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Erzgebirgische Geschichten

von

Elfried von Taura,

Verfasser von: »Die stille Mühle« etc. etc.

Erster Band.

Hannover.

Carl Rümpler.
1858.


Druck von August Grimpe in Hannover.


Inhalt.

[Bretschneiderfritz.]

[Die Fundgrube Vater Abraham.]

[Der Gimpelkönig.]


I.
Bretschneiderfritz.

1.

Hoch auf dem Plateau des Erzgebirges, in der nordöstlichen Nachbarschaft des Keilberges, erhebt sich, weit nach Mitternacht und Morgen sichtbar, die rautenförmige Basaltkegelgruppe des Bärenstein, Scheibenberg, Pöhlberg und Haßberg. Es ist ein Raum von wenig Geviertstunden, den sie umschließt, aber ein Raum voll landschaftlicher und menschlicher Contraste. Die üppigsten Wiesengründe wechseln mit kahlen Bergkuppen und hochgethürmten Felsen, die herrlichsten Tannenwälder mit den traurigsten Torfmooren, die belebtesten, von bienenfleißigen Menschen wimmelnden Gegenden mit menschenleeren Wüstungen und die abgeschliffensten, auf der Höhe der Civilisation stehenden Stadtbewohner mit Gemeinden, die noch um Jahrzehente hinter jenen zurück sind. Tiefer als die Kluft, welche die Gegensätze der Bildung scheidet, kann das tiefe Thal nicht sein, welches die ganze Fläche in zwei Hälften scheidet, eine östliche und westliche. Aber von welchen Gegensätzen wüßte der Bach zu erzählen, der das Thal bald sanft, bald wild durchströmt, wenn wir ihn fragen wollten! Es genügt hier zu wissen, daß er in seinem obern Lauf die Grenze zweier Staaten und zweier Kirchengebiete bildet, daß er anfangs durch ein flaches Wiesenthal, dann durch ein enges, tiefes, felsiges Waldthal und endlich durch das tiefe und weite Thal von Königswald fließt. Da wo der schöne Bach die Grenze eines der augenfälligsten landwirthschaftlichen Contraste überschreitet, an der untern Oeffnung des erwähnten Waldthales, bespült er den Garten einer Försterei und treibt unterhalb derselben eine Mahl- und Sägmühle, oder, wie man hierzuland sagt, Bretmühle.

Es wird mir weh ums Herz, so oft ich an diese Bretmühle denke. Denn immer muß ich da auch an den armen Bretschneiderfritz denken, der einst dort lebte und, wiewohl er fast nie aus dem Thal gekommen, mehr erlebte als manches Menschenkind, das die halbe Welt am Wanderstabe durchmessen.

Wenn ich so um zwanzig Jahre in meiner Erinnerung zurückgehe, was war da der Bretschneiderfritz von Königswald für ein Mann! Alt und Jung hatte ihn gern und ehrte ihn als Einen, der sein Fach verstand und auch noch etwas mehr, der dabei ein rechtschaffen Stück Geld verdiente und »lebte und leben ließ.« Zwar der Förster drüben über dem Bach war nicht ganz gleicher Meinung mit den Königswaldern, denn er hatte den Fritz im Verdacht, daß er um die schönen Stämme und Klötze wisse, die von Zeit zu Zeit aus dem Theile des Reviers verschwanden, welcher mit dem Pöhlwasser zunächst der Bretmühle »raint«. Er konnte jedoch nichts auf ihn bringen, und so blieb Fritzens Ansehen bei den Königswaldern ungeschmälert. Er war kein Jüngling mehr, denn er hatte bereits in den Zwanzigern nichts mehr zu suchen, doch war er noch immer ein Junggeselle. Nicht als ob es ihm an Gelegenheit zum »Freien« gefehlt hätte! In Königswald mangelt es so wenig als anderwärts an heirathslustigen Jungfern, und da der Fritz ein »feiner Bursch« war, so hätte mehr als eine und nicht die schlechteste mit beiden Händen zugegriffen, wenn er gesagt hätte: »Nimm mich!« Aber unser Fritz war ein wenig wählerisch und zuletzt gab es nur Eine in Königswald, der er Herz und Hand schenken mochte, das war Kordel, die Mündel seines Brodherrn, des Müllers.

Da hatte es nun so seinen besondern Haken, daß Fritz mit seinem Werben nicht recht vom Flecke kam. Nicht als ob er dem Mädchen nicht angestanden hätte, im Gegentheil, sie hatte deß vor ihren Freundinnen gar keinen Hehl, daß sie den Fritz gern habe; aber dieser war so bis über die Ohren in sie verliebt, daß er nicht wußte, wie er an sie kommen sollte. Das Mädchen hatte so sein eigenes Köpfchen, was sie von allen schönen Königswalderinnen unterschied: wie sie immer etwas Apartes vor diesen haben mußte, sei es nun an ihren Kleidern oder in der Art, wie sie das üppige kastanienbraune Haar scheitelte und aufsteckte, so wollte sie auch von den Männern anders genommen sein, wie jene, namentlich wollte sie dem Mann ihrer Wahl keinen Schritt entgegengehen, woran es die andern jungen Königswalderinnen keineswegs fehlen ließen. Dem Bretschneiderfritz machte Kordel's zurückhaltendes Wesen viel Herzensnoth, und in dieser verfiel er auf einen Weg, auf den er am allerwenigsten hätte verfallen sollen: er entdeckte sich dem Müller und bat ihn um seine Fürsprache. Der Müller sagte ihm ihre Hand ohne Weiteres zu, gerade als ob er als Vormund nur so mir nichts dir nichts über ein freies Menschenwesen hätte verfügen dürfen. Es war ihm indeß mit seiner Zusage gar nicht so ernst, wie er that, wenigstens schob er ihre Erfüllung auf die lange Bank, und das war Fritzens Unglück.

In Königswald hieß es schon lange, daß Fritz und Kordel auf dem Punkte ständen, ein Paar zu werden; da fehlte es denn wie gewöhnlich nicht an spitziger Neckerei, noch an neidischer Afterrede. Wäre das Gerücht wahr gewesen, so hätte sich Kordel aus Beidem nichts gemacht, aber da die Sache noch im weiten Felde stand, Fritz noch kein Sterbenswörtchen von Liebe und Heirath zu ihr gesagt hatte, so verdroß es sie, so »in der Leute Mäuler herumzugehen«, und sie wurde dem Fritz fast böse, daß er das Gerücht vom Brautstand veranlaßt und doch nicht wahr machte. Als es ihr gar zu bunt ward, meinte sie, sie wolle dem Gerede bald ein Ende machen; es müsse ja der Fritz nicht sein; es gäbe der Bursche noch genug in der Welt, und der erste Beste, der sie haben wolle, und der ihr gefalle, solle sie heimholen. – »Ja« – mußte sie aber dann lächelnd einwenden – »wenn nur erst Einer käme, so »fein wie der Fritz« oder »noch a Bissel feiner.« – »Je nun« – raisonnirte der Trotzkopf, sich stolz in die Höhe werfend, weiter – »wer weiß, es kann morgen Einer kommen.«

Es war eines Sonntags, als sie aus der Kirche kam, wo sie dieses Selbstgespräch hielt, und sie war dazu durch die Neckerei ihrer Freundinnen auf dem Kirchhof veranlaßt worden. Ihr Weg führte sie an ihrem von den Eltern ererbten Häuschen vorüber, welches jetzt eine alte Muhme bewohnte, die als Sibylle von Königswald bei allen jungen Mädchen, verliebten Burschen, wie lottospielenden Weibern und Männern des Ortes in hohem Ansehen stand. Kordel fand sich bei den letzten Worten ihres Selbstgesprächs gerade vor ihrem Besitzthum; was war bei der Richtung ihrer Gedanken natürlicher, als daß sie hineinging, die »Muhme Beate« zu fragen, was für ein Mann ihr beschieden wäre. Die Alte empfing ihre jugendliche Hauswirthin mit zuvorkommender Dienstwilligkeit – ihr sibyllinisches Buch aus zweiunddreißig Blättern lag auf dem Tisch, eh' Kordel ihren Wunsch noch ausgesprochen hatte. Richtig! da war es ja ganz offenbar: ihr war »ein junger, schöner Herr in einem grünen Rock« beschieden, nicht aus Königswald, sondern weit, weit her – aus Leipzig oder Dresden, wo nicht gar aus Bautzen;« er war bereits unterwegs und eh' drei Tage vergingen, konnte sie ihn schon gesehen haben.

Es soll mich wundern, wenn Kordel an diesem Abend so geschwind eingeschlafen ist, wie sonst, und wenn sie nicht von dem Grünrock geträumt hat. Der Montag verging, ohne daß er ihr den Verheißenen vor die Augen brachte, so oft sie auch zum Fenster hinaussah oder sich im Hofe, im Garten und auf der Wiese zu thun machte. Aber sonderbar – Abends beim Essen erzählte der Müller, daß beim Förster drüben ein neuer Gehülfe angekommen sei, ein »kreuzfideler Kauz«, mit dem er auf dem Weiperter Blechhammer einen so vergnügten Nachmittag zugebracht habe, wie lange keinen. Kordel wurde roth bis in den Nacken, und diese Nacht träumte sie wirklich von einem Grünrock.

Am andern Morgen litt es sie nicht im Hause; kaum hatte sie ihren Kaffee getrunken, so nahm sie Sense und »Wetzkitze« und eilte auf die Wiese, die der Pöhlbach vom Garten des Försters trennte, dort zu mähen. Denn der Müller hielt sie nicht zum Staat in seinem Hause, sondern ließ sie ihr Brod ordentlich verdienen. Sie hatte kaum zwei Schwaden nieder, da horch! – so etwas hatte sie noch nie gehört, – aus dem offenen Giebelfenster des Forsthauses sang eine Tenorstimme, gegen welche die des Kantors nur heiseres Gekrächze war, das schöne Lied: »Es blies ein Jäger wohl in sein Horn – trarah – trarah – trarah etc.« Das Mädchen vergaß gar das Mähen über den wunderholden Tönen, und die Empfindungen, welche Text und Melodie athmen, strömten in solchen Schauern durch ihre Brust, daß diese das fesselnde Mieder zu zersprengen drohte.

Auch den Bretschneider lockte der ungewohnte Sang an sein Fensterlein, das nach dieser Seite herausgeht, und wie ihm wurde, als er sein Lieb nur fünfzig Schritte von dem Forsthause auf ihre Sense gelehnt in Zuhören versunken sah, das will ich Niemand sagen. Aber es sollt' ihm noch schlimmer werden. Denn das Lied war kaum zu Ende und Kordel hatte kaum die Sense wieder in Bewegung gesetzt, da kommt ein schlanker grünrockiger Gesell mit fliegenden schwarzen Locken zum Forsthause heraus, setzt wie ein Hirsch über den Bach und ist wie der Blitz an Kordel's Seite.

»Guten Morgen, Jungfer Nachbarin!« grüßte der Wildfang. – »So schöne Gelegenheit, Unterricht in der Landwirthschaft zu erhalten, finde ich im Leben nicht wieder; da muß ich gleich Stunde nehmen. Ich bitte!« Und damit nimmt er die Sense aus der Hand des erglühenden und bebenden Mädchens.

»Ach, verzeihen Sie!« fährt er zu sprechen fort. – »Ich habe Sie erschreckt – dictiren Sie mir welche Strafe Sie wollen, und zürnen Sie mir nicht!«

»Geben Sie mir meine Sense!« stammelte das verlegene Kind.

»Warten Sie nur einen Augenblick!« versetzte der kecke Mensch. – »Wenn Sie mir böse sind, so muß ich Ihren Vater, das fidele Haus, rufen, daß er meinen Advocaten bei Ihnen mache.«

»Der Müller ist nicht mein Vater«, versetzte sie, »sondern nur mein Vormund.«

»So vertritt mein alter Freund von gestern also doch Vaterstelle bei Ihnen. Wie ist es, muß ich mir seinen Beistand erbitten, oder verzeihen Sie mir so?«

»Ich habe ja nichts zu verzeihen.«

»Wohlan, Ihre Hand! O welche allerliebste kleine Hand! Man sollte nicht meinen, daß sie solche Arbeit verrichten könnte.«

»O Sie sollen gleich sehen, ob sie's kann; geben Sie mir nur die Sense!«

Er behielt sie jedoch und schickte sich an, eine Schwade zu hauen.

»Um Gotteswillen!« schrie das Mädchen, ihm in den Arm fallend, »so hauen Sie sich ja die Zehen weg.« Und nun nahm sie die Sense und zeigte ihm, wie man sie führen müsse.

Dem Allen mußte der gute Bretschneider von seiner Bretmühle aus zusehen, und ihm war, als ob die kreischende Säge hinter ihm mitten durch sein Herz schnitt. Jetzt – das sah er ein – war es die höchste Zeit, sein Schäfchen ins Trockene zu bringen, sonst war es für ihn verloren. Er eilte stracks hinüber in die Mühle, um mit seinem Herrn ein ernstes Wort über die Heirathsangelegenheit zu reden. Leider war der Müller ausgegangen und Fritz mußte sich gedulden bis Mittag. Als er wieder über den Hof ging, begegnete ihm die von der Wiese zurückkommende Kordel. Er sah sie mit einem traurigen und doch so innigen Blick an, daß er ihr durch die Seele drang. Jetzt hätte er dreist sein und sein ganzes Herz vor ihr bloß legen sollen; gewiß, sie hätte ihm nicht widerstanden, und wenn sie einmal Ja gesagt, da wäre sie ihm auch treu geblieben, und es wäre ganz anders geworden mit dem armen Fritz – aber auch mit ihr. Allein er seufzte blos, und ging zu seiner Säge – mit der konnte er um die Wette seufzen.


2.

Am Mittag, gleich nach dem Essen, als Kordel bereits wieder draußen herumwirthschaftete, zog Fritz den Müller mit sich auf die Bretmühle. Wie bekannt hat jede Schneidemühle ein Souterrain, in welchem sich die Radstube befindet. Dort häufen sich auch die von oben herabfallenden Sägespäne auf. Es mußte sich gerade treffen, daß Kordel, um dergleichen Späne einzufassen, sich in der Radstube befand, als Fritz und der Müller oben ankamen und sich auf den vor der Säge liegenden Klotz setzend, ein Gespräch begannen, in welchem das Mädchen fast das erste Wort war. Kordel war bestimmt nicht die Neugierigste ihres Geschlechtes, aber in diesem Falle konnte es ihr Niemand verargen, wenn sie sich nahe herbeischlich und sich hütete, ihre Anwesenheit zu verrathen. Der Bretschneider machte dem Müller Vorwürfe, daß er sein Versprechen bis heute nicht erfüllt hatte. Der Müller entschuldigte sich damit, daß es noch immer nicht habe passen wollen, fügte aber hinzu, daß er dem Fritz diesen wichtigen Dienst nur um einen Gegendienst leisten könnte. Auf Fritzens Befragen, was für Einer das wäre, antwortete der Müller:

»Das kann Er sich schon denken, Fritz! Er soll mir zu meinem Eigenthum verhelfen, den achtzehn Fichten oben an der Waldecke hinter der Mühle.«

Fritz kratzte sich hinter den Ohren und sagte kein Wort.

»Er meint doch nicht, es wäre ein Unrecht,« fuhr der Müller fort, »wenn wir die Fichten holen? Sie gehören mir von Rechtswegen; der Boden, worauf sie stehen, gehört zu meiner Mühle; der frühere Förster hat bei Lebzeiten meines Schwiegervaters die Grenzsteine verrückt und so die schönen Fichten, wie er keine auf seinem Revier hatte, an den Staatswald gebracht.«

»Warum suchen Sie denn Ihr Recht nicht?« fragte Fritz.

»Red' Er mir nicht von Rechtsuchen dem Fiskus gegenüber!« versetzte der Müller. »Soll ich mich um die Mühle prozessiren? Er weiß doch, wie es den Grumbachern geht, die nun seit funfzig Jahren wegen des Streitwaldes mit dem Fiskus im Proceß liegen. Fritz – sei Er nicht wunderlich! Es ist ja keine Gefahr bei der Sache. Der neue Forstgehülfe ist auf dem Revier noch unbekannt, auch bin ich bereits gut Freund mit ihm und will ihn schon lenken.«

Fritz schüttelte den Kopf und sagte: »Mit dieser Sache möcht' ich nicht gern zu schaffen haben.«

»So hab' ich auch nichts mit Seinen Absichten auf die Kordel zu schaffen und ich gebe sie, wen sie sonst will.« Damit erhob sich der Müller und ließ den armen Fritz in der traurigsten Stimmung sitzen.

Kordel hatte von dieser Unterredung nicht ein Wort verloren. Sie vergaß die Sägspäne vor Zorn über den Vormund, daß er sie um achtzehn Fichten verkuppeln wollte und auch über den Fritz, daß er sich mit seiner Werbung an den Vormund statt an sie selber gewendet hatte.

Ihr Groll gegen den Vormund milderte sich indeß schon am Abend; denn da brachte er den Forstgehülfen mit nach Hause. Dieser hatte jetzt seinen grünen Anzug durch einen Tirolerhut vervollständigt, der ihm verwegen auf dem rechten Ohre saß. Statt Büchse und Waidtasche trug er ein weit friedlicheres Instrument am Arme: eine Guitarre, auf der er im Schreiten über die Hausflur bis in die Mitte der Stube einen Marsch spielte, zum Ergötzen der Müllerin und des gesammten Hausgesindes, nur nicht des Bretschneiders. Der ärgerte sich über die Musik dermaßen, daß er mit einer verteufelten Unmusik gegen sie ins Feld rückte: er nahm die Feile zur Hand und fing an, die Säge in einer Weise zu schärfen, daß es über eine halbe Stunde weit schrillte. Da konnte der Jäger allerdings nicht spielen und singen, weshalb die Müllerin hinausrannte und dem Fritz das Schärfen untersagte.

Der Forstgehülfe war in der That ein Sänger, wie ihrer nicht viele in grünen Pikeschen umherlaufen. Hätt' er nur einen bessern Gebrauch von seiner schönen Gottesgabe gemacht. Die gute Kordel hatte gar keine Ahnung, was für ein Springinsfeld der dunkellockige Sänger war, sonst hätte sie seinen schmeichelnden Tönen nicht so freien Eingang in ihr Herz gestattet, wie es schon am Morgen der Fall gewesen war und noch weit mehr diesen Abend geschah. Und diesem Abend folgten noch andere, ja, einen wie den andern stellte sich der Jäger ein, und eh' die Woche um war, fand er sich in der Mühle wie zu Hause, und Kordel's Herz hing wehrlos in seinem aus Gluthblicken und Tönen gewobenen Liebesnetz.

Um den Bretschneiderfritz war es geschehen. Am Sonntage mußte er sehen, wie Kordel in Begleitung des Müllers und des Grünrocks in »das Gericht« zu Tanze ging. Da fuhr die Hölle in sein Herz, und wie er ihnen nachsah, ballte er seine Faust und sprach: »Warte, du Tagedieb, dich will ich bald aus meinem Gehege vertreiben.« Darauf zog er sich an und ging ebenfalls in das Gericht.

Der Bretschneiderfritz war kein Säufer, und Niemand in ganz Königswald konnte auftreten und sagen, er habe ihn ein einziges Mal betrunken gesehen; heute betrank er sich, und das Bißchen Verstand, welches der Teufel der Eifersucht ihm noch gelassen, das trieb der Schnapsgeist vollends aus. Zwar war er nicht so voll, daß er taumelte, als er sich vom Müller bereden ließ, aus der Schänkstube hinauf in den Tanzsaal zu gehen, aber wer ihn kannte, sah, daß das Thier in ihm jetzt die Oberhand hatte. Die Kordel sah es ihm gleich an, als er auf sie zukam, und obschon sie nicht wagte, ihm den Tanz abzuschlagen, so riß sie sich doch gleich von ihm los, als er sie fest an sich riß, daß es ihr den Athem versetzte. Er wollte sich ihrer wieder bemächtigen, aber sie stieß ihn mit solcher Heftigkeit von sich, daß er zu Boden taumelte. Der Müller hob ihn auf und führte ihn fort, während Kordel sich unter den Schutz des Forstgehülfen flüchtete.

»Herr!« sprach Fritz zum Müller, als sie wieder nach der Schänkstube gingen, »wollen Sie die Fichten noch haben?«

»Er holt sie mir doch nicht,« erwiederte der Müller kühl.

»Ich hole sie – heute Nacht noch fang' ich an. Geben Sie auf die Kordel Acht und halten Sie den Försterburschen auf!«

»Verlaß Er sich auf mich!« sagte der Müller, worauf Fritz, ohne noch ein Wort zu sagen, davon eilte.

Der Forstgehülfe ließ sich nur zu gern halten, weniger durch das Zureden des Müllers, als durch den Zauber, den Kordel auf ihn übte. Es graute schon der Tag, als die drei Nachtschwärmer in die Mühle zurückkehrten. Der Forstgehülfe hängte sein Gewehr über, das er hier eingelegt hatte, nahm mit einem Kusse von Kordel Abschied und eilte dem Walde zu, um da nachträglich seine Pflicht zu erfüllen. Als er aber an ein wunderheimliches Plätzchen kam, wo ein von jungen Tannen beschatteter schwellender Mooshang zum Ruhen einlud, meinte er, es sei Eins besser als das Andere, legte sich und schlief ein. Erst als die Mittagssonne durch eine Oeffnung des dichten Gezweiges ihm ins Gesicht schien, erwachte er, und da mußte es sich noch schicken, daß ihm zwei Weiber mit schwergeladenen Holzkörben in den Weg kamen, gegen die er das Interesse des Staates durch Pfänden und Aufschreiben der Namen wahren konnte. Glücklich, zwei schneidende Beweise seines Diensteifers – eine Handsäge und ein Beil – dem Prinzipal überliefern zu können, betrat er das Forsthaus – aber mit einem »Hol' Sie der Henker mit Ihrem Bettel da!« wurden ihm die Pfänder von dem erzürnten Förster vor die Füße geworfen.

»Bei Ihnen heißt es wohl auch: Die kleinen Diebe hängt man, die großen läßt man laufen?« fuhr der Förster fort; »hätten Sie lieber aufgepaßt, daß man nicht die drei schönsten Fichten im Walde gestohlen hätte, als daß Sie auf ein paar alte Weiber mit Kaffeeholz fahndeten. Wenn Sie sich noch eine solche Nachlässigkeit zu Schulden kommen lassen, so sind wir auf der Stelle geschiedene Leute. Von heute an inspiciren Sie lediglich den Kriegwald, und da haben Sie Acht auf die Bretmühle, denn irre ich nicht, so haust dort unser Dieb, obgleich eine genaue Haussuchung in allen Ställen und Schuppen der Mühle nicht das Geringste ergeben hat.«


3.

Als der Gehülfe am Nachmittage den Platz besah, wo in der Nacht die stattlichen Bäume verschwunden waren, wurde es ihm gleich klar, daß dieselben nicht gut anders wohin als in die Mühle gewandert sein konnten. Sicher aber war der Müller unschuldig daran, denn wie sollte ein so bemittelter Mann Holz stehlen? Er ließ sich daher durch den Vorfall nicht abhalten, gegen Abend wieder in die Mühle zu gehen und eine Blumenlese theils verliebter, theils lustiger Lieder zum Besten zu geben. Länger aber als bis es finster geworden war, ließ er sich diesmal nicht halten, sondern er ging an seinen Posten, schwörend, daß wenn die Diebe heute kämen, sie ihren Mann finden sollten. Sie kamen aber nicht, und auch die folgende Nacht nicht, noch die dritte.

In der vierten Nacht meinte der junge Forstwart, es sei doch eine Thorheit, da umsonst und nichts im kühlen Forst die halbe Nacht hindurch zu wachen, statt mit dem nettesten Mädchen, das je an eines Waidmanns Brust gelegen, zu kosen. Er ging zwar wie gewöhnlich um neun Uhr aus der Mühle fort und hinauf in den Wald, aber als im Dorfe der Wächter die zehnte Stunde abblies, schlich er sich wieder in die Mühle, wo Kordel ihn bereits erwartete – das arme, arme Ding! –

Als am frühen Morgen der pflichtvergessene Bursche aus Kordel's Armen hinauseilte nach dem Walde, rührte ihn das Gewissen nicht, daß er ein holdes Menschenleben vergiftet hatte; dagegen wurde er von dem Anblick der drei frischen Stöcke, die neben den drei ersten entstanden waren, wie vom Donner gerührt. Jetzt mußte er aus dem Dienst, das wußte er, denn der Förster spaßte nicht, und dies und wieder dies allein war sein Gedanke und seine Sorge – was aus der armen Kordel werden würde, daran dachte er nicht im Geringsten. Aber vielleicht konnte sie ihm zur Entdeckung des Diebes behülflich sein – dieser Gedanke trieb ihn flugs in die Mühle zurück, wo, wie er wußte, Kordel noch wachte, da sie jetzt den Backofen zu heizen hatte.

Kordel saß, beleuchtet von der röthlichen Flamme, die sie eben angezündet hatte, auf den Stufen vor dem Backofen und hatte ihr Antlitz in die Schürze gehüllt, als der Verführer wieder zu ihr trat. Sie fiel ihm weinend um den Hals und dankte, daß er wiederkomme, denn ihr sei so angst und bange geworden, seit er sie verlassen. »O nicht wahr« – fuhr sie, ihm in die verführerischen Augen blickend, fort – »nicht wahr, Du verlässest mich nicht?«

»Wenn ich nur nicht muß, lieber Schatz!« erwiederte er, sie küssend. Das Mädchen fuhr erschrocken zurück und fragte, wie er das meine? Nun berichtete er ihr seine Entdeckung, theilte ihr mit, was er zu erwarten habe, und versetzte sie dadurch in die schrecklichste Angst. Gleichwohl gelang es ihm nicht sogleich, ihr das Geheimniß, um das sie wohl wußte, zu entlocken, erst nachdem er sie überredet hatte, daß das Vergehen mit einigen Wochen Gefängniß gesühnt sei, und als er mit traurigen Geberden für immer von ihr Abschied nahm, verrieth sie ihm den Ort, wo die entwendeten Fichten, in Klötze geschnitten, untergebracht waren; mehr aber konnte er nicht von ihr erfahren.

Der Müller saß mit seinen Leuten beim Frühstück, als der Förster mit einem Gerichtsschöppen erschien, um abermals Haussuchung vorzunehmen. Aber diesmal nahmen sie sich nicht die Mühe, in Ställen und Schuppen herumzukriechen, sondern sie verfügten sich stracks hinter die Bretmühle, wo sie unter dem »Fluther« nach einigem Suchen ein großes verdecktes Gewölbe und darin die gesuchten Klötze entdeckten. Der Müller schien nicht im Geringsten verlegen bei dieser Entdeckung; er fluchte auf die Diebe, die sein Haus verunehrten, und that, als ob er nicht das Mindeste um das Vergehen wüßte, was der Förster auch glaubte, da er einem solchen Manne, der noch dazu sein Gevatter war, eine solche Handlung nimmermehr zutraute.

»Ich habe dem Bretschneider schon lange nicht getraut,« erklärte er, »und kein Anderer als er und der Kadenlieb sind die Diebe.«

Am folgenden Tage wurde der Bretschneiderfritz mit dem Tagelöhner »Kadenlieb« ins Amt abgeführt. Der Müller mußte zwar auch mit, aber nach kurzem Verhör wurde er als ein angesessener Mann entlassen. Den Bretschneider und seinen Mitverdächtigen sperrte man ein. Sie bekannten ihr Vergehen gleich im ersten Verhör, ohne die Mitschuld des Müllers anzugeben.

Keiner von Beiden hatte eine Ahnung von dem Schicksale, das ihnen bevorstand. Walddiebstähle waren im Königswalder Forst keine Seltenheit, aber der höchste, der bis dahin an Königswalder Einwohnern gestraft worden war, hatte den Betheiligten nicht über drei Monate Gefängniß gebracht. Daß man wegen Waldfrevel ins Arbeitshaus kommen könne, das schien den Beiden ebenso unmöglich wie andern Königswaldern, denn welcher gemeine Mann kennt die so und so viel Paragraphen der verschiedenen Strafgesetzbücher? Wie erschraken daher die Inkulpaten, als ihnen nach halbjähriger Untersuchungshaft das Urtheil eröffnet wurde, welches über den Bretschneider drei und über den Kaden anderthalb Jahre Arbeitshaus verhängte! Der Letztere faßte sich zwar bald wieder und tröstete sich, es werde wohl auszuhalten sein, aber den Ersteren erschütterte der harte Richterspruch so tief und dauernd, daß sein Mitgefangener (seit die Akten spruchreif waren, hatte man die beiden Schuldgenossen zusammengesperrt) fortwährend befürchtete, er möchte sich »ein Leid anthun.« Und wer weiß, was geschehen wäre, hätte nicht vierzehn Tage nach der Urtheilsverkündigung der Amtswachtmeister folgenden Brief überbracht:

»Guter, lieber Fritz! Sie sind gerächt. – Ich habe den Ort, wo die Klötze lagen, verrathen. – Gott weiß, ich wollte Ihnen kein Uebel zufügen – aber die Liebe – o Gott! wie fürchterlich bin ich für meine Verblendung gestraft! – Ich bin nicht mehr in der Mühle – als die Frau erfuhr, daß es anders mit mir stehe, hat sie mich aus dem Hause gejagt. Ich rannte in der Verzweiflung nach dem Hammerteich, aber der liebe Gott hat mich verstoßen, wie mich die Menschen verstießen, er ließ mich zur rechten Zeit die schwere Sünde, die ich zu begehen im Begriff stand, erkennen. – Ich wohne nun im Hause mit der Kartenschlägerbeate zusammen. Es ist ein traurig Leben – o wenn es überstanden wäre. Ich komme nicht aus dem Hause, selbst nicht in die Kirche, denn ich schäme mich vor den Leuten, und zu mir kommt Niemand in meinem Elend; sogar meine besten Freundinnen verachten mich, besonders seit er, dem ich meine Ehre geopfert, fort ist in die weite Welt. Nicht wahr, guter Fritz, so hätten Sie nicht handeln können?

Mein Gewissen läßt mir keine Ruhe – verzeihen Sie mir, lieber Fritz! – ich werde ruhiger werden, wenn ich Ihre Verzeihung habe. Werth bin ich Sie freilich nicht, denn ich habe mich schwer an Ihnen versündigt und weiß auch, daß ich mein Vergehen nie wieder gut machen kann. O wenn ich doch das könnte! – Denken Sie aber ja nicht, daß ich weiter etwas will, als Ihre Verzeihung – daß ich ein so freches Ding wäre, welches einen braven Menschen wie Sie nun für gut genug hielte, nachdem ein Anderer sie sitzen lassen. – Lassen Sie mir nur ein paar Zeilen zukommen, daß Sie mir nicht fluchen.

Ich habe gehört, welch' ein hartes Urtheil Sie getroffen – der Bube, der eine vater- und mutterlose Waise ins tiefste Elend stößt, geht frei aus, und ein braver Mensch, wie Sie, wird wegen ein paar Waldbäumen so entsetzlich bestraft! Aber verlieren Sie den Muth nicht – Gott richtet anders als die Menschen, hoffen Sie auf ihn und den lieben Heiland, der uns zuruft: Kommt her zu mir, Alle, die ihr mühselig und beladen seid! – Ich schicke Ihnen hier ein Buch mit, das ich einmal einem armen Handwerksburschen abgekauft habe; es ist eine wundersame, rührende Geschichte. Ich hätte mich gern selbst aufgemacht und Ihnen das Buch überbracht, aber ich schäme mich so. – Der gute Vater im Himmel stärke und erhalte Sie! Ich werde allezeit für Sie beten.

Concordie E.«

Ein Thränenstrom rann über Fritzens abgehärmte Wangen beim Lesen dieses Briefes, und er konnte sich lange nicht satt daran lesen. Anfangs vermißte er das Buch gar nicht, von welchem im Briefe die Rede und das ihm doch nicht mit übergeben worden war. Er erhielt es erst zu Mittag; es war Zschokke's »Alamontade«.

»Ich hoffe, Ihr werdet kein Hartkopf sein,« sprach der Wachtmeister, als er dem Fritz das Buch darreichte, »Ihr werdet das arme Frauenzimmer nicht ohne Trost lassen. Ihr wißt gar nicht, was sie für Euch gethan hat. Die Extrakost hat sie bezahlt.«

»Sie? Nicht der Müller?« fragte Fritz erstaunt.

»Der wird sich hüten,« erwiederte der Wachtmeister, »das würde ihn ja verdächtig machen. Die Kordel hat Alles bezahlt, mich aber gebeten, Euch nichts davon zu sagen. Und sie hat noch weit mehr thun wollen; sie hat sich erboten, die Fichten nach der Taxe zu bezahlen und auch alle Kosten, wenn Ihr freigegeben würdet. Das geht nun freilich nicht an, denn Strafe muß sein.«

Fritz nahm dies Alles still auf – er war keines Wortes mächtig vor den Empfindungen, die sich in seinem Busen drängten. Der Wachtmeister nahm sein Schweigen für »Hartköpfigkeit« und verließ ihn voll Unwillen. Aber am folgenden Morgen verlangte Fritz Papier und Schreibzeug, und als er das hatte, schrieb er einen Brief, der den Wachtmeister eines Andern belehrte. Ich habe den Brief nicht zu Gesicht bekommen, sonst würde ich seinen Inhalt ebenfalls mittheilen. Aber der Kadenlieb hat erzählt, daß dem alten Wachtmeister beim Lesen des Briefes das Wasser in den Augen gestanden hätte.

Kordel's Brief und Buch waren für den gefangenen Fritz reiche Trostquellen; sein Benehmen wurde von Stund an so, daß es dem »Kadenlieb« zu seinen Befürchtungen keinen Anlaß mehr gab. Als ihm das zweite Erkenntniß, wodurch das erste bestätigt wurde, eröffnet worden war, ließ er sich ruhig und gefaßt in das Arbeitshaus abführen. Man würde sich aber sehr irren, wenn man glaubte, er hätte sich mit stoischem Gleichmuth in sein Schicksal ergeben. Zweierlei nagte an seinem Herzen und raubte ihm die Heiterkeit des Geistes und den muthigen Aufblick nach Oben, wodurch ein solches Loos erträglich wird: die Bekümmerniß um die arme, betrogene und verlassene Kordel, und der Gedanke an das Brandmal, welches seine Strafe für immer auf seinen Namen drückte. Und wie berechtigt dieser Gedanke war, das sollte er nur zu sehr erfahren.


4.

Zwei Jahre hielt Fritz seine Strafe wacker aus. Sein musterhaftes Betragen gewann ihm bald die Liebe der Anstaltsbeamten und ihre menschenfreundliche Behandlung, verbunden mit der innigen Theilnahme, welche Kordel fortwährend an seinem Schicksale bezeugte, hielt ihn so lange aufrecht, und am Ende des zweiten Jahres wurde er auf nachdrückliche Verwendung des Vorstandes der Strafanstalt begnadigt.

Als er, der Gewänder der Schmach entkleidet, aus dem schrecklichen Aufenthalt heraustrat und sich wieder frei in der unendlichen Behausung Gottes fand, da fiel alles Leid und alle finstere Sorge von seinem Herzen; stille bescheidene Hoffnungen hielten Einzug darin, begleiteten ihn und förderten seine Schritte nach der lieben Gebirgsheimath. Er hatte nur fünfzehn Stunden Weges bis Königswald, die gedachte er in einem Tage zurückzulegen. Er vergaß, daß er nicht mehr der frühere Bretschneiderfritz war, dem eine solche Tagereise allerdings Spaß gewesen; bevor er ein Viertel des Weges hinter sich hatte, wurde er inne, welche Verheerungen eine drittehalbjährige Haft auch in dem kräftigsten Körper anrichtet, und mit Mühe und Noth erreichte er gegen Abend das Städtchen Schwarzenberg, welches ungefähr auf der Mitte des Weges liegt. Dort suchte er in einem Gasthause ein Nachtquartier. Die Wirthin, an welche er sich deshalb wandte, machte jenes kalte Gesicht, das armen Fußwanderern gewöhnlich zu Theil wird, wenn sie in einem frequenten Gasthofe Einkehr halten; das hätte den Bretschneiderfritz jedoch wenig gekümmert, hätte die Wirthin nur nicht so schnippisch nach dem Passe gefragt. Da wurde er verlegen. Er hatte an Passes Statt nur seinen Entlassungsschein aus dem Arbeitshause – sollte er das hochmüthige Weib mit seiner Schmach bekannt machen? Lieber hätte er ein Nachtquartier im wilden Forst gesucht, als das gethan. So schüttelte er den Staub von seinen Füßen und hinkte weiter, um in dem nächsten Dorfe Grünstädtel sein Heil zu versuchen. Aber wer weiß, wie es ihm dort wieder gegangen wäre! Glücklicherweise führte ein mitleidiger Stern einen Bergmann des Weges, der den erschöpften Pilger einholte, ein Gespräch mit ihm anknüpfte und, als er seine Lage erfahren hatte, ihn freundlichst einlud, mit ihm bis Raschau (das nur eine Viertelstunde weiter war als Grünstädtel) zu gehen und es sich eine Nacht bei ihm gefallen zu lassen. Fritz hätte dem gastfreundlichen Manne um den Hals fallen mögen, und es versteht sich, daß er sein Erbieten annahm. Die Liebe Gottes giebt sich auf mancherlei Weise kund, am schönsten aber dem Gedrückten durch mitfühlende Menschenherzen. Das erfuhr unser Wanderer so recht in der Hütte des guten Bergmanns, der »froh wie Gott« sein kärglich Mahl mit ihm theilte und ihm ein Lager zurechtmachte, wie er es seit Jahren nicht genossen hatte. Wie wohl that seinem Herzen die freundliche Begegnung, die ihm von den zahlreichen Gliedern der armen Bergmannsfamilie widerfuhr! Wie belebte sie seinen Muth, sein Vertrauen zu den Menschen, seine Hoffnungen wieder! »Ach! wie ist das Leben so schön in der Freiheit unter guten Menschen!« sprach er, als er sich auf sein Lager streckte, und nach innigem Gebete schlief er flugs und fröhlich ein.

Gestärkt und im Herzen erquickt setzte er seine Reise am andern Morgen fort. Sie wurde ihm noch sauer genug, aber frohen Muthes überwand er eine bergige Strecke nach der andern, und wie die Sonne auf die Wipfel seiner heimathlichen Wälder den Scheidekuß glühete, überschritt er die letzte Anhöhe vor Königswald. Als nun die wohlbekannten Thalfluren ihm entgegenlachten, als der alte Kirchthurm und dann ein rauchender Schornstein und ein graues Schindel- oder Strohdach nach dem andern aus der Tiefe auftauchte, da erbebte sein Herz von nie empfundenem Entzücken. Das hemmte seinen wankenden Schritt – er mußte sich am Waldsaum niederlassen, und in das blühende Haidekraut gestreckt, sog er die balsamische Luft der Heimath mit durstigen Zügen. So lag er noch, als die Abendglocke dem fliehenden Tage den Scheidegruß der Königswalder Christengemeine nachrief. Da wurde ihm weh – recht weh ums Herz. Von den Feldern verloren sich die letzten Arbeiter und eilten heim an den traulichen Herd, in die Kreise der Ihrigen, wo das labende Mahl ihrer wartete und bald auch die erquickende Ruhe von des Tages Last und Hitze. Den armen Fritz erwartete Niemand, kein Mahl war ihm bereitet, und wo sollte er sein Haupt hinlegen? Jene Gedanken und diese Frage drängten sich ihm jetzt auf, und dunkle Schatten lagerten sich um seine Seele. Er erinnerte sich, woher er kam und was das in Königswalde zu bedeuten hatte. Es fiel ihm ein, wie die Königswalder es dem »Schneiderfriedel« gemacht hatten, der vor fünf Jahren vom Zuchthause heimgekommen war und den ihr moralischer Bettelstolz in Verzweiflung getrieben hatte. Zwar, Eine Seele lebte ihm in Königswald, bei der er eines freundlichen Empfanges gewiß sein konnte; aber das war ein lediges Frauenzimmer, bei dem er nicht herbergen konnte, zumal da sie ohnehin schon wegen ihres Fehltritts verachtet genug war. Doch stand ihm denn nicht die Mühle offen? Vielleicht – aber ihr kennt den Fritz wenig, wenn ihr glaubt, er habe den Müller, der ihn in Schande und Elend gestürzt, dessen Weib die arme Kordel unbarmherzig aus dem Hause gestoßen, um ein Unterkommen ansprechen können. Mit dem wollte und durfte er nichts mehr zu schaffen haben. Nun, er hatte ja Verwandte in Königswald; gleich da oben im ersten Gute, da hauste seines Vaters Bruder, ein ziemlich vermöglicher Mann; weiter unten wohnten zwei Vettern, die einen einträglichen Grenzhandel trieben und außer diesen lebten auch zwei Mutterschwestern im Dorfe, der entfernten Verwandten nicht zu gedenken. Unser Fritz hatte vor seinem Unglück mit Allen im besten Vernehmen gestanden, dessen erinnerte er sich wohl, aber auch, daß sie sich während seiner Haft nicht um ihn gekümmert hatten. Was Wunder, wenn er jetzt ins Dorf zu gehen zögerte und als er sich endlich dazu entschloß, mit Bangigkeit dem Gute seines Oheims zuwankte!

Seine Ahnung betrog ihn nicht. Der Oheim und seine Frau machten sehr verwunderte Gesichter, als sie den unerwarteten Spätgast eintreten sahen. Da gab es keine traute Umarmung, keinen warmen Händedruck, man bot ihm ein so kühles »Willkommen«, daß es ihm durchs Herz fuhr: man bot ihm einen Platz am Tisch, auf dem eine große Schüssel Kartoffelsuppe dampfte, aber mit so sichtbarem Mißbehagen, daß dem Gaste das Blut zu Häupten stieg. Er nahm Stock und Hut und verließ das ungastliche Haus seines nächsten Verwandten. Sollt' er nun sein Glück bei der Sippschaft weiter versuchen? Was blieb ihm übrig? Wer sollte ihn sonst freundlich aufnehmen, wenn es die Verwandten nicht thaten? Er nahm seinen Weg zum Vetter Konrad, der überdies sein Gevatter war. Hier wäre ihm auch wohl eine bessere Aufnahme zu Theil geworden, hätte der Gevatter Herrenrecht im Hause gehabt, das hatte aber die Frau Gevatterin und das war »eine hochmüthige Gans.« Ein Abendessen und ein Nachtlager sollte dem Fritz zwar gewährt werden, aber ihn ganz ins Haus zu nehmen – das könne er nicht verlangen, meinte das Weib, ärgerlich über ihres Mannes freundliches Benehmen gegen den »Anrüchigen«. Dieser dankte für das Anerbieten und ging weiter. Der Arme! er sollte den bittern Kelch der Erfahrung, daß Vetternfreundschaft die allerunsicherste sei, bis auf die Hefen leeren.

Die Vier, die er noch aufsuchte, nahmen ihn mit gleicher Kälte, wo nicht mit schwerverhaltenem Widerwillen auf; ein Nachtquartier wollten sie ihm zwar nicht versagen, und das wäre ihm auch vor der Hand genug gewesen, aber sie boten es ihm auf eine Weise, die sein Selbstgefühl empörte. Er dankte Allen und ging weiter – aber nicht mehr zu irgend einem Gliede seiner Freundschaft, sondern aus dem Dorfe hinaus – nach dem Gottesacker, dessen eingestürzte Mauer zu jeder Zeit den Zutritt zur stillen Wohnstatt der Todten gestattete. Im Mondschein fand er leicht die Stätte, die er suchte: das Doppelgrab seiner Eltern. Von Schmerz überwältigt sank er dort nieder und weinte und konnte lange nichts als weinen.

O ihr Geister der längst abgeschiedenen Eltern! Sahet ihr aus euren seligen Wohnungen den einzigen Sohn sich winden an eurer Gruft? Sahet ihr nicht, wie seine Thränen euren zurückgelassenen Staub tränkten? Ja, ihr sahet es und ihr tratet vor Gott und batet ihn, daß er dem armen Dulder einen Engel zum Geleite sende auf der dornenvollen Bahn unter den harten, blödrichtenden Menschen. Und Gott war auch schon zuvorgekommen, der Engel war längst da, an eurem Grabe hat er sich dem Heimkehrenden schon geoffenbart durch die sinnigen Liebeszeichen, womit er euern Staub geehrt. Als Fritz sich wieder erhob, sah er das einfache Kreuz, welches er den Eltern hatte setzen lassen, mit einem frischen Kranze geschmückt und das Blumenbeet auf dem Hügel, das er angelegt hatte, so sauber gepflegt, wie er es selber kaum gethan – er wußte gleich, wem er Beides verdanke. Er mußte sie sehen ohne Verzug – er mußte ihr danken, und das nicht allein: er bedurfte ihres freundlichen Willkommens in der Heimath, ihres warmen, theilnehmenden Händedrucks. Der Wächter verkündete bereits die zehnte Stunde, da sah es ja Niemand, wenn er in ihr Haus ging, und ehe noch Jemand im Dorfe aufstand, konnte er es ja wieder verlassen. So schlug er denn den Weg nach ihrer Behausung ein. Durch die Ladenritzen schimmerte noch Licht, als Fritz dort ankam, die fleißige Bewohnerin klöppelte noch, – mit hochschlagendem Herzen klopfte er an den Laden und rief sie beim Namen. Schnell wich der Riegel der Thür – eine warme Hand zog ihn hinein – er trat in die warme Stube – Kordel lag schluchzend an seiner Brust. Aber war das die Kordel, die er vor wenig Jahren gekannt in der schwellenden Fülle und rosigen Frische der Jugend? O nein, das war nur der Schatten ihres holden Leibes. Mit welcher Gier hatte der nimmersatte Geier des Grams an diesen lieblichen Formen gezehrt, die ein leichtsinniger Bube frech entweihte, statt sich in Ehrfurcht zu neigen vor einem Meisterwerke seines Schöpfers! Fritz vermißte indeß keinen ihrer Reize, wenn ihm auch die traurige Verheerung ihrer Gestalt schmerzlich auffiel. Er ließ sie sich ausweinen an seiner Brust, aber er wagte es nicht, seinen Arm um ihren Leib zu legen, nur ihre Hand nahm er und preßte sie an seine Lippen. Nach dieser fast lautlosen Begrüßung führte Kordel den Gast an das Bettchen ihres kleinen Fritz (so hatte sie das vaterlose Knäblein taufen lassen), auf den die ganze Fülle und Frische seiner Mutter übergegangen zu sein schien. Dann eilte sie, ein warmes Essen für den Gast zu bereiten. Wie mundeten ihm die neuen Kartoffeln mit der frischen Butter und der durch den besten Rahm veredelte Kaffee! Zumal da Kordel ihm Gesellschaft leistete. Wie war sie so heiter, so freundlich und so sanft! Ihr besseres Theil trat geläutert und verklärt vor seinen Geist. Er sagte ihr, daß sie nicht fürchten möge, er werde sie in Verlegenheit bringen. Sie möge ihm nur ein Nachtlager auf dem Heuboden gönnen, daß er ein wenig ausruhen könnte, am Morgen mit dem ersten Hahnenschrei wolle er sich ungesehen fortmachen, sich nach einer Herberge umthun und Arbeit suchen. Doch von dem Schlafen auf dem Heuboden, dem Frühaufstehen und Ungesehenfortgehen konnte keine Rede sein; sie lächelte, als er den Grund angab, und sagte, daß sie sich vor dem Gerede der Leute nicht mehr fürchte. Mehr als sie ihr wegen des Kindes angethan, könnten sie ihr nicht anthun; in jenem Falle hätten sie allenfalls noch Grund gehabt, sie zu verachten, anders jetzt, wo sie eine heilige Pflicht erfülle, und wenn man sich gleichwohl darüber aufhielte, so dürfe und werde sie sich dadurch nicht irre machen lassen. Und sie bat den Bedenklichen in so rührenden Ausdrücken und in einer Weise, die ihn glauben ließ, er erzeige ihr eine Wohlthat, daß er sich entschloß, das Hinterstübchen, welches seit dem kürzlich erfolgten Tode der Kartenschlägerin ganz leer stand, zu beziehen, bis er irgend ein passendes Unterkommen würde gefunden haben.

Ein solches zu suchen, ließ Fritz sich gleich am andern Tage angelegen sein. Er war früher ein sehr gesuchter Arbeiter gewesen; so ging er mit gutem Vertrauen aus. Aber obwohl es der Bretmühlen eine ziemliche Anzahl in dieser holz- und wasserreichen Gegend giebt, so wollte sich jetzt doch nirgends eine Stelle für ihn finden. Das machte ihn wohl etwas unmuthig, aber er verzagte darum nicht. Er verstand sich auch auf die »Zeugarbeit«, und so ging er abermals den Wässern der Umgegend nach. Aber er hatte in den Mahlmühlen eben so wenig Glück, als in den Bretmühlen; hie und da gab man ihm auf verblümte Weise zu verstehen, daß man einen Zuchthäusler nicht möge; denn Arbeitshaus oder Zuchthaus ist dem gemeinen Volke all' eins. So kehrte Fritz am Ende der zweiten Woche nach seiner Heimkunft völlig niedergeschlagen in sein Asyl zurück. Kordel gab sich die freundlichste Mühe ihn aufzurichten; sie stellte ihm vor, daß es ja nicht so dränge mit einem Unterkommen; der liebe Gott segne sie dieses Jahr reichlich mit Kartoffeln – daß sie eine Kuh, ein Stück Jungvieh und eine Ziege halte, wisse er; ihre Wirthschaft sei bezahlt und außerdem habe sie auch noch ein paar hundert Thaler auf Interessen ausstehen. So könne sie es sich nun auch etwas leichter machen, als zeither, indem sie sich von ihm in der Wirthschaft helfen ließe. Die Arbeit aber, welche die kleine Wirthschaft für einen rüstigen Mann darbot, schien dem Bretschneider doch zu geringfügig, um sich dafür füttern zu lassen. Da er in seinem erlernten Fache nirgends ein Unterkommen fand, so entschloß er sich, bei den Begüterten von Königswald Taglöhnerarbeit zu suchen. Aber hier sollte ihm das tödtliche Gift des Mißtrauens und der Verachtung tropfenweise eingeflößt und in Galle und Blut hineingetrieben werden. Man hatte für den entlassenen Sträfling nirgends Arbeit.


5.

Der Leser muß nicht glauben, daß es das Vergehen des Bretschneiders war, was sie verachteten und weshalb sie ihn von ihren Thüren scheuchten, – o da waren wohl wenige unter den wohlehrsamen Begüterten von Königswald ganz rein geschoren, so Mancher hatte dann und wann ein Stämmchen aus dem königlichen Forst geholt, ohne daß das Stempeleisen des Forstmeisters es berührt hatte; aber sie hatten es fein schlau angefangen und waren glücklich mit ihrer Beute weggekommen. Vor der Welt waren sie ehrliche Leute, so meinten sie, daß sie es wirklich wären, und glaubten von ihrer Ehrlichkeit keinen bessern Beweis liefern zu können, als wenn sie jeden wegen einer unehrlichen Handlung Bestraften recht sichtlich verachteten.

Leser – glaubst du nicht, daß solche Erfahrungen in solcher Lage einen Menschen zur Verzweiflung treiben, oder doch »die Milch der frommen Denkart in gährend Drachengift verwandeln« können? Bei unserm Fritz war es nahe daran, daß das Eine oder Andere geschah, nur Kordel's immer gleiche Sanftmuth und Freundlichkeit verhinderte, daß das so reichlich in ihm erzeugte Gift nicht alsbald seinen ganzen edleren Menschen vernichtete. Aber daß er durch alle die fehlgeschlagenen Hoffnungen und vergeblichen Anstrengungen, ein ehrlich Unterkommen zu finden, täglich schwermüthiger gemacht wurde, konnte sie nicht hindern. Das schmerzte sie und begann dem Wurm, der an ihrer Gesundheit nagte, neue Nahrung zu geben. Endlich konnte sie nicht länger an sich halten und ein Gedanke, der gleich nach seinen ersten vergeblichen Gängen in ihr aufgetaucht war, brach sich unwiderstehlich Bahn.

»Fritz!« sprach sie etwas rascher als gewöhnlich, »Sie handeln unrecht an sich selbst. Was ärgern Sie sich so ab mit den unvernünftigen Leuten? Was sorgen und quälen Sie sich so um ein Unterkommen unter ihnen? Habe ich nicht genug für uns alle Drei? – Lassen Sie mich ausreden! – Ihre Hand! Sehen Sie den unschuldigen Wurm da – er hat keinen Vater – wer weiß, ob nicht bald auch keine Mutter.«

Hier wurde sie roth und stockte; Fritz aber fiel ihr in die Rede und bat sie, nicht solche Gedanken zu hegen.

»Man muß auf Alles gefaßt sein – ja, lieber Fritz! – mir ist, als werde ich nicht lange mehr für das arme Kind sorgen können. Dieser Husten – meine abnehmenden Kräfte – Fritz! soll ich, wenn der Herr mich abruft, das Kind als Waise zurücklassen?«

»O wäre ich nicht, was ich bin!« rief Fritz gramvoll aus, »so sagte ich, ich will sein Vater sein!«

»Ist es das und immer nur das?« erwiederte Kordel. »Wenn Sie mich auch nicht mehr lieben, wie einst, wenn ich auch nicht werth bin, Ihre Frau zu sein, so – ich flehe Sie an – werden Sie diesem verwaisten Wesen ein Vater!«

»Versteh' ich Sie recht?« stammelte Fritz von einem heiligen Freudenschauer durchbebt. »Wollen Sie mich?«

»Zum Vater meines Kindes machen,« sprach sie mit hohem Erröthen, seine Hand an ihr Herz drückend.

»Aber bedenken Sie, ich bin ein Ausgestoßener.«

»Und was bin ich? Wir tragen das gleiche Loos – die ehrbaren Leute stoßen mich wie Sie von sich – so lassen Sie uns gemeinsam tragen, was uns der Himmel aufgelegt hat! Zum Glück haben wir genug, um die hartherzige Gesellschaft allenfalls entbehren zu können. Wir können einen Handel anfangen – gewiß, Gott wird uns helfen, wenn wir zufrieden sind und fortan auf seinen Wegen wandeln. Wollen Sie?«

»Ob ich will? O du mein einziger Trost im Leben! Ich habe ja nie aufgehört, dich zu lieben und ich dachte mir es seit dem Augenblicke, da ich dein Unglück erfuhr, als das höchste Glück, für dich und dein Kind sorgen zu können. Wenn du mich nicht verschmähst, so will ich deinem Kinde ein treuer Vater sein.«

Da schlang Kordel weinend ihre Arme um seinen Hals – seine Thränen mischten sich mit den ihrigen, und der Engel, der den Schlummer des kleinen Knaben hütete, war Zeuge ihrer Verlobung.

Sechs Wochen später wurden sie getraut. Hochzeitgepränge, Schmaus und Tanz gab es freilich nicht dabei; ihr einziger Hochzeitsgast »bei einem Gericht Gerngesehen« war der Kadenlieb. Dem ging es bei den Königswalder Pharisäern natürlich auch nicht besser oder vielmehr noch schlimmer, als dem Bretschneiderfritz, aber er machte sich nicht viel aus den »Dickköpfen«, wie er sie nannte, und Arbeit und Brod mußte ihm der Müller schaffen.

Hätte Fritz nur einen Theil von dem leichten Sinn seines Schicksalsgenossen gehabt, so hätte er sich in seiner neuen Lage recht zufrieden fühlen mögen. Eine Zeitlang schien es auch, als ob er mit seinem Geschicke ausgesöhnt sei. Es gab vor und nach der Hochzeit vollauf für ihn zu thun: die Hafer- und Kartoffelnernte und andere Feldarbeit, verschiedene Reparaturen im Hause und an den Wirthschaftsgeräthen beschäftigten ihn mehrere Wochen lang recht gehörig, und da sein Weib immer mit einem Lächeln, einem zärtlichen Worte bei der Hand war, so vermißte er die Liebe und Achtung der Welt nicht. Dazu kam, daß Kordel sich merklich zu erholen schien, sie bekam ein frischeres Aussehen, als sie bisher gehabt hatte, und Fritz schöpfte daraus Hoffnung für ihre völlige Wiederherstellung. Auch die Zuneigung, womit der kleine Fritz sich an ihn gewöhnte, war eine Quelle der Freude und des Trostes für ihn. Als aber die Arbeit in Feld und Haus nachließ und der müssigen Stunden zu viele für ihn kamen, wollte ihn der alte Mißmuth wieder beschleichen. Es kränkte ihn doch, daß er sein Gewerbe nicht ausüben konnte; auch daß er unter polizeilicher Aufsicht stand, keine Ehrenrechte in Gemeinde und Staat besaß und von seinen Mitbürgern verachtet war, konnte er nicht verschmerzen. Er gerieth auf den Gedanken, sich selbst eine Bretmühle zu bauen, statt einen Handel anzulegen, und Kordel willigte mit Freuden ein. Sie kündigte ihr Kapital und machte ihm zu seinem Geburtstage, welcher im December fiel, ein Angebinde damit.

Fritz lebte wieder etwas auf, da er nun einen sicheren Weg zu Arbeit und Verdienst vor sich sah. Er suchte und fand bald einen geeigneten Platz zu einer Schneidemühle an einem wasserreichen Nebenbach des Pöhlwassers. Da er aber mit dem Bau vor dem nächsten Frühjahr nicht beginnen konnte und auch zur Holzanfuhr die jetzige Zeit noch nicht günstig war, so trug er das Kapital, um es nicht nutzlos daliegen zu lassen, nach Annaberg zu einem Kaufmann, der zugleich Bankiergeschäfte trieb. Vierzehn Tage später erhielt er die Schreckensnachricht, daß der Kaufmann Bankerott gemacht habe und Fritzens Geld verloren sei.

Das war ein furchtbarer Schlag für unser Paar; Fritz wollte sich nicht darüber zufrieden geben und jammerte immerfort: »Das arme Kind! das arme Kind!« Kordel, die den Verlust eher zu verschmerzen schien, suchte ihn zu trösten, doch gelang es ihr nur unvollkommen. »Wer weiß, wie der liebe Gott auf andere Weise für das Kind sorgt,« sagte sie, wenn Fritz so wehklagte.

Sie hatte Recht – der liebe Gott sorgte bald für das Kind, daß es das Geld entbehren konnte – er nahm es zu sich; das Scharlachfieber raffte es weg.

Das war kurz nach Weihnachten, – am Aschermittwoch senkten sie neben der Hülle des Kindes die seiner Mutter ein. Die Auszehrung, welche ihr der Gram über die Treulosigkeit ihres Verführers, noch mehr aber über die Kränkungen, die sie von den Königswaldern erdulden mußte, zugezogen hatte, war nach dem Tode ihres Knaben plötzlich in ein entschiedeneres Stadium übergetreten. Ruhig und ergeben sah sie ihr Ende herannahen und sanft, wie sie in der letzten Zeit gelebt, schlummerte sie hinüber.

Mit ihr erlosch aller Glanz aus dem Leben des armen Fritz; er schleppte es fortan als eine finstere und bleierne Last mit sich herum. Seine Heimathgenossen fingen allgemach an, mit dem hart Geschlagenen einiges Mitleid zu fühlen, sie zeigten sich freundlicher gegen ihn und boten ihm Arbeit an, aber er mochte nichts mehr von ihnen wissen. Sie waren vornehmlich schuld an dem Tode seines Weibes – dies konnte er ihnen nicht verzeihen, wenn er ihnen auch die eigene Schmach verziehen hätte. Er schloß sich völlig von ihnen ab; außer dem Kadenlieb pflog er mit keinem lebendigen Menschen Umgang – sein Herz war bei den Todten und ihrer Wohnstätte galten seine Besuche. Ihm war am wohlsten, wenn er zwischen seinen Gräbern weilen, oder doch nahe bei der Kirchhofmauer so sitzen konnte, daß er die Kreuze darauf sah. Kordel's Kreuz war allezeit frisch bekränzt. Eine Ziege, die sie aufgezogen und so an sich gewöhnt hatte, daß sie ihr überall hin folgte wie ein Hund, trug diese Anhänglichkeit bald auf ihren trauernden Herrn über, sie war immer bei ihm, wenn er seines traurigen Kultus pflog. So hat er es zwei Sommer getrieben.

Am zweiten Jahrestage von Kordel's Tode brach in Königswald ein Feuer aus, welches bei dem starken Winde, der gerade wehte, für den größten Theil des Ortes verderblich zu werden drohte. Fritz eilte zum Löschen; es war das erste Mal, daß er sich wieder unter seine Mitbürger mischte, von denen es ihm keiner an entschlossener Thätigkeit gleich that, obschon die meisten tüchtig zugriffen. Leider war die Löschanstalt nicht im besten Stande und noch dazu schlecht geleitet. Fritz sah die Nothwendigkeit des Niederreißens zweier Gebäude ein, um das Fortschreiten der Flamme, die bereits ein zweites Haus ergriffen hatte, zu hemmen. Der Richter, welcher Feuer-Commissarius war, widersetzte sich Fritzens Rath und ordnete an, alle Thätigkeit auf das Löschen der brennenden Gebäude zu verwenden. Fritz, von der Nutzlosigkeit dieser Anstrengung überzeugt, rief nun die Hülfeleistenden auf, ihm mit dem erforderlichen Geräthe zu folgen und zum Niederreißen der bezeichneten Gebäude zu schreiten. Alle Einsichtigen folgten seinem Rufe; dadurch wurde der Richter in Wuth versetzt, er stürzte auf den Bretschneiderfritz los, packte ihn bei der Brust und schrie:

»Was will Er hier? Commandiren? Aufwiegeln? Weiß Er, was Er ist? Er hat gar kein Recht in der Gemeine; nicht ein Wort hat Er zu sagen! Unter meiner Aufsicht steht Er, und ich kann Ihn ohne Weiteres ins Loch sperren lassen.«

Fritz erwiederte kein Wort – er vermochte keins hervorzubringen. Er wandte seinen Blick nach Oben und ging zu sehen, wo er sonst helfen konnte. Das zuerst in Brand gerathene Haus gehörte einer armen Wittwe. Sie hatte nur wenig von ihrer Habe zu retten vermocht, und Niemand getraute sich mehr in das über und über brennende Gebäude, um noch Etwas herauszuholen.

»Helft mir doch wenigstens meine Ziege retten!« rief die jammervolle Wittwe aus; »hört doch, wie das arme Thier schreit!« Damit wollte sie in das Haus; doch Fritz, der eben hinzutrat, ergriff sie, schleuderte sie zurück und eilte selbst in das Gebäude, eh' Andere ihn zurückzuhalten vermochten. Es mag Manchem tollkühn erscheinen, um einer Ziege willen ein Menschenleben zu wagen, aber Fritz wußte, was einem verlassenen Menschen solch' ein Stück Vieh sein kann, und die Wittwe war verlassen wie er – und was galt ihm sein Leben? Es gelang ihm wirklich, das Thier zu retten, ein Freudenruf entrang sich mancher beklommenen Brust, als er sich wieder unter der Thür zeigte. Schon war er fast aus dem Bereiche der fürchterlichen Gefahr, als plötzlich ein brennender Sparren niederstürzte und ihn zu Boden streckte. Der eben herbeigeeilte Kadenlieb trug ihn für todt in sein Haus; schnelle ärztliche Hülfe rief ihn jedoch wieder ins Leben. Der Arzt hoffte ihn zu retten, obschon seine Brust schwer verletzt war. Fritz wünschte blos, von den Menschen errettet zu sein und sein Wunsch ging in Erfüllung. Ein heftiger Blutsturz bahnte seiner Seele den Ausweg aus ihrem vergänglichen Gefäß. Der Kadenlieb, welcher nicht von seinem Bette wich und ihn wie ein Bruder pflegte, wurde sein Erbe.

Der macht' es gescheidt – als der Frühling ins Land kam, bepflanzt' er die Gräber seiner Freunde mit Veilchen und Immergrün, verkaufte Haus und Feld, gab dem Todtengräber ein Sümmchen, damit er die Gräber wohl pflege, und ging mit dem Rest nach Amerika.


II.
Die Fundgrube Vater Abraham.

I.

Die Bergleute des Reviers hatten Lohntag. Die Auslohnung war vorbei, und das muntere Bergvolk stand in Gruppen längs der Rathhausseite des großen Marktplatzes oder schlenderte durch die zwei Budenreihen des Krammarktes. Denn seit undenklichen Zeiten war in der freien Bergstadt dafür gesorgt, daß die Bergleute, deren Viele stundenweit herkamen, sich eines Theiles der schwergewonnenen Groschen auf leichte Art wieder entäußern konnten. Und wie man Fischreußen vor die Abflußöffnungen der Gewässer legt, so baute man die Buden gerade in die Verlängerung der Gasse, in welcher das Berg- und Zehntamt lag. Da mußten selbst diejenigen hindurch, welche Lust hatten, einen Theil ihres Lohnes in der Sparcasse niederzulegen, die seit einem Jahrzehent bestand, so daß gar manches für die Sparcasse bestimmte Fischlein dort hängen blieb. Das konnte freilich nur von dem unbeweibten Bergvolke gelten, denn der beweibte und dann sicher auch mit Kindern gesegnete Knappe konnte höchstens mit Hülfe eines Heckethalers sich an der Sparcasse betheiligen. Gönnt der sich doch nicht einmal ein billiges Frühstück in der Garküche, aus welcher es so bratenhaft duftet – an das gegenüberliegende »süße Löchel«, die Conditorei, ist gar nicht zu denken, sondern er verzehrt höchstens in den Brodbänken ein »Dreierstöllchen« mit einer halben Knackwurst, nachdem er die Hälfte für seine »Alte«, vorausgesetzt, daß sie noch jung ist, im Kittel geborgen.

Von jungen Burschen sah man in den Brodbänken höchstens den Bergner Ferdinand vom Vater Abraham. Heute war er da. Ein hochgewachsener, blonder, frischer Gesell, mit intelligenten Zügen. Der leinene Kittel kohlschwarz, Fahrleder und Gürtel schön lackirt, auch das Schuhwerk blank gewichst. Unter der Bänkenthür stand er und blickte mit seinen hellen, blauen Augen nach der gegenüberliegenden Conditorei, aber wohl eher nach dem lockigen Kopfe einer Dame, die dort an einem Fenster an der Seite eines Bergherrn stand, als nach den gaumenkitzelnden Dingen des Schaufensters. Dicht neben den Brodbänken befand sich der Laden eines Gelbgießers, an welchen sich die Gewölbe eines Tuchmachers und eines Zinngießers reihten. Diesen drei Geschäftsleuten schien der Lohntag keine Weizenblüthe zu sein; standen sie doch schon seit einer halben Stunde vor dem Gelbgießerladen und klagten über den flauen Geschäftsgang. Plötzlich aber wurde ihre Aufmerksamkeit nach der Conditorei hinübergelenkt, aus welcher eine hochgewachsene Dame mit einer Schaar junger Dämchen in orgelpfeifenähnlicher Größenabstufung hervorquoll.

»Da kommt die Staatsglucke vom Vater Abraham mit ihren Küchlein!« rief der Tuchmacher; »acht Stück, und was für eine Prachtrace! Und richtig – der Liebhaber der Aeltesten, der neue Herr Obereinfahrer, ist auch dabei; der wird wohl die ganze Schaar tractirt haben.«

»Soll mich wundern, ob aus dem Freier auch ein Nehmer wird,« sagte der Zinngießer; »der Herr Obereinfahrer ist ein Feiner; reich und von Adel, wie er ist, denkt er wohl höher hinaus, als zu der armen Schichtmeisterstochter, die Nichts hat, als was sie auf dem Leibe trägt.«

»Ja, wenn das nur noch ihr Eigenthum wäre,« fiel der Tuchmacher ein; »ich will mein Contobuch vom Schinder verbrennen lassen, wenn von all den Fahnen und Behängen, worin das schöne Fräulein prangt, nicht über Dreiviertel in verschiedenen Contobüchern ungelöscht stehen.«

»Oho!« nahm der Gelbgießer das Wort; »macht's nur nicht so gefährlich! Dazu ist mein Schichtmeister Frenzel denn doch ein viel zu wackerer Mann, als daß er solche Schuldenwirthschaft dulden sollte. Es ist wahr, die Schichtmeisterin trägt die Nase ein wenig hoch und macht am Ende mehr aus sich und ihren Töchtern, als dahinter steckt; aber sie ist doch eine tüchtige Hauswirthin, und man findet nirgends eine so ausgesuchte Ordnung und Sauberkeit, wie bei ihr zu Hause.«

»Ei, das ist doch nicht etwa ihr Verdienst!« sagte der Tuchmacher. »Ihr als Gewerke vom Vater Abraham solltet doch wissen, wer da eigentlich die Hauswirthin ist, obgleich sie nur für das Aschenbrödel gilt. Das ist die Kleine, die Stieftochter der großen Dame dort, die Einzige von des Schichtmeisters erster Frau.«

»Die kenn' ich ja gar nicht,« erwiederte der Gelbgießer.

»Natürlich,« erklärte der Tuchmacher; »sowie sich ein Besuch auf dem Vater Abraham zeigt, muß sich Aschenbrödel in der Küche verkriechen. Sie würde schön ankommen, wollte sie sich als schwarze Henne unter den bunten Küchlein der Frau Mama zeigen. Aber sie ist es, die eigentlich das ganze Haus erhält, denn das müßt Ihr doch selbst zugeben, daß die Schichtmeisterin, wenn sie eine Wirthin sein wollte, nicht mehr Staat treiben würde, wie eine Bergmeisterin!«

»Nun, wer weiß,« unterbrach der Zinngießer den Sprecher, »wer weiß, ob sich der Schichtmeister nicht besser steht wie unser Bergmeister. Der Vater Abraham hat schönes Erz, und wer kann einen Schichtmeister, der auf seiner Grube wohnt, so genau –« hier stockte der Redner; ein Blick auf das Gesicht des Gelbgießers machte ihn verstummen. Doch dieser rief schnell: »Was wolltet Ihr sagen, Nachbar Paul? Redet weiter, was meint Ihr? Bedenkt, daß ich Kuxinhaber vom Vater Abraham bin, und mich das sehr nahe angeht, was Ihr da auf der Zunge hattet!«

»Ich hab's verschluckt und vergessen,« sagte der Zinngießer; »Ihr wißt ja, Nachbar Mickley, es kommt Einem manchmal ein überzwercher Gedanke in den Mund. Ich weiß nichts, will nichts wissen und glaube, daß der Schichtmeister Frenzel ein wackerer Mann ist, wie Ihr selbst ihn nanntet.«

»Bis jetzt,« erwiederte der Gelbgießer, »hat seine Gewerkschaft alle Ursach' gehabt, mit ihm zufrieden zu sein, und er gilt allgemein als der tüchtigste Grubenbeamte im ganzen Revier. Aber es ist eine böse Zeit, man darf fast seinem Bruder nicht mehr trauen, und was Ihr da angedeutet, will ich mir hinter die Ohren schreiben.«

»Aber Nachbar Mickley,« sagte der Zinngießer fast ängstlich, »seid doch nicht so wunderlich! Ich habe gar nichts angedeutet, gar nichts. Euer Schichtmeister ist gewiß ein wackerer Mann, kein Mensch kann wider ihn auftreten, auch der Nachbar Kunz nicht. Gewiß, Nachbar Kunz, behauptet Ihr nicht im Ernst, daß es mit den Schichtmeistersleuten so übel stehe, wie Ihr vorhin sagtet.«

»Oh! was ich gesagt hab', das hab' ich gesagt,« versetzte der Tuchmacher, »wollt Ihr einen kleinen Beweis für meine Worte sehen, so schaut in mein Contobuch, da steht noch ein alter Rest von zehn Thalern, um den ich schon zehnmal umsonst gemahnt habe. Aber jetzt ist meine Geduld zu Ende, und wenn ich morgen mein Geld nicht habe, geht's vor Gericht!«

Das ganze Gespräch war von dem jungen Bergmann, der unter der Brodbänkenthür stand, mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt worden. Mehrmals hatte sein Gesicht den Ausdruck heftigen Unwillens angenommen, und bei den letzten Worten des Tuchmachers geschah dies wieder. Er fuhr hastig in seinen Kittel und zog ein Perlbeutelchen hervor, dessen Inhalt er überzählte. Ach! es war viel, viel zu wenig, um die Schuld seines Vorgesetzten zu decken. Er besann sich aber nicht lange; er steckte seine Börse wieder ein und eilte nach der Spar-Casse. Der Geschäftsführer derselben wunderte sich nicht wenig, daß sein treuester Sparkunde heute Geld entnehmen wollte, statt welches einzulegen; aber es half nichts, er mußte dem drängenden Häuer acht blanke Thaler auszahlen. Mit diesem Zuschuß zu seinem heutigen Lohn verfügte dieser sich nach dem Gewölbe des Gelbgießers, wo die drei Bürger noch immer beisammen standen und jetzt neue Glossen über die Schichtmeisterin machten, die mit ihren zwei ältesten Töchtern in einen Goldschmiedsladen getreten war.

»Ist hier nicht der Meister Kunz?« fragte Ferdinand, zu dem Kleeblatt tretend, nachdem er nicht unterlassen hatte, sein Glückauf! zu bieten.

»Der bin ich,« antwortete der Tuchmacher, »was steht zu Diensten? Ich seh's Ihm an, Er bringt Handgeld – nun Er soll heute einen guten Handel machen.«

»Ich komme blos im Auftrage meines Schichtmeisters,« sagte Ferdinand; »soll Ihnen die zehn Thaler auszahlen, die er noch schuldig ist.«

»So?« versetzte der Tuchmacher; »nun, das ist auch Handgeld, – doch ein Ehrenmann der Herr Schichtmeister; aber es hätte ja noch Zeit gehabt, bis der Herr Schichtmeister wieder etwas gebraucht hätte. Komm Er, ich will Ihm gleich die Quittung schreiben.« Und er nahm den Häuer mit in sein Gewölbe.

»Da habt Ihr's!« sagte der Zinngießer zu dem Gelbgießer: »da hat der Nachbar Kunz auch raisonnirt über den schlechten Zahler; nun ist er doch ein Ehrenmann, und Ihr müßt Euch keinen Floh ins Ohr setzen lassen. Ich für meine Person weiß nichts Unlauteres von Euerm Schichtmeister und alle Welt nennt ihn einen tüchtigen Mann. Ich habe nichts gesagt, behüt' Euch Gott!«

Damit entfernte sich der Zinngießer und ging in die Garküche nach seinem Morgentöpfchen. Der Gelbgießer blieb unter seinem Laden stehen und schaute nach dem des Tuchmachers. Nach einer Weile kam Ferdinand daraus wieder zum Vorschein. »Nochmals meinen gehorsamsten Dank an den Herrn Schichtmeister!« rief ihm der Tuchmacher nach, »und ich lasse mich und mein neu assortirtes Lager bestens empfehlen.«

Ferdinand steckte lächelnd seine Quittung zu dem Rest seiner Baarschaft und wollte sich auf den Heimweg machen. Als er aber an das Gewölbe des Gelbgießers kam, hielt dieser ihn auf und nöthigte ihn hinein. Er holte aus einem Wandschrank einen Teller mit Knackwurst und Brodschnitten, eine Flasche und ein Gläschen, schenkte ein und bat den jungen Häuer, zuzulangen. Dieser nahm ein Brodschnittchen, verschmähte aber den Inhalt des Gläschens, weil er nie Branntwein trinke. Der Gelbgießer nannte dies eine Sonderbarkeit und wollte ihn zu dem echten »Eibenstocker« nöthigen. Aber Ferdinand beharrte bei seiner Weigerung, und als der Gelbgießer einen Grund dafür wissen wollte, sagte er: »Ich halte das Branntweintrinken für eins der Hauptübel der Menschheit.«

»Ja, wenn man den Branntwein säuft,« fiel Meister Mickley ein; »aber ein Gläschen zum Imbiß dient zur Gesundheit.«

»Halten Sie zur Güte, Meister!« erwiederte Ferdinand; »unser Herr Markscheider, der alle Dinge der Natur kennt, soweit Menschen sie erforscht haben, hat uns in der Bergschule klar bewiesen, daß der Branntwein, in was immer für einem Verhältniß genommen, nie von Nutzen für die menschliche Natur sein könne; daß er aber in einiger Menge genossen immer verderblich wirke. Die Säufer, die unter das Vieh herabgesunken sind, haben auch Anfangs nur Gläschen getrunken. Doch selbst der mäßigste Genuß bleibt eine Sünde gegen Gott und Menschen, weil er immer die Mitschuld trägt, daß das, was Gott den Menschen zur Nahrung bestimmt hat, so gut wie unter die Füße getreten wird. Lieber Meister, Sie dulden gewiß nicht, daß auch nur ein Bröcklein Brod in Ihrem Hause muthwillig weggeworfen werde; aber in jedem Glase Schnapps werden ein paar Loth Brod zu nichte gemacht. Bedenken Sie, Meister, wie viel tausend Scheffel Korn und Kartoffeln nur in unserm lieben Gebirge jährlich zu Branntwein verbrannt werden – das ist Brod für viele tausend Menschen. Wahrlich, wenn man sich's recht überlegt, so darf es Einen nicht wundern, wenn der liebe Gott über den Greuel einmal ergrimmt und uns ganz entzieht, was wir so schmählich mißbrauchen.«

»Er ist ja ein halber Pastor!« rief der Gelbgießer aus; »na, so lassen wir den Schnapps! Also Er ist auf der Bergschule – sagte Er nicht?«

»Ich wohne bei meiner Mutter in Pobersdorf und fahre auf dem Vater Abraham an, besuche aber die Bergschule seit zwei Jahren.«

»Und da kommt Er alle Tage anderthalb Stunden weit herein in die Stunden? Das macht jeden Tag drei Stunden Wegs um eine Stunde Unterricht!«

»Was kann es helfen,« erwiederte Ferdinand, »in der Stadt ist theuer leben, dazu reicht das Häuerlohn nicht aus.«

»Und von der Grube wohnt Er auch eine Stunde entfernt; da hat Er täglich einen Marsch von 5 Stunden zu machen. Dazu kommt die saure Grubenschicht von 8 Stunden, das thut 13 Stunden täglich, mit der Schule 14 – da bleibt Ihm ja gar keine Zeit zu einem Ueberwerk!«

»Freilich nicht; – nun, ich richte mich mit meiner Mutter ein, und da wir eigne Herberg haben und eine Kuh im Stall, so kommen wir schon aus. Freilich, der Fleischtopf steht bei uns immer weit vom Feuer, aber dafür hat's uns noch kein Jahr an den lieben Kartoffeln gefehlt. Uebrigens leb' ich mit meinen Kameraden in der guten Hoffnung, daß unsere Herren Gewerken uns bald auch zu einem wenig Fleisch helfen werden, da der Vater Abraham neuerdings so höflich geworden.«

»Höflich?« versetzte Meister Mickley, – »es geht wahrlich an mit der Höflichkeit. Es ist wahr, es hat in den letzten Quartalen einige Ausbeute gesetzt; aber lieber Freund, Er bedenkt wohl nicht, daß wir Gewerken viele Jahre nicht einen Heller von unsern Kuxen gehabt, ja gar einmal Zubuße gezahlt haben.«

»Aber die ist doch gewiß längst reichlich wieder erstattet, und nach meiner Ansicht muß es in der letzten Zeit eine ansehnliche Ausbeute gesetzt haben.«

Der Gelbgießer sah den Sprecher scharf an; dann ging er an sein Schreibpult und brachte ein Schreiben zum Vorschein, welches er dem Knappen vorlegen wollte, aber erst noch einmal zurückzog, indem er den jungen Mann fixirend fragte: »Wie hoch schätzt Er ungefähr die Ausbeute vom Vater Abraham auf das letzte Quartal? Ich will einmal sehen, ob Er schon einen tüchtigen Steiger abgäbe, wenn unser alter Meier bergfertig würde. Er muß wissen, daß ich vier Kuxe baue und im Ausschusse der Gewerken sitze, also ein Wörtlein mitzureden habe, wenn es eine Stelle auf dem Abraham zu besetzen giebt. Ich will einmal sehen, ob Er schon ein wenig Erz zu taxiren versteht. Laß Er hören!«

Der Jüngling sah vor sich nieder. Er mußte sich des Gesprächs der drei Bürger erinnern, namentlich der halben Aeußerung des Zinngießers, die zuerst seinen Unwillen erregt hatte. Offenbar wollte der Gelbgießer ihn aushorchen, und er war im Begriff, eine kurze Antwort zu geben; doch lag auch wieder etwas so Herzliches im Tone des Fragenden, daß Ferdinand das rauhe Wort nicht über die Lippen brachte. Zudem war seine Ehrliebe erregt und, was mehr sagen wollte, ihm eine Aussicht gezeigt worden, die sein höchstes Lebensglück zum Hintergrund hatte. Nach einigem Nachsinnen sagte er: »Mit dem Erzschätzen ohne genaue Probe ist es immer ein unsicheres Ding, – aber nach meinem Dafürhalten kann die Ausbeute im letzten Quartal nicht unter 1300 Species betragen haben.«

»Die Ausbeute?« rief der Gelbgießer. »Er meint wohl den Gesammtwerth des gewonnenen Erzes?«

»Nein, den reinen Ertrag, nach Abzug der Gewinnungskosten und des Zehntens.«

Jetzt schlug der Gelbgießer das Buch auf und hielt es dem Häuer vor das Gesicht: »Da les' Er, was unter Quartal Crucis notirt ist.«

Der Jüngling las die Notiz und schüttelte mit dem Kopfe. »Da hätte ich mich stark verrechnet,« sagte er, das Buch zurückgebend; »blos 5 Species auf den Kux, das thut für alle 128 Kuxe 640 Species, also noch nicht die Hälfte der von mir vermutheten Summe. So stark sollte sich einer, der Steiger werden will, freilich nicht verrechnen!«

»Ob Er sich aber auch nur verrechnet hat?« sagte der Meister. »Er scheint mir einen offenen Kopf zu haben – vielleicht hat Er doch recht gerechnet – he?«

»Sie überzeugen mich ja hier vom Gegentheil,« antwortete Ferdinand.

»Aber die Differenz kann wohl an etwas ganz Anderem liegen, als an Seiner Berechnung? Sei er aufrichtig, junger Freund, es soll Sein Schade nicht sein. – Hat Er keine Vermuthung, auf welche Art die schöne Ausbeute, welche Er der Gewerkschaft zugeschätzt hat, auf weniger als die Hälfte geschwunden sein kann?«

Der Jüngling stand rasch auf. »Meister Mickley!« sagte er, »ich habe Ihnen gleich gesagt, daß Erzschätzen nach dem bloßen Augenschein etwas sehr Unsicheres sei; und wenn Sie anderer Meinung sind, so denken Sie, daß ich noch lange in die Bergschule gehen muß, eh' ich reif bin zum Steiger!«

»Ei, nur nicht so heftig, lieber junger Mann!« bat Mickley, ihn bei der Hand nehmend; »nehm' Er nur wieder Platz, und hör' Er, was ich ihm sagen will.«

Ferdinand aber gab vor, daß er zu Hause nothwendig zu thun habe.

»Nun, so besuch' Er mich ein ander Mal, komm Er doch immer, wenn Er die Bergschule besucht; die ist alle Nachmittage zwischen 3 und 4, da kann Er bei mir sich an einer Tasse Kaffee erquicken; und wenn Er Zeichnenmaterial braucht, das kann Er bei mir auch haben, braucht's nicht in der Buchhandlung zu holen. Wart' Er, ich will Ihm einmal etwas zeigen!« Und er schob sich hinter seinen Ladentisch und brachte verschiedene Reißzeuge zum Vorschein. »Ist Er schon mit einem Reißzeuge versehen?« fragte er.

»Ich habe mich mit einem Zirkel und einem selbstgemachten Transporteur behelfen müssen,« sagte Ferdinand; »ein gutes Reißzeug war mir zu kostspielig.«

Der Gelbgießer öffnete das größte der mit schwarzem Maroquin überzogenen Kästchen und legte es mit seinen aus rothem Sammet hervorblitzenden feinen Instrumenten dem jungen Häuer vor. Dieser wurde von dem Anblick unwiderstehlich gefesselt. Ein so kostbares Reißzeug hatte er selbst bei seinem Markscheider nicht gesehen. Stumm stand er darüber gebeugt und wagte kaum Athem zu holen, damit sein Hauch das funkelnde Metall nicht erblinden mache.

»Ist das wohl vollständig?« fragte Mickley; »gefällt es Ihm?«

»Wem wollte das nicht gefallen?« sagte Ferdinand; »wer die edle Mathematik treibt, der muß daran seine Freude haben. Aber es gehört wohl ein guter Beutel dazu, einen solchen Schatz zu besitzen?«

»Manchmal hilft auch ein gutes, ehrliches Gesicht dazu,« sagte der Bürger. »Ich weiß nicht, Er hat mir's angethan. Ich will Ihm was sagen: Das Ding steht seit Jahren hier, und kein Mensch kauft es. Alles behilft sich mit billigen Kästen, den Zimmer- und Maurermeistern kommt's nicht darauf an, ob der Transporteur keinen Grad richtig zeigt, oder das Winkelmaß auf 89 Grad steht statt auf 90, und den Bergschülern fehlt's am Besten. Ich will aber das Ding einmal los sein, ehe es verrostet. Nehm' Er es als eine kleine Aufmunterung zu rechtem Fleiße, damit wir wieder einen tüchtigen Steiger bekommen, wenn der alte Meier bergfertig wird.«

Ferdinand wollte zwar ein so kostbares Geschenk nicht nehmen, aber der Gelbgießer wußte es ihm aufzureden. Als wär' er in den Besitz eines Königreichs gekommen, so froh verließ er das Gewölbe. Draußen stieß er auf Brunhild, die älteste Tochter seines Schichtmeisters aus dessen zweiter Ehe. Er bot dem schönen, eleganten Mädchen sein Glückauf und wollte vorübergehen; aber sie hielt ihn freundlich an. »Haben Sie meinen Vater nicht gesehen, Herr Bergner?« fragte sie. »Oh, zum Herrn fehlt mir viel, Fräulein Brunhild,« erwiederte er, »Ihren Vater vermuth' ich beim Herrn Markscheider.« »Gut, ich danke,« sagte sie, »und nicht wahr, Sie thun mir einen Gefallen?« – »Zwei für einen,« sagte er, »befehlen Sie nur!« – »Sie machen sich wohl aus einem kleinen Umweg nichts, wenn er über den Vater Abraham führt?« sprach sie mit einem feinen Lächeln, »wollen Sie nicht unserer Hedwig sagen, sie möchte der Mutter ihr neues Barègekleid schicken und nicht auf die Eltern mit dem Essen warten; wir sind Alle zu Landgraf's zu Tisch und zu einer Soirée bei Neuhoff's geladen; es kann Mitternacht werden, eh' die Eltern heimkommen. Grüßen Sie die gute Hedwig von mir – und hier, wollten Sie ihr wohl das Stückchen Apfeltorte von mir bringen?«

Ferdinand übernahm den Auftrag mit herzlicher Freude, und das schöne Mädchen nahm freundlich Abschied. »Die hat doch ein Herz,« sagte der Häuer ihr nachblickend; »das hat sie von ihrem Vater, und die Mutter hat es nicht verwüsten können. Gott segne sie!« – Nun lenkte er seinen Schritt dem Thore zu.


II.

Brunhild fand ihren Vater wirklich bei dem Markscheider. Sie theilte ihm mit, welche Einladungen an ihn und die Seinigen ergangen waren, und bat ihn, augenblicklich mit ihr zu kommen. Er ging mit ihr. »Wo ist denn die Mutter?« fragte er vor der Thür.

»Bei dem Goldschmied,« antwortete sie.

»Schon wieder?« fragte er trübe.

»Sei nur nicht bös,« sagte Brunhild, »ich wollte es nicht haben; aber Du weißt, wie die Mutter ist, und vielleicht hat sie heute nicht ganz Unrecht, ich habe Dir noch nicht gesagt, daß die Frau Baronin zum Besuch hierher kommt und bei Neuhoff's absteigt.«

»Heute?« fragte der Schichtmeister; »und da sollen wir wohl am Abend in Gesellschaft der Baronin sein?«

»Ja, und auch schon bei Landgraf's mit ihr speisen.«

»Also die Frau Baronin kommt? Sie will uns kennen lernen,« sagte der Schichtmeister erheitert, »so komm denn!«

Bei dem Goldschmied angekommen und von diesem in sein Wohnzimmer geführt, wurde der Schichtmeister von seiner Frau auf die Seite gezogen. »Hast Du schon gehört, lieber Schatz, welche Ehre, welches Glück uns erwartet?« redete sie ihn an. Und als er bejahte, sagte sie: »Denke Dir, das ist Alles so von dem Baron veranstaltet; der liebe, goldne Mann erwartet den günstigsten Eindruck von der Begegnung unsers Kindes mit seiner Mutter, und hofft morgen schon ihr Jawort zu erhalten. Du kannst Dir meine Seligkeit denken, Schatz, denk' einmal, in einem Vierteljahr ist unser Kind vielleicht Frau Baronin – gnädige Frau! Aber Du weißt, man muß das Eisen schmieden, wenn es glüht, und nur den Dummen kommt das Glück im Schlafe. Es versteht sich, daß wir vor der Frau Baronin anständig erscheinen müssen. Glücklicherweise sind unsere Mädchen, als hätten sie es geahnt, in den letzten Tagen fleißig hinter ihrer Garderobe her gewesen, und mein neues Barègekleid macht sich auch. Aber zu den noblen Gewändern gehört auch ein nobler Schmuck, wenigstens für Brunhild. Ich bin daher gleich hierher gegangen und habe uns einige sehr einfache, aber noble Sachen ausgesucht; Du weißt, ich verstehe mich auf dergleichen. Aber denke Dir, der Goldschmied will uns nur auf einen Wechsel von Dir weitern Credit geben. Vergebens tröstete ich ihn auf das nahe Ende meines Erbschaftsprocesses; er besteht auf dem Wechsel. Nun, Du weißt doch besser als er, wie es um den Proceß steht, daß wir ihn in erster Instanz gewonnen, und daß nach der Versicherung unsers Advocaten das Erkenntniß der zweiten Instanz bald erfolgen und unser Erbe in spätestens drei Monaten in unsern Händen sein muß. Du hast hoffentlich kein Bedenken gegen den Wechsel?«

»Allerdings, liebe Bertha, hab' ich das,« erwiederte der Schichtmeister, »Alles, nur keinen Wechsel! Ich hoffe zwar auch, daß der Proceß bis dahin entschieden sein wird, aber es bleibt doch immer eine Möglichkeit, daß er sich noch sehr lange hinauszieht. Ich meine auch, der Schmuck sei nicht so nothwendig –«

»Nicht nothwendig?« fiel ihm die Frau ins Wort, und da der Goldschmied hinausgegangen war, so rief sie laut: »Brunhild! Klotilde! sagt, ob die Schmucksachen uns nicht nöthig sind, um vor der Frau Baronin zu bestehen?«

Brunhild sagte, sie wolle nichts bestimmen, aber so viel wisse sie, daß ihr Alexis nicht nach Schmuck bei ihr frage. – »Aber,« fiel Klotilde ein, »die Frau Baronin ist eine Banquierstochter, und diese Damen halten viel auf Geschmeide. Die Frau Magisterin sagte, der erste Eindruck einer Begegnung entscheide oft über die ganze Zukunft, und ich möchte der geschmeideliebenden Baronin nicht allzu einfach vor die Augen kommen, wenn ich ihre Schwiegertochter werden wollte!«

»Aus Dir spricht Welt, Mädchen,« rief die Mutter; »ja so ist es, wir müssen den ersten Eindruck wahren!«

Zögernd erklärte der Schichtmeister seine Bereitwilligkeit, den Schmuck gegen eine Obligation zu erstehen. »Ich zweifle nur, daß Herr Reichel darauf eingeht,« bemerkte die Frau, »doch versuche Dein Glück. Komm mit in den Laden!«

Sie gingen hinaus. Der Goldschmied hatte die ausgewählten Gegenstände schon bereit gelegt. Die Frauen überließen sich mit Entzücken der Betrachtung dieser nothwendigen Entbehrlichkeiten, indeß der Schichtmeister mit dem Goldschmied über die Art der Zahlungssicherstellung verhandelte. Herr Reichel wollte von der vorgeschlagenen Art der Zahlungssicherstellung nichts wissen; er bestand auf einem Wechsel nicht nur für die schon im Buch stehende, sondern auch für die neue Schuld. Der Schichtmeister konnte sich zu dem Wechsel nicht entschließen, und der ganze Handel drohte sich zu zerschlagen. Aber Töchter, die zur rechten Zeit bethauete Wimpern zeigen, und Mütter, die im rechten Augenblick das Vaterherz zu packen verstehen, werden meist siegreich aus einem Angriff auf väterliche Finanzscrupel hervorgehen. Klotilden, die als das leibhaftige Ebenbild der Mutter des Vaters Liebling war, perlten Tröpfchen über die rosigen Wangen, und sie ging mit dem Tuche vor den Augen ins Zimmer zurück. »Komm, Brunhild!« rief die Mutter zornig und zog sie jener nach. »Aber Bertha!« sagte der Schichtmeister folgend, »sei nur nicht so bös! Ich kann doch nicht anders.«

Die Beleidigte wendete sich von ihm ab und rief ihren Töchtern zu: »Jetzt kommt, Kinder! kommt gleich mit nach Hause! Es war sehr unrecht, Euch in Pension zu thun. Euer Vater will, Ihr sollt Häuersweiber werden wie das Gänseblümchen, die Hedwig. Kommt! Ihr setzt keinen Fuß wieder in die Pension, und Du, Brunhild, vergissest Deinen Alexis! Vielleicht findet sich auch noch ein Steiger für Dich – armes – unglückliches – Kind –« und ihre Stimme erstarb in Schluchzen.

Da brach dem Schichtmeister das Herz. Er kratzte sich den Kopf – er besann sich – es galt, sich zur Zahlung von 400 Thalern nach Ablauf von drei Monaten verbindlich zu machen. – Die Erbschaft seiner Frau, so redete er sich in der Erregung des Herzens ein, die Erbschaft mußte bis dahin eingehen, und wenn nicht, so wäre darauf inzwischen schon ein Darlehn zu erlangen. – Er ging in den Laden zurück und unterzeichnete den schon ausgefüllten Wechsel. Seine Hand zitterte, aber doch war ihm leichter ums Herz, als er, den Kasten mit dem erstandenen Geschmeide in den Händen, zu seiner Frau trat.

Die vier Familienglieder verfügten sich nun zu der »Frau Magisterin«, bei welcher Brunhild und Klotilde sich jenen schimmernden Anstrich holten, der in gewissen Gesellschaftskreisen für die Blüthe der Erziehung gilt. Als sie nur wenig Minuten das Haus des Goldschmieds verlassen, trat bei diesem ein einzelner, auch bergmännischer Besuch ein. Ein langer, hagerer Graukopf mit dem Abzeichen eines Grubensteigers. Sein gefurchtes Gesicht ließ ihn älter erscheinen, als er war. Sein Glückauf! war nicht das helle, herzhafte, wie es gewöhnlich aus der Knappen Mund ertönt, es klang hohl und traurig. Der Goldschmied führte ihn in ein kleines Bureau, das hinten an den Laden stieß. Der Steiger brachte aus seinem Kittel ein Päckchen in Papier, das ihm der Goldschmied hastig abnahm und mit den Händen wog. »Es scheint leichtes Gut zu sein,« sagte er.

»Leicht?« versetzte der Steiger; »ich wette, daß Sie noch nie schwereres Erz in den Händen gehabt, sehen Sie es nur erst an!«

Der Goldschmied entfernte das Papier und vergaß einen Augenblick den Kunstgriff des Wucherers, das zu kaufende Gut mit Geringschätzung zu betrachten.

»Wie viel haben Sie von dieser Art?« fragte er.

»Zwei Centner,« antwortete der Steiger mit einem tiefen Seufzer.

»Freilich wenig,« sagte der Goldschmied; »wird sich kaum des Schmelzens verlohnen.«

»So sprechen Sie immer,« sagte der Steiger; »aber ich weiß so gut wie Sie, was in dem Erze steckt, und was sich herausschmelzen läßt.«

»Was verlangt Ihr für den Braß?« fragte der Goldschmied wieder.

»Ich hoffe damit den Wechsel meines Sohnes gedeckt zu haben – sonst will ich weiter nichts – ich will froh sein, wenn ich diesen Stein vom Herzen habe.«

Der Goldschmied wollte den Werth des Erzes herabsetzen, so daß der Wechsel nicht damit gedeckt erschien, aber der Steiger bestand auf seiner Forderung, und zuletzt versprach der Goldschmied, den Wechsel auszuliefern, sobald er das Erz in Empfang nähme. Der Steiger wollte es in der zweitnächsten Nacht zum Theil bringen und verabschiedete sich. »O, mein Sohn! mein Sohn!« murmelte er unter der Thür, »wenn Du wüßtest, wohin Dein Uebermuth Deinen alten Vater gebracht hat!« Eine Thräne quoll aus seinem Auge – langsam stieg er die Stufen vor dem Laden hinab. Plötzlich fand er sich angeredet. Aufblickend sah er den Gelbgießer Mickley vor sich stehen.

»Ihr noch in der Stadt?« fragte dieser, »und kommt vom Goldschmied?« Der Steiger erschrak. »Ich war – ich hatte – mein Sohn schickte mich hierher –« stotterte er.

»So?« versetzte Mickley; »ist der Herr auch wieder einmal zu Platze? Er ist nun endlich einmal Doctor geworden und geht mit einer vornehmen Heirath um – he?«

»Wie er thut, ja; und da er so gut mit dem Herrn Obereinfahrer steht, so mag wohl was d'ran sein.«

»Ach ja, es ist ja die Schwester vom Herrn Baron, um die er freit; – da gratulir' ich zur vornehmen Freundschaft, Alter!«

»Danke, Meister Mickley, eine brave, bürgerliche Schwiegertochter wäre mir lieber. –«

»Ihr seid ein braver Mann, Steiger,« sagte der Gelbgießer, ihm auf die Schulter klopfend, »ich weiß, Ihr habt's nicht wie Eure Schichtmeisterin darauf angelegt, in vornehme Freundschaft zu kommen. Hättet Ihr doch in Eurer Demuth Euren Sohn gar nicht studiren lassen; aber gute Freunde haben Euch überredet. Daß er nun aus der Art geschlagen, ist somit nicht Eure Schuld.«

»Dort kommt er gerade,« sagte der Steiger, »dort aus dem Posthause; der Herr Obereinfahrer und eine Dame sind bei ihm – sie kommen hierher, wir wollen doch ein wenig auf die Seite gehen.«

»Ei warum nicht gar! Es sind Menschen wie wir auch. Ich möchte Euern Sohn 'mal in der Nähe sehen.«

Jene Drei waren bald in die Nähe der Beiden gekommen; der Steiger salutirte seinem Vorgesetzten, der Bürger grüßte höflich; der Obereinfahrer erwiederte freundlich die Grüße, aber der Doctor, anscheinend in tiefem Gespräch mit der Dame, der eine Zofe und ein Lakai mit Gepäck folgten, ging, ohne nur den Kopf nach seinem Vater zu wenden, stolz vorüber.

»War das Euer Sohn?« fragte der Gelbgießer nach einer Weile. Der Steiger bejahete es mit einem Seufzer.

»Und er sah Euch nicht einmal an!« sagte jener, »und grüßte nicht einmal! Er verleugnet seinen Vater, er schämt sich seiner Herkunft! Armer, alter Mann!«

Der ehrsame Bürger nahm Abschied von dem Greis, und dieser wankte dem Thore zu.


III.

Die Fundgrube Vater Abraham gehörte zu den ältesten Bergwerken des Reviers. An einem sanften Abhange der waldigen Hochebene gelegen, ragten die stattlichen Berggebäude, das gethürmte Huthaus, die Bergschmiede, die Wäsche und der Pferdegöpel aus dunkeln Tannen hervor. Ein Glöcklein, das von Minute zu Minute angeschlagen wurde, schallte weithin durch die einsame Gegend. Es war der Nachmittag desselben Lohntags. Das Wetter wunderschön. Auf einer Bank vor dem Huthause saß ein stattlicher Greis im Bergmannskittel zur Seite eines jungen, einfach bürgerlich gekleideten Mädchens von ausnehmender Anmuth. Eine kleine Gestalt, aber vom zierlichsten Bau, eine bewundernswürdige Vereinigung von Zartheit und Fülle. Während sie emsig strickte, hing ihr blaues Auge an den dunkelblauen Berghäuptern des Fichtelberges und seiner Nachbarn, welche trotz der Entfernung mehrer Stunden doch ganz nahe zu sein schienen, so durchsichtig war die Luft und so günstig die Lage des Standpunktes.

»Ja, schau Dir ihn nur an, den alten lieben Bergkönig,« sagte der Greis; »so wie Du hab' ich ihn schon seit mehr als vierzig Jahren fast täglich betrachtet, entweder von dieser Bank oder vom Fenster aus, und doch hab' ich mich nie satt daran sehen können. Nein, je älter ich geworden, desto lieber hab' ich da hinauf geschaut; und wenn mir noch so weh ums Herz gewesen, von meinen Bergen herab ist mir Linderung gekommen.«

»Ich habe schon oft nachgedacht,« sagte das junge Mädchen, »was es denn eigentlich sei, das uns so heimlich und so magisch von den duftigen Höhen anweht, aber ich habe den Schlüssel zu dem Zauber nicht finden können.«

»Ja, sieh, mein Kind,« erwiederte der Greis; »zwischen den Bergen und dem unverdorbenen Menschenherzen findet eine nahe Verwandtschaft statt. Beide streben zum Himmel, und beide tragen himmlische Kräfte in sich. Aber was den Fichtelberg betrifft, so hat der für ein echtes, treues Bergmannskind noch einen ganz besondern Zauber. Denn sieh, im Fichtelberg hauste der gute Geist des ganzen Gebirges. Das jetzige superkluge Volk will zwar nichts davon wissen, aber ich weiß, was ich weiß.«

»Erzählt mir doch etwas, Großvater!« bat das Mädchen und wandte ihm ihr sonniges Gesicht mit den blauen Augen zu. Zwar war es nur die alte, schon hundertmal von ihm vernommene Geschichte, die sie zu hören hoffen durfte; aber sie wußte, wie gern er sie erzählte, wenn er einen andächtigen Hörer fand, den er gern auch für einen gläubigen nahm.

»Nun, Dir kann man allenfalls so etwas erzählen,« sagte er; »Du gehörst nicht zu den Superklugen.«

»Vor Alters, wo alle Menschen gläubiger waren,« begann der Alte, »kamen die Berggeister häufig auf die Oberwelt und waren den Menschen hülfreich, wo es noth that; aber je ungläubiger die Menschen wurden, desto weniger mochten die guten Geister mit ihnen zu schaffen haben und so zogen sie sich immer mehr in den Schoß der Erde zurück. Doch kommen sie dann und wann noch ans Tages- oder Grubenlicht. Auch ihr Fürst, der Geist des Fichtelberges, ist vor gar nicht langer Zeit noch gesehen worden. Da ist bei meines seligen Vaters Lebzeiten zu Wiesenthal ein armer, armer Häuer gewesen, der hat die Stube voll Kinder und kein Brod in der »Almet« gehabt, auch keins schaffen können, denn seine Grube ist auflässig und er ohne neue Arbeit gewesen. Da treibt ihn das Geschrei der hungrigen Kinder bei Morgengrauen aus dem Hause, und in der Verzweiflung seines Herzens geht er, er weiß selbst nicht wohin. Und wie er gegangen und gegangen ist, steht er oben auf dem Fichtelberg. Da sitzt ein steinalter Bergmann unweit von ihm auf einem Stein, der winkt ihm. Wie er hinkommt, sieht er zu des Alten Füßen einen Brunnen voll hellen Wassers, und war ihm doch sonst nie ein Brunnen da oben vorgekommen. »Was soll ich?« hat er gefragt. »Räume doch die Steine aus meinem Brunnen hier; schlechtes Volk hat sie hineingeworfen.« Das hat sich der Wiesenthaler nicht zweimal sagen lassen; hat nicht gefragt: was krieg ich? oder was geht's mich an? sondern: 's ist ein alter Mann, hat er gedacht, und das Alter muß man ehren; hat sich frisch ans Werk gemacht und die Steine herausgeholt. Und wie er den letzten auf den Rand gebracht, siehe, da ist's blankes Gold gewesen; der Alte aber war verschwunden. Ist kein anderer gewesen, als der gute Bergfürst. Fröhlichen Muthes ist der Häuer heimgeeilt, und alle Noth hat bei ihm ein Ende gehabt. Später ist es ihm eingefallen, daß wohl auch die andern Steine, die er aus dem Brunnen geräumt, goldhaltig gewesen sein könnten; er ist daher wieder auf den Berg gestiegen, aber wie er auch gesucht, er hat keinen Brunnen, noch eine Spur davon mehr gefunden.«

»Es ist recht schade,« sagte das Mädchen, »daß jetzt solche guten Geister keinem Menschen mehr zu Hülfe kommen, wo es der Noth so viel in unserm Gebirge giebt.«

»Ach wohl giebt's der Noth viel im armen Gebirge!« rief der Greis, »mehr als ein Mensch aussagen kann, und die guten Berggeister wären nöthiger als je. Aber sieh, Hedwig, die Menschen haben sie durch ihren Undank selbst verscheucht. Mit den Berggeistern ist der Segen vom Gebirge geflohen; das Bergwerk, sein eigentlicher Lebenspuls, ist in Verfall gekommen, und ich weiß nicht, was noch aus ihm werden wird. Wenn ich zurückdenke in meine Jugendzeit, was für ein Leben war da noch in unserm Revier, und besonders auf unserm Vater Abraham! Wie ich als neuer Hutmann Deine Großmutter heimführte, da standen 250 Bergleute im Staat aufgepflanzt auf der Halde, lauter Vater-Abrahamer, und eine Hochzeit war's, woran die paar Alten, die aus jener Zeit noch leben, noch heute mit Lust denken. Aber wie muß es erst gewesen sein, als droben der alte Schacht noch gangbar war, wo an 500 Bergleute anfuhren und ein Häuer vom Vater Abraham von den Stadtleuten wie ein Herr angesehen war! Doch das war auch eine Strafe des erzürnten Berggeistes, daß er die schlagenden Wetter in den alten Bau schickte, so daß kein Häuer seines Lebens mehr darin sicher war, und der Schacht aufgelassen werden mußte. Nun schlug man da unten ein und suchte nach dem alten Gang, fand aber nur einen Zweig davon, dem zur Mächtigkeit und dem Reichthum des verlassenen gar viel fehlte. Ach, wenn der alte Schacht noch im Gang wäre, wie anders stände es um uns! Dann möchte allenfalls Deine Stiefmutter mit ihren Docken den Staat treiben, womit sie Deinen Vater jetzt ruinirt!«

Hedwig seufzte und fragte dann: »Aber Großvater, sollte man denn den alten Schacht jetzt nicht wieder öffnen können, nachdem er über hundert Jahre darniedergelegen?«

»Du weißt nicht, was es mit den schlagenden Wettern für eine Bewandtniß hat. Sieh, die kommen durch feine, unsichtbare Spalten aus dem feurigen und kochenden Innern des Erdkörpers. Da ist's wie in einem Schmelzofen, nur daß nicht blos ein, sondern alle möglichen Metalle da unter einander in glühendem Fluß sind, und wenn es schon in unsern Schmelzhütten an giftigen Dämpfen und Gasen nicht fehlt, die dem Schmelzer übel zusetzen, wie viel weniger da unten in dem ungeheuren Generalschmelzofen! Die Dämpfe sind zwar gut, es sind die Nährmütter unserer Erzadern, indem sie sich in den gröbern Spalten der Erde zu Metallen niederschlagen; aber ihre Gesellen, die Gase, werden, wenn sie in eine Grube eindringen, die größte Plage des Bergmanns. Es ist aber in der Macht des Berggeistes, die Gasritzen zu öffnen und zu schließen, und er öffnet sie zur Strafe, wenn die Gewerken oder das Bergvolk mit seinen Schätzen gottlosen Mißbrauch treiben. So war's auch auf dem alten Vater Abraham. Da sind die Bergleute gar übermüthig geworden; die Schichtmeisterin ist auch ein Weib gewesen wie Deine Stiefmutter, hoffärtig und hart gegen die Armuth, und ein Gewerke, der die meisten Kuxe gebaut, hat die Schwelgerei so weit getrieben, daß er sich in Wein gebadet und den so mißbrauchten edlen Saft den Armen geschenkt hat. Das hat der Berggeist nicht länger mit ansehen können. Erst hat er gewarnt, hie und da ist eine kleine Wand eingestürzt; dann und wann hat einem Bergmanne ein Schwaden den Athem versetzt – aber wie alle Warnungen nichts gefruchtet, hat er seine furchtbarsten Wetterschleusen aufgezogen; da sind auf einmal zehn Mann vor Ort erschlagen worden, und wer sich nachher wieder hingewagt, hat das gleiche Schicksal gehabt, zuerst in der tiefsten, zuletzt in allen Gezeugstrecken. So hat man den reichen Gang im Stiche lassen müssen. Später sind wohl Versuche gemacht worden, den Gang wieder aufzunehmen, sie sind aber alle unglücklich abgelaufen; noch zu meiner Zeit ließ sich ein vorwitziger Bergmann in den Schacht und ward todt herausgezogen, nicht etwa erstickt, sondern erschlagen. Seitdem hat Niemand dem Zorne des Berggeistes zu trotzen gewagt; und dieser Zorn wird auch nicht weichen, wenn es die Menschen auf dem Vater Abraham treiben wie bisher.«

»Aber Großvater,« sagte Hedwig, »es sind doch nicht alle Leute hoffärtig oder gottlos, die auf dem Vater Abraham leben und verkehren; sollte denn der Berggeist den Unschuldigen mit dem Schuldigen strafen? Das wäre doch ungerecht. Da seid Ihr, mein Vater, der Ferdinand, die Brunhild, der Steiger Meier und so viele rechtschaffene Bergleute, auch die Mutter hat ihre guten Seiten.«

»Dich hast Du nicht mit genannt,« sagte der Greis, »und doch bist Du das einzige Wesen, um dessentwillen der Berggeist wenigstens nicht weiter geht in seinem Zorn. Du bist wie Deine selige Mutter – o die Liebe! sie wäre der Schutzgeist vom Vater Abraham geworden, hätte sie fortgelebt und Deinem Vater eine Schaar Kinder geboren wie ihre Nachfolgerin, das unselige Weib. Mit Deiner Mutter ging der gute Engel Deines Vaters von der Erde, und Deine Stiefmutter scheuchte den letzten Segen vom Vater Abraham. Denn wie das Weib hier zu hausen begann, wurden da unten die Erze tauber und tauber, und zuletzt förderte der Göpel nichts mehr zu Tage als Haldensturz.«

»Aber« – wandte Hedwig ein – »seit ein paar Jahren ist die Grube doch wieder recht höflich geworden, und es sind Aussichten vorhanden, daß sie es noch mehr wird.« –

»Ist doch kein Segen dabei!« versetzte der Greis. »Wenn man unser Erz sieht, so lacht Einem das Herz im Leibe, und wenn es in die Hütten kommt, ist's nichts. Ich sage Dir, es ist kein Segen mehr auf dem Vater Abraham; selbst das Gute, was die Erde noch giebt, wird zunichte, wenn nicht zum Fluch. Du sprachst vom Steiger Meier, ja, das ist mein alter Kamerad von Kindheit auf; wie ich Hutmann ward, wurde er Steiger, und wir sind immer gute Freunde gewesen. Erst als sein Student aus der Art schlug, und der alte Vater dem Oben'naus und Nirgendsan die Zügel nicht straff anzog, gab's manche Mißhelligkeit zwischen uns, und seit einiger Zeit ist er mir gar entfremdet. Ich weiß nicht, was ich denken soll, er kann mich nicht mehr aufrichtig anschauen, und in seinen Mienen liegt etwas, das mir weh thut.«

»Der alte gute Mann hat so viel Sorgen um den Sohn ausgestanden, und die Sorgen haben sein Gesicht fast zur Unkenntlichkeit verzerrt,« meinte Hedwig.

»Und dieser Sohn sollte einmal Dein Mann werden,« – sagte der Greis; – »es war ein Lieblingsgedanke von uns Alten; wer konnte denken, daß der schöne schwarzlockige Bube so ausarten würde! Nun, ich brauchte mein Wort gegen den Steiger nicht zu brechen, sein Herr Sohn sorgte dafür, daß nichts daraus ward. Der liebe Gott hatte es besser mit Dir im Sinne, als wir kurzsichtigen Menschen; er hatte Dir den Rechten schon erwählt. Ja, das ist der Trost meiner letzten Tage, daß ich Dich in der Hut eines so rechtschaffenen Menschen weiß, wie Dein Ferdinand ist. Das ist noch ein echtes Bergmannsblut, treu und wahr und unbefleckt.«

Hedwigs Antlitz leuchtete wie verklärt; sie nahm die braune, schwielige Rechte ihres Ahnen und preßte sie zwischen ihre kleinen zierlichen Hände.

»Deine Stiefmutter sieht zwar scheel zu Eurer Liebe,« fuhr er fort; »die hochmüthige Frau glaubt, es falle eine Perle aus ihrer Krone, wenn ihres Mannes Tochter eines Steigers Weib wird; aber Ihr sollt ihr zum Trotz ein Paar werden, bevor ich meine Augen schließe. Was ich Dich noch fragen wollte, Hedwig – was denkst Du von den Besuchen, die der Doctor Meier seit seiner Ankunft dem Vater Abraham abstattet? Sonst mied er ihn ja.«

Hedwig wurde roth und bückte sich auf ihren Strickstrumpf: »Ich weiß nicht, was er will,« sagte sie nach einer Pause, »ich geh' ihm aus dem Wege, wenn er kommt.«

»Er scheint mit dem hoffärtigen Weibe ziemlich vertraut zu sein,« sagte der Alte, »es fehlte blos noch ein Laster auf dem Vater Abraham! – Doch es fängt an, mir kühl zu werden; die Stunde des Schichtwechsels rückt auch heran, da will ich mich zum Beten fertig machen. Da unser Volk heut' nicht da ist, so hast Du wenig Kocherei auf den Abend, geh' doch noch ein wenig aus, mein Kind!« Er streichelte ihr das volle, in Wellen gescheitelte Haar, stand auf und ging ins Haus.

Auch Hedwig erhob sich, verließ langsam die Halde und verlor sich im nahen Walde. Unwillkürlich schlug sie den Fußweg ein, der am alten Vater-Abraham-Schacht vorbei nach Pobersdorf führte. Der alte Schacht befand sich auf dem höchsten Theile des weiten Plateaus, und seine Halde bot eine vollständige Rundsicht dar, welche Hedwig benutzen wollte, nach ihrem Geliebten zu spähen, der jetzt anfahren mußte. Sie stieg daher hinauf, aber als sie oben ihren Blick in die rechte Richtung brachte, sah sie eine andere Gestalt daher kommen, als die ersehnte. Es war der Doctor Meier, derselbe, dem sie als Kind versprochen gewesen, und der sie aus Hochmuth von sich gestoßen, ehe sie noch das jungfräuliche Alter erreicht hatte. Am letzten Sonntage war sie ihm auf dem Kirchwege begegnet, das erste Mal seit vielen Jahren. Da war der inzwischen zum Mann Gereifte vor der blühenden Jungfrau voll Staunen stehen geblieben. Er hatte sie angeredet, doch war sie durch Ferdinands Dazwischenkunft aus dieser verlegenen Lage befreit worden. Als sie aber nach Hause gegangen, und Ferdinand auf dem halben Wege von ihr geschieden war, hatte der Doctor plötzlich vor ihr gestanden und sich ihr zur Weiterbegleitung aufgedrungen. Da hatte er einen Ton gegen sie angestimmt, der mit seinem frühern Betragen in vollem Widerspruche stand. Sie hatte indessen seine girrenden Aeußerungen für leeres Gerede genommen; doch war sie ihm, als er seitdem täglich im Vater Abraham einsprach, sorgfältig ausgewichen. Auch jetzt wünschte sie ihm nicht zu begegnen; sie schlüpfte daher in die nahe, offenstehende Kaue, welche den alten Schacht überdeckte. Aber die scharfen Geieraugen des Doctors hatten bereits die liebliche Gestalt erspäht, und gerade ihre Flucht reizte ihn, sie zu verfolgen. In raschen Sätzen sprang er die Halde hinan und stand bald im Eingange der Kaue, der schönen Flüchtigen gegenüber; aber zwischen ihm und ihr klaffte der furchtbare Schlund.

»Was fliehen Sie, Hedwig?« fragte er. »Kommen Sie, ich habe einen Auftrag von Ihrer Mutter an Sie. Hier ist ihr Commodenschlüssel, den soll ich Ihnen mit der Bitte überbringen, ihr den neuen Pariser Shawl durch mich zu schicken. Das Kleid hat ihr der Junge richtig überbracht.«

»Warum hat sie denn nicht dem Jungen aufgetragen, ihr den Shawl zu holen, wenn sie ihn durchaus haben muß?«

»Da fragen Sie mich zu viel; – genug, ich kam vorhin in ihre Gesellschaft, und als ich beim Abschiednehmen sagte, ich ginge erst noch einmal nach Pobersdorf, da bat sie mich, auf dem Rückwege ihr den kleinen Gefallen zu thun.«

Zögernd kam jetzt Hedwig um das Mundloch des Schachtes herum. »So kommen Sie,« sprach sie, als sie sich ihm näherte. Er stand unbeweglich vor ihr und schien sie mit seinen Blicken verschlingen zu wollen. Nach einer Weile reichte er ihr die Hand. »Hedwig, Sie stehen mir gegenüber wie eine Fremde, fast wie eine Feindin; das sollte anders sein! Geben Sie mir die Hand.«

»Kommen Sie nur!« drängte sie, »ich will Ihnen den Shawl holen.«

»Stolzes Mädchen! Können Sie den Mann entgelten lassen, was der wilde Knabe verbrach? Konnte er auch in der verschlossenen Knospe die Herrlichkeit der Blume ahnen? Hedwig, der erste Strahl Ihrer Schönheit, der mein Auge traf, ist wie der Blitz durch meine Seele gegangen; ich möchte Ihnen zu Füßen fallen und Sie um Vergessen und Vergeben anflehen. – Hedwig, lassen Sie die alten Zeiten wieder gelten, wo ich Ihnen der nächste Mensch auf Erden sein sollte! –«

»Aber nicht wollte,« fiel sie ein, »und mit Recht, denn wie paßte solch ein Gänseblümchen zu solch einem stolzen Ritter! Nein, Herr Meier, die alten Zeiten sind todt und begraben – lassen wir die Todten ruhen. Zu vergessen und zu vergeben habe ich nichts, denn Sie haben mich nicht gekränkt; die Blume weiß nichts von dem verächtlichen Blick, der die Knospe traf. Gehen Sie jetzt, ich folge Ihnen!«

Aber er ergriff ihre Hand, und als sie sie ihm entziehen wollte, schlang er seinen Arm um ihren Leib und zog sie heftig an sich. »Nein, Mädchen! so mußt Du mich nicht abspeisen wollen. Sieh und fühle, wie Du plötzlich mein ganzes Wesen mit einer namenlosen Gluth erfüllt hast! – Hedwig! es ist über mich gekommen wie ein plötzliches Erwachen aus wüstem Schlaf, wie ein Wirbel, der mich mit allmächtiger Gewalt zu Dir reißt. – Hedwig – das Wort unserer Väter muß sich erfüllen – Du mußt mein werden!«

»Lassen Sie mich los!« rief Hedwig ringend, »ich habe weder Lust noch Zeit, Komödie mit Ihnen zu spielen!«

»Komödie? Mädchen! Siehst Du nicht, fühlst Du nicht, welch verzehrendes Feuer in mir rast, ein Feuer, das, beim Himmel! eher zu einer Tragödie paßt als zu einer Komödie! Hedwig, ich habe gelesen, daß Männer, die lange dem Geschoß des blinden Gottes Trotz boten, von ihm plötzlich mit unheilbarer Wunde gestraft wurden; ich fühle jetzt, daß dies kein bloßes Märchen ist. Hedwig, laß Gnade walten und gieb mir das Recht auf Deinen Besitz zurück!« Hedwig wand sich mit abgewandtem Gesicht ängstlich in den Armen des starken Mannes. »Gieb, gieb es mir zurück!« drängte er – »oder ich nehme es mir!«

Da blickte sie ihm ins Gesicht und erschrak vor dessen Ausdruck bis in die innerste Seele hinein. War es möglich, daß ein Mensch so plötzlich von einer rasenden Leidenschaft ergriffen werden konnte? »Lassen Sie mich!« schrie sie, »Sie sind wie ein Wahnsinniger!«

»So scheint es mir selbst,« versetzte er, »darum gehen Sie glimpflich mit mir um – seien Sie mild und versöhnlich!«

»Lassen Sie mich erst los – dann wollen wir vernünftig mit einander reden.«

»Versprich mit einem Kuß, daß Du nicht entfliehen willst,« und er neigte sich zum Empfang des Pfandes. In diesem Augenblick riß sie sich mit verzweifelter Anstrengung los und floh. Aber er hatte sie schnell wieder erreicht und zog sie in das Innere der Kaue zurück. – »Hülfe! Hülfe!« kreischte sie, daß es weit durch den Wald hin gellte; aber schnell verschloß er ihr den Mund mit seinen Küssen. Vergebens kämpfte Hedwig mit allen Waffen, die dem Weibe gegen die Gewalt verliehen sind, um sich der ungestümen Liebkosungen des Rasenden zu erwehren; aber ihre Kraft reichte gegen die Gewalt ihres Gegners nicht aus. Da plötzlich fühlte der Doctor sich hinten kräftig gepackt, ja eh' er sich noch besinnen konnte, sah er sich zu seinem Entsetzen gerade über dem schwarzen Schachtschlunde schweben, in den er unrettbar stürzen mußte, wenn die Riesenfaust, die ihn hielt, ihn fahren ließ. War etwa ein Berggeist dem bedrängten Mädchen zu Hülfe gekommen? Insofern man die Bergleute scherzweis auch Berggeister nennt, allerdings: Ferdinand war der Retter, der auf seinem Wege zur Schicht den Hülferuf vernommen hatte. Da stand er nun und hielt mit dem nervigen Arm den Dränger seiner Trauten über die grauenvolle Tiefe, und da kniete die Geliebte zu seinen Füßen und beschwor ihn, den Elenden zu schonen. Der Doctor war zu einem Bilde des Todes erblaßt. »So, nun wird er genug haben,« sagte Ferdinand; »diese Cur wird hoffentlich gründlich sein – meint der Herr Doctor nicht selbst?« Und er trug den bleichen Mann vor die Kaue: »Nun komm, Hedwig!« sagte er, »den Arm kann ich Dir nicht bieten in meinem lettigen Grubenzeug.« – Aber Hedwig hing sich ängstlich an seinen Arm und ging mit Ferdinand heim. Beide sahen nichts von den racheblitzenden Blicken, die ihnen folgten.


IV.

Der Doctor stand lange brütend auf der Halde. Langsam trat er endlich den Weg nach der Stadt an. Aber er beschloß, den Jungen zu erwarten, welchen Hedwig mit dem Shawl schicken wollte. Er brauchte nicht lange zu warten; der Junge war froh, sich seines Botendienstes so leicht entledigen zu können, und ein Trinkgeld machte seine Freude vollkommen.

»Aber welche Entdeckung hab' ich machen müssen!« sagte der Doctor, als er der Schichtmeisterin den Shawl überreicht hatte und von ihr mit Dankesergießungen überschüttet worden war; »Ihre Hedwig lustwandelte tête-à-tête mit einem gemeinen Bergmann im Walde.«

»Meine Hedwig?« erwiederte die Frau; »die Sie meinen, ist doch nicht mein Kind, sonst würde sie sich sicher nicht zu einer Liaison mit einem Häuer verirren. Aber interessiren Sie sich vielleicht jetzt für das Gänseblümchen, wie Sie es vor Jahren getauft haben?«

»Das gerade nicht; ich wundere mich nur, daß die Liaison von ihnen geduldet wird. Immer ist Hedwig die rechte Tochter von Fräulein Brunhild's Vater, mithin des Barons künftige Schwägerin. Wenn nun die Frau Baronin Mutter erführe, daß ihr Sohn Gefahr liefe, der Schwager eines gemeinen Häuers zu werden, so könnte sie leicht –«

»Um Gotteswillen!« unterbrach ihn die Schichtmeisterin entsetzt; »ich bitte, lassen Sie den Baron und die Frau Baronin ja nichts merken von dem, was Sie gesehen; dafür, daß aus Hedwigs Liaison nichts wird, stehe ich. Von Stund' an muß mein Mann den frechen Menschen, der sich in unsere Familie drängt, ablohnen und Hedwig jeden Verkehr mit ihm untersagen.«

»Zum Glücke Ihrer Brunhild dürfte das klug und weise sein,« bemerkte der Doctor und empfahl sich in der Hoffnung eines genußreichen Abends. Er begab sich zu dem Goldschmied Reichel, der ihn wie einen guten Kunden empfing.

»Wie steht's, Bester?« fragte der Doctor, »hat mein Alter gedeckt?«

»Ich glaube – wenn die ganze Lieferung der Probe gleicht; das muß sich erst ausweisen.«