Im grünen Tann
Schwarzwaldnovellen
von Arthur Achleitner
Berlin
Verein der Bücherfreunde
Schall & Grund
Inhalt
Die Herzogskerze
Giftklärle
Der Pelagier
Die Herzogskerze
Über den „toten Bühl“, einen Teil der Hochebene im südlichen Schwarzwald Badens, braust der Herbstwind in langen Stößen; es seufzt der Tann in den niederen Lagen, oben aber auf der kahlen Höhe ächzen die wenigen alten knorrigen Buchen und am einsam ragenden Kruzifix bebt die Holzfigur des Heilandes, nachdem Regen und Wind die Holznägel gelockert und die Befestigung mürbe gemacht haben. Öd und rauh, unwirtlich ist dieser Strich badischen Schwarzwaldlandes, den der Volksmund selbst bezeichnend den „toten Bühl“ nennt, weil die Hügelreihe wahrhaftig an den Tod der Natur gemahnt, heimgesucht von scharfem Westwind und häufigem starken Schneefall, der schon auf die alten Strohdächer der Walddörfer fällt, wenn drüben am glitzernden Rhein, im sonnigen Garten des badischen Unterlandes Wiesen und Matten noch im spätsommerlichen Glanze prangen. Einzelne Gemarkungsnamen verraten nur zu deutlich die Selbstkritik der Wäldler über ihre engste, selten verlassene Heimat; hier heißt ein Wiesengrund das „elende Löchle“, dort eine felsendurchsetzte, von Bergföhren umwucherte Fläche das „öde Land“. Und verschlossen, rauh wie seine Heimat ist auch der Hauensteiner in dieser alten Gemarkung mit seiner zähen Anhänglichkeit an die alten Zeiten, an die sagenhaften alten „Handfesten und Privilegy“ des Grafen Hans, an sie Einung und mittelalterliche Reichsunmittelbarkeit mit ihren schweren Kämpfen gegen Obrigkeit und neues Recht. „Hotzen“ heißen die Bewohner des Hauensteiner Waldgrundes nach ihrer künstlich gefälteten Pluderhose, die oft zehn bis zwölf Ellen Tuch beansprucht, wenn die nach Geschmack und Brauch der stämmigen alemannischen Wäldler sein soll. Der über die unwirtlichen Höhen brausende Wind erzählt den Wäldlern manches von goldener Freiheit, die auf den herüberblinkenden Schweizer Bergen herrscht, er singt in kraftvoller Weise von Unabhängigkeit, wie sie in den Urkantonen des Nachbarlandes gedeiht; nichts aber dringt herein in den Tannichtschatten und in das Waldesweben von neuer, anderer Zeit, und unberührt bleibt der Hauensteiner vom Getriebe einer fremden Welt.
Immer schärfer bläst der Wind aus West; schwarzgrau verhangen ist das Firmament, schon wirbeln einzelne Flocken über den „toten Bühl“ als Vorboten des frühen Winters mit seiner unerbittlich strengen Herrschaft, so er sich einmal eingenistet hat im öden Waldstrich, der hochgelegenen Heide und in den wuchtigen Steinfeldern. Immer dringlicher rüttelt der Wind an den mächtigen moosumwucherten Strohdächern des einsam im „toten Bühl“ liegenden Dörfchens Hochschür, als will er der Bedachung Stücke entreißen und fort in die Lüfte führen, den armen Wäldlern zum Trutz. Besonders wütet die Windsbraut um das einsam seitwärts dem Dörflein stehende Wirtshaus, dessen vergilbtes Schild kaum noch erkennen läßt, daß einst die drei Könige aus dem Morgenland Schutzpatrone für zechende Hotzen gewesen sind. Die Hochschürer haben denn auch völlig auf die morgenländischen Wirtshauskönige vergessen und lieber dem daneben stehenden abgeworbenen Lindenbaum zu Ehren die weltverlassene Raststätte zum „dürren Ast“ benamset, wo ein Säuerling verabreicht wird, der selbst grimmig verrissene Schuhe wieder zusammen zu ziehen in der Lage ist. Das sturmumtoste Wirtshaus ist geflickt, wo man es nur betrachtet; geflickt durch eingefügte Strohbüscheln das uralte verwitterte Dach, geflickt die eingedrückten Fensterscheiben durch Papierverklebung; die Thüren zeigen gähnende Löcher, durch welche der Höhenwind wohl luftig pfeift und den Qualm des Herdfeuers vergnüglich durch den Flur jagt bis hinter zum Tenn und durch das wackelige Scheuerthor hinaus auf die „Einfahr“. Grimmig gröhlt und rüttelt der Sturmwind am Hausgerät im „Schild“, im freien Raum, der noch vom vorgehenden Dach überwölbt ist; doch mag es hier knattern und krachen, ächzen und poltern, das Getöse lockt weder den Wirt zum „dürren Ast“, noch sonst einen Inwohner aus dem Hause hervor, und das Streulaub kann im tollsten Getriebe um das Haus wirbeln, niemand wird den Hausen etwa mit Tannicht biegen oder mit Steinen beschweren, um einer Entführung vorzubeugen. Streitpeterle, der Wirt zum „dürren Ast“ hat wichtigere Dinge im Kopf, als sich um solche geringfügige Sachen zu kümmern; er hockt drinnen in seiner Stube und brütet nach über eine Angelegenheit, die sein Sohn ihm heute morgen brühwarm aus Waldshut hinterbrachte, so eine vertrakte Neuerung, wie sie in letzter Zeit mehrfach die Wäldler überraschten und zum sinnieren veranlagten. Mit Amt und um eine Sache „uszuprobyre“ auch mit dem Hofgericht zu Freiburg zu prozessieren, ist für den alten Peter eine Kleinigkeit und ob seiner Prozeßlust, die sein Hab und Gut allmählich aufgesaugt, hat der „dürre Ast“-Wirt auch den Vulgärnamen „Streitpeterle“ wegbekommen, was ihn diesmal stumm und nachdenklich macht ist die Botschaft, daß die Regierung eine Feuerschauordnung verfügt und angeordnet haben solle, daß durch bestellte Schornsteinfeger die Kamine selbst in den Walddörfern und Einödhöfen untersucht und gekehrt werden müssen. Peterle hatte anfangs seinen flachshaarigen Buben, den zwanzigjährigen Jaköble mit weit ausgerufenen Augen und offenem Mund angestarrt, ohne ein Wort aus dem Schlund zu bringen. Für ihn war die Neuigkeit so überwältigend, als wenn Jobbeli etwa gemeldet hätte, der „Salpeterhannes“ sei wieder lebendig geworden und habe die Einung zu den Waffen gegen die vorderösterreichische Regierung gerufen, wiewohl Haus Albiez schon an die achtig Jahre im Grabe ruht.
In einem Schwarzwaldhaus, in einem Einungsgehöft die Esse kehren! Und noch dazu bei Peter Gottstein, der sich aufs Protestieren und Prozessieren besser versteht als all' die gelahrten Herren von Freiburg bis Mannheim! Aber es wird nichts daraus! Hat der alte Gaugraf Hans von Hauenstein keinen Rauchfangkehrer gehabt, so kann der Streitpeterle solchen um vier Jahrhunderte später auch entbehren, zumal auch erst ausprobyret werden muß, ob die Appenzeller und Graubündener ihre Kamine fegen lassen oder ob sothane Verfügung ein uralte Rechte verletzender Eingriff der Regierung sei, welch' letztere den Hotzen nichts zu befehlen habe. Also sinniert Peterle vor sich hin und schiebt von Zeit zu Zeit die schwielige Rechte in sein buschiges Grauhaar, wie wenn er seinen Gedanken oben an der Schädeldecke Luft machen wollte. Und zeitweilig knurrt er und beißt die Zahnstumpen aufeinander. Dann springt er auf, schreitet auf ein Regal aus Tannenholz zu, in dem sich feinsäuberlich geordnet dicke Aktenstöße befinden und trägt nun Fascikel um Fascikel auf den rohgefügten Tisch, um nachzuschlagen, ob sich darinnen etwas vorfinde, worein man sich zu einem kräftigen Protest einhängen könne. Aber soviel Peter auch blättert in den Schriften, Nummer um Nummer durchnimmt, es findet sich nichts von Schlotfegerei. Gerichtsbeschlüsse, alte Hofentscheide von Großvaterszeiten her, unangenehme Sachen mit ihren Erinnerungen an die unglücklich verlaufenen Salpetererkriege und Prozeßakten, kostspielige Schriftstücke, die Peters schönste Kühe und Äcker verschlungen und ihn schier arm gemacht haben. Und nach Durchsicht seiner Registratur kommt Peterle folgerichtig in seinem Gedankengang zu dem Schluß: „Enthalten seine wohlgeordneten Akten nichts von einer Feuerbeschau und Schlotfegerei, so könne sothane Verordnung unmöglich Rechtens sein.“ Und daher nimmt Peter einen Bogen Kanzleipapier, taucht die verstaubte Feder in die halb eingetrocknete Tinte und kritzelt mit dem knisternden Gänsekiel nieder: „Beschluß! Von einer Verpflichtung, meinen Kamin durch ein fremdes Organ fegen zu lassen, findet sich in den Akten seit Großvaters Zeit her nichts vor, war auch niemals Brauch im Hauensteinschen Land. Daher wird sothaner Neuerung die Zustimmung verweigert und jeder fremde Schlotfeger hinausgeworfen, so er sich heraufwagt. Auch wird ihm Atzung und Trunk in der Gaststube nicht verabreicht. Gegeben am Evaristustage Anno 1805. Peter Gottstein.“
Mit vieler Mühe hat Peterle diesen „Beschluß“ zu Papier gebracht und sodann seinen Akten beigegeben. Förmlich erleichtert erhebt er sich, bringt die Fascikel wieder Nummer für Nummer in das Regal und spricht vor sich hin: „Und nun soll es Einer probyre, der Peterle wird zu handle wisse bi Gott!“
Im selben Augenblick wird die Thüre geöffnet und ein zierlicher Mädchenkopf luegt herein. Es ist des Wirtes Thrinele, die beim Anblick des Vaters und der Akten erschrocken stammelt: „Aber Ätti, schon wieder hascht mit den alten Papieren zu schaffen?“
„Das hat dich nichts zu kümmern, Thrinele! Auch verstehst du davon nichts! Das ist meine Sache, die ich ausprobyre werde bis zur letzten Instanz!“ Thrinele ist völlig in die Stube getreten und schreitet wie das Bachstelzlein auf den Vater zu, auf dessen Arm sie ihre Rechte legt und schmeichelnd bittet, es möge Ätti durch neues Prozessieren nicht sich und alle völlig ins Unglück bringen. Zugleich sucht das schmucke Mädel durch vorsichtiges Fragen herauszukriegen, was denn abermals die Prozeßlust des streitsüchtigen Vaters geweckt habe. Peter poltert denn auch rasch heraus, daß aus der behördlichen Schlotfegerei nichts werde, so lange er seine Arme rühren und auf den Beistand der gleichgesinnten Bühler rechnen könne.
Thrinele vermag nicht sogleich zu erfassen, worum es sich aufs neue handle und fragt: „Schlotfegerei, was soll das bei uns? Das isch in unserer Gegnig (Gegend) nit Brauch gsi!“
„Der alte Graf Hans wird sich im Grabe umdrehen, wenn er vernehmen könnte, was für Neuerungen es giebt auf dem Wald! Aber es wird solche bei Gott nicht nicht geben! Noch leben treue Anhänger der heiligen Salpeterersache,[1] für die wir leben und sterben!“
„Ach Ätti! Laß' doch ab von solcher Sache! Sie hat sich überlebt und nur
Unglück gebracht in unser Land!“
„Schweig' Maidli! Eine Sache, für die so viele Wäldler das Leben gelassen, Männer wie Wybervölker, überlebt sich nicht, sie stirbt nicht, so wenig wie unser alter Glauben! Wir wollen frei bleiben und treu der Kirche, alles andere ist eitel und für uns nicht von Rechtens! Und in meinen Rauchfang wird kein Franzose, kein Österreicher, wie kein anderer klettern! So wahr der alte Gott lebt und ich Peter Gottstein heiße!“
„Ist's denn aber auch wahr, daß wirkliche Schlotgücksler in den Wald kommen sollen?“
„Frili isch's wahr! Der Jaköble hat die Kunde mitgebracht von Waldshut und andere Botschaft dazu, daß die Wälderchnabe ohne Ausnahm' Soldate werden müsse und die Alten neue Steuern, Accise zahle! Gott verdamm' mi, daraus wird nichts, sag' ich!“
„Ätti, ich mein', das Schlotgückslen wär' aber doch noch zu ertragen!“
„Nein! Das wird nur der Anfang sein und alles andere kommt noch nach!“
„Wenn das Schlotfegen uns aber nichts kostet, mein ich —“
„Nichts kosten, haha! Ausziehen werden sie uns und schinden, bis die letzte Ziege aus 'm Haus ist! Das haben unsere Vordern erlebt mit dem Waldpropst wie mit 'm Vogt zu jeglichen Zeiten! Drum schwör' ich: Eher werd' ich zum Chilchhof getragen, bevor mir ein Fremder in den Schlot steigt! Und die Füsi (Flinten) sollen knattern wie zu Hannes Zeiten!“
Erschreckt wirst sich Thrinele an Vaters Brust und sucht ihn zu beruhigen mit dem Hinweis, daß ein Schlotgücksler doch wahrlich nicht ein Blutvergießen und sonstiges Unheil wert sei.
Noch poltert der Alte: „Der Gücksler frili nit!“ da schreit des Wirtes blonder Jaköble wie besessen zur Thüre herein: „Sie kommen!“ und prasselt wieder zurück und durch den Flur ins sturmdurchtoste Freie.
Augenblicklich stößt Peter sein Maidli von sich und zetert nach der Füsi, um den Gücksler gebührend mit einem Schrothagel begrüßen zu können. Wie umgewandelt ist Thrinele, verschwunden jegliche Sanftmut, ein entschlossener Zug tritt in ihrem zarten Gesichtchen hervor und scharf fordert sie den Ätti auf, Gewalt zu unterlassen. Doch schon greift der Wirt nach der Flinte, die in einer Ecke hängt, immer scharf geladen, da wirst sich Thrinele ihm entgegen, reißt das Gewehr samt dem Nagel herunter, mit zitternder Hand schlägt sie den Hahn zurück, dreht den Lauf dem Fenster zu und drückt blitzschnell ab. Dichter Pulverdampf erfüllt die Stube, klirrend fallen die Scheibenscherben auf das Pflaster vor dem Hause. Verdutzt blickt der Alte auf seine so urplötzlich resolut gewordene Tochter und auf das abgeschossene Gewehr. Thrinele stellt wortlos die Waffe in die Ecke und verläßt die Stube. Dann folgt ihr Peter, unschlüssig, wie er nun den Feind abwehren soll. Und da ist sie auch schon die Gücksler-Kommission: ein Beamter in Uniform mit langem Schleppsäbel und einer Aktentasche, einen gewaltigen Dreispitz mit Federbusch auf dem Kopf, und neben ihm der Rauchfangkehrer in schwarzer Adjustierung mit Kratzeisen und der Leiter auf der rechten Schulter. Des Alten Sohn Jaköble beguckt die seltsame Kommission ungefähr mit der Andacht, mit welcher eine Kuh das neue Scheunenthor beschaut, indes Thrinele vor dem gestrengen Kommissär einen Knicks macht und nach seinem Begehr fragt. Zögernd ist auch der Vater nähergetreten, der seine Fäuste in den Sack gesteckt, um seinen Ingrimm nicht äußerlich zu schnell erkennen zu lassen. Es funkeln seine Augen ohnehin verräterisch genug und die zusammengekniffenen Lippen künden keineswegs Liebe und Sanftmut.
Mit schnarrender Stimme verkündet der Beamte das neue Edikt betr. den Schlotkehrzwang und fordert Unterwerfung und Einlaß für seinen schwarzen Begleiter im Namen des Großherzogs von Baden. Sodann fragt der Federbuschträger, sich zum Alten wendend, was der Schuß zu bedeuten hatte. Peter zieht sein Gesicht in höhnische Grimasse, Thrinele jedoch giebt schnell die Antwort, daß das Gewehr sich zufällig entladen und der Schuß keineswegs der anrückenden Kommission gegolten habe.
„So so! Na, ist Euer Glück! Künftig spritzt aber keinem Beamten Schrot ins Gesicht, so Ihr nicht Bekanntschaft mit Eisenmeister und Galgen machen wollt. — Öffnet also und laßt den Kaminfeger ein zur Arbeit! Bei Euch, Peter Gottstein soll im oberen Wald begonnen werden!“
Nähertretend fragt Peter: „Warum bei mir zuerst?“
„Weil Ihr die wichtigste Person am „toten Bühl“ seid!“
Geschmeichelt steht Peter eine Weile und kratzt sich hinter'm Ohr. Was soll er thun? Daß man ihn mit seinem Einfluß auf die Wäldler respektiert, ihm gewissermaßen den Vorrang sogar beim Schlotfegen einräumt, schmeichelt ihm nicht wenig; aber er ist gewohnt, just das Gegenteil zu thun, was von ihm verlangt wird, und deshalb neigt er eher zu einer Verweigerung hin, es juckt ihn seine Protestleidenschaft. Auch ist sicher anzunehmen, daß die Salpeterer am toten Bühl überall den Schwarzen hinauswerfen und das Kaminfegen verweigern, wenn der Peter hierzu das leuchtende Beispiel gegeben haben wird. Und wenn der dicke Federbuschmann mit hinausgeworfen würde aus jeglichem Salpetererhofe, müßte das ein köstlicher Anblick sein, füglich aber ein Merks für die Freiburger Regierung, daß noch der alte Geist der Freiheit und Unabhängigkeit herrsche auf den Schwarzwaldhöhen. Auf gewöhnlichem Wege jedoch die Kommission unverrichteter Dinge vom „dürren Ast“ wegzuschieben, däucht Petern in seiner Führerwürde zu harmlos, vom Gehöft des Streitpeterle dürfen die Kommissionsleute nicht gewöhnlich gehen, sie müssen hüpfen, wie besessen rennen und ein Andenken an den „dürren Ast“ mitnehmen, das ihnen das Wiederkommen verleidet.
Der Beamte wiederholt die Aufforderung und schwingt dabei die Aktenmappe, um seiner Wichtigkeit größeren Nachdruck zu geben. Über Peters Gesicht huscht ein höhnisches Lächeln, grinsend sagt er: „Wenn ich nicht will, kommt Ihr mir nicht ins Haus! Ich will Euch aber einlassen, so Ihr da mit Eurem Federbusch auch mit hinauf in den Schlot steiget!“
Erschrocken prallt der Beamte zurück und stottert: „Wie? was? Seid Ihr verrückt? Ich — ich — habe oben nichts zu thun — das ist des Kaminfegers Sache!“
Auch Thrinele kann das Lachen über die drollige Erscheinung des Federbuschmanns und dessen Schrecken nicht verbeißen und kichert vor sich hin, indessen Jobbeli in Vorahnung eines Spaßes die Hausthüre angelweit aufreißt und durch eine linkische Armbewegung zum Eintritt einladet.
Peter besteht darauf, daß der Kommissär unter der Esse auf den Vollzug der Kehrordnung warten müsse, andernfalls lasse er den Schornsteiner nicht ein. Dem Beamten ist es zu thun, den Streitpeterle 'rum zu bekommen, auf daß er bei den übrigen Waldbauern nicht auf Widerstand stößt. Vielleicht ist es lediglich eine Marotte des eigensinnigen Hotzen, und Peter ist ja der größte Starrkopf der Wäldler. Auch tobt der Wind so grimmig um den Bühl, daß der Aufenthalt selbst in der rußigen Küche vorzuziehen sein wird. So entschließt sich denn der Kommissär zum Eintritt und hinter ihm und den Schornsteiner drängen die Andern nach ins Haus. Schon hinter der Thür beginnt der Federbuschmann zu husten, der Qualm des glimmenden Herdfeuers benimmt ihm schier den Atem. Der Schwarze meint, das Feuer müsse ausgelöscht werden, sonst könne er nicht in den Rauchfang aufsteigen.
Mit Entschiedenheit aber fordert Peter nun sofortigen Beginn der „Regierungsthätigkeit“ des Schornsteiners und droht im Weigerungsfalle mit gewaltsamer Entfernung der ganzen Kommission. Das Faceletto vor den Mund haltend, giebt der Kommissär Befehl, den Schlot zu kehren, und gehorsam steigt der Schwarze auf seiner Leiter in die Esse.
Kaum ist der Schornsteiner oben verschwunden, packt Peter blitzschnell einen Bund trockenen Reisigs und wirft es auf die glimmende Glut, und Jobbeli beeilt sich augenblicklich, des Vaters Beispiel kräftig und flink nachzuahmen. Gierig züngeln die Flammen auf, es prasselt das Reisig wie Zunder, im Nu ist die Küche raucherfüllt und in dicken Schwaden steigt der Qualm in den Schlot. Vergebens poltert der Kommissär gegen solch' boshaftes Beginnen und wischt sich die brennenden Augen aus; doch die Gottsteins kümmern sich nicht den Pfifferling um das Gezeter und werfen immer neues Reisig auf die prasselnde Glut. Nur Thrinele thut nicht mit und flüchtet vor Qualm und Rauch hinweg in ihre Stube. Ihr Beispiel ahmt hustend, schier erstickend der Bebuschte nach und stürmt ins Freie. Gleich darauf rasselt der Schornsteiner die Esse herab, betäubt vom Qualm und krachend fährt er mitten in die aufspritzende, funkensprühende Glut des Herdfeuers, worüber Peter und Jaköble ein wahres Freudengeheul anstimmen und sich die Seiten halten vor Lachen über das sie höchlich belustigende Schauspiel. Wie besessen springt der Schwarze aber vom Herd hinweg, heulend vor Schmerz und stürmt ins Freie, eine schwarze Fährte ziehend im frischgefallenen Neuschnee. Brüllend vor Vergnügen stürzen Peter und Jaköble ihm nach, um das Auge zu weiden an der rasenden Flucht der geprellten Kommission, bis der dicke Kommissär mit dem wackelnden Federbusch und hinterdrein der toll springende Schwarze hinter den Häusern von Hochschür verschwinden.
* * * * *
Gegen die neunte Abendstunde hat es zu schneien aufgehört. Die Wolken sind verzogen, klar ist der Himmel, besät von mildstrahlenden Sternen, und der Mond sendet sein Silberlicht herab auf den überzuckerten Tann und die weißschimmernden Bühlhöhen des Schwarzwaldes. Das Kreuz auf dem toten Bühl wirst vom magischen Licht übergossen, einen langen Schatten auf den schneeigen Grund und geisterhaft strecken die entlaubten Buchen ihre Äste gen Himmel. Es flimmert die öde Landschaft im glitzernden Schmuck winterlichen Geflockes, und gegen die Helle am Bühl sticht schaurig das Schwarz der Tannenwälder ab mit ihrer unheimlichen Finsternis und geheimnisvollen Starrheit. Der Wind hat sich gelegt; still ist's weit um, tot und leer. Nur zeitweise rutscht in kleinen Ballen der Neuschnee von den Tannengipfeln tiefer herab auf die Äste und von der weißen Last befreit schnellen die Zweige wieder hinauf zur normalen Lage. Das giebt ein knisterndes Geräusch im sonst kirchenstillen Tann, das sich zum dumpfen Getöse verstärkt, wenn die größer gewordene Schneelast durchbrechend auf den Waldboden aufschlägt. Schneestaub quillt dann für einen Augenblick auf, alles verhüllend; dann aber legt sich der weiße Staub, schwarz ragt die befreite Tanne auf in schauriger Hoheit und nächtlicher Majestät.
Vom Kirchturm zu Hochschür schlägt es zehn Uhr nachts in langgedehnten Tönen. Wohl blinken die Fenster der wenigen Häuser des kleinen Dorfes im Mondenschein, doch ist jegliches Licht erloschen. Die Dörfler sind wohl längst zur Ruhe gegangen und schlafen den Schlaf des Gerechten, mit Ausnahme vielleicht jener Hochschürer, die dem Dörflein den üblen Ruf eingebracht haben, von dem Scheffel schreibt: „So einem in der Umgebung nachts in dem Keller eingebrochen und Kartoffeln geholt, oder ihm das frischgeschlachtete Schweinlein aus dem Kamin ausgeführt wird, so heißt's: es wird den Weg alles Fleisches nach Hochschür gegangen sein.“ Von einigen Häuschen lösen sich richtig schwarze Gestalten ab, hochgewachsene Männer, die dunklen Überwurf, wallende Mäntel und auf dem Kopf gewaltige Pelzmützen tragen. Schweigend stapfen diese Gestalten alle einem Ziele zu: hinauf zum Kreuz am toten Bühl. Und auch von anderen Seiten her pilgern Männer dicht vermummt gegen Frost und Kälte; die einen durch den Tann von Gebisbach her, andere von Altenschwand und Hottingen, von Sägeten, jenem Dörflein, von dem es heißt: Hochschür und Sägeten giebt eine Trägeten (Traglast, d.h. sie wiegen [im Rufe] gleich schwer), und von Herrischried. Seltsam düster heben sich die Gestalten ab vom glitzernden Schnee, schier geisterhaft in ihren schwarzen Mänteln und hohen Mützen. Von allen Seiten klimmen und steigen sie den toten Bühl hinan, schweigend, ernst, feierlich, und stellen sich im Kreise um das Kreuz auf, vor dem sie die Mützen lüfteten und das Knie beugten, zugleich das Kreuz auf der Brust schlagend. Doppelt und dreifach wird der Menschenring auf der Bühlhöhe, die Männer stehen wie die Mauern im rasch zusammengetretenen Schnee und harren der kommenden Dinge im gespenstischen Mondenschein, die Augen auf den Christus am Kreuze gerichtet.
Und wie die Uhr von Hochschür die Geisterstunde schlägt, hebt einer aus der nächtlichen Versammlung an zu sprechen: „Im Namen der heiligen Jungfrau Maria. Gottwilche! (Willkommen).“
„Gottwilche!“ tönt es mit gedämpfter Stimme in dem dreifachen
Menschenring.
Streitpeter ist's, der den Willkomm ausgesprochen als der Vertrauensmann der Salpeterer am toten Bühl, der die Versammlung einberufen hat zur Besprechung wichtiger Dinge, und der nun den Ring verläßt, sich an den Kreuzstamm stellt und zu reden beginnt: „Gott wilche! 's isch e gheimi Sach, die mer han z' verhandle heroben am toten Bühl. Sin Ihr alle da, die ich g'lade han zur Geischterstund? Die Männer von Gebisbach, Altenschwand, Hottingen, Sägeten, Hochschür und Herrischried?“
Mit dumpfer Stimme melden sich die Verschworenen aus den ausgerufenen
Orten.
„Sind annere aus 'm Wald aach noch chomme?“
„Ja! Ich, Ägidius Riedmatter von Kuchelbach bin aach chomme!“ ruft ein alter Mann aus dem dritten Ring.
Tiefe Bewegung geht durch die Menschenreihen, summendes Geflüster der Überraschung, daß sich ein Salpeterer auch aus dem Albthal eingefunden, der drüben Führer ist und Hauptverfechter der heiligen Sache.
Peter fordert Riedmatter auf, ans Kreuz zu treten und der Versammlung zu sagen, was er als richtiger Salpeterer auf dem Herzen habe.
Die Männer treten etwas zur Seite, um den alten Riedmatter durchzulassen, und mit festem Schritt tritt derselbe auf das magisch beleuchtete Kreuz, entblößt das von weißem Haar umrahmte Haupt und spricht mit kräftiger Stimme: „Im Namen der heiligen Jungfrau Maria seid gegrüßt, Salpeterer! Was ich euch han ze sage, isch kurz und bündig das: Wer ich bin, wisset ihr alle! Und mir, Ägidius Riedmatter isch in stiller Nacht der Geischt des Salpeterhannes, Albiez' Geischt wirklich und wahrhaftig erschienen, und selbiger Geischt hat mich eingeweiht und bezeichnet als Hannesle's Nachfolger in der Führerschaft der Salpeterer. Ich soll den Kampf aufnehmen und führen wie einst der Hannes selber! Und dem Mahnruf des Geischtes han ich Folge geleistet und drüben im Albthal mein heilig und schweres Amt übernommen. Heute in verschwiegener Nacht am Kreuz des toten Bühl bin ich erschienen und frage euch, ihr Mannen des Murgthales: Wollt Ihr mitkämpfen für die heilige Sache?“
„Ja! Wir wollen, im Namen des dreieinigen Gottes für die Freiheit unseres Volkes und für unseren Glauben!“ tönt es rauh, aber feierlich aus dem dreifachen Menschenringe.
Nun frägt Peter den alten Riedmatter: „Ischt der Geischt des Hannes dir wirklich erschienen? Erhebe die rechte Hand zum Kreuz und schwör' es uns zur heiligen Dreifaltigkeit!“
„Ich schwör' es!“
„Dann glauben wir dir! Und du, Ägidi, sollst fürder auch unser Führer sein im heiligen Kampfe. Willst du?“
„Ja, ich will! An der Hand der alten Festen und Privilegy, der kaiserlichen Briefe will ich unsere Sache führen und nicht erlahmen in der Verteidigung unserer alten Rechte. Schwört mir Gehorsam und Gefolgschaft!“
„Wir schwören!“
„Und nun höret: Wie einst Hans Albiez müssen auch wir die uralten Rechte der Grafschaft Hauenstein verteidigen. Unsere Vereinigung, der im stillen auch tapfere Weiber, Söhne und Töchter angehören, ist bereit, dafür das Leben zu lassen. Ein offener Aufruhr mit den Waffen in der Faust kann uns jedoch nur das Schicksal unserer Großväter, die gewaltsame Verbannung, Verlust des Lebens und Eigentums eintragen. Wir müssen der Übermacht anjetzo noch weichen! Aber was wir können, was wir müssen, ist die Hochhaltung unserer alten Rechte, auf die wir niemals verzichten werden, auch dann nicht, wenn man uns die Bajonette auf die Brust setzt und zum Galgen schleift! Kein Verzicht, aber auch kein gewaltsam Auflehnen. Wir huldigen nicht, niemandem, wir wollen frei und unabhängig bleiben! Und große wichtige Dinge bereiten sich vor! Unser ärgster Feind, das Kloster zu St. Blasien, wird bald nicht mehr sein!“
Jähe Überraschung fährt durch die Menschenmenge, und laute Rufe tönen zum nächtlichen Himmel.
„Ruhe! Das Kloster wird aufgehoben werden! Ich, der Nachfolger Albiez', sage es euch! Und haben wir diesen Feind los, so winkt die alte Freiheit wieder, die uns dort drüben die freien schweizer Berge verheißungsvoll zuwinken! Niemals hat irgend eine Herrschaft über uns zu Recht bestanden, nicht der Fürst von St. Blasien, nicht die Franzosen, nicht der Großherzog von Baden! Letzterer ist nicht unser Landesherr, er ist nur Meier (Verwalter), gesetzt vom Kaiser! Und niemals bestand die österreichische Herrschaft zu Recht! Wir verweigern auch dieser Herrschaft die Huldigung! Nur der Kaiser ist Schutzherr über uns und die Schweiz! Wir müssen ihn bitten, uns behilflich zu sein zur Wiedererlangung unserer alten Rechte, so da sind: Kein Schutzgeld, Freiheit von Steuern und Schatzungen, von Zinsen und Zehnten! Nur freiwillig stellen wir Milizen! Das alles haben die Kaiser uns zugesagt, so Kaiser Josef im Jahre 1782, so Kaiser Franz anno 1802. Ich habe die kaiserlichen Briefschaften und sage, wie Hans Fridli Gersbach von Bergalingen sagte: „«Wer diese Briefe lesen will, kann zu mir kommen: wer's nicht glauben will, hat hier in meinem Knorrenstock seinen Schulmeister. Ich hab's gesagt, ich sterbe dafür. Bedenkt zu Hause, daß Handschuhe hinter'm Ofen liegen,[2] ihr versteht mich!“» Wir hoffen auf Gott und den Kaiser und warten, wie es komme! Und was die Blutsteuer, die Stellung von Rekruten betrifft, die man wohl bald von uns fordern wird, so schafft bei Zeiten die Jungen fort. Über der Grenze wohnen auch Leute! Unterschreibt, so ihr schreiben könnt, nichts, versprecht nichts, verzichtet auf nichts! Und huldiget nicht! Weiteres werdet Ihr von mir hören! Im Namen der heiligen Mutter Gottes geht jetzt auseinander und schweiget, was ihr gehört. Amen!“
Mann für Mann tritt nun zu Riedmatter und schüttelt ihm wortlos die Hand, damit ein stummes Gelöbnis zur Gefolgschaft leistend. Und nach abermaliger Begrüßung des Kreuzes verlassen die Mannen stumm den Bühl. Riedmatter und Peter bleiben zurück in geheimer Zwiesprache. Erst als die Turmuhr eins schlägt, schreiten auch sie den weißschimmernden Bühl hinunter. Nur der vertretene Schnee giebt noch Kunde von der nächtlichen Versammlung. Bald darauf aber verhüllt der Mond sein leuchtend Antlitz, schwarze Wolken ziehen auf, der Westwind bläst aufs neue, und Neuschnee deckt abermals alles zu und verwischt jegliche Spur….
Winterszit, schweri Zit!
Schnee uf alle Berge lit….
* * * * *
In einem der Häuser am Ausgang des Dörfleins Rütte gellt eine Frauenstimme durch die Räume, und die Zornesrufe sind schier heraußen am schneebedeckten Sträßlein zu verstehen. Es ist des Josef Binker's Eheweib, die scharfe Vroni, welches den gutherzigen Gatten abkanzelt und ihm wieder einmal den Standpunkt klar macht. Der Josef ist ein sozusagen lammfrommer Mensch, dem man es vom Gesicht ablesen kann, daß er das Pulver nicht erfunden hat. Kleiner von Gestalt als die meisten der stämmigen Hotzen, hat er auch nichts vom kriegerischen Geist jener Hauensteiner, die vor 80 und 100 Jahren ihr Leben für die Salpeterersache einsetzten. Ihm geht Ruhe und Frieden über alles, und weil er immer und überall sich nachgiebig zeigt, hat ihm das Schicksal in seinen oft sonderbaren Launen ein Eheweib beschieden, das weit eher die Pluderhose zu tragen berechtigt wäre, als der Hotze selber. Fleißig und arbeitsam erledigt Sepli seine Kleinhäuslergeschäfte und ist am Abend glücklich, in der behaglich durchwärmten Stube sein Pfifli Tubak rauchen und sinnieren zu können. Was um ihn vorgeht im Wald, heroben oder draußen in der Welt mit ihren Kämpfen, das kümmert Binker nicht im mindesten; soll nur jeder sehen, wie er sich durch's Leben bringt. Ihm ist's viel wichtiger, die schlecht gedeihenden Kartoffeln zu ernten und rechtzeitig Holz für den Winter aus Haus zu schaffen. Ganz anders veranlagt ist seine Vroni, die, lebhaften Sinnes, trotz ihrer gesetzten Jahre, sich um alle öffentlichen Dinge kümmert und namentlich für die alte und neue Salpeterersache sich lebhaft interessiert, von der sie eine Besserung der Lage und ihrer eigenen Verhältnisse sich erhofft. So sehr Vroni aber bisher in ihren gutmütigen Mann hineingeredet hat, erzielt hat sie nichts, denn Josef ist nicht zu bewegen, für die Salpeterersache auch nur einen Schritt zu thun, und immer setzt er ihrem Andrängen passiven Widerstand entgegen und läßt Vroni belfern und schwätzen. Diesmal zieht das Weib alle Schleusen der Beredsamkeit und zetert, daß die Fenster klirren. Erst heute früh beim Wasserholen hat ihr eine Salpeterin von der nächtlichen Versammlung am toten Bühl erzählt und vertrauliche Mitteilung über die gefaßten Beschlüsse und die Führerschaft des Ägidius Riedmatter gemacht: Dinge, die Vroni ungemein interessierten und veranlaßten, ihren Beitritt zur Salpeterervereinigung durch die Nachbarin anmelden zu lassen. Und vom Dorfbrunnen heimgekehrt, war es Vroni's wichtiges Geschäft, alles liegen zu lassen und Josef aufzufordern, sich zum Ausgehen fertig zu machen und dem Vertrauensmann Peter Gottstein, dem Wirt zum „dürren Ast“ den Beitritt des Binker'schen Ehepaares zu erklären. Josef hatte diese Mitteilung ruhig und geduldig wie immer angehört, sein Pfifli in Brand gesteckt und dann gelassen zur Antwort gegeben: „I mog nit!“ Nun war's um ihn geschehen, und Vroni legte los, daß es eine Art hat. „Hesch du au e Kuraschi, bisch du e Ma?! Was bisch du? E Lamm, e Schof, das hockt de ganze Zit im Stübli und träumet und wartet, bis die bratene Täubli ihm ins Maul flieget! Dunderschiß, bisch du e Ma! Di soll der Dunder in Erdsbode verschlage, du Waschlappe du!“ Und was der erzürnten Vroni in die Hände kommt, wirft sie dem Gatten an den Leib, Häfele, den Besen und zu guterletzt den Milchkübel mit der Ziegenmilch, so daß heute wohl Fasttag bei Binkers sein wird, wenn Sepli die verspritzte Milch nicht vom Boden aufschlecken will. Das zornige Weib hätte das Gezeter aber ebenso gut vor einem Holzklotz halten können, die Wirkung wäre dieselbe geblieben. Josef rührt sich nicht und läßt die Vroni schreien, als sie aber anhebt aufs neue und ihm droht, ihn und das Haus zu verlassen mit den schwerwiegenden Worten: „Die Eh' isch ab, so du nit Salpeterer wirsch!“ da erhebt sich Sepli zitternd und sagt stotternd, so weit solle es denn doch nicht kommen. Augenblicklich nimmt Vroni diese Gemütsbewegung und den erreichten Vorteil wahr und bekräftigt ihre Rede mit der verschärften Drohung, daß sie noch in dieser Stunde von hinnen gehen werde, wenn Sepli nicht sofort dem Streitpeterle das Gelöbnis in die Hand leisten werde. „Ja, ja, i goh!“ stammelt der eingeschüchterte Wäldler und sucht nach seinem Mantel. Ein Freudenschimmer fliegt über Vroni's runzeliges Gesicht, und flink trägt sie dem besiegten Gatten Mantel, Pelzmütze und Stock herbei und drängt zur Eile. So ist Josef in seinem ganzen Leben noch nicht bedient worden, er fühlt sich wie ein Herr, und freut sich, es durch Nachgiebigkeit so wohlbehaglich zu haben. Freilich der Gang ist unangenehm und die Salpeterei ihm zuwider; aber vielleicht bekommt er fürder den Hausfrieden und wird's Vronele künftig sanftmütiger sein! Drum stapft Sepli mit 'm Pfifli im Mund hinüber durch Schnee und Wald gen Hochschür zum Wirt zum „dürren Ast“. Vroni aber muß eine Weile verschnaufen und überläßt sich ganz dem Wonnegefühl des erreichten Sieges. Daß die Drohung so gewirkt, überrascht sie eigentlich selbst, denn insgeheim hat sie eher befürchtet, daß Sepli sie gehen heißen würde. Hat sie ihm doch das Leben bisher sauer genug gemacht und verbittert und das Regiment scharf, fast zu scharf geführt. Und übermäßig jung und sauber ist's Vronele auch nicht mehr; Sepli könnte unschwer eine hübschere Gesponsin bekommen. Aber an so was denkt der Mann ja nicht und der Pfarrer würde ihm solche Gedanken schon austreiben. Ein Wäldler hat noch niemals sein angetrautes Weib verlassen. Freilich auch nicht eine Wäldlerin ihren Mann; aber die Salpeterersache ändert Brauch und Ordnung, Gewohnheit und Recht, weil sie ein Kampf um heilige Rechte ist. Und Sepli muß ein richtiger Salpeterer werden; dafür wird Vroni schon sorgen.
* * * * *
Des Streitpeterle hoffnungsvoller Sohn, 's Jaköble, hat zeitig früh aus den Federn gemußt, so früh, daß der Bursch im ersten Augenblick des Gewecktwerdens nicht wußte, ob es Mitternacht, Abend oder Morgen sei. Sein Zögern, die Langsamkeit, mit welcher er aus dem Bette kroch, hatte Ätti fuchtig gemacht, und Vaters Zornesrufe ließen Jobbeli flink in die Kleider fahren und fragen, wo es denn „füürig“ sei (wo es brenne)? Aber da kam der Bursch übel an, denn der Vater wetterte: „Dunderschiß, nu numme kein Wörtle mehr, steh uf und lueg, was i dir z'sage han: Du gohsch uf Herrischried und seist m Hottinger im Hus neben der Chilch: Ägid Basel! Er soll no hüt am Rhi uf'm Riedmatter warte, Botschaft abnehme und ruftrage bis Herrischried. Du wartsch dort und tragsch no in der Nacht Kundschaft her zu mir. Vostehsch, Jobbeli? Und steh' uf und laß di nit sehe, sei an nüt ze de Halunke! Uf jez un bhüdi!“ Damit drückte Peter dem Jobbeli etwas Geld in die Hand und schob den Burschen zur Thür hinaus in den bitterkalten, nebligen Wintermorgen. Der scharf um den Bühl wehende Wind trieb Jaköble zur Eile, auch schien ein Stehenbleiben nicht rätlich, weil Ätti unzweifelhaft in solchem Falle dem Bübli flinke Füße machen würde. Jedenfalls muß die Sache heillos pressant sein, sonst hätte Jobbeli nicht so früh aus den Federn gemußt. Freilich wenn der Hottinger vormittags noch nach Säckingen muß, heißt es sich sputen. Hernach aber hat Jobbeli heidenmäßig viel freie Zeit in Herrischried und kann hinterm warmen Ofen im „Roten Ochsen“ wartend liegen, bis der Hottinger vom Rhein wieder herauf zurückkommt. Also stapft Jaköble flink durch den harstigen Schnee nach Herrischried, wo die Essen rauchen zum Zeichen, daß die Morgensuppe gekocht wird. Das Haus neben der Kirche ist bald gefunden und der Hottinger erfragt, welcher alsbald forteilt, der Ordre gemäß, um den Salpetererführer in Säckingen zu erwischen. Jobbeli aber schlendert gemütlich zum „Roten Ochsen“, in dessen Gaststube eben der Ofen in Brand gesetzt wird. Der Bursch fragt nicht viel und kriecht auf die Bank hinterm Ofen um den Schlaf nachzuholen. Chüngi (Kunigunde) schaffet fleißig, die Stube in Stand zu setzen und kümmert sich nicht weiter um das Bühler Büebli.
Gegen Mittag aber, als der Kuckuck in der Schwarzwälder Uhr unter Verbeugungen elfmal seinen Ruf in der behäbigen Stube erschallen läßt, kriecht Jobbeli hervor, reibt sich die Augen klar, streckt und dehnt die Glieder und bittet Chüngi, ihm ein Mittagsüppli zu geben, „ume Chrützer“ und aufgeschmälzte „Grundbire“ dazu und auch ein Schöppli Kaiserstühler. So setzt sich Jobbeli an den einen Tisch nahe dem Ofen und harret als einziger Gast in der braungeräucherten Stube seiner Atzung, welche die braunbezopfte Chüngi denn auch bald herbeiträgt und darauf das Kännlein badischen Weines. Still ist's in der Stube; nur Jobbelis Löffel klappert zuweilen und im dickbauchigen Ofen prasselt das Tannenholz, das frisch nachgefüllt worden. Draußen hat sich der Nebel gehoben und ist's lichter sonniger Tag geworden. Es flimmert und glitzert schier blendend; die Häuser tragen weiße Hauben und blitzende Streifen liegen auf den Fenstersimsen. Dicht beschneit sind die nahen Tannen, deren tiefes Grün neben dem überwältigenden Weiß kaum durchzudringen vermag. Ein Holzschlitten mit Blochen beladen, von Kühen gezogen, fährt vorüber mit pfeifendem Schleifen über den trockenen Schnee, geleitet von einem gegen die Kälte vorsorglich vermummten Knecht. Dann wird es wieder ruhig und still draußen. Drinnen tickt nur die Uhr in der Ecke über dem schwarzgeräucherten Kruzifix. Chüngi leistet nach dem Abtragen des leeren Geschirres dem Jobbeli Gesellschaft und fragt ihn nach dem Zweck seiner Anwesenheit in Herrischried. Und der Bursch, ein Schwerenöter, versichert gekommen zu sein, um in Chüngis schöne Rehaugen zu schauen, er hascht nach ihrem Händchen.
Ungläubig wehrt das Maidli ab und schlägt Jobbeli auf die zudringlichen
Pfoten: „O Jesis, was bisch du mer für e verlogenes Büebli!“
Lachend beteuert Jobbeli seine Behauptung und sucht Chüngi an der Hüfte zu umfassen, doch schwapp sitzen ihm des Mädchens fünf Finger im Gesicht, und der Bursch reibt sich verdutzt die geschlagene Wange. Im selben Augenblick wird die Thür geöffnet und ein stattlicher Bursch tritt ein, die Scene mit Hallo begrüßend und zu Jaköble gewendet, fragend: „Isch was gange, Jobbeli?“
Etwas zaghaft meint der Bühler: „'s isch nüt gange!“
Der wehmütige Ton reizt nun auch Chüngi zum silberhellen Gelächter, indes sich Michel, des Martin Biber zu Herrischried Einziger, zu Jobbeli an den Tisch setzt, ein Schöppli Durbacher bestellt und dem Bühler auf die Achsel klopft: „Musch es annersch mache, Jobbeli, ze Herrischried im Wald balzet der Urhahn annersch, haha!“
Das glaubt Jaköble gern nach den eben gemachten Erfahrungen, doch verspürt er wenig Lust, neue Balzversuche anzustellen.
Der stämmige Martin verläßt auch das Thema gleich und fragt: „Jobbeli, hesch du Kuraschi, so müschet mer Charte und spiele mer'n Win aus!“
„Isch recht!“ stimmt Jobbeli zu, und Chüngi bringt die abgegriffenen Karten. Bald ist das Spiel im Gange und hin und her wendet sich das Glück, bis Fortuna ihre Gunst ausschließlich dem Bühler Büebli schenkt, so daß Jobbeli zechfrei wird und Groschen um Groschen in Bargeld einstreicht.
„Zum Teufel, i verlier' heut no mi Röckli!“ ruft ärgerlich Michel und wirft einen Sechsbätzner auf den weinbetropften Tisch. „Halt zu mer, Heckener, bisch mi letzter!“
„Was isch Trumpf?“
„Alleweil oebbis e Herz! Weisch Jobbeli, e Herz het e jeder!“
„Gstoche sell Herz! Her ze mer, Heckener!“
„Dunderschiß, hesch du e Glück!“
„Wos mache mer jez? Hesch du no oebbis ze setze?“
„I will doch probire, un 's Glück hassadire, weisch wos, Jobbeli? Jez spiele mer ume Ohrläppli vonemer!“
„Topp, 's gilt! Was isch jez Trumpf?“
„Chrütz!“
„Gstoche! Hesch wieder verlore!“
„Bisch du ne Glückskind!“ staunt Michel.
Jobbeli aber streicht das gewonnene Geld insgesamt ein und zieht sein
Messer.
„Was wilsch bi Gott du miterm Messer, Jobbeli?“
„'n Gwinnst will i einkassiere!“
„Mitem Messer?“
„Frili! Dein Ohrläppli werden mer gli habe!“
„Tod und Teufel!“ prasselt Michel auf und fährt zurück; doch Jaköble faßt zu, es ist ihm Ernst, das im Spiel gewonnene Ohrläppchen abzuschneiden. Chüngi zetert und schreit aus Leibeskräften um Hilfe; die Burschen raufen, Michel sucht dem Gegner das Messer zu entwinden, und Jobbeli sticht wutentbrannt blindlings zu. Mit einem Weheruf sinkt Michel zu Boden, die Hand auf die Brust pressend, aus welcher warmes Blut quillt. Jobbeli flüchtet zur Thür hinaus, auf den Ochsenwirt prallend, der schleunigst dem Verwundeten zu Hilfe springt, so daß der Übelthäter ungehindert entfliehen kann. Zwei Knechte tragen den Schwerverletzten ins väterliche Haus.
* * * * *
Der gutmütige, schläfrige Sepli ist richtig gehorsam und ob der Eheabbruch-Drohung ganz verdattert den toten Bühl hinangestapft durch Nebel, Wind und Schnee und hat den Streitpeter aufgesucht im Wirtshaus „Zum dürren Ast“. Der Vertrauensmann ist gottlob zu Hause; das verkündete Thrinele gleich beim Eintritt in das windschiefe, verklebte Haus, und Sepli atmete auf, wie von banger Sorge befreit, nachdem er vor der Hausmauer den Schnee von den Füßen abgestoßen hatte. Von der Salpetersache will er freilich jetzt ebenso wenig wissen, wie vordem; aber es ist ihm doch lieb, den Wirt anzutreffen, damit er seiner Vroni doch wenigstens beteuern kann, mit dem Salpeterer-Vertrauensmann gesprochen zu haben. Was aus der Unterredung werden wird, das mag der Himmel wissen, der Sepli weiß es nicht. In der warmen Gaststube begrüßt Sepli, sich an dem einzigen Tisch niederlassend, das Maidli mit der Bitte, dem Ätti zu sagen, daß er mit ihm reden möchte. „Und leng mer e Schöppli, Thrinele!“ fügt er bei und öffnet sein Wams, denn die Stubenwärme setzt ihm bereits tüchtig zu. Rasch ist Sepli bedient, und auch der Astwirt findet sich gleich darauf ein, um nach dem Begehr zu fragen. Jetzt ist der kitzlige Moment gekommen, wo Sepli mit der Farbe herausrücken muß. Und so stottert er denn etwas dergleichen, daß er auf Wunsch seines Eheweibes wegen der Salpeterersache heraufgekommen sei und dieserhalb mit dem Peter reden wolle bezw. müßte.
Der Wirt sattelt augenblicklich um, als er das Wort „Salpeterer“ gehört, vergewissert sich, daß kein Unberufener in der Stube ist und wispert dann dem Besucher ins Ohr, doch lieber in die obere Stube zu kommen, wo sie die Angelegenheit zeugenlos und in aller Ruhe besprechen könnten. Oben sei es noch nicht gar so warm, fügt Peterle bei als Empfehlung des oberen Gelasses und beschwichtigt den um sein Schöppli besorgten Gast augenblicklich durch die Mitnahme von Wein und Brot. „Den Rock tragsch selber!“ bedeutet Peter und schreitet voran.
In der oberen Stube angelangt, verschließt der Wirt sorgsam die Thüre und fragt den Besucher nach seinem Begehr.
Da ist nun der gefürchtete Augenblick; was soll Sepli nun sagen? In arger Verlegenheit kratzt er sich hinterm Ohr und stottert dann mühsam heraus, daß sein Weib der Vereinigung beitreten wolle.
Überrascht blickt Peter auf den Gast und fragt dann entgegen: „Und du,
Sepli?“
„Ja, ich, no!“
„Wie, du willsch nit?“
„I weisch ja gar nüt!“
„So, du weisch nüt von unserer Sach! Na, da will i dir oebbes verzähle!“
Und tief Atem holend, beginnt Peterle, sichtlich von der Hoffnung erfüllt, den Gast für die Salpeterersache zu gewinnen, die Entwicklung derselben zu schildern. „Hör zu!“
„Ja!“ sagt Sepli und stärkt sich durch einen Schluck.
„Die Salpeterer sind entstanden als politisch-religiöser Bund, als der Propst von Sankt Blasien im Jahre 1719 ein Dinggericht zu Remetswil ankündigte und auch richtig durch seine Amtsluit, den Waldvogt und die zwölf Waldrichter, eröffnete. Der Vogt verlas den Dingrodel von Anno 1467 als erneute Grundlage des Gerichts. Gegen diese Grundlage von Anno dazumal erhob der Einungsmeister Friedolin Albiez zu Birdorf Protest wegen Verjährung, wasmaßen der Dingrodel durch die Gnade der Kaiser längst abgethan, die Leibeigenschaft aufgehoben worden sei. Schwer stritten sich der Vogt und der Einungsmeister, und schlau erklärte der Waldvogt, daß es sich nicht um das abgeschaffte Wort Leibeigenschaft, sondern um die damit verbundenen, von dem Kaiser selbst als rechtskräftig anerkannten und deshalb unentwegt fortbestehenden Gebühren und Schuldigkeiten handle?[3] Aber alle Schlauheit der Deutung und Wortklauberei nützte dem Waldvogt nichts, die Wäldler hielten zum Einungsmeister und gingen unter Protest vom Dinggericht weg. Damit fing die Gärung an — ich han's alles genau in den Akten —, die sich verstärkte, als einige Jahre später der Abt Blasius III. unter Genehmigung der Regierung eine Verzeichnung der Ehen, Kinder, der Entlassenen, Urgroßahnen, Klosterluit und Unfreien zur Feststellung der Leibeigenschaftsgefälle in der Grafschaft Hauenstein vornehmen ließ. Und in dieser Zeit war's unser Hans Albiez zu Buch im Pfarrsprengel Birdorf, der Salpeterhannes, mit Schweizerblut von mütterlicher Seite in den Adern, der fest eingriff mit seiner Rede Gewalt, mit durchdringendem Verstand und trutzigem Sinn, mit Begeisterung für die zu Recht erkannte Sache. Hannes verkündete die Lehre, daß die Grafschaft nicht zu Österreich, sondern zum Deutschen Reich gehöre, daß sie frei, reichsunmittelbar sei, und dem Kaiser lediglich pro Kopf jährlich zwölf Kreuzer Schirmgeld zu zahlen habe. Auch Sankt Blasien habe kein Recht auf das Land, das wider der Hauensteiner Willen zu Wien an den Waldpropst verkauft worden sei. Und so kam's zum Krieg gegen die Machthaber, der größte Teil der Waldeinung schloß sich der gewaltigen Bruderschaft unter Albiez Führung zusammen. Bloß die ‚Halunken‘ thaten nicht mit, die feigen Schufte.“
„Wer seist?“ warf Sepli erstaunt ein.
„Die Halunken, die zum Propst und zu Österreich hielten! Die Salpeterer aber verschworen sich, die fremden Fürsten abzuschaffen, die Steuern, Zinsen und Abgaben aufzuheben in der ganzen Grafschaft. Frei soll jeder Hotze sein, nur Gottes Wort soll allein richten über uns! Und Hans ging nach Wien zum Kaiser, unsere heilige Sache verfechtend; er redete tapfer für unser Recht und unsere Freiheit. Ihm glaubte der Kaiser und gab ihm einen Gnadenbrief, die Salpeterersache siegte.[4] Nur die Tröndle's thaten noch immer nicht mit, aber der neue Redmann und die Einungsmeister aus unseren Reihen besorgten ihnen das Nötige. Die Regierung zu Freiburg aber setzte ihre ganze Macht ein, den kaiserlichen Gnadenbrief[5] zu erlangen, ließ Albiez verhaften, im Gefängnis schmachten, wo ihn eine böse Krankheit von allen Leiden und aus seinem Martyrium erlöste. Seine Mahnung zu geeintem Widerstand hielten die Salpeterer heilig, fest standen sie gegen St. Blasien, dessen neuem Abt Franz Schechtelin die Huldigung ebenso tapfer verweigert ward, wie dem früheren Propst Blasius. Weg mußte die Leibeigenschaft! Mann für Mann stand auf, und auch die Weiber thaten mit! Lieber die Ehe ab, als hörig sein!“
„Ah, ah!“ stammelte Sepli.
„Was seist?“
Unwillkürlich plappert der verwunderte Sepli heraus, daß sein Eheweib ihm heute morgen mit der gleichen Drohung zugesetzt und ihn dadurch veranlaßt habe, zu Petern zu gehen.
Frohlockend prahlte Peter, daß solche Weiber die richtigen Bundesgenossen seien, vor schier hundert Jahren so gut wie heute. Handeln die Weiber auf dem Wald alle derart, so kann es nicht fehlen, und muß die alte Freiheit wiederkehren wie einst zur Zeit der Grafen Hans von Hauenstein! Peter gratuliert dem Sepli zu solch' tapferem Weib, um das Sepli zu beneiden wäre.
Den Sepli fröstelt es bei solcher Rede, und am liebsten wär' er auf und davon.
„I will dir aber weiter verzähle: was die Regierung auch befehlen mochte, es nützte nichts; fest stand der Bund, eitel war jegliches Patent, die Salpeterer rissen die Schriftstücke von den Kirchentüren und schonten nur des kaiserlichen Adlers. Wer in der Familie nicht zur heiligen Sache stand, wurde ausgestoßen. Man nennt das ‚purifiziere‘! Bei Nacht, an geweihten Orten, wurden Versammlungen abgehalten, immer mehr Anhänger scharten sich um die Waldfahne und um den neuen Führer Martin Thoma, den füürigen Müller am Haselbach. Er nahm zu Gurtweil und Hochsaal Anno 1727 den gesamten Salpeterern den Treuschwur ab und gab die Losung aus: Los von St. Blasien, los von Österreich! Und vor Weihnachten selbigen Jahres kamen die Sendboten von Wien zurück mit drei kaiserlichen Befehlen, wonach das Wort „leibeigen“ auf ewig abgethan sein soll, doch bestünden die Pflichten fort, und St. Blasiens Rechte müßten ungekränkt bleiben. Der Kaiser forderte: Man solle auf dem Wald Ruhe halten, dem Stift alle Gebühren zahlen und mit Handgelübde huldigen, auch den Sicherungsbrief[6] ausstellen; dagegen dürfe St. Blasien das Wort „leibeigen“ nie mehr gebrauchen. Und mit dem dritten Kaiserbrief wurde die Friburger Regierung aufgefordert, die verhafteten Achtmannen allsogleich auf freien Fuß zu setzen[7]. Sepli! Das muß herrlich gsi si! Und dem Abt muß der Schreck in alle Glieder g'fahre si, denn er zeterte und lehnte jegliches Handgelübde ab. Und gezittert werden die Halunken auch gehörig haben, denen es nun an den Kragen ging.[8] So mußte der Biber Hannes von Herrischried dran glauben, wie der Halunken-Redmann Tröndle von Niederalpfen….“
„Was ist diesen geschehen?“ fragt Sepli, dem der Angstschweiß auf der
Stirne steht, dazwischen.
„Den Biber Hannes, weisch, dem Großvater vom jetzigen Biber in Herrischried, hat man fast zu Tode „behandelt“; dem giftigen Tröndle nahm man die Pferde, ließ ihm den Weiher ab, fischte ihn aus, verstopfte seine Brunnen und nahm ihm den Mammon ab für die heilige Sache!“
„Das isch ja Raub!“
„Das verstehsch du nit, Sepli! Jeder Halunke isch Gegner und muß bekämpft were!“
„Ah, ah! Also bekämpft Ihr au mi?“
„Wenn du nit Salpeterer wirsch, schon!“
„I mag aber nit! I fercht' mi!“
Einlenkend sucht Peter den ruheliebenden furchtsamen Besucher zu beruhigen mit dem Hinweis, daß es ja heutzutage nicht mehr so scharf zugehe wie damals, und daß die jetzige Bruderschaft lediglich durch passiven Widerstand kämpfe. Heute sei auch nicht zu befürchten, daß wieder Soldaten auf Bauernkosten ins Land gelegt werden.
„Soldaten seist?“
„Ja, weisch, damals waren die Salpeterer noch strammer, nit so landsem (langsam), man versteckte sich nicht hinem Lädemli (hinter dem kleinen Fensterladen) und schielte oebsch (etwa) nach den Husaren, man klopfte die Soldaten, besonders an jenem Pfingstdienstag[9] mit Füsi (Flinten), Spießen, Heugabeln und Prügeln.“
„Wer isch hernach 'prügelt wore?“
„Hm! Es isch bide Thile schlecht gange. Doch fercht' di nit, Sepli! Wir mache die Sach' annersch, wir führe nimme Krieg mit Waffen. Es goht au minem Papier!“
So sehr sich Peter bemüht, den Besucher für die Salpeterersache zu gewinnen, Sepli will nicht anbeißen, er macht Ausflüchte und schickt sich zum Gehen an. Ärgerlich begleitet Peter den Gast hinunter ins Erdgeschoß und sagt zu Sepli, er solle sich die Sache wenigstens noch einmal überlegen. Im selben Augenblick stolpert Jobbeli zur Hausthüre herein, erhitzt, verstört, blutbespritzt, so daß der Vater erschrocken fragt, was denn passiert sei. Der ängstliche Sepli steht wie angewurzelt, und Thrinele springt aus ihrer Stube herbei, zu fragen, was sich ereigne. Jobbeli will nicht mit der Sprache heraus und sucht sich davon zu drücken, doch der Vater besteht fest und scharf darauf, daß Jaköble beichte. Auch fragt der Vater, ob der Bursch Botschaft vom Hottinger über Riedmatter's Gang nach Basel habe.
Jobbeli stottert heraus, daß er auf Hottinger nicht mehr warten konnte, weil er schleunigst flüchten müßte.
„Hat 's en Chlapf gebe? Red', Jobbeli!“
Nun kann der Bursch nicht mehr entrinnen, er erzählt, seine
Handlungsweise nach Kräften beschönigend, den Vorfall im „Ochsen“ zu
Herrischried bis zu dem Stich in Michels Brust.
Angstvoll hat Thrinele diesem Bericht gelauscht; wie Jobbeli aber erzählt, daß er — aus „Notwehr“ — den Michel niedergestochen habe, schreit Thrinele entsetzt auf und sinkt in die Kniee. Gleich darauf rafft sich das Maidli auf, packt ein Umhängtuch und stürmt hinaus in die abendliche Dämmerung. Ihr folgt nach kurzem Abschiedsgruß Sepli, der froh ist, das Haus hinter sich zu haben, und nun durch Schnee und Abendnebel heim geht zu seinem Salpetererweibe. Der Wirt aber zieht Jobbeli in die Wohnstube, um sich alles haarklein erzählen zu lassen und zu überlegen, was nun zu geschehen habe. Ein „Mordchlapf“ und eine Halunkenfamilie: ein übles Ding, das durch Wehrgeld kaum „abzuschaffen“ sein wird. Wenn es doch wenigstens Salpetererleute wären, da würde selbst bei einem Mordchlapf die Abschaffung[10] möglich sein. Aber so wird es seine Schwierigkeit haben, denn der Ätti des Gestochenen als Halunke, als Mitglied der Partei der „Ruhigen“, wird höchst wahrscheinlich nach dem Büttel schreien und zu Amt laufen. Und bald genug werden die Schergen den Bühl heraufkommen, um den Jobbeli zu holen. Drum wird es besser sein, wenn sich der Bursch bei Zeiten auf die Strümpfe und eine Wallfahrt nach Maria-Einsiedeln macht. Über der Schwyzer Grenze ist Jobbeli geborgen, doppelt gesichert, denn wie lang wird's dauern, dann möchten sie Jobbeli auch noch unter die Soldaten stecken. So giebt der schlaue Ätti dem Bürschli weisen Rat und hartes Geld, wie Jobbeli sich hinüber drücken soll in die freie Schweiz; doch der Bursch meint, so arg werde es doch nicht pressieren. Bis der alte Biber zum Amt nach Säckingen kommt und die Büttel wieder herauf zum Bühl werden leicht einige Tage vergehen. Lauft 's Bürschli dann über Rißwihl durch's Albthal hinunter zum Rhein, so kriegen die Büttel ihn sicher nicht. Der Alte glaubt zwar, eine sofortige Flucht wäre das Sicherste; da aber Jobbeli die eine Nacht wenigstens noch daheim verbringen und sich ordentlich ausschlafen möchte, so giebt der Ätti sich schließlich zufrieden. Dann aber fällt ihm bei, daß 's Maidli ja gleich nach der Ankunft des Jobbeli das Haus verlassen habe und wie toll davongerannt sei. Was das wohl zu bedeuten haben mag? 's Thrinele war ja ganz auseinander, wie Jobbeli verzählte vom Geräufe und dem Messerstich: „Dunderschiß! Sollte der Michel oebbe gar 's Maidli's Holderstock (Geliebter) sein! Dunderschiß, da soll doch der Dunder und 's Wetter Bide in Erdsboden abe verschlage! So en Verdruß!“
Jobbeli hat sein Lager aufgesucht, und auch Ätti löscht das Licht und begiebt sich zur Ruhe, hin und her überlegend, wie die böse Sache zu schlichten sei. Sein Haus darf Thrinele, die ungeratene Tochter, nimmer betreten; hat sie sich mit einem Halunken eingelassen, soll sie auch bei ihm bleiben. Lange meidet den sinnierenden Alten der wohlthätige Schlaf; doch endlich überkommt ihn der Schlummer, er träumt hinüber in die himmlische Grafschaft.
* * * * *
Still fallen draußen die Schneeflocken hernieder; es ist völlig windstill, totenruhig am einsamen Bühl und weit und breit kein Lebewesen. Doch aus dem Tann keucht eine dunkle Gestalt herauf, sich zeitweilig vergewissernd, daß niemand der frischen Fährte im Neuschnee folge. Der Mann nimmt die Richtung zum Wirtshaus und stapft quer über die Bühlhalde, hastig, als fürchte er just die letzte Strecke. Und endlich vor dem Hause stehend, wartet der nächtliche Wanderer nicht erst, bis der hochgehende Atem sich beruhigt, er klopft dreimal stark an die Thür und erneuert das Pochen, als alles still im Hause bleibt. Endlich regt sich etwas, ein schlürfender Schritt wird hörbar, und gedämpften Tones fragt der Wirt hinter der verriegelten Thüre, wer Einlaß fordere.
„Im Namen der seligsten Jungfrau Maria, mach' uf!“ ruft der Mann. Jetzt öffnet Peter und läßt den nächtlichen Besucher ein und macht in der dumpfen Gaststube Licht, bei dessen Aufflackern der Wirt den Hottinger von Herrischried erkennt. „Bi Gott, du bisch selber! Was bringsch du? Hescht 'n Ägidi troffe am Rhi? Was seit er?“
Hottinger fordert zunächst Labung, ein christlich gemessenes Schöppli, und erst als der Wein vor ihm auf dem Tische steht und Hottinger sich durch einen tüchtigen Schluck gestärkt, vermeldet er flüsternden Tones die Botschaft, dass Ägidi richtig in Basel beim Advokaten gewesen sei und einen österreichischen Oberst[11] gesprochen habe.
Unwillkürlich fährt Peterle auf, in höchster Spannung fragt er, was der
Österreicher gesagt habe.
Der Oberst habe — so fährt Hottinger fort — versichert, mit dem Österreichischwerden sei 's augenblicklich nichts, es ginge demnächst gegen die Franzosen, doch sei einstweilen der Accis aufgehoben.[12]
„Was seist?“
„Jo, sell hat er gseit, der österreichische Obrist, und Ägidi hat gseit, ich soll dir's noch heut Nacht vermelde. Und wil der Jobbeli nit in Herrischried gsi isch, bin ich selber chome!“
Peter ist ganz Feuer und Flamme; die Kunde von der Accisaufhebung erregt ihn in hohem Maße. Er denkt nicht weiter über die Wahrscheinlichkeit der Meldung nach; die Kunde klingt wie Sphärenmusik, sie wird die Säumigen, die Ängstlichen aufrütteln und in die Arme der Bruderschaft führen. Die Salpeterersache wird aufs neue aufblühen. Den Accis wird man rundweg verweigern und Chriesi (kleine Waldkirche) brennen frei, ohne Steuer, und wenn's der Regierung nicht recht ist, soll sie's nur sagen, die Salpeterer werden ihren Mann stellen. In diesem Sinne spricht sich Peter aus und fragt sodann, ob Ägidi als Führer besondere Verhaltungsmaßregeln gegeben habe.
Hottinger erzählt, daß Ägidi befohlen habe, es solle heimlich alles sich bewaffnen und die Kunde vertraut von Mund zu Mund getragen werden. Der Accis soll rundweg verweigert, der Accisor dort, wo er grob wird, hinausgeworfen werden. Es gelte diesmal ernstlichen Widerstand zu leisten. Die Bewaffneten werde Ägidi's Sohn, der Magnus führen, dem die Salpeterer gehorchen sollen. Weitere Kunde werde erfolgen, worauf losgeschlagen werden soll.
Peter reibt sich vergnügt die Hände; nun wird die ersehnte Zeit des Dreinschlagens endlich anbrechen. Hottinger erhebt sich, hält vor der Thüre Auslueg, drückt dem Bundesgenossen stumm die Hand, und stapft den Bühl hinab durch die stille Winternacht. Peter holt noch in selber Stunde das alte Schrotgewehr aus dem Winkel hervor und macht es schußfertig. Er will jeden Augenblick bereit sein zum Kampf. Dann löscht er sorglich wie immer das Licht und legt sich nochmals zur Ruhe.
* * * * *
War das ein Jammer im Hause bei Bibers, als man den guten Michel totwund gestochen auf der Bahre brachte! Der alte Martin hatte behaglich auf der „Chauscht“ („Kunst“, die Ofenbank) gelegen und die Glieder am riesigen Kachelofen gewärmt, das ausgerauchte Tubakpfifli im Munde und seinen Gedanken nachhängend. Mütterchen saß am Fenster und ließ das Spinnrädchen surren, emsig arbeitend mit fleißiger Hand. Die schweren Männertritte im Flur ließen Mütterchen auffahren, erschrocken horchte sie, und auch Ätti zuckte zusammen: solcher Lärm ist etwas Unerhörtes im Biberhause. Und dann pochte es an der Stubenthüre, der „Ochsen“wirt schiebt den Kopf herein und flüstert, die Alten sollten nicht erschrecken, aber dem Michel sei etwas passieret.
Mit einem gellenden Schrei namenloser Angst stürzt die Mutter auf den Wirt zu, der erschrocken zurückprallt, sie reißt die Thüre vollends auf, und unter Weherufen wirst sie sich auf den todesblassen, blutüberströmten Sohn, der ohnmächtig auf der Bahre liegt. Zitternd folgt ihr der alte Biber, dem die Kniee schlottern und die Pfeife aus dem Mund gefallen ist. Rasch faßt sich die Alte; hier thut Hilfe not. Auf ihr Geheiß wird Michel entkleidet und in sein Bett gebracht. Eine Dirn muß schleunigst zur Kräuterkäthe um Heilkräuter laufen. Mit bebender Hand legt Mütterchen einen neuen in Schnee getauchten Verband auf die Wunde, indes Biber sich vom „Ochsen“wirt den Hergang des Unglückes erzählen läßt. Gestochen, gemordet sein Bueb von einem Salpetererbueben! Unheil über Unheil kommt doch von diesen Leuten! Aber der Mordchlapf soll gerochen werden! Nicht durch neue Blutthat, doch das Gericht soll eingreifen.
Der Wirt erbietet sich, einen Knecht zu Amt nach Säckingen zu schicken, auf daß Anzeige erstattet werde. Ob auch der Pfarrer geholt werden solle?
Ätti will damit noch warten; so weit werde es hoffentlich doch noch nicht gefehlt sein. Kommt der Pfarrer mit dem Sterbsakrament in's Haus, so geht es Michel wirklich aus Leben. Lieber will der Alte den Kreuzvogel[13] in die Krankenstube stellen.
„Hesch aber an en richtigen Kreuzvogel, Märte?“ fragt der Wirt.
„Frili, er het en Schnabel uf de rechte Sit, das hilft vor Tod!“
„Gott gib's! B'hüet Gott derwil, Märte! Und wege 's Amt will ich 's schon besorge!“ Der „Ochsen“-wirt begiebt sich heim, und Ätti nimmt das Vogelbauer mit dem Kreuzschnabel und trägt es in Michels Stube, wo er den Sympathievogel aufs Fensterbrett stellt und dann leise Mütterchen fragt, wie es mit Michel stünde.
Die Alte schüttelt den Kopf und horcht, das eine Ohr auf Michels Brust legend, ob das Herz noch schlägt. Und einzelne Tropfen aus ihren rotgeweinten Augen fallen auf das Linnen.
Unten im Flötz werden abermals Schritte laut, und die Hausthüre fällt schwer ins Schloß; die alte Biberin winkt Ätti, er solle nachsehen. Vielleicht ist die Kräuterkäthi gekommen! Sie hofft es wenigstens und bedenkt im Augenblick nicht, daß diese noch gar nicht da sein kann.
Ätti schleicht hinunter. Gedämpftes Stimmengewirr dringt in die stille
Krankenstube; Mütterchen horcht auf das Gemurmel, doch vermag sie kein
Wort zu erfassen. Wer wohl gekommen sein mag zu abendlicher Stunde? War
das nicht ein Schluchzen, ein Ruf aus gequälter Menschenbrust?
Unwillkürlich verläßt Muetti das Krankenbett und horcht zur Thüre hinaus. Seltsam, eine Weiberstimme! Und Ätti schilt, er will vom Maidli nichts wissen, er weist ihr die Thür! Und das fremde Maidli beschwört den Ätti, weinend, in Verzweiflung, sie zu Michel zu lassen, um ihn zu pflegen und zu warten.
Muetti humpelt die Treppe hinunter, sie muß sehen und hören, was das zu bedeuten hat.
Großer Gott, 's Thrinele vom toten Bühl ist's, die zur Nachtzeit gekommen ist und Krankenpflegerin bei Michel sein will! Woher das Maidli von dem Unglück weiß!
Der Bruder, Jobbeli hat die Unthat eingestanden, und in ihrer
Herzensangst ist's Thrinele auf und davon und durch Schnee und Nebel
nach Herrischried gelaufen, weil es ihr das Herz abdrückt vor Angst und
Schrecken.
Das Herz abdrücken vor Angst! Wegen dem Michel. Der Alten dämmert etwas auf, das Maidli hat ein Herzensgeheimnis verraten vor Angst und Schrecken. Muetti fühlt Mitleid, doch Ätti will nichts vom Maidli wissen. Wär' nicht übel! Der Bruder bringt 'n Michel schier um, und die Schwester vom Mörder will als Pflegerin ins Haus! Und die ganze Sippe gehört zum Streitpeterle und ist salpeterisch! Nein, nein, Ätti will davon nichts wissen. In wilder Verzweiflung wirft sich Thrinele auf die Kniee und umklammert Muetti, laut schluchzend und bittend, und in bitterster Angst und Herzensnot gesteht 's Maidli, daß es den Michel liebt, treu, ehrlich und ehrsam und für ihn in den Tod gehen wolle. Und im Namen der barmherzigen Gottesmutter sollen die Alten erlauben, daß sie den Totwunden pflegt Tag und Nacht, bis Michel wieder gesundet. Dann wolle Thrinele gerne das Haus wieder lassen und niemand mehr belästigen.
Muetti hat sich begütigend, gerührt zu Thrinele herabgebeugt und das Maidli dann zu sich heraufgezogen. Ihr ist so weich um's Herz. Noch ein Wesen, das den armen Michel liebt aus ganzer Seele. Und Ätti ist stumm geworden; sich abwendend wischt er sich eine Thräne aus dem Auge. Muetti nimmt Thrinele unter'm Arm und sagt. „So goh mit in Gottes Namen!“ Beide begeben sich in Michels Stube, wo Thrinele alsbald das Amt freiwilliger Krankenpflege übernimmt. Und seltsam! Kaum hat Thrinele die Stirn des Schwerverwundeten berührt, da hebt sich die Brust, das Leben kehrt zurück. Welch' ein Glück!
Muetti läßt Thrinele nun beim Kranken und verkündet dem Ätti die frohe Kunde. „Wirsch sehe, Ätti, 's Maidli bringt uns den Michel durch und machet ihn wieder gesund!“
„Gott geb' 's!“ Und damit erteilt Ätti seine Zustimmung, Thrinele bleibt im Hause des Biberhannes.
In später Nachtstunde kommt die Kräuterkäthi angehumpelt, doch Thrinele versichert, all' das Nötige von heilsamen Kräutern schon selber mitgebracht zu haben, und Michel habe auch schon den ersten Trank eingenommen. Ätti entlohnt die alte Käthi und überläßt die gesamte Pflege vertrauensvoll dem Thrinele, die still und doch geschäftig ihres Amtes waltet, dankbar und überglücklich, hoffnungsfreudig. Und Michel selbst ist wieder völlig bei Sinnen; wohl schmerzt die tiefe Stichwunde, doch scheint nichts Edles verletzt. Der Kräuterumschlag kühlt, und wohlig schmeckt der von Thrinele bereitete Trank. Über Thrineles Anwesenheit hocherfreut, möchte Michel gern sein Entzücken äußern, doch Maidlis kleine Händchen drücken den Patienten sanft und doch bestimmt wieder nieder, und das Reden wird Michel ganz und gar verboten. Sobald der Bueb noch ein Wörtchen spricht, werde Thrinele ihn verlassen und heimkehren. Diese Drohung wirkt, doch Michel liegt mit leuchtenden Augen im Bette, und seine Blicke verfolgen jede der zierlichen Bewegungen des heißgeliebten Maidli. Ab und zu kommt Muetti wohl nachsehen, und die ist überglücklich über die Besserung in Michels Zustand.
* * * * *
So winterstarr und still es ist am toten Bühl, so lebhaft geht es zu im Wirtshaus zum „dürren Ast“, wo eines Morgens die Amtsbüttel erschienen sind, um den Jobbeli zu holen. Ihnen hätte Streitpeter sicher einen warmen und eisernen Empfang aus seiner Flinte bereitet, wenn er nicht eben mit dem Accisor beschäftigt gewesen wäre, der die seit der Brennzeit fällige Branntweinsteuer einforderte und sehr energisch wurde, als Peter scheinheilig hoch und teuer sich verschwor, überhaupt nicht Schnaps gebraut zu haben. Beide stritten heiß und schwer, und Peter verweigerte rundweg jegliche Abgabe unter Androhung scharfen Papierprotestes. Doch der Accisor lachte darüber und spottete über den „Streitpeter“, den man demnächst Mores lehren werde. Der Hohn in dieser Ankündigung machte Peter stutzig, und unwillkürlich ruhiger werdend fragte er, was man denn just mit ihm vorhabe.
Spöttisch lächelnd deutete der Beamte an, daß die Regierung auf
Landeskosten den Streitpeter als Oppositionstypus in das
Wachsfigurenkabinet aufnehmen werde.
Peter stutzt, er versteht den Ausspruch nicht zu deuten und bittet sanfter, als es sonst seine Art ist, um eine Erklärung.
Sein Gesicht in ernste Falten legend, sagt der Accisor: „Du kommst ins Wachskabinet als Müsterle für alle Wäldler, wie man sich um Haus und Hof und um den Kopf bringt aus starren Eigensinn und Prozeßwut!“
„Sell isch' mein Sach'!“ brüllt Peter, dem ein Licht im Hirnkasten aufgeht. „Und unsere Füsi werden euch flinke Bine mache!“
„Ah! So plant ihr, Rebellen! Nun, auch dafür kann man helfen!“
Derweil nun beide streiten, sind die Büttel ins Haus eingedrungen, und der gesuchte Jobbeli lief ihnen sozusagen in die Hände, als er, durch das Geräusch der in den Angeln quietschenden Thüre angelockt, nachsehen kam, wer als Gast vielleicht einen Trunk verlange. „Bisch du der Jobbeli?“ fragte der eine der Büttel, und wie der Bube bejahte, war er auch gefaßt und hatte die Hände auf den Rücken gebunden. Wohl zeterte Jobbeli und schrie nach dem Ätti, doch die Büttel drängten den Burschen hinaus und machten ihm durch kräftige Püffe flinke Beine. Auf das Geschrei hin kam Peter wohl nach vorne, doch war die Stube wie der Flur schon leer, und vor das Haus tretend, sah Peter gerade noch, wie sein Bueb in Gesellschaft zweier Bewaffneter in den Waldpfad einbog. Ein Wutschrei gellte durch das Haus. Überrumpelt! Zu spät gekommen! Der Bueb fortgeschleppt trotz schußfertig gehaltener Flinte! Peter ist völlig rasend! Er packt das Gewehr und stürmt hinaus. Doch kehrt er bald wieder um. Die Büttel haben zu viel Vorsprung, und daheim schnüffelt derweil der Accisor alles aus! Das wäre noch gefährlicher. Peter läuft ins Haus zurück, die Flinte schußbereit haltend, und fordert den Beamten auf, nunmehr schleunigst abzuziehen. Die Lage wird kritisch, doch der Accisor läßt sich nicht einschüchtern; er verlangt unter Androhung schwerer Strafe Bezahlung der Branntweinaccise. Peter brüllt vor Zorn und backt an. Jetzt weicht der Beamte und rettet sich durch eiligste Flucht. Peter aber drückt ab, donnernd kracht der Schuß, der ins Gesäß geschossene Accisor macht einen Luftsprung und stürzt vorne über in den glitzernden tiefen Schnee.
Der Schuß alarmiert die Hochschürer, die bewaffnet herübereilen zum Ast-Wirtshause und vom Peter wissen wollen, ob es nunmehr losgehe gegen die Regierung. Höhnisch deutet Peter hinüber, wo der niedergeschossene Accisor liegt. Die Salpeterer stimmen ein Freudengeheul an; ist doch um einen Feind weniger. Der Wirt stachelt sie auf durch die weitere Mitteilung, daß die Büttel seinen Jobbeli fortgeschleppt hätten. Jetzt gelte es, scharf vorzugehen! Wer Waffen habe, solle sich ihm anschließen; er wolle nach Säckingen und seinen Bueben befreien. In jedem Walddorf solle geworben werden, auf daß die Schar der Salpeterer immer größer werde. Den Accisor aber solle man, wenn er auch bereits tot sei, zum mahnenden Exempel hängen, am Bühlkreuz aufhängen, damit die Regierung weiß, was ihren Leuten blüht im Hauensteiner freien Wald!
„Mer hängenem!“ (Wir hängen ihn) brüllen die fanatischen Hochschürer und drängen ins Freie. Vor dem Hause warten sie, bis Peter die Thür abgeschlossen hat; dann brechen sie auf, johlend und gröhlend, und folgen der Accisorfährte im Schnee. Was ist das? Dort, wo der Mann offenbar gestürzt ist, deuten die Blutstropfen auf schwere Verletzung, der Schrothagel hat sein Ziel erreicht, der Schnee ist niedergedrückt und rot gefärbt, aber der Accisor ist nicht mehr da, verschwunden. Eine Rotfährte zieht hinab den Bühl: der Tote ist flüchtig gegangen. Abergläubisch bleiben einige der Salpeterer zurück; der Zug gegen den Tod dünkt ihnen unheimlich. Vergeblich hetzt Peter und stachelt sie auf. Sie gehen nicht weiter; Peter habe gesagt, der Accisor sei tot, mausetot geschossen, das Blut im Schnee deutet es richtig, und trotzdem ist der Tote verschwunden. Also geht die Sache nicht mit rechten Dingen zu, es hat der Leibhaftige seine Hand im Spiel, der Teufel hilft der Regierung! Die Hochschürer kehren um und laufen wie von Hunden gejagt heim. Nur Peter bleibt stehen, die feigen Kerle verfluchend, unschlüssig, was er nun beginnen solle. Allein kann er Jobbeli nicht befreien. Aber er kann zu Ägidi gehen und von ihm Beistand erbitten. Also stapft Peter über Rißwihl gen Kuchelbach.
* * * * *
Im Wald ist's schwarz geworden: verschwunden der glitzernde, leuchtende Schnee von Hang und Tann, schwarz der ungeheure dichte Forst, dunkelbraun die Wiesen und Matten, schmutziggelb drängen die Bergwasser durch die Schluchten und Thaler. Über die Schneewaldberge bläst der Föhn, und warmer Regen rieselt hernieder, stetig, ausdauernd, schneeverzehrend. Die Kälte hat sich über Nacht gebrochen, es taut allerorten trotz Winterszeit; die engen Dorfgassen gleichen großen Pfützen, die langen Eiszapfen an den Dachrinnen beginnen zu tropfen und fallen dann knisternd in sich zusammen. Verschwunden der Schnee von den Strohdächern, in sich zerfallen die weißen Hauben auf den Steigrohren der Brunnen. Überall sickerndes Schmelzwasser, ein Tröpfeln, ein Träufeln und Spritzen, wenn der Regen in langen Strichen auf die Gassen und Pfützen schlägt und Wasserfäulchen aufzieht. Auch im Wald zischt und brodelt es; das warme Himmelsnaß schlägt klatschend hernieder von Ort zu Ort, die schneeige Bürde zerreißend, durchfressend; Kruste um Kruste fällt geborsten, und gierig nagt das Meteorwasser an den Eisflächen und Wehstellen. Dazu rauscht es schaurig im befreiten Tann, der Föhn streicht über die Wipfel, ein Stöhnen, ein Seufzen, bald ein Brausen und Wirbeln fortgeführten und welken Laubes, das regenschwer tiefer fällt und sich in geschützteren Lagen völlig senkt, um weiter zu modern. Es dunstet der Tann, die vom Riesenpanzer befreite Erde strömt ihren scharfen erquickenden Duft aus, ein Atmen der Natur, eine Vorahnung des weit, weit in Ferne stehenden Wald- und Bergfrühlings. Und immer neue Regenschauer bringt der scharfe Föhn herein in den Hauensteiner Wald, Bäche schwellend, Wiesen überschwemmend. Schon zischen die Wässer die Wege entlang, und selbst das Sträßlein ist von den braunen Wellchen benagt, auf dem gleich schwarzen Gespenstern mehrere Männer in Uniformmänteln nach Herrischried schreiten, fluchend über das schandbare Unwetter und die früh hereingebrochene Nacht. Finster ist's, daß man die Hand vor Augen nicht sieht, und der Fuß sich weitertasten muß auf dem quitschigen Sträßlein. Allmählich wird indes der Regen dünner, er verliert sich zu einem feinen Wasserstaubrieseln und hört endlich ganz auf; nur der Föhn peitscht den Tann und rüttelt an den Dächern und Fensterläden in den Dörfern und Siedelungen.
Es ist die Militärassentkommission, die Rekruten ausheben und zwangsweise einreihen will, nachdem auf alle bisherigen Einberufungen sich kein Hauensteiner gestellt hat. Der Kommission folgt in größerer Entfernung ein Trupp Hartschiere zur Bedeckung für alle Fälle, da den Salpeterern nicht zu trauen ist und selbe wahrscheinlich ganz aus dem Häuschen geraten werden, wenn man ihnen die Söhne wegnimmt. Der Major und Führer der Kommission ist in dieser pechschwarzen Finsternis unsicher geworden über die Gegend, in der man sich befindet. Nach seiner Schätzung muß nun doch wohl bald das Seitenthälchen kommen, in welchem der Hauptort des Hotzenlandes liegt, und wo morgen geamtet werden solle mit Waffengewalt, so letztere notwendig werden sollte. Wo der Führer stecke, fragt der Major stehenbleibend.
„Der Führer vor!“ wird von Mund zu Mund gerufen, doch der Bursche, den man unterwegs gedungen, ist verschwunden. Der Kommandant flucht und wettert: das hat ihnen wahrlich noch gefehlt. Doch was ist das? Drüben auf einer Berghöhe flammt ein mächtiges Feuer auf, grell zum schwarzverhangenen Himmel lodernd. Und bald darauf wieder eins, von Bühl zu Bühl flammt es schaurig in rotem Scheine, und vom Föhn getrieben stieben die Funken auf, weithin den dunklen Tann und die Matten beleuchtend. „Wenn das nur nicht uns gilt!“ meint einer der Herren, der in den Bergfeuern Alarmzeichen vermutet. Auch der Major neigt dieser Anschauung zu und drängt nun zur Eile, auf daß Herrischried sobald als möglich erreicht werde. So wird denn die mühsame Wanderung fortgesetzt durch Nacht und Wind, bis endlich das Thälchen mündet, in das eingebogen wird.
Bis vor die ersten Häuschen stapfen die ermüdeten Herren, ohne die unmittelbare Nähe des Dorfes zu gewahren. Jegliches Licht ist erloschen, schwarz ragen die Mauern und Holzhütten in die gähnende Nacht auf. Endlich findet die Kommission das Wirtshaus zum „Ochsen“, gleichfalls finster, lichtlos. Man klopft den Wirt heraus nach langem Bemühen, und nun beginnt ein Parlamentieren. Der Kommandant fordert Quartier für die Kommission, auch müsse der Bürgermeister geholt und Unterkunft für den Trupp Hartschiere geschaffen werden.
Vom Fenster des oberen Stockwerkes erklärt der „Ochsen“wirt es für unmöglich, die Herren aufzunehmen.
„Tod und Teufel! Warum nicht?“ wettert der Kommandant.
„Hent ihr nit die Flammenziche bemerkt?“
„Was kümmert das uns! Aufgemacht, oder ich lasse Euch die Thür mit
Kolben einschlagen!“
„Ich kann nit, Herr!“ ruft der Wirt und schlägt klirrend das Fenster zu.
Ratlos stehen die Herren. Wenn doch nur die Hartschiere da wären! Ihre Bajonette würden gleich Wandel schaffen. Was huschen denn da um das Dorf so seltsame Gestalten? Bald nahe, bald sich entfernend, wie wenn etwas ausspekuliert werden sollte. Und plötzlich flammt eine Heuhütte auf, grausigen Schein über das Dorf werfend.
„Füür!“ tönen wilde Rufe, Gewehre knattern, in dichten Scharen drängen unheimliche Männer, vermummt, geschwärzt im Gesicht, heran und eine mächtige Stimme gebietet: „Sie sind's! Im Namen der heiligen Jungfrau, nehm' jeder seinen Mann, und fort mit ihnen! Druf!“
Schreiend werfen sich die Salpeterer auf die Kommissionsherren, die wohl mit gezückten Degen sich wehren, aber doch rasch überwältigt, gebunden und fortgeschleppt werden. Und ein anderer Trupp der fanatischen Menge zieht beim Scheine des gierig aufzüngelnden Feuers vor die Häuser der „Halunken“, deren Inwohner vor das Strafgericht fordernd. Bald flammt es wieder auf, ein Halunkenhaus ist in Brand gesteckt worden, jammernd und heulend flüchten die Gepeinigten heraus, die wilde Bande raubt, was zu erwischen ist, johlend und gröhlend. Und jetzt zieht die tolle Schar vor das Biberhaus, des Erzhalunken, der niemals mitgethan und stets auf Seite der „Ruhigen“ gestanden.
„Bibermärte rus!“ heult die Menge, wirst mit Steinen die Fenster ein und stößt mit Dreschflegeln nach der Thür. Schon schlagen einige mit Stein, Messer und Schwamm Funken, um auch diesem Haus den roten Hahn aufs Dach zu setzen; da taucht an einem Fenster des oberen Stockwerkes ein Mädchenkopf auf, grell vom Feuerschein beleuchtet, und scharf ruft Thrinele: „Haltet in, im Namen der heiligen Mutter Gottes!“
Überrascht, verblüfft schauen die Salpeterer empor; einzelne Bühler erkennen in dem mutigen Mädchen die Tochter ihres Vertrauensmannes Peter Gottstein und rufen: „'s isch by Gott s' Thrinele, e Salpetererchind!“ Wie das Maidli vom toten Bühl in das Halunkenhaus kommt, das fährt den Leuten wohl durch den Kopf, aber es ist jetzt keine Zeit zu langen Fragen. Auch lenkt der Ruf eines Wachpostens: „D' Hartschiere chomen!“ die Aufmerksamkeit von Thrinele ab, und aller Augen richten sich zur Thalmündung. Manche Burschen und Bauern zeigen Lust, sich zu drücken; sie wollen es doch lieber nicht auf einen regelrechten Kampf ankommen lassen. Doch da stürmt ein Weib heran, grell beleuchtet von den gierig zum nächtlichen Himmel schlagenden Flammen, die Vroni ist es, die ihren Mann hinter sich herzerrend zur Salpetererschar stößt, um in ihrer fanatischen Begeisterung mitzukämpfen gegen die Unterdrücker und Tyrannen. Mit gellender Stimme ruft das exaltierte Weib: „Druf, druf, schlagt sie tot, die Soldatenknechte! Lengt mer her e Füsi un für'n Sepli au öbbes ze schlage! Druf! Druf!“
Und da sind sie schon, die Hartschiere als Bedeckungsmannschaft der gebunden in den Gassen liegenden Kommission. Der Trupp rückt bei Feuerschein im Laufschritt an, und unheimlich blitzen ihre Bajonette. Einige Salpeterer schießen, doch gehen die Kugeln pfeifend über die Köpfe weg. Nun wird's Ernst, die Hartschiere verstehen keinen Spaß, ein Kommando ertönt: „Feuer!“ Weherufe werden laut, einige Salpeterer stürzen zu Boden, wimmernd und stöhnend, der große Haufen aber stiebt hinweg in rasender Flucht und verschwindet im Dunkel der Nacht. Die Soldaten aber durchsuchen nun die Gassen des Dorfes, binden die Offiziere los und pochen den „Ochsen“wirt heraus, der jetzt bereitwillig sein Haus öffnet und mit seinem rasch zur Stelle geschafften Gesinde die militärischen Gäste bedient. Dem Bürgermeister werden die Verwundeten übergeben und die „ruhigen“ Dörfler müssen Hilfe leisten. Das Dorf wird von Wachen umstellt wie im Kriege und für den Rest der Nacht die Ronde abgehalten.
Scharf geht der Kommandant mit dem „Ochsen“wirt ins Gericht, dem sein feiges Verhalten vorgehalten wird. Demütig sucht dieser sich zu entschuldigen; er habe nicht anders gekonnt, wenn er in Kenntnis von dem beabsichtigten Überfall der Salpeterer sein Hab und Gut schützen wollte. Hätte er die Herren eingelassen, so wäre ihm sicher das Haus überm Kopf angezündet worden. Doch der erboste Kommandeur läßt dies nicht gelten, grimmig belegt er den Wirt mit kriegsgemäßer Kontribution: Verpflegung und Beherbergung von Stab und Mannschaft ohne Entgelt, für die Dauer der Rekrutierung.
Wie der „Ochsen“wirt sich windet, wie er jammert und winselt! Aber es nützt nichts. Auf Befehl muß Wein in Fässern aus dem Keller heraufgeschafft und auf den Dorfplatz getragen werden, wo die Hartschiere biwackieren und vergnügt die süffige Kontribution in Empfang nehmen. Und die Rauchkammer wird ihres Inhaltes entleert, Rauchfleisch und Schinken verschwindet geschwind für immer. Und all das Fluchen nützt dem Wirt gar nichts. Er hat sich bös verrechnet mit seinem Kalkül. Hol' der Satan die Salpeterei!
Im Hause des Bibermärte ist's nach der Flucht der Salpeterer ruhig geworden; die Gefahr ist vorüber. Die Alten fürchten zwar noch, daß sich auch die Soldaten bemerkbar machen werden und bleiben daher auf der „Kunst“ hocken, horchend und wartend. Dem Ätti ist die Rauchlust vergangen und Muetterli läßt die sonst so arbeitsfrohen Hände in den Schoß sinken. Leise knistert das Licht, und emsig tickt die Uhr in der Ecke. Oben aber in Michels Stube wartet Thrinele des langsam Genesenden, dem sie leise erzählt von dem Vorgang im Dorfe. Wie Michels Feueraugen glühen! Schade, daß er unthätig zu Bette liegen muß; gesund und heil hätte er den Salpeterern auf die Köpfe geschossen, daß es eine Art gewesen wäre. Thrinele beschwichtigt Michel und mahnt ihn, wieder weiter zu schlummern. Aber Michel findet die nötige Ruhe nicht mehr, es hämmern die Schläfen, und wild tobt das Blut in den Adern. Der Vorfall hat ihn erregt, die Wunde beginnt aufs neue zu schmerzen. Sanft drückt Thrinele den Fiebernden in die Kissen und legt ihr Händchen auf seine glühende Stirn. Das beruhigt den Kranken sichtlich, noch mehr aber das süße Geflüster des geliebten Mädchens.
„Liebsch mi no, Thrinele?“ fragt leise der stillliegende Michel.
Und 's Maidli flüstert unter holdem Erröten: „Bis in den Tod, Michel!“
„Weisch noch, Thrinele, wich ich 's erstemol chomen bin zu „Kilt“ und han di 'beten um di Herzli!?“
Wieder nickt Thrinele mit dem Chöpfli und sagt dann: „Ich han dir 's aber verbote!“
„Ja sell isch wahr by Gott! Un mir war 's, als isch d' Sunne g'storbe!“
„Es ha so si müsse, Michel! Doch mußt nit so viel rede!“
„So red' du, Thrinele! O wie chlopft mir mi Herz! Lueg, Thrinele! Weisch wie ma seit: 'ne Chuß in Ehre, wer will 's verwehre? Chüßt 's Blümeli nit si Schwesterli? Gi mir ne Chuß, i wer na schon gesunde!“
Und treuherzig bietet 's Maidli die kirschroten Lippen dem kranken
Michel dar und drückt ihn dann wieder in die Kissen.
* * * * *
Die Nacht ist vorübergegangen; der Föhn hat gegen Morgen nachgelassen, es ist ruhig im Wald geworden. Noch tropft es im Tann, und die Wässerlein sickern zu Thale. Schwerer Dunst liegt über den Bergen, und im Thalgrunde wogt der Nebel, grau in grau. Auf dem Dorfplatze schlummern in ihre Mäntel gehüllt die Hartschiere am erloschenen Biwakfeuer; in Pyramiden zusammengestellt stehen die Gewehre, bewacht von den Posten. Und einsam stehen statuengleich um's Dorf die Wachen. Einzelne Hähne krähen den jungen nebligen Morgen an, das Hühnervolk weckend. Im „roten Ochsen“ regt's sich, eine Ordonnanz mit dem Trompeter verläßt das Haus, und gleich darauf schmettert der Alarmruf hell durch's Dorf. Flink springen die Hartschiere auf und greifen nach den Waffen; die Dörfler gucken verschlafen aus den Fenstern, es wird lebendig allenthalben in Herrischried. Die Offiziere eilen zur Truppe, den Wirt unwillig zur Seite stoßend, der noch in den Kleidern von gestern steckend, sich nach der Alarmursache erkundigen will. Und da ist auch schon der Major, grimmig und verdrossen. „Holt den Bürgermeister!“ befiehlt er und schreitet stolz zum Dorfplatze, wo die Hartschiere marschbereit stehen. Bald ist der Bürgermeister da, der nun Leute als Führer beschaffen soll zur zwangsweisen Herbeiführung der Rekruten.
Unter tiefen Bücklingen versichert der Dorfchef: Wer zu den „Halunken“ gehöre, werde selber kommen; die Rekrutenaushebung sei allenthalben bekannt gemacht. Von den Salpeterern aber werde nicht einer kommen!
„Dann holen wir die Kerle!“
„Mit Verlaub! Da isch nüt ze hole! Die Büebli sin alle marsch us, fort!
Die heutige Nacht hat's bewiese!“
„Tod und Teufel, dann sind wir vergebens heraufgekommen!“ flucht der
Major.
„Doch nit, Ew. Gnaden! Von den Halunkenbueben wird jeder chome und sin
Pflicht genüge!“
„Wer wird kommen?“
„Die Buebe von den Halunken!“
Verwundert beguckt der Major den Ortsvorsteher, ihm klingt es nahezu spanisch, daß die Halunken sich fügen und Soldaten werden wollen, während die anderen flüchtig gegangen sind. Der landkundige Zivilkommissär giebt indes die nötige Aufklärung, worauf der Kommandeur die Mannschaft wieder austreten und ihr vom „Ochsen“wirt die Morgensuppe reichen läßt.
Gegen neun Uhr soll das Aushebungsgeschäft beginnen. Neugierig ob der kommenden Dinge stehen die Hartschiere umher, und von Luken und Fenstern gaffen die Dorfdirnen herunter. Selbst auf die Gasse herunterzukommen, wagen sie nicht, denn sie fürchten die rauhen Soldaten.
In einer Stube des Wirtshauses harrt die Kommission der männlichen Dorfjugend und der Burschen aus den Einöden des hintersten Waldes. Allmählich trottet einer, zwei davon an, zaghaft, scheu und tief das Hüetli lüpfend vor den Hartschieren, die den Weg weisen zur gefürchteten Kommission. „Behalten“ wird natürlich jeder, so er nicht Krüppel ist, denn die stürmische Zeit verlangt möglichst viel Kanonenfutter. Noch riesig lang ist der Zettel mit den Namen der auszuhebenden Burschen, und grimmig überfliegt der Major immer wieder die Namen der Fehlenden. Eine Bewegung unter den Herren ist wahrnehmbar, aller Augen sind auf die Thür gerichtet, durch die mit tiefen Bücklingen der alte Biber tritt. Die Leutnants flüstern sich Witzworte über den „alten Rekruten“ zu, gespannt blickt der Major auf den Alten und fragt ihn dann barsch, was dessen Erscheinen vor der Kommission zu bedeuten habe.
Der Alte zuckt erschrocken zusammen und stammelt dann, um Verlaub bittend, daß er an Stelle seines Bueben komme, der krank, von einem Salpeterer gestochen, zu Hause liege und daher nicht erscheinen könne. Wenn der Herr General aber wissen lassen thäte, wohin nach erfolgter Genesung der Bueb kommen solle, werde der Michel sicherlich sich stellen, freiwillig kommen, wasmaßen die Biberischen „Halunken“ seien und zur Ordnungspartei auf dem Walde gehören.
Der Major kann sich einer gewissen Rührung kaum erwehren, und weich gestimmt, sagt er: „Es giebt doch seltsame „Halunken“! Ihr „Halunken“ oben im Walde seid ordentliche Leute, und die andern sind die rechten Halunken. Rein die verkehrte Welt! Aber wir brauchen Soldaten, wir können auf Euren Michel nicht verzichten. Geb Er, Biber, also dem Schreiber das Nähere an; sobald Euer Michel gesund ist, soll er sich beim Platzkommando in Freiburg stellen. Nun b'hüet Gott, Alter, Er ist ein wackerer Mann! Und für Euren Bueben will ich selber sorgen!“ Leutselig reicht der Major dem Wäldler die Hand und entläßt ihn mit dem Wunsch für baldige Besserung des Michels.
Stunde um Stunde vergeht, es kommt niemand mehr. Die paar Burschen der Ordnungspartei von Herrischried, Engelschwand und Rütte und aus einigen Einöden sind „verassentiert“ und ausgehoben, die Salpeterer aber fern geblieben und offenbar flüchtig gegangen. Der Major sieht allmählich ein, daß der Bürgermeister richtig prophezeite. Indes soll doch noch eine kleine Streifung in Salpetererwohnsitze unternommen werden; vielleicht haben sich welche von den Auszuhebenden versteckt. Es geht also eine Patrouille, von einem älteren Leutnant befehligt, ab. Mittlerweile machen die Kommissionsherren es sich an der Mittagstafel bequem, die der arme „Ochsen“wirt abermals kontributionsgemäß kostenlos stellen muß. Die Hartschiere besetzen die gewöhnliche Gaststube und nehmen dort ihre Atzung ein, die Chüngi mit dem Fleischerknecht herbeischleppt. Der Wirt selbst zäpflet am Weinfaß und berechnet den Schaden aus der heillosen Geschichte, die er so pfiffig angepackt glaubte. Hol' der Kuckuck das vorsichtige Neutralsein! Was hat er jetzt davon, daß er zwischen Speicher und Dachsparren stand und zu keiner Partei hielt! Als „Sparrengücksler“ ist er erst recht unter die Wägen gekommen. Für die Salpeterer hatte er Heißwasser bereitgehalten zum „Gottwilche“, wenn sie gekommen wären, ihm das Thor einzuschlagen, und die Offiziere hat er abgewiesen, ihnen die Einkehr verweigert. Wahrscheinlich hätte die Kommission ohne Widerstand alles bei Heller und Pfennig bezahlt, und jetzt kriegt der „Ochsen“wirt keinen Chrützer!
Die Patrouille ist resultatlos zurückgekehrt, die Einödhöfe sind leer bis auf die Wybervolk und weniges Greise. Die Männer und Burschen, alles Salpeterer, sind fort über die Waldberge. Näheres war aus den Weibern nicht herauszubringen. Dem Major dünkt weiteres Verweilen zwecklos, er läßt zum Sammeln blasen und rückt mit seiner Mannschaft ab über Todtmoos, um über Todtnau gen Freiburg zu marschieren. Wie der Wirt den letzten Hartschierfrack von rückwärts erblickt, macht er einen Luftsprung vor Freude, denn er hat längere Einquartierung befürchtet.
* * * * *
Die Höhenfeuer der verwichenen Nacht haben ihre besondere Bedeutung gehabt; es waren Alarmzeichen, die Ägidis Befehl an die gesamten Salpeterer übermittelten, in Eilmärschen bewaffnet ins Albthal zu ziehen und sich bei Kuchelbach zu sammeln. Durch vertraute Männer war die Kunde von Dorf zu Dorf, von Weiler zu Weiler bis in die entlegensten Einödhöfe getragen worden mit dem Beifügen, daß die Rekrutierungskommissionen dort, wo sie in geringer Bedeckung sich befänden, unschädlich gemacht werden sollten. Und wie das erste Feuer emporflammte, steckten die Auslueger ihre Stöße in Brand, von Bühl zu Bühl lohte es auf, und in wenigen Stunden riefen die Flammenzeichen durch die ganze Grafschaft die Salpeterer zu den Waffen. Mann für Mann, die Burschen im Rekrutenalter, Weiber und Mädchen, zogen aus in selbiger Nacht über Berg und Thal, durch den ungeheuren Tann mit Fackeln und Mordinstrumenten. Wer sich unterwegs sträubte mitzugehen, ward niedergeschlagen, Halunkenhäuser wurden wenigstens in Bezug auf Proviant ausgeraubt, und die Schnapsflaschen gingen von Mund zu Mund, die immer anschwellende Schar völlig trunken machend, so daß die Wälder von Geschrei und Gejohle widerhallten. Krähten an einsamen Waldhöfen die Göckel und gackerten Hennen, grunzten Schweine: flugs begann die wilde Jagd und mit brüllendem Halloh ward die Beute mitgeschleppt, so der Höfler zu Hause war und damit bekundete, daß er zur Halunkenpartei gehört. Jeder echte Salpeterer muß sich ja nach dem nächtlichen Alarmsignal auf der Wanderung nach Kuchelbach befinden! Wer zu Hause bleibt, ist ein Halunke! Es gilt die Freiheit der Grafschaft, es gilt den Glauben!
Wie sonst die Bevölkerung der Hauensteiner Gemarkung am Allerseelensonntag von den Berghalden herabsteigt und frommen Sinnes zum Dörflein pilgert, um die Gräber der Verstorbenen zu schmücken und mit brennenden Kerzen unter Glockengeläute laut betend in feierlicher Prozession die Raststätten ewiger Ruhe zu umgehen: diesmal wallen die Scharen erregt, gröhlend, aus dem Tann herab gen Kuchelbach, dem Rufe zum Aufstand folgend. Der Friedhof des Dorfes ist der Sammelpunkt, und in der Kirche soll Gottes Segen erfleht werden für den Kampf ums heilige alte Recht. Die Glocken wimmern im frischen Morgen; Riedmatter, der Führer der weitverzweigten Bruderschaft, hat das Sturmgeläute befohlen und den protestierenden Pfarrer einfach im Pfarrhofe gefangen gesetzt und bewachen lassen. Wer gegen den Führer ist im Denken und Handeln, ist Halunke, auch der Pfarrer, auf den sonst der Hauensteiner viel hält, so dieser nicht neumodisch sich der Fremdherrschaft beugt und der Obrigkeit zu Willen ist.
Es wimmelt auf den Halden, in dichten Scharen ziehen die fanatisch erregten Menschen herab, Kreuze tragend, bewaffnet bis an die Zähne mit altem Geraffel, Sensen, Gewehren, Dreschflegeln, Sicheln und Prügeln. Weithin ist das Gekreisch der trunkenen Weiber, das Gejohle der Männer hörbar; das Sturmgeläute stachelt zur Sinnlosigkeit auf. Der Friedhof zu Kuchelbach gleicht einem Kriegslager; die Salpeterer des Dorfes haben zwischen den Gräbern ihr Hauptquartier aufgeschlagen; es sollen auch die Toten ihren Anteil am Befreiungskriege haben! Waffen aller Art liegen wirr durcheinander auf den Grabhügeln, und außerhalb der Kirchhofsmauern sind fliegende Schänken errichten, in denen geraubter Halunkenwein für die „Brüder“ verzapft wird. Auf einem improvisierten Podium, mit Totenschädeln aus dem Beinhaus garniert, thront Ägidius Riedmatter, von bäuerliche Adjutanten umgeben. Der alte Mann hat einen ungeheuren Husarensäbel umgeschnallt, und seine Hotzenmütze trägt einen Gardistenfederbusch in österreichischen Farben zum Zeichen seiner Generalswürde. Mit Genugthuung sieht Riedmatter, dem das Machtgefühl zu Kopf gestiegen, auf die heranwallenden Scharen, die seine „Armee“ rasch verstärken. Auf solch' großen Zuzug hat der „Feldherr“ selbst nicht gerechnet. Wie die vielhundertköpfigen Scharen verköstigt und für die Nacht untergebracht werden sollen, kümmert Ägidi in seinem Hoheitsgefühle wenig. Was den Halunken in Kuchelbach, Unteralpfen und Birndorf abzunehmen war aus Rauchkammern und Kellern, ist im Requisitionswege genommen und ins Hauptquartier geschleppt worden. Das Weitere wird sich wohl finden, im Notfalle können die Scharen in der Kirche übernachten. Krieg und Not kennt kein Gebot. Wer weiß, wann es schon zum Angriff geht; je eher, desto besser, denn die versammelten Salpeterer sind voll guter Hoffnung und voll des Weines, der Begeisterung schafft. In solcher Stimmung kämpfen die Leute besser als abgehetzt und mit leerem Magen. Drum läßt Ägidi immer neue Fässer anzapfen; sie sollen toll werden, bis die Husaren und Panduren von Waldshut anrücken. Die „Adjutanten“ empfangen jeden neuen Trupp und geleiten die gröhlenden Leute vor den „Thron“ des „Feldherrn“ zur Huldigung. Riedmatter steht mit hocherhobenem Säbel auf dem Podium und läßt sich umjauchzen. Dann winkt er, Ruhe heischend, und befiehlt: „Hut ab und Mützen 'runter! Ich will reden!“ Allmählich wird es still im Kirchhof und dessen nächster Umgebung. Riedmatter reckt sich und wirft sich in die Brust. Dann hebt er an: „Gottwilche! Seid gegrüßt im Namen der heiligen Mutter Gottes! Und seid bedankt für euer Kommen! Es gilt jetzt einen Hauptschlag! Mit kleinen Mitteln haben wir uns bishero gewehret gegen Bedrückung jeglicher Art, gegen Zehent und Steuern und neumodische Verordnungen, die im Widerspruch stehen gegen alte Brief, Privilegy und Handfesten von unserem Grafen Hans von Hauenstein. Wie mir gemeldet, wollen sie uns jetzt die Blutsteuer auferlegen, unsere Söhne nehmen und zu Soldaten machen. Und weil auf meinen Befehl die Rekrutenkommissionen überall im Walde verjagt sind, wird man uns wohl Panduren, Kroaten und Husaren auf den Leib schicken, um uns zu zähmen und zu bändigen. Es soll ihnen aber by Gott übel bekommen. Denn fest geschlossen ist unser Bund, heilig unsere Sache! Ich sage es, und das genügt! So lange auch nur drei Salpeterer zusammenhalten,[14] werden wir obsiegen, denn unsere Sache ist gerecht. Dafür ein Beispiel: Ein Halunke hat den Anspruch gethan: wenn die Salpeterer recht hätten, so wolle er den priesterlichen Segen nicht mehr empfangen. Und gestern begegnete der Mann zwischen Waldshut und Oberalpfen einem Kaplan, der ihm an einem Kreuz den Segen gab. Da ist der Halunke plötzlich tot niedergefallen. Also ist unsere Sache gerecht, vom Himmel, von Gott gesegnet! Des Himmels und des Papstes Beistand ist uns sicher! Und wir gehen freudig und mutig in den Kampf für Gott, den Glauben und unser Recht! Die Freiheit über alles! Schwöret mir anjetzo Treu' und Gehorsam, Tapferkeit vor dem Feinde! Schwöret!“
Mit erhobenen Armen und ausgespreitzten Fingern leisten die Scharen den verlangten Schwur, es kreischen die Weiber, es gröhlen die Männer und Jünglinge. Nur der Sepli von Herrischried, den seine Vroni zum Mitmarschieren gezwungen, rührt sich nicht, und er erhebt die Hand auch nicht, als sein fanatisches Weib ihm Rippenstoß über Rippenstoß verabreicht, und ihm abermals mit Eheabbruch droht. Im wirren Tumult beachtet niemand diese eheliche Streitscene; um die fehlende Schwurhand zu ersetzen, hebt Vroni ihre beiden Hände empor und schwört doppelt, gleichzeitig aber den bockbeinigen Gatten mit Fußtritten traktierend.
Nach geleistetem Schwur drängt alles, rücksichtslos über die Gräber steigend, Kreuze achtlos brechend, hinaus zu den Weinfässern, die mit Gebrüll und Gejohle gestürmt werden wie die Berge von Rauchfleisch und Schinken. Eingekeilt in die Menge, wird auch der ruhige Sepli mit seiner Vroni hinausgeschoben. Kaum spürt Sepli etwas Freiheit, so trifft er Anstalt, sich zu drücken; ihm ist der ganze lächerliche und ebenso gefährliche Rummel in die Seele hinein zuwider. Er erkennt, daß die trunkenen Leute, ohne es zu ahnen, um ihr Leben spielen und vor dem Tode stehen, und drum will er sich für seine Person rechtzeitig in Sicherheit bringen, denn sind die Panduren einmal da, so wird einfach geschossen und nicht lange gefragt, ob einer Halunke oder Salpeterer sei. Mitgefangen, miterschossen, heißt es da. Vroni scheint zu ahnen, was Sepli beabsichtigt, und mit einem festen Griff packt sie den Ausreißer am Rockkragen und zerrt ihn mitten in die wilderregte Menge.
Riedmatter sitzt noch immer gebieterisch auf seinem Thron und spricht einem dickbauchigen Weinkrug fleißig zu. Er will sich Mut antrinken. Da kommt kreidebleich ein Adjutant heran und stottert: „Die Kroaten kommen!“ Riedmatter das hören, den Säbel und die Mütze wegwerfen, mit einem Sprung vom Podium herabsetzend und wie rasend flüchtend, ist eins! Und wie besessen, zeternd, kreischend, um Hilfe schreiend eilen die Nächststehenden nach, indes von den jüngeren Burschen mehr aus Übermut und Ulk Schüsse abgefeuert werden. Und das ist zum Unglück, denn die im Laufschritt herankommenden Panduren glauben, die Schüsse der Rebellen haben ihnen gegolten und feuern nun in das zurückgebliebene Menschenhäuflein. Eine Kugel trifft den armen Sepli, der mit dem Rücken gegen die Panduren stehend, die Gefahr nicht wahrgenommen hatte und sich nicht mehr rechtzeitig retten konnte. Aufschreiend stürzt Sepli vornüber zu Boden mit durchschossener Brust. Sein Weib hat sich gleich hinter Riedmatter in Sicherheit gebracht. Drei, vier Salpeterer sinken gleichfalls tödlich verwundet nieder; alles andere ist flüchtig davon. Wie besäet ist der Platz am Kirchhof von Waffen und Gerümpel, zertretenen Fässern, Fleischresten und dergleichen. Die Panduren schwärmen aus, Husaren sausen im Galopp den Flüchtigen nach, das Dorf wird im Sturm genommen ohne Widerstand. Die Halunkengreise, Männer, Weiber und Kinder bieten dem Kommandeur die Schlüssel an und erklären den Sachverhalt, worauf sie pardonniert werden. Die Salpetererhäuser werden scharf durchsucht; sie sind leer, die Rebellen haben sich in den schützenden Tann geflüchtet. Vorsichtshalber wird auch noch die Kirche durchsucht, und in einem Beichtstuhl versteckt, finden die Panduren den Truppenführer der Salpeterer, den tapferen Magnus Riedmatter, der sofort gebunden und gefangen gesetzt wird. Und von den zurückkehrenden Husaren wird auch der alte Riedmatter, mit einem langen Strick an den Sattelknopf gebunden, gleich einem Kettenhunde eingebracht; auf flüchtigen Pferden haben die ungarischen Reiter den Messias der Salpeterer just noch überritten, als Ägidi in den schützenden Tann einspringen gewollt.
Die Rebellen sind verschwunden, verstreut wie Spreu vom Winde. Verlassen ihre Gehöfte und Siedelungen, Felder und Wiesen. Das war ihr „Sieg“ zu Kuchelbach und Birndorf. Panduren schaufelten dem Opfer dieses unheilvollen Tages, dem armen Sepli, das Grab, und vor Anbruch der Nacht war er beerdigt. Tags darauf hauchten auch die übrigen angeschossenen Leute das Leben aus und fanden die Ruhestätte in einem gemeinsamen Grabe.
* * * * *
Was einem eingeborenen Hauensteiner wohl selten oder nie passiert: sich im Tann zu verirren und den Pfad, die Richtung zu verlieren, dem Streitpeter ist's passiert auf seiner Wanderung vom toten Bühl durch den Wald, über Berge, durch Schluchten hinüber ins Albthal. Peter ist irr gegangen und merkte dies erst, als nach langem Marsche der muntere Albbach noch immer nicht in Sicht treten wollte. Er ist zuviel in südliche Richtung geraten und steht schließlich vor Oberwihl, während er doch über Rißwihl nach Kuchelbach wollte. Der Vorgang ist nun zwar kein Unglück, aber eine heillose Verspätung bleibt es doch. Da Peter Hunger und Durst verspürt, will er sich im Wihler Wirtshaus stärken und hernach gen Thal heruntersteigen, um dann dem Steinbach entlang nach Kuchelbach zu marschieren. Was Peter noch nie als Glück betrachtet hat, was im Gegenteil in seinen Augen Schande ist: der Wihler Wirt ist Halunke und deshalb zu Hause geblieben. Schier das ganze Dorf ist leer, fast alles hat dem Aufgebot Folge geleistet und ist zum Kuchelbacher Friedhof-Hauptquartier gezogen. Durch die Anwesenheit des Wirtes bekommt daher Peter erwünschte Atzung, die ihm sonst sicher nicht geworden wäre bei versperrtem Hause. Freilich erkennt Peter aus den Mitteilungen des Halunken-Wirtes, daß er spät, sehr spät daran ist, denn die Wihler Salpeterer sind schon seit geraumer Zeit fortgezogen, wie toll, sagte der Wirt, und sicher ins Verderben.
Peter horcht auf und fragt dann möglichst harmlos, wieso die Leute ins Verderben gezogen wären. Der Wirt erklärt, daß das Aufgebot auch in Albbruck bekannt geworden sein müßte, weil bald darauf reitende Boten nach Säckingen und Waldshut abgegangen seien. So hätte wenigstens ein Wihler, der in Albbruck die wie rasend fortstürmenden Reiter gesehen habe, heimgekommen in Wihl erzählt.
Peter meint, das könne aber doch mit anderen Dingen zusammenhängen, und an Verrat des Aufgebotes glaube er nicht.
Verrat brauche das — entgegnet der Wirt — nicht zu sein: die Salpeterer haben es laut genug ausgeschrieen, daß sie nach Kuchelbach zur Sammlung ziehen, und dann in geschlossenen Reihen nach Waldshut marschieren wollen, um Abrechnung zu halten und die alte Einungsordnung einzusetzen im Wald.
„Ausgeschrieen? Das isch frili dumm!“ stammelt Peter ganz verdattert.
Ihm will solche Ungeheuerlichkeit nicht zu Kopf: Aufgebot, den ganzen
Kampfplan öffentlich auszuschreien und den Halunken preiszugeben — was
müssen die Albthaler Salpeterer für Schafsköpfe sein.
Und wegen der Reiterboten glaubt der Wirt, daß Panduren und Husaren wohl nach Kuchelbach kommen und die ganze tolle Gesellschaft einfangen, wenn nicht niederhauen werden. „Mit de Salpeterer goht's nidsi: (abwärts)!“ versichert der Wirt.
Petern leidet's nicht mehr in der Wirtschaft; er will eiligst zu Ägidi laufen und ihn warnen, ihm das Gehörte vertraulich mitteilen, die Bruderschaft in gute Deckung bringen und vor Überfall sichern.
Eine Angst befällt Petern, der lauft wie noch nie im Leben. Schon sieht er den Albbach glitzern tief unten im Thale, eine kurze Stecke noch und er wird in Kuchelbach sein. Was ist das für ein Lärm? Wie rasend flüchten Menschen die Hänge hinan, schreiend, von Verzweiflung getrieben, und hinterdrein jagen Husaren; Gewehre knattern, Pulverdampf steigt auf — eine entsetzliche Menschenjagd ist's — die Salpeterersache ist verloren!
Peter starrt einen Augenblick hinab ins Thal, dann aber regt sich der Selbsterhaltungstrieb in ihm und jäh kehrt er um, zurück in rasendem Lauf, hinein in den Wald und heimwärts mit fliegendem Atem. Verloren die Salpeterei! Verloren, bevor sie zum Sieg ausgezogen! Verloren die Grafschaft, das alte Recht, die alte Einung! Sie werden nun Soldaten in alle Dörfer legen, die Mitglieder der Bruderschaft einzeln herauszufangen und zu Freiburg vor'm Hofgericht massakrieren. Drum hinein in den dichtesten Wald — der Tann allein schützt den Schwarzwälder — dort, wo die Nadeln am dichtesten sind.
Atemlos, abgehetzt, von Angst gefoltert, an allem verzweifelnd, erreicht Peter sein heruntergekommenes ärmliches Haus am Bühl; scheu blickt er um sich, namentlich gen Hochschür hinüber, er fürchtet überall Panduren und Husaren hervorbrechen zu sehen. Alles ist ruhig wie vordem: schwarz der Tann, graugelb die Matten und Hänge, weggewaschen der Schnee — eine Totenstille liegt über dem Bühl. Gottlob! Hier herauf sind die Häscher noch nicht gedrungen. Aber sie werden kommen! Hastig sucht Peter nach dem Thorschlüssel; endlich findet er ihn und schließt auf. Schnell rafft er Proviant zusammen und bindet alles in ein Linnen. Soll er auch einen Krug Wein mitnehmen? Ein Geräusch draußen läßt Petern davon Abstand nehmen, schreckerfüllt packt er das Linnen und jagt, wie von Furien verfolgt, in den Tann. Sogar seine Akten hat er im Stich gelassen, und angelweit offen steht die Hausthür.
Vom „Schild“ rasselt ein leerer Blumentopf völlig herunter, den die
Hauskatze ins Rollen gebracht; das war das Geräusch, das Peter in die
Flucht gejagt.
* * * * *
Es ist wieder Winter geworden auf dem Wald; erst zog es an und wurde scharf kalt in der Nacht, dann schob der Westwind graue Wolken heran, aus denen die Flinsen anfangs zaghaft herabfielen, bis die Flocken Mut bekamen und in tollem Wirbel zur Erde flatterten. Immer größer wurde das Geflock, Hügel und Matten kleiden sich wieder weiß, ins Leichentuch der Natur, und geduldig halten auch die ernsten Tannen still bei dieser Liebeswerbung des weißen Wintergastes. Es schneit ununterbrochen stundenlang; dann wird es kalt, bitter kalt, wie sich's gehört zur Adventszeit. Steif gefroren ist alles, ein ungeheurer Panzer hält die Schwarzwalderde umschlungen, fest, ehern und silberweiß.
„Und wo me luegt, isch Schnee un Schnee,
Me sieht ke Stroß' und Fueßweg meh.“
So grimmig der Winter wiedergekommen mit Ungestüm und Macht, im alten Hause bei Biber ist Frühling: Michel ist wieder gesundet, er steht, wenn auch noch etwas schwach und matt, wieder auf den Beinen und verbringt die kurzen Tagesstunden auf der „Kunst“ beim warmen Kachelofen im Untergelaß. Thrinele hat ihre Kräuterreste zusammengepackt und sich fertig gemacht, das Haus zu verlassen. Ihre Pflegeraufgabe ist gethan, und damit der Zweck ihrer Anwesenheit erfüllt. Mit rührenden Worten hat sie der alten Biberin herzlich gedankt für die gütige Aufnahme und Erlaubnis, daß sie dem Michel Pflegerin sein dürfte. Und Muetti nahm das Maidli in die Arme und küßte es ab und nannte Thrinele „Tochter“; und 's Maidli weinte Freudenthränen am Herzen der alten seelensguten Frau. Ob es freilich dazu kommen werde, daß Michel und Thrinele vereint am Altar stehen werden, das kann nur Gott allein wissen. Die Zeiten sind schlimm, und böse die Verhältnisse. Wollten auch Bibers — der Ätti muß doch auch erst gefragt werden — zustimmen in der Erkenntnis, daß es weit und breit auf dem Wald kein braveres Maidli gebe, Thrineles Vater ist streitsüchtig und der Salpeterersache ergeben. Und niemals hat man gehört, daß Kinder aus Halunken- und Salpetererfamilien im Wald zusammen geheiratet hätten. Sicherlich wird der Streitpeter böse sein, daß Thrinele über Hals und Kopf das Vaterhaus verließ und Aufnahme bei Halunken gefunden; von einer Heirat wird er erst recht nichts wissen wollen. Ist ja doch landbekannt, daß er lieber verderben, als die Sache der Salpeterer aufgeben wolle, für die er nahezu alles geopfert, für die er sozusagen bettelarm geworden ist. Ein halbdutzend Kühe, Pferde und Fahrnisse hat seine Streitlust, sein Kampf gegen die Obrigkeit schon verschlungen, das Anwesen ist verschuldet, heruntergekommen, aber zäh hält Peter an seinem Wahne fest. Das weiß man am Bühl wie zu Herrischried, und drum — so meint Muetti — müsse man das Weitere Gott, dem Lenker der Schicksale überlassen. Wortlos, das Köpfchen geneigt, hat Thrinele der Alten zugehört; 's Maidli nickt unter Thränen und ist bereit sich zu fügen, zu entsagen. Nur dem Ätti möchte sie noch danken, sich von ihm verabschieden. Aber der alte Biber ist seit einigen Tagen — Thrinele hat das gar nicht bemerkt — von Hause fort und nach Säckingen zu Amt gegangen. Heute wird er zurückerwartet; bis zu seiner Rückkehr solle Thrinele daher im Hause bleiben, und solle es dann zu spät zum Heimgehen auf den Bühl werden, so müsse 's Maidli eben noch eine Nacht bei Bibers verbringen. Und so wartet denn Thrinele, rückt die Kunkel ans Fenster und spinnt fleißig, daß das Rädli summt und surrt. Zartfühlend hat Muetti auf ein Weilchen die Stube verlassen und sich anderwärts zu schaffen gemacht, auf daß das Pärchen Abschied nehmen könne, wer weiß auf wie lange Zeit.
Michel kommt denn auch, noch etwas unsicher gehend, auf das emsig spinnende Maidli zugeschritten, legt liebkosend seine Hand auf Thrineles Köpfchen und flüstert: „Will d'Sunne wirkli von mir goh?“
Seufzend nickt's Maidli, und salziges Wasser füllet die Äuglein.
„Gohst licht von mir?“
Weinend bittet 's Maidli: „Mach' mir 's Herz nit schwer, Michel! Lueg: Wenn im Früehlig 's Schwälmli wieder singt: vielleicht das Glück uns zusamme bringt! Wir müsse warte und uf Gott vertraue!“
Schwere Schritte vor dem Haus unterbrechen das Gespräch der beiden; es ist Ätti, der von Säckingen zurückgekehrt ist und lärmend sich den Schnee von den schweren Schuhen abflößt. Schon im Flur begrüßt ihn Muetti, gleichzeitig fragend, wie es sei zu Amt und was Ätti ausgerichtet habe.
Lachend mahnt der Alte: „Zit lasse, Muetti, sust erstickst am viele
Frage!“
In die Stube eintretend, wird Biber herzlich begrüßt und willkommen geheißen vom Sohn und der Thrinele.
„Potz tausig! Isch der Bueb au wieder uf de Bine! Gottwilche ußerm
Bett!“
Damit hat nun das Reden beim Ätti vorerst ein Ende; er langt nach dem Pfifli, es muß erst ein Weilchen Tubak geraucht werden, dann kann's ans Verzählen gehen. Muetti bringt zur Stärkung ein Gläschen Chriesiwasser, das Ätti bedächtig leert und dann mit der Zunge schnalzt. Dann wird's still in der warmen Stube, und Thrineles Rädchen summt und brummt.
Das Pfifli ist zu Ende geraucht. Jetzt spricht Ätti: „Michel!“
„Was isch, Ätti?“
„Nüt isch!“
„Wie sagsch?“
Schmunzelnd vor innerem Vergnügen erzählt der Vater, daß der Amtmann erklärte, der Michel könne ruhig zu Hause bleiben. Die Geschichte von der Anmeldung des Kranken, seine Bereitwilligkeit nachzudienen, sobald er wieder gesund sei, in Verbindung mit der Salpetererschlacht bei Kuchelbach habe die Regierung veranlaßt, den Michel vom Militärdienst zu befreien. Es würden lediglich Salpetererbuben zwangsweise eingereiht, Halunkensöhne aber wieder losgegeben. Unter anderen werde auch Jobbeli, des Streitpeters Sohn, nach Verbüßung seiner Gefängnisstrafe unters Militär gebracht zum warnenden Beispiel für andere Salpeterer.
Wie Michel aufjubelt! Seine bleichen Wangen röten sich, er zittert vor Freude, drückt dem Ätti die Hand und bittet Thrinele, seine Freude zu teilen und zu bleiben in Vaters Haus.
Herzlich wünscht 's Maidli dem Michel Glück, erhebt sich aber dann, verabschiedet sich dankend für all das Genossene bei Ätti, Muetti und Michel, und hüllt sich in ihr Tuch. „Bhüet Gott mitsamme, bhüet Gott!“ Und fort ist 's Maidli. Michel ist vors Haus getreten; kaum erblickt er noch 's Thrinele, wie es hastig durchs Thälchen eilt, der Straße nach Hottingen zu. Und weit draußen, an der Biegung des Thalsträßleins dreht Thrinele um und winkt zurück, einen Augenblick nur, dann stapft es in abendlicher Dämmerung heim zum toten Bühl.
* * * * *
Von Leuten, die zu Freiburg waren und trotz Schnee und Wintersnot über Todtnau in den Wald heimgekehrt sind, ist die Kunde von Bühl zu Bühl getragen worden, daß das Gericht die erwischten Salpeterer abgeurteilt habe. Den alten Riedmatter wie seinen Sohn habe man ins Arbeitshaus gebracht, wo beide schimpflich das Rad drehen müßten. Andere seien zu öffentlichen Strafarbeiten verurteilt, und diejenigen, die glücklich in die Schweiz gelangten, dann aber nach einiger Zeit über die Grenze gingen, um zu Haus und Hof zurückzukehren, seien am Rhein abgefaßt und in den Amtsgefängnissen eingekerkert worden. Außerdem brachten die Leute die Kunde mit, daß nach der Schneeschmelze eine allgemeine Streife nach Salpeterern vorgenommen, jeder, ob an Kuchelbach beteiligt oder nicht, eingefangen und alle Jungens zum Militär gesteckt werden, die kleinen Kinder aber weggenommen würden. Mit Bangen sahen die eingeschüchterten Salpeterer daher der trüben Zukunft entgegen, und bei manchem stiegen Zweifel auf, ob denn wirklich die „heilige Sache“ recht behalten werde.
* * * * *
Spät am Abend langte Thrinele am Heimatshause auf dem toten Bühl an und fand zu ihrer großen Verwunderung die Thür offen, den Eingang schneeverweht, das Haus menschenleer. Wo Jobbeli steckt, weiß Thrinele aus Bibers Munde; wo aber Ätti weilt, das kann sich das Mädchen nicht denken. Der jungfräuliche Schnee im Hausflur deutet darauf, das seit längerer Zeit das Haus unbetreten geblieben sein muß; es ist nirgends eine Spur, ein Menschentritt wahrnehmbar. Und kalt ist es in allen Stuben, erloschen jegliches Feuer. In der Gaststube liegen wirr verstreut Brotreste, Messer und Gabel, Wäsche durcheinandergeworfen, wie wenn jemand in großer Eile darnach gesucht hätte und verscheucht worden wäre. Sollten Hochschürer das verlassene Haus „heimgesucht“ haben? Mit dem flackernden Kienspahn sucht Thrinele den Keller ab und findet einen abgefüllten Krug neben dem Fasse stehen, der offenbar vergessen worden ist. In den übrigen Stuben fehlt nichts, es liegt und steht alles, wie es Thrinele vor ihrem Abgang zurückgelassen. Nur die Rauchkammer ist eines Teiles vom Inhalte beraubt. Also werden Schinkenfreunde aus Hochschür dagewesen sein, deren Vorliebe für Rauchfleisch und Schweinskeulen landbekannt ist. Thrinele fegt zunächst den Wehschnee aus dem Flur, schließt die Thür ab und macht im Ofen der unteren Stube Feuer an; ebenso sorgt sie für Erwärmung ihrer Schlafstube. Wie das wohlig prasselt! Geschäftig säubert Thrinele die Stuben und fegt sie rein, emsig und unverdrossen. Wo nur Ätti sein mag? Auf einen Rüffel wegen ihrer plötzlichen Flucht zur Pflege des Gestochenen macht sich Thrinele vorweg gefaßt: Ätti wird höchst wahrscheinlich heillos poltern und fluchen. Aber Thrineles Gewissen ist rein, sie hat so handeln müssen, ihr Herz hat sie dazu gedrängt. Dafür will 's Maidli jetzt um so treuer das Haus beschützen und bewahren. Wie Ätti den „Dürren Ast“ nur so leicht verlassen konnte, die Thüre offen, alles preisgegeben dem nächstbesten Stromer?! Das soll jetzt anders werden; ja Thrinele ist fest entschlossen, verdächtige Gäste überhaupt nicht einzulassen. Lieber nichts verdienen! Eben kommt Thrinele zum Nachschüren wieder ins Erdgeschoß, da schreckt ein Klopfen sie auf, es pocht jemand an der Thür. Mit verhaltenem Atem horcht Thrinele.
Eine dumpfe Stimme ruft außen: „Flieh', Peter! Im Namen der heiligen
Maria, bring' dich in Sicherheit! Alles isch verloren!“
Thrinele bebt an allen Gliedern. Was soll die Warnung bedeuten? Der Fremde entfernt sich wieder; deutlich vernimmt das Mädchen die Schritte im knirschenden, steif gefrorenen Schnee. Thrinele eilt die Treppe hinan, reißt im oberen Gelaß ein Fenster auf und beugt sich hinaus, um vielleicht noch sehen zu können, wer der Warner gewesen ist. Im Zwielicht des flimmernden Schnees und des schwachen Blinkens der wenigen Sterne am Himmel kann sie nur noch eine schwarze Gestalt wahrnehmen, die eilig den Bühl hinunterläuft. Eine eilige Warnung, offenbar eines Freundes, der selbst die Häscher fürchtet und sich gar nicht die Zeit genommen hat, auf das Öffnen der Hausthüre zu warten. Dem Ätti droht also Gefahr; Thrinele wird wach bleiben müssen. Wer weiß, ob nicht schon in dieser Nacht die Büttel oder Soldaten kommen werden. „Alles ist verloren!“ hat jener Mann gerufen; das kann doch nur die Salpeterersache angehen, für welche Thrinele sich noch nie hat begeistern können. Sie ist, seit sie die Ruhe und den Frieden bei Bibers, in der Halunkenfamilie, kennen gelernt, jetzt völlig für die Partei der „Ruhigen“, die über kurz oder lang wohl Oberhand im Wald wird gewinnen müssen. Was bei ständigem Streit, bei der Prozeßwut herauskommt, hat Thrinele im Vaterhause zur Genüge kennen gelernt; die letzte Kuh ist aus dem Stall und vom Advokaten verschlungen worden, die wenigen Felder sind unbebaut geblieben und Ättis Waldgrund ist gelichtet. Verarmt die ganze Familie, Gott sei's geklagt! Wenn je an Hochzeit gedacht werden dürfte: was kann's Maidli dem Michel anheiraten und mitbringen? Nichts als ihr gutes Herz und den guten Willen, ihm, dem Geliebten, treu zu dienen! Und das, so flüstert Thrinele im einsamen Haus vor sich hin, ist ja so wenig!
Die Nacht geht rum, ohne daß sich etwas ereignet; Thrinele hat angekleidet im Bette gewacht, nur auf kurze Zeit sich wohltätigem Schlummer überlassen. Am frühen, dämmerigen Morgen hält Thrinele Nachsuche in den Küchenvorräten, und da sieht es übel genug aus. Mehl und Butter muß ergänzt werden, auch Salz geht zur Neige. Zum Glück findet das Mädchen etwas Kleingeld zum Einkauf in der Schublade Ättis, und damit pilgert Thrinele, nachdem sie das Haus wohl verwahrt, hinüber nach Hochschür und trägt den Proviant im Rückenkorb dann wieder ins winterlich einsame Haus.
* * * * *
Wienechtzit! Weihnachten im Walde naht, schneebeladen stehen die dunklen Tannen als richtige Weihnachtsbäume, festgefroren klammert sich das erstarrte Geflock ans Geäst. Eisig kalter Wind pfeift um die Bühlhöhen und heult in den eisgeschmückten Schluchten. Mehr denn je umlagern die einsamen Wäldler den Ofen und verbringen die Zeit auf der „Chauscht“. Strohumhüllt stehen die Brunnen, auf daß das nötige Wasser nicht einfriert. Überall tiefer Schnee, starres Eis, und eine bittere Kälte! Wer nicht muß, verläßt das schützende Haus nicht, und draußen giebt es um Weihnachten keine Arbeit, zumal die Holzarbeit längst erledigt ist.
Die Feiertage stehen vor der Thür. Thrinele hat es sich angelegen sein lassen, die Stuben sauber zu fegen und verbringt die langen, stillen Abende am schnurrenden Spinnrad, mit Gedanken an den Geliebten und an den verschwundenen Vater. Bittere Sorge um ihn erfüllt das junge Herz, seit Thrinele in Hochschür erfahren, daß in Kuchelbach die Salpeterersache ein so böses Ende nahm. Niemand will aber an jenem Unglückstage den Streitpeter gesehen haben; die Hochschürer Salpeterer, so sie sich durch rasende Flucht retten konnten, verstehen es auch nicht, warum just der Vertrauensmann beim Zuge nach Kuchelbach gefehlt hat. Daß er etwa Halunke geworden sei, ist nicht wahrscheinlich, dagegen spricht sein Verschwinden. Es müßte nur sein, daß er verunglückt, an einsamer, wenig begangener Stelle von einer Pandurenkugel niedergestreckt und noch nicht aufgefunden worden sei. Ein ganz rätselhaftes Verschwinden! Übel genug steht die Salpeterersache an sich, wenn auch für die nächsten Monate, so lange des starren Winters Macht auf dem Walde gebietet, keine Gewaltmaßregeln gegen die Bruderschaft zu gewärtigen sind. Und jener fremde Warner wird ein Salpeterer, vielleicht aus Herrischried gewesen sein, der von der Kuchelbacher Niederlage erfahren hat und den Ätti eilig verständigen wollte in der Meinung, daß die Panduren auch zum toten Bühl heraufkommen würden.
Früh dämmert es am Bühl, doch wirft die große Schneefläche noch so viel Schimmer in die Stube, daß Thrinele eine Weile ohne Kienspan spinnen kann. Im Kachelofen knistert und prasselt das eingeschürte Tannenholz, behagliche Wärme verbreitend. An Einsamkeit gewohnt, empfindet 's Maidli die winterliche Gefangenschaft nicht so schrecklich, zumal ja die Arbeit die Zeit kürzt. Ein Knirschen im Schnee wird hörbar, das knarrende Geräusch nähert sich dem Hause. Sollte ein Gast kommen? Fast fürchtet sich Thrinele. Ein Ausblick durch die mit Eisblumen gezierten Fenster ist nicht möglich, zum Aufhauchen eines Guckloches im Fenster fehlt die Zeit. Es pocht am sorglich verschlossenen Thor, erschrocken fährt Thrinele auf und eilt hinaus. „Wer isch drauße?“ fragt das Mädchen im kalten Flur.
„Ufgemacht! Ich, der Peter Gottstein bin's und will in mi Haus!“
„Ätti, Ätti!“ ruft Thrinele überrascht und schließt, zitternd vor
Überraschung und Erregung auf.
„Rasch, rasch! schließ' zu!“ schreit Peter und eilt in die warme Stube, um sogleich am Ofen die „Chauscht“ aufzusuchen und sich die steif gewordenen Hände zu wärmen.
Ob verdächtige Gestalten, Soldaten in der Nähe gesehen wurden, fragt Peter und beruhigt sich erst, als Thrinele versichert, seit vielen Tagen niemanden in der Umgebung gesehen zu haben. Dann wär' es gut, meint Ätti und fordert Atzung nebst Wein, langentbehrte Dinge im Waldversteck.
Verwundert steht 's Maidli vor dem verwildert aussehenden Vater, der ihre Anwesenheit im Hause als selbstverständlich zu betrachten scheint und alles Vorhergegangene ignoriert. „Versteckt warsch, Ätti?“
„Leng' mir e Schöppli!“ befiehlt der Alte; das Weitere werde er schon erzählen. Thrinele holt gleich einen Krug voll Wein aus dem Keller und bringt den Rest Rauchfleisch, den die Hochschürer Schinkenfreunde zurückzulassen die Güte hatten. Peter labt sich und haut ein, tüchtig und eilig.
„Hasch Hunger, Ätti?“
„Dummes Geschwätz! Iß wenn d' chasch (kannst) un nüt hasch! Ich han schon drei Tag' nüt mehr 'gesse! Lueg!“ Und nun erzählt Ätti, inzwischen immer nach verdächtigen Schritten horchend, wie er am Abend nach der Kuchelbacher Schlacht heimgerannt, mit wenig Proviant in den tiefsten Tann geflüchtet sei und sich dort in einer Rindenhütte verborgen gehalten habe.
„Bi diese Kälte?!“
Es sei furchtbar kalt gewesen, namentlich zur Nachtzeit, und knapp die Nahrung. Als alles aufgekehrt gewesen, habe er in tiefer Nacht es gewagt, neuen Proviant zu holen.
„Dann war Ätti selber der Schinkendieb?“ wirft Thrinele ein.
„Wie?“
Thrinele setzt dem Vater auseinander, daß die Rauchkammer nahezu gänzlich ausgeraubt sei.
Peter schüttelt den Kopf; den benötigten Proviant habe er keineswegs aus seinem eigenen Hause geholt, sondern einem Hochschürer Keller, — es war ein Halunkenkeller — wo ein frischgeschlachtetes Schweinlein hing, entnommen, und — weil es pressierte — die Zahlung auf später verschoben. Fehlt etwas im „Ast“-Wirtshause, dann haben andere ihm seine Vorräte — gestohlen. Ja die Hochschürer!!! Also niemand von den Panduren war heroben am Bühl; auch niemand von den Behörden!
Abermals versichert Thrinele, daß sie niemanden gesehen habe.
Hm! Dann hat Peter die furchtbare Entbehrung gelitten ganz grundlos! Ebenso gut hätte er zu Hause in seinem Bett liegen können. Aber zu trauen ist der Geschichte nicht. Und verloren ist die Salpeterersache doch!
„Wie sagsch, Ätti?“
„Es ist nicht mehr an einen Sieg zu glauben. Aber ich will mich an Gottvater selber wenden, er soll entscheiden zwischen uns und dem Großherzog, und darnach wollen wir uns halten und fürder leben. Ich habe es mir gründlich überlegt draußen im bitterkalten Tann, und der Zweifel sind immer mehr geworden, ob wir allein recht hätten oder ob vielleicht doch der badische Herzog Herr ist und nicht bloß „Maier“ (Verwalter) vom Kaiser!“
„Ätti! Du glaubsch an den Herzog?!“ ruft freudigst überrascht Thrinele aus.
„Noch nicht! Der Herrgott soll entscheiden! Und nun halt' du Wache!
Weck' mich beim geringsten Geräusch! Morgen soll sich's entscheiden.
Guete Nacht, Thrinele!“
Wie eine Katze schleicht der Alte in seine Stube, um nach langer
Entbehrung wieder einmal in einem Bett zu schlafen.
Gerne wacht Thrinele für den Vater; kann sie doch jetzt ungestört ihren Gedanken nachhängen, die diesmal freudiger Art sind. Ist Ätti auch noch nicht ganz für den Großherzog, so befindet er sich doch bereits auf dem Weg, der zur Partei der „Ruhigen“ hinüberführt, und kann Ätti überzeugt werden, daß die Einungszeiten vorüber sind und der Großherzog zu Recht herrscht in seinem Lande, dann wird Ätti sicherlich die Salpeterer aufgeben und badisch werden. Und dann freue dich, junges Herz! Ist Ätti selber Halunke, wird ihm auch die Halunkenfamilie Biber nicht mehr als Feind erscheinen….
* * * * *
Der nächtlichen Sternenpracht machen rasch aufziehende graue Wolken ein Ende; ein steifer Nordwest jagt sie heran, es schneit bei großer Kälte: hartgefrorner kleinkörniger Schnee, der klirrend ausschlägt bei Berührung der harstigen alten Schneedecke. Und immer dunkler färbt sich das Firmament; tief hängen schwarze Wolken, bald hierhin, bald dorthin gejagt, ein eigentümlich Sausen erfüllt die Luft, grelle Blitze zucken hernieder: ein Gewitter ist im Anzuge. Dann springt der Wind um und bläst aus Süd, weicher werden die Flocken, Regentropfen fallen dazwischen: ein tolles Chaos in schwarzer Nacht mit unheimlichem Knistern, das auch noch forttobt am Morgen, die Tageshelle zurückhaltend. Verwundert betrachtet Peter den Sturm der Elemente von seinem offenen Stubenfenster aus; solche Gewitterstimmung verbunden mit Knistern und Sausen hat er um Weihnachten noch niemals wahrgenommen. Und abergläubisch fragt er sich unwillkürlich, was diese Trübung, diese Gewitterstimmung zu außergewöhnlicher Zeit wohl bedeuten möge. Will die Natur Unheil drohen, wie sonst blutigrote Kometen Krieg verkünden? Steht der dräuende Himmel in Verbindung mit der niedergehenden Salpeterersache? Schwarz, düster wie das Firmament ist ja die Zukunft der Wäldler seit der Metzelei am Friedhof zu Kuchelbach! Ein schauriger Beginn des Weihnachtsfestes, ein unheimlicher Heiliger Abend im Walde! Aber just bei solchem Himmel soll das Gottesgericht abgehalten werden. Gottvater soll entscheiden am Heiligen Abend über die heilige Sache und den Großherzog! Peter will nicht länger zögern; das Gottesgericht soll mit zwei Kerzen abgehalten werden und zwar um die siebente Abendstunde oben am Kreuz der Bühlhöhe. Drum sucht er, sich ins untere Gelaß begebend, nach Kerzen, wie solche, als sein Weib noch lebte, häufig während eines Gewitters angezündet worden sind, geweihte, sorglich aufbewahrte Wetterkerzen, bei deren Brand gebetet wurde, auf daß der Herr der Heerscharen und Elemente jeglich Unheil vom Hause ablenken und den Blitzstrahl in den Tann führen möge. In die Gaststube tretend, findet der Alte Thrinele schlummernd im Stuhl am Fenster mit einem verklärten Lächeln auf den Lippen. Wie die Thür ins Schloß fällt, schreckt das Mädchen zusammen und erwacht.
„Ätti, verzeih'! Der Schlaf hat mich überwältigt! Es isch aber niemand chommen!“
Wohl grollt Peter über solche „Wacht“, bei welcher einem das Haus weggetragen werden könnte; doch ist sein Sinn zu sehr auf das geplante Gottesgericht gerichtet, und milder, als es sonst seine Art ist, fragt er 's Maidli, wo denn die Wetterkerzen aufbewahrt seien.
„Wetterkerzen! Jez ze Wienechtszit?“
„Wienecht hin, Wienecht her! Ich mueß die Kerze han!“ Thrinele eilt in ihre Stube und kommt alsbald mit zwei schwarzen Kerzen zurück und überreicht sie dem Ätti.
Sinnend betrachtet der Alte die alten Kerzen, die noch keine Verwendung gefunden und wohl noch von Muetti aufbewahrt worden sind. Wenn man nur gewiß wüßte, ob die Kerzen auch richtig geweiht worden sind. Wenn nicht, so kann das Gottesgericht nicht richtig abgehalten werden. Sie aber nochmal, der Sicherheit wegen, weihen zu lassen, ist auch nicht angängig, denn der Pfarrer würde unzweifelhaft nach dem Grund einer abermaligen Weihe fragen, und Peter ist nicht gewillt, Gründe anzugeben und sich dreinreden zu lassen. Was aber thun? Peter will sicher gehen, die Kerzen müssen geweiht sein. Ob die Weihe aber nur der Geistliche vornehmen kann? Ein Gedanke fährt dem Alten durch den Kopf, und urplötzlich fragt er die Tochter, ob Weihwasser im Hause sei.
„Weihwasser?“ Thrinele vermag sich vor Verwunderung nicht zu fassen. Was doch der Ätti für sonderbare Dinge verlangt. Weihwasser ist vor Jahr und Tag in die sogenannten Weihwasserkesselchen neben der Schlafstubenthüre gegeben worden. Thrinele selbst hat es dem Taufbecken der Kirche entnommen und in einem Fläschchen heimgetragen. Wenn 's nicht völlig eingetrocknet ist, wird es wohl noch vorhanden sein. Ätti meint, daß solche Rede beweise, daß Thrinele nicht gar oft den Finger mit Weihwasser genetzt und das Kreuzzeichen gemacht hab. „Leng' es her!“
Gehorsam und über den Tadel des Vaters betroffen holt Thrinele das Kesselchen, worin sich ein Rest des geweihten Wassers befindet. Das genügt für den beabsichtigten Zweck. Peter schafft die Tochter aus der Stube, er will allein sein für eine Weile. Sodann bekreuzt sich der Alte und spricht vor sich hin: „Heiligste Jungfrau und Mutter Gottes Maria! Ich beschwöre dich durch das Blut des Heilandes, der für uns am Kreuz gestorben, steh' mir bei, nimm mich auf in die Zahl deiner Diener und sei Fürsprecherin für mich!“ Sodann nimmt er die beiden Kerzen, senkt sie mit dem unteren Teil in den Rest des Weihwassers und spricht: „Es steige herab in diese Quelle des Wassers die Kraft des Heiligen Geistes und gebe ihm wie den Kerzen die heilige Weihe! Amen!“ Dreimal macht Peter das Kreuzeszeichen über die Kerzen und beendigt die nach seiner Meinung nun betätigte „Weihe“. Sein Gewissen ist nun beruhigt, die Kerzen sind zum Gottesgericht geeignet. Sorgsam wickelt er selbe nun in ein Stück Papier, das er dem Kalender entreißt, und steckt sie in seine Rocktasche. Sodann ruft er nach der Tochter und fragt, was alles zu besorgen sei für die Weihnachtstage. Er giebt Thrinele einige Bätzner, womit 's Maidli, so der Schnee einen Gang ins Dorf verstatte, das Nötige einkaufen solle. Er selber werde, der Sicherheit halber, den Tag im Walde verbringen und erst nach Einbruch der Dunkelheit zurückkehren.
Trotz des schweren Schneefalles und der unheimlichen Witterung verlaßt Peter das Haus und watet, bis an den Bauch in den Schnee sinkend, über den Bühl dem Tann zu. Thrinele bahnt sich mühsam den Weg in's Dorf, um Vorräte einzukaufen. Bei Bekannten spricht sie vor, um die müden Füße etwas ausruhen zu lassen, und wie es schon geht, giebt ein Wort das andere. Auf die Frage, wie es zu Hause, im „dürren Ast“ gehe, platzt 's Maidli glücklich heraus, daß Ätti vergangenen Abend nach längerer Abwesenheit plötzlich heil und gesund, bloß arg verfroren, heimgekehrt sei und heute morgen die geweihten Wetterkerzen verlangt habe, mit denen er das Haus verlassen habe und in den Tann gegangen sei. Ist das eine Neuigkeit! Der Streitpeter zurück, gesund! Und alles hat bereits geglaubt, er liege irgendwo erschossen und verschneit! Und um Weihnachten verlangt er Wetterkerzen und geht damit in den Wald. Was das bedeuten mag? Offenbar will er sie opfern am Bühlerkreuz für die „gute“ Sache der Salpeterer. Das ist ein frommes, verdienstliches Werk, an dem man sich eigentlich auch beteiligen sollte, zum Nutzen der Salpeterersache.
Thrinele beendet das Gespräch; ihr ist immer unbehaglich, wenn von der „guten“ Sache gesprochen wird, weil sie stets insgeheim befürchtet, um ihre Meinung gefragt oder als heimliche „Halunkin“ erkannt zu werden. Unter der Vorgabe, daß der Weg durch den tiefen Neuschnee beschwerlich sei und Zeit verlange, entfernt sich Thrinele, ahnungslos, daß sie mit ihren Mitteilungen die Neugierde der Dörfler, die sofort verständigt wurden, aufs höchste wachgerufen hat. Es dauert auch nicht lange, da stapfen Männer und Burschen tapfer durch den Schnee und waten der Bühlhöhe zu. Am Waldesrand aber verbergen sie sich hinter den mächtigen Tannen, um der kommenden Dinge zu harren.
Früh wird es dunkel — hell ist's den ganzen Tag über nicht geworden — die Gewitterwolken hängen noch immer dräuend, pechschwarz tief herab, der Schneefall hat Nachmittag aufgehört, doch saust und knistert es ganz unheimlich, ein sonderbarer phosphoreszierender Schimmer strahlt von der Schneedecke am Bühl aus. Unverdrossen harren die Dörfler aus im Schnee stehend und auf das „Ereignis“ wartend.
Und da taucht auch richtig der alte Peter auf oben auf der Bühlhöhe und schreitet, mühsam im Schnee watend, dem Grenze zu, an dessen Schaft er die Wetterkerzen befestigt und selbe dann anzündet. Peter knieet nieder und ruft mit lauter Stimme: „Entscheide du, o Herr des Himmels und der Erde! Gott soll richten zwischen uns. Es brennt die Kerze für unsere heilige Sache und neben ihr die Kerze für den Herzog! Entscheide, o Herr, bestimme durch das Kerzenlicht und laß' erkennen dein Urteil! Ich füge mich der Sache, für welche die Kerze am längsten brennt! Verloren ist jene, die zuerst verlöscht! Entscheide, o Herr! So walte das Gottesgericht! Amen!“