Anmerkungen zur Transkription
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Die Novellen
um Claudia
Ein Roman
von
Arnold Zweig
Kurt Wolff Verlag
Leipzig
Achtunddreißigste bis neunundvierzigste Auflage
Druck der Hof-Buch- und -Steindruckerei Dietsch & Brückner, Weimar
[Abschnitte:]
| I. | Das Postpaket | [7] |
| II. | Das dreizehnte Blatt | [55] |
| III. | Der Stern | [95] |
| IV. | Das Album | [147] |
| V. | Die keusche Nacht | [191] |
| VI. | Die Passion | [223] |
| VII. | Die Sonatine | [263] |
Das Postpaket
»Nicht doch, lieber Doktor,« wehrte Claudia mit tiefer und sanfter Stimme, als er sich eifrig bereit erklärte, ihr die Sorge um die Garderobe abzunehmen, »das hat James bereits getan«; und wirklich näherte sich ihnen der livrierte noch junge Diener in gelbgrauem Rock und weißen Hosen, die in Stulpstiefeln steckten, mit dem zartroten Abendmantel und den dünnen Schals seiner Herrin. Doktor Rohme stand in Überzieher und hohem Hut ein wenig hilflos in diesem von Geschwätz widerhallenden Vorraum. Noch immer fühlte er unter allen Erregungen dieser kunsterfüllten Abendstunden den Entschluß, gespannt und summend, eine tiefe Saite, der ihn heute hierher geführt hatte, zehnmal widerrufen und dennoch nicht aus dem Tatwerden gedrängt; und während Claudia sich von den knappen Bewegungen ihres Lakaien, die Geübtheit verrieten, einhüllen ließ, grübelte er, verkniffenen Mundes und mit abseits träumenden Augen, von den um ihre Überkleider Kämpfenden gestoßen und unfreundlich angesehen, über jene bittere Wallung des Nicht-mehr-Ertragens, die ihn gestern überfallen und heute hierher gestoßen hatte, wie die See eine Qualle auf den Felsen wirft. Er hatte, von der Theateranzeige veranlaßt, in Goethes Götz erst geblättert, dann mit Entsetzen gelesen, und Weislingens Schwanken zwischen dieser und jener Partei hatte ihn wie ein roher Schlag mitten ins Gesicht getroffen. Ekel und grauenvolle Verachtung gegen sich stieg ihm in den Hals dafür, daß er seit drei Wochen die Notwendigkeit eingesehen hatte, Entscheidung und Klarheit in seine Beziehungen zu diesem Mädchen zu bringen, das er mit demütiger Sehnsucht liebte, ohne den Mut zum Entschluß zu finden. Denn augenscheinlich, nach der ruhig befreundeten Art ihres Benehmens, wußte sie nicht im mindesten, wie unmöglich er für sie war. Sein Reinlichkeitsgefühl empörte sich; er kam sich beschmutzt vor, besudelte fast auch sie – so hatte er sich die Qual dieser Vorstellung verordnet, und das Mittel hatte gewirkt. Noch heute abend alles beenden, sich vor ihr noch heute entblößen, auf die Gefahr hin, für immer entlassen und ins Dunkelkalte hinausgewiesen zu werden: das war's, was nottat, und das war unlöslich beschlossen.
Als Claudias Gesicht verändert, selbst fremd aus dem weißen Seidenstoff hervorlächelte, legte sie ohne ein Wort ihren Arm in den des befreundeten Mannes und ließ sich, während in Wirklichkeit sie den Weg andeutete, scheinbar von ihm zu dem bekannten blauen Automobil der Eggeling führen, das James bereits hergewinkt hatte und das inmitten der vielen Leute, die aus den Portalen herausdrängten, wie eine Bestie toste. Er fühlte ihre Leitung mit einer scharfen Beschämung, die ihm wiederum grundlos schien, und hätte sich am liebsten verabschiedet, aber das ging ja nicht an; und als sie in dem dunklen Fahrzeug verschwand, ohne ein Wort an ihn zu richten, das ihm dazu Gelegenheit gegeben hätte, mußte er ohnehin nachsteigen. Der Chauffeur fuhr an, kaum daß er sich hatte setzen können; so fiel er beinahe in das Lederpolster zurück und argwöhnte ein Lächeln ihres beweglichen Mundes, das ihn unglücklich gemacht hätte. Aber das schöne blasse Gesicht blieb in stiller Freundlichkeit unverändert; während sie emsig ihre Gewänder ordnete, sah sie ihn mit hellen Blicken an, und er fand sich wieder in der durchdringend süßen Gefahr dieser großen schwarzen Augen voll verständigen Glanzes, unsicher und hingerissen. Einen Augenblick lang schwirrte das leichte Rauschen und Erzittern des hastenden Fahrzeugs durch die Stille ihrer Gedanken, die noch genießend an dem eben verlassenen Schauspiel hingen. Der Vorhang war umsonst gefallen; noch klirrten Rüstungen zu geschwungenen Gebärden und einer männlich herben und kriegerischen Prosa: man hatte den Götz von Berlichingen gespielt, wie um zwei großen Schauspielern Gelegenheit zu geben, ihre Kunst an Goethes Jugendwelt zu erweisen, indem die strömende Genialität des älteren den wenig zerlegten Ritter in einem reichen Zuge schuf und lebte, während der jüngere mit lauter kleinen, unendlich nervösen und verfeinerten Einzelheiten dem unbeständigen Weislingen als einem heutigen Menschen nachtastete, dessen halbe und unvollendete Gesten und Betonungen eindringlich und modern zu dem ähnlich gearteten Publikum gesprochen hatten. Das Gleichgewicht, das sich beständig zwischen ihnen herstellte, war den Leuten in prickelndem und begeisterndem Genuß in die Seelen gedrungen und sprang am Schluß mit einem Außersich von Beifall prasselnd wieder hervor, zurück zur Bühne.
Während dies schon vage Erinnern in ihm zitterte, quälte er sich unausgesetzt, ein Mittel ausfindig zu machen, einen Weg, der, ohne bei ihr Anstoß zu erregen und ganz geradezu von seiner Lage zu reden – wobei sie wohl nur mit hoch hinaufgezogenen Augenbrauen den Mund abweisend schmal gemacht hätte – ihm gestattete, seine innere Verfassung vor ihr hinzubreiten: sieh, so bin ich, nun entscheide dich … Aber das war schwer, und nichts wollte sich finden. Endlich begann Claudia ihn leichthin wie aus Schicklichkeit zu fragen: »Eine eigentümliche Aufführung, Doktor, oder?« Er glaubte zu fühlen, jedoch nicht schmerzhaft, wie soeben das rauschende Schweigen als etwas Lebendes zerbrach, nahm sich zusammen und erwiderte hoch, ein wenig umschleiert, in leicht vortragender Weise: »Eigentümlich, gewiß. Unzeitgemäß, aber modern, wird man urteilen können. Ob Goethe seinen Weislingen so gesehen hat?« Sie lächelte halb: »Denken Sie an Weislingen? ich an den Götz … Ihre Frage behalte ich aber bei: ob er den Götz so gesehen hat?« Er nahm die Brille ab und rieb sie mit einem weißen Tuche, während er sehr langsam sprach: »Ich weiß nicht, Fräulein Claudia, ob es augenblicklich so sehr auf Götz ankommt. Die Leute, die mit uns heute abend beide sahen, werden vermutlich von dem anderen mehr sprechen, so, wie Sie mich dabei ertappten. Er ist einer von ihnen … von uns. Dieser Götz kann noch in Goethes Sphäre gehören – ob dieser Weislingen, das ist mindestens fragwürdig. Für Goethes Zeit war sicherlich selbst ein so beeinflußbarer und« – er stockte ein wenig, überwand und gab dem folgenden Wort einen starken Nachdruck – »unmännlicher Mensch etwas Dezidierteres. Diese Art von Weislingen blieb uns vorbehalten,« schloß er mit befremdeter Bitterkeit.
Claudia Eggeling glaubte alles zu fühlen, was aus seinem Ton hervorging; auch hatte sie das starke Empfinden wohl bemerkt, mit dem der lang Bekannte an der Person Weislingens teilgenommen hatte, solange das Spiel gegangen war; aber da sie diese sonst willkommene Erörterung zu verschieben wünschte, bis die Sachlage vertraulicher und beherrschbarer wäre, lenkte sie ab: »Wir werden uns darüber streiten müssen, ich bin gar nicht Ihrer Ansicht. Ich höre ja, wie Sie den armen Weislingen verdammen.«
»Verdammen? Ach nein, das ist mir ferne, denn …«
»Jedenfalls lehnen Sie ihn ab. Wie verträgt sich aber, mein Herr Philosoph, der »unmännliche Mann« mit Ihrer Logik?« Sie hoffte durch Drolligkeit die grübelnde Schwere aus seinen Antworten zu verbannen; aber ganz vergeblich, denn er sprach trübe wie vorher: »Gut verträgt er sich … Man kann einen Typus Mann hinstellen, der alle Eigenschaften besitzt, die Mannheit zu konstituieren, nicht wahr? und zwar in höchstem Maße besitzt. Gut. Der Einzelne weicht von diesem Typus ab, und in besonders unglücklichen Fällen so weit, daß Männlichkeit nicht mehr da ist. Trotzdem geht er als Mann spazieren.«
Das Automobil erreichte mit scharfer Kurve plötzlich eine Hauptstraße. Nach wildem Holpern auf dem leicht unebenen Pflaster schien es auf dem Asphalt den Boden überhaupt zu verlassen und zu fliegen, hinein in eine von milchigem und rötlichem Licht erregend strahlende Luft. Das Leuchten erfüllte, mit dem gedämpften Lärm der Straße eindringend, plötzlich den kleinen hastenden Raum und hob die beiden Gesichter grell in eine Art intensiverer Gegenwart.
Claudia vergaß ihren Vorsatz und ging lebhaft auf das Thema ein, wie immer unfähig, sich Gedachtem zu verschließen: »Skizzieren Sie den Typus ein bißchen.« Sie fragte sich nebenbei, wie sich diese Analyse wohl zu seinen eigenen Eigenschaften verhalten werde …
»Sie stimmen mir also bei,« sagte er, die Augen vor den gleitenden Lichtern beschattend. »Wir können bei Götz bleiben, denn Götz ist sehr Mann. Ich schweige von allem, wofür der Mann bekannt ist: Güte, Kindlichkeit, Mut und alledem. Auch Weislingen kann gütig sein, aus Schwäche. Grundsätzlich ist der Mann der Zeuger, der Fruchtbare …«
Sie sprach: »Und die Frau?«
»Empfängt, verwandelt und gibt heraus, nicht wahr? gebiert. Der Mann aber bringt hervor. Er hat die Kraft des Zusammensehens, er schafft, indem er neu sieht … Weislingen erblickt das Neue hinterher und versteht es, er sieht ein. Niemals baut er Brücken zwischen Getrenntem und sieht nur Endgültiges; Götz begriffe nie, daß es dabei Schwierigkeiten gibt … Götz nimmt die Dinge fragmentarisch, als Vielheiten, die einer Einheit bedürfen, und hat doch mehr Ehrfurcht vor ihnen als Weislingen, der sich dem einzelnen Ding oder Zustand blind hingibt und sich beständig verliert.«
Claudia befand sich plötzlich nicht bei der Sache. Erst war ihr, als rede er irgendwie von sich, Ungünstiges. War nicht er vor allem einsichtig? Waren nicht auch Herodes, auch Kandaules irgendwie typisch männlich Handelnde, die ihm verwandter sein mußten? Warum gerade Götz, sein Widerspiel? Und dann ertappte sie sich: in seinen zögernden Sätzen klang etwas Inspiriertes mit, und sie lauschte mehr als dem Inhalt der Worte diesem Ton, der ihnen etwas schwer und langsam sich Lösendes gab, etwas Rührendes. Doch war ihr für diese Stimmung das Gesagte zu wichtig, und so nahm sie den Entschluß abzubrechen wieder auf. Eigentlich wollte sie sagen: Ihr Typus tut Ihnen Unrecht, dazu haben Sie ihn geformt; aber sie wandte es allgemein und meinte: »Ich glaube, Ihr Typus tut den Lebenden Unrecht. Nun, davon nachher; ich Barbar habe jetzt nichts als Hunger, und Mama ließ keinen Zweifel übrig, daß auch für Sie ein Butterbrot da sein würde, wenn Sie uns so spät noch Gesellschaft leisten wollten.«
Er hörte willig auf. Es quälte ihn, von einem Gegenstand, der ihn so nahe anging, in einem Fahrtgespräch zu plaudern; auch mußte er seinen Geist dem zuwenden, was sie eben gesagt hatte. Ein Gefühl von Glück – noch eine Stunde mit ihr! und ein drängendes Unbehagen erfüllte ihn; er wußte wieder einmal nicht, ob man wirklich auf ihn als gern begrüßten Gast sah, oder ob das Gefühl des Wohlseins in diesem schönen Heim ihn über eine schmähliche Rolle als aufdringlicher und lächerlicher Besuch hinwegblendete. Er sagte leise: »Ihre Frau Mutter ist sehr gut zu mir … aber ich weiß nicht … ich hatte den Entschluß fassen wollen, nicht mehr so häufig bei Ihnen zu sein …« Ein beizender Haß gegen sich und eine augenblickliche Wut über seine widersetzlichen Organe explodierte in seiner Brust: das hatte ganz anders geformt und gesagt werden müssen – nun klang alles falsch.
Von Zeit zu Zeit rief die Hupe mit einem lauten tiefsingenden Ton. Es lag darin die Stärke und Weisheit eines großen Tieres, das seines Weges gewiß ist und Schwächeren nicht schaden will. Manchmal antworteten andere Wagen, hell und schnarrend, sie schossen vorüber wie flüchtig oder verfolgend und aus Dunkel in Dunkel tauchend. Zu beiden Seiten lag Schwärze, aus der einzelne Laternen Bäume und Gebüsch hoben; man hatte fast ohne Übergang die Stadt verlassen und schoß auf der nächtlichen Asphaltstraße, die sich unter dem quellenden Licht der Scheinwerfer emporzuwölben schien, dem heimischen Villenort zu. Claudia wandte ihm ihr Gesicht wieder zu: »Langweilen wir Sie?« fragte sie befremdet, doch mit einer ungläubigen Miene, die davon wieder etwas wegnahm. Sie erriet ihn ungefähr, und als Antwort stellte sich eine Freude dieser Art ein: wie reizend ungeschickt kann solch ein kluger Mensch sein! Wenn er sich nur nicht so quälte …
Er wischte mit der Hand über die Stirn und murmelte: »Sie wissen, wie sehr Sie unrecht haben, Fräulein Claudia. Aber ich bin nun schon so oft und so lange bei Ihnen,« und er redete endlich etwas freier, »daß ich nicht begreife, wie Sie und Ihre Frau Mutter … Sie wissen doch, ich bin nun einmal kein Elegant … Sie haben so viel Nachsicht für mich …« Er konnte alsbald nicht weiter, denn sie lachte ihr helles, reizendes Gelächter eines jungen Mädchens, dem sie sich um so lieber hingab, weil es sich so sehr zu rechter Zeit einstellte. Er sollte sich nicht beschämen und, nicht einmal harmlos, erniedrigen. Sie schüttelte schnell den Kopf: »Nachsicht, lieber Doktor Rohme? Aber wofür denn? Sie haben noch nie ein Nippes zerschlagen und weder Tee noch Wein auf das Tischtuch gegossen.« Mußte man ihm nicht gut sein? Unbedingt … »Aber ich könnte es jeden Augenblick tun, ich bewundere mich selbst in diesem Augenblick,« lächelte er. Ihre Heiterkeit tat ihm sehr wohl, sie entführte das Gespräch in eine Sphäre voll leichter Luft ohne Schwüle.
»Nein, denken Sie nicht stets an das was sein könnte. Sie machen sich überhaupt zu viele Gedanken über sich, ich finde, man muß darin maßvoll bleiben,« und sie nahm einen mütterlich ermahnenden Ton an, der ihn mit körperlicher Süße durchdrang. Oh ja, allerdings, er liebte sie sehr, sehr, allzusehr! – Aber vielleicht mochte man ihn hier wirklich leiden, fand ihn erträglich, sah ihn gern? Er fragte fast froh: »Ihre Frau Mutter hat also auf mich gezählt?«
»Mama und ich bescheidenes Wesen. Hatte ich Ihnen nicht einen Platz in unserer Loge angeboten? Ich konnte ja nicht ahnen, daß Sie den Entschluß hatten fassen wollen, uns oder mich zu negligieren.« Sie wußte gut, daß ihm der Klang des Spottes in ihrer Stimme angenehm und verständlich sein würde; es lag ihr daran, die völlige Leichtigkeit einer Konversation herzustellen, und er ging darauf ein. Er schüttelte vergnügt den Kopf, so daß ihm eine lange Strähne rötlichen Haares in die Stirn fiel, über eine weiße, sehr durchdachte Stirn, deren Haut viele Sommersprossen zeigte; er ließ den dicken rotblonden Schnurrbart durch die Hand gleiten und nahm ihren Ton munteren Spottes wieder auf, indem er ihn gegen sich kehrte:
»Sie haben also gegen mich recht behalten. Während ich mich ankleidete, habe ich mir bewiesen, und zwar mit algebraischer Gültigkeit bewiesen, was ich tue, sei Unfug, denn ich würde mich ja doch nicht in Ihrer Loge zeigen.«
»Sehr unrecht, mein Herr Doktor Rohme,« sagte sie strafend. Sie schien ihn ruhig zuhörend anzusehen; in Wirklichkeit aber musterte sie ihn und prüfte: er sah offenbar überanstrengt aus. Er fuhr fort: »Ich wollte mir, da ich endlich am Theater war, an der Kasse nämlich, einen Parkettsitz kaufen, aber es war ausverkauft, nichts mehr da.« Er sollte nicht soviel lesen. Es tat ihm nicht gut, unbedingt nicht, und half zu nichts, denn am Ende stellte sich stets heraus, daß er alles neu machen und aus sich selbst holen mußte.
»Nun also,« lächelte sie. Und seine großen grauen Augen blickten heute zweifellos besonders matt. Er setzte hinzu: »Es gab nur noch Stehplätze und Logen. Das ging beides nicht, das erste mochte ich nicht und das zweite konnte ich nicht, denn ich dachte, es wäre beinahe eine Beleidigung.«
»Sicherlich,« war ihr Einwurf. »Ich hätte es Ihnen nie verziehen.« Sie mahnte sich: gib bitte acht; aber sie mußte ihn weiter ansehen. Kannst du dir vorstellen, daß er nicht mehr da wäre? Sie widersetzte sich: natürlich! … Ehrlich? nein. Sie hörte unterdessen: »So beschloß ich, nach Hause zu gehen.«
»Pfui,« verurteilte sie. Hin und wieder brach schon wieder Licht durch die Fenster ein, man war bereits im Ort. Dann wurde sein Glas undurchsichtig und seine Augen verschwanden. Es war fast unhöflich, so einsilbig dazusitzen und im Innersten abwesend zu sein; freilich weilte auch ihre Unaufmerksamkeit bei ihm … Wenn er davon wüßte! Es war doch sehr gut, daß er gerade berichtete: »Aber nun entdeckte ich, während ich zwei- oder dreimal im Foyer auf und ab ging, daß ich mich schon seit einigen Tagen innerlich darauf gestimmt hatte, diesen Abend im Theater und … mit Ihnen zu verbringen und spürte die Macht des tyrannischen Vorsatzes. Außerdem stieß ich fortwährend an Leute, die hineinwollten, während es keiner Seele einfiel, hinauszugehen. Da ließ ich mich denn tragen und stand vor Ihrer Loge, ehe ich es recht wußte, und während ich ausschließlich dachte, daß ich doch hinauswollte, nach Hause. Wenn ich selbst hätte öffnen müssen, so wäre mir das vermutlich peinlich gewesen, so unmöglich, daß ich vielleicht doch noch auf die Straße gefunden hätte, aber gleich machte mir ein Diener die Tür auf, und Sie empfingen mich leise, denn es hatte natürlich schon begonnen. Aber die Hand gaben Sie mir doch noch, Fräulein Claudia.« Sie hatte den Sinn seiner Worte in einer oberen Schicht ihrer Seele erfaßt und konnte sogar antworten: »Und warum nicht? Sie störten ja niemand. Es ist hübsch, daß man ungeniert ist auf diesen Plätzen – wie sagt der Engländer geschmackvoll? ›stalls‹ sagt er, Ställe. Sie machen Theater und Konzerte möglich und menschensicher. Aber ich glaube, da sind wir. Endlich,« und sie seufzte befriedigt. Im Zimmer konnte man sich bewegen und hatte Resonanz, Deckung und vertrauten abgegrenzten Raum zu rechtem Beisammen und Gespräch … Das Automobil fuhr mit einer knirschenden Kurve durch das Gartengitter und vor das Tor der Villa. Der Diener öffnete, es war noch kühl und der Atem dampfte.
Dr. Rohme ging allein in dem behaglich gestalteten Zimmer umher und dachte nach, gesellschaftsmäßig angekleidet, schwarz, mit breiter schwarzer Kravatte und weißer Hemdbrust. Er kannte hier jedes Möbel und jedes Bild, obwohl er für neuere Bilder nicht gerade maßloße Begeisterung zu haben pflegte. Ein dicker, blauer Teppich sog jeden Laut seiner ruhelosen Füße auf. Er dachte an Claudia und bewegte aufgeregt die Lippen, als spräche er lautlos vor sich hin. Er liebte sie, daran durfte er nicht länger zweifeln. Weilte er bei ihr, so war ihm wohl ums Herz und er dachte dann wenigstens nicht an sie. Freilich mußte er sich oft zusammennehmen, aber außerdem war sie gütig. Erst hatte er alles dem Hause zugerechnet, den schönen Zimmern, in denen man zu dreien, dann zu zweien Tee nahm, später der lieben Herrin, ihrer Mutter, und endlich hatte er entdeckt, daß die Tochter ihn lockte und festhielt, die Tochter. Kannte er seine Pflicht? Fort mußte er, fort auf der Stelle und ohne zu zögern. Denn was sollte daraus werden? Er konnte sie doch nicht heiraten. Er war ein junger Dozent mit winzigen Einnahmen, in Fachkreisen genannt wegen einer polemischen Zerlegung des Begriffes »Willen«, und nichts mehr; und sie, Claudia Eggeling, hatte, wie man sagte, unbändig viel Geld. Ein Mitgiftjäger, wie? Also das war ganz unmöglich … es blieb ihm nichts weiter übrig, als zu gehen, unwiderruflich zu gehen, sofort. Denn wie sollte er ihr, er, ihr, seine Gründe sagen: Sollte er anfangen: »Claudia, ich liebe Sie, aber …« Sieh da, unterbrach er sich verzweifelt, er hatte vorhin wieder einmal nur an sich gedacht, wie immer. Sie hatte augenscheinlich eine gewisse Einwilligung auszusprechen, ehe man sie heiraten konnte. Sein Denken zeigte sich heute stupid und gründlich albern.
Er blieb vor dem Spiegel stehen, um sich wieder einmal zu bestätigen, daß es für ihn, Walter Rohme, lächerlich und hoffnungslos blieb, eine Frau zu suchen. Nicht allein, daß er rot von Haar war, gefärbt wie ein Kupferkessel, und sommersprossig überdies – sein Aussehen war einfach komisch: und er betrachtete mit ohnmächtiger Erbitterung den da hinter dem Glase, den er hemmungslos hätte schlagen können – das gewohnte und vertraute Bild eines breiten Mannes, mit Augenbrauen und Schnurrbart, dick und buschig überhängend, dem Eindrucke eines Piraten nahe; einem Eindruck, den der zweite Blick übrigens zerstörte, weil die Augen sich wunderlich unsicher bewegten, grau hinter den dicken Gläsern der zerbrechlichen Goldbrille, weil sein Mund unterm Barte sich blaß und geradezu zaghaft verzog, seine Stimme hoch klang und dünn, das Kinn allzuzart geformt schien und die Stirn übertrieben nachdenklich. Ja, dieser Gegensatz mußte zum Lachen reizen, wenn man zu guterletzt noch wahrnahm, daß er nur über Bewegungen linkischer und ungewandter Art verfügte, nachdrücklich und nichtssagend in einem, wobei es stets bleiben würde. Und das untersteht sich und ist Ich, stöhnte es in ihm. Nie im Leben war er sich so unerträglich gewesen wie eben jetzt … Claudia hatte zwar jüngst mit Wärme behauptet, daß ihr wenig an eines Mannes Schönheit gelegen sei, Adonis und Absalom seien vermutlich dumm gewesen – aber ganz gleich, er mußte fort. Sie kannte ihn ja kaum, wenn sie auch ziemlich klug war. Wie sollte sie wohl dazu gelangen, ihn so tief zu erraten, wie er von ihr Wissen in sich trug … Nur das Leiden um Menschen macht hellsehend und öffnet die Seelen. Er ging neben ihr unerkannt und für immer unzugänglich. Denn er konnte nicht von sich reden, und wenn er es versuchte, so zwang ihn Scham und Haß zur ungerechten Maske. Sie hatte nicht erraten, wen er vorhin verdammte, als er den Berlichingen zum Typus Mann erhob – wie hätte sie es auch können! Wenn sie ihn nicht erriet, durfte er nicht bei ihr bleiben, und wenn sie ihn sah, war es gleichfalls zu Ende. Hatte sie wohl einen Begriff davon, wie unzuverlässig er manchmal war, und daß bei Dingen des täglichen Lebens oft die letzte Stimme seiner Ratgeber seine Handlungen regelte? Würde sie ihn nicht bald regieren, wie? und würde er vielleicht nicht in allem ihres Willens sein? Ganz gewiß: und dann ergab sich in ihrer Seele mit Notwendigkeit, daß er ihr erst lächerlich wurde und dann verächtlich, widerwärtig, ein Abscheu … Sie nannte ihn Freund, nun gut, sie lasen gewisse philosophische Bücher zusammen, sie hörten und machten hin und wieder gemeinsam Musik, sie spielte ihm vor, sie gingen wie heute ins Schauspielhaus oder in die Oper – damit war nichts bewiesen. Nein, Claudia handelte entschlossen, sie ritt, sie brauchte sich nicht zweimal zu besinnen und dachte zuerst an den Götz. Was sagte sie doch jüngst, als ihre Mutter sich verspätete? »Ich bin pünktlich und verlange Pünktlichkeit. Unzuverlässige Menschen sind mir ein Greuel.« So ist es, unzuverlässige Menschen sind ihr ein Greuel … Das Herz klopfte ihm im Halse, und seine Hände verkrampften sich: er war verurteilt, und bebende Verzweiflung machte ihn zittern.
So folterte er, ehrlich und mannhaft, seine Seele mit der heillosen Psychologie.
»Mama müssen Sie entschuldigen, lieber Doktor, sie hat sich bereits zurückgezogen,« sagte Claudia hinter ihm. Sie hatte in der kurzen Wartezeit jenes hängende braune Hauskleid angelegt, das er sehr liebte, das am Hals und an den Ärmeln graugrün besetzte. Das war die Gestalt, ihm bis in seine Träume hinein vertraut, dieses schlanke, sanfte Wesen mit ruhigen Bewegungen und den klugen schnellen Augen, deren braune Iris die Seidenfarbe des Kleides enthielt und beseelte, während das tiefschwarze Haar gleich den großen Pupillen glänzte. Ihre Nase bog sich kühn und fein zugleich: oh, eine Römerin von Grund auf mit der gleitenden Stimme eines dunkelsingenden Vogels. Ja, diese liebte er – und sie, die er aufzugeben hatte.
»Sie werden mit mir vorlieb nehmen müssen,« fuhr sie fort. Da entschloß er sich trotz alledem zu einem plötzlichen und brüsken Abschied, zu Flucht und Aufschub und brieflicher Erledigung, weil das wohl das leichteste sein würde: »Ich denke, es ist besser, ich gehe jetzt, Fräulein Claudia,« gab er zurück und suchte seine Stimme festzuhalten, damit sie nicht nach Trauer klinge, »es ist wohl Zeit …« Das Mädchen ging sehr ruhig auf die Schwelle des Eßzimmers zu, wandte sich, die Hand auf dem Türgriff, zu ihm und bemerkte: »Ich denke, es ist besser, Sie bleiben und helfen mir essen. Es gibt ohnehin nur Eier. Das haben wir davon, wenn wir ins Theater gehen.« Sie öffnete, ging voraus und er zögerte, hob hilflos die Achseln und folgte ihr.
Von der weißen Decke herab strömte Licht. Schwarze Täfelung und das schwarze Holz der Möbel mahnten zur Haltung; aber das Grün des Teppichs und der Stoffe auf den Sitzen und Vorhängen leuchtete rasenhaft und milderte den Ernst des schönen Raumes zu gelassener Heiterkeit. Es war gut darin zu speisen. Der Tisch, an dem sie einander gegenübersaßen, war mit weißem feinfädigem Linnen gedeckt und symmetrisch bestellt mit Schüsseln voll Brotscheiben, dünn und locker, mit Wurstarten in einer Tonleiter von Rot, mit Gläsern für Bier und Tee, mit silbernen Bestecken und kelchartig geformten Eierbechern aus dünnem Porzellan und mit Tellern mancher Größe aus derselben edlen weißen Erde. An diesem einladenden und weißleuchtenden Tische saßen sie nun einander gegenüber, Claudia Eggeling und der Doktor Rohme, sie freimütig und heiter, leicht vorgeneigt und essend, nach Herzenslust in Bewegung mit ihrem braunen, zartrauschenden Seidenkleid – er aber noch immer ein wenig steif, noch immer etwas beengt und geradeaufragend, schwarz, mit weißer Brust, hohem Kragen und rotem Schopf, an einen Specht erinnernd … Sie aßen beide in Emsigkeit – die späte Stunde, die in dem lichthellen Zimmer nicht galt und zur Gegenwart kam, meldete sich mit Hunger – und selbst wenn Claudia Lust verspürt hätte, sogleich zu plaudern, wäre es nötig gewesen den Doktor zu wecken: denn sein ausdruckslos und starr beiseite gewandter Blick verriet zur Genüge, daß nur sein Leibliches hier anwesend sei, um zu essen, und daß sein Geist indessen anderswo schweifte, Gott weiß in welchen Gefilden … Claudia lächelte in sich hinein, ganz wenig und schalkhaft, und ließ ihn gern seinen Weg gehen, weil sie sich inzwischen herzliche Blicke gönnen durfte, nach denen ihr Gemüt drängte – sie glaubte, er sei noch im Schauspiel oder irgendwo in Goethes Welt; aber wie wäre sie erschrocken, wenn sie die Gedanken ihres Nachbarn gehört hätte! Er war nicht weit fort, er befand sich vielmehr in ihrer Nähe, er tummelte sich auf einem engen Kreise rund um sie beide und war schwer von Bitterkeit: »Und warum fühle ich mich Ihnen gegenüber gar so niedrig und mangelhaft, Claudia? Warum sitzen Sie so selbstgewiß und maßgebend da, während ich mich vor Ihnen demütige? Weil ich mich aus der Dürftigkeit meiner Geburt zu Ihnen emporgerissen habe, in eine Luft, die das Klima meiner Seele ist, und weil mein Intellekt größer ist als der Ihre, aber im Körper eines Knechts; weil ich für jeden Entschluß mehr gleichwertige Möglichkeiten sehe, weil ich nicht jemand in mir blind wählen lasse, sondern erwäge, und mittlerweile überwältigt werde. Und warum lasse ich mich überwältigen? Weil ich für Entschlüsse und Taten so leicht ein Lächeln habe, ein geringschätziges, bitte ich; weil diese Leute von pompöser Tatkraft und kurzem Geiste in ihrer Einfalt grotesk wirken … Sie haben mehr Kraft und mehr Erfolg – aber seit wann bedeuten diese beiden etwas im Reiche des Geistes? Ach nein, kleine Claudia, wenn Sie auch über mich siegen und lächeln: ich bin der höhere Typus, der schwächere, verfeinerte, geistigere – und was Ihrer Klasse Macht über mich gibt, was diesen Götz über uns Weislingen triumphieren läßt, das ist bloße Physis, nichts als Körper, nur Natur!« – Aber diese böse und hochmütige Aufwallung ebbte im Fortschreiten des Mahles; und während er ihren Händen zusah, die flink und anmutig für ihn sorgten, löste sich der Krampf seiner zu Einsamkeit verurteilten Seele in ruhige Wehmut; nichts blieb davon als ein trauernder und sanfter Blick hinter den scharfen Brillengläsern. Er würde es bald nicht mehr so gut haben. Vielleicht war dies das letzte Mal – und ihn schauderte vor seinen leeren Zimmern, in denen er einst seine Zuflucht zu sehen pflegte. Sie hießen Verbannung.
Während sie aßen, waren anfangs nur wenig Worte hin und her gegangen, ein Scherz, eine Bitte um Brot, eine Aufforderung sich zu bedienen. Aber nach der Stillung des ersten Hungers entfaltete sich das Gespräch persönlicher. Claudia beschloß, jetzt das herbeizuführen, was sie vorhin vermieden hatte. Indem sie aus dem Aufschnitt wählte, der auf einer Platte lag, besann sie sich: »Sie erzählten vorhin, auf wie merkwürdige Art Sie endlich doch in meine Loge kamen. Kommt Ihnen das öfters vor, dieses … Schwanken, oder haben Sie es als etwas Ungewöhnliches behalten?« Er seufzte leicht: »Ach, Fräulein Claudia, solche absurde Überwältigungen meiner selbst berechne ich nicht mehr. Es lohnt nicht der Mühe. Habe ich Ihnen die Geschichte erzählt, wie ich einmal ein Postpaket von Freiburg abschickte?« Er erschrak über die Worte, die soeben, im Augenblick vorher noch ungewußt, über seine Lippen rollten, und erstaunte. Wie kam jetzt diese alte beschämende und vergessene Sache zu ihm? War diese Eingebung die Frucht eines Suchens, das unterhalb des Bewußtseins fortgestöbert hatte und ihm jetzt reif und fertig ein passendes Beispiel zuwarf, das ihn lächerlich zeigte? Aber mit düsterem Frohlocken begrüßte er sie. Woher auch immer sie kam, gerade jetzt, sie war willkommen, sie kam gut; an ihr würde sie ihn erkennen und alles würde zu Ende sein.
»Niemals; also erzählen Sie. Ist sie nett? – Nehmen Sie Tee oder Bier?« Was beabsichtigte er mit diesem Postpaket? Sie konnte sich täuschen, aber irgendeine Spannung und Erregung schien den ganzen Abend aus seinem Wesen zu quellen. Sie wollte doch zusehen; ihr war so wohl zumute in seiner Anwesenheit, und so sollte auch er sich nicht nutzlos quälen.
»Tee, bitte; mittel; so, danke sehr. Sie ist sehr spaßig und sehr langweilig, diese Geschichte, außerdem kann ich gar nicht erzählen, aber ich erzähle sie doch. Ich bin überzeugt davon, daß Sie nachher nichts mehr werden von mir hören wollen.« Mit schmerzlicher Wollust genoß er den Doppelsinn, von dem sie ohne Ahnung sein mußte.
»Lassen wir es darauf ankommen, Doktor,« sagte sie fröhlich. Wie klein und bleich ihre Hände waren! Sie trug keinen Ring. Und diese sollte er verlieren! Überwältigendes Mitleid mit sich drohte seinen Entschluß aufzulösen, aber er zwang es hinab, und es schwand. Er fühlte sich von Notwendigkeit gedrängt und begann tapfer:
»Also, ich lebte in Freiburg, eine gewisse Zeit lang. Es regnete viel, dann wollte ich wieder fort. Ich packte alle meine Sachen in Koffer und in Kisten für die Frachtbeförderung durch eine vertrauenerweckende Gesellschaft, deren Inhaber die Herren Säbelberger & Cie. waren und Haftpflicht ausübten.« Er schwieg, weil er sah, wie sie die Lippen leise auseinander tat, um etwas zu sagen, und schwieg gern.
»Hatten Sie damals schon Ihre vielen Bücher?« Ihre Finger machten sich daran, ein Ei abzuschälen, und schufen aus diesem winzigen Vorgang ein Spiel, anmutig wie ein Tanz von Kindern – man durfte nichts tun, als ihnen zusehen … Er schreckte auf und antwortete:
»Wie hätte ich es sonst wohl aushalten können, glauben Sie? Übrigens ist es gar nicht lange her. Die Bücher lagen in einer großen Kiste, gut verpackt, das können Sie sich denken. Aber es ließen sich nicht alle darin unterbringen, und als ich mir überlegte, daß diese Kiste sehr lange brauchen könnte, ehe sie mir hierher geschickt werden würde, wählte ich die Bücher, die ich am nötigsten hatte, weil sie mir die liebsten waren, und machte aus ihnen ein Paket, ein gutes Postpaket, fest aus Pappe und Schnur hergestellt. Darin lag nun beisammen die Kritik der reinen Vernunft in einem großen Lederbande, eine Schopenhauer-Erstausgabe, die Meditationes von 1650, ein denkwürdiger Pergamentband,« – er lächelte ein wenig – »Sie wissen, Descartes; drei oder vier alte französische Drucke des Montaigne und Konsorten, einige schöne englische Shakespearebände und dergleichen. Lauter gute wertvolle Bücher.« Wie wäre es, wenn er jetzt noch innehielt, ablenkte, aufhörte, ehe es zu spät war? Nein, feig wäre es.
»War der Larochefoucauld dabei, den Sie mir geborgt haben?«
»Auch, ja. Also ich nahm das Paket unter den Arm (es schien recht schwer) und begab mich damit auf die Post, Samstag nachmittags. Der Beamte hatte zwar rote schmutzige Hände, aber ein gutes Herz, denn er wog das Volumen mitleidig und riet mir, es doch lieber leichter zu machen, denn es wöge fünfundzwanzig Pfund, und das würde mich einen schönen Batzen Geld kosten. Oder er empfahl mir die Eilfracht. Also empfing ich das Paket wieder aus seinen Händen zurück, dankte ihm und begab mich damit zur Eilfracht.«
»Sie befolgten den unerbetenen Rat?« Ihre Frage klang beinahe träumerisch, denn sie sagte sich unterdessen: wenn er mit seinen lieben Büchern so sorglich umging – wie gut würde es erst eine … ein geliebter Mensch in seiner Nähe haben … und sie errötete verwirrt.
»Den zweiten, ja. Ich wußte nun, daß ich fünfundzwanzig Pfund trug, das machte das Tragen schwerer. Die Eilfracht wohnte zwölf Minuten von der Post entfernt, auf dem Bahnhof. Man empfing mich dort ziemlich hastig, denn am Samstag nachmittag, gegen halb sechs, nicht wahr, da hat man bald Schluß vor, Ruhe, Sonntag. Der Beamte bemerkte, man wolle es besorgen, aber ob ich wisse, was es koste? Und er nannte mir den Preis, denn die Menschen sind dort leutselig. Er betrug etwa das doppelte des Postsatzes. Hm, sagte ich. Ja, sagte er, soviel koste es, und wenn ich es billiger haben wolle, was mir niemand verdenken könne, kein Mensch nicht, so sollte ich doch die Post nehmen, oder die gewöhnliche Fracht. Dazu brauchte ich nur auf den Güterbahnhof zu gehen. Wir schrieben Samstag, und am Montag um neun Uhr gedachte ich abzufahren.« Jetzt konnte nichts mehr vermieden werden, selbst wenn man es dringend wünschte …
»Sie gingen also wieder zur Post?« lachte sie ihn an. Wie umständlich solch ein Mann sein konnte. Aber gerade das machte ihn so entzückend kindlich.
»Ich wandte mich der Fracht zu, Fräulein Claudia. Ja. Ich ging nach dem Güterbahnhof. Er lag ziemlich weit vor der Stadt, wie solche Baulichkeiten eben zu liegen pflegen. Ich schleppte meine fünfundzwanzig Pfund bald unter dem rechten, bald unter dem linken Arm. Es blieb ein Viertelzentner. Da lachen Sie nun,« sagte er und lachte mit. Vielleicht war es doch nicht so gefährlich, vielleicht ging alles noch gut ab. Gib, daß es so sei, sagte er dringlich zu irgend wem.
»Hatten Sie denn nicht die Idee, jemand zum Tragen zu mieten?« Wenn er lachte, sah er aus wie ein Junge.
»In der Tat, diese Idee hatte ich, sie lag ja nicht allzufern, aber einerseits sah ich niemand in der Nähe, und andrerseits ging ich zwar jetzt allein, zu zweien aber wären wir eine Karawane gewesen, und dergleichen mißfällt mir. Ich kam auch allein endlich zum Güterbahnhof.«
»Hier hatte doch die liebe Seele Ruh, nicht wahr?« – Die Erkenntnis, die er unter Wunsch und aufsteigender Leichtigkeit begraben hatte, sprang jäh auf und stand da, schwarz und vernichtend: er gab sich verloren.
»Ja, Claudia, in gewisser Weise wenigstens. Also, da lag ein ziemlich umfangreicher Komplex, wie? Mit Rampen, Schuppen, großen Schiebetüren und dergleichen. Auch mit Büroräumen. Aber alles fest geschlossen. Nun, es schlug viertel sieben, Sie verstehen. Ich ging entlang, entlang, dann bog ich um Ecken, denn ich dachte mir, man läßt doch so etwas nicht allein. Nicht einmal ein Hund bellte, worüber ich mich übrigens freute, denn Hunde machen mich nervös. Endlich hörte ich ein Klopfen und Pochen, und da fand ich einige Leute mit Eisenbahnermützen auf dem Kopfe irgendwie untergeordnet beschäftigt, und ein Mann befehligte sie, der gar nicht amtlich aussah, sondern ein kleines Jackett anhatte und eine Reisemütze, eine Art Jockeymütze auf den Haaren. An den wandte ich mich mit meinem Viertelzentner. Nun, er sprach ungeheuer freundlich, ich solle das Zeug nur dalassen, er wolle das Zeug schon besorgen, da brauchte ich gar keine Sorge zu haben, er würde schon sehen und am Montag ging's fort, da sei gar kein Wort mehr not. Ich sagte ihm vielen Dank, ließ mein kostbares Volumen, das er Zeug nannte, in seinen Händen zurück und machte mich auf den Heimweg.« Seine weiche und hohe Stimme klang noch heiserer als sonst. Claudia bemerkte es:
»Gott sei dank,« sagte sie lächelnd; »nehmen Sie noch Tee?«
»Ja, das dachte ich auch. – Nun, wenn ich bitten darf, noch eine Tasse, den letzten, danke. Ich fühlte mich ziemlich guter Laune; die Sonne ging bald unter, es war kein übles Wetter und ich pfiff, was, weiß ich nicht mehr.«
Er hielt zu kurzer Pause inne und senkte den Blick, der durstig von ihrem Gesicht getrunken hatte. Sie aßen beide längst nicht mehr. Schade, dachte er, während er den Tisch besah, auf dem das gebrauchte Gerät ungeordnet und unschön stand, unsere Bedürfnisse hinterlassen noch immer Häßlichkeit, trotz aller Pflege. Wie hübsch sah vorhin dieses Tischchen aus, mit dem hellen Schein auf all dem Weiß von Porzellan und Linnen … und ist jetzt ein schlimmer Anblick … Da stand Claudia auf und bat: »Einen Augenblick, lieber Freund, ich schlage einen Umzug vor; dieser Tisch verstört mich. Nehmen wir unsere Tassen und rauchen wir nebenan eine Zigarette. Wie?«
Er fand in frohem Staunen über die Gleichzeitigkeit dieses Gefühls kein Wort; er ergriff nur seine Tasse und folgte ihr stumm und vorsichtig in den rotbraunen Raum. Und während sie sich im Hin- und Hergehen alles nötige Geschirr holten, wollte aus diesem nebensächlichen Geschehnis in ihm eine blasse Hoffnung wachsen. Sie hatten dennoch Gemeinsames, vielleicht mehr als sie wußten – sollte er nicht auch davon reden, wie sehnsüchtig und erstarrt und gleichgültig gegen alle äußeren Dinge er damals hinlebte? Sollte er sich nur beklagen, nicht auch entschuldigen und erklären? Daß er sich für sie unbedingt und ohne Zögern in jede Tat stürzen würde – sollte er das nicht gestehen? Nein. Nein, nein. Seine Aufgabe stand, genau umrissen. Wenn sie ihn gesehen hatte, konnte sie entscheiden. Es mochte ja nicht unbedingt sicher sein, daß sie ihn verwerfen werde. Aber die Hoffnung war verblüht.
Ein kleines Tischchen stand zwischen ihnen, auf dem ein Licht mit orangenfarbenem Schirm brannte, und breite rote Klubsessel nahmen sie auf, während das Zimmer rings umher mit unbestimmten Gegenständen und zurückgewichenen Grenzen rötlich verdämmerte. Eine hohe Uhr pochte beharrlich und mahnend. »Ich bitte … Sie ziehen die Zigarre vor;« und Claudia atmete schon den weißen und duftenden Rauch aus. »Eigentlich soll ich nicht rauchen … danke, da ist Feuer. Wo hielt ich … Wenn Sie noch weiter hören wollen. Wie vorhergesagt, es ist langweilig.« Wenn sie jetzt ablenkte, wenn sie genug hatte, so konnte man in Ehren aufhören und ein andermal den Abschied in Szene setzen. Nur noch diese Stunde bat er genießen zu dürfen, dies rauchende Mädchen ansehen, auf dessen Gesicht wie Goldflecken das Licht lag hinter dem wohlriechenden Schleier von Rauch.
»Gar nicht. Erzählen Sie nur, obgleich ich nicht weiß, was noch kommen kann; es ist ja fertig, und Sie gingen guter Dinge heim.« Aha, es war fertig, in der Tat, es war fertig – und es zitterte einen Moment lang in ihm nach: fertig.
»Richtig, ich pfiff. Plötzlich hörte ich mittendrin auf – halt, ich weiß es jetzt, ich pfiff den Tannhäusermarsch – und erschrak vor einem Gedanken. Mir fiel ein, wie leichtsinnig ich gewesen war. Der Mann hatte mir ja keinen Schein gegeben, ein Papier, daß er von Dr. Rohme ein Paket bekommen habe. Er hatte auch kein sichtliches Zeichen eines Beamten gehabt. Es genügt doch nicht, über Eisenbahnmützen zu kommandieren oder vielmehr müßig bei ihnen zu stehen, um eine Vertrauensperson zu sein. Dieser Mann brauchte das Paket nur zu öffnen, um morgen meine schönen Bücher bei allen Antiquaren der Stadt zu zerstreuen, ich wußte ja nicht einmal seinen Namen, nur: ein kleines Jackett, ein Jockeymützchen – wenig, wenig. Ich hatte schon ein ziemliches Stück Weges hinter mir, ich blieb also stehen und wollte mich entschließen, zurückzugehen –«
»Was sehr weise gewesen wäre,« schaltete Claudia ein –
»Da besann ich mich, daß man diese Eisenbahnmützen, die am Samstag Nachmittag um ein viertel sieben Uhr an der und der Stelle gearbeitet hatten, sicherlich ermitteln konnte. Sie stellten Zeugen dar, drei wohlbeleumdete Zeugen. Das dürfte mir genügen. Sie mußten nötigenfalls schwören, daß ich dem Jockeymützchen ein rundliches Paket anvertraut hatte; und getröstet machte ich mich wieder auf den Weg zur Stadt, denn ich war müde und hungrig.« Er lächelte leicht und erinnert, von Vergangenheit überkommen. »Ihre Bücher hätten Sie durch diese Zeugen aber auch nicht wiederbekommen,« sagte sie sachlich. Man würde heute nicht mehr zu jener Unterhaltung kommen, die sie vorhin verschoben hatte, denn die Uhr lehrte sie, daß es allmählich spät wurde. Nun, morgen.
»Oder nur schwer. Aber ich rechnete damit, daß auch der Mann des kleinen Jacketts an sie dachte. Sie bildeten eine moralische Ziffer. Mit einem Male traf mich diese Idee des Moralischen. Wie? Moral? Aber Geld war sicherlich stärker als Moral. Arme Leute haben Geld lieber als Moral, Arbeiter sind arme Leute, folglich, nun?« Er mußte einen Augenblick innehalten. Mitten im Sprechen wurde ihm bewußt, daß er von nun an wieder zu Monolog und Stummheit verurteilt sei; das nahm ihm den Atem. Er sah sie an, – sie dachte: um sie zu einer Äußerung zu veranlassen, und sie zog harmlos den Schluß, indem sie fand, daß seine Augen sehr gütig seien. »Folglich brachte er sie gegen Geld zum Schweigen.« Und die Form seiner Stirn wies sicherlich zarte Schönheit auf.
»Natürlich,« rief er ungesund lebhaft aus, »man konnte sie bestechen. Reisemützchen würde für meine Bücher eine anständige Summe haben, davon konnte er ein paar Mark opfern, und meine Zeugen waren dahin, schwiegen, blieben stumm wie das Grab, um dem Volksmunde nachzureden. Und unter dem Druck dieser starken Möglichkeit blieb ich stehen, überwand Hunger und Müdigkeit und marschierte zurück. Ich kam kurz nach dreiviertel auf sieben an die Stelle, auf der ich mein Volumen ausgeliefert hatte. Niemand da. Ich durchirrte den ganzen Güterboden. Personne. Ich rief – umsonst. Endlich, um viertel acht, voll von Ekel und Unglück über meinen Leichtsinn, hungrig und müde doppelt so sehr als zuvor, ging ich nach Hause. Um acht kam ich in die Stadt. Ich wollte die Mutter des Bürgers zu Rate ziehn, die Polizei, aber ich schämte mich, und dann war es mir auch schon gleichgültig.« Wozu erzählt er mir das eigentlich, fragte sie sich in leichtem Erstaunen. Es ist nicht besonders appetitlich. Dann schämte sie sich jedoch und sagte als Buße mit hörbarer Teilnahme:
»Ich verstehe das.« Er streifte schweigend die Asche von der Zigarre und fuhr dann fort, schneller, weil der Schluß wie ein Abgrund das Fließen der Erzählung beschleunigte, gleichsam einsog, und indem er auf ihre Hände sah, die ruhig nebeneinander auf dem Tische lagen:
»Ich schlief schlecht diese Nacht. Am Morgen stand ich um sechs Uhr auf, am Ruhetag, am Sonntag, und ich pflegte mich sonst auch Wochentags nicht vor zehn zu erheben, ich hielt mich zur Erholung in Freiburg auf. Ich stand also um sechs auf und begab mich auf den Güterbahnhof. Natürlich traf ich keinen Menschen dort, nicht eine Seele. Ich wiederholte diese vergeblichen Spaziergänge um zehn, um halb zwölf und um vier, alle Male mit demselben Erfolge. Ich dachte nicht mehr, ich war vielmehr von der Idee besessen, das Meinige wiederzuhaben.«
Er schwieg wieder und betrachtete seine Zigarre, die zu Ende ging. Ihr Blick ruhte nachdenklich und ein ganz klein wenig spöttisch auf ihm: eigentlich macht er davon viel Aufhebens.
»Nun?« fragte sie endlich. Er schrak zusammen:
»Ich bin gleich fertig,« sagte er und sah von ihrem Gesicht wieder auf den Teppich. »Montag nach neun ging mein Zug. Montag um halb sieben stand ich im Büro der Güterabfertigung. Natürlich sah ich, sowie ich eintrat, mein Paket. Es lag ordnungsgemäß da, der Mann hatte es abgeliefert, redlich, es war fertig zum Abschicken.« Er schwieg ohne aufzusehen.
»Nun ist ja alles gut,« meinte sie geringschätzig, denn sie fühlte, daß er auf ein Wort wartete. Er stützte den Kopf in die Hand und blickte auf den Tisch:
»Was denken Sie also, das ich getan habe?«
»Sie haben sich entschuldigt und sind vergnügt zur Bahn gegangen«, entgegnete sie ohne Zaudern.
»So. Ja. Nein, ich nahm das Paket an mich, sagte, es habe Eile und trug es zur Post.«
Claudia lehnte sich langsam wie erstarrt in ihren Sessel zurück:
»Sie trugen es zur Post?« staunte sie tief bestürzt. Und dann kam ihr die Anwandlung laut und erbarmungslos zu lachen. Sie unterdrückte sie.
»Ja. Zu einer andern Post als das erste Mal. Ja, ich genierte mich, wissen Sie.« Er nickte mehrere Male, ohne den Kopf aus der Hand zu heben oder die Augen vom Tisch zu entfernen, lächelte traurig und sagte noch einmal: »Ja.«
Claudias Augen sprachen von dem Schrecken, der langsam in sie hinabsank wie ein Eimer in einen dunklen Brunnen, und um ihren Mund schrieben Spott und erschrockenes Verachten eine gekrümmte Linie. Sie zürnte ihm; sie warf ihm eine stumme Frage zu: Wozu erzählen Sie mir solche läppischen Streiche? und sah ihn hart und schweigend an. Die große Uhr pochte unablässig; Doktor Walter Rohme besah reglos den Schimmer der rötlichen Lampe auf der Tischdecke, mit gebeugtem Nacken. Da sitzt er nun auf seiner Heldentat, dachte sie zornig. Warum verteidigt er sich nicht? Wo verbarg sich seine Klugheit, wo sein sonst so rührendes Zartgefühl; warum zeigte er, der bisher Grund gegeben hatte zu glauben, er werde ihren Weg vor allem Häßlichen behüten, damit nichts sie kränke und verstöre – warum zeigte er sich ihr heute so hilflos, so ausdrücklich schwach? Da saß er nun gebeugten Nackens wie ein Verurteilter und rührte sich nicht … Und sie begriff. Ein Blitz schoß auf und erleuchtete ihr alles: sie sah ihn klar wie Kristall und ganz lauter. Eine Wonne stieg aus ihr empor wie ein Eimer aus durchsonntem Brunnen, von goldenem Wasser schwer und triefend. Sie lächelte immer verstehender, immer seliger, sie fühlte eine Wärme und einen süßen Druck in ihrem Herzen und nannte es Glück. Sie hob langsam die Hand und streckte sie ihm entgegen, reichte sie ihm über den Tisch, bis die feinen Fingerspitzen seinen Handrücken berührten. Er fuhr aus toter Verzweiflung auf, blickte unbegreifend in ihre glücklichen Augen – erriet sie in einem erstickten Atemholen und küßte die Hand mit einem brennenden langen erlösten Kusse.
»Sie müssen jetzt gehen,« sagte sie und erhob sich. »Ich danke Ihnen für diese Erzählung, ja, ich danke Ihnen.« Ihre Augen leuchteten noch immer, und noch immer hielt er ihre Hand, gerettet. »Morgen kommen Sie zum Tee, dann reden wir von Weislingen und musizieren ein wenig, wie?« Ihre Stimme klang tief und schwingend, wie er sie noch nie gehört hatte, und er drückte die geliebte Hand. »Ja,« sagte er glücklich.
Das dreizehnte Blatt
»Glaube nur, kleine Claudia, daß man dich nicht hinauswerfen wird, mit deinem hübschen Kissen,« sagte mein »Verlobter« und lächelte über meine zögernd hervorgebrachten Besorgnisse. »Wir sind Klaus Manth angenehm, wir beiden.« »Hast du mit ihm telefoniert?« fragte ich aber mißtrauend, und stieg nicht eher in unser blaues Automobil, diesen beräderten Briefkasten, bis Walter mir eine feierlich ernste Versicherung darüber abgegeben hatte.
Ich war recht gut gelaunt, offenbar, aber unterhalb meiner Heiterkeit zitterte ganz leise und erregend diese Unsicherheit: war es nicht doch allzu bürgerlich, dem Künstler, der mich gemalt hatte, etwas Selbstgefertigtes zum Geburtstag zu schenken, mit ausdrücklichem Besuche? Nun geschah das, es war nicht naiv, sondern wohlüberlegt, und war darum wieder möglich, außerdem pflege ich sehr die Sitte, die einen anständig entfernten Umgang mit angenehmen Menschen gestattet, und schließlich scheint es mir nötig, meinen allzu männlichen Intellekt durch eine gewisse unvernünftige Mädchenhaftigkeit wieder gut zu machen; aber ging das nicht allzu weit? Ich hatte Bedenken.
Nun, dann saß ich trotzdem ziemlich ruhig neben Walter und fand den Weg wundervoll: eine breite und ebene Straße führte uns eilig zu dem kleinen See, an dem der Maler inmitten schöner Villen sein einsiedlerisches Häuschen gemietet hatte. Über den bepelzten Rücken des Chauffeurs hinweg und durch eine dicke Glaswand fand mein Blick den Wald, diese hohen Buchen, deren Stämme grünlich wie alte Bronze und in einem klaren Rhythmus emporstiegen zu ihrem Dach aus kupferfarbenen und goldenen Blattmassen. Die Sonne ließ es leuchten, die überströmende Sonne unserer Herbstnachmittage, und die Lücken der Wipfel faßten überall Stücke des Himmels ein wie zersplitterte Teile eines Edelsteins von unaussprechlich tiefem und feurigem Blau. Erstaunlich, wie glücklich die Gegenwart solcher Natur machen kann, wenn man sich nicht mehr zu sehnen braucht, wenn man einen Menschen gefunden hat, mit dem man versuchen will, auf lange auszuhalten, wenn dieser Mensch neben einem sitzt. Und dabei kann man eine ganz gefaßte Miene bewahren. Ich atmete mit Übermut die Luft dieses Tages, diese Waldluft mit den strengen Gerüchen und wilden Düften verwesender Blätter; über die niedergelassenen Scheiben hinweg drang sie im Fluge zu mir. Zu beiden Seiten des Fahrzeuges aber teilte sich der Wald und wich in strömender Schnelle wie ein Fluß zurück, dem ein scharfer Bug entgegenstrebt. Dann und wann gab unsere Hupe ein tiefes und singendes Signal aus ihrem metallenen Munde, und das zarte Schwirren des Wagens dauerte wie die Stille selbst, ununterbrochen und gegenwärtig … Man ist doch sehr undankbar: kaum genießt man, so ist man glücklich, und kaum lebt man in diesem Glück, so wird das Genossene sanft in den Hintergrund gedrängt und über anderen Seelendingen vergessen, bis es sich durch nachdrückliche Veränderung wieder meldet. Gegen solche innere Willkür bin ich machtlos, schäme mich ihrer nicht einmal. Und so stand plötzlich vor meinem inneren Gesicht die schlanke Göttin, Aphrodite mit segnend geweiteten Armen über einem Kranze von Menschen schwebend, die sich nackt lieben.
Da war es, das dreizehnte Blatt aus Klaus Manths unvergänglich radiertem Zyklus »der Künstler und das Leben,« das letzte, das schönste jener Folge von Blättern, die den Namen des bisher Unbekannten mit einem Schlage zu denen reihte, die das Höchste versprechen; und zu der Alexander Sirmisch dreizehn Sonette geschrieben hatte, vollkommene Gedichte, und das Reifste, was diesem empfindlichen und kunstvollen Lyriker bis dahin gelungen war. Als ich neunzehn Jahre alt wurde, hatte mir meine Mutter jene Mappe gebracht: eine Aufrüttelung – und von diesem Geburtstage an war Klaus Manth jemand, der mir immer blieb, wenn mich auch Augenblicke und Abenteuer oft weithin entführen mochten; und als man ihn eines Tages in unser Haus brachte, spannte mich die Erregung Stunden vorher bis zu jenem Druck auf dem Herzen, der immer da ist, wenn ich ein Ereignis bestehen soll. Ich weiß nicht mehr, wie ich ihn mir damals vorstellte, denn sein vertrautes Aussehen hat die Erinnerung längst aufgesogen – streng und ungeheuerlich irgendwie … Und dann lachte es in mir enttäuscht, erlösend und spöttisch, schärfer als jetzt im Darandenken, da ein kleiner blonder und mit Sommersprossen bedeckter Mann sich vor uns verbeugte und sehen ließ, daß nicht nur seine Stirn vor Kahlheit hoch war, sondern daß er auch auf dem Scheitel wenig Haar hatte. Trotzdem blieb sein Werk, was es mir bedeutet hatte, und ich sah so oft ich wollte und ebenso jetzt die leidenschaftlichen Umrisse seiner nackten Menschen und den tiefbraunen und lichtgoldenen Sammet der Radierungen; und hörte auf zu lächeln.
Walter hatte mich wohl an seinen Gläsern vorbei mit einem seitlichen Blick beobachtet, erheiterte sich über mich und forderte eine Beichte. Ich erzählte, – denn ich bin glücklich, daß ihm auch das geringste an mir nicht entgeht, – und wir sprachen bald von der anderen frühen Leistung Klaus Manths, dem vortrefflichen Bildnis seines großen Lehrers, des Professors von Nottebohm, jenem strengen und zärtlichen Greisenbild in silbernem Grau, lichtem Grün und Schwarz, das in Zeichnung und Haltung einem alten Meister glich, ohne im mindesten zu altertümeln, und das sogleich verkauft wurde. Von den Bildern kamen wir alsbald zu den Menschen, und nichts war daran wunderlich; war doch der alte Mann vor wenigen Monaten gestorben, und wußten wir doch, daß er nie erfahren oder erraten konnte, warum sein Schüler Manth, auf offenbar unhöfliche Art, ihn nach der Vollendung des Bildes nicht mehr aufgesucht, niemals ihn auch nur gesprochen hatte, ja ihm ganz augenscheinlich aus dem Wege gegangen war, wo immer die beiden sich hatten treffen können. Auch wir wußten nichts darüber, kein Mensch, ja nicht einmal eine Zeitung. Und wir plauderten noch an diesen Dingen – denn dafür bin ich eine Frau, das Menschliche ist mir nun einmal von einer gewissen Entfernung aus lieb zu erörtern, wenn ich auch zugeben muß, daß diese Neigung, minder vergeistigt, einfach Klatsch heißt – als sich plötzlich vorn im Walde ein heller Riß zeigte, sich erweiterte, aufklaffte und den unendlichen Himmel, den purpurnen und schwarzgrünen Kranz der Wälder und den See darbot, tiefblau, langgestreckt und von einem leichten Winde wellig erregt. Der Wagen schlüpfte, während mir das Herz vor Lust schlug, entlang den See, ein wenig abwärts, glitt in eine Straße hinein und hielt vor einem hellen Hause mit vielgestaltigem, herabgezogenem Dach, das scharlachen leuchtete und mit seinem roten Feuer unvergeßlich vor dem blauen Glanz beider, des Himmels und des Sees, sich erhob. Es war im Oktober, gegen halb fünf, als wir die gelben Steinstufen emporstiegen; man hatte uns erwartet, die Tür öffnete sich ohne Laut, und oben, auf dem Absatz der kurzen dunklen Treppe stand Klaus Manth.
Er hielt uns die winzigen Hände entgegen, mit der lockeren Haltung der dünnen und kurzen Finger, die ihm eignet, und lächelte sanft aus freundlichen Gefühlen, oder weil ich unter dem Arm eifrig mein großes Paket hielt, das Kissen, das mir Walter nicht hatte nehmen dürfen. Er war sorgfältig gekleidet, und ich hatte ihn gern darum; ich werde nie aufhören, auch an Herren die Kleidung auf Kultur hin spottsüchtig abzuschätzen. Sieh sieh, dachte ich im Hinaufsteigen, man putzt sich auch hier, wenn man zufällig Geburtstag hat, und stiehlt seiner Arbeit einen ganzen Tag! das ist ein wenig lächerlich und sehr angenehm; denn sein Anzug gab sich leicht feierlich: die kleine und magere Gestalt war in ein weitgeschweiftes und langes schwarzes Jackett gehüllt, aus der gleichfalls schwarzen Weste erhob sich ein taubenblauer Schlips, von einer Perle gehalten, und über den halbhohen doppelten Kragen hin blickte mit ernsten grauen Augen sein gerötetes Gesicht, gelb betupft von Sommersprossen. Er begrüßte uns mit der leisen tiefen Stimme, die seine kleinen Lippen wenig bewegt, wir hängten unsere Überkleider ab, und nachdem ich mich am Spiegel davon überzeugt hatte, daß mein helles, lilafarbenes Kleid, dessen Sammet grau schimmerte, nicht übel zu meinem leider gelblichen Halse und ganz schwarzen Haaren passe – um wieviel reine Freude bringt sich, wer nicht eitel! – ließen wir uns, Walter und ich, in den braunen Sesseln eines ernsthaften Zimmers nieder, das ganz von einem weiten bräunlichen Teppich gefärbt wurde. Man hatte geheizt, Walters Glas lief an, bedeckte sich mit einem undurchsichtigen feuchten Hauch und machte ihn blind und seine Bewegung unsicher – und den innigen Übermut, mit dem ich ihm beim Abwischen zusah, diesen Augenblick eines kurzen heißen Glücks, würde er ihn verstehen? Wußte er, daß wir Mädchen, die wir unsere Gatten unbedingt überlegen wollen, geistig und seelisch überlegen und verläßlich, solche kleine Schwächen und Unvollkommenheiten zärtlich an ihnen lieben, weil wir sie daran ein bißchen beugen können und unsere schwatzhaften Zungen daran neckend wetzen? Unterdessen packte Manth, vor Geniertheit fast ungeschickt, doch gewisserweise auch mit froher Neugierde mein Kissen aus, das ich für diesen Raum gedacht und entworfen hatte: auf leuchtend brauner Rohseide rundete sich, gebildet aus fantastisch reichem Ornamentwerk zarter Kurven ein stahlblauer Kranz, rhythmisch gegliedert, auf ein Zentrum bezogen und in Kurbelstickerei ausgeführt. Es war ein ziemlich gelungener Entwurf, gewissenhaft durchgearbeitet, unverworren und logisch bei allem Reichtum und von einer sorgfältigen Stickerin ausgeführt. Gefiel es ihm? Ja, schien es; er dankte lebhaft und sah fast gerührt aus; aber er hielt das Kissen auf den flachen Händen, wie Männer kleine Kinder halten oder sonst etwas, womit sie durchaus nichts anzufangen wissen, und ich fühlte augenblicklich Mitleid mit dem hübschen Ding, als könnte es merken, wie unangebracht es sich hier befand. Die schön gebundenen Bände von Taines Origines de la France contemporaine, die Walter – was kann ein Gelehrter besseres geben als Wissen in Anmut? – ihm reichte, entsprachen ihm weit mehr; der Beschenkte gestand, sich wie ein Kind vorzukommen, das man gern hat.
Darauf fragte er mich, sehr unsicher und sehr niedlich, ob ich wohl die Teebereitung übernähme. Ich tat es natürlich. Von einer Frau, die mit Leidenschaft Plato liest, verlangen die Männer häusliche Tugend und Grazie, und mit Recht; dafür verzeihen sie einem alle Klugheit; aber eine Studentin, die nicht Eier sieden kann – ich habe solche Bekanntschaften – ist ganz umsonst gescheit. Während ich mit der Teebüchse und dem elektrischen Kocher hantierte, meinte ich belustigt zu mir: wenn du nicht so faul wärest, Mensch! Du müßtest lebhaft, teilnehmend, heiter sein, das kleine Mädchen machen, dich hierhin und dorthin drehen, miauen, kokett sein, Blicke, Mienen, Launen haben. Das kitzelt die Männer und wärmt ihnen das Herz, das wollen sie, dann sind sie glücklich, und du giltst, vorausgesetzt, daß du nicht in Albernheit verfällst. Redest du sachlich, so messen sie dich mit männlichen Maßen und achten dich bestenfalls einem halbwegs gescheiten Jungen gleich … Hier merkte ich mir plötzlich den Fehler meiner Unaufmerksamkeit an und beeilte mich, zuzuhören. Ich staunte – aber staunen ist schwach gesagt –. Die beiden sprachen vom Kunstgewerbe, welches uns in neuerer Zeit mit schönen Dingen überschüttet. War es eigentlich verwunderlich, daß ein Pfleger so strenger und abweisender Kunst wie Klaus Manth mit gelassenen und ironischen Worten von diesen »Künstlern« der Töpfe und Oberflächen sprach, die die ernsthaften Flächen des Lebens mit ihren Schnörkeln verkleinerten? Daß er sie allen Geistes bar fand und das Wort »Kunst« auf sie nur ironisch anwandte? Offenbar nicht; und doch hatte ich das gerade jetzt nicht für möglich gehalten. Es war kindisch, zugegeben, und ich wußte, er sprach von den berufsmäßigen Verfertigern, aber es tat mir weh, es erbitterte mich, es schien mir unhöflich zu sein und taktlos, da ich doch nun einmal mein bißchen Geschmack und Formfreude daran wendete … Ich hielt natürlich an mich; auch fand ich, er müsse irgendwie gereizt sein – und plötzlich sagte ihm Walter, daß seine Reden schärfer und unruhiger klängen als sonst, und worüber er erregt sei?
Ich stimmte vorsichtig zu.
Er, der mit kleinen Schritten auf und ab gegangen war, blieb brüsk stehen und rief: »Erregt! Aber ich habe heute fünfunddreißig Jahre, und überdachte mein Leben, das nun halb vergangen ist! Ja, ich bin erregt, denn die Jahre, die hinter mir liegen, sind die Zeit, in der die andern leben, unvernünftig sind, glücklich sind! Und was hatte ich von ihnen?«
Ich beugte mich über das kochende Wasser, entzog dem blanken Topf den elektrischen Strom und goß einen dampfenden Strahl auf die schwärzlichen Teeblätter, scheinbar vertieft ins Zuschaun, wie sie sich sogleich erweichend aufrollten, zur Essenz. Ich hüllte mich in diese Abwesenheit wie in ein verborgenes Tuch, zog mich zurück in mich und lehnte es ab, ihm zu folgen. Habe ich eine seelische Witterung? Ich fühlte mit Verwirrung, hier verbirgt sich etwas Verbotenes, bricht gar schon hervor … Indessen sagte Walter mit warmem Ton, der mir zu Herzen ging: »Und die Jahre, die kommen? Lieber Manth, welch ein Leben wartet Ihrer noch!«
Liebling! dachte ich … Und erschrak, wie der andere fast zornig entgegnete: »Leben? Kunst, Doktor. Kunst, und darüber wollen wir nicht reden. Arbeit und neunzig verschiedene Qualen und Quälereien und wieder Arbeit. Davon wollen wir lieber schweigen. Dergleichen vorbringen und aus solchen Dingen Sätze machen dürfen nur Literaten, ich meine Dichter. Unser Freund Sirmisch hat es ja für uns getan. Die Zukunft, Lieber, wollen wir aus der Rede lassen – zumal mich, Sie sehen ja, das Vergangene nicht freigibt« … Er sprach nicht viel lauter als gewöhnlich, aber jedes Wort schien mit Kraft zum Hervorbrechen gesättigt zu sein und sie zu gebrauchen. Auf die Gefahr hin, albern zu erscheinen, mischte ich mich ein. Man mußte ohne Pause ins Leichte überlenken, ihn mißverstehen – dann wird er dich für eine Pute halten und schweigen. Ich benutzte natürlich das Gespräch im Auto; und in bewunderndem Ton: »Ach ja, Ihre Vergangenheit! Ich glaube wohl, daß die bei Ihnen bleibt! Haben wir nicht vorhin erst an Ihre Anfänge gedacht – wie, Walter? an Nottebohms Bild und an Ihre, sagen wir, nicht unbeträchtlichen Radierungen vom Leben? Wenn ich von Musik absehe – Gemaltes oder Gezeichnetes gab mir noch nie so viel Genuß.« Walter stimmte eifrig bei. Half es? – Wenn ich das Folgende hätte ahnen können, ich hätte um keinen Preis oder Schatz von diesen Blättern gesprochen. Manth tat drei, vier hastige Schritte auf mich zu und sprach so dicht an mir, daß ich mich ein wenig rückbeugte – ich mochte ihn nicht so nahe haben –
»Also noch nicht vergessen. Acht Jahre Arbeit liegen zwischen damals und heut, acht fleißige Jahre. Und noch ist nichts vergessen, nicht das Bild und nicht die Mappe.« Walters Augen begegneten meinen; es erklang in uns beiden die gleiche staunende Frage. Die Hand unseres Wirtes glitt über die Stirne bis zur Schläfe, als verjage sie ein Insekt. »Ich habe nichts getan als gearbeitet. Ich habe ein Leben geführt, das nur die Kunst wollte, streng, keusch, ausschließlich, und bin vorwärts gekommen. Habe meine Form in die Welt hineingesehen und gebildet nur in ihr. Sagen sie nicht, daß die Schönheit meiner Werke stets unzugänglicher wird, ihre düstere Herbheit den Bequemen immer fremdartiger, ihr strenger Umriß erdrückend? Aber sie beschimpfen mich ja darum. Und nichts ist stark und groß genug, um das Erinnern meiner Schmach, die Denkmale meiner Schande zu vertilgen: jene Mappe, dieses Bild.« – Ich riet mir: jetzt stehst du auf und fährst heim. Aber das ging ja nicht. Ich hatte nun sitzen zu bleiben und diese Stunde über mich kommen zu lassen – eine dieser beschämenden Stunden voller Pein und Widrigkeit, die allzutief und schonungslos in einen Menschen hineinleiten. Das Menschliche ehrfürchtig lieben und vor Offenbarungen schaudern – kann man denn das? Was würde der Mann aufhüllen, der dort so leise und leidenschaftlich redete? Ich hatte Angst. Von Walter kam mir keine Hilfe; er rührte Zucker in seinen Tee und sah nicht auf, ich wußte nicht, was in ihm geschah, ob er erschüttert war oder verlegen. Aber Manth wandte sich gegen mich: »Und diese Mappe, Claudia Eggeling, die Sie so sehr lieben: kennen Sie sie denn?« Distanz! gebot es in mir: »Ich denke wohl, Herr Manth, daß ich sie kenne.« Schweigen war geboten, es ziemte sich, ich wollte es – aber was geschah? Wider meinen Willen redete ich weiter! Ich errötete vor Beschämung, die meinen Stolz ätzend zerfraß – aber ich sagte trotzdem jene Bilder bei ihren Inhalten her wie ein Schulmädel: das Kind, umgeben von den wunderbaren Geschöpfen seiner spielenden Fantasie, den erschreckenden Blumen, Menschen aus einem Holze und Äpfel, die die Gesichter von Widdern hatten; den Knaben, der die formerfüllte Welt durch das quadratische Gitter seiner Schulung begreifen soll; den Knaben, der Jüngling wird, vom Sturm seiner Sehnsucht zu den Wurzeln uralter Bäume hingeschleudert, die er mit Tränen netzt. Und dann die ungeheure Verwunderung dessen, der zu sehen beginnt und auf den die Landschaft einstürmt als wären seine Augen Strudel, alles in sich zu reißen; und dann die Berührung des Mädchens … Hier unterbrach er mich und sagte hastig, geschäftlich und scharf: »Und dann das Nachbilden, und die Versuchung durch die ehemaligen Formen in Gestalt von Frauen, die heilige Embleme, Tiere und Geräte darbieten, und die Empörung der Leidenschaft, und die Qual des Erlebens, und das unzugängliche Dasein: Menschen, die ihre Gesichter an einer Glaswand flachdrücken, hinter der die Welt beginnt, Menschen, die einander durch Tücher zu küssen suchen; und die Entblößung des Innersten, dargestellt durch das Symbol der Gebärerin umgeben von Männern, und die Grausamkeit gegen den eigenen Leib, und …« Aber das letzte Bild, das dreizehnte Blatt, vermochte ich nicht von dieser gehässigen Stimme aussprechen zu lassen, sondern rief sehr warm: »Und am Ende dennoch Aphrodite, die Erhabene, mit segnend geweiteten Händen und mit den Augen lächelnd über einem Kranze von Menschen schwebend, die sich nackt lieben!« – »Ja,« sagte er, »ja; Aphrodite. Kommen Sie mit, kommen Sie, ich zeige sie Ihnen …« und indem er Walter bei der Hand nahm, der über meine Lage vorhin still gelacht hatte – »vor Verlegenheit wurdest du rot,« scherzte er später einmal – zog er ihn zur Schwelle, und so unwiderstehlich waren Wort und Geste, daß wir ihm folgten, der eilig voranfuhr, durch viele Türen und mehrere Zimmer, eine schraubenförmige Eisentreppe hinauf – was wird denn? er ist doch nicht etwa toll? – und einen kurzen geweißten Gang entlang. Da standen wir, in einem hohen, langen und kahlen Raume, mit hellen Wänden und einem ungeheuren Fenster nach dem See, an der Arbeitsstätte, im Atelier. »Kommen Sie,« sagte er, »kommen Sie,« und schob ein schräges Pult ans Fenster, lief, indessen wir, fassungslos verwirrt und zerquält von Spannung, um uns irgendwie abzulenken, ohne Freude auf den unbeschreiblich zerfließenden Himmel und den farbentaumelnden See blickten, deren Bläue, Röte von goldenen und errötenden Wolken und ihrem Widerschein verklärt wurden, kam mit der Mappe zurück und legte sie aufgeschlagen auf die schwarz gebeizte Fläche. Noch vom Fenster her erfaßte ich die Verschlingung der heroischen und strengen Gestalten, deren herbe Linien und düstere Gewalt die Sinnlichkeit des Werkes heiligen, und darüber, als Herz der Ordnung und Betrachtung, den selig schwebenden Leib der Göttin. Es ist herrlich, aber warum zeigt er uns das jetzt und so … außer sich? Das dachte ich, beugte mich näher und erkannte: das war Christus. Nicht Aphrodite, Christus. Nicht der lächelnde Segen einer Göttin, sondern die den Augen dargebotenen Wundmale der Hände, in der Art des Kreuzes ausgebreitet; die Stirn ohne die furchtbare Krone, aber bedeckt mit den Löchern und Gruben, die die Dornen hinterlassen. In seinen Augen las ich einen entsetzlichen Ernst. Sein Leib leuchtete von heiligem Lichte. Er war noch jung; er war Gottes Sohn.
»Es ist der Gekreuzigte,« sagte Klaus Manth mit einer Stimme, die uns beide aufschauen ließ: aus ihr und aus seinen Augen drohte ein ähnlich erzenes Urteil wie aus den Augen des Gottes. Dann wandte er sich ab, trat an die Scheiben und schlug zwei prasselnde Wirbel mit den Fingerspitzen. Darauf schwieg alles eine geraume Weile, wie die Stille nach einem äußersten Tumult, der um uns losgebrochen und jäh verstummt sei und nur noch in mir weiter tobe: durcheinander taumelten wie nach rasender Drehung Erschütterung und Schreck, die Überraschung und die Gewalt des vertauschten Werks, und das nachträgliche Wahrnehmen vermummter Tragik, als höre einer, das beschneite Feld, das er eben überschritten, sei der gefrorene See. Walter und ich sahen starr auf das Blatt; er flüsterte endlich: »Das gibt dem Werk einen neuen Sinn.« »Einen schweren, ganz anderen Sinn,« sagte ich, heftig atmend. Was war unterhalb des Tausches vorgegangen: Bekehrung? Unmöglich. Lüge? Hohn? Wir schwiegen wieder; da sagte der am Fenster: »Ich erzähle.« Ich wußte noch nicht, ob die Begierde in mir stärker war oder eine erbebende Furcht, da begann er schon, stehend, während ich auf einem Schemel hockte, das Gesicht dem rosigen Himmel zugekehrt, und Walter hinter mir an das Pult gelehnt empfand:
»Ich wuchs in bequemen Verhältnissen auf, gleichgültig wo, am Harze, in einer alten Bischofsstadt. In meinem vierzehnten Jahre legte man in einem Berliner Vorort eine Straße anders, als vorher wahrscheinlich gewesen; das hatte zur Folge, daß wir in eine andere Stadt ziehen mußten, nach Schlesien, denn mein Vater hatte alles Geld verloren. Dafür haßte ich ihn von Herzen, und dabei blieb's zwischen uns, denn er liebte niemand außer sich selbst. Mein Talent fiel in der Schule auf; man ließ mich das »Einjährige« machen und schickte mich auf die Kunstschule nach Breslau. Provinz, Sie verstehen. Nach drei Jahren war ich ein fanatisches Kunstwesen und weigerte mich, Zeichenlehrer zu werden. Man entzog mir allen Zuschuß, strich mich sozusagen aus und ließ mich auf meinen Weg. Ich begann zu arbeiten, zu lernen und, in Berlin, Paris und wieder in Berlin, zu hungern. Man versteht das in den Mansarden von Friedenau oder Charlottenburg ebensogut wie auf Montmartre; man stiehlt hier wie dort Früchte, borgt Heringe und Tabak, übernachtet wohl auch in Wäldern und öffentlichen Gärten, macht alle Arbeit, die man bekommt und legt auf alles das keinerlei Akzente. Man hat Kameraden und teilt mit ihnen das wenige Geld und den großen Enthusiasmus. All das ist nichts; schlimm hat mans nur als Maler, wenn man weder Farbe noch Leinwand kaufen kann, und das war oft, denn das Handwerk ist teuer. Der Musiker findet überall ein Klavier, nicht wahr. Der Literat bekommt Tinte in seinem Kaffeehaus – unsereiner aber ist übel dran. Nun, in solchen Tagen entdeckt man den Tonwert grauen Packpapiers und den Reichtum der Nuancen von Schreibtinte. Gleichviel, ich arbeitete. Und wenn ich von der billigen Graphik für einen Verlag oder von Malstunden bei Bürgerfrauen kam, entwarf und bekämpfte ich die Erscheinungen, die sich zu Kompositionen und einer bedeutungsvollen Blätterfolge fügen sollten: ich heftete die ersten Zeichnungen, die den Künstler gegen das Leben stellten, an meine kahlen Wände.«
Der Erzähler schwieg, und ich hob die Augen zu ihm auf: er stand vor dem hellgrünen Nordhimmel des Fensterbogens als ein schwarz gefüllter Umriß, nichts war von seinem Gesicht zu sehen; schon fiel herbstliche Dämmerung. Nun, meine Miene war geübt ein still horchendes Mädchen darzustellen – und wenn das halbhelle Licht auch mein Gesicht herausholte aus dem Dunkel, er würde dennoch nicht gespiegelt finden, was ich bei dieser Erzählung fühlte: Langeweile und Widerwillen, viel Widerwillen … und ich atmete spöttisch aus. Entblößen Sie sich nur, mein Herr, dachte ich, mich für meine Person entdecken Sie nicht … Vielleicht legen Sie uns auch noch dar, wie Sie sich mit Frauen verhielten? – Er sprach weiter:
»Klagte ich? Ich hatte anderes zu erledigen. Die Leiden des Hungers und der Entbehrungen, die schlechte Kleidung und aller Mangel an den Erleichterungen, die man heute für den arbeitenden Geist geschaffen hat, damit sein Körper in Verfeinerung und Behagen ruhen und sich stärken könne, all das und selbst die häßlichen und niedrigen Gefühle, die mir der Anblick des Reichtums und Überflusses manchmal eingab, und für die ich mich mit Reue und Qual strafte – alles das war nichts Allzuschweres. Ich hatte noch die Kunst, der ich diente, den Weg, an den ich glaubte, und das stachelnde Wissen um meine Unfertigkeit. Aber ich – und nicht wahr, man ist so, manchmal bedauert man das? – ich war nie nur Träger einer Leitung gewesen, die vom Ding zum Auge und durch die Hand zum Pinsel führte; ich dachte, ich fühlte, ich stritt und litt. Unsereinem ist nicht gegeben, die Auswahl dessen, was von den Dingen in Umrissen und Farben auf die weiße Fläche kommen darf, dem Unbewußten zu lassen. Es scheint da drei Stufen zu geben, soviel ich sehe; oben die Inspirierten, denen alles ohne Intellekt gelingt, wie man von Raffael sagt – ich habe Bedenken dagegen, ich glaube nicht daran, in Klammern – in der Mitte quält sich unsereins und unten pinselt das fröhliche Handwerk. Nun, meine Stelle war mir gegeben: ich wählte, und nach den Gesetzen meines Geistes formte ich um, wog ab, ordnete an. Solche Gesetze bleiben unverändert, wo auch immer man anbeten mag; mich führten sie auf einem Passionswege vorwärts, auf einer Straße der Leiden, und dies sind ihre Stationen: mit zweiundzwanzig Cézanne und Van Gogh, mit vierundzwanzig Gauguin, mit achtundzwanzig: Signorelli, Puvis, Feuerbach, Marées – natürlich nur dem Standpunkt nach, nicht etwa kopierend – wo man anlangt, gestoßen von der Sehnsucht nach dem großen und adligen Ausdruck eigener Gefühle, eigener Welt: in einem Reich, in dem jede Absicht zum weiten Rhythmus wird, zur herben und starken Schönheit, zur sachlichsten Form. Ich fand meinen Ausdruck und meinen Stil, und sah, auch das Streben der Zeit hieß Sammlung, Formung, Festigung. Von diesem ganzen Wege aber, von der steten Qual dieser sechs Jahre gaben die Zeichnungen zu meinem Zyklus Zeugnis, die immer und immer wieder umgeschmolzen wurden, wenn ich so sagen darf. Von manchem Blatt habe ich fünf, sechs fertige Entwürfe« – wie eitel seine Stimme klang, eitel auf Fleiß und Mühe! – »Da starb plötzlich und zu rechter Zeit mein Vater, ohne Vorbereitung und ohne daß er mich hatte ›enterben‹ können, und meine Mutter gab mir von dem wenigen, was ihr blieb, eine kleine monatliche Unterstützung. Einiges verdiente ich mit Arbeit, die ich nicht signierte, und so richtete ich mich auf ein sicheres und einfaches Leben ein; zuerst aber kaufte ich Kupferplatten, Firnis, Säure und Nadeln, und begann, meine Zeichnungen in der letzten, sinnvollen, ganz durchdachten Form zu radieren; denn daß es Radierungen sein würden, war mir von Anfang an Gewißheit gewesen. Als ich die dreizehnte Platte aus der Säure hob, erkannte ich, daß die beiden ersten mißlungen waren. Ich wiederholte sie, nahm dann eines Tages das Ganze und trug es zu Nottebohm, meinem ehemaligen Lehrer, der mich gern zu sehen schien und den ich seiner noblen Seele wegen sehr verehrte. Er freute sich meines Erscheinens, besah die Platten, wurde ernst, betrachtete mich und erbot sich, mir zum Druck zu verhelfen – denn die Presse und dergleichen konnte ich mir nicht kaufen. Damit erfüllte er die Absicht meines Besuches. Ich war sehr glücklich; ich druckte in seinem Atelier und hielt eines Tages die ersten Bilder in den zitternden Fingern. Ich sah: da hatte ich etwas gemacht.«
Gemacht, sagte er, und ein ungenierter Stolz verbarg sich in dem gesucht schlichten Worte. Es wirkte auf mich so überaus peinlich, daß ich völlig vergaß, wovon er es sagte, von meinen liebsten Blättern. Ich richtete mich ein wenig empor und sandte durch die dunkelnde Luft einen dringlichen Blick empor zu Walters Gesicht. Aber er nahm meine Hand, drückte sie sanft und ich verstand, was er sagen wollte: Ruhig, Liebling, es vergeht schon. Der Maler verschwand vom Fenster, wich mit unhörbaren Schritten seitwärts ins Dunkle der Wand, ließ sich in irgendeinen Stuhl nieder und begann unsichtbar, mit seiner leisen Stimme:
»Eines Tages auch, bald nachher, erhielt ich einen Brief des großen Kunstverlegers Dr. Venediger: er habe von autoritativer Seite reiches Lob über eine Reihe meiner Radierungen gehört und er werde sich freuen, sie einmal zu sehen. Er erwarte mich, und so fort. Ich lege sie ihm vor, er ist entzückt. Aus seinen Worten ging hervor, daß er wirklich verstand, was er lobte; auf ahs und ohs wäre ich nicht hineingefallen; druntendurch kann man immer denken: hol den Kerl der Deubel. Rhythmus und Bändigung der Gestalten, Verteilung und Abstufung des Dunkels und jeder Helligkeit, die gegliederte Fläche und die strenge Anordnung – es gab keinen ästhetischen Wert, den er nicht gespürt hätte, und jedes Blatt vertiefte sein Erstaunen. Er machte förmlich in Begeisterung. Nun, nicht wahr, man ist jung und unverwöhnt – ich genoß diese Augenblicke; sie waren süß für manches bittere Jahr. Wenn er alle gesehen hat, wird er auch den Sinn verstehen, dachte ich und reichte ihm das dreizehnte Blatt. Er betrachtete es, lange, schweigend, dann fragte er, ob ich das zwölf oder zwanzig Menschen sehen lassen wolle oder jedermann? Ich wunderte mich und meinte, jedermann, der mich fühle, und sogleich entgegnete er, dann sei dieses Bild unmöglich, »es ist herrlich, es ist vielleicht das schönste; aber es ist Blasphemie.« Und während in mir ein ungeheures Staunen erstarrte, fuhr er fort, mir einen ganz großen Erfolg zu versprechen, wenn ich mich entschließen könnte, es umzuarbeiten; wenn ich den Heiland durch irgendeine Figur ersetzte. Dann begann ich zu sprechen« – er lachte kurz und scharf – »empört und begeistert. Aber das ist ja fromm! schrie ich. Ich legte ihm den Inhalt des Blattes dar, das Sinnbild alles Leidens als das Zeichen des wissenden Künstlers über denen, die da blind geben und nehmen, die den Trieben folgen, über dem Leben; ich sprach von dem Gedanken des ganzen Werks, der in diesem Bilde zusammengefaßt und verstärkt brannte – er verstand nichts davon. Er sah nur Radierungen eines neuen und strengen Stils, und bot mir für das ganze Werk von vornherein dreitausend Mark; doch sei ein Entschluß auf der Stelle keineswegs vonnöten.
Als ich die Treppe hinabging, war ich ganz in Aufruhr und Hitze; als ich in meiner Werkstatt saß, konnte ich schon ruhig sagen: der Mann meint es ganz gut und hat für sich ganz Recht – nur nicht für mich; und ich hielt die Angelegenheit für erledigt, begraben, abgelehnt. Aber sehen Sie, in der Schlaflosigkeit einer ganzen langen und heißen Sommernacht, während die Sterne an meinem offenen Fenster vorüberzogen, erlitt ich die erste und vollkommenste Niederlage meines Lebens. Gegen wen? gegen das Geld. Freilich gut verkleidet, aber schließlich doch erkennbar kam es, in allen Formen, mit allen Waffen: bessere Daseinsarten zeigten sich, Ruhm für mich und höhere Ehre der Kunst dieser Zeit, eine Bereicherung des Lebens, eine Vermehrung des Erhobenseins vieler Seelen und die Möglichkeit zukünftiger Werke, stärker, fruchtbarer, inbrünstiger, weil ohne Ablenkung und Darben hervorgebracht; denn nicht wahr, es ist ein infamer Unsinn, erfunden um die Teilnahmslosigkeit der Bürger zu beschönigen, daß Entbehrung dem Künstler beim Schaffen helfe. Was war dafür zu opfern? Eine Gestalt, nicht einmal eine Komposition; denn irgendeine andere konnte dort die Hände ausbreiten, mit ebensogroßen Augen und einem gleichleuchtenden Körper, ein Knabe oder ein Weib, Eros oder Aphrodite; nur eine Chimäre war zu opfern, nichts, was man sah, ein Sinn – eine Wahrheit: die Wahrheit von zehn Jahren, die Erkenntnis einer ganzen der Kunst dargebrachtes Jugend. Bis zu diesem Augenblick war mir das Geld nichts gewesen, ein Mittel, das man benutzt um zu leben, etwas, ohne das es ein wenig schwerer, aber schließlich dennoch abgeht. Ich hatte es nicht verachtet, denn ich hatte es nie bemerkt. Nun kam es und warf mich um, meine ganze Existenz; und als ich am Morgen mich anschickte, ein wenig zu schlafen, sagte ich mir mit Bitterkeit, daß der Arme keine Seele haben dürfe, und daß Vornehmheit ohne Geld eine Art verbrecherischer Lächerlichkeit bedeute.
Ich wiederholte unterdessen fortwährend und haßvoll im Hören diese Worte: »Redner, schamloser, geschminkter Redner, der sich ausstellt!« Ich verlor innen meine Manieren, ich sank selbst angesichts dieser Niedrigkeit …
Als ich gegen Mittag erwachte, fühlte ich mich ein wenig ruhiger und eilte zu Nottebohm, um meinen Lehrer, den alten Erfahrenen, der so sehr Künstler war, richten zu machen. Ich hoffte in meinem Herzen, daß er mich strafen werde, und suchte auf dem Wege die Worte vorwegzukosten, mit denen er meinen Verrat züchtigen sollte. Aber er, der vornehme Mensch, der empfindliche und verletzliche Geist, der diskrete Künstler, dessen zarte Landschaften in ihren lichten und verschleierten Farben, ihrem gedämpften Grün, lichtem Himmel und vielem hellem Grau und Blaßgelb mir immer als ein rechtes Abbild seiner Seele wert gewesen waren: auch er hatte den Gottessohn als »ein wenig unangebracht« empfunden, er staunte, daß ich schwanken konnte, lobte sehr den Einfall, Aphrodite über den Liebenden schweben zu lassen – und als ich wieder in meinem Raume stand, vor meinen Skizzen und Fragmenten, da rückte ich den Tisch ans Fenster, stellte die alte geätzte und mit Schwärze beriebene Kupfertafel des dreizehnten Blattes schräg vor mich hin, und begann eine neue glänzende Platte mit Linien zu bedecken, kalt vor Aufmerksamkeit und mit totem Innern. Ich verbesserte zwei vorher verzeichnete Hände, und an dem Platz des Erleidenden in der Mitte des Bildes lächelte Aphrodite mit segnenden Armen, Ihre Aphrodite, Claudia.
Was nun noch? Ich malte Nottebohms Bildnis – ich war ihm doch zu Danke verpflichtet, nicht wahr – zärtlich wie einen Abschied; langsam, eindringlich, verzehrend, schwer scheidend. Es sollte ihm gehören, aber Sie wissen, daß ers schließlich nicht annahm – es sei zu gut geworden und ich sollte es verkaufen – und sich mit den Studien dafür begnügte.
Hätte ich damals eine böse Reihe Karikaturen von ihm niedergeschrieben, verzerrte Blätter, die meine Enttäuschung und Qual, meine Reue und meinen Haß gegen ihn und mich aufgenommen und meiner Seele entrissen hätten, so wäre er mir später vielleicht erhalten geblieben. Aber ich zwang mich zur Verehrung, zur kurzen Täuschung einer erstorbenen Liebe; das Bild ward fertig und ich hörte auf, an ihn zu denken, erst gewaltsam, dann vermöge der Gewöhnung ohne Mühe. Ich setzte die Kunst auch an diesen Ort meiner Seele und diente ihr streng, keusch und ausschließlich. Judas war ich, der am Leben geblieben zehnmal glühender eiferte als Paulus, der den Herrn nur bekämpft, nie verraten hatte.«
Er seufzte und blieb stumm; ich aber stand sofort auf – ein Erlöstsein ohne Grenze zwang mich zu diesem wenig höflichen Ungestüm. Er war endlich, endlich zu Ende! Ich trat ans Fenster und sah den See grau und schlüpfrig wie einen Brei unter mir, umgeben von schwarzen Wänden, die man als Wälder erriet; ein Motorboot durchzog ihn, lautlos und ohne Licht, anzusehen wie ein Sarg. Ich war von vielen Empfindungen quälend erregt, ich fühlte zornig, das alles hätte nicht geschehen dürfen. Was hatte dieser Tag gegeben? Ich war genötigt worden, hassenswert tiefe Blicke in einen Menschen zu tun, den ich verehrt hatte, und ein großes Kunstwerk war mir auf immer zerstört worden. Denn stets würden, das war schon jetzt gewiß, die drohenden Augen des leidenden Gottes Aphrodites lächelndes Antlitz durchlöchern, und seine Wunden würden auf ihren Händen bluten. Ich war um etwas sehr Geliebtes ärmer.
Plötzlich sagte Klaus Manth mit ganz veränderter und beherrschter Stimme: »Gehen wir hinunter? Bleiben Sie bitte für den Abend bei mir, ich muß mich doch ein wenig heiterer zeigen, an meinem Geburtstage. Schließen Sie die Augen, ich mache Licht.« Die Helligkeit schlug um unsere geschlossenen Lider, dann öffneten wir sie und folgten geblendet unserem Wirt. Plötzlich erschrak ich ohne zunächst zu wissen worüber. Es war mir, als tauchte plötzlich ein vertrautes Gesicht vor meinen schmerzenden Augen auf: Oswald Saach. Ich zitterte. Aber er war ja tot! Und dann begriff ich – man brauchte wirklich Zeit, sich an das Licht zu gewöhnen – vor mir hing, rahmenlos an die Wand genagelt, eine Kohleskizze über das bäurisch bedeutende Gesicht des Musikers. Ich hielt Walter zurück, indem ich selbst stehenblieb: der Kopf brannte vor Lebendigkeit und war dennoch ein einfacher Umriß und einige wesentliche Linien. Die trotzig geworfenen Lippen waren nahe am Reden, und die Augen, schwarze unbestimmte Schattenflecke, glühten mich an … Ich stand und schaute. Ein Mensch hat soviel Kunst in sich, dachte ich dann bitter, und bleibt dennoch ein Krüppel und Fragmentarier. Manth drehte sich um, sah wo wir standen und kommentierte mit gleichgültiger Stimme:
»Die erste Studie zu dem Porträt – Sie wissen. Trauriges Ende, ja. – Ich darf also das Abendbrot bestellen, nicht wahr?« Ich machte Einwände, aber Walter sah mich bittend an, und so gab ich nach und ging mit ihm, um meine Mutter zu benachrichtigen. Als wir allein vor dem blanken und schwarzen Apparat standen, sagte er, ehe ich den Hörer nahm:
»Der arme Mensch. Was er gelitten hat –«
»Ja«, antwortete ich, »was mag er gelitten haben« … Aber ich dachte an Oswald dabei, nicht an den kleinen Maler.
»Und all das um Gebilde, die uns ergötzen.«
Ich sah ihn an: Lieber, Liebster, ich sage dir oft die Wahrheit, aber nicht immer, nicht über alles … und ich liebe dich dennoch … Aber schweigen wir von Oswald – es wäre töricht, nicht? Glücklicherweise bereute ich meine Abwesenheit, ehe er sie bemerken konnte. Er war eigentlich sehr durchtränkt von dem Erlebnis dieser Stunde. Ich wußte nicht mehr, was er eben gesagt hatte.
»Du bist ziemlich damit beschäftigt?« fragte ich daher.
»Wie du. Ich sah es an deinem Aufspringen und fühlte es im Drucke deiner Hand vorhin.« Offenbar hatte er mich gründlich mißdeutet … Aber was besagte das? Man brauchte den Irrtum nicht zu berichtigen. Es hätte ihm wehe getan. Aber ganz schweigen konnte ich dennoch nicht. Ich fragte zaghaft, mädchenhaft:
»Wäre aber alles das nicht besser verschwiegen geblieben?«
»Verschwiegen? Das erschütternde Bekenntnis eines solchen Menschen?«
»Ja,« sagte ich einfach. »Mein Lieblingswerk ist mir dadurch ferngerückt und neu, fremd geworden. Ich werde einen Monat brauchen, mich wieder daran zu gewöhnen, daran, und an den Schöpfer auch.« Aber daß ich mich schämte für den Mann, der mir jetzt gelassen und nun gewissermaßen nackt beim Essen im hellen Lichte gegenüber sitzen wollte, das mochte ich nicht sagen.
»Bist du nicht ein bißchen ungerecht, kleine Claudia?« fragte er sogleich in zärtlichem Vorwurf; ich aber, ohne jede Pause: »Du, Walter, bist lasterhaft gerecht –« und ich schloß mutwillig: »Ich behellige auch niemand mit Innenleben – nicht einmal dich.«
Er legte lächelnd seine Hand auf die meine: »Dafür ist er ein Künstler und wir simple Bürgersleute, die bei der Kunst zu Gaste gehn.«
»Um so schlimmer,« gab ich zurück, »so soll er sich mit dem begnügen, was seine Werke gestehn; das ist immer noch genug.«
»Im Grunde fühlst du, glaube ich, was ich hier fühle. Sind wir einig, du?« Ich nahm den Hörer auf und log: »Vielleicht.«
Der Stern
Das Werk ist mir gewidmet. »Dem Jugendgenossen Walter Rohme« steht auf dem Titel zu lesen, und das bin ich. Erregt es mich darum so besonders tief? Vielleicht sagt sie Fremden wenig, diese »Sonate e-moll in tiefer Lage«. Unter Claudias Händen singt der Flügel mit dunklen, langsam aufstehenden Tönen ein finsteres Thema, weit gespannt, ein Stückchen Nacht, das beinah spricht – von Trostlosigkeit spricht, hervorgebracht durch glockenhafte Klänge, einfach, steigend und die zögern, sich wieder zu senken, stocken und sich neigen: vier gedehnte Takte ohne jegliche Nebenstimme. Und das Cello hebt dieselbe Weise an, das Lied vervielfältigt sich mit sehr zarten Harmonien zu einem Zwiegesang der Schwermut, der manchmal in unverhofften Quinten und Oktaven auseinander klafft als öffneten sich plötzlich schreiende Durchblicke ins Leere der kahlen, kalten, unbegrenzten Trauer … Aber alsbald webt Alexander Sirmisch mit beschwichtigendem Bogen und den vier zitternden Saiten einen tiefbraunen Schleier, sie mit einem Gewirk gehaltener Klage und starr gemessener Trauer zu verhüllen – bis an einer Stelle, auf die ich mit immer neuem Zittern warte, der Flügel alle Zahmheit abschüttelt und sehr laut, in Oktaven, ohne Schonung das nackte Thema wie einen Schrei der letzten Verlassenheit ausstöhnt … Hier läuft mir, so oft ich die Sonate auch gehört habe, ein Schauern von den Schultern zu den Lenden, ich strecke mich, lasse den Kopf rückwärts sinken und gebe mich hin. Oswald, klagt es, Kamerad, alter Kämpfer, daß es auch dich hinunter bekam! Mein Freund … ich erinnere mich, daß es Zeiten gab, in der Schule, noch auf der Universität, wo mir das Leben, die Zukunft nicht wert schien erlebt zu werden, wenn du sie nicht mit mir teiltest … Vier waren wir – zwei fielen ab; du aber machtest dich davon, heimlich an einem Abend, als es regnete und in der fremden Stadt nur fremde Gesichter vor dir auftauchten. Da dachtest du noch an mich und schriebst mir. Aber die Grenze war schon überschritten und deine Gestalt schon Bewohner des anderen Reichs … Und es ist mir, als müsse der tote Komponist wieder an jenen Notenschrank gelehnt stehen, als müsse er lautlos über den blauen Teppich gehen, mit vorgeneigtem Kopfe sich selbst an den Flügel setzen, vor die Lichter, die so oft seinen Schatten riesengroß an die Wände gemalt haben, zuckend vor Inbrunst, und die Musik seiner Klage und Verzweiflung noch viel härter lautwerden lassen, viel anklagender, viel erdrückender … Ich schaue erschreckt in die dunkle Ecke: niemand steht am Notenschrank. Ich schließe die Augen.
Ein vergrämtes Lächeln in den Sechzehnteln des staccatierenden Cellos, beginnt das sinistre Scherzo und verändert die Stimmung, die uns alle erfüllt. Die halbe Erlösung gestaltet sich körperlich in unseren Bewegungen, ohne Anteil des Willens, wie ich von mir aus urteile: ich richte mich auf, nehme ein wenig Haltung an und blicke um mich. Klaus Manth, der Maler, erhebt sich leise und tritt an das Fenster, den Vorhang zur Seite raffend; von Frau Eggeling kommt mir aus weiten Augen durch die Dämmerung des Raumes ernst und glänzend ein langer Blick; aber von Claudia sehe ich über dem Nacken nur das schwarze Haarhaupt und ein Stückchen Wange, an der eine Strähne herniederhängt, und Sirmisch, hinter seinem Instrument und dem schwarzen Notenpulte, neigt mir die erhellte Stirn zu und trinkt mit gesenkten Lidern und leicht geöffneten Lippen die Töne, die sein Bogen hervorholt. Sicherlich hatte niemand von uns vorher gewollt, daß dieser erste Abend unseres wieder vollständigen Trios – Sirmisch war lange in Südfrankreich herumgewandert – ein Gedächtnisdienst für Oswald Saach werden sollte; drei Monate sind eine lange Zeit für Menschen, und die Toten sterben so schnell; aber sicher wissen wir alle fünf, daß jener Tote es ist, der uns in der Dämmerung dieses Musikzimmers so schweigsam macht. Hat nicht, von dem Augenblick an, der uns heute »vollständig beisammen« fand, jeder nur an ihn gedacht, der fehlt, und der früher nahe oder entfernter aber zu jedem von uns in bestimmter Ferne stand? Manth hatte ihn gemalt, und bei dieser etwas lockeren Beziehung war es wohl geblieben; doch schon Sirmisch war ihm als sehr musikalisch angenehm, und zu Claudias alter Mutter zog ihn eine verständliche Verehrung, die sie mit Güte und Beruhigung erwiderte. Ich aber blieb für ihn der Klassenkamerad, ein Jugendgenosse, der ihm gern zuhörte, wenn er von seiner Zukunft redete und als Junge auf einem alten Klavier wunderlich wild fantasierte, und ich hatte auch ihn als letzten Lehrer zu Claudia gebracht, zu dem Mädchen, das soeben mit von ihm gelernter Kunst sein Werk, seine Seele tönen läßt, und das die meine ganz besitzt …
Die Sonate dauert nicht lange. Du warst ein Künstler, Oswald Saach, und hast das Maß gefunden, welches eine solche Stimmung angstgespannter Trauer allein fassen und der Seele tragen helfen kann. Jetzt gibt es noch diese fünf Variationen, in denen das Cello die Stimme der Erinnerung ist und stets neu gewendet das stets gleiche Thema vorträgt, am Ende ohne Bogen und gezupft, tönend wie eine umhüllte Glocke. Ja, ein Mensch wühlt hier wie in Vergangenem, hebt mit beiden Händen schmerzvolle Dinge empor ans Licht, prüft die längst abgetanen und verwirft sie ohne Hoffnung: aber über diesem tief gegründeten Wissen frohlockt in mir die Genußfähigkeit vor der Form, die Lust des Erratens kunstvoller Maskerade, das Erblicken des Gleichen im Veränderten und die Bewunderung des immer neuen Ausdrucks für diese eine, tief wehmütige Angelegenheit. Noch einmal erhebt der Flügel seine Stimme für das erste Thema, für die langsamen, schmerzlichen, jetzt ernst harmonisierten vier Teile, läßt sie klingen, klingen und schweigt.
Niemand rührt sich, alle sinnen, wir an dem hellen Tische bestellt mit japanischem Geschirr voller Rot und Gold und mit Astern in hoher Vase, und die beiden anderen; nur die Lichter knistern über den Tasten, Kerzenlicht, das allein ein lebendiges Wesen ist, nur bewegen sich die Schatten an den Mauern, der Atem der Menschen rauscht leise, und in den Schläfen singt mein verstörtes Blut. Claudia verharrt vor dem Flügel, lautlos, sicherlich hat sie die Hände im Schoß gefaltet; der Maler versinkt klein in einem weiten Sessel, und Frau Eggeling stützt die Stirn mit einem noch im Dämmern weißen Arm auf das Seitenpolster des Divans – da legt, und wir alle erschrecken, der Cellist den Bogen hart klappend auf das schwarze Notenpult, (empfindet er unser Schweigen als peinliche Gemachheit?) erhebt sich brüsk und sagt schneidend in die Stille hinein, während er sein edles Instrument behutsam in die Ecke lehnt:
»Einer Bourgeoise wegen, nicht wahr? Hat man mich recht unterrichtet, so ist eine Ehefrau die Ursache davon geworden, eine Hausfrau, ein sittsames Geschöpf, oder?« Ich wundre mich; auch lehne ich diesen Ton ab.
»Lieber Sirmisch,« antwortet eine sanfte Stimme langsam und ganz einfach, »die Mutter zweier Kinder.« Und ich freue mich zunächst über diese Abwehr. Ich habe, was er sagte, noch nicht aufgenommen, plötzlich begreife ich's und es schlägt wie eine Kugel durch meine Brust.
Claudia wendet sich auf ihrem drehbaren Schemel und sieht mich befremdet an, aus der halbdunklen Tiefe des Zimmers her. Ich verstehe jetzt wieder einmal alle diese Menschen, die einander gernhaben und doch eben jetzt kämpfend einander entgegenstreben (und das ist kein Vergnügen, sondern eine Qual, mit Verlaub): die Mutter, die mit diesem Worte ihr letztes gesagt zu haben scheint, und, daß Sirmisch sich damit nicht zufrieden geben kann – er hat ja erst vor Wochen von dem Ende des Freundes Kenntnis erhalten und diesen Schuß gleichsam selbst empfangen, ganz allein in Paris, unverhofft, ohne jede Vorbereitung – aber auch Claudias Blick: Schweigen wir nicht? und selbst den neugierigen Anteil des Malers an Sirmischs erregtem Gesicht; und weiß doch, hier zwingt es einen Mann zu Worten, und keine Ablenkung fruchtet. Ich fühle mich sehr unruhig; ich bin zu Untätigkeit gezwungen und möchte doch, wie er jetzt antwortet, das Tempo seiner Worte dreimal schneller haben um ganz zu wissen, was vorgeht.
»Ich verstehe, gnädige Frau. Aber ich bin keineswegs der Meinung, ganz und gar nicht, daß zwei Bürgerkinder das Ende eines solchen Künstlers rechtfertigen. Mir ist jammervoll zumute … Das da« – er schlägt die Handfläche auf die Notenseite – »ist ja lange nicht sein Bestes. Wir haben noch seine Klaviersonaten, seine Lieder, das Quintett; und seine Entwürfe, die Skizzen, die Sinfonie – gnädige Frau!« Seine Stimme zittert beschwörend. Ich erschrecke für ihn: Bürgerkinder … es geht mit ihm durch; aber ich lehne es nicht mehr ab … Um so ruhiger klingt die Antwort – und ich weiß, warum ich das bewundere.
»Ich bin kein Musikant, das ist wahr, ich verstehe wenig von Musik, ich fühle mein Teil dabei, und das ist leider Gottes alles. Aber ich hatte Saach gern, ich auch, lieber Sirmisch, und ich hörte ihn eben reden und sah ihn, während ihr musiziertet. Mag sein, ich war nicht ganz aufmerksam. Trotz alledem: es waren zwei Kinder, es war eine Familie; und überdies ist ganz gewiß, daß Frau Doktor … daß diese Dame ihm nicht im geringsten zugetan war.«
Leider, denke ich, und: dann säße er heute hier anstatt zu faulen; und mich schüttelt's.
»Aber das ist es ja! Da haben wir's ja! Weswegen klage ich sie an? Wofür mache ich sie verantwortlich? Doch für ihre Stumpfheit, doch wegen des Unvermögens ihrer Seele! Sie hätte wissen müssen, wie es um ihn stand, wenn sie ihn drei Monate lang wöchentlich dreimal sah! Was brauchte er anders um genial zu werden, reif zu werden, als das beglückende Anschmiegen dieser Frau? Sehen wir doch klar hin: um schaffen zu können benötigte er ein erträgliches Dasein, und weil er zart war, konnte ihm das nur von der Frau gegeben werden, die er liebte. Mochte das immer irgendeine sein, geliebt aus erstbestem Grunde – sie war, sie allein, dazu befähigt, sobald er sie liebte. Davon hat diese Dame nichts geahnt, wie? Sie hat ihn standhaft abgewiesen, nicht wahr? Sie war honett, ihrem Männchen treu, die Teilnahme aller Bürger gebührt ihr, weil sie durch diesen taktlos sterbenden Künstler in den Mund der Leute kam und der Nachwelt dazu, die sonst von ihr keinesfalls Notiz genommen hätte … Sind Sie mir böse, gnädige Frau? Aber ich kann nicht ausdrücken, wie sehr ich sie verachte, diese zahmen Puten, dieses Geflügel ohne Hirn und Seele, gackernd und eierlegend – nein, gnädige Frau, daß einer wie Oswald Saach um so eine fortgehen mußte … das ist ein bißchen widerlich …«
Welch ein Ausbruch! Ich betrachte Sirmisch mit ungehemmter, etwas bissiger Neugierde. So sehr liebte er ihn? So nahe ist er dem Toten gewesen? Oder greift er in eigener Sache an, in der Verteidigung des Künstlers? Das würde einiges verändern, nicht? Wohl keiner von uns gibt ihm gänzlich recht, vermutlich sehen alle – ich gewiß –, an die verhängnisvolle Tatsachenreihe gewöhnt, mit gerechteren Augen auf die gescholtene Frau; aber wir wissen auch, hier geht es nicht um Gerechtigkeit, sondern um Freundschaft; wenn es um Freundschaft geht. Ich stutze vor diesem Zweifel und finde erbleichend, daß ein unliebsamer Neid ihn heraustreibt; ich will der einzige sein, der einen Freund verloren hat; ich schäme mich; zugleich bemerke ich, wie Frau Eggeling – ist ihre Überlegenheit nicht staunenswert? – die Augen gütig auf den Sprecher richtet, ihre mütterlichen Lippen öffnet, bewegt und dann zum Schweigen schließt – da geschieht das Überraschende.
»Von den Toten nur Gutes, meinetwegen; aber das ertrage ich nicht länger!«
Diese Worte sind eingerahmt von völliger Stille. Wer sprach sie? Claudia? Kann in ihrer tiefen Mädchenstimme so Auflehnung und Entrüstung beben? Aber da steht sie schon auf, eilt mit drei heftigen Schritten zum Fenster und läßt den Vorhang zur Seite fahren, indem sie ungestüm an der Schnur zerrt. Man sieht sie an, will ich meinen! Tue ich's etwa nicht? Sie verbirgt sich beim Flügel und löscht mit zornigem Atem beide Kerzen aus. Ich vermerke ohne viel Wachheit, daß der Saum ihres Kleides rot und heftig hinter ihr herfährt. Was ist das? frage ich mich – was ist das? und meine Frage ist so ratlos, daß sie einem Erschrecken gleicht – übrigens ist es wirklich Schreck – und jede andere Regung für Sekunden aus meiner Seele drängt: ich stelle mit Klirren meine halbvolle Tasse hin, die fünfte, die siebente? Ich war von Anfang an nicht ganz gleichmütig heute Abend … Aber ehe sie die Lichter ausblies, habe ich, – und erst jetzt wird es mir bewußt, – im Umdrehen ihr Gesicht erhascht: ihren Mund, in einem dünnen Mondbogen geschlossen, und ihre Augen, die uns haßten, schwarz mit großen Pupillen. Ich begreife nichts, ich bin gewiß, niemand begreift. Sie fängt meinen Blick und antwortet, als wäre er eine Rede:
»Ihr habt ihn ja nicht gekannt, auch du nicht, Walter, ob du's auch nicht glaubst, aber ich!« und eine besondere Heftigkeit entlädt sich im letzten Wort. Ihre gute Mutter, unverstehend wie ich, die aber vor allem empfindet, daß dieser Ausbruch für Sirmisch und Klaus Manth fremdartig und zuguterletzt peinlich sein muß, hebt ihr schwarz gestieltes Glas an die Augen und sagt scherzhaft, während sie sie forschend ansieht:
»Mein sanftes Kind? Sagen Sie doch, armer Walter, wieviel Jahre kannten Sie Oswald Saach, ehe Sie ihn zu meiner psychologischen Tochter brachten?« sagt's mit drolliger hilfloser Stimme. Aber noch ehe ich auf ihren klugen Spaß eingehen kann, was ich verpflichtet bin zu tun, obwohl mir anderes näher im Sinne liegt, sozusagen, ruft Claudia aus dem Dunkel:
»Was ist die Zeit dabei? Ein Exponent für die Dauer der Verkenntnis. Geht mir damit, ja? Es kommen Augenblicke, die ganz gerade in einen Menschen hineinreißen, mitten hinein in einen Strudel, den Sie in der Seele erregen. Ich liebe sie nicht, im ganzen; aber diesem hier bin ich heute fast verpflichtet.«
Ich weiß gut, warum sie dabei einen Blick zu Klaus Manth hinüberschießt, der sich schweigsam verhalten hat, wie er es am liebsten tut. Sein rotblonder, von Sommersprossen gelb getupfter Kopf wird von dem schwarzen Kreuz des Fensters überragt, vor dem ich ihn sitzen sehe, und durch dessen Scheiben mein ratloser Blick zu dem nächtlichen Herbsthimmel fliegt. Ablenkung, gestehe ich mir. Und warum nicht? ich erlaube sie mir nun gerade; ich trotze sie mir ab. Der Mond steht verschleiert inmitten sehr heller runder Wolkenschollen, die einander unausgesetzt reiben, drängen und zerstoßen, in beständigem Fließen. Es ist ohne Widerrede ärgerlich, seine eigene Nervosität am Himmel wiederzufinden. Etwas Ruhiges gibt es schließlich dort und beglückt mich, als ich es finde, wie Einatmen kalter Luft: das schwarze Blau der frühen Nacht trennt streng und feierlich die Ränder zweier Wolkenfelder; Sterne brennen darin. Der kleine Maler begnügt sich indessen damit, erstaunt auszusehen. Du bist angeredet, rufe ich mir zu, entgegne. Antworten: worauf und was? Aber Alexander Sirmisch überholt meine Erwägungen zu meinem stillen Danke und läßt mich weiter auf den Wind horchen, der soeben beginnt, weich an die Scheiben zu stoßen wie ein pelziges Tier. Denn so wunderbar ist mein Zustand, daß die Gespanntheit meiner Seele sich als eine Art nervöser Unaufmerksamkeit zu äußern gedenkt. Unterdessen öffnet sich's tief innen, lauernd, staunend, schwarz und drohend – ein unheimliches Auge, das Claudia ansieht.
»Zeit oder nicht, gnädige Frau – was können wir vorläufig sagen? Wenn Fräulein Claudia ausgeredet hat, werden wir wissen. Ich warte; und bitte um eine fernere Tasse, wenn ich darf.« Claudia tritt zu unserm kleinen Tische. Zwei Minuten höchstens sind es her, daß sie einem befremdlichen Gefühl nachgegeben hat, einer vielleicht ihr selbst unerklärlichen Leidenschaft – und jetzt schon, in diesem Augenblicke, der ihr die zartbunte Teekanne in die Hand gibt, bedauert sie unsäglich ihre Aufwallung. Ich sehe ihre Brauen verstört zucken, ich fühle in mir die Pein der Bereuenden und höre die inbrünstige Hoffnung des Rückzuges hinter diesen sehr abweisenden Worten, die sie ins Klirren des Gerätes hineinsagt:
»Ich habe nichts mehr zu reden.« – Es ist für meine Ohren ein feines liebliches Geräusch, dieses Singen silberner Löffel auf zartem Porzellan, aber ich habe keine Zeit dafür. Ich bin gezwungen, unausgesetzt an das zu denken, was sie verschweigen will. Nicht weil es um Oswald geht. Ich muß wissen, was dieses Mädchen so heftig erregt. Dieses erregte Mädchen kenne ich nicht; und wie es scheint, habe ich etliche Gründe, es kennen zu müssen. Der Dichter sieht sie nicht an; er betrachtet unhöflich, wie der dampfend goldene Teestrahl die weiße Höhle seiner hingereichten dünnen Tasse füllt, und sieht sehr abwesend und nicht gerade geistvoll drein; dann sagt er mit sachlich beherrschter Kälte, während er das Getränk durchwühlt, um den Zucker zu lösen und sich – irre ich nicht? – Mühe gibt, den kleinen Finger dabei nicht abzuspreizen:
»Verzeihung, Fräulein Claudia, wenn mir das nicht genügt. Sie werden nicht umhin können, uns von Ihrer Kenntnis mitzuteilen. Sie haben sich allzu weit vorgewagt; ein solcher Rückzug ist nicht angängig.« Und dann bläst er auf die heiße Flüssigkeit mit lächerlich gespitztem Munde. Wie er sie ausgekundschaftet hat! Er setzt seine Worte gemessen feindselig; spräche er mit einem Manne, so wäre das nächste Ereignis eine Forderung, ein Duell junger Herren; und ich lächele still über die imaginäre Komik eines Einfalls, als müsse ich mit ihr beleidigt und ihr Beschützer sein … dies gibt den Grund dafür, daß er mir soeben winzig und belustigend vorkommt. Aber zugleich gebe ich ihm recht. Hatte sie sich nicht in einen Angriff jagen lassen, aus dem man nur nach vorwärts flüchten konnte? Jagen lassen – wovon? Ich vermag mir kein Bild mehr von ihrer Seele zu machen, die ich doch so lange als eine geliebte Landschaft besonnt und blumig gesehen habe … Finden sich da – ich frage nicht sehr kalt, meiner Treu – Abgründe, Dickichte und schwarze Wälder, in denen es sich schlängelt und ballt, und daraus eines Augenblicks solche Überraschungen hervorbrechen?
»Erlaßt ihr mirs nicht? Erlaßt mir es doch!« Sie bittet und senkt die Stimme; »es ist so wenig erfreulich, und ich bedaure so sehr …« Sie blickt mich an, dessen Herz schmerzhaft süß ihr entgegendrängt, dann die anderen, läßt zuletzt die schwarz fordernden Blicke auf Sirmischs Gesicht ruhen; und ich nicke und gewähre. Wie, ich? Gibt's einen hier, der dringlicher auf ihrer Erzählung bestehen sollte, als ich? Einen, der ebenso atemlos auf die Offenbarung ihres aufgewirbelten Wesens wartet? Keinen; und dennoch verzichte ich. Das ist eine fast physiologische Antwort auf ihre Art zu bitten, auf Blick und Ton – mein Herz übertölpelt mich, und mein Geist läßt es zu. Er kann es ohne Scheu, denn es kommt nicht auf mich an. Aller Reiz und wieviel Liebenswertes geht von diesem schönen Mädchen aus – dennoch bewegt ihr Gegner langsam verneinend den Kopf. Er sagt sanft, mit der peinlichen Sanftmut des sicheren Mannes:
»Nein, Claudia, es geht nicht. Um meinetwillen? Was könnte ich verweigern, wenn Sie so bitten … aber ich sitze hier nicht in eigner Sache.«
Sehr geschickt, und geschmackvoll gesagt … Sie hat ein lebhaftes Gefühl für seelische Verpflichtung, diese junge Dame, und wird nicht zögern, sich zu rechtfertigen. Ich werde also hören und setze mich zurecht.
Nun, da ich sicher bin, sogleich alles zu wissen, bricht die Spannung und eine tiefe Ruhe breitet sich durch mich. Ich bedaure Claudia; aber wenn sie gesprochen haben wird, werde ich sie noch inniger lieben. (Ich werde doch hoffentlich?)
Sie weicht langsam, ihr Widerstreben beugt sich besiegt; sie neigt das Haupt, ihre Brauen zucken zweimal – dann tritt sie wortlos nach hinten, aus dem Lichtkreis der Lampe, und indem sie uns alle noch einmal anblickt, ihre Mutter an die Polster der Sofalehne geschmiegt, Sirmisch aufgerichtet neben dem Tische, den Maler, der in seinem Sessel verschwindet, zuletzt mich, dessen gesenktes Gesicht das Licht erhellen mag, grell hervorquellend unter dem grünen Seidenschirm, mahnt sie noch:
»Aber seht nicht auf mich, irgendwohin,« und beginnt darauf, mit nur halb verwendeter Stimme, während sie hinten im Raume, an uns vorüber einen fernen Blick haften läßt, der mir nicht schmerzfrei scheint: »Er hörte sehr bald auf, mein Lehrer zu sein, und was sich Menschliches zwischen uns ergab, außerhalb des Unterrichts, war mir immer sonderbar. Freundschaft? Ach nein. Er war anziehend, aber mein Freund? Eruptive Menschen wie er, die in beständigem Pathos leben, sind für mich nichts; ich fürchte den Ausbruch, und dem war Oswald Saach stets nahe. Er wußte das. Er war bewußten Geistes so, daß er hinter her stets merkte und auf eine peinliche Art auch aussprach, wenn er Unangebrachtes getan hatte und wie er's hätte vermeiden sollen; hinterdrein, ohne Verpflichtung für das nächste Mal. Es haftete einfach auf immer an ihm, daß er von unten gekommen war.«
Ich nickte still. Ich hatte vergessen (während meine Seele gierig harrte, daß Claudia, meine Braut, sich mir neu, unverhofft darbieten sollte), wovon die Rede war: von meinem Freund. Nun sinke ich in tiefes Sinnen: da ist er. Ich sehe ihn auf halbgeschlossenen Lidern wie ein Bild: Fäuste, die durch die Luft auf unsichtbare Gegner fallen, graue Augen, weit offen vor Glanz, eigentümlich hell in der Röte bräunlicher Wangen und unter stets kurzen blonden Haaren, und mitten aus dem Gesicht aufsteigend, von vulkanisch sich werfenden Lippen, der Schwall der Worte, begeistert, empört, befehlend – immer glühend und gleichsam emporbrechend aus einem Erdinnern. So tobt er vor mir auf und ab, dieser Gütige, der stets entbrannt war und sich so bald verzehrt hatte … Unterdes höre ich Claudia:
»Ich liebte ihn nicht sehr, willkürlich und salopp wie er umherging, innerlich wie außen. Aber ich gab mir nach den ersten Stunden zu, daß er bedeutend und berechtigt war, im Pathos zu leben. Nun, er wußte bald, daß ich das Große in vielen Formen schätzen konnte, und außerdem verliebte er sich in mich.« – In mir klappt etwas zu: eine Falle, die mit eisernen Zähnen diese Worte festhält. Ich sitze starr; mir ist als fiele ich rapid und senkrecht ins Grundlose. Warum haben sie davon zu mir geschwiegen? warum lächelt sie jetzt nicht? – »Nicht lange, nicht ernsthaft,« höre ich aus einer summenden Ferne, »ich brauchte nicht davon Notiz zu nehmen; ich dachte, daß solchen jungen Leuten derartiges unvermeidlich sei, wenn sie zum erstenmal zu gepflegten jungen Damen kommen. Nach unseren Stunden gingen wir oft in der alten Allee auf und ab, damals im späten Herbst, in dem ich meinen Garten so sehr liebe, und er fuhr mit den langen Füßen in die braunen Kastanienblätter, daß es zischte – und die Augen immer am Boden oder bei den großen goldenweißen Wolken im Blauen hinter den geleerten Wipfelnetzen, sprach er von sich, immer von sich. Daß man einen Menschen seiner Art nicht lieben könne, daß man ihn als Zugabe hinnehme zu seinen Händen und seinem Musikerhirn, daß er sich nach nichts so sehne, als einfach geliebt zu werden, wo er selbst liebe, ja, daß er um diesen Preis mit jedem wohlangezogenen Dummkopf zu tauschen bereit sei, und im Überschwung der Dankbarkeit sein ganzes Talent nebst seiner verfluchten und anrüchigen Person gegen gutes Im-Sattel-Sitzen und leidliches Tanzen hingeben könnte. Ich sagte dann irgendein Scherzwort, etwa über meinen Zweifel an seiner Willigkeit zu tauschen, und er lachte mit; aber meine Abneigung gegen all das übertriebene, schamlose und doch unechte Gerede ward dadurch nicht gemildert. Und nur von diesem Menschen lernte ich die Apassionata spielen, nur er ließ mich solche Sonaten erleben, nur er schuf sie gleichsam noch einmal und erleichterte mir, sie nachzuschaffen, nur er hatte beides, den glühenden Anlauf und die vollendete Einsicht: und wenn er gar einmal zu phantasieren begann, so hörte ich, ja ich hörte die brennende Sehnsucht, die leidvolle Größe dieser zwiespältigen Seele, gemischt aus Feinheit und Plumpheit, aus Adel und Miseren. In einer dieser Dämmerungen entstand vor meiner hingerissenen Seele die Urform, die starke und noch wirre Grundweise dieser ›Sonate in tiefer Lage‹. Damals erkannte ich ihn so tief, daß ich mir zugab: es mag trotz allem sehr schön sein, von ihm geliebt zu werden – es kann vielleicht, für gewisse Menschen, noch schöner sein, ihn zu lieben …«
Sie hält inne, nicht lange, atmet tief und fragt mit ganz anderem Ton kalt, zu kalt:
»Habt ihr noch nicht genug davon?«
Niemand antwortete, sie sind alle »im Bann«, wie man zu sagen pflegt; dunkel bewegt von dem, was nun ausgesprochen werden soll. Ich nehme an, daß ich einen untadeligen Anblick biete. Ich sitze still und aufmerksam da, allzu steif vielleicht; akademisch, wie man das nennt. Klaus Manth räuspert sich; die Augen der beiden anderen verlassen nicht den beleuchteten Tisch; es ist erschreckend still. Ich versuche aus der raumlosen Ferne, in die ich geworfen bin, durch die Helle, hinter der ich sitze, nach jener Dunkelheit zu blicken, in der ein roter Schein und zwei lichte Flecke Claudias Dasein anzeigen: Gewand, Gesicht und die Hände. Ich zittere, ja. Es ist mir unmöglich, meinem Rücken, den Knieen und Händen das infame Vibrieren zu verbieten. Ich bin nicht unbeträchtlich erregt, ich fürchte mich vor den nächsten Minuten … klang ihre Stimme – ihre Mutter kennt sie nicht besser als ich – nicht tiefer und innerlichst bewegt, als täte sie sich Gewalt an, Härte und Bitterkeit daraus zu bannen? Dann hatte sie ihre Absicht schlecht gestaltet; ich habe es gehört … Ich kann mich irren, selbstverständlich. Ich bin imstande, das zu wünschen. Aber vielleicht hat sie ihn dennoch geliebt, trotz aller Zergliederung, die von hinterdrein stammen kann. Dies ist möglich; geliebt auch nur für die halbe Stunde, als er das Gesicht und die Hände von den Tasten hob, an einem dunkelblauen Herbstabende? Dann mag Zorn, Erregung und Ausbruch einfach erzwungen sein von Erinnerung nach dieser Musik: denn es gibt Liebe, die nur Stunden währt – und einiges Rätselhafte wäre gedeutet. Gleichgültiges wäre gedeutet. Und warum gerate ich denn außer mir? Wegen etlicher empörter Worte? Wegen einer halben Stunde Liebe? Du guter Gott – ich bin nicht einfachen Geistes genug, um zu fordern, daß eine solche Frau ihr erstes Fühlen aufbewahre, bis ich gelegen komme, es zu empfangen. Nein, sondern: daß sie es bis heute verschwiegen hat, und daß ich selbst stumpf und taub einhergegangen bin, ohne dergleichen zu ahnen: das ist's! Ich habe gut mir Ruhe predigen und: warte ab! und: du hörst es gleich – ich fürchte mich; ich fürchte mich …
»Habt ihr noch immer nicht genug davon? – An jenem selben Abende, weil er fühlte, wie wir uns heute näher waren als je (vielleicht hatte er's meinen Augen angesehen), teilte mir der Unbegreifliche etwas mit, ein seelisches Faktum, ein kleines Erlebnis, offenbarte mir's als wäre seine Seele taub. Er war eine winzige Sache, ein Vorgang mit einem blonden Mädel und einem fallenden Stern. Wie war's doch nur,« sagt sie halblaut und hält an, nicht wie einer, der sich auf etwas besinnt, sondern wie um die knappste Anordnung zu finden, die schlagendste Form, die unsere Neugier und Teilnahme gleichsam mit einem Wurfe erledigt – denn trotz jener Frage und allen Anteils erzählt sie zweifellos mit Lust am dargestellten Ereignis, mit langsamer, zögernder Wortzahl und ohne Schonung, in unpersönlichem Drang, die Tatsache ganz in uns zu beleben; und wie ich dies erwäge, finde ich es geeignet, mich sehr zu trösten – »ja, ungefähr auf diese Art: er kannte vor einiger Zeit hier in der Stadt ein wunderhübsches Mädel, eine Hamburgerin, schlank und grauäugig, von der er mit Rührung und Zärtlichkeit sprach, kein Licht, aber eine holde Seele. Sie hatte ihn von Herzen gern, sagte er, und hing an ihm mit aller Glut, deren sie fähig war, nicht um seiner Kunst willen, denn davon verstand sie nichts, auch nicht des Ruhmes wegen, denn er war damals noch ganz ungekannt, sondern um des Menschen willen; und er hatte für sie die ganze beunruhigende Zärtlichkeit eines Ungeliebten für das Lichte, Einfache, Liebliche. Er machte sie zu seiner Geliebten, diese Tochter eines kleinen Beamten und nichts als Gouvernante, er hatte ihre strengen und sittsamen Grundsätze endlich über den Haufen geredet, ihre Neugierde endlich durch die Fremdartigkeit seiner Zigeunerwelt geweckt und ihre Sinne durch seine Küsse und Kühnheiten; und weil sie demütig sein mit Wucht entfaltetes Anderssein als Bessersein empfand, weil sie selber arm und vereinsamt war, und weil die unbedingte Herrschaft über ihn und seine Liebkosung sie beglückte, gab sie ihm endlich nach, mit schüchterner Glut und einer stets keuschen, stets anmutigen Hingabe. Wundert ihr euch, daß ich unterrichtet bin? Ich habe manchmal an sie gedacht, und er gab mir die Mittel dazu: sagte mir ihre Worte, erzählte ihre Listen sich freizumachen und die kleinen Gebärden ihrer Liebe – er lieferte mir das Mädchen aus, vollständig, und betrunken von der holdesten Erinnerung.«
Auch ich erinnere mich, ich habe sie gekannt, gut gekannt. Nicht wahr, zu Zeiten ist ein solches Sich-Erinnern nützlich, das Hervorholen gegenständlicher Vorstellungen ein kleines Glück … Wie manchen Abend habe ich bei den beiden verbracht und mich von Lisbeth verwöhnen lassen, in Oswalds großem Zimmer, von dessen kahlen Mauern Beethovens Maske über ein gemietetes Klavier einsiedlerisch hinwegblickte … Wie hieß sie? Lisbeth – weiter fällt mir nichts ein … Sie hatte das sanfteste Lächeln … Ich sehe die Geste, mit der sie mir die geschälte Birne auf der Spitze des Messers bietet, über den Tisch hinüber … Sie schälte Früchte, ohne die Haut zu zerreißen, und warf das lange Band scherzhaft orakelnd hinter sich … Ah, Ohlsen heißt sie, Lisbeth Ohlsen: einmal formte sich ein ungefähres O aus der gelblichgrünen Fruchthaut, und Oswald lachte bei ihrem Jubel: das ist dein O, nicht meins. – Und dies alles hat Claudia an sich herankommen lassen? Wo bleibt ihr Widerwille gegen deutliches Wissen um solche Beziehungen? Mit welcher Miene mag sie ihm zugehört haben? Und sie hatte nicht Schweigen geboten! Ruhig, mein Herz! Meine Hände zittern immer noch … Bin ich denn vom Tee vergiftet? »Eines Tages kamen die Ferien ihrer Zöglinge, und das Mädchen fuhr heim, zu ihren alten Eltern, zu Eisenbahnsekretärs Ohlsen in Hamburg; und als sie wiederkam, ergab sich unwiderleglich, daß ihre Briefe ihn mit Grund beunruhigt hatten. Sie hatte sich von ihm befreit. Ja, sie hatte in der strengen und anständigen Luft der elterlichen Wohnung die Kraft gefunden, sich zu besinnen, und ihre Lebensart mit ihm zu verwerfen; sie hatte erkannt (ohne ihm Vorwürfe zu machen und ohne ihn einen Augenblick weniger zu lieben) wohin er sie geführt hatte – auf einen Boden, zu schwankend für ihre festen Schritte; sie hatte unter argen Qualen gesehen, daß sie in ein ehrenfestes, solides, der Pflicht und den Sitten unterworfenes Reich gehöre, und nicht in die von sogenanntem Eigenleben durchschwärmte Luft der Künstler und Komödianten. Urteilt, wie verwirrt, unbegreifend, schreckensstarr er vor dieser Umkehr stehen mußte, wie er vor Zorn und Trauer wütete, wie er grimmig schalt und, als sie weinend bat, ihr's nicht zu erschweren, höhnisch lachte.«
Ich sehe Sirmisch an, Frau Eggeling – sie hören allzueifrig, niemand achtet meiner, und das ist ein Glück. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn, unbemerkt … Ich muß sehr blaß aussehen … Wie oft, wie unausgesetzt hat Claudia über alles das nachgedacht!
»Begreift ihr, daß er nicht von ihr ließ, daß er sie nicht einfach gehen ließ, in Anständigkeit hinein in ihren Frieden? Oh, er wußte ja, wo er sie zu fassen hatte, um der Geliebten wehzutun! Er hatte ja in ihrer Seele an Erinnerungen und Zärtlichkeiten, Sehnsucht und Liebesschmerz ebensoviele Bundesgenossen, er kannte sein Mädchen ja so völlig – hatte sie ihm doch vor dem Leibe ihr ganzes einfaches Herz gegeben … Sie schrieb ihm Briefe, ich habe sie gelesen, gewiß, er hat sie mir zum Lesen gebracht, er nannte das Vertrauen,« – und sie nickt mehrmals, schwer beschuldigend – »in denen sie ihm rührend tapfer auch Freundschaft abschlug, auch Kameradschaft, weil sie ihrer nicht sicher war; und aus denen doch allzubald erhellte, daß sie es sich noch nicht begreiflich machen konnte, wie man ohne ihn leben sollte … Aber der Kampf begann im letzten Ernste erst hier, in dieser gefährlichen und versucherischen Stadt, wohin sie die Verpflichtung und der Zwang der Dinge zurückführten. Sie weigerte ihm jeden Kuß, jede Liebkosung, ja, eigentlich auch das Wiedersehn. ›Sie dachte, sie könnte mir so entwischen, einfach wie einem Jungen,‹ sagte er und lachte; denn er konnte ein Zusammensein erzwingen, da er mit allen ihren Gewohnheiten und Pflichten vertraut war – und das tat er: und als sie seine Verzweiflung sah, vermochte sie nicht, es zum Äußersten kommen zu lassen. So ging sie neben ihm auf einsamen Wegen des Großen Gartens; und oft hat sich mir während seiner Erzählungen die Einbildung aufgeprägt, als geschähe das alles vor mir, als wäre ich unsichtbar anwesend und wüßte: der Abend zwischen den Baumreihen und in den kleinen Gehölzen hallt wider von der unbedacht lauten Leidenschaft seiner Anklagen, Beschwörungen und Bitten, der warme Wind trägt wehend ihre sanfte Stimme, mit der sie abwehrt, verteidigt und ihre Liebe verleugnet, und er trinkt und trocknet vielleicht die Tränen beider. Denn daß sie ihn weiter liebte, trotz allem, sehr entsagend und sehr sehnsüchtig, das war bald gewiß; auch, daß sie im entferntesten nicht eine Heirat erpressen wollte, wie er erst argwöhnend angenommen hatte. Eine Ehe ohne Mittel, mit einem ganz unbekannten Maler – denn das alles begab sich zur Zeit, da er noch ganz im Dunkeln saß, noch gar keinen Schatten warf, sich schwer und spärlich ernährte – sie war viel zu vernünftig, nicht alle Schrecken darin zu sehen, wenn sie auch vielleicht anfangs davon geträumt hatte; war sie doch auch nur ein Mädchen und jung. Und wenn er auch kein Ende fand des bitteren und höhnischen Staunens darüber, daß die Vergangenheit über eine Frau keine Gewalt habe, und vorhanden sein könne wie ein gleichgültiges Ding, das die Seele nicht verpflichtete, wo doch ein Mann nicht aufrechtstehen könnte unter solcher Last des Erinnerns – sie hat, wie die Folge zeigte, die niederziehende Kraft des Erlebthabens dennoch stets gespürt, und die Stärke, mit der die Tapfere dem Knäuel von Versuchung, Vergangenheit, Sinnlichkeit und Liebe widerstand, schien mir bewundernswert – und scheint mir heute noch bewundernswert.«
Welchen Nachdruck ihre letzten Worte erhalten, dadurch, daß sie nach ihnen schweigt, innehält, ich weiß nicht warum, und nach ihrem Haar langt, als hätten sich dort Nadeln gelockert … In mir, – gebe ich mich wieder einmal zu viel mit mir ab? – ist diese ganze Weile erfüllt von ätzend hellen jagenden Vorstellungen: sie taumeln kalt, mir schwindelt. Wie unmöglich ist das alles: zu verstehen, daß Claudia Eggeling sich verbündet und eins weiß mit Lisbeth Ohlsen: ich versage vor dieser Aufgabe. Claudias Scheu vor jeder eindringenden Wirklichkeit – und dieses Mädchen, das sich ohne Ehe hingibt! Auf nur eine Weise kann sie zu Oswald Saachs Geliebten einen Zugang finden: und so albern bin ich, daß mir vor diesem Wissen schaudert. Erkläre, daß sie bisher davon geschwiegen hat; zweierlei steht zur Wahl: das Verdrängen einer Bagatelle? oder einer Seelensache! Wähle, mein Sohn. Schwer, nicht wahr? Oh ja. – Wenn Sirmisch nicht von den Tatsachen gefangen ist … (sind sie ihm neu? Laß sehen: ja, woher sollte er sie wissen? er kannte Oswald damals nicht) vielleicht ist Claudia vor ihm noch nicht verraten … Und wüßte ich nur, wohin sie damit will! Vielleicht ist diese ganze Qual verfrüht, sinnlos! vielleicht erklärt das Ende alles … und Ruhe, Ruhe; Herrschaft, Haltung, wenn ich dich bitten darf … Du darfst gut bitten, mein Alter.
Da beginnt sie wieder, und ich erstaune; sie setzt mehrfach an, schluckt, verbessert sich: ihre Stimme hat etwas wie Schwingen verloren, und vorher hat sie sich niemals um Worte mühen müssen. »Ich habe das Wichtigste vergessen – warum zwingt ihr mich auch, eine alte Historie heraufzuholen! Wißt ihr, erinnerst du dich, Walter, daß Oswald Saach sich in gewissem Sinne abhängig fühlte von unbekannten Gewalten? … Habt ihr je bemerkt, daß er, einfach heraus, abergläubisch war?«
Ich muß kurz lachen, Heiterkeit überrascht mich. Wie an einer Schnur von Gummi schnellt sie mich heute durch alle Gefühle, auf und ab … Sie findet Oswald abergläubisch? Aber Claudia verachtet den Aberglauben … Und was soll das jetzt, und hier? In mir atmet etwas auf: Unseresgleichen kann nicht den lieben, an dem er Verächtliches sieht, unseresgleichen, die wir liebend dem Sehnen nach Vollkommenheit folgen, das andere zu Heiligen macht oder zu Künstlern. Da meldet sich Frau Eggeling, zum ersten Male. Während die Tochter sprach, hat sie das rückwärts gelehnte Haupt im Dunkeln die Zimmerdecke betrachtet; jetzt führt sie mit einer sinnlosen Bewegung, denn es gibt oben nichts zu prüfen, das schwarzgestielte Glas an die Augen, um es sofort wieder in seine Kette von braunen Holzperlen fallen zu lassen und sagt, ohne sich sonst zu rühren:
»Abergläubisch? Liebes Kind, du fantasierst …« mit einer Stimme, die sie schweben läßt. Sirmisch sieht sie spähend an: »Erklären Sie doch das Wort, bitte.«
Claudia dreht ungeduldig den Kopf hin und her (quälen sie dich, Liebling? Einen Augenblick ertrinkt mein Herz in brennendem Erbarmen). »Ihr dürft glauben, daß ich nicht meine, er weigere sich am Freitag zu reisen, ein Haus Nummer sieben zu beziehen, zu dreizehn bei Tische zu sitzen; oder daß er den bösen Blick gefürchtet habe. Sondern für ihn bewegten sich um Seele, Schicksal, Innen und Außen des Menschen und seiner Geschicke wie eine dunkle Flüssigkeit dumpfe Gefühle, Ahnungen, unnahbare Einflüsse gestaltloser Mächte; und er hat mir oft entgegnet, daß er durchaus nicht gelaunt oder fähig sei, all das durch Betrachtung zu erhellen und durch Denken zu reinigen. Seit er nicht mehr an die Hölle glaube, mit der die Kirche seine Jugendjahre verstört und verängstigt hatte, und die Dreieinigkeit nebst allen Heiligen ihm gleichgültig geworden sei, seien diese Gefühle sein einziger Glaube, und er danke für sogenannte Philosophie und allen Skeptizismus und wolle ein Musiker bleiben.«
»Das ist mir noch nicht klar,« sagt unvermutet Klaus Manth von seinem Sessel her. Er hat sich aufgerichtet und sieht sehr aufmerksam aus; mir aber in meiner eben gewonnenen Leichtigkeit des Herzens ist das feine Singen der metallenen Federn in seinem Sessel unendlich fesselnder als alle Einwürfe: sie nennt ihn abergläubisch! Sie, Claudia, die hell und scharf zu denken gewohnt ist, ja diese Helligkeit nach Art der Frau überschätzt – hat sie sie doch eben erst gewonnen; – und sie nun von jedem fordert, den sie anerkennen soll! Wie selig, wie übermütig, wie glücklich macht diese drollige Ursache – sie kitzelt mich süß in der Brust, ich möchte ganz laut lachen und höre nur mühsam, was Sirmisch fragt: »War Saach denn ein mystischer Mensch?« Mag sie dem Freunde vorwerfen, was sie wolle … je ungerechter sie ihn schilt, um so froher darf ich sein. Ich glaube ja kein Wort von Oswalds »Aberglauben« …
»Abergläubisch war er, weiter nichts! Mystiker! Ich habe ihm das Ganze damals analysiert und ausgesprochen, denn wir waren in dauernder Zwietracht darüber – wissen Sie, was Sie tun? fragte ich, und ich war vielleicht sehr ungeduldig dabei – am Ende und im Grunde suchen Sie nichts als Zeichen, um sich Mut zu machen, Symbole, die Ihnen Gefühle und Wünsche, Befürchtungen, Abneigungen und Handlungen stärken sollen, rechtfertigen, ausdrücken, glaublicher machen; Sie suchen Prophezeiungen. Er war erheiternd überrascht, verwirrt, er war darauf nie verfallen; er leugnete: aber er fuhr fort, und ich hörte nicht auf, darüber zu spotten, nach dem Dilettanten von Bayreuth alles öffentliche Unheil den Juden zuzumessen, die ihm gar gefährlich schienen, und alles private einem Rothaarigen, Buckligen oder Einäugigen, der ihm etwa begegnet war; er gelobte weiter – für sich, nicht bei einem Heiligen – bestimmten Bettlern Almosen zu geben, damit eine Arbeit glücke, schrieb den guten Ausgang dem Gelübde zu und hielt peinlich auf Erfüllung; er befragte das Los, das er sich mit Karten oder auf sonstige Art orakelnd warf – ob er je zu einer Wahrsagerin schlich, weiß ich nicht, doch scheint es mir sehr möglich – und so glaubte er mit besonderer Neigung an die wunscherfüllende Magie fallender Sterne.«
Sie hat es erreicht, mich nachdenklich zu machen; nebenbei aber ist sie mir ganz rätselhaft geworden. Verwirrung umdrängt mich wie ein gläsernes Netz; nur durch eine äußerste Anstrengung gelingt es mir, innen kalt und still zu bleiben und nicht angstvoll und atemlos um mich kämpfend die Herrschaft zu verlieren über diese furchtbare und wichtige Materie. Wie klar und spottvoll spricht sie das! Ich habe Oswalds Neigung, mit der Zukunft ratend zu spielen, immer als harmlos belächelt; sieht sie schärfer? Ja. Warum? Sie kann als Schülerin einfach ihren Lehrer ausgespäht haben; oder ihre Worte können gehässig sein aus Abneigung gegen die Schwäche, die sein menschliches Bild trübt – und (jäh befällt mich neuer Schrecken) wiederum aus Neigung für ihn, den sie gerne makellos sähe … Ja, ich bin ins Netz geraten und gefangen außerhalb der Zeit. Ich altere in diesem Netz; durch seine Maschen stürzt das innere Geschehen als Katarakt, zehnmal schneller als es sonst rieselt. Mir ist, Claudia habe vor zwei Stunden ihre ersten Worte gesprochen.
»Sind Sie ein Aufklärer?« äußert Klaus Manth, und Sirmisch prüft langsam: »Machen Sie Undurchsichtiges nicht allzu leicht hell? Sie leugnen das Dunkle durch Ihre viel zu einfache Klärung. Ich finde, das alles wurzelt tiefer und vielfältiger in der Seele …«
»Ich hasse das Trübe. Ich weigere mich, solange bekannte Größen ausreichen um die Aufgabe zu lösen, Unbekannte einzusetzen – das ist alles. Es scheint mir nicht gewissenhaft, alle Rechenschaft der Zahl x aufzubürden, die den Beruf hat, Auskünfte zu verweigern. Genug, genug: Saach war abergläubisch, wie ich's erläutert habe: und übrigens hat Walter Rohme noch mit keinem Worte widersprochen. Fühle dich nur nicht veranlaßt, jetzt noch zu fechten …«
Ich hebe schweigend die Achseln. Ich besinne mich, ob mir ein solcher Zustand fiebernder Erregtheit dieses Mädchens jemals vorstellbar gewesen. Wo bleibt ihre kühle Stimme, ihre schweigsame Entschiedenheit, ihr abwehrender Spott? Ich versinke immer tiefer in ein Staunen, das eisig zittern macht. Sie aber atmet auf wie von einer Bürde befreit und ruft: »Endlich ist man soweit, endlich! Nun hört noch den Schluß, und dann nur noch Musik: an einem der Tage, an denen Lisbeth gegen Abend frei von Pflichten ist, holt er sie ab, und bald sind sie im Großen Garten; denn sie hat Kopfweh und hält außerdem die Weigerung, sein Zimmer auch nur flüchtig zu betreten, streng aufrecht, während er doch geglaubt hatte, seine lebendige Gegenwart werde alles umwerfen, was ihre Briefe sich vorgenommen hatten. Ich sehe sie, ja ich sehe sie unaussprechlich deutlich vor meinen geschlossenen Augen, als wär' ich je und je bei ihnen gewesen: sie gehen im Dämmern und bald im Dunkeln durch laubige Wege, über denen der Himmel immer tiefer blaut, den die ersten Sterne durchdringen wollen; Oswald Saach hat wie stets den breiten Hut unordentlich auf die Haare gedrückt, und der leichte Wind faltet im Gehen seinen graugrünen Wetterkragen und macht ihn flattern. Lisbeths Anzug ist ganz weiß, ihr großer Hut aus hellem Stroh wird vom Winde gebogen. Ganz zart und hilflos wirkt sie an der Seite des Trotzigen, Aufgeregten, Faltenumflatterten; und doch ist sie die Stärkere. Ihre Gesichter sind beide bleich, sie sehen einander nicht an; sie sind glücklich unglücklich, froh des Beieinander, des Tons der geliebten Stimme, des Schimmers ihrer Augen und der Berührung ihrer Hände, die er in einem fort ergreift, um sie immer von neuem wegzuschleudern – aber schmerzvoll durchpulst von der Fremdheit, die sie in sich entdeckt haben, erschüttert von der Ungemeinsamkeit, die sich ihrer bemächtigt hat, und von der Unmöglichkeit, sich zu lieben wie einst und sich nicht mehr, jetzt schon nicht mehr zu lieben wie sie es erzwingen will. Ihm werfen Schmerz und Unglaube Sprungbäche von Worten aus dem Munde; bittere, drohende, anklagende und verwirrte Reden überwältigen ihn, die schneidende Verzweiflung macht ihn toll. Sie weint lautlos, das Taschentuch, das sie an die Augen führt, ist kaum weißer als ihr Gesicht. Das Leid des Geliebten und ihr eigenes läßt sie weinen; sie hat kaum Bitten, keine Abwehr, nur Tränen. Er ist noch immer nicht im mindesten bereit, den ruhigen und reinen Gefühlen nachzugeben, um die sie ihn seit Wochen bittet; er hat noch immer keinen anderen Gedanken als den Kampf, ihre Unterwerfung, Rückkehr und Bekenntnis zur Vergangenheit. Jetzt ist er erschöpft, er schweigt und schreitet neben ihr hin, ohne sie zu berühren. Sie ist bemüht, das Haar zu ordnen, das sich im Weinen gelöst hat, Strähnen hängen ihr ins Gesicht, Nadeln sind verloren worden. Sie gehen den See entlang. Er muß in dieser Stunde der eben stark gewordenen Nacht ganz dunkel daliegen, ohne gewisse Farbe aber ganz dunkel, da und dort von feinen Schimmern zitternd und von unsichtbaren Vögeln oder einem jagenden Fisch aufgeregt. Es ist sehr still, kaum daß eine Ente schreit oder ein stöberndes Tier die Sträucher erschüttert, nicht einmal ein Wind zischt in den Wipfeln, und ziemlich tief hängt der nicht mehr halbe Mond. Da, in diesem Augenblick des stummen inbrünstigen Kampfes zweier Liebenden, löst sich ein Stern aus dem reinen Schwarz, gleitet langsam in einer lichten Linie abwärts und erlischt in der Luft, plötzlich, ohne Laut, in einfacher Schönheit. Der Musiker gewahrt ihn sogleich, und ohne Zögern wird in ihm ein Wort gesprochen, ganz stumm und ganz deutlich, ohne daß er auch nur die Zunge rührte; ein Wort, das einen brennenden Wunsch bedeutet, zu dessen Erfüllung der fallende Stern ein gnädiges Wahrzeichen sei – und wie heißt die allgegenwärtige Begier des Mannes, der soeben dagegen kämpft, daß ihm der erste Mensch entgleitet, der ihn um seiner selbst willen liebt? Ruhm! rief es in Oswald Saach.«
Ruhm! sie wirft das Wort wie einen Speer über unsere Köpfe hin, fast mit einer Geste, und schweigt, schweigt als habe es getroffen und alles sei zu Ende. Ich habe dabei einen knappen Ruck in mir gespürt, ich leugne nicht, und Alexander Sirmisch hat sich sogar von seinem Sessel erhoben, ist plötzlich aufgestanden, sieht zu ihr hinüber und beginnt, zu leisem Klirren des Teetisches auf dem Teppich hin und her zu gehen. Man spricht nicht; jeder formt und vervollständigt wohl das Gehörte zu Beweis und Ausdeutung jener ersten erregten Worte, die das Ganze verursacht haben. Ich für meine Person bin noch kurze Weile mit meiner eigenen Angelegenheit beschäftigt, in mir ist eine Unruhe, die auf eine zusammenfassende Überlegung hindrängt. Er hat ihr unglaublich viel von sich gestanden, vielleicht ohne ganz zu sehen, wieviel. Welches Vertrauen muß er für sie empfunden haben – und wie wenig kannte er sie! Er hat dabei sicher nicht geahnt, was ich geradezu körperlich fühle, wie sie seine Offenheit ablehnt, während er erzählt, wie sie sich verschließt, innerlich abwendet, peinlich betroffen, ratlos und verstört … Ich bedauere Oswald sehr, und dennoch frohlockt etwas in mein Mitleid hinein: wie gut das ist, wie sehr, völlig, übermäßig gut das für mich ist … Nein nein, das besteht nicht, was ich befürchtet habe, meine Qual ist vorüber, ich atme frei, ich lächele Claudia zu, als sie ganz bleich ins Licht des Tisches tritt, um ihre kleine kalte Teetasse leer zu trinken. Mein Lächeln schwindet und erstarrt in Schreck: das Gesicht ist wie zerstört von einer tiefen Erregung: ein Erlebnis hat darin gehaust, die Augen umschattet, den Mund bitter gebogen und schmal gemacht, von den Nasenflügeln herab Linien gehöhlt! Ich sehe dieses neue Gesicht unverwandt an; ich tue nichts als es abtasten mit meinen Augen. Das also ist Claudia – auch das. Die Hand zittert, mit der sie das Gerät hebt und hält. Sirmisch bleibt vor ihr stehen, er hat sich von dem Eindruck ihrer Erzählung durch Zergliedern befreit und betrachtet sie mit leicht spöttischem Gesicht: »Sie stiften also eine Verbindung zwischen jenem betend und dem späteren Geschick, eine Art Schicksalswahl? Wie kühn, wie unbedenklich … sind Sie auch abergläubisch, Claudia, wie?«
»Warum wollen Sie mich falsch hören? Ich sage nur das: ihm geschah, was er selber wählte. Im Augenblick, wo er am tiefsten zu lieben vorgab, begehrte er am heißesten den Ruhm –«
»Er war ein Künstler, Claudia!« – »Vortrefflich. Nur verriet er dabei zwei Seelen, die seine und die einer Liebenden; denn er fing das Mädchen hernach doch wieder ein. Schmäht also eine Frau nicht, die ihm mißtraute und neben ihm kalt blieb. Kann einer, dem es damals mit der Liebe so wenig ernst war, in Anderen Liebe wecken und schaffen? nein, scheint mir. Ihr hättet mich nicht reizen sollen und alles wäre verschwiegen geblieben, oder ein andermal zu Worten gekommen, versöhnlicher, gerechter. Aber berühmt ist er gestorben.« Mir fällt wieder ein, daß dieser berühmt Verstorbene mein Freund war … war.
»Hätte er den Stern also um Liebe gebeten – Fräulein Claudia, Sie erzählen Märchen.«
Sie bedenkt Manth mit einem kühlen Blicke und macht sich daran, die Kerzen des Flügels und an dem doppelten Pulte zu entflammen. Ich sehe zu, wie ihr schönes Antlitz am goldenen Glanz der Lichter Farbe, Wärme und Leben bekommt. Ich werde langsam tieftraurig. Denn die Überzeugung dringt in mich ein, daß auch ich sie nicht kenne. Ich liebe dich, Liebste, aber ich weiß nicht, wer du bist. Werde ich es einst wissen? Und ist das dieses Abends letzter Schluß? Da höre ich ihre alte Mutter vom Divan her bedeutsam sagen:
»Hat hier nicht schließlich, alles in allem, einfach ein Mädchen ein anderes, verratenes, verteidigt?«
Und aus ferner Ecke hinter mir spricht Sirmisch:
»Wir wissen es, eifersüchtig sind sie alle und hassen das Werk, die Kunst und die Einsamkeit des Schöpfers.« Er weiß nichts, auch nicht Manth, Frau Eggeling sieht still und ahnungslos daran vorbei – und nur ich habe damit fertig zu werden … Aber das ist schließlich eine Art Glück … Eben gibt das Klavier ein a an, ungeduldig, hämmernd, eine Aufforderung und wiederholte Mahnung, Versäumtes nachzuholen: unsere Noten liegen schon weiß aufgeschlagen da, und Claudia stellt gerade mit gereckten Armen die schwere Decke des Flügels auf, wie eine glänzend schwarze Schwinge geformt, zum Fluge in eine sanftere Fremde halb gelüftet und bereit. Sirmisch sitzt schon, auch Claudia, ich beeile mich mit meiner Geige, fühle eine müde Freude, des Nachdenkens enthoben zu sein, und sage halblaut zu Frau Eggeling, indem ich mich niederlasse und die Noten erkenne: »Opus 70, zwei, in d.« »Das Geistertrio?« Sie erhält keine Antwort. Wir setzten alle drei sehr stark ein, zu einem stufenweise stürmenden Anlauf; das Cello hält allein einen sanften Ton lang an und fließt vibrierend in das Thema über, eine kurze stille Melodie, vom Flügel her wellig begleitet; dann kommt sie an mich und ich verliere mich dumpf erlöst und ganz der Sache hingegeben an meine Geigenstimme, die nur Teil einer höheren Einheit ist, mein Ich aufsaugt und mein Denken entrückt, daß es irgendwo hinten schimmert, blaß, klein und unnütz.
Das Album
Man sollte sein Herz nicht an Menschen hängen. Sie gehen fort und man bleibt ganz allein, wenden sich nach kurzem Weh ab und lassen uns hinter sich, im Dunkelkalten … Der Park hatte bald keine Gestalt mehr, Wiesen und Wege vereinte der Schnee zu einer bleichen Fläche, auf die mit Kohle Baumgruppen genau gezeichnet und Strauchreihen hingewischt waren – der endlos fallende Schnee. Auch Kinder hielten nicht stand. Zuerst vermögen sie nicht zu leben, wenn man nicht dicht bei ihnen ist – und eines Tages machen sie sich auf … Und sehr grauenvoll, daß niemand sieht, wie ungeheuerlich dergleichen; daß es allen für natürlich gilt – und man glauben muß, man sei von Sinnen mit seinem Gram. Ein Kind stirbt; nun wohl. Aber eine lebende Tochter verläßt die Mutter um willen eines Fremden … so etwas gab es … jeden Tag …
Eine Tür ist hinter ihr geöffnet und geschlossen worden, eine Person mag eingetreten sein … Man soll sie nicht stören! Man soll ihr vielmehr Ruhe lassen! Aber die Gewohnheit, die den Menschen vertiert, zwingt sie, gegen ihren innersten Willen sich umzusehen. Die Köchin Klara steht da und macht eine unglückliche Figur, weil sie stören muß.
Was die gnädige Frau zum Abendbrot wünsche.
»Liebe Klara, geben Sie was Sie denken.«
»Aber der Doktor Sirmisch sei für heute angesagt …«
»Ich glaube ja, daß Sie verläßlich sind. Verschonen Sie mich heute, Klara. Sie wissen doch Bescheid …«
Die Stimme der alten Dame tönte so ungeduldig abweisend aus dem weiten Sessel vom Fenster her, daß die Köchin die Achsel hob, ihre Schürze glattstrich und ging. Und Frau Eggeling wandte den aufgestützten Kopf wieder dem Fenster zu, vor dem reichliche Flocken einen graugetupften Vorhang unaufhörlich niederließen, weiß und tanzend. Manchmal warf ein Wind Falten hinein, aber seine Kraft, hinter doppelten Scheiben schwach heulend, bewirkte nichts, er ging vorüber, und siegreich fiel der kalte Vorhang, schräg tanzend und weiß.
Das Andere, Frühere würde also fortgehen? Unfaßbar. Und dennoch, mußten die Freunde ihrer Tochter nicht wie immer kommen, Sirmisch heute abend, andere ein andermal? Man würde wie sonst vor einem blinkenden Tische sitzen und freundlich miteinander speisen – um zwei vermindert zwar, ein wenig stiller vielleicht, und mit einem neuen Gesprächsstoff versehen: man würde lächelnd von den beiden Abgereisten sprechen, von den Glücklichen, den eben Vermählten … Unfaßbar – und schwer erträglich … Sie stand auf und hob an, einen Weg durch alle ihre Räume zu wandern, diesen, den sie heute schon – wie oft – gegangen war: vom Wohnzimmer in das grüne Speisezimmer, durch die dichten Schiebtüren ins Musikzimmer; dort kehrte sie um, zurück und weiter ohne Halt in den Empfangsraum und weiter durch das kleine Boudoir ins Schlafzimmer, und wieder zurück … Sie ließ alle Türen offenstehen, sie ging mit leisen Tritten von einem Teppich auf den anderen, die Möbel schütterten kaum, so leicht war der Gang der einsamen alten Frau; nur die großen Holzperlen der Kette, an der das Lorgnon hing, klapperten mit leisem Knattern, und der Saum des Kleides wehte schwach hinter ihr her wie ein hörbarer Schatten. Was sollte sie tun, großer Gott, damit diese entsetzliche Öde um sie wich? Die lange Wohnung lag leer und schweigend vor ihr. Sie kam von warmen Räumen in solche voll kalter Luft, und trat in andere, die ihr danach lau zu atmen waren, weil ja in den heute ungeheizten Öfen noch gestern Flammen flatterten. Aber alle, die hellen und die dunkelwandigen, die kostbaren und die täglich bewohnten drohten stumm und leer, leer. Es war etwas aus ihnen herausgeschnitten, sie standen da wie hohle Gehäuse, deren Wände noch glänzen auch wenn die Muschel gestorben, die sie belebte, sie klafften tot, schienen kahl und geweitet und seelenlos: denn Claudia hatte sie verlassen und würde sie lange nicht mehr mit dem Klange ihrer Stimme beleben, Claudia, die sich von dem fremden Manne hatte wegführen lassen – Claudia Eggeling, die aufgehört hatte, zu sein …
»Claudia Rohme.« Die Mutter sprach den Namen laut in die Dämmerung des Musikzimmers hinein. War das ihre Tochter? Sie senkte zitternd den Scheitel, sie mußte sich besinnen. Ihre Nerven schienen ihr heiß und ganz ermüdet, ihr Körper leicht, irgendwie schwebend und geschwächt vom Weinen, ihr Denken aber sonderbar verlangsamt und maßlos abgelenkt. Laß sehen: Doktor Walter Rohme … ja, ja … als sie das Kind nicht aus den Armen hatte lassen mögen, in Tränen, die vor Scham noch brennender flossen – was hatte er da doch … Tröstendes gesagt? »Sie haben doch jetzt einen Sohn, ein Kind mehr, Mama!« Dieser gelehrte Narr! Er sollte sie nicht Mutter nennen! Da hatte sie nun einen Sohn … Sie blickte zu Boden. Das schwärzliche Blau des Teppichs ließ den Sammet ihres Kleides blasser erscheinen, ein grauer Silberhauch lag auf seinem rötlichen Violett … kränklich sah das aus … sie strich mit den Fingerspitzen über den zarten Stoff. Welker Flieder, behaucht von Spinnweben … wie drollig der junge Sirmisch verglich und spaßte; und wie war doch der Name des Teppichs? Sie wollte sich darauf besinnen, es war ein Abweg, ein neuer Gedanke und der nicht schmerzte: von Sommer ging's, von blauem Himmel – nein, »Teppich des schwarzen Himmels« (was sollte ihr nur der Firlefanz?), »blau wie der Himmel, der sich im Ebenholz des Flügels spiegelt« – dieses Flügels schwarz glänzende Decke, die Claudia so oft aufgestellt hatte, wie eine Schwinge zum Fluge in eine tönende Ferne … Ihre Claudia! und der Abweg mündete mit unvermuteter Wendung in die schlimme Straße dieses Tages, die durch alle Zimmer führte, über alle Teppiche und durch alle offenen Türen … Und Eva Eggeling beschritt sie gebeugt und ratlos und mit rechts und links irrenden Augen. »Großer Gott,« sagte sie, »großer Gott« …
Sie stutzte, stockte, ward langsam aufmerksam: was sagte sie da? Man ging sonst an diesem Worte vorüber wie an jedem anderen, brauchte es ohne Hinsehen; heute, in dem sonderbaren Fieber, das ihr allerlei gewohnte Dinge entrückte, besah sie es wie einen neuen Gegenstand … welch fremdartiges Wort, Gott! Sie wiederholte: Gott … und es schien ihr nur noch Klang ohne Sinn. Es gab viele Menschen, die, wie ihre Mädchen, bei diesem sonst so plausiblen Worte erschauerten und sich beugten; und Trost von ihm holten, wenn sie alle ihre Sorgen vor ihn hingebreitet hatten – vor ihn, denn ein männliches Wesen stand für jene hinter dem Wort, alt, stark und gütig. Dann war ihnen leicht und frei zu Mute, und sie gingen mit erhobenem Nacken von dem himmlischen Vater. – Welch ein Unsinn, »Himmel«. Sehr seltsam – wie doch diese gut daran waren! Ihr war das nicht gegeben; nein, nein, nicht erst darnach fragen, das ist sinnlose Komödie. Ihr Vater, die Luft von Haus und Schule, nachher die Gesellschaft, ihr Gatte hatte einmütig dafür gesorgt, daß ihr nun, wo sie darauf blickte, die Existenz solcher Menschen rätselhaft unverständlich war, die für Gott und Jenseits irgendwelchen Sinn, ein Gefühl, eine dumpf glühende Hingabe mitbrachten. Mußte man nicht darüber den Kopf schütteln? Sie, gewiß, hatte an der Stelle dieser Erlebnisse einen stumpfen schwarzen Fleck. Sie hatte ihn nie gefühlt; heute bemerkte sie ihn, und ein vages trauriges Brennen stellte sich ein. Man hatte etwas in ihr erstickt und nichts dafür aufgebaut … Sie war aufgeklärt. Niemals hatte sie gefunden, daß sie damit ärmer sei als andere, im Gegenteil. Aber dennoch – heute spürte sie etwas in sich … wie leicht hatten es die anderen … man sollte den Menschen nicht noch schwächer machen …
Die große Uhr des Speisezimmers nannte mit sanft singenden Tönen die vierte Stunde. Dämmerung begann zu werden, Neujahr war kaum vorüber. Kam Sirmisch früh, so kam er um halb sieben – und sie erschrak vor den vielen Minuten, die folternd, langsam und regelmäßig auf ihre Stirn tropfen sollten. Aber das konnte niemand ertragen! Es mußte eine Ablenkung geben, irgendeine Beschäftigung, die festhielt, erleichterte, tröstete. War sie so allein gelassen? Was sollte sie tun? Schlafen – aber es wäre Spott gewesen, auf den Schlaf zu warten … er kam nicht, nicht einmal des Nachts, er überließ das Dunkel unaufhörlichen Qualen, halb Bilder und halb Reden, innen gesehen und gehört zu gleicher Zeit und doch weder ganz sichtbar noch ganz vernehmlich, und die alle einen Sinn hatten … Was sollte sie tun? In eine Sofaecke wie in eine Zuflucht geschmiegt blickte sie mit weiten leeren Augen in die dunkelnde Luft des Raumes. Das Kind war ja gegangen, unwiderruflich fern und auf immer. Wenn sie nur schreien könnte, sich zu Boden werfen, in die Ecke des Teppichs beißen – wenn sie nur noch weinen könnte! Ihr Inneres zitterte wund, brennend und verschlossen. Erkranken und sterben – ja, sterben, das verhieß Erlösung. Sie wollte nicht mehr leben: wie denn? mit wem, für wen? Niemand ertrug, allein weiter zu leben, herumzugehen, dies und das zu tun – Jämmerlichkeit und Ekel insgesamt. Mit niemand mehr sprechen wie sie miteinander sprachen; niemals mehr spüren wie glücklich es machte, Bewegung und Lächeln dieses Mädchens, dieses wundervollen Kindes auch nur zu sehen, ihre fragenden Augen, ihren spottenden Mund! Sie nicht mehr besitzen, ihre Ausdrücke und Gedanken und ihr ganzes reines Fühlen … Und wenn sie wiederkam? Höhnisch dachte sie: ach nein. Sie wollte nicht teilen müssen. Sie wollte sich nicht mit einem Eckchen begnügen, wo sie vorher alles innehatte, allein. Sie wollte, sie konnte nicht mit ansehen, daß nun der fremde Mensch ihre Tochter besaß – und wie besaß! daß er nun in ihr lebte und sie in ihm! Nicht daran denken, vergessen; still, verdecken, ersticken, mit Vorhängen und Mauern … Was sollte sie tun? Ach, sie hatte alles getan!
Von glänzenden Konsolen und aus gläsern verschlossenen Schränken hatte sie köstliche Gefäße gehoben, vormittags, nancyer Vasen in rauchigen Tinten, die sich vor dem Licht belebten, holländische, dänische, und Krüge aus China, auf denen Stieglitze durch rosenzartes Gezweig von Apfelblüten schlüpften, erlesenes Gut – und hatte sie wieder fortgestellt, nach teilnahmslosem Betrachten. Die Mappen mit ihren liebsten Holzschnitten waren aufgeblättert und eilig wieder geschlossen worden – denn die Apokalypse stieß sie heute ab, das Marienleben widerte sie heute an: hatten diese sinnlos wütenden Figuren, diese albernen Tiere mit vielen lächerlichen Köpfen, diese bieder platten Wochenstuben und Klageweiber sie wirklich früher zu ehrfürchtigem Genusse entzücken können? Man mußte hinnehmen, daß es dieselben Blätter geblieben seien, die sie von jeher liebte, und später vermutlich wieder lieben würde. Aber heute, heute starrten sie allesamt wie gestorben, ohne Kraft, Sinn und Wert, heute wo man ihnen inbrünstig gedankt hätte für eine winzige Viertelstunde Bezauberung, Vergessens und der Erlösung. Und ebenso ungeduldig vor Qual hatte sie alle ihre liebsten Dichtungen wieder fortlegen müssen, Bettinens Briefe, den Nachsommer, die Seldwyler und den Divan, nach kurzem Blättern; nichts war stark und beseelt genug, ihr heute Gesichte zu spenden und aufgebaute Wirklichkeit, an der sie sich aufrichten konnte, abseits von dem Grauen des ganz Verlassenseins. Da saß sie nun, vorgeneigt, und ballte die blasse Damenhand auf der Lehne des Sofas zu einer ohnmächtigen Faust: Haß krümmte ihre Finger. Sie haßte jetzt alle diese Werke, die ihr lange Liebe so übel vergalten … Sie stand hastig auf, entfloh, begann zum dritten Male die Wanderung, mit einem Stöhnen, das ihrem Jammer einen schauerlich sanften Ausdruck gab: »Großer Gott«. Aber das blieb nur ein Laut, kein Wort, in ihrem Innern antwortete nichts auf solche Anrufung.
Vor den Fenstern flog blaue Dämmerung heran. Die Scheiben standen als mehrfarbene Vierecke durchsichtig in den finsteren Mauern der unerleuchteten Zimmer, durch die eine Fiebernde schritt, reich gekleidet, mit rötlich erhitzten Wangen, das vorher wohlfrisierte graue Haar aus der Ordnung gebracht und mit brennenden Augen, die schwere Lider halb verdeckten und die sich gerne ganz schlossen. Ihr Kopf tat weh vom Denken – oder war das hinter ihrer Stirn, beides, der pulsende Schmerz und der immer gleitende Gedanke, nur Anzeichen für etwas drittes? Unaufhörlich wurden da innen Worte geflüstert und zugleich als stechender Druck gefühlt … Das war die Kunst, ihr Trost und ihre Macht … Übte sie sie nur auf Gleichmütige aus, auf Glückliche, deren Seelen nicht jammerten unter der Kante einer Last? Wozu war sie dann nütze, sie, an die sie so viel Liebe gewendet hatte, all diese Jahre hindurch? Oder war vielleicht in ihr ein Mangel auch hier? Es sollte Menschen geben, die sich, wenn das Liebste von ihrer Seite und Seele gerissen wurde, in ein Meisterwerk einschließen konnten wie in eine eisige Grotte, deren Wände kristallen schimmerten. Vielleicht zerfiel nur ihr jedes Werk in Trümmer, und es war Unrecht, die Kunst zu schelten. Vielleicht war ihr Geist zu alt geworden, um noch den Künsten zu erliegen, so gerne er mit ihnen spielte. Jungen Menschen mochten sie immerhin die Adern wieder mit Hoffnung füllen; vielleicht auch solchen, die irgendwie tätig, schaffend an ihr teilhatten. War's nicht Sirmisch, der einmal erzählte, daß in der bestimmten gefährlichen Zeit der Vierundzwanzig, wo die Angst des Verzweifelnden und eigener Talentlosigkeit Gewissen ihm Tage und Nächte furchtbar vergiftete, nur die Begier, Musik und immer mehr Musik zu hören, ihm das Leben behaltenswert machte? Und gab es nicht in Claudias Kindheit einen ganzen Monat, der erfüllt war vom leidenschaftlichen Gram um die Entfernung eines geliebten Knaben? Damals saß die Dreizehnjährige Nachmittag um Nachmittag an ihrem braunen Klavier, bewegte das Pedal mit den ungelenken Füßen, die lang aus kurzen Kleidern kamen, und ließ mit heißen Augen, brennenden Wangen und von Leidenschaft gelösten Zöpfen durch das Haus tönen, fehlerhaft, unrein und voll maßlosem Pathos, was ihr von Beethovens Wildheit, von Bachs Herbheit damals zugänglich war. Sie sah sie greifbar vor sich, den Kopf zurückgeworfen und wieder vornüber gebeugt, den breiten roten Mund halb offen und Tränen in den Augen … Ja, damals war ihr Musik vertrauter als die Mutter, vor der sie verstummte und der sie scheu auswich, mit gesenktem Blicke; bis freilich eines Abends, als das Kind nicht einschlief, die Mutter sich zu ihm auf den Rand des Bettes setzte und ohne ein Wort ihm die Stirn und das glühende Gesicht liebkoste, mit glühenden sanften Händen – und wartete, worauf aus dem Mädchen ein Schluchzen brach und mit Stößen von Tränen all ihr Jammer sich an der mütterlichen Schulter ausschüttete … Jene Nachtstunde, wie war sie eingehüllt in Glück!
Sie stand jäh, an den Türrahmen gelehnt, tief überrascht: wie? Hatte sie nicht auf Augenblicke vergessen, daß das Kind von ihr gegangen war? Hatte sie es nicht eben noch an ihrer Brust gefühlt? Sich erinnern war also keine Qual, sondern ein sanftes Vergessen! Torheit also, von abseitigen Dingen Vergessenheit ablesen zu wollen, mit Linien und Druckzeilen – sie strömte vielmehr wie ein wohltätiges Gas aus jeder kleinen Tatsache, die ihr die Tochter als Kind, als Mädchen, gleichviel ob spielend oder trauernd wiedergab! Sie atmete tief auf, ein Gespanntes löste sich in ihr, und die Lippen, bisher fest verschlossen, gingen ein wenig auseinander. Sie führte ihre Hand mehrmals über die Stirn bis in den Augenwinkel und blickte in das Wohnzimmer, das nur die Dämmerung für die verwöhnten Augen mit finsterem Blau erhellte. Sie staunte: alle Türen standen offen und die unverhängten Fenster sogen Dunkel und Kälte herein. Ihren Augen nicht wehe zu tun, wandte sie dem Zimmer den Rücken und drehte, auf der Schwelle stehend, den kleinen Schalter: hinter ihr schlug das Licht allgegenwärtig an Wände und Decke. Man muß sich also erinnern, dachte sie dringlich; schnell und tief in Gedanken tauchen. Von dieser Erleuchtung ging Wärme aus, Trost, atembar leichte Luft – beruhige dich! und sie ging mit aufrechteren Schritten durch die Wohnung, schloß überall die Türen, so daß der helle Raum abgesondert, vollkommen und heimlich wurde, und ließ die Vorhänge vor die beiden Fenster fallen. Wie rief sie am eiligsten Erinnerung herauf? Briefe? Mutter und Tochter pflegten sich selten zu trennen, es waren wenige da. Sollte sie die Kleider herausnehmen, eins nach dem anderen, die in den Schränken hängen geblieben waren, und dabei die Zeit wieder herstellen, Tag um Tag, in der sie von Claudia belebt und ausgefüllt wurden? Nein; weder die letzten noch die frühsten dieser schönen Hüllen waren ihr zuhanden, die einen hatte man mitgenommen, die anderen waren alle verschenkt … Aber das Album war hiergeblieben, voll von Photographien, das alte Album, das niemand beachtete! Claudias Bildnisse würden alles erzählen, würden die Entfernte gegenwärtig machen; in allen Gestalten mußte sie sogleich durchs Zimmer schreiten – wo, wo war das zauberische Buch?
Sie eilte zum Bücherschrank und brachte es herbei, mit beiden Händen faßte sie den mächtigen Band, dessen Decken aus erhaben gepreßtem Leder sich in die Haut eindrückten, und dessen goldgeschnittene Blätter aus dickem Karton von einer breiten gravierten Silberschließe zusammengehalten wurden; sie trug ihn wie eine Trophäe vor sich her, irgendwie triumphierend über den Feind: die Qual. Sie öffnete so dringlich, daß sie sich an der Schließe fast verletzte, und wandte hastig die ersten Seiten um, voller ganz alter Photographien. Alsbald stieg ein Dunst von Erinnerungen auf und schwebte im Zimmer wie fremdartiger Duft; sie sog ihn ein, indem ihre Augen diese toten Bildchen wahrnahmen, und es war ihr, als würde sie selbst auf ungewisse Art vag und mehr in Vergangenheit lebend als in dieser gegenwärtigen Stunde … Da schrak sie auf und fühlte sich wieder besonnen: wo fand sie Claudia? Man mußte das Buch von rückwärts durchblättern, mußte die letzten Seiten zuerst durchsuchen und so langsam in das Gewesene hineinschreiten, wie jemand zögernd den Weg zurückgeht, den er mühselig kam. Welches war das neueste Bild? Es hatte keines der üblichen Brautstandbilder gegeben, wie auch keine Hochzeitfeier voll bürgerlicher Üppigkeit veranstaltet worden war – niemandem lag daran außer Walters Eltern, die ihrer kleinbürgerlichen Verwandtschaft gar zu gern die vornehme Braut des Sohnes vorgewiesen hätten – somit war das letzte vor dreiviertel Jahren gemacht worden, für die alten Rohmes, Claudia die Dame darstellend, in großem Hute und dem schlanken Kostüm der Straße. Ein schönes verschlossenes Mädchengesicht sah unter dem Hutrand hervor, die Lippen lagen abweisend aufeinander und die Augen richteten sich gleichmütig auf den Beschauer. Das war Fräulein Eggeling, ein wohlerzogenes Mädchen – das nächste aber enthüllte Claudia. Es war keine gewöhnliche Photographie, nicht nach dem Leben abgenommen, sondern nach dem großen Bild, das Klaus Manth gemalt hatte. War das ihre Tochter? und dennoch war sie es, die im Profil am Flügel saß, leicht nach vorne geneigt, die Hände noch auf den Tasten. Das geschlossene Instrument zog eine gerade, schwarz glänzende Fläche bis an den Rand des Gemäldes, und hinter dem Kopfe des Mädchens öffnete sich das Fenster, licht und weit; sie glaubte das sonnige Blau des Herbsthimmels mit weißen Wolken farbig zu sehen. Aber der Kopf war seitwärts gewendet, aus dem Bilde heraus, und zwei übergroße Augen sprachen den Betrachtenden erschüttert an, über einem empfindlich fest geschlossenen Munde, der schmalen Beugung der Nase und dem dunkel über die Ohren gelegten Haar. Der Hinterkopf ließ in seiner Verkürzung eine makellose Form erraten. Claudias Schönheit, banal betrachtet, ging aus diesem Bilde nicht hervor, aber … anderes redete um so deutlicher. Mein Kind, flüsterte sie, du mein Kind … »Sind Sie's, Fräulein Claudia?« hatte der Maler gefragt, als sie das fertige Werk zu vieren betrachteten. »Ja, Herr Manth, ich bin's. Sie werden das nicht ausstellen, nicht wahr? Ich möchte nämlich nicht, daß die Leute das sehen.« Da hatte er gelacht und gesagt, es sei eigentlich schade darum, denn ein besseres Frauenbild habe er nie gemacht. Aber wenn sie nicht wolle … »Nein, offen heraus, es wäre mir sehr peinlich. Lassen Sie's bei sich hängen und verschweigen Sie meinen Namen. Ich bin zu eitel für Öffentlichkeit. Später einmal, wenn ich alt bin; aber nicht bald, wie?« Und die Angelegenheit war erledigt.
Die Tennisbilder … sie lehnte sich zurück, sie lächelte geschlossenen Auges – das tat wohl … Heißer Junihauch weht sie an; Turniertag im Klub; gute Gesellschaft lacht und plaudert unendlich sympathisch um sie her … Schlanke Jugend, weißgekleidet, vor brennend blauer Luft. Helle Quadrate auf rotgewalztem Boden, der glüht; springend weiße Bälle, jeder mit seinem bläulichen Schatten. Sie legt den Arm aufs Geländer der Tribüne, ihr Sonnenschirm macht das Licht grün; an den weißen Straußenfedern des Hutes zerrt der heiße Wind. Frau von Kaldern wendet ihr das fröhliche Gesicht zu und begeistert sich an Claudias Erfolgen. Wie sie stolz war, und wie gelassen sie das verheimlichen konnte – ein kitzelnder Spaß außerdem. Erhitzte Spieler, rotgesichtig, in weißen Flauschmänteln, seidne Tücher am Hals, neigen ihr Haar dem Wind entgegen und kommen sich ausruhen; Claudia dabei, Breithoff, Kaldern. Englische Rufe fliegen mit den Bällen durch die ritternde Luft: neue Spieler; und die Schiedsrichter hocken huhngleich oben auf gelben Gestellen. Claudia lehnt ganz erhitzt außen an der Tribüne und raucht eine Zigarette, die Hände in den Manteltaschen; sie macht die Burschikose sehr anmutig; Breithoff, der Gegner, spricht achtungsvoll zu ihr. Sie wendet sich mit Neckerei an Doktor Rohme, der halb hinter Frau Eggeling sitzt und bisher ganz stumm dreinsah, und er antwortet etwas Überlegtes, mit anfangs unfreier Stimme …
Sie neigte sich zu den Bildern und sah lange zu ihnen hinab. Wie das alles auflebte, farbig und voll sprechender Gebärden, anläßlich dieser fünf, sechs Bildchen! Es waren Momentbilder von Claudias Endspiel gegen Assessor Breithoff, behend erhaschte Stellungen voll letzten Ausdruckes und einer schrankenlosen Hingegebenheit an das spielende Ringen der Techniken. Hier schoß sie schräg aufwärts, den Ball von oben niederzuschlagen, gerade gestreckt von der Fußspitze bis zum Rakett wie ein Wasserstrahl; hier duckte sie sich nahe dem Boden, den Arm mit dem Schläger stracks rückwärts geschleudert, den Kopf seitwärts gedreht, so weit, daß man erschrak; auf diesem hier, wo vermutlich ein Ball von links zu nehmen war, spannte sich der Körper elastisch wie ein gedrehtes Seil: denn die rechte Schulter fuhr nach der bedrohten Seite herum – backhand? dann war Claudia dafür berühmt – auf einem vierten verkroch sie sich ganz hinter dem mit beiden Händen gefaßten Schläger, nichts als Erwartung des Balles; und hier schwebte sie ganz in der Luft, dicht am Netz, ein Bein gerade, eins im Winkel und den Kopf in den Nacken geworfen, bacchantisch und zugleich zweckvoll … Das war jener ziemlich applaudierte Schlag, der den Ball in die linke Ecke des Platzes sandte, während Breithoff ihn rechts erwartete, Claudia gewann vielleicht das Spiel, und ging damit als Erste aus dem Turnier … Doch in den letzten Runden spielte Breithoff – und siegte. Trotzdem war Claudia überaus heiter, und mit Grund, als sie im Auto saßen, um, Mutter, Tochter und Doktor Rohme, nach Hause zu fahren; und dann geschah das kurze eigentümliche Gespräch während des Fahrens … sie würde es nicht vergessen. Wie begann es doch? so, nicht wahr: Claudia gestand, sie habe mittendrin den Assessor gehaßt, aber wirklich gehaßt; darauf Rohme, er verstehe das, solche Spiele barbarisierten nämlich immer. Barbarisierten, sagte er zu der Siegerin. Sie fand das nicht sehr geschickt, wollte mildern und ihm einen Rückzug machen; aber er ging mit einer Art unterdrückter und leidender Heftigkeit weiter: das sei beweisbar. Wenn er Fräulein Claudia morgen bäte, mit ihm Duo zu spielen, etwa Brahms op. 108, so ginge das einfach nicht. Arme und Hände hätten alles verlernt außer dem »vergleichsweise primitiven Schlägerschwingen,« sie müßten das erst vergessen, ausruhen, und so. – Damals war ihr diese Vermengung von Dingen nur komisch, heute, beim Erinnern, widerlich … Aber Claudia sagte, nach zwei Tagen Massage sei alles wieder zahm und zu seiner Verfügung … »Zahm und zu Ihrer Verfügung,« sagte sie böse, und Tennis sei wundervoll und höchst nötig zu Zeiten. Und dann die sonderbaren Worte: »Aber ich weiß, was Sie haben. Es ist ganz sinnlos; Sie sind ja gar nicht ausgeschlossen. Ranküne, Doktor? Warum verkleinern Sie sich?« Er errötete hastig, atmete und sagte nichts. Solchen Unterhaltungen pflegte sie nicht zu folgen, dazu war sie zu alt. Aber obwohl sie eifrig dem durcheilten Boden beim Kreisen zusah, merkte sie doch und zum ersten Male ein wortloses Einvernehmen der beiden. Damals freute sie sich …
Bilder zu Pferde, Bilder im Auto. Das war schon einige Jahre her. Gleich dabei ein Gruppenbild von acht jungen Mädchen, Claudia unter ihnen, hier, schwer kenntlich; das Bild war mäßig und diese vielen Mädchenköpfe ähnelten einander. War das nicht Else Dominik, die sich beim Präparieren an einer Leiche vergiftet hatte und ein Jahr nach diesem Bilde schon tot war? Denn es stellte die Mädchen dar, welche mit Claudia die Reifeprüfung am Königsgymnasium machten, nach gemeinsamen Vorbereitungskursen. Und hier auf der anderen Seite unten war der Kopf der Abiturientin Claudia festgehalten: das Haar gescheitelt und aus der Stirn gestrichen, die breit und klug das schon hübsche Mädchengesicht abschloß. Sie nickte erheitert drüber hin: vor dieser unerschrockenen Stirn war der Geheimrat zurückgewichen, der die Prüfung abgenommen hatte. Nachdem alles vorüber war, lobte er, die besonderes geleistet hatten und fragte schließlich erstaunt: »Sie sind die einzige, Fräulein Eggeling, die nicht studieren wird – warum nur? Ihre Begabung für Mathematik scheint mir ungewöhnlich.« Da hatte ihm die junge Dame unschuldig ins Gesicht geblickt und ganz laut erklärt: »Danke, Herr Geheimrat, nein, ich studiere nicht. Ich wünsche nicht, eine gnädig tolerierte Person zu sein mit Rechten zweiter Klasse …« was ziemlich boshaft war, weil der errötende Herr, wie jeder Anwesende wußte, durchaus seinen Teil daran hatte, daß Mädchen noch immer nicht gleichberechtigt zum Studium zugelassen waren. Die siebzehnjährige Keckheit, dachte die Mutter damals zärtlich und schalt laut … Nach einem Jahr entschloß sie sich übrigens doch zum Studium; eines Tages entdeckte sie den Dozenten Rohme, der ein kunsttheoretisches Kolleg las. – Auf dem nächsten Bild stand eine Konfirmandin von dreizehn, mit einem halshohen Kleide, zwei Zöpfen und einem goldenen Kreuzchen. In den Zwischenjahren hatte sie sich gegen das Abbilden wütend gewehrt, sie fand sich zu häßlich dafür, und in der Tat war dieses Kindergesicht mit einer großen Nase, breitem Munde und übergroßen Augen völlig ohne Verhältnisse und kindliche Anmut geformt. Im nächsten Jahre noch, erinnerte sich die Mutter, kam sie eines Tages völlig verstört und krampfhaft weinend aus der Schule und war nicht mehr zu bewegen, in dieses öffentliche Institut zurückzukehren: man hatte, modern wie man war, daselbst klassenweise sexuell aufgeklärt … sie erhielt Unterricht daheim. Frau Eggeling hob den Kopf von den mit kleinen Bildern besteckten Blättern und blickte in die dunkle Zone, die sich an den lichten Kreis um die Lampe schmiegte. Das Pendel der hohen Uhr ging in hörbaren Rucken hin und her, und in der großen sanften Stille schien sein Geräusch laut und langsam. Wie viele Dinge in der Seele des Menschen begraben lagen, Zeiten lang! Das alles war vergessen gewesen, ohne Erwähnung und ohne Dasein. Und bei so geringem Anlaß wie diesen Bildchen sprang es heraus und stand da, unzerstört, unverändert … Nichts ging verloren, und diese lebendige Tochter, dieser gegenwärtige Mensch sollte ihr verloren gehen? Wie hatte sie sich darüber grämen können! Blieb nicht alles wie vorher? Wenn Claudia zurückkam, war sie wieder ihr Kind – wie oberflächlich und nebenhin mußten diese neuen Erfahrungen vorübergehen, denen sie jetzt ausgesetzt war, verglichen mit der unveränderlichen Tiefe aller Gemeinsamkeit zwischen ihnen beiden, Tochter und Mutter, die sie verband und durchströmte in magnetischem Sprühen, und von der jener dritte auf immer ausgeschlossen war! Oh Buch der Befreiung, oh gesegnetes gnadenvolles Buch des Trostes! … und ihre Hände wandten fast in Ehrfurcht das nächste Blatt.
Kinderbilder. Sie suchte, ob noch eines Claudia allein zeige, und es fand sich: ein ganz kleines, nacktes Kindchen lag großäugig in einem Sessel. Aber auf drei oder vier anderen sah man sie in Gemeinschaft mit ihrem kleinen Bruder, der so bald starb, mit dem Vater – eine Gabe für die Mutter, die damals in Elster eine Kur gebrauchte – (wie jung Eggeling hier aussah), mit beiden Eltern. Es waren häßliche glatte Photographien mit albernen Staffagen von Geländern und Tischen, mit gemalten Hintergründen, Felsen oder einer waldähnlichen Pinselei, mit künstlichen Palmen und sinnlosen Geräten, Trompeten oder kleinen Schaufeln … Nichts war an ihnen fesselnd – warum doch mußte sie so unverwandt diese Abgeschmacktheit ansehen? Wer war die Frau hier? Unmöglich, sich zu täuschen … Das war Eva Eggeling, diese altfränkisch gekleidete junge Frau in der langen Taille, mit hohen Achselpuffen und Rüschen überall?
Das Staunen, das sie befiel, war fast ein Schreck und benahm die Luft. Ihr Blick verlängerte sich, wurde starr und dunkel, in Wesenloses gerichtet, so daß sie nichts mehr sah. Dann, jäh zu sich kommend, schüttelte sie den Kopf – eine Haarnadel fiel auf den Teppich – und ihre Augen ergriffen mit Wachheit. Hier saß sie nochmals, allein mit der kleinen Tochter, ganz dunkel gekleidet, bis ans Kinn verhüllt, ein und ein halbes Jahr nach Eggelings Ende. Ihr Atem ging schwer und ihre Hände zitterten. Das stellte sie dar, sie selbst … Sie warf die schweren Blätter um, so daß sie klatschend aufeinander fielen, sie überflog die Seiten, die schon betrachtet waren: hier, und hier noch einmal! und dieses auch … Sie hatte es vorhin übersehen, begreiflicherweise; sie holte nun nach, wandte weiter Blatt um Blatt, in die frühere Zeit zurück, ehe noch Claudia lebte: da als junge Frau, da mit ihrem Gatten, hier war ihr Verlobungsbild, diese beiden mußten sie als Mädchen zeigen, es fand sich sogar ein gelblich blasses Kinderbildchen vor, mit Höschen, die ihre Spitzenkante unter dem Röckchen vorzeigten, und das, das war die Mutter mit der Schwester und ihr! – – Sie erhob sich rasch, ging eilend nach ihrem Schlafzimmer und tastete im Dunkel mit bebenden Fingern, bis sie einen Handspiegel fand; sie nahm ihn ins Wohnzimmer, zur Lampe, und die Brauen gefaltet, die Lippen aufeinandergedrückt prüfte sie drohend das hellbeleuchtete Gesicht, das er zeigte, ihr Gesicht.
Das waren noch dieselben Züge, die die Bilder enthielten: die leicht gebogene Nase, der Mund schmal und fest umrissen, dieselben wagerechten Brauen, ein unverändertes Kinn! Die Haut war ein wenig schlaff geworden, körniger und von Linien durchfurcht, von leise gezogenen Falten an den Augen, am Munde; es war auch voller und nicht mehr ganz so fest wie früher, trotz aller Pflege – aber es war dasselbe Gesicht, das dieses kleine Mädchen auch schon hatte! Sie blickte zwischen den Bildern und dem Spiegel hin und her, und immer deutlicher schälte sich aus den Veränderungen der Jahre das Wesen heraus, das geblieben war, sie, Eva Eggeling … Eine fiebrige Folge von inneren Gesichten stürmte heran, halb gesehen, halb gedacht oder gefühlt – – sie spürte sie nicht nur hinter der Stirn sondern auch im Herzen, als beängstigende Stöße, die mit ihrem Blute herangeschwemmt wurden. Diese so unwesentliche Umgestaltung, diese winzigen Züge da von Reifen, Altern und Verfallen war ihr Leben! Ein Entsetzen fiel auf ihre Brust wie eine Schlinge, die man zuzog. Ihr Leben! Sie hatte es gehabt ohne zu zaudern, die Gegenwarten hatten es geformt, und sie hatte es hingenommen, hatte es nie geprüft, nie zerlegt; niemals hatte es sie in Staunen geworfen. Entschlüsse waren zu fassen: sie waren da, wenn man sie brauchte, Folgen waren zu tragen: man trug sie – dem Augenblick ward das seine … und nun war sie alt und begriff nicht wie sie's geworden war. Denn da sah sie ja noch alles, was einmal Eva Maurer gewesen war, in aufblitzenden Gesichten: ihre Puppe hatte ein rotes Kleid; ihr Hund hieß Barry. Die Mutter quälte sie jeden Tag mit bösen Kleinigkeiten. Im Dämmern, im Garten zog ein Junge ihren Kopf an den Zöpfen rückwärts, mit umarmender Hand … und küßte sie blind ins Gesicht … sie rührte sich nicht und atmete hastig. Sie tanzte mit jungen Leuten, ihr Fächer war mit Röschen bestickt, einer der Tänzer war der Herr Eggeling. Dann lag sie acht Stunden geschüttelt von gräßlichem Stoßen und Zerreißen in ihrem Innern, das ihr den Leib zersprengte; ein Mädchen war's … Einmal stand sie auf Notre Dame, und unter ihr blitzte die Seine durch Paris wie ein geschlängelter Dolch, durch Paris – und man trug ihren kleinen Sohn aus dem Hause, eingesargt … Und als Klaus nach drei Tagen, im Bett verbracht, tot war, als ihr's die Ärzte ›schonend‹ beibrachten, da fühlte sie nichts als ein ungeheures wortloses Erstaunen, das sich in ihr wie eine Luft ausdehnte. Dann saß sie bei der Leiche und sah dem Manne ins Gesicht, in das kluge etwas harte Totenantlitz, und begriff nichts: weder daß man tot sein könne, noch, was das war, noch daß dieser da nicht einfach aufstehen könne und die Hände auf dem Rücken im Zimmer umhergehen, wie er pflegte, noch daß er überhaupt je gelebt; nur sah sie, daß Totsein mehr war als Nichtmehrleben (aber was mehr, fand sie nicht).
Und dann hatte sie ihre Tochter, die Tochter ihres Mannes mit seiner Stirn und seinem Geiste – aber noch immer war sie's, Eva, die groß und wichtig im Vordergrunde stand: und jetzt saß sie hinten geblieben! Wie war denn das gekommen, daß sie's nicht gemerkt hatte? Wie hatten sich denn über Eva Maurers braunes Haar die weißen Strähnen gelegt? Wo war es denn hin, und wie war es durch sie hindurch geglitten, das, was zwischen jung und alt lag, das Leben?
Die Augen schlossen sich, und ihr Kopf fiel mit dem Kinn auf die Brust; der Atem ging kurz und gebrochen, und hinter der Stirn drückte ein dumpfer Schmerz. So saß sie, regungslos, während sie das Pendel die Zeit zerteilen hörte, und suchte etwas Deutliches zu denken, aber ein schwarzes Nichts lähmte ihren Geist. Sie fand das Leben nicht, das sie dennoch einmal gewesen war. Nach den Blitzen, die sie vorher durchzündet hatten, war nichts geblieben als Dunkel oder Asche. Sie hatte geküßt, vor dem Manne gebebt, Lust gehabt und den Mann ertragen – war das überhaupt wahr? war's gestern? Und heute erlebte das ihre Tochter: Küsse, Angst, Lust und den Mann … Das Herz schlug ihr und hatte immer geschlagen. Ihre Ohren hörten, und immer hatten sie gehört. Aber von Eva Maurer war nichts mehr da, wenig von Eva Eggeling, die in Schauern empfing und Kinder säugte; etwas war von ihr gewichen, unmerklich, das sie nie vermißt hatte, es war einzig an Wert und Bedeutsamkeit, aber sie konnte es nicht benennen, es fand sich nicht mehr vor und sie wußte nicht, wohinein es verdunstet war … Sie hob endlich die schweren Lider und sah vor sich hin, erst ohne zu sehen und als hätten die Augen keinen Glanz mehr. Dann merkte sie, daß ihre Hand vor ihr lag, ihre rechte Hand, die sie zahllose Male vor Augen hatte, tätig und lebendig wie nichts sonst an ihrem Körper. Aber eben lag, fast vom Körper gelöst, diese Hand wie ein fremdes Ding vor ihr, das ihr neu war und nur unbestimmt zugehörig. Hatte sich dieses erstaunliche, fünfstrahlige Wesen da, schlank, weiß und ausdrucksvoll gegliedert, nicht aus der winzigen täppischen Faust eines kleinen Kindes gezaubert, hatte sich langsam gedehnt und zugenommen, ohne jemand zum Aufmerken zu bringen, ungesehen vor allen Augen – bis es das da geworden war, das Greifding, mit vielfach zerteilter Haut umkleidetes Fleisch, das bläuliche Adern enthielt, Muskeln und unsichtbare Nerven, getragen und gehalten von einem knöchernen Skelett …
Sie würde einmal sterben. In nicht sehr vielen Jahren.
Sie erschrak nicht, sie staunte. Sie vermochte den Tod nicht zu fürchten, ehe er da war – sie konnte sich bei seinem Namen noch immer nichts Sichtbares vorstellen. Sie herrschte sich an: vorwärts, denke nach! Sieh hin! Man wird eine kraftlose Alte, gut, die ohne Hilfe nicht mehr vom Stuhl aufsteht. (Ihre Augen schmerzten vor Aufmerken, unter den geschlossenen Lidern.) Eine Kranke liegt zu Bett, auf dem Nachttische Fläschchen mit roten Zettelschwänzen auf den Köpfen, es riecht nach Arznei. Ja, Ärzte kommen. Dann wehrt man sich gegen das Sterben; man stirbt – das ist irgendwie dumpf grausig … aber dabei lebt man noch. Dann liegt man weiß da, ist tot. Dazwischen schneidet ein Riß, ein undenkbar schmaler – aber ein ebenso tiefer. Kein Gedanke wollte ihn ihr füllen. Laß ab.
Sie würde also sterben … was blieb dann von ihr? Was war von ihrer Mutter geblieben? Das böse Gedächtnis, das gelegentlich auftauchte – denn meist war sie vergessen – und sie, die Tochter. Und so würde von ihr nichts bleiben als diese Tochter und das Gedächtnis – ein gutes, denn sie hatte das Kind voller Schonung und Liebe aufwachsen lassen, hatte es immer gestützt und nie behindert und sich in die fremdesten Wege gefunden, die zu dem bewußten Sein, dem Denken und der Kunst führten. Aber dennoch würde sie ebenso vergessen werden und gelegentlich auftauchen. Und diese Albumbilder würden bleiben, bis sie zerbrachen oder sich verloren. Gestern aber hatte sich ihre Tochter aus ihren Armen gelöst, nur schwerer, wie sie sich einmal aus denen ihrer Mutter löste, und war mit dem Manne gegangen. Und nun stand vor jener dasselbe Geschick, das eben Eva Eggelings Nacken beugte. Betty Maurer, Eva Eggeling, Claudia Rohme – wie würde das nächste Haus heißen? Denn Häuser waren sie, die eine Zeitlang Leben herbergten und es weitersandten. Aus einem Schoße empfingen sie's wie durch ein Tor, das aus namenlosem Dunkel mündet, und nach einiger Zeit gaben sie es dahin an ein Unbekanntes, das aus ihrem Schoße ging: denn ein dunkles Tor waren sie selbst geworden und das Namenlose hinter ihnen. Sie waren Mütter.
Die Uhr schlug sechs, da saß sie noch und staunte. Sie besann sich, überlegte, erhob sich und ging in ihr Zimmer; sie klingelte dem Mädchen, sah seine verweinten Augen, sagte nichts und ließ sich frisieren. Sie hieß ein dunkles Kleid bringen, wählte Schmuck und gab an, daß man den Tisch decken sollte, und auf welche Art. Dann fragte sie die Köchin, was sie bereit gemacht habe. Darauf erinnerte sie sich, daß in Claudias Zimmer Vasen voller Blumen stehen müßten und sagte zu der Zofe: »Im Zimmer des gnädigen Fräuleins sind Blumen, Else. Stellen Sie eine Vase auf den Tisch.« Das Mädchen lief hinaus, und Frau Eggeling hörte, daß es, kaum auf dem Gange, laut aufschluchzte. Sie wiegte den Kopf hin und her. So sehr liebte man das Kind, da draußen …? Wie das weinen konnte, offen und genußreich … Doch keinen Augenblick verlor sie das Gefühl eines ungeheuren Ernstes, der in ihr ruhte und sich wohl auch in ihrem Gesichte zeigen mochte, denn das Mädchen hatte sie sonderbar behutsam und scheu bedient. Und eine Spannung hing ihr im Innern, der jede Regung verhängnisvoll und entladend kommen mußte. Ihr war, als sei sie innen ein großes, mühsam geknebeltes Tier.
»Gnädige Frau, Herr Doktor Sirmisch.« – »Ich bitte.«
Der junge Mann trat ein. Er verbreitete frische Luft und Kälte um sich, wie er da aus dem kalten Winterabend in die allzu lang geschlossenen Zimmer trat, seine Augen waren hell und sein Gesicht leicht gerötet; und Frau Eggeling rief, wie er auf sie zukam, alle ihre Fassung zu Hilfe. Sie hatte diesen hitzigen feinen Menschen lieb, und sie sehnte sich so sehr nach Zuneigung und Trost … Sie hieß ihn willkommen und er neigte sich über ihre Hand. »Ich habe wirklich nicht gewußt, gnädige Frau, ob es richtig war, heute zu kommen; aber ich mochte nicht telefonieren. Bin ich unangebracht? Ich bitte herzlich, sagen Sie mir's, dann gehe ich.« »Lieber Sirmisch! ich wüßte ja nicht, was ich anfangen sollte ohne Sie … Ich muß mich doch erst daran gewöhnen …« Sie stockte. Ihre Hand glitt unaufhörlich an den Perlen der Holzkette auf und ab. »Ich dachte mir so etwas, liebe gnädige Frau.« Er blickte auf diese ruhelosen Finger, und ein unendliches Mitleid überkam ihn. »Wollen wir diese Blumen in einer Ihrer hübschen Vasen unterbringen?« »Wie schön! Wo haben Sie das gefunden? Lange elfenbeinweiße Kelche, so schmal geformt und mit so zarten Blättern? Ich kenne sie nicht; wie heißt die Blume?« »Ich weiß es auch nicht. Ja, sie sind ziemlich apart. Ich fand sie in dem Fenster eines Ladens und erlöste sie aus einer Umgebung von Alpenveilchen und Immergrün. Was für ein Gefäß wollen Sie dafür wählen?« Die schlanken Stiele zitterten in der kranken Hand. »Ich suche schon … hier? nein, das ist zu bunt … Wie fänden Sie sie hierin?« und sie hielt jenen chinesischen Krug hin, mit Stieglitzen, die durch Zweige rosenzarter Apfelblüten schlüpften. Er stimmte zu, und sie sagte: »Dann bitte ich um Urlaub für zwei Minuten, ich hole nur Wasser und Salz; hineinstellen dürfen Sie sie selber.« Sie nickte ihm zu und ging. Er wanderte einmal auf und ab … wo war Claudia jetzt? Kleine Claudia, sagte er zärtlich in sich und hielt inne. Da waren ihre Bücher; er trat zum Bücherschrank und sah das Album offen auf dem Lesetisch liegen. Zerstreut musterte er die Bilder der aufgeschlagenen Seiten, er kannte niemand; lauter alte lächerliche Bildchen mit Krinolinen, die das Bild unten völlig erfüllten; und er wollte eben umblättern, als er die Hausfrau eintreten hörte. Sie sah, was er betrachtete, fühlte sich jäh erblassen und stellte die Vase klappernd aus der Hand, in unverständlichem Schreck. Er drehte sich um: »Was haben Sie hier für ein drolliges Buch, gnädige Frau? Diese Trachten …« Warum war sie denn so bleich?
Sie näherte sich langsamen Ganges, jeder Schritt war von Schwäche gehemmt, schloß das Buch mit einem klatschenden Laut, und sagte, während sie mit fliegenden Fingern die Schließe zudrückte: »Ja. Ich hatte es vorhin vor, man weiß so gar nicht was tun … Es ist unser Album. Ihnen scheint es dumm, natürlich. Aber ich … mir hat es erzählt–« hier brach ihre Stimme, und Laute der Qual verstummten, die er in seinem Leben noch nie gehört hatte. Die alte Dame schloß die Lippen eng, kämpfend mit der herzbrechenden Klage um sich, um ihre Verlassenheit, Vergänglichkeit, Vergebenheit, mit dem Elend des alten Menschen – jähe Röte schoß ihr ins Antlitz, dann verzog sich ihr Mund in unsäglichem Schmerz, und mit lautem Schluchzen brachen die Tränen aus ihren Augen. Sie wandte sich und ging langsam hinaus, von Weinen geschüttelt, das dem Hörer atemnehmend ins Herz biß.
Alexander Sirmisch sah vor sich hin, die Hände in den Taschen, ratlos von Schreck und Mitleid. Wars nicht besser zu gehen? Vielleicht war es Claudias Mutter peinlich, ihm nachher das Gesicht zu zeigen, das eben noch feucht war von solchen Tränen. Es wäre unerträglich, wenn sie verlegen wäre … aber dann ließe sie's ihm gewißlich sagen. Bleiben war im tieferen Sinne der rechte Takt. Diese alte Frau! was fühlte er für sie? Es war ihm peinlich da zu sein, er schämte sich seines machtlosen Dabeistehens, und zugleich hatte er Lust, sich vor ihr zu verneigen.
Sie trat ein, die Augen ganz groß und ernst auf ihn gerichtet. Da ging er ihr entgegen, ergriff wortlos ihre Hände und küßte sie.
Die Uhr schlug einmal: halb, und füllte den stillen Raum mit sanftem Klingen.
Die keusche Nacht
Das Gaslicht stach mit unerträglich grünem Glanz, und das Sofa, drauf sie ausruhte, war mit blumigem Plüsch bezogen – einem Stoff, der kratzte, wenn man ihn wider den Strich berührte. Es war vielleicht nur Nervensache, daß sie auch davon gequält wurde; das Schüttern der Fahrt taumelte noch in ihrem Kopfe – aber gleichviel, gleichviel … sie fand sich davon gemartert … Sie preßte die Handflächen kühlend an beide Schläfen. Früh das Standesamt, das Frühstück, darauf die Fahrt – und nun stand noch das bevor …
Claudia fürchtete sich; Angst lag so atempressend auf ihrer Brust … Was in ihr schrecklich bebte, war gar keine Spannung, gar keine Erwartung – am allerwenigsten freudige; es war auch keine Sehnsucht nach innigster Einheit und kein verschwiegenes Drängen nach Hingabe und nichts weniger als Liebe: es war einfach Angst – Angst vor dem Manne, die sich nicht beschwichtigen ließ, die unzugängliche Angst des Körpers vor einer allzufremden Erfahrung … Sie erinnerte sich ähnlicher Ohnmacht, als sie, ein Kind, zum ersten Mal im kalten Flusse baden sollte; denn ihr Verstand war keineswegs ausgeschaltet – er arbeitete vielmehr wie stets, hastiger nur und zerrissener, und nannte alles beim Namen – vielleicht etwas greller als sonst; und er lenkte nicht mehr. Den Lenker machten heute die Sitte und der Leib; und ohne Auflehnung beugte sich ihr geistiges Wesen unter diese Herrschaft äußerer Gewalt. Ihr Körper, der sonst ihr gehörte, stand ihr heute fremd und herrisch gegenüber, und sie fürchtete sich und fühlte sich ausgeliefert wie irgendein kleines Mädel, das vor dem Lehrer zittert.
Sie ging hin und her, so daß die Lampenglocke klirrte, zerdrückte ein Taschentuch in den Händen, die immer wieder feucht wurden, und erkannte klar: als das Gräßliche erwiesen waren die Hemmungen. Genommen werden war eine Gnade, sich geben können ohne Bräuche und Scham eine gleiche. Aber der eheliche Apparat zeigte sich unerhört grausam. Man mußte sich irgendwie dabei benehmen, denn durch die Aufmerksamkeit, die alle darauf wandten, durch feierliches und verabredetes In-Szene-Setzen, ging die unbefangene Geste der Liebe verloren, gerade für die Liebenden mit vertieftem Gefühl – aber nichts sagte einem, da Natur schwieg, welche Gebärde sich dafür einstellen sollte; und man schritt ratlos wie ein Verirrter und ganz so geängstigt, und blieb, halb sinnlos und halb sich zu retten, vor den zufälligsten und gleichgültigsten Dingen stehen, vor Blumen zum Beispiel, die in einem schwerfälligen Kruge dufteten; ein ganzer Busch Flieder und gelber Rosen. Klaus Manth, der gute, hatte ihr aus Lilien und roten Rosen einen Strauß geschenkt, den sie alsbald im Kupee hatte liegen lassen; er war allzu gut gemeint … Sie zupfte die gelben Vorhänge zurecht, die die Fenster verschlossen: aber sie hingen ohnehin in Ordnung … und man fand sich abgeschmackt und ungeduldig empört gegen sich selbst … Warum er sie jetzt allein ließ! Er hatte doch verstanden, weswegen sie nicht auf ihren Zimmern zu Abend gegessen hatte! Er sollte kommen!
Er kam schon. Als er ihre Augen erblickte, ihre Hände und das zerknüllte Tuch, verschwand das schwache Lächeln aus seinem Gesicht, und er wurde sogleich ernst, so ernst wie ihm zumute sein mußte. Denn, nicht wahr, daß er diese Angelegenheit vergnügt behandelte, das war unmöglich. Er nahm ihre Finger in die seinen und glättete sie, führte sie, die nun seine Frau sein sollte, zum Sofa und blieb vor ihr stehen; die festgehaltenen Hände bildeten eine Kette von ihr zu ihm. Er machte seine Stimme frei von Beengung, dann sagte er, mit dem gütigsten und behutsamsten Klang, den er finden konnte:
»Mein kluges kleines Mädchen fürchtet sich.« Ihre Leiden strebten ihm sogleich entgegen: »Ja, Walter, ja, ich fürchte mich … Nicht vor dir; vor dem Ganzen. Vielleicht gar nur vor dem Ritus.« Sie versuchte zu scherzen, aber wie kläglich mißlang es! Ihre Stimme klagte hoch und zitternd wie ein Kind, und ihre Augen, ganz schwarz geöffnet, zehrten von seiner Miene. Er erwiderte mit einem Ton tief vor Zärtlichkeit:
»Ich wußte es. Wir wollen nur alles aussprechen, wie gute Kameraden, nicht? oder soll ich still sein?« Niemals hatte sie seine Überlegenheit tiefer gefühlt und inbrünstiger anerkannt. Sie zog in Dankbarkeit seine Hände näher; seine Ruhe und Sicherheit tat ihr unendlich wohl und löste die kalte Angst mit dem warmen Klang der Worte.
»Sprechen, Liebster. Sagen können wir uns alles, wie sonst. Ich fürchte ja nur das Unbekannte; dumm macht es mich darum nicht …«
»Das ist schön; und wozu eigentlich Angst?« Er setzte sich auf die Sofalehne, legte ihr den Arm um die Schultern und neigte sich herab, sie zu küssen; aber ihre Lippen zitterten kalt unter den seinen, und so sprach er aufgerichtet: »Getrennte Zimmer waren unmöglich; diese Pension hätte dich für mein Verhältnis genommen und so behandelt. Wir müssen uns abfinden. Ich kann recht gut drinnen auf dem Divan übernachten.«
»Das geht doch nicht,« meinte sie unsicher; in sich aber bejahte sie diesen Vorschlag stürmisch: ach ja, bestehe darauf, Liebster, ich bitte dich!
Er drang mit den Fingern behutsam in ihr Haar, blickte ins Zimmer, in das durchschnittlich ausgestattete Wohnzimmer einer eleganten Pension und sagte langsam: »Es ginge wohl.« Aber nach einer Pause: »Und doch nicht, Kind. Es wäre reichlich lächerlich, nicht? Man verbringt nicht diese Nacht fern von seiner Frau; einer Frau, die man immerhin lieb hat … nicht wahr?« Später, dachte sie schweigend und gejagt; später wird es lächerlich sein, heute wäre es ein Glück … und daß er dies spätere heute schon bedachte, war das peinlich? wars wundervoll? und daß sie's gelten ließ?
»Nun also,« fuhr er fort. »Und dann wäre ja morgen und übermorgen dasselbe Problem gestellt und wäre endlich nicht mehr zu umgehen. Nur die Qual wäre verlängert. Ich denke, wir einigen uns so,« schloß er gemütlich, fast heiter: »du legst dich zu Bett wie stets – und dann finde ich mich neben dir und wir reden noch eine Stunde im Dunkeln. Nur reden, sonst nichts. Und so morgen und jede Nacht, bis du dich an deinen Mann gewöhnt hast, und eine andere Stunde schlägt, überraschend, Liebling. Denn was dich verstört, ist einfach das Wissen. Nun?«
Sie sah ihn an und prüfte sein Gesicht:
»Ist dir das ernst?«
»Ja,« sagte er froh. Sie sah an seinen Augen wie er sich freute, daß sie Mut faßte, und ihr Mut war dadurch selbstsicherer.
»Du versprichst, mich einmal zu überfallen?«
»Gewiß. Verzeih, daß ich lache. Aber du hast das mit so rührender Hoffnung gesagt.« Sie lachte mit ihm, froh seiner Sorgfalt, sie möge ihn in diesem Augenblick nicht mißverstehen … Aber sie hatte noch etwas Schweres zu fragen: »Und du glaubst, das … würde gehen, heute?«
»Was? Ach, das? Ich bin erprobt, Liebling. Ich habe schon eine keusche Nacht neben einem Mädchen verbracht. Da haben wir gleich etwas zur Unterhaltung.«
»Gut,« sagte sie. Sie sah ihn mit langem Blicke an und verschwieg dabei diesen Gedanken: was für ein seltsames und verstiegenes Gespräch wir da gehabt haben, wir Eheleute! Und was taten wir eigentlich? Nichts, als daß wir ein Gefühl ernst nahmen und gestanden, das man sonst leugnet: Angst – und redlich darüber beschlossen. Und alsbald schwand es, wenigstens soweit, daß man frei genug wurde, den ganzen Vorgang zu beurteilen. Ihr Herz ging leichter und die Freiheit und Zuversicht machte sie fast scherzen: »Ich bitte um eine halbe Stunde.« Die Uhr bereitete sich in diesem Augenblick surrend auf den Schlag vor; ein Blick lehrte ihn, es sei halb zehn.
»Wir werden beide gut schlafen. Die Eisenbahn hat sich um uns verdient gemacht. Au revoir,« sagte er lustig, als sie die Tür öffnete.
Sie schloß sie kaum hinter sich – da schüttete er schon Wasser in ein Glas, seine Hand, die die Karaffe hochhielt, zitterte so, daß es die Tischdecke näßte, und er trank gierig. Sie hatte nichts gemerkt, nichts, nichts. Er atmete tief und preßte die Luft in den Lungen, ehe er sie ausstieß. Nichts! Sie hatte ihm die Ruhe, die Sicherheit und Heiterkeit geglaubt – welches Glück! Nun war sie drinnen, soweit als möglich beruhigt, nun konnte er sich gehen lassen und ruhen, bis die neue Qual begann. Er ging in das Zimmer nebenan, das den Erker nach dem See hinaus hatte, das Wohnzimmer, und legte sich auf den Divan, die Hände unter dem Nacken und den Blick zurück gerichtet, in den hellen Raum, den er eben verlassen hatte. Es fiel ihm ein, er werde nachher dort durchgehen und die Tür zum Schlafzimmer öffnen müssen; dann durfte dort kein Licht brennen; im Dunkeln war es allein erträglich, möglich. Er stand auf und löschte mit einem gezogenen Kettchen das brodelnde Gas, kehrte zurück und legte sich wieder hin, zur Besinnung. Das dreigeteilte Fenster des Erkers lockte vergebens, tintenblau mit scharf funkelnden Sternen. Er forderte Rechenschaft von sich. Er hatte gewußt, daß es schwer sein würde, aber erst in diesen Stunden hatte sich die ganze Qual, die Unmöglichkeit der Gegenwart aufgetan. Hier konnte er sich nicht in Zynismus retten, wie früher, auch das Pathos oder die lachende Überraschung waren ausgeschlossen, die ihn, als er noch jünger war, wie schäumende oder durchsichtig blaue Wellen über solche Stunden hinweghoben – es galt vielmehr, die schärfste Zügelung jedes Wortes, jeder Geste durchzuhalten: denn bedenke, mit wem du es zu tun hast, mit Claudia, deiner Frau – und was alles von dieser Nacht abhängt: alles. Diese Nacht und die nächsten konnten ein Unheil anrichten, das nie mehr gut zu machen war. Nie? doch nicht; solange man lebt, ist nichts endgültig. Aber Leiden, Fremdheit, Mühsal konnte ihnen heute nacht ebenso anfangen, wie letzte Innigkeit und ein Glück, das bestand. Heute hatten die Körper sich zu erkennen wie vordem die Seelen. War es nicht Zeit, sich zu entkleiden? Nein; Ruhe. Sie wollte eine halbe Stunde und er wußte, daß sie Muße brauchte. Er zitterte vor Erregung – vor einer erregten Angst, wohl zugegeben. Sie fürchtete sich nicht allein. Sie hatte es leichter, wahrhaftig; sie brauchte nur zu warten und genoß das Glück der Passivität. Er aber hatte zu handeln, und unter welchen Erschwerungen … Seine Hände waren leichenkalt. Das war die Rache der Kultur, die bis hierher drang – bis hierher, wo die Seele eigentlich nichts zu tun hatte und hemmte, erschwerte und quälte. Wie einfach der Sachverhalt zu umschreiben war: sie legt sich zu Bett; er legt sich in ein Bett nebenan, damit ist er bei ihr, und dann ist es geschehen. So brutal das klang, es war dennoch keine Befleckung der Geliebten, es zu denken. Der nackte Ernst duldete keinen verhüllten Ausdruck, und nicht ein Gran kalten Spottes wehte ihn an. So sah, kraß und durchsichtig wie ein Skelett, der Vorgang aus, wenn man ihn dachte. Aber das Verwirklichen war eine Vergewaltigung der Seele, des eigenen Geistes, der jede Handlung mit Wachheit belud und in eine ätzende Helle hob. Die ganze Handhabung enthüllte Unmöglichkeit. Gesittung, die dergleichen hervorbrachte, war Barbarei. Man konnte Pferde zur bestimmten Stunde aufeinander loslassen; Menschen zu verheiraten wurde zur Schändung, heute, wo Liebe und Ehe als Dinge der lebendigen Seele die Körper beherrschen sollten. Denn hier konnte nur Natürlichkeit retten, schamlos reine Natur, und das verfeinerte Gefühl, das Bewußtsein, das nie erlosch, die unermüdliche Scham erhitzten sich im Kampfe mit der Begierde, die plötzlich vom Geheiß der Sitte legitimiert wurde, zu einer Qual, die den Geist zerfraß wie chemische Säure. Und die Rettung, die anderen blieb, die überraschende Vereinigung vor der Trauung, in irgendeiner übermütig und harmlos beginnenden Stunde, wo sich plötzlich, mitten in einem heiteren Beieinander die Begierde und Hingabe wie eine Grube unter dem Wege öffnete und sie verschlang – was anderes machte sie unmöglich als diese selbe Zucht und Scham, die Gesittung und Zügelung der Gefühle? Claudia Eggeling, die sich nehmen ließ – das gab es nicht. Wahrhaftig, die Seelen waren den Bräuchen voraus, und schleppten sie am Fuße nach, und Kugel und Kette zerrissen das Fleisch.
So lag der glückliche Bräutigam im Finstern auf einem Divan und ließ, auch er, dieselbe Not in dieselben Formeln gerinnen.
Jetzt war es Zeit. Er zündete eine Kerze an und holte aus dem flachen braunen Koffer das lederne Besteck, das in vernickelten Büchsen, deren jede die Lichtflamme spiegelte, die Bürsten und Flaschen enthielt, die zur Toilette nötig waren. Er hatte, während er sie vorhin allein ließ, Handtücher und ein Waschbecken aus dem Schlafzimmer hierher getragen, indem er den Korridor benutzte; es stand auf einem Stuhl nahe beim Spiegel und mußte morgen früh zurückgeholt werden, damit die Bedienung nicht rede. Er legte den Schlafanzug über einen Stuhl; der Spannbügel, der hernach die Beinkleider aufzunehmen hatte, klirrte in seinen zitternden Händen. In der Küche wachte gewiß noch jemand; und während er mit verzweifelter Geste alle Überlegung von sich warf, entschlossen, die Handlungen vom Augenblick bestimmen zu lassen und nichts vorher zu ordnen, ging er zur Tür, unten warmes Wasser zu erbitten, zur Reinigung der Zähne.
Claudia lag schon zu Bett. In der Rastlosigkeit, mit der sie sich, allein, wiederfand, hatte sie sich entkleidet so rasch als möglich, und versuchte nun, durch Denken die Lage vertrauter zu machen. Daß sie sich ganz ohnmächtig, und nicht, wie sonst so oft, die Geschehnisse beherrschend, sondern fast gebunden und jedenfalls ausgeliefert hier ausstreckte, in der unerhörten Lage, den Besuch eines Mannes zu erwarten, das war's, was sie begreifen wollte. Zwar beruhigte sie sein Versprechen, dem sie unbedingt vertraute, aber doch noch blieb Fremdartiges genug in der Stunde, sie tief zu erregen. Das gleichgültige Bett, dessen weiche Federkissen ihr wie eine halbflüssige Masse um die Glieder klebten, war viel niedriger als das ihre daheim, und sie begriff nicht, warum ihr das einen so fühlbaren Unterschied bedeutete. Liegen ist doch liegen, dachte sie; nun störte sie die Nähe des Fußbodens, wie wenn sie zu ihm noch andere Beziehungen hätte, als daß das Bett mit seinen vier Füßen darauf stand, und ebenso das leere nebenan … Da liege ich nun in einem fremden Bett … Sie erinnerte sich einer ähnlichen Wachheit und desselben fremdartig deutlichen Fühlens ihres eigenen Körpers aus einer Nacht, ehe sie mit leisem Fieber eingeschlafen war: die Entfernung ihrer Zehen, in denen das Blut fühlbar pulste, von dem Kopfe, der das abmaß, schien ihr übermäßig groß; sie empfand sich wie einen geographischen Gegenstand, einen Kontinent, der sich selbst dachte. Die Füße, Beine und Schenkel strebten wie halbinselig ausgedehnte Gebirge zum Rumpfland zurück, das den Schoß hinaufsteigend sich zu einer flachen Schale wölbte; zwischen den Brüsten senkte sich ein Paß, und der Hals war der Isthmus, der zu dem felsigen und bewaldeten Gebirge führte, in dem die Gedanken vulkanisch kochten; sie öffnete die Augen, damit sie Bergseen wären, und lag ganz still, ein Erdbeben zu verhüten. Die Arme, rechts und links, waren vorgelagerte Halbinseln, sie bildeten Fjorde und beschützten das Land vor den Wellen des ungeheuren dunkeln Meeres, das draußen brandete, unzugänglich jedem Messen und nur den Augen ringsum sichtbar; ein stiller Ozean, der an den Zimmerwänden nicht endete, sondern durch zahllose Poren frei flutete und sie in Einheit schloß mit Bäumen und Sternen, die er umspülte wie sie. Sie verhehlte sich nicht, daß sie bei diesem Erleben ihrer verwandelten Gestalt gern verweilte, um nichts anderes zu denken; endlich aber erlosch der Zauber und sie kreuzte die Arme über der Brust. Sie versuchte ein anderes Spiel, spannte und entspannte die Muskeln der Arme und Schenkel, die von Tennis und Reiten hart und geübt sich zu elastischen Strängen und Knollen spannten; und ließ es wieder, ungeduldig und ruhelos … Manchmal, wenn sie auf Asaphs Rücken durch die Alleen des Großen Gartens trabte, innerlich jauchzend im Rausch der Kraft und des Eilens, hatte sie an die Stunde gedacht, wo sie sich ihrem Liebsten geben würde: nackt nach einem Bade mitten in der Sonne, oder nackt, daheim, im feierlichen Pathos einer Nacht, die von Leidenschaft funkelte – und nun lag sie hier im fremden Raum, unbeweglich, vom Hemd verhüllt bis an die Knöchel und an den Hals, während in Räumen dicht nebenan fremde Menschen atmeten, und ihr Herz pochte alsbald vor Furcht wie ein Tier, das den Kopf an die Wand des Käfigs schlägt.
Es blieb sterbend stehn: die Tür.
Es war ihr unmöglich zu schweigen: »Walter?« fragte sie und stieß sich vom Kissen ab, halb sitzend.
Seine Stimme antwortete, tief und zitternd: »Liebling … wer sollte es denn sein?« Und schon verriet das Seufzen des Bettes, daß er lag: er hatte sich mit drei Schritten hineingestürzt, blind wie in eine Gefahr. Sie ließ sich zurückfallen, aufatmend und von irgendetwas erlöst: »Ich bin ganz rasend dumm … ich weiß nicht …«
»Hab ich dich erschreckt? Ich hätte klopfen sollen; aber es schien mir lächerlich, daß du dann ›herein‹ zu rufen hättest« … Er mußte eine Pause machen. Die Worte konnten verraten wie er bebte, ehrfürchtig und angstvoll vor der Schwere der Stunde. Aber sie konnte die Erregung mißdeuten, und er mußte ruhig scheinen. »Gib mir die Hand,« sagte er. »Es ist nur, daß du mich fühlst,« fügte er hinzu, »es beruhigt dich vielleicht.«
Eine Hand betupfte ihm Bart und Mund; er ergriff sie und küßte sie.
»Wohin hab ich denn getastet? Doch nicht ins Auge?« fragte sie besorgt. »Man hat gar keine Richtung in der Finsternis …«
Er antwortete nicht, er küßte den Rücken der Hand und die Knöchel der Finger, wendete sie behutsam und küßte auch das Innere; ein schwacher Blumenduft haftete daran. »Nicht«, sagte sie schwach, und versuchte sie ihm zu entziehen. Er hielt sie fest. Ein Trieb befahl ihm das, und er folgte. Nur küßte er sie nicht mehr und begnügte sich, sie zwischen seinen beiden zu liebkosen. Er war froh, zu liegen; jeder Fortschritt ins Ungewöhnliche hinein nahm der Stunde etwas von ihrer Schwierigkeit und war ein Sieg, den man erleichterter genoß. Diese Hand hier schlug einen Steg in das dunkle Nebenan. Wenn er nur soweit kam, daß sie heute einschlief, den Kopf an seiner Schulter, so war er glücklich. Er würde die ganze Nacht wach liegen. Er würde ihrem Atem zuhören und ihr Haar küssen. Die Stunden würden feierlich an ihm vorüberziehen und der Morgen ihre Liebe grüßen, die der Begierde nicht bedurfte.
Wer ihm gesagt hätte, daß er darauf aus war, seine Frau zu verführen, der hätte ihn sehr verwundert, vielleicht empört.
Eine ganz seelische, übermäßig heftige Zärtlichkeit für das Mädchen neben ihm erstickte sein Herz. Er gedachte eines Sommertags, eines goldenen und blauen, wo er rauchend im Grase saß, unter endlosen Tannen, und ein Mädchen bewachte, das unter seinem Mantel schlummerte. Die Innigkeit, die er damals spürte, war blaß gegen seine Liebe zu Claudia, die jetzt neben ihm lag, und niemals seit jenen fernen Tagen hatte er so tief verstanden, wie keusch Jünglinge lieben, und wie glücklich sie sind.
Als er spürte, daß sie ihm die Hand gewährte, legte er sie sich auf die Stirn. Sie streichelte ihm gern Stirn und Schläfen; ob sie's auch jetzt tat? Aber er erschrak – die Hand entfloh. Es war ihm, als würde ihm ein Eigentum entrissen und ein Trost. »Da, nimm diese,« sagte sie, »es war so unbequem,« und eine Hand war wieder nahe, mit leichtem Rauschen des bewegten Linnens, legte sich selbst wieder auf die Stirn, blieb dort warm und lebendig liegen, schlüpfte in sein Haar und grub sich ein. Eine Zeit verfloß, die er nicht messen konnte; es waren gewiß nur wenige Minuten, aber sie schienen ihm sehr lang. Er war ratlos und wußte nichts zu tun, und jeder Augenblick fiel vermehrend in das Schweigen und überschwemmte ihn mit Verzweiflung: denn die innere Stille, die er neben ihr liegend erwartet hatte zu fühlen, dieses tief beruhigte Einsinken in Glück blieb aus; etwas in ihm drängte den Zustand zu verändern, wollte weiter, litt im Bleiben: und doch schien kein Weg gebaut und kein Geländer aufgerichtet, sich daran weiterzutasten. Er hatte in seinem Körper einen blinden Drang, in der Brust, den Leib herab, in den Schenkeln und bis in die Zehen, dem ihren nahe zu sein, sie ganz zu fühlen, sie an sich zu reißen und mit Küssen und Bissen unter sich zu ersticken. Aber keine Möglichkeit kam dem sehnsüchtigen Trieb zu Hilfe, und einen Entschluß daraus zu machen, ohne Gelegenheit wie ein Tier über sie herzufallen, war unausführbar. So lag er ganz still und grämte sich und stöhnte lautlos im Pochen des Blutes.
Sie rührte sich in ihren Kissen: »Ich nehme die Hand weg, ja, Walter? Es ist sehr unbequem.« »Quälen sollst du dich nicht, kleine Claudia,« antwortete er, froh, daß ihre Stimme ruhig war. Er irrte; die Stimme war kalt und die Unbequemlichkeit ein Vordergrund. Er sollte nicht fühlen, daß die ungewohnten Betten sie, Claudia, erhitzten. Er hätte es mißdeuten können und vielleicht meinen, daß die Küsse, mit denen er die erste Hand liebkoste, diese Unruhe und dies peinlich süße Brennen in ihr entzündet hatte. Sie lag ganz steif, weil sie sich am liebsten fiebrisch hin und her gedreht hätte, sprach sehr kalt, und hielt sich fest wie an gespannten Seilen; so liegt ein Boot in starker Strömung reglos und strafft seine Taue wie Saiten. Er war ja so sicher und überlegen; welche Beschämung, wenn er sie dennoch mißdeutete! Man mußte wirklich eine alltägliche Situation daraus machen. Das war das leichteste: und man konnte es, denn von ihm kam keine Gefahr. Hatte sie sich eigentlich schon einen Augenblick geschämt? Nein, antwortete sie sofort, Scham war heute noch nicht vorgekommen, und zwar bei ihr, Claudia Eggeling … Aber das Erstaunen schwand sogleich: Warum denn schämen? Errege ich jemandes Aufmerksamkeit? Bin ich das Ziel von Blicken oder … Wünschen? Ich liege hier, im Finstern, im Bette, sittsam bekleidet bis zu den Knöcheln von Hand und Fuß – und der Mann nebenan … bewahre! sie hatte sich wirklich umsonst geängstigt … und es war ihr ganz unbegreiflich, daß plötzlich eine Art Übermut und – Spottlust in ihr tanzte; einen unruhigen und ungesunden Tanz.
»Wo bist du eigentlich?« fragte sie kühn und erschreckend über ihre Keckheit; »ich sehe noch immer nichts.«
»Hier, ganz dicht bei dir.«
Ihre Frage hatte ihn aus seinem Gram gerissen; ohne irgendeine Überlegung, von einer blitzenden Klugheit gestoßen, benutzte er sie und schnellte sich an die Kante, mit der die Betten aneinander grenzten. Er lag jetzt wirklich ganz in der Nähe; der Ruck hatte ihn fast in ihr Bett getrieben. Er atmete tief: und der Duft ihres Haares drang ihm bis tief ins Herz. »Laß mich dein Haar küssen,« bat er, und, wieder klüger als er wußte, wartete er nicht auf Erlaubnis oder Abwehr, neigte sich hinüber und atmete in ihren Haaren.
»Nein,« wehrte sie erschrocken, »nein« … Ihre Keckheit und Sicherheit und aller Spott waren dahin; sie fürchtete sich und wagte doch nicht, sich rühren zu wollen. Er küßte ja immer ins Haar, redete sie sich zu und entschuldigte die Duldung … Ihr Atem ging wie zerschnitten, und kurze rastlose Wellen schlugen gegeneinander und an die Ufer ihres Geistes – sie verlor das Steuer und sah nicht mehr wohin … Und nun sagte er plötzlich: »Weißt du was? Ich komme zu dir,« und er kam zu ihr … »Nein,« rief sie, »nein!« und das Hämmern ihres Herzens zerschlug ihr die Stimme.
Aber er war da. Er wußte nicht, wer es ihm gesagt hatte; er hatte einfach ausgeführt, was man ihm befahl. Er erschrak tief über sich, er lag ganz still und versuchte sich zu fassen; aber die Wärme ihres geliebten Leibes hatte sich diesen Kissen mitgeteilt, eine Decke lag über ihnen beiden, und sie war es, Claudia, deren Haar hier noch eben gelegen hatte. Das Glück, das in ihm stromgleich wirbelte, stürzte über Katarakte von Lachen und Rausch – und daß er sich noch berauschen konnte, daß es noch Augenblicke gab, die er nicht leitete, das verstärkte widerhallend sein Glück.
Sie hatte sich ganz bleich an die äußerste Kante des Bettes geschmiegt und schwieg; sie wußte nichts von dem was sie fühlte, ein blinder Wirbel sauste in ihr um, nur blitzte mittendrin auf, daß sie hinausfallen werde und daß das Bett niedrig sei … und daß sie ganz gelähmt lag, eine Beute, das wußte sie. Das Blut sang ihr in den Ohren und ihr Atem ging sehr laut und schnell.
»Liebling,« sagte er sanft und leise, »warum fürchtest du dich? Ich will ja nur dir nahe sein, ich will nur dein Gesicht ahnen, deine Hände halten, von deinem Haare atmen. Vertraust du mir nicht?« Er folgte der Technik geübter Eroberer, die verdächtige Taten mit wohlklingenden Worten begleiten und damit durchaus Vertrauen gewinnen, nur erfand er sie im Augenblick, wußte von nichts und glaubte ehrlich – sein erstes Opfer war er selbst. Nach einer Pause sagte sie: »ja« mit einem hohen atemlosen Stimmchen.
Wie von einem kleinen Mädchen kommend hörte sich das an. Als wäre seine kluge und überlegene Claudia ein ganz kleines Mädchen, irgendeines, das hier schutzlos zitterte. Die Rührung, die ihn überwältigte, tränkte heiß und selig sein ganzes Glück; er lächelte im Finstern und flüsterte: »Darf ich nicht wieder deine Hände haben?«
»Ja.«
Wie irgendeine sagte sie's … Lisbeth Ohlsen, die kleine Gouvernante, mit der sie sich einmal eins gefühlt hatte, konnte zu Oswald Saach, ihrem Liebsten, nicht anders »ja« gesagt haben als seine Claudia zu ihm … Er tastete nach ihrer Hand, ganz, ganz behutsam, und fand beide. Sie lag auf der Seite und streckte ihm beide Hände hin, damit er nicht näher käme. Er nahm sie, küßte sie beide, küßte sie oft und hielt sie. Er dachte nichts, endlich genoß er das Glück des Augenblicks, das ihm die kleine Uhr zumaß, die atemlos lief. Er fühlte ihre Hände zittern. Warum zitterst du, meine Liebste? Was soll ich tun um dich zu beruhigen? Soll ich gehen? Soll ich mein Bett nehmen und vor deiner Schwelle schlafen? Ich will ja nur, daß du glücklich bist, nichts sonst! … du sollst dich nicht ängstigen während mich Seligkeit hebt … Er preßte ihre Hände und küßte sie, aber sie zitterten. Er mußte etwas finden sie zu beruhigen, sie durfte nicht länger leiden. Die Anekdote fiel ihm ein, die er ihr versprochen hatte; sie würde sie ablenken und ihr Ruhe geben. Und er machte sich einen leichten Ton:
»Soll ich dir nicht die Geschichte von damals erzählen? Du wirst sehen, du brauchst nicht zu beben, Liebling. Ich habe als Student einmal die ganze Nacht neben einer Freundin geschlafen; Kollegin, Mediziner. Ich arbeitete mit ihr und hörte sie Anatomie ab; ich wußte darauf fast alle Knochen des Kopfes auswendig … Ja, wir machten also eine Fußtour im Schnee, in den Weihnachtsferien. Wundervoll, im Tirolergebirge. Natürlich war der Schnee zu hoch, und wir mußten mitten in der Etappe übernachten. Das Wirtshaus hatte eine vermietbare Stube mit zwei Betten; wir nahmen das Zimmer, und sie schrieb sich als meine Schwester ins Fremdenbuch; sie hatte auch rote Haare wie ich. Das Zimmer ließ sich nicht heizen und wir waren beide durchfroren; die Betten aber kalt wie Schnee; scheußlich. Wie ich schon warm war – ich hatte einen Grog getrunken – schlug sie mit den Zähnen noch Trommelwirbel. Darauf erklärte ich, sie werde krank werden, legte mich zu ihr, hielt sie fest – sie wollte wirklich aus dem Bett und ich mußte wie ein Kater fauchen bis sie still war – und wärmte sie. Und dann waren wir müde, nicht? und schliefen wie Bruder und Schwester.«
Er lachte in sich hinein und schwieg; dann schloß er: »Du wunderst dich hoffentlich nicht. Erstens ist man diszipliniert, und zweitens machte ich mir nichts aus ihr. Ich hatte sie gern, sonst nichts.«
Er hatte sie in der Tat abgelenkt, aber auf einen gefährlichen Weg: sie empörte sich gegen den vergnügten Ton der Erzählung, gegen die Blindheit, die diese und jene Nacht auf eine Ebene stellte, gegen die ganze Behaglichkeit, die sie an ihm wahrzunehmen glaubte. Sie fand ihn frivol und sich mißhandelt, ja wahrhaft beleidigt und im tiefsten gekränkt … Vielleicht war zwischen ihr und jener doch eine Gleichheit? Vielleicht liebte er sie ebenso wenig – schien es nicht so? Ihre Vernunft war gestorben und alles schien ihr möglich, auch daß sie verschmäht sei.
Er hörte sie atmen (gekränkt, aber das wußte er nicht), hörte die Uhr ticken und den langsamen glücklichen Schlag seines Herzens; dann schwoll die Sehnsucht, mit seinem ganzen Leib ihren Mädchenkörper an sich zu fühlen, durch das Erinnern an jene entfacht, wie ein Blutstrom in ihm hoch; da sagte sie:
»Ach so, du machtest dir nichts aus ihr,« sagte es mit klarem Hohn und versuchte, ihm ihre Hände zu entziehen.
Der Klang traf ihn wie ein Pfeil. Erst begriff er nichts; einen Augenblick tappte er wie ein Geblendeter; dann brach es in ihm auf: Lisbeth Ohlsen! Sie fühlte sich verschmäht, wie irgendeine, wie jedes törichte Mädchen fühlte Claudia sich verschmäht! Er riß sie an den Händen nahe und wollte sich über sie werfen: sie hielt ihn mit steifen Armen von sich, sodaß er über ihr schwebte: »Walter!« schrie sie.
Dann schlug sie die Arme auseinander und wie eine Welle über ihm zusammen, als er auf sie herabfiel. Seine Küsse erstickten ihr im Munde etwas, das ein Stöhnen sein konnte und auch ein jauchzendes und triumphierendes Gelächter: eins, das aus tiefsten Gründen und Dickichten hervorsprang, ein Elf. Es lachte über alle Ängste und alle Schwierigkeit, über Claudia und Walter, über den ganzen Geist und alle Scheidungen und Hemmnisse; es lachte über die ganze Seele.
Ans Fenster stieß der Wind. Er flog von Berg zu Berg unter der schwarzen Brücke des sternfunkelnden gewölbten Himmels und rührte das ebene Wasser des See's zu kleinen Wellen auf. Sie liefen an den Strand mit hellem Klickern, das wie Gezwitscher klang, und schaukelten sacht ein Boot und die Herden stiller Fische, die im schwarzen Wasser standen und schliefen.