Carl Scharnhorst.
Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika.
Von
Armand.
Mit 6 Bildern in Farbendruck, nach Zeichnungen von August Hengst.
Der Verfasser behält sich das Recht der Uebersetzung vor.
Hannover.
Carl Rümpler.
1863.
Druck von August Grimpe in Hannover.
Inhalt.
| Seite | |
| Abschnitt 1. In Deutschland. – Das Frühjahr. – Die Fahrt mitdem Hunde. – Der Sonnenaufgang. – Carl Scharnhorst andem Felsabhang. – Die Gesellschaft. – Die Schreckensbotschaft. –Freude im Glück | [1] |
| Abschnitt 2. Abzug vom Gute. – Der Brief von Amerika. – DerBeschluß zur Auswanderung – Vorbereitungen. – Weihnachten. –Der Neger. – Die Nordsee. – Die Seeschweine. – Die Inseln. –Der Sonnenuntergang. – Der Eisberg. – Amerika. – DerAdler. – Todesnachricht. – Der Verlust | [34] |
| Abschnitt 3. Der schwarze Freund. – Reise nach dem Westen. – DerHirsch. – Die Nacht im Freien. – Die Ueberschwemmung. –Die wilden Pferde. – Die Prairie. – An der Frontier. – DerBüffel. – Die wilden Truthähne | [79] |
| Abschnitt 4. Das Land zur Niederlassung. – Die Wölfe. – DiePferdediebe. – Die hölzerne Festung. – Das Kanoe. – DasFeld. – Fischfang. – Die Bärenjagd. – Die Felle. – Der Jaguar.– Der vermoderte Baum | [120] |
| Abschnitt 5. Lederbereitung. – Die Poolkatze. – Büffeljagd. – DerLasso. – Die wilden Bienen. – Weihnachtsabend. – Vorsichtsmaßregeln.– Der Mais. – Die Biber. – Der Alligator. –Der Wacoindianer | [159] |
| Abschnitt 6. Biberfang. – Die Bärin. – Der graue Bär. – DerPrairiebrand. – Der wilde Rappenhengst | [198] |
| Abschnitt 7. Ritt durch die Wildniß. – Wasser. – Die Antilopen. –Die Grenze des Prairiebrandes. – Die Klapperschlangen. – DerDelawaren-Häuptling. – Das Lager der Indianer. – Der schwarzePanther. – Rückkehr in das Fort. – Indianerfreundschaft. – DerFrühling. – Die Bestürmung. – Letztes Mittel. – Die nahendeRache | [239] |
| Abschnitt 8. Aufopferung. – Stummer Abschied. – Der Falbe. –Das Rennen wider Willen. – Das Handelshaus. – GroßerBüffelfang. – Der Panther. – Dankbarkeit. – Das Wiedersehen | [278] |
Abschnitt 1.
In Deutschland. – Das Frühjahr. – Die Fahrt mit dem Hunde. – Der Sonnenaufgang. – Carl Scharnhorst an dem Felsabhang. – Die Gesellschaft. – Die Schreckensbotschaft. – Freunde im Glück.
In dem schönen gesegneten Werrathale lebte eine Familie, Namens Turner, die aus den beiden Eltern, zwei Söhnen und einer Tochter bestand. Herr Max Turner war Oeconom und hatte ein kleines Gut, die Kluse genannt, in Pacht, welches einer alten Adelsfamilie als Eigenthum angehörte. Schon sein Urgroßvater hatte dieses Gut pachtweise besessen, die Pacht war immer vom Vater auf den Sohn übertragen worden, und so war auch Herr Max Turner in dieselbe eingetreten. Ueber hundert Jahre befand sich die Kluse nun schon in den Händen der Familie Turner, so daß diese das Gut als ihr Eigenthum betrachtete, von welchem sie jährlich eine gewisse Summe Geldes an jene adelige Herrschaft abzugeben hatte. Es war niemals von einer anderweitigen Verpachtung die Rede gewesen, und als vor mehreren Jahren die Güter in Deutschland bedeutend im Werthe stiegen, hatte sich Herr Turner auch gern dazu verstanden, seiner Herrschaft eine angemessen höhere Pacht zu zahlen. Die Kluse lag kaum eine Viertelstunde von der Werra entfernt in einem engen, reich bewässerten Thale, welches sich nach dem Strome hin öffnete und zu beiden Seiten von hohen Bergen eingeschlossen war. Großes Vermögen hatten die Turners nie erworben, dazu bot das kleine Gut die Mittel nicht; doch hatten sie ihre Pacht immer pünktlich entrichtet, hatten ohne große Sorgen gelebt, ihren Kindern stets eine gute Erziehung geben lassen und dabei eine kleine Summe baaren Geldes zurückgelegt, wie man zu sagen pflegt für böse Tage, die da kommen könnten. Ebenso stand es nun mit Herrn Max Turner. Auch er besaß kleine Capitalien, die er in dem nahen Städtchen auf Grundstücke ausgeliehen hatte; er lebte zufrieden und ohne Sorgen und bot Alles auf, um seine Kinder so viel als möglich lernen zu lassen; denn er war der Ansicht, daß eine gute Erziehung bei reichen Kenntnissen mehr werth sei, als alles Vermögen. »Wer etwas Tüchtiges gelernt hat,« sagte er oft, »der führt ein Capital mit sich, das ihn in jeder Lage seines Lebens und unter allen Verhältnissen ernährt und welches ihm Niemand nehmen kann.« Seine vierzehnjährige Tochter Julie war sein ältestes Kind; darauf folgte ein Sohn, Arnold, im Alter von elf Jahren, und Wilhelm, der zweite Sohn, hatte sein neuntes Jahr erreicht. Außerdem befand sich noch ein Knabe in der Familie, welcher gleichfalls zu derselben gezählt wurde und Carl Scharnhorst hieß. Seine Mutter, die Schwester des Herrn Turner, war an einen Doctor Scharnhorst verheirathet gewesen; Beide waren vor mehren Jahren gestorben, und Carl Scharnhorst wurde als Waise von seinem Onkel in die Familie aufgenommen und als eigenes Kind betrachtet und behandelt. Carl war vierzehn Jahre alt und ein Knabe von ungewöhnlichen körperlichen wie geistigen Anlagen. Er war ein schöner, kräftiger, gesunder Junge mit braunem lockigen Haar, großen, blauen lebendigen Augen und offenem, ehrlichen, edel geformten Gesicht. Schnell und gewandt in seinen Bewegungen, war er auch rasch und entschlossen in seinen Handlungen und verrieth bei Allem, was er that, ein Herz voll Liebe, Freundschaft und Dankbarkeit. Mit leidenschaftlicher Anhänglichkeit hing er an den Kindern seines Onkels, die er Schwester und Brüder nannte, und seine Schulkameraden, denen er seine Freundschaft einmal zugesagt hatte, konnten sich bei jeder Gelegenheit unbedingt auf ihn verlassen. Die dankbare Verehrung und kindliche, herzinnige Liebe aber gegen seine Pflegeeltern kannte gar keine Grenzen, er schien nach ihren Gedanken zu haschen, um ihren Wünschen zuvorkommen zu können.
Herr Turner war ein ernster, verständiger Mann im Alter von noch nicht ganz vierzig Jahren, er war groß und stark gebaut, hatte glänzend schwarzes Haar, dunkele beredte Augen, aus denen Biederkeit und Entschlossenheit sprachen, und seine hohe offene Stirn zeugte von gründlichem tiefen Denken. Seine Frau Marie dagegen war eine helle Blondine mit himmelblauen, so freundlichen, liebreichen Augen, daß Jedermann, der ihren Blicken begegnete, sie lieb gewinnen mußte. Sie war eine schöne gesunde Frau, der man es ansah, daß sie die Hände nicht oft in den Schooß legte, und daß sie nur für ihre Familie und für ihre Wirthschaft lebte. Von früh Morgens bis Abends spät war sie in ihrem Haushalte beschäftigt, und da ihre Tochter Julie seit einigen Wochen die Schule verlassen hatte und confirmirt worden war, so mußte sie ihr bei den häuslichen Arbeiten zur Hand gehen.
Julie versprach ganz das Ebenbild ihrer Mutter zu werden, sie hatte dieselben blonden Haare und blauen Augen, und dieselbe Anmuth und Lieblichkeit lag in ihrem ganzen Wesen. Arnold, ihr jüngerer Bruder dagegen, mit schwarzem Haar und dunkeln Augen, glich mehr seinem Vater, während Wilhelm, der jüngste, wieder blond war und auf die Mutter artete. Wahres Glück und wahrer Segen ruhte auf dieser Familie; mit unbegrenzter Liebe und unermüdlicher rastloser Fürsorge wachten die Eltern über das Wohl der Kinder, und mit gleicher Liebe und Dankbarkeit hingen diese an den Eltern. Zutrauen und Einigkeit verbanden sie innig, und kein Opfer war ihnen zu groß, um einander gefällig zu werden und sich gegenseitig Freude zu bereiten. In wahrer Frömmigkeit waren sie alle Gott ergeben und bekannten mit dankbarem demüthigen Herzen in ihm den alleinigen Spender des vielen Glücks, dessen sie sich erfreuten. Sorgen und Kummer waren ihnen fremd, sie hatten Alles, was ihre bescheidenen Wünsche orderten, und eine ungestörte kräftige Gesundheit ließ ihnen jede Freude, die ihnen ihr einfaches Leben bot, im vollsten Maße genießen.
Nach einem anhaltenden strengen Winter, der noch bis in den Monat März hinein die Werra mit einer starren Eisdecke überzogen und die hohen, steilen Berge und die Kluse mit hohem Schnee bedeckt hielt, war das Frühjahr mild und segnend erschienen, und der Mai hatte Berg und Thal mit frischem jungen Grün geschmückt. Die Wälder prangten im zarten neuen Laube, die Saaten schossen üppig empor, die Wiesen zierten ihre saftig grünen Flächen mit Blumen, und die Obstbäume sahen, mit Blüthen übersäet, wie weiße und rothe Wolken aus den Gärten hervor. Klar und durchsichtig rauschten die leichten Wogen der Werra zwischen den frisch grünen Ufern hin und folgten spielend ihren Schlangenwindungen durch die mächtigen Gebirge, deren schroffe Basaltkuppen im hellen Sonnenlichte unter dem blauen wolkenlosen Aether glänzten. Alle Zugvögel waren von ihrer Winterreise aus fernen Landen zurückgekehrt, die Schwalben schwärmten in lustigen Zügen schwirrend von Berg zu Berg, die Lerche hob sich singend und trillernd zum Himmel auf, der Kukuk ließ seinen Ruf durchs Thal ertönen und die Nachtigall flötete ihre süßen melancholischen Lieder im Düster des Forstes und im schattigen Dunkel der Gärten.
Es war Pfingstsonnabend Nachmittag, und Carl Scharnhorst hatte die Feierstunden benutzt, um seinen Brüdern, wie er Arnold und Wilhelm Turner nannte, eine Freude zu bereiten. Für den großen schwarzen Hofhund, Pluto, hatte er ein Geschirr angefertigt, denselben in einen kleinen Wagen gespannt, und nun rief er seine Brüder herbei, das Fuhrwerk nach dem nahen Städtchen zu lenken, um für die Mutter allerlei Haushaltsbedürfnisse nach der Kluse zu schaffen; denn für die Feiertage mußten Küche und Keller gut versorgt werden. Die Freude der beiden Jungen war groß, als sie ihren lieben Pluto mit dem weißen Ledergeschirr im Wagen eingespannt erblickten, und Carl mußte das mächtige Thier mit Gewalt am Halsbande halten, damit es bei den Liebkosungen, die es den Knaben mit Ungestüm erwiedern wollte, das Fuhrwerk nicht umwarf. Der laute Jubel brachte auch Madame Turner und Julie vor die Hofthür, auch sie brachen in ein lautes freudiges Lachen aus, als sie den großen Hund eingespannt sahen, und Madame Turner, die in Carls Bemühung nur dessen Liebe zu ihren Kindern erkannte, strich ihm liebevoll die braunen Locken und küßte ihn zärtlich. Dann gab sie ihm die bereits geschriebene Liste über die verschiedenen Gegenstände, welche sie durch einen der Knechte hatte auf einem Schiebkarren aus der Stadt holen lassen wollen. Wilhelm setzte sich in den Wagen hinein, Arnold ging mit dem Lenkseil in der Hand nebenher, und von Carl gefolgt, trabte Pluto mit dem Wagen durch das Hofthor die Straße hinunter.
»Nur langsam, langsam, Ihr Jungen!« rief ihnen Madame Turner lachend nach; kaum hatten sie aber die offene Straße erreicht, als sie Pluto zum Laufen aufforderten, und nun davon sausten, so schnell sie ihre Füße nur tragen konnten.
Die Sonne sank zu den fernen blauen Gebirgen hinab, die vielen einzelnen Basaltkuppen, die sich hier und dort aus dem Werrathale erhoben, dehnten ihre Schatten weiter aus, der Himmel im Westen wurde immer feuriger, immer glühender, und eine heilige Ruhe legte sich auf das schöne Thal, die nur durch den friedlichen Ton der Abendglocken und zuweilen durch einen verspäteten Grasmäher unterbrochen wurde. Herr Turner kam auf einem prächtigen Rappen auf der Straße hergetrabt, die von dem Städtchen nach der Kluse führte, und holte auf halbem Wege seine drei Buben ein, von denen Arnold und Wilhelm neben dem großen Hunde hinschritten, während Carl Scharnhorst hinter dem beladenen Wagen ging und denselben vorwärts schob, damit die Last dem Thiere nicht zu schwer werden sollte.
»Ist es möglich, seid Ihr es?« rief Turner lachend und verwundert aus. »Habe ich mich doch besonnen, was für ein Fuhrwerk dies sein könnte! Aber wer hat Euch denn das Geschirr für Pluto und die ganze Einrichtung gemacht? es ist ja allerliebst!«
»Carl hat Alles heimlich hergestellt, und als er Pluto eingespannt hatte, rief er uns herbei, damit wir fahren könnten,« antworteten die beiden Söhne Turners vergnügt und sahen mit dankbaren freudigen Blicken nach Carl hin.
»Ei, Du bist ja ein Prachtbursche, Carl! Dafür sollst Du nun aber auch wahrlich Deinen Spaß haben,« sagte Turner, indem er vom Pferde sprang und Carl den Zügel hinreichte. »Komm her, mein Junge, sollst den Rappen nach Hause reiten, ich weiß, es macht Dir Freude. Wart nur, ich will die Bügel etwas kürzer schnallen.«
»Nein, bester Onkel, ich danke, ich muß bei dem Wagen bleiben, es wird Pluto zu sauer!« antwortete Carl und sah mit glänzendem Blicke nach dem Sattel hinauf, in welchem er so gern Platz genommen hätte.
»Nein, nein, Carl, eine Ehre ist der andern werth; Du hast Deinen Brüdern eine Freude gemacht, und es ist nun an mir, auch Dir eine solche zu bereiten. Steig auf, flink, ich bleibe beim Wagen und werde ihn statt Deiner schieben.«
»Aber, bester Onkel, wenn das Jemand sähe – ich zu Pferde und Du hinter dem Wagen – das geht ja nicht!«
»Eine jede Arbeit ehrt den Mann, Carl; wer mich nicht hinter dem Wagen sehen mag, der muß einen andern Weg blicken. Schnell auf das Pferd, darfst es einmal tüchtig laufen lassen, nimm Dich aber in Acht, schiebe die Füße nicht zu weit in die Steigbügel, damit Du mir nicht darin hängen bleibst, wenn Du herunterfallen solltest.«
»Hat nichts zu sagen, Onkel, ich habe den Rappen schon zu oft in das Wasser geritten, ich falle nicht herunter,« erwiederte Carl und sprang behend in den Sattel.
»So, nun sage der Mutter, daß ich Fuhrmann geworden sei und bald mit der reichen Ladung nachfolgen würde,« sagte Turner, worauf Carl den Rappen in Galopp setzte und davon jagte.
Die flüchtigen Tritte des Rosses, als Carl in den Hof sprengte, lockten Madame Turner in die Hausthür, wo ihr der Knabe lachend zurief, was ihm sein Onkel zu bestellen aufgetragen hatte. Dann übergab er das Pferd einem Knecht und lief nun rasch wieder nach der Straße hinunter, dem Wagen entgegen zu eilen und Herrn Turner dort abzulösen.
Der Mond stieg glühend roth über den dunkeln Bergen auf und blickte in das Thal herab, in welchem die Kluse lag, als der Wagen vor dem Hause anlangte und Pluto sich ermüdet niederlegte.
»Hier, Mutter, wir haben Alles glücklich hergebracht, es ist Nichts entzwei gegangen,« rief Arnold seiner Mutter triumphirend zu, als diese aus dem Hause hervorsprang, um ihre Lieben zu bewillkommnen.
»Und wie schön war die Fahrt, ich sage Dir, Mutter, ganz prächtig,« fiel Wilhelm ein.
»Und die Freude habt Ihr Carl zu verdanken,« erwiederte Madame Turner.
»O ich habe aber einen noch weit größern Spaß gehabt, weil Onkel so gut war und mich den Rappen reiten ließ; wie hat der aber laufen müssen!« unterbrach Carl schnell seine Tante; doch diese fuhr, zu ihren Söhnen gewandt, fort:
»Nun, bedankt Euch hübsch bei Carl, der Euch so lieb hat,« worauf die beiden Buben Carl um den Hals fielen, ihn küßten und ihm für die Freude dankten, die er ihnen bereitet hatte.
»Hast Du uns Fuhrleuten denn aber nun auch etwas Gutes gekocht, Mutter? wir haben uns tüchtig für Dich abgearbeitet,« nahm jetzt Herr Turner das Wort, indem er seinen Arm um die Schulter der geliebten Gattin legte und von ihr den gewohnten Kuß zum Willkommen empfing.
»Ihr sollt zufrieden sein. Julie hat Puffer gebacken, und wenn ich mich nicht irre, so sind sie ihr gut gerathen,« entgegnete Madame lächelnd.
»So laß uns das Abendbrod im Garten in der Laube verzehren; ich meine immer, im Freien könnten wir dem gütigen Gott besser für seine Wohlthat danken, als in dem Zimmer, dort sehen seine Wolken so freundlich auf uns hernieder, seine Größe und Allmacht tritt uns lebendiger vor die Seele. Es ist eine so herrliche Nacht, daß es schade wäre, uns in das Zimmer einzusperren,« entgegnete Turner.
»Sehr gern, es ist mir leichte Mühe, die Speisen hinauszubringen, und dort werden sie uns noch viel besser schmecken,« antwortete Madame Turner, und eilte in das Haus, um die nöthigen Anordnungen zu treffen, während ihr Gatte mit den Knaben die Ladung von dem Wagen hinein beförderte. Carl hatte Pluto das Geschirr bereits abgenommen, und der Hund folgte ihm nun auf Schritt und Tritt nach.
Eine halbe Stunde später saß die ganze Familie im Garten in der Geisblattlaube um den großen steinernen Tisch, auf dem das einfache Abendbrod aufgetragen war und auf dessen Mitte eine Lampe mit heller Glaskuppel brannte.
Herr Turner erhob sich zum Dankgebete und die Seinigen folgten seinem Beispiele. Mit wenigen klaren, aus tiefem Herzen kommenden und zum Herzen dringenden Worten dankte er Gott für die unendlich vielen Wohlthaten, die er ihm und seiner Familie hatte angedeihen lassen, und flehte um seinen ferneren Segen. Mit demüthiger Andacht folgten Mutter und Kinder dem Gebet, und nach dessen Beendigung wünschten sich Alle gegenseitig guten Appetit.
»Daran wird es uns Allen gottlob nicht fehlen, denn wir haben ja sämmtlich unsere Schuldigkeit gethan und unsere Herzen drückt keine Schuld und kein Kummer,« sagte Turner, indem er die Schüssel mit Speisen nahm, sich derselben bediente, und sie dann weiter reichte.
»Ich hätte Euch nun wohl einen Vorschlag zu machen, das heißt, wenn Ihr früh aufstehen könntet,« fuhr er nach einer Weile fort. »Wie wäre es, wenn wir morgen früh auf der Wichtelkuppe die Sonne aufgehen sähen?«
»Ach ja, lieber Vater!« fielen die Kinder jubelnd ein, und auch die Mutter stimmte freudig dafür.
Die Mahlzeit war bald gehalten und Madame Turner rückte auf der Bank näher zu ihrem inniggeliebten Gatten, um sich in treuer Liebe an seine Seite zu schmiegen. Der Mond blickte silberhell in die Laube, der Maiwurm glühte im Grase und die Nachtigall flötete ihre süßen Lieder im nahen Gesträuche. Die laue Nachtluft trug den tausendfältigen Duft der Frühlingsflur hin und wieder, und der nahe Bach rauschte und murmelte in dem Gestein, über welches seine krystallklaren Wellen spielten.
»Der allmächtige gütige Gott hat uns doch überreich gesegnet, Marie,« sagte Turner im Gefühle seines großen Glückes zu seiner Gattin, und sah nach den Kindern hin, die in den krummen Wegen des Gartens spielten und sich jauchzend und lärmend auf denselben hin- und herjagten. »Sieh unsere Kinder an, wie sie geistig und körperlich gedeihen, wie sie gut und ehrlich denken und fühlen, wie jede Unwahrheit, jedes Unrecht ihnen verhaßt ist, und wie sie kräftig und übermüthig emporwachsen.«
»Gott der Gütige erhalte uns unser Glück, Max, wir sind vor Tausenden von ihm bevorzugt. Unsere Kinder sind gut, wir haben keine Sorgen, und unsere Liebe hat uns den Himmel auf Erden gegeben. Mag unsere Bitte um Erhaltung unseres Glücks dem Allmächtigen nicht unbescheiden klingen; fast ist es zu groß für diese Welt,« sagte Madame Turner, zum Himmel aufblickend, und das Mondlicht spiegelte sich in den Freudenthränen, die unter ihren langen Wimpern glänzten.
Es war schon spät, als die Familie den Garten verließ und sich zu ihrer Ruhestätte begab, um noch einige Stunden sich in sorglosem glücklichen Schlafe zu stärken; aber lange vor dem ersten Grauen des Tages schon weckte Herr Turner die Schläfer, und Alle schossen schnell in die Kleider, um zum Aufbruch nach der Wichtelkuppe bereit zu sein.
Noch war der Mond nicht versunken und er warf sein Licht über den rohen Fahrweg, der sich, steil hinansteigend, zwischen den Bergen nach dem erwählten Ziele der frühen Wanderung hinaufwand. Herr Turner, mit einem schweren Stocke bewaffnet, schritt mit seiner Gattin voran, dann folgten ihre drei Kinder, und Carl Scharnhorst beschloß mit Pluto den Zug. Ein Jedes von ihnen hatte Etwas zu tragen, denn es waren Milch, zwei Bouteillen Wein und ein tüchtiger Vorrath von frischem Kuchen, so wie einige Gläser mitgenommen, und Alles war unter die Gesellschaft zum Tragen vertheilt worden.
»Warum heißt denn der Berg die Wichtelkuppe, Vater?« fragte Arnold.
»Es ist eine alte Sage, die dem Berge diesen Namen gegeben hat. Man erzählte sich vor langen Jahren, daß in den Kohlenbergwerken am Meißner, dort drüben an der andern Seite der Werra, gute Geister in der Gestalt von ganz kleinen Menschen leben sollten, die man Wichtelmänner nannte. Diese Geister, sagte man, hielten in mondhellen Nächten ihre Zusammenkünfte und ihre Tänze auf jenem Berge, und darum nannte man ihn die Wichtelkuppe. In früheren Jahren gab es noch viele sehr unwissende Menschen, die an solche Geistergeschichten glaubten; heutzutage aber lacht man darüber, da man weiß, daß es nur ein Geist, ein großer allmächtiger gütiger Geist ist, der allenthalben unsichtbar gegenwärtig und der uns und diese Erde, so wie alle die Welten geschaffen hat, die wir am Himmel über uns sehen. Dieser einzige Geist ist der gütige Gott, den Niemand zu fürchten hat, wenn er recht thut. Andere Geister giebt es nicht, und wem einmal ein angeblicher Geist begegnen sollte, der fasse ihn nur gleich beim Kragen, und er wird sogleich finden, daß er einen Menschen, oder sonst einen Gegenstand vor sich hat. Nur dumme Furcht, oder ein böses Gewissen können Gespenster sehen. Nehmt Euch hier in Acht, Ihr Jungen, daß Ihr nicht fallt, es ist dunkel in diesem Hohlweg, und es liegen viele Steine darin,« sagte Turner, sich nach den Knaben umsehend. »Wer trägt denn die zweite Flasche Wein?«.
»Ich habe sie, Onkel, ich werde sie nicht zerbrechen,« rief Carl, der etwas zurückgeblieben war.
Der dunkle Hohlweg war bald durchschritten und eine steinige Höhe erreicht, von der man auf die Kluse hinabsehen konnte. Hier wurde für einige Minuten Halt gemacht, weil der Weg bis hierher sehr steil gewesen war. Bald aber ging es wieder vorwärts, und immer noch gab der Mond Licht genug, um den Weg erkennen zu können. Ueber eine Stunde lang waren die Wanderer in der fröhlichsten Laune scherzend und lachend, beinahe fortwährend bergauf gestiegen, als sie plötzlich die höchste Spitze der Wichtelkuppe erreicht hatten, und wie von einem Thurme herab in das tiefe Werrathal hinunter schauten. Der Mond hatte den Saum der Gebirge erreicht und warf seinen letzten Blick auf den ruhigen Spiegel des Stromes, der sich wie eine glänzende silberne Schlange durch das tiefe dunkele Thal hinwand. Bald aber versank die helle Mondscheibe hinter dem Berge, die Nacht breitete ihr Dunkel über die Erde, und die Sterne blitzten und funkelten lebendiger. Nur im Osten zeigte der Himmel über den Gebirgssäumen einen bleichen Streif, der den nahenden Tag verkündete. Von Minute zu Minute wuchs dieser Lichtschein und seine bleichgelbe Farbe ging in ein zartes Rosenroth über. Zugleich zitterte die Morgendämmerung über die Berge, und die einzelnen Basaltkuppen und Waldstriche wurden im Thale sichtbar. Der Himmel färbte sich immer feuriger, immer prächtiger, bis seine ganze östliche Hälfte mit einem glühenden Roth bedeckt war.
Turner, dessen Gattin, und um sie herum die Kinder hatten sich auf Felsstücke niedergesetzt, und hielten erwartungsvoll und von heiligen Schauern durchbebt, die Blicke auf den Fleck über dem dunkeln Gebirgsrücken geheftet, von wo aus die Gluth am Himmel aufzusteigen schien. Plötzlich wurde dort ein glänzender heller Lichtpunkt sichtbar, die goldene Scheibe der Sonne stieg empor, und ihr Strahlenlicht ergoß sich über die Erde.
»Erkennt die Größe des allmächtigen Gottes in diesem seinen Werke!« sagte Turner zu den Kindern, indem er die Hand nach dem aufsteigenden Gestirn erhob. »Wie Alles in der ganzen Schöpfung Gottes Gnade bekundet, so sendet auch dieses göttliche Werk Leben, Segen und Gedeihen über unsern Erdball. Seht nur, wie die Natur erwacht und wie Alles neu belebt wird!«
Kein Wölkchen war am Himmel zu erblicken, blau und durchsichtig spannte er seinen hohen Bogen über die weite, im goldenen Morgenlicht glänzende Berglandschaft, frisch und erquickend zog die Luft durch das Thal, und rollte den leichten Nebel, der die Werra wie mit einem weißen Schleier bedeckte, in kleinem Gewölk nach den Höhen hinauf, und Alles schien für den ersten Pfingsttag geschmückt.
In die Herzen der Familie Turner war der Festtag schon mit dem Erwachen der Natur eingezogen, und so wie die Vögel hoch in der Luft und unten im Thale sich unter fröhlichem Gesange des Morgens erfreuten, so gaben auch Turners sich der beglückenden Heiterkeit hin, die ihnen von allen Seiten entgegenlachte. Noch über eine Stunde verweilten sie im Genusse des herrlichen Morgens auf der luftigen Höhe, ehe sie an den Heimweg dachten. Als aber Madame Turner daran erinnerte, daß man aufbrechen müsse, um zur rechten Zeit in der Kirche erscheinen zu können, schlug ihr Gatte vor, auf dem kürzeren Fußpfad, der an den Werra-Abhängen hinführte, zurückzugehen. Alle stimmten freudig ein, weil dieser Weg beinahe fortwährend einen Blick in das tiefe Thal gestattete, und so traten sie dann abermals ihre Wanderung an. Der Pfad aber war schmal, so daß nur eine Person darauf Platz hatte, und von Herrn Turner geführt, folgte Einer dem Andern. Oft blieben sie stehen, um die steilen Felswände zu beiden Seiten des Flusses zu bewundern, oder den kleinen Fischernachen nachzublicken, die wie schwarze Punkte auf der Werra hinglitten. Wohl die Hälfte des Heimweges hatten sie bereits zurückgelegt, als sie auf dem hohen Bergsaum einen Platz erreichten, wo der Pfad an einer Felswand hinführte, und wo an dessen anderer Seite der, mit losem Gestein bedeckte Boden sehr steil abschüssig wurde, und in einer Entfernung von etwa hundert Fuß in einem senkrechten schwindelnden Abhang nach dem Ufer des Stromes hinuntersank. Herr Turner blieb stehen und rief den Kindern zu, voran zu gehen, damit er sie im Auge behalten könne, und als sie bei ihm vorüber kamen, ermahnte er sie zur Vorsicht auf diesem gefährlichen Wege. Carl Scharnhorst schritt voran, indem er dem Hund pfiff, der soeben einen Hasen aufgejagt hatte und, ohne auf den Pfiff zu hören, denselben verfolgte. Hinter Carl ging Julie, dann kam Arnold, darauf Wilhelm, und Herr Turner, mit seiner Gattin vor sich, beschloß den Zug. Die schmalste Stelle des Pfades war erreicht, als plötzlich Pluto, um zu Carl zu gelangen, in vollem Lauf bei Herrn und Madame Turner vorübersauste, und im Vorbeirennen an Arnold, diesen so heftig zur Seite stieß, daß der Knabe von dem Pfade herabstürzte und an dem steilen Berge hinunterrollte. Mit einem Schrei des Entsetzens sahen die Eltern, wie der Knabe sich vergebens bemühte, seinem Hinabrollen Einhalt zu thun; es war umsonst, das lose Gestein rollte mit ihm, und schon hatte er die Hälfte des Abhanges, der zu dem senkrechten Abgrunde führte, erreicht, als Carl sich pfeilschnell hinter ihm herstürzte, ihn mit seinen Armen umklammerte, und alle seine Kräfte aufbot, ihn in dem furchtbaren Lauf aufzuhalten. Umsonst – Beide rollten weiter dem unvermeidlichen Tode entgegen. Carl hielt aber seinen Kameraden fest umschlossen, und lenkte nur mit den Füßen seinen Weg einem einzelnen Baume zu, der am Ende des Abhanges stand und über die gähnende Tiefe hinabhing. Wie vom Tode erfaßt und in Verzweiflung erstarrt, sahen die Eltern händeringend den beiden Knaben nach, wie dieselben dem äußersten Rande des Abgrundes immer näher kamen und das lose Gestein um sie her ihnen voran in die bodenlose Tiefe rollte. Noch lagen nur wenige Schritte zwischen den Knaben und dem äußersten Felsrand, als Carl, seinen Kameraden im Arm, sich mit den letzten Kräften nochmals dem Baume zustieß, und an dessen Stamm über dem Abgrunde hängen blieb. Mit einem Arm hielt er den ohnmächtigen Arnold umschlossen, und mit dem andern stützte er sich an den Baumstamm, der ihn von dem Sturz in die Tiefe zurückhielt.
»Halt fest, Carl, halt fest, Gott der Allmächtige wird Dir Kräfte verleihen!« schrie Turner, indem er seine Gattin aus seinen Armen sinken ließ und seine bebenden Hände den Knaben entgegenstreckte.
»Halt fest, Carl, um Gotteswillen, halt fest, ich hole Hülfe, ich bin bald zurück!« schrie Turner noch einmal mit verzweifelter, mit rasender Angst, und stürzte dann in fliegendem Laufe an den Felsen hin, um von der Kluse her Hülfe zu holen.
Madame Turner lag händeringend auf ihren Knieen und flehte laut zum Himmel auf, daß Gott Barmherzigkeit haben und Rettung senden möge, und Julie und Wilhelm klammerten sich weinend und jammernd an die bebende Mutter und hielten zitternd ihre Blicke auf die beiden Knaben geheftet. Carl hielt den geliebten Halbbruder fest an sein Herz gepreßt, und suchte vorsichtig nach und nach seinen Sitz zu verbessern, um länger darin aushalten zu können; denn seitwärts von dem Stamme, an dem er saß, blickte er in die schwindelnde Tiefe hinunter, wo sein Auge keinen Gegenstand mehr erkennen konnte. Seine Kräfte, die er bei der übernatürlichen Anstrengung während des Rollens bis an den Baum aufgewandt hatte, kehrten zurück, und er fühlte sich stark genug, sich hier zu erhalten, bis sein Onkel ihm Hülfe bringen würde. Alle seine Besorgniß richtete sich jetzt nur noch auf das Erwachen Arnolds und auf dessen Bewegungen; denn die mindeste Biegung aus dem Gleichgewicht mußte sie beide in den Abgrund stürzen. Jetzt regte sich Arnold, er strich sich mit der Hand über das Gesicht, und wollte sich erheben.
»Rühre Dich nicht, Arnold, oder wir sind Beide verloren, bewege Dich nicht und sieh Dich nicht um, verlaß Dich auf mich, ich halte Dich!« rief ihm Carl in die Ohren, und zog seinen Arm fester um ihn.
»Carl, wo sind wir denn?« fragte Arnold jetzt, indem er die Augen aufschlug und in den Abgrund blickte. »Ach Gott, wir fallen hinunter!« setzte er halblaut hinzu, und begann am ganzen Körper zu zittern. »Bewege Dich nur nicht, Arnold, ich halte Dich, der Vater wird gleich zurückkommen und uns helfen. Schließe die Augen und bleibe ruhig so liegen, ich kann Dich so ganz gut halten und wenn es noch so lange dauern sollte!«
Von drehendem Schwindel ergriffen, schloß Arnold bebend und zitternd die Augen, und klammerte sich krampfhaft an Carl fest, der jetzt selbst vermied, seitwärts in die Tiefe zu schauen, da er fühlte, wie ihn dabei eine unüberwindliche Machtlosigkeit durchrieselte. Er hielt seinen Blick hinauf nach der jammernden Mutter Arnolds gerichtet, und wandte sich mit seiner Seele vertrauungsvoll zu Gott, der ihm ja beigestanden hatte, den Baum zu erreichen.
Unbeweglich saß er über der bodenlosen Tiefe, doch konnte er sich des Gefühls nicht erwehren, daß der Baum seinem Druck nachgeben, und mit ihm und Arnold hinunterstürzen würde. Mit krampfhafter Spannung horchte er auf jeden Ton, um die nahenden, Rettung bringenden Fußtritte Turners zu erkennen; eine Ewigkeit schien an ihm vorüberzuziehen, er fühlte, wie seine Füße in der gezwungenen Lage erstarrten, und doch durfte er diese nicht wechseln, wollte er nicht das Gleichgewicht verlieren. Ueber eine halbe Stunde war schon verstrichen und noch war keine Hülfe erschienen. »Liege ganz ruhig, Arnold,« sagte Carl jetzt zu diesem mit entschlossener Stimme, »ich muß meinen Fuß unter Dir hervorziehen, ich kann es unmöglich länger in dieser Lage aushalten.« Dabei befreite er seinen linken Arm von seinem Halbbruder, faßte mit beiden Händen den Stamm hinter sich, und hob sich vorsichtig mit aller Kraft langsam etwas empor, indem er seinen Fuß unter Arnold herauszog und über den Abhang hinunterhängen ließ.
»So, Gottlob, nun ist es gut, nun kann ich es wieder aushalten!« sagte er, und legte seinen Arm abermals um Arnold. Da schallte die Stimme Turners von weit her durch die Berge, als fordere sie Carl zur letzten Kraftanstrengung auf.
»Der Vater kommt,« sagte dieser zu dem bebenden Gefährten, »nun werden wir gerettet. Rühre Dich nur nicht, Arnold!«
Wenige Minuten später erschien Turner auch wirklich auf dem Pfade, und stürmte mit einer Steinhacke auf der Schulter zu dem verhängnißvollen Platze heran. Er kam aber nicht allein, sämmtliche Knechte waren ihm von der Kluse hierher gefolgt, und trugen schwere Taue herbei, die zur Rettung der Knaben gebraucht werden sollten. In aller Eile wurden diese einzelnen sehr langen Stricke aneinander gebunden, Turner ließ sich das eine Ende um die Brust befestigen, und stieg nun, mit der Steinhacke in der Hand, an dem Abhang hinunter, indem die Knechte auf der Höhe zurückblieben und das Seil hielten. Sie ließen dasselbe nur langsam nachfolgen, während Turner auf seinem abschüssigen Wege mit der Hacke Stufen in das lose Gestein hieb und eine Art von Treppe erzeugte, die ihm den Rückweg nach der Höhe erleichtern sollte. Dabei redete er mit erzwungen ruhiger Stimme, bald zu Carl, bald zu Arnold, ermahnte sie, nur still und unbeweglich zu sitzen, und nicht in die Tiefe zu blicken. Schritt für Schritt stieg er weiter hinab, während das Gestein, welches er vor sich loshieb, über den Abhang hinunter rollte, und so erreichte er endlich schweißtriefend und erschöpft die beiden Knaben.
»Der Allmächtige sei gelobt und gepriesen!« rief er in höchster Seligkeit mit bebender Stimme aus, als er Arnold mit beiden Händen krampfhaft erfaßte, ihn Carl aus den Armen nahm und ihn auf die nächste Stufe über sich hob.
»Sitze ruhig, Carl, bester Carl, gleich kehre ich zu Dir zurück; rühre Dich nicht,« sagte er zu diesem, und ließ Arnold nun die steile Höhe vor sich erklimmen, wobei er ihn von Stufe zu Stufe hob, und die Diener auf der Höhe das Tau wieder an sich ziehen mußten. In ihren zitternden Armen empfing die Mutter ihr Kind an ihrem Herzen, und Turner eilte, ohne einen Augenblick zu verlieren, abermals auf den Stufen hinab, um nun auch Carl dem furchtbaren Abgrunde zu entreißen.
»Mein Carl, Du Retter meines Lebensglücks, komm an mein Herz, an das Herz Deines dankbaren zweiten Vaters!« rief der überglückliche Mann, indem er den Knaben von dem Baume wegzog und ihn vor sich auf die Stufe hob.
Bald hatten sie die Höhe erstiegen und Madame Turner zog den Knaben mit freudigem Beben von der letzten Stufe zu sich herauf.
»Carl, mein geliebter Carl, Du Retter meines Kindes, wie soll ich es Dir im Leben danken!« stammelte sie in ihrem Glück, indem sie Carl mit ihren Liebkosungen überhäufte. Von ihr aber ging er aus einer Umarmung in die andere, bis Turner auf seine Kniee sank, um dem Allmächtigen für die Gnade, für die Barmherzigkeit zu danken, die er ihm in so wunderbarer Weise hatte angedeihen lassen. Alle Gegenwärtigen wandten, tief ergriffen, ihre Herzen zu Gott und stimmten in das laute Dankgebet Turners mit ein. Dann aber eilten sie von dem Schreckensplatze hinweg, ohne sich nochmals nach dem Abgrunde umzusehen.
Als Turners nach der Kluse zurückkamen, war es zu spät geworden, um noch in die Kirche zu gehen, aber in dem Tischgebete sandten sie nochmals ihren herzinnigen, heißen Dank für die wunderbare Rettung der beiden Knaben zum Himmel auf. Die Liebe, welcher sich Carl Scharnhorst bisher in der Familie Turner zu erfreuen gehabt hatte, war eine noch viel innigere geworden, sie hatte in der Dankbarkeit noch eine neue Grundlage gefunden, und die Eltern sowohl, wie die Kinder fühlten sich mit unlöslichen Herzensbanden an den braven Knaben gefesselt. Aber noch ein anderes Gefühl war in ihnen für Carl erwacht, welches seine aufopfernde Anhänglichkeit, seine Unerschrockenheit, seine Entschlossenheit hervorgerufen hatte; es war das Gefühl der Achtung. Während man bisher nur den liebevollen, treuherzigen, dankbaren Knaben in ihm gesehen, erkannte man jetzt in ihm ein Glied der Familie, dessen Persönlichkeit noch eine andere Bedeutung hatte, als die eines geliebten Kindes.
Von dem Augenblick an, wo der erste Freudenrausch über die Rettung Arnolds verwogt war, behandelte Turner sowohl, wie seine Gattin, Carl Scharnhorst unwillkürlich anders, als früher: in Wort und Handlung gebrauchten sie, ohne es zu wollen, mehr die Rücksichten, die man einem Freunde zollt, als die, welche man dem Pflegekinde angedeihen läßt; er war mit einem Worte in ihrem Gefühle plötzlich nicht mehr der Knabe, sondern der befreundete, edle Jüngling, wenn auch seine ganze Erscheinung noch die des Kindes war. Auch die Dienerschaft, die Knechte und Mägde aus der Kluse, begegneten ihm mit einer Ehrerbietung, mit einer Achtung, die man einem Knaben sonst nicht zollt, und wo er sich sehen ließ, kam man ihm mit ehrender Auszeichnung entgegen und pries und rühmte seine edle That. Carl sah nichts weiter in der Aufmerksamkeit, als die Freude über die Rettung Arnolds, an der er ja selbst von ganzem Herzen Theil nahm; doch kam es ihm gar nicht dabei in den Sinn, daß er etwas so Ungewöhnliches gethan habe. Er glaubte, nur so gehandelt zu haben, wie es jeder Mensch zu thun verpflichtet sei und wie er selbst gar nicht anders gekonnt hätte.
Am folgenden Morgen rüstete man sich auf der Kluse zeitig, um sich nach dem Städtchen zur Kirche zu begeben. Der leichte, mit drei Sitzen versehene Korbwagen hielt vor der Hausthür, so wie auch der gesattelte Rappe, den Herr Turner bei solchen Gelegenheiten stets zu reiten pflegte. Madame Turner trat mit ihren Kindern und mit Carl aus dem Hause, um den Wagen zu besteigen, als Herr Turner, der bei dem Rappen stand, Carl zu sich winkte und sagte:
»Carl, Du sollst heute den Rappen reiten, und ich will statt Deiner fahren; ich weiß, es macht Dir Freude, und bei der ersten Gelegenheit, die sich nur bietet, werde ich Dir ein Pferd kaufen, welches ganz Dein Eigenthum sein soll. Komm, ich habe die Bügel schon für Dich verkürzt.«
Carls Blick strahlte vor Wonne; denn wenn er auch schon oft den Rappen in der Nähe der Kluse geritten hatte, so war er doch niemals zu Pferde in der Stadt erschienen, und dies zu thun, machte ihm eine besonders große Freude.
»Aber, bester Onkel, reitest Du nicht lieber, als Du Dich in den Wagen setzest? Du zogest es sonst doch immer vor,« sagte Carl bescheiden und zögernd.
»Nein, nein, heute fahre ich lieber; steige nur auf. Wenn Du in die Stadt kommst, so reite nach dem Gasthofe und lasse das Pferd in den Stall bringen, der Stallbursch weiß schon, was er für dasselbe zu thun hat. Sage ihm nur, daß Du nach der Kirche wiederkommen würdest, um nach Hause zu reiten.«
Bei diesen Worten gab Turner die Zügel an Carl, dieser schwang sich mit hochschlagendem Herzen in den Sattel, winkte Allen noch einen Gruß zu, und trabte in höchster Lust davon, während Turner sich zu seiner Gattin und seinen Kindern in den Wagen setzte. Der Weg war bald zurückgelegt, und als in der Nähe der Kirche der Wagen anhielt und Turners ausstiegen, kamen von allen Seiten Freunde und Bekannte herbeigeeilt, um ihnen ihre Glückwünsche zu der wunderbaren Rettung des Knaben darzubringen; denn die Nachricht davon hatte sich bereits durch das Städtchen verbreitet. Es war noch nicht volle Zeit, sich in das Gotteshaus zu begeben, und der mit hohen Linden umstandene Platz vor demselben füllte sich immer mehr mit Kirchgängern, als Carl dort erschien und sich nach den Seinigen umschaute. Während er durch die Menge hinschritt, wurde er von allen Seiten angehalten. Jedermann wollte dem braven Knaben die Hand reichen und ihn begrüßen, und unter warmen Liebesbezeugungen und lauter Anerkennung seiner edlen hochherzigen That gelangte er zu Turners. Hier waren nun viele von deren näheren Freunden versammelt, und abermals wurde Carl reiches Lob gespendet. Diese Liebe, diese Beweise von Zuneigung erfüllten sein junges Herz mit Freude, doch blieb er weit davon entfernt, sich etwas auf seine That einzubilden, da er nicht anders wußte, als daß Jedermann ebenso handeln müsse, wie er es gethan hatte.
Nach beendigtem Gottesdienste begleiteten viele Bekannte Turners diese nach dem Wagen, welcher im Schatten der alten Lindenbäume gehalten hatte, und eine große Anzahl der Freunde kündigten ihren Besuch auf der Kluse für den Nachmittag an. Auf halbem Heimwege holte Carl die Seinigen wieder ein, und blieb nun in der Nähe des Fuhrwerks, indem er bald im Schritt zurückblieb, und bald wieder im Trabe oder im Galopp bei ihm vorübereilte. Wohlbehalten und in der glücklich heitern Stimmung, wie sie das Herz des Menschen nach Beseitigung einer großen Gefahr noch lange Zeit erfüllt, langte die Familie zu Hause an; es wurde schnell zu Mittag gespeist, und dann begab sich Madame Turner mit Julie in die Vorrathskammern und in die Küche, um die nöthigen Vorbereitungen zur Bewirthung der zu erwartenden lieben Gäste zu treffen.
Gastfreundschaft und Freigebigkeit hatten von jeher auf der Kluse geherrscht, und auch die gegenwärtigen Bewohner derselben waren weit und breit dafür bekannt, daß Freunde ihnen jederzeit willkommen waren. Arme Leute fanden dort immer Arbeit, und oftmals gab Turner ihnen Beschäftigung, wenn ihr Dienst ihm auch in keiner Weise einen Vortheil bot, und Kranke und Altersschwache meldeten sich niemals in diesem Hause, ohne Unterstützung, Pflege und Trost zu erhalten. Der Freunde aber, welche von Turners Gastfreundschaft Gebrauch machten, waren unzählige; es verging fast kein Tag, wo nicht einige derselben sich auf der Kluse einfanden, und selten waren die Mittagstafeln, der Kaffeetisch oder die Abendmahlzeit ohne Gäste. Madame Turner machte ihretwegen durchaus keine Aenderungen in den häuslichen Einrichtungen, sie wurden herzlich willkommen geheißen und mußten mit dem vorlieb nehmen, was die Hausordnung mit sich brachte. Alles aber, was man ihnen reichte, wurde freudig gegeben und war gut, ja, man sagte allgemein, besser als irgendwo anders. Der Spaziergang von dem Städtchen nach der Kluse war ein nicht gar weiter, der Weg trocken und eben und die Gegend malerisch schön. Das Gut selbst lag reizend, hatte eine zauberisch liebliche, von fernen blauen Gebirgen begrenzte Aussicht in das Werrathal, und seine Gärten waren wegen ihrem Blumenflor sowohl, als wegen ihres herrlichen Obstes berühmt.
Heute, am zweiten Pfingsttage, wurde nun allerdings der Kaffeetisch, der in der Laube des Gartens gedeckt war, mit größerer Sorgfalt besetzt, als gewöhnlich: das gute Porzellan- und Silbergeschirr war aufgetragen, und ein reichlicher Vorrath von verschiedenen Festkuchen erhob sich auf der Mitte des Tisches. Madame Turner selbst erschien in einem schwarzen seidenen Gewande, trug aber zum Schutze für dasselbe eine blendend weiße Schürze darüber, und Julie, die der Mutter beim Anordnen des Tisches zur Hand ging, war weiß gekleidet, und glich mit dem blaßrothen seidenen Bande, welches sie umgab, den zarten Blüthen, womit der Frühling die Bäume des Gartens geschmückt hatte.
Die Gäste stellten sich bald in großer Zahl ein, sie wurden herzlich und freudig bewillkommnet, es wurde Alles aufgeboten, ihnen den Aufenthalt angenehm zu machen, ihre Erwartungen und Wünsche auf das vollkommenste zu befriedigen, und der allgemeine Frohsinn, die unbegrenzte Heiterkeit, unter welchen der Nachmittag hingebracht wurde, zeigten deutlich, wie sehr das Bestreben Turners sein Ziel erreicht hatte.
Der Tag neigte sich, die Sonne versank, und der Abendstern begann zu funkeln. Es war ein zauberisch schöner milder Abend, die Bewegung der Luft hatte nicht Macht genug, die fallenden schneeigen Blüthen der Bäume mit sich fortzutragen, nur den Duft derselben nahm sie mit sich und mischte ihn mit dem der Wälder, der Wiesen und der Felder. Von allen Seiten des Berggartens her ertönte der schmelzende melodische Gesang der Nachtigallen, als wetteiferten sie, der Familie Turner und deren Gästen ihre schönsten Lieder darzubringen, als forderten sie dieselben auf, näher zu ihren dunkeln Verstecken heranzutreten. Die ganze Gesellschaft erhob sich, um sich in der erfrischenden Abendluft zu ergehen und den höher gelegenen Theil des Gartens zu besuchen, von wo sie die Aussicht auf das Thal noch freier und ungehinderter genießen konnte. Noch hatten sie die Höhe nicht erreicht, als der Mond glänzend am Himmel aufstieg und sein mildes helles Licht über die Erde breitete.
Madame Turner und Julie stahlen sich aber dort von der Gesellschaft hinweg, um ein einfaches Abendbrod für dieselbe zu bereiten, und als nach einer halben Stunde Herr Turner mit den Gästen nach der Laube zurückkehrte, war der Tisch bereits gedeckt. Der Mond stand schon hoch am Himmel, als die Gäste den Heimweg antraten und ihren freundlichen Wirthen einen neuen Beitrag zu dem Glauben hinterließen, daß sie mehr aufrichtige wahre Freunde besäßen, als andere Menschen.
Der folgende Tag war für die Arbeiter noch ein Festtag, Herr Turner war aber seiner Gewohnheit nach schon am frühen Morgen davongeritten, um die Felder und Wiesen in Augenschein zu nehmen. Auch Madame Turner hatte sich, wie an Werktagen, vor Aufgang der Sonne in ihrer Wirthschaft eingefunden, um mit Julie beim Melken, beim Buttern und beim Bereiten des Frühstücks zugegen zu sein. Die Knaben waren, weil sie heute die Schule noch nicht zu besuchen brauchten, frühzeitig nach dem Flusse gegangen und hatten eine tüchtige Tracht Fische gefangen, wozu Carl die Angeln angefertigt hatte. Im Triumph trugen sie die reiche Beute in die Küche, damit Madame Turner die kleineren Fische noch zum Frühstück in der Pfanne backen möge, während die größeren für das Mittagsessen aufgehoben werden sollten. Dann nahm Carl seine beiden Halbbrüder mit sich hinaus, um Herrn Turner entgegen zu gehen, da sie genau den Weg kannten, auf welchem derselbe zurückzukehren pflegte. Pluto natürlich mußte sie begleiten, und jubelnd sausten sie durch das bethaute Gras der nahen Wiese, um an deren anderen Seite den Pfad einzuschlagen, der zwischen den Feldern hinführte. Kaum hatten sie denselben aber erreicht, als Herr Turner schon herangetrabt kam und die junge Gesellschaft nach dem Hause zurückführte.
Bald darauf trat Julie in ihres Vaters Zimmer, um ihn zum Frühstückstisch zu rufen, bei welchem sich die Familie schnell sammelte; denn Alle waren schon seit mehren Stunden thätig gewesen, und erfreuten sich eines gesunden Appetits. Als nach dem üblichen Tischgebet der Teller mit rohem Schinken und das Brod und die Butter herumgereicht wurden, und Julie den Kaffee und die frische Milch darbot, nahm Herr Turner das Wort, und rühmte den Segen, der weit und breit auf den Fluren ausgebreitet läge.
»Alles steht ungewöhnlich gut und im Ueberfluß, und wenn der Himmel uns ferner gnädig ist, so machen wir eine außerordentlich reiche Ernte. Die Kluse ist und bleibt doch eine Goldgrube, und –«
In diesem Augenblick trat das Hausmädchen mit einem Briefe in der Hand in das Zimmer, und meldete, daß ein Bote der adeligen Herrschaft, deren Eigenthum die Kluse war, das Schreiben abgegeben habe.
»Sage ihm, er solle warten, vielleicht bekommt er Antwort mit,« rief Turner dem Mädchen zu, indem er aufstand und den Brief erbrach.
»Er ist schon fort, und sagte, daß er nicht auf Antwort zu warten brauche,« entgegnete die Dienerin und verließ das Zimmer, während Turner mit den Worten: »was mögen die wollen?« nach dem Fenster trat und das Papier entfaltete.
Madame Turner war unwillkürlich mit dem Blick ihrem Gatten gefolgt; dieser wurde plötzlich bleich, das Papier bebte in seiner Hand, er las das Schreiben noch einmal durch, und faltete es dann schnell zusammen, um es in der Rocktasche zu verbergen. Da begegneten seine Augen dem ängstlich fragenden Blick seiner Gattin.
Er sagte nichts, und Madame Turner fragte nicht; es war aber ein Schweigen, wie wenn ein Gespenst in die Stube getreten wäre und hätte ihnen die Worte auf den Lippen erstarrt. Turner legte seine Serviette neben seinem Teller nieder und verließ das Zimmer.
Carl war aufgesprungen und wollte seinem Onkel nacheilen, doch Madame Turner hielt ihn mit den Worten zurück: »geh mit Arnold und Wilhelm in den Garten, bist auch ein guter Carl. Der Vater hat jetzt Geschäfte.«
Dann sandte sie Julie mit dem Tischgeräth fort und blieb allein in dem Zimmer zurück.
Mit angsterfüllter Brust stand sie einige Augenblicke, unschlüssig, was sie thun solle. Es war etwas Ernstes, etwas Schreckliches geschehen, das hatte ihr der Blick ihres Gatten gesagt – was aber konnte es sein – was in der Welt gab es, dessen Verlust einen solchen erschütternden Eindruck auf Turner machen konnte? Sie mußte es wissen – sie mußte das Unglück mit dem Gatten tragen, wie sie das viele Glück mit ihm getheilt hatte!
Schnell glitt sie aus der Stube durch den langen Corridor nach dem Zimmer ihres Gemahls und öffnete leise die Thür.
Turner saß in dem Lehnstuhl, seine Arme stützten sich auf seine Kniee, sein Kopf war auf seine Hand gesunken, und der Schreckensbrief lag vor ihm auf dem Fußboden. Er hatte es nicht gehört, als seine Gattin in das Zimmer und zu ihm an den Stuhl trat. Sanft neigte sich diese zu ihm nieder, legte leise ihren Arm um seine Schultern und weckte ihn aus seiner Erstarrung. Einen Augenblick sah er der geliebten Lebensgefährtin in die thränenschweren Augen und sagte dann mit dumpfer Stimme: »ja, ja, Marie, das Glück ist auch bei uns wandelbar geworden; wir müssen in diesem Herbst die Kluse verlassen!«
»Großer Gott! und warum denn?« fragte Madame Turner mit bebender Stimme und drückte ihre gefalteten Hände gegen die Brust.
»Der zweite Sohn unserer Gutsherrschaft soll die Kluse als Erbtheil erhalten, und will sie selbst bewirthschaften. Er ist verlobt, wird im Herbst heirathen, und dann hierher ziehen. Unsere Pacht läuft um diese Zeit ab, und die Bedingungen in dem Pachtbriefe sind der Art, daß wir nichts gegen diesen harten Beschluß einwenden können.«
»Die Leute werden doch unmöglich so an uns handeln, sie können uns nicht so ohne Weiteres davonjagen, ehe wir eine andere Pachtung haben,« sagte Madame Turner, nach Trost haschend.
»Sie können es, Marie, und sie wollen es.«
»Es wäre ja eine unerhörte Rücksichtslosigkeit, eine Grausamkeit sonder Gleichen. Das Gut ist schon über hundert Jahre in den Händen Deiner Familie gewesen, Du hast mit Freuden die verlangte höhere Pacht bezahlt und Alles in so guten Stand gesetzt, wie es niemals früher gewesen ist – es wäre unerhört, ja sündlich, so gegen uns zu verfahren!« fuhr Madame Turner fort, und suchte gefaßt zu erscheinen, während die Thränen über ihre Wangen rollten.
»Und doch wird es geschehen,« entgegnete Turner; »sie schreiben, daß eine Aenderung in dem Beschlusse unmöglich sei. Wir kommen in eine verzweifelte Lage. Großes Vermögen besitzen wir nicht, wenn wir unser Inventar verkaufen müssen, werden wir bedeutend dabei verlieren, und dann, wo wollen wir so schnell wieder eine Pachtung finden? Eine zweite Kluse giebt es für uns nicht; der Goldbaum hat uns seine letzten Früchte getragen; das Glück will uns verlassen, Marie!«
»Gott hat uns ja noch nie verlassen, Max, und er wird es auch jetzt nicht thun! Auf einem andern Gute können wir ebenso glücklich sein, wenn wir uns auch etwas mehr einschränken müssen,« entgegnete Madame Turner, indem sie unbemerkt sich die Thränen von den Augen wischte.
»Ein anderes Gut, das ist leicht gesagt; wenn uns aber die Mittel nun nicht ausreichen sollten!« erwiederte Turner vor sich hinblickend.
»Turner – wir haben viele reiche und gute Freunde,« nahm die Frau wieder das Wort, indem sie die Hand ihres Gatten ergriff und ihm, wie mit einem Trost in die Augen sah.
»Du hast Recht, Marie,« sagte Turner nach kurzem Schweigen, »ich habe nicht an sie gedacht; sie werden, wenn es nöthig sein sollte, uns gern helfen, da sie wissen, daß sie es mit rechtlichen Leuten zu thun haben. Ich will übrigens gleich nach Tisch zu meiner Gutsherrschaft reiten, und sie zu bereden suchen, daß sie mir die Kluse wenigstens noch auf ein Jahr in Pacht läßt. Dann kann ich mich nach einem anderen Gute umsehen und Vorbereitungen zu unserem Umzuge treffen. Die Leute werden ja billig sein.«
Mit diesen Worten ergriff Turner, leichter aufathmend, den Brief und legte ihn auf den Tisch, während seine Gattin ihren Arm in den seinigen schlang und nun mit ihm im Zimmer auf und nieder schritt.
»Ich habe seit vergangenem Jahre wiederholt auf Erneuerung meines Pachtcontracts gedrungen, es wurde aber immer hinausgeschoben und ich hielt es wahrlich kaum noch für nöthig, einen Contract mit den Leuten zu machen, weil die Kluse ja die langen Jahre in meiner Familie geblieben ist. Wer hätte so etwas denken können!« sagte Turner im Auf- und Niedergehen.
»Die Kluse können uns die Menschen nehmen, unser Glück aber nicht, Max, wir nehmen es mit uns, wohin wir auch ziehen, wenn Gott nur uns Allen unsere Gesundheit erhält. An Arbeit sind wir gewöhnt und thun sie gern. Sprich einmal mit den Leuten, und versuche es, sie zur Billigkeit zu stimmen. Uebrigens ist die Kluse ja nicht das einzige Gut in der Welt, wenn wir auch unser liebes Werrathal lange Zeit vermissen werden,« versetzte Madame Turner, und die Herzen der zum ersten Male in ihrem Leben vom Unglück Bedrängten erleichterten sich nach und nach durch die tröstenden Worte, die sie mit einander wechselten.
Madame Turner verließ ihren Gatten in einer viel gefaßteren Stimmung, als der, in welcher sie zu ihm gekommen war. Auch die erschreckten Gemüther der Kinder beruhigten sich, als die Eltern, wenn auch ernster, als sonst, doch weniger bekümmert beim Mittagsessen erschienen, welches heute sehr zeitig eingenommen wurde. Gleich nach Tisch reichte Madame Turner ihrem Gatten den Kaffee, Julie brachte die Wachskerze zum Anzünden der Cigarre, und Carl Scharnhorst führte den Rappen vor das Haus. Herr Turner ließ nicht lange auf sich warten, schwang sich in den Sattel und reichte seiner Frau zum Abschied die Hand mit den Worten: »Gott wird uns helfen!«
»Gewiß wird er es thun,« entgegnete Madame Turner mit vollster Zuversicht, und winkte ihrem Gatten noch einen Gruß nach.
Der Ritt war vergebens; denn Turner brachte bei seiner Rückkehr die Nachricht mit, daß alle seine Bitten, seine Vorstellungen umsonst gewesen seien, und daß die Gutsherrschaft unabänderlich auf seinen Abzug von der Kluse im kommenden Herbst bestehe.
Die Kunde von diesem Beschluß verbreitete sich bald in dem Städtchen, und mit ihr wurden vielerlei Vermuthungen über die eigentliche Ursache der Kündigung Seitens der Gutsherrschaft laut. Namentlich sagte man sich im Vertrauen, daß es mit den Vermögensverhältnissen Turners sehr schlecht stehe. Obgleich aber diese Gerüchte von Mund zu Mund gingen, so waren sie doch nicht bis auf die Kluse gedrungen, und beinahe eine Woche verstrich, ohne daß Turners etwas Anderes aus dem Städtchen erfuhren, als was die Knaben, wenn sie Abends aus der Schule kamen, ihnen erzählten.
»Unbegreiflich ist es mir, daß sich noch keiner unserer Freunde hier hat blicken lassen,« sagte Turner eines Abends, als er mit seiner Familie nach dem Abendessen in traulichem Kreise im Garten saß. »Ich will morgen doch einmal in die Stadt reiten und hören, was unsere Bekannten sagen. Sie werden sicher den innigsten Antheil an unserem Geschick nehmen. Vielleicht weiß auch der Eine, oder der Andere von einem Gute, welches pachtlos wird; jedenfalls ist mir der Rath eines Freundes willkommen.«
Am folgenden Tage gleich nach dem Mittagsessen bestieg Turner sein Pferd, um nach der Stadt zu reiten, und Madame Turner rief ihm beim Abschied nach: »grüße nur Alle recht herzlich von mir.«
Von dem Gasthause aus, wo Turner sein Pferd abgab, leitete er seine Schritte zuerst zu der Wohnung des Kreisraths, und erkundigte sich dort in der Hausflur, ob derselbe zu sprechen sei.
»Ja wohl, Herr Turner, der Herr ist in seinem Arbeitszimmer, er wird sich freuen, Sie zu sehen,« entgegnete ihm die Magd mit einem freundlichen Gruß und öffnete eine Thür, indem sie den Herrn Turner anmeldete.
Der Kreisrath, den Turner als einen seiner wärmsten Freunde betrachtete, empfing ihn mit großer Höflichkeit, doch nannte er ihn nicht, wie früher, »mein verehrter Freund,« sondern nur Herr Turner. Er führte ihn durch das Zimmer nach einer Thür, indem er sagte: »meine Damen werden sich sehr freuen, Sie zu sehen.«
Turner aber hielt ihn mit den Worten zurück: »ich möchte Sie gern einige Augenblicke allein sprechen, denn es ist eine wichtige Angelegenheit, in der ich mir Ihren Rath erbitten wollte.«
»Gern, gern, mit Freuden stehe ich zu Ihren Diensten; wahrscheinlich einer Klage wegen. Haben Sie einen schlechten Schuldner, sind Sie schon, oder sollen Sie noch betrogen werden? Auf meine Hülfe können Sie rechnen. Sagen Sie mir gefälligst nur, was ich für Sie thun kann?« erwiederte der Kreisrath, indem er Turner nach dem Sopha führte und neben ihm Platz nahm.
»Sie haben oft mein Glück hoch gepriesen, Herr Kreisrath, es will mir untreu werden,« begann Turner nach einer kurzen Pause.
»Wie so? Sie erschrecken mich!« sagte der Kreisrath mit erzwungenem Ausdruck der Ueberraschung, um Turner nicht zu verrathen, daß ihm dessen Mißgeschick bereits bekannt sei.
»Denken Sie sich, die Pacht ist mir gekündigt, ich muß im Herbst die Kluse verlassen,« fuhr Turner mit beklommener Stimme fort.
»Es ist wohl nicht möglich! Was ist denn der Grund?«
»Der zweite Sohn meiner Gutsherrschaft hat die Besitzung als Erbtheil erhalten, und will sie selbst bewirthschaften.«
»Das ist ja schrecklich – will man Ihnen denn keine Zeit geben, sich nach einer anderen Pachtung umzusehen? Das geht doch nicht so Hals über Kopf, da hat das Gesetz auch noch ein Wort mitzusprechen; haben Sie Ihren Pachtbrief bei sich?«
»Derselbe hätte schon im vorigen Jahre erneuert werden müssen, und ich habe wiederholt darauf gedrungen, man verschob es aber von einem Monat zum andern, und so ist es denn bis auf den heutigen Tag unterblieben. Die Pacht läuft in diesem Herbste ab, und ich habe nach den Bestimmungen in dem alten Contract gesetzlich kein Recht zu einer Beschwerde. Nennen Sie es nicht Nachlässigkeit, wenn ich nicht ernster auf zeitige Erneuerung des Pachtbriefes drang. Das Gut war seit so langen Jahren in den Händen meiner Familie, daß ich den schriftlichen Contract nur als eine Form betrachtete, der zu irgend einer Zeit nachgekommen werden konnte. Wie hätte ich denken können, daß die Verzögerung Seitens meiner Gutsherrschaft eine beabsichtigte gewesen wäre?« sagte Turner mit einem schweren Athemzug.
»Ja, ja, verehrter Herr Turner, nehmen Sie es mir nicht übel, aber allermindestens trifft Sie doch der Vorwurf leichtsinnigen Vertrauens in die Rechtlichkeit anderer Leute; solchem blinden Vertrauen darf man sich heutzutage nicht mehr hingeben; wo es sich um Mein und Dein handelt, da halte ich einen Jeden im Voraus für einen Spitzbuben, dann weiß ich, daß ich nicht hintergangen werde,« entgegnete der Kreisrath mit entschiedener Betonung.
»Dazu würde ich mich nie überreden können, Herr Kreisrath, und ich für meine Person ziehe es vor, gelegentlich betrogen zu werden, ehe ich den Glauben an Rechtlichkeit unter meinen Nebenmenschen aufgeben und in ihnen nur Spitzbuben sehen sollte. Ich habe gottlob noch die Ueberzeugung, viele ehrliche Freunde zu besitzen, die mich auch, selbst wenn es sich um Mein und Dein handelt, nicht für einen Schurken halten,« sagte Turner mit mehr als ihm gewohnter Heftigkeit.
»Ganz recht, da bin ich vollkommen Ihrer Ansicht, aber Freundschaft und Geschäft sind zwei ganz verschiedene Dinge; wo das persönliche Interesse redet, da muß die Freundschaft aufhören. Nun sagen Sie mir, soll ich vielleicht einmal mit Ihrem Gutsherrn reden und ihm ins Gewissen greifen? Ich scheue keine Mühe, wenn ich Etwas für Sie thun kann, und mein Rath steht Ihnen jederzeit zu Dienste.«
»Ich bin Ihnen dankbar für Ihre Bereitwilligkeit, mir zu helfen, muß aber darauf verzichten, da ich diesen Versuch bereits selbst vergebens gemacht habe. Man will von einer Aenderung in dem Beschluß Nichts hören,« versetzte Turner, kalt berührt von den Grundsätzen des Mannes, den er immer für einen warmfühlenden Freund gehalten hatte. Die Unterhaltung wurde wortkarger und gezwungener, und Turner erhob sich bald darauf, um sich zu entfernen. Der Kreisrath nöthigte ihn auch nicht, länger zu verweilen und sagte, indem er ihn bis an die Thür begleitete, mit einer höflichen Verbeugung: »mein Rath steht Ihnen jederzeit zu Gebote, Herr Turner.«
Dieser erwiederte die Zusicherung mit einer stummen Verneigung, und eilte zusammengepreßten Herzens in die Straße hinaus.
Der Kreisrath war gerade derjenige unter seinen Freunden gewesen, von dem er die wärmste Theilnahme an seinem Schicksal erwartet hatte, und welche Gefühle, welche Grundsätze hatte dieser Mann jetzt gegen ihn ausgesprochen!
Unentschlossen, ob er geraden Wegs wieder zu seinem Pferde zurückkehren und nach Hause reiten, oder ob er noch andere seiner Freunde aufsuchen sollte, schritt Turner, in düstere Gedanken versunken, langsam in der Straße hin. Das Gefühl drängte sich ihm unwiderstehlich auf, daß er überall dieselbe herbe Erfahrung machen würde, wie bei dem Kreisrath, wenn auch sein Herz sich dagegen sträubte und an dem Glauben an wirklich wahre Freundschaft festhielt. An der Ecke, wo die Straßen sich theilten, blieb er einen Augenblick zögernd stehen, dann schritt er aber schnell nach dem Gasthause hin, entschlossen, es abzuwarten, welche Theilnahme ihm seine anderen Freunde, ohne von ihm dazu aufgefordert zu sein, zeigen würden; denn die Kunde von seinem Mißgeschick mußte sich bereits in dem Städtchen verbreitet haben.
Madame Turner hatte sich gleich nach ihres Gatten Entfernung in ihre Wirthschaft begeben, um in den häuslichen Arbeiten sich zu zerstreuen und ihre Gedanken von dem schweren Schlag abzulenken, der ihr bisher ungetrübtes Glück getroffen hatte. Was sie aber auch unternahm, sie konnte nirgend Ruhe finden, und mit jeder Stunde wuchs ihr Verlangen nach der Rückkehr ihres Gatten. Wieder und immer wieder begab sie sich in das Wohnzimmer, aus dessen Fenstern sie weit auf der Straße, die nach dem Städtchen führte, hinblicken konnte, um zu sehen, ob sie Turner noch nicht erspähen könne. Als aber nun die Sonne versank, da setzte sie sich an dem Fenster nieder und hielt ihre Augen auf den fernsten sichtbaren Punkt der Straße geheftet. Endlich erkannte sie ihren zurückkehrenden Gatten, er kam aber nicht, wie sonst, im schnellen Trabe, das Pferd ging nur im Schritt, und sie meinte, so langsam sei Turner niemals nach Hause geritten. Sie konnte ihn nicht im Zimmer erwarten, sie warf ihr Tuch um und eilte hinaus ihm entgegen.
»Du bringst keine frohe Nachricht mit Dir, Turner,« sagte sie, als sie mit ihm auf der Straße zusammen traf und ihm die Hand zum Willkommen reichte.
»Nein, Marie, wir haben uns in einem unserer Freunde sehr verrechnet, und zwar in dem Kreisrath. Die Nachricht, daß wir die Kluse verlassen müßten, schien mehr sein Bedenken, als seine Theilnahme zu erwecken, und statt warmer herzlicher tröstender Worte erhielt ich Nichts bezweckende kalte Rathschläge und steife Höflichkeiten. Er war ein Freund im Glück, ist aber kein Freund in der Noth!« entgegnete Turner, indem er abstieg, das Pferd leitete, und Arm in Arm mit der Gattin der Wohnung zuschritt.
»Der Kreisrath?« sagte Madame Turner überrascht mit halblauter Stimme, »er war doch immer so herzlich und liebevoll gegen uns!«
»Ja, der Kreisrath, er machte mir nur Vorwürfe und rieth mir, wo es sich um Mein und Dein handele, alle Menschen für Spitzbuben zu halten, so wie er es thue, um sich vor Betrug zu schützen.«
»Der Himmel bewahre Dich vor solchem Glauben, Turner, lieber mag man uns betrügen. Nein, es giebt noch gute Menschen, und grade im Unglück werden wir sie erkennen. Was sagten denn Apothekers?«
»Ich bin nicht bei ihnen gewesen. Es war mir unmöglich, mich einer zweiten solchen Täuschung auszusetzen. Wir wollen abwarten, welchen Trost uns unsere Freunde bringen; suchen werde ich denselben nicht bei ihnen. Ich ging vom Kreisrath wieder in das Gasthaus zurück. Dort fand ich viele Bürger versammelt, die mir immer herzlich zugethan waren, wenn sie mir sonst auch nie näher gestanden haben. Die Leute waren außer sich, sprachen sich heftig gegen die Gutsherrschaft aus, und erklärten schließlich, daß ich unter keiner Bedingung diese Gegend verlassen dürfe. Es müsse Rath geschafft werden, auf irgend eine Weise ein Gut für mich in der Nähe auszumitteln, weil ich immer den Armen und Bedürftigen eine Stütze gewesen sei. Sieh, Marie, das hat mir wohlgethan, und mich tausendfach für den Verlust eines reichen vornehmen Freundes entschädigt.«
»Dessen Hülfe wir auch nicht nöthig haben werden, wenn uns der eine treue barmherzige Freund, der uns bis jetzt so väterlich beigestanden hat, seine Gnade auch fernerhin angedeihen läßt,« sagte Madame Turner, indem sie zum Himmel aufblickte.
»Ja, Marie, Gott ist immer unser treuster Freund gewesen, und wir wollen fest auf seine fernere liebevolle Hülfe bauen. Was uns im Augenblick als Mißgeschick erscheint, wird sich sicher zu unserm Besten wenden; es sei uns willkommen, wie es sich auch gestalten mag!« Mit diesen Worten legten die beiden Gatten ihre Hände ineinander, als wollten sie sich gegenseitig das Versprechen geben, in diesem Glauben niemals zu wanken.
Am nächsten Morgen setzte Turner mehrere Anzeigen für verschiedene Zeitungen auf, worin er bekannt machte, daß er ein Gut zu pachten suche, und schrieb zugleich eine Menge Briefe an auswärtige Freunde, welche er aufforderte, sich für ihn zu bemühen und ihm mitzutheilen, wenn sie von einer offenen Pachtung hören sollten. Er brachte die Schreiben selbst nach der Stadt zur Post, und wurde dabei allenthalben in den Straßen von den Einwohnern angehalten, da ein Jeder aus seinem Munde hören wollte, ob das Gerücht von der Pachtkündigung wahr sei. Es herrschte nur eine Stimme unter den Leuten, die der Entrüstung gegen die Gutsherrschaft und die der wärmsten liebevollsten Theilnahme für Turner. Von seinen Freunden aber bekam er Keinen zu sehen. Mochte es nun Zufall sein, daß Keiner derselben ihn beim Vorübergehn vor deren Wohnung bemerkt hatte; bis jetzt aber war er kaum jemals durch das Städtchen gegangen, ohne daß der eine, oder andere Freund ihn aus dem Fenster angerufen, oder ihn in der Straße, oder im Gasthaus aufgesucht hatte. Vor der Apotheke sogar blieb er eine geraume Zeit stehen, weil mehrere Bürger ihn dort anredeten, um ihm ihr Bedauern über das ihn betroffene Mißgeschick auszusprechen; er erkannte hinter dem Fenster die Frau und die Töchter des Apothekers, sah, wie dieselben sich schnell von den Fenstern entfernten, und erwartete nun von Augenblick zu Augenblick, daß sein Freund, der Apotheker, zu ihm heraus in die Straße kommen würde, – allein, er hatte sich getäuscht, es ließ sich Niemand aus dem Hause sehen.
Auf der Kluse wurde es jetzt sehr still, denn die vielen angesehenen, reichen Freunde, von denen sich Jahr aus, Jahr ein fast täglich eine Anzahl dort eingefunden hatte, blieben aus; Tage und Wochen eilten dahin, ohne daß Einer derselben sich hätte sehen lassen, obgleich das Wetter ungewöhnlich schön und einladend war, und die Gärten im reichsten üppigsten Schmuck ihre ersten Früchte darboten. So schmerzlich sich Turners nun auch durch diese Theilnahmlosigkeit und Vernachlässigung berührt fühlten, so würde doch ihr unbedingter guter Glaube an die Biederkeit ihrer Nebenmenschen nicht dadurch beeinträchtigt worden sein, wären nicht die nachtheiligen Gerüchte zu ihren Ohren gekommen, welche man über sie in dem Städtchen verbreitet hatte. Tief gekränkt und entrüstet darüber, bemühte sich Turner, die Quelle zu entdecken, aus welcher diese Verläumdungen entsprungen waren; doch umsonst, alle seine Nachforschungen dieserhalb blieben vergebens.
Zum ersten Male in ihrem Leben fühlten sich Turners von den Menschen zurückgestoßen, und ihr Glaube an dieselben begann zu wanken. Um so enger und um so inniger aber schlossen sie sich in ihrem Familienkreise aneinander, und kamen bald zu der Ueberzeugung, daß ihr wahres Glück niemals durch die Menschen vermehrt worden war, daß es immer nur in ihnen selbst, in ihrer Liebe für einander bestanden hatte. Mit doppeltem Eifer, mit doppelter Thätigkeit widmeten sie sich ihren Geschäften und machten, wo sie konnten, schon jetzt Vorbereitungen für ihren Abzug von der Kluse. Sie wurden nun nicht mehr durch viele Besuche von ihren Arbeiten zurückgehalten, und die Ersparnisse in Folge von deren Ausbleiben stellten sich als nicht unbedeutend heraus. Bald waren die sogenannten Freunde, die Schmarotzer, vergessen, und Turners befreundeten sich täglich mehr mit dem Gedanken, das ihnen unentbehrlich geglaubte schöne Werrathal zu verlassen.
Abschnitt 2.
Abzug vom Gute. – Der Brief von Amerika. – Der Beschluß zur Auswanderung. – Vorbereitungen. – Weihnachten. – Der Neger. – Die Nordsee. – Die Seeschweine. – Die Inseln. – Der Sonnenuntergang. – Der Eisberg. – Amerika. – Der Adler. – Todesnachricht. – Der Verlust.
Auf Carl Scharnhorst übten die Veränderungen in Turners Verhältnissen einen auffallenden Einfluß aus; es schien, als fühle er, daß er die Kinderschuhe ausziehen, daß er seinen Lieben bald seine Kräfte leihen und ihnen bald eine thätige Hülfe werden müsse. Er war ernster als sonst, mit unermüdlichem Fleiße besuchte er die Schule, empfing noch bis spät Abends Privatunterricht, und das erste Licht des Morgens fand ihn schon bei seinen Büchern.
So segenreich und vielversprechend das Frühjahr auch erschienen war, so verminderten sich doch die Hoffnungen auf eine ergiebige Ernte von Tag zu Tag mehr, da eine anhaltende Dürre sich eingestellt hatte. Die Heuernte war schon vollständig mißrathen, weil das Gras wegen Mangels an Regen durch die Sonnengluth verbrannt wurde, und aus gleichem Grunde darbten die Früchte auf den Feldern; denn der ausgetrocknete Boden konnte ihnen keine Nahrung zum Wachsen und Gedeihen geben. Die Kornernte kam heran, und begann vier Wochen früher als gewöhnlich, sie lieferte nur kleine leichte Körner und kurzes gehaltloses Stroh. Auch das Grünfutter konnte nicht gedeihen, es vertrocknete auf dem Lande, der Weizen lieferte schlechtes Gewicht, und den Hafer lohnte es kaum der Mühe zu mähen. Diese Ergebnisse drückten schwer auf die schon bedrängten Herzen der Turners, denn grade diese Ernte sollte ihnen ja baares Geld in die Hand liefern, und ihnen helfen, anderswo eine neue Heimath zu gründen. Dennoch verließ sie die Hoffnung und der Glaube nicht, daß Alles sich zu ihrem Besten gestalten würde, und unverdrossen boten sie alle ihre Kräfte, alle ihre Thätigkeit auf, die Ernten um so sorgfältiger einzubringen. Turner hatte schon viele Güter in Augenschein genommen, wobei er wiederholt wochenlang von der Kluse abwesend geblieben war, doch keines von allen hatte ihm zugesagt, theils, weil sie werthlos, theils, weil sie zu bedeutend waren, als daß er sie mit eigenen Mitteln hätte übernehmen können. In der Nähe war überhaupt kein Gut zu pachten, welches nur einigermaßen seinen Anforderungen entsprochen hätte, wodurch sich die Nothwendigkeit für ihn herausstellte, sein Inventar, das heißt seine Geräthschaften, Vieh und Pferde und alle seine Vorräthe zu verkaufen, die er weithin nicht mit sich nehmen konnte. Die Zeit, wo Turner die Kluse verlassen sollte, rückte immer näher, wieder und wieder begab er sich auf Reisen, um pachtfreie Güter zu besehen, aber immer kehrte er ohne den gewünschten, ersehnten Erfolg nach Hause zurück.
Die letzten vier Wochen waren nun angetreten, welche Turners noch auf der Kluse zubringen konnten, und da sie immer noch kein anderes Gut gepachtet hatten, so blieb ihnen Nichts übrig, als Alles zu verkaufen, nach der Stadt zu ziehen, und sich dann von dort aus in Ruhe nach einer Pachtung umzusehen. Die gegen frühere Jahre nicht bedeutenden Vorräthe waren bereits nach und nach zu ziemlich guten Preisen verwerthet, und um sich nun auch des Inventars zu entledigen, wurde eine Auktion angesetzt und die Anzeige davon in mehreren Zeitungen, so wie in den nicht weit entfernten Städten und Ortschaften durch Anschlagzettel bekannt gemacht. Die Zahl der Kauflustigen, die sich dazu einfanden, war keine große, und der Verkauf stellte sich als ein sehr mittelmäßiger heraus. Namentlich brachte das Vieh sehr niedrige Preise auf, weil fast Niemand nur für den eigenen Viehbestand Futter genug geerntet hatte.
Wenige Tage nach der abgehaltenen Auktion standen des Morgens zwei aus der Stadt gemiethete vierspännige Frachtwagen, mit dem Hausgeräth der Familie Turner beladen, auf dem Hofe der Kluse; Madame Turner trat, einen frischen Blumenstrauß in der Hand, mit Thränen in den Augen aus dem Wohngebäude und nahm den Arm ihres Gatten. Schweigend und durch ihre Thränen blickte sie die alte freundliche Wohnung an, die ihr bisheriges großes unermeßliches Glück beherbergt hatte; stumm, aber schluchzend sagte sie ihr das letzte Lebewohl, mit blutendem Herzen riß sie sich von dieser theuren Heimath los, um, wer wußte wo, eine andere zu finden. Auch Turner waren die Augen feucht geworden; das alte Haus war die Wiege seiner Vorfahren, seine eigene und die seiner Kinder gewesen, es hatte seit hundert Jahren das stille anspruchslose Glück der Turnerschen Familie gesehen, und nun sollte ihr Name in seinen Mauern vergessen werden! Er hatte keine Worte für den herzzerreißenden Abschied, für das letzte Lebewohl, er gab den Fuhrleuten einen Wink fortzufahren, drückte den Arm seiner Gattin fest an seine Brust, und schritt mit ihr und mit den Kindern durch das Hofthor nach der Straße hinunter. Langsam und ohne ein Wort zu sagen, folgten sie den knarrenden, wankenden Wagen, und erst, als sie den letzten Punkt auf der Straße, von wo man noch die Kluse sehen konnte, erreicht hatten, blieben sie stehen und blickten zurück.
»Die alte Heimath haben wir verlassen, wir sind unterwegs, Marie, wer weiß, wohin dieser Weg uns führen wird!« sagte Turner, indem er seinen Arm um die Schulter der Gattin legte, und seinen Blick auf die Kluse geheftet hielt.
»Wohin er uns auch führen mag, unsere Heimath nehmen wir mit uns; denn wo wir vereint sind, da ist unsere Heimath!« antwortete Madame Turner mit einem innigen liebevollen Blick, und streckte ihre Hand nach den Kindern aus, die sich an sie schmiegten und gleichfalls betrübten Herzens von der Kluse Abschied nahmen.
In dem Städtchen wurden sie allenthalben freundlichst begrüßt und von vielen Bekannten bis zu dem kleinen Hause geleitet, welches Turner gemiethet hatte. Dasselbe lag an der Außenseite der Stadt auf einer Anhöhe in einem hübschen Garten, und gewährte einen freien, weiten Blick über das Werrathal, so daß Turners in ihrer äußern Umgebung wenigstens ein ähnliches Bild fanden, wie das, welches sie auf der Kluse so viele Jahre hindurch entzückt hatte. Nach wenigen Tagen waren sie in ihrer neuen Wohnung eingerichtet; Madame Turner suchte sich in den ihr ungewohnten müssigen Stunden im Garten zu beschäftigen, obgleich der Herbst ihre Thätigkeit dort sehr beschränkte; und Herr Turner konnte sich jetzt ungehinderter seinen Bemühungen um eine neue Pacht hingeben. Der Erlös aus seinen sämmtlichen Verkäufen belief sich auf ungefähr neuntausend Thaler, welche er in Werthpapieren angelegt hatte, und seine in der Stadt ausgeliehenen Gelder betrugen noch tausend Thaler, so daß er über ein baares Capital von zehntausend Thalern zu verfügen hatte. Er stand nach allen Richtungen hin in Briefwechsel, und bald nach seiner Uebersiedlung in das Städtchen wurden ihm mehrere Güter im Preußischen bezeichnet, welche pachtlos geworden waren. Er schickte sich abermals zur Reise an, um die Güter in Augenschein zu nehmen, kehrte aber nach mehreren Wochen unverrichteter Sache wieder zurück, denn keines derselben hatte seinen Bedürfnissen entsprochen.
Die Freude des Wiedersehens überwältigte im Anfange die trübe Stimmung Turners über den abermaligen ungünstigen Erfolg seiner Reise; als aber die Lampe auf dem Theetisch angezündet war und die Familie sich um denselben sammelte, da sprach Turner sich recht ernstlich besorgt darüber aus, daß er möglicherweise noch ein ganzes Jahr ohne Pachtung bleiben und unthätig Geld verzehren müsse, ohne Etwas verdienen zu können.
»Gieb mir doch die Zeitungen, vielleicht findet sich Etwas darin,« sagte er nach einer Weile zu seiner Gattin, und setzte noch, als diese aufstand, hinzu: »sind auch Briefe angekommen?«
»Ja wohl,« entgegnete diese, »ich wollte sie Dir eben mitbringen. Es ist auch ein Brief von Amerika dabei; ich glaube, er ist von Deinem Vetter Victor.«
»Sieh, endlich einmal wieder ein Lebenszeichen von ihm,« sagte Turner, während seine Gattin das Zimmer verließ.
Bald kehrte dieselbe zurück und legte ein Packet Zeitungen und mehrere Briefe vor ihren Gatten auf den Tisch.
»Wahrhaftig, ein Brief von Victor! Nun, da bin ich doch neugierig, wie es dem geht; es sind wohl schon beinahe drei Jahre, daß er Nichts von sich hören ließ.«
Mit diesen Worten zog Turner die Lampe näher zu sich und öffnete das Schreiben. Er las den Inhalt mit augenscheinlich sich steigerndem Interesse, und als er die letzte Seite beendet hatte, legte er den Brief auf den Tisch, schlug mit der Hand darauf, und sagte mit einem freudigen Lächeln zu seiner Gattin: »nun, Marie, was meinst Du wohl, was er schreibt?«
»Hoffentlich, daß es ihm und den Seinigen recht gut geht; was er sonst schreibt, möchte mir schwer werden zu errathen.«
»Nichts mehr und Nichts weniger, als daß er uns einladet, auch hinüber zu kommen. Es geht ihm sehr gut; er besitzt eine Farm unterhalb Baltimore an der Chesapeake-Bay, baut Mais und Taback, und verdient dort dreimal so viel, als es ihm hier auf dem Gute bei Hannover mit der doppelten Arbeit möglich war. Dabei ist er so wie seine Familie frisch und wohl, hängt von Niemandem ab, wird von Niemandem belästigt, und muß in wenigen Jahren ein reicher Mann sein.«
Madame Turner sah ihren Gatten überrascht und mit großen Augen an, als lese sie einen Gedanken auf seinen Zügen, von dem sie im Augenblick nicht wisse, ob sie ihn willkommen heißen solle. Dann aber kam ihre gewohnte Ruhe wieder über sie, und sie sagte: »im Anfange seines Dortseins ist es ihm aber auch schlecht genug ergangen. Ich weiß noch recht gut, daß er sich sehr nach dem alten Deutschland zurücksehnte. Gottlob, daß es ihm nun besser geht!«
Turner schwieg, zog eine Cigarre aus der Tasche hervor und hielt sie wiederholt, und wie in Gedanken versunken, über die Lampe.
»Wenn man es eigentlich so recht bedenkt,« fuhr er dann nach einer Weile fort, »so ist es ziemlich einerlei, ob man nach Süddeutschland oder nach Amerika zieht; die Reise nimmt kaum mehr Zeit in Anspruch, und zu Wasser ist sie viel bequemer als zu Lande. Daß der Brief gerade in diesem Augenblick kommen muß – sonderbar!«
»Aber in einem fremden Lande, unter fremden Menschen, ohne Freunde!« bemerkte Madame Turner halb erschrocken.
»Ohne Freunde, Marie, – verlangst Du schon wieder nach Freunden?« entgegnete Turner bitter.
»Nicht nach solchen schlechten Freunden, Max, wie wir sie auf der Kluse um uns hatten, aber nach uneigennützigen, ehrlichen, biedern, gemüthlichen Freunden, solche meine ich, wie Du ja hier unter den Bürgern hunderte besitzest. Hast Du mir nicht selbst gesagt –«
»Ja, ja, Marie, Du hast Recht, wie immer, Du bist ein prächtiges, gutes, gescheutes, mein liebes Weib,« fiel ihr Turner in die Rede und zog sie zu sich heran, um sie zu küssen; »aber beste Frau, man kann doch solche Sachen überlegen, und braucht nicht das Kind mit dem Bade auszuschütten. Sieh, Victor schreibt, daß man dort in seiner Nähe gutes Land für zehn bis fünfzehn Thaler den Morgen kaufen kann, und daß weiter im Westen das Regierungsland nur etwa drei hiesige Thaler kostet. Denke einmal darüber nach, ob es nicht für drei so tüchtige Buben, wie wir deren haben, besser ist, wenn der Vater ein gutes Stück Land als Eigenthum besitzt, als daß er den Pächter auf einem fremden Gute spielt, von dem man ihn beim Ablauf der Pacht verjagen kann. Und, sage selbst, läge das Wasser nicht zwischen den beiden Erdtheilen, wer würde sich nur einen Augenblick bedenken, nach Amerika hinüber zu wandern?«
»Das alte Sprichwort sagt,« bemerkte Madame Turner: »Bleibe im Lande –«
»Und mache es so, wie es die Väter machten, und wenn es auch gar nicht mehr in die Zeit paßt,« unterbrach sie ihr Gatte, »es ist ja nur, daß man darüber spricht, Marie; noch wollen wir ja nicht auswandern. Da, nimm den Brief und lies ihn morgen einmal mit Muße.«
Nun öffnete Turner die übrigen Schreiben, die jedoch nichts von Wichtigkeit brachten, und dann begann er die während seiner Abwesenheit angekommenen Zeitungen zu durchsuchen, ob nicht darin eine offene Pachtung angekündigt sei.
Madame Turner war nachdenkend geworden und blickte, von den Anderen unbeachtet, bald ihren Gatten, bald ihre Kinder an, denn Alle waren mit Lesen beschäftigt, sie allein nur strickte. Turner verbrachte den ganzen Abend mit Durchsehen der Zeitungen, wobei er sich nicht gern stören ließ, weshalb die Stunden ziemlich schweigsam verliefen.
»Sieh, da habe ich die älteste Zeitung bis zuletzt aufgespart,« sagte er, indem er das Blatt entfaltete. »Es wird aber wohl ebenso wenig Interessantes für mich darin sein, als in den andern.« Er überblickte den Inhalt nur flüchtig, und wollte das Papier zu den anderen legen, als eine Anzeige, die auf der letzten Seite stand, seine Aufmerksamkeit fesselte.
»Ist es möglich,« sagte er, freudig überrascht, »das Gut Schwaneberg in Sachsen soll verpachtet werden, der Eigenthümer will es nicht mehr selbst bewirthschaften. Ja, wenn ich das bekommen könnte, da würde ich mich nicht einen Augenblick besinnen. Ich kenne es ganz genau, denn ich habe einen Theil meiner Lehrzeit darauf zugebracht; es ist nicht zu groß, und vortrefflich in jeder Beziehung, hätte ich nur schon vor meiner Abreise diese Anzeige gesehen, ich würde die Reise gar nicht gemacht haben. Sogleich will ich aber an den Besitzer schreiben, damit der Brief morgen frühzeitig abgeht; wenn mir nur kein Anderer schon zuvorgekommen ist.« Er stand rasch auf, nahm die Zeitungen und die Briefe und eilte nach seinem Zimmer.
Am folgenden Morgen, während Turner nach der Post ging, setzte sich Madame Turner an das Fenster und begann den Brief von Amerika zu lesen. Sie that es halb mit Widerwillen und mit der Ueberzeugung, daß sie, was auch darin stehen möge, niemals für eine Auswanderung in das fremde Land stimmen würde. Während des Lesens aber wurde sie aufmerksamer, sie hielt wiederholt inne und sah nachdenkend über das Papier hinweg, und als sie mit Lesen zu Ende war, begann sie das Schreiben abermals durchzublättern. Der Vetter ihres Mannes hatte die großen Vorzüge Amerika's, namentlich die für Oeconomen, so klar und deutlich geschildert, und den reichen Ertrag der Länderei so anschaulich hervorgehoben, daß Madame Turner, trotz ihres Vorurtheils, Nichts dagegen einzuwenden vermochte. Er hatte aber insbesondere auf die Kinder Turners hingewiesen und ihm auseinandergesetzt, daß er, wenn er auf der Kluse bleibe, denselben niemals eine sichere Zukunft bereiten könne, wenn sie auch sämmtlich auf diesem Gute immer genug zu leben hätten. In Amerika aber würde er mit Leichtigkeit einem jeden der Knaben ein eigenes Gut in seiner Nähe einrichten können, so daß sie für Lebzeiten versorgt sein würden. Dann beschrieb er die unabhängigen gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse so schön und angenehm, gab eine so herrliche Schilderung von dem prächtigen Lande und dem reizenden Klima, daß Madame Turner das Bild Amerika's mit jedem Augenblicke in einem schönern Lichte sah.
Wieder und immer wieder nahm sie das Schreiben von ihrem Nähtisch auf, um einzelne Abschnitte desselben noch einmal zu überlesen, und sie hatte es abermals offen vor sich auf den Tisch gelegt, als Turner von der Post zurückkehrte und in das Zimmer trat.
»Nun, hast Du den Brief gelesen und was hältst Du davon?« fragte er die Gattin.
»Der Brief ist ganz vernünftig geschrieben; es muß Deinem Vetter sehr gut gehen und ihm sehr gefallen,« entgegnete Madame Turner mit einem Ausdruck der Zufriedenstellung.
»Und Du siehst nun wohl auch ein, daß es nicht geradezu Thorheit ist, wenn man gelegentlich die Sache überlegte?« bemerkte Turner abermals halb fragend.
»Max, Dein Urtheil ist freier und richtiger, als das meinige, Deine Ansicht ist mein Glaube, Dein Wunsch ist mein Wille, und Deine Wohnstätte ist mein Himmel. Was Du im Leben auch beschließen, wohin Du auch gehen magst, ich folge Dir, und ginge es an das Ende der Welt. Nur laß uns Nichts übereilt thun und nicht Gutes weggeben, ehe wir sicher sind, Besseres dafür zu bekommen. Für unsere Kinder leben wir, und was wir für ihr Wohl thun können, darf uns kein Opfer sein,« antwortete die Frau mit einem Tone liebevollster Hingebung und reichte ihrem Gatten die Hand.
»Du bist ein Engelsweib, Marie, und ich verspreche es Dir, Nichts ohne Deinen Willen, ohne Deines Herzens Zustimmung zu beschließen. Kann ich das Gut Schwaneberg bekommen, so bleiben wir hier im Vaterlande, wo nicht, so wollen wir über Amerika sprechen.«
Von diesem Augenblick an war unverkennbar ein frischer Lebensfunke in die Gemüther der beiden Gatten gefallen; die Ungewißheit über ihre Zukunft hatte sie plötzlich verlassen, sie hatten außer der einen noch zweifelhaften Aussicht noch eine zweite in Amerika, und diese erfüllte sie von Stunde zu Stunde mit schöneren Hoffnungen. Der Brief von dem Vetter wurde immer wieder hervorgeholt, er wurde Abends beim Thee laut vorgelesen und besprochen, und die Kinder, namentlich aber Carl, redeten von Nichts mehr als von Amerika. Ja, der Wunsch Turners, eine günstige Antwort über das Gut Schwaneberg zu erhalten, wurde täglich weniger dringend, und als nach mehreren Tagen der erwartete Brief von dem Eigenthümer des Gutes ankam, öffnete ihn Turner sogar mit einem leisen Hoffnungsgefühl, daß er eine abschlägige Antwort enthalten möge. So war es denn auch: der Besitzer des Gutes meldete mit Bedauern, daß er vor nur wenigen Tagen einem Andern die Pacht zugesagt habe.
»Da ist die Antwort über Schwaneberg, Marie,« sagte Turner zu seiner Gattin, indem er in ihr Zimmer trat und ihr den Brief hinreichte. »Die Vorsehung zeigt uns augenscheinlich den Weg, den wir wählen sollen; hier in Deutschland schlägt uns Alles fehl. Das Gut ist bereits verpachtet.«
Madame Turner nahm ihrem Gatten den Brief halberschrocken ab; denn so angenehm sie auch der Gedanke an das schöne Amerika umgaukelt hatte, so war doch die Vorliebe für das traute, alte Deutschland zu fest in ihrem Herzen eingewurzelt, als daß eine plötzliche Entscheidung, ob in dem Vaterlande zu bleiben, oder ihm auf ewig Lebewohl zu sagen, sie nicht hätte mit Zaghaftigkeit ergreifen müssen.
»Also wirklich, es ist schon verpachtet? Das ist mir sehr leid – Du hattest Dich so darauf gefreut – und wir würden dort ein sicheres gutes Brod gefunden haben,« sagte sie etwas kleinlaut, indem sie den Brief öffnete und durchblickte.
»Du siehst, Marie, wie sich Alles so wunderbar gefügt hat, um uns hier frei zu machen und unsere Blicke nach der neuen herrlichen Welt zu richten. Laß uns ruhig und ohne alle Vorurtheile überlegen, dann aber auch entschlossen und muthig handeln. Es gilt das Glück unserer Kinder.«
»In Gottes Namen erkläre ich mich zu Allem bereit, was dieses und Dein eigenes Wohl fördern kann, Max. Laß uns Alles reiflich überlegen und dann entscheide; der Himmel wird uns dort, so wie hier gnädig sein,« entgegnete die Frau entschlossen, indem sie ihres Gatten Hand ergriff und dieser sie an seine Brust drückte. Noch am selbigen Abend ward der Beschluß gefaßt, nach Amerika auszuwandern.
Frisches Leben und rege Thätigkeit war jetzt in die Familie Turner gekommen, und alles Denken, alles Streben richtete sich auf das neue Ziel, auf die neu zu gründende Heimath. Schon am folgenden Tage antwortete Turner seinem Vetter Victor in Amerika, und zeigte ihm an, daß er sich entschlossen habe, mit seiner Familie nach dort zu ziehen. Er bat ihn zugleich, nun so schnell als möglich ihm, nach seinen gemachten Erfahrungen, mit Rath an die Hand zu gehen und ihm zu sagen, in welcher Weise er sich zu der Uebersiedelung einrichten solle. Es war ein sehr langes Schreiben, denn Turner hatte darin seinem Vetter über Alles, was ihm zu wissen nöthig schien, Fragen gestellt. Einen wichtigeren, entscheidenderen Brief hatte er nie zur Post getragen; die Zukunft seiner Familie war darin verschlossen. Mit großem Eifer wurde in Turners Hause Alles gelesen, was Auskunft über Amerika gab, und anerkannt gute Schriften über dieses Land, dessen Zustände und Verhältnisse, wurden angeschafft. Das praktische, selbstständige Leben war in allen vorherrschend geschildert, und namentlich wurde es dem Farmer darin zur Aufgabe gemacht, sich möglichst unabhängig von Anderen zu stellen. Er mußte sich in allen Lagen seines Lebens selbst zu rathen und zu helfen wissen, und zu diesem Ende mit den verschiedenen Handwerken für den Nothfall vertraut sein. Turner beschloß daher, sich selbst einige Kenntniß davon zuzueignen, und ebenso Carl Scharnhorst darin unterweisen zu lassen. Er für seine Person entschied sich dafür, eine Zeitlang bei einem Schmied und dann auch bei einem Büchsenmacher in die Lehre zu gehen, und Carl sollte bei einem Stellmacher und einem Schreiner Unterricht nehmen.
Turner führte nun auch den Beschluß mit der ihm eigenen Willenskraft sofort aus. Des Morgens, nach zeitigem Frühstück, begab er sich zu dem besten Schmied in der Stadt, arbeitete dort mit Lust und Liebe bis zur Mittagszeit, und wieder nach Tisch bis zur einbrechenden Dämmerung, während Carl in gleicher Weise bis zum Abend bei einem Wagener beschäftigt war, um dann noch einige Privatstunden im Englischen und im Maschinenbau zu nehmen. Nach dem Abendbrod saß dann die Familie heiter um den großen Tisch gereiht, Turner entfaltete vor sich eine Landkarte von Amerika, die Reise nach der neuen Welt wurde beredet, und tausend Pläne entworfen, wie man sich dort einrichten wollte.
Die Herbststürme brausten durch das buntgefärbte Laub der Wälder und trieben die gelben und rothen Blätter wie einen Goldregen vor sich hin durch das Werrathal, Nachtfröste überzogen Wiesen und Gärten mit Rauhreif, der in den ersten Strahlen der aufsteigenden Sonne wie ein Schleier von Diamanten blitzte und funkelte, die Höhen der Gebirge färbten sich weiß, und Anfangs December legte der Winter eine dichte Schneedecke über die Erde.
Um so traulicher saßen Turners Abends in dem gemüthlich warmen Zimmer beisammen und besprachen ihre hoffnungsreiche Zukunft in einem sonnigeren Lande. Das Weihnachtsfest nahete sich mit großer Kälte, es sollte das letzte sein, welches die Familie Turner in der alten Heimath feierte. Madame Turner hatte in dem größten Zimmer einen prächtigen Tannenbaum aufgestellt und ihn mit Zuckerwerk und Lichtern reich geschmückt, und als am Christabend die Dunkelheit hereinbrach, vertheilte sie die Geschenke für die Kinder auf die verschiedenen, um den Baum stehenden Tische, fügte Aepfel, Nüsse und Kuchen hinzu, und zündete die Lichter an. Dann ließ sie die Schelle ertönen, die Thüre des anstoßenden Zimmers öffnete sich, und jubelnd und mit strahlenden Blicken stürmte die junge Schaar herein. Turner, den Kindern folgend, breitete seine Hände nach der Gattin aus, und empfing sie unter Freudethränen an seinem Herzen. Es war ein feierlicher Augenblick, ein Augenblick zwischen der hochbeglückenden Gegenwart und der dicht verschleierten Zukunft, – wo und wie sollten sie wohl das nächste Weihnachtsfest feiern? Beide sahen auf die fröhlichen, jauchzenden Kinder, und Beide beantworteten sich gegenseitig schweigend ihre stummen Fragen durch einen Blick nach Oben, mit welchem sie dem Allmächtigen ihre Zukunft, ihr Schicksal zu lenken, vertrauungsvoll anheim stellten. Die Fröhlichkeit der Kinder verscheuchte aber bald den Ernst von den Zügen der Eltern, und Madame Turner führte mit einem freudigen heitern Antlitz ihren Gatten nach einem der Tische, auf welchem sie mehrere kleine Geschenke für ihn niedergelegt hatte. Unter anderen befand sich dort ein schöner schwarzer Filzhut mit sehr breitem Rande, den Turner als ein nothwendiges Kleidungsstück in einem heißen Klima genannt hatte. Er ergriff ihn, um ihn aufzusetzen, und fand darunter einen Brief – einen Brief von dem Vetter Viktor in Amerika. Derselbe war schon am Tage vorher eingetroffen, Madame Turner aber hatte ihn verheimlicht, um ihren Gatten am heutigen Festabend damit zu überraschen. Die Freude war aber auch eine sehr große und allgemeine, denn selbst bei den Kindern war für den Augenblick alles Interesse für die Geschenke verschwunden, und sie drängten sich zu den Eltern, um die Nachrichten von Amerika zu vernehmen. Turner mußte sich bei dem Tannenbaume niedersetzen und bei dessen Lichtschein den Brief vorlesen. Dies geschah nun, wenn auch nur stückweise, doch hinreichend, um etwas Näheres über die bevorstehende Abreise bestimmen zu können. Das Frühjahr ward dazu festgesetzt.
Es war der heiterste und doch der ernsteste Weihnachtsabend, der in dieser Familie jemals gefeiert war. Madame Turner hatte einen vortrefflichen heißen Punsch angefertigt, und auf eine glückliche Zukunft in der noch fernen neuen Heimath erklangen und wurden die Gläser bis auf den letzten Tropfen geleert. Alle am heutigen Abend zwischen Eltern und Kindern vertheilten Geschenke waren für das Leben in Amerika berechnet, und Keiner war so reich bedacht worden, als Carl Scharnhorst. Eine prächtige, sehr werthvolle Doppelbüchse mit allem Zubehör, ein herrliches schweres Jagdmesser, eine Jagdtasche, ein Compaß, waren die Gaben, die ihn besonders beglückten, und unter Freudenthränen und mit Küssen dankte er seinen Pflegeeltern für ihre Güte und ihre Liebe.
Alle gaben sich der seelenvollsten Heiterkeit hin, sie lachten, scherzten und stießen mit den Gläsern an, während der Sturm draußen die weißen Schneeflocken gegen die Fensterscheiben trieb, und die Mitternachtsstunde war schon lange dahingeeilt, als die Glücklichen ihr letztes Weihnachtsfest in Europa beschlossen und sich mit den glänzendsten Hoffnungen für ihre Zukunft zur Ruhe begaben.
Der folgende Tag wurde nun ganz dem Briefe des Vetters geweiht. Dieser gab darin die ausführlichsten Anweisungen zu den Vorbereitungen für die Reise. Er rieth, dieselbe im Frühjahr zu unternehmen, und sich namentlich mit so wenig Gepäck zu befassen, als es irgend möglich sei, indem man das Nöthige in Amerika neu billiger kaufen könne, als die mitgebrachten Sachen dort zu stehen kämen. Er gab über Alles die genaueste Auskunft, gab hunderte von Rathschlägen und Anweisungen, und schloß endlich den langen Brief mit dem Wunsche, sie sämmtlich gesund und froh dort in dem Sonnenlande bewillkommnen zu können. Wenige Tage später ging eine lange ausführliche Antwort an den Vetter ab.
Der Winter verstrich unter Vorbereitungen zur Auswanderung; Turner war von dem Schmied zu einem Büchsenmacher in die Lehre gegangen, und Carl hatte den Wagenmacher gegen einen Schreinermeister vertauscht.
Unter den Bürgern des Städtchens erregten diese ernsten Anstalten für einen Abschied auf immer, großes Aufsehen und die wärmste Theilnahme. Mit allgemeinem Bedauern sah man eine so biedere, so hochgeehrte und beliebte Familie sich nach einem fernen Lande wenden, und von allen Seiten suchte man Turners die Verehrung, die sie hier weit und breit genossen, durch Hülfsleistungen und Liebesdienste aller Art an den Tag zu legen. Die vornehmen, reichen früheren Freunde aber schämten sich in tiefster Seele ihrer niedrigen selbstsüchtigen Handlungsweise, und vielfach wurden ihnen Kundgebungen der Verachtung zu Theil; die öffentliche Meinung hatte sie gerichtet.
Abermals zog das Frühjahr lächelnd und neu belebend in das freundliche schöne Werrathal ein, Wald und Flur schmückten sich wieder mit jungem Grün, die Gärten prangten wieder in reichster Blüthenpracht, die Schwalben begrüßten schwirrend die heimathlichen Berge und suchten über den Thüren und in den friedlichen Hausfluren ihre Nester auf, und die Nachtigallen sangen ihre süßen klagenden Lieder, wie zum Abschied an die reisefertige Familie Turner.
Der Wonnemonat ging zu Ende, als ein geräumiges Schiff unweit des Städtchens vom Ufer stieß, und Alt und Jung der Einwohnerschaft den Passagieren im Boote ein herzinniges Lebewohl zurief. Es war die Familie Turner, die mit feuchten Augen von dem Schiffe her nach dem Ufer zurück schaute, und von den vielen wahren Freunden und von der Heimath Abschied nahm. Lange noch hingen ihre thränenvollen Augen an den geliebten Mitbürgern, an dem Städtchen, an der Kluse, an den trauten Bergen, bis sie die klare Fluth der Werra um eine schroffe nahe Basaltkuppe trug, und sie nun ihre Blicke vorwärts richteten. Sie nahten sich dem Fuße der Wichtelkuppe, da schlossen Turner, so wie seine Gattin, Carl beim Anblick des Baumes, der über der Felswand hing, von der furchtbaren Erinnerung tief ergriffen, an ihre Herzen, und dankten ihm nochmals mit seelenvollster Innigkeit für die Rettung ihres Kindes.
Carl hatte von Allen das unternehmendste Aussehen: er trug einen grauen Filz, dessen breiter Rand über seine Schultern hinausragte, einen kurzen grauen Rock, unter welchem das umgeschnallte Jagdmesser hervorsah, und über seiner offenen Brust lag der durch Juliens Hand schön gestickte Riemen seiner Waidtasche. Seine Büchse, mit deren Gebrauch er es bereits zu einer außerordentlichen Fertigkeit gebracht hatte, hielt er im Arm, um im Vorüberfahren hier oder dort einen Meisterschuß nach einem Vogel anzubringen.
Von dem für das Wohl ihrer Kinder gefaßten großen Entschluß beseelt, und von dem festesten Willen, denselben mit allen Kräften zu einem glücklichen Ende auszuführen, durchdrungen, saßen Turner und dessen Frau auf dem vorderen Theile des Schiffes und nahmen schweigend von jedem zurückgelassenen Dörfchen, von jedem Berge, ja von dem ganzen lieben Werrathale Abschied – Abschied auf Nimmerwiedersehen. Niemals war ihnen das Thal so lieblich, so reizend erschienen, als jetzt, wo sie ihre Blicke zum letzten Male daran weideten; niemals war ihnen die Werra so klar smaragdgrün vorgekommen, als jetzt, wo ihre dahineilenden spielenden Wellen sie den Wogen des Weltmeeres zutrugen. Es war Abend, als das Thal sich öffnete, und das malerisch schön gelegene Städtchen Münden im Duft der blauen Ferne sichtbar wurde. Dort war das Ziel dieses ersten Tages der angetretenen langen Reise. Bald glitt das Boot an dem altergrauen Herzogsschloß vorüber der Weser zu, und legte sich, wo die Fluthen der beiden Ströme sich vereinigen, an die Seite eines größern Schiffes, welches die Reisenden am folgenden Tage aufnahm und sie glücklich nach Bremen trug. Hier gönnte man ihnen einige Ruhe, weil das Schiff, welches sie nach Amerika führen sollte und welches unweit der Wesermündung vor Anker lag, seine Ladung noch nicht vollständig eingenommen hatte. Diese Rasttage benutzten sie, um sich noch mit vielerlei kleinen Bedürfnissen zur Reise zu versehen.
Turner zahlte sein Geld an ein großes Banquierhaus, von welchem er dagegen Wechsel auf Baltimore, dem Ziel der Reise, erhielt, und wohl versorgt mit allem Nöthigen, begab er sich nebst den Seinigen nach mehreren Tagen an Bord eines Segelfahrzeugs, welches sie auf das Seeschiff bringen sollte. Ihr Fuß hatte jetzt zum letztenmale die heimathliche Erde berührt, und mit tiefer Wehmuth sahen sie Bremen bald hinter sich in der Ferne verschwinden. Der Wind war stark und günstig, eilig glitt das Fahrzeug auf dem sich rasch erweiternden Strome dahin, und als die Sonne sich neigte, schaukelte es sich auf hohen halbsalzigen Wogen bis an die Seite des Schiffes Goliath, welches in großer Entfernung vom Lande vor Anker lag. Der Kapitain dieses mächtigen Schiffes, ein kräftiger wettergebräunter Seemann, Namens Bosse, bewillkommnete die Familie Turner von der hohen Brüstung herab, ließ eine hölzerne Treppe aushängen, und unterstützte mit seinem Steuermann die Passagiere, das Fahrzeug zu besteigen. Carl Scharnhorst war der Letzte, der noch im Boote zurückblieb, weil er erst seinen Liebling, Pluto, sicher an Bord des Goliath wissen wollte. Er hob ihn in seinen Armen an der Treppe in die Höhe, wo der Steuermann den Hund an dem Halsband erfaßte und ihn zu sich hinauf zog, und dann erst folgte Carl nach.
Als Turners glücklich auf dem Verdeck angelangt waren, reichte der Kapitain ihnen sämmtlich die Hand und versicherte ihnen, daß er Alles aufbieten werde, um ihnen die Reise so angenehm als möglich zu machen. Er führte sie dann in die prächtig ausgestattete Kajüte, wo sie zum Willkommen ein Glas Wein mit ihm trinken sollten. Sie hatten kaum Platz genommen, als die Kinder und auch Madame Turner plötzlich erschrocken auffuhren, denn ein Mann, so schwarz wie Ebenholz, trug den Wein und die Gläser herein. Es war der erste Neger, den sie in ihrem Leben erblickten, und sein plötzliches Erscheinen hatte sie sehr überrascht. Gleich darauf stimmten sie aber in das Lachen mit ein, in welches der Neger selbst ausbrach, weil er bemerkte, daß seine schwarze Farbe den Fremden einen solchen Schreck eingejagt hatte. Es war ein sehr freundlicher gutmüthiger Mensch, hieß Daniel, oder kurzweg Dan, und hatte die Aufwartung in der Kajüte zu besorgen. Der Kapitain füllte die Gläser, stieß mit seinen Gästen an und trank mit ihnen auf eine recht glückliche schnelle Ueberfahrt nach der neuen Welt. Dann wies er ihnen drei kleine Zimmer an, deren Thüren in die Kajüte führten, und deren jedes zwei Betten übereinander enthielt. Madame Turner mit Julie nahmen von dem einen Besitz, Turner und Wilhelm von dem zweiten, und Carl mit Arnold bezogen das dritte Gemach. Bald aber fanden sie sich sämmtlich wieder auf dem Verdeck ein, um bei dem scheidenden Tageslicht ihre neue schwimmende Wohnung zu überblicken, welche sie durch den Ocean tragen sollte, und welche ihnen für viele Wochen als Aufenthaltsort bestimmt war. Die Weser erschien hier schon so breit, daß man das jenseitige Ufer kaum erkennen konnte, und nach Westen hin ruhte das Auge auf einer endlosen Wasserfläche. Die Sonne hatte dort den Horizont erreicht und ließ, in die Fluth hinabtauchend, ihre Abschiedsstrahlen auf den dahin eilenden Wogen tanzen und blitzen, bis ihr letztes Licht versunken war und nur der Feuerschein des Himmels sich noch glühend auf der bewegten Fluth spiegelte. Die Schauer der einbrechenden Nacht zogen über die unabsehbare Fläche, brausend rollten die Wogen der Nordsee zu, warfen sich ungestüm gegen das an den Ankerketten auf- und niedersteigende Schiff, und in ihrem dumpfen Rauschen verhallte der eintönige Gesang der Matrosen, womit dieselben das Aufwinden der Güter aus dem Segelkahn begleiteten. Auf dem hohen Verdeck über der Kajüte saß Turner neben seiner Gattin und hielt ihre Hand in der seinigen. Der Ernst und die Feierlichkeit der sie umgebenden Natur stand mit der Stimmung ihrer Seelen im Einklang, sie blickten schweigend den unaufhaltsam dahin fliehenden Wogen nach; welchen Stürmen, welchen Klippen jagten dieselben wohl zu! Sie dachten an ihre eigene Zukunft, an ihr und ihrer Kinder Schicksal; welchen Beschwerden, welchen Widerwärtigkeiten zogen sie wohl entgegen!
»So wie diese Wellen verlassen auch wir unsere friedliche stille Heimath, Marie, um auf dem großen Lebensmeere heftigern Stürmen, vielleicht auch höherem Glück zu begegnen,« sagte Turner nach langem Schweigen.
»Die Wellen treibt keine Sorge für Anderer Glück von der Heimath fort, wir wandern für unsere Lieblinge aus, um ihnen eine segensreichere Zukunft zu schaffen, als wir selbst beanspruchen. Mit unserer Liebe für sie wollen wir tragen, was uns das Schicksal auch auferlegen mag, wir haben es in Gottes Hand gegeben, und er wird es zu unser Aller Besten lenken,« entgegnete die Frau, mit vertrauungsvollem Herzen zu dem besternten Himmel aufblickend, während Turner ihre Hand an seine Lippen preßte.
Die Kinder, die auf dem untern Verdeck den Matrosen bei deren Arbeit zugesehen hatten, kamen jetzt, von Carl geführt, zu den Eltern herauf, und schmiegten sich an dieselben an; denn Alles war ihnen so neu und fremd, und die rasch zunehmende Dunkelheit steigerte das unheimliche Gefühl, welches die ernste öde Umgebung ihnen aufdrängte.
»Morgen früh, mit Gottes Hülfe, werden wir in See gehen,« sagte Turner zu den Kindern, »die Reise durch den Ocean ist mit vielen Gefahren verbunden, und man muß alle Vorsicht gebrauchen, sich denselben nicht unnöthig auszusetzen. Haltet Euch immer in unserer Nähe auf, und wenn wir nicht auf dem Verdeck sein sollten, so folgt dem, was Carl Euch räth.«
In diesem Augenblicke trat der Kapitain herzu, und bat, ihn zum Abendessen in die Kajüte zu begleiten.
»Ich denke, diese erste Mahlzeit am Bord des Goliath soll Ihnen sämmtlich nach Ihrer heutigen Fahrt recht gut munden; morgen, wenn das Schiff im Segeln ist, möchte sich leicht Appetitlosigkeit einstellen.«
Mit diesen Worten ließ der Kapitain seine Passagiere nach der Kajüte voranschreiten, und als er mit Carl den Zug beschloß und sah, wie Pluto demselben auf dem Fuße folgte, bemerkte er noch, zu dem Knaben gewandt: »Deinem Hunde, mein Sohn, müssen wir morgen auch einen Platz bestimmen, wo wir ihn an die Kette legen können, damit ihn bei den Arbeiten der Matrosen kein Unfall trifft. Es ist wirklich ein schöner Hund.«
»Ja und ein so braver treuer Hund, wie es wenige giebt,« entgegnete Carl stolz, und klopfte den lockigen Nacken des Thieres.
Die Passagiere ruhten am folgenden Morgen noch im tiefsten Schlafe, als sie plötzlich durch das Rasseln der schweren Ankerkette geweckt wurden und sich auf ihrem Lager hin- und hergeschaukelt fühlten. Rasch waren sie in den Kleidern und eilten auf das Verdeck, um von dem Festlande Abschied zu nehmen; denn das Schiff war bereits in vollem Segeln und stürmte bei heftigem Südwind der Nordsee zu. Höher und mächtiger hoben sich die Wogen, sie wurden durchsichtiger und grüner, ihre Häupter bedeckten sich mit weißem Schaum, und, sich übereinander hinstürzend, warfen sie ihren Gischt weit um sich her. Das Land war nur noch wie ein Nebelstreif zu erkennen; doch die Blicke der Auswanderer hingen fest an diesem letzten Zeichen der theuren Erde, und lange schon bildete nur das Wasser noch den fernsten Gesichtskreis, als die Scheidenden immer noch Land zu sehen glaubten, und ihm ihr Lebewohl zuwinkten. Der Goliath hatte die Nordsee erreicht, als der Wind sich drehte, und immer mehr und heftiger von Westen herblies. Der Kapitain, in der Hoffnung, daß derselbe ganz nördlich werden würde, steuerte dem Canal zu, und die Bewegung des Schiffes, welches nun gegen Wind und Wogen ankämpfen mußte, wurde mit jedem Augenblick unangenehmer. Die Folge hiervon war, daß sich bei den Passagieren die Seekrankheit einstellte, daß sie auf alles Frühstück verzichteten und sich in ihre Betten zurückzogen. Auch die Anzeige Daniels, daß das Mittagsessen aufgetragen sei, vermochte sie nicht, ihr Lager zu verlassen; denn schon der Gedanke an Speisen war ihnen zuwider. Nachmittags aber fühlten sie sich plötzlich weniger unwohl, sie meinten, das Schiff mache nicht mehr solche gewaltige stoßende Bewegungen, und nach und nach kamen sie aus ihren Zellen hervor. Der Wind stand so fest und gerade von dem Ocean in den Canal herein, daß der Goliath nur mit großer Schwierigkeit und vielem Zeitverlust hätte gegen denselben ansegeln können, weshalb Kapitain Bosse sich entschlossen hatte, in der Nordsee hinauf und nördlich um England seinen Weg nach dem Weltmeer zu nehmen. Dadurch, daß der Wind nun mehr seitwärts in die Segel des Goliath blies, wurden dessen Bewegungen regelmäßiger und weniger heftig, und in gleichem Maße nahm das Unwohlsein der Passagiere ab. Herr und Madame Turner erholten sich weniger schnell und waren genöthigt, sich auf dem Verdeck auf wollenen Decken niederzulegen, die Daniel dort für sie ausbreitete; aber die Kinder hatten bald die Seekrankheit vergessen und ergötzten sich an dem neuen prächtig großen Schauspiel, welches sie umgab. Mit aufgeblähten Segeln bis in die Spitzen seiner Masten überwölkt, stieg das Schiff an den durchsichtigen smaragdgrünen Wasserbergen hinan, theilte deren schäumende Höhen und schoß dann wieder in die Tiefe hinab, um sich abermals auf die nächste Woge zu heben. Die Sonne strahlte aus dem eilenden Gewölk hervor und warf hier und dort helle Lichtstreifen auf das wogende Meer, und der Sprühregen, der sich vor dem scharfen Kiel des Goliath aufthürmte und seitwärts an ihm vorüberstäubte, blitzte in ihrem Schein in allen Farben des Regenbogens. In der Mitte des obern Verdecks war das große Boot, mit dem Kiel nach oben gekehrt, auf mehreren Stützen befestigt, so daß man unter demselben Schutz gegen Regen und Sonnenschein finden konnte. Diesen Platz hatte Carl für sich und seine Gefährten zum Sammelplatz erkoren, sobald Matrosen sich auf dem Verdeck zeigten, um Arbeiten zu verrichten. Jetzt aber, wo das Schiff ruhig und ohne weitere Hülfe beim Winde segelte, waren Carl und Arnold, so wie Wilhelm oben auf das Boot gestiegen, weil sie von hieraus über die Brüstung des Schiffes hinaus das Meer frei überblicken konnten. Der Neger Daniel fand großes Gefallen an den wackeren Knaben und gesellte sich, sobald er einige Augenblicke Zeit hatte, zu denselben, um sich mit ihnen zu unterhalten; denn er hatte schon beinahe zwei Jahre auf diesem Schiffe gedient und recht gut Deutsch reden gelernt. Die Knaben faßten bald Zutrauen zu dem ehrlichen Schwarzen, und er mußte ihnen über Alles, was sie nicht kannten, Auskunft geben. Die weißen und bunten, großen und kleinen Möven, die auf ihren langen sichelförmigen Schwingen segelnd über das Meer hinschwebten und von Zeit zu Zeit in den Schaum einer Wellenspitze hineinstießen, nahmen insbesondere die Aufmerksamkeit der Kinder in Anspruch, und Dan, ihr schwarzer Freund, erzählte ihnen dabei von den felsigen Inseln, nördlich von Schottland, auf welchen diese Vögel in unzähligen Schaaren brüteten.
»Fische, Fische, große Fische!« riefen plötzlich die Knaben einstimmig, und zeigten über die See hinaus.
»Das sind Pourpoises, Braunfische, oder Seeschweine, sie kommen gerade hierher, und werden bald den Goliath umschwärmen, besonders gern spielen sie in dem Schaume vor dem Schiffe,« antwortete der Neger, gleichfalls nach den großen Fischen schauend, deren mehrere hundert von weit her angebraust kamen, indem sie aus der See emporschossen, einen Bogen durch die Luft beschrieben, und, mit dem Kopfe voran, wieder in die Fluth hinabtauchten. In diesem spielenden Laufe jagten sie, den Schaum um sich aufspritzend, pfeilschnell über die Wogen heran, und sie hatten das Schiff bis auf einige hundert Schritte erreicht, als Carl nach der Kajüte springen wollte, um seine Büchse zu holen. Daniel aber hielt ihn zurück und bedeutete ihn, daß die Büchse nicht die rechte Waffe sei, um diese Fische zu jagen.
»Mit der Harpune kann man einen fangen,« sagte er aufspringend, »soll ich sie herbeiholen?«
»Ach ja, Dan, geschwind, da sind die Fische schon dicht beim Schiff – hu – wie sie brausen!« riefen die Jungen, und Daniel rannte eiligst hinab in die Kajüte, um deren Wunsch zu erfüllen. Wenige Augenblicke nachher erschien er wieder auf dem untern Verdeck mit dem zwei Fuß langen Eisen, dessen scharfe Spitze mit Widerhaken versehen war, stieß einen langen schweren Stock in das hohle andere Ende desselben, befestigte eine starke Leine daran, und winkte nun den Knaben, zu ihm herabzukommen. Diese folgten jauchzend dem Neger bis an die vordere Spitze des Schiffes, wo derselbe das Seil der Harpune an der Brüstung befestigte, über welche die Kinder in die See hinabschauten und den hin- und herschießenden Fischen mit den Blicken folgten. Daniel hatte sich auf die Brüstung an das starke Tauwerk gestellt, welches von da nach den Masten hinaufführt, und hielt, in das Meer hinabspähend, die Harpune zum Wurf bereit in die Höhe. Die Fische schienen es besonders zu lieben, seitwärts an dem Schiffe vorüberzujagen und sich dann in den Schaumberg hinein zu stürzen, der sich vor demselben aufthürmte. Wiederholt zuckte Daniel mit der Lanze, als wolle er sie hinabschleudern, hielt sie aber immer noch zurück, um seines Wurfes gewiß zu sein; plötzlich aber fuhr sie sausend hinunter, und ihre Spitze begrub sich tief in dem Rücken eines der Fische.
»Getroffen, getroffen!« rief Carl jubelnd, doch der Fisch war in die Tiefe hinunter geschossen und zog das lange Seil schwirrend nach sich. In wenigen Augenblicken hatte dasselbe jedoch das Ende erreicht, und man konnte sehen, daß das gespießte Thier mit gewaltiger Kraft an demselben riß und zuckte. Daniel rief nun einige Matrosen zu Hülfe, um die Beute auf das Verdeck zu ziehen. Mit großer Anstrengung wurde das Seil eingezogen, bald erschien der Fisch, dagegen kämpfend und um sich schlagend, über den Wogen, und nun hoben ihn die Matrosen über die Brüstung und ließen ihn auf das Verdeck fallen. Es war ein ungeheures, nicht mit Schuppen, sondern mit einer braunen glatten Haut bedecktes Thier, im Gewicht von mehr als zweihundert Pfund. Bald hatte es sich verblutet und wurde von den Matrosen seiner Leber beraubt, dem einzigen genießbaren Theile seines Körpers. Es ward in Stücken gehauen und seines Thranes wegen ausgebraten.
Durch diese Jagd hatte Daniel seinen jungen Freunden eine große Freude bereitet und sich in ihrer Gunst nur noch fester gesetzt.
Herr und Madame Turner fühlten sich wieder so viel wohler, daß sie an dem Abendbrod Theil nahmen, wenn sie sich dabei auch mit einem Stück Zwieback und einer Tasse Thee begnügten. Dann eilten sie aber auf das Verdeck zurück, weil ihnen die frische Seeluft besonders wohl that, und der aufmerksame Daniel richtete ihnen dort abermals aus wollenen Decken ein Lager her. Julie hatte ihre Mutter während des ganzen Tages nicht verlassen, bereitete Limonade für sie, reichte ihr zuweilen ein Stück einer Orange, deren sie von Bremen einen Vorrath mitgenommen hatte, und war jeden Augenblick ihres Winkes gewärtig, um ihr einen Wunsch zu erfüllen.
Der Kapitain kam wiederholt zu den Passagieren herangetreten, um sich nach ihrem Befinden zu befragen, und als der Tag sich neigte, setzte er sich in traulicher Unterhaltung bei ihnen auf dem Verdeck nieder.
»Die Knaben scheinen mit Daniel Freundschaft geschlossen zu haben,« sagte Turner zu dem Kapitain, »durch den Fang des Fisches hat er sich ihre Herzen gewonnen. Jetzt sitzen sie alle drei wieder um ihn, und lassen sich von ihm erzählen.«
»Der Neger ist ein ungewöhnlich guter Bursche, ein ausgezeichneter Diener und ein Mensch, der sehr viel im Leben durchgemacht hat,« antwortete der Kapitain. »Seine Eltern waren Sklaven unter einem Indianerstamm im fernen Westen Amerika's, dort wurde er geboren und dort verlebte er seine Jugendzeit. Nachdem ihm aber Vater und Mutter durch den Tod entrissen waren, entfloh er den Wilden, gelangte nach langer Verfolgung durch dieselben glücklich in die Grenzansiedelungen der Weißen und kam endlich als freier Schwarzer nach New-York, wo er sich mehrere Jahre durch Arbeiten ein rechtliches Brod erwarb. Ich lernte ihn kennen, als ich vor einigen Jahren mein Schiff in jener Stadt ausbesserte, wobei er sich mir als Arbeiter vermiethete. Ich gewann ihn lieb und machte ihm den Antrag, mit mir auf See zu gehen, um die Aufwartung in meiner Kajüte zu übernehmen. Er willigte ein, und so ist er bei mir geblieben, und bis auf den heutigen Tag haben wir noch nie ein böses Wort mit einander gewechselt. Er ist ein zuverlässiger, ehrlicher und treuer Mensch.«
»Den Eindruck hat er mir vom ersten Augenblick an gemacht, und es ist mir lieb, daß er sich der Jungen annimmt, da er über sie wachen wird,« entgegnete Turner, nach dem Neger hinschauend, der zwischen den drei Knaben oben auf dem Boote saß, und sie eifrig unterhielt.
Er erzählte ihnen aus seinem Leben unter den Wilden, von den Jagden nach Büffeln, Bären und wilden Pferden, von den blutigen Kämpfen unter den verschiedenen Indianerstämmen und von den herrlichen, noch von weißen Menschen unbewohnten unermeßlichen Ländern, in denen die Wilden ihr unstätes heimathloses Leben führen. Die Knaben horchten mit großer Spannung den Mittheilungen des Schwarzen und unterbrachen ihn nur selten durch einzelne Fragen. Besonders aber war Carl ganz Ohr und sah sich schon im Geiste auf einem flüchtigen Hengste dem fliehenden Büffel folgen, oder im wilden Kampfe einen grimmigen Bären erlegen. Die Dunkelheit hatte sich über das Meer gebreitet und die Nachtluft wurde empfindlich kühl, als Herr Turner die Knaben in ihrer Andacht störte, mit der sie den Erzählungen des Negers lauschten, indem er sie daran mahnte, daß es Zeit sei, sich zur Ruhe zu begeben.
»Onkel, hättest Du doch gehört, was uns Daniel erzählt hat!« sagte Carl, als sie in der Kajüte angelangt waren. »Er hat uns die Jagden beschrieben; die Büffel werden zu Pferde gejagt, man sprengt an ihre Seite und schießt sie vom Pferde herab mit Pistolen. Das muß ein Spaß sein!«
»Aber ein sehr gefährlicher Spaß, mein lieber Carl, bei dem man ganz leicht Hals und Beine brechen, oder unter den Füßen des Büffels zertreten werden kann,« antwortete Turner lächelnd. »Wo wir uns niederlassen werden, da giebt es keine Büffel mehr.«
»Das ist schade, ich hätte doch einmal gern eine solche Jagd mitgemacht,« bemerkte Carl mit einem Ausdruck vereitelter Hoffnung.
»Nun, wer weiß, ob Du nicht einmal eine Reise nach dem Westen machen wirst, das ist ja so weit nicht!« sagte Turner tröstend, und setzte noch hinzu: »wenn wir erst unsere Farm in Ordnung und ein paar gute Ernten gemacht haben, dann kann man einmal einige Wintermonate daran wenden, um die Länder im Westen zu sehen; es soll dort herrlicher Boden sein.«
»Der beste Boden in ganz Amerika, sagt Daniel,« antwortete Carl rasch und begeistert.
»Und Büffel und Bären und wilde Pferde zu Tausenden, nicht wahr?« fiel Turner lachend ein. »Nun, legt Euch in Gottes Namen zur Ruhe, und träumt meinetwegen, daß Ihr auf einem Büffel spazieren reitet.«
Die Nacht verstrich ohne alle Störung, die Schläfer ließen sich durch die wiegende Bewegung des Schiffes in liebliche Träume schaukeln, und am frühen Morgen fanden sie sich wieder heiter und guter Dinge auf dem Verdeck ein. Die Sonne tauchte prächtig und klar aus dem Meere empor, der Himmel wölbte sich wolkenlos und durchsichtig über der wogenden Fluth, und der frische Wind füllte die Segel des Goliath mit aller Macht und trieb ihn eilig auf seiner einsamen Bahn dahin.
Madame Turner hatte für sich und für Julie Näharbeiten mit auf das Verdeck genommen, um die Zeit nicht müssig zu verbringen, und Turner setzte sich mit einem Buche, welches über Amerika handelte, zu ihnen. Carl aber mit Arnold und Wilhelm hatte das Boot wieder bestiegen, um die See zu überspähen und zu wachen, ob sich nicht wieder die Gelegenheit zu einer Jagd darbieten würde. Daniel fand sich, so oft es seine Zeit erlaubte, bei den Knaben ein und wurde von ihnen dann mit tausend Fragen bestürmt; mit weiteren Erzählungen über sein Leben in der Wildniß aber vertröstete er sie auf den Abend, wo ihn seine Geschäfte nicht dabei unterbrechen würden.
Eine auffallende Ruhe und Stille herrschte auf dem Schiffe. Die Matrosen saßen auf dem untern Verdeck mit der Ausbesserung von Segeln beschäftigt, oder hingen hier und dort hoch in der Luft in dem Tauwerk der Masten, um kleine Schäden auszubessern, und der Kapitain ging ab und zu, indem er seine Anweisungen bei den Arbeiten gab. Nur von Zeit zu Zeit rief er die Matrosen herbei, um das eine oder andere Segel etwas straffer anzuziehen; denn außerdem gebrauchte das Schiff keine besondere Hülfe: es segelte unverändert während des ganzen Tages in derselben Richtung und dasselbe Bild, dieselben Erscheinungen umgaben fortwährend das Fahrzeug. Turners schauten zwar oftmals über die See hinaus und folgten mit den Blicken dem Laufe der rollenden Wogen; diese boten aber in ihrer regelmäßigen Bewegung dem Auge durchaus keine Veränderung, und Turner bemerkte dem Kapitain, als derselbe einmal zu ihnen getreten war, daß auf die Dauer eine Seereise doch sehr einförmig, ja langweilig werden müsse.
»Wir wollen hoffen, daß die unserige in dieser Beziehung recht langweilig bleiben möge; denn die Abwechselungen, die sie uns bieten könnte, sind nicht zu unserm Vortheil. Bei Windstille und glatter ruhiger See würden wir nicht aus der Stelle kommen, und ein Sturm, so schön und interessant die Landbewohner ihn sich auch denken mögen, ist und bleibt ein gefährliches Vergnügen. Wind und Wetter, wie wir es heute haben, ist des Seemanns höchste Lust; dieser Wind würde uns in einigen zwanzig Tagen nach Baltimore bringen.«
»Ich verzichte auch gern auf jede Abwechselung,« bemerkte Madame Turner, »der Himmel mag uns vor Stürmen bewahren!«
»Wir sind jetzt in der günstigen Jahrszeit, wo man sie am wenigsten zu befürchten hat; hoffentlich werden Sie ihre Bekanntschaft gar nicht machen,« erwiederte der Kapitain. Der Tag verlief ruhig und heiter und der Abend wurde von Carl und seinen Gefährten freudig bewillkommnet, denn gleich nach dem Abendessen setzte sich Daniel wieder zu ihnen und erzählte von seinem Leben in der Wildniß.
Am folgenden Morgen fühlten die Passagiere schon in ihren Betten an den heftigen Bewegungen des Schiffes, daß mit der See eine Veränderung vorgegangen sein müsse. Der erste Blick auf das Verdeck machte ihre Vermuthung auch wahr: ein sehr heftiger Wind jagte schwere graue Wolken fliegend über die Wogen, welche sich immer höher und gewaltiger erhoben und sich ungestüm gegen die Seiten des Goliath warfen. Die Matrosen waren eifrig beschäftigt, die oberen Segel ganz einzuziehen und die unteren zu verkleinern, alle Arbeiten auf dem Verdeck waren eingestellt, alle Taue, die nach den Segeln hinaufführten, lagen für schnellen Gebrauch zusammengeringelt an der Brüstung hin, und allenthalben auf dem Schiffe war die größte Ordnung hergestellt. Auf die Frage der Madame Turner an den Kapitain, ob er Besorgniß über das Wetter hege, erwiederte er, daß dasselbe weniger günstig zu werden scheine, und daß er alle Vorkehrungen treffen müsse, ihm zu begegnen. Der Wind nahm von Stunde zu Stunde an Heftigkeit zu, bis er gegen Abend aus Südwesten in einem Sturm heranzog. Das Düster der einbrechenden Nacht vermehrte das Schauerliche des Bildes, welches die Umgebung des Goliath jetzt darbot. In rollenden Wasserbergen thürmte sich die See um ihn auf, donnernd brachen sich die Wogen unter seinem Kiel und warfen, hoch vor ihm aufsteigend, ihren weißen Gischt über das Verdeck hin. Dabei pfiff und stöhnte der Wind in dem rasselnden Tauwerk und drohte die wenigen kleinen Segel, die das Schiff noch trug, zu zerreißen. Der Sprühregen der Wogen, der ununterbrochen über das Verdeck peitschte, hatte die Passagiere von dort verjagt und sie in die Kajüte getrieben. Hier saßen sie bei dem matten Scheine der Ampel, die sich unter der Decke hin und her schwang, mit bangen Herzen beisammen, und lauschten dem Brausen und Toben des Sturmes und der Wogen, so wie dem Aechzen und Stöhnen des Schiffes und seiner Masten. Es ging schon auf Mitternacht, als der Kapitain durchnäßt hereintrat, um seinen Rock zu wechseln, und seine Passagiere noch auf fand. Er versicherte ihnen nun, daß noch durchaus keine Gefahr vorhanden sei, bot Alles auf, sie zu beruhigen, und bat sie dringend, sich zu Bett zu begeben; er würde statt ihrer wachen. Turners gaben seinen Vorstellungen nach, verbrachten jedoch eine sehr unruhige Nacht und hießen mit ganzem Herzen das neue Tageslicht willkommen.
Kurz vor der Frühstückszeit rief sie der Kapitain auf das Verdeck, um ihnen die Orkney-Inseln zu zeigen, in deren Nähe sich der Goliath jetzt befinde. Turner mußte seine Gattin beim Gehen halten und unterstützen, um das obere Verdeck zu ersteigen; denn das Schiff lag sehr auf der Seite und schwankte gewaltig auf und nieder. Die Wolken hingen in ihrem schnellen Zuge so tief auf das Meer herab, daß man nur von Zeit zu Zeit, wenn sie der Sturm auseinander fegte, einen weiteren Blick von dem Schiffe aus hatte, und eine geraume Zeit waren die Passagiere mit den Augen der Richtung gefolgt, in welcher der Kapitain die Inseln andeutete, ehe sie dieselben erkennen konnten.
In schwarzen steilen Felsmassen, um welche sich das graue Gewölk rollte, stiegen sie aus der wild tobenden Fluth auf, und die Außenlinien ihrer schroffen zackigen Wände wurden dem Auge bei Annäherung des Fahrzeuges immer deutlicher und schärfer. Bald hatte der Goliath die östlichste Inselgruppe bis auf geringe Entfernung erreicht und stürmte, von Wind und Wogen gejagt, an ihr vorüber. Die See bäumte sich an den nackten schwarzen Felsen und warf ihren weißen Schaum hoch an ihnen empor, während Milliarden von Möven, Enten, Gänsen und Tauchern ihre Höhen wie weiße Wolken krächzend umschwärmten und sich in großer Zahl auf ihren Spitzen niedergelassen hatten. Weithin erkannte man von Zeit zu Zeit noch mehrere andere dieser kahlen felsigen Inseln, die Jahr aus Jahr ein von der See gepeitscht, dem Zorn der Elemente Trotz bieten und auf denen, abgeschieden von der übrigen Welt, glückliche Menschen wohnen, die diese ihre Heimath lieben und sie gegen keine andere vertauschen möchten. Eilig zog der Goliath an den Inseln vorbei und bald verschwanden dieselben in der schweren grauen Luft, die der Sturm über das Meer hintrieb. Der Wind war ganz westlich geworden und nöthigte das Fahrzeug, seine nördliche Richtung beizubehalten. Nur wenige kleine Segel waren noch entfaltet, genug, um das Schiff steuern zu können, und doch schoß es mit fliegender Eile Woge auf, Woge ab dahin, während seine nackten Masten sich weit über die See hinaus neigten. Noch am selbigen Abend zog es an den Shetland-Inseln vorüber, die ein ähnliches Bild boten, wie die Orkneys, und am folgenden Tage kamen die Faroer-Inseln in Sicht. Der Sturm hatte immer noch nicht an Heftigkeit abgenommen, und immer noch mußte der Kapitain sein Schiff nach Norden steuern lassen, um dasselbe möglichst vor Schaden durch den Wind und durch die furchtbar rollende See zu behüten.
Auch die Faroer-Inseln blieben zurück, und der Goliath segelte nun in gerader Richtung auf Island zu. Jetzt aber schien der Sturm nachzulassen, er brauste nur noch stoßweise auf, die blauer gefärbten Wogen des Weltmeers dehnten sich länger, nahmen an Höhe ab, und nach und nach gewann die See wieder ein freundlicheres Ansehen. Die Temperatur aber hatte eine bedeutende Veränderung erlitten, es war empfindlich kalt geworden, so daß die Passagiere Tücher und Mäntel umhängen mußten, und eines Morgens, als sie auf das Verdeck kamen, war alles Tau- und Segelwerk bis in die Masten hinauf mit einer Eiskruste überzogen. Am Himmel war kein Wölkchen mehr zu sehen, und als die Sonne ihre Strahlen über das Meer ausbreitete, verschwand das Eis und die Kälte, und ein lauer Wind von Süden erinnerte die Reisenden wieder daran, daß sie sich im Monat Juni befanden. Das Meer hatte sich geglättet, es wogte nur noch wie in langen Athemzügen auf und nieder, und nur hier und dort lief eine weiße Schaumwelle spielend über die glatte glänzende Fluth. Dabei füllte der leichte Wind die Segel des Goliath bis in die höchsten Spitzen seiner Masten, und trieb ihn fast regungslos auf der endlosen Wasserfläche hin. Es war Sonntag und für die Schiffsmannschaft sowohl, wie für die Passagiere, nach einer so unfreundlichen gefahrvollen Zeit ein wahrer Festtag. Nach einem heißen Dankgebet, welches Turners dem Allmächtigen für seinen Schutz gebracht hatten, eilten sie sämmtlich auf das Verdeck, um sich des wunderbar schönen neu belebenden Morgens zu erfreuen. Der Himmel und die See lächelten ihnen entgegen, die weit umherkreisenden schreienden Möven schienen ihnen Grüße zuzurufen, und die lustigen Pourpoises spielten und jagten sich über die spiegelnde Fläche. Mit Bedauern sahen die Bewohner des Goliath den Tag seinem Ende nahen, und Turners hatten sich auf dem obern Verdeck zusammen niedergelassen, um der Sonne bei ihrem Scheiden noch ein dankbares Lebewohl zuzuwinken.
Je mehr dieselbe sich ihrem Fluthbette näherte, desto lebendiger färbte sich der Himmel im Westen mit Gold und Purpur, und als sie, eine durchsichtig glühende Scheibe, über den Rand des Meeres stand und ihr blitzender funkelnder Schein, wie ein Weg von Brillanten, bis zum Schiffe über die leicht gekräuselte Fluth tanzte, hatte sich der Himmel über ihr in ein Feuermeer verwandelt.
An der andern Seite des Oceans aber, im Osten, stieg in diesem Augenblick der Mond silberhell über der dunkeln Meeresfläche auf, hauchte sein bleiches Perlenlicht über sich am Himmel empor, und sandte seinen hell glänzenden Schein, wie ein zitterndes Atlasband, über die Wellen bis zu dem Goliath hin. Zugleich wurden die erstaunten bewundernden Blicke der Passagiere nach Norden hingezogen; denn dort erschien ein drittes Licht am Firmament, welches sich in zarten rosenrothen Strahlen aus dem Meere erhob, bis zu der Mitte des Himmelsgewölbes hinaufschoß, und sich zugleich bis zu dem Schiffe her auf der Fluth spiegelte. Es war das Nordlicht, die Aurora borealis, welches, wie in raschen Pulsschlägen, von Secunde zu Secunde an Kraft und Farbenpracht zunahm, bis es in ein leuchtendes Carmin überging, und sich zu seinen Seiten mit dem Feuermeer über der sinkenden Sonne und mit dem Perlenlichte des Mondes vereinigte. Die Sonne schied zuerst aus diesem zauberischen dreifachen Lichtbunde, sie sank, wie das sich schließende Auge des Tages in das Meer, auf dessen zitternder Fläche nur noch der Wiederschein des Himmels spielte; das Nordlicht verblich nach und nach, wie mit ermattendem Hauche stiegen seine Strahlen schwächer und schwächer empor, und der Mond zog triumphirend am Himmel auf und breitete, als Herrscher der Nacht, seinen Atlasschein über die endlose Fluth.
Lange noch saßen die Passagiere, in tiefer stummer Bewunderung versunken, auf dem Verdeck und hielten das entschwundene Zauberbild vor ihrem geistigen Auge gefesselt.
»Ach, wie schön ist das Meer, wie prächtig, wie furchtbar groß in seinem Zorne, wie lieblich, wie bezaubernd in seiner Ruhe!« rief Madame Turner tiefbewegt aus, als der Kapitain zu ihr trat, der mit einem gewissen Stolze die Verehrung bemerkte, welche die Familie seiner Heimath, der See, zollte.
»Es muß wohl schön sein; denn was sonst zieht den Seefahrer mit so unwiderstehlicher Gewalt immer wieder auf seine blauen Wogen hinaus, um zuletzt unter ihnen sein großes Grab zu finden – wo bleiben die Matrosen alle – wie selten stirbt ein alter Seemann auf dem Lande, und wie noch viel seltener begegnet man dort einem solchen, der sich Reichthümer erworben hat? Das Meer ist eine schönere Heimath, als das Land!« sagte der Kapitain, und schaute mit Wohlgefallen über die, im Mondlicht glänzende endlose Meeresfläche.
Am folgenden Morgen fanden die Passagiere das Schiff auf seiner andern Seite liegend durch die See gleiten, denn der Wind war in der Nacht herumgegangen und blies jetzt frisch von Nord-Ost her in die Segel. Das herrlichste Wetter begleitete den Goliath nun während einiger Wochen, und kaum wurde es einmal nöthig, die Segel anders zu stellen.
Zufrieden und beglückt durch den Gedanken, für das Wohl ihrer Kinder ein ruhiges gefahrloses Leben in dem Vaterlande geopfert zu haben und sich den Gefahren der See, so wie denen in einem fremden Lande und unter fremden Menschen preiszugeben, schwanden Turner und seiner Gattin die Tage angenehm und rasch, und die frohe Hoffnung, nun bald das Ziel ihrer Reise zu erreichen und ihren Fuß auf die Erde ihrer neu erwählten Heimath zu setzen, wurde täglich lebendiger in ihrer Brust. Die Kinder aber, denen der Ernst der verhüllten Zukunft noch keine Sorgen machte, zählten keine Stunden, keine Tage; sie sehnten nur an jedem neuen Morgen den Abend herbei, wo ihr Freund Daniel sich zu ihnen setzen und ihnen aus seiner Jugendzeit erzählen würde. Ehe dann die Knaben sich zur Ruhe begaben, theilten sie den Eltern gewöhnlich Bruchstücke aus den Erzählungen des Negers mit, so daß Turner zuletzt selbst neugierig wurde und einige Fragen an den Schwarzen zu stellen beschloß. An einem stillen Abend, als Daniel wieder seine jungen Zuhörer um sich versammelt hatte, trat Turner wie zufällig heran und ließ sich mit den Worten bei ihnen nieder:
»Nun Daniel, ich muß doch auch einmal etwas über Dein früheres Leben hören; Du bist ja unter den Indianern aufgewachsen.«
»Ja wohl, Herr, meine Eltern waren Sklaven unter einem der Indianerstämme, welche die fernen westlichen Länder Amerika's Jahr aus Jahr ein durchwandern und, dem Büffel folgend, im Frühling nach Norden und im Herbst wieder nach Süden ziehen. Sie leben ausschließlich von der Jagd und führen große Heerden von Pferden und Maulthieren mit sich, für welche sie stets die besten Weiden aufsuchen,« entgegnete der Neger.
»Dann hast Du Gelegenheit gehabt, die verschiedenen Länder Amerika's zu sehen und mit einander zu vergleichen; wo sind denn Deiner Ansicht nach die besten für einen Farmer zu finden?«
»Jedenfalls im Südwesten, denn dort sind die reichsten immergrünen Weiden, wo das Vieh Winter und Sommer im Freien gehen kann, stets reichliche Nahrung findet und seinem Eigenthümer weder Geld noch Mühe kostet. Wer dort eine Neigung zur Viehzucht besitzt, muß durch sie zum reichen Manne werden. Im Norden, wo im Winter Monate lang Schnee liegt und der Frost das Gras tödtet, kann der Farmer nur so viel Vieh halten, wie er im Winter in dem Stalle zu ernähren vermag. Dort ist er mehr auf den Ackerbau angewiesen, und auch damit steht der Norden gegen den Süden sehr zurück, wo man während des ganzen Jahres säen und ernten kann.«
»Das ist einleuchtend; aber im Süden ist es sehr ungesund, und ein weißer Mann kann die Arbeit nicht lange aushalten.«
»Darum nannte ich den Südwesten,« entgegnete Daniel; »dort ist es gesund, in den offenen waldlosen Prairien kann die Luft sich frei bewegen, und es giebt keine stehenden verdorbenen Gewässer, keine Sümpfe, wie in den südöstlichen Staaten.«
»Jene westlichen Länder aber sind noch im Besitze der Wilden und ein Ansiedler ist dort großen Gefahren ausgesetzt,« nahm Turner wieder das Wort. »Bist Du denn einmal in Baltimore gewesen und kennst Du das Land an den Ufern der Chesapeake-Bay?«
»Ich habe über ein Jahr dort auf einer Farm gearbeitet. Es ist ein herrlicher, reicher Landstrich, wenngleich auch dort der oft sehr strenge Winter die Viehzucht beschränkt. Auch herrschen im Herbste an den Ufern der Bay die Fieber, wenn sie auch nicht so bösartig sind, wie weiter im Süden.«
»Du hast also auch auf einer Farm gearbeitet, – was hast Du denn dort gethan?«
»Nun, Alles, was dem Farmer zu thun obliegt. Ich hatte mich bei einer Wittwe vermiethet und besorgte mit noch einem Neger, dem Sklaven der Frau, die ganze kleine Wirthschaft; ich pflügte, säete, pflanzte, machte Einzäunungen, und brachte die Ernte ein. Wir bauten Mais und Taback, und verdienten der Wittwe vieles Geld,« sagte der Schwarze.
»Was kostet denn dort das Land?« fragte Turner.
»Das ist sehr verschieden, schlechtes Land kauft man für zehn Dollar und ganz gutes für hundert Dollar.«
»Also doch so hoch wird es dort bezahlt. Man schrieb mir, daß man das beste Land für zehn Dollar kaufen könne,« fiel Turner überrascht ein.
»Ja, ja, in Amerika redet ein Jeder in seinem eigenen Interesse. Wer Ihnen das geschrieben hat, wird auch wohl seinen Vortheil dabei im Auge gehabt haben.«
»Doch nicht, es war mein eigener Vetter, der es mir schrieb,« antwortete Turner, halb in Gedanken versunken, und setzte dann schnell hinzu, »aber im Westen, dort ist das Land noch billig.«
»Regierungsland kostet zwei und einen halben Dollar, gut oder schlecht, wie man sich es wählen will. Doch in der Nähe der Ansiedelungen ist alles gute Land schon von Speculanten angekauft, man muß also weiter hinaus in das Territorium der Indianer gehen. Man kauft aber auch zwischen den Ansiedelungen bestes Land zu vier bis zehn Dollar den Acker,« versetzte der Neger.
»Der Unterschied wäre also doch sehr bedeutend,« bemerkte Turner und sagte, indem er aufstand: »Ich habe Dich aber in Deiner Unterhaltung mit den Knaben unterbrochen, nun erzähle ihnen noch von den Jagden, denen Du in jenen schönen Ländern gefolgt bist. Wäre nicht mein künftiger Wohnort schon bestimmt, wahrhaftig, ich hätte selbst Lust, dort einen Versuch zu machen.«
»Der Sie auf die Dauer wahrscheinlich mehr befriedigen würde, als in den alten östlichen Staaten,« bemerkte der Schwarze noch, als Turner zu seiner Gattin und Tochter zurückging.
Einige Tage später änderte sich die Temperatur auffallend schnell, es wurde kühl und immer kälter, so daß die Passagiere abermals ihre Mäntel hervorsuchten. Obgleich sich der Kapitain nicht darüber äußerte, so zeigten doch die verschiedenen Anstalten, die auf dem Schiffe gemacht wurden, daß er irgend etwas befürchtete. Die Segel wurden trotz dem nicht heftigen Wind bis auf sehr wenige eingezogen, so daß das Schiff ungewöhnlich langsam durch das Wasser strich, es wurden zwei Matrosen auf die spitzen Masten des Goliath gesandt, um fortwährend die See zu überspähen, und mehrere male stieg der Kapitain selbst in den Mastkorb hinauf. Gegen Mittag zog ein immer dichter werdender Nebel von Norden her über das Meer und hüllte bald das Schiff so sehr ein, daß man kaum mehr vom einen Ende desselben bis zum andern sehen konnte. Dabei nahm die Kälte immer noch zu und, wie es schien, in gleichem Maße die Besorgniß des Kapitains. Turner fragte ihn um die Ursache dieses Nebels, worauf Bosse ihm ausweichend erwiederte, daß das Schiff sich auf der Bank von Neufoundland befinde, wo solche Nebel sehr häufig einträten. Der Mittag verstrich ohne die mindeste Aenderung in der Luft, nur auf dem Schiffe wurde die Vorsicht verdoppelt, und sehr oft sahen die Passagiere, daß der Kapitain ein Thermometer in die See hinab ließ und dasselbe beim Herausheben aufmerksam betrachtete. Die Dämmerung nahm rasch zu, als Daniel zum Abendessen rief. Die Passagiere ließen sich stets durch den Kapitain zu den Mahlzeiten geleiten, diesmal aber bat derselbe nur vorauszugehen, er würde nachfolgen. Erst nachdem Turners ihr Abendessen bereits beendigt hatten, erschien Bosse und zwar in großer Eile, um sich bald wieder auf das Verdeck zu begeben. Turner wandte sich abermals an ihn, um die Ursache seiner augenscheinlichen Besorgniß zu erfahren, doch wich er wieder wie früher einer erklärenden Antwort aus. Daniel hatte dem Kapitain Thee eingeschenkt, und derselbe hob die Tasse an seinen Mund, als ein furchtbarer Stoß und ein Krach das Schiff erschütterte, wie wenn es in Trümmer zerschlagen sei.
»Eis, Eis, Gott sei uns gnädig!« schrie der Kapitain und stürzte mit den Passagieren, den Stühlen und Allem, was auf dem Tische stand, bis an die hintere Wand der Kajüte; denn deren Eingang hatte sich so sehr empor gehoben, daß es kaum möglich war, ihn zu erklimmen. Das Zetergeschrei, womit sich Madame Turner und die Kinder umklammerten, wurde von den Angstrufen, die auf dem Verdeck erschallten, übertönt, und donnernd und krachend hörte man Fässer, Kisten und Ballen über das Schiff poltern.
Kapitain Bosse war der Erste, dem es gelang, die Kajüte zu verlassen, und mit größter Anstrengung und durch die Hülfe des herbeieilenden Daniel erreichten denn auch Turners das Verdeck.
Ein schrecklicher, entsetzlicher Anblick bot sich hier ihren Augen dar. Das Schiff stand, wie ein sich bäumendes Roß, mit der Spitze hoch gegen den Himmel erhoben, und etwas seitwärts vor ihm blickte man gegen die glänzende Riesengestalt eines vierzig Fuß hohen ungeheuren Eisberges. Unbeweglich, wie festgemauert stand der Goliath, sein Vordertheil aus dem Wasser erhoben, auf dem Eise, während sein Ende bis an die Kajütenfenster von der See bespült wurde. So trieb er langsam mit der kolossalen Eismasse auf den Wogen hin.
Die Verwirrung, die Bestürzung, die Verzweiflung unter der Mannschaft und den Passagieren war grenzenlos, Alle rannten, so weit es das abschüssige Verdeck zuließ, wild durcheinander hin, man schrie, weinte, betete, und glaubte jeden Augenblick, der Goliath würde in Stücken auseinander brechen; er aber rührte sich nicht und hatte das Aussehen, als sei er es, der den Eisberg besiegt habe.
Turners lagen vor der vordern Wand der Kajüte zusammengekauert und hielten sich umklammert, als wollten sie sich selbst im Tode nicht trennen. Die erste Viertelstunde war die entsetzlichste, dann gab die Verzweiflung schon einem Hoffnungsgedanken Raum, und bald fing man an, die Lage zu prüfen und zu bereden. Der Kapitain war der Gefaßteste und Ruhigste auf dem Schiffe; er ließ die Luken öffnen und stieg selbst in die unteren Räume, um zu untersuchen, ob die Wände des Goliath Schaden gelitten hätten. Nirgend aber zeigte sich eine Spur von einer Beschädigung. Mit hoffender Zuversicht trat er tröstend zu Turners und versicherte ihnen, er hege die feste Ueberzeugung, daß das Fahrzeug ohne Gefahr von dem Eise loskommen werde.
»Wir haben wenigstens auf drei Monate Lebensmittel an Bord,« sagte er »und in wenigen Tagen treiben wir in den Golfstrom hinein, in dessen warmem Wasser das Eis sehr schnell unter dem Schiffe schmelzen wird. Nur ein Sturm könnte uns jetzt gefährlich werden; in dieser Jahreszeit aber und in diesem Breitengrade haben wir solchen nicht zu befürchten.«
Unter Bangen und Zagen verstrich die Nacht, das leiseste Knarren in den Fugen des Fahrzeuges schreckte die Bewohner desselben auf und klang wie Todesruf in ihre Ohren. Dabei nahm die Kälte so zu, daß alle Mäntel und Decken nicht hinreichten, sich zu wärmen, und mit ängstlichem Sehnen wurde der Morgen erwartet. Bei Anbruch des Tages verstärkte sich der Wind, und da der Eisberg sich so gedreht hatte, daß das Schiff mit der Spitze dem Luftstrom entgegen stand, so ließ der Kapitain Segel aufziehen, in der Hoffnung, daß dieselben den Goliath von dem Eise zurückdrängen würden. Wohl füllten sie sich kräftig und beugten die Masten und Segelstangen zurück, aber das Fahrzeug rührte sich nicht. Da kam dem Kapitain der Gedanke, ob er nicht mit Hülfe der Anker das Schiff in Bewegung setzen könnte; der größte wurde in ein Boot hinabgelassen, die Kette desselben von der Spitze des Schiffes unter dessen Bauch hingezogen, und einige zwanzig Schritte hinter dem Ende des Fahrzeuges ward der schwere Anker in die See hinabgeworfen. Er sank tief im Wasser über den äußersten Rand des Eisberges, und nun ließ der Kapitain die mächtige Winde in Bewegung setzen, um die Ankerkette anzuziehen. Es fragte sich, ob der Anker beim Aufwinden den Eisrand unter dem Wasser erfaßte, dann war Hoffnung vorhanden, daß er das Schiff zu sich zurückziehen könne. Die Winde drehte sich geraume Zeit, plötzlich aber stand sie still, denn der Anker saß fest. Mit vereinten Kräften legten sich jetzt alle Matrosen gegen die Winde, es waren noch mehrere Segel aufgezogen, die Masten beugten sich und ächzten, die Ankerketten knarrten, das Schiff wankte, es neigte sich zur Seite, noch einen Ruck – und rauschend glitt es in die See zurück. Ein jauchzendes, jubelndes »Gott sei gelobt!« schallte von allen Seiten über das Verdeck, denn der Goliath schaukelte sich wieder leicht auf den Wogen, und der Eisberg zog an ihm vorüber. Der Anker wurde nun aufgezogen, das Schiff vor den Wind gebracht, und bald steuerte es abermals ruhig seinem Ziele zu. Von jetzt an sollten die Reisenden am Bord des Goliath das Meer nur noch in seiner freundlichsten Laune sehen; die Wogen trugen sie spielend dahin, die Sonne, von ihrem Auftauchen aus dem Ocean bis zu ihrem Hinabsinken verbarg sich nicht mehr vor ihren Blicken, und nach Verlauf von einigen Wochen färbte sich die See plötzlich grün, das sichere Zeichen, daß das Land nicht mehr fern sei. Mit lauten Freudenrufen wurde bald darauf die Küste Amerika's begrüßt, und mit frisch gefüllten Segeln zog der Goliath stolz in die Chesapeake-Bay ein.
Wie strahlten die Blicke der Familie Turner nach den Ufern dieses wunderbar schönen Gewässers hinüber, wie hingen sie freudig an jedem Farmhause, an jeder Hütte, die friedlich und anmuthig unter hohen Baummassen hervorsah; – sollte doch auf diesem Ufer auch ihre neue Heimath gegründet werden! – Noch eine Nacht mußten sie auf dem Goliath zubringen, morgen aber hofften sie die amerikanische Erde zu betreten. Nur wenige Stunden während dieser Nacht gaben sich die Passagiere der Ruhe hin, denn das Mondlicht beleuchtete die Küsten der sich immer mehr verengenden Bay mit Tageshelle, so daß die Blicke der Einwanderer immer noch von dort angezogen wurden, und die Hunderte von großen und kleinen Schiffen, welche mit ihren weißen aufgeblähten Segeln an ihnen vorüber schaukelten und nickten, fesselten sie bis spät in die Nacht hinein auf dem Verdeck. Kaum aber graute der Tag, als sie sämmtlich aus der Kajüte hervoreilten, um ihre Augen wieder an den schönen Ufern zu weiden und jeder Farm im Vorübersegeln Grüße zuzusenden; denn der Vetter Victor wohnte ja unmittelbar an der Bay und war ja schon lange im Besitze der Nachricht, daß sie mit dem Goliath reisen würden. Der Name des Schiffes war mit großen schwarzen Buchstaben an dessen Spitze geschrieben, so daß der Vetter mit Hülfe eines Fernglases denselben lesen konnte – vielleicht eilte er dann sofort nach Baltimore, um seine lieben erwarteten Verwandten bei ihrer Ankunft daselbst zu empfangen. Die Sonne neigte sich schon, als die Thürme und Kuppeln dieser Stadt aus der blauen Ferne hervortraten, und die Abenddämmerung strich über die Erde, als der Goliath die Landspitze erreichte, von welcher aus Baltimore sich bis auf die ferneren Höhen ausdehnt. Hier, an der Point, wie man diesen äußersten Theil der Stadt nannte, legten alle aus See kommenden großen Schiffe an, und bald war der Goliath an einem Werfte befestigt und aller seiner Segel beraubt.
Mit einem stummen, aus tiefstem Herzen kommenden Dankgebet zum Himmel traten Turner und seine Gattin mit den Kindern an das Land, um nun sogleich einen Brief an den Vetter Victor der Post zu übergeben, damit dieser, von ihrer glücklichen Ankunft benachrichtigt, sobald als möglich in ihre Arme eilen möchte. Daniel, der in der Stadt bekannt war, mußte sie begleiten, und Kapitain Bosse versprach mit dem Abendessen auf ihre Rückkehr zu warten, denn es war zu spät geworden, um noch nach einem Gasthause übersiedeln zu können. Daniel rieth Turner, einen Wagen zu nehmen, da man eine halbe Stunde gebrauche, um nach der eigentlichen Stadt zu gehen, und weil ihm und den Seinigen nach so lange entbehrter Bewegung der Weg sauer werden würde. Turner folgte dem Rathe des Negers weniger aus Besorgniß vor dem weiten Spaziergang, als weil er den Kapitain nicht zu lange mit dem Abendessen auf sich warten lassen wollte. An der nächsten Straßenecke, wo viele Miethwagen hielten, wurde ein solcher bestiegen, Daniel setzte sich zu dem schwarzen Kutscher auf den Bock, und im Galopp jagten die Pferde mit dem leichten Fuhrwerk dahin. Die hohen prächtigen Gebäude, die Kirchen mit ihren Kuppeln und Thürmen, die Monumente und die wogenden Menschenmassen auf den Trottoirs, Alles von dem hellen Licht des Mondes beschienen, machten einen überraschenden, einnehmenden Eindruck auf die Ankömmlinge, und der Gedanke, in der Nähe einer so schönen belebten Stadt zu wohnen, that ihnen wohl. Die Post wurde bald erreicht, der Brief abgegeben, und ohne Aufenthalt lenkte der Kutscher die Pferde nach der Point zurück. Frühzeitig am folgenden Morgen verließen die Passagiere nun das Schiff und dessen freundlichen Führer, und bezogen ein Gasthaus zweiten Ranges ganz in der Nähe des Werftes, wo der Goliath lag. Kapitain Bosse, der mit dem Wirth des Hauses schon seit Jahren bekannt war, führte Turners bei ihm ein, und schnell hatten sie sich dort wöhnlich eingerichtet.
Turner stattete nun dem Kaufmann, auf welchen seine Wechsel ausgestellt waren, einen Besuch ab, um das Geld dafür in Empfang zu nehmen. Man gab ihm für den Betrag Anweisungen auf zwei verschiedene Banken, welche er in denselben vorzeigte und wogegen ihm die Summen zur Verfügung gestellt wurden. Turner empfing von der einen Bank den ganzen Betrag der Anweisung mit viertausend Dollar in Gold, in der anderen Bank aber ließ er das Geld, welches nicht ganz drei tausend Dollar betrug, stehen, um nicht sein ganzes Vermögen einem etwaigen Diebstahl auszusetzen.
»Es ist besser« sagte er zu seiner Gattin, »wenn wir nur einen Theil unseres Geldes bei uns im Hause haben; in der Bank kann es uns nicht gestohlen werden.«
Der dritte und vierte Tag verstrich, ohne daß der Vetter Victor selbst, oder nur eine Antwort von ihm erschienen wäre; denn Turner ging Morgens und Abends nach der Post und erkundigte sich nach Briefen. Dies Schweigen war ihm und den Seinigen recht unangenehm, wenn es auch in keiner Weise Besorgniß erregte, denn die unregelmäßige schlechte Postverbindung im Lande seitwärts von den großen Straßen machte es erklärlich. Als aber auch der fünfte Tag verfloß, ohne daß ein Lebenszeichen von dem Vetter eingetroffen war, entschloß sich Turner, selbst zu ihm hinzureisen und ihn zu überraschen.
Der Wirth des Gasthauses, dem Turner den Wohnort seines Vetters bezeichnete, rieth ihm, einen Wagen zu miethen und sich hinfahren zu lassen, wenn die Reise auch zu Schiff in kürzerer Zeit gemacht werden könne. In einem Segelboot sei er mehr von Wind und Wetter abhängig und habe weniger Bequemlichkeit, während die Kosten ziemlich gleich wären. Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch trat Turner die Reise an und nahm Carl Scharnhorst mit sich, um nicht ganz allein zu fahren und weil er selbst weniger gut englisch sprach, als der Knabe, der sich viel bei Daniel darin geübt hatte. Es war ein herrlicher heiterer Morgen, die Sonne verscheuchte bald den Nebel, der sich von der Bay aus weit über das Land gelegt hatte, und freudigen, muthigen, thatkräftigen Herzens begrüßte Turner die waldige Höhe, über welche die rohe Straße führte. Bunte, in goldigem Sonnenschein glänzende Vögel schwirrten durch den frischen grünen Wald, oder sangen ihr Morgenlied auf den himmelhohen Bäumen, graue und schwarze Eichkätzchen huschten über den Weg und jagten sich spielend an den Baumstämmen hinauf, und zu Carls großer Freude schwang sich ein mächtiger weißköpfiger Adler in nicht großer Entfernung von dem vorüberfahrenden Wagen auf eine Eiche. Carl rief dem Kutscher zu, anzuhalten, sprang mit seiner Büchse in der Hand aus dem Wagen, und eilte der Höhe zu, auf welcher die Eiche stand. In diesem Augenblicke erhob über der nahen Bay, auf welche Carl von hier aus einen Blick hatte, ein Fischadler ein lautes Geschrei, schoß, die Flügel an sich drückend, pfeilschnell nach dem Wasserspiegel hinunter, verschwand einen Augenblick unter demselben, und stieg dann mit einem großen Fisch in den Krallen wieder aus der Fluth empor. Kaum aber hatte er sich mit seinem Fang erhoben, als der Adler von der Eiche herabschoß und mit Blitzesschnelle auf ihn Jagd machte. Der Fischadler stieg schreiend gerade gegen den Himmel auf, der weißköpfige aber folgte ihm mit gewaltigem Flügelschlage, bis plötzlich sein fliegender Gegner den Fisch fallen ließ und er denselben noch einholte und ergriff, ehe er das Wasser erreichte. Nun zog der mächtige Vogel mit seiner Beute nach der Eiche zurück, um sie dort zu verzehren. Carl hatte, hinter Baumstämmen verborgen, der Jagd zugesehen und sich nun vorsichtig bis auf Schußweite dem Räuber genähert, der schon emsig beschäftigt war, den Fisch zu verspeisen. Die Büchse knallte und der Adler, von der Kugel in die Brust getroffen, stürzte todt mit dem Fisch auf die Erde herab. Im Triumph trug Carl beide zum Wagen hin, und erzählte nun seinem Onkel in größter Freude den Hergang der Jagd.
»Das ist der Lauf der Welt, Carl; der Mächtigere unterdrückt und beraubt den Schwächern,« sagte Turner lächelnd zu dem Knaben.
»Aber Onkel, ich habe ja nur den Räuber bestraft,« entgegnete Carl halb verlegen.
»Das heißt, weil es Dir überhaupt Spaß machte, den Vogel zu erlegen,« antwortete Turner scherzend. »Du hast ihn übrigens gut getroffen, und Du schießest schon sehr sicher mit der Büchse.«
»Sie ist ja auch ein Geschenk von Dir, lieber guter Onkel, da muß ich ihr doch Ehre machen,« entgegnete Carl, indem er Turners Hand ergriff und sie zärtlich drückte.
Der Weg bot während des ganzen Tages die reizendste Abwechselung: bald führte er durch weite üppige Grasflächen, auf denen prächtiges Vieh in großen Heerden weidete, bald zog er sich durch reiche Mais- und Tabacksfelder und an lieblichen Pflanzerwohnungen vorüber, bald wurde er von hohem Urwald überschattet, der sich wie ein Laubgewölbe über ihm schloß und nur hier und dort einzelnen Sonnenstrahlen gestattete, den mit riesigen Kräutern bedeckten Boden zu erreichen, und bald wieder streckte er sich über kahle Höhen, von wo man auf die grüne Fluth der Bay hinabschaute, auf welcher sich unzählige große und kleine Schiffe unter ihren weißen Segeln wiegten. Je näher Turner dem Ziele seiner Reise kam, um so stärker wurde das Verlangen nach dem Augenblick, wo er dem Vetter in die Arme eilen würde, und wieder und wieder fragte er den Kutscher, wie lange er noch zu fahren habe. Endlich, als die Sonne sich schon neigte, deutete der Fuhrmann nach einem seitwärts von der Straße an dem Ufer der Bay gelegenen Gehöft, und bezeichnete dasselbe als die ersehnte Farm. Kaum eine Viertelstunde war nöthig, dieselbe zu erreichen, und mit hochschlagendem Herzen sprang Turner aus dem Wagen und eilte durch den kleinen verwahrlosten Garten dem Hause zu. Seine Blicke schweiften nach allen Richtungen vor sich, um den Vetter zu erspähen, als ein Mann in Hemdsärmeln aus der Hausthür unter die Veranda trat und die Ankommenden verwundert betrachtete. Turner näherte sich ihm, begrüßte ihn freundlich, und fragte ihn in gebrochenem Englisch, ob Herr Victor Turner hier wohne, und ob er zu Hause sei.
»Herr Victor Turner ist todt, er ist vor zwei Monaten am Fieber gestorben; ich habe seiner Wittwe diese Farm abgekauft, und sie ist, so viel ich weiß, über New-York nach Deutschland zurückgekehrt,« antwortete der Fremde mit gleichgültigem Tone, und setzte dann noch hinzu: »Wollen Sie nicht näher treten, Herr?«
Turner stand, wie vom Blitz getroffen, und starrte den Fremden an, als forsche er, ob er wohl recht gehört habe.
»Mein Vetter todt?« rief er dann plötzlich, die Hände zusammenschlagend, aus, »es ist wohl nicht möglich!«
»Aber wahr, er ist todt und begraben, dort unter jenem Ahorn liegt er, wohin er vor seinem Ende noch bestimmte, beerdigt zu werden,« erwiederte der Fremde, nahm die Schöpfkelle aus dem Eimer mit Trinkwasser neben der Thür, und reichte sie Turner mit den Worten hin: »Wollen Sie nicht einen frischen Trunk zu sich nehmen, Herr?«
Turner, ohne Antwort zu geben, sank von Schreck und Schmerz überwältigt, auf eine Bank nieder, bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen, während sich Carl weinend an ihn schmiegte und den Arm um seinen Nacken schlang. Nach einigen Minuten jedoch sammelte sich Turner wieder, und fragte den jetzigen Herrn der Farm, ob ein Wirthshaus in der Nähe sei, wo er die Nacht zubringen könne.
»Trinkhäuser giebt es viele an der Straße, aber keine Wirthshäuser; das nächste ist zehn Meilen von hier entfernt. Wollen Sie jedoch bei mir bleiben, so sind Sie willkommen. Sie müssen vorlieb nehmen, ich habe noch keine Frau,« sagte der Farmer, und rief dann dem Kutscher zu, er solle die Pferde ausspannen und nach dem Stalle bringen.
Turner nahm nothgedrungen das Anerbieten an, verbrachte aber eine schreckliche Nacht unter dem Dache, unter welchem er Rath, Hülfe und Liebe für sich und die Seinigen zu finden gehofft hatte. Jetzt stand er allein, verlassen und ohne alle Freunde auf dieser fremden Erde; wo und wie sollte er nun eine Heimath suchen und finden? Trostlos trat er am folgenden Morgen seine Rückreise nach Baltimore an, und näherte sich bei Sonnenuntergang der Stadt mit einer tiefen Wehmuth im Herzen, denn er sollte nun auch den Seinigen die glückliche sorgenlose Ruhe nehmen und ihnen die Schreckenskunde überbringen.
»Großer Gott, Max, allein?« sagte Madame Turner zu ihm, als er aus dem Wagen stieg und sie den Ernst auf seinen Zügen las.
Turner schlang liebevoll seinen Arm um die Gattin und führte sie schweigend nach ihrem Zimmer. Dort theilte er ihr nun die schwere Trauerbotschaft mit, unter der auch sie im ersten Augenblick erlag. Sie wurde bleich, sie bebte und warf sich weinend an ihres Gatten Brust, doch bald ermannte sie sich wieder in dem Gedanken an den Allmächtigen, der ihnen immer so gnädig in der Noth beigestanden und sie noch kürzlich auf der See vom nahen Untergange gerettet hatte. Beide sprachen einander Trost ein, Beide sahen unbedingt und unerschütterlich nur ihr Bestes in Allem, was Gott über sie verfüge, und sie beschlossen, vorsichtig, aber ohne Zagen den Weg zu verfolgen, den sie für das Wohl der Kinder eingeschlagen hatten. Turner wollte sich nicht im Ankauf einer Farm übereilen, er wollte sich mit Ruhe nach einer solchen umsehen, und namentlich bei der Wahl derselben darauf bedacht sein, daß sie in einer gesunden Gegend läge. Sein Hauswirth sprach ihm auch Muth ein, derselbe war fast mit allen Farmern, die unweit der Bay wohnten, bekannt, da dieselben gewöhnlich zu Schiff ihre Producte nach der Stadt führten und dann bei ihm abstiegen. Turner besaß noch ungefähr sieben tausend Dollar baares Geld, und der Wirth hatte ihm schon von vielen hübschen, sehr einträglichen Farmen erzählt, die mit allem Zubehör für weniger angekauft waren. Bis zum Herbst hatte er ja Zeit, sich umzusehen, und da er sehr billig wohnte, so machte ihm der verzögerte Aufenthalt im Gasthause auch keine Sorgen. Schon nach wenigen Tagen stiegen mehrere Farmer aus dem Lande in dem Gasthause ab; der Wirth machte Turner mit ihnen bekannt, und sie luden ihn freundlich ein, mit ihnen nach Hause zu segeln, da sie ihm in ihrer Gegend verschiedene Pflanzungen zeigen könnten, die käuflich wären. Turner nahm den Vorschlag an, blieb über eine Woche von der Stadt entfernt, und kehrte sehr befriedigt zurück, wenn er sich auch noch nicht zum Kauf entschlossen, sondern vorher noch andere Ländereien in Augenschein nehmen wollte. Er machte dann mehrere kleine Reisen zu gleichem Zweck landeinwärts, weil ihm gesagt wurde, daß dort weniger Fieber herrschten, als an den Ufern der Bay, und seine Zufriedenheit mit dem Lande wuchs von Tag zu Tag. Kapitain Bosse, der mit Einnehmen einer neuen Ladung nach Europa beschäftigt war, suchte Turners häufig in den Abendstunden auf, und freute sich stets, wenn er hörte, daß es ihnen in ihrer neuen Heimath gefalle.
Eines Morgens saß Turner mit dem Wirthe auf der Bank vor der Thür des Gasthauses und unterhielt sich mit ihm über die Vorzüge und Nachtheile einer Farm, die ihm ganz in der Nähe der Stadt angeboten war. Wohl über eine Stunde hatten sie hier geplaudert und kaum bemerkt, daß die Straße mehr, als gewöhnlich, von Fußgängern belebt war, die dem obern Theile der Stadt zueilten. Jetzt aber kam ein Trupp junger Männer bei ihnen vorüber, von denen einer dem Wirth zurief, daß eine Bank ihre Zahlungen eingestellt habe und mit Ungestüm von dem Volke bedrängt werde. Turner, der es nicht deutlich verstanden hatte, ließ sich die Aussage durch den Wirth erklären, und hörte nun zu seinem furchtbaren Entsetzen, daß es gerade die Bank sei, in welcher er sein Geld stehen habe. Mit bebenden Lippen theilte er dies nun dem Wirthe mit, und beschwor ihn, sich seiner anzunehmen und ihm behülflich zu sein, um sein Eigenthum zu retten. Der Wirth war sogleich bereit ihn zu begleiten; sie bestiegen ohne Aufenthalt einen Wagen und eilten der Stadt zu. Je weiter sie fuhren, um so belebter fanden sie die Straßen, und bald wurde das Gedränge so groß, daß der Wagen nicht mehr weiter fahren konnte. Turner und der Wirth stiegen aus, und erreichten bald darauf das geschlossene Bankgebäude, vor welchem sich Tausende von Menschen versammelt hatten.
»An wen kann ich mich denn wohl wenden, um wenigstens einen Theil meines baar eingelegten Geldes wieder zu bekommen?« fragte Turner in seinem Schrecken den Wirth.
»Ja, bester Herr, es thut mir leid, es Ihnen sagen zu müssen, aber ich würde Ihnen keinen Dollar für Ihre ganze Forderung geben. Wie ich höre, so hat die Bank ungeheure Summen in Papiergeld ausgegeben, der Präsident derselben und der Cassirer sind mit der Baarschaft durchgegangen, und es wird Niemand einen Cent herausbekommen. Fügen Sie sich in Ihr Schicksal, es ist Nichts daran zu ändern. Hätten Sie mich um meinen Rath gefragt, ich würde Sie davor gewarnt haben, das Geld in dieser Bank stehen zu lassen.«
Mit diesen Trostworten ergriff der Wirth den Arm Turners und zog ihn mit sich fort aus dem Gedränge, um ihn von dem Orte zu entfernen, der ihm beinahe die Hälfte seines Vermögens kostete.