Charles Fourier

Sein Leben und seine Theorien.

Von

A. Bebel

Stuttgart
Verlag von J. H. W. Diek
1890

Vorrede.

Das achtzehnte Jahrhundert zählt in der Geschichte der Entwicklung der Menschheit zu jenen Perioden, auf denen der Blick des Kulturforschers und Fortschrittsfreundes mit besonderem Interesse ruht. Nach den religiösen, politischen und sozialen Kämpfen des Reformationszeitalters war, wie das stets nach großen Volks- und Massenbewegungen zu geschehen pflegt, eine Art Stillstand und Rückschlag für die Fortentwicklung eingetreten. Die durch die Reformationsbewegungen zur Geltung gekommenen Stände und Interessen suchten sich zu konsolidiren und die daraus hervorgehenden Reibungen führten wieder zu gewaltsamen Kämpfen und Erschütterungen von mehr oder weniger langer Dauer, die alle übrigen Interessen absorbirten, den materiellen wie den geistigen Fortschritt der Massen für lange Zeit hemmten.

In Deutschland hatte die Reformation dem Landesfürstenthum Oberwasser verschafft. Die Landesfürsten hatten die Reformation benutzt, um unter dem Deckmantel der Religion die eigene Hausmacht nach Möglichkeit zu stärken dadurch, daß sie den kleinen Adel sich unterthänig und von sich abhängig machten, die Macht der Geistlichkeit brachen, sich selbst die bischöfliche Gewalt beilegten, Kloster und Kirchengut konfiszirten und die gewonnene Macht benutzten, sich immer mehr von der Kaisergewalt zu emanzipiren, diese zum bloßen Schatten zu degradiren. Aus diesem Interessenkampf der Fürsten entstanden die sogenannten Religionskriege, der schmalkaldische und der dreißigjährige Krieg, die Deutschlands politische Ohnmacht und Zerrissenheit auf Jahrhunderte besiegelten, seine ökonomische Schwächung — die schon durch die Umgestaltung der Weltmarktsbeziehungen in Folge der Entdeckung von Amerika und des Seewegs nach Ostindien veranlaßt war — noch vergrößerten und allgemeine Armuth, schweren geistigen und geistlichen Druck über Länder und Völker verbreiteten.

In Frankreich erzeugte die Reformation die Kämpfe der Hugenotten, d. h. des hugenottisch gesinnten Bürgerthums und die des frondirenden Adels gegen das frühzeitig sich entwickelnde, alles zentralisirende absolute Königthum. Nach längeren Kämpfen siegte das letztere und fand in Ludwig XIV. seinen glänzendsten, aber auch seinen bedrückendsten und gewaltthätigsten Vertreter. Die inneren und äußeren Kämpfe Frankreichs im 16. und 17. Jahrhundert hemmten die freie Entwicklung des materiellen wie geistigen Fortschritts. Bürgerthum und Adel gegenseitig feindlich, das Land nach außen, namentlich unter dem erwähnten Ludwig, von einem Krieg in den anderen gestürzt, war schließlich erschöpft und verarmt. Solche Zeitalter sind nicht geeignet, große Ideen zu gebären, für geistige Kämpfe die Bahn frei zu machen. Dagegen zeigte das achtzehnte Jahrhundert in Frankreich ein ganz anderes Bild. Frankreich bildete für dieses Zeitalter die Wiege des menschlichen Fortschritts auf allen Gebieten; hier entwickelte sich allmälig eine Fülle von geistigem Glanz und Leben, wie sie bis dahin kein Volk und kein Zeitalter in gleichem Maße erlebte. Die Menschen wuchsen sozusagen über sich selbst hinaus und setzten alle Geister und Herzen in der ganzen Kulturwelt in Bewegung. Frankreich mag viel gesündigt haben, die Dienste, die es während des achtzehnten Jahrhunderts der Menschheit leistete, werden ihm, so lange Menschen leben, unvergessen bleiben.

Die Fortschritte begannen unmittelbar nach dem Tode Ludwig's XIV., dessen Gewalt mit eisernem Drucke auf dem Lande gelastet, alle freie bürgerliche Regung erdrückt, alle freie geistige Bewegung erstickt hatte. Das Land stand nach seinem Tode am Rande des materiellen und geistigen Bankerotts. Allmälig erholte sich das Volk und arbeitete sich, wenigstens in den Städten, wo die feudale Macht des Adels und der Geistlichkeit am wenigsten sich fühlbar machen konnte, empor. Die Männer von Bildung und Geist, die nach der Entwicklung und Entfaltung der Kräfte des Landes strebten, eilten nach jenseits des Kanals, nach England, um dort, an den Quellen des öffentlichen Lebens, die Studien zu machen, zu denen ihnen im eigenen Lande die Gelegenheit und die Möglichkeit fehlte. Zurückgekehrt nach der Heimath, begannen sie die Arbeit, die langsam aber sicher den stolzen Bau des absoluten Staats und der feudalen Gesellschaft untergrub und unterhöhlte, bis zu Ende des Jahrhunderts in einem Riesenzusammenbruch Beides, Staat und Gesellschaft, zusammenstürzten, und durch ihren Fall ganz Europa aus den Fugen trieben.

Das Königthum gerieth nach Ludwig XIV. in die Hände von Schwächlingen, die Geistlichkeit und der Adel waren verlottert und verweichlicht; eine Minorität unter den beiden Ständen war geneigt, angeekelt von dem Treiben der eigenen Klasse und den Zuständen um sich, neuen Ideen sich zugänglich zu erweisen und spielte mit dem Feuer, dessen Gefährlichkeit sie nicht kannte. So erklärt sich, daß die Männer der neuen Zeit mit ihren alles Alte angreifenden und erschütternden Ideen vielfach gerade dort einen bereiten Boden fanden, wo man ihn am wenigsten hätte erwarten sollen. Aber es hatte sich auch des Bürgerthums ein Drang nach Wissen und Bildung, nach politischen Rechten, ein Geist der Unzufriedenheit über das Bestehende bemächtigt, wodurch die Bewegung schließlich zum Alles niederreißenden Strom anschwoll.

Das Bürgerthum, politisch so gut wie rechtlos und machtlos, die Vertretung seiner Magistrate in den alten ständischen Parlamenten mißachtet, mit Abgaben unangenehmster Art beschwert, durch Zunft-, Bann- und Höferechte in seiner materiellen Entwicklung behindert, von Adel und Geistlichkeit geringschätzig und verächtlich behandelt, aller persönlichen Rechte und der Garantien persönlicher Freiheit beraubt, sehend, wie die ungerecht vertheilten und gewaltsam beigetriebenen Steuern und Abgaben von einem in der Liederlichkeit verfaulenden Hof verschlemmt und verpraßt wurden, erfaßte mit Gier die neuen Ideen, welche die Rechtmäßigkeit der feudalen Vorrechte angriffen, die religiösen Vorurtheile, unter deren Druck es litt, in Zweifel zogen, die allgemeine Freiheit und Rechtsgleichheit lehrten. Der neue Staat und die neue Gesellschaft wurden in den verführerischsten Farben dargestellt, politische Macht, Reichthum, geistige Freiheit und Gleichheit Allen in Aussicht gestellt.

Wenn in einem Gesellschaftszustand die Dinge sich einmal so weit entwickelten, daß ein großer Theil der Betheiligten und Interessirten von Unzufriedenheit und Mißstimmung gegen das Bestehende und von Sehnsucht nach besseren Zuständen erfüllt ist, so wird der alte Zustand sich auf die Dauer nicht halten können, was immer für Mittel und Praktiken in Anwendung kommen, ihn zu erhalten und zu stützen. Mag die Sehnsucht der Masse nach Veränderung des Bestehenden, nach Umgestaltung ihrer Lage zunächst nur eine Sache des Gefühls sein, das aber in dem thatsächlichen Zustand der Verhältnisse seine Begründung und seine Berechtigung findet. Mag diese Masse sich über den Weg wie über die Mittel, durch die ihr geholfen werden könnte, noch so unklar sein, der Moment kommt, wo sie mit elementarer Macht, instinktiv stets richtig, nach dem bestimmten Ziele drängt und die bewußten und wissenden Geister zwingt, sich zu ihrem Organ, zu ihrem Mundstück und zu ihren Werkzeugen aufzuwerfen, um die Bewegung zum richtigen und nach Lage der Verhältnisse möglichen Ziele zu leiten. Die Führer sind unter solchen Umständen stets Werkzeuge, nicht Macher, und sie werden bei Seite geworfen, sobald sie sich zu Machern aufwerfen, die Bewegung für sich und nach eigenem Gutdünken, statt im Interesse der Betheiligten zu benutzen suchen. Die rasche Abwirthschaftung der Führer in akut gewordenen Volksbewegungen hat in diesem Geheimniß ihren Grund, sie wollen Allesmacher sein, wo sie nur Werkzeuge sein sollen und können. Da man sich hüben wie drüben dieses Verhältnisses selten bewußt ist, schreien die Einen über Verrath, die Andern über Undankbarkeit der Masse; das Erstere ist selten wahr, das Letztere zu behaupten stets eine Narrheit, ein Verlangen, das nur Diejenigen stellen können, die sich über die Natur ihrer Stellung nie klar waren, Schieber zu sein glaubten, wo sie nur Geschobene sein konnten.

Jeder großen Umgestaltung in der Gesellschaft geht zunächst eine Periode der Gährung voraus, eine Periode, die, je nach dem Stande der allgemeinen Bildung und Kultur, nach dem Gewicht der betheiligten Klassen und nach der Kraft und der Macht der widerstrebenden Gewalten, bald längere, bald kürzere Zeit dauert, ehe die Bewegung zum offenen Ausbruch kommt und ihr Ziel in irgend einer Form, das wieder von dem mathematischen Kraftverhältniß der gegeneinander wirkenden Faktoren abhängt, erreicht. Geht eine Bewegung über ihr Ziel hinaus, d. h. erreicht sie mehr, als sie, in sich selbst zur Ruhe gekommen, im Interesse der nun in der Macht befindlichen Gewalten, die nunmehr den Schwerpunkt bilden, um den Alles gravitirt, erreichen soll und, setzen wir hinzu, erreichen darf, so folgen die Rückschläge. Mit andern Worten, eine ihrem inneren Wesen nach selbst wieder auf Klassenherrschaft abzielende Bewegung darf nicht weiter gehen, als sie die Unterstützung der maßgebenden Interessirten findet.

Scheinbar ist bis jetzt jeder Revolution eine Reaktion gefolgt, in Wahrheit wurde die Bewegung stets auf ihren natürlichen Schwer- und Ruhepunkt zurückgeführt, weil sie darüber hinaus ging. Dieser Zustand ist aber stets, auch wenn er durch eine gegen die weiter vorwärts drängenden Elemente gerichtete gewaltsame Reaktion herbeigeführt wurde, dem Zustande, der vor der Bewegung bestand, weit voraus. Man hört z. B. so häufig die Bemerkung machen, daß die bürgerliche Revolution der Jahre 1848 und 1849 in Deutschland an der Macht der Reaktion gescheitert sei. Das ist einfach nicht wahr. Die Bewegung hat erreicht, was sie nach ihrem wahren innern Gehalt erreichen konnte. Revolution und Reaktion rangen so lange mit einander, bis sie auf dem Punkt ankamen, auf dem sie sich zu verständigen vermochten. Die Grenze war, wo die Lebensfähigkeit des Alten aufhörte und die Lebensmacht des Neuen begann. Von vornherein war ein großer Theil der anfangs revolutionären Kräfte, die das behäbige Bürgerthum umfaßten, entschlossen, über eine gewisse Grenze nicht hinaus zu gehen. An diesem Punkt angekommen, trennten sich diese Kräfte von den weiter drängenden Elementen. Dadurch verlor die Bewegung einen Theil ihrer Kraft, sie war ohnmächtig, weiter zu gehen. Und wie immer nach 1849 die Reaktion in Deutschland hauste, das, was thatsächlich jetzt bestand, ging weit über das hinaus, was vor 1848 bestanden hatte. Die neuen Ideen hatten trotz alledem gesiegt und Alles, was seitdem in Deutschland geschah, ist nur durch diesen Sieg im „tollen Jahr“ möglich geworden.

Rückschläge werden nun nothwendig in jeder Bewegung kommen, die selbst wieder auf Klassenherrschaft, wenn auch sich selbst unbewußt, hinausläuft. Ein solcher Rückschlag kann erst dann unterbleiben, wenn eine Bewegung siegt, die in ihrem Wesen und Prinzip die Aufhebung aller Klassenherrschaft bedingt und daher alle Formen sozialer und politischer Herrschaft aufheben muß.

Bisher waren alle Bewegungen, die ihr Ziel erreichten, Bewegungen der ersteren Art, und so begreift sich von vornherein, daß auch die Bewegung, die gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts in Frankreich begann und im letzten Jahrzehnt des Jahrhunderts zur Entscheidung kam, diesem Schicksal aller bisherigen großen Volksbewegungen nicht entgehen konnte. Ihr Charakter als Klassenbewegung des Bürgerthums, ihr Ziel, die Herrschaft desselben zu begründen, zwang sie schließlich, sich gegen die revolutionäreren Elemente in ihrer eignen Mitte zu richten, und, da man innerhalb der Bewegungselemente und nachdem die Bewegung absolut gesiegt hatte, weder hüben noch drüben diesen inneren Widerspruch, in dem man sich zu einander befand, begriff, mußte man sich gegenseitig bis zur Vernichtung bekämpfen und im Blute ersticken. Die Interessen des Großbürgerthums mußten, weil sie die entscheidenden waren, die Oberhand behalten, aber aus Furcht vor neuen inneren Gegensätzen und Kämpfen warf sich dieses der Militärdiktatur des Konsulats und des Kaiserreichs in die Arme, um sich, d. h. die neue Gesellschaft, zur Ruhe und zum Genuß des Errungenen kommen zu lassen.

Der Kampf gegen das alte System richtete sich in Frankreich gegen alle bisherigen Grundlagen der alten Gesellschaft, gegen die Kirche, den Adel, die absolute Staatsgewalt, gegen die Besteuerungs-, die Eigenthumsformen, das Erziehungssystem, die sozialen Einrichtungen. Nichts blieb im Laufe der Jahrzehnte, die dieser zunächst rein literarische Kampf währte, unangetastet. Die Angriffe wurden immer kühner. Ganz neue Staats- und Gesellschaftssysteme (Condorcet, Morelli, Mably, Rousseau) tauchten auf und erklärten dem Bestehenden den Krieg; ebenso wurden fast alle Zweige der Naturwissenschaften und insbesondere auch die Philosophie in der radikalsten Weise behandelt. Die Verfolgungen, welche die Staatsgewalt und die Kirche gegen diese Feinde der alten Ordnung in Szene setzten, hatten so gut wie keine Wirkung, sie gossen nur Oel in's Feuer. Jahrelange Gefängnißstrafen, Verbannungen, Degradirungen, Ausweisungen gegen die Verfasser, Verbrennung ihrer Bücher und Schriften, Verbote gegen ihre Verbreitung, gesellschaftliche Aechtung der Autoren, Alles half nichts. Die Bewegung schwoll von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer mehr an, sie ergriff Alles, was Kenntnisse und Intelligenz besaß, sie erfaßte sogar die Frauen und wuchs so, daß die Gewaltmittel des Staates versiegten und dieser wie die Kirche von einer Position in die andere zurück gedrängt wurden. Im vorletzten Jahrzehnt vor der Revolution gab es in Frankreich keinen Schriftsteller von einiger Bedeutung, der nicht im Gefängniß gesessen oder Verbannung erlitten, oder dessen Werke nicht verboten oder öffentlicht verbrannt worden, oder der nicht in irgend sonst einer Weise verfolgt, drangsalirt und geschädigt worden war. Voltaire, Montesquieu, Rousseau, Beaumarchais, Diderot, d'Alembert, La Mettrie, La Harpe, Marmontel, Morellet, Buffon, Linguet und viele, viele Andere verfielen der Verfolgung. Wenn Holbach und Helvetius, Turgot, Quesnay, Necker, Condillac, Laylain, Cuvier, Lavoisiers, Bichot, Mirabeau der Aeltere solchen Verfolgungen entgingen, geschah es, daß sie, wie die beiden Erstgenannten, anonym schrieben, oder daß sie zu einer Zeit schrieben, wo das System, von der Nutzlosigkeit der Verfolgungen betroffen, ermüdet war, oder daß sie wissenschaftliche Thematas behandelten, die dasselbe nicht direkt berührten. Und auch in letzterer Beziehung ging das Mißtrauen sehr weit; so mußte Buffon, als er 1751 seine Naturgeschichte veröffentlichte, der Pariser theologischen Fakultät ausdrücklich versprechen, daß Alles, was er in seinem Buche lehre, mit der biblischen Schöpfungsgeschichte nicht in Widerspruch stehe. Die Enzyklopädie der d'Alembert, Diderot und Genossen aber wurde mit der Motivirung verboten, „daß sie Grundsätze enthalte, welche darauf hinzielten, den Geist der Unabhängigkeit und Empörung zu wecken und unter dunkeln und zweideutigen Ausdrücken den Grund zum Irrthum, zur Sittenverderbniß und zum Unglauben zu legen.“ Doch alle diese Maßnahmen retteten das System nicht.

Die Bewegung hatte endlich ihren Höhepunkt erreicht, die Gesellschaft wollte statt der Theorien Thaten sehen. Der Hof suchte durch halbe Konzessionen und kleinliche Maßregeln, die das Gegentheil erzeugten von dem, was sie bezweckten, dem Drängen nachzugeben. Der Sturm brach endlich los. Wir beschreiben nicht die französische Revolution, wir skizziren sie nur kurz, weil dies für unsern Zweck genügt. Die Nationalversammlung, anfangs den Bestand des Königthums als selbstverständlich ansehend, wurde im Laufe der Ereignisse über sich selbst hinaus getrieben. War die Konstituante noch königlich, der Konvent wurde republikanisch. Die zunehmende Noth der Massen, Mangel an Lebensmitteln, Mangel an Arbeit, Wucher, Mißtrauen gegen Oben schürten den Brand. Die royalistischen und pfäffischen Intriguen im In- und Ausland, die Alles beunruhigten, weil sie alles Gewonnene in Frage zu stellen schienen, verstärkten die schon vorhandene heftige Aufregung. Der Fluchtversuch des Königs, seine ganze zweideutige Haltung steigerten das Mißtrauen und den Haß gegen ihn und die alten Stände. Der Zustand der Staatsmaschinerie, die durch die Ereignisse in Unordnung gebracht, durch die Aufhebung der alten drückenden Steuerlasten und Abgaben der Mittel zur Funktionirung beraubt war, zwang zur Ausgabe von Massen Papiergeld (Assignaten), die als Zahlungsanweisungen auf die konfiszirten Kirchengüter und später auch auf die konfiszirten Güter der emigrirten Adeligen ausgegeben wurden. Aber da in dem allgemeinen Tohuwabohu der Verkauf dieser Güter sehr langsam vor sich ging und die Staatsbedürfnisse in's Riesenmäßige stiegen, als das Land gezwungen wurde, nach dem Sturz des Königthums und der Enthauptung des Trägers der Krone, gegen das ganze zivilisirte monarchische Europa Krieg zu führen, fielen die Assignaten sehr bedeutend im Werth. Ende 1790 schon 1200 Millionen betragend, stiegen sie im Laufe der Jahre auf 8, dann auf 12, endlich auf 24 Milliarden. Ihre Vermehrung steigerte ihre Werthlosigkeit, die schließlich nur noch ein Hundertstel und weniger ihres Nennwerthes betrug, und dies erzeugte eine vollständige Revolution aller Preise. Zu den Kämpfen nach Außen kamen gewaltige Kämpfe im Innern. Adel und Geistlichkeit intriguirten und konspirirten in hunderterlei Formen, um wieder zur Herrschaft zu kommen. England, das unter dem Ministerium Pitt die inneren Kämpfe Frankreichs vortrefflich ausnutzte, um seine See- und Kolonialmacht auf Kosten Frankreichs zur allbeherrschenden zu machen, das jetzt Rache nahm für die Hülfe, die Frankreich anderthalb Jahrzehnte zuvor der Unabhängigkeitsmachung der Vereinigten Staaten von England geliehen, dieses England sandte geheime Agenten über geheime Agenten, die mit Geld reichlich ausgestattet den inneren Kampf schüren mußten. Im Westen des Reiches erhob sich, ebenfalls von England unterstützt, die streng konservativ und kirchlich gebliebene Bevölkerung der Vendee und Bretagne, im Süden erhoben sich die theils royalistisch, theils girondistisch gesinnten Städte, vor allem Lyon, dessen Luxusindustrie unter all diesen Ereignissen außerordentlich litt. Im Konvent brach nach dem Sturz des Königthums der Kampf der verschiedenen bürgerlichen Parteien unter sich aus. Die kleinbürgerlichen Massen, hauptsächlich in den Klubs und speziell in dem Jakobinerklub organisirt, nahmen thatsächlich die Leitung der Ereignisse in die Hand und drängten den Konvent von Handlung zu Handlung. Vergebens suchten die Vertreter der eigentlichen Bourgeoisie, die Girondisten, zu widerstehen, sie unterlagen und endeten durch Ausstoßung oder auf dem Schaffot.

Die Schreckensherrschaft begann. Das in seinen tiefsten Tiefen aufgeregte Volk, im Inneren von den royalistischen Verschwörungen bedroht, an den Landesgrenzen die europäischen Heere erblickend, welche drohten als Hersteller des Alten das ganze Land zu überziehen, von Arbeits- und Verdienstlosigkeit heimgesucht, vom Hunger gepeinigt, rapide Entwerthung des Geldes, rapide Verteuerung der Lebensmittel sehend, ohne sich all dies genügend erklären zu können, gerieth in Raserei. Die Gewaltszenen häuften sich und das Blut der Feinde der Republik und Derer, die man als Feinde des Volks ansah, floß in Strömen. Um der zunehmenden Verzweiflung der Massen zu steuern, war der Konvent gezwungen, das sog. Maximum einzuführen, d. h. den Preis festzustellen, zu dem die nothwendigsten Lebensmittel abgegeben werden mußten; und als 1794 abermals eine Hungersnoth drohte, weil die Verkäufer der Lebensmittel allerorts mit ihren Waaren zurückhielten, mußte er sogar die Rationirung des Brotes für die pariser Bevölkerung einführen. Aber da alle diese Maßregeln den ersehnten Zustand nicht herbeiführen wollten, Arbeitslosigkeit, Wucher, Geldentwerthung, Beunruhigung fortdauerten, die schönste Verfassung, welche die Welt gesehen, mit all ihren Freiheiten und Rechten, weder die Freiheit, noch die Gleichheit, noch die Brüderlichkeit begründete, der ganze Zustand immer wirrer aber auch unfaßbarer wurde und Keiner die Lösung des Räthsels fand, was war natürlicher, als daß man die Personen verantwortlich machte für die Dinge, deren Natur man nicht begreifen konnte! Eine Partei klagte die andere an, suchte sie als die Ursache des allgemeinen Unglücks zu vernichten. Die Royalisten waren in Schaaren geopfert, proskribirt, eingekerkert, flüchtig, die Girondisten waren vernichtet. Jetzt traf die Reihe die Dantonisten, ihnen folgten die Hebertisten, schließlich kamen die, welche alle Andern geopfert, die Terroristen, die Robespierrianer selbst an die Reihe. Diese „Tugendhaften“ hatten die Republik und das allgemeine Wohl nicht retten können; die ihnen jetzt in der Herrschaft folgten, die Männer der richtigen Mitte, des ehemaligen Sumpfes im Konvent, die Schlauberger, die es mit allen Parteien gehalten, um es mit keiner zu verderben, die keine Ideale und keine Leidenschaften besaßen, retteten auch weder die Republik, noch begründeten sie das allgemeine Wohl. An Beiden lag ihnen herzlich wenig, aber sie thaten etwas Besseres, sie retteten sich und das Wohl ihrer Klasse, und dies war schließlich das „allgemeine Wohl“.

In allen Kämpfen und Wirrnissen der Revolution, als die Leidenschaften den höchsten Grad erreichten, andererseits die Begeisterung erglühte, die glänzendsten Gedanken, die bis dahin nur menschliche Hirne erfassen konnten, in Worte und Thaten sich umsetzten, gab es ein geheimnißvolles Etwas, das wie der Geist über den Wassern schwebte, mit dämonischer Kaltblütigkeit in alle Pläne und Projekte eingriff, sie förderte oder zerstörte, wie es seinem Interesse entsprach, dabei Allen sichtbar und doch unfaßbar war, diese Macht war — das Kapital. Das Kapital hatte unter all den Ruinen und Zerstörungen, welche die Revolution geschaffen, allein die Beute eingeheimst und schließlich den Sieg davon getragen. Das Kapital hatte aus allen inneren und äußeren Verlegenheiten des Königthums und der Republik den alleinigen Nutzen gezogen; es hatte die Güterkonfiskationen, die Assignatenwirthschaft, das Maximum, die Rationirungen, die Feldzüge mit ihren Waffen-, Bekleidungs- und Lebensmittellieferungen, die Waareneinfuhrsperre gegen England, kurz alle und jede Maßregel, welche die Konstituante, dann der Konvent, dann der Wohlfahrtsausschuß, jetzt das Direktorium im Interesse des Landes vollzogen, in seinem Nutzen auszubeuten und auszuschlachten gewußt. Mitten unter den Blutszenen der Revolution saß es bei der Ernte und berechnete kaltblütig die Profite, die ihm diese oder jene Maßregel der Gewalthaber abwerfen werde. Ueberall seine Agenten habend, in den Klubs, im Konvent, im Wohlfahrts- und im Sicherheitsausschuß, unter den Konventsdelegationen in den Provinzen, in der Leitung und Verwaltung der Armeen, in den Zivilverwaltungen der eroberten Staaten, Städte und Provinzen, machte es ungeheuere Gewinne. Es feierte Orgien wie nie zuvor und kaum je nachher. Die großen Vermögen wuchsen wie Pilze aus dem Boden, der Spekulations- und der Handelsgeist griff immer weiter um sich und beherrschte das ganze öffentliche und private Leben, alle Beziehungen der Menschen. Die Lehren eines Adam Smith fanden ganz spontan, aus der Natur der Dinge heraus, ihre Anerkennung und ihre Verwirklichung, und es kamen die Lobredner der neuen Ordnung, wie sie immer sich finden, sobald eine neue Macht im Besitz der Gewalt und dadurch im Recht ist, und streuten den Weihrauch und priesen die neue Welt als die beste aller Welten.

Und da man während der Revolution, wie es die „tugendhaften“ Lehren eines Rousseau vorschrieben, äußerlich sehr einfach, sehr sparsam und sehr „tugendhaft“ gelebt hatte, so brach jetzt die lange künstlich zurückgehaltene Genußsucht mit aller Gewalt hervor und überschritt alle Schranken. Man praßte und schwelgte und fröhnte exzentrisch der Liebe, wie es das ancien regime unter Ludwig XV, dem Vielgeliebten, und der Hof von Versailles kaum toller getrieben hatten. Die Masse aber war wieder in's alte Joch gespannt, ihre Söhne schlugen mit Begeisterung in aller Herren Länder die Schlachten und der freie Bauer und Bürger des beginnenden 19. Jahrhunderts sorgten neben der Blut- für die Geldsteuer, welche die neue bürgerlich-zäsarische Herrlichkeit unter dem „glorreichen“ Szepter Napoleon's I. ihnen auferlegte.


Unsere Vorrede ist etwas lang geworden, aber sie war nicht überflüssig zum Verständniß der Aussprüche und Theorien des Mannes, dessen Leben und Lehren diese Abhandlung gewidmet ist. Das Streben und der Ideengang eines Menschen von Bedeutung wird ja nur dann verständlich, wenn man die Zeitverhältnisse kennt, unter denen er geboren, und die auf seine Entwicklung, also auch auf seinen Ideengang eingewirkt haben. Wie weit ein Mensch auch über seine Zeit hinaus denken mag, loszulösen von ihr vermag er sich nicht, er wird von ihr beeinflußt und beherrscht, und so werden seine weitgehendsten Gedanken stets den Stempel des Zeitalters tragen, in dem er lebte und wirkte. Das ist schon oft gesagt worden, es kann aber nicht oft genug wiederholt werden, weil jeden Tag noch in der Beurtheilung des Wirkens von Persönlichkeiten gegen diese Auffassung gesündigt wird.

François Marie Charles Fourier wurde den 7. Februar 1772 zu Besançon als Sohn eines wohlhabenden Großhändlers geboren. Der Vater genoß in seiner Heimath eines ziemlichen Ansehens, er wurde 1776 zum Handelsrichter gewählt. Charles (Karl) war das vierte Kind seiner Eltern, die drei älteren Geschwister waren Mädchen. Der Vater, der 1781 starb, hinterließ ein Vermögen von zweihunderttausend Livres, wovon laut Testament der Sohn zwei Fünftel, also 80.000 Livres, erbte.

Fourier liebte es nie, über seine persönlichen Verhältnisse zu sprechen; geschah es dennoch, so nur, um eine seiner Theorien in dieser oder jener Weise damit zu unterstützen. Seine Schüler und selbst seine intimsten Freunde erfuhren erst nach seinem Tode, daß er in der Belagerung von Lyon, 1793, durch die Konventstruppen das ziemlich beträchtliche väterliche Vermögen vollständig eingebüßt hatte.

Stoiker ohne Ziererei und Künstelei, sprach er nie von der ersten Ursache, die ihm ein Leben voll Entbehrungen und Einschränkungen auferlegte.

Fourier zeigte von frühester Jugend einen entschiedenen Willen, eine unerschütterliche Rechtschaffenheit. Als einziger Sohn vom Vater für den Handel bestimmt, erzählt er selbst in einem seiner Werke, wie er frühzeitig gegen denselben eingenommen wurde. Da diese Stelle für den ganzen Mann charakteristisch ist, geben wir sie ihrem Hauptinhalt nach wieder. Er sagt: Man muß den Handel als ein grau gewordener Praktiker, der vom sechsten Jahre ab im kommerziellen Schafstall erzogen wurde, kennen. Er habe in diesem Alter den Unterschied zwischen dem Handel und der Wahrheit kennen gelernt. Im Katechismus und in der Schule habe man ihm gelehrt, nie zu lügen, dann führte man ihn in den Laden, um ihn frühzeitig in dem edlen Handwerk der Lüge oder der Kunst, wie man verkauft, zu üben. Betroffen über die Betrügereien und Schwindeleien, habe er Käufer, die betrogen werden sollten, bei Seite genommen und ihnen den Betrug entdeckt. Einer von diesen sei unanständig genug gewesen, ihn zu verrathen, was ihm eine Tracht Prügel einbrachte, und im Tone des Vorwurfs hätten seine Eltern erklärt: der Junge wird nie für den Handel taugen. In der That, er habe eine tiefe Abneigung gegen ihn empfunden, und, sieben Jahre alt, habe er einen Eid gegen den Handel geschworen, wie ihn ähnlich Hannibal, neun Jahre alt, gegen Rom schwur: „Ich schwöre ewigen Haß dem Handel.“

Fourier's Haß gegen Ungerechtigkeit veranlaßte, daß er schon als Knabe sich stets der schwachen unter seinen Gespielen gegen die stärkeren annahm, und obgleich er mehr schwächlich als robust war, fürchteten ihn die stärkeren und älteren seiner Gespielen. Dabei war er ein harter Kopf, aber ein vortrefflicher Kamerad und voll Zuneigung. Auch lernte er mit außerordentlicher Leichtigkeit und gewann mehrfach die ersten Preise, namentlich in lateinischer Poesie. Aelter geworden, wollte er nach Paris, um dort namentlich Logik und Physik zu studiren, aber ein Freund der Mutter, der um Rath gefragt wurde, rieth ab, ihn den Gefahren der Großstadt auszusetzen, auch seien die erwähnten Wissenschaften einem Kaufmann nicht vonnöthen; er setzte allerdings hinzu, er glaube, daß ihr Sohn am Handel keinen Geschmack habe und rieth, ihn nicht wider seinen Willen zu zwingen. Das Letztere geschah aber dennoch. Fourier sollte zunächst nach Lyon zu einem Bankier kommen, aber an dessen Thüre desertirte er, erklärend, daß er niemals Kaufmann werden wolle. Darauf kam er nach Rouen, wo er ein zweites Mal auskniff. Schließlich beugte er sich unter das Joch und trat in Lyon in die Lehre, und so habe er, wie er selbst sagt, die schönsten Jahre seines Lebens in den Werkstätten der Lüge zugebracht, überall und stets die Wahrsagung hörend: „Ein rechtschaffener junger Mann, aber er taugt nicht für den Handel.“

Besondere Neigung besaß Fourier für die Geographie, und so verwandte er sein Taschengeld hauptsächlich für die Anschaffung von Karten und Atlanten; nächstdem liebte er außerordentlich die Blumenzucht und kultivirte solche in vielen Arten und Abarten; ferner hatte er großen Hang zur Musik und lernte mehrere Instrumente, und zwar ohne Lehrer, spielen.

Ein hübscher Zug ist aus seinen Schuljahren bekannt geworden. Obgleich er kein starker Esser war, nahm er täglich ein tüchtiges Stück Brot mit kaltem Fleisch belegt, zur Schule mit. Als er sich eines Tages auf einer kleinen Reise befand, stellt sich ein armer Knabe im Laden ein, und frug, ob der kleine Herr krank sei. Als man dies verneinte und ihm mittheilte, er sei verreist, brach der Kleine in Weinen aus. Nach der Ursache befragt, antwortete er: daß er nunmehr sein Frühstück verloren habe, das ihm der junge Herr täglich gebracht habe. Er wurde getröstet und wurde ihm für Ersatz gesorgt.

Fourier machte, bevor er sich dem Wunsche seiner Mutter, Kaufmann zu werden, fügte, noch einen Versuch, in die Militair-Ingenieurschule zu Mézieres aufgenommen zu werden, aber wegen seiner bürgerlichen Abkunft wurde er zurückgewiesen, worüber er sich in späteren Jahren selbst beglückwünschte, weil er sonst von seinen Studien über den sozialen Mechanismus würde abgezogen worden sein. So entscheidet das spätere Schicksal der Menschen meist der Zufall, und da spricht man beständig von den persönlichen Verdiensten. Wie viel bedeutende Männer hatten, als sie eine gewünschte Laufbahn verfehlten, eine Ahnung, daß gerade in diesem Verfehlen die erste Ursache zu ihrer künftigen Berühmtheit lag? —

Nachdem Fourier seine Lehrzeit in Lyon absolvirt hatte, kam er, 1790 auf einer Reise nach Rouen begriffen, um dort eine Stellung als Reisender anzunehmen, ein Posten, der zu jener Zeit ein ganz besonderes Vertrauen voraussetzte, zum ersten Mal auf einige Zeit nach Paris, das ihm sehr gefiel. Mit Hülfe der Zuschüsse, die er aus seinem Vermögen besaß, besuchte er allmälig die meisten Städte Frankreichs, bereiste Deutschland, Holland und Belgien, überall sorgfältig beobachtend und studirend. Von den Deutschen empfing er eine sehr günstige Meinung, er nannte sie das unterrichtetste und vernünftigste Volk. Besonders imponirten ihm die vielen deutschen Städte, die Sitze von Kunstanstalten, Universitäten und höheren Bildungsanstalten waren — die gute Seite und Wirkung der deutschen Kleinstaaterei. Er beklagte später tief, daß für Frankreich Alles in Paris konzentrirt wäre, und in Folge dessen alle übrigen Städte Frankreichs langweilige, monotone und versimpelte Orte seien, in denen jeder höhere geistige Flug fehle. Auf allen diesen Reisen studirte Fourier das Klima der verschiedenen Gegenden, ihre Bodenbeschaffenheit, die Gewerbe, die Bauart der Städte und Straßen und nicht zuletzt den Charakter der Bewohner. Es gab in keiner größeren Stadt, die er besucht hatte, ein hervorragendes Gebäude, dessen Architektur und Dimensionen er nicht genau kannte. Nur für die Sprachen hatte er wenig Sinn, daher auch sein Verlangen in seinem Hauptwerk, das schon im Titel seine Auffassung ausdrückt. „Theorie der universellen Einheit“, daß die Vielsprachigkeit eine der schlimmsten Fehler des Menschengeschlechts sei, und die Schaffung einer Weltsprache, wofür er die französische am geeignetsten hielt, eine der ersten Aufgaben einer neuen sozialen Ordnung der Dinge sein müsse. Den Deutschen machte er zum Vorwurf, daß sie mit Hartnäckigkeit an ihrer besonderen Schriftsprache festhielten, die doch andere germanische Völker, wie die Engländer und die Holländer, längst aufgegeben hätten. Bekanntlich ist heute, nach mehr als siebenzig Jahren, diese Frage in Deutschland noch kontrovers, wenn auch für wissenschaftliche Werke im Sinne Fourier's entschieden.

Da Fourier durch sein Geschäft über Tag stets vollständig in Anspruch genommen war, benützte er, und namentlich dann, nachdem er sein Vermögen verloren und auf das Einkommen aus seiner kaufmännischen Stellung allein angewiesen war, die Nächte, um sich weiter zu bilden. Er befaßte sich hauptsächlich mit Anatomie, Physik, Chemie, Astronomie und Naturgeschichte. Sein Haß gegen den Handel steigerte sich mit den Jahren, je genauer er das Treiben in demselben kennen lernte, immer mehr und spornte ihn zu seinen sozialen Studien an. Namentlich machte es einen tiefen Eindruck auf ihn, als er 1799 in einer Stellung in Marseille seitens seines Chefs den Befehl erhielt, eine Schiffsladung Reis in's Meer zu versenken, damit die Waare im Preise steige.

Mit dem Gang der Revolution konnte er sich nicht befreunden.

Nach seiner Meinung hatte die Masse des Volks sehr wenig dadurch gewonnen, dahingegen hatte die Klasse, die er auf's Tiefste haßte. die handeltreibende Klasse, am meisten profitirt. Und daß die Schriftsteller und Verherrlicher der neuen Ordnung der Dinge das Lob des Handels in allen Tonarten priesen, die Handelsfreiheit als das Ei des Columbus rühmten, als die Einrichtung, aus welcher die allgemeine Wohlfahrt und das allgemeine Glück ersprießen werde, erbitterte ihn noch mehr. Auch war seine Abneigung gegen jede Gewaltthätigkeit, mochte sie von welcher Seite immer kommen, so ausgeprägt, daß er sich nie mit den Gewaltakten der Revolution, deren Nothwendigkeit er nicht einsehen konnte, zu befreunden vermochte, und namentlich haßte er die Jakobiner, als die Vertreter des Schreckensregiments und der Rousseau'schen Philosophie. Nichts konnte ihn später mehr in Aufregung und Zorn bringen, als wenn die Gegner ihm vorwarfen, daß seine sozialen Theorien nur auf dem von den Jakobinern eingeschlagenen Wege verwirklicht werden könnten; dann brach er heftig los. „Nein und tausendmal nein, meine Theorie hat nichts zu thun mit der jener Leute, noch mit ihren Umsturzprojekten.“ Er hatte mit seinem kritischen Blick erkannt, daß in der Revolution trotz allem Heroismus und aller Aufopferung des Volkes, trotz einer idealen Verfassung, trotzdem Alles die Freiheit, die Gleichheit und die Brüderlichkeit im Munde führte, die Ausbeutung, die Unterdrückung, die Demüthigung der Masse, Lug, Trug und Heuchelei nicht nur geblieben waren, sondern sich wo möglich noch gesteigert hatten. Er hatte gesehen, daß, während die Revolutionäre sich bemühten, mit größter Rücksichtslosigkeit Alles mit blutiger Gewalt niederzuschlagen, was ihren Begriffen von gesellschaftlichem Glück entgegenstand, das Kapital im schreiendsten Widerspruch mit den gepredigten Grundsätzen agirte. Er sah, wie der Güterschacher, der Lebensmittelwucher, die Lieferungsschwindeleien blühten und die neu emporgekommenen und plötzlich reich gewordenen Besitzer ihre Orgien feierten. Ihm war auch der Hunger und das Elend der Massen, ihre Begeisterung und ihre Opferwilligkeit bei der Verteidigung des Vaterlandes nicht entgangen, und alle diese Wahrnehmungen, verbunden mit denen, die er tagtäglich im kleineren Kreise um sich und im Geschäftsleben machte, waren es, die ihn auf den Gedanken brachten, daß die Gesellschaft unmöglich richtig organisirt sein könne, und es eine Ordnung der Dinge geben müsse, die alle diese Auswüchse und Uebel unmöglich mache. Ihm erschien es eine Ungeheuerlichkeit, daß die Revolutionäre und nach ihnen die Ordnungsmänner mit Menschenköpfen wie mit Kegelkugeln spielten; daß man in der gewaltsamen Vernichtung der Parteien das menschliche Glück zu begründen glauben könne. Er begriff nicht, daß alle diese Kämpfe nur stattfanden, weil man der wahren treibenden Kraft, jener geheimnißvollen unfaßbaren Macht, dem unpersönlichen Kapital, nicht auf die Spur kommen und seinen Einfluß nicht beseitigen konnte, noch viel weniger wollte, jenes Dinges, über dessen Definirung die bürgerlichen Ideologen sich bis heute die Köpfe zerbrachen, dessen Räthsel erst der moderne wissenschaftliche Sozialismus löste, der endlich auch diese moderne Sphinx in den Abgrund stürzen wird.

Fourier, der von Natur für die politischen Kämpfe nicht inklinirte, der durch die vor seinen Augen sich abspielenden Ereignisse in dieser Abneigung noch bestärkt wurde, kam in Folge davon zu der vorgefaßten Meinung, daß die politische Verfassung der Gesellschaft überhaupt eine gleichgültige Sache sei, daß diese mit dem sozialen Zustand nichts zu schaffen habe, und daß es sich darum handele, den letzteren zu verbessern und die politischen Fragen ganz bei Seite zu lassen. Er verfiel also in den entgegengesetzten Fehler der bürgerlichen Ideologen. Diese glaubten durch die Beseitigung des Adels, der Priesterschaft und des Königthums, durch die Begründung der Republik, die Verkündigung der Menschenrechte, die Anstellung idealer Grundsätze Alles geleistet zu haben, was zu leisten möglich sei. Blieben dennoch die Zustände mangelhaft, so lag das nur an der Niederträchtigkeit der sogenannten Volksfeinde, der Aristokraten, der Pfaffen, der heimlichen Anhänger des Königthums, deren man trotz aller Gewaltmaßregeln nicht Herr werden konnte. Man mußte das Volk zur „Tugend“ erziehen, zur Vaterlandsliebe, zur Opferwilligkeit, zur Arbeitsamkeit, zur Enthaltsamkeit. Wenn das geschah und Alle „tugendhaft“ waren, so konnte der glückliche Zustand nicht fehlen. Die bürgerliche Welt ist am Ende des 19. Jahrhunderts den großen Begründern ihrer Herrlichkeit am Ende des 18. Jahrhunderts noch nicht um Vieles in der Erkenntniß der gesellschaftlichen Entwicklungsgesetze voraus gekommen, sie dreht sich noch immer in demselben Ideengang und sie wird darin stecken bleiben. Darüber hinauszugehen wäre ihr Tod.

Nach Fourier besteht also kein wesentlicher Zusammenhang zwischen dem politischen und sozialen Zustand der Gesellschaft, der erstere ist willkürlich, wie auch der letztere mehr oder weniger willkürlich ist. Er hat zwar mit großem Scharfsinn verschiedene Stufen der menschlichen Entwicklung gekennzeichnet, die er als Edenismus, oder Zustand des primitiven Glücks, als Zustand der Wildheit, des Patriarchats oder der Halbbarbarei, der Barbarei und der Zivilisation charakterisirt; aber es unterliegt nach ihm keinem Zweifel, daß die Zivilisation, die er mit den Griechen beginnen läßt, schon längst in den nächst höheren Zustand der Entwicklung, den des Garantismus übergegangen wäre, wenn der richtige Mann sich fand, der den Ausgang aus der Zivilisation entdeckte. Dieser Mann fehlte bisher. Newton war durch die Entdeckung der Gesetze der Attraktion der Weltkörper hart an dem rechten Weg vorbeigestreift, aber er hatte das Bewegungsgesetz nur für die materielle Welt gefunden. Diese Entdeckung war also, so wichtig sie auch sein mochte, für das Glück der Menschheit die minder werthvolle. Die Gesetze der sozialen Attraktion zu entdecken und darauf die universelle Einheit des gesammten Weltalls, die Beziehungen zwischen den verschiedenen Naturreichen und dem Menschen, zwischen dem Menschen, der Entwicklung des Erdballs und des ganzen Planeten- und Weltsystems, und namentlich auch seine wahren Beziehungen zu dem Weltenschöpfer zu entdecken, dessen ermangelte Newton. Diese Gesetze zu entdecken und damit die wahre Bestimmung des Menschen, die Wege zu seinem Glück, das blieb ihm, Fourier, vorbehalten. Er hat das Mittel entdeckt, das die Menschheit aus Noth, Elend, Unterdrückung, Verkümmerung, Langeweile erlöst, den Menschen mit Gott und dem All in Harmonie setzt. Dieses Mittel ist die Entdeckung der Gesetze der Attraktion der menschlichen Triebe, angewandt auf alle menschlichen Arbeiten und Beschäftigungen, und ihre Bethätigung in der Assoziation durch die Bildung der Serien (Reihen) und Gruppen von Harmonisirenden.

Daß er, Fourier, dieses Mittel für das Glück der Menschheit entdeckte, ist nach ihm reiner Zufall. Es hätte jeder Andere vor ihm und namentlich die Philosophen, die sich seit mehr als 2500 Jahren bemühten, das Welträthsel zu lösen und das menschliche Glück zu suchen, es auch entdecken können. Sie haben aber immer nur damit sich begnügt, das Bestehende zu loben und haben jede Neuerung, wenn sie ihren Lehren gefährlich oder bedenklich schien, bekämpft und verfolgt. Darum sind auch die 400.000 Bände, die sie ihm zufolge im Laufe der Zeiten in den Bibliotheken, vollgepfropft mit ihren Theorien, aufgestapelt haben, von sehr zweifelhaftem Werth. Um so heftiger bekämpfen sie aber jede Neuerung, die, wie die seine, alle diese Werke über den Haufen wirft und sie nahezu werthlos macht. Diese Philosophen, unter welchen er, wie er wiederholt hervorhebt, die Moralisten, die Metaphysiker, die Politiker und die Oekonomisten ausschließlich verstanden wissen will, weil sie ihm als Vertreter der unsicheren Wissenschaften (sciences incertaines) gelten, haben sich deshalb auch gegen ihn verschworen, seine Lehren nicht zur Geltung kommen zu lassen; sie treten ihm überall in den Weg und suchen die Besprechung, selbst die bloße Erwähnung seiner Schriften zu hintertreiben. Gegen sie richtet sich daher sein ganz besonderer Zorn, und er überschüttet sie mit seinem Witz, seiner Satyre und seinem Haß.

Daß, einmal ganz abgesehen von der Frage der Ausführbarkeit seines Systems, seine Theorien, wie sich zeigen wird, im letzten Grunde darauf hinaus laufen, die bestehende Gesellschaft aufzuheben, und daß also das Klasseninteresse der Besitzenden und Herrschenden diese zwingt, seinen Ideen naturgemäß feindlich zu sein, sieht er trotz des außerordentlichen Scharfsinns, der ihm bei der Entwicklung seiner Ideen eigen ist, nicht ein. Er giebt sich allerdings die größte Mühe, die verschiedenen Klassen und Interessen auszusöhnen. Nicht nur sollen alle Regierungen, ohne Rücksicht auf das ihnen zu Grunde liegende politische System, bestehen bleiben, er läßt sogar noch eine große Zahl neuer Staaten und Reiche in den bis jetzt von den Wilden und Barbaren bewohnten Ländern und Erdtheilen sich bilden, wenn erst der ganze Erdball sein System angenommen haben wird, was nach Gründung der ersten Versuchsphalanx — die Phalanx ist die Genossenschaft, in der sich sein System vollzieht[1] — nur wenige Jahre dauern wird. Denn die Vortheile, die sein phalansteres System der Menschheit bietet, sind so in die Augen springende, so zur Nachahmung hinreißende, daß, nachdem die Neugierigen von allen Enden des Erdballs sich von den großartigen Vortheilen und Annehmlichkeiten dieses Systems durch den Besuch der Versuchsphalanx überzeugten, sie die größte Eile haben werden, desselben Glückes theilhaftig zu werden.

Indeß waren um das Jahr 1793, wo Fourier in Lyon lebte, diese Ideen bei ihm noch nicht zur Reife gekommen, obgleich die Keime dazu bereits bei ihm vorhanden waren und seine Denk- und Handlungsweise bestimmten. Es war in diesem Jahr, daß der Konvent das ihm oppositionell gesinnte Lyon belagern und nach der Eroberung in einem erheblichen Theil zerstören ließ, wobei auch Fourier sein Vermögen einbüßte. Fourier mußte zur Verteidigung der Stadt die Waffen ergreifen und entging bei einem Ausfall nur mit genauer Noth dem Tode. Nach Eroberung der Stadt wurde er gefangen genommen und sollte füsilirt werden; er wußte sich durch die Flucht zu retten. Man kann sich vorstellen, daß diese Vorgänge auf ihn einen tiefen Eindruck machten und sein späteres Denken und Urtheilen wesentlich beeinflußten. Kurze Zeit darnach mußte er sich in Folge der vom Konvent beorderten levée en masse (des Massenaufgebots) zur Vertheidigung der Grenzen stellen, und zwar war er als Unverheiratheter unter der ersten Portion der Ausgehobenen, die nach der nothdürftigsten Einübung zur Armee abgehen sollten. Er wurde unter die Jäger zu Pferde der Rhein- und Moselarmee rangirt, doch wurde er nach einigen Monaten auf ein Untauglichkeitszeugniß hin — F. war klein und schwächlich von Körper — vom Dienst befreit. Ein während seiner Dienstzeit an das Kriegsdepartement gerichteter Brief, in dem er der obersten militärischen Leitung Vorschläge bezüglich der Ueberschreitung des Rheins und der Alpen machte, verschaffte ihm seitens der genannten Behörde ein Dankschreiben, unterzeichnet von Carnot.

In den nächsten Jahren beschäftigte sich Fourier — neben seinem Beruf — mit allerlei sozial-reformatorischen Vorschlägen, die er bald der Regierungsgewalt, bald einzelnen Deputaten unterbreitete, aber ohne Anklang damit zu finden. Zu Anfang dieses Jahrhunderts hatte er sich, um eine größere Freiheit und Selbständigkeit zu genießen, als Winkelmakler, wie er sich selbst nannte, etablirt, ein Beruf, den er mit seiner gewohnten Offenheit also charakterisirt. „Ein Makler ist ein Mensch, der mit den Lügen Anderer hausirt und diesen Lügen seine eignen hinzufügt.“ Nebenbei veröffentlichte er ab und zu politische Artikel im „Bulletin de Lyon“. In einem solchen Artikel vom 25. Frimaire des Jahres XII. (17. Dezember 1803), betitelt. „Das kontinentale Triumvirat und ein dreißig Jahre dauernder Friede“, behandelte er die Frage der Theilung Europas. Bekanntlich hatte damals bereits der Ruhm Napoleon's eine außerordentliche Höhe erlangt, man stand kurz vor seiner Krönung zum Kaiser und alle Welt beschäftigte sich mit der Frage, ob endlich dauernd Frieden einkehren, oder welcher Staat das nächste Angriffsobjekt bilden werde. Fourier setzte auseinander, daß zunächst noch kein Friede kommen dürfe, daß unter den vier Staaten, die als selbstständige Reiche in Frage kämen. Frankreich, Rußland, Oesterreich, Preußen, letzteres, als das schwächste, zuerst an die Reihe kommen und verschwinden werde. Mit einer einzigen Schlacht sei es niedergeworfen — was bekanntlich thatsächlich geschah — und dann werde es das Schicksal Polens finden und unter die anderen drei getheilt werden. Jetzt sei das Triumvirat und ein längerer Friede möglich; einige man sich nicht, so komme Oesterreich an die Reihe, zuletzt entbrenne der Kampf zwischen Rußland und Frankreich um die Herrschaft der Welt. England ließ er außer Betracht, weil es als insularer Staat und einzige Alles beherrschende Seemacht zunächst unangreifbar war. Aber wer in Europa Sieger bleibe, werde Indien nehmen, die Häfen Asiens und Europas schließen und so England zu Grunde richten. Gegen England, in dem er die Stütze des Handelssystems und den Repräsentanten aller Niederträchtigkeiten des Handelsgutes sah, empfand er einen besonderen Haß, der häufig aus seinen Schriften hervorbricht. Der erwähnte Artikel erregte die Aufmerksamkeit Napoleon's und führte zu Untersuchungen über den Verfasser; dem Verleger wurde bedeutet, künftig ähnliche Artikel nicht wieder aufzunehmen.

Im Jahre 1808 veröffentlichte Fourier sein erstes und grundlegendes Werk unter dem Titel: „La Theorie des quatre Mouvements et des destinées generales“ („Die Lehre von den vier Bewegungen und den allgemeinen Bestimmungen“). In diesem Werke sind seine Ideen bereits vollkommen enthalten, obgleich es noch vielfach der Klarheit und namentlich der logischen Entwicklung entbehrt; dafür ist es aber mit dem ganzen Feuer der ersten Begeisterung eines Mannes geschrieben, der an seine Mission und die Unfehlbarkeit seiner Theorien glaubt. Fourier ließ das genannte Werk allerdings zunächst nur als Prospekt seiner Entdeckung erscheinen, dem später noch acht lange Abhandlungen über die Gesammtheit seiner Theorien folgen sollten. Diese erschienen nun zwar nicht, aber was erschien, enthielt im Grunde doch nur umfänglichere Erläuterungen und größere Detailschilderungen seines Systems, untermischt mit philosophisch-polemischen Abhandlungen gegen seine Gegner, worin er sich gegen die auf ihn und gegen seine Theorien gerichteten Angriffe wandte, dabei immer dem Grundsatze folgend: die beste Taktik zur Abwehr ist der Angriff. Auch liebte er es, in seinen Werken immer wieder seine positiven Hauptgedanken, wie seine Hauptanklagen gegen die bestehenden Zustände zu wiederholen, nachdrücklich hervorhebend, daß dies nöthig sei, einestheils, um seine Ideen, die dem Leser neu und fremd seien, besser und sicherer in dessen Köpfe haften zu lassen, anderntheils, um die in den Köpfen tief eingewurzelten Vorurtheile um so gründlicher zu beseitigen. Eine unzweifelhaft sehr richtige Taktik, die auch die Gegner alles Neuen bisher stets angewandt haben, wodurch sie es fertig brachten, selbst die absurdesten Vorurtheile lange Zeit aufrecht zu erhalten.

Die große Masse in allen Kreisen denkt nur gewohnheitsmäßig, die einmal übernommenen Ideen bewegen sich in gewissermaßen ausgefahrenen Hirngeleisen, und es bedarf erst starker und wiederholter, durch greifbare Thatsachen und fühlbare Uebel unterstützter Argumente, um sie aus der gewohnten Denkbahn zu reißen. Und ist das Interesse nicht mit den neuen Ideen verknüpft, so ist alle Arbeit vergebens, vereinzelte Idealisten ausgenommen, die schließlich doch auch nur aus Interesse geleitet werden, weil sie weiter blicken und das Neue als das Zukünftige, als unabänderliche Nothwendigkeit und Verbesserung für Alle ansehen und darum für erstrebenswerth halten.

Der Gedankengang, den Fourier in seinem ersten Werk entwickelt, ist kurz folgender: die Welt besteht aus drei ewigen, unerschaffenen und unzerstörbaren Prinzipien:

  • Gott, oder dem Geist, aktives und bewegendes Prinzip;
  • der Materie, passives und bewegtes Prinzip;
  • der Gerechtigkeit oder den mathematischen Gesetzen, regulirendes Prinzip.

Analog dem Weltall besteht auch der Mensch aus drei Prinzipien:

  • den Trieben, passions, aktives und bewegendes Prinzip;
  • dem Körper, passives und bewegtes Prinzip;
  • der Intelligenz, neutrales und regulirendes Prinizp.

Gott, welcher der Leiter und Lenker des Weltalls ist, kann nur die Einheit und Harmonie desselben wollen, weil sonst er mit sich selbst in Widerspruch stünde. Daher existirt eine ununterbrochene Kette von Beziehungen zwischen Allem, was vorhanden ist. Zwischen den drei Reichen der Natur — Thieren, Pflanzen, Mineralien — und dem Menschen, zwischen dem Menschen und Gott, wie zwischen dem Menschen und dem Erdball, und dem ganzen Planeten- und Weltsystem.[2] Indem Gott den Menschen schuf, ihn mit Trieben und Leidenschaften ausstattete, wollte er, daß der Mensch damit glücklich sei. Es ist also nicht anzunehmen, daß diese Triebe schädliche sind, daß der eine oder der andere unterdrückt werde oder unbefriedigt bleibe. Die Befriedigung seiner Triebe schafft vielmehr die Harmonie des Menschen mit sich selbst und mit Gott. Wenn wir trotzdem häufig sehen, daß diese Triebe des Menschen sich oft nur in schädlicher Richtung oder gar nicht äußern und nicht befriedigt werden können, so beweist dies nichts gegen die Triebe und die Ordnung Gottes, sondern spricht gegen die soziale Organisation der Gesellschaft, welche diese Triebe sich falsch zu bethätigen zwingt oder sie gar unterdrückt.

Es sind nun vier Bewegungen, oder wie er später aufstellte, fünf, welche die ganze Welt in Thätigkeit setzen und sie den Bestimmungen entgegenführen.

  1. Die normale Bewegung; Gesetze der Anziehung für die imponderablen (unwägbaren) Elemente, Elektrizität, Magnetismus, Gerüche.
  2. Die thierische oder instinktuelle Bewegung; Gesetze der Anziehung für die Triebe und Instinkte aller erschaffenen Wesen, wann und wo immer sie waren, sind und sein werden.
  3. Die organische Bewegung. Gesetze der Anziehung für die Eigenschaften der Körper: Form, Farbe, Geschmack, Geruch etc.
  4. Die materielle Bewegung — bereits durch die Mathematiker (Newton) entdeckt — Gesetze der Anziehung und Gravitation der Weltkörper (Planeten Fixsterne). Die Kometen sind nach Fourier irreguläre Weltraumbummler.
  5. Die soziale Bewegung — der eigentliche Angelpunkt (Pivot) des Ganzen — die Gesetze, welche die Ordnung und Aufeinanderfolge der verschiedenen sozialen Gestaltungen auf allen Weltkörpern regeln.

Der Mittelpunkt dieser sozialen Gesetze ist der Mensch, der im Grunde damit zum Mittelpunkt des Ganzen wird um den sich Alles dreht.

Was hat die Welt überhaupt für einen Zweck, wenn sie nicht für den Menschen geschaffen ist? Das ist der Hauptgedanke, der seiner Weltauffassung zu Grunde liegt.

Die Bestimmung des Menschen ist das Glück, das in der Entwicklung aller seiner Anlagen, der Befriedigung aller seiner Triebe liegt. Der Mensch soll genießen und abermals genießen Alles, wonach sein Herz ihn drängt, das ist das Fourier'sche Evangelium und nach ihm die Bestimmung des Menschen durch Gott. Man sieht, dieser Fourier'sche Gott ist ein sehr materialistischer Gott, der sich in starkem Gegensatz zu dem Gott des Christenthums befindet, der die Enthaltsamkeit, die Demuth, die Kreuzigung des Fleisches predigt.

Seiner Bestimmung gemäß strebt also der Mensch nach dem Glück, und Reichthum und Gesundheit bilden sein Glück. Er will Reichthum, um sich Genuß verschaffen zu können, und er will Gesundheit, um sie genießen zu können. Den Reichthum genießen nur Wenige, und meist Jene, die ihn am wenigsten verdienen; die Gesundheit mangelt fast Allen. Den Einen in Folge von Noth, Elend, Trübsal, Entbehrungen, den Anderen in Folge von Ueberüppigkeit, Schwelgerei, Uebermaß der Genüsse. Das Eine wie das Andere ist Folge unserer sozialen Einrichtungen, die keinem Theil der Gesellschaft, weder dem Reichen noch dem Armen, die vernünftige und gesunde Entwicklung aller seiner Kräfte und Fähigkeiten, die Abwechslung und befriedigende Anwendung seiner Triebe gestatten. Zwar will die Gesellschaft, und namentlich die Zivilisation, das allgemeine Glück, aber was sie erstrebt, schlägt stets in das Gegentheil um. Wir behaupten, die Wahrheit zu wollen, und überall herrscht Lüge, Heuchelei, Unterdrückung; wir wollen die Moral und es herrscht Diebstahl, Betrug, Verführung, Ehebruch, Prostitution, kurz allgemeine Sittenlosigkeit; wir erstreben das allgemeine Glück und sieben Achtel bis acht Neuntel der Menschen sind unglücklich, weil sie von Uebeln umgeben sind, die zu beseitigen nicht in ihrer Macht liegt. So herrscht statt der Einheitlichkeit die Zweideutigkeit in allen Beziehungen. Jede gute Seite hat ihre schlimme, und zwar ist die schlimme die überwiegende.

Fourier nennt das Streben nach Glück streben nach innerem und äußerem Luxus. Der innere Luxus ist die Gesundheit, der äußere der Reichthum. Den inneren Luxus bilden die Triebe, die um so gesünder sind, je lebhafter sie sind, und deren es fünf sensuelle oder Sinne des Körpers giebt: Geruch, Gesicht, Gehör, Geschmack und Gefühl, und vier Triebe der Seele: Liebe, Freundschaft, Ehrgeiz[3], Familiensinn, die sämmtlich alle neun von drei sie steuernden Trieben beherrscht werden. Diese drei sind: Die Kabalist, Trieb der Intrigue, d. h. der Trieb, der thätig ist, um die Neigungen zu theilen, die Willen zu bestimmen, sich zu gemeinsamen Handlungen zu vereinigen; die Alternant oder Papillone, Trieb, der nach beständiger Abwechslung, nach Kontrasten, nach Veränderungen in der Handlung strebt; die Komposit, Trieb, der die Begeisterung, den Enthusiasmus erregt, nach dem Guten und Schönen strebt, alle Hindernisse überwindet. Diese letzten drei Triebe wirken ihm zufolge auf die vier affektiven und diese auf die fünf sensitiven.

Will aber der Mensch alle seine Triebe bethätigen und befriedigen und den dazu nöthigen Reichthum erlangen, ein Streben, das seiner Natur inhärent ist, so kann er dies nicht als isolirtes Einzelwesen, er bedarf hierzu einer Organisation mit Seinesgleichen. Diese Organisation, die Fourier entdeckte und als Heilmittel bietet, ist — die ländliche und hauswirthschaftliche Assoziation, die mit der industriellen zu verbinden und auf die Anwendung der Serien (Reihen) und Gruppen der Triebe organisirt sein soll.

Fourier legt auf die Ackerbaugenossenschaft oder die agrikole Assoziation das Hauptgewicht, er sieht sie als die eigentliche Grundlage für die menschliche Existenz, als diejenige Thätigkeit an, welche die meiste und angenehmste Abwechslung der Verrichtungen bietet. Aber auch die ganze häusliche Thätigkeit, die Hauswirthschaft im weitesten Umfang, Handel und Gewerbe, die Erziehung, die Künste, die Wissenschaften sollen sozietär betrieben werden. Die eigentliche Großindustrie hatte im Zeitalter Fourier's noch wenig Bedeutung in Frankreich, sie war hauptsächlich in der sog. Manufaktur organisirt, jener höher entwickelten Theilung der Handarbeit, vereinigt in großen Werkstätten, oder vertheilt in Hausbetrieben, die für einen gemeinsamen Unternehmer arbeiten. Der große Fabrikbetrieb entstand erst in einiger Bedeutung gegen das Lebensende Fourier's. Der manufakturmäßige Großbetrieb wurde zu Anfang dieses Jahrhunderts in Frankreich treibhausmäßig durch die Zoll- und Gewerbepolitik Napoleon's begünstigt, dessen Haß und Eifersucht, sowie Rachsucht gegen England ihn zur Kontinentalsperre trieben und ihn die größten Anstrengungen machen ließen, neben der Sperrung der seiner Machtsphäre unterworfenen Häfen für englische Waaren, die inländische Industrie vermittelst enormer Schutzzölle, Staatsunterstützungen und Prämien künstlich großzuziehen und dadurch England zu stürzen. Immerhin würde sich auch unsere heutige Großindustrie in die Fourier'sche phalanstere Organisation einreihen lassen.

Die Arbeit ist nach Fourier eine Nothwendigkeit für Alle ohne Unterschied des Lebensalters und des Geschlechts, aber sie darf keine Last, sondern sie muß eine Lust sein, mit anderen Worten: sie muß anziehend sein. Das kann sie nur sein, wenn Jeder das treibt, wozu seine Triebe ihn drängen, was ihm also Vergnügen macht; dabei muß die Beschäftigung häufig abwechseln und dürfen zu diesem Zwecke die einzelnen Arbeitssitzungen nur kurze sein. Jede Beschäftigung wie jedes Vergnügen darf nicht über ein und eine halbe bis zwei Stunden währen, weil man sonst ermüdet. Um aber das rivalisirende Element in die Beschäftigung zu bringen, muß sie von einer Anzahl Gleichstrebenden zugleich geübt werden. Es bilden sich also Gruppen von Gleichgesinnten für eine bestimmte Thätigkeit. Jede dieser Gruppen muß der lebhafteren Rivalität und der Ausgleichung halber mindestens sieben, gewöhnlich neun Personen umfassen. Es bilden sich eben so viel Gruppen, als Unterarten von Beschäftigungen bei einem bestimmten Produktionszweig vorhanden sind; diese verschiedenen Gruppen bilden eine Serie (Reihe). Es giebt z. B. eine Serie der Birnen- und eine solche der Aepfelzüchter, aber für die Varietäten jeder Obstart bestehen Gruppen. Es rivalisiren also die Serien, um die beste Obstart, die Gruppen, um die besten Sorten (Varietäten) zu züchten. Da ferner zwei Menschen nie in Allem den gleichen Geschmack und die gleichen Triebe haben, so werden dieselben Personen, die soeben in einer Gruppe zusammen wirkten, sich in den nachfolgenden Arbeitssitzungen in rivalisirenden Gruppen oder Serien in anderen Produktionszweigen gegenüberstehen. Es wechselt also nicht blos die Beschäftigung, es wechselt auch beständig der gesellschaftliche Umgang bei der Arbeit. Dieser immerwährende Wechsel der Beschäftigung und der beschäftigten Personen, und die daraus hervorgehenden, sich bald anziehenden, bald abstoßenden Wechselbeziehungen bilden nach Fourier die höchste Befriedigung, weil alle Triebe dabei in's Spiel kommen. Aber die Befriedigung würde keine vollkommene sein, wenn nicht der äußere Erfolg, also die Reichthumserzeugung, durch diese Thätigkeitsweise auch erzielt würde. Diese planmäßig organisirte, assoziirte Thätigkeit von Hunderten von Familien in einer Phalanx wird, so behauptet Fourier, im Gegensatz zur einzelnen Privatwirthschaft und Privatunternehmerschaft eine große Menge von Ersparungen an Kraft, Zeit, Mittel, Werkzeugen etc. einerseits, und durch die geschickt kombinirte und rivalisirende Thätigkeit Aller andererseits eine Reichthumsvermehrung zur Folge haben, die sich im Vergleich zu jetzt verzehn-, verzwanzig-, selbst vervierzigfacht und dem Aermsten eine Bedürfnißbefriedigung ermöglicht, wie sie heute kaum ein reicher Mann sich verschaffen kann.

In der Fourier'schen Phalanx besteht der Unterschied des Besitzes fort. Da der Genuß des Lebens auf Kontrastwirkungen beruht, ist auch der Unterschied des Besitzes nothwendig. Je größer die Verschiedenheiten an Besitz, Charaktereigenschaften, Trieben, also je lebhafter die Kontraste sind, um so besser für die Phalanx.

Man sieht, Fourier ist der Begriff des Klassengegensatzes und die Entwicklung der verschiedenen Gesellschaftsformationen aus Klassenkämpfen, eine Grundanschauung des modernen Sozialismus, fremd. Sein Sozialismus ist auf die Versöhnung, die Harmonie der heute feindlichen Gegensätze, die nach seiner Meinung nur aus Mißverstand oder mangelhafter Kenntniß der wahren Bestimmung der menschlichen Gesellschaft feindliche wurden, gerichtet. Sein Sozialismus paßt sich, wie er nicht müde wird, immer wiederholt zu versichern, allen Regierungsformen und allen Religionssystemen an, er hat weder mit politischen noch religiösen Streitfragen das Geringste zu thun. Daher wendet er sich in seinen Schriften nicht an die Arbeiter und die Masse der Geringen, von denen die erstern zu seiner Zeit als Klasse noch wenig entwickelt waren und öffentlich gar keine Rolle spielten, sondern er wendet sich an die Einsicht der Großen und Reichen. Letztere allein konnten ihm helfen, weil sie allein die Mittel zur Gründung einer Versuchsphalanx besaßen, von deren Zustandekommen nach ihm die Einführung seines Systems abhing. War diese begründet, dann zog sie durch ihren Glanz und ihre Vortheile nicht nur die Zivilisirten, sondern auch die noch im Zustande der Barbarei und der Wildheit befindlichen Völker — „die von der Zivilisation nichts wissen wollen“ — an, eiligst in die neue Gesellschaftsorganisation einzutreten. Die Phalanx ist das Zaubermittel, das die Entwicklungsperiode der Zivilisation, wie der Barbarei und der Wildheit abkürzt, Barbaren und Wilden das Durchgangsstadium durch die Zivilisation erspart und den Aufschwung zu immer höherer Vollendung herbeiführt.

So wandte sich denn Fourier nacheinander bald direkt, bald indirekt an alle ihm jeweilig zugängig erscheinenden Kreise und Personen, um diese für sein System zu interessiren und von ihnen die Mittel zur Begründung der Versuchsphalanx zu erlangen. Er schilderte ihnen den eigenen materiellen Vortheil, wie die Ehren und den Ruhm, den sie dadurch bei Mit- und Nachwelt erlangten, in den glänzendsten, glühendsten Farben. So suchte er abwechselnd und nacheinander Napoleon, französische Volksvertreter, den Adel und Klerus der Restauration, die Bourbonen, die englischen Großen, die sich für das gleichzeitig auftauchende Robert Owen'sche Assoziationsprojekt in New-Lamark interessirten, die Liberalen, ferner seine wüthendsten Gegner, die Philosophen, Rothschild, dem er ein Königreich Jerusalem in Aussicht stellte, Lord Byron, George Sand und nach der Julirevolution die Herren von Lafitte und Thiers, die emigrirten Polen etc. zu gewinnen. Er versuchte schließlich selbst mit den Saint Simonisten, insbesondere mit Enfantin, Fühlung zu bekommen. Die Saint Simonisten benutzten zwar theilweise seine Theorien, indem sie dieselben mit ihren Lehren vermischten, aber auf Weiteres ließen sie sich nicht ein.

Alles war also vergeblich. Die Einen fanden sich unter der bestehenden Ordnung so wohl, daß sie keine Sehnsucht nach einer anderen hatten, Andere, die Wohlwollenden, hielten seine Ideen für unausführbar, sahen in denselben eine schöne Illusion oder Vision, die Dritten zuckten die Achsel und lachten über ihn als einen Träumer und Narren. Dieser Widerstand, diese Ungläubigkeit, die Fourier unbegreiflich fand und auf bösen Willen oder Vorurtheil zurückführte, denn er selbst glaubte an sich und sein System wie je ein Neuerer daran geglaubt hat, wird unser Zeitalter sehr natürlich finden. Wir wissen Alle, daß Entwicklungsperioden, die Bestehendes von Grund aus umgestalten sollen, nie durch noch so scharfsinnig und detaillirt ausgedachte, fertige Pläne von einer Idealgesellschaft herbeigeführt werden, auch nicht, wenn die größten finanziellen Mittel und das größte Wohlwollen mächtiger Persönlichkeiten dahinter steht, sondern daß die Umgestaltung aus dem Entwicklungsprozeß der ganzen Gesellschaft sich vollzieht und, wenn die Bedingungen einer neuen Gesellschaftsformation vorhanden sind, diese sich mit elementarer Gewalt auch Bahn bricht. Sie wird nicht gemacht, sie vollzieht sich, und stets unter der Form von Klassenkämpfen, gegen den Willen der alten Gesellschaftsschichten.

Fourier will in seiner Phalanx Kapital, Arbeit und Talent berücksichtigen und zwar in der Weise, daß die Arbeit Fünfzwölftel, das Kapital Vierzwölftel, das Talent Dreizwölftel des Ertrags zugewiesen erhält. Die beiden Geschlechter sind vollkommen gleichberechtigt, sie arbeiten, vergnügen und lieben sich miteinander, wie die Neigung sie zu einander führt. Wie alle Thätigkeit und die Vergnügen gemeinsam sind, so ist auch die Kindererziehung eine gemeinsame. Die Kinder sind das dritte neutrale Geschlecht, ihrer Erziehung widmet er in seinen Werken einen breiten und hochinteressanten Raum. Es existiren nicht viele Menschen, die, wie Fourier, die menschliche Gesellschaft in allen Lebensaltern und Lebensstellungen beobachteten und studirten, und so hat er auch den Kindescharakter mit wunderbarer Gründlichkeit und Tiefe erfaßt und darauf sein Erziehungssystem begründet. Es wird keinen Pädagogen geben, der nicht heute noch die bezüglichen Kapitel mit großem Vergnügen und mit Nutzen liest.

Die Kinder werden vom ersten Tage der Geburt ab gemeinsam in großen, für diesen Zweck auf's Bequemste und Opulenteste eingerichteten Sälen gepflegt und erzogen. Ihre Pflege übernehmen Pflegerinnen von verschiedenem Lebensalter, die sich freiwillig und aus Trieb, wie bei Allem, was in der Phalanx geschieht, diesem Dienste widmen. Sobald sich der Charakter der Kinder entwickelt, werden sie darnach in die verschiedenen Säle vertheilt. Die Pflegerinnen sind in Serien und Gruppen organisirt, sie sind Tag und Nacht zugegen und werden in den üblichen Zwischenräumen abgelöst. Die Mütter können nach Neigung unter den Pflegerinnen leben. Fourier meint aber, die Mehrzahl werde es vorziehen, ihren gewohnten Beschäftigungen und Unterhaltungen nachzugehen und nur in den Stunden der Nahrung sich einfinden, überzeugt, daß ihren Kleinen Nichts fehlt und Nichts abgeht. Für Spielen und Unterhaltungen der Kleinen ist reichlich gesorgt. Vom dritten Lebensjahre ab werden sie nach ihrem Alter klassifizirt und spielend in die verschiedenen leichten Beschäftigungen des Haushalts eingeführt und zu Handarbeiten angehalten. Jeder Zwang ist ausgeschlossen. Zweckdienlich eingerichtete Spielsäle, Küchen, kleine Werkstätten, mit kleinen Werkzeugen und Maschinen versehen, geben ihnen Gelegenheit, ihre Triebe und Fähigkeiten zu bethätigen. Der eigentliche geistige Unterricht beginnt erst mit dem neunten Jahr, nachdem inzwischen die körperliche Erziehung, die unter dem Namen der „Oper“ Gesänge, Tänze, Musik, körperliche Uebungen aller Art umfaßt, um die Kinder gewandt zu machen, zu richtigem Maß und Ausdruck im Sprechen, in Geberden und Bewegungen zu erziehen, eine feste Grundlage erlangt hat. Die Erziehung währt in verschiedenalterigen Abstufungen bis zur vollständigen körperlichen Reife der Geschlechter, also bis zum 16., 18. und selbst 20. Lebensjahr. Wir kommen bei der späteren Darlegung der Fourier'schen Theorien auf diese Dinge ausführlicher zurück.

Das Verhältniß der beiden Geschlechter zueinander ist im Fourier'schen System das denkbar freieste. Die Kritik, die Fourier an die Beziehungen der Geschlechter in unserer Gesellschaft, an die Form der heutigen Ehe mit ihren Auswüchsen, ihrer Käuflichkeit, ihrer Heuchelei, ihrem Zwange gegen den einen oder anderen, oder gegen beide Theile, übt, gehört zu dem Schärfsten, was hierüber geschrieben wurde.

Die Kritik der Beziehungen der Geschlechter zu einander, wie die Kritik des Handels, den er wie kein Zweiter kannte, zogen ihm hauptsächlich die Entrüstung und den Zorn der Gegner zu, verletzten Diejenigen am meisten, die in dem einmal Ueberlieferten die beste der Welten sahen. Mit seiner Theorie der freien Liebe, seiner Darstellung der sechsunddreißig Arten der Hahnreischaft und des Ehebruchs, die nach ihm existiren und die er noch zu vervollständigen sich anheischig machte; mit seiner Bloßlegung der lügnerischen und gaunerhaften Praktiken des Handels, des Geld- und Lebensmittelwuchers, des Schachers mit Grundstücken und Effekten, der Börsenmanöver, hatte er in verschiedene und sehr gefährliche Wespennester gestochen. Er rief einen solchen Sturm gegen sich wach, daß er selbst später für angemessen fand, zu erklären, Alles, was er über die Beziehungen der Geschlechter in seinen Schriften ausgeführt habe, könne erst von der dritten Generation ab, nach Gründung seines Systems, zur Durchführung kommen. Die jetzt noch übermäßig herrschenden Vorurtheile, wie die physischen Uebel und Gebrechen, die das gegenwärtige System erzeugt habe, müßten erst allmälig ausgerottet werden. Dagegen fuhr er fort, durch historische Darlegung und Kritik der geschlechtlichen und der Eheverhältnisse bei den alten Völkern, besonders an der Hand der Bibel, ihrer Erzählungen über die Nachkommen der ersten Menschen, die Lebensweise der Erzväter, dann David's, Salomo's u. s. w. nachzuweisen, welche Phasen die Geschlechtsverhältnisse der Menschen durchgemacht und wie wenig Anstoß selbst Gott daran genommen habe, indem er allen diesen aus dem alten Testament angeführten Personen fortgesetzt sein Wohlwollen und seine Gnade erhalten habe.

Unter den neuen Lebensverhältnissen, die Fourier erstrebt, genießen die Menschen nicht nur das volle Glück, sie werden auch bei ihrer gesunden und naturgemäßen Lebensweise ein sehr viel höheres Lebensalter erreichen, als heute. 144 Jahre werden das Durchschnittsalter sein. Sie könnten also wenigstens volle achtzig Jahre die Liebe genießen, was doch wohl, wie er meint, eine zu lange Zeit sei, um mit einem Mann oder einer Frau ausschließlich leben zu sollen, „täglich von derselben Platte zu essen“. Da ferner mit dieser längeren Lebensdauer auch die Vermehrung der Menschen entsprechend wachse, sei Urbarmachung neuen Bodens, Ansiedelung in bisher wenig bevölkerten Ländern und Erdtheilen geboten. Aber auch dieses Hülfsmittel werde bald der Vermehrung ein Ziel setzen, wenn nicht gleichzeitig mit der Entwicklung des Menschengeschlechts durch die neue soziale Organisation unser Erdball in klimatischer Beziehung bis zum höchsten Nord- und Südpol eine vollständige klimatische Umwandlung durchmache, die auch auf den anderen Planeten und Fixsternen ähnlich sich vollziehen soll.

Hier entwickelt nun Fourier ein kosmogenetisches System, das zu dem Phantastischsten gehört, das ein Mensch erdenken kann. Es ist namentlich dieser Theil seiner Abhandlungen, der ihm den meisten Spott, ihm hauptsächlich den Titel des „Visionärs“, des „Narren“ eingetragen hat. Das ganze Universum ist nach Fourier, und hier beruft er sich auf Schelling, „das Spiegelbild der menschlichen Seele“.

Die Welt ist dem Menschen zu Liebe geschaffen; nach seinem Tode wandert er von Planet zu Planet zu immer höherer Vollkommenheit, eine Idee, die freilich auch in anderen Köpfen, selbst heute noch, spukt und nicht blos in den untern Schichten. — „Die Kanaille will ewig leben.“

Jeder Planet wird geboren; er hat, wie der Mensch, sein Alter der Kindheit, der auf- und absteigenden Entwicklung und des Todes. Auch die Menschheit stirbt, und zwar nach einer Gesammtlebensdauer von 80.000 Jahren, die sich in vier Phasen abwickeln. Die Phase der Kindheit, in deren letzter Periode wir uns befinden, dauert 5000 Jahre; die Phase der aufsteigenden Entwicklung währt 35.000 Jahre; die Phase des allmäligen Niedergangs ebenfalls 35.000 Jahre. Dann folgt die Phase der Altersschwäche wieder mit 5000 Jahren, worauf der Tod der Menschheit und der Erde eintritt. Innerhalb des Zeitraums von 80.000 Jahren erlebt die Menschheit 32 Entwicklungsperioden — wir befinden uns in der fünften, der Zivilisation —, und innerhalb der verschiedenen Perioden giebt es verschiedene Neuschöpfungen, durch welche auch die Thier- und Pflanzenwelt und das Klima, entsprechend der höheren Entwicklung des Menschen, sich in höherer Vollkommenheit entfalten werden. Mit der achten Periode, der Harmonie, beginnt die Aurora des Glücks. Es wird die Nordpolkrone (Couronne boréale) geboren, die dann, gleich der Sonne, nicht blos Licht, sondern auch Wärme verbreitet und damit eine Reihe neuer Schöpfungen einleitet. Die Wirkung der Nordpolkrone wird sein, daß Petersburg und Ochotsk ein ähnliches Klima bekommen, wie Kadix und Konstantinopel, daß das Klima der sibirischen Eisküsten dem von Marseille und dem Golf von Genua gleicht, und daß eine Fruchtbarkeit dieser nördlichen Erdtheile beginnt, die mit jener der tropischen Länder wetteifert. Gleichzeitig wird durch die Einwirkung des Fluidums der Nordpolkrone und durch die Veränderung des Klimas das Meer sich umbilden und einen limonadeartigen Geschmack annehmen. Die jetzigen, den Menschen feindlichen und schädlichen Meerungeheuer, wie der Hai etc., werden zu Grunde gehen und durch neue Schöpfungen, wie Anti-Hai, Anti-Walfisch, ersetzt werden, Thiere, die dem Menschen freundlich sind und ihm ihre Dienste zum Ziehen der Schiffe etc. leihen werden. Alle nützlichen Fische und Seethiere, wie der Hering, der Kabeljau, die Auster u. s. w., werden trotz der Veränderung des Meeres erhalten bleiben und sich wesentlich vermehren. Ganz ähnlich vollzieht sich die Umgestaltung auf dem Lande. Alle wilden Thiere (Löwe, Tiger, Leopard, Wolf etc.) und alle giftigen Reptile oder widerlichen Insekten, ebenso die giftigen und schädlichen Pflanzen verschwinden und werden durch für den Menschen nützliche Neuschöpfungen ersetzt. So entsteht z. B. der Anti-Löwe, der zahm ist und sich freiwillig dem Menschen als Reitthier anbietet.

Sobald der ganze Erdball mit Phalanxen bedeckt ist, wird er zwei Millionen derselben mit vier Milliarden Menschen aufweisen. Alsdann wird Konstantinopel Hauptstadt der Welt und wird der von allen Phalanxen ernannte Omniarch, als Herrscher der Welt, seinen Sitz dort nehmen. Worin aber das Herrscheramt dieses Omniarchen besteht, ist schwer zu sagen, darüber giebt Fourier keine Auskunft. Mit der Zahl von vier Milliarden ist das Maximum der Bevölkerungsziffer erreicht; denn wenn die Menschen sich anfangs stark vermehrten, so läßt die Fruchtbarkeit des Geschlechts allmälig und namentlich in dem Maße nach, wie neben den Männern insbesondere auch die Frauen größer und stärker werden, ihre geistige und körperliche Entwicklung und die opulente Lebensweise zunimmt. Fourier glaubt, schon jetzt in unserer Gesellschaft die Beobachtung gemacht zu haben, daß Frauen von großer Körperkraft und Körperfülle und höherer geistiger Entwicklung und in günstigen materiellen Verhältnissen lebend, weniger Kinder gebären, als solche von schwächlicher, magerer Konstitution, so daß Erstere häufig sogar unfruchtbar seien.

Aehnliche Umgestaltungen und Veränderungen, wie auf unserm Globus, vollziehen sich auf allen übrigen Planeten und geben dem Menschen die Gewähr, daß er auch nach seinem Tode auf der Erde in ungemessenen Zeiträumen von einem zum andern Planeten wandert, von denen immer einer vollkommener als der andere ist und immer höhere Genüsse dem Menschen in Aussicht stellt. Ganze Planetensysteme werden sich noch bilden, um in der Sternenwelt dieselbe Harmonie, das obere Klavier (clavier majeur) herzustellen, wie diese Harmonie auf der Erde in dem Klavier der menschlichen Seele, das 810 Charaktereigenschaften aufweist, sich hergestellt hat. Das Charakteristische in allen diesen Auseinandersetzungen Fourier's sind die bestimmten mathematischen Verhältnisse und die Analogien, mit denen er rechnet. Alles drückt sich bei ihm in bestimmten Zahlen aus. Alle Lebensäußerungen und Erscheinungen in der Welt lassen sich in bestimmten mathematischen Zahlenverhältnissen zum Ausdruck bringen. Fourier steht hier ganz auf dem Boden des Pythagoras (540-500 vor unserer Zeitrechnung), der bekanntlich eine Philosophie der Zahlenlehre für alle Erscheinungen begründete.

Ebenso sieht Fourier überall Analogien; jede unserer Pflanzen, jedes Thier entspricht irgend einem Menschencharakter, dabei kommt er zu ergötzlichen Vergleichen. Ferner entsprechen die 32 Zähne des Menschen den 32 Entwicklungsperioden der Menschheit und den 32 Planeten unseres Planetensystems, die nach ihm dieses zählen muß.

Die phantastischen Spekulationen Fourier's über die Entwicklung von Menschen und Welt waren es, die ihm im spottsüchtigen Frankreich am meisten schadeten. Später gab er auch diesen Theil seiner Ansichten ausdrücklich preis, sich damit entschuldigend, daß im Jahre 1808 seine Kenntnisse und Entdeckungen noch sehr mangelhaft gewesen seien, daß er für das Studium auf die Nächte angewiesen gewesen sei und er manche ihm nöthige Wissenschaft habe vernachlässigen müssen. Im Uebrigen aber hätten, meinte er, diese seine kosmogenetischen Ansichten mit seinem eigentlichen sozialen System nichts zu thun und schädigten und berührten dieses eben so wenig, als die Träumereien Newton's über die Auslegung der Apokalypse dessen Entdeckung über die Attraktion und Gravitation der Weltkörper geschädigt und berührt habe. Ueberdies erlebte Fourier die Erfindung und Anwendung des Dampfschiffs und der Eisenbahnen, und damit war für ihn handgreiflich der Beweis geliefert, daß die Menschheit nunmehr mit einer Schnelligkeit Meere zu durchschneiden und Länder zu durcheilen vermochte, daß sie den Anti-Hai des Meeres und den Anti-Löwen des Landes sehr wohl entbehren konnte. Wer hatte überhaupt zu Anfang dieses Jahrhunderts von bedeutenden Männern keine Träumereien? Schiller in seinen Räubern, Göthe in seinen Wilhelm Meister's Lehr- und Wanderjahren, Fichte in seinem „geschlossenen Handelsstaat“ malten die Welt auch ganz anders, als sie der großen Mehrzahl der gleichzeitig mit ihnen lebenden „vernünftigen Leute“ sich darstellte. Geniale Menschen haben das Recht, zu „träumen“, sie helfen mit ihren „Träumen“ der Menschheit mehr, als der große Troß des Philisterthums mit seinen „vernünftigen“ Gedanken.

Wir wiederholen, man darf nie einen Mann und seine Geistesprodukte mit dem Maßstab einer späteren Zeit messen. Wie jeder Mensch, der bedeutendste wie der geringste, das Kind seiner Zeit ist, so wird er auch über seine Zeit nicht hinaus können; er kann der Vorgeschrittenste in ihr sein, außer ihr steht er nicht. Eine bewußte Arbeiterklasse gab es zu Anfang dieses Jahrhunderts nicht, konnte es nicht geben; die moderne, industrielle Arbeiterklasse war erst im Entstehen, und so weit die Arbeiter am öffentlichen Leben sich betheiligten und sich dafür interessirten, bildeten sie die Gefolgschaft der Bourgeoisie, wie sie dies in Deutschland im Anfang der sechziger Jahre noch waren. In Frankreich lagen damals die Verhältnisse noch ganz anders. Die Ideen der großen Revolution besaßen noch einen Glanz und hatten einen Enthusiasmus in den Massen verbreitet, der lange und tief nachwirkte.

Warum jene glänzenden Ideen der bürgerlichen Ideologen in der Revolution sich nicht verwirklicht hatten, nicht verwirklichen konnten, erwähnten wir schon. Dazu kam, daß die napoleonischen Kriege Frankreich unausgesetzt in Athem hielten und die öffentliche Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Ueberdies hatten zu jener Periode die Arbeiter in Frankreich ihre goldene Zeit. Durch das bereits erwähnte gegen England gerichtete vollständige Abschließungssystem und die damit treibhausartig gezüchtete Großindustrie — Zuckerfabrikation, Baumwollenfabrikation, Seidenindustrie etc. — in Verbindung mit der fortgesetzten Hinopferung von Hunderttausenden der besten Kräfte im Mannesalter, in den ununterbrochenen Kriegen, war die Nachfrage nach Arbeitern groß, die Löhne standen hoch und die Arbeiter lernten erst jetzt eine Menge Bedürfnisse kennen und befriedigen, von denen sie früher keine Ahnung hatten. Da bekümmerten sie sich nicht um neue soziale Theorien, namentlich wenn diese ihnen in so fremder, schwer verbindlicher und unverdaulicher Form geboten wurden, wie sie Fourier's erstes Hauptwerk enthielt. Fourier ist überhaupt schwer verständlich, es mangelt ihm die logische Zusammenfassung und die klare Ausdrucksweise. Daneben hat er sich eine Nomenklatur gebildet und wendet diese mit Vorliebe an, die eine Verdeutlichung sehr schwer, manchmal fast unmöglich macht.

Als nach Beendigung der napoleonischen Kriege und nach der Beseitigung Napoleon's Frankreich anfing, sich wieder mit sich selbst zu beschäftigen, traten andere Erscheinungen in den Vordergrund, die das allgemeine Interesse in Anspruch nahmen. Gleichzeitig mit den Bourbonen und unter dem Schutz der Bayonette der heiligen Allianz war ein ganzes Heer ehemals emigrirter Pfaffen und Adeliger mit ihrer Nachkommenschaft eingerückt, die jetzt wie ein Schwarm Heuschrecken sich über das Land ergossen, Ersatz für das einst Verlorene, Belohnung und Vergeltung für das meist sehr zweifelhaft Geleistete aus öffentlichen Mitteln verlangten, und nach möglichster Wiederherstellung der Zustände des ancien regime sich sehnten und dazu drängten. Zwar hatte schon Napoleon versucht, seinen Frieden mit den alten Ständen zu machen; er hatte neben dem alten einen neuen Adel kreirt, weil er einsah, daß er seinen neu gezimmerten Thron nicht ohne solche Stützen auf die Länge zu halten vermochte, und mit dem Papst hatte er sich auch verständigt. Aber es war doch nur ein kleiner Theil des Adels, der von Napoleon befriedigt war, und der Herr und Meister zwang diesen Adel zur Bescheidenheit. Das wurde nach 1815 anders. Jetzt brach der alte Adel in Schaaren in das Land, er hielt den Tag der Ernte nach so langer Entbehrung für gekommen. Die reaktionären Strebungen kamen überall zum Vorschein. Eine Reihe von Jahren ließ sich das niedergetretene Frankreich diesen Zustand gefallen, dann aber ermannte es sich allmälig. Die Bourgeoisie, die sich in erster Stelle zurückgedrängt und beunruhigt sah, wurde oppositionell, und Alles, was von den Ideen der großen Revolution erfüllt war, noch voll Begeisterung und Enthusiasmus glühte, erhob sich zum Kampf, der schließlich in dem Sturz der Bourbonen in der Julirevolution zunächst sein Ende fand. Aber später dauerten die Kämpfe fort und führten namentlich zur Gründung der geheimen revolutionären Gesellschaften, an denen auch die Arbeiter in stärkerem Maße sich betheiligten. Das war keine Strömung, die den auf Aussöhnung und Ausgleichung der Gegensätze gerichteten Bestrebungen Fourier's günstig war. Dazu kam noch eine gewisse Zurückhaltung seinerseits, er blieb den politischen Kämpfen vollständig fern, seine Natur war nicht für die öffentliche Propaganda und die Agitation gemacht.

Die Aufnahme, die Fourier's erstes Werk: „Die Theorie der vier Bewegungen“, gefunden hatte, war nicht sehr ermunternd. Das Buch fand geringen Absatz und Fourier's Mittel waren erschöpft. Eine kleine Hülse, die ihn vor dem Mangel schützte, erhielt er durch ein Legat seiner Mutter, die 1812 starb, ein Legat, das ihm jährlich 900 Franken einbrachte. Bis zum Jahre 1816 arbeitete er in verschiedenen kaufmännischen Stellungen, dann zog er sich auf's Land zurück und widmete sich fünf Jahre gänzlich seinen Studien und Berechnungen. Endlich, im Jahre 1822, erschien sein umfänglichstes Werk: „Die Theorie der universellen Einheit“, zwei starke Bände umfassend, bei dessen Herausgabe ihn namentlich sein Freund und Anhänger Just Muiron, der als städtischer Beamter in Besançon lebte und in leidlichen materiellen Verhältnissen war, unterstützte. Bei der zweiten Herausgabe (1842) wurde dem Werke die ein Jahr nach seiner ersten Herausgabe geschriebene Abhandlung: „Summarisches“ eingefügt und das Ganze unter dem ersterwähnten Titel in vier Bänden herausgegeben. Bei der ersten Ausgabe führte das Werk den Titel: „Abhandlung über die hauswirthschaftlich-landwirthschaftliche Assoziation“, obgleich Fourier ihm den späteren Titel von vornherein zugedacht, ihn aber durch den zweiten ersetzt hatte, weil damals „die erschreckte öffentliche Meinung gegen die allgemeinen Systeme eingenommen gewesen sei.“ In diesem Werk begründet Fourier in der ausführlichsten Weise alle die in seinem ersten Werk aufgestellten Postulate, sie hier und da in Folge genauerer Studien und Berechnungen richtig stellend. Einen erheblichen Theil des Werkes bilden philosophische Abhandlungen scharf polemischer Natur — in der Polemik war er überhaupt Meister — in denen er die Systeme der Gegner angriff und die gegen ihn gerichteten Angriffe mit viel Witz und Satyre zurückwies.

Im Jahre 1829 erschien eine weitere Arbeit Fourier's unter dem Titel: „Die industrielle und sozietäre Neue Welt.“ (Le Nouveau Monde industriel et sociétaire.) Dieses Werk umfaßt einen Band und ist von allen Schriften Fourier's das präziseste und am klarsten geschriebene; es vermeidet möglichst die spekulativen und kosmogenetischen Träumereien, befaßt sich dagegen um so mehr mit allen praktischen Fragen seines Systems; es kann als die eigentliche Quintessenz seiner Theorien angesehen werden. Wer sich über Fourier's Ideen genügend orientiren will, ohne die fünf ersten Bände zu studiren, wird in „Der industriellen und sozietären Neuen Welt“ alles Wünschbare finden. Sieben Jahre später erschien abermals eine größere Arbeit von ihm unter dem Titeln „Falsche Industrie“. Aber dieses Buch enthält keine irgendwie neuen Ideen, noch weniger zeichnet es sich durch Uebersichtlichkeit aus, es ist die letzte, aber auch geringwerthigste seiner größeren Abhandlungen. Neben diesen größeren Schriften erschienen von ihm eine Menge Aufsätze über die verschiedensten Fragen, die später ebenfalls gesammelt und von seinen Anhängern herausgegeben wurden.

Allmälig hatte sich eine kleine Anhängerzahl um Fourier geschaart. Neben dem bereits erwähnten, ihm sehr ergebenen Muiron war es Victor Considérant, der als junger Mann und als Zögling der Ingenieurschule zu Metz mit Feuereifer sich seinen Ideen hingab, unter seinen militärischen Genossen für dieselben Propaganda machte und auch später Fourier treu blieb, als er in der militärischen Karrière bis zum Hauptmann des Geniekorps emporstieg, noch später Mitglied des Generalraths der Seine und Volksvertreter wurde. Considérant wurde das eigentliche Haupt der Schule, der Paulus des Fourierismus, der in Wort und Schrift unermüdlich für ihn wirkte. Doch da wir die ausschließliche Aufgabe haben, uns mit dem Wirken Fourier's zu beschäftigen, können wir nicht ausführlicher auf die Thätigkeit der Schule eingehen. Die Zahl ihrer schriftstellerischen Kräfte, und dem entsprechend auch die Zahl ihrer Schriften, wurde im Laufe der Jahre eine sehr bedeutende, doch hat sie nie einen großen Massenanhang gewonnen; sie hatte, wie die meisten der sozialistischen Schulen in Frankreich, ihre Hauptstützen in den jugendlichen Kreisen der Gebildeten. Schriftsteller, Advokaten, Offiziere, Aerzte, Künstler bildeten den Kern. Im Jahre 1832 gelang es Kurier und seinen Schülern, eine Zeitschrift für die Verbreitung ihrer Lehren zu gründen, die unter dem Titel: „La Reforme industrielle ou le Phalanstère“ (Die industrielle Reform oder das Phalansterium) bis zum Jahre 1833 in zwei Bänden groß Oktav erschien, dann aber einging. Eine neue Zeitschrift erschien 1836 unter dem Titel: „La Phalange, journal de la science social“ (Die Phalanx, Zeitschrift für die soziale Wissenschaft), welche in den Jahren 1836–1840 zwei bis drei Mal im Monat herauskam. Von 1840–1843 erschien sie wöchentlich drei Mal und ging 1843 in ein Tageblatt über unter dem Titel: „Democratie pacifique“ (Friedliche Demokratie).

Fourier betheiligte sich bei diesen Zeitschriften schriftstellerisch sehr eifrig und leistete zahlreiche Beiträge. Außerdem führte er auch den Kampf in der übrigen Presse, so weit diese seine Arbeiten aufnahm. Gegen Ende der zwanziger Jahre war er dauernd nach Paris übergesiedelt. Er hatte eingesehen, daß wenn er für seine Theorien mit Erfolg wirken wollte, er mitten in dem Zentralpunkt des öffentlichen Lebens von Frankreich sein mußte. Er hatte den durch die Zentralisation des Landes begründeten mächtigen Einfluß von Paris auf Frankreich für dessen ganzes öffentliches, wissenschaftliches, künstlerisches Leben entschieden bekämpft, ein Einfluß, der dazu führe, daß die größten Städte Frankreichs, wie Lyon, Bordeaux, Rouen u. s. w., in Bezug auf geistiges und künstlerisches Leben reine Landgemeinden seien und bei der in Deutschland herrschenden Dezentralisation von weit kleineren Städten, wie Weimar, Stuttgart, Gotha oder jeder beliebigen deutschen Universitätsstadt, überflügelt würden. Fourier beurtheilte überhaupt Paris, Frankreich und den Charakter seiner Landsleute im guten wie im schlimmen Sinne wie wenige seiner Zeitgenossen. Das war die Frucht seiner außerordentlichen scharfen Beobachtungsgabe. Aber der zentralisirenden Wirkung und dem Einfluß von Paris konnte er sich natürlich als Einzelner und als Mann, der auf seine Zeitgenossen wirken wollte, nicht entziehen, und so wählte er es zum Schauplatz seiner Thätigkeit. Da ist es denn für den Mann und den festen Glauben an sein System charakteristisch, daß während der letzten zehn Jahre, die er bis zu seinem am 9. Oktober 1837 in Paris erfolgten Tode verlebte, er Tag für Tag in der Mittagsstunde in seiner Wohnung den „Kandidaten“[4] erwartete, der ihm die Mittel für die Gründung einer Versuchsphalanx zur Verfügung stellen sollte. Vergeblich! Dagegen wurde im Jahre 1832 aus der Mitte seiner Anhänger heraus der Versuch, eine Phalanx zu gründen, gemacht, indem Einer derselben in der Nähe von Rambouillet 500 Hektaren Land für diesen Zweck zur Verfügung stellte. Aber man kam über die ersten Versuche nicht hinaus, weil die Mittel sehr bald ausgingen, ein Resultat, das Fourier bis an sein Lebensende mit begreiflicher Bitterkeit erfüllte.


Hiermit haben wir in der Hauptsache den Lebenslauf des Begründers des Phalanstèren-Systems dargelegt, wie in einigen Hauptpunkten seine Grundgedanken entwickelt, und die Zeitverhältnisse kurz geschildert, unter welchen er sich Geltung zu verschaffen suchte. Es handelt sich nunmehr darum, sein System und seine Auffassungen nach seinen eigenen Ausführungen, wenn auch nur in knappster Form, zum Ausdruck zu bringen.

Seine Schüler haben im Jahre 1848 ein zweibändiges Sammelwerk herausgegeben, in dem sie unter dem Titel: „Die universelle Harmonie und das Phalansterium“ (L'harmonie Universelle et le Phalanstère) eine Uebersicht der Theorien Fourier's gaben, worin ausschließlich er selbst zum Wort kommt. Dieses Werk haben wir theilweise für Nachstehendes mit zu Grunde gelegt. Fourier beginnt:

„Ich dachte an nichts weniger, als an Untersuchungen über die Bestimmung von Mensch und Welt, ich theilte die allgemeine Ansicht, welche sie als undurchdringlich ansah und ihre Berechnung unter die Visionen der Astrologen und Magiker reihte ... Seitdem die Philosophen[5] in ihrem ersten Versuch (in der französischen Revolution) den Beweis ihrer Unerfahrenheit geliefert haben, betrachtet Jeder ihre Wissenschaft als für immer abgethan. Die Ströme von politischer und moralischer Aufklärung erscheinen nur mehr als Illusionen. Nachdem diese Gelehrten seit fünfundzwanzig Jahrhunderten ihre Theorien vervollkommnet, alles alte und neue Wissen zusammengetragen haben, zeigt sich, daß sie uns statt der versprochenen Wohlthaten eben so viel Kalamitäten verschafften und daß die Zivilisation zur Barbarei neigt. Nach der Katastrophe von 1793 gab es keinerlei Glück von den erworbenen Aufklärungen mehr zu hoffen, man mußte das soziale Wohl durch eine neue Wissenschaft zu verwirklichen suchen. Solcher Art war die erste Betrachtung, welche mich die Existenz einer bisher noch unbekannten sozialen Wissenschaft vermuthen ließ und mich anregte, ihre Entdeckung zu versuchen. Ich ward dazu ermuthigt durch zahlreiche Merkmale, die Verirrungen der Vernunft und hauptsächlich durch den Anblick der schweren Geiseln, von denen unsere sozialen Zustände betroffen sind: Mangel, Entbehrungen, überall herrschender Betrug, Seeräuberei, Handelsmonopol, Sklavenhandel und viele andere Uebel. Ich gab dem Zweifel statt, ob dieser soziale Zustand nicht eine von Gott erfundene Kalamität sei, um das Menschengeschlecht zu züchtigen. Ich schloß, daß in diesem sozialen Zustand eine Umkehrung der natürlichen Ordnung vorhanden sei. Endlich dachte ich, wenn die menschliche Gesellschaft nach der Ansicht Montesquieu's 'von einer Krankheit der Entkräftung, einem inneren Uebel, einem geheimen versteckten Gift' behaftet sei, man ein Heilmittel finden könne, wenn man die von unseren Philosophen bisher innegehaltenen Wege vermeide. So machte ich zur Regel meiner Untersuchungen: den absoluten Zweifel und die absolute Vermeidung bisher beschrittener Wege ... Da ich bisher keinerlei Beziehungen zu irgend einer wissenschaftlichen Partei hatte, so war es mir um so leichter, den Zweifel unterschiedslos anzuwenden und Ansichten mit Mißtrauen zu begegnen, die bisher universelle Zustimmung gefunden hatten. Was konnte es Unvollkommeneres geben, als diese Zivilisation mit allen ihren Uebeln? Was war zweifelhafter, als ihre Nothwendigkeit und künftige Dauer? Wenn vor ihr schon drei andere Gesellschaften bestanden, die Wildheit, das Patriarchat und die Barbarei, folgte daraus, daß sie die letzte sei, weil sie die vierte ist? Kann nicht noch eine fünfte, sechste, siebente soziale Ordnung entstehen, die weniger verhängnißvoll sind, als die Zivilisation, die aber noch unbekannt sind, weil Niemand sich die Mühe gab, sie zu entdecken? Man muß also die Nothwendigkeit, Vortrefflichkeit und stetige Dauer der Zivilisation in Zweifel stellen. Das haben die Philosophen nicht gewagt, weil sonst die Nichtigkeit ihrer bisherigen Theorien, die alle die Zivilisation verherrlichen, an den Tag kommen würde.“

In diesen wenigen Sätzen steckt bereits die Utopie, von der er und alle Seinesgleichen ausgingen. Der bestehende Zustand ist schlecht, kein Zweifel, aber er wird nur festgehalten, weil man keinen besseren kennt. Machen wir uns also an die Arbeit, erfinden wir einen besseren und dem Uebel ist geholfen. Doch sollte nach Fourier diese neue Gesellschaft keine willkürlich erfundene sein, sie sollte auf bestimmten mathematischen Berechnungen beruhen, und stimmten diese Rechnungen, und das entschied natürlich er selbst, so war der neue Zustand gegeben, und es hing nur von dem eignen Entschluß der Gesellschaft ab, ihren sozialen Zustand wie ein Paar Handschuhe zu wechseln, ruhig, friedlich, ohne Kampf und ohne Reibung. Denn wo Allen das Glück blüht, wie kann da Jemand zaudern?

Er entschloß sich also, Alles zu bezweifeln, doch dachte er noch nicht an die Bestimmungen. Er verfiel zunächst, wie er sagt, auf zwei sehr gewöhnliche Probleme, deren beide Prinzipien waren „die Ackerbaugesellschaft“ (association agricole) und die indirecte Unterdrückung des Handelsmonopols der Insularen, der Engländer.

England sah bekanntlich in dem Aufschwung Frankreichs nach der französischen Revolution einen gefährlichen Konkurrenten entstehen, dazu kam die Befürchtung wegen der Rückwirkung der revolutionären Ideen auf die eigene Bevölkerung und, wie schon bemerkt, der Haß, daß Frankreich die Unabhängigkeitsmachung seiner nordamerikanischen Kolonien, der späteren Vereinigten Staaten, unterstützt hatte. Mit seiner Seemacht beherrschte England alle Meere und den ganzen Handel, und bei dem Widerwillen, den Fourier in der eignen Praxis gegen den Handel eingesogen hatte, mußte sich dieser Widerwille auch auf die größte Handelsmacht, die, wie er behauptete, alle diese perfiden Handelsdoktrinen nicht blos vertrat, sondern auch erzeugt hatte, wenden. Zunächst beschäftigte er sich mit der ländlichen Assoziation, und über dem Nachdenken über ihre Organisation kam er auf die Theorie der Bestimmungen. Die Lösung dieses Problems führt, nach ihm, zur Lösung aller politischen Probleme. „Die Philosophen hielten die Ackerbaugenossenschaft für ebenso unmöglich, wie die Abschaffung der Sklaverei, weil die Genossenschaft bisher nie existirte. Sehend, daß bei dem Dorfbewohner jede Haushaltung auf eigene Faust arbeitet, kannten sie keine Mittel, sie zu vereinigen, und doch würden unzählige Verbesserungen daraus entstehen, wenn man die Bewohner jedes Fleckens zu gemeinsamer Thätigkeit vereinigen könne, proportional ihrem Kapital und ihrer Thätigkeit. Also 2–300 Familien, ungleich an Vermögen, die einen Bezirk (canton) kultivirten. Das Hinderniß schien enorm. Man kann kaum 20, 30, 40 Individuen zu gemeinsamer Thätigkeit verbinden, wie hunderte? Und doch wären mindestens achthundert nöthig für eine natürliche und ihre Mitglieder anziehende Assoziation.“

„Ich verstehe darunter“, sagt er, „eine Gesellschaft, deren Mitglieder durch Wetteifer und Eigenliebe und andere Mittel, die mit dem Interesse verträglich, an die Arbeit gefesselt sind. Die Ordnung, um die es sich handelt, muß für die, welche sie üben, anziehend sein, während heute die Beschäftigung mit der Landwirthschaft widerwärtig erscheint und nur ausgeübt wird aus Furcht, Hungers zu sterben. Eine solche Organisation erscheint lächerlich, und doch ist sie möglich. Die landwirthschaftliche Assoziation, die, wie ich unterstelle, an tausend Personen umfaßt, liefert so enorme Vortheile, daß sie im Vergleich zum heutigen Zustand als Zustand der Sorglosigkeit erscheint. Das hat selbst ein Theil der Oekonomen zugestanden, nur haben sie sich nicht die Mühe gegeben, die Ausführungsweise zu entdecken. Sie erkennen selbst an, daß z. B. dreihundert Dorffamilien nur einen einzigen, sorgfältig erbauten und eingerichteten Kornboden würden nöthig haben, anstatt 300 meist sehr schlechter; eine einzige Kellerei (für den Wein) anstatt 300 derselben, die meist mit vollständiger Unkenntniß behandelt werden. Statt daß hundert Boten mit Milch nach der Stadt gehen und hundert halbe Tage versäumen, würde ein einziger genügen, der mit einem Wagen fährt. Das sind nur einige von den zunächst in die Augen fallenden Ersparnissen, und sie würden sich verzwanzigfachen lassen. Aber wie eine Gesellschaft verschmelzen, in der die eine Familie 10.000 Franken, die andere keinen Obolus besitzt? Wie alle die Eifersüchteleien vermeiden und zu einem Plan die Interessen verbinden? Wie aussöhnen so viel widerstreitende Interessen und so viel entgegenstrebende Willen versöhnen? Darauf antworte ich: durch die Lockung von Reichthum und Vermögen. Der stärkste Trieb für den Landmann wie für den Städter ist der Gewinn. Wenn die Betheiligten sehen, daß die sozietär organisirte Arbeit ihnen drei-, fünf-, sechsmal mehr Vortheile einbringt, als in der isolirten Privatwirthschaft, daß allen Assoziirten die verschiedensten Genüsse gesichert sind, so werden sie alle ihre Eifersüchteleien vergessen und sich beeilen, der Assoziation beizutreten; sie wird sich rasch über alle Regionen ausbreiten, denn überall haben die Menschen den Trieb nach Reichthum und Genüssen.“

„Wenn die Götter allen Sterblichen drei Wünsche auszusprechen gestatteten, welches würden die einstimmigsten Wünsche sein, die der Gelehrten eingeschlossen: Reichthum, Gesundheit und Langlebigkeit; und damit wäre der vierte Wunsch eingeschlossen: genügend Klugheit, um diese Güter entsprechend zu benutzen“, so definirt er an einer andern Stelle das Streben der Menschen.

„Die landwirthschaftliche Assoziation wird also das Schicksal des Menschengeschlechts ändern, weil sie den Allen gemeinsamen Trieben Rechnung trägt. Wilde und Barbaren werden sich ihr anschließen, da die Triebe überall die gleichen sind. Dieser neuen Organisation gebe ich drei Namen: „progressive Serien“ (Reihen) oder Serien „von Gruppen“, „Serien der Triebe“. Ich verstehe unter der Bezeichnung Serie einen Zusammenhang mehrerer assoziirter Gruppen, welche sich den verschiedenen Zweigen ein und derselben Industrie — das Wort „Industrie“ bedeutet bei Fourier jede nützliche, menschliche Bethätigung — „oder ein und desselben Triebes sich widmen.“

„Die Theorie von den Serien der Triebe ist nicht willkürlich eingebildet, wie unsere sozialen Theorien. Die Ordnung der Serien ist in allen Stücken analog den geometrischen Serien aller unserer Eigenschaften, wie das Gleichgewicht der Rivalitäten zwischen den extremen und den mittleren Gruppen vorhanden ist. Die Triebe harmonisiren sich, je mehr sie sich in den Serien der Gruppen regelmäßig entwickeln; außerhalb dieses Mechanismus sind sie entfesselte Tiger, unbegreifliche Räthsel, darum verlangen die Philosophen, daß man die Triebe (das Wort Triebe ist auch stets im Sinne von Leidenschaften, passions, zu verstehen. Anmerk. des Verf.) unterdrücken müsse. Das ist eine doppelte Absurdität. Man kann die Triebe nicht anders als durch Gewalt unterdrücken, oder dadurch, daß sie sich gegenseitig aufzehren. Unterdrückt man sie aber, so muß der zivilisirte Zustand rasch in Verfall gerathen und in das Nomadenthum zurückfallen. Ich glaube weder an die Tugend der Hirten, noch an diejenige ihrer Apologeten.“[6]

Die sozietäre Ordnung wird der Zivilisation folgen, aber sie läßt weder Mäßigung noch Gleichheit, noch andere Gesichtspunkte der Philosophen zu; je glühender und geläuterter die Triebe, je lebhafter und zahlreicher sie sind, um so leichter wird die Assoziation sich bilden. Man soll nicht die Natur der Triebe, die Gott dem Menschen gegeben hat, ändern, man soll ihnen nur die rechte Richtung geben. Meine Theorie beschränkt sich auf die nützliche Anwendung der Triebe, wie die Natur sie giebt und ohne sie zu ändern. Darin besteht das ganze Geheimniß von der Berechnung über die Attraktionen der Triebe. Man streitet nicht, ob Gott Recht oder Unrecht hatte, daß er dem Menschen so oder so die Triebe schenkte, die sozietäre Ordnung wendet sie an, wie Gott sie gab, ohne etwas daran zu ändern.“

„Wenn also in der sozietären Ordnung die Geschmäcker sich ändern, so z. B., daß die Menschen das Landleben der Stadt vorziehen, so ändert sich nur der Geschmack, nicht die Triebe. Die Liebe zum Reichthum und für die Vergnügungen bleibt immer. Die Zivilisirten werden über den neuen Sozialzustand ganz anders urtheilen, sobald sie sehen, daß z. B. die Kinder, die heute nur schreien und sich zanken, Alles zerbrechen und sich zu beschäftigen weigern, in der Serie von Gruppen sich nur mit nützlichen Arbeiten aller Art beschäftigen, unter sich in Wetteifer gerathen, ohne daß man sie dazu anreizt; daß sie sich gegenseitig aus freiem Willen über die Kulturen, die industriellen Beschäftigungen, die Künste und Wissenschaften belehren, also daß sie erzeugen und Vortheile schaffen, indem sie sich zu ergötzen glauben. Wenn ferner die Zivilisirten sehen, daß man in einer Phalanx für ein Drittheil der Kosten ein viel besseres Mahl erhält, als in der Privatwirthschaft; daß man in der Serie dreimal angenehmer, reichlicher bedient ist; daß man dreimal besser sich nährt und dreimal weniger ausgiebt, als in der alten Ordnung und dabei all' die Unannehmlichkeiten und Verlegenheiten für die Vorbereitungen und Anschaffungen erspart; wenn ferner bewiesen wird, daß die Beziehungen in der Serie keinerlei Täuschungen zulassen; daß bei dem Volk, heute so ungeschliffen und falsch, die Wahrheit und Gesittung einkehren wird; wenn das Alles die Zivilisirten sehen, so werden sie einen Abscheu vor ihrem jetzigen Zustand bekommen, sie werden sich beeilen, in die Assoziation einzutreten und ihr Gebäude zu errichten.“

Fourier geht nun dazu über, darzulegen, wie er zu der neuen Wissenschaft gekommen sei. „Das Erste, was ich entdeckte, war die Anziehung der Triebe. Ich erkannte, daß die fortschreitenden Serien den Trieben der beiden Geschlechter, den verschiedenen Lebensaltern und Klassen die volle Entwicklung sichern, daß in der neuen Ordnung man um so mehr Kraft und Vermögen erlangen werde, je mehr Triebe man habe und schloß, daß, wenn Gott so viel Einfluß der Anziehung der Triebe gegeben und so wenig Einfluß der Vernunft, ihrem Feinde, dieses geschehen sei, um uns zur Organisation der fortschreitenden Serien zu führen, welche in jedem Sinne die Anziehung befriedigen ... Die Sophisten glauben das Problem, das daraus entsteht, daß unsere Triebe scheinbar mit unserer Vernunft im Widerspruch stehen, dadurch zu erklären, daß sie sagen: Gott gab die Vernunft, damit wir den Trieben widerstehen. Es ist aber sicher, daß er sie dazu nicht gab. Will man die Vernunft der Anziehung der Triebe gegenüberstellen, so ist dies selbst von Seiten der Verherrlicher der Vernunft ein ohnmächtiges Beginnen; die Vernunft hat nie Bedeutung, sobald es sich darum handelt, unsere Neigungen zu unterdrücken. Die Kinder werden nur durch Furcht, junge Leuten nur durch Mangel an Geld zurückgehalten, ihren Neigungen zu fröhnen. Das Volk wird durch die Zurüstungen für Strafen, das Alter durch verschlagene Berechnungen, welche die wilden Leidenschaften des Jugendalters aufsaugen, zurückgehalten, aber Niemand durch die Vernunft, die ohne Zwangsmittel nichts gegen die Leidenschaften vermag.“

„Die Vernunft ist also ohne irgend welchen Einfluß, und je mehr man den Menschen beobachtet, um so mehr gewahrt man, daß Alles in ihm auf Attraktion beruht. Der Mensch hört nur insofern auf seine Vernunft, als sie ihn lehrt, die Genüsse zu raffiniren und damit die Attraktion um so mehr zu befriedigen.“ Gott hat also die Vernunft dem Menschen nur gegeben, damit sie ihm hilft, seine Triebe zu vernützlichen, ihnen erst den rechten Aufschwung zu verleihen.

„Die Theorie der Anziehung und des Rückstoßes der Triebe ist fixirt und voll anwendbar auf die Theoreme der Geometrie und muß großer Entwicklungen fähig sein. Ich erkannte bald, daß die Gesetze der Attraktion der Triebe in jedem Punkt den durch Newton und Leibnitz angewandten Gesetzen der materiellen Anziehung konform seien und daß es eine Einheit des Systems der Bewegung für die materielle und geistige Welt gebe. Ich kam dann durch Untersuchungen zu der Ueberzeugung, daß die Analogie der allgemeinen Gesetze sich auf die besonderen Gesetze ausdehne, daß die Attraktion und die Eigenschaften der Thiere, Pflanzen, Mineralien koordinirt seien nach demselben Plan, wie diejenigen der Menschen und Gestirne. So kam ich zu der neuen Wissenschaft: der Analogie der vier Bewegungen, der materiellen, organischen, thierischen und sozialen, oder zur Analogie der Modifikation der Materie mit der mathematischen Theorie der Triebe des Menschen und der Thiere.“[7]

Das ist also das Gesetz, aus welchem Fourier sowohl die Veränderungen in den sozialen Beziehungen der Menschen und der Thiere, als auch die materiellen Veränderungen in der Natur des Erdballs und der übrigen Gestirne ableitete. So kam er zu seiner Kosmogonie. Man sieht, sein Lehrgebäude ist logisch, wenn es auch auf falschem Grunde gebaut wurde. Jetzt, wo er die Theorie der Anziehungen und die Einheit der vier Bewegungen entdeckt zu haben glaubte, war ihm Alles klar; er begann „im Zauberbuch der Natur zu lesen“. Er gelangte nunmehr auch, wie er ausführt, zur Berechnung der Bestimmungen, d. h. er kannte nunmehr das fundamentale System, durch das alle vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Gesetze geregelt werden. Jetzt sah er alle Fehler und Schnitzer, die der bisherige Entwicklungsgang der Menschheit gemacht, und nun kannte er auch die Heilmittel, die alle sozialen und physischen Uebel beseitigten. Unter anderm auch die Pest, die Gicht, die Cholera, das gelbe Fieber etc. Nun sind auch die Philosophen, die Plato, die Seneka, die Rousseau, die Voltaire, diese Hauptvertreter der zweifelhaften Wissenschaften, in ihrer ganzen Unzulänglichkeit blosgestellt. Hat Voltaire nicht selbst in einem Augenblick der Selbsterkenntniß ausgerufen: „O! welch' dicke Finsterniß verschleiert noch die Natur!“ Die Bibliotheken der Philosophen sollen die erhabensten Wissenschaften bergen, und sie sind nur ein demüthigender Aufbewahrungsort für Widersprüche und Irrthümer. Die neue sozietäre Ordnung wird also um so glänzender sein, je länger sie bisher verzögert wurde, denn eigentlich hätten sie schon die Griechen im Zeitalter des Solon (639–559 vor unserer Zeitrechnung) begründen können, da ihr „Luxus“ — Fourier versteht hierunter die gesammte materielle Entwicklung eines Zeitalters — schon genügend weit dazu vorgeschritten war; heute sei unser „Luxus“ mindestens doppelt so groß, als zur Zeit der Athener. Man trete jetzt mit um so mehr Glanz in die neue Ordnung, als nunmehr erst die Früchte von den Fortschritten in den physikalischen Wissenschaften, die das achtzehnte Jahrhundert gebracht habe, und die bis in diese Tage sehr unfruchtbar geblieben seien, gepflückt werden würden. Freilich, jetzt weise man noch seine Entdeckung zurück, aber sei es nicht immer so gewesen? Ist nicht Columbus mit seiner Behauptung, daß es jenseits des Ozeans noch einen Erdtheil geben müsse, verlacht, verspottet, mit seiner Lehre selbst vom Papste verflucht worden, obgleich dieser am meisten dabei interessirt war, weil er neue Gläubige unter seine Herrschaft bekam? Man sei im neunzehnten Jahrhundert noch ebenso feindlich jeder neuen großen Entdeckung als im fünfzehnten. Die Philosophen behaupteten, weil sie selbst nicht den Schleier zu lüpfen vermochten, die Natur sei ein mit einem ehernen Schleier bedecktes Schreckbild, ein undurchdringliches Heiligthum; warum habe denn Newton wenigstens eine Ecke dieses Schleiers zu lüpfen vermocht? Man sage auch, Gott sei nicht zu erkennen. Der gesunde Sinn sage das Gegentheil, weil nichts leichter sei. Das Alterthum habe den Schöpfer travestirt, indem es ihn unter einer Horde von 35.000 Göttern vermengte und verdeckte; da sei es schwierig gewesen, seine Meinung zu studiren, ihn aus dieser himmlischen Maskerade zu entwirren. Sokrates und Cicero trennten sich von den Sottisen ihrer Zeit, sie bewunderten den „unbekannten Gott“; Sokrates wurde ein Opfer seiner Ueberzeugung. Heute sei dieser frühere Aberglaube überwunden, das Christenthum führte uns zu gesunden Ideen zurück, es brachte den Glauben an einen Gott. „Wir haben jetzt einen Kompaß, der uns den Weg zum Studium der Natur zeigt.“

Es sei nun wichtig, eine kleine Zahl von Charaktereigenschaften Gottes zu kennen, deren Studium uns zu weiteren Schlüssen führe. „Dahin gehören: 1. die vollständige Leitung der Bewegung; 2. die Oekonomie der Spannkräfte; 3. die vertheilende Gerechtigkeit; 4. die Universalität der Vorsehung; 5. die Einheit des Systems.“

Man sieht, Fourier macht sich allerdings die Arbeit leichter als die Philosophen; die Existenz Gottes ist für ihn unbestritten, er setzt das Descartes'sche: „Ich denke, also bin ich“, einfach um in den Satz: „Die Welt ist da, also besteht Gott.“ Und ist einmal dieser Gott als Weltschöpfer anerkannt, so muß er natürlich auch die ihm zugeschriebenen Eigenschaften haben, denn ohne diese Eigenschaften wäre er nicht Gott. Er fährt nun weiter fort:

„Wenn Gott der Leiter der Bewegung ist, der einzige Herr des Weltalls und sein Schöpfer, so hat er auch alle Theile des Weltalls zu lenken, also auch die edelsten, die sozialen Beziehungen: folglich ist die Regelung der menschlichen Gesellschaften das Werk Gottes und nicht das der Menschen; und um nun unsere Gesellschaft dem Glück zuzuführen, müssen wir das soziale Gesetz studiren, das er für sie gebildet hat.“ Mit andern Worten heißt das: Gott ist zwar der oberste Leiter der Geschicke und hat die Grundgesetze der Bewegung für die menschliche Gesellschaft zurechtgerichtet, aber da er sich bei seinen vielen Geschäften um die Details und ihre Ausführung nicht kümmern kann, muß der Mensch sie entdecken und ausführen. Die Logik hinkt zwar etwas, aber Gott wird auf diese Weise vollständig deplazirt und es sind schließlich die Menschen, die Alles allein besorgen; er hat die Allmacht Gottes und den freien Willen des Menschen innerhalb der ihm von Gott überlassenen Grenzen gerettet. Fourier kommt schließlich auf dasselbe hinaus, was er den Philosophen vorwirft, sie hätten die menschliche Vernunft auf den ersten Rang und Gott auf den zweiten gesetzt. Genau so schließt er über den zweiten Punkt. Ist Gott der höchste Verwalter der vorhandenen Spannkräfte, so kann er doch nur mit den größten gesellschaftlichen Vereinigungen sich beschäftigen, die kleinsten, die Frage, wie die Familie, die Ehe zu organisiren sei, ist Sache des Menschen. Das sind also wiederum sehr willkürliche, ketzerische und im Grunde materialistische Gedanken.

Zum dritten Punkt bemerkt er: „Im Schatten der vorhandenen sozialen Gesetzgebung sieht man nicht, daß das Elend der Völker mit dem sozialen Fortschritt wächst. Wir sehen die gefährliche Wirkung in dem Einfluß des Handelsgutes, der dahin führt, die heiße Zone mit schwarzen Sklaven zu bedecken, die man ihrem Heimathlande entreißt, und die gemäßigte Zone mit weißen Sklaven, die man in die industriellen Bagnos treibt, wie dies heute in England sich offenbart und in allen Ländern Nachahmung finden wird. Kann man irgend welche Gerechtigkeit in einem Zustand der Dinge erblicken, wo der Fortschritt der Industrie selbst nicht einmal den Armen die Arbeit garantirt?“

Die Universalität der Vorsehung muß viertens sich nach ihm auf alle Völker, wilde wie zivilisirte, erstrecken. Das ganze zivilisirte System, das die Wilden anzunehmen als wirklich Freie sich weigern, widerspricht den Wünschen Gottes. Den Zustand, den wir ihnen bieten, die agrikole Zerstückelung und die Einzelwirthschaft, befriedige nicht Menschen, die der Natur am nächsten stehen. Unsere ganze Ordnung beruhe auf der Gewalt und daher müsse ein anderer Zustand begründet werden, der alle Kasten, alle Völker befriedige, wenn die Vorsehung universell sein solle. Die Einheit des Systems endlich implizire fünftens die Anwendung der Attraktion der Spannkräfte der sozialen Harmonien des Weltalls, die sich von den Gestirnen bis zu den Insekten erstreckten. Man müsse also im Studium der Attraktion das soziale Gesetz zu entdecken suchen ... „Unsere Einrichtungen sind unsern eigenen Völkern so verhaßt, daß sie in allen Ländern sich erheben und sich davon zu befreien suchen würden, wenn nicht die Furcht vor der Gewalt sie zurückschreckte. Wir sind nicht im Stande, das Menschengeschlecht zu vereinigen, weil die Barbaren für unsere Einrichtungen nur eine tiefe Verachtung besitzen und unsere Gewohnheiten nur die Ironie derselben erregen. Es ist die stärkste Verwünschung, die sie einem Feind entgegenschleudern: „Mögest du gezwungen sein, ein Feld zu bebauen.“ Ja, die zivilisirte Industrie wird von der Natur wie von allen freien Völkern verabscheut, die sich in dem Augenblick zu ihr drängen werden, wo sie mit den Trieben der Menschen sich in Uebereinstimmung setzt.“

Fourier meint also, daß keine soziale Organisation die rechte sein könne, die nicht von allen Menschen, ohne Rücksicht auf ihre Kulturstufe, freudig begrüßt würde, so groß müßten ihre Vortheile und ihre Annehmlichkeiten sein. „Es gilt also eine soziale Ordnung zu finden, welche dem geringsten Arbeiter ein genügendes Wohlsein sichert. Die Arbeiter müssen den neuen Zustand dem Zustand der Trägheit und der Straßenräuberei (brigandage), nach dem sie heute Sehnsucht empfinden, vorziehen. So lange dieses Problem nicht gelöst ist, werden die Reiche beständigen Stürmen ausgesetzt sein, werden sie von einer Revolution in die andere stürzen; die wissenschaftlichen Wunderkuren laufen immer nur auf die Dürftigkeit der Masse und folglich auf den Umsturz hinaus; die Helden, die Gesetzgeber stützen sich nur auf den Säbel; aber alle Voraussicht eines Friedrich kann nicht verhindern, daß schwache Nachfolger den Degen auf seinem Sarge rauben lassen.[8] Die zivilisirte Ordnung ist mehr und mehr im Wanken, der vulkanische Ausbruch von 1793 ist nur ihre erste Eruption, andere werden folgen; ein schwaches Regiment wird sie begünstigen. Der Krieg der Armen gegen die Reichen hat so glücklich begonnen, daß Ränkeschmiede in allen Ländern darnach streben, ihn zu erneuern. Vergebens sucht man das zu verhüten; die Natur der Gesellschaft spielt mit unserer Aufklärung, unserer Vorsicht, sie wird immer neue Revolutionen in dem Maße gebären, wie wir die Ruhe gesichert zu haben glauben. Und wenn die Zivilisation sich noch um ein halbes Jahrhundert verlängert, wie viel Kinder werden, veranlaßt durch ihre Väter, vor den Thüren der Reichen betteln? (In Folge von Klassenelend.) Ich würde nicht wagen, diese schreckliche Perspektive darzustellen, wenn ich nicht die Berechnungen brächte, welche die Politik in dem Labyrinth der Triebe zurecht weisen und die Zivilisation von ihrem Alp erlösen werden, diese Zivilisation, die immer revolutionärer und verhängnißvoller wird.“

Diese Voraussagungen machen Fourier's Scharfsinn und Einsicht alle Ehre, sie sind überraschend. Man halte fest, daß Fourier diese Warnungen und Mahnrufe im Jahre 1808 veröffentlichte, wo außer ihm nur sehr Wenige an eine soziale Frage überhaupt dachten, und man wird den Weitblick und die Richtigkeit seiner Voraussagungen bewundern müssen. Er führt nun weiter aus, wie viele Reiche bereits an innerer Zerrüttung zu Grunde gingen, weil sie die sozialen Uebel nicht zu lösen vermochten. „Welche Monumente diese Reiche immer überlebten, sie stehen da, eine Schande ihrer Politik. Rom und Byzanz (Konstantinopel), ehemals die Hauptstädte der größten Reiche, sind heute zwei lächerlich gewordene Metropolen. Auf dem Kapitol sind die Tempel Zäsar's durch obskure Götter aus Judäa verdrängt, am Bosporus werden die christlichen Basiliken durch die Götter der Unwissenheit beschmutzt. Hier wird Jesus auf das Piedestal von Jupiter erhoben, dort setzt sich Mahomed auf den Altar von Jesu. Rom und Byzanz, die Natur bewahrte euch vor der Verachtung der Nationen, die ihr gefesselt hattet; ihr wurdet zwei Arenas politischer Maskeraden, zwei Pandorabüchsen, die im Orient den Vandalismus und die Pest, im Occident den Aberglauben und seine Raserei verbreiteten; ihr seid zwei konservirte Mumien, um den Triumphwagen zu schmücken und den modernen Hauptstädten einen Vorgeschmack von dem Schicksal zu geben, das den Denkmälern und den Arbeiten der Zivilisation bereitet wird. Zivilisirte! studirt die sozialen Uebel des Menschengeschlechts und schafft Wandel!“ —

„Drei Gesellschaftsbildungen theilen sich in die Erde: Die Zivilisation, die Barbarei und die Wildheit. Die eine ist nothwendig besser als die beiden andern, und die beiden unvollkommneren, die sich nicht zur besseren erheben, sind von jener Krankheit der Entkräftung erfaßt, von der nach Montesquieu das Menschengeschlecht betroffen ist. Die dritte, die beste, welche die andern nicht zu sich zu erheben vermag, ist offenbar unzureichend für das Wohl des Menschengeschlechts; sie hat den größeren Theil desselben in einem tieferen Zustand ermatten lassen. Die beiden ersten Gesellschaftsbildungen sind von der Lähmung betroffen, die dritte, die Zivilisation, von der politischen Ohnmacht; sie müssen also alle drei aus einem krankhaften Zustand heraus, der den ganzen Erdball in seinem sozialen Mechanismus beunruhigt. Völker! eure sehnlichsten Wünsche verwirklichen sich, die glänzendste Mission ist dem größten der Helden aufbewahrt. Der soziale Kompaß ist entdeckt, der euch auf den Ruinen der Barbarei und der Zivilisation zur universellen Harmonie führen wird.“

„Die modernen Sophisten haben, namentlich in Frankreich, immer behauptet, die Einheit des Systems der Natur zu erklären, sie haben aber nie ernste Studien über diesen Gegenstand gemacht und man hat nie das Geringste über die allgemeine Einheit erfahren. Sie bildet sich aus folgenden drei Zweigen: Einheit des Menschen mit sich, mit Gott und mit dem Weltall. Der innere Widerspruch des Menschen mit sich selbst (Fourier meint hier den Widerspruch im Menschen, seine Triebe befriedigen zu wollen, aber nicht befriedigen zu können, oder nicht befriedigen zu dürfen. Der Verf.) hat die Wissenschaft der Moral geboren, welche die Doppelseitigkeit (duplicité) der Handlung als wesentlichen Zustand und unwandelbare Bestimmung des Menschen betrachtet. Sie lehrt: man müsse seinen Trieben widerstehen, im Krieg mit ihnen leben, also im Krieg mit sich selbst sein; ein Prinzip, wodurch der Mensch auch in den Kriegszustand mit Gott geräth, denn die Triebe und Instinkte kommen von Gott, der sie dem Menschen und allen Kreaturen zum Führer gab.“

„Man antwortet zwar: Gott habe uns die Vernunft zum Führer und Mäßiger der Triebe gegeben, woraus also resultirte: 1. daß Gott uns zwei unversöhnlichen und sich antipathischen Führern, den Trieben und der Vernunft, überliefert hat; 2. daß Gott gegen neunundneunzig Prozent der Menschen sehr ungerecht handelte, weil er ihrer Vernunft nicht die Stärke gewährte, ihre Triebe bekämpfen zu können; 3. daß Gott, indem er uns zum Gegengewicht die Vernunft gab, mit einem untauglichen Mechanismus handelte, denn es ist unzweifelhaft, daß diese Schwerkraft selbst bei dem hundertsten Menschen, der allein nur damit versehen ist, ohnmächtig ist, wie ja die Distributeure der Vernunft, z. B. ein Voltaire, am meisten von ihren Trieben unterjocht wurden.

„Alle drei Hypothesen sind nichtig. Die Darlegung der Attraktion der Triebe wird beweisen, daß im sozietären Zustand Vernunft und Triebe sich ausgleichen und aussöhnen und daß sie nur im heutigen sozialen Zustand sich im Diskord befinden. Man sagt: der Mensch sei für die Gesellschaft geboren, man vergißt aber, daß es nur zwei Gesellschaftsordnungen giebt, die der Privatwirthschaft und der Gemeinwirthschaft; der isolirte Zustand und der sozietäre Zustand. Der gegenwärtige Zustand setzt die isolirte Familie voraus, der sozietäre die Arbeit und die Lebensweise in zahlreichen Vereinigungen, welche nach einer bestimmten Regel für Jeden sich theilen und ausgleichen, nach den drei Eigenschaften: Arbeit, Kapital und Talent. Gott, als höchster ökonomischer Leiter, muß nothwendig die Assoziation als den besseren Zustand wollen.“

„Es giebt nunmehr viererlei Wissenschaften zu beachten: über die Assoziation, den aromalen Mechanismus, die Attraktion der Triebe und die universelle Analogie.“

Die vier Hauptbewegungen und die fünfte, die soziale als pivotale oder Angelpunkt, sind bereits hervorgehoben worden. Gehen wir also über zum „Studium der Assoziation“.

„Das Band ist die Basis jeder Oekonomie; wir finden die Keime in dem ganzen sozialen Mechanismus zerstreut, von der mächtigen Ostindischen Kompagnie bis zu den armen Gesellschaften der für eine bestimmte Industrie vereinigten Dorfbewohner. So sieht man die Bergbewohner des Jura sich zur Käsefabrikation vereinigen; 20–30 Haushaltungen bringen täglich ihre Milch zum Fabrikanten und am Ende der Saison erhält jede ihren Theil an Käse, entsprechend der Quantität Milch, die sie lieferte. Wir haben überall im Kleinen wie im Großen diese Keime für das Wohlsein bei der Hand, es sind rohe Diamanten, welche die Wissenschaft schleifen muß. Das Problem ist, diese Fetzen einer Assoziation, die in allen Zweigen der menschlichen Arbeit zerstreut sind, zu einem Mechanismus, einer allgemeinen Einheit zu verbinden, wo sie bisher nur mit Hülfe des Instinktes entstanden. Bisher hat die Wissenschaft diese Studie vermieden, die allein wahrhaft dringlich war. Ein Jahrhundert, das sich so vieler Vernachlässigungen in wissenschaftlicher Ordnung und Erforschung schuldig machte, mußte des Ueberblicks über das Ganze ermangeln; es hat weder die Eintheilung des ganzen Systems der Bewegung, noch die drei Einheiten wahrgenommen, woraus es hätte schließen müssen, daß die soziale und die materielle Welt im Widerspruch miteinander, also im Widerspruch mit der Einheit organisirt sind.“[9]

„Was die soziale Bewegung betrifft, so sieht man jede interessirte Klasse der anderen das Böse wünschen, überall setzt sich das persönliche Interesse in Gegensatz zu dem Allgemeininteresse. Der Arzt wünscht, daß seine Mitbürger recht viel Krankheiten bekommen, denn er würde zu Grunde gerichtet sein, wenn alle Welt ohne Krankheit stürbe; dasselbe geschähe den Advokaten, wenn jeder Streit schiedsrichterlich auszugleichen wäre. Der Geistliche ist interessirt, daß es viel Todte giebt und zwar viele reiche Todte, Beerdigungen à 1000 Franks. Der Richter ersehnt jährlich wenigstens 45.000 Verbrechen, damit die Gerichtshöfe stets beschäftigt, also nothwendig sind. Der Wucherer wünscht Hungersnoth; der Weinhändler Hagel; Architekten und Baumeister ersehnen Feuersbrünste. So handeln in diesem lächerlichen Mechanismus der Zivilisation die Theile gegen das Ganze und jeder Einzelne gegen Alle. Die ganze Ungeheuerlichkeit eines solchen Zustandes wird man erst begreifen, wenn man die sozietäre Organisation kennen lernt, wo die Interessen eine ganz entgegengesetzte Richtung nehmen; wo Jeder das Gesammtwohl wünscht, weil dieses seinem persönlichen Wohl am meisten entspricht. So zeigt sich überall statt der Einheitlichkeit der Handlung, welche die moralischen und politischen Wissenschaften rühmen, die allgemeine Doppelseitigkeit. Wenn je die Zivilisation über sich erröthen und das Bedürfniß nach einem anderen Zustande empfinden muß, so heute, wo alle ihre Illusionen zerstört sind; wo ihre Freiheit als der Weg zur Anarchie erkannt ist, ihre Zerwürfnisse zum Despotismus führen und ihre Handelsmaximen den Wucher, den Betrug, den Bankerott begünstigen, die Nationen schließlich unter das Joch des Monopols beugen und zur Dürftigkeit und Verarmung der Masse führen. So lösen sich alle Chimären von der Vollkommenheit dieser Gesellschaft auf, wodurch man uns in ihren Schafstall führte.“

„Will die Wissenschaft zum Ziele kommen, so muß sie folgende Grundsätze zur Richtschnur ihrer Bethätigung nehmen:

„Sie muß 1. das ganze Gebiet des Wissens erforschen und muß festhalten, daß nichts gethan ist, so lange noch etwas zu thun übrig bleibt; 2. die Erfahrung zu Rathe ziehen und sie zum Führer nehmen; 3. vom Bekannten zum Unbekannten vermittelst der Analogie vorschreiten; 4. von der Analyse zur Synthese übergehen; 5. nicht glauben, daß die Natur auf die uns bekannten Mittel beschränkt ist; 6. die Spannkräfte im ganzen sozialen und materiellen Mechanismus vereinfachen; 7. sich nur an die durch das Experiment festgestellte Wahrheit halten; 8. sich an die Natur schließen; 9. beachten, daß aus Irrthümern entstandene Vorurtheile keine Prinzipien sind; 10. die Thatsachen beobachten, die wir kennen lernen wollen und sich solche nicht vorstellen; 11. vermeiden, daß zum Schließen Worte mißbraucht werden, die man nicht versteht; 12. vergessen, was wir gelernt haben! Man muß die Ideen wieder an ihrer Quelle aufnehmen und die menschliche Einsicht wieder herstellen. Alsdann wird man zu der Einsicht kommen, daß Alles im System der Natur verbunden ist, und daß es zwischen ihren Theilen eine Einheit giebt. Der Mensch, als einer ihrer edelsten Theile, muß in Uebereinstimmung sein mit den Harmonien des Weltalls, also mit der mathematischen oder rationellen Harmonie, der planetären oder sozialen, der musikalischen oder sprechenden. (Einheit der Sprache, Weltsprache.) Ist der Mensch also bestimmt, sich den Harmonien zu assimiliren, so muß er das Band suchen, das ihn mit Allem vereinigt, dieses Band ist die Synthese von der Attraktion der Triebe.“

Fourier fährt dann fort: Er wolle an der Hand von Prinzipien, welche nicht er, sondern die Philosophen feststellten, die Erforschung der sozialen Bewegung vornehmen. Man werde sehen, wie die Sophisten, trotz solcher vortrefflichen Führer, wie ihre Prinzipien, auf alle Klippen geworfen wurden und der Menschheit nur sieben Geißeln brachten: Dürftigkeit, Betrug, Unterdrückung, Menschenschlächterei, klimatische Exzesse (Folge von Waldverwüstungen etc.), Krankheiten erzeugende Gifte, dogmatische Finsterniß. Es sei in der Natur begründet, daß jede soziale Periode ihre Aufmerksamkeit auf Fragen richte, die sie zu einer höheren Stufe der Entwicklung führten; so beschäftige man sich unter den Zivilisirten mit zwei Wegen, dem Handelssystem und der Freiheit. Das seien die beiden Paradepferde der Philosophen, die sie mit Vorliebe ritten. Man wolle die freie Zirkulation im Handel und komme zum Seehandelsmonopol; man wolle die Meinungsfreiheit und komme zur Herrschaft der Denunzianten und des Schaffots.[10]

Nach der Gesundheit und dem Reichthum sei nichts werthvoller, als die Freiheit, diese müsse man in körperliche und soziale Freiheit scheiden. Der Gewohnheit entsprechend, Alles nur einseitig anzusehen, habe man nicht erkannt, daß die Freiheit zwei- und mehrseitig sein könne. Tausend Jahre vergingen, ehe man nur an die körperliche Freiheit (die Beseitigung der Sklaverei) dachte. Plato und Aristoteles hielten die Sklaverei für nothwendig. Letzterer erklärte sogar, „der Sklave sei der Tugend nicht fähig“. Unter dem Christenthum wurde die körperliche Freiheit allmälig durchgesetzt, aber noch existirte die Sklaverei vielfach.

„Aber was ist diese körperliche Freiheit werth ohne die soziale? Der Bettler hat ein Einkommen, das kaum zum Leben genügt, trotzdem genießt er größere Freiheit als der Arbeiter, der, um leben zu können, an die Arbeit gefesselt ist. Doch seine Triebe bleiben unbefriedigt. Er will in's Theater gehen, aber er hat kaum genug, um sich zu nähren, er möchte Volksvertreter werden, aber dazu gehört ein großes Vermögen.[11] Mit dem stolzen Titel, ein freier Mensch zu sein, hat er nur den Dunst statt der Wirklichkeit der sozialen Freiheit; er ist nur ein passives Mitglied der Gesellschaft. Streng genommen hat der Arbeiter nur einen Tag in der Woche, den Sonntag, wo er körperlich frei ist, alle anderen Tage ist er gebunden. So sehen wir die Freiheit nur sehr einfach, rein körperlich. Doppelt ist die Freiheit, wo sie körperlich und sozial aktiv ist; sie genießt der Wilde. Der Wilde berathschlagt über Krieg und Frieden, wie bei uns ein Minister; er hat, soweit dies überhaupt in seiner Horde möglich ist, den freien Aufschwung der Triebe seiner Seele, er genießt eine Sorglosigkeit, die der Zivilisirte nicht kennt. Er muß zwar jagen und fischen, um sich zu ernähren, aber das sind anziehende Beschäftigungen, die ihm die körperliche aktive Freiheit nicht nehmen. Eine Arbeit, die Freude macht, wird nicht als drückende Verpflichtung empfunden. So geht's auch dem Kaufmann; wenn er Stoffe ausbreitet, flott Lügen verzapft und dabei seine Waaren verkauft, so ist ihm das ein Vergnügen; er würde sehr mürrisch und grämlich sein, wenn kein Käufer käme und er weder lügen noch verkaufen könnte.“

„Die Freiheit des Wilden ist also zweifach, aber diese zweifache Freiheit weicht noch ab von der Bestimmung, die produktive Arbeit verlangt; es ist also die anziehende, produktive Arbeit nöthig. Diese unterstellt eine Einheitlichkeit der Verbindung, die persönliche Zustimmung jedes Betheiligten, ob Mann, Frau, Kind, die Verbindung aus Trieb für die Ausübung der Arbeit und die Aufrechterhaltung der begründeten Ordnung. Diese vollständig freie Wahl der Arbeit, bestimmt durch die Triebe, ist die Bestimmung des Menschen. Von der Masse der Zivilisirten mag ein Achtel mit ihrer Lage zufrieden sein, aber sieben Achtel sind unzufrieden. Die große Menge ist nur auf die körperliche Arbeit beschränkt, ihre Beschäftigung ist indirekte Sklaverei, eine Qual, von der sie sich zu befreien wünscht.“

„Die kleine zufriedene Minderheit besteht aus Müßigen, oder Solchen, die privilegirte Stellungen einnehmen, und doch hat kaum Einer, Monarch und Minister nicht ausgenommen, seine volle Freiheit erreicht. Kann man also behaupten, daß die soziale Freiheit besteht? Sie ist wie die Gleichheit und die Brüderlichkeit nur Chimäre. Die Brüderlichkeit sandte Einen nach dem Andern ihrer Koryphäen zur Guillotine, die Gleichheit dekorirte das Volk mit dem Titel Souverän, schaffte ihm aber weder Arbeit noch Brot; es verkauft sein Leben um 5 Sous pro Tag[12] und man schleift es, die Kette am Hals, zur Schlachtbank. So sind Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit nur Phantome.“

„Die Freiheit ist illusorisch, wenn sie nicht allgemein ist. Wo der freie Aufschwung der Triebe auf eine sehr kleine Minderheit beschränkt ist, da giebt es nur Unterdrückung. Um aber der Menge die Entfaltung und die Befriedigung der Triebe zu sichern, ist eine soziale Organisation nöthig, die drei Bedingungen erfüllt. Man muß 1. ein Regime der industriellen Attraktion suchen, entdecken und organisiren; 2. Jedem das Aequivalent der sieben natürlichen Rechte des Wilden garantiren;[13] 3. die Interessen des Volks mit denjenigen der Großen verbinden, denn das Volk wird auf sie eifersüchtig sein und sie hassen, so lange es nicht an ihrem Wohlsein gradweise Antheil hat. Nur unter diesen drei Bedingungen kann man dem Volk ein Minimum an Nahrungsmitteln, Bekleidung, Wohnung und hauptsächlich auch an Vergnügungen sichern, denn ohne das Angenehme würde dem Menschen auch der neue Zustand nicht genügen.“

„Prüfen wir also, wie die sozietäre Ordnung dem Individuum die freie Ausübung der erwähnten sieben Rechte, die mit dem Mechanismus der Barbarei und der Zivilisation so unverträglich sind, in entsprechender Form gewähren kann.“

„Schreiten wir zunächst dazu, sie wie ihre Angelpunkte (pivots) zu erklären.“

Fourier giebt nun nachfolgendes Tableau, begleitet von drei Analogien, um Diejenigen zu enttäuschen, die es als ein von ihm systematisch angewandtes Vorurtheil ansehen, daß er gewöhnlich den Zahlen 7 und 12 (also wie Pythagoras es that) den Vorzug gebe. Er will beweisen, daß diese Zahlenverhältnisse in der Natur der Dinge liegen, also gegebene sind, nicht willkürlich erfundene.

Rechte Triebe Farben geometrische Linien
1. Kardinale
oder
industrielle
Rechte
Sammelfreiheit Haupt-
Triebe
Freundschaft Violet Kreis
2. Weide Liebe Azur Elipse
3. Fischfang Familiensinn Gelb Parabel
4. Jagd Ehrgeiz Roth Hyperbel
1. Distributive
Rechte
Innere Verbindung Distributive
Triebe
Kabaliste Indigoblau Spirale
2. Sorglosigkeit Papillone Grün Muschellinie
3. Auswärtiger Raub Komposite Orangegelb Logarithmus
X. Minimum Einheitlichkeit Weiß
Freiheit Gunst Schwarz Nebenkreis

Die Freiheit kommt nur als Folge der sieben andern Rechte, sie ist das Resultat ihrer Verbindung, so wie Weiß oder Schwarz die Verbindung oder Aufsaugung der sieben Farbenstrahlen ist.

Fourier führt dann weiter aus, daß aber die Freiheit nur einfach oder falsch sei, wenn sie nicht von der Hauptsache, dem Prinzipalen aller Rechte, dem Minimum begleitet sei, was die Periode der Wildheit nicht biete. Auch genießen die Freiheit in der Wildheit nur die Männer, die Frauen sind ausgeschlossen und ist ihre Lage schlimmer, als in der Zivilisation. Es genügt weder die Freiheit, wie sie die Zivilisation bietet, noch genügen die sieben Naturrechte, die der Wilde besitzt, um einen befriedigenden Zustand herzustellen. Der neue sozietäre Zustand müsse also alle drei Geschlechter gleichmäßig berücksichtigen und ihren Trieben Befriedigung gewähren.

Die bezügliche Auffassung Fourier's von der Lage der Wilden und der Zivilisirten lassen wir, da sie charakteristisch ist, hier ausführlicher folgen.

„Die Sorglosigkeit, dieses Glück der Thiere, dieses Recht des Wilden, genießt man in der Zivilisation nur im Besitz großer Schätze. Aber neun Zehntel der Zivilisirten, weit entfernt, dem nächsten Tag ohne Sorgen entgegensehen zu können, sind mit täglichen Sorgen überladen und müssen eine widerwärtige und aufgezwungene Arbeit erledigen. Den Sonntag eilen sie dann in die Schenken und an die Vergnügungsorte, um wenigstens für einige Augenblicke eine Sorglosigkeit zu genießen, die so viele Reiche, von der Unruhe verfolgt, vergebens suchen.“

„Die Rechthaber (ergoteurs) werden sagen, die Sorglosigkeit sei eine Charaktereigenschaft und kein Recht; aber sie wird ein Recht, indem sie im Zustand der Zivilisation geächtet ist, wo man die Leichtlebigkeit als entehrend betrachtet und laut verurtheilt. Versucht ein mit wenig Glücksgütern bedachter Familienvater sich mit den Seinen einem Vergnügen zu überlassen und verläßt er seine Werkstatt, ohne für Steuern, Miethe und die künftigen Bedürfnisse gesorgt zu haben, so belehrt ihn die öffentliche Meinung durch ihre Kritiken und der Steuereinnehmer durch seine Exekutoren, daß er kein Recht zur Sorglosigkeit habe, und er muß, trotz seines Hangs dazu, sich derselben entschlagen. Ueberdies ist schon die zivilisirte Erziehung systematisch darauf bedacht, den Geschmack an der Sorglosigkeit zu bekämpfen, ein Vergnügen, dessen freie Entfaltung in der Harmonie durch nichts beeinträchtigt wird.“

„Der Wilde genießt diese Sorglosigkeit und beunruhigt sich nicht über die Zukunft. Wäre es anders, fürchtete er daß seine Kinder, seine Horde Hunger litte, er würde die Anerbietungen an Ackerbaugeräthen und den notwendigen Gegenständen für die Kultur des Bodens, welche die Regierungen der Zivilisirten ihm machen, annehmen. Aber er will keins seiner Rechte einbüßen. Gäbe er seine Sorglosigkeit auf, er würde allmälig seine ganze Freiheit, alle seine Rechte verlieren. Er macht freilich diese Berechnung nicht, aber die Natur macht sie für ihn. Die Attraktion leitet ihn auf den rechten Weg, wie man später sehen wird.“

„Den einzigen plausiblen Einwand, den man gegen dieses Glück des Wilden machen kann, ist, daß die Frauen es nicht genießen: die Frauen bilden die Hälfte des Menschengeschlechts und sie haben bei den Wilden eine sehr tiefe und unglückliche Stellung.“

„Nichts wahrer als das. Aber wenn ich diese Thatsache nicht anführte, die Philosophen würden keine Notiz davon nehmen, denn sie selbst haben die Gewohnheit, die Frauen für Nichts anzusehen. Von den drei Geschlechtern, aus denen das Menschengeschlecht sich zusammensetzt, dem oberen, den Männern, dem niederen, den Frauen, und dem gemachten oder neutralen Geschlecht, den Kindern, sehen sie nur ein Geschlecht und arbeiten nur für dieses, für das obere oder männliche. Aber welches Glück verschafften diesem die Philosophen? Statt der sieben Rechte, aus welchen die Freiheit sich zusammensetzt, nur die sieben Geißeln.“

„Ich bin einem vorauszusehenden Einwand bereits begegnet, indem ich die Freiheit des Wilden als divergirend zusammengesetzt bezeichnete; sie ist in doppelter Weise divergirend; sozial, durch die Unverträglichkeit des sozialen Körpers, Horde genannt, mit der industriellen Arbeit oder Bestimmung, materiell durch Ausschließung des weiblichen Geschlechts, das wenig oder gar nicht an den sieben natürlichen Rechten theilnimmt.“

Trotzdem, so führt Fourier weiter aus, stehe der männliche Wilde durch den Genuß der genannten sieben Rechte an Freiheit über der großen Mehrheit der Zivilisirten, welche die immense Mehrheit beider Geschlechter von diesen Vortheilen ausschlösse. Die Zivilisation schulde für das Ausgeben dieser natürlichen Rechte einem Jeden ein Minimum an Lebensnothwendigkeiten, Kleidung, Wohnung, und zwar proportional der sozialen Stellung, zu der er gehöre, denn nothdürftig genährt, gekleidet und logirt werde man auch in den Armenhäusern, wo der Mensch aber nichts als ein Gefangener und sehr unglücklich sei.

Statt den Zivilisirten für den Verlust seiner sieben natürlichen Rechte durch eine menschenwürdige Existenz zu entschädigen, garantirten ihm unsere Publizisten einige Träumereien und Gaskonnaden, wie: „daß er stolz sein dürfe auf den Namen eines freien Mannes und das Glück habe, unter einer Verfassung zu leben.“ Diese Lächerlichkeiten verdienten nicht einmal den Namen der Illusion und befriedigten keinen Arbeitenden, der vor Allem nach seinem Geschmack zu essen, sorglos und vergnügt zu leben wünsche.

„Der sozietäre Zustand garantirt dem Volk die sieben Rechte des Wilden in Fülle, indem er ihm ein ausreichendes Aequivalent bietet; er gewährt jedem Menschen so viel Wohlsein, daß z. B. Niemand mehr auf den Gedanken kommt, zu stehlen, was er so haben kann, oder daß er sich durch eine Handlung in der öffentlichen Meinung mehr zu Grunde richtet, als er durch eine schlechte Handlung zu gewinnen vermag. Schließlich werden alle Kinder in den Begriffen der Ehre erzogen und können alle Bequemlichkeiten des Lebens reichlich genießen. Es wird also Niemand mehr an Diebstahl denken, wo Alle im Ueberfluß leben.“

„Die Zivilisation, indem sie den Menschen der sieben Rechte des Wilden beraubt, gewährt ihm keinerlei entsprechende Aequivalente. Fragt einmal einen unglücklichen Arbeiter der Zivilisation, der keine Arbeit und kein Brot hat, vom Gläubiger und Exekutor bedrängt wird, ob er nicht lieber wie der Wilde das Recht der Jagd und des Fischfangs, des Früchtesammelns und der freien Weide seinem Zustand vorziehe und er wird keinen Augenblick zögern, sich für den Wilden zu entscheiden. Was giebt ihm die Zivilisation für seinen Verlust? Das Glück, unter der Verfassung zu leben. Dem Hungernden ist nicht damit gedient, daß er, anstatt eine gute Mahlzeit zu genießen, die Verfassung lesen kann; es heißt den Nothleidenden in seinem Elend beleidigen, wenn man ihm eine solche Entschädigung bietet.“

„Daraus folgt: in der industriellen Gesellschaft wird die Freiheit illusorisch und verhängnisvoll, wenn man sie nur in einfacher Anwendung einführt.“

Fourier sagt also: die Freiheit ohne Garantie eines Minimums, die Freiheit ohne Brot, ist für die große Menge der Bevölkerung unter Umständen nur die Freiheit des Verhungerns. Die Freiheit hat nur Werth, ja sie ist erst dann vorhanden, wenn auch der Mensch zu leben hat, und diesen Lebensunterhalt garantirt die Zivilisation nicht. „So haben unsere Träumereien von den Menschenrechten und der Freiheit, die man in Versuch setzte, nichts als Täuschungen und verhängnißvolle Erschütterungen erzeugt. Unsere Gesellschaft hat zu ihren Angelpunkten zwei Triebfedern, welche der Einheitlichkeit der Freiheit und dem proportionalen Existenzminimum des sozietären Zustandes schnurstracks gegenüberstehen: allgemeiner Egoismus und Zweideutigkeit aller Handlungen. Diese beiderseitigen Charaktereigenschaften lassen sich nicht vereinigen, sie schließen sich aus.“

„Volle einheitliche Freiheit und menschenwürdige Existenz lassen sich nur durch die Anwendung des Mechanismus der Serien der Triebe erreichen, außerhalb desselben ist das ganze System der Triebe im Widerspruch mit sich, es herrschen Egoismus und Zweideutigkeit.“ ...

Es gilt also für Fourier, eine entsprechende Organisation zu schaffen, bei welcher alle Klassen gleichmäßig, unter voller Berücksichtigung ihrer sozialen Lebensstellung, zufriedengestellt werden.

„Vermittelst der gradweisen Abstufung der Interessen ist der Niedere an dem Wohlsein des Höheren interessirt; die gewohnte Begegnung bei den anziehenden Arbeiten in den Intriguen der verschiedenen Serien dient als Kitt für die Einheitlichkeit. Man hat nichts mehr von der vollen Freiheit des Volkes zu fürchten, das in dem gegenwärtigen Zustande des Elends und der Eifersucht gegen die Höheren seine Unabhängigkeit nur zur Plünderung und Erwürgung derselben benutzen würde.“

„Aus dieser Darlegung resultirt, daß die Gewährung einer auskömmlichen Lebenshaltung ausschließlich von der Entdeckung des sozietären Regimes und der anziehenden Arbeit abhängt. Wie kann man dem Volk von Freiheit zu sprechen wagen, wenn man ihm selbst nicht einmal die widerwillige Arbeit, von der heute seine Existenz abhängt, zu garantiren vermag? In einem solchen Zustande der Dinge, wie dem gegenwärtigen, wird alle Freiheit nur ein Keim des Aufruhrs. Die Agitatoren fühlen das wohl und darum haben sie die Macht an sich gerissen. Ihre erste Sorge ist, dem Volk den Maulkorb anzulegen und die philosophischen Schwätzer, die Bonaparte knebelte und Robespierre in Masse auf's Schaffot schickte, zu unterdrücken.“

„In der Zivilisation kann also keine wirkliche Freiheit existiren, sie existirt nur im Zustande der Wildheit, aber dort unvollständig und gefährlich, weil sie die Horde dem Hunger, dem Krieg, der Pest aussetzt und weder sich auf die Frauen, noch auf die Greise ausdehnt, welch letztere man opfert, wenn sie unbrauchbar werden.“

„Obschon die Freiheit des männlichen Wilden dem Schicksal unserer Arbeiter und Bettler vorzuziehen ist, ist sie nur ein rohes, der Vernunft unwürdiges Glück, weil die industrielle Thätigkeit ihm fremd ist. Andererseits ist der Zustand des Elends und der Unterdrückung, in dem unsere Arbeiter seufzen, nicht die Frucht des sozialen Genies, sondern des Mangels an einem solchen und eine Schmach für die Wissenschaft. Weit entfernt, daß diese verstand, uns zur Freiheit zu erheben, hat sie nicht einmal sie zu definiren gewußt, noch vermochte sie ihre verschiedenen Charaktereigenschaften darzulegen. Der Wissenschaft bleibt die Schande, unter dem Vorwand, uns ein Gut zu geben, dessen Wesen sie selbst nicht kannte, tausend politische Stürme erregt zu haben. Sie ist mit der Freiheit wie mit dem Handel verfahren, sie hat einen Hebel zu literarischen Intriguen aus ihnen gemacht und weit entfernt, einen Schatten von Ehrlichkeit in ihre Debatten zu tragen, hat sie selbst weder die Probleme bezeichnet, noch empfohlen, welche auf's Lebhafteste die Anstrengungen des Genies herausfordern, nämlich:

„In Sachen des Handels: das Bedürfniß der Assoziation, die Garantie der Wahrheit und die Unterdrückung der zahlreichen Verbrechen der handeltreibenden Körperschaften: der Bankerotte, des Wuchers, des Börsenspiels etc.“

„In Sachen der Freiheit: das Bedürfniß der industriellen Attraktion; ein Aequivalent für die natürlichen Rechte (die der Wilde hat) und Garantien für ein gradweise abgestuftes Minimum für die verschiedenen Klassen.“ ...

„Der Streit über die Freiheit hat erst neuerdings vier Millionen Köpfe gekostet (Fourier spielt hier auf die der großen Revolution folgenden Kriege an), die den politischen Sophismen und der Handelseifersucht geopfert wurden, genügend, um dieses Chaos von irrigen Lehren über die Freiheit und den Handel zu entwirren.“

„Es gehört zu den Gebräuchen der Zivilisirten, einem Dogma zu Ehren, dessen Sinn, noch dessen praktische Wirkungen man kennt, sich gegenseitig an die Gurgel zu fahren. Beweis dafür sind die aus den Debatten über die Verwandlung (Transsubstantiation) und die Wesenseinheit (Consubstantialité) hervorgegangenen Kriege. Unser Jahrhundert hat ähnlich über die Menschenrechte spekulirt; um sie zu erhalten, massakrirte man sich und doch kannte man ihr wahres Wesen nicht.“

Nach Fourier liegt das wahre Wesen der Freiheit in der Anerkennung „des Rechts auf Arbeit“, das „für den Armen allein werthvoll ist.“ Die Erfahrung hat uns zur Genüge gelehrt, daß mit dieser Anerkennung auch nichts gethan ist. Es ist auch über dieses „Recht“ gar viel gestritten worden und zuletzt, im Jahre 1848 in Paris in den Junitagen, viel Blut geflossen. Das Recht auf Arbeit steht in Bezug auf seine Phrasenhaftigkeit um kein Haar breit hinter der „Freiheit“ und den „Menschenrechten“ zurück, Jeder legt sich dieses „Recht“ zurecht, wie er es braucht und es seinem Interessenstandpunkt entspricht. Gewisse Sozialisten betrachten noch heute das Wort als eine Art Schiboleth, das die soziale Frage löse; bei den Anhängern des preußischen Landrechts, die dieses „Recht“ ebenfalls anerkennen, schrumpft es zu einem Recht auf Armenhausarbeit und Armenunterstützung zusammen. Auch nach der Junirevolution hat es noch die Köpfe in der französischen Kammer erhitzt, man schlug große Redeschlachten und dabei ist es bis heute geblieben. Schließlich waren bei all diesen Schlagworten es immer und immer die Vertreter der kleinbürgerlichen Demokratie, die sich am eifrigsten für sie begeisterten und sich zu ihren Champions aufwarfen. Ganz begreiflich. Diese Demokratie repräsentirt eine Gesellschaftsschicht, die zwischen der großbürgerlichen und der proletarischen Klasse mitten innesteht, in Folge davon ohnmächtig ist und in Bezug auf die Heilung der sozialen Uebel an chronischer Impotenz leidet und daher ihr Thatenbedürfniß in großen Worten und Kraftphrasen zu verpuffen genöthigt ist. Die bürgerlichen Ideologen lieben es, am Klang der Worte sich zu berauschen, sie sind aber allmälig sehr einflußlos und harmlos geworden.

Fourier war allerdings ein viel zu mathematisch denkender und logisch schließender Kopf, um sich durch eine Phrase, die er bei Andern klar durchschaute, beirren zu lassen, und so folgert er: es giebt keine wie immer zusammengesetzte Freiheit ohne das Minimum; kein Minimum ohne die industrielle Anziehung (attraction); keine industrielle Anziehung in der zerstückelten (morcelé) Arbeit, womit er sagen will, in der auf Privatwirthschaft beruhenden Arbeit. Die industrielle Anziehung kann nur aus den Serien der Triebe geboren werden; also:

Das Minimum, gestützt auf die industrielle Anziehung, ist der einzige Weg zur Freiheit, einen andern giebt es nicht. Aber um in diesen Weg einzutreten, muß man die Zivilisation verlassen, muß man ihre Produktions- und Distributionsform aufheben; und da es hierzu, nach ihm, zwölf Wege giebt, muß man den günstigsten wählen, um zur Assoziation zu gelangen.

Es handelt sich also darum, den neuen Zustand dergestalt zu organisiren, daß folgende sieben Funktionen voll angewendet und ausgeübt werden können: häusliche Arbeiten, ländliche Arbeiten, industrielle Arbeiten, Austausch, Unterricht, Wissenschaften, schöne Künste. Es muß vorhanden sein: Anziehung für alle Beschäftigungen, proportionale Vertheilung des Erzeugten, Gleichgewicht der Bevölkerung, Oekonomie in den Hülfsmitteln.

Die Anziehung an die Arbeiten kann nur vorhanden sein, wenn jede Arbeit angenehm und lukrativ ist. Die Vertheilung findet statt nach den drei industriellen Fähigkeiten: Arbeit, Kapital, Talent. Die Bevölkerungszahl einer Phalanx darf 1800–2000 Personen nicht überschreiten, weil in dieser Zahl, nach Fourier's Berechnung, die verschiedenen Triebe und Charaktereigenschaften voll und zweckmäßig vertheilt enthalten sind und eine größere oder kleinere Zahl die Ausgleichung stören würde. Die Oekonomie der Hülfsmittel ergiebt sich aus dem möglichst zweckmäßigen Zusammenwirken aller mit einander Operirenden, die alle gleichmäßig an der Ersparniß von Materialien, Zeit und Kraft interessirt sind. So wird man in einer Phalanx von 400 Familien nicht 400 Küchenfeuer, 400 Einzelwirthschaften erhalten, sondern man wird nur 4 oder 5 große Küchenfeuer anlegen und die Bewohner in 4 oder 5 Klassen, nach dem Stande ihres Vermögens, eintheilen und sie in einem gemeinsamen Palast wohnen lassen. Der sozietäre Zustand läßt keine Gleichheit zu. Ebenso werden bei dem Ackerbau wie bei der Industrie die Vortheile in positiver Beziehung — Erhöhung der Produkte durch zweckmäßigste Kombinirung und Anwendung der Kräfte und Hülfsmittel — und in negativer Beziehung — Ersparnisse an Kraft, Zeit, Materialien — sehr bedeutende sein. Es entsteht wieder rationelle Waldzucht, Quellenschonung, Klimaverbesserung. Ueber alle diese Vortheile, welche die assoziirte Thätigkeit erzeugen müsse, äußert sich Fourier wie folgt:

„Eine Phalanx, die sich z. B. mit Wein- oder Oelbau befaßt, wird nur einen einzigen Werkraum für die Fertigstellung nöthig haben, statt der vielen, die jetzt in einer Gemeinde von 15–1800 Seelen nöthig sind; statt 300 Bottiche wird sie nur ein Dutzend bedürfen. Man wird ferner für die Reben- und Oelbaumanlagen die Ueberwachung, die Einfriedigungen und Ummauerungen ersparen. Man wird die Lese nicht auf einmal vornehmen, wie dies jetzt der kleine Privatbesitzer, um Kosten und Zeit zu ersparen, thun muß, sondern in dem Maße, wie die Trauben reifen, und damit große Verluste an Quantität oder Qualität verhüten. Statt der 1000 Fässer, welche heute 300 Familien benöthigen, werden 30 große Tonnen genügen. Man wird neun Zehntel der Kosten für die Lagerräume, neunzehn Zwanzigstel für das Faßwerk ersparen. Die richtige Behandlung des Weins ist dem kleinen Besitzer unmöglich, weder kann er ihm die nöthige Lagerung gewähren in trockenen gut gelüfteten nach Norden gelegenen Lagerräumen, noch hat er die Einrichtungen und Vorrichtungen für die tägliche Kühlung der Keller und Fässer. Auch fehlt der Ueberzahl der Besitzer die Möglichkeit, die Weine durch verschiedene Füllungen zu verbessern, leichte mit schweren Qualitäten zu schneiden, oder sich fremde wärmere Weine zu verschaffen. Ferner wird heute der Wein, unmittelbar nach der Ernte, von vielen Eigenthümern zum billigsten Preis verkauft, weil sie ihn verkaufen müssen, sei es, daß sie Geld nöthig haben, der Gläubiger schon wartet, oder daß es ihnen an geeigneten Aufbewahrungsräumen fehlt, und sie der Mittel oder des Verständnisses zur Pflege entbehren. In der Phalanx wird der Wein in Folge guter Aufbewahrung und Pflege schon nach einem Jahre das Fünffache des Preises werth sein und mit dem Alter entsprechend im Preise steigen. Die Phalanx verkauft ihn, wie ihr Interesse gebietet. Und so noch viele andere Vortheile, die aus der Gemeinwirthschaft entspringen, stets Kosten ersparen und die Produkte verbessern. Man wird bessern Saamen, bessere Pflanzen anschaffen, im Ankauf nie betrogen werden; man wird für die verschiedenen Pflanzungen die besten und geeignetsten Bodenarten aussuchen können, Maschinen, Gebäude, Ställe, Lagerräume werden die zweckmäßigsten sein, die verfügbaren Kräfte werden jede Arbeit im richtigen Moment ermöglichen.“

„Eine der glänzendsten Seiten der sozietären Arbeit wird die Einführung der Wahrheit in Handel und Wandel werden. Indem die Assoziation die kooperative, solidarische, sehr vereinfachte, auf Wahrhaftigkeit und Garantie beruhende Konkurrenz an die Stelle der individuellen, unsoliden, lügnerischen, verschlungenen und willkürlichen Konkurrenz der Zivilisation setzt, wird sie nur ein Zwanzigstel der Arme und der Kapitalien benöthigen. Man wird also den heutigen Handel als parasitisch unterdrücken, denn parasitisch ist Alles, was unterdrückt werden kann, ohne daß der Zweck geschädigt wird. Man wird in der Phalanx statt hunderter konkurrirender und gegen einander intriguirender Kaufleute und Krämer mit ihren Verkaufshallen und Läden nur ein großes Waarenlager und verhältnißmäßig sehr wenig Personen brauchen, da alle Käufe und Verkäufe nach außen die Phalanxen unter sich abschließen.“

„In der Zivilisation ist der Mechanismus in jeder Art der ruinöseste und falscheste. So giebt es außer im Handel noch tausende und abertausende von parasitischen Existenzen, z. B. die in der Rechtspflege beschäftigten Personen, eine Institution, die nur auf den Fehlern der zivilisirten Ordnung beruht ... Andererseits fehlen die Mittel für das Nöthigste. So mangeln Frankreich heute einige hundert Millionen Franken für die Verbesserung der Wege und Straßen; im sozietären Zustand, wo Phalanx an Phalanx sich reiht, bestehen die ausgezeichneten Verbindungsmittel, für die jedes Phalanstère (das Phalanstère ist der ganze Bezirk [Kanton] inklusive der Gebäude. Der Kanton soll nach Fourier eine Quadratstunde Flächeninhalt haben) aufzukommen hat, ohne daß es der Staatssteuern dazu bedarf. Ebenso fällt die kostspielige Katastrirung der Grundstücke für den Staat fort. Eine Wahl, die heute unendlich viel Zeit und Geldopfer erfordert, eine Menge der widerlichsten Kabalen erzeugt, wird in der Phalanx dem Einzelnen kaum eine Minute Zeit kosten, eine Reise dazu hat er nicht nöthig zu machen.“ ...

„Unter die Unproduktiven gehören ferner die Soldaten, die Grenzwächter, die Steuerbeamten; auch sind ein großer Theil der Dienstboten und viele von den in der isolirten Wirthschaft beschäftigten Personen unter die Parasiten zu rechnen. Sobald Männer, Frauen, Kinder, letztere vom dritten Lebensjahre ab, aus Anziehung thätig sind, wenn Trieb, Geschicklichkeit, Wetteifer, der verbesserte Mechanismus der Arbeit, Einheitlichkeit der Handlungen, freier Verkehr, Verbesserungen des Klimas, höhere Kraft und Langlebigkeit der Menschen zusammenwirken, werden die Arbeitsmittel und Kräfte in's Unberechenbare sich steigern und wird das Produkt quantitativ und qualitativ sich dem entsprechend veredeln und vermehren.“

„Am meisten wird das Schicksal der Kinder in der sozietären Organisation sich verbessern. In der meist sehr übel und mangelhaft geleiteten Privatwirthschaft finden die Kinder in ihren Hütten, Hofwerkstellen, Scheuern weder die Hülfsmittel, noch die Belehrung, noch die Beurtheilung, noch den Antrieb, den sie nöthig haben, um sich gehörig zu entwickeln. Dabei sterben sie massenhaft in Folge ihrer ungesunden Wohn- und Lebensweise, oder sie siechen dahin. Im sozietären Zustand wird die Sterblichkeit sich außerordentlich vermindern, die Kinder werden an körperlicher und geistiger Gesundheit in heute ungeahnter Weise zunehmen. Drohende Uebervölkerung wird die sozietäre Organisation auszugleichen wissen.“

Die Zivilisation befindet sich allen diesen Fragen gegenüber in einem falschen Kreisschluß (cercle vicieux) und das erkennt man allmälig. Man ist erstaunt, zu finden, daß in der Zivilisation die Armuth selbst den Ueberfluß erzeugt. Unser Zustand bringt nicht das Glück, sondern das Nichtglück hervor; die Exzesse der Industrie führen zu den größten Uebeln, sie werfen uns von der Scylla in die Charybdis, und warum? Weil wir ohne Leitfaden in einem Labyrinthe wandeln. Das zeigt sich überall. Wählen wir als Beispiel die natürlichen Anlagen des Menschen und die Kunst, sie zum Aufbruch zu bringen. Ein Kärrner fährt Metall in eine Gießerei.[14] Bei dem Anblick ihrer Einrichtungen erfaßt ihn die Neigung, als Lehrling einzutreten. Er entdeckt bei sich einen Trieb, den bisher weder er, noch seine Eltern kannten; er tritt wirklich als Lehrling ein und macht so erstaunliche Fortschritte, daß er schon nach einem Jahre einen sehr geschickten Arbeiter ersetzte und pro Tag 22 Franken verdiente. Welche Anklage liegt in diesem einen Beispiel gegen unsere Arbeits- und Erziehungsmethoden, gegen unsere Theorie der Vervollkommnung und des Studiums des Menschen. Jedes Kind hat vom jugendlichsten Alter an Anlagen und Triebe verschiedenster Art, aber wie ermöglichen, daß wir sie kennen lernen? Dazu ist die Zivilisation unfähig. Uns mangelt der Kompaß, der Schlüssel, der uns dieses Zauberbuch über die Anziehungen und die industriellen und wissenschaftlichen Anlagen und Triebe entziffert. Das kann nur durch die Anwendung der Serien der Triebe geschehen; sie bilden den Schlüssel zu jedem Zweig des sozialen Mechanismus und hauptsächlich auch für die Erziehung. Das Problem, das es hier zu lösen gilt, ist, nicht nur eine, sondern selbst zwanzig Anlagen zum Aufbruch zu bringen bei einem Kinde, das kaum drei Jahre alt ist. Vom vierten Jahre ab soll es schon spielend in zwanzig verschiedenen Serien industrieller Thätigkeit geschickt sein und mehr gewinnen, als seine Nahrung und sein Unterhalt kosten; es übt abwechselnd alle physischen und intellektuellen Fähigkeiten, Alles mit Eifer ergreifend. Statt zwanzig Anlagen im Alter von vier Jahren finden wir bei dem Zivilisirten oft nicht eine im Alter von zwanzig Jahren, sie wurden unterdrückt, erstickt, weil die Eltern arm waren, oder die Triebe und Anlagen nicht anzuregen verstanden, oder die Gelegenheit fehlte. So steht es ähnlich selbst bei der wohlhabenden Klasse. Unter zwanzig jungen Leuten, die man auf die Universitäten und Hochschulen schickt, ist öfter kaum einer, der die in ihn gesetzten Hoffnungen erfüllt. Die Anlagen zum Aufbruch zu bringen, die Kunst, sie vom niedersten Lebensalter an zu entwickeln, das ist die Klippe, an der unsere Wissenschaften scheitern. Wir verstehen das nicht einmal in der Agrikultur, woher es kommt, daß diese selbst unserer Dorfjugend widerwärtig erscheint. Unsere wissenschaftliche, unsere industrielle Erziehung steht, wie Alles, außerhalb der Natur, außerhalb der Anziehung. Es ist klar, wir brauchen einen Wegweiser, eine neue Wissenschaft und diese ist die Lehre von den Serien der Triebe. Ohne sie werden die Nebel immer größer. Man behauptet, die Menschen seien heute nicht falscher als früher. Indeß vor einem halben Jahrhundert konnte man für wenig Geld noch Stoffe von guter Farbe und Qualität und natürliche, d. h. unverfälschte Nahrungsmittel kaufen; heute herrschen überall Verfälschung und Betrügerei. Der Landmann selbst ist ein Fälscher geworden, wie es der Kaufmann schon vor ihm war. Milch, Oel, Wein, Branntwein, Zucker, Mehl, Kaffee, Alles ist schamlos verfälscht. Die arme Menge kann sich keine natürlichen Lebensmittel mehr verschaffen, man verkauft ihr langsam wirkende Gifte; solche Fortschritte machte der Handelsgeist selbst bis in die entlegensten Dörfer. Seit fünfzig Jahren hat sich die Zahl der Handeltreibenden vervierfacht, ohne daß die Beschäftigung für sie sich entsprechend vermehrte, der Schwindel ist in demselben Maße gewachsen und ebenso die Aufsaugung der Kapitalien.“[15] „Zu allen Zeiten und an allen Orten wird die Anziehung der Triebe zu drei Zielen zu kommen suchen: Zum Luxus oder zur Befriedigung der fünf Sinne; zu Gruppenbildungen und Serien der Gruppen — Bande der Zuneigung —; zu dem Mechanismus der Triebe, der Charaktere und Instinkte; und durch sie alle drei zur universellen Einheitlichkeit.“

„Der Luxus umfaßt alle sinnlichen Vergnügungen. Indem sich die Triebe nach Befriedigung sehnen, wünschen wir uns implicite Gesundheit und Reichthum als Mittel der Befriedigung; wir wünschen uns inneren Luxus oder körperliche Kraft, Verfeinerung und Stärke der Sinne, und äußeren Luxus oder Reichthum. Man muß diese beiden Mittel besitzen, um den ersten Zweck der Anziehung der Triebe zu erreichen. Wir müssen also befriedigen: Geschmack, Gefühl, Gesicht, Gehör, Geruch. Für das zweite Ziel sucht die Anziehung Gruppen zu bilden und zwar in der Zahl von vier: Gruppe der Freundschaft, des Ehrgeizes, als höhere; der Liebe, der Elternschaft oder der Familie, als niedere Ziele. Alle Gruppen, die sich in voller Freiheit und nach Neigung bilden, beziehen sich auf eins dieser vier Ziele. Wird eine Gruppe zahlreich, so theilt sie sich in Untergruppen, indem sie eine Serie von Theilen bildet, abgestuft in Nuancen nach Neigungen und Geschmack. Alle Gruppen suchen eine Serie (Reihe) oder Stufenleiter zu bilden, verschieden in Gattung und Art. Die Serien der Gruppen sind also zweites Ziel der Anziehung, indem sie sich für alle Funktionen der Sinne und der Seele bilden. Das dritte Ziel ist der Mechanismus der Triebe oder der Serien von Gruppen. Es ist das Bestreben der fünf sinnlichen Triebe (1. Geschmack, 2. Gefühl, 3. Geruch, 4. Gesicht, 5. Gehör) mit den vier affektiven: 6. Freundschaft, 7. Ehrgeiz, 8. Liebe, 9. Elternschaft, in Uebereinstimmung zu bringen. Diese Uebereinstimmung vollzieht sich durch Vermittelung der drei wenig bekannten und viel verkannten Triebe. 10. der Kabalist, Trieb durch Intrigue nach Vereinigung der Gleichstrebenden; 11. der Papillon, Trieb nach Abwechslung, nach Kontrasten; 12. der Komposit, Trieb der Aneiferung, der Begeisterung, des Strebens nach Vervollkommnung.“

„Diese zwölf zusammenwirkenden Triebe stellen die Harmonie der Triebe her. Ein Jeder wünscht im Spiel seiner Triebe eine solche Ausgleichung sich zu verschaffen, daß der Aufschwung des einen Triebes den Aufschwung aller übrigen begünstigt. Z. B. Liebe, Ehrgeiz wollen ihr Ziel erreichen und nicht enttäuscht sein; die Gourmandis hat die Absicht, die Gesundheit zu verbessern, und nicht zu schädigen ... Gegenwärtig ist der Mensch im Kriege mit sich selbst. Seine Triebe gerathen aneinander. Der Ehrgeiz wirkt der Liebe, die Elternschaft der Freundschaft entgegen, und so befinden sich alle Triebe beständig in Disharmonie. Aus diesem Kampf der Triebe entstand die Wissenschaft der Moral, die verlangt, man solle die Triebe unterdrücken; aber unterdrücken heißt nicht organisiren, harmoniren. Unser Zweck ist, den freiwillig ineinander greifenden Mechanismus der Triebe zu schaffen, ohne einen zu unterdrücken. Dies geschieht, wenn jedes Individuum, indem es sein persönliches Interesse verfolgt, damit auch dem Allgemeininteresse beständig dient. Heute ist das Gegentheil der Fall. Die Zivilisation ist ein Krieg des Einen gegen Alle und Aller gegen Einen; eine Ordnung, wo Jeder sein Interesse dabei findet, alle Anderen zu täuschen, sie ist ein den Trieben fremder Diskord; aber das Ziel der Triebe muß sein, zur inneren und äußeren Harmonie zu kommen.“

„Die Kunst zu assoziiren, besteht darin, eine Phalanx von Serien der Triebe in voller Uebereinstimmung bilden und entwickeln zu können, die vollkommen frei nur durch Anziehung bewegt sein sollen und angewendet werden auf die sieben bereits erwähnten industriellen Funktionen. Hauswirthschaft, Ackerbau, Industrie, Handel und Verkehr, Unterricht, Wissenschaften, schöne Künste ... Eine Serie der Triebe ist eine Verbindung verschiedener in auf- und absteigender Stufenfolge verbundener Gruppen, die vereinigt sind durch Uebereinstimmung des Geschmacks für irgend eine Thätigkeit, wie den Anbau einer Frucht, und in welcher für jeden Zweig der Arbeit hierbei eine spezielle Gruppe sich bildet. Wenn die Serie Hyazinthen oder Kartoffeln baut, muß sie eben so viel Gruppen bilden, als Arten von Hyazinthen oder Kartoffeln kultivirt werden sollen. Jede Gruppe bildet sich aus Gliedern der Serie, die für eine bestimmte Art inkliniren. Es sind mindestens 45–50 Serien nothwendig, wenn einigermaßen die nöthige Abwechslung und Ausgleichung herbeigeführt werden soll. Die Serien benutzen die Verschiedenheiten der Charaktere, des Geschmacks, der Instinkte, der Vermögen, der Ansprüche, der Bildungsstufen. Jede Serie setzt sich aus kontrastirenden und abgestuften Ungleichheiten zusammen, sie erheischt ebensoviel Gegensätze oder Antipathien als Uebereinstimmungen oder Sympathien, wie ja auch in der Musik ein Akkord dadurch sich herstellt, daß man ebensoviel Noten ausfallen läßt, als man zusetzt. Die Kontraste der Töne erzeugen den Akkord. Eine Vereinigung von Serien der Triebe hat für die soziale Harmonie glänzende Eigenschaften, sie erzeugt Bewegung, Wahrheit, Gerechtigkeit, direkte und indirekte Uebereinstimmung, Einheitlichkeit. Die Zivilisation hat alle entgegengesetzten Eigenschaften: Entkräftung, Ungerechtigkeit, Betrug, Mißstimmung, Zweideutigkeit. Aber die Serie der Triebe würde nicht richtig funktioniren, wenn sie nicht drei Eigenschaften besäße. Die verschiedenen Gruppen müssen miteinander rivalisiren oder gegeneinander in Bewegung gerathen; das ist nur möglich, wenn die Gruppen nicht grundverschiedene Leistungen vollziehen, sondern nur gradweise verschiedene, also z. B. nicht verschiedene Arten von Obst, sondern verschiedene Sorten einer Art bauen. Ferner müssen die einzelnen Sitzungen kurz sein, sie dürfen sich nicht über zwei Stunden ausdehnen, weil sonst die Ermüdung eintritt. Soll eine Arbeit anziehend sein, so muß sie kurzzeitig sein und man muß dann zu einer andern kontrastirenden Thätigkeit übergehen können. Endlich muß Jedes in der Gruppe eine bestimmte Arbeit haben, die es im Wetteifer mit den Uebrigen am besten zu machen sucht. So kommen die Kabalist, die Papillon, die Komposit in Anwendung. Eine Gruppe genügt, wenn sie sieben Mitglieder zählt; sie ist vollkommen, wenn sie neun hat; sie theilt sich dann unwillkürlich wieder in Untergruppen, in die beiden Flügel und das Zentrum. Vierundzwanzig Gruppen ist die niedrigste Anzahl für eine Serie.“


„Die Zivilisirten treffen überall instinktiv das Falsche, sie ziehen immer das Falsche dem Wahren vor und so ist auch der Angelpunkt ihres Systems eine falsche Gruppe, die sie auf die kleinste Zahl, auf zwei beschränkten. Diese Gruppe ist das Ehepaar. Diese Gruppe ist falsch durch die Beschränkung der Zahl, falsch durch das Fehlen der Freiheit, falsch durch das Auseinandergehen und die Spaltungen des Geschmacks. Diese Differenzen machen sich schon nach den ersten Tagen fühlbar; man differirt bezüglich der Gerichte, der ehelichen Besuche, der Ausgaben, der Unterhaltung, und wegen hundert anderer Dinge. Nun, wenn die Zivilisirten nicht einmal die ursprünglichste ihrer Gruppen harmonisiren können, dann können sie dies noch weniger mit dem Ganzen. Der Mensch ist aus Instinkt Feind des Zwanges und der Gleichheit, er strebt in jeder Beziehung beständig nach Veränderung.“

Da nach Fourier also der Mensch in jeder Beziehung Feind der Gleichheit ist, weshalb auch die Vermögensunterschiede bestehen bleiben müssen, giebt es in der Phalanx eine hierarchische Ordnung, die freilich, bei Lichte besehen, sehr harmlos ist, und sich auch nur zum Besten des Ganzen bethätigen kann. Freund militärischer Einrichtungen, die ihm durch ihre strenge Ordnung und ihre regelmäßige Funktionirung imponiren — er soll mit großer Vorliebe bis an sein Lebensende den militärischen Uebungen und Paraden beigewohnt haben —, giebt er seiner phalansteren Hierarchie einen militärisch-monarchischen Anstrich, obgleich ihr Grundtypus ein rein demokratischer ist. Die Leiter der Serien und Gruppen werden Offiziere genannt und haben militärische Grade. Es sind Hauptleute, Lieutenants, Fahnenjunker; es giebt ganze Stäbe in der Phalanx und werden alle Würden ohne Rücksicht auf das Geschlecht erworben. Sind in einer Gruppe oder Serie hauptsächlich Frauen, so werden die Offiziersstellen hauptsächlich Frauen bekleiden. Dasselbe gilt von den Kindern, Knaben wie Mädchen. Die Mitglieder der Serien und Gruppen wählen zu ihren Leitern Diejenigen, die sich innerhalb ihres Kreises am meisten auszeichnen und dadurch die Sympathien der Uebrigen erwerben. Fourier ist ferner der Ansicht, daß die Menschen, mit sehr wenig Ausnahmen, an äußeren Auszeichnungen, an schönen Farbenzusammenstellungen in ihrer Kleidung, an Uniformen, glänzenden Schaustellungen und Festen, opulenten Einrichtungen, prächtigen Denkmälern und Bauten ihre Freude haben. Nach all diesen Richtungen soll die Phalanx das Höchste bieten.

Zur Leitung werden zweierlei Arten von Offizieren gewählt; die Einen, welche die eigentliche geschäftliche Leitung haben, und die Andern, welche den sogenannten äußeren Dienst versehen, die für den Glanz und das würdige Auftreten der Gruppen und Serien bei Festen, Aufzügen, Schaustellungen und für die Ausschmückung sorgen. Auch in letzterer Beziehung wird ein lebhafter Wetteifer zwischen den einzelnen Serien und Gruppen entstehen. Man wird für die zuletzt erwähnten Funktionen hauptsächlich solche Personen zu Offizieren erwählen, die größeren Reichthum besitzen. Denn da in der Phalanx das Kapital fünf- und sechsfach höhere Zinsen erlangt, als in der Zivilisation, ohne daß Arbeit und Talent dabei zu kurz kommen, und die reichen Leute in der Phalanx sehr bedeutend billiger und doch viel besser leben, als in unserer gegenwärtigen sozialen Ordnung, werden sie eine Ehre darein setzen, ihren eigentlich sonst gar nicht unterzubringenden Ueberfluß zum Besten des Ganzen anzuwenden. Sie werden also öfter für ihre Serien- und Gruppengenossen besonders opulente Mahlzeiten veranstalten, die ihnen gar nicht so außergewöhnlich theuer kommen, weil sie nur das Plus des Preises über die regelmäßige Mahlzeit, deren Kosten Jedem Tag für Tag von der Phalanx angerechnet werden, zu bezahlen haben; ferner werden sie den Bau prächtiger Pavillons, die Aufstellung von Statuen, Altären und dergleichen in dem Theile des Kantons, in dem die Serie oder Gruppe, in welcher sie die hervorragende Rolle spielen, beschäftigt ist, auf ihre Kosten betreiben.

Alle Arten von Serien und Gruppen, gebildet in Uebereinstimmung mit den Trieben, deren Ordnung und Mechanismus der Zivilisation als ein undurchdringliches Geheimniß erscheint, sind nach Fourier das Ergebniß geometrischer Berechnungen auf Grund der Anziehungen und der Bestimmungen. Die Richtigkeit dieser von ihm unternommenen Berechnungen ist nach seiner Meinung unzweifelhaft. Er kennt das Geheimniß des ganzen Mechanismus der Gesellschaft und von einem guten Theil des Weltalls; Alles organisirt sich nach bestimmten mathematischen Zahlenverhältnissen, die zunächst nur ihm bekannt sind.

Wenn einmal Jemand sich im Besitz eines solchen Geheimnisses und solcher Kenntnisse wähnt, so ist natürlich, daß jede andere Theorie, die auf dasselbe Ziel hinaus läuft, ihm als eine Art Profanation seiner eigenen Ideen, als eine Art Sakrilegium erscheint, und daß er die fremden Theorien dementsprechend als Charlatanerie behandelt und verurtheilt. Da nun um dieselbe Zeit, als Fourier mit seinen Theorien vor die Oeffentlichkeit trat, Owen in England mit seinen Assoziationsversuchen ebenfalls hervortrat und großes Aufsehen erregte, später auch schriftstellerisch und persönlich agitatorisch für dieselben wirkte, konnten diese Bestrebungen Fourier nicht unbekannt bleiben. Er griff Owen heftig an, als einen Mann, der vom Mechanismus der Assoziation nichts verstehe, nur Sophismen verbreite und mit seinem Kommunismus und Atheismus das größte Unheil anstifte. In ähnlicher Weise wandte er sich später auch gegen die Saint Simonisten, die er mit ihrer neuen Religionsgründung lächerlich machte. Unbegreiflich war ihm nur, daß Beide, Owen und Saint Simon, mehr Beachtung und Anhang fanden, als er.

Fourier fährt nun weiter fort:

„Das Bedürfniß nach periodischer Verschiedenheit, kontrastirenden Situationen, Szenenveränderungen, nach pikanten Zufällen, nach Neuigkeiten, welche die Illusion erregen, ist dem Menschen eingeboren. Dieser Trieb ist die Papillon. Das Bedürfniß nach Abwechslung macht sich bei dem Menschen von Stunde zu Stunde, lebhaft von zwei zu zwei Stunden bemerkbar. Wird es nicht befriedigt, so verfällt er der Lauheit und Langeweile. Auf der Befriedigung dieses Triebes nach Veränderung beruht das Glück der Pariser Sybariten. Es ist die Kunst, „gut und rasch zu leben“. Verschiedenheit und Verkettung der Vergnügungen, Raschheit der Bewegung ist nothwendig.“

Indem nun im sozietären Zustand alle Beschäftigung in kurzen Sitzungen von etwa einundeinhalbstündiger Dauer sich vollzieht, kann Jeder im Laufe des Tages acht bis zehn ihn anziehende und seine Triebe befriedigende verschiedene Thätigkeiten ausüben, die durch die Art ihrer Ausübung ihm nur Vergnügen bereiten. Den nächsten Tag besucht er Gruppen und Serien, die von denen des vorhergehenden Tages in ihrer Zusammensetzung wie in ihrer Thätigkeit verschieden sind. So eilt der Mensch, entsprechend seinen Trieben, selbst indem er nützlich thätig ist, von Vergnügen zu Vergnügen, ohne in Exzesse zu verfallen, denen der Zivilisirte nicht entgeht. Denn dieser widmet einer Arbeit sechs Stunden und mehr, einem Fest sechs Stunden, einem Ball die ganze Nacht auf Kosten seines Schlafes und seiner Gesundheit. Dann sind auch die Vergnügungen der Zivilisirten immer unproduktiv, während im sozietären Zustand die Arbeiten selbst zu Vergnügen und also produktiv werden. Sehen wir zu, wie ein Unbemittelter und wie ein Reicher in der Phalanx ihren Tag verbringen. Wir nehmen den Monat Juni als Beispiel der Lebensweise für den Unbemittelten.

„Früh 3½ Uhr erheben und ankleiden; 4 Uhr Sitzung[16] in einer Gruppe für die Pflege der Thiere in den Stallungen; 5 Uhr Sitzung in einer Gruppe der Gärtner; 7 Uhr Frühstück; 7½ Uhr Sitzung der Mäher; 9½ Uhr Sitzung der Gemüsebauer, und zwar werden diese Gartenarbeiten bei größerer Wärme unter künstlich konstruirten transportablen Zelten vorgenommen; 11 Uhr zweite Sitzung in den Stallungen; um 1 Uhr Mittagstisch; 2 Uhr Waldarbeiten; 4 Uhr Beschäftigung in einer Manufaktur; 6 Uhr Bewässerung; 8 Uhr Börse; 8½ Uhr Abendessen; 9 Uhr Unterhaltungen; 10 Uhr Schlafengehen.

Die Börse der Phalanx beschäftigt sich nicht mit dem Handel von Papieren und dem Schacher der Lebensmittel, sondern es werden hier die Abmachungen für den nächsten Tag getroffen; es bilden sich neue Gruppen und Serien. Auch wird später, wenn die Phalanx in voller Wirksamkeit ist, die Zahl der Ruhepausen und Mahlzeiten sich auf fünf erhöhen und werden die Sitzungen kürzer. Der Reiche, dessen Tagesbeschäftigung wir nun folgen lassen, ist ein Gutsbesitzer, der probeweise in die Phalanx trat.

Früh 3½ Uhr erheben und ankleiden; 4 Uhr Zusammenkunft im Morgensaal, Unterhaltungen über die Nachterlebnisse; 4½ Uhr erste Erholung, gefolgt von der industriellen Parade — Kinder und Erwachsene, Männer und Frauen ziehen mit Fahnen und Emblemen unter Musik in ihren Gruppen und Serien auf das Feld —; 5½ Uhr Jagd; 7 Uhr Fischfang; 8 Uhr Frühstück; Zeitungen; 9 Uhr Gartenkultur unter Zelten; 10½ Uhr Fasanerie; 11½ Uhr Bibliothek; 1 Uhr Mittagessen; 2½ Uhr Gewächshäuser; 4 Uhr Pflege exotischer Pflanzen; 5 Uhr Pflege der Fischteiche; 6 Uhr Vesperbrot auf dem Felde; 6½ Uhr Schafzucht; 8 Uhr Börse; 8½ Uhr Abendessen; 9½ Uhr Schaustellungen; 10½ Uhr Schlafengehen.

Die kurze Schlafzeit — sechs Stunden — erklärt Fourier damit, daß die Harmonisten in Folge ihrer vernünftigen und angenehmen Lebensweise, die Niemand überanstrenge, weniger Schlaf brauchten, als die Zivilisirten, auch würden sie von Kindheit an an diese Lebensweise gewöhnt. Bei der minutiösen Ausarbeitung, die Fourier allen Einrichtungen seiner Phalanx zu Theil werden läßt, hat er sich auch ausführlich mit den baulichen Einrichtungen befaßt und die entsprechenden Pläne seinen Werken einverleibt. Die Phalanx ist eben ein Uhrwerk, das nach den Plänen seines Erfinders konstruirt werden muß, wenn es den beabsichtigten Zweck erreichen soll. Das Gebäude der Phalanx, das Phalanstère, besitzt ringsum Gallerien, die im Winter gleichmäßig durchwärmt, im Sommer von erfrischender Kühle sind. Der Länge nach laufen durch das mächtige Gebäude, in dem die 1800–2000 Angehörigen der Phalanx wohnen, Säulenhallen, die nach allen Theilen führen, nach den Sälen, den Wohnungen, der Börse. Verdeckte Gänge stellen bequeme Verbindungen nach den Ateliers, Werkstätten und Stallungen her. Man behaupte, meint F., durch die kurzen Sitzungen werde viel Zeit verbraucht, um von einem Ort zum andern zu kommen. Das sei indeß falsch, da das Gebäude mitten im Bezirk liege und von allen Seiten in 5–10, höchstens 15 Minuten zu erreichen sei. Auch kämen die Kosten des Baues nicht in Betracht, da die Arbeitsweise in der Phalanx gegen diejenige in der Zivilisation immense Vortheile biete, und der Eifer, mit dem Jedermann sich betheilige, herbeiführe, daß in einer Stunde geleistet werde, was in der Zivilisation kaum in drei Stunden geleistet werden könne. Man betrachte nur einmal unsere Arbeiter auf dem Felde, die, wenn ein Vogel vorüber fliege, sich hinstellten und ihm nachsähen, die Hände auf die Hacke gestützt. Das komme daher, weil unsere Arbeiten Ueberdruß erweckten und ermüdeten und jeden Reizes entbehrten.

„Die Beschäftigung in der Phalanx erzeugt das die Gesundheit fördernde körperliche Gleichgewicht. Die Gesundheit muß nothwendig geschädigt werden, wenn der Mensch sich zwölf Stunden einer gleichmäßigen Arbeit überlassen muß, die, welcher Art sie immer ist, die verschiedenen Glieder des Körpers und seinen Geist nicht genügend beschäftigt. Dies wird noch schlimmer, wenn dieselbe Arbeit Tag für Tag das ganze Jahr hindurch sich wiederholt. Daraus entstehen neben dem allgemeinen Widerwillen an der Arbeit die vielen Berufskrankheiten; so sind gewisse chemische Fabriken wahre Mördergruben, in denen eine Beschäftigung von zweistündigen Sitzungen, zwei- oder dreimal die Woche für den Einzelnen, ohne jeden Nachtheil ertragen wird. Die reiche Klasse verfällt wieder andern Krankheiten, der Gicht, der Apoplexie, dem Podagra, Krankheiten, die dem Landmann fremd sind. Die Fettleibigkeit, bei den Reichen so gewöhnlich, ist ein Zustand, der körperliches Gleichgewicht und Wohlbefinden gröblich stört. Fast alle Beschäftigungen und Vergnügungen der Reichen stehen mit der Natur im Widerspruch. Die sanitäre Bestimmung schreibt dem Menschen beständige Abwechslung in der Thätigkeit sowohl für den Körper als für den Geist vor, diese hält allein die Aktivität und das Gleichgewicht aufrecht.“

„Was vorzugsweise das körperliche Wohlbefinden fördert, wird auch das seelische fördern. Vereinigt in der Zivilisation das Interesse Freunde, so vereinigt es im sozietären Zustand sogar die Feinde, es söhnt die antipathischen Charaktere durch indirekte Kooperation aus, und zwar, weil in einer großen Reihe von Serien und Gruppen, in die jeder Einzelne nach der Verschiedenheit seiner Neigungen und Triebe nach und nach eintritt, er durch die Berührung findet, daß Diejenigen, die ihm auf dem einen Gebiet antipathisch waren, ihm auf anderen sympathisch sind. Auch wird das Nebeneinanderarbeiten nach demselben Ziel unwiderstehlich seine aussöhnende Wirkung üben.“

„Die seelischen Triebe verlangen so gut wie die sensuellen Abwechslung, um befriedigt zu werden; es sind also auch die Herzen der großen Mehrheit der beiden Geschlechter dem Bedürfniß nach Veränderung und Abwechslung unterworfen. Der Mann wie die Frau wünschte sich ein Serail, wenn Abhängigkeit, Sitte und Gesetz sich dem nicht widersetzten. Die ernsten Holländer, die in Amsterdam so hoch moralisch scheinen, haben in Batavia ihre Serails, gefüllt mit Frauen aller Hautfarben. Da haben wir das Geheimniß unserer Moral; sie wird zur Heuchlerin, wenn die Umstände es gebieten, und sie wirft die Maske ab, wenn sie dies ungestraft thun kann.“

„Pflanzen und Thiere haben das Bedürfniß nach Wechsel und Kreuzung. Mangels eines solchen Wechsels arten sie aus. Ebenso hat der Magen das Bedürfniß nach Wechsel; entsprechende Veränderung in den Speisen erleichtert die Verdauung und erhöht das Behagen und die Befriedigung; aber man gebe dem Magen dieselbe ausgesuchteste Speise täglich und er wird sie mit Widerwillen zurückweisen. Geist und Seele sind von dem Trieb nach Veränderung beherrscht; oft wirken zwei und drei Triebe gleichzeitig; so Liebe und Ehrgeiz.“

„Die Erde selbst hat ihre internirenden Zeiten, die der Besaamung, der Erzeugung. Der Boden bedarf alternirender Anwendung der Pflanzen; die ganze Natur verlangt nach Wechsel. In der ganzen Welt existiren nur die Moralisten und die Chinesen, welche die Einförmigkeit, die Uniformität verlangen; aber die Chinesen sind auch die falschesten, der Natur am meisten widerstrebenden Wesen.“

Fourier, der, wie wiederholt hervorgehoben wurde, Alles haßte, was mit dem Handel zu thun hatte, haßte die Chinesen besonders, weil sie, nach dem Vorurtheil seiner Zeit, die größten Diebe und Betrüger im Handel seien. Wir wissen heute, daß dies eine falsche Ansicht ist, obgleich die Vorurtheile gegen die Chinesen noch sehr stark in Europa sind. Ebenso wie die Chinesen waren Fourier als hauptsächlich handeltreibendes Volk die Juden verhaßt, die er unmittelbar den Chinesen in der Rangordnung folgen ließ. Er war sehr unglücklich, als man in Frankreich den Juden die vollen bürgerlichen Rechte einräumte, was ihn freilich nicht abhielt, wie wir sahen, Herrn von Rothschild unter die Kandidaten für seine Versuchsphalanx zu reihen und ihm ein Königreich Jerusalem in Aussicht zu stellen.

„Die Moral“, führt Fourier weiter aus, „welche die drei Triebe: Kabalist, Papillone, Komposit, am heftigsten kritisirt, ist selbst im stärksten Widerspruch mit der Natur. Diese drei Triebe spielen eine große Rolle im sozialen Mechanismus, wie die Natur es will; sie haben die Herrschaft, denn sie dirigiren die Serien der Triebe; jede Serie ist in ihrem Mechanismus gefälscht, wenn sie nicht den kombinirten Schwung dieser drei Triebe begünstigt; sie bilden die neutrale Gattung in der Tonleiter der zwölf Triebe.“

„Aktiver Gattung sind die vier Triebe der Seele: Freundschaft, Ehrgeiz, Liebe, Elternschaft; passiver Gattung die fünf sensuellen Triebe: Gehör, Geruch, Geschmack, Gesicht, Gefühl. Die neutrale Gattung — die mechanisirenden Triebe — macht sich besonders bemerklich bei den Kindern, denen die zwei affektiven Triebe — Geschlechtsliebe und Elternschaft — noch fehlen; sie überlassen sich den mechanisirenden Trieben in ihren Spielen am meisten, welche sie sehr selten über zwei Stunden ausüben, ohne zu wechseln.

Diese Disposition wird man für sie bei der Organisation ihrer Erziehung und Beschäftigung besonders in Anwendung bringen.“

„Die Anziehung kann dreierlei Art sein: direkt oder übereinstimmend; indirekt oder gemischt; verkehrt oder abweichend, d. h. gefälscht. Direkt ist sie, wenn sie aus Freude an dem Gegenstand selbst die Thätigkeit ausübt. So haben Archimedes in der Geometrie, Linné in der Botanik, Lavoisier in der Chemie nicht des Gewinnes wegen, sondern aus heißer Liebe zur Wissenschaft gearbeitet. So kann ein Fürst aus Liebe an dem Gegenstand Orangen- oder Nelkenzucht treiben, oder wie Ludwig XVI. die Schlosserei; kann eine Fürstin Zeisige oder Fasanen pflegen. Hier herrscht direkte Anziehung zur bestimmten Beschäftigung, und so werden in der sozietären Gesellschaft sieben Achtel der Arbeiten beschaffen sein.“

„Die indirekte Anziehung ist vorhanden, wenn Jemand eine Thätigkeit mehr des Gewinnes wegen, oder der Resultate seiner Arbeit als des Gegenstandes selbst wegen ausübt. Zum Beispiel ein Naturforscher, der widerliche Reptile oder Giftpflanzen unterhält. Er liebt weder das Eine, noch das Andere an sich, aber er überwindet seinen Widerwillen durch den Eifer, den die in Aussicht stehenden wissenschaftlichen Resultate in ihm erwecken. Solche indirekte Anziehung wird sozietäre Funktionen erregen, die einer besonderen Anziehung beraubt sind, aber größeren Gewinn oder größere Anerkennung finden. Dieser Art Arbeiten wird es ein Achtel geben.“

„Die verkehrte oder gefälschte Anziehung herrscht dort, wo die Arbeit den Trieben Verstimmung erzeugt. Das ist der Fall, wo der Arbeiter nur dem Zwang gehorcht, wo seine Arbeitskraft gekauft ist, wo moralische Erwägungen ihn treiben, aber weder Freudigkeit für, noch Geschmack an der Thätigkeit vorhanden ist. Diese Nichtattraktion kann in der Phalanx nicht existiren, sie herrscht aber in sieben Achteln der Arbeiten der Zivilisation vor. Diese Zivilisirten hassen ihre Thätigkeit, sie üben sie entweder aus Hunger oder Langeweile, sie erscheint ihnen eine Strafe, zu der sie trägen Schrittes, mit trübsinnigem, niedergedrücktem Aussehen gehen.“

„Der Gewinnanreiz, der bei den für Lohn oder Gehalt Arbeitenden nur eine divergirende Anziehung ausübt, kann in der Assoziation oft ein edles Hülfsmittel sein. Zum Beispiel es handele sich um eine Erfindung wie die, die Rauchverbrennung herbeizuführen. Hier handelt es sich um Gewinn und Ruhm. Wer das Mittel entdeckt, empfängt von der Phalanx fünf Franken, da aber eine Million Phalanxen auf dem Erdboden bei dieser Erfindung interessirt sind, so erhält er fünf Millionen Franken und empfängt außerdem als Erfinder das Diplom als einer der Magnaten des Erdballs, wodurch er auf der ganzen Erde die diesem Rang zugebilligten Ehrenbezeugungen empfängt.“

„Durch diese Form der Belohnung für allgemein nützlich oder angenehm erkannte Leistungen wird selbst in den kleinsten Dingen der Gewinn enorm sein. Wird für eine Ode oder Symphonie eine Belohnung von zwei Sous gewährt und erklären sich bei der Abstimmung 500.000 Phalanxen für dieselbe, so werden dem Dichter oder Komponisten 50.000 Franken ausgezahlt. Er empfängt zu diesem Zweck die entsprechende Anzeige von dem Weltkongreß, und wird diese Summe ihm in Konstantinopel, der Hauptstadt der Welt, ausgehändigt. So wird Jeder für außergewöhnliche Leistungen in demselben Verhältniß Belohnungen und Ehren empfangen, als diese Anerkennung finden. Denn nur diejenigen Phalanxen steuern, die sich zu Gunsten einer Leistung aussprachen, sie also für würdig erachteten und werthvoll fanden.“

„Die indirekte Anziehung wird man in der Zivilisation selten finden, sie kann nur durch einen mächtigen Anstoß angeregt werden. Ein Beispiel. Im Jahre 1810 gerieth bei Lüttich eine Kohlenmine in Brand und wurden achtzig Arbeiter, ohne Nahrungsmittel zu haben, darin eingeschlossen. Um sie zu befreien, mußte in wenig Tagen ein bedeutender Durchstich fertiggestellt werden. Alle Kameraden der Eingeschlossenen gingen mit Feuereifer an die Arbeit, Jeder setzte eine Ehre darein, das Höchste zu leisten, und nach vier Tagen war eine Arbeit vollbracht, zu der man sonst mindestens zwanzig gebraucht hätte. Es war nicht der Geldgewinn, der sie trieb, denn die Arbeiter wiesen jede Belohnung als eine Beleidigung zurück, es war der Drang, ihre Genossen um jeden Preis zu retten. So kann also die widerlichste unangenehmste Arbeit indirekt anziehend werden, wenn edle Impulse ihr zu Hülfe kommen.“

Fourier erläutert nun weiter die innere Organisation und Verwaltung der Phalanx. „In der Zivilisation kennt man keine andere Rangordnung, als die nach Stand und Vermögen; die sozietäre Ordnung dagegen wendet eine uns heute gänzlich unbekannte Klassifikation an, diejenige der Charaktere nach dem Lebensalter und nach Temperamenten. Die verschiedenen Alter vom dritten Lebensjahre an bis zum Greisenalter theilen sich in sechzehn Stämme (tribus) und, den beiden Geschlechtern entsprechend, in zweiunddreißig Chöre.“ Die Kinder vom frühesten Lebensalter — bis zu einem Jahre Säuglinge, bis zum zweiten Poupons und bis zum dritten Lutins genannt — zählen als unentwickelt noch nicht mit. Jeder der sechzehn Stämme hat seine besondere Bezeichnung. Stamm Nr. 1, 3–4½ Jahre zählend, umfaßt die Bambins; Nr. 2, 4½–6½ Jahre, die Cherubins; Nr. 3, 6½–9 Jahre, die Seraphins; Nr. 4, 9–12 Jahre, die Lyzeisten; Nr. 5, 12–15½ Jahre, die Gymnasiasten; Nr. 6, 15½–20 Jahre, die Jugendlichen. Die weiter folgenden Stämme sind nicht streng nach den Lebensaltern geregelt; die drei letzten, aus den höchsten Lebensaltern gebildet, heißen: die Ehrwürdigen, die Verehrten, die Patriarchen. Abgesehen von den sechs ersten Stämmen, für die eine besondere Organisation und ein besonderes Erziehungssystem besteht, wobei beim Aufsteigen von einem Stamm in den andern besondere Prüfungen verlangt werden, hat diese Stammeseintheilung kaum einen praktischen Zweck, wenigstens ist er nicht zu erkennen. Nur die ältesten Stämme haben gewisse Ehrenposten in der Phalanx inne, sie sind aber ohne wesentlichen Einfluß.

Die werthvollste Anwendung von dieser Stufenleiter wird bei den Kindern gemacht, sie soll die natürliche Erziehung erleichtern und den Korpsgeist erzeugen, mit Hülfe dessen sie mit Eifer zu den Studien und zu den Arbeiten hingezogen werden. Sobald die Kinder in das Reifealter übergetreten sind, besuchen sie wie die älteren Lebensalter täglich die Börse, wo alle Abmachungen für die Arbeiten und die Vergnügungen des nächsten Tages besprochen und geordnet werden.

Die oberste Leitung der Phalanx liegt in den Händen der Regentschaft. Diese wird aus den Mitgliedern des Areopags gewählt, der sich zusammensetzt: 1. aus den Chefs aller Serien; 2. aus den drei ältesten Stämmen: den Ehrwürdigen, Verehrten und Patriarchen; 3. aus den Aktionären und 4. aus den Magnaten und Magnatinnen der Phalanx. Der Areopag hat wenig zu thun, da sich Alles durch Anziehung und den Korpsgeist der Stämme, Chöre und Serien regelt; er giebt nur über wichtige Geschäfte, wie die beste Erntezeit, die Weinlese, Neubauten etc., seine Meinung kund, doch ist diese Meinung nicht verpflichtend. „Weder sind der Areopag noch die Regentschaft mit lächerlichen Verantwortlichkeiten belastet, wie z. B. ein Finanzminister in der Zivilisation.“ Das Rechnungswesen ist Sache einer besonderen Serie, welche die Bücher führt, die jedes Mitglied der Phalanx einsehen kann. Ueberdies ist das Rechnungswesen so einfach wie möglich. Tägliche Zahlungen giebt es nicht, jedes Mitglied hat, entsprechend seinem Vermögensantheil und dem voraussichtlichen Arbeitsertrag, Kredit. Ebenso rechnen die verschiedenen Phalanxen auf Grund ihrer Bucheintragungen von Zeit zu Zeit miteinander ab. Die Rechnung für die Einzelnen wird am Ende des Jahres, wenn die Bilanz gezogen ist und die Vertheilungen vorgenommen werden, beglichen. Dasselbe Verfahren wird seitens der Phalanxen dem Fiskus gegenüber beobachtet, der vierteljährlich seine Steuern für die Gesammtheit der Mitglieder einer Phalanx pünktlich, und bei dem viel ergiebigeren Ertrag aller Arbeit auch in entsprechend höheren Beträgen, abgeführt erhält. Herr Fiskus erspart also seine gesammten Steuerbeamten, Exekutoren und die für diesen Zweck in Thätigkeit zu setzenden Gerichtsbeamten. Ebenso geben die industriellen Armeen, worunter diejenigen Abordnungen der Phalanxen verstanden werden, welche sich in einem mehr oder weniger entfernten Lande oder in einer Provinz mit Abordnungen anderer Phalanxen zu gemeinsamen, besonders gearteten größeren Arbeitsleistungen zusammenfinden, auf ihrer Reise einfache Schuldverschreibungen ab, die der betreffenden Phalanx präsentirt und von dieser berichtigt werden. Da nun solche industriellen Armeen ziemlich oft zusammentreten und Reisen unternehmen, ist jedes Phalansterium mit den entsprechenden Unterkunftsräumen für Menschen und Thiere versehen. Ferner haben die Kinder keinen Vormund mehr nöthig, das große Buch der Phalanx hat für jedes derselben sein Konto und verwaltet seinen Besitzstand und sein Einkommen. Die Kinder können sogar vom fünften Lebensjahre ab schon über ihr Einkommen verfügen.

Fourier geht nun über zur Kostenberechnung für die Gründung einer Phalanx. Diese veranschlagt er auf fünfzehn Millionen Franken. Das Hauptgebäude, ungefähr 500 Fuß lang und 250 Fuß tief, bilden zwei hintereinander liegende, durch Gallerien verbundene parallel laufende Bauten und besteht aus Parterre, Entresol und vier Etagen. Das Zentrum des Gebäudes tritt nach hinten zurück, wodurch ein großer freier Platz zwischen den Flügeln entsteht, der als Paradeplatz Verwendung findet. Der Raum zwischen den beiden parallel laufenden Bauten ist mit Blumenparterren, Orangerien, Springbrunnen ausgefüllt. Der große Mitteleingang führt in eine mächtige Säulenhalle, von wo Gallerien und Treppen nach allen Theilen des Gebäudes fuhren. Im Parterre des Mittelraums befindet sich der große Wintergarten. Die Alten wohnen in den Parterreräumen, die Kinder im Entresol. In den Flügeln der ersten Etage logiren die reichen Phalansterianer, in der Mitte der ersten Etage befindet sich der Börsensaal, die Speise- und Vergnügungssäle. Außerdem giebt es eine Menge Räume für kleine Gesellschaften. Die oberste Etage bleibt für die Fremden und die Besucher reservirt. Küchen und Bäder befinden sich im Souterrain. Die Werkstätten, Waaren- und Getreidelager und Stallungen liegen symmetrisch geordnet dem Hauptgebäude gegenüber, getrennt durch eine breite mit Bäumen und Blumenbosquets bepflanzte Straße. Alle Passagen und Uebergänge sind gegen die Unbilden der Witterung geschützt und im Winter erwärmt. Hinter den beiden Flügeln des Hauptgebäudes liegen rechts und links die Kirche und das Theater, beide ebenfalls durch verdeckte Gänge mit dem Wohngebäude in Verbindung stehend.

Die Thätigkeit der Phalanx wird sich besonders erstrecken auf die Vieh- und Geflügelzucht, eine Thätigkeit, die namentlich in der ungünstigsten Jahreszeit ausgenutzt werden kann. Garten- und Feldbau wird im ausgedehnteren Maßstab betrieben, und wird während der milden Jahreszeit die meisten Hände in Anspruch nehmen. Die Küchenarbeiten mit ihren umfänglichen Vorarbeiten erfordern Tag für Tag eine große Anzahl verschiedener Kräfte. Der Küche werden die Phalansterianer eine besondere Sorgfalt schenken, denn gut zu essen betrachten sie als eine ihrer vornehmsten Pflichten, und daher wird allen Thätigkeitszweigen, die mit der Küche in Verbindung stehen, eine besondere Aufmerksamkeit entgegengebracht werden. Dazu gehören also insbesondere Gemüse und Obstzucht, Vieh- und Geflügelzucht, Fischzucht, Wildpflege, Konservenbereitung. Manufakturen und Gewerbe sollen nach Bedürfniß eingerichtet und hauptsächlich im Winter betrieben werden.

Die Phalanx richtet ihre ganze Thätigkeit und ihr Bestreben dahin, daß Alles, was sie leistet, sich durch Solidität wie durch Schönheit und Geschmack auszeichnet, sie sucht mir einem Wort in Allem das Vollendete zu liefern. Dadurch wird sie im Vergleich zu der Zivilisation in vielen Dingen geringere Quantitäten an Produkten verbrauchen, z. B. an Tuchen, Kleidungsstoffen, Möbeln, Werkzeugen.

In einer gut und voll eingerichteten Phalanx werden nach Fourier's Berechnung nöthig sein: für Thier- und Geflügelzucht 30 Serien; für Garten- und Landwirthschaft, inklusive Wiesenbau und Waldbewirthschaftung, 50 Serien; für die Manufakturen 20 Serien; für Hauswirthschaft und Erziehung 40 Serien; für Küche und Kellerei 60 Serien; im Ganzen also 200.

In der Manufaktur wird man wieder diejenigen Beschäftigungen, die täglich in Anspruch genommen werden, wie: Schneiderei, Schuhmacherei, Tischlerei, Schlosserei, Sattlerei u. s. w., von denen unterscheiden, in denen eigentliche Massenfabrikation, wie die Anfertigung der Halbfabrikate, Wäschefabrikation u. s. w., betrieben wird. Diese Massenfabrikation läßt sich auf bestimmte Zeiten beschränken. Die Anwendung in den verschiedenen Thätigkeiten bleibt der freien Wahl der Geschlechter überlassen, auch werden die rivalisirenden Serien nach den verschiedensten Methoden thätig sein und immer neue Methoden zu erfinden suchen. Manche Gewerbe werden besonderen Anklang finden, wie die Kunsttischlerei, die Parfumerie — letztere hauptsächlich bei den Frauen —, die Konditorei. Die Geschlechter werden sich dabei die ihrer Natur besonders zusagenden Thätigkeiten ganz von selbst auswählen. So wird in der Konditorei das Anmachen des Teigs hauptsächlich Männerarbeit sein, die Frauen werden sich mit der Herrichtung der Früchte und Materialien beschäftigen, die Kinder werden bei dem Formen, dem Auslesen und Einlegen in Anspruch genommen sein. Auch wird, weil alle Einrichtungen auf das Beste und Zweckmäßigste getroffen sind, die peinlichste Reinlichkeit in den Werkstätten und Arbeitsräumen aufrecht erhalten werden können. Ist Butter- und Käsefabrikation vorzugsweise Frauen- und Kinderbeschäftigung, so die Fleischerei Männerarbeit. Fourier führt dies Alles sehr im Detail aus, um zu zeigen, wie alle Geschlechter in zweckmäßiger Weise ihrem Charakter und ihren Anlagen entsprechend ihre Beschäftigungen zu finden vermöchten. Der ganze Mechanismus der industriellen Anziehung würde umgestürzt und die Phalanx unmöglich werden, wenn man in der Assoziation, sowie heute in der Zivilisation, keine Rücksicht auf die verschiedenen Triebe nehmen und die Arbeitssitzungen über das zulässige Maß ausdehnen wollte.

Die Fabriken werden aus den Städten allmälig auf das Land verlegt, damit der Arbeiter die volle Abwechslung der Beschäftigung, wie die Vortheile und Annehmlichkeiten des Landlebens und der ländlichen Beschäftigung genießen kann.


„Für den neuen sozietären Zustand ist die Erziehung von der größten Wichtigkeit; sie hat zum Zweck, alle körperlichen und geistigen Fähigkeiten zur vollen Entwicklung zu bringen, und soll überall, selbst in den Vergnügungen, produktiv angewendet werden. Unsere heutige Erziehung wirkt entgegengesetzt; sie unterdrückt und verschlechtert die Fähigkeiten des Kindes; sie leitet die Jugend im Widerspruch mit der Natur, denn der erste Zweck der Natur oder der Anziehung ist der Luxus — körperliche Kraft und Verfeinerung der Sinne. Der Luxus erzeugt bei dem Kinde eine lebhafte Anziehung für produktive Thätigkeit, die ihm heute verhaßt ist. Seine Entwicklung ist also eine falsche, die heutige Erziehung schwächt seine Gesundheit. Man nehme hundert Kinder, ganz nach Zufall, aus der reichen Klasse, die gute Pflege und gute Nahrung haben, und man wird finden, daß sie weniger kräftig sind, als hundert halbnackte Dorfkinder, die mit Schwarzbrot genährt werden und wenig Pflege haben. Aber der treffendste Beweis für unser falsches Erziehungssystem ist, daß es die Anlagen des Kindes nicht zur Entfaltung bringt, sondern dies dem Zufall überläßt. Abgesehen von den verschiedenen Systemen der Erziehung, man zerstört die Anlagen, sei es in der Häuslichkeit, sei es in der Welt, durch ein Dutzend ganz entgegengesetzter Methoden, die dem Kinde ganz widersprechende Impulse geben, seine erste Erziehung durch eine ganz neue absorbiren. Das geschieht durch das, was man den Geist der Welt nennt. Ist ein junger Mann sechzehn Jahre alt geworden und tritt in die Welt ein, so lehren ihn Väter, Verwandte, Nachbaren, Diener, Kameraden, sich über die Lehren, die ihn im jüngeren Alter einschüchterten, lustig zu machen, sich mit den Sitten der galanten Welt in Einklang zu setzen; sie rathen ihm, über die Lehren der Moral, die den Vergnügungen feind sind, zu lachen und sich darüber hinwegzusetzen, um später von den Liebeleien, nachdem er sie genügend genossen, zu den Geschäften des Ehrgeizes überzugehen. Welch eine Absurdität unserer Erzieher, dem Kinde ein System von Ansichten einzutrichtern, die jetzt bei ihm über den Haufen zu werfen alle Welt sich bemüht! Man wird keinen jungen Mann von zwanzig Jahren treffen, der, eine glückliche Gelegenheit zum Ehebruch findend, das Beispiel des keuschen Joseph nachahmt, „der Moral und den gesunden Doktrinen“ folgt. Fände man ihn, er würde dem Publikum und den Moralisten selbst ein Räthsel sein. Ebenso würde sich die ältere Welt über einen Finanzmann moquiren, der, obgleich er es ungestraft thun kann, sich mit fremdem Eigenthum die Taschen nicht füllte: er würde als ein Dummkopf, ein Visionär betrachtet, der nicht weiß, „daß, wenn man an der Krippe sitzt, auch essen soll“. In welch falscher Stellung befinden sich da nicht unsere Erziehungsdoktrinen.“

„Der große Zweck und die Aufgabe der Erziehung muß sein, Charaktere wie die von Nero, Tiberius, Ludwig XI. ebenso nützlich für die Gesellschaft zu machen, wie diejenigen eines Titus, Marc Aurelius, Heinrich IV.[17] Um diesen Zweck zu erreichen, muß von der Wiege an das Naturell des Kindes sich frei entwickeln, während wir bemüht sind, von der Wiege an dieses Naturell zu ersticken und zu verkünsteln. In der Zivilisation denkt man bei dem niedrigsten Lebensalter nur an die rein physische Sorge, wohingegen der sozietäre Zustand schon vom Alter von sechs Monaten ab sehr wirksam auf die intellektuelle wie materiellen Fähigkeiten des Kindes achtet.“

„Zunächst sei festgestellt, daß in der Assoziation die Pflege und Unterhaltung der extremen Alter, der Kinder bis zu drei Jahren und der Patriarchen, als Liebeswerk der Gesammtheit angesehen wird. (Man halte fest, daß nach Fourier vom dritten Jahre ab die Kinder in der Phalanx sich schon so nützlich erweisen, daß sie ihre Erziehungs- und Unterhaltungskosten voll decken.) Das Prinzip in der Erziehung ist dasselbe wie in allen andern Funktionen der Assoziation. Man bildet Serien für die Funktionäre, wie für die Funktionen.“

„Die Bonnen bilden Serien, und ebenso werden die Kinder nach den Charaktereigenschaften und Temperamenten, die sie alsbald nach ihrer Geburt offenbaren, in Serien geordnet und in die bezüglichen Säle vertheilt. Da bildet sich eine Serie der Friedlichen, der Widerspenstigen, der Verwüster oder Teufelchen. Die Bonnen, die Tag und Nacht ihre Posten versehen, wechseln ihren Dienst wie in allen übrigen Beschäftigungen alle ein und einhalb bis zwei Stunden. Die Bonnen werden von Unterbonnen — jungen Mädchen, die für die Pflege der Kleinen Neigung haben — unterstützt. Die Mütter können — wie schon erwähnt — ebenfalls als Bonnen eintreten, anderen Falles finden sie sich zu den Stunden ein, wo sie dem Kinde die Mutterbrust geben oder sich nach seinem Befinden erkundigen wollen. Die Mutter ist also nicht, wie die meisten Mütter in der Zivilisation — namentlich wenn sie unbemittelt sind und keine Pflegerin halten können —, Tag und Nacht an das Kind gefesselt.

Die Bonnen wählen sich die Säle, in denen sie ihre Pflichten versehen wollen; Jede ist bemüht, für ihr Verhalten und die Pflege, die sie den Kindern zu Theil werden läßt, den Beifall und den Dank der Mütter zu erwerben. Auch ist Tag und Nacht ärztlicher Beistand vorhanden, sobald er gebraucht wird. Die Aerzte nehmen in der Phalanx eine ganz andere Stellung ein, als in der Zivilisation; sie erhalten ihre Belohnung nicht nach der Zahl der Kranken, sondern nach der Zahl der Gesunden; sie sind also dabei interessirt, daß die Phalansterianer möglichst gesund bleiben, wohingegen heute sich die Aerzte recht viel Kranke, namentlich reiche Kranke wünschen.

Um den Zweck guter Pflege und Gesundheit zu erreichen, sind alle Einrichtungen für die Kleinen auf das denkbar Beste und Zweckmäßigste getroffen. Die Kleinen befinden sich in einer Lage, wie sie in der heutigen Ordnung kaum die Reichsten ihren Kindern zu schaffen vermögen, bei denen die Bonnen Tag und Nacht ununterbrochen in Anspruch genommen sind und ermüden. Sobald das Kind sechs Monate alt ist, ist man bemüht, seine Sinne zu wecken. Was es hört und sieht, ist darauf berechnet, seine Sinne zu raffiniren: es hört nur guten Gesang und gute Musik, es sieht nur die schönsten Bilder, die elegantesten Spielsachen, es empfängt später die passende Unterweisung und freundliche Belehrung. In Folge dieser Erziehung wird das Kind in der Assoziation mit drei Jahren intelligenter und geschickter sein, als es bei uns mit sechs Jahren ist. In der Zivilisation trägt Alles dazu bei, Geist und Sinne des Kindes zu fälschen, wenn sie nicht gar unterdrückt werden. Eltern, Dienstboten, Verwandte verderben durch ihr widersprechendes Verhalten und häufigen Unverstand den Charakter des Kindes und hindern die Erziehung.

„In der Phalanx ist man bemüht, die Triebe, sobald sie sich zeigen, in geeigneter Weise zu befriedigen und die Anlagen des Kindes dadurch zu wecken. Die Bonnen führen das Kind in die Spielwerkstätten und Küchen, wo es Alles sieht und durch das Beispiel der älteren Kinder der Nachahmungstrieb bei ihm geweckt wird. Es wird sich alsdann zeigen, daß der Trieb des Kindes, Alles zu sehen, Alles zu untersuchen, Alles anzuwenden; die Liebhaberei für lärmende Beschäftigung; die Sucht, Alles nachzuahmen und selbst zu hantiren, und namentlich die Neigung, sich den Aelteren, Stärkeren und Geschickteren anzuschließen und diese als seine Lehrer zu betrachten, in ungeahnter Weise seine Entwicklung fördert. Diese letztere Eigenschaft ist die wesentlichste, weil sie am besten alle Anlagen im Kinde weckt. Hierzu kommt der Eifer, es Seinesgleichen zuvor zu thun.“

„Es giebt eine ganze Reihe von Mitteln, die das Kind anreizen und anziehen und seine Anlagen zum Aufbruch bringen. Dahin gehören also vorzugsweise: Die Freude an kleinen Werkzeugen, den verschiedenen Altern angepaßt; der Reiz zum Schmuck: Uniformen, Waffen, Fahnen, die nach Graden gegeben werden; Paraden der kleinen Geschmückten; passende Tischgenossenschaften, wobei der Geschmack geweckt wird; Stolz des Kindes, wenn es glaubt, etwas von größerem Werth geleistet zu haben, ein Glaube, in dem man es bestärkt; der Nachahmungstrieb, der veranlaßt wird, wenn es von älteren Kindern für seine Leistungen Lob empfängt; volle Freiheit in der Wahl seiner Beschäftigung, es muß jeden Augenblick eine solche unterbrechen und zu einer andern übergehen können; der Korpsgeist, der sich bei Kindern leicht entwickelt; die Rivalitäten zwischen den einzelnen Chören, Gruppen, Serien.“

Fourier führt vierundzwanzig solcher Anreize auf, wir begnügen uns mit den aufgezählten neun. Den Kindern wird ferner mit der größten Wahrheitsliebe begegnet, Niemand schmeichelt ihnen. Ihre natürlichen Lehrer sind die älteren und erfahreneren Kinder, denen sie mit großer Anhänglichkeit folgen; jedes wird streben, über seine Altersklasse hinauszukommen. Ein Verweis, den es von einem älteren Kinde bekommt, das es als Beispiel sich vorgenommen, wird ihm die härteste Strafe sein, ein Lob der höchste Lohn. Will das Kind in eine höhere Erziehungsstufe aufrücken, so hat es eine Prüfung seiner Fertigkeiten abzulegen; je nach dem Ausfall derselben bekommt es eine Ehrenerweisung oder einen Grad. Bis zum neunten Lebensjahre ist die Erziehung physisch und materiell, dann beginnt auch die intellektuelle. Der Körper muß erst die nöthige Festigkeit erlangt haben, ehe die geistige Thätigkeit mit gutem Erfolg beginnen kann. Trieb und Anlagen der beiden Geschlechter werden später in Folge der verschiedenen Natur ganz von selbst differiren. Man darf annehmen, daß für die Wissenschaften zwei Drittel Männer und ein Drittel Frauen, für die Künste ein Drittel Männer und zwei Drittel Frauen neigen. Zwei Drittel der Männer werden mehr Neigung für die große Kultur und ein Drittel mehr für die kleine haben, bei den Frauen umgekehrt. Aehnlich werden sich die Ausgleichungen auf allen Gebieten finden.

„In dem Alter, wo bei uns die Erziehung erst beginnt, mit fünf Jahren, sind bei dem Kind der Assoziation bereits alle Anlagen zum Aufbruch gekommen. Bis zum 20. Jahre wird kein Zweig der Agrikultur, der Industrie, der Gewerbe, der Künste und Wissenschaften ihm fremd sein; seine körperliche und geistige Erziehung ist dann eine harmonische. Der Unterschied des Erziehungssystems in der Zivilisation und der Assoziation ist: Dort wird die Erziehung auf der kleinsten häuslichen Verbindung, der Familie, begründet, in der Assoziation auf drei großen Gruppen: Chöre, Serien von Gruppen und die Serien der Phalanx. Dort überall Störungen, Mangel an Mitteln, Unfreiheit, Unterdrückung, Einseitigkeit, hier volle Freiheit, Ueberfluß der Mittel, Vielseitigkeit. Dort Klassen- und Standesunterschied, hier Gleichberechtigung für Alle, kein anderer Unterschied als der, welchen die natürlichen Anlagen und Fähigkeiten ergeben.“

„In der Harmonie nehmen die Kinder lebhaften Antheil an den Rivalitäten der einzelnen Kantone, die selbst wieder als Erziehungsmittel benutzt werden. Zum Beispiel: In der Phalanx von Meudon kultivirt eine Gruppe Kinder Aurikeln und ist pikirt, daß die bezügliche Gruppe in der Phalanx von Marly bei dem Wettbewerb den Preis davon trug. Die Kinder wollen also die Ursache ihres Mißerfolgs kennen lernen, der vielleicht in der Verschiedenheit des Bodens zu suchen ist. Der Reverend, welcher die bezügliche Gruppe leitet, giebt ihnen darauf Unterweisung über die Verschiedenheit der Bodenarten, und dieses Studium, in den andern Gruppen wiederholt, bringt ihnen allmälig die Elementarkenntnisse über einen Zweig des Mineralreichs bei. Diese Belehrungen werden der Köder, daß die Kinder in der Schule nach bezüglichen Lehrbüchern verlangen, und so bilden sie sich weiter.“

„Diese Verbindung der verschiedenen Hebel und Anreize existirt in der Zivilisation nicht, und dann ist man erstaunt, daß das Kind sich weder zur Landkultur, noch zu den exakten Wissenschaften hingezogen fühlt, wohingegen die Rivalitäten in der Serie in ihm schon sehr frühzeitig das Bedürfniß nach Wissen und Unterweisung wecken, ohne daß man ihm merkbar die Anregung dazu beibringt. Bei den Kindern in der Zivilisation finden wir überall den Zerstörungstrieb und den Hang zum Müßiggang, in der Harmonie überall Antrieb zu nützlicher Beschäftigung und zu Studien. Das ist der Unterschied zwischen den beiden Gesellschaftsformen. Die Zivilisation, die kleine Vandalen züchtet, darf sich nicht wundern, wenn sie später so viele erwachsene Vandalen besitzt.“

Nach Fourier sollen aber die Kinder auch in höherem Grade für die Allgemeinheit sich nützlich machen. Wie in der Assoziation das Vergnügen selbst materiellen Nutzen schafft, so auch die Erziehung. Wie schon bemerkt, umfassen die beiden ersten Stämme: die Cherubins und Seraphins, das Alter von 4½–9 Jahren, und die dritte Phase der Kindheit umfaßt die Stämme der Lyzeisten und Gymnasiasten im Alter von 9–15½ Jahren; Lebensalter, in denen die Betheiligten der Assoziation wichtige Dienste leisten können, immer, indem sie sich vergnügen. Bei den Kindern treten gewisse Charaktereigenschaften auf, die für die Gesammtheit nützlich verwandt werden können. Es ist eine bekannte Thatsache, daß die Knaben durchschnittlich zur Unsauberkeit neigen, dagegen die Mädchen für den Putz eingenommen sind. Nun giebt es in der Assoziation Beschäftigungen, die unangenehm sind, für diese sind die Charaktereigenschaften der Kinder nützlich zu verwerthen. Fourier rechnet, daß unter den Knaben zwei Drittel und unter den Mädchen ein Drittel zu unsauberen Beschäftigungen eine gewisse Neigung haben. Diese nennt er die „kleinen Horden“. Umgekehrt sind zwei Drittel der Mädchen und ein Drittel der Knaben für den Putz und die Reinlichkeit eingenommen, diese nennt er die „kleinen Banden“. Die kleinen Horden und die kleinen Banden setzen sich aus den 4 Stämmen im Alter von 4½–15½ Jahren zusammen. „Die kleinen Horden streben zum Schönen auf dem Weg des Guten, die kleinen Banden streben zum Guten auf dem Wege des Schönen.“

„Die kleinen Horden, die von lebhaftem Ehrgefühl und mit Unermüdlichkeit erfüllt sind, vollziehen jede unangenehme Arbeit, für welche sich sonst kaum Jemand findet. Sie sind überall, wo der Einheitlichkeit der Phalanx durch Unordnung Gefahr droht; sie stehen stets in der Bresche.“ (Fourier will hiermit sagen, daß, ohne die Hingabe der kleinen Horden an die unangenehmen Arbeiten, die Phalanx zum Zwang würde greifen müssen, wodurch der auf voller Freiwilligkeit und Anziehung beruhende Mechanismus der Phalanx tödtlichen Schaden erlitte. In der Phalanx darf kein Schatten von Zwang vorhanden sein, wenn sie ihren idealen Zweck erreichen soll.)

Die kleinen Horden theilen sich in drei Klassen; die erste beseitigt den Unrath, reinigt Straßen und Rinnen, schafft die Küchen- und Fleischereiabfälle fort; die zweite vollzieht die gefährlichen Arbeiten, sie verfolgt die Reptilien, tödtet die kleinen Raubthiere, sie muß stets am Platze sein, wo große Gewandtheit erfordert wird: Klettern, Springen. Die dritte Klasse bildet gewissermaßen die Reserve, sie hilft, wo sie gebraucht wird. Die kleinen Horden haben ferner das Raupen, Unkrautjäten und die Vertilgung der Giftschlangen zu besorgen; sie halten Straßen und Wege in Ordnung und legen großen Werth darauf, von Fremden für ihre Ordnungsliebe belobt zu werden. Um überall rasch bei der Hand zu sein, reiten sie auf Zwergpferden.

Obgleich die Arbeit der kleinen Horden wegen Mangel an direkter Anziehung die schwierigste ist, werden sie von allen Serien materiell doch am niedrigsten gelohnt; sie nehmen aber auch kein Geschenk an, selbst wenn es in der Assoziation für anständig gelte, ein solches anzunehmen; sie setzen ihren Stolz darein, aus Hingabe für die Assoziation, die für ihren Bestand so nützlichen und notwendigen Arbeiten zu verrichten. Für ihre freiwillige Hingebung tragen sie den Titel „Verbindung für Verbesserungen“.

„Die kleinen Horden sind also in Wahrheit der Ausbund aller bürgerlichen Tugenden; sie üben zur Ehre der Gesellschaft die Selbstverleugnung, die das Christenthum empfiehlt, und verachten die Reichthümer, wie die Philosophen empfehlen; sie verwirklichen alle erträumten Tugenden der Zivilisation. Bewahrer der sozialen Ehre, zertreten sie nicht nur bildlich, sondern physisch und thatsächlich der Schlange den Kopf, befreien sie die Gesellschaft von dem schlimmen Gift der Viper; sie ersticken den Stolz und verhüten das Aufkommen des Kastengeistes.“

Für alles das Gute, das sie der Gesellschaft leisten, werden sie hoch geehrt. Bei allen Paraden und Festlichkeiten marschiren sie an der Spitze. Handelt es sich um besonders schwierige und rasch zu erledigende Arbeiten — z. B. daß ein Gewitter Straßen und Wege verletzt, Bäume und Sträucher schwer beschädigte, oder daß eine Ueberschwemmung eingetreten ist —, so versammeln sich die kleinen Horden von vier oder fünf Nachbarphalanxen zu gemeinsamer Handlung; sie treffen Morgens gegen fünf Uhr zusammen, und nachdem sie einer religiösen Hymne beigewohnt, brechen sie mit voller Begeisterung unter einem wahren Höllenlärm auf. Die Sturmglocke und alle übrigen Glocken werden geläutet, Trompeten schmettern, Trommeln wirbeln, die Hunde heulen, das Vieh brüllt. So geht es im Sturm an die Arbeit. Gegen acht Uhr kehren sie, noch erregt von ihren Thaten, zurück und machen Toilette. Darauf giebt es gemeinsames Frühstück. Nach demselben erhält jede der kleinen Horden zur Belohnung einen Eichenkranz, den sie an ihre Fahne heftet, darauf steigen sie zu Pferde und kehren unter Musikbegleitung zu ihren Phalanxen zurück.

„Um von unsern Kindern Wunder von Tugenden zu erhalten, muß man nach Ansicht der Zivilisirten zu übernatürlichen Mitteln greifen, wie es in unsern Klöstern geschieht, wo durch ein sehr strenges Noviziat die Neophyten zur Selbstverleugnung erzogen werden. Die sozietäre Ordnung kommt auf einem ganz entgegengesetzten Wege zum Ziel, indem sie die kleinen Horden durch den Anreiz des Vergnügens sich dienstbar macht. Analysiren wir die Hülfsmittel für diese Tugenden. Es sind vier, die alle vier unsere Moral verwirft: Geschmack an Unreinlichkeit, Stolz, Unverschämtheit, Ungehorsam.“

„Indem die kleinen Horden sich diesen angeblichen Lastern überlassen, erheben sie sich zu allen Tugenden. Sehen wir zu: Die Theorie der Anziehung erfordert, daß alle Triebe, die Gott dem Menschen gab, sich nützlich machen können, ohne, daß man die Triebe selbst ändert. So sehen wir, daß bei den jüngsten Kindern die Neugier und die Unbeständigkeit sich nützlich erwies, weil sie das Kind zu einer Menge von Gruppen hinzogen, wodurch seine Anlagen sich offenbarten. Der Trieb, die Ungezogenheiten Aelterer nachzuahmen, wird, wie wir sahen, in der Assoziation Impuls zur Anziehung zu nützlichen Arbeiten. Ebenso der Ungehorsam gegen Eltern und Erzieher, die nicht erziehen können. Die Erziehung muß durch kabalistische Rivalitäten der Gruppen herbeigeführt werden. So werden alle Impulse bei kleinen wie großen Kindern in der Harmonie gut, vorausgesetzt, daß man sie durch Serien der Triebe zur Uebung bringen kann. Man wird nicht vom ersten Tage an die kleinen Horden an die widerwärtigen Arbeiten bringen, man erregt zunächst ihren Stolz nach Rang. Jede Autorität, sogar der Monarch, schuldet ihnen den ersten Gruß; keine industrielle Armee rückt aus, ohne daß die kleinen Horden an der Spitze marschiren; sie haben das Vorrecht, bei allen Arbeiten der Einheit (das sind große Arbeiten, welche die Phalanxen eines oder mehrerer Reiche unternehmen, große Kanalbauten etc.) die erste Hand an's Werk zu legen; sie sind die Ueberall und Nirgends, ohne deren Mitwirkung nichts Bedeutendes geschieht. An ihrer Spitze stehen die kleinen Kane (Kan und Kanin), die selbst gewählten Offiziere; die kleinen Horden haben auch ihre besondere Kunstsprache und ihre kleine Artillerie. Ferner wählen sie aus der Zahl der Alten Druiden und Druidinnen, deren Aufgabe es ist, den Geschmack für die Funktionen der kleinen Horden zu bewahren; sie haben ferner bei allen religiösen Uebungen bestimmte Dienste zu versehen und erhalten dafür besondere Abzeichen. Frühzeitig zu Bette gehend (acht Uhr Abends), erheben sie sich um drei Uhr Morgens und geben die Initiative für alle Arbeiten der Phalanx. Es ist also eine Korporation von Kindern, die, indem sie sich allen Neigungen, welche die Moral der Zivilisation ihrem Alter verbietet, überläßt, alle Chimären der Tugend, an denen die Moralisten sich ergötzen, verwirklicht. Die kleinen Horden verachten keineswegs den Reichthum, aber heute macht nur der Egoismus Gebrauch davon; sie opfern sogar einen Theil ihres Besitzes zum Nutzen der Phalanx und erhalten so die wahre Quelle des Reichthums, die industrielle Anziehung, die sich auf alle Klassen erstreckt. Die Kinder der Reichen werden sich ebenso zu den kleinen Horden hingezogen fühlen, wie die Kinder der Geringen. Sie sind die Repräsentanten der Einheit der Phalanx, und das ist ihr entscheidender Charakter. Indem ferner die kleinen Horden die Tugend der sozialen Liebe üben, reißen sie Jedermann zur indirekten Ausübung von wohlthuenden Handlungen hin, ebnen sie den Weg zur Edelmüthigkeit, durch welche die Reichen in der Harmonie sich verbinden, um den Armen zu begünstigen, wogegen sie heute übereinkommen, ihn zu plündern.“

„Es wird sich zeigen, daß alle Triumphe der Tugend der guten Organisation der kleinen Horden geschuldet sind; sie allein können im sozialen Mechanismus den Despotismus des Geldes balanziren, dieses elenden Metalls, elend in den Augen der Philosophen, das aber sehr edel wird, wenn es zur Aufrechthaltung der industriellen Einheit dient. In unserer Gesellschaft, wo Diejenigen, die sich auf den Reichthum stützen, als Leute „comme il faut“ bezeichnet werden, da ist das Geld die Klippe. Die es besitzen, sind die Leute, „die nichts thun und zu nichts zu gebrauchen sind.“ Leider ist der Beiname „comme il faut“ (wie man sein muß) in unserer Gesellschaft nur zu berechtigt, denn in der Zivilisation gründet sich die Zirkulation auf die Phantasien der Müßigen, sie sind in Wahrheit die Leute „comme il faut“ (wie man dazu sein muß), um die verkehrte Zirkulation und die verkehrte Konsumtion aufrechtzuerhalten.“

Fourier ist hier der Meinung, daß der Hauptfehler unserer bürgerlichen Gesellschaft in der falschen Anwendung liege, welche die Geldbesitzer von ihrem Gelde machten, er ist ferner der Ansicht, daß es heute hauptsächlich die Luxusbedürfnisse der Reichen seien, welche die Geld- und Waarenzirkulation bestimmten. Es ist dies die Aufstellung des auch heute noch im gewöhnlichen Leben und selbst seitens sogenannter Gelehrter vielfach wiederholten Glaubenssatzes, der namentlich in Zeiten allgemeiner geschäftlicher Stagnation, also in Zeiten der Krisen laut wird, daß die reichen Leute mehr Geld ausgeben müßten, „um das Geschäft zu heben“, weil ihr Bedarf entscheidend sei. Und man macht es ihnen zu einer Art sozialer Pflicht, durch Luxusausgaben „Geld unter die Leute zu bringen“.

Wir sehen auch nicht selten Aristokratie und Bourgeoisie nach diesem Rezepte handeln, wobei die Betreffenden sich noch das Mäntelchen der Gesellschaftswohlthäter umhängen. Man ißt und trinkt gut, kleidet sich noch besser, tanzt und amüsirt sich in dem stolzen und befriedigenden Bewußtsein, „indem man seine Triebe befriedigte“, sich und die Gesellschaft zu retten. Die Leute, die so handeln, gehören zu dem Achtel, für die, nach Fourier, die bürgerliche Welt die vollkommenste Welt ist. Wir wissen heute, daß diese Zahl kein Achtel, nicht einmal ein Zwanzigstel der Gesellschaft bildet.

Daß die Ansicht Fourier's von der Bedeutung der Reichen für die Waarenzirkulation und Konsumtion irrig ist, bedarf heute für Niemand, der einigermaßen den Organismus unserer Gesellschaft kennt, eines Beweises. Nicht der Verbrauch dieser handvoll Reicher, und sei ihr Verbrauch noch so bedeutend, sondern der Verbrauch der Masse stimulirt die Zirkulation. Wo der Massenverbrauch nachläßt, weil die Masse ärmer wird, oder weil, wie in der Regel in den modernen Krisen der Ueberproduktion, der Konsum der Waarenproduktion nicht zu folgen vermag, einestheils, weil die Kaufkraft fehlt, anderntheils, weil Waaren bestimmter Gattungen weit über das normale Bedürfniß erzeugt wurden, da tritt die Stagnation mit allen ihren Folgen ein. Der Luxusverbrauch der Reichen hat nie eine allgemeine Krise gehoben, noch hat er durch sein Fehlen eine solche erzeugt. Es ist aber ein charakteristisches Merkmal für einen Gesellschaftszustand, daß eine Klasse, „die nichts thut und zu nichts nütze ist“, wie Fourier sich ausdrückt, so viel verbrauchen kann und doch immer reicher wird. Welch geringe Rolle der Verbrauch der reichen Klasse im Verhältniß zum Verbrauch der Masse der Bevölkerung spielt, zeigend schlagend die Ergebnisse der indirekten Steuern. „Die Steuer auf Luxusartikel der Reichen bringt nichts ein“, sagte Fürst Bismarck in seiner berühmten Steuerprogrammrede im Herbst 1876 im Reichstag; „was nützt die Steuer auf Austern, Champagner, Equipagen, sie bringt nichts, nehmen wir dafür die 'Luxusbedürfnisse' der Masse, Bier, Kaffee, Branntwein, Tabak.“ Unsere Steuertabellen geben ihm Recht.

Indem nun Fourier, weil er die eigentlich treibenden Gesetze der bürgerlichen Gesellschaft nicht erkannte und in seinem Zeitalter noch nicht erkennen konnte, sein phalansteres System auf der Beibehaltung des Geldes gründete und dem Kapital einen erheblichen Theil des Arbeitsertrags — vier Zwölftel — zuschrieb, entging ihm nicht, daß bei dem Reichthum, den die Phalanx durch ihre Organisation der Arbeit erzeugen sollte, das Mißverhältniß im Vermögen und Einkommen der verschiedenen Klassen sich in der Phalanx noch mehr steigern müsse, als in der Zivilisation. Er mußte also ein Mittel finden, um dieser klaffenden Ungleichheit einigermaßen vorzubeugen. Er verfiel, wie sich später zeigen wird, auf das Mittel der Massenanwendung testamentarischer Legate, welche die reichen Leute der Phalanx allen Denen zuweisen würden, für die sie im Laufe ihrer phalansteren Thätigkeit aus irgend einem Grunde eine besondere Zuneigung gefaßt, aber selbst mittellos seien. Die Frage liegt freilich nahe, was denn diese ganze Reichthumsaufhäufung in Privathänden für einen Sinn und für eine Berechtigung hat, wenn die sozietäre Arbeit diesen Reichthum erzeugt und dieser so groß ist, daß er allen Gliedern der Phalanx den größten Luxus gestattet und selbst die verwöhntesten Geschmäcker zu befriedigen vermag. Diesem Widerspruch sucht also Fourier durch das bezeichnete Mittel aus dem Wege zu gehen, es soll der Wiederkehr „der verkehrten Zirkulation nach den Phantasien der Müßigen begegnen“, und die Reichen sollen durch das selbstlose Auftreten der kleinen Horden zu Akten der Edelmüthigkeit gegen die Unbemittelten angeeifert werden. Das ist die große moralische Aufgabe, die er den kleinen Horden zuweist.

Fourier fährt fort:

„Die Thätigkeit und Erregung der kleinen Horden wird sich verdoppeln, wenn ihnen der Kontrast, den die Natur ihnen vorbehielt, entgegentritt, die kleinen Banden. Der Keim des Widerspruchs, der darin liegt, daß zwei Drittel der Kinder männlichen Geschlechts zur Unsauberheit, zum Ungehorsam, zur Wildheit neigen, zwei Drittel der Kinder weiblichen Geschlechts zum Putz und zu guten Manieren, muß entwickelt und für die Phalanx ausgenutzt werden. Je mehr die kleinen Horden durch Tugend und Hingebung sich auszeichnen, um so mehr muß die rivalisirende Korporation — müssen die kleinen Banden — Eigenschaften annehmen, welche den Wünschen der öffentlichen Meinungen entsprechend, das Gleichgewicht herstellen. Die kleinen Banden sind die Bewahrer der sozialen Anmuth; dies ist ein weniger glänzender Posten als jener der kleinen Horden, Stütze der sozialen Uebereinstimmung zu sein. Aber die Sorge für den Schmuck und das Ganze des Luxus in der Phalanx ist in der Harmonie nicht weniger werthvoll. In dieser Art Arbeiten sind die kleinen Banden sehr nützlich und unentbehrlich; sie haben im ganzen Kanton der Phalanx die spirituelle und materielle Ausschmückung bei allen Festen, Aufzügen, Schaustellungen auszuführen. In der Wahl der Kleider ist Niemand in der Harmonie an Vorschriften gebunden, aber sobald es sich um korporative Vereinigungen handelt, hat jede Gruppe, jede Serie ihre Kostüme und trifft die Wahl. Sache der kleinen Banden ist, die Modelle zu liefern. Im Gegensatz zu den kleinen Horden zeichnen sich die kleinen Banden durch Höflichkeit und angenehme Manieren aus. Der männliche Theil der kleinen Banden wird hauptsächlich die jungen Gelehrten stellen, die frühreifen Geister, wie Pascal, die frühzeitig Anlagen zum Studium entwickeln; ferner die kleinen Verweichlichten, die zur Weichlichkeit und Ueppigkeit neigen. Weniger thätig als die kleinen Horden, erheben sie sich auch später und erscheinen erst um vier Uhr Morgens in den Ateliers. Während sich die kleinen Horden mit der Pflege der großen Hausthiere beschäftigen, pflegen die kleinen Banden die Brieftauben, Hühner, Vögel, Biber etc.; sie überwachen ferner die Blumen- und Gartenanlagen, damit diese nicht beschädigt oder zerstört werden. Wer Dergleichen sich zu Schulden kommen läßt, wird vor ihren Richterstuhl geführt und gebüßt; sie üben ferner die Zensur über die schlechte oder fehlerhafte Aussprache. Wie die kleinen Horden ihre Druiden und Druidinnen, so wählen sich die kleinen Banden aus den mannbaren Altern zu Kooperateuren: Korybanten und Korybantinnen. Derselbe Kontrast besteht in den beiderseitigen Beziehungen auf Reisen; die kleinen Banden verbinden sich mit den großen Banden, den fahrenden Rittern und Ritterinnen, die kleinen Horden mit den großen Horden, den Abenteurern und Abenteurerinnen. Die Natur hat eben für die Vertheilung der Charaktere eine Scheidung von Grund aus in kräftige und milde Nüanzen vorgenommen, eine Vertheilung, die sich in allen erschaffenen Dingen zeigt; in den Farben, dem Hintergrunde der Luft, der Musik. Dieser Kontrast ist es auch, der die Scheidung der Kinder in kleine Banden und kleine Horden naturgemäß herbeiführt.“

„Jede industrielle Serie würde fehlerhaft sein, wenn sie der Geschlossenheit ermangelte; um sie geschlossen zu machen, muß man die feinsten Unterscheidungen in den Geschmäckern in's Spiel setzen. Man wird frühzeitig die Kinder an diese feinen Unterscheidungen in den Neigungen gewöhnen. Das ist also die Aufgabe der kleinen Banden, welche die Kinder vereinigen, die zu den minutiösesten Raffinements im Schmuck, im Geschmack, in der Kleidung neigen; ihr Blick wird so geschärft, daß sie wie unsere Schriftsteller und Künstler einen Fehler sehen, der dem gewöhnlichen Menschen entgeht. Die kleinen Banden haben also die Gewandtheit, Spaltungen unter den Geschmacksrichtungen zu veranlassen, die Feinheiten der Kunst zu klassifiziren und durch Raffinement der Phantasien und durch Abstufungen die Geschlossenheit der Serien herbeizuführen. So schöpft die Erziehung in der Harmonie ihre Mittel der Ausgleichung aus den beiden entgegengesetzten Geschmacksrichtungen, aus dem Hang zur Unsauberheit und zur Eleganz, zwei Richtungen die beide heute verurtheilt werden. Die kleinen Horden wirken negativ ebenso viel, wie die kleinen Banden positiv. Die einen beseitigen die Hindernisse, die der Harmonie in der Phalanx sich entgegenstellen, sie vernichten den Kastengeist, der aus den unangenehmen Arbeiten leicht geboren wird; die anderen schaffen durch ihre Gewandtheit die Abstufungen der Geschmäcker und organisiren die nüanzirten Spaltungen in den verschiedenen Gruppen. So gehen die kleinen Horden vom Guten auf den Weg zum Schönen, die kleinen Banden vom Schönen auf den Weg zum Guten; eine kontrastirende Handlung, die ein allgemeines Gesetz in der ganzen Natur ist.“


„Die Erziehungssysteme der Zivilisirten verfallen alle dem Fehler, daß sie die Theorie über die Praxis setzen. Sie verstehen nicht, das Kind zur Thätigkeit anzureizen; sie sind genöthigt, es bis zum sechsten oder siebenten Jahre unthätig zu lassen, ein Alter, in dem es schon ein geschickter Praktiker sein könnte. Im siebenten Jahre wollen sie ihm dann Theorie, Kenntnisse, Studien beibringen, für die sie den Wunsch bei ihm nicht zu wecken verstanden. Dem Kinde in der Harmonie kann dieser Wunsch nicht fehlen, weil es vom dritten Jahre bereits praktisch thätig war und bis zum siebenten spielend eine Menge praktischer Kenntnisse erlangt hat. Es besitzt jetzt das Bedürfniß, sich auf das Studium der exakten Wissenschaften zu stützen ... Die Erziehung der Zivilisirten ist im Widerspruch mit der Natur des Kindes, es ist die verkehrte Welt wie ihr ganzes System, von dem ihre Erziehung ein Theil ist. Ferner: Das Kind ist auf die Arbeit des Studirens beschränkt, es bleibt vom Morgen bis Abend während neun bis zehn Monate des Jahres über den Anfangsgründen und der Grammatik sitzen, muß ihm da nicht der Widerwille gegen die Studien kommen? Das Kind hat das Bedürfniß, während der schönen Jahreszeit im Garten, im Wald, in den Wiesen sich beschäftigend zu tummeln, statt dessen muß es an schönen wie an Regentagen sitzen und studiren. Es kann keine Einheitlichkeit in der Handlung geben, wo es nur eine einfache Funktion giebt.“

„Eine Gesellschaft, welche die Väter den ganzen Tag als Gefangene in die Bureaux, Komptoirs und Fabriken sperrt, kann auch die Sottise begehen, das Kind das ganze Jahr in die Schule zu sperren, wobei es sich ebenso langweilt wie die Lehrer. Unsere Politiker und Moralisten sprechen beständig von der Natur, sie ziehen sie aber keinen Augenblick zu Rathe. Beobachteten sie die in den Ferien weilenden Kinder, wie sie, mit leichten Blousen bekleidet, sich im Heu kugeln, vergnüglich sich in der Weinlese, bei dem Nüsse- und Obstpflücken, bei der Jagd auf schädliche Vögel etc. anwenden, und würden sie die Kinder in einem solchen Augenblicke einladen, zu ihren Studien zurückzukehren, so würden sie beobachten können, ob es die Natur des Kindes ist, während der schönen Jahreszeit in der Umgebung von Büchern und Pedanten eingeschlossen zu werden. Man antwortet: Man muß im jugendlichen Alter lernen, damit man sich des Namens eines freien Mannes würdig macht, würdig des Handels und der Verfassung! — Gut! Aber wenn die Kinder durch Anziehung und kabalistische Rivalitäten zum Lernen sich begeben, so werden sie in hundert Lektionen im Winter, beschränkt auf zweistündige Sitzungen, mehr lernen, als in 300 Tagen, da man sie in den Schulen oder im Pensionat eingeschlossen hält.

Das zivilisirte Kind kann nur mit Hülfe von Entziehungen, Pensums, Ruthenstreichen zum Lernen angehalten werden. Erst seit einem halben Jahrhundert sucht die Wissenschaft, verwirrt über dieses elende System, durch weniger herbes Vorgehen das Kind zu gewinnen; sie versucht sich, die Langeweile der Kinder in den Schulen zu enthüllen, ein Götzenbild des Nacheifers bei den Schülern, Zuneigung für die Lehrer zu schaffen. Das beweist, daß sie erkannt hat, wie es sein sollte, aber sie hat kein Mittel, ihre Gedanken zu verwirklichen. Die mit Zuneigung verknüpfte Uebereinstimmung zwischen Lehrern und Kindern kann nur in dem Fall einer als Gunst erscheinenden anregenden Unterweisung erzeugt werden. Das wird in der Zivilisation, in welcher der ganze Unterricht durch den Widersinn, die Theorie über die Praxis zu stellen, gefälscht ist, nie geschehen. Der Unterricht ist ferner gefälscht durch seine Einseitigkeit und ununterbrochene Dauer. Man findet vielleicht ein Achtel unter den Kindern, die den gegenwärtigen Unterricht mit Leichtigkeit, aber ohne davon besonders angeregt zu sein, annehmen. Daraus schließen die Lehrer, daß die übrigen sieben Achtel nichts taugen; sie argumentiren auf die Ausnahme und machen diese zur Regel. Das ist die gewöhnliche Illusion bei allen Lobliedern auf die Vollkommenheit. Es giebt überall eine kleine Zahl Ausnahmen, aber sie darf man nicht in Berücksichtigung ziehen, sondern die große Menge, welche die Regel ist. Ich fragte Kinder, die aus den berühmtesten Schulen kamen, wie von Pestalozzi und Andern, ich fand stets nur einen mittelmäßigen Schatz von Kenntnissen und eine große Unbekümmertheit für Studien und Lehrer.

„Wir haben heute eine Erziehungsmethode, und diese wird auf alle Schüler angewendet, als wenn alle vollkommen gleichartig seien. Ich kenne nun verschiedene Methoden, die alle gut wären, und es ließen sich noch andere finden. Schließlich ist jede Methode gut, wenn sie dem Charakter des Schülers entspricht. D'Alembert ward ausgelacht, als er vorschlug, das Studium der Geschichte im Gegensatz zur chronologischen Ordnung zu betreiben, dergestalt, daß man nicht von der Vergangenheit zur Gegenwart, sondern von der Gegenwart nach Rückwärts in die Vergangenheit schreite. Man warf ihm vor, den Reiz am Studium zu zerstören und die mathematische Trockenheit in die Methode des Unterrichts zu bringen. Das ist ein lächerlicher Sophismus. Keine Methode ist an sich trocken, sie sind alle fruchtbar, wenn man sie den Charakteren anzupassen und schmackhaft zu machen versteht. Man gebe den Kindern eine ganze Reihe von Methoden zur Auswahl, viele werden doch keinen Geschmack am Studium finden. Unsere Lehrmethoden ermangeln nicht nur des aktiven Hülfsmittels, sie ermangeln ebenso der materiellen Anziehung, als welche ich die Oper und die Gourmandis betrachte.“

„Die Oper bildet das Kind zur maßvollen Einheit, welche für es eine Quelle des Wohlbefindens und der Gesundheit wird; sie verschafft ihm also den inneren und äußeren Luxus, welches der erste Zweck der Anziehung ist. Das Kind wird durch die Oper von frühester Jugend an in allen gymnastischen und choreographischen Uebungen geschult. Die Anziehung ist darin sehr kräftig, es erwirbt die nothwendige Gewandtheit für alle Arbeiten in den Serien, wo Alles sich mit Sicherheit, Maß und Einheit, wie man diese in der Oper herrschen sieht, vollziehen soll. Die Oper nimmt also unter den Hülfsmitteln für die Erziehung vom niederen Lebensalter an den ersten Rang ein. Unter der Oper sind alle körperlichen Uebungen begriffen, sowohl die mit der Flinte als mit dem Rauchfaß. Diese choreographischen Evolutionen, werden sie nun mit der Flinte oder dem Rauchfaß oder in der Oper vollzogen, gefallen den Kindern außerordentlich, sie betrachten es als eine hohe Gunst, zugelassen zu werden. Man würde die Natur des Menschen vollständig verkennen, wenn man die Oper nicht in erster Linie unter die Hülfsmittel der Erziehung vom frühesten Alter an setzte, welche für die materiellen Studien nur anziehend wirkt. Um den Körper nach allen Richtungen hin möglichst vollkommen zu machen, müssen, bevor man mit der Seele beginnt, zwei unseren sog. moralischen Methoden sehr fremde Hülfsmittel in's Spiel gesetzt werden: die Oper und die Küche, oder die angewandte Gourmandis.“

„Das Kind soll zwei aktive Sinne üben: Geschmack und Geruch, und zwar durch die Küche, und zwei passive: Gesicht und Gehör, und diese durch die Oper; den Taktsinn endlich durch die Arbeiten, in denen es sich auszeichnet. Die Küche und die Oper sind die beiden Hülfsmittel, die das Kind durch die Anziehung unter das Regime der Serien der Triebe führen. Die Magie und die Feerien der Oper ziehen das Kind mächtig an. Dagegen erwirbt es in den Küchen der Phalanx die Intelligenz und Geschicklichkeit in all den Vorbereitungen für die Tafel; es lernt alle Produkte kennen, für welche es sich schon durch die Tischunterhaltungen interessirte; es werden Pflanzen und Thiere besprochen, und so wird es in Hof, Stallungen und Gärten eingeführt. Die Küche wird das Band für diese Funktionen.“

„Die Oper ist die Vereinigung für die materielle Uebereinstimmung, sie dient allen Altern und Geschlechtern. In ihr werden geübt: 1. Gesang, oder das Maß der menschlichen Stimme; 2. Instrumente, oder das Maß künstlicher Töne; 3. Poesie, oder Ausdruck der Gedanken und Worte nach Maß; 4. Pantomimen, oder Harmonie der Gesten; 5. Tanz, oder Bewegung nach Maß; 6. Gymnastik, oder harmonische Uebungen; 7. Malerei und harmonische Kostüme. Das Ganze beruht also auf einem regelmäßigen Mechanismus und in geometrischer Ausführung.“

„Bei uns ist die Oper nur eine Arena der Galanterie, eine Anreizung zu Ausgaben, und da begreift sich, daß sie durch die moralischen und religiösen Klassen zurückgewiesen wird; in der Harmonie ist sie eine freundschaftliche Vereinigung, in der keinerlei bedenkliche Intriguen zwischen Leuten stattfinden können, die sich jeden Augenblick bei den verschiedensten Arbeiten in den industriellen Serien begegnen.“

„Die Oper, heute so kostspielig, kostet fast nichts in der Harmonie. Tänzer, Sänger, Musiker, Maler, alle Handwerker und Künstler stellt die Phalanx aus ihrer Mitte. Ohne die Mitwirkung der Nachbaren und die Hülfe der Durchreisenden wird die Phalanx eine Auswahl von 12–1300 Akteuren haben, die in irgend einer Weise sich betheiligen. Die geringste Phalanx wird eine besser ausgestattete Oper besitzen, als heute unsere großen Städte.“

Fourier widmet dann mehrere Kapitel der Küche der Phalanx, ihrer Einrichtung und Organisation und der Verwendung der Kinder in derselben. Die Neigung zu gutem Essen, zur Gourmandis, ist in seinem System auch Erziehungsmittel. Was das Kind ißt, soll es in der Praxis kennen lernen, es soll die Substanzen, ihre Zusammensetzung und ihre Zubereitung erfahren. Wir fassen uns hierüber kurz, da aus dem bisher Gesagten der Leser wird beurtheilen können, wie auch hier sich die verschiedenen Serien bethätigen. Die Kinder werden zunächst an der Hand passend für sie eingerichteter Küchen in die Geheimnisse der Kochkunst spielend eingeweiht, Neugier und Interesse wird geweckt; sie treten allmälig in die großen Zentralküchen mit ihren Appendixen für die Vorbereitung der Speisen über, lernen eine Anzahl interessanter Details kennen — das Einmachen, die Konservirung —, in denen sie nützliche Verwendung finden. Die Zubereitung der Materialien führt ganz von selbst dazu, auch das Werden und Entwickeln der verarbeiteten Materialien zu beobachten. Mit zunehmendem Alter wird das Kind mit der Geflügelzucht, der Stallwirthschaft, der Obst- und Gemüsezucht bekannt und darin eingeweiht. In allen diesen Bethätigungen kommt, wie im ganzen Mechanismus der Phalanx, die Serien- und Gruppenbildung nach Trieben, die Abwechslung durch kurze Sitzungen und die Kontrastwirkung zur Geltung; die Rivalitäten regen den Eifer und die Erfindungsgabe an.

Nach diesen selben Grundsätzen und Methoden werden darauf die Kinder in die verschiedenen Wissenschaften eingeweiht; überall entscheiden die eigenen Triebe, die durch das Beispiel der Mitschüler und das Vorbild der älteren Schüler angeregt und stimulirt werden. Die Auswahl der Lehrmittel ist die größte. Alles ist auf das Vortrefflichste eingerichtet, Zwang ist nirgends vorhanden, ebenso wird kein Unterschied zwischen den beiden Geschlechtern gemacht. „Die Studien sollen nicht an zweiter Stelle figuriren, aber das Interesse soll durch die physische Bethätigung für die verschiedenen Zweige des Studiums geweckt werden. Die Arbeiten der Schule sollen mit denen in den Werkstätten und in den Gärten eng verbunden sein, die letzteren sollen die ersteren unterstützen.“

Mit 15 bis 16 Jahren treten die Kinder in das Reifealter, es beginnen die Jahre der Pubertät und der Geschlechtstrieb macht sich allmälig geltend; damit beginnt auch für die Phalanx die Aufgabe, die Erziehung entsprechend umzugestalten.

„Hier ist der Punkt“, fährt Fourier fort, „wo alle unsere auf die Unterdrückung der Geschlechtsliebe berechneten Methoden, die in den Beziehungen der Liebe nur die allgemeine Heuchelei zu begründen wissen, in die Brüche gehen. Das geschieht von hier ab im ganzen Verlauf des Liebeslebens. In keiner Angelegenheit zeigt sich unsere Wissenschaft so unfähig und ungeschickt, als hier. Für alle anderen Mißbräuche und Uebel haben unsere Philosophen wenigstens die Anwendung einiger Gegenmittel versucht, aber keine in Sachen der Liebe, von wo demnach ihr ganzes Werk in Unordnung gestürzt wird, denn sie haben nur die Unwahrheit und die geheime Rebellion gegen die Natur und die Gesetze begründet. Indem die Liebe keinen anderen Weg zur Befriedigung findet, als mit Anwendung der Doppelzüngigkeit, wird sie ein permanenter Verschwörer, der unaufhörlich daran arbeitet, die Gesellschaft zu desorganisiren, alle ihre Regeln zu untergraben.“

„Ich habe gefunden, daß die Zivilisation in Bezug auf die Liebe nur unausführbare Gesetze hat, die überall der Heuchelei die Ungestraftheit sichern; die Uebertreter werden um so mehr protegirt, je kühner sie sind. In allen Salons, in der ganzen Gesellschaft sind jene die Angesehensten, die in Liebesangelegenheiten die Leichtherzigsten sind, welche die meisten Eroberungen aufweisen können, d. h. mit dem, was die zivilisirte Sitte und Moral verlangt, auf dem gespanntesten Fuße stehen. Nirgends ist die Scheinheiligkeit und Duperie größer, als in unserem Ehe- und Liebesleben, ist zwischen dem, was die Natur beansprucht und die Moral vorschreibt, ein schärferer Widerspruch. Anstatt dieser Skandale, welche die Zwangsgesetzgebung der Zivilisation erzeugt, muß die Harmonie, indem sie die volle Freiheit der ersten Liebe sichert, hervorzurufen wissen: 1. die Begeisterung der verschiedenen Alter für die Arbeit; 2. die Konkurrenz der Geschlechter für die guten Sitten; 3. Belohnung der wirklichen Tugenden; 4. Anwendung dieser Tugenden für das öffentliche Wohl, von dem sie in der Zivilisation getrennt sind.“

„Die wesentlichste Aufgabe Derer, die in der Harmonie die erste Liebe genießen werden, ist, daß sie die beiden Lebensalter, die unmittelbar unter und über der Pubertät sind, zur Arbeit anziehen. Man muß also unter den Jugendlichen zwei Korporationen bilden, die ähnlich wie die kleinen Banden und die kleinen Horden aufeinander wirken. Diese beiden Korporationen sind das Vestalat, bestehend aus zwei Drittel Vestalinnen und ein Drittel Vestalen, und des Damoiselat, bestehend aus zwei Drittel Damoiseaux und ein Drittel Damoiselles. Die Korporation des Vestalats widmet sich bis zum achtzehnten oder neunzehnten Jahr der Keuschheit, die Korporation des Damoiselats widmet sich der frühen Liebe. Die Wahl steht allen Theilen frei. Jedes kann nach Belieben in die eine oder in die andere Korporation ein- und austreten, aber man muß, so lange man zu einer der Korporationen gehört, auch die Gewohnheiten und Regeln derselben beobachten: Keuschheit im Vestalat, Treue im Damoiselat. Die jungen Männer neigen in der Regel selten dazu, dem Beispiel des keuschen Joseph zu folgen, sie sind dementsprechend auch im Vestalat in der Minorität. Im Allgemeinen werden es die festen Charaktere sein, welche für das Vestalat sich entscheiden, während die milderen für das Damoiselat die Wahl treffen. Hingegen werden die jungen Mädchen, die eben erst aus dem Chor der Gymnasiastinnen austreten, in der Regel einige Zeit im Vestalat zubringen.“ ...

„Damoiselles und Damoiseaux, die der Versuchung nachgaben, müssen von da ab den Morgenzusammenkünften der Kinder fern bleiben; sie besuchen nunmehr Abends einen der Liebeshöfe der Erwachsenen — die sich allabendlich zwischen neun und zehn Uhr in den Sälen zusammenfinden — und erheben sich in Folge dessen auch später von der Nachtruhe. Dagegen erhebt sich das Vestalat mit den Kindern. Wegen dieser fortdauernden Beziehungen zu den Kindern wird das Vestalat mit besonderer Achtung und Anhänglichkeit von diesen behandelt, umgekehrt wird das Damoiselat von ihnen mißachtet. Die älteren Stämme von zwanzig und mehr Jahren haben wieder aus anderen Motiven für das Vestalat und die Virginität eine tiefe Zuneigung. So vereinigt das Vestalat in sich den höchsten Grad der Gunst der Kindheit und des männlichen Alters. Die Keuschheit der Vestalinnen und Vestalen ist um so besser gesichert, da sie die volle Freiheit haben, jederzeit die Korporation zu verlassen und auf die Vortheile der Rolle zu verzichten.“

„Mit Ausnahme der Schlafzeit, welche die Vestalen und Vestalinnen nach Geschlechtern getrennt in verschiedenen Räumen zubringen, haben sie ihre volle Freiheit; sie gehen den gewohnten Beschäftigungen in den verschiedenen Serien und Gruppen nach; sie haben aber auch ihre besonderen Sitzungen und gewähren den Besten unter sich den Titel „Bewerber“ oder „Bewerberin“. Diejenigen, die diesen Titel führen, haben den Vortheil, in der industriellen Armee, in der sie eine besondere Stellung einnehmen, auch mit besonderen Ehren empfangen zu werden. Uebertritt ein zum Vestalat gehöriges Mitglied die vorgeschriebenen Gepflogenheiten und wird dies festgestellt, so macht man ihm aus seiner Unbeständigkeit kein Verbrechen, aber es hat aus der Körperschaft auszuscheiden. Nichts verschafft einem Mädchen von 16–18 Jahren mehr Achtung, als eine nicht bezweifelte Keuschheit, eine warme Hingabe an die Arbeit und die Studien. Mit Ausnahme der schmutzigen Arbeiten sind die Vestalinnen die Kooperatrizen der kleinen Horden; ist Gefahr im Verzuge, handelt es sich z. B. darum, wegen drohenden Unwetters rasch eine Ernte zu bergen, so sind sie stets an der Spitze. Jede Phalanx wird sich bemühen, die gefeiertsten Vestalinnen zu besitzen und sie nach der Art ihres Verdienstes als Reine durch Titel auszuzeichnen, wie die Schöne, die Hingebende, die Talentirte, die Gunstbezeugende. Das Vestalat wählt aus seiner Mitte die präsidirende Quadrille, welche bei den Zeremonien den Ehrenwagen besetzt und an den Fest- und Ehrentagen der Phalanx die Honneurs macht. Kommt ein Monarch, so sendet man ihm nicht wie bei uns beglacéhandschuhte Schwadroneure entgegen, die vor ihm über die Schönheiten der Verfassung und das Glück des Handels peroriren, sondern man deputirt die liebenswürdigsten Vestalinnen, die ihn an der Grenze begrüßen. Kommt eine Fürstin, so wählt man Vestalen. Versammelt sich eine industrielle Armee, so sind es die Vestalen, die ihr die Oriflamme übergeben und die erste Rolle bei den Festen wie bei den Arbeiten einnehmen. Die Arbeiten dieser Armeen werden durch die Anwesenheit der Vestalen und Vestalinnen einen besonderen Reiz gewinnen und sie werden, so stimulirt, ihre Arbeiten, ohne daß sie Ermüdung verursachen, ausführen. Indem man ferner den Armeen jeden Abend glänzende Feste giebt, hat man nicht nöthig, mit der Kette am Hals die jungen Leute hinzuführen, wie das bei unseren jungen Ausgehobenen geschieht, die stolz auf den schönen Namen „freie Männer“ sind. Die industrielle Armee wird zu einem Drittel aus Bacchantinnen, Bajaderen, Heroinen, Feen gebildet sein, und so werden mehr junge Männer und Frauen herzuströmen, als man nöthig hat. Ferner werden Fürsten und Fürstinnen diese Armeen besuchen, um sich dort nach ihrem Geschmack ihre Gattin oder ihren Gatten zu wählen, und es ist anzunehmen, daß eine solche Wahl meist auf eine Vestalin oder einen Vestalen fällt. Diese Herrschaften werden in der Harmonie nicht mehr die Sklaven sein, wie in der Zivilisation, in welcher man ihnen nach chinesischer Manier einen Mann oder eine Frau aufnöthigt, die sie niemals gesehen haben.“

„Von allen Seiten mit den günstigsten Blicken betrachtet, wird der vestalische Körper Gegenstand einer sozialen Abgötterei, eines halbreligiösen Kultus. Die Menschen lieben einmal, sich Idole zu schaffen, und so wird in Folge dieses Bedürfnisses das Vestalat ein Idol der Phalanx. Die kleinen Horden, die keiner Macht der Erde den ersten Gruß bewilligen, werden vor dem Vestalat ihre Fahne neigen und ihm als Ehrengarde dienen.“

Die Ehren, die Fourier dieser Körperschaft für das Opfer, ihre Keuschheit einige Jahre zu bewahren, zugedenkt, sind noch größerer Art. Ist die ganze Erde einmal mit Phalanxen bedeckt, so wird sich auch die Nothwendigkeit einer allgemeinen Eintheilung im Reiche verschiedener Grade ergeben, die, wie Alles bei ihm, geometrisch abgemessen sind. Der oberste Leiter des Erdballs ist der Omniarch, der in Konstantinopel, der Hauptstadt der Welt, seinen Sitz hat; dann folgen 3 Auguste, 12 Zäsarinnen, ungefähr 48 Kaiserinnen, 144 Kalifen, 576 Sultane, 1721 Königinnen, 6912 Kaziken u. s. w. Man fragt sich freilich vergeblich, was alle diese Fürsten, Fürstinnen und hohen männlichen und weiblichen Würdenträger in dieser sozialen Organisation für einen Zweck und eine Bedeutung haben, inwiefern ihre Funktionen für das Gedeihen dieser phalansteren Gesellschaft notwendig sind. Darüber giebt auch Fourier keine Auskunft. Sie gehören eben in sein System, das bemüht ist, den Trieben und Neigungen, wir pflegen auch zu sagen Schwächen, der Menschen nach Titeln und Auszeichnungen Rechnung zu tragen. Auch hofft er, daß sein System in um so höherem Grade die Unterstützung der höheren Klassen finden werde, als es ihnen besondere Aussicht für die Erlangung von Titeln und Würden eröffnet.

Eine solche Schaar hoher Würdenträger und Würdenträgerinnen bedarf entsprechender Frauen und Männer, und da haben Vestalinnen und Vestalen in erster Linie die schönste Aussicht, zu diesen Ehren zu kommen.

„Auch bewilligt die Harmonie der Virginität Ehrentafeln. Welch ein Unterschied zwischen dieser und der Zivilisation, wo die Virginität nur Geringschätzung findet und Gunstbezeigungen nur Denen zu Theil werden, die sich einen falschen Heiligenschein für die Gaukeleien der Libertins zu geben wissen. Diese Wüstlinge, die in ihren Liaisons die Kunst gelernt haben, die Menschen zu betrügen und zu düpiren, werfen sich unter den Spitzbuben, welche die öffentliche Meinung leiten, als Lobredner der Tugend auf. Welche Ermuthigung findet unter uns ein junges, schönes Mädchen, um ihre Virginität zu bewahren? Ist sie arm, wird sie ihre Anbeter, die alle gute Rechner sind, nicht bethören, sie wissen, daß die Tugend keinen Lebensunterhalt für die Haushaltung schafft. Ihre Eltern werden gezwungen, auf einen Sechzigjährigen oder irgend eine andere Schamlosigkeit zu spekuliren und sie wird durch diese Spekulation prostituirt; sie findet kaum einen Mann von mittlerem Alter, der ihr eine anständige Existenz zu bieten vermag. So wird ihre Schönheit ein Gegenstand elterlicher Beunruhigung, ihre Tugend wird für die Zukunft verdächtig sein. Hat sie einiges Vermögen, so ist sie während langer Zeit zwischen männlichen und weiblichen Maklern Gegenstand eines gemeinen Handels. Endlich wird sie einem durch Laster verdorbenen Manne überliefert; denn es giebt weit mehr verdorbene als gute Ehemänner.“

„Findet ein Mädchen unter uns bis zum fünfundzwanzigsten Lebensjahre keinen Ehemann, so beginnt man sich über sie lustig zu machen, man glossirt sie wie eine verdächtig gewordene Waare. Um den Preis einer in Entbehrungen verlebten Jugend sammelt sie in dem Maße, wie sie älter wird, eine Ernte gemeiner Witze, mit der jedes alte Mädchen überschüttet wird. Das ist eine der Zivilisation würdige Ungerechtigkeit. Das Opfer, das sie fordert erniedrigt sie; undankbar, wie sie ist, belohnt sie die Hingebung der jungen Mädchen an ihre Morallehren mit Beschimpfungen und Aergernissen. Da braucht man sich nicht zu wundern, daß man bei jungen Mädchen, die nicht überwacht werden, nur eine Maske der Keuschheit findet. Leistet ein junges Mädchen Gehorsam, so wird es, als Mädchen alt geworden, von derselben öffentlichen Meinung bestraft, die es zwang, seine schöne Jugend ihrem Vorurtheil zu opfern. Was kann es Unnützeres geben, als diese ewige Virginität? Sie ist eine Frucht, die man, statt sie zu genießen, verderben läßt. Das sind Ungeheuerlichkeiten, die vollkommen würdig sind dieser zivilisirten Ordnung, welche stolz auf ihre Weisheit und ihre Wissenschaft ist. Aber wenn man einem schönen Mädchen, um den Preis, ihre Keuschheit zu bewahren, eine Vergeltung in Aussicht stellt, ist diese ihr gewiß? Sie läuft nicht geringe Gefahr, einen Spieler, oder einen durch Ausschweifung brüchig Gewordenen, einen rappelköpfischen oder brutalen Mann zum Gatten zu erhalten. Ferner hat ein anständiges Mädchen selten genug Finesse, um die Heucheleien, die trügerischen Aufmerksamkeiten ihrer Bewerber zu erkennen, durch die eine ein wenig erfahrene Frau nicht mehr getäuscht wird. Hat sie aber eine gute Partie in Aussicht, so wird irgend eine Intriguantin, die in der Kunst zu bezaubern geübt ist, sie ihr entfremden. Das anständige Mädchen wird darum betrogen, es erhält nur einen unfruchtbaren Tribut der Achtung und altert oft in der Ehelosigkeit.“

„Ich kann mich nicht so, wie ich es wünschte, hier aussprechen, weil die Erörterung dieser Fragen dem allgemeinen Vorurtheil zuwider ist, und doch sollte man sie gründlich behandeln, um die Unanständigkeit, die Heuchelei und die schlechten Sitten der Zivilisirten in Allem, was das Verhältniß der Geschlechter betrifft, an den Pranger zu stellen. Die Sitten in der Harmonie mögen auf den ersten Anblick Anstoß erregen, sie werden aber alle Tugenden gebären, von denen sehr überflüssiger Weise die Zivilisation nur träumt.“

„Wenn ich das Erziehungssystem darlege, nach dem die Kinder in der Harmonie sich entwickeln, so werden die meisten Väter rufen. 'Ah, das ist schön, das ist, was ich längst gewünscht, so sollte und müßte es sein'; aber wenn ich es auch unternehme, die Liebesbeziehungen darzulegen, so schreien die bissigen Moralisten, daß ich die guten Sitten verletze. Sie werden über jede Parallele verwundert sein, die ich zwischen den Gewohnheiten der beiden Gesellschaftsordnungen ziehe. Zum Beispiel, wenn ich die vestalischen Vermählungen mit denen der Zivilisation vergleiche, deren Moral nur unanständige und skandalöse Gewohnheiten zu Grunde liegen: so die zweideutigen Zeremonien, die der Verbindung des Paares vorausgehen; die zweideutigen Wortspiele, die Trunkenheit der Festbetheiligten, das Herfallen mit schlechten Scherzen über die Braut. Die Gepflogenheit der Saufgelage kann einer dezenten Gesellschaft, wie sie die Vestalen sind, nicht gefallen; sie haben die Methode, ihre Vereinigung zu vollziehen, ohne daß sie zuvor den Spöttereien und Witzeleien ausgesetzt sind, die den nächsten Morgen noch immer früh genug kommen. Es bleibt weder Zeit für die ewigen zweideutigen Wortspiele, noch für die moralischen Schlemmereien.“

„Man begeht, wie man sieht, in der Harmonie nicht die Inkonsequenz, Vestalinnen zu schaffen ohne Vestalen, sie ahmte sonst den Widerspruch der Zivilisation nach, die den Mädchen die Keuschheit vorschreibt, aber die Ausschweifungen der jungen Männer tolerirt, d. h. man provozirt bei den Einen, was man den Andern verbietet, eine Zweideutigkeit, die der Zivilisation würdig ist. Welcher Art werden die jungen Männer sein, die in der Harmonie sich für das Vestalat erklären? — Diejenigen, die, wie die Söhne des Theseus, für aktive Thätigkeiten, aber wenig für die Liebe neigen. Wenn Hippolyt die Jagd allein genügte, um ihn von der Liebe abzuziehen, so wird eine soziale Ordnung, die jedem Jugendlichen dreißig und mehr Gelegenheiten bietet, wo er seine Kräfte üben und seinen Ehrgeiz befriedigen kann, interessanter sein, als das mittelmäßige Vergnügen der Jagd.“

„Vergegenwärtige man sich immer wieder, daß alle diese anscheinend so romantischen Gepflogenheiten den Zweck verfolgen, den wirklichen Reichthum der Phalanx zu steigern, indem sie die Liebe in allen ihren Unterarten für den Fortschritt der Arbeit und der Entwicklung nutzbar machen. Der Reichthum steigt in demselben Maße, wie allen Trieben der freie Aufschwung gesichert ist. Es wird geschehen, daß die Alten, die in der Harmonie den Reichthum und die Vergnügungen mehr lieben werden, als man sie heute liebt, die Ersten sein werden, welche die Freiheit der Liebe herzustellen verlangen. Die nöthigen Gegengewichte werden sich in genügender Zahl aus der Konkurrenz der Instinkte und der Geschlechter ergeben.“ ...

„Man sieht, daß meine Theorie überall eine einheitliche ist, alle Probleme haben dieselbe Lösung, die Bildung von Serien, freien Gruppen, und diese nach den drei Regeln zu entwickeln: geschlossene Abstufung der Triebe (Kabalist), Wechsel in der Ausübung aller Thätigkeiten (Papillone), kurze Sitzungen (Komposit). Das ist die feste Regel für die Bildung und Entwicklung der Serien; ihr Zweck muß sein, überall die Konkurrenz der Geschlechter, der Lebensalter und der Instinkte zu begründen.“

„Den Leser choquirt die Idee der freien Liebe, weil daraus ein Durcheinander der Kinder verschiedener Abstammung resultire; um diese Vorurtheile zurückzuweisen, müßte ich zu sehr weitläufigen Auseinandersetzungen greifen, die ich hier nicht geben kann; ich werde beweisen, daß das zivilisirte Regime alle die Uebel erzeugt, die man von der Freiheit der Liebe befürchtet, daß aber diese Freiheit, auf eine Phalanx mit Serien der Triebe angewandt, alle Unordnungen, die sie in der Zivilisation hervorruft, vermeidet. Wie es in der Zivilisation aussieht, dafür mögen einige Beweise folgen. Die Statistik von Paris ergiebt, daß ein Drittel der Väter ihre Kinder verlassen und verleugnen. Auf 27.000 Geburten rechnet man über 9000 Bastarde, und doch ist Paris der Mittelpunkt der „moralischen Erleuchtung“ und die „Vollendung der Vervollkommnung der Vervollkommnungsfähigkeit“. Wenn überall ebenso viel Vollkommenheit existirt als in Paris, ist ein Drittel der Kinder von ihren Vätern verlassen. Ferner sind da die syphilitischen Krankheiten, die in unserer Ordnung zahlreiche Opfer erfordern. Die Jugend wird bei unseren Sitten zur Unaufrichtigkeit erzogen, sie macht sich ein Spiel daraus, diese Krankheiten zu verbreiten, deren Gefahr jede kluge Person zwingt, sich von der galanten Welt zu isoliren und so die unnatürliche Befriedigung der Triebe herausfordert. Ferner: Wenn im jugendlichen Alter die Mädchen über die Treue getäuscht werden, so täuschen später ihrerseits die Frauen; sie nehmen einfach Repressalien. Wenn in Paris, „dem Hort der Moral“, man jährlich über 9000 Väter sieht, die ihre Kinder verlassen, so wird die Rache der Mütter eine entsprechende sein. Auf 27.000 Geburten schwören die Frauen 9000 Kinder ihren Ehemännern zu, die sie von ihren Liebhabern bekommen haben. Das ist Reziprozität der Väter und Mütter für ihre Kinder. Ferner: Nach dem Liebesalter gefallen sich die Alten inmitten ihrer zärtlichen Kinder und Enkel, die natürlich in den gesunden Doktrinen der Philosophie erzogen wurden, und freuen sich der ihnen erwiesenen Zuneigung. Es ist meist nur Duperie und Scheinheiligkeit. Alle diese Aufmerksamkeiten gelten nicht ihnen, sondern ihrem Vermögen. Um sich davon zu überzeugen, brauchten sie nur den Zusammenkünften beizuwohnen, bei welchen die Liebenden ihre Eltern glossiren. Sie werden als lächerliche Harpagons oder unbequeme Argusse behandelt; man unterhält sich mit Wünschen, wie, daß der Augenblick bald kommen möge, um ein Vermögen genießen zu können, das nach der Meinung der Jungen die Alten nicht anzuwenden verstehen. Man antwortet: daß ehrenhafte Familien vor geheimen Orgien sicher sind. Ja, so lange die Furcht darin herrscht. Aber sind die Väter und die Argusse todt oder abwesend, in demselben Augenblick kommt auch die Orgie, oft selbst während die Väter leben. Die jungen Leute überzeugen die Väter, daß sie nicht kommen, ihre Töchter zu verführen, daß sie wahre Freunde der Moral und der Verfassung sind, andererseits überzeugen sie die Mutter, daß sie eben so hübsch wie die Tochter ist, „was manchmal wahr ist“. Gestützt auf diese Argumente, organisiren sie im Hause die maskirte Orgie. Der Vater gewahrt den Kniff und versucht widerspenstig zu werden, aber die Frau beweist ihm, daß er nicht die rechte Einsicht habe und er schweigt. Und selbst wenn die Väter solche Fallen zu vermeiden wissen, gerathen sie nicht in zwanzig andere Unannehmlichkeiten, in einen wahren Cercle vicieux von moralischen Sottisen? Hier fällt eine gehorsame Tochter in Krankheit und stirbt, weil ein Band ihr versagt blieb, das die Natur gebot. Dort wird eine entführt oder schwanger und alle väterlichen Berechnungen werden zu Schanden. Und welch eine Verlegenheitsquelle sind Töchter ohne Aussteuer? Um sich zu erleichtern, schließt der Vater die Augen über die Freiheiten der Schönsten, damit ihm die Kosten ihres Flitterstaats erspart bleiben. Die wenigst Schöne steckt er in ein ewiges Gefängniß,[18] ihr sagend, daß sie glücklicher sein werde, wenn sie Gott diene. Oder er hat eine Tochter verheiratet, aber die Verbindung geht zu Grunde, und statt eine Tochter los und ledig zu sein, hat er sie und ihre ruinirte Familie zu erhalten. Und so ließen sich noch viele Fälle der Enttäuschung anführen.“

„Da kommt die Moral und beweist an einigen glücklichen Ausnahmen, welche segensreiche, Glück bringende Einrichtung diese Ehe unserer Zivilisation sei, aber die große Majorität, die dieses Glückes beraubt ist, sieht und empfindet dieses Glück nicht. Väter wie Kinder sind in falscher Position, die gute Ordnung beruht auf einem mehr oder weniger maskirten Zwang, und dieser Zwang erstickt die Zuneigung; er reduzirt das Familienleben zu einem Trugbild. Die Eltern erhalten das wahre Glück nur in einer Ordnung, die den Wünschen der Natur entspricht, aber unsere Moralisten haben nie eine Studie über die Beziehungen der Liebe gemacht. Ein Beispiel lehrt dies.“

Fourier bezieht sich hier zum Beweis für die Richtigkeit seiner Anschauung über die Moralisten auf einen Vorgang, der ihm zufolge im Pensionat des berühmten Pestalozzi in Yverdon vorgefallen sein soll, und er verspottet hierbei zugleich die sogenannte intuitive Methode, nach der Pestalozzi bei seinem Erziehungssystem verfuhr. Wie weit der zu erzählende Vorfall auf Wahrheit beruht, können wir nicht kontroliren, indeß sind ähnliche Vorgänge auch heutzutage durchaus nichts Seltenes. Fourier erzählt also, daß, während Pestalozzi in seinem Institut nach seiner intuitiven Methode Jünglinge und junge Mädchen unterrichtete, er gar nicht gewahr wurde, wie diese unter sich nach der sensitiven Methode handelten. Daraus entstand denn eines Tages eine schreckliche Entdeckung. Es gab ein fürchterliches Durcheinander. Es ward entdeckt, daß eine Anzahl der Schülerinnen theils durch Lehrer, theils durch Schüler schwanger geworden war, worüber, sehr begreiflich, der berühmte Lehrer ganz außer sich gerieth, der, wie Fourier boshaft hinzusetzt, „bei dem Grübeln über seine intuitiven Subtilitäten ganz und gar vergessen hatte, der Intuition der Liebe Rechnung zu tragen“. „Während so die Philosophen die Triebe unterdrücken wollen, kommen diese und unterdrücken unvermutheter Weise die arme Philosophie. Es zeigt sich hier, daß, wie immer man sich in der Zivilisation der Freiheit nähern will, sei es in Sachen der Liebe, sei es in Sachen der anderen Triebe, man fällt stets in einen Abgrund von Sottisen, weil die Freiheit nur im sozietären Zustand zur Geltung kommen kann, wovon die Moral keine Ahnung hat.“

Fourier sagt dann weiter: Die Freiheit zu besitzen und zu sichern, sei der Wunsch des Menschengeschlechtes, aber das könne man nicht, ohne den Mechanismus der Gegengewichte zu kennen, die den Mißbrauch der Freiheit verhüteten. Deshalb tappte bisher der menschliche Geist im Finstern und fielen alle Neuerer, die revolutionären Politiker, mit ihren Versuchen, wie die Pestalozzi und Owen und andere politische Halsbrecher, stets von der Charybdis in die Skilla.

Es ist nicht uninteressant, hier auch ein Urtheil anzuführen, das Fourier über Kant und, indem er über die Methode Pestalozzi's spricht, über die Deutschen überhaupt fällt. Er sagt über Kant: Welches Wesen habe man von ihm gemacht. Er sei der erste Metaphysiker der Schule. Kein Anderer solle wie er mit analytischer Gründlichkeit über die Wahrnehmungen der Anschauungen des Erkenntnißvermögens, die Willensäußerung der Empfindungen, Klarheit gebracht haben. Er sei ein Eroberer, der Alles an sich reiße, der das Angesicht der Wissenschaft gänzlich ändere. Er (Fourier) habe zu diesem Urtheil „Ja“ gesagt, obgleich er nicht die Fähigkeit besitze, über Kant oder die anderen Ideologen ein Urtheil abzugeben; er habe nie eine Zeile von ihrer Wissenschaft begriffen, was ihn aber nicht verhindere, über ihre Bedeutung auf Grund der vorliegenden Resultate zu urtheilen. Heute rangire man die alten Ideologen unter die Alchimisten, man betrachte ihre Lehren als Visionen; damit sei nicht gesagt, daß die modernen Ideologen mit den Chemikern auf eine Stufe zu stellen seien, denn diese stützten sich auf die Erfahrung. Die Ideologen, Kant nicht ausgenommen, seien Schöngeister, Rechthaber (ergoteurs), die in einem Jahrhundert zu Ansehen kämen, das, wie das unsere, neue Götzenbilder brauche.

Charakteristisch an diesem Urtheil ist die Offenheit, womit Fourier zugiebt, Kant nie verstanden zu haben; damit, könnte man sagen, sei auch das Urtheil über Fourier gesprochen, und doch thäte man ihm Unrecht, denn für ihn entscheiden, wie er selbst sagt, die greifbaren Resultate, und diese allein. Fourier ist trotz aller Spekulationen, denen er selbst in seiner Ideenentwicklung verfällt, eine durchaus auf das Konkrete gerichtete Natur. Eine Spekulation, die keine praktischen Resultate für das Leben verspricht, verwirft er. Daß Kant mit Begriffen operirte, über Begriffe spekulirte, scheint ihm eine unfruchtbare Arbeit; eine solche Wissenschaft kann für die Menschen, die, nach ihm, nur das Glück wollen und zwar sichtbar und greifbar, keine Wissenschaft sein. Die Philosophie müht sich ab, den Begriff des Glücks zu definiren, Fourier ist damit sehr rasch fertig: Glück heißt volle Befriedigung aller Triebe des Menschen, suchen wir also ihm diese Befriedigung zu verschaffen. Was nicht darauf abzielt, ist, nach seiner Meinung, vom Uebel, metaphysische Spekulation ohne Werth; die Praxis und die Erfahrung entscheiden.

So urtheilt er auch weiter absprechend über Pestalozzi. Nach ihm ist Pestalozzi der praktische Metaphysiker, wie Kant der theoretische. Sein (Pestalozzi's) Institut sei jedenfalls das beste in Europa, es werde nach einer Methode geleitet, die von Montaigne bis Jean Jacques Rousseau empfohlen worden sei. Das Pensionat sei renommirt, und die Kinder seien stolz, ihm anzugehören, wie der Soldat stolz sei, in einem schönen Regiment zu dienen. Aber um das Kind anzuregen, seinen Wetteifer zu entfachen, habe man nichts als die intuitive Methode. Aber kein Kind beiße an die Angel. Pestalozzi gestehe selbst, daß er nur selten Kinder gewinne, und daß zwei Drittel desertirten und ungeduldig würden. Dazu komme, daß er wegen Mangel an Vermögen das Pensionat nur mangelhaft ausstatten könne. „Man traktirt vergeblich die Kinder mit der intuitiven Methode, um sie über ihre Unbehaglichkeit zu trösten, sie wollen nicht die von diesem ideologischen Dunst Getäuschten sein.“ Schließlich habe man die deutschen Kinder an diesen metaphysischen Jargon gewöhnt. Das sei nicht zu verwundern. Deutsche Kinder seien sehr geschmeidig, man bringe Tausende zum Gehorsam mit der Erklärung: „Es muß sein.“ Die Deutschen seien eine Nation „von Freunden der Ordnung“, der Deutsche sei ein Mechanismmus, den man jederzeit mit dem: „es muß sein“ in Bewegung setzen könne, da sei es leicht, die Kinder nach irgend welchen Zierereien der Metaphysik, wie diese intuitive Methode, zu bilden, aber für die Vortrefflichkeit der Erziehung beweise das nichts.

In Ausführung seiner Theorie erklärt Fourier weiter, daß, bevor die Bedingungen, unter denen die von ihm dargelegten Prinzipien freier Liebe sich verwirklichen könnten, mehrere Generationen im phalansteren System vergehen müßten. Das Geschlecht müsse erst dazu gesund erzogen und vorbereitet sein. Zunächst gelte es, die Syphilis, die ganze Geschlechter geschwächt habe, vollständig auszurotten, dann die politischen Hindernisse des Verkehrs der Geschlechter zu beseitigen; das Schwierigste aber sei, zu verhindern, daß nicht in dem Augenblick, wo man der Liebe größere Freiheit gebe, die geheime und korporative Orgie — worunter Fourier den ungeregelten, durch kein System der Serien der Triebe gezügelten Geschlechtsgenuß versteht — hervorbreche. Die Orgie könne nicht durch Unterdrückungsmittel verhütet werden, sondern durch die Oberherrschaft von Ehre und Tugend, erzeugt durch Einrichtungen, wie er sie in Bezug auf das Vestalat vorgeschlagen. Er glaubt ferner die Richtigkeit seiner Ansichten über die Liebe aus dem neuen Testament beweisen zu können, eine Beweisführung, die bekanntlich bis in die neueste Zeit von den auf religiöser Grundlage beruhenden kommunistischen Sekten sowohl für die Gemeinschaft der Güter, wie für die Freiheit des Geschlechtsverkehrs und die Gleichheit von Mann und Frau in's Treffen geführt worden ist, aber von Anderen und durch andere Stellen des neuen Testaments ebenso bekämpft wird.

Die Liebesbeziehungen, wie sie in der Zivilisation möglich seien, behauptet Fourier, zögen die Jugend von den Arbeiten und den Studien ab, sie erregten die Indolenz, die Frivolität und verführten zu unsinnigen Ausgaben. Umgekehrt werde in der Harmonie die Liebe zur Kultur und zum Studium anreizen und den Eifer dafür verdoppeln.

Fourier geht nun dazu über, zu untersuchen, wie die verschiedenen Geschlechter und Klassen für die neue Ordnung zu gewinnen seien und wo man den Hebel ansetzen müsse. Das einflußreichste Geschlecht seien die Kinder. Die Kinder wirkten auf die Mütter und die Mütter und Kinder zusammen auf die Väter; einem solchen Ansturm könnten letztere nicht widerstehen. Unter den Klassen seien es die Reichen, die auf die niederen Klassen den Einfluß hätten. Es gelte, die Reichen zu verführen, denn bequemten diese sich zur Arbeit in der Serie, so würden die übrigen Klassen, durch deren Beispiel angefeuert, erst recht eifrig bei der Sache sein. Welche Arbeiten würden es also sein, die Reiche und Kinder am ehesten zum Eintritt in die sozietäre Ordnung verführen könnten? Man merke wohl, es handelt sich nicht um ein Ueberzeugen, um ein Wirken auf den Verstand, sondern um ein Verführen, ein Wirken auf die Leidenschaften und Triebe. Auf die Kinder wird den größten Anreiz gutes Essen und Trinken üben, also die Gourmandis. Eine Küche für sie und die freie Befriedigung ihrer Geschmäcker wird ihre ganze Phantasie in Beschlag nehmen und gewinnen. Man wird also die Kinder in Serien und Gruppen organisiren und sie mit der Herstellung der gewünschten Herrlichkeiten vertraut machen. Von jetzt ab werden sie die eifrigsten Werber für die Phalanx werden. Dazu kommen die schon erwähnten anderen Anreize: Kleine Ateliers, kleine Werkzeuge, körperliche Exerzitien und choreographische Uebungen mit Vorstellungen, Ferien etc. in der Oper.

Die reiche Klasse wird anfangs zögern; die Einzelnen werden in diese und jene Serie treten und die Arbeit auf kurze Zeit versuchen. Aber eingetreten, naht die Verführung. Da ist ein reicher Mann, Namens Mondor, der von Natur Hang zu Gartenarbeiten hat. Er interessirt sich namentlich für Pflanzensamen, das Sammeln der Früchte und ihre Konservirung. Nun liebt Mondor besonders Rothkohl, den er an der Tafel der Phalanx ausgezeichnet findet; auch hat er davon schöne Beete auf den Feldern der Phalanx gesehen. Mondor läßt sich den Samen zeigen, untersucht ihn und giebt einer Gruppe von Säern einige gute Winke, worüber diese Mondor ihr Lob zollen, dessen Eigenliebe dadurch geschmeichelt wird. Er tritt in die Gruppe der Säer ein und betheiligt sich an ihren Arbeiten, aber ohne andern Gruppen beizutreten. Den Tag nach diesem Engagement erlebt Mondor, daß bei der Frühparade die Kinder ihn mit einer Fanfare begrüßen, worauf ein Herold vortritt und ihn zum Baccalaureus des Rothkohls, in Rücksicht auf seine Kenntnisse für diesen Zweig des Gartenbaues, ausruft. Dann tritt eine Vestalin vor, welche ihm die Abzeichen dieser Serie überreicht und ihn umarmt. Darauf empfängt er die Beglückwünschungen der Chefs, die durch die Kinder mit einer neuen Fanfare begleitet werden. All das gefällt Mondor so, daß er sich entschließt, ganz in die Phalanx einzutreten und an ihren Arbeiten seinen Neigungen entsprechend theilzunehmen.

„Auf ähnliche Weise wird jeder reiche Mann und jede reiche Frau“, meint Fourier weiter, „nachdem sie einige Tage in der Phalanx zugebracht haben und allen Vorgängen gefolgt sind, gewonnen, und sie werden überrascht sein, plötzlich zwanzig und mehr industrielle Anziehungen bei sich zu entdecken, die sie bisher selbst nicht kannten. Es ist der häufige Wechsel in der freien Wahl der Thätigkeit, was ihnen besonders gefällt. Der Einfluß dieser parzellären Anwendungen, bald hierin, bald darin, wird die Wirkung haben, daß sieben Achtel der Frauen sich für die verschiedensten Beschäftigungen der Hauswirthschaft interessiren, die ihnen heute meist widrig erscheinen. Diese liebt nicht, sich mit der Pflege kleiner Kinder abzugeben, sie wird aber gern in eine Gruppe eintreten, die sich mit einem Zweig der Schneiderei oder Nähterei befaßt; die andere will nicht am Herde stehen, sie ist dagegen eingenommen für die Herstellung verzuckerter Krême und die Arbeiten der Konservirung; umgekehrt werden Andere angenehm finden, was Jene verwerfen. So werden die Frauen zwanzig und mehr Beschäftigungen finden, für die sie in der Zivilisation nicht die Mittel und die Einrichtungen besaßen, oder die sie ermüdeten und mißstimmten, weil sie dieselben ohne Abwechslung und bis zum äußersten Maß ihrer Kräfte erfüllen mußten.“

„Gewöhnlich geben die Ehemänner und Moralisten der Frau in der Ehe wenig Geld, aber viel gute Rathschläge, und so finden die Frauen in der Haushaltung nur Plackerei und Entbehrungen, wie die Männer in der Bodenkultur nur Ermüdung und Spitzbüberei finden. Der immerwährende Wechsel der Beschäftigung nach Wahl wird die Hauptquelle der industriellen Anziehung und daraus werden andere Anreize hervorgehen. Chloe hat mehrere Male an einer Tafel der Serie der Lautenmacher servirt und hat aus den gepflogenen Unterhaltungen Interesse für diese Beschäftigung gewonnen; sie faßt eines Tages den Entschluß, das Atelier derselben zu besuchen, und was sie sieht und hört, gefällt ihr so, daß sie beschließt, in die Serie der Lautenmacher einzutreten. Ohne daß sie diese Gesellschaft kennen lernte und ihr Atelier besuchte, würde sie nie Interesse und Trieb für diese Beschäftigung empfunden haben. Weiter: Sebastian, ein junger Mann ohne Vermögen, zerreißt eines Tages an einem Haken sein schönstes Kleid. Den nächsten Tag entdeckt dies bei der Ordnung von Sebastian's Zimmer eine der Zimmerordnerinnen und diese bringt das Kleid zu den Ausbesserinnen, wo Celiante, eine reiche Dame von fünfzig Jahren, die Leitung hat. Celiante ist sehr passionirt für solche Arbeiten und betrachtet sich selbst mit Stolz als die Geschickteste in der Serie. Celiante kennt Sebastian, dem sie mehrfach in Gruppen, in welchen er sich auszeichnete, begegnete und empfindet Wohlwollen für ihn. Sie benutzt also diese Gelegenheit, ihm ein Zeichen ihrer Wohlgeneigtheit zu geben, indem sie selbst in meisterlicher Weise an Sebastian's Kleid die Reparatur vornimmt. So wird der unvermögende Sebastian in der Phalanx von einer Dame bedient, die Millionärin ist. Solche Begegnungen und Zufälle giebt es in der Phalanx täglich in Menge, die häufig auch zu ernsteren Beziehungen führen.“

„Die Leistung wird nie von Person zu Person bezahlt, die Phalanx stellt sie in Rechnung; die Leistung erlangt dadurch den Charakter der rein unpersönlichen Beziehung. Arm arbeitet für Reich, Alt für Jung und umgekehrt. Die Greise und Greisinnen, die zu keiner Leistung mehr verpflichtet sind, werden es sich zum besonderen Vergnügen machen, die Kinder in den Thätigkeiten zu unterweisen, für die sie selbst ein lebhaftes Interesse besaßen, oder noch besitzen; sie werden in diesen Kindern die Erben und Nachfolger ihrer Lieblingsbeschäftigungen erblicken, und ein Kind ohne Vermögen wird häufig von ihnen adoptirt oder mit Legaten bedacht werden. In der Phalanx hat Jeder die Gewißheit, daß er in seinen Lieblingsvergnügen und Beschäftigungen Nachfolger findet, in der Zivilisation nicht. Die Natur scheint ein solches Verhältniß zwischen Eltern und Kindern häufig nicht zu begünstigen, indem die Söhne oft ganz andere Neigungen und Anlagen als die Väter haben, worüber in der Zivilisation die Eltern oft bitter klagen.“

„Im Widerspruch mit dem auf Ausgleichung und Uebereinstimmung berechneten Charakter der Harmonie läuft die Zivilisation darauf hinaus, die verschiedensten Klassen und Lebensalter miteinander zu überwerfen. Eltern und Kinder, Vorgesetzte und Untergebene, Unternehmer und Arbeiter befinden sich meist in Differenzen über Anschauungen und Neigungen, Befugnisse und Pflichten. Gehalt- und Lohnfragen führen zu Streitigkeiten ohne Ende, und das persönliche Kommando wird Gegenstand des Hasses, denn jedes willkürliche Befehlen ist demüthigend für den, welcher gehorcht. Das persönliche Regiment ist in der sozietären Ordnung unmöglich; Alles ordnet sich nach freier Uebereinkunft und passioneller Zustimmung. In einem Solchen Zustande giebt es keine Willkür in der gegebenen Ordnung, nichts Beleidigendes im freiwilligen Gehorchen. Da, wo die zivilisirte Ordnung mit ihrer Privatwirthschaft und ihren abhängigen Existenzen stets zwei- und dreifache Disharmonie und Unordnung schafft, erzeugt der sozietäre Zustand drei- und vierfache Freude, Bande der Uebereinstimmung jeder Art.“

„Aber der sozietäre Zustand wird auch häufig zu gemischten Gruppen und Serien greifen müssen, in denen ein uns fremder und von uns verächtlich behandelter Geschmack, für den wir keine Verwendung haben, zur Anwendung kommt. Zum Beispiel, wenn es sich um Ausführung einer schwierigen, nicht sehr angenehmen Arbeit handelt, wie die, einen Berg mit der Anpflanzung eines Forstes zu krönen. Hierfür wird man kaum eine Serie finden, die sich aus Trieb mit der ganzen Arbeit belasten will; man wird also gemischte Serien, die nacheinander folgen, in's Spiel setzen müssen, denn man wird Erdtransporte und grobe Arbeiten vorzunehmen haben. Man schickt also zunächst die Beginner (initiateurs) in's Treffen, d. h. Leute, die alles Neue mit Feuereifer beginnen, aber nichts zu Ende bringen, deren Strohfeuer nach einigen Sitzungen verraucht ist, die aber überall, wo es einen gefährlichen oder unangenehmen Schritt zu thun giebt, bei der Hand und darum sehr werthvoll sind. Es sind Charaktere, die man leicht stimuliren kann und die vor keiner Schwierigkeit zurückschrecken. Bis sie ermüdet sind, hat das Werk ein anderes Angesicht gewonnen, und nun kommen die Gelegenheitscharaktere oder die Wetterfahnen an die Reihe, Leute, die sich mit jedem Winde drehen, immer die Ansicht des zuletzt Gekommenen haben und für jede Neuheit, die Kredit erlangt hat, zu gewinnen sind. Sie schwören, wenn sie das Unternehmen in Angriff genommen sehen, daß es sehr plausibel sei, und werden sich mit den Beginnern, die zurückgeblieben sind, verbinden. Darauf folgen die Wunderlichen oder ewig Beweglichen, Leute, die sich in Alles mischen, was halb gethan ist, es modifiziren und umändern, beständig ihre Thätigkeit wechseln, einen guten Posten für einen schlechten hergeben, ohne einen anderen Grund, als ihre natürliche Unruhe. Sie machen sich eifrig an die Anpflanzung, sobald sie sehen, daß die Arbeiten vorgeschritten sind, und man wird ihnen jede nichts bedeutende Aenderung gestatten, um sie zu streicheln. Diese werden mit dem Rest der Vorhergehenden einige Zeit bei ihrer Arbeit aushalten. Dann folgen die Chamäleons oder Veränderlichen, eine in der Zivilisation sehr zahlreiche Klasse, die immer dabei sind, wo eine Sache Erfolg hat. Sie werden bei einem Werk nicht unthätig bleiben wollen, das zu zwei Dritteln beendet ist, sie werden die Arbeit bis ziemlich zu Ende führen, aber dann sie verlassen. Jetzt ist der Moment gekommen, wo die Fertigmacher (finiteurs) antreten können. Das sind die Leute, die sich immer erst dann für ein Werk begeistern, wenn sie es fast vollendet sehen. Niemals erhält man für einen Anfang ihre Stimme, sie erklären jedes Unternehmen für unmöglich, für lächerlich und ergehen sich in übertreibenden Anklagen gegen die, welche eine Verbesserung beginnen, und behandeln als Narren oder hirnlosen Neuerer Jeden, der etwas Großes unternimmt. Ist aber das Werk zu drei Vierteln fertig, dann ändern diese Aristarchen den Ton; sie werden Lobredner von dem, was sie erst beschrieen und behaupten, daß sie von vornherein das Unternehmen unterstützt, das ohne ihre Hülfe nicht geworden wäre. Sie werden ihre Inkonsequenz nicht gewahr und machen sich jetzt voll Hingebung an das Werk. Dieser letztere Charakter ist sehr häufig in Frankreich; nach geschehener That fordern die Franzosen alle Neuerungen zurück, die sie anfangs verlachten.“

Fourier benutzt diese Gelegenheit, um seinen Landsleuten den Text zu lesen über die Art, wie sie ihn selbst und seine Entdeckung behandelten. In Sachen der Harmonie oder industriellen Anziehung ermangelten sie nicht, sich als echte Fertigmacher, d. h. Leute, die zuletzt kommen, wenn die Hauptarbeit gethan ist, zu zeigen. Sie haben begonnen, ihn, den Entdecker und Autor der Phalanx, zu beschimpfen, später werden sie die Gründungsaktionäre verlachen, dann, wenn sie die Vorbereitungen zu der Versuchsphalanx vorschreiten sehen, werden sie sich eines Besseren besinnen und schließlich in dem Moment der Eröffnung die Aktien zum drei- und vierfachen Preise zurückkaufen. Nun werden sie behaupten, daß sie den Autor von Anfang an protegirt und bewundert haben und ihn in seiner Entdeckung ermuthigten. Und wie die Extreme sich berührten, so seien die Franzosen große Unternehmer für bekannte Dinge, die Andere probirt. Kein Volk neige mehr dazu wie sie, Alles zu beginnen, aber ohne etwas zu beenden, den Plan der Arbeit zu ändern, wenn er zur Hälfte vollendet sei. Nie sehe man einen Sohn einen Plan vollenden, den der Vater begonnen, nie einen Architekten einen Plan fortführen, den sein Vorgänger angefangen. Die Franzosen seien Wetterfahnen, die sich nie an einen bestimmten Geschmack, nie an eine Meinung bänden, plötzlich von einem Extrem in's andere fielen und das Widerstreitendste zu verbinden suchten. Vor einem halben Jahrhundert seien sie voll Verachtung für den Handel gewesen und heute lägen sie voll kriechender Schmeichelei vor ihm auf dem Bauch; ehemals rühmten sie sich ihrer Rechtschaffenheit und heute seien sie ebenso betrügerisch im Handel wie Chinesen und Juden. Kurz, der nationale Charakter der Franzosen sei in jeder Beziehung ein Gemisch von Gegensätzen, und wenn künftige Geschichtsschreiber, in der Harmonie die Geschichte der Zivilisation schreibend, die Charaktere klassifizirten, würden die Franzosen als Typus der Widersprüche an der Spitze der Stufenleiter stehen.

Wie Fourier seine Landsleute kannte, geht auch noch aus einer anderen Stelle seiner Schriften selbst hervor, wo er von zwei Personen ein Zwiegespräch über sich und sein Werk führen läßt. Wir lassen die amusante Stelle hier folgen:

„Was steht in diesem Buch über die Anziehung? — Bah! Narrheiten. Der Mensch, der es schrieb, behauptet, daß man bisher die Entdeckung über die Bestimmungen verfehlt habe; daß dem Menschengeschlecht ein unermeßliches Glück vorbehalten sei; daß eine Berechnung über die universelle Harmonie der Triebe existire; daß diese strebten, eine neue soziale Ordnung zu gründen, welche nichts mit der Unordnung der Zivilisation zu thun habe und ihr entgegengesetzt sei; eine Ordnung, in der alle Völker in Freuden schwämmen und trotz der Ungleichheit der Vermögen für Alle Ueberfluß herrsche; eine Ordnung, wo die Arbeit anziehender werde, als unsere Bälle und Schauspiele; eine Ordnung, die, sobald sie nur versuchsweise an einem Orte eingeführt sei, von allen Völkern der Erde ohne Unterschied des Kulturgrades mit Begeisterung angenommen werde! — Das ist ein gigantischer Roman, wie je einer existirte; großartig in Wahrheit, aber unmöglich. Alle unsere Philosophen hätten sich also getäuscht, wenn der Autor Recht hätte; so viel wissenschaftliche Erleuchtung von Plato und Seneka bis Montesquieu und Rousseau sollte ein Nichts sein? Unmöglich; sicherlich träumt dieser Mensch. Und wer ist er? Ein Akademiker, ein berühmter Philosoph? — Nein! es ist einer der unbekanntesten Provinzialen. — Bah, ihm mangelt der gesunde Verstand! Ja, ja, die Provinz liefert solch originelle Käuze!“


Fourier stellt im weiteren Verlauf seiner Ausführungen ferner die These auf, daß im sozietären Regime die Gourmandise die Quelle der Einsicht, der Aufklärung und sozialen Uebereinstimmung werde und begründet diese uns sehr fremd erscheinende These also:

Kein Trieb sei übler angesehen, als die Gourmandise (Leckermäulerei). Könne man aber annehmen, daß Gott als Laster einen Trieb betrachtet haben wolle, dem er eine so große Herrschaft gegeben? Seine Herrschaft sei die allgemeinste. Andere Triebe, wie Liebe, Ehrgeiz übten nur auf das reife und männliche Alter mehr Einfluß, aber die Gourmandise verliere niemals ihre Herrschaft über die verschiedensten Alter, Klassen und Völker, sie sei permanent bis zum Lebensende; sie herrsche über die Kinder wie über die Erwachsenen. Man habe Soldaten Revolutionen machen sehen, um sich betrinken zu können, und der Wilde, der die Zivilisation verabscheue, gebe sich für eine Flasche Branntwein zur Arbeit her und verkaufe für eine Flasche starken Liqueurs seine Frau und Tochter. Würde das Menschengeschlecht so gebieterisch diesem Trieb unterworfen sein, wenn er nicht zu einer hochwichtigen Rolle in dem Mechanismus unserer Bestimmung ausersehen wäre? Und wenn nun dieser Mechanismus die industrielle Anziehung sei, müsse dieser sich dann nicht innig mit diesem gastronomischen Trieb — der Gourmandise — verbinden? Sie müsse in der That das allgemeine Band der industriellen Serien, die Seele ihrer alles bewegenden Intriguen bilden. In der Zivilisation könne die Gourmandise nicht mit der Arbeit verbunden sein, weil der Produzent selbst nicht genieße, was er erzeuge. Die Befriedigung dieses Triebes sei hier Vorrecht der Müßigen und dadurch allein werde er lasterhaft, wenn er es nicht schon durch die Ausgaben und die Exzesse, die er erzeuge, wäre. —

„In der Harmonie spielt die Gourmandise die entgegengesetzte Rolle, sie ist nicht Belohnung des Müßigganges, sondern der Arbeit, denn der Aermste nimmt Theil an den werthvollsten Genußartikeln. Sie wird ihn, Kraft der Abwechslung vor Exzessen bewahren, aber indem sie die Intriguen der Konsumtion mit denen der Produktion verbindet, wird sie die Arbeit stimuliren. Wollen Alle die höchsten Tafelfreuden genießen, so müssen Alle sich anstrengen, die vorzüglichsten Qualitäten der Nahrungsmittel zu erzeugen. Das Mittelmäßige wird verschwinden und binnen wenig Jahren wird aller Boden so kultivirt sein, daß er nur noch das Beste trägt. Man wird die Eigenschaften des Bodens zur höchsten Vollkommenheit zu bringen suchen; man wird gute Erde anfahren, wo jetzt schlechte ist, und wo der Boden nicht zu verbessern ist, ihn aufforsten. Acker- und Gartenbau müssen mit der Industrie wetteifern. In der ganzen Phalanx muß das Prinzip herrschen, durch alle möglichen Verbesserungen: Nahrungsmittel, Kleidung, Möbel und Alles, was zur Erhöhung der Lebensannehmlichkeiten beiträgt, zu stetig steigender Vervollkommnung zu bringen. Dies Prinzip erkennen auch die Moralisten an, die gegen den schlechten Geschmack des Publikums eifern. Aber in diesem, wie in allen anderen, ist die Moral in Widerspruch mit sich selbst; sie will Literatur und Künste heben und verbessern, aber sie will uns in der wesentlichsten Branche, in der materiellen Lebenshaltung, im Zustand der Rohheit halten, obgleich grade hier der Keim ist, der die industrielle Anziehung gebiert und das Bedürfniß nach Vervollkommnung weckt. So wenden die Moralisten da ihr Prinzip zuerst an, wo es zuletzt angewandt werden sollte.“

„Man muß in der Phalanx alle Geschmäcker entwickeln, selbst die bizarrsten, namentlich auch bei den Frauen, die oft eine starke natürliche Neigung zu Genüssen haben, die mit dem guten Ton sich schwer vertragen. Die Gastronomie ist es zunächst, welche die Zurückführung zur Natur bewerkstelligen wird, wenn man ohne Aufschub das Hervorbrechen industrieller Serien für die Ausgleichung der Triebe erreichen will. Beispiel: Ein neunjähriges Mädchen liebt allem Lächerlichmachen zum Trotz den Knoblauch. Man spekulirt also auf diesen Geschmack durch ein doppeltes Ineinandergreifen von Umständen. Zunächst auf die Vermischung der Geschlechter in einer Serie; denn die Serie, welche zwiebelartige Gewächse kultivirt, wie Knoblauch, Zwiebeln, Schnittlauch, Schalotten, besteht gewöhnlich aus Männern. Man muß ihr also ein Achtel Frauen zuführen, die man aber meist im jugendlichen Alter wird suchen müssen, da selten ein Mädchen über 16 Jahren am Knoblauch Geschmack finden dürfte. Man wird zweitens aber auch die Vermischung der Arbeiten bei den Individuen herbeiführen müssen. Ein junges Mädchen liebt den Knoblauch, aber es liebt nicht das Studium der Grammatik, wohingegen ihre Eltern wünschen, daß sie den Genuß des Knoblauchs unterlasse, aber sich den Studien hingebe. Diese Wünsche sind in doppelter Beziehung gegen ihr Naturell. Man sucht also lieber Beides in doppeltem Sinne zu entwickeln. Sie steht im Garten und an der Tafel mit Liebhabern des Knoblauchs in Beziehung, und so erhält sie eines Tages von Marzellus eine Ode zum Lobe des Knoblauchs behändigt. Lebhaft pikirt über die Lästerer des Knoblauchs, ist sie beeifert, die Ode kennen zu lernen. Man benutzt also die Gelegenheit, um sie in freier Weise in die Schönheiten der lyrischen Poesie, des Versmaßes einzuführen; vielleicht kann sie sich eher für die Poesie als für die Grammatik begeistern, und so führt man sie von einem Studium zum andern. In dieser Weise verbindet die sozietäre Erziehung den kabalistischen Geist und den Hang zum Bizarren, um bei einem Kinde die Neigung für die Studien zu wecken, es indirekt zu einem Studium zu führen, das es ohne irgend eine stimulirende Intrigue zurückgewiesen haben würde. Es ist unzweifelhaft der natürlichste Weg, mit Hülfe solcher Intriguen die Kinder zur Initiative für die Arbeit zu gewinnen; man benutzt die Gourmandise als Mittel zum Zweck.“

Fourier vergleicht den Geschmackssinn mit einem Wagen, der auf vier Rädern läuft, die bezeichnet werden könnten mit Gastronomie, Küchenwirthschaft, Konservirung und Kultur der Lebensmittel. In der Zivilisation finde man es zwar häufig gerechtfertigt, die Kinder in die drei letzteren Thätigkeitszweige nach Möglichkeit einzuweihen, aber von der ersteren, der Hauptsache, halte man sie fern, sie gelte als ein Uebel. Die Gastronomie werde allerdings erst dann als Wissenschaft zu Ehren kommen, wenn sie den Bedürfnissen Aller genüge. Gegenwärtig sei es Thatsache, daß die Menge, statt in Bezug auf guten Tisch Fortschritte zu machen, mehr und mehr zurückkomme und immer schlechter sich nähre; ihre Nahrungsmittel ließen sowohl bezüglich ihrer Nahrhaftigkeit als ihrer Menge zu wünschen übrig. Wohl sehe man in Paris einige Tausend sich den Bauch pflegen und am Besten sich gütlich thun, aber Hunderttausende bekämen nicht einmal eine natürliche Suppe. Die Bouillon sei nur Schein, man bereite sie aus ranzigem Speck, Talg und fauligem Wasser. Der Handelsgeist sei im Wachsen und die niederen Klassen würden mehr und mehr von seinen Betrügereien erdrückt. Die Gastronomie sei nur unter zwei Bedingungen lobenswerth, einmal, daß sie direkt für die produktiven Funktionen angewendet, mit den Arbeiten für die Kultur des Bodens und der Vorbereitung in Haus und Küche verbunden werde und der Gastronom, also der Genießende, selbst dabei thätig sein müsse; dann, daß sie zum Wohlsein der arbeitenden Menge in Anwendung komme und so das Volk an den Raffinements eines guten Tisches Theil nehme, der jetzt nur für die Müßiggänger vorhanden sei. Dieser Zweck werde erreicht, wenn alle auf die Konsumtion abzielenden Funktionen sich so zu sagen um die Gourmandise raillirten, denn letztere werde stets anziehend bleiben; sie müsse also die Basis des Gebäudes bilden, wenn man dieses dauerhaft errichten wolle.

Unsere Philosophen stellten zwar das Prinzip auf, daß im System der Natur Alles verbunden sei, aber in unserm industriellen System sei nichts passionell verbunden. Die Industrie müsse durch auf die Gourmandise berechnete Serien ihre Verbindungen bilden, diese durch Trieb wie Anregungen an der Tafel zu den Arbeiten in der Küche, der Konservirung der Nahrungsmittel und dem Garten- und Feldbau führen. Kein Trieb habe mehr Anziehung, als derjenige des Geschmacks, um ein Ineinandergreifen der Thätigkeiten herbeizuführen; aber in der Zivilisation arbeite man diesem Trieb am Heftigsten entgegen, und zwar sei es hauptsächlich jene Verbindung, die ihrer Natur nach stets nur die Beschränktheit und die Einseitigkeit aufrecht erhalte: das Familienband.


Fourier beurtheilt den Kulturgrad einer Gesellschaft nach der Stellung, welche die Frau in derselben einnimmt, ein heute allgemein getheilter Standpunkt. Er geht aber weiter und macht die Gesellschaftsentwicklung überhaupt von der Stellung der Frau abhängig; nach ihm geht die Veränderung in der Stellung der Frau einem neuen Kulturzustand voraus, was nicht richtig ist, sondern diese Veränderung ist Folge. Wohl hat die bürgerliche Gesellschaft scheinbar Recht, und so urtheilt Fourier, daß die monogamische Ehe mit ihren legitimen Kindern Grundlage ihrer Gesellschaft ist, aber dieser monogamischen Ehe voraus geht das bürgerliche Eigenthum, der Privatbesitz an Grund und Boden und an den Produktionsmitteln. Der Privateigentümer ist bestrebt, sein Eigenthum zusammenzuhalten, auch über seinen Tod hinaus; er will in seinem Eigenthum gewissermaßen fortleben. Er sucht also einen Erben, der seinen Intentionen gemäß sein Eigenthum verwaltet und wo möglich vermehrt. Wo kann er diesen seinen Intentionen entsprechenden Erben besser finden, als in dem von ihm selbst gezeugten Kinde, das vielleicht auch der Erbe seiner Charaktereigenschaften ist und das er vor allen Dingen durch die Gewalt, die er über es ausüben kann, seinen Absichten gemäß zu bilden und zu erziehen suchen wird? Damit aber der Erbe auch sein wirklich legitimer Erbe sei, muß er möglichst sich vor der Gefahr sichern, die Kinder eines Fremden als die seinen ansehen zu müssen, und deshalb umgiebt er die Ehe mit all den gesetzlichen Zwangseigenschaften, die sie heute besitzt.

Die bürgerliche Ehe ist also mit dem bürgerlichen Eigenthum innig verwachsen, sie geht daraus hervor, und es ist ein ganz falscher Schluß, den Fourier macht, wenn er glaubt, in der bürgerlichen Ehe das Hauptübel sehen zu müssen, das der Umwandlung des bürgerlichen Zustandes in seinen sozietären sich entgegenstellt. Er ist von seiner Ueberzeugung, daß nur die Einehe das Hinderniß für den Ausgang aus der Zivilisation bilde, so durchdrungen, daß er dem Konvent vorwirft, dadurch die Revolution in ihrer Wirkung beschränkt zu haben, daß er vor der Ehe stehen geblieben sei. Wie konnte er nur eine halbe Maßregel, wie die Ehescheidung, gutheißen? Es waren die Philosophen, durch welche der Konvent sich gefangen nehmen ließ, sonst hätte nach seiner Meinung es geschehen können, daß die Revolution von 1793 eine zweite gebar, die eben so wunderbar gewesen wäre, als die erste entsetzlich war.

An sich ist es vollkommen richtig, wenn Fourier die Höhe eines Kulturzustandes bemißt nach der Stellung, welche die Frau in ihm einnimmt, es ist aber falsch, wenn er die Stellung der Frau als das Primäre, die Eigenthumsverhältnisse als das Sekundäre ansieht. Das Umgekehrte ist die Wahrheit. Im gesellschaftlichen Urzustand herrscht der Kommunismus an Grund und Boden, und wo dieser herrschte oder noch herrscht, existirt auch überall die freie Liebe, eingeschränkt durch gewisse Grenzen, die der allzunahen Blutsverwandtschaft gezogen werden. In diesem Zustand herrscht auch das Mutterrecht; wohl läßt sich die Mutter, aber nicht der Vater des Kindes nachweisen. In dem Maße, wie die Eigenthumsverhältnisse sich ändern, ändern sich auch die Beziehungen der Geschlechter. Mit der Entstehung von persönlichem Eigenthum wird auch die Frau persönliches Eigenthum, und da sie zugleich Arbeitsmittel wird, entsteht die Polygamie. Es giebt jetzt viele Mütter, aber einen Vater. Aber der Vater, der Töchter besitzt, wünscht seinen Töchtern, wenn er sie verheirathet, eine bevorzugte Stellung unter den anderen Frauen. Dieser Wunsch ist der Wunsch aller Eigenthümer, ihre Wünsche begegnen sich und man sucht durch größere Mitgift die Befriedigung dieser Wünsche zu erleichtern. Das Heirathsgut ist der Preis. Noch aber sind die Töchter im Gegensatz zu den Söhnen des Erbrechts beraubt. Allmälig erlangen sie auch dieses, sei es als Kaufpreis neben dem Heirathsgut, sei es als Tochter, die keine konkurrirenden Brüder hat. Damit kommt die Frau in die Lage, wo sie, statt der bevorzugten Frau, die einzige Frau wird. Aus der Polygamie wird allmälig die Monogamie. Eigenthum und Erbrecht in ihrer weiteren Entwicklung sind die Klammern, welche die Einehe zusammenhalten, und da die Eigenthümer auch die Gesetzgeber sind, wird die Einehe, ganz abgesehen von dem Mangel an materiellen Mitteln, der bei Privateigenthum den meisten Männern es unmöglich macht, mehrere Frauen ernähren zu können, Zwangsordnung auch für Jene, die kein Eigenthum und folglich nichts zu vererben haben. Die hierarchische Ordnung und die Gesetze, d. h. der Zwang, kommen stets von Oben, sie sind die in Paragraphen formulirten Interessen der herrschenden Klassen. Der Kampf gegen diese Ordnung geht stets von Unten aus, und aus diesem Kampf, der selbst wieder auf der Entwicklung der sozialen und materiellen Lebensbedingungen der Masse beruht, entsteht der gesellschaftliche Fortschritt. Mußten also hiernach Fourier's positive Vorschläge, weil sie auf einer falschen Grundanschauung beruhten, negativ bleiben, so hat hingegen seine negative Kritik an den bestehenden Zuständen sehr positiv gewirkt.

Fourier geht nunmehr dazu über, die bürgerliche Familie, die er als das Haupthinderniß seines Systems ansieht, in ihrem Wesen zu kritisiren. Halten wir seinen Hauptgedankengang fest: Gott hat die Welt erschaffen, und da er sie erschaffen hat, muß er sie auch gut erschaffen haben, sonst käme er in Widerspruch mit sich selbst. Der Mensch ist das von Gott geschaffene höchste lebende Wesen, für den er, wenn die Welt überhaupt einen Zweck haben soll, diese Welt erschaffen hat. Wie die Welt gut, so soll der Mensch, dem Willen Gottes entsprechend, glücklich sein. Statt dessen sehen wir die große Mehrzahl unglücklich, und zwar unglücklich, weil sie die Triebe, die Gott ihnen gegeben, nicht befriedigen können. Aus Unkenntniß ihrer Natur und ihres Zwecks haben sie sich eine Ordnung gegeben, in der diese Triebe meist unterdrückt werden, zur Einseitigkeit gelangen, kurz ihren Zweck verfehlten. Die Einheitlichkeit, d. h. die volle Harmonie zwischen den Menschen und der Welt und der Welt und Gott, ist aber der große Zweck Gottes, und um diese Einheitlichkeit zu ermöglichen, ist die Vielseitigkeit der Beziehungen auf ausgedehnter Stufenleiter die einzige Lösung. Dieser Vielseitigkeit der Beziehungen und der Ausdehnung derselben auf alle Menschen und die sie umgebende Natur steht die isolirte Wirthschaft des Menschen entgegen. Diese isolirte Wirthschaft ist aber nur wieder Folge des möglichst kleinsten Gruppenbandes, der Ehe, resp. Familie, ergo müssen Ehe und Familie in ihrer heutigen Gestalt verschwinden.

In diesem Gedankengang bewegt sich Fourier und von diesem Standpunkt aus kritisirt er die Ehe und Familie, wobei der Leser beachten will, daß Fourier hauptsächlich Pariser und großstädtisches Leben seiner Kritik zu Grunde legt. Er führt weiter aus:

„In der Zivilisation ist das System der Liebe ein System allgemeinen Zwangs und in Folge davon allgemeiner Falschheit. Wie im Handel so sind auch in Sachen der Liebe die Schutzmaßregeln (prohibitions) und die Kontrebande unzertrennlich. Wo die Liebe mit Schutzmaßregeln umgeben wird, darf man auf deren allgemeine Uebertretung rechnen. Schon daraus folgt, daß alle Familienbeziehungen verdorben sind. Der Gatte wird durch seine Frau betrogen, die Tochter verheimlicht ihm ihre Beziehungen und dies wirkt zurück auf seine Treue in der Ehe. Die schmachvollste aller sozialen Perfidien ist, daß er nicht selten über den Ursprung seiner Kinder getäuscht wird, ein Vorkommniß, das auf der Bühne zum Gegenstand des Spottes und der Lächerlichmachung dient.“

„Diejenigen, die beanspruchen, die Wahrhaftigkeit in die sozialen Verhältnisse einzuführen, ohne darunter auch die Beziehungen der Liebe zu begreifen, sind mit Blindheit geschlagen. Sie scheinen nicht zu wissen, daß die Liebe eine der vier Hauptleidenschaften ist und eine der mächtigsten; ist sie gefälscht, so genügt dies, um durch ihren Kontakt den Mechanismus des ganzen sozialen Systems zu fälschen. Wer glaubt, hier Fälschungen zulassen zu können, handelt wie eine Regierung, die um eine achtzig Meilen lange Grenze gegen die Pest abzusperren, sich begnügt, sechzig Meilen durch einen Truppenkordon zu besetzen und den Rest der freien Passage den Pestkranken offen läßt ...“

„Die Welt besteht aus Betrügern und Betrogenen, und so sollte man annehmen, daß die öffentlichen Einrichtungen die dem Betrug ausgesetzte Klasse schütze. Die Ehe, scheint es, ist ganz im Gegentheil eine Einrichtung zum Nachtheil der vertrauenden Leute, sie scheint erfunden zu sein, um die Verderbten zu belohnen. Je schlauer ein Mann ist und sich durch Verführungskünste auszeichnet, um so leichter gelangt er zu einer reichen Heirath und gewinnt die öffentliche Achtung. Man bringe die infamsten Hülfsmittel in Anwendung, um eine reiche Partie zu machen, sobald es ihm gelingt, zu heirathen, ist er ein kleiner Heiliger, ein Muster von Tugend. Erwirbt Jemand plötzlich ein großes Vermögen dadurch, daß es ihm gelang, ein junges Mädchen zu gewinnen, so ist das ein der öffentlichen Meinung so gut gefallendes Resultat, daß sie alle Intriguen verzeiht. Alle Welt preist ihn nun als guten Ehemann, guten Vater, guten Verwandten, als guten Freund und Nachbar, guten Bürger und guten Republikaner. Das ist die Manier der Lobhudler, sie loben ihn vom Scheitel bis zu den Zehen, im Ganzen und im Einzelnen.“

„Eine gute Heirath ist der Taufe vergleichbar durch die Raschheit, mit welcher sie allen früheren Schmutz verwischt. Daher wissen Väter und Mütter nichts Besseres zu thun, als ihre Söhne zu unterweisen, wie sie zu einer reichen Partie gelangen können, einerlei auf welchem Wege, denn eine reiche Heirath ist die wahre, bürgerliche Taufe, welche in den Augen der Oeffentlichkeit alle Sünden abwäscht. Dieselbe öffentliche Meinung hat lange nicht diese Nachsicht mit den anderen Parvenüs, denen sie ihre Schändlichkeiten, durch die sie zu Vermögen gelangten, lange nachträgt.“

„Welche Aussicht auf Erfolg für die Ehe hat dagegen ein Tugendhafter, welcher, gehorsam den bürgerlichen und religiösen Vorschriften, erklärt, daß er seine Tugend bis zum dreißigsten Jahre bewahren wolle, um sie seiner künftigen Frau als Geschenk in die Ehe zu bringen? Der, getreu den Lehren jenes vortrefflichen Buches, das sich „Einführung in einen gottergebenen Lebenswandel“ betitelt, sich bis zum dreißigsten Jahre enthält „aus dem Becher der Unzucht den Wein der Prostitution zu Babylon“ zu trinken? Welche Aussicht hat er? Und wenn es ihm einfällt, eine solche Erklärung abzugeben, welchen Dank findet er bei den Frauen? Mütter wie Töchter werden dies scherzhaft finden und bei gleichem Vermögen, gleichem Alter, gleich günstiger äußerer Gestalt werden Mutter und Töchter einen „geübten“ jungen Mann ihm, dem „Tölpel“, der seine Tugend nach den Vorschriften der Religion und Moral bewahrte, vorziehen.“

„Bei der Untersuchung über das Wesen der Ehe sind also alle Vortheile auf Seiten der Intriguanten und Verderbten, woraus zu schließen, daß dieses Band eine Lockspeise ist, sich persönlich zu depraviren.“

Dieselbe üble Meinung, die Fourier hier durchschnittlich von den Männern unter den gegebenen Verhältnissen hat, besitzt er auch von den Frauen. Von ihnen rühmt er die Leichtigkeit, mit der sie die Fehler ihrer Ehemänner annähmen, aber nicht ihre Tugenden.

„Verheirathet eine Heilige an einen Spitzbuben und sie wird ihm bald in der Spitzbüberei nacheifern, seine Komplizin im Hehlen sein. Besitzt sie einen tugendhaften Mann, weit entfernt, seine Tugenden zu adoptiren, wird sie dagegen den Eindrücken eines leichtfertigen Kourmachers zugänglich sein. Eine schöne Eigenschaft der Ehe, die den Frauen nur die Laster der Männer, nie ihre Tugenden mittheilt. Da es aber unter den Ehemännern der Zivilisation 99/100 lasterhafte und nur 1/100 tugendhafte giebt, so kann man nach diesem Maßstabe die moralische Vollkommenheit schätzen, welche die Ehe bei den Frauen erzeugt.“ ...