Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1911 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird. Fremdsprachige Ausdrücke sowie Passagen in Dialekt wurden ohne Korrektur übernommen.

Das Inhaltsverzeichnis wurde der Übersichtlichkeit halber vom Bearbeiter eingefügt.

Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen in Antiquaschrift werden im vorliegenden Text kursiv dargestellt. Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original gesperrt gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt erscheinen.

Original-Bucheinband

Achleitner / Unter den Hohen Tauern

Arthur Achleitner

Unter den Hohen Tauern

Ein Roman

aus der Steiermark

Frau und Mutter-Verlag

Wien und Leipzig

Printed in Germany
Neue Ausgabe des Romanes „Admont“
Copyright 1911 by Gebrüder Paetel Verlag, Berlin
Druck von Hallberg & Büchting in Leipzig

Inhaltsverzeichnis

Seite
Erstes Kapitel [5]
Zweites Kapitel [25]
Drittes Kapitel [41]
Viertes Kapitel [62]
Fünftes Kapitel [90]
Sechstes Kapitel [112]
Siebentes Kapitel [135]
Achtes Kapitel [155]
Neuntes Kapitel [177]
Zehntes Kapitel [201]
Elftes Kapitel [224]
Zwölftes Kapitel [241]
Dreizehntes Kapitel [257]
Vierzehntes Kapitel [274]

Erstes Kapitel

An einem Augustnachmittage schoß die Sonne noch rasch etliche stechende Strahlenpfeile in das von der munteren Enns durchzogene Talbecken von Admont, dann verschwand das Weltlicht hinter einer dunklen Wolkenbank, die dräuend Sturm und Grobwetter ankündigte. Dumpfe Schwüle brütete in der Niederung; um die grauen hochragenden Kämme der wuchtigen Bergkolosse, der sogenannten „Haller Mauern“ im Norden von Admont, wehte ein starker Nordwestwind, der alsbald dem breiten Felsenhaupte des Großen Pyrgas eine Nebelhaube aufsetzte und auch dem Scheiblingstein, der gigantischen zweitgrößten Erhebung dieses starren Steinmeeres, Wolken und Schwaden zujagte, so daß die Zinnen und Grate, die Schneemulden und wildzerrissenen Rippen und Runsen von einem weißgrauen Chaos verhüllt wurden.

Bleischwer und glühendheiß war die Luft selbst im Fichtenwalde des Mittelgebirges, sie trieb den auf einem Jagdsteige bergan schreitenden Förstern den Schweiß aus allen Poren. Voran stieg elastisch, stetig und stumm der Oberförster Ambros Hartlieb, ein schlanker, geschmeidiger Mann von etwa fünfunddreißig Jahren in verwitterter Steierertracht; dunkel das Auge, energisch und streng der Blick, schwarz das Haar und der kurzgehaltene Vollbart. Eine sympathische Erscheinung, doch umweht von einer Strenge, die eine vertrauliche Annäherung verhindern zu wollen schien. Das Gegenteil solcher Härte im Gesichtsausdruck offenbarte die Gestalt des Begleiters, des Forstwartes mit dem drolligen Namen Benjamin Gnugesser; mittelgroß der gleichalterige Mann mit einem berufswidrigen Bäuchlein, blauäugig, gutmütig, rötlichblond das lockige Haupthaar und ganz fuchsfarbig der überlange, wallende Patriarchenbart. Wie ein Gnom, ein Bergmanndl aus der Sagenwelt, sah der Forstwart Gnugesser aus, die Mensch gewordene Herzensgüte, Friedensliebe und Einfalt.

In dieser Gewitterschwüle beim Aufstieg schwitzte Gnugesser infolge seiner Korpulenz für drei, und mancher Seufzer entfloh dem Gehege seiner etwas schadhaften Zähne. Hartlieb achtete dieser Seufzer nicht, zu sehr war er in Gedanken vertieft, die sich mit den durch Besitzwechsel geschaffenen neuen Verhältnissen beschäftigten.

An die Zukunft im Dienst, im Jagdbetrieb und in den Revieren dachte auch Gnugesser, und viel Gutes glaubte er nicht erhoffen zu dürfen. Gerne hätte er darüber mit dem Vorgesetzten gesprochen, Hartliebs Meinung erholt. Da der Oberförster sich bisher ausgeschwiegen hatte, wagte der Forstwart es nicht, das ihn überstark beschäftigende Thema anzuschneiden.

Auf einer kleinen Hochfläche in Nähe eines steilwandigen Grabens blieb Hartlieb stehen, betrachtete hochgegangenes Kleinvieh, die alte verfallene Heuhütte, modernde Baumriesen und die Hirschfährten, die zu einer nahen Suhle führten. Dann aber richtete der Oberförster einen forschenden Blick zum grau überzogenen Firmament und mahnte den Begleiter zur Eile.

„Wohl, wohl! Wird bald losgehen! Macht aber nix, naß bin ich bereits!“ erwiderte Gnugesser, lächelnd wie immer und nach Atem ringend.

Als die beiden weiterschritten, rollte der Donner aus der Wolkenbank, die sich auf dem wuchtigen Pyrgas-Kolosse festgesetzt hatte. In beschleunigtem Tempo strebte Hartlieb zwischen den Randklippen der Gstattmaier-Hochalpe zu, auf deren Plateau die Pyrgas-Jagdhütte inmitten der besten Gamsreviere lag. Gnugesser keuchte schweißtriefend hinterdrein.

Im Felsgewirre staubte es auf, der Bergwind trieb sein Spiel und bemühte sich, den Förstern die Hüte vom Kopf zu reißen. Die Jagdhütte kam in Sicht, ein verwittertes Holzhaus, mit einem gelbweiß blinkenden neuen Anbau, windumtost. Ein Jagdgehilfe in Hemdsärmeln stand vor der Türe und hielt Ausschau. Und wie er die beiden Förster erblickte, verschwand er, um rasch darauf in Joppe und mit Hut wieder zu erscheinen und den Vorgesetzten entgegenzugehen. Ein bildhübscher blonder Bursch, schlank, ein Kerl zum Verlieben, zart und fein die Gesichtszüge, etwas melancholische Augen, ein nettes Schnurrbärtchen, kirschrot die feinen Lippen. Ein schmucker Bursch, den die Steierertracht sehr gut kleidete. Die Sommersonne hatte Wangen, Hände und Knie nur wenig zu bräunen vermocht. Höflich, fast demütig begrüßte er die Vorgesetzten und wollte ihnen Rucksack und Gewehr abnehmen.

Hartlieb nickte zum Gruße und wehrte mit einer Handbewegung die Bemühungen des hübschen Jagdgehilfen Eichkitz ab. Der Forstwart schnappte nach Luft und lief Galopp, als der erste Regenschauer über den Hochalpboden rauschend prasselte. In großen Sprüngen erreichten die drei die schützende Hütte. Und nun ging es los: knatternd schlugen Graupeln auf das Schindeldach, dann vollführten erbsgroße Schloßen einen betäubenden Lärm, den ein Wolkenbruch mit eigroßen Hagelstücken ins Maßlose steigerte.

Viel Schaden konnte der Sturm der Jagdhütte nicht zufügen, denn Eichkitz hatte die hölzernen Fensterläden auf der Wetterseite fürsorglich bereits vor dem Losbruch des Gewitters fest geschlossen. An den Holzläden prallten die Hagelkörner machtlos ab.

Im Spektakel des Orkans war ein Sprechen unmöglich; man hätte brüllen müssen, um sich einigermaßen verständlich machen zu können.

Angenehm empfand Oberförster Hartlieb, während er Rucksack und Gewehr ablegte, die warme Temperatur im Kochraume der Diensthütte; der Jäger Eichkitz als Praktikus hatte im eisernen Herd ein tüchtiges Feuer entfacht und zum Empfang der schwitzenden Herren stetig unterhalten. Die Wärme tat wohl nach mühevollem Aufstieg. Befriedigt nickte Hartlieb, als Eichkitz geschäftig noch weiter Holz in den Herd schob.

Benjamin Gnugesser machte es sich bequem, nahm Platz auf der Bank an der einen Hüttenseite, aber er lächelte jetzt nicht und hatte auch kein Verlangen nach der Tabakspfeife. Das schwere Unwetter schien ihn, wenn auch nicht zu ängstigen, so doch mit einigem Unbehagen zu erfüllen. Oft genug hatte er den Admonter Fachmann gemahnt, endlich auf der Pyrgas-Jagdhütte den Blitzableiter anzubringen, doch dem Manne war bisher der Weg hinauf zur einsamen Höhe zu weit gewesen. So wetterhart Gnugesser war, vor Blitzschlägen hatte er einen gewaltigen Respekt.

Unbekümmert um den schweren Sturm, der sich vergeblich bemühte, die Hütte umzureißen, zündete sich Hartlieb eine Zigarre an, und zum Dank für das wohlige Herdfeuer spendete er dem Jagdgehilfen einen Glimmstengel, den Eichkitz katzbuckelnd, dankend entgegennahm und sofort in Brand steckte.

Eine Weile herrschte nächtliche Finsternis um die sturmumtoste Hütte. Im Herdraume waren nur die roten Punkte der glimmenden Zigarren und zuweilen aufzuckende Flämmchen im Ofen zu sehen.

Dann ließen Hagel und Regen nach, es wurde lichter. Dafür umwallten schwere Nebelschwaden die Hütte.

Eichkitz öffnete nun die Fensterläden auf der Wetterseite. Eisigkalte Luft drang herein, so daß der Jäger die Fenster schleunigst wieder schloß.

Auf dem Alpboden wogte ein Nebelmeer, weiß wie um Weihnachten war der Grund, vom Hagel bedeckt. Kalt pfiff der Höhenwind. Doch der Sturm hatte ausgetobt; ihm folgte ein feiner Regen.

Hartlieb nahm jetzt die Besichtigung des neuen Anbaues vor, gefolgt vom Forstwart und Jäger. Und auf den ersten Blick gewahrte der Oberförster den Mangel eines Ofens im Wohnraume des Zuhäusels. Hartlieb wandte sich an Gnugesser mit der Frage, ob der Ofen rechtzeitig bestellt worden sei. Mit einem Lächeln des ruhigen Gewissens antwortete der Forstwart: „Wohl, wohl, Herr Oberförster! Rechtzeitig bestellt, selbstverständlich sofort, wie ich den Auftrag erhalten habe! Aber die Handwerksleut sind halt so langsam! Und von selber kommt der Ofen halt nicht herauf zur Pyrgas-Hütt’n!“

„Der Teufel soll die Kerle holen! Demnach sind vermutlich auch in den anderen Anbauten die Öfen noch nicht aufgestellt? So eine verdammte Schlamperei! Und jeden Tag kann die Fürstin ankommen! Wird ein Aufenthalt auf einer der Jagdhütten befohlen, so haben wir das höllische G’frett gleich zum Beginn der neuen Herrschaft! Der Hausmarschall wird zetern, daß uns die Ohren sausen!“

Auf Gnugessers bartumwucherten Lippen erstarb das Lächeln, da er stotterte: „Wohl, wohl! Sein tuets ein Öllend mit die Handwerksleut! Und die neue Ära fangt schief an!“

„Veranlassen Sie morgen früh in Admont alles Nötige wegen der Ofenlieferung! Treten Sie die Kerle, bis sie quietschen! Es muß alles zusammen helfen, auf daß der Befehl vollzogen ist, bevor die neue Gebieterin erstmals heraufkommt! Sie sind mir verantwortlich, Herr Forstwart! Verstanden?“

„Wohl, wohl!“ stammelte Gnugesser in sichtlichem Unbehagen.

Hartlieb wandte sich zum Jagdgehilfen und rügte mit scharfen Worten die ungenügende Revierkontrolle wegen des hochgegangenen Kleinviehes. „Dieser Unfug darf nicht geduldet werden! Sie müssen doch als Jäger wissen, daß die Gams die Witterung von Ziegen und Schafen absolut nicht vertragen! Ausgebrochenes und hochgegangenes Kleinvieh muß entweder gepfändet oder erschossen werden, auf daß die Eigentümer für bessere Beaufsichtigung sorgen! Erstmals pfänden gegen Auslösung im Jagdamt zu Hall! Nützt das nichts, so machen Sie von der Waffe Gebrauch und schießen das hochgegangene Kleinvieh kurzerhand ab! Die Jagdgehilfen sind für die Reinhaltung der Reviere verantwortlich!“

„Zu Befehl!“ erwiderte Eichkitz.

„Sie sind jetzt ein für allemal gewarnt! Ich dulde keine Schlamperei im Dienst und Revier!“

„Zu Befehl! An mir wird’s nicht fehlen! Je schärfer wir aber vorgehen, desto rabiater und aufsässiger werden die Almbauern werden! Wo uns Jaagern von den Leuten eh bereits nichts mehr an Milch und Butter abgegeben wird! Ich bitt g’horsamst: Dürfen wir es zunächst nicht im Guten, mit Verwarnungen versuchen?“

Scharf klang Hartliebs Antwort: „Wie Sie es machen, das ist mir egal! Ordnung muß herrschen! Denken Sie gefälligst mehr an Ihren Dienst! Sehe ich noch mal hochgegangenes Kleinzeug im Revier, so haben Sie die Kündigung zu gewärtigen!“

Von dieser Androhung erschreckt, bat der schmucke Jäger um Verzeihung, und eifrig gelobte er schneidiges Vorgehen.

„Wird gut sein in Ihrem eigenen Interesse! – Wie haben sich die Zimmerleute beim Bau des Zuhäusels verhalten?“

„Zu dienen, Herr Oberförster! Ich bin fleißig um die Weg g’wesen, ist niemand weiter als höchstens zur Schneemulde am Großen Pyrgas gekommen! Ich glaub nicht, daß die Gams besonders beunruhigt worden sind! Touristen hab ich nach Möglichkeit abgewiesen!“

„Bis auf weiteres bleibt jeder Durchgang in den Hochrevieren gesperrt! Will die Fürstin den Jochbummlern das – Gamsversprengen erlauben, so ist das Sache der Gebieterin! Die Jägerei wird hierüber verständigt werden! Einstweilen ist jeder Tourist ausnahmslos aus den Revieren auszuweisen! Bei Aufstellung des Ofens in der Pyrgas-Hütte haben Sie die Aufsicht zu führen, jede Revierbeunruhigung nach Möglichkeit zu verhindern! – So, nun begleiten Sie uns in die Steinschütt!“

Die Herren kehrten in die alte Hütte zurück, indes Eichkitz das Zuhäusel sorgfältig versperrte.

Säuerlich lächelnd meinte Gnugesser: „Mit Verlaub, Herr Oberförster! Ich hab g’meint, wir bleiben über Nacht in der Pyrgas-Hütte...! Wo es doch regnet!“

„Das wäre sinnlose Zeitvergeudung! Wir gehen noch am Abend über Schottenboden und Assangeralp zur Million-Hütte, wo wir den Hausmarschall treffen werden. Der Regen kann uns nicht abhalten! Und Ihnen kann fleißige Bewegung nur nützlich sein; je eher Sie tannenschlank werden, desto besser für Sie! Ich fürchte sehr, daß die neue Gebieterin wegen Ihres Bäuchleins Schlüsse auf – Bequemlichkeit und üppiges Leben ziehen wird!“

„Ach, du lieber Himmel! Bei dem mageren Gehalt und strengen Dienst ein – üppiges Leben! Und wo meine Frau zudem keine – Kochkünstlerin ist!“

Ein sarkastisches Lächeln huschte über Hartliebs Gesicht, und ein ironischer Blick streifte Gnugessers Wanst.

Rucksäcke und Gewehre wurden umgehangen. Auch Eichkitz hatte sich marschfertig gemacht; er löschte das Herdfeuer und schloß die Hütte ab, nachdem die Herren ins Freie getreten waren.

Kalt pfiff der Wind, trostlos in Fäden träufelte der Regen hernieder. Unter den schweren Bergschuhen knirschten die Hagelkörner auf dem Alpboden.

Der vorausstapfende Jäger Eichkitz nahm die Richtung zur nebelerfüllten Felswildnis der Steinschütt, elastisch schreitend, doch arg verdrossen.

Hartlieb erkannte sofort, daß bei dem schlechten Wetter auf einen „guten Anblick“ nicht zu rechnen, der Marsch in die Schütt ganz zwecklos war. Deshalb schickte er den Jäger zurück und wanderte mit dem Forstwart auf steinigen, teils mit Schloßen bedeckten, teils vermurten oder ausgewaschenen Pfaden durch Regen, Wind und Nebel den Weg zurück zur Plechauer-Alp und dann hinüber zum Schottenboden. Das Ziel war die sogenannte Million-Hütte im Bereiche des Stadlgrabens, wo die besten Hirsche stehen.

Spätabends erreichten die durchnäßten Förster die einsame Hütte, die gleichfalls einen neuen Anbau für Damen aufwies. Wider Erwarten war die Million-Hütte verschlossen, der Hausmarschall der Fürstin Sophie von Schwarzenstein, Graf Thurn-Valsassina von Villalta und Spessa, mit dem Jäger Xandl noch nicht angekommen.

Dienstwillig suchte Gnugesser den Hüttenschlüssel in der Holzschicht an der Seitenwand der alten Hütte und schloß auf. Kalte Luft wehte entgegen. „Wird gleich warm werden!“ rief der Forstwart, der schnell Gewehr und Rucksack ablegte und im Sparherd Feuer anzündete. Dann holte er vom nahen Brünnlein Wasser herbei und stellte es in einem Topf darauf. Hartlieb entnahm seinem Rucksack zwei kleine Konservenbüchsen mit Gulasch, eine Flasche Bier und Brot.

Als das Wasser zischte und brodelte, wurden die Konservenbüchsen in den Topf gelegt. Wenige Minuten später war die Kocharbeit beendet. Mit einer Blechschere öffnete Hartlieb die Büchsen, denen ein würziger Duft entstieg.

Gnugesser schnupperte wohl wie ein windender Jagdhund, lehnte aber die Einladung zum Mitessen dankend ab und begnügte sich mit dem mitgeführten Stück Speck und Schwarzbrot.

„Wie Sie wollen! Mögen Sie Gulasch nicht?“ fragte Hartlieb.

„Schon, aber nur in der Nähe von einem Wirtshaus!“

„Ach so! Von wegen dem Durst, den der Paprika erzeugt? Na, in Konserven ist nur sehr schwacher Paprika enthalten, und zum Durstlöschen gibt es ja Wasser genug! Ich werde die zweite Portion für den Grafen aufbewahren, falls er keinen Proviant bei sich haben sollte!“

An seinem Speck kauend, richtete Gnugesser im Heuboden oberhalb des Herdraumes ein Lager zur Nachtruhe her. Dann kehrte er in das Wohn- und Kochstübchen zurück und fragte, ob er, da der Graf wahrscheinlich nicht kommen werde, heimgehen dürfe.

Ironisch fragte Hartlieb: „Treibt Sie denn sehnsüchtige Liebe nach Hause?“

„Ich bitt, Herr Oberförster! Wo ich doch schon zwei Jahr verheiratet bin! Ich hab nur gemeint, Sie benötigen mich nicht für Abend und Nacht!“

„Ich allerdings nicht! Kommt der Graf doch noch, so könnte es sein, daß er Sie morgen um die Führung bitten will! Kommt er heute nimmer, so hätte Ihre Anwesenheit allerdings keinen Zweck!“

„Will denn der Graf pirschen auf Hirsche? Bei diesem Wetter wird er keinen Wedel äugen können! Was will er sonst heroben?“

„Weiß ich nicht! Vielleicht nur ein Inspektionsgang, Kontrolle, ob alle Jagdhütten den Damen-Anbau vorschriftsmäßig erhalten haben!“

„Ist g’spaßig, daß unser Jagdbetrieb nun – verweiblicht werden soll! Ein Frauenzimmer als – Jagdherr! Ich kann mir nicht denken, wie das geht! Die Jaager stecken auch die Köpf zusammen und tuscheln darüber!“

Hartlieb trat vor die Hütte, lauschte, kehrte zurück und stellte es Gnugesser frei, nach Hause zu gehen.

Die Gelegenheit, über die neuen Verhältnisse mit dem Vorgesetzten zu sprechen, wollte der Forstwart nun doch nützen. Er steckte die kleine Petroleumlampe an, schloß die Fensterläden und bat, Gesellschaft leisten zu dürfen.

„Aber die teure Gattin?“

„Wird nicht sterben, wenn ich über Nacht ausbleibe! Dergleichen kommt ja öfter vor in unserem Beruf! Mit Verlaub, glauben Sie, Herr Oberförster, daß wir mit gleichem Gehalt übernommen werden? Hat der Hausmarschall darüber nichts gesagt?“

„Bis jetzt keine Silbe! Ich denke, die Käuferin des Jagdgutes wird froh sein, tüchtiges und geschultes Personal übernehmen zu können!“

„Wohl, wohl! Was aber, wenn das Gehalt etwas reduziert würde? Das wär für uns doch recht bitter! Für die verheirateten Beamten nämlich! Sie, Herr Oberförster, brauchen als lediger Mann sich da weniger zu sorgen...“

„Verbürgen kann ich nichts! Beruhigen Sie sich nur! Wegen der Löhne und Gehälter muß ich ja gefragt werden, und ich werde selbstverständlich dafür eintreten, daß in dieser Beziehung alles beim alten bleibt!“

Gnugesser lächelte und glättete seinen fuchsigen Patriarchenbart, nun ihm der größte Stein der Sorge von der Brust fiel. Und zutraulich meinte er: „Noch schöner tät es sein, wenn Sie, Herr Oberförster, eine Gehaltsaufbesserung durchsetzen könnten! Für mich gleich nur zweihundert Kroneln, eine Wohltat wäre das für meine Verhältnisse!“

„Mit einer Aufbesserung darf man der Fürstin bei der Übernahme des Besitzes nicht kommen! Um so weniger, als sie teuer, zu teuer gekauft hat!“

„So? Hätt sie doch die Finger davon gelassen! Wenn man denkt: Auf den Jagdherrn Grafen Lichtenberg, der freilich nur Pächter war, ein Frauenzimmer als Gebieterin in Jagdangelegenheiten – – der Magen könnt sich umdrehen! Jagdlicher Damenbetrieb! Unmöglich, nicht auszudenken!“

Hartlieb streifte die Asche von seiner Zigarre und wollte dem Forstwart eben raten, das Zünglein zu hüten, da wurden Schritte laut, die sich der Hütte näherten.

Gnugesser stand auf und eilte hinaus.

Auch der Oberförster erhob sich und öffnete die Türe, damit die Angekommenen etwas Licht zur Orientierung haben sollten.

„Guten Abend!“ grüßte eine hohe schlanke Gestalt in dunklem Lodengewande. Graf Thurn-Valsassina, der weißhaarige Hausmarschall und Hofchef, reichte den Beamten die Hand und entschuldigte das arg verspätete Erscheinen mit dem Hinweise auf das Unwetter, das zu unfreiwilligem Aufenthalt in der Griesweber-Hochalm gezwungen hatte.

Hartlieb bat den Grafen, in die warme Stube einzutreten und vorliebzunehmen mit dem Wenigen, was geboten werden könne.

Der Hausmarschall trat in die schwacherleuchtete Stube und rief: „Oh, wie wohlig warm! Das ist wirklich sehr behaglich! Ich bitte Sie, meinetwegen keine Umstände zu machen! Proviant habe ich mit im Rucksack, den mein wackerer Begleiter, der brave Xandl, trägt! Wir wollen in der Bergeinsamkeit brüderlich teilen! He, Xandl, antreten und auspacken!“

Mit seinem schönsten Lächeln auf den bebuschten Lippen griff Gnugesser, der fuchsige Gnom, ein, indem er dem großen Jagdgehilfen Xandl den Rucksack abnahm und zuflüsterte: „Gschwind den Herrn bedienen! Stiefel ausziehen!“

Hartlieb legte inzwischen Holz im Herde nach, so daß es alsbald knisterte.

Flink kniete Xandl, ein Koloß von einem sonnverbrannten Menschen, vor dem Hausmarschall nieder und bat: „Haben S’ die Gnad, Herr Graf, und lassen S’ Ihnen die schweren Schuach ausziehen! Einen Haxen nach dem andern, wenn’s g’fällig ist!“ Und flink löste er die Schuhriemen auf.

„Ei ei, wie geschult doch der Xandl im Kammerdienst ist!“ meinte schmunzelnd Graf Thurn.

Gnugesser fischte aus dem Inhalt des Rucksackes die Hausschuhe heraus und überreichte sie dem Hofchef.

Zu dritt nahmen die Herren am kleinen Tische Platz, indes Xandl sich bescheiden auf die Bank an der Wand setzte und an einem Stück Schwarzbrot kaute.

„So ist’s nicht gemeint, Xandl! Auch der brave Führer und Jägersmann gehört an den Tisch! Vorerst aber bringen Sie uns den Wein und den kalten Aufschnitt!“

Brüderlich wurde alles geteilt. Der Höflichkeit halber nahmen die Beamten die Happen Schinken zur Brotschnitte dankend an, ebenso den Schluck Ungarweines. Hartlieb schenkte die Gulaschportion dem Xandl, dem das Gesicht vor Freude leuchtete. „Werd ich gleich Kuchelmadel machen und aufkochen! Vergelt’s Gott, Herr Oberförster!“

Graf Thurn erzählte, daß er nach der Inspektion einiger Hütten zur Gamsquöhn aufgestiegen sei, vom Gewitter überrascht wurde, in der Hochalm lange wartete, dann in den Falkennotgraben gestiegen sei, um dann nach zeitraubender Kraxelei den Stadlgraben zu erreichen. „Es ist ein wundervolles Gebiet, aber scharf und strapaziös! Der Dienst und wohl auch die Jagdausübung wird in den Revieren der ‚Haller Mauern‘ nicht leicht sein! – He, Xandl, die Zigarren!“

Gnugesser blinzelte dem Oberförster zu, als Graf Thurn die Bemerkung über Dienst und Jagdausübung in den Revieren gemacht hatte. Doch Hartliebs Antlitz blieb unverändert. Auch enthielt er sich jeder Äußerung. Die Zigarrenspende Thurns nahm er mit einer leichten Verbeugung an, während Gnugesser und Xandl laut dankten.

Graf Thurn fragte, ob in allen für die Fürstin bestimmten Anbauten, so wie in den Kochzimmern gleichfalls eiserne Öfen aufgestellt seien.

„Sie sind längst bestellt, werden nächster Tage zur Aufstellung gelangen!“ erwiderte Hartlieb.

„Schön! Machen Sie die Sache eilig, denn Durchlaucht werden in allernächster Zeit ankommen! Und einmal in Hall, ist man keine Stunde sicher, daß ein Hüttenbesuch befohlen wird! Bei Eintritt groben Wetters wäre es sehr fatal, wenn Durchlaucht in einer Hütte frieren müßte!“

Gnugesser hatte den Mund angelweit offen, sosehr interessierte ihn jedes Wort. Und plötzlich rutschte ihm die Frage heraus, ob die Fürstin von der Jagd etwas verstehe.

„Herr Forstwart, ich bitte Sie, jede indirekte Frage zu unterlassen!“ bemerkte rügend Hartlieb, und ein scharfer Blick flog zu Gnugesser hinüber.

Begütigend meinte Graf Thurn: „Nicht doch! Das Interesse der Forstbeamten für die neue Herrin ist ja begreiflich! Und hier unter uns Männern hat es nichts auf sich, wenn Fragen gestellt werden! Die Fürstin hat zu Lebzeiten ihres Gemahls den gnädigsten Herrn oft auf Pirschgängen begleitet und, soviel ich weiß, manchen Hirsch mit gutem Blattschuß umgelegt!“

Nun wagte auch der hünenhaft gebaute Jagdgehilfe Xandl eine Bemerkung dahin, daß ein gelegentlicher Pirschgang und ein weidgerechter Jagdbetrieb zweierlei sei. „Mit Vergunst, Herr Graf, wenn es erlaubt ist: wird die Duhrlauch selber die Jagdleitung führen, selbständig dirigieren, oder bleibt unser Herr Oberförster der Chef?“

„Das weiß ich nicht! Ich für meine Person, als Hofchef und Hausmarschall, werde mich in die Jagdangelegenheiten ganz gewiß nicht einmischen! Und falls ich gefragt werden sollte, werde ich befürworten, daß Herr Oberförster Hartlieb der Jagdleiter bleibe! Den Entschließungen der Fürstin kann natürlich nicht vorgegriffen werden! Durchlaucht ist die Gebieterin, wir haben ihre Befehle zu vollziehen!“

„Oh, Jessas!“ rief Gnugesser, und sein Bäuchlein zitterte.

„Nur keine Angst! Durchlaucht ist die Güte selbst! – Nun aber Schluß, meine Herren! Ich bin müde!“

Zu dritt kletterten die Herren auf der Leiter in den Dachboden, wo das Nachtlager im Heu bezogen wurde. Wollene Decken schützten vor der Zugluft, die durch die Balkenritzen trotz der Moosverstopfung kalt und scharf eindrang.

Xandl räumte unten auf, löschte das Lämplein und legte sich angekleidet auf die Holzbank zur Nachtruhe nieder.

Nach Mitternacht entlud sich ein Gewitter über den Stadlgraben, heftig wütete der Sturm unter schweren Regengüssen, rüttelte an der Hütte, riß grob die Türe wiederholt auf, die der aus dem Schlafe aufgeschreckte Jäger Xandl wieder schloß. Doch gegen Tagesanbruch verstummte das Sturmgeheul, das Wehen erstarb, der Regen hörte auf.

Xandl erwachte, rieb sich den Schlaf aus den Augen, und sachte öffnete er die Fensterbalken. Helles Morgenlicht und würzige Alpenluft strömten herein. Reingefegt war das Firmament, das lichtblau sich über den angeschneiten Haller Mauern wölbte. Ein prachtvoller Pirschmorgen nach düsterer Sturmesnacht. Des Jägers erster Gedanke war der seiner Führung anvertraute Graf und die günstige Chance für eine Pirsch. Aber in Erinnerung der Tatsache, daß Graf Thurn keine Büchse mitführte, wurde Xandl unschlüssig. Den herrlichen Pirschmorgen ungenützt verstreichen zu lassen, deuchte ihn eine schwere Unterlassungssünde zu sein. Als Hofchef und Hausmarschall müßte der Graf ja doch Abschußerlaubnis haben... Und die Kugelbüchse kann ihm ja der Oberförster oder der Forstwart leihen. So weckte denn Xandl die Herren mit der Meldung, daß ein prachtvoller Pirschmorgen angebrochen sei. Und hurtig machte der Jäger Feuer im Herd, um ein karges Frühstück, eine Brennsuppe zu bereiten.

Verfroren und steif in den alten Knochen kam Graf Thurn die Leiter herab, hinter ihm die Förster. Vor der Hütte wurde die Pracht des alpinen Sommermorgens, das Funkeln und Glitzern der Millionen Wasserperlen an Blattwerk und Koniferennadeln im Glanz der ersten, in den Graben blinzelnden Sonnenstrahlen bewundert.

Hartlieb bot sein Dienstgewehr für einen Pirschgang an und stellte sich als Führer zur Verfügung. Gnugesser sprach von einem guten Zwölfender, der auf dem Waschenberge stehe.

Da rief Graf Thurn: „Aber, meine Herren! Wo denken Sie hin! Ohne spezielle Erlaubnis werde ich mich hüten, eine Büchse auch nur in die Hand zu nehmen, geschweige denn auf irgendwelches Wild Dampf zu machen! Erst muß die Gebieterin ihren Besitz angetreten, das Jagdgut übernommen haben! Dann werden wir schon hören, ob uns die Bejagung eines Revierteiles gestattet wird oder versagt bleibt! Zur Hütteninspektion bin ich heroben, nicht zum weidwerken! Drum: hands off!“

Diesmal wechselte Hartlieb mit Gnugesser einen vielsagenden Blick.

Xandl aber platzte heraus: „Also wird die Duhrlauch – schußneidisch sein! Sell geht grad noch ab!“

Graf Thurn ignorierte diese Bemerkung und fragte, ob ein warmer Schluck, egal was, zum Frühstück zu haben sei.

Ganz Kuchelmadel, Kammerdiener, Küchenchef in einer Person, offerierte Xandl: „Haben S’ die Ehr, gnädig Herr Graf, die Brennsupp’n ist serviert! Aber noch heiß, verbrennen Sie Ihnen nicht die Lefzen! Wär schad drum! Wo Sie einen so schönen weißen Schnauzer haben!“

Mit Behagen wurde die Brennsuppe, der nur das Salz fehlte, geschlürft.

Da Graf Thurn auf die Fortsetzung der Hüttenbesichtigung verzichtete, traf Hartlieb seine Dispositionen: Gnugesser erhielt Auftrag, wegen schleunigster Ofenlieferung nach Admont zu gehen, Xandl solle in der Hütte aufräumen und hiernach Dienst machen in den oberen Revieren und im Gebiete des Natterriegel vorwitzige Gamsversprenger wegstampern, für absolute Ruhe im Gamsrevier sorgen. Wenn nötig, unter Anwendung von Gewalt.

„Na, schön! Wie disponieren Sie, Herr Oberförster, über sich und mich?“ fragte Graf Thurn.

Lächelnd meinte Hartlieb: „Über den Herrn Hofchef hat wohl der Jagdleiter am allerwenigsten zu verfügen! Wenn Sie aber, Herr Graf, erlauben, möchte ich Sie durch unsere schönsten und besten Reviere geleiten, Ihnen zeigen, daß wir einen gutgehegten Wildstand haben! Weidmännisch gesprochen: Einen ausgiebigen ‚guten Anblick‘ mit viel ‚roten Fleckerln‘ möchte ich Ihnen verschaffen!“

„Topp, einverstanden! Freilich wird es schmerzlich sein, bei ‚gutem Anblick‘ den Finger nicht krumm machen zu dürfen! Also gehen wir!“

Vor Gnugessers Abgang fragte Hartlieb noch, wie weit die Schlägerungsarbeit auf dem Raschanger gediehen sei.

„Wird heute beendet werden! Ich werd nachmittag kontrollieren! Mit Vergunst, Herr Oberförster, darf ich dem drängelnden Simerlbauern den erbetenen Schindelstamm anweisen! Ist ein zudringlicher Mensch!“

„Wenn wirtschaftlich kein Hindernis besteht, daß der betreffende gewünschte Stamm wegkommt und der Stamm zur Taxe bezahlt wird, kann angewiesen werden! Entspricht der Baum nicht, so geben Sie ihn als Prügelstamm weg, aber nicht unter der üblichen Taxe!“

„Ist recht! Darf ich mir bei dieser Gelegenheit auch den Zangerlbauern durch Befriedigung seines Wunsches – er möchte drei Schnitthölzer zu einem Schlafzimmerboden erhalten – vom Halse schaffen? Tanne oder Fichte?“

„Ist egal, je nachdem Stämme passend stehen! Halten Sie sich aber knapp und die Bauern kurz! Gott befohlen!“

„Empfehl mich, Herr Oberförster!“ Und zum Hofchef gewendet, verabschiedete sich der Bäuchleinträger mit österreichisch-höflichem „Küß d’ Hand, Herr Graf!“

Eine erquickende, zuweilen freilich nasse Wanderung durch triefende Gräser, durch kühle Wälder war es. Diana zeigte sich gnädig und gönnte den Herren manchen „guten Anblick“ von eleganten Rehböcken, von einem guten Zehnender mit hohem, weit ausgelegtem Geweih. Mehr als ein Dutzend Stück Hochwild ließ die Göttin vorüberwechseln.

Für Berghirsche waren die Geweihträger wirklich gut zu nennen.

Graf Thurn hielt mit anerkennenden Worten für den Heger nicht zurück, doch bat er den „Anblicks“-Gang abzubrechen. „Es berührt auf die Dauer doch schmerzlich, wenn – die Jagderlaubnis fehlt!“

Hartlieb nickte zustimmend. Aber gute Gams wollte er dem Hofchef noch zeigen. Und dabei erproben, ob Graf Thurn – steigen könne. Weit war im Gebiet der Haller Mauern nicht zu wandern, aber steil ist dieses hochragende Kalkgebirg. Leicht und geräuschlos, für sein Alter erstaunlich gut und sicher, stieg Graf Thurn, und die Freude an der großartigen Alpennatur, das Interesse für das Krickelwild leuchtete aus seinen Augen.

Nach kaum zweistündigem Aufstieg wurde ein prächtiges Plätzchen erreicht; ein verhältnismäßig breites Latschenfeld, durchzogen von einzelnen grünen Grasflecken, breitete sich aus und zog zu grauweiß leuchtenden Wandeln hinauf.

Hartlieb trat vorsichtig hinter einen Fichtenboschen und lud durch eine leise Kopfbewegung den Begleiter ein, sich an seine Seite zu stellen. Graf Thurn folgte dem Oberförster und stand wie angemauert, als sich vorne ein gelbgrauer Fleck aus dem Krummholz emporschob, ein starker Gams, der ein Weilchen äste, dann aber den Grind hob und mißtrauisch zu äugen begann. Um den Kapitalen wurde es lebendig, sieben, acht Gams kamen aus den Latschen, schüttelten sich die Regentropfen aus der fahlen Sommerdecke, sonnten sich behaglich im warmen Licht und guckten den sichernden Bock verwundert an. Die Kitze hatten Hunger und ästen alsbald, zupften eifrig an den Spitzen der saftigen Gräser, treulich behütet von den Mamas, die immer wieder aufwarfen und auf den kapitalen Bock äugten.

Der herrliche „gute Anblick“ machte den Grafen zittern vor Jagdlust. Hartlieb, an derlei gewöhnt, stand starr wie eine Bildsäule. Thurn verlor die Herrschaft über sich. Eine winzige Bewegung von Kopf und Hand genügte: der Kapitale empfahl sich und verschwand plötzlich in den Latschen, deren Äste über ihm zusammenschlugen und einen Sprühstaub von glitzernden Tropfen in das Sonnenlicht warfen. Eiligst ahmten Geißen und Kitze das Beispiel nach...

Seufzend verließ Thurn diese Stätte und folgte dem Jagdleiter auf der Wanderung zu Tale. Stumm, hochbefriedigt, dankbar. Und mit der Hoffnung in der Brust, daß die Gebieterin vielleicht doch ein Teilchen dieser Idealreviere zur Bejagung freigeben werde...

Zweites Kapitel

Dem Befehl entsprechend war der hünenhafte Jäger Xandl wohl in die obersten Reviere gestiegen, aber mit dem Marsche zum Felsgewirr des „Natterriegel“ eilte es ihm nicht. Viel wichtiger hielt er eine Aussprache mit dem Kollegen Eichkitz, dem er erzählen wollte, was in der Million-Hütte an Neuigkeiten zu hören gewesen war. Deshalb stapfte Xandl pfadlos durch das steinige Gebiet des „Scheibling“ und suchte mit dem Fernrohr das Gstattmaier-Revier ab, hoffend, den Kollegen irgendwo sehen zu können. Diese Erwartung erfüllte sich nicht. Einen Besuch der Pyrgas-Hütte mußte sich Xandl versagen, der Dienst erlaubte eine solche Zeitvergeudung nicht. Und mit dem unerbittlich strengen Jagdleiter Hartlieb war nicht zu spaßen. Aber ein Mittel zur Verständigung des Kollegen wußte Xandl doch: Deponierung einer schriftlichen Nachricht in der tiefer gelegenen Plechauer-Alm, wo Eichkitz sicher in den nächsten Tagen einkehren wird. Der Höhenverlust hatte für einen Jäger nicht viel zu bedeuten. Also stieg Xandl zur Plechauer-Alm herab. In der Hütte traf er den schönen Eichkitz in eifriger Unterhaltung mit der schmächtigen Sennerin Burgl, die einen Schreckensschrei ausstieß, als Xandl plötzlich auftauchte und spottlustig rief: „Tue mir nix, ich tue dir auch nix!“

Eichkitz ließ sich nicht in Verlegenheit bringen, vom Kollegen hatte er keine Unannehmlichkeiten zu befürchten; gelassen meinte er: „Je, der Xandl! Bist natürlich – dienstlich da, wie ich!“

Die Sennerin benutzte die Gelegenheit, das Kämmerlein zu verlassen, und machte sich vor der Hütte zu schaffen.

„Dienstlich grad nicht! Hab dir einen Zettel bei der Burgl hinterlegen wollen, die große Neuigkeit, wo der Graf Thurn, der wo der Hofchef von der Duhrlauch ist, in der Million-Hütt’n verzählt hat!“

„Schieß los!“ meinte Eichkitz und zupfte an seinem Bärtchen.

„Ja! G’sagt hat er, der Graf, er hätt bis jetzt keine Abschußerlaubnis! Ausschauen tuets akrat so, als tät die Fürstin – schußneidisch sein! Spannst was, Eichkitz?“

Gelassen erwiderte der hübsche Bursch: „Ich wüßt nicht, warum ich darüber heiß werden sollt! Wir kriegen ja doch keine Abschußerlaubnis! Und ob der Graf jaagern darf oder nicht, das kann uns wurscht sein!“

„Ich bin der Meinung, daß es schief geht, wenn die Duhrlauch schußneidisch ist! Das gang grad noch ab!“

„Bist irrig, Xandl! Ist die Fürstin wirklich schußneidisch, so haltet sie was auf ihre Jagd! Das kann uns nur freuen!“

Xandl schüttelte den Kopf. „Ist überhaupt zwider, daß wir keinen Herrn nimmer haben! Weiberwirtschaft im Jagdbetrieb, der Teufel soll s’ holen!“

„Bist irrig, Xandl! Justament das Weiberregiment g’fallt mir!“

„Ah na! Wird nicht sein! Weiber haben verdammt viel Mucken und Launen!“

„Das schon! Kann auch zuweilen höllisch zwider sein und werden! Aber weil die neue Besitzerin ein Weib ist, kann derjenige nur profitieren, der es versteht, das Weib zu behandeln!“

„Jessas, na! Wie du daherredest so leicht und ausg’schamt! Du bist nur ein Jaager, und sie eine wirkliche Fürstin! Die wird sich in Ewigkeit nicht von dir behandeln lassen! Gstampert wirst katschaus in der ersten Minut, wo du anfangst, frech z’ werden!“

„Bist wieder irrig, Xandl! Von Frech-werden ist keine Red! Im Gegenteil! Demütig sein, katzbuckeln, einschmeicheln, vorsichtig anpirschen, und grad nur das reden, was sie gern hört, die Duhrlauch! Z’viel von der Jagd wird sie eh nicht verstehen! Versteht sie aber gar nix, ist es noch besser! Um so leichter laßt sie sich anbleameln...!“

„Wo der Oberförster so streng und scharf ist!“

„Bist wieder irrig! Ich glaub, die strenge harte Zeit für uns ist bereits vorbei! Und beim Weiberregiment wird der hantige Hartlieb mit sich und seiner Stellung Arbeit g’nug haben! Sauer wird ihm sein Dienst werden! Für uns aber wird es besser und leichter! Wenigstens ich spekulier darauf!“

„Wenn du dich nur nicht verspekulierst!“

„Keine Sorg, Xandl! Auf die Weiberbehandlung versteh ich mich! Der Fürstin wird die b’sonders schwache Seit’n wohl auch und bald abzugucken sein! Da ist mir nicht bang!“

„Tue, was du willst! Ich verbrenn mir die Finger nicht! Und jetzt muß ich springen, muß Dienst machen auf ’m Natterriegel!“

„Dank schön für die Botschaft! Sag nichts, daß wir uns ’troffen haben! Der Hartlieb wird eh immer fuchtig, wenn er merkt, daß Jaager bei Sennerinnen einkehren! Eh schon wissen! Aufs Wiederschauen gelegentlich! B’hüt dich, Xandl!“

„Auch soviel!“ Xandl verließ, die Sennerin kurz grüßend, die Alm in unbehaglicher Stimmung. Für die Art, wie Eichkitz die Lage auffaßte, fehlte es dem Hünen an dem nötigen Verständnisse. Xandl fürchtete sich geradezu vor dem Weiberregimente im Jagddienst.

Eichkitz griff nach Büchse und Bergstock, um den Reviergang fortzusetzen.

Die Sennerin Burgl hantierte am Brunnen und rief spöttisch: „Pressiert es jetzt auf einmal mit dem Dienstmachen? Was haben denn die Jaager so Wichtiges zu verhandeln g’habt?“

„Der Xandl fürchtet sich so vor der Fürstin!“ antwortete ironisch der hübsche Jäger.

Burgl ließ das Wasserschaffl fallen und trippelte auf Eichkitz zu. „Was sagst?“

„Fürchten tuet er sich vor der Duhrlauch!“

„Warum denn? Ist die Fürstin etwa ein harbes Weib?“

„Derweilen wissen wir noch gar nix!“

„Schaden könnt es nix, wenn sie einen gewissen Jaager z’sammenstauchen tät! Von wegen Hoffart und Eitelkeit! Ist ja ganz aus der Art, wie du mit die Weiberleut umspringst! Kein bisserl Achtung vor dem weiblichen Geschlecht! So ein Sausewind! Gleich immer aufs Verführen aus! Schamst dich nicht?!“

„Wüßt nicht warum! Küß d’Hand, gnä Fräuln!“ spottete Eichkitz.

Nun erzürnt, sprang Burgl in die Hütte.

Der hübsche Jäger wanderte über den grünen sonnigen Almboden und lachte in sich hinein: „Wirst schon noch zahm werden, Wildkatzl!“

*

Als der Forstwart Gnugesser sein Falstaff-Bäuchlein zum Wiedschlag auf dem Raschanger hinaufschleppte, seufzend und nach Luft schnappend, warteten bereits zwei spindeldürre Bergbauern auf ihn, der Simerl und der Zangerl, rauchend, mit Tabak ordinärster Sorte die Waldluft verpestend. Und sogleich lamentierten sie, mit dem Warten soviel Zeit verloren zu haben.

In seiner Herzensgüte entschuldigte sich Gnugesser, daß er beim besten Willen nicht früher habe kommen können; der Weg nach Admont und über Hall zurück und zum Raschanger sei weit und beanspruche Zeit. „Dafür soll nun jeder geschwind sein Holz angewiesen bekommen!“

„Nur nix übereilen! Ich bitt, geben S’ mir den Schindelstamm mehr herunten, wo die Bringung leichter ist und nicht soviel Zeit, Müh und Geld kostet! Wo ich den Stamm auch noch zahlen muß!“ meinte der Simerl und begann nun, der Bergsohle zustapfend, einen schönen Baum zu suchen. An jeder Fichte hatte der Bauer etwas auszusetzen, kein Stamm war ihm schön und astfrei genug. Und immer maulte der Simerl: „Wo ich den Stamm zahlen muß!“

Lächelnd mahnte Gnugesser zur Eile und Zeitersparnis. „Such dir die Fichte aus, aber bald! Der Zangerl möchte ja auch heute noch seine Schnitthölzer! Und ich möcht dann meine Ruh bekommen!“

Endlich hatte Simerl einen Stamm gefunden, von dem er glaubte, daß die Fichte zu Schindeln gehe. Simerl nahm die Untersuchung vor, langsam und umständlich, bis festgestellt war, daß der Baum „gut kliebe“. Und nun wollte Simerl den Stamm sofort gefällt haben.

„Mußt schon warten, bis die Holzer von oben kommen! Morgen wird der Stamm gefällt werden! Aber vorher mußt die Tax in der Kanzlei des Oberförsters zahlen!“

Davon wollte Simerl aber nichts wissen. Aus dem Gejammer merkte Gnugesser, daß es dem Bauern darum zu tun war, den Stamm zu erhalten, das Geld dafür aber schuldig zu bleiben. Infolge dieser Wahrnehmung unterließ es der pflichttreue Forstwart, die ausgesuchte Fichte anzuplätzen.

Simerl sah sich durchschaut und ging fluchend heim.

Der gleichfalls zaundürre Zangerl holte die forstamtliche Quittung hervor zum Beweise, daß er den Betrag für drei Schnitthölzer bereits erlegt habe.

„Gut! Dann hat die Auszeigung einer schönen astfreien Tanne keine Schwierigkeit!“ versicherte Gnugesser und machte sich auf die Suche eines besonders kräftigen Baumes.

Da begann aber der Zangerl zu zetern und zu protestieren mit einem ungeheuerlichen Wortaufwand. Mit aller Entschiedenheit wehrte er sich gegen die Zuweisung einer – Tanne. „Wo ich Holz brauch für den Boden der Schlafkammer. Einen tänneren Boden will ich nicht und nehm ich nicht! In Ewigkeit nicht! Wo ich die Tax bereits bezahlt hab!“

Verwundert fragte Gnugesser, warum denn der Bauer Tannenholz nicht nehmen wolle.

Ein Blick unsäglichen Bedauerns, einer Geringschätzung ob solchen Mangels an Wissen streifte den Forstwart. Im belehrenden Tone erklärte Zangerl: „Will der Herr ein Forstwart sein und weiß nicht, daß im tännernen Holz die Flöh wachsen!“

Gnugesser lachte aus vollem Halse. Und schluckend versicherte er, davon bis jetzt nichts gewußt zu haben.

„Solche Leut sein Förster! Tannenholz erzeugt Flöh, das weiß jeder Bergbauer, nur der Forstwart weiß es nicht! Also die Tann nehm ich nicht! Ich will einen fichtenen Stubenboden!“

Benjamin Gnugesser lachte, daß sein Bäuchlein hüpfte. „Kannst eine astreine Fichte haben! Wir vom Forstamt wollen es nicht verantworten, daß der Zangerlbauer samt Familie von den Flöhen aufgefressen wird!“

Fast eine Stunde verfloß, bis Zangerl eine Fichte gefunden hatte, die seinen Ansprüchen genügte. Dieser Stamm wurde dann vom Forstwart mit dem Plätzhammer gemerkt und zur Fällung angewiesen.

Damit hatte das Tagwerk Gnugessers ein Ende. Müde trollte er hinunter zum Forsthause beim Dörflein Hall.

Ein alter Quadernbau mit neuem Ziegeldache am Sträßlein, beschattet von Fichten; „Steinkasten“ pflegte der Forstwart dieses Dienst- und Wohngebäude zu nennen, in dem er mit seiner ihm vor zwei Jahren angetrauten Gattin Amanda hauste. Forstwarts im Parterre, der Oberförster Hartlieb im oberen Stockwerke, wo sich auch die Forstkanzlei und das Jagdamt befinden. Hier wohnte auch zur Zeit Graf Thurn, dem Hartlieb zwei Zimmerchen hatte abtreten müssen. Straßenseitig befand sich ein Nutzgärtchen, das den Bewohnern des Forsthauses in beschränktem Maße Salat und Gemüse lieferte. Besonders gepflegt sah das Gärtchen aber nicht aus; es entbehrte wohl der sorgsamen Hand.

„Grüß Gott, Weiberl! Da bin ich endlich und nicht wenig müd und hungrig!“ rief Benjamin beim Eintritt in die Stube und hing Hut und Gewehr auf den Kleiderständer neben der Türe.

Frau Amanda zuckte überrascht zusammen und schob hastig eine Zeitung in das Nähkörbchen. „Du bist schon da?“ stieß die junge, blasse Frau aus und erhob sich, um dem Gatten einige Schritte entgegenzutrippeln. Über mittelgroß, sehr schlank, scharf geschnitten das Gesicht und die Nase, eckig die Gestalt – machte Amanda Gnugesser auf den ersten Moment einen ungünstigen Eindruck; bei näherer Betrachtung offenbarte sich jedoch die überraschende Schönheit des Auges. Große braune Rätselaugen, unergründlich, seltsam leuchtend. Wundervoll auch das rehfarbige Haar in reichster Fülle, nur mangelhaft frisiert, leichthin aufgesteckt, in Unordnung geraten. Im einfachen Kattunkleide sah Frau Amanda einem Dienstmädchen gleich, das durch Vernachlässigung der Toilette gleichgültig jeden Zauber der Weiblichkeit zerstört, weil niemand da ist, für den man sich putzen und schmücken konnte. Aus Kleidung und Körperhaltung offenbarte sich eine Gleichgültigkeit, die geradezu aufreizte, nach der Ursache zu forschen. Nur Benjamin Gnugesser fragte nie danach, er sah die Vernachlässigung, die, wenn nicht zerstörte, so doch geminderte Anmut des Weibes nicht. Er war von Anbeginn durch die Braut nicht verwöhnt worden. Entgegen dem allgemeinen Brauche, daß Mädchen sich vor Männern nur im Zustande einer gewissen Vollkommenheit in der Toilette, Frisur und sehr guter Laune sehen lassen, hatte Fräulein Amanda, damals Lehrerin, sich nie bemüht, ihr Wesen und ihre Erscheinung zu idealisieren oder Illusionen zu erwecken. Sie wollte nicht täuschen. Und als Ehefrau negierte sie rundweg die Behauptung, wonach das Eheglück um so besser gefördert werde, je vollkommener es die Gattin verstehe, den Mann in der Illusion, ein Ideal zu besitzen, ständig zu erhalten. Die Gleichgültigkeit der zum Zölibat verurteilten Lehrerin gegen Kleider, Schmuck, Tand und unzählige Kleinigkeiten hatte Amanda in den Ehestand mitgebracht. Und die Fortdauer dieser Gleichgültigkeit hatte eine bestimmte Ursache.

Scherzend erwiderte Benjamin: „Es ist nur mein Geist, der bei dir erschienen ist. Er hat aber Hunger und Durst!“

„Mußt dich schon gedulden! Die Stunde deiner Heimkehr war mir nicht bekannt, ich muß also erst kochen! Den Durst wirst wohl selber löschen können! Flaschenbier ist im Keller!“

„Dank schön für die Auskunft! Werde gleich in den Keller hinabspazieren! Vorher möcht ich aber wissen, was es zu schnabulieren gibt!“

Mit leichtem Spott sprach Amanda: „Etwas ganz Feines, Kalbsfüße!“

Benjamin schnalzte mit der Zunge, rief: „Nobel, grad nobel!“ und stapfte in den Keller.

Frau Amanda kehrte schnell an den Nähtisch zurück und verschloß die vorhin weggelegte Zeitung gleich einer Kostbarkeit in der Schublade einer Kommode, deren Schlüssel sie einsteckte. Dann begab sie sich in die kleine Küche, wo die Dunkelheit sie zwang, Licht zu machen.

Im dämmerigen Wohnstübchen leerte der Forstwart das Fläschchen Bier, entledigte sich der schweren Bergstiefel, schlüpfte in bequeme Hausschuhe und stellte sich an das offene Fenster, um zu beobachten, wie die Dämmerung mählich in die Nacht überging. Für den Forstmann und Jäger war dieses oft gesehene Schauspiel aber doch etwas langweilig. Auch knurrte der Magen, der Hunger zerstörte die Poesie des Sommerabends. Benjamin wollte sich die Wartezeit verkürzen und irgend etwas lesen. Er steckte die kleine Hängelampe an und nahm von der Kommode den dort liegenden Pack Zeitungen. Und groß wunderte er sich, wie wohl diese Zeitungen, dem Titel nach in Köln erscheinend, in die steierische Bergeinsamkeit und just in das Forsthaus Hall bei Admont gekommen sein mochten.

Eine Weile blätterte er diese Zeitungen durch, sah dann das Datum an und legte die „ollen Kamellen“ geringschätzig weg. Lektüre war sein Fall überhaupt nicht, für alte Zeitungen hatte er aber ganz und gar kein Interesse.

„Dauert das lang, bis die Kalbsfüße kommen!“ brummte der hungrige Förster. In Gedanken entschuldigte er gutmütig die Gattin, die als frühere Lehrerin ungern kochte. Daß Amanda sich so spät am Abend abmühte, Kalbsfüße zu backen, fand Gnugesser sehr nett und dankenswert.

Endlich erschien die Gattin mit der Speise. Krebsrot waren Amandas Wangen, dunkelbraun, fast schwarz gebrannt die Kalbsfüße.

Auf den ersten Blick erkannte Benjamin, daß die Kalbsfüße überhitzt gebacken und wahrscheinlich ungenießbar sein würden. Dennoch lobte er den Eifer und dankte für die Aufopferung. Und zur Belohnung wollte er das zweite Fläschchen Bier der Gattin abtreten.

Amanda lehnte ab mit dem Hinweise, daß sie grundsätzlich den Alkohol meide.

Mit Todesverachtung würgte der Gatte die außen verbrannten, innen fast noch rohen Kalbsfüße hinab und goß mit allerdings verdächtigem Eifer Bier darauf.

Gottlob merkte Amanda nichts, sie saß am Tische, seltsam in Gedanken vertieft.

Den fuchsigen Patriarchenbart glättend, fragte Benjamin, wie denn die Zeitungen aus Köln sich in das Haller Forsthaus verirren konnten.

Amanda griff nach einem widerspenstigen Strähnchen ihres herrlichen Haares und erwiderte in gekünstelt ruhigem Tone: „Die hat mir unser Pfarrer, der Pater Wilfrid, gebracht!“

„So? Na, was soll denn Interessantes drinstehen?“

„Der Roman ist sehr schön!“

„Nix für ungut, Weiberl! Aber ich meine doch, dem Pfarrer hätt was Gscheiteres einfallen können, als einer Hausfrau einen Roman zum Lesen zu geben!“

Beleidigt warf Amanda den Kopf auf und scharf erwiderte sie: „Schinden und rackern darf sich die Frau, eine geistige Erholung wird ihr aber nicht gegönnt! Von Fortbildung gar nicht zu sprechen! Als frühere Lehrerin habe ich andere geistige Bedürfnisse als Bauernweiber!“

Gutmütig beteuerte Benjamin, daß seine Bemerkung nicht schlimm gemeint sei. „Kannst ja tun und lesen, was du willst! Ich red dir gewiß nix drein! Bin ja ein genügsamer, bescheidener Mensch!“

„Den Mangel an Verkehr mit Leuten von Bildung empfinde ich bitter! Wir leben in einer geradezu trostlosen Abgeschiedenheit! Meine einzige Hoffnung ist, daß durch die Fürstin vielleicht ein Verkehr mit den Kammerfrauen sich wird ermöglichen lassen...!“

„Nix für ungut, Weiberl! Ich bin nur ein Forstwart, ein Waldmensch, aber um den Verkehr mit Domestiken reiß ich mich nicht! Diese Sorte aufgeblasener hochnäsiger Menschen ist mir zu minder und nicht nach meinem Geschmack!“

Amanda hob die eckigen Schultern und spottete: „Mußt halt schauen, daß die Fürstin sich mit dem Herrn Forstwart huldvollst abgibt!“

„Fehlgeschossen, Weiberl! Die Duhrlauch ist mir zu hoch! Art zu Art!“

„Stimmt! Ich hätte das bedenken sollen, als es noch Zeit war!“

„Ich glaub gar, du willst sticheln? Bist heute schon sehr merkwürdig spitz und stachlig! Hast denn Verdruß gehabt? Bist etwa krank? Blaß schaust aus, Weiberl!“

Amanda ging unvermittelt auf ein anderes Thema über und fragte, ob unter der neuen Herrschaft eine Gehaltsaufbesserung möglich sein könnte.

„Nicht daran zu denken! Wir dürfen froh sein, wenn das gesamte Personal unvermindert und mit unveränderten Löhnen übernommen wird!“

„Wieviel festes Gehalt hast du denn zur Zeit?“

„Seltsame Frage! Du weißt doch, daß ich tausendachthundert Kronen Fixum habe!“

„Ja doch! Aber ich weiß nicht, ob das Schußgeld eingerechnet ist!“

„Warum willst du denn das wissen?“

„Ich möchte nicht vom Finanzamt unangenehm überrascht werden, wenn beispielsweise das Einkommen höher ist und demgemäß ein größerer Steuerbetrag zu zahlen sein würde! Muß das Schußgeld auch versteuert werden?“

„Keine Idee! Wir haben nur wenig Raubzeug, also ist das Schußgeld minimal! Jedes Sechserl braucht man denn doch nicht dem Finanzamt auf die Nase zu binden!“

„Glaubst du, daß es unter der neuen Herrschaft größere Trinkgelder geben wird?“

„Nix für ungut, Weiberl! Aber was du eben gesagt hast, das ist höheres Blech! Ich bin als Forstwart Beamter, der selbstverständlich kein Trinkgeld annimmt! Jagdgehilfen halten die Hand hin, so Jagdgäste Weidmannsheil gehabt haben! Niemals aber die Beamten!“

„Na, na! Mit dem ‚fürstlichen‘ Einkommen von tausendachthundert Silberlingen brauchst die Nase nicht gar so hoch zu tragen! Eine Aufbesserung, egal von welcher Seite sie kommt, wäre hocherwünscht als Zuschuß zu dem viel zu knappen Wirtschaftsgeld!“

„Ah, so lauft der Has! Tut mir leid, aber das Haushaltsgeld kann ich beim besten Willen nicht erhöhen! Mußt schon schauen und trachten, daß du damit auskommst! So, müd, krachmüd bin ich, freu mich auf das Bett! Gehst auch schlafen?“

„Ich werd noch ein bisserl lesen! Gute Nacht, Beni!“

„Gute Nacht, Weiberl!“ Benjamin trat zur Gattin und gab ihr den Gutenachtkuß, den Amanda kaum erwiderte. „Nix für ungut, wenn ich schon schlafe, wenn du kommst!“

„Orgle nur zu! Gute Nacht!“

Horchend blieb Amanda am Tische sitzen. Sie holte geräuschlos das sie so mächtig interessierende Zeitungsblatt aus der Kommode hervor, als kräftige Gutturaltöne die Gewißheit gaben, daß der Gatte schlief. Wieder las die Frau den kurzen Artikel, dessen Inhalt ihre ganze Denkkraft, ihr Sinnen und Streben in Anspruch nahm, ihre Zukunft gründlich umgestalten wird und muß.

Wie Amandas schöne Augen aufleuchteten bei dem Gedanken, die in dem Artikel angedeutete Reform durchzuführen! Zunächst in ihrer Ehe! Dann aber soll dafür gesorgt werden, daß die Wohltat der Reform auch anderen Hausfrauen zuteil werde! Nötigenfalls wird die Neuerung im ehelichen Haushalt erkämpft werden... Amanda wird einen Frauenbund gründen. Der früheren Lehrerin, ihrer Intelligenz und Geistesschulung gebührt selbstverständlich der Vorsitz. Eine große Mission harrt ihrer, und ihr Leben wird einen neuen Inhalt erhalten und lebenswert werden.

Die Gedanken der einsamen Frau sprangen um zwei Jahre zurück und beschäftigten sich mit der Frage, warum Amanda ihren Beruf aufgegeben hatte und die Ehe mit Benjamin Gnugesser eingegangen war. Eine Ehe, die nicht befriedigte. Freilich hatte sie der Beruf auch nicht befriedigt. Nur einen einzigen Vorteil hatte die Stellung in den Augen Amandas: die feste Besoldung. Die Arbeit in der Schule wurde gelohnt. Um der Selbständigkeit und des Gehaltes willen war Amanda Lehrerin geworden. Nicht aus Freude und Liebe zu diesem Berufe. Ihr Brot mußte sie sich verdienen, die mittellose Tochter eines inzwischen verstorbenen Subalternbeamten wollte nach Möglichkeit unabhängig sein, finanziell gesichert in der Welt stehen, an jedem Monatsersten Bargeld in die Hand bekommen. Dieses Ziel war erreicht worden. Aber eine gute Lehrerin war Amanda nicht; diese Tatsache erkannte sie selbst wie auch die Ursache: den Mangel an Berufsliebe. Aus diesem Mangel mußte eine Abneigung gegen diesen Beruf erwachsen, die sich in dem Maße steigerte, als sich die Widerwärtigkeiten in Schule und dörflichem Leben vermehrten. Die Schule und der Lehrberuf verlangen Begeisterung und liebevolle Hingebung, so Ersprießliches geleistet werden soll. Fräulein Amanda hatte die Schule aber lediglich als Versorgungsanstalt betrachtet. Konflikte, Reibereien, Rügen konnten nicht ausbleiben, verleideten die Stellung. Prüfungen der Kinder ergaben Mißerfolge, die der Lehrerin angekreidet wurden und zu Strafversetzungen führten. Sogar von Entlassung aus dem Schuldienst war gesprochen worden. Und diese Drohung hatte Amanda auf den Gedanken gebracht, die Versorgung im Ehestande zu suchen und anzustreben. Benjamin war im gleichen Orte angestellt und gleich der Lehrerin aß er im Gasthause; sie trafen sich täglich und wurden Freunde. Und als Beni zum Forstwart ernannt worden war, warb er um Amandas Hand, denn Beni war in Amanda ehrlich verliebt und blind gegen den Mangel jeglicher Körperreize. Der Lehrerin hingegen war es nur um eine anderweitige Versorgung zu tun. Liebe empfand sie nicht, weder zum Gatten noch zum Hauswesen. Von der Führung eines Haushaltes konnte die Ex-Lehrerin keine Ahnung haben. Er war auch danach. Es ging zur Not, denn einiges lernte Frau Amanda ja doch, freilich unter Geldopfern für verpfuschte Speisen. Und es wird mit „Ach und Krach“ weitergehen dank der Herzensgüte Benis. Der Verstand sagte Amanda, daß sie nie eine richtige und tüchtige Hausfrau werden könne.

Amanda begann zu später Stunde zu rechnen, nachdem sie den ihr Inneres aufwühlenden Zeitungsartikel abermals gelesen hatte. Achtzehnhundert Kronen festes Einkommen bezieht der Gatte. Würde ein Drittel abgezogen als Entlohnung für die Arbeit der Hausfrau, so würde Beni kaum imstande sein, mit der verbleibenden Summe alle Bedürfnisse des Lebens und Haushalts zu bestreiten. Demnach muß eine Gehaltserhöhung angestrebt werden.

Frau Amanda horchte plötzlich auf, beruhigte sich aber sofort, als sie die Stimme des heimgekehrten Oberförsters erkannte. Hartlieb schloß die Haustür auf und ließ dem Grafen Thurn den Vortritt.

Schnell nahm Amanda die Lampe vom Tisch, trat in den Flur, um den Herren die Treppe zu erleuchten.

Graf Thurn dankte freundlichst für diese liebenswürdige Aufmerksamkeit und fügte bei, daß die Fürstin übermorgen nachmittag ankommen werde. „Frau Forstwart haben wohl die Güte, für die Schmückung des Forsthauses zu sorgen, ja? Und dankbar werde ich sein, wenn Sie mir behilflich sein wollten, die Front des Jagdschlössels zu zieren! Das Personal kommt nämlich erst übermorgen früh hierher, also zu spät für die Ausschmückung!“

„Mit größtem Vergnügen, Herr Graf!“

„Schön! Verbindlichsten Dank! Nun aber gute Nacht, Frau Forstwart!“

Amanda begleitete mit der Lampe die Herren bis in das obere Stockwerk. Dann kehrte sie in ihre Wohnung zurück und begab sich zur Ruhe. Fand aber lange nicht den Schlaf, da sich schwere Gedanken an Reform, Gehaltsaufbesserung, auch an die Zukunft unter der neuen Herrschaft durch ihren Kopf wälzten. Eine große Rolle spielte auch die Fürstin Sophie von Schwarzenstein, die neue Gebieterin des Haller Jagdgutes...

Drittes Kapitel

Vom Sonnengolde verklärt, sah das winzige Dörfchen Hall mit seinem netten Pfarrhause und dem hübschen, auf einem grünen Hügel thronenden Kirchlein wie ein Kinderspielzeug aus. Verstreut im Tal standen die Häuschen, meist unter Obstbäumen versteckt, die Siedlungen von Bauern und Arbeitern; ehemals vor acht Jahrhunderten bildete das Dorf die Stätten von Sudleuten, da das Benediktinerstift hier eine vielumstrittene Salzpfanne besaß. Im Norden dieses Alpendörfleins türmen sich die grauen Kalkkolosse der „Haller Mauern“ auf, deren Mittelgebirge bewaldet ist.

Im Wohngemach, zugleich Speisezimmer des schlichten, sauberen Pfarrhauses, saß Oberförster Hartlieb als Gast bei seinem Freunde Pater Wilfrid Ritter von Springenfels, der die Funktion des Pfarrers ausübte, zugleich aber Konventual des Admonter Benediktinerklosters und Gastmeister dieses Stiftes war. Wohnhaft im Stifte, kommt Pater Wilfrid zweimal in der Woche nach Hall, nimmt im Pfarrhause, das Eigentum des Stiftes ist, kurzen Aufenthalt, um sich als Seelsorger der Gemeinde zu widmen. Wird der Pfarrer weiterhin benötigt, so muß er im Stifte verständigt werden. Mit der Pünktlichkeit der Könige pflegte Pater Wilfrid an den bestimmten Tagen zur üblichen Stunde nach Hall zu kommen. Und wie ein Vater stand er jedem der Dorfbewohner mit Rat und Tat zur Verfügung. Ein großer hagerer Aristokrat im schwarzen Benediktinerhabit, dem obersteierischen sogenannten Eisenadel entsprossen, adeligen Hochofen- und Hammerwerksbesitzern, reichen Leuten zur Blütezeit der Eisenindustrie. Aus vermögender Familie stammend, hätte es der junge Ritter von Springenfels nicht nötig gehabt, eine Versorgung anzustreben; er erwählte freiwillig den Priesterberuf aus Begeisterung und trat in den Admonter Benediktinerorden ein, um in der heißgeliebten obersteierischen Heimat lebenslang bleiben zu können. Diese Heimatsliebe schloß indes große Reisen zur Urlaubszeit behufs Ausbildung und Weitung des Blickes nicht aus; wie denn auch Pater Wilfrid stetig bemüht war, die Studien aus mannigfachen Gebieten unter Ausnützung der kostbare Schätze bergenden Stiftsbibliothek fortzusetzen. Die adelige Abstammung führte dazu, daß in jenen Fällen, da von fürstlichen Gutsbesitzern in der Umgebung von Admont ein priesterlicher Stiftsherr zum Messelesen in Schloßkapellen erbeten wurde, stets Pater Wilfrid Ritter von Springenfels delegiert ward. Diese Tätigkeit trug dem Benediktiner von den Mitbrüdern den Scherznamen „Hofkaplan“ ein, wobei Pater Wilfrid um die Tafeleinladungen beneidet wurde. Intelligenz, Bildung und Noblesse kündeten Kopf und Augen dieses Benediktiners. Ein Priester wie eigens geschaffen für den Verkehr mit dem Hochadel, mit Fürsten und Königen; aber sein Umgang mit den Haller Dörflern bewies immer wieder, daß Pater Wilfrid auch ein vortrefflicher Bauernpfarrer, der opferwillige Freund der Armen und Ärmsten war. Durch den Verkehr mit dem feinen Pfarrer von Hall nahmen selbst rauhbeinige Burschen einen gewissen Schliff an. Und immer gedrückt voll war die Kirche an Sonn- und Feiertagen, da die Dörfler eine gehaltvolle Predigt ihres Pfarrers zu erwarten hatten. Kein Donnerwetter im Dialekt von der Kanzel; formvollendete, dem Auffassungsvermögen der Zuhörer angepaßte Vorträge, liebevolle Ermahnungen zu Eintracht und gottgefälligem, christlichem Leben gab Pater Wilfrid. Mußte der Haller Pfarrer, durch dörfliche Ereignisse oder Verfehlungen der Pfarrangehörigen gezwungen, scharf vorgehen, so blieben Rüge und Tadel stets vornehm in Form und Ton, die Kanzelrede vermied jede Nennung von Namen. Diese vornehme Objektivität und Schonung weckte das Ehrgefühl und erzeugte Dankempfindungen derer, die recht gut wußten, daß sie die Rüge anging.

Stolz waren die Haller auf ihren Pfarrer im Benediktinerhabit. Und neben diesem Stolz saß die Sorge, daß Hall den verehrten und allbeliebten Pater Wilfrid verlieren könnte.

„Also, womit kann ich Ihnen, Herr Oberförster, dienen?“ fragte Pater Wilfrid zum zweiten Male, da Hartlieb mit seinem Anliegen nicht herausrücken wollte. „Über die bevorstehende Ankunft der Fürstin bin ich vom Hausmarschall bereits verständigt!“

„Eben diese Ankunft macht mir Sorge! Ich bin bekanntlich alles, nur kein Hofmann! Vor dem Hofdienst graut mir, ich sehe sehr schwarz in die Zukunft! Eine Bitte hätte ich, sie hängt mit der Ankunft der Fürstin zusammen; eine Ansprache soll gehalten werden, aber ich bin kein Redner, würde jämmerlich verunglücken! Also bitte ich herzlich, daß Sie mir diese drückende Last abnehmen!“

„Gerne werde ich Ihnen, dem Freunde, dienen! Aber der Benediktiner kann doch nicht im Namen der Jägerei und des Forstpersonals die Fürstin begrüßen!“

„Der Pfarrer ist Amtsperson, hält eine offizielle Ansprache im Namen der Pfarrgemeinde! Ich hänge dann ein kräftig ‚Weidmannsheil‘ daran, die Jägerei wird schon donnernd einstimmen!“

„Das ist ein Ausweg! Gut, machen wir es nach Ihrem Vorschlag! Was nun Ihre Befürchtungen wegen des sogenannten Hofdienstes betrifft, möchte ich aufmerksam machen, daß Fürstlichkeiten von Forst- und Jagdbeamten den Hofton und das Katzbuckeln weder erwarten noch wünschen! Unangenehm sind zuweilen die Hofschranzen, liebedienerische und eingebildete Gschaftelhuber, hochnäsige Leute, die den Beamten Dienst und Leben bei Hofe sauer machen! Da indes Graf Thurn ein sehr liebenswürdiger und einsichtsvoller Herr und frei von jeglicher Kompetenzeifersucht ist, haben Sie, lieber Freund, so gut wie gar keinen Grund zu Befürchtungen!“

„Hm! Aber das Gefolge!“ meinte Hartlieb unsicheren Tones.

„Na, eine Hofdame kann doch den Jagdleiter nicht genieren und wird wohl nie Ihren Weg kreuzen! Und was sonst noch um die Fürstin wimmelt, Zofen, Kammerdiener usw., das sind Angestellte, die der Chef des Wald- und Jagdamtes gar nicht zu sehen braucht und am besten völlig ignoriert! Also Kopf hoch, lieber Freund Oberförster, schneidig in die Welt gucken, wie es der grünen Gilde ziemt! Sie erfüllen nach wie vor Ihre Dienstpflicht mit aller Berufstreue und gehen Ihren Weg ohne Seitenblicke! Um die Hofleute kümmern Sie sich keinen Pfifferling! Probatum est!“

Hartlieb dankte für den freundlichen Zuspruch. Doch der sorgenvolle Ausdruck in seinem Antlitz wollte sich nicht aufhellen.

Pater Wilfrid verstand sich darauf, in den Mienen zu lesen; der tiefe Ernst Hartliebs veranlaßte den Pfarrer, zu fragen, was denn noch das Weidmannsherz bedrücke.

Der Oberförster stieß die Worte hervor: „Der frühere Jagdherr war ein weidgerechter Mann...!“

„Ahem! Und die neue Besitzerin ist eine Frau! Da liegt wohl der Hase im Pfeffer? Und da kann nur eines empfohlen werden: Pflicht erfüllen und abwarten, wie sich die Dinge gestalten werden!“

„Gewiß! Fatal bleibt es immer, wenn eine Frau die Zügel führt! Ich als Jagdbeamter muß der Wahrheit entsprechend sagen, daß eine Gebieterin, die sich wie ein richtiger Jagdherr um alles die Jagd Betreffende eingehend kümmert, geradezu zu fürchten ist!“

„Wieso?“

„Weil sicher die Grundsätze und Anordnungen im Jagdbetriebe von einem Tag zum andern wechseln werden, je nach den mannigfachen Einflüssen, die auf das weibliche Gemüt physisch oder seelisch zu jeglicher Stunde wirken durch schlimme Berater, Günstlinge, Schmeichler und womöglich auch durch Freundinnen! Dem ehrlichen, geraden Jagdleiter wird es unendlich schwer werden müssen, auf seinem Posten auszuharren, ohne seiner Überzeugung übergroße Opfer zu bringen! Ich habe viel über die Situation nachgedacht, konnte aber selbstverständlich darüber mit meinem Personal aus triftigen Gründen nicht sprechen! Ihnen, dem Freunde, muß ich gestehen: wir bekommen eine wetterwendische Wirtschaft in das Jagdgebiet, heillose Zustände, denen selbst Sankt Hubertus machtlos gegenüberstehen wird! So gerne ich in diesen Revieren diene, die schönen Haller Berge liebe, es wird doch besser sein, wenn Ausschau nach einem anderen Posten gehalten wird! Mir schwant hier Unheil!“

„Freund Hartlieb, Sie sehen hier vielleicht doch zu schwarz! Ich als Priester kann nicht mitreden, der Benediktiner versteht vom Jagdwesen nichts! Daß Frauenherrschaft je nach Laune dem Wechsel unterworfen ist, kann freilich nicht bestritten werden! Aber es ist doch nicht anzunehmen, daß Launenhaftigkeit sich in einem Jagdbetrieb breitmachen werde! Ich kann mir dergleichen nicht vorstellen!“

„Frauensinn ist unberechenbar! Auch einer Fürstin kann ein schmucker Jagdgehilfe gefallen, Frauengunst kann einen Liebling zum tatsächlichen Jagddirigenten machen... Der verantwortliche Jagdleiter aber wird entweder fliegen oder zum willenlosen Werkzeug und Spielball herabsinken! Einem solchen Schicksal möchte ich rechtzeitig ausweichen!“

„Das sind düstere Gedanken zu Beginn einer neuen Ära! Ihre Befürchtungen erschweren die Ausarbeitung einer Begrüßungsansprache! Als Optimist hoffe ich aber dennoch, daß sich die Verhältnisse besser gestalten werden, als wir zur Stunde glauben! Und darauf wollen wir ein Gläschen Stiftswein leeren, ja?“

Die Pfortenglocke gellte durch das stille Pfarrhaus. Und kurz darauf meldete die weißhaarige, verhutzelte Dienerin Frau Erna, daß die Loidlbäuerin im Sterben liege...

„Schnell den Mesner verständigen! In zehn Minuten werde ich zum Provisurgang bereit sein!“

Die Dienerin verschwand.

Zum Oberförster gewandt, sprach Pater Wilfrid: „Verzeihen Sie! Mich ruft der heilige Dienst! Sterbende darf man nicht warten lassen!“

Hartlieb dankte herzlich für die Gewährung einer vertraulichen Aussprache und verabschiedete sich. Auf dem Wege zum Gasthause, wo der Oberförster zu speisen pflegte, traf er den Grafen Thurn, der das gleiche Ziel hatte und zu Mittag essen wollte. Sehr befriedigt sprach sich der Hofchef über die Frau Forstwart aus, die für eine hübsche Außendekoration des Jagdschlössels gesorgt und dabei viel künstlerischen Geschmack entwickelt habe. Durchlaucht werde gewiß entzückt sein.

Bei Tisch in dem bescheidenen Gasthause des Dörfleins richtete Graf Thurn an den wortkargen Oberförster die Frage, ob der Jagdfachmann es für möglich halte, daß die Jagdausübung in den wirklich herrlichen Haller Revieren einen apathischen, blasierten jungen Mann psychisch zum Vorteil verändern, aufrütteln, die Weidmannslust erwecken könnte.

In seiner ernsten Weise äußerte sich Hartlieb dahin, daß vielleicht Treibjagden auf Gams, wenn diese Jagdart noch unbekannt sei, ein gewisses Interesse bei dem Betreffenden wachrufen könne. Fehle das Jägerblut, so wird ein blasierter junger Mann nie ein weidgerechter Jäger werden. Bei Treibjagden stehe indes zu befürchten, daß im jungen Manne nicht die echte Jagdfreude, sondern die Schießwut erweckt werde. Ein „Schießer“ sei nun und nimmer ein wünschenswerter Gast in gehegten Revieren, eher zu fürchten, nach Möglichkeit hinauszuexpedieren.

„Sie werden wohl recht haben, Herr Oberförster! Aber unbegreiflich ist mir, daß sich das Jägerblut nicht immer vererbt! Der Vater des schläfrigen, apathischen jungen Mannes war passionierter Weidmann!“

„Von Beruf?“

„Nein! Nur zum Vergnügen!“

„Sportinteressen vererben sich nicht! Wer die Jagd nur als Sport betreibt, der ist noch kein echter Jäger! – Ein interessantes Gegenstück zu dem erwähnten jungen blasierten Manne können Sie, Herr Graf, im Stifte der Benediktiner zu Admont sehen und gewissermaßen bemitleiden wegen der schweren Seelenkämpfe, die der Novize Nonnosus durchkämpfen muß, um das echte, in seinen Adern tobende Jägerblut zu bezwingen!“

„Wie? Ein Novize und leidenschaftlicher Weidmann?“

„Der Leidenschaft muß der Novize Herr werden! Von Herzen gern hätte ich dem jungen Manne Jagdgelegenheit verschafft, konnte es aber nicht, da unser früherer Jagdherr unauffindbar verreist war, meine Kompetenz nicht ausreichte, um eine Abschußbewilligung zu erteilen! Ich bin sehr gespannt, zu vernehmen, ob Nonnosus die Leidenschaft überwinden wird! Er ist der Sohn eines Jägers und besitzt echtes Jägerblut! Dem Nonnosus dürfte das Ziel des höheren Jagddienstes vorgeschwebt haben, die Armut vereitelte es; der Noblesse des Abtes war es zu danken, daß der Jaagersbub auf Klosterkosten studieren durfte. Diese Wohltat will der Student durch Eintritt in den Benediktinerorden vergelten; die Dankbarkeit verhinderte ein ‚Ausspringen‘! Bis zur feierlichen Profeß muß der Novize sich bemühen, die Jagdleidenschaft zu überwinden! Leicht wird das nicht sein, zumal der arme Kerl kränkelt!“

„Ich werde mir den interessanten Mann ansehen! Glaube auch, daß sich die Fürstin dafür speziell interessieren wird!“

*