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Februar 1897.
Oktober 1897.
Der Verfasser vor und nach seiner Reise.
HENRY S. LANDOR
Auf verbotenen
Wegen
Reisen und Abenteuer in Tibet
Mit
69 Abbildungen, 5 Chromotafeln
und einer Karte
*
Zehnte Auflage
Leipzig / F. A. Brockhaus / 1923
Einband- und Vorsatzentwurf von Georg Baus, Leipzig.
Vorwort.
In diesem Buche habe ich den Bericht über eine Reise nach Tibet niedergelegt, die von mir während des Frühjahrs, Sommers und Herbstes 1897 ausgeführt worden ist. Der Bericht ist teils nach Photographien, teils nach Skizzen, die ich an Ort und Stelle aufgenommen habe, illustriert. Nur die Folterungsszenen hatte ich aus dem Gedächtnis zu zeichnen; man wird mir aber zugeben, daß diese Eindrücke in mir lebendig genug bleiben konnten!
Die Karte ist nach meinen Aufnahmen entworfen, die sich im eigentlichen Tibet auf ein Gebiet von über 22000 Quadratkilometer erstrecken. Die Höhen von indischen Gipfeln wie Nanda Dewi und Trisul sind der trigonometrischen Landesvermessung entnommen, ebenso die astronomisch festgelegten Anfangs- und Endpunkte meiner Aufnahme an den Stellen, wo ich Tibet betrat und verließ.
In der Schreibweise geographischer Namen folgte ich dem System der Royal Geographical Society, die Laute genau so wiederzugeben, wie sie an Ort und Stelle gesprochen werden.
In aller Bescheidenheit bezeichne ich als geographische Ergebnisse meiner Reise:
Die Entscheidung der noch offenen Frage, ob der Mansarowar-See und der Rakastal wirklich voneinander getrennt sind.
Die Ersteigung einer Höhe von 6700 Meter und die photographische Aufnahme einiger großer Himalajagletscher.
Den Besuch und die Festlegung der zwei Hauptquellen des Brahmaputra, die vor mir von keinem Europäer erreicht worden sind.
Endlich die Tatsache, daß ich mit nur zwei Mann Begleitung in dem bevölkertsten Teil von Tibet reisen konnte.
Im Anschluß an Obiges freue ich mich mitteilen zu können, daß infolge meiner durch die »Daily Mail« weitverbreiteten Berichte über die auf britischem Boden sich abspielenden Schändlichkeiten der Tibeter die indische Regierung in diesem Jahre den tibetischen Behörden zu verstehen gegeben hat, daß es ihnen in Zukunft nicht mehr gestattet sein wird, Grundsteuer von britischen Untertanen zu erheben. Dies ist mir eine besondere Genugtuung wegen der außerordentlichen Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit, die mir die bergbewohnenden Schokas erwiesen haben.
September 1898.
H. S. L.
Inhalt.
| Seite | |
| Vorwort | [3] |
| Erstes Kapitel. Zum Himalaja | [9] |
| Zweites Kapitel. Unter den Waldmenschen | [19] |
| Drittes Kapitel. Berggeister | [29] |
| Viertes Kapitel. Die ersten Schokas | [35] |
| Fünftes Kapitel. Eine Teevisite | [42] |
| Sechstes Kapitel. Übergriffe der Tibeter | [50] |
| Siebentes Kapitel. Als Gast unter den Schokas | [58] |
| Achtes Kapitel. Der erste tibetische Spion | [66] |
| Neuntes Kapitel. Aus dem Leben der Schokas | [72] |
| Zehntes Kapitel. Abschied von Indien | [79] |
| Elftes Kapitel. Zum Dach der Welt | [88] |
| Zwölftes Kapitel. Im Schnee begraben | [98] |
| Dreizehntes Kapitel. Der Einmarsch in Tibet | [106] |
| Vierzehntes Kapitel. Die Grenzwachen | [112] |
| Fünfzehntes Kapitel. Der Tarjum von Barka | [121] |
| Sechzehntes Kapitel. Ein rascher Entschluß | [127] |
| Siebzehntes Kapitel. Die Flucht aus dem Teufelslager | [135] |
| Achtzehntes Kapitel. Das Schreckenslager | [143] |
| Neunzehntes Kapitel. Ein Mordanschlag | [151] |
| Zwanzigstes Kapitel. Der Teufelssee und der Heilige See | [160] |
| Einundzwanzigstes Kapitel. Unter den Räubern | [166] |
| Zweiundzwanzigstes Kapitel. Am Mansarowar | [174] |
| Dreiundzwanzigstes Kapitel. In der Lamaserei | [180] |
| Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Lamas | [189] |
| Fünfundzwanzigstes Kapitel. Tibetische Heilkunst | [196] |
| Sechsundzwanzigstes Kapitel. Räuber | [206] |
| Siebenundzwanzigstes Kapitel. Die letzten Getreuen | [216] |
| Achtundzwanzigstes Kapitel. Ungebetene Gäste | [225] |
| Neunundzwanzigstes Kapitel. Auf dem Boden Gottes | [233] |
| Dreißigstes Kapitel. Ein gefährlicher Flußübergang | [239] |
| Einunddreißigstes Kapitel. Im Zeltlager | [244] |
| Zweiunddreißigstes Kapitel. Heirat und Tod | [251] |
| Dreiunddreißigstes Kapitel. Das Moskitolager | [258] |
| Vierunddreißigstes Kapitel. Ein harter Schlag | [266] |
| Fünfunddreißigstes Kapitel. Gefangen | [273] |
| Sechsunddreißigstes Kapitel. Das Verhör | [279] |
| Siebenunddreißigstes Kapitel. Hoffnungslos | [287] |
| Achtunddreißigstes Kapitel. Ein qualvoller Ritt | [295] |
| Neununddreißigstes Kapitel. Die Folterung | [301] |
| Vierzigstes Kapitel. Ein Fluchtversuch | [307] |
| Einundvierzigstes Kapitel. Der Tanz des Pombo | [315] |
| Zweiundvierzigstes Kapitel. Plötzliche Wendung meines Schicksals | [320] |
| Dreiundvierzigstes Kapitel. Wieder bei den Freunden | [327] |
| Vierundvierzigstes Kapitel. In die Heimat | [336] |
| Register | [342] |
Abbildungen.
Textbilder.
| Seite | |
| Mein chinesischer Paß | [11] |
| Mein treuer Begleiter Tschanden Sing | [15] |
| Der Lehrer von Pungo | [39] |
| Tötung des geopferten Jaks | [77] |
| Junger Tibeter | [213] |
| Jak mit Instrumentenkisten | [219] |
| Tibetische Flinte mit Gabelstütze | [231] |
| Tibetischer Hund | [241] |
| Tibetisches Zelt | [245] |
| Tibeterin mit Tschukti | [249] |
| Tibetisches Lastschaf | [261] |
| Alte Tibeterin | [263] |
| Eine gründliche Labung | [269] |
| Gefangen! | [275] |
| Der Pombo | [283] |
| Meine Handschellen | [293] |
| Sattel mit Stacheln | [297] |
| Tibetischer Bannerträger | [299] |
| Ein Reiter aus meiner Wache | [323] |
Einschaltbilder.
| Seite | |
| Der Verfasser vor und nach seiner Reise | [Titelbild] |
| Unter den Waldmenschen | [16] |
| Tschai-Lek-Paß | [17] |
| Der Nerpanipfad | [17] |
| Schokahäuser | [32] |
| Auf dem Weg zum Rambang | [32] |
| Gefährliche Rutschpartie | [33] |
| Schneebrücke über den Kutifluß | [48] |
| Die gefährlichste Stelle am Kali | [49] |
| Die Tschongurbrücke vor der Zerstörung | [64] |
| Die Photographie, die den Tod des Kindes verursachte | [64] |
| Der Verfasser und seine zwei treuen Gefährten | [65] |
| Man Sing, der Aussätzige | [80] |
| Wilde Esel | [80] |
| Aufstieg zum Lumpiyapaß | [81] |
| Verdächtige Fußtapfen! | [96] |
| Begrüßung des heiligen Berges Kelas | [97] |
| Verhandlung mit dem Tarjum von Barka | [112] |
| Im Schreckenslager | [113] |
| Plötzliche Unterwürfigkeit der Banditen | [128] |
| Teufelssee mit Kelas (im Hintergrund der Mansarowar) | [129] |
| Meine zwei schwarzen Jake | [144] |
| Lamakloster in Tucker | [145] |
| Tibetische Wahrsagerin. Chromotafel nach Aquarell von H. S. Landor | [169] |
| Räuber | [176] |
| Eingang in den Lamatempel von Tucker | [176] |
| Unser Lager im Schutze einer Felswand mit der Inschrift: »Om mani padme hum« | [177] |
| In strömendem Regen | [192] |
| »Ich bin nur ein Abgesandter« | [193] |
| Zeltaltar | [193] |
| Der Gunkyosee | [208] |
| Im Innern eines tibetischen Zeltes | [209] |
| Tibetische Weiber und Kinder | [224] |
| Frau aus Lhasa | [225] |
| Flatternde Gebete auf dem Maium-Paß. Chromotafel nach Aquarell von H. S. Landor | [232] |
| »Ich gebe dir dies, damit du zurückgehst« | [240] |
| Tibetisches Wachthaus | [240] |
| Der verhängnisvolle Pferdekauf | [241] |
| Wir werden zum Verhör geschleppt | [256] |
| Tschanden Sing wird von den Lamas gepeitscht | [257] |
| Nerbas Mordanschlag | [272] |
| Die Lamas mit den Folterwerkzeugen | [272] |
| Quälerischer Sport meiner Wache | [273] |
| Grausames Spiel | [288] |
| In der Streckfolter | [288] |
| Der tanzende Pombo | [289] |
| Finale des Tanzes | [289] |
| Die Folter mit dem glühenden Eisen. Chromotafel nach Aquarell von H. S. Landor | [297] |
| Bettelmusikanten | [304] |
| Unser plötzlicher Angriff auf die tibetische Wache | [305] |
| Höhlendorf Dagmar | [320] |
| Soldat, ein Schaf durch Ersticken tötend | [321] |
| Der Unglücksprophet | [321] |
| Die Festung Taklakot. Chromotafel nach Aquarell von H. S. Landor | [329] |
| Der Tarjum von Toktschim. Chromotafel nach Aquarell von H. S. Landor | [336] |
Karte.
[Südwestliches Tibet] nach eigenen Aufnahmen von H. S. Landor, 1897, Maßstab 1 : 1 000 000. Mit einer Nebenkarte: Übersichtskarte zu H. S. Landors Reise. Maßstab 1 : 12 500 000.
Erstes Kapitel.
Zum Himalaja.
Als ich London verließ, beabsichtigte ich, über Deutschland nach Rußland zu gehen, das russische Turkestan, Buchara und das chinesische Turkestan zu durchqueren und von dort aus Tibet zu betreten. Die russische Regierung hatte mir bereitwilligst die Erlaubnis gewährt, daß meine Feuerwaffen, Munition, Vorräte, photographischen Apparate, Vermessungs- und andern wissenschaftlichen Instrumente zollfrei durch ihr Gebiet befördert würden, sie hatte mich überdies benachrichtigen lassen, daß mir gestattet sein solle, die Militäreisenbahn durch Turkestan bis zu ihrer Endstation Samarkand zu benutzen. Die Benutzung jener Route würde mir wahrscheinlich viel von den Leiden und Enttäuschungen erspart haben, die ich auf dem Wege durch Indien zu erdulden hatte.
Ich war mit Empfehlungsbriefen und Beglaubigungsschreiben seitens des Marquis of Salisbury, der Naturhistorischen Abteilung des Britischen Museums usw. versehen, führte wissenschaftliche Instrumente der Royal Geographical Society mit mir und war im Besitze eines englischen und zweier chinesischen Pässe.
Nachdem ich alle meine Explosivstoffe auf einem Munitionsschiffe nach Rußland abgesandt hatte (die deutschen Eisenbahnen weigerten sich entschieden, Patronen zu befördern), erfuhr ich wenige Tage vor meiner Abreise von London zu meinem größten Schrecken, daß der Dampfer gerade vor dem Einlaufen in seinen Bestimmungshafen Schiffbruch erlitten habe und daß man ernstliche Zweifel hege, ob es überhaupt möglich sein werde, auch nur einen Teil der Ladung zu retten. Gerade in jenen Tagen erfolgte der Ausbruch des Griechisch-Türkischen Krieges, und die Zeitungen berichteten, daß die Russen ihre Truppen längs der afghanischen Grenze mobilisierten.
Trotzdem wollte ich meine Reise nicht aufschieben. Obgleich ich alle meine Vorkehrungen für den Weg durch Rußland getroffen und beendet hatte, entschloß ich mich, diesen Plan aufzugeben und zunächst nach Indien zu gehen, um von dort über den Himalaja nach Tibet vorzudringen. So schiffte ich mich denn am 19. März 1897 auf dem Dampfer »Peninsular« ein und langte drei Wochen später in Bombay an.
Es war das erstemal, daß ich nach Indien kam, und mein erster Eindruck war gerade kein vorteilhafter. Die Hitze war furchtbar; überall machten sich Anzeichen der Pest bemerkbar. Die Straßen waren verödet und die Hotels schlecht und schmutzig infolge des Mangels an Dienstboten, die die Stadt aus Furcht vor der Seuche verlassen hatten.
In Begleitung eines befreundeten Parsen begab ich mich in mehrere der von dieser Geißel am meisten heimgesuchten Stadtteile: aber überall, wohin ich auch kam, war außer einem starken Geruche nach Desinfektionsmitteln wenig von der Pest zu bemerken. Freilich gab es nur wenige Häuser, die nicht mit zehn, zwanzig und noch mehr roten Kreisen zur Angabe der Anzahl der Todesfälle bezeichnet waren; an einer Tür, die ich photographierte, zählte ich sogar nicht weniger als 49 solcher Zeichen. Ich war aber nicht imstande, persönlich über die Natur der Seuche mit irgendwelcher Sicherheit zu urteilen, außer daß ich in den Hospitälern einige bösartige Fälle von Beulenpest sah.
Gleich am Tage nach meiner Ankunft in Bombay fuhr ich mit der Eisenbahn weiter nach Bareli, das ich in drei Tagen erreichte; von dort brachte mich noch eine Nachtfahrt nach Kathgodam, dem Endpunkte der Bahnlinie.
Teils im Tonga, einem zweiräderigen, von zwei Pferden gezogenen Wagen, teils zu Pferd, gelangte ich nach Naini-Tal, einer Station in den Vorbergen des Himalaja, dem Sommersitze der Regierung der Nordwestprovinzen und von Oudh.
Von hier aus schrieb ich an den Stellvertreter des Gouverneurs und benachrichtigte ihn von meiner Absicht, nach Tibet vorzudringen. Ich machte auch dem dortigen Regierungsbevollmächtigten meine Aufwartung und teilte ihm meine Pläne ausführlich mit. Es ist bemerkenswert, daß keiner der beiden Herren gegen die von mir geplante Reise in das »heilige Land der Lamas«, der buddhistischen Priester Tibets, auch nur den geringsten Einwand erhob.
Ich wußte, daß von Naini-Tal aus, das 1953 Meter über dem Meer liegt, mein ganzes Gepäck von Kulis transportiert und deshalb in gleichmäßige Lasten verteilt werden müsse, von denen keine das Gewicht von 25 Seer (etwa 23 Kilogramm) übersteigen dürfe. Instrumente, photographische Platten und alle andern leicht zu beschädigenden Gegenstände verpackte ich in Kisten eigener Erfindung, die ich speziell für einen Transport eingerichtet hatte, bei dem mit den Sachen nicht gerade schonend umgegangen wird.
Mein chinesischer Paß.
Solche Kisten aus gut ausgetrocknetem Holze, die sorgfältig zusammengefügt, mit Zink ausgeschlagen und mit einer eigens von mir zubereiteten Lösung imprägniert und dadurch wasser- und luftdicht gemacht waren, konnten zu den verschiedensten Zwecken verwendet werden.
Einzeln konnten sie als Sitz dienen; zu vieren in eine Reihe gestellt, gaben sie eine Bettstelle ab; drei waren als Stuhl und Tisch verwendbar, und vier, auf bestimmte Art verbunden, lieferten schnell ein Boot von solider und bequemer Konstruktion, mit dem man einen nicht zu durchwatenden Fluß passieren oder Lotungen im ruhigen Gewässer eines Sees vornehmen konnte.
Auch als Badewannen für mich und für meine Leute, wenn ich diese zu solchem Luxus würde überreden können, ließen sie sich verwenden, sowie ferner zum Entwickeln meiner photographischen Negative und zum Waschen der Platten.
Ich stellte mir sogar vor, daß sie mir im Notfall in wasserlosen Wüsten, wenn ich solche zu passieren haben würde, auch als Wasserfässer gute Dienste leisten würden. Vollgepackt bildete jede dieser Kisten genau eine Kulilast, und je zwei ließen sich bequem mit Riemen und Ringen auf beiden Seiten eines Packsattels befestigen.
Nur der Stärke und Dauerhaftigkeit dieser Kisten hatte ich es zu verdanken, daß trotz des vielen Rüttelns und Schüttelns, das sie aushalten mußten, meine Photographien und Zeichnungen sowie meine Karten und Instrumente in keiner Weise beschädigt wurden, – bis wir in die Hände der Tibeter fielen.
Mein Proviant war von der Bovril-Company nach meinen eigenen Angaben hergestellt worden, mit besonderer Rücksicht auf das strenge tibetische Klima und die beträchtlichen Höhen, in die wir gelangen würden. Die mitgeführten Nahrungsmittel enthielten daher einen bedeutenden Prozentsatz an Fett und Kohlenhydraten, waren leicht verdaulich und geeignet zur Erhaltung der Körperkräfte selbst in Augenblicken ungewöhnlicher Anstrengung. Ich hatte sie in Zinkkisten und Lederbeutel verpacken lassen.
In einer wasserdichten Kiste führte ich 1000 Patronen für mein Repetiergewehr System Mannlicher mit, außerdem 500 Patronen für meinen Revolver; dazu eine Anzahl von Jagdmessern, Werkzeuge zum Abbalgen von Tieren, Drahtfallen verschiedener Größe zum Fangen von kleinen Säugetieren, Schmetterlingsnetze, Flaschen zur Aufbewahrung von Reptilien in Alkohol, sowie andere zum Töten von Insekten mittels Zyankalium, einen Vorrat von Arsenikseife, Knochenzangen, Skalpelle und andere für den Sammler naturhistorischer Gegenstände notwendige Gerätschaften.
Zu meiner Ausrüstung gehörten überdies drei photographische Apparate mit 158 Dutzend Trockenplatten und dem ganzen Zubehör zum sofortigen Entwickeln, Fixieren usw. der Negative.
Das Material zum Sammeln war mir von der Naturhistorischen Abteilung des Britischen Museums geschenkt worden, der ich alle Tiere und Pflanzen, die ich auf meiner Reise sammeln würde, versprochen hatte zu übergeben.
Ich besaß zwei vollständige Ausrüstungen von Instrumenten für astronomische Beobachtungen und für topographische Aufnahmen, von denen die eine mir von der Royal Geographical Society geliefert worden war: unter anderm einen sechszölligen Sextanten, ein Instrument zur Höhenmessung mit Siedepunkt-Thermometern, die eigens für sehr große Höhen konstruiert waren; zwei Aneroidbarometer, eins für 6000 Meter, das andere für 7500 Meter; drei künstliche Horizonte (einer mit Quecksilber, die andern aus Spiegelglas mit Wasserwagen), ein starkes Fernrohr mit astronomischem Okular und Stativ, einen prismatischen, einen leuchtenden, einen schwimmenden und zwei Taschenkompasse; Maximum- und Minimumthermometer, einen Kasten mit Zeichengerät; Transporteure, Winkel und Bandmaße, ein silbernes wasserdichtes Halbchronometer und drei andere Uhren, Millimeterpapier in Büchern und großen Bogen, einen Raperschen sowie den Nautischen Almanach für 1897 und 1898.
Um auch den künstlerischen Zweck meiner Expedition nicht zu vernachlässigen, hatte ich mich reichlich mit Mal- und Zeichenutensilien versehen, und ich hoffe, die diesem Buche beigefügten Skizzen werden einen Beweis dafür liefern, daß ich diesen Vorrat nicht vergebens mitgenommen hatte.
Ich hatte mich mit einem sehr leichten Gebirgsschutzzelt von zirka 2 Meter Länge, 1,20 Meter Breite und 1 Meter Höhe versehen.
Da ich an Reisen dieser Art, wie ich sie vorhatte, schon gewöhnt war, beschloß ich, als Bettzeug für mich nur eine Kamelhaardecke mitzunehmen.
Auch meine Kleidung beschränkte ich auf ein Minimum und ich änderte auf der ganzen Reise nichts daran. Das einzige Stück, dessen Verlust ich beklagte, war mein Strohhut, den ich auf den Höhen des Himalaja ebensowohl trug wie früher in den glühenden Tiefebenen, weil er mir immer als die bequemste Kopfbedeckung erschien. Er wurde mir durch das Ungeschick eines meiner Leute verdorben, dem ich ihn gegeben hatte, um darin das Geschenk eines befreundeten Schoka, einige Schwaneneier, zu tragen. Er fiel mit ihm oder auf ihn, und die Beschädigung und Vernichtung des Transportmittels wie der Ladung war die Folge. Daraufhin ging ich gewöhnlich barhäuptig, da ich nur noch eine kleine unbequeme Mütze hatte. Ich trug mittelstarke Schuhe ohne Nägel und ging immer ohne Stock. Dieser großen Leichtigkeit meiner persönlichen Ausrüstung habe ich es, wie ich glaube, zu verdanken, daß ich imstande war, eine der größten Höhen zu ersteigen, die jemals von Menschen erreicht worden ist.
Für meine Ausrüstung mit Arzneimitteln gab ich nur 2 Mark 50 Pfennig aus, da ich überzeugt bin, daß ein Mensch, der unter natürlichen Bedingungen naturgemäß lebt und sich viel körperliche Bewegung macht, von Arzneien nur sehr wenig Nutzen haben kann.
***
So machte ich mich denn auf den Weg.
Am ersten Tag ritt ich von Naini-Tal nach Almora.
Almora (1680 Meter über dem Meer) ist die letzte Bergstation nach der Grenze zu, wo europäische oder vielmehr angloindische Gesellschaft zu finden ist. Ich machte es für einige Tage zu meinem Hauptquartier. Es war meine Absicht, einige zuverlässige Bergbewohner, vielleicht Gurkhas, als Begleiter zu mieten. Vergebens wandte ich mich zu diesem Zweck an den Kommandeur des 3. Gurkharegiments, das hier in Garnison liegt, legte in aller Form Briefe, Empfehlungsschreiben und Dokumente der höchsten Autoritäten und Institute Englands vor und erklärte ausführlich den wissenschaftlichen Zweck meiner Reise nach Tibet.
Die obersten Behörden schienen für Unterhandlungen zugänglich, wenn ich mehrere Monate warten wollte. Dies hätte aber ein Verzögern meiner Reise um ein ganzes Jahr zur Folge gehabt, da gegen Ende des Sommers die nach Tibet führenden Pässe ungangbar werden. So beschloß ich, den Marsch ohne die Gurkhas anzutreten.
Ein günstiger Zufall ließ mich in Almora mit einem Herrn J. Larkin zusammentreffen, der sich mir sehr gefällig erwies und mir viele nützliche Auskünfte gab über die Wege auf der britischen Seite der tibetischen Grenze, über die beste Art zu reisen usw. Er selbst war im vergangenen Jahre bis nahe an die Grenze gereist und wußte in diesem Teile von Kumaon besser Bescheid als irgendein anderer Angloinder der Provinz. In der Tat ist Mr. Larkin, mit Ausnahme des obersten Regierungsbeamten von Kumaon, Oberst Grigg, der einzige Beamte, der überhaupt einige Kenntnis des von der Regierung der Nordwestprovinzen jetzt so vernachlässigten nordöstlichen Teiles von Kumaon besitzt.
Mein treuer Begleiter Tschanden Sing.
Schwer lastete auf meinem Gemüt die Frage der Erlangung von mutigen, ehrlichen, elastischen und gesunden Trägern, die gegen guten Lohn und gelegentliche Geschenke bereit sein würden, sich den vielen Unbequemlichkeiten, Entbehrungen und Gefahren auszusetzen, die meine Reise im Gefolge haben würde. Sowohl in Naini-Tal als auch hier boten sich mir Dutzende von Trägern, und Schikaris (Jägern) an. Alle wiesen sie »Zeugnisse« auf über gutes Betragen, tadellose Ehrlichkeit, Gutmütigkeit, Arbeitswilligkeit, mit unbegrenztem Lob aller erdenklichen Tugenden, die ein guter Diener besitzen soll. Jedes Zeugnis war regelrecht geziert mit der Unterschrift eines Generals, eines Hauptmanns, eines Gouverneurs oder sonst einer angesehenen Persönlichkeit. Aber jeder Träger eines derartigen Attestes schien von denen, die er durch seine Dienste so begeistert und beglückt hatte, jämmerlich vernachlässigt worden zu sein, denn unfehlbar begann er mit der Bitte um ein Darlehn von einigen Rupien, um Stiefel und Decken kaufen und für den Unterhalt einer Frau mit oder ohne Familie, die er zurücklassen würde, sorgen zu können.
Ich entschied mich dahin, daß meine Mittel mir nicht erlaubten, »die teuern Hinterbliebenen« der zwei oder drei Dutzend Kulis, die ich brauchen würde, zu unterhalten, und fügte mich darein, abzuwarten, ob ich nicht Leute finden würde, die mir auf meinem Wege folgen würden, ohne mir die Verbindlichkeit aufzuhalsen, die ganze Bevölkerung, die ich zurückließ, zu ernähren. Nur eine Ausnahme machte ich.
Eines schönen Tages saß ich in meinem Zimmer im Dak Bungalow, dem Rasthause, als ein seltsames Geschöpf eintrat und mich begrüßend seine Dienste anbot.
»Wo sind deine Zeugnisse?« fragte ich.
»Sahib, hum ›certificates‹ ne hai! Herr, ich habe keine Zeugnisse.«
»Gut, dann will ich dich anstellen.«
Ich hatte mir den Burschen vorher gut angesehen. Seine Gesichtszüge zeigten viel mehr Charakter und Kraft, als ich in dem Gesicht irgendeines andern Ortsbewohners wahrgenommen hatte. Sein Anzug war eigentümlich. Er trug einen weißen Turban; unter einer kurzen Samtweste schaute ein grelles Flanellhemd mit gelben und schwarzen Streifen hervor, das er seltsamerweise über seinen Pyjamas, den weiten indischen Hosen, trug statt in ihnen. Schuhe hatte er nicht an, aber in der rechten Hand trug er einen alten Cricketpfahl, mit dem er, so oft ich das Zimmer verließ oder betrat, jedesmal präsentierte. Ich entschied mich sofort, es mit ihm zu versuchen.
Da es ungefähr 9 Uhr morgens war und ich noch viele Leute zu besuchen hatte, übergab ich Tschanden Sing – dies war sein Name – ein Paar Schuhe und etwas Wichse.
»Sorge dafür, daß ich sie rein finde, wenn ich wiederkomme!«
»Atscha, Sahib. Gut, Herr.«
»Bürsten findest du in meinem Zimmer.«
»Bahut atscha, Sahib. Sehr gut, Herr.«
Ich ging fort. Bei meiner Rückkehr um 6 Uhr abends fand ich Tschanden Sing noch immer beschäftigt, meine Fußbekleidung mit aller Macht zu wichsen. Er war den ganzen Tag dabei gewesen und hatte meine besten Haar- und Kleiderbürsten dazu benutzt!
Unter den Waldmenschen.
»O du budmasch! crab log, pagal! O du Tropf, du schlechter Kerl, du Narr!« rief ich entsetzt aus, und indem ich so mit den drei oder vier Worten Hindostanisch, die ich wußte, paradierte, riß ich ihm die geschwärzten Toilettegegenstände aus der Hand, während er mit tiefverletzten Gefühlen das von ihm erreichte wundervolle Resultat vorwies.
Tschai-Lek-Paß.
So viel war klar, Tschanden Sing war gerade kein Kammerdiener; ebensowenig war er Meister im Öffnen von Sodawasserflaschen. Er brachte es fertig, einem dabei eine Dusche zu applizieren, wenn er es nicht vorzog, mir den herausfliegenden Kork ins Gesicht zu schießen. Einem dieser Unfälle war es zuzuschreiben, daß Tschanden Sing, nachdem er mich einige Tage später mit dem Stöpsel getroffen hatte, zur Vordertür des Hauses hinausflog. Ich bin ein entschiedener Gegner der unüberlegten und ungerechten Bestrafung der Eingeborenen, aber ich glaube, daß eine zur rechten Zeit gehandhabte feste, nicht zu harte Bestrafung der eingeborenen Diener durchaus notwendig ist und meist viele spätere Unannehmlichkeiten und Ärger erspart. Nichtsdestoweniger kam Tschanden Sing am folgenden Tage zurück, um seinen Cricketpfahl abzuholen, den er bei seinem eiligen unfreiwilligen Abschied vergessen hatte. Er ergriff die Gelegenheit, die demütigsten Entschuldigungen seiner plumpen Ungeschicklichkeit vorzubringen, und produzierte folgenden Brief, den er sich von einem Babu (Dolmetscher) im Basar in englischer Sprache hatte schreiben lassen:
»Geehrter Herr!
Ich bin ein dummer Mensch, aber ich höre, daß Sie die Absicht haben, zwei Gurkhasoldaten mit nach Tibet zu nehmen. Ich bin ein guter und sehr ›starker‹ Mann und deshalb jedem Gurkha weit überlegen. Bitte, nehmen Sie mich!
Ihr getreuer Diener
Tschanden Sing.«
Der Nerpanipfad.
Das war rührend; und so verzieh ich ihm und erlaubte ihm zu bleiben. Mit der Zeit besserte er sich und wurde sogar allmählich ganz erträglich. Eines Morgens besuchte mich Mr. Larkin, als Tschanden Sing zufällig zugegen war.
»Wer ist das?« fragte Larkin.
»Mein Träger.«
»Aber das ist kein Träger. Er war einmal Polizist, und zwar ein durchtriebener. Er spürte in seinem Dorfe eine Sache aus und ließ viele Leute festnehmen, die dann des Diebstahls überführt wurden. Zum Dank dafür bekam er – seinen Abschied!«
»Ich denke, ich nehme ihn mit.«
»Es ist ein guter Bursche«, erwiderte Larkin. »Sie können ihn jedenfalls bis zur Grenze mitnehmen, aber ich rate Ihnen nicht, ihn mit nach Tibet zu nehmen.«
Larkin ermahnte Tschanden Sing, gut und aufmerksam zu sein. Der Expolizist strahlte vor Freude, als ich ihm definitiv sagte, daß er mich bis Bhot begleiten solle. Er war der Mutigste von meinem ganzen Gefolge und hat bei mir ausgehalten durch dick und dünn.
Zweites Kapitel.
Unter den Waldmenschen.
Das Land bis Bhot ist verhältnismäßig gut bekannt, weshalb ich auf dem ersten Teile meiner Reise nicht zu lange verweilen will.
Am 9. Mai ging mein ganzes Gepäck, von zwei Tschaprassis begleitet, nach der Grenze ab; ich folgte am nächsten Tage. Zwei Tagemärsche von je 46 Kilometer brachten mich nach Schor, auch Pithoragarh genannt.
Der Weg ist auf der ganzen Strecke gut; er führt durch dichte Tannen- und Fichtenwaldungen und bietet hier und da hübsche Ausblicke auf bewaldete Gebirgszüge. Nichtsdestoweniger ist er infolge des vielen Auf- und Absteigens ermüdend; die nachstehenden Zahlen geben ein Bild davon. Von 1680 Meter stiegen wir zu 2330 Meter Höhe empor, dann wieder auf 750 Meter hinunter, kletterten wieder auf 1835 Meter hinauf und stiegen abermals einen steilen Hang bis auf 750 Meter hinab. Die ungeheure Hitze hinderte mich, meinen gewöhnlichen Schritt zu gehen, und so erreichte ich meinen Bestimmungsort nicht vor Sonnenuntergang. Im Dunkeln weiter wandernd, sahen wir in der Ferne Waldbrände, die wie leuchtende Schlangen hier und dort an den Bergen entlang oder an Abhängen hinaufkrochen und die durch das Abbrennen von Gras, Gesträuch und Unterholz seitens der Eingeborenen verursacht werden. Nicht selten greifen die Flammen weiter um sich und richten arge Verwüstungen unter den schönsten Waldbeständen an.
In Pithoragarh (2025 Meter über dem Meer) ist ein altes Fort, das auf dem Gipfel eines Hügels liegt, ein gutgehaltenes Hospital für Aussätzige, eine Schule und ein Missionshaus.
Abends spät am nächsten Tage kamen wir in Askot an, wo es weder ein Dak Bungalow noch ein Daramsalla, eine gemauerte Unterkunftshütte, gibt, und ich fand zu meinem Ärger, daß noch keiner meiner Träger angekommen war. Vom Pundit Jibanand wurde ich gastfreundlich aufgenommen und in seinem Schulzimmer untergebracht, einem Bauwerk aus Brettern, die ohne Rücksicht auf Breite, Höhe, Länge oder Form zusammengefügt waren und ein Dach von Stroh und Gras trugen. Die Ventilation meiner Wohnung ließ nichts zu wünschen übrig, und während ich, in meine Decke eingewickelt, unter dem schützenden Dache lag, konnte ich durch die Lücken der schlechtgefügten Wände den Glanz des sternbesäten Himmels bewundern.
Als die Sonne aufging, wurden kleine Stückchen Landschaft zwischen den Brettern sichtbar, bis nach und nach sämtliche Lücken durch die Gesichter von Eingeborenen verschlossen wurden, die Besitz von diesen guten Aussichtspunkten ergriffen, um nach Herzenslust den Sahib anzustarren, der sich rasierte, während seine Zuschauer Zeichen ängstlicher Spannung von sich gaben. Große Heiterkeit erregte es, als ich mich während des Badens über und über mit Seife beschmierte. Bewunderung folgte, als ich mein letztes gestärktes Hemd und andere geheimnisvolle Kleidungsstücke anzog. Aber die Aufregung erreichte fast Fieberhitze, als ich mich der täglichen Plage unterzog, meine Uhren aufzuziehen und die Temperatur und andere Beobachtungen einzutragen. Die Spannung war zu groß geworden, und eine allgemeine wilde Flucht folgte in dem Augenblick, als ich mein ungeladenes Gewehr berührte.
Die Stadt Askot ist nicht unähnlich einem jener alten Feudalschlösser, wie man sie in vielen Gegenden Mittelitaliens findet. Hoch oben auf dem Gipfel eines zentralen Hügels gelegen, beherrscht der Palast des Rajiwar (Haupt eines Königreichs) ein schönes, ihn von allen Seiten umschließendes Bergpanorama.
Die Stadt selbst zählt ungefähr 200 über den Abhang des Hügels verstreute Häuser und besitzt eine Schule, ein Postamt und zwei mohammedanische Kaufläden. Kurz vor meiner Ankunft hatte der Rajiwar den Bau eines neuen Palastes vollendet, eines einfachen, würdigen Gebäudes aus braunem Stein mit schönen Holzschnitzereien an den Fenstern und Türen und mit Kaminen nach europäischer Art in jedem Zimmer.
Wir hatten 145 Kilometer in drei Tagemärschen zurückgelegt, und da meine Leute wunde Füße bekommen hatten, gestattete ich ihnen einen Rasttag, den ich dazu verwendete, die Wohnorte der »Waldmenschen« oder, wie sie sich selber nennen, der Raot oder Raji, aufzusuchen. Sie leben mehrere Kilometer entfernt in Wäldern.
Um zu ihnen zu gelangen, hatte ich einen steilen Abhang hinabzusteigen, der mit einem außerordentlich schlüpfrigen Teppich von trockenem Gras und Fichtennadeln bedeckt war. Beim Abstieg mußte ich Schuhe und Strümpfe ausziehen, und sogar barfuß fand ich es noch schwer, mich aufrecht zu halten. Ich hatte einen meiner Tschaprassis und einen Mann von Askot als Begleiter.
Schneller, als uns angenehm war, kamen wir hinunter. Wir bemerkten einen kaum sichtbaren Pfad, den wir verfolgten, bis wir auf einen Mann stießen, der sich hinter den Bäumen versteckte. Es war ein wild aussehender Kerl, nackt und ungekämmt, mit lang herabhängendem Haar und spärlichem Bart, der uns mißtrauisch anblickte und sich sehr abgeneigt zeigte, uns den Weg nach den Wohnstätten seines Stammes zu zeigen.
Er war ein Raot, und sein Widerwille gegen den Besuch seines Heims erschien mir wohlberechtigt, als er zu meinem Führer sagte:
»Kein weißer Mann hat jemals unsere Heimat besucht, und sollte einmal einer kommen, werden wir alle sterben. Die Berggeister werden euer Vordringen hindern, nicht wir! Ihr werdet Schmerzen erleiden, denn der Geist, der über den Raot wacht, wird niemand ihre Wohnstätten betreten lassen!«
Ich gab dem Manne eine Rupie, die er in der Hand umwendete und wog.
»Ihr könnt kommen,« murmelte er, »aber ihr werdet es bereuen. Ihr werdet großes Unglück haben!«
Es lag etwas so Unheimliches in dem Tone, mit dem der Mann wie in einer Verzückung sprach, als ob er das Medium wäre, durch welches die Drohung eines verborgenen Wesens zu uns dränge, so daß mir seine Worte mehrere Minuten lang nicht aus dem Sinn kommen wollten.
Ich folgte ihm so gut ich konnte; mit der Gewandtheit eines Affen erkletterte er ungeheure Felsblöcke. Es war keine leichte Aufgabe; wir sprangen und hüpften von Fels zu Fels und voltigierten über umgestürzte Bäume. Der Pfad wurde sichtbarer und führte an dem Abhange einer steilen Schlucht empor. Wir drangen vorwärts, bis wir erhitzt und keuchend an einer großen Höhle hoch oben in dem lehmigen Abhange anlangten. Dort, auf einer halbkreisförmigen Plattform mit Verschanzungen von gefällten Bäumen, befand sich etwa ein Dutzend fast ganz unbekleideter Männer, von denen einige auf den Hacken saßen, die Arme auf die Knie gestützt, während andere platt am Boden lagen. Einer rauchte getrocknete Blätter aus einer Hindupfeife.
Ich nahm schnell ein Bild der Gruppe auf, wie sie mit einem Ausdruck von Mißtrauen, in das sich Erstaunen und Betrübnis, aber kein Zeichen von Furcht mischte, den unerwarteten Besucher anstarrten.
Als zwei der ältern Männer die erste Verblüffung überwunden hatten, sprangen sie auf und verboten mir mit tollen Gestikulationen, näher heranzukommen. Ich aber drang mitten in ihren Kreis hinein und fand mich nun von einer mürrischen, zornigen Schar umgeben.
»Kein Mensch ist je hier gewesen außer einem Raot. Ihr werdet bald sterben! Ihr habt Gott beleidigt!« kreischte ein alter Mann, ganz außer sich vor Zorn.
Er beugte die Knie, krümmte das Rückgrat und streckte mir den Kopf entgegen. Er schüttelte die Fäuste vor meinem Gesicht, schwang sie in der Luft hin und her, öffnete und preßte sie dann wieder fest zusammen, wobei er die Nägel wütend in die Handflächen bohrte. Anstatt die Stirnhaut zusammenzuziehen, zog der alte Raot die Augenbrauen empor und verwandelte seine glatte Stirn in eine Reihe tiefer Runzeln, die sich in wagerechten Linien fast von Ohr zu Ohr zogen und nur eine dunkle Vertiefung über der Nase erscheinen ließen. Seine zuerst flachen und breiten Nasenlöcher dehnten sich weit aus und reckten sich in die Höhe, so daß sich zwei tiefe Linien bildeten, die von der Nase auseinanderlaufend sich die Backen entlang zogen. Sein Mund war geöffnet, und ein eigentümliches Beben der Unterlippe ließ deutlich erkennen, daß ihr Besitzer die Sprache und Artikulation nur wenig beherrschte. Seine Augen, die ursprünglich braun gewesen sein mochten, waren farblos, aber sie nahmen einen außerordentlichen Glanz an, als seine Wut höher stieg. Mit sichtlicher Anstrengung öffnete er sie weit, so daß der ganze Kreis der Iris sich zeigte. Trotzdem starkes Licht auf sein Gesicht fiel, waren die Pupillen weit ausgedehnt.
Seinem Beispiel folgend trugen einige der andern ihr Mißvergnügen in gleicher Weise zur Schau; andere jedoch standen apathisch beiseite, den Kopf auf die rechte Schulter geneigt, mit vollkommen ruhigem Gesichtsausdruck, das Kinn auf die Hände gestützt. Wenn sie auch ihre erste Bestürzung nicht überwunden haben mochten, so verrieten sie dieselbe doch nicht, sondern erschienen, soweit man nach ihren Gesichtern urteilen konnte, nicht aufgeregt.
Ein Bursche mit einem ungewöhnlichen Kopf, der eine Mischung von mongolischem und Negertypus zu sein schien, beruhigte sich zuerst unter denen, die vorher in so toller Aufregung gewesen waren. Mit durchdringenden, aber unruhigen Augen und mit nervös zuckenden Bewegungen musterte er mein Gesicht genauer als die andern und schien sie dann alle zu beruhigen, daß ich nicht gekommen sei, ihnen Schaden zuzufügen. Er machte den übrigen Zeichen, daß sie mit ihren Drohungen aufhören sollten; dann kauerte er sich nieder und forderte mich auf, seinem Beispiele zu folgen und mich ebenfalls auf meine Hacken niederzulassen.
Als die Aufregung sich gelegt und die ganze Gesellschaft sich gesetzt hatte, zog ich einige Münzen aus der Tasche und gab jedem von ihnen eine; nur einen Mann ließ ich aus, an dem ich die Leidenschaft der Eifersucht in ihrer primitivsten Form studieren zu können glaubte. Aufmerksam beobachtete ich ihn und sah bald, daß er abseits von den andern trat und mürrisch wurde. Die andern waren jetzt schon stillvergnügt. Sie schienen zum Trübsinn zu neigen, und nur mit Mühe konnte ich überhaupt einem von ihnen mehr als den schwachen Schimmer eines Lächelns entlocken. Sie drehten und wendeten die Münzen in den Händen hin und her, verglichen sie untereinander, schwatzend und augenscheinlich zufrieden. Der eifersüchtige Mann hielt den Kopf entschieden von ihnen abgewandt und tat, als ob er nicht sähe, was um ihn vorging; dann stimmte er, das Kinn auf die Hand stützend, einen unheimlichen melancholischen Gesang an, wobei er, namentlich wenn die andern ihn verhöhnten, eine verächtliche Miene annahm. Nachdem ich ihn lange genug hatte leiden lassen, gab ich ihm anstatt der einen zwei Münzen und damit zugleich die Befriedigung dessen, der zuletzt lacht.
Nun machte ich den Versuch, die Gruppe zu photographieren; aber sie betrachteten meine Kamera mit Mißtrauen, und als dann Platte nach Platte exponiert wurde, um Bilder von einzelnen Individuen oder Gruppen aufzunehmen, schauderten sie bei jedem Knipsen der Feder.
»Die Götter werden dir zürnen, weil du das tust,« sagte einer, indem er auf die Kamera wies, – »wenn du uns nicht eine große weiße Münze gibst!«
Ich benutzte dies und versprach ihnen, so gut ich es durch meine Führer konnte, »zwei große Münzen«, wenn sie mich nach ihren Hütten führen würden, die einige hundert Meter unter dem hohen Horst auf der Klippe lagen; aber für diese Summe sollte mir erlaubt sein, nicht nur alles anzusehen, sondern es auch zu befühlen, und über alles, was ich wollte, Erklärungen zu bekommen.
Sie willigten ein, und wir begannen unsern Abstieg auf dem steilen Pfade, der zu ihren Wohnstätten hinabführte, einem Pfad, der wirklich nur für Affen passend ist. Mehrere Frauen und Kinder, die, durch den Anblick von Fremden herbeigelockt, heraufgekommen waren, verbanden sich mit den Männern, um uns hilfreich Hand zu leisten, und ich glaube, daß es wirklich keine einzige Hand in der Gesellschaft gab, die mich während des Hinabkletterns nicht ein oder das andere Mal in freundlichster Absicht an den Kleidern gepackt hätte. Einer am andern sich haltend, gingen wir zusammen die gefährliche Klippe hinab, nicht immer im angenehmsten Tempo. Zwei- oder dreimal glitt ich oder einer der Eingeborenen aus und zog den übrigen Teil der Gesellschaft am Abgrund mit fort, während das durchdringende Kreischen und Schreien der Frauen meilenweit in der Runde widerhallte. Ich bedauerte es nicht, als wir endlich die kleinen Hütten am Flusse erreichten, die ihr Dorf bildeten.
Die Wohnungen waren über alle Maßen schmutzig. Aus einem rohen Gerüst von Baumästen errichtet, durch hölzerne Pfähle und Sparren versteift, mit einem Dache von trockenem Grase gedeckt, maßen die meisten etwa drei Meter. Sie waren gegen den Abhang des Hügels gebaut; ein starker, gegabelter Pfahl in der Mitte des Bauwerks trug das Dach, und gewöhnlich waren die Hütten in zwei Abteilungen geteilt, so daß jede zwei Familien beherbergen konnte. Möbel waren nicht vorhanden, und es gab nur wenig Geräte primitivster Art. Sie hatten runde hölzerne Schalen, früher vermittelst scharfkantiger Steine, seit einiger Zeit aber mit billigen Messern indischen Fabrikats ausgehöhlt. Für diejenige Art von Ackerbau, die sie betreiben konnten, benutzten sie primitive Hacken; sie hatten auch plumpe Holzhämmer, Stöcke und Netzbeutel, in denen sie ihre Vorräte aufbewahrten. In früherer Zeit bildeten Flußfische, Fleisch von wilden Tieren und Wurzeln gewisser Pflanzen ihre hauptsächlichste Nahrung, jetzt aber essen sie auch Getreide und sind wie alle Wilden gierig nach Schnaps.
Als ich eine der Wohnungen betrat, fand ich darin eine Anzahl von Frauen und Männern um ein Holzfeuer kauernd. Die Frauen trugen silberne Armringe und Halsbänder von Glasperlen; die Männer wenig mehr als Ohrringe aus Schnüren; nur einer der Männer hatte ein winziges Lendentuch, und die Frauen dürftige Kleider aus indischem Stoff, die in Askot gekauft waren.
Bei genauer Prüfung ihrer Züge fielen mir manche Punkte auf, die auf entfernte mongolische Abstammung schließen ließen, freilich durch das Klima, die Natur des Landes und wahrscheinlich durch Mischheiraten stark modifiziert.
In der Skala der menschlichen Rassen stehen die Raot auf außerordentlich tiefer Stufe.
Die Frauen haben anormal kleine Schädel mit niedriger, schmaler Stirn; aber trotzdem sie aussehen, als fehlte ihnen selbst der leiseste Schimmer von Verstand, sind sie doch nicht unintelligent. Sie haben vorstehende Backenknochen und die langen, platten, breiten und gerundeten Nasen des mongolischen Typus. Das Kinn ist in den meisten Fällen rund und sehr zurücktretend, obgleich die Lippen sich in normaler Lage befinden und dünn und sehr fest geschlossen erscheinen, die Mundwinkel sind emporgezogen. Der Unterkiefer ist kurz und schmal, der obere aber erscheint ganz außer Verhältnis zu der Größe des Schädels. Die Ohren sind groß, abstehend und wenig modelliert, wohlgeeignet, Geräusche aus großen Entfernungen aufzufangen.
Die Köpfe der Männer sind besser geformt, unentwickelt zwar, doch harmonischer in den Verhältnissen. Sie haben höhere und breitete Stirnen, ähnliche, doch kürzere Nasen; das Kinn tritt nicht ganz so weit zurück, der ganze Unterkiefer ist außerordentlich schmal, aber die Oberlippe, wie bei den Frauen, sehr groß und außer jedem Verhältnis.
Ohne Zweifel sind die Raot keine reine Rasse, und selbst unter den wenigen, mit denen ich zusammenkam, bestanden so beträchtliche Verschiedenheiten, daß es unmöglich ist, auf ihren Ursprung zu schließen. Sie haben alle üppiges, kohlschwarzes Haar, das nur mäßige Länge erreicht; es ist nicht grob, aber gewöhnlich so schmutzig, daß es gröber erscheint, als es ist. Sie haben sehr wenig Körperhaare außer in den Achselhöhlen; ihre Bärte verdienen kaum diesen Namen.
Die Männer tragen das Haar gewöhnlich in der Mitte gescheitelt, so daß es zu beiden Seiten des Kopfes herabhängt und die Ohren bedeckt. Ich fand bei ihnen denselben seltsamen Brauch, den ich vor Jahren bei den Ainus von Jesso beobachtet hatte: daß sie ein rautenförmiges Stück der Kopfhaut in der Mitte der Stirn über der Nase glattrasieren. Die Frauen ziehen ihr Haar nach dem Hinterkopfe, wobei sie die Finger als Kamm gebrauchen, und binden es in einen Knoten zusammen.
Die Körper der besser entwickelten Individuen, die ich sah, waren schmächtig und beweglich, ohne überflüssiges Fett oder Fleisch, in gewissem Grade geschmeidig, doch stämmig und muskulös, mit gut proportionierten Gliedmaßen und einer zwischen Bronze und Terrakotta warm getönten Haut. Schmutzig und unbekleidet, hatten diese Wilden durch ihr majestätisches Auftreten besondere Anziehungskraft für einen Künstler. Ihr regelmäßiges Atmen fiel mir auf; es erfolgte durch die Nase, während sie den Mund fest geschlossen hielten. Eine merkwürdige Eigentümlichkeit wiesen ihre Füße auf, an denen die zweite Zehe besonders lang war und beträchtlich über die andern hinausragte, was sie ohne Zweifel befähigt, die Zehen fast ebenso zu benutzen wie wir die Finger. Die innern Flächen ihrer Hände waren fast ohne Linien, die Fingernägel flach und die Daumen abgestumpft mit auffallend kurzem letztem Gliede.
Wenn die Raot heute einige Kleidungsstücke und Schmuck angenommen und daneben ihre Nahrungsweise bis zu einem gewissen Grade geändert haben, so ist dies ausschließlich dem Rajiwar von Askot zu verdanken, der ein großes Interesse für die von ihm beherrschten Stämme hegt und sie in patriarchalischer Weise mit allen möglichen Lebensbedürfnissen versorgt. Nur sehr wenige Raot sind in den letzten Jahren nach Askot gekommen, da sie von Natur sehr scheu und augenscheinlich mit ihren primitiven Wohnstätten in den Wäldern von Tschipula zufrieden sind; sie beanspruchen diese Wälder als ihr Eigentum. Ihre einzige Beschäftigung sind Fischfang und Jagd, und es heißt, daß sie eine besondere Vorliebe für das Fleisch der größern Affen des Himalaja haben, während ich, nach eigener Beobachtung, sagen möchte, daß sie fast alles essen, was sie bekommen können.
Man hat gemeinhin angenommen, daß die Weiber der Raot in strenger Abgeschlossenheit und vor Fremden verborgen gehalten werden. Das ist aber unzutreffend, denn ich habe verschiedene Photographien von Raotweibern aufgenommen, zu denen sie mir auf meine Bitte und ohne den geringsten Einspruch der Männer gestanden haben.
Die Zahl der Raot ist in schneller Abnahme begriffen, hauptsächlich infolge häufiger Ehen zwischen Blutsverwandten. Mir wurde versichert, daß die Frauen nicht unfruchtbar seien, aber daß unter den kleinen Kindern enorme Sterblichkeit herrsche. Die Raot begraben ihre Toten und bringen mehrere Tage lang dem Geiste des Abgeschiedenen Speise und Trank dar.
Es war mir nicht möglich festzustellen, worin ihre Ehezeremonien bestehen, oder ob sie überhaupt welche haben, die der Erwähnung wert sind, aber es scheint, daß ein starkes Familiengefühl zwischen den in ehelicher Verbindung lebenden Paaren besteht. Sie sind abergläubisch und haben eine merkwürdige Furcht vor den Berggeistern, vor der Sonne, dem Mond, Feuer, Wasser und Wind. Ob sich diese Furcht zu einer bestimmten Form der Verehrung erhebt, kann ich nicht sagen; jedenfalls sah ich nichts, was auf Gebet oder Opfer schließen läßt.
Die Raot erheben den Anspruch, Nachkommen von Königen zu sein, und wollen niemand untertan sein. Sie grüßen weder noch verneigen sie sich.
»Andere Leute müssen uns grüßen; unser Blut ist das Blut von Königen, und wenn wir uns auch aus freien Stücken seit Jahrhunderten in das Dschungel zurückgezogen haben, so sind wir doch Söhne von Königen.«
Nach einiger Zeit, als ich schon ziemlich lange unter ihnen gewesen war, schienen diese königlichen Wilden unruhig und furchtsam zu werden. Ich hatte jedes Stück ihres Haushalts, was mir vor die Augen gekommen war, umgedreht, untersucht, gezeichnet oder photographiert, hatte alle, Männer und Weiber, die eingewilligt hatten, sich messen zu lassen, gemessen und ihnen den vereinbarten Geldbetrag gezahlt. Als ich im Begriff war fortzugehen, trat der grauhaarige Mann noch einmal auf mich zu:
»Du hast die Wohnstätten der Raot gesehen, du bist der erste Fremde, der das getan hat, und du wirst viel leiden; die Götter sind erzürnt gegen dich.«
»Ja,« fügte ein anderer hinzu, indem er auf die Schlucht wies, »wer diesen Pfad betritt und kein Raot ist, wird von einem großen Mißgeschick betroffen werden.«
»Kusch paruani, sahib! Macht nichts, Herr!« unterbrach ihn der Führer, »sie sind nur Barbaren, sie wissen es nicht besser; ich selbst bin noch nie hier gewesen und setze voraus, daß auch ich meinen Teil davon abbekommen werde.«
»Auch du wirst leiden!« sagte der alte Mann mit Selbstbewußtsein.
Die Raot standen schweigend um mich, während ich meine Kamera einpackte, und ich fühlte, daß sie mich als einen ansahen, dessen Geschick beschlossen war. Sie beachteten meinen Abschiedsgruß nicht, und wäre ich nur im mindesten abergläubisch gewesen, so hätten sie es mir mit ihrer feierlichem törichten Ernsthaftigkeit ganz unbehaglich machen können. –
Später, als ich Todesqualen der Hölle litt und in einem Augenblick mein ganzes früheres Leben noch einmal zu durchleben glaubte, kam mir dies alles mit entsetzlicher Deutlichkeit in das Gedächtnis zurück!
Drittes Kapitel.
Berggeister.
Als ich mit Jagat Sing Pal, dem Neffen des Rajiwar von Askot, durch die Stadt ging, sah ich in einem niedrigen steinernen Schuppen neben dem Palast die große hagere Gestalt eines Mannes, der aus einer Rauchwolke herausragte.
»Wer ist das?« fragte ich meinen Begleiter.
»Ein Fakir, der von einer Pilgerfahrt nach dem heiligen See Mansarowar in Tibet zurückkehrt. Während des Sommers kommen viele dieser Fanatiker auf ihren Wallfahrten hier durch.«
Meine Neugier zog mich zu dem unheimlichen Individuum. Er war über sechs Fuß hoch; sein schlanker Körper war mit Asche bedeckt gewesen, die der dunkeln Haut eine gespenstische graue Färbung gegeben hatte. Ich veranlaßte ihn herauszutreten. Das massenhafte lange Haar war in kleine Zöpfe geflochten, die nach Art eines Turbans um seinen Kopf gelegt waren. Das Haar war weiß gefärbt, während der lange dünne Bart glänzend rot gefärbt war. Seine Augen waren eingesunken, und Stirn und Wangen waren dick mit weißer Farbe bemalt, was offenbar den schauerlichen, geradezu abstoßenden Eindruck erhöhen sollte. Er schien halb betäubt und wußte wenig zu sagen. Er war nur spärlich bekleidet, aber er trug das Kamarjuri oder die Fakirkette um seine Lenden und hatte ein messingenes Armband über den Ellenbogen um den Arm geschmiedet. Seine Hüften waren mit einem Kranze von Holzperlen umgürtet, und ein Halsband von geflochtenen Haaren schmückte seinen Hals. Seine Tage verbrachte er damit, sich in der Asche herumzuwälzen und selbstauferlegte leibliche Entbehrungen zu erdulden, um dadurch in den Zustand der Heiligkeit zu gelangen.
Ich hatte von abergläubischen Vorstellungen unter diesem Volke gehört.
»Gibt es«, fragte ich Jagat Sing, »in diesen Gebirgen auch Berggeister, und glaubt das Volk wirklich an sie?«
»Ja, Herr,« antwortete der junge Mann, »gewiß gibt es viele und sie sind oft sehr lästig, besonders für gewisse Leute. Doch hört man nur selten, daß sie jemand töten.«
»Dann sind sie nicht ganz so böse wie manche menschliche Wesen«, erwiderte ich.
»O Herr; sie sind sehr böse. Wie mit eisernen Klauen packen sie schlafende Leute am Halse und sitzen auf der Brust ihrer Opfer.«
»Das sieht eher so aus, als hätten sich die Leute den Magen überladen!«
»Nein; die Geister der Berge sind Geister von Leuten, die nicht in den Himmel gekommen sind. Man findet sie nachts in Schwärmen im Walde; die Leute werden von ihnen erschreckt. Sie halten sich auf den Gipfeln und Hängen der Berge auf und sie können die Gestalt einer Katze, einer Maus und eines jeden andern Tieres annehmen; in der Tat sollen sie ihr Aussehen häufig ändern. Da, wo kein Mensch hin kann, zwischen Felsen und Abgründen oder in dem dichten Dschungel suchen die Geister ihre Zuflucht, aber oft verlassen sie ihre Wohnungen, um Menschen zu suchen. Wer von ihnen besessen ist, bleibt in einem halb bewußtlosen Zustande und stößt wahnsinnige Schreie und unverständliche Laute aus. Es gibt Leute, die vorgeben, Zaubermittel zu kennen, um sie auszutreiben. Mit mehr oder weniger Erfolg gebrauchen die Eingeborenen einige Heilmittel zu dem Zwecke. Ein ›Bitschna‹ (Nessel) genanntes Gras hat die Kraft, die Geister fortzuscheuchen, wenn es auf den Körper des Leidenden gelegt wird, aber das Wirksamste ist, zu tun, als ob man den Besessenen mit einem rotglühenden Eisen schlüge. Dies scheinen die Geister mehr als alles andere zu fürchten.«
»Sprechen die Geister jemals?« fragte ich, voll Interesse für die seltsamen Vorstellungen dieser Bergbewohner.
»Nein, nicht oft, auch gewöhnlich nicht direkt, aber sie tun es durch Leute, die von ihnen besessen sind. Solche Leute erzählen viele merkwürdige Geschichten über die Geister. Eine sonderbare Eigenschaft der Geister ist, daß sie nur Leute ergreifen, die Furcht vor ihnen haben; wenn man ihnen Trotz bietet, verschwinden sie.«
»Wenden die Eingeborenen irgendeine besondere Methode an, sich gegen diese Bergdämonen zu schützen?«
»Der einzig sichere Schutz ist Feuer. Jeder, der neben einem Feuer schläft, ist sicher, und solange eine Flamme brennt, bleiben die Geister fern.«
»Kennst du irgend jemand, der sie gesehen hat?«
»Ja, ein Tschaprassi namens Joga erzählte, daß er einmal bei Nacht durch einen Wald reisen mußte; dabei habe er eine Stimme gehört, die ihn beim Namen rief. Erschrocken stand er still, und einige Augenblicke lang versagte ihm die Stimme. Endlich antwortete er, am ganzen Leibe zitternd, und sofort erschien ein Schwarm von Geistern und forderte ihn heraus. Joga rannte um sein Leben, und die Dämonen verschwanden. Man weiß auch von Geistern, die mit Steinen nach Vorübergehenden geworfen haben.«
»Hast du jemals einen Geist gesehen, Jagat Sing?«
»Nur einmal. Ich ging spät abends nach dem Palast, als ich auf dem steilen Wege die Gestalt einer Frau bemerkte. Es war eine schöne Mondnacht. Ich schritt aufwärts, und als ich vorüberging, erschien das Gesicht des seltsamen Wesens schwarz, unmenschlich, grausig. Ich wich erschrocken zurück, und als ich die unheimliche Erscheinung näherkommen sah, stockte mir vor Furcht das Blut in den Adern. Ich führte einen mächtigen Hieb mit meinem Stock, aber, siehe da! das Rohr fuhr durch die Luft und traf nichts. In demselben Augenblick verschwand der Geist.«
»Ich hätte es gar zu gern, Jagat Sing, daß du mir einige von diesen Geistern zeigen könntest; ich würde alles darum geben, eine Zeichnung von ihnen zu entwerfen.«
»Man kann sie nicht immer sehen, wenn man will, Herr, aber man muß sie immer vermeiden. Sie sind böse Geister und können nur Schaden tun.« –
Als ich Askot (1400 Meter) auf dem in Windungen durch einen dichten Wald führenden Wege verlassen hatte, überschritt ich bei Gargia (750 Meter) auf einer Hängebrücke den Fluß Gori. Der Pfad lief durch das tiefe, unbehaglich heiße Tal des Kali, eines reißenden Stromes, der mit unbeschreiblicher Geschwindigkeit in der meinem Wege entgegengesetzten Richtung floß; er bildet die Grenze zwischen Nepal und Kumaon.
Hütten und Strecken bebauten Landes zeigten sich auf dem nepalesischen Ufer, während wir auf unserer Seite an verlassenen und ihrer Dächer beraubten Winterwohnungen von Schokas (gewöhnlich, aber unrichtig, Botiyas genannt) und von Tibetern vorbeikamen, die in den kältern Monaten des Jahres in diese wärmern Gegenden auswandern, um hier ihre Schafe zu weiden. Die Sommerwohnstätten der Schokas befinden sich in größern Höhen, zumeist längs der Landstraßen, die nach Tibet führen, und näher an der tibetischen Grenze.
Bei meiner Ankunft in dem Daramsalla von Kutzia überbrachte mir ein Bote die Nachricht, der Rajiwar, den ich in Askot nicht angetroffen hatte, sei jetzt hier, um gewissen Gottheiten Opfer darzubringen. Er werde mich um 3 Uhr nachmittags besuchen.
Pünktlich um 3 Uhr nachmittags kam der Rajiwar in einem Dandy getragen an, von seinem Bruder gefolgt, der in einem Bergdandy saß. Des Rajiwars Sohn und Erbe ritt auf einem prächtigen grauen Pony. Ich war dem alten Rajiwar, der seit einigen Jahren gelähmt war, beim Aussteigen behilflich. Wir schüttelten uns herzlich die Hände, und ich führte ihn in das Daramsalla, wo wir uns in Ermangelung von Möbeln auf Kisten niederließen. Sein vornehmes, schön geschnittenes Gesicht, sein anziehendes Benehmen und die sanfte, würdevolle Stimme, mit der er sprach, ließen deutlich den Mann von edlem Blut und ungewöhnlichen Fähigkeiten erkennen. Seine Bescheidenheit und Einfachheit waren entzückend.
»Ich hoffe, daß Ihr bei guter Gesundheit seid und auf Eurer Reise nicht zu viel gelitten habt. Es hat mich betrübt, daß ich Euch nicht in Askot empfangen konnte. Leben Eure lieben Eltern noch? Habt Ihr Brüder und Schwestern? Seid Ihr verheiratet? Ich würde England gern besuchen. Es muß ein wundervolles Land sein, und ich bewundere es so sehr, daß ich meinen Neffen eine englische Erziehung gegeben habe. Einer von ihnen dient jetzt der Maharanee (Königin) Victoria als politischer ›Peschkar‹.«
Schokahäuser.
Auf dem Weg zum Rambang.
Mit Hilfe eines hindostanischen Wörterbuchs, ausdrucksvoller Gebärden und flüchtiger Skizzen beantwortete ich seine Fragen so gut ich konnte. –
Gefährliche Rutschpartie.
Auf dem Wege nach Dartschula durch das tiefgelegene Tal war die Hitze unerträglich, obgleich die Sonne schon nahe dem Horizont stand. Wir kamen an einem Wasserfall vorüber, der aus großer Höhe über eine Gruppe von mit Moos bewachsenen schirmförmigen Stalaktiten hinabstürzte. Die letzten Strahlen der Sonne fielen auf die Wassertropfen, die gleich einem Diamantregen funkelten.
Ich rastete eine Weile an diesem kühlen, herrlichen Ort. In den Bäumen sangen Vögel, und Affen trieben ihr Spiel im Geäste. Weiterhin, wo der Fluß eine Biegung macht, befinden sich zwei große Höhlen in den Felsen; ihre rauchgeschwärzten Decken zeigen an, daß sie von reisenden Schokas und Hunya-Tibetern als Lagerplätze benutzt werden. Große Affen mit schwarzen Gesichtern und weißen Bärten schwärmten überall umher, dreist und voll boshaften Mutwillens. Sie werfen oder rollen Steine auf die Vorübergehenden hinab und verursachen dadurch nicht selten Unfälle, da der Pfad ziemlich schmal ist und hart über dem Flusse entlang führt.
Ich hatte Sorge, so schnell als möglich durch das heiße Tal zu kommen; deshalb weckte ich meine Leute schon um 3 Uhr morgens und trat, trotzdem wir erst spät in der Nacht Rast gemacht hatten, den Weitermarsch an. Hier und da sahen wir am Wege verlassene Winterwohnungen der Schokas liegen, fast alle mit eingefallenen Grasdächern. Nur einige waren mit Schiefer gedeckt und dadurch als Wohnstätten der Darma-Schokas gekennzeichnet.
Bemerkenswert waren die einfachen Wassermühlen der Schokas. Vermöge einer sehr sinnreichen Vorrichtung trieb das Wasser eines Baches einen schweren zylindrischen Stein, der sich auf der obern Seite eines andern umdrehte. Das Korn fiel langsam aus einer darüberliegenden Kammer in ein in den Mittelpunkt des obern Rades gebohrtes Loch und von da durch eine Rinne zwischen die beiden Steine, wo es zu feinem Mehl zerrieben wurde.
Dartschula (1080 Meter), die größte Winterniederlassung der Schokas, liegt in einer schönen Ebene, wenige hundert Meter über dem Flusse. Das Dorf besteht aus zwölf langen Reihen von dächerlosen Häusern, die einander in Größe und Form sehr ähnlich sind. Vier größere Gebäude an dem äußersten Ende der Niederlassung ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Eine derselben ist ein Daramsalla, die andern, zwei hohe Steinbauten, sind eine Schule, ein Hospital und eine Apotheke, die der Bischöflichen Methodistenmission gehören und unter der sorgfältigen Aufsicht von Miß Sheldon (Dr. med.), Miß Brown und des Doktor H. Wilson, eines vortrefflichen Pioniers, stehen.
Nachdem ich den Rankutifluß überschritten hatte, stieg ich im Zickzack noch höher, einen Gebirgszug nach dem andern jenseits des Flußtales hinter mir lassend, während auf der Seite von Nepal hinter drei Bergketten Schneegipfel von großer Höhe und Schönheit sich zum Himmel erhoben. Der höchste Punkt des Weges lag 1660 Meter hoch; danach stiegen wir wieder auf 1607 Meter hinab bis zum Daramsalla von Chela, das wir erst spät abends erreichten.
Nahe bei Chela erhob sich auf dem Gipfel eines hohen Berges ein großer quadratischer Felsblock, der einem Turme nicht unähnlich war. Die Eingeborenen sagen, daß eine bloße Berührung ihn ins Schwanken und Drehen bringe; aber dieser Glaube ist nicht allgemein, denn andere leugnen, daß er sich jemals bewege. Ich konnte mir weder die Zeit nehmen, die Sache zu untersuchen, noch konnte ich zuverlässigen Bericht von irgend jemand erlangen, der wirklich aus Erfahrung hätte darüber sprechen können. Soweit ich mit Hilfe meines Fernglases sehen konnte, schien der Fels fest auf einer sehr soliden Basis zu stehen. Ebenso war es mir zu meinem Bedauern nicht möglich, die merkwürdigen heißen Schwefelquellen am Darma-Ganga zu besuchen und die seltsame Höhle, in der durch die aus dem Boden steigenden schädlichen Gase viel Tiere das Leben verlieren. Aus verschiedenen Berichten erfuhr ich nur, daß diese Höhle oder Grotte mit Skeletten von Vögeln und Vierfüßern angefüllt sei, die zufällig in diese Kammer des Todes geraten waren.
Viertes Kapitel.
Die ersten Schokas.
Von Chela nach Hundes oder Tibet führen zwei Hauptstraßen, die eine durch das Tal des Doli oder Darma, die andere längs des Kali und über den Lippupaß.
Die Handelsstraße durch das Darmatal wird weniger benutzt als die über den Lippu, aber sie ist trotzdem wichtig, da über sie ein gewisser Teil des Handels zwischen Südwesttibet und Indien durch die Vermittelung der Darma-Schokas läuft. Die Hauptartikel dieses Handels sind Borax, Salz, Wolle, Häute, Tuch und Werkzeuge, wogegen die Tibeter Silber, Weizen, Reis, Satu, Ghur, Kristallzucker, Pfeffer, Glasperlen aller Art sowie Manufakturwaren indischer Herkunft eintauschen. Für einen Gebirgsweg und in Anbetracht der großen Höhen, zu denen er sich erhebt, ist der Darmaweg verhältnismäßig gut und sicher, trotzdem der schmale Pfad, der sich immer dicht am Doliflusse hinaufzieht, an vielen Stellen an tiefen Schluchten und Abgründen entlang führt.
Der Doli entspringt aus einer Reihe ziemlich kleiner Gletscher im Nordosten eines Gebirgszuges, der ein Ast der höhern Himalajakette ist und sich in südöstlicher Richtung bis zum Vereinigungspunkte der beiden Flüsse hinzieht. Er nimmt in seinem reißenden obern Laufe viele kleine, durch Schneewasser genährte Nebenflüsse auf, von denen die aus den Schneefeldern von Katz und vom Nuigletscher kommenden die bedeutendsten sind.
Die Gletscher im Nordosten und Osten sind zahlreicher als die im Westen, doch gibt es hier einen sehr bedeutenden, der in seinen verschiedenen Teilen die Namen Kala Baland, Schun Kalpa und Tertscha führt. Längs der nördlichsten 28 Kilometer des Bergzuges, südlich von dem Punkte, wo er sich mit der Himalajakette vereinigt, befinden sich andere Gletscher von beträchtlicher Größe und Bedeutung; doch konnte ich ihre Namen nicht feststellen, mit Ausnahme des Lissar Sewa, des nördlichsten von allen, der die Quelle des Lissar bildet.
Das Zwischengebirge zwischen dem Lissar und Gori ist geographisch von großer Bedeutung, und zwar nicht nur, weil es die Grenze zwischen Darma und Johar, den beiden Teilen von Bhot, bildet, sondern auch wegen seiner prachtvollen Berggipfel, die im Bambadura eine Höhe von 6328 Meter erreichen.
Westlich von dem erwähnten Bergrücken findet sich noch eine zweite, bedeutendere Kette, die mit jenem parallel laufend von dem Kamme des großen Himalajasystems sich abzweigt. Diese zweite Kette enthält die höchsten Berge des britischen Reiches, den Nanda Dewi von 7820 Meter, mit seinem zweiten Gipfel von 7430 Meter, ferner den Trisul mit 7134 Meter, den östlichen Trisul mit 6815 Meter und Nanda Kot mit 6867 Meter Höhe. Dieser Bergzug und seine Verzweigungen trennen die Täler des Gori, das Pargana von Johar, von dem westlichsten Teile von Bhot, dem Pargana von Painchanda.
Die drei alpinen Parganas, Painchanda, Johar und Darma (Darma, Tschaudas und Bias), werden von Volksstämmen bewohnt, die mit denen des eigentlichen Tibet eng verbunden und verwandt sind. Das ganze Gebiet wird mit dem gemeinsamen Namen Bhot bezeichnet, obgleich diese Bezeichnung von den Eingebornen Indiens speziell nur für den Teil des Landes gebraucht wird, der Darma, Bias und Tschaudas umfaßt und im Südosten als natürliche Grenze den Kalifluß hat, der ihn von Nepal trennt, im Nordosten dagegen die große Himalajakette, die sich von der Lissarspitze ungefähr in Ostsüdost hinzieht.
Das Wort Bhot, auch Bod, Pote, Tüpöt oder Taipöt, das der Name dieser interalpinen Region ist, bedeutet Tibet. In der Tat ist Tibet nur korrumpiert aus Tüpöt. Die hochgelegenen »Pattis« von Darma, Bias und Tschaudas sind, dem Namen nach, ein Teil des britischen Reiches und unsere geographische Grenze gegen Nari Chorsum oder Hundes (Groß-Tibet), indem die Hauptkette des Himalaja die Wasserscheide zwischen den beiden Ländern bildet. Trotz des tatsächlichen Besitzrechts fand ich, daß man den Eingeborenen in der Ansicht recht geben muß, daß das britische Prestige und der britische Schutz in diesen Gegenden nur Mythe sind, daß tibetischer Einfluß allein herrschend ist und tibetisches Gesetz aufgezwungen wird und gefürchtet ist. Die Eingeborenen zeigten den Tibetern gegenüber unwandelbare, tiefste Unterwürfigkeit und knechtischen Gehorsam, während sie zu gleicher Zeit von diesen gezwungen wurden, gegen die britischen Beamten tatsächliche Nichtachtung zur Schau zu tragen. Man zwang sie sogar, die Mehrzahl bürgerlicher und krimineller Vergehen vor die tibetischen Behörden zu bringen, anstatt sie vor einem britischen Gerichtshofe verhandeln zu lassen.
In der Tat beanspruchen die Tibeter offenkundig den Besitz der »Pattis« an der Grenze von Nari Chorsum, und um unsern Eingeborenen noch augenfälliger mit ihrer der britischen überlegenen Macht zu imponieren, kommen sie zum Überwintern auf unsere Seite herüber und machen sich in den wärmern Tälern und in den größern Märkten ganz heimisch. Sie bringen ihre Familien mit und treiben Tausende und aber Tausende von Schafen vor sich her, um sie auf unsern Weideplätzen grasen zu lassen. Sie zerstören allmählich unsere Waldungen in Bias, um das südwestliche Tibet mit Brennholz für die Sommermonate zu versorgen, und dafür bezahlen sie nicht nur gar nichts, sondern unsere eingeborenen Untertanen müssen sogar dieses Holz ohne jeden Lohn über die hohen Pässe transportieren. Natürlich entblöden sich so gewissenlose Eindringlinge nicht, unter allen Vorwänden Nahrungsmittel, Kleider und alles, was sie sonst noch erhalten können, von den Eingeborenen zu erpressen. Einige von ihnen gehen alljährlich weit nach Süden, bis Lucknow, Kalkutta und Bombay.
Das sind die sanften Tibeter! Ein Volk von Eremiten, das in einem verschlossenen Lande wohnt! –
***
Tschanden Sing, stets bemüht, höflich und hilfreich zu sein, wollte nichts davon hören, daß ich meine Skizzen- und Notizbücher, wie ich es stets gewohnt gewesen, selber trüge. Er bestand darauf, dies für mich zu tun.
»Hum pagal neh, ich bin kein Narr,« sagte er mit der Miene einer tiefgekränkten Seele, »ich werde gut auf sie achtgeben.«
Nachdem wir zuerst bis zum Doliflusse hinabgestiegen waren, der 240 Meter tiefer als Chela liegt, und den Fluß auf einer hölzernen Brücke überschritten hatten, stiegen wir einen steilen Weg hinauf. Das Zickzack bergaufwärts schien kein Ende zu nehmen. Hin und wieder löschten wir unsern Durst an dem kristallklaren Wasser einer Quelle, die hochwillkommen war bei diesem langweiligen Aufstieg unter glühender Sonne. Elf Kilometer hinter Chela waren wir schon wieder zu 2171 Meter Höhe emporgelangt. Von hier aus wurde der Aufstieg weniger ermüdend. Doch stiegen wir noch 3½ Kilometer weiter bis zu 2272 Meter, wo wir in Pungo im Schatten herrlicher alter Bäume eine Frühstücksrast machten.
Hier kamen wir in das erste bewohnte Dorf der Schokas, die gewöhnlich, aber fälschlich Botiya genannt werden. Der Teil ihres Landes, in dem ich mich jetzt befand, führt den Namen Tschaudas.
Eine angenehme Überraschung erwartete mich hier. Ein schmuck aussehender Bursche in halb europäischer Kleidung trat ungeniert vor mich hin, streckte mir die Hand entgegen und schüttelte lange Zeit die meine recht jovial und freundschaftlich.
»Ich bin ein Christ«, sagte er.
»Das konnte ich mir nach der Art deines Handschüttelns denken.«
»Ja,« fuhr er fort, »ich habe etwas Milch, etwas Tschapati (Brot der Eingeborenen) und einige Nüsse für dich bereit; bitte, nimm sie an.«
»Ich danke dir,« sagte ich, »du scheinst kein schlechter Christ zu sein. Wie heißt du?«
»G. B. Walter, mein Herr. Ich unterrichte in der Schule.«
Eine Menge Schokas hatte sich inzwischen zugesellt. Als ihre erste Schüchternheit überwunden war, zeigten sie sich höflich und freundlich. Die Naivität und das anmutige Benehmen der Schokamädchen fiel mir bei dieser meiner ersten Bekanntschaft mit ihnen besonders auf. Viel weniger scheu als die Männer, kamen sie näher, scherzten und lachten, als ob sie mich ihr Leben lang gekannt hätten. Ich schickte mich an, zwei oder drei der hübschesten von ihnen zu zeichnen.
»Wo ist mein Skizzenbuch, Tschanden Sing?« fragte ich meinen Träger.
»Hazur hum mallum neh! Ich weiß es nicht, Herr«, lautete seine melancholische Antwort, während er seine leeren Taschen durchsuchte.
»So, du Schurke! Paßt du so auf meine Tagebücher und Skizzen auf! Was hast du mit ihnen gemacht?«
»O, Sahib, als ich am Doli Wasser trank, hatte ich das Buch noch in der Hand. Ich muß es auf einem Stein haben liegen lassen, als ich mich bückte, um zu trinken«, erklärte der arme Kerl.
Selbstverständlich wurde Tschanden Sing schleunigst nach der angegebenen Stelle zurückgeschickt, mit der strengen Weisung, sich ohne das Buch nie wieder vor mir sehen zu lassen.
Ich brachte zwei angenehme Stunden damit zu, mir die primitiven Webstühle der Schokas, ihre Art des Spinnens und der Herstellung von Stoffen erklären zu lassen. Die Webstühle der Schokas gleichen in jeder Hinsicht den bei den eigentlichen Tibetern üblichen.
Der Lehrer von Pungo.
Ihre Konstruktion ist einfach. Der Zettel wird in sehr starker Spannung gehalten, und der Baum, auf den das fertige Gewebe aufgerollt wird, liegt während des Webens auf dem Schoße der Weberin. Tretschemel, vermittelst deren die beiden Lagen der Fäden nach dem jedesmaligen Durchgange des Einschlagfadens gehoben oder niedergedrückt werden, befinden sich an dem Webstuhle der Schokas nicht, die ganze Arbeit wird mit der Hand getan. Der Einschlagfaden wird mit einem schweren Holzstück von prismatischer Form durchgezogen.
Das zum Weben verwendete Material ist Jak- oder Schafwolle, die entweder in ihrer natürlichen Farbe gelassen oder in den Grundfarben rot, blau und gelb und nur in einer einzigen Mischfarbe, grün, gefärbt wird. Blau und rot werden fast in gleichem Maße verwendet, dann grün. Gelb wird sehr sparsam benutzt. Der Faden ist gut gezwirnt und wird vor dem Spinnen keiner Aufbereitung unterzogen, so daß der festgewebte Stoff etwas fettig ist, wodurch er wasserdicht wird.
Die Schokafrauen sind in dieser alten Kunst sehr erfahren und sitzen geduldig Tag für Tag im Freien, damit beschäftigt, mit mehrern Sätzen von Einziehnadeln höchst verwickelte, kunstvolle Muster zu weben. Diese farbigen Gewebe, mit Ausnahme der einfachern blaugrundig gestreiften, die zu Frauenkleidern gebraucht werden, sind gewöhnlich sehr schmal, während die weniger sorgfältig gearbeiteten, wie z. B. der weiße Stoff, aus dem Männerkleider gemacht werden, ungefähr 40 Zentimeter Breite haben.
Die Muster der mehrfarbigen Gewebe werden aus dem Kopfe gearbeitet; sie enthalten weder Bogenlinien noch Kreise, sondern weisen nur aus geraden Linien zusammengesetzte Ornamente auf, Zusammenstellungen von kleinen Rauten und Quadraten, die durch lange, dreifarbige parallele Streifen voneinander getrennt sind und die Hauptideen der Schokas in der Ornamentik der Weberei darstellen.
Die begabtern unter den jungen Schokaweibern besitzen viel Geschick im Weben von Teppichen oder vielmehr groben Wolldecken. Das Vorbild dazu haben sie von alten chinesischen Decken genommen, die über Lhasa ihren Weg hierher gefunden haben. Wenn das Gewebe der Schokas bei genauerer Prüfung auch in Güte und Arbeit beträchtlich von jenen abweicht, so sind die Decken doch hübsch anzusehen. Sie werden auf groben, geflochtenen Zwirnmatten gewebt, die farbigen Fäden vertikal eingelassen. Die weiche Oberfläche der Decke ist im Aussehen dem der persischen Teppiche nicht unähnlich, aber sie fühlt sich nicht so angenehm an wie diese.
Nach und nach wurde ich bei dem Gedanken an das verlorene Buch doch sehr besorgt, da es ja alle meine Reisenotizen enthielt. Der Gedanke, daß es auf einen Felsen gelegt worden war, der vom reißenden Wasser bespült wurde, daß es hinuntergeglitten und fortgerissen sein konnte, versetzte mich in einen Zustand größter Aufregung.
Endlich sah ich eine taumelnde Gestalt näherkommen; es war Tschanden Sing, der das Buch triumphierend in der Luft schwenkte. Er war den viele Kilometer langen Weg zum Flusse hinab und wieder zurück so schnell gelaufen, daß er völlig erschöpft war, als er bei mir anlangte. Er händigte mir das Buch ein, und dann brachen wir wieder auf, von Walter und der ganzen Gemeinde den steilen Abhang nach dem Flusse hinunter begleitet. Hier ergriffen einige der Schokas meine Hände und legten sie an ihre Stirn, indem sie sich feierlich verneigten. Andere umschlangen meine Füße, während das Weibervolk mir das übliche hindostanische »Atscha giao! Gehe gut!« zurief.
Fünftes Kapitel.
Eine Teevisite.
Um nach Schoscha zu gelangen, mußte ich noch fünf Kilometer auf einem Bergpfade emporklimmen, der sich fast ebenso steil erwies als der Aufstieg nach Pungo.
Ein seltsamer, wahrscheinlich von den Tibetern entlehnter Gebrauch herrscht unter den Schokas; es ist ihre Art, unter Benutzung des Windes zu beten. Die Tibeter, deren religiöses Gefühl stärker ist als das der Schokas, gebrauchen nicht nur den Wind zu diesem Zwecke, sondern lassen ihre Gebetmaschinen sogar durch Wasser treiben.
Ich gebe hier eine Erklärung dieser sehr einfachen Vorrichtungen zum Beten. Einer oder mehrere Stofflappen, gewöhnlich von weißer Farbe, gelegentlich aber auch rot oder blau, werden mit einem Ende an einer Schnur befestigt und aufgehängt, die quer über einen Weg, einen Paß oder einen Fußpfad gespannt wird. Wenn die Schokas einen Paß zum erstenmal überschreiten, so schneiden sie jedesmal einen Streifen Stoff ab und hängen ihn so auf, daß er im Winde hin- und herflattert. Ebenso ist es bei ihnen Sitte, wenn Stoff zu einem neuen Gewande gekauft oder angefertigt worden ist, einen schmalen Streifen des Zeuges abzureißen und ein fliegendes Gebet daraus zu machen. Solange der Lappen sich bewegt, ist es ein Gebet; deshalb binden die Eingeborenen sie sehr fest an Stöcke, Pfähle oder Baumäste. Gewisse Sträucher und Bäume an unheimlichen, romantischen Orten in den Bergen sind mit diesen religiösen Zeichen ganz bedeckt. Eine große Zahl ähnlicher kleiner Flaggen sieht man auf den Dächern fast aller Schokawohnungen, neben den Gräbern und an den Außentoren der Dörfer.
Ich quartierte mich in dem Daramsalla von Titela ein, zwei Kilometer oberhalb Schoscha. Das Wetter hatte schon seit einigen Tagen mit Regen gedroht, und während des Abends ging ein Regenschauer auf uns nieder. Die Arbeit hatte sich Tag für Tag angehäuft. Ich beschloß, die zahlreichen Negative, die ich auf meiner Reise aufgenommen hatte, zu entwickeln, eine Beschäftigung, die einem auf dem Marsche über alle Maßen zuwider ist. Nachdem ich alle Schalen zum Entwickeln ausgepackt hatte, machte ich mich daran, die Hütte vollständig zu verdunkeln. Das wichtigste Erfordernis hierauf war Wasser, und davon gab es in diesem elenden Schuppen vollauf. Ich hatte eben ein halbes Dutzend Negative entwickelt und war über die ausgezeichneten Resultate hoch erfreut, als infolge des heftiger gewordenen Sturmes der Regen durch das lecke Dach des Daramsallas auf meinen Kopf zu tröpfeln begann. Alle die Schalen mit den Entwicklern, Bädern und der Fixierlösung an eine andere Stelle zu bringen, wäre sehr lästig gewesen, überdies war ich in meine Arbeit viel zu sehr vertieft, als daß solche unbedeutende Kleinigkeiten mich hätten stören können; so bot ich geduldig dieser neuen Unbequemlichkeit Trotz. Ich veränderte unaufhörlich meinen Standpunkt, aber nur mit dem Erfolg, daß der Regen je nach meiner Stellung abwechselnd auf meinen Rücken, meine Beine oder meine Schultern floß. Es goß in Strömen, und das Dach über mir war so durchlässig, daß ich ebensogut hätte im Freien arbeiten können. Ein Glück, daß meine Kasten und Kisten wasserdicht waren, sonst würden alle Instrumente und Platten beschädigt worden sein.
So ärgerlich es mir auch war, mußte ich die Arbeit schließlich doch aufgeben. Das Beste, was ich tun konnte, war schlafen zu gehen. Dies war aber leichter gesagt als getan: mein Lager und meine Decke waren völlig durchweicht. Der Versuch, unter einem wasserdichten Laken zu liegen, bewährte sich nicht, denn es kam mir vor, als müßte ich darunter ersticken. So überließ ich diese Bedeckung meinem Diener, der sich fest einrollte und bald in Morpheus’ Armen lag. Müde und ärgerlich kauerte ich mich zusammen und schlummerte schließlich auch ein. Am Morgen erwachte ich mit einem stechenden Schmerz in den Zehen. Ich hatte mit dem Gesicht nach unten gelegen und während der Nacht unwillkürlich die Beine ausgestreckt. Jetzt entdeckte ich zu meinem Schrecken, daß der eine Fuß in dem Entwicklungsbade, der andere aber in der Fixierlösung gelegen, die ich vergessen hatte aus den großen Zelluloidschalen auszugießen!
Als ich erfuhr, daß zwei Missionarinnen in dem dreieinhalb Kilometer von hier entfernten Orte Sirka lebten, machte ich mir das Vergnügen, ihnen einen Besuch abzustatten. Sie besitzen ein hübsches Bungalow, das auf einer Höhe von etwa 2700 Meter liegt; neben ihm steht ein zweites Gebäude, das zur Aufnahme von Bekehrten und Dienern bestimmt ist.
Es waren die schon erwähnten Damen Miß Sheldon und Miß Brown, die mich mit größter Liebenswürdigkeit empfingen. Ich bin in meinem Leben mit vielen Missionaren aller Bekenntnisse in fast allen Erdteilen zusammengekommen, aber nie habe ich das Glück gehabt, zwei so liebenswürdigen, aufrichtigen und wirklich ernst arbeitenden Damen zu begegnen wie diesen.
»Kommen Sie nur herein, Mr. Landor!« sagte Miß Sheldon mit ihrem allerliebsten amerikanischen Akzent, und dabei schüttelte sie mir herzlich die Hand.
Die Eingeborenen hatten mir die Barmherzigkeit und stete Hilfsbereitschaft dieser Dame hoch gepriesen, und ich fand dieses Lob mehr als berechtigt. Weder bei Tag noch bei Nacht verweigerte sie den Kranken je ihre Hilfe, und ihre edlen Taten, von denen mir berichtet wurde, sind viel zu zahlreich, um hier eingehend geschildert werden zu können. Vielleicht ihre schätzenswerteste Eigenschaft ist aber ihr vollkommener Takt, eine Eigenschaft, die nach meinen Erfahrungen unter den Missionaren nicht zu häufig ist. Ihre Geduld, ihr freundliches Wesen gegen die Schokas, ihr gutes Herz, die gelungenen Kuren, die sie an den Kranken ausführte, waren Dinge, für die sie von diesen ehrlichen Bergbewohnern unaufhörlich gepriesen wurde.
Ein Schoka erzählte mir, daß es für Miß Sheldon nichts Ungewöhnliches sei, alle für sie selbst bestimmten Nahrungsmittel und sogar die Kleider vom Leibe zu verschenken, da sie nichts auf Bequemlichkeit gibt und ihr Glück in guten Werken findet.
Hand in Hand ging damit eine bezaubernde Bescheidenheit. Kein Wort über ihre eigene Person oder über ihre Taten kam je über ihre Lippen. Als Pionier in diesen Gegenden muß sie zuerst sicherlich auf viele Schwierigkeiten gestoßen sein. Heute ist ihr Einfluß auf die Schokas sehr bedeutend. Dasselbe kann auch von Miß Brown gesagt werden, die in jeder Weise eine würdige Gefährtin von Miß Sheldon ist.
Beide haben sich in verhältnismäßig kurzer Zeit mit der Schokasprache völlig vertraut gemacht und können sich in ihr ebenso fließend unterhalten wie im Englischen. Diese Tatsache allein schon macht sie bei den Eingeborenen sehr beliebt.
Die beiden Damen waren so liebenswürdig, mich zu Tisch einzuladen.
»Es ist Sonntag«, sagte Miß Sheldon, »und wir werden alle unsere Christen zum Essen bei uns haben. Sie werden gewiß nichts dagegen haben?«
Ich versicherte, daß mir nichts interessanter sein könnte.
Pünktlich zur festgesetzten Stunde erschien ich und fand den Boden der Veranda des Bungalow mit hübschen, reinlichen Matten bedeckt, auf die wir uns nach einheimischer Art mit untergeschlagenen Beinen setzten. Wir drei Europäer erhielten Messer und Gabeln, während sämtliche Eingeborenen mit den Fingern aßen, die sie mit großer Geschicklichkeit gebrauchen.
Unter den Bekehrten waren einige Hindus, einige Schokas, mehrere Humlis und eine tibetische Frau; alle zusammen waren es etwa zwanzig. Sie aßen tüchtig und sprachen nur, wenn sie angeredet wurden.
»Ich bin zweifelhaft, ob ich jemals in meinem Leben mit so vielen guten Christen zusammen gegessen habe«, sagte ich zu Miß Sheldon. »Es ist entzückend!«
»Sie würden sehr gern etwas von Ihren Reiseerlebnissen hören, wenn Sie die Güte haben wollten, ihnen etwas davon zu erzählen, d. h. wenn Sie nicht zu müde sind und Lust dazu haben.«
Ich erzählte einige meiner Abenteuer in dem Lande der Ainus, wobei Miß Brown den Dolmetscher machte. Selten habe ich so aufmerksame Zuhörer gehabt. Als die Geschichte zu Ende war, grüßten sie mich mit feierlichem Salaam, und ein alter Gurkhaveteran, einer der Bekehrten, ergriff meine Hand und schüttelte sie warm.
»Sie müssen das nicht übel nehmen; Sie sehen, wir behandeln unsere Christen ganz wie unsersgleichen«, unterbrach Miß Sheldon ihn rasch. Angloinder lassen sich nämlich sehr selten herab, den Eingeborenen die Hand zu geben.
Beim Abschied forderte ich die Damen auf, sich am nächsten Tage bei mir zum Tee einzufinden. Der Nachmittag kam, und sie erschienen, als mir zu meinem Schrecken plötzlich einfiel, daß ich weder Tassen noch Löffel hatte. Etwas Tee besaß ich wohl, aber ich hatte keine Idee, in welcher Kiste er sich befand, und ich konnte ihn jetzt um keinen Preis herausfinden. Dies gab Miß Sheldon Veranlassung, sich mit der Bemerkung an Miß Brown zu wenden:
»Erinnert Mr. Landor Sie nicht an den andern exzentrischen Herrn, der voriges Jahr hier durchkam?«
In dem Augenblick, als Miß Sheldon diese Worte ausgesprochen hatte, wurde ihr der allerliebste Freimut ihrer Frage klar, und wir lachten alle herzlich.
»Sie müssen wissen, Mr. Landor,« warf Miß Brown ein, »wir sahen schon halb und halb voraus, daß Sie mit diesen Luxusartikeln nicht versehen sein würden, und deshalb haben wir unsere eigenen Tassen mitgebracht.«
Diese Nachricht war mir eine große Erleichterung.
Ein tüchtiger Block Schokolade von zirka 25 Pfund wurde statt des fehlenden Tees herbeigebracht und Tschanden Sing wurde beauftragt, mit einem Steine kleine Stücke davon abzuschlagen, was eine primitive, aber sehr wirksame Methode ist. Inzwischen kam das Wasser im Kessel ins Kochen, während meine beiden Besucherinnen es sich auf Packsattelkisten so bequem gemacht hatten, wie es unter den Umständen möglich war.
Die Teegesellschaft verlief ausgezeichnet, denn die Damen hatten sich nicht nur mit Tassen, sondern auch mit Löffeln, Kuchen, Butterbroten und Biskuits versehen!
Das Wetter wurde wieder regnerisch und kalt. Die Berichte, die mir über den Zustand der Wege weiter oben zukamen, waren nicht ermutigend.
»Die Straße ist ungangbar«, sagte mir ein alter Schoka, der eben von Garbyang gekommen war. »Der Lippupaß, über den ihr nach Tibet gehen wollt, ist noch nicht offen; es ist noch sehr viel Schnee auf ihm. Dann hat auch der Jong Pen von Taklakot in Tibet jetzt eine starke Wache von 300 Mann aufgeboten, um das Betreten des Landes durch Fremde zu verhindern. Die Dakus oder Räuber, die das Gebiet des Mansarowarsees heimsuchen, scheinen in diesem Jahre zahlreicher zu sein als je.«
»Da gehe ich ja einer recht lebhaften Zeit entgegen«, dachte ich bei mir.
Bei Schankula (2270 Meter) schlug ich mein nächstes Lager auf. Ich war auf einem prächtigen schattigen Fußwege dahin gelangt, der, einem Pfade durch einen malerischen Park nicht unähnlich, zwischen hohen Libanonzedern, Buchen und Ahornbäumen entlang führte, während hier und da ein Bach oder eine Quelle rieselte, und Hunderte von Affen mit schwarzen Gesichtern und weißen Bärten spielend von Baum zu Baum sprangen.
Ich schlug mein Lager am Flusse auf. Es war ein herrlicher Tag. Vor mir, nach Ostnordost hin, ragten riesenhaft und majestätisch einige hohe Schneegipfel empor. Das Tal war eng und der übrige Teil des schneebedeckten Gebirges dem Auge nicht sichtbar. Welch herrlicher Vorwurf für ein Gemälde! Es lockte mich, hier haltzumachen, Malkasten und Skizzenbuch hervorzusuchen und mein Frühstück, das eben bereitet wurde, zu verlassen. So stieg ich denn zu dem Gipfel eines hohen Berges empor, um eine weitere Aussicht zu erlangen. Der Anstieg, der zuerst über schlüpfriges Gras, dann über schiefriges Gestein führte, war nicht ohne eine gewisse Gefahr, aber ich war so darauf erpicht, auf die Höhe zu kommen, daß ich den Gipfel sehr schnell erreichte, nachdem ich die beiden Leute, die mir gefolgt waren, auf halbem Wege zurückgelassen hatte. An einzelnen Stellen nahe dem Gipfel waren fast senkrecht aufragende Felsen zu erklimmen, und ich mußte Hände und Füße gebrauchen. Für meine Mühen wurde ich aber reich belohnt. Der Blick von diesem hohen Aussichtspunkte war prachtvoll, und ich muß gestehen, daß ich mir fast vermessen vorkam, als ich, nachdem ich meinen Malkasten abgeschnallt hatte, versuchte, auf dem Papier die Landschaft vor mir wiederzugeben. »Ich bin ein Tor,« sagte ich zu mir, »das malen zu wollen! Welcher Maler könnte diesen Bergen gerecht werden?«
Ich warf das Bild wie gewöhnlich schnell hin, aber niemals ist wohl ein rasches Wagestück durch einen geringern Erfolg belohnt worden, und so blieben die ewigen Riesen ungemalt.
Verstimmt machte ich mich auf den Rückweg. Der Abstieg war noch schwieriger als das Emporklimmen. Ein Fehltritt, ein Ausgleiten hätte mir das Leben kosten können, besonders längs des steilen Abgrundes, wo ich mich an alles, was aus der mauerartigen Felswand hervorragte, anklammern mußte. Ich war etwa 1200 Meter über unsern Lagerplatz emporgestiegen und hatte somit eine Höhe von 3490 Meter erreicht. Diese Leistung, die von den Leuten unten in meinem Lager ebenso wie von den Soldaten des stellvertretenden Kommissars von Almora, der hier ebenfalls sein Lager aufgeschlagen hatte, ängstlich verfolgt wurde, erwarb mir unter den Eingebornen die Beinamen »Tschota Sahib«, der »Langur«, d. h. »der kleine Herr«, »der Affe«, Namen, auf die ich seitdem immer stolz gewesen bin. –
Nachdem die Straße den Schankulafluß einmal überschritten hat, wendet sie sich nach Südost und erhebt sich sanft ansteigend bis Gibti (2610 Meter), wo ich mein Lager etwas über dem Daramsalla von Gala aufschlug. Ich war durch Waldungen von Ahornbäumen, Buchen, Eichen und Rhododendron gekommen, die ein dichtes Unterholz von Strauchwerk und Bambus aufwiesen.
Der Kali, der etwa 600 Meter unter meinem Lagerplatze dahinfloß, bildet die Grenze zwischen Nepal und Kumaon. Von diesem hochgelegenen Punkte aus konnte man den schäumenden Strom sich meilenweit zwischen dichtbewaldeten Hügeln und Bergen hindurchschlängeln sehen wie ein Silberband auf dunklem, ruhigem Grund.
Schneebrücke über den Kutifluß.
Der Marsch von meinem letzten Lagerplatze aus war nur sehr kurz, ich hatte darum den größten Teil des Tages zur Arbeit an meinem Tagebuche frei. Ich besaß ein kleines Gebirgszelt, das für gewöhnliche Ansprüche genügend behaglich war. Es scheint jedoch, als ob diese Art zu reisen von den indischen Beamten als nicht »comme il faut« betrachtet wird. Nach der Ansicht dieser Autoritäten sind es die Zahl und Größe der Zelte eines Reisenden, die ihn zu einem größern oder kleinern Gentleman machen! Ich hatte mein Zelt neben den beiden doppelflügeligen Zelten angloindischer Beamter aufgeschlagen, aber diese Herren waren über diese Vertraulichkeit durchaus nicht erfreut. Denn daß ein doppelzeltiger Sahib in Gesellschaft eines andern Sahib gesehen wurde, dessen Miniaturzelt kaum zu Taillenhöhe aufragte, war unter der Würde und eine ernste Bedrohung des britischen Prestige in Indien. Ich wurde deshalb höflichst ersucht, mein behagliches Quartier mit einem ehrenvollern Unterkommen zu vertauschen, das mir der einäugige Lal Sing, ein Tokudar (Dorfschulze) und Bruder des Patwari, des Rechnungsführers für das Pargana, lieh.
Die gefährlichste Stelle am Kali.
Die Nacht war stürmisch, und der Wind rüttelte an meinem Zelt. In meine einzige Kamelhaardecke gewickelt, legte ich mich zur Ruhe. Einige Stunden später weckte mich ein heftiger Schlag auf den Kopf. Es war der Mittelpfahl des Zeltes, der sich aus seinen Hülsen gelockert hatte und auf mich gefallen war. Hierauf folgte ein raschelndes Geräusch von Zeltleinwand, und im nächsten Augenblick saß ich ohne Dach da und guckte die Sterne an.
Sechstes Kapitel.
Übergriffe der Tibeter.
Der berühmte Nerpani oder Nerpania, der »wasserlose Pfad«, fängt bei Gibti an. Sehr wenige Reisende sind auf diesem Weg gegangen, und durch ihre Berichte sind viele andere abgeschreckt worden, ihrem Beispiele zu folgen.
Ich fand den Weg weit besser, als ich erwartet hatte. Ich bin schon auf schlechtern Gebirgswegen an steilen Abgründen gewesen. Nach dem, was ich gehört hatte, schien es, als ob der größere Teil der Straße auf mehrere Meilen Länge durch in in den Felsen befestigte Balken gestützt werde; aber dies ist nicht der Fall. Hin und wieder jedoch führt der Weg an überhängenden Felsen über dem Abgrund entlang, und dort, wo die senkrechte Wand die Anlage eines Weges nur mit großen Kosten erlaubt hätte, sind Balken horizontal mehr oder weniger fest in den Felsen eingelassen und große Steinplatten über sie gelegt, über die der schmale Pfad führt. Der Weg liegt 300–550 Meter über dem Flusse und ist an manchen Stellen nicht breiter als 15 Zentimeter. Aber für einen Reisenden mit sicherm Tritt kann dies keine wirkliche Gefahr bedeuten.
Der Weg ist langweilig, denn die Nerpaniafelsen, längs deren man ihn angelegt hat, teilen sich ihrerseits wieder in drei kleinere Partien, die durch Schluchten voneinander getrennt sind. Es ist recht lästig, Hunderte von Metern auf endlosen und schlecht zusammengefügten Treppen hinab- und wieder hinaufzusteigen, nur um auf der andern Seite wieder hinabzuklettern. Einige der Abstiege, namentlich der letzte zum Gulamla, sind steil; aber wenn man keine Nägel an den Schuhen und keinen Stock in der Hand hat, ist dabei wirklich wenig Gefahr für des Bergsteigens gewohnte Leute.
Gegen Sonnenuntergang entstand eine große Bewegung im Lager, die durch das Erscheinen von wilden Ziegen auf dem andern, nepalesischen Ufer des Kali hervorgerufen wurde. »Deine Flinte, Sahib, deine Flinte!« schrie ein Chor von ungeduldigen Eingeborenen. »Schnell, schnell, deine Flinte!«
Ich ergriff meinen Mannlicher und folgte der erregten Bande nach einem einige hundert Meter entfernten Platze, wo eine große lärmende Menge sich zusammengefunden hatte, um das Wild zu beobachten.
»Wo sind sie?« fragte ich, da ich nichts sehen konnte.
»Dort, dort!« schrien sie alle so laut sie konnten, indem sie nach dem Gipfel der gegenüberliegenden, etwa 400 Meter entfernten Felswand wiesen.
»O das ist zu weit!«
»Nein, nein, Sahib! Bitte, schieße!« drängten sie alle.
Ich stellte das Klappvisier meiner Büchse auf 400 Meter, zielte und drückte ab, und von Fels zu Fels stürzte die arme Ziege unter der wahnsinnigen Aufregung der sich um mich drängenden Menge. Sie rollte weiter, bis sie an das Strauch- und Buschwerk kam, wo ihr Fall sich verlangsamte. Endlich blieb der zierliche Körper an einem größern Baume hängen.
Äxte wurden sofort herbeigeschafft und zwei große Bäume eiligst abgeästet und gefällt. Es sollte eine Brücke über das kalte, reißende Wasser des Kali geschlagen werden. Ein Baum wurde hinübergeworfen; seine Spitze reichte gerade bis zu einem Felsen auf dem andern Ufer. Tiefstes Schweigen herrschte, als ein Kuli hinüberbalancierte. Er hatte fast das jenseitige Ufer erreicht, als der Baumstamm plötzlich krachte und brach, und der arme Teufel schreiend im Wasser lag, sich mit den Fingern krampfhaft an einen Ast des Baumes krallend. Ein Kuli eilte zu Hilfe, aber da die Strömung den Baum hin und her warf, wurde auch er ins Wasser geschleudert. Erst nach Augenblicken ängstlicher Spannung gelang es, unter großen Anstrengungen die beiden Leute zu retten.
Der Weg bis Lahmari, unserm nächsten Lagerplatze, führte an hübschen Wasserfällen vorbei durch eine so reizende Landschaft, daß wir die Beschwerden des Kletterns auf dem mühsamen Wege ganz vergaßen.
In frühern Zeiten ging der Weg über den höchsten Teil des Abhanges, und ein guter Fußgänger brauchte einen ganzen Tag, um von einer Quelle zur andern zu gelangen; daher der Name »wasserlos«.
In Lahmari endet der Nerpani.
Bald erwartet ein unfreiwilliges Sturzbad den Vorübergehenden und durchnäßt ihn bis auf die Haut, wenn er nicht mit wasserdichtem Mantel und mit Regenschirm versehen ist. Ein dichter Sprühregen fällt auf einer Strecke von einigen dreißig oder vierzig Meter aus großer Höhe herab. Der Weg ist hier sehr schmal und schlüpfrig, so daß man nur langsam vorwärts kommt.
Wenn auch nicht ebener, so wird der Weg von hier aus für den geübten Fußgänger doch besser. Er ist weniger felsig und hat nicht die ermüdenden Stufen.
Zu unserer Rechten liegt hoch oben am Felsenhange das malerische Dorf Buddi (2830 Meter) mit seinen zwei- und dreistöckigen Häusern. Unter und über ihm sieht man den Weg in großen Zickzacklinien zur Höhe des Tschai-Lek oder Tschetopasses hinaufführen.