbse geformt sind.
Auch im Blumengarten haben wir den Goldregen und im Gemüsegarten Feuer- und Puffbohnen.
Untersuche Taubnessel, Minze, Thymian und Wiesensalbei. Beachte den sonderbaren schwingenden Staubbeutel des letzteren. Untersuche ferner die Blüten der Erbse, des Stechginsters, der Futterwicke und des Schotenklees.
Lektion 13.
Kletterpflanzen.
Wenn ihr die Augen offen haltet, so müßt ihr bemerkt haben, als ihr die Blüten der Erbse und der Stangenbohnen pflücktet, daß sie an Stangen emporklettern, die für sie eingesteckt werden. Aber vermutlich habt ihr nicht darüber nachgedacht, warum sie klettern und wie sie klettern.
Ihr wißt, daß sie zu einer wirren Masse auf den Boden fallen würden, wenn ihr die Stangen fort nähmet, denn Erbsen und Stangenbohnen haben schwache, dünne Stengel. Wenn sie auf dem Boden lägen, würden sie nicht genug Luft und Licht bekommen, und andere Pflanzen würden sie ersticken. So haben sie gelernt, an Stangen, an Hecken oder irgend etwas anderem, das sie finden, emporzuklettern, um Luft und Licht zu haben.
Erbse, an Stangen kletternd.
Das ist der Grund, weshalb sie klettern, und wir wollen nun untersuchen, wie sie klettern. Jede Kletterpflanze tut dies in anderer Weise.
Ihr werdet finden, daß an manchen Stellen der Erbsenpflanze, wo ein Blatt stehen sollte, ein kleiner geringelter grüner Faden ist, der sich an die Stange klammert wie ein Kind an den Finger der Mutter. Diese Fädchen heißen „Ranken“. Sie halten die Pflanzen in Licht und Luft und lassen die Blüten an solchen Stellen niederhängen, wo die Insekten sie finden können. Die Stangenbohne klettert in anderer Weise. Sie braucht dazu nicht die Blätter, sondern windet ihren ganzen Stamm um die Stangen.
1. Wilde Clematis oder Waldrebe. 2. Garten-Clematis.
Wenn ihr die Hecken betrachtet, so werdet ihr viele Kletterpflanzen finden, die die dichten Büsche benutzen, um ihre Blätter und Blüten darauf auszubreiten. Da ist z. B. die Clematis oder gemeine Waldrebe. Sie hat ihre Blätter nicht in Ranken verwandelt, noch benutzt sie ihren Stamm zum Klettern. Sie schlingt die Blattstiele fest um die Zweige, so daß die Blätter am Ende herausstehen. Ihre hübschen grünlichen Blüten sind auf diese Weise über die ganze Hecke ausgebreitet, und allmählich werden die am oberen Teile federartigen Samenkapseln wie der Bart eines alten Mannes herabhängen, gerade da, wo der Wind sie fassen kann, um sie fortzuwehen.
Kleblabkraut.
Ihr kennt doch wohl das kletternde Labkraut, welches überall an den Hecken wächst. Seine schmalen grünen Blätter stehen sternartig um den Stamm herum, und es hat sehr kleine weiße Blüten. Der Stamm, die Blätter und die Samenkapseln sind mit winzigen Häkchen übersät, so daß sie sich an der Hand festklammern, wenn man die Pflanze pflückt. Es ist eine sehr schwache Pflanze, aber sie klammert sich mit ihren Haken an anderen Gewächsen fest, die stärker sind, und richtet sich so auf.
Die Brombeere klettert in ähnlicher Weise, und die wilde Rose tut dies mit ihren Dornen. Etwas weiter an der Hecke hinunter findet ihr vielleicht den wilden Hopfen. Sein Stamm stirbt jedes Jahr ab und erneut sich im Frühling. Aber trotzdem bringt er es fertig, sich weit auszubreiten, denn er schlingt sich um Zweige und kleine Bäume, und alles, was er findet, bedeckt er mit seinen breiten herzförmigen Blättern. Ihr werdet von den Blüten des wilden Hopfens überrascht sein, denn Staubgefäße und Stempel wachsen auf verschiedenen Pflanzen.
Auch das zahme Geißblatt oder Jelängerjelieber schlingt seinen Stengel um eine Stütze, wie ihr an der Pforte oder am Staket gewiß schon bemerkt habt. Manchmal windet es sich so fest um einen jungen Zweig, daß dessen Wachstum an den Stellen, wo ihn das Geißblatt umschlungen hat, gehemmt wird. Und so entstehen an diesen Stellen Eindrücke, als wenn er mit einem Bande umwickelt worden wäre.
Dann gibt es hübsche Pflanzen, Wicken genannt, die Blüten haben, welche einer kleinen Erbsenblüte ähnlich sind. Sie klimmen an ihren Ranken überall hinauf. Ihr werdet sie ebenso leicht finden, wie die Winde, die alle möglichen Pflanzen umschlingt, selbst unsere Stachelbeer- und Johannisbeerbüsche, und deshalb sehr sorgfältig ausgerodet werden muß. Aber ich bin nicht ganz sicher, ob ihr eine sonderbare kleine Pflanze, die sogenannte Flachsseide, finden werdet. Ihr müßt sie an Flußufern, Gebüschen, Wegrändern suchen, wo sie über Weiden, Brennesseln, Klee und andere Pflanzen klettert. Sie hat nur einen dünnen, aber zähen Stamm, der Büschel von winzigen blaßroten Blüten trägt. Blätter hat sie überhaupt nicht. Wie kann sie also leben, da sie kein Mittel hat, um Nahrung zu bereiten? Sie windet sich um Brennessel, Weide oder Klee und sendet Wurzeln in deren Stämme hinein, um daraus die fertige Nahrung auszusaugen.
Geißblatt, die Pflanze schlängelt sich um einen Stamm und windet sich empor.
III. 7.
Die Weinrebe und der hübsche wilde Wein verwandeln ihre kleinen Zweige in Ranken, um emporklettern zu können. Sehr wahrscheinlich habt ihr wilden Wein, dessen Blätter im Herbste rot werden, an eurer Hausmauer. Zwei Arten desselben haben eine sonderbare Art zu klettern. Wenn die Ranken die Mauer berühren, werden ihre Spitzen rot und schwellen zu kleinen Kissen an. Diese halten so fest an der Mauer, daß man sie abreißen muß, wenn der Zweig schon verwelkt ist. Und endlich klettert der Efeu vermittels kleiner Wurzeln, die ganz am Stamm entlang wachsen.