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August Strindberg
Ausgewählte Romane
August Strindberg
Die
Gotischen Zimmer
Roman
*
1919
Hyperionverlag / Berlin
Deutsch von Else von Hollander
Die Gotischen Zimmer
Erstes Kapitel
Die Gotischen Zimmer
Das elektrische Licht in den Gotischen Zimmern flammte auf, und Kellner legten die letzte Hand an eine Tafel.
Zwei Herren im Frack traten im selben Moment ein und prüften mit einem Blick die Anordnungen, die ihrer Aufsicht zu unterstehen schienen.
»Du warst nicht gerade gestern hier!« sagte der eine von den Arrangeuren, der Architekt Kurt Borg, ein Neffe des Doktor Borg, der der Schreckliche genannt wurde.
»Nein,« antwortete der Maler Sellén, »ich bin seit fünfzehn Jahren nicht hier gewesen, seit ich damals im Roten Zimmer saß und mit Arvid Falk, Olle Montanus und den andern philosophierte. Kannst du als Architekt einen Riß von unserm alten Zimmer geben?«
Der Architekt, der schon öfter hier gewesen war, schritt auf dem Plüschteppich ein Trapez ab und beschrieb die alte Szenerie.
»Ja, ich sage es ja,« meinte Sellén, »die Zeiten ändern sich, aber wir bleiben uns gleich.«
Er deutete auf die ergrauenden Schläfen und fuhr fort:
»Arvid Falk, ja; er ist zusammengebrochen, wie es zu erwarten war; lebt er noch?«
»Ja, er lebt gemordet, wie sie kürzlich unsern Syrach gemordet haben, den Rembrandtsohn, unsern besten Mann, den Antesignani, der vor der Linie fiel.«
»Und mit diesen Mördern sollen wir heute abend zusammen sein?«
»Ja, siehst du, das Fest wird doch dem Norweger zu Ehren veranstaltet, und man kann seine alten Freunde aus Paris und Rom nicht ausschließen!«
»Nein, natürlich nicht; aber wenn Onkel Borg herkommt, dann gibt es vielleicht Streit.«
»Das schlimmste ist, daß Lage Lang, unser Norweger, glaubt, es wird ein Versöhnungsfest werden. Glaubst du an eine Versöhnung?«
»Nein,« antwortete Sellén bestimmt. »Wir haben es versucht, aber es geht nicht. Lundell zum Beispiel hat den Ruf an die Akademie angenommen, um von innen die Tore der Festung zu öffnen, um zu reformieren und Frieden zu stiften; aber dann wurde er eingeschlossen, und jetzt malt er wie die Professoren. Nein, trau ihnen nicht! Sie sagen nur: Komm zu mir, werde wie wir; komm, dann kriegst du den Wasaorden, wenn wir Kommandeure sind; komm und begib dich in unsere Hut, dann sind wir über dir! – Nein, danke, lieber draußen, lieber unten auf der Straße und Landstreicher sein! Erinnerst du dich noch an Lasses Lied aus der Kneipe in Paris?«
»Ja, Paris! Und jetzt sind wir wieder daheim! Wie kommt es dir vor?«
»Dumpfig! Ganz schauderhaft! Die Luft steht still und das Jahrhundertende kommt; man erwartet etwas Neues! Aber was?«
»Wir werden ja sehen!«
Eine Bewegung an der Tür deutete an, daß die Gäste sich einzufinden begannen.
Herein trat jetzt, fett, frischrasiert, behandschuht, der Maler, Professor Lundell. Er trug den Wasaorden auf dem Frack.
»Nimm das Ding da weg,« sagte Kurt Borg und hakte den Stern ab.
»Nein, laß das!« protestierte Lundell gutmütig, denn er war gewohnt, daß man mit ihm scherzte.
»Ja, aber es ist eine Beleidigung für Lang, unsern Ehrengast, der, obwohl er verdienter ist als du, keinen Ordensstern hat. Die Kellner könnten ihn und uns alle für bestrafte Leute halten, verstehst du?«
»Nein!«
Neue Bewegung an der Tür; Konsul Isak Levi, früher Mitglied des Roten Zimmers, trat ein und schüttelte Sellén, Lundell und Borg die Hand.
Nun kamen die Gäste truppweise. Eine Gruppe Akademiker erschien, wie eine Wolke ihren Schatten über eine Wiese wirft.
Polternd und geräuschvoll kam Doktor Borg, der Schreckliche, der jugendliche Onkel des Architekten. Er warf kampflustige Blicke um sich und grüßte mit einer Stichelei nach rechts und links.
Dann kamen Damen und Herren, aber man merkte einen bestimmten Unterschied, weil die Akademiker ihre Frauen nicht mithatten. Die Gesellschaft erschien ihnen nicht comme il faut, und man wußte, daß hier eine Sprache gesprochen wurde, die an reines Schwedisch erinnerte. Hinzu kam, daß die Gesellschaft nach dem Reichsrecht einen Norweger nicht feiern durfte und daß die Künstlerdamen Manieren hatten, die nicht salonmäßig waren. Es wurde sogar behauptet, die Künstler brächten ihre »Freundinnen« mit, und da man diese von den anderen nicht unterscheiden konnte, waren leicht Irrtümer zu begehen.
Schließlich trat ein aufrechter Mann ein, einen Kopf größer als die andern. Das war Lage Lang, der Maler der Gegenwart mit dem großen Namen. Leutselig, reich, gastfrei, stand er außerhalb der schwedischen Kliquen und bewegte sich deshalb ohne Schaden zwischen den Feuern, die er nicht kannte. Den Freund, den Künstler feierte man, aber man wollte auch dem Norweger eine kleine Demonstration darbringen; man wollte zeigen, daß die Nation die Ansicht der Regierung nicht teile, die Norwegen wie eine besetzte Provinz behandelte; und man wollte nach seinen Kräften den von oben angefachten Haß gegen das Brudervolk dämpfen, dessen Wohl nicht wahrgenommen wurde, wenn das Land von Stockholm aus per Telephon regiert wurde, wie ein Vorwerk von einem bequemen Verwalter geleitet werden kann.
Deshalb wurde der Ehrengast sofort auf den Balkon geführt, der sich auf den großen, vollbesetzten Musiksaal öffnete. Als er hinaustrat, wurde die Nummer abgeklopft und man spielte die norwegische Nationalhymne: »Ja, wir lieben.«
Die Professoren bildeten eine geschlossene Gruppe, die im Zimmer blieb, denn sie hatten das Gefühl, daß etwas Unerlaubtes geschah, woran sie sich nicht beteiligen durften.
Darauf ward der Gast zu Tisch geführt! – Es war ein französisches Kabarett-Souper. Vor jedem Gast standen sechs Austern und eine offene Flasche Weißwein ohne Namen, ganz wie bei Laurent in Grez, und damit war der Ton gegeben, waren die Erinnerungen geweckt und die Stimmung der achtziger Jahre heraufbeschworen, obwohl man jetzt in den bedächtigen neunzigern war.
Es bedurfte nur eines Nomen proprium, um die Erinnerungen auflodern zu lassen.
»Barbison! Marlotte, Montigny, Nemours! – O!« Oder: »Manet, Monnet, Lepage! – O!«
Noch wurden keine Reden gehalten, aber alle sprachen auf einmal; Friede und Freude, Eintracht und Fröhlichkeit herrschten.
Beim Dessert stieg die Stimmung zur Ekstase. Man warf Apfelsinen über den Tisch, Servietten flogen durch die Luft, Tabakrauch wirbelte und Streichhölzer wurden wie Raketen hochgeworfen; eine Gitarre hervorgezaubert; Spadas Lieder im Chor gesungen. Das war das Signal zur Auflösung der Konvenienz; die Professoren ließen sich mitreißen und wurden jung; sie hakten ihre Ordenssterne ab und verteilten sie mit offnen Händen; auf Selléns Rücken hing der Wasaorden, und ein Kellner trug das Kreuz der Ehrenlegion auf der Achselklappe.
Schließlich wurde auf den Tisch geklopft. Doktor Borg sprach:
»Wir haben auf das Wohl des Freundes Lage Lang und auf das des Künstlers getrunken, jetzt will ich auf den Norweger trinken: Sie dürfen nicht glauben, daß ich die Norweger mit ihrem Bauernstolz und ihren großen Gebärden liebe; ich bin selbst mit einer Norwegerin verheiratet, wie Sie wissen, und das ist ein verteufeltes Volk; aber ich liebe Gerechtigkeit; ich will eine trotzige Nation nicht dadurch gedemütigt sehen, daß sie sich unsern König sechs Wochen im Jahr ausleihen muß, und ich will keine Intimität mit einem fremden Volksstamm, der eine andere Entwicklung hat als wir; ich will nicht mitansehen, daß Norweger im schwedischen Reichstag sich in unsere Angelegenheiten mischen und zu allem nein sagen, gerade wie die Polen und Elsässer im deutschen Reichstag; ich will Frieden mit den Nachbarn haben, und dieser Friede kann wie in einer unglücklichen Ehe nur durch Trennung erreicht werden. Sie schrecken mich nicht mit dem Russen, denn freie Norweger und freie Schweden sind stark durch eine freiwillige Allianz, aber schwach durch eine dynastische Union, die keine Union ist; Norwegen ist nämlich de facto ein Kronland, wie es Böhmen Österreich gegenüber ist, und als solches gefährlicher denn ein Bundesstaat; die Politik der schwedischen Regierung ist eine betrügerische und schreibt sich aus den Zeiten der heiligen Allianz her, da Volksrecht und Billigkeit außer acht gelassen wurden; man hat Haß zwischen den Brudervölkern zu erwecken versucht, aber wehe denen, die eine solche Spaltung anstrebten, um herrschen zu können! Wehe ihnen! – Uns, die wir für Einigung und Versöhnung gearbeitet haben, nennt man Vaterlandsverräter! Jeden, der uns so genannt hat, nenne ich ein Rindvieh! Da habt ihr das Wort! – – – Lage Lang, ich trinke auf ein freies Norwegen, ohne das es kein freies Schweden geben kann, und auf ein versöhntes!«
»Ein freies Norwegen! Lage Lang!«
Professor Lundell erbat das Wort, aber als er mit dem Russen, dem Kieler Frieden und den Verhandlungen anfing, nahm das Geplauder so zu, daß er übertönt wurde, bis schließlich die Gesellschaft ihn mit dem Liede: »Heil Norwegen!« unterbrach.
Als Lage erwidert hatte, erhob man sich von der Tafel, und ganz von selbst begann ein Karneval.
Aber es sonderten sich doch kleine Gruppen ab, die sich unterhielten, und draußen auf dem Balkon hatten Konsul Levi, Sellén und Kurt Borg sich niedergelassen.
»Nun, man zieht ja heute abend am gleichen Strang,« sagte Levi. »Glaubt ihr, daß das anhalten wird?«
»Nein,« antwortete Sellén, »das ist nur Waffenstillstand.«
»Nun, was tun euch denn die Professoren zuleide?«
»Das könnt ihr Außenstehenden nicht beurteilen. Sie bilden die allgemeine Meinung, sie hindern, sie ersticken uns; im übrigen sind wir wie zwei feindliche Stämme, und ich glaube, es muß Kampf sein, sonst würden alle gleich malen; und daraus würde chinesische Kunst, die stillsteht, die mit einer Bürste über einem ausgestochenen Muster gemacht wird. Übrigens: Kampf entwickelt Kräfte und hält die Geister wach.«
»Jawohl,« wendete Isak Levi ein, »aber nach ausgekämpftem Streit schließt man Frieden.«
»Wenn die Bedingungen annehmbar sind, ja!« erwiderte Kurt Borg, »aber sie sind es nicht. Sie verlangen Unterwerfung, und das kann nicht bewilligt werden; sie verlangen nur unsere Seele und unseren Geist … und alles! Wir, die wir die gleichen Bestrebungen haben, sind keine Partei, aber wir fühlen uns zusammengehörig, sind wie eine Familie, wie Frucht des gleichen Jahres, und die andern sind … ich weiß nicht, was das für Leute sind; auf mich wirken sie wie Dämonen, die ich wie das positiv Böse hasse; wenn Götter zu alt werden, werden sie Dämonen, und diese Leute halten sich sicher für Nachkommen von Göttern, denn sie existieren von Gottes Gnaden, denken und sprechen von Gottes Gnaden, und wenn sie unrecht tun, berufen sie sich auf Gottes Gnade. Ich verstehe sie nicht, und sie verstehen uns nicht.«
»Sie sind Bremsen, die die Schnelligkeit regulieren sollen, weißt du,« wendete Levi ein.
»Danke schön, aber dann bin ich lieber Lokomotive, das ist nützlicher und ehrenvoller.«
Jetzt trat Lundell auf den Balkon mit der Frau eines akademischen Künstlers, die sich in die schreckliche Gesellschaft verirrt hatte.
Auf dem Podium unten sang gerade ein italienischer Sänger eine Glanznummer, die elektrisierte; und in dem Festrausch ließ die Dame sich hinreißen, dem Sänger eine Rose zuzuwerfen. Aber die Entfernung war zu groß; die Blume senkte sich wie ein Meteor und blieb an der Weste eines Herrn an einem Marmortische hängen.
Der einsame Gast rollte gerade eine Zigarette, als ihm die Rose in die Arme fiel; er hielt in der Bewegung inne, nahm die Rose und blickte zur Galerie hinauf.
»Das ist Syrach!« rief Sellén, und alle auf dem Balkon nickten dem Einsiedler zu, der einen roten Fes auf dem Kopf trug und etwas bizarr gekleidet war.
Aber Syrach schien keinen einzigen von seinen alten Freunden wiederzuerkennen, sondern steckte die Rose ins Knopfloch und fuhr im Zigarettendrehen fort.
»Er erkennt uns nicht!« rief Sellén. »Soll ich hinuntergehen und ihn holen?«
»Dann gehe ich meiner Wege,« sagte die Dame kurz, »und ich bedaure meine Rose, die auf einen so schmutzigen Rock geraten ist.«
»Ja, geh nur, Augusta,« unterbrach Doktor Borg, der hinzugekommen war; »dich hat übrigens ja keiner hierhergebeten.«
»Aber, Borg!« fiel Lundell ein …
»Halt den Mund,« schnitt ihm der Doktor das Wort ab, »der da unten als ein Erloschener sitzt, hätte heute abend hier oben der Erste sein müssen, wenn nicht du und deinesgleichen ihm den Giftbecher gemischt hättet; und du bist nicht einmal wert, von ihm angespuckt zu werden; nein, denn ihr habt ihm damals Ehre, Brot und Selbstgefühl genommen, du erinnerst dich wohl!«
Dann zu Sellén gewendet: »Laß Syrach in seiner erträumten Welt sitzen; da hat er es besser, als wir ahnen, und im übrigen erkennt er uns gar nicht!«
Lage Lang kam hinzu; als er seinen alten Freund erblickte, geriet er außer sich und wollte ein Hoch und ein Hurra auf »unsern größten Maler« ausbringen; aber das wurde glücklicherweise verhindert, denn erstens würde die Polizei gerufen worden sein, zweitens war im Saal niemand, der den Maler kannte, es sei denn als einen schwachsinnigen und verkommenen Menschen, der durch seinen roten Fes und sein absonderliches Gebaren auf der Straße Aufsehen erregte.
Sie ließen Syrach sitzen; er hatte jetzt die Blicke über die Menge erhoben, als sähe er sie nicht und als lebe er, in ferne Höhen schauend, mit seinen Traumbildern, die er andern nicht zeigen konnte.
In den Gotischen Zimmern griff Verstimmung um sich, und ein Gewitter zog sich zusammen. Aber bevor es ausbrach, hatten die Professoren sich entfernt.
Die Wolke blieb zurück; die Freude, Viktoria blasen zu können, wurde getrübt durch den Gedanken an die Toten und Verwundeten; und Syrach war nicht der einzige Gefallene.
Schließlich verstummte die Musik unten im Saal; es wurde Mitternacht, und der große Raum lag öde da, in eine blaue Wolke von Tabakrauch eingehüllt. Auf dem kleinen Marmortisch, an dem Syrach gesessen hatte, war ein blutroter Fleck zu sehen. Das war die Rose, in der der überempfindliche Mann schließlich den Feind gewittert und die er deshalb hatte liegen lassen.
Nun kam der Aufbruch, und der Ehrengast wurde hinunterbegleitet. Auf der Straße stand eine glänzende Equipage mit einem Jäger neben dem Kutscher. Der Jäger hatte Federn am Hut und einen Hirschfänger an der Seite.
»Wer ist so vornehm, daß er in der Glaskutsche fährt?« fragte Sellén.
Der Jäger stand am offnen Wagenschlag und ließ den großen Lang hinein.
»Das bin ich!« sagte Lage; »ich wohne bei meinem Vetter in der norwegischen Gesandtschaft; dort seid ihr übermorgen zum Mittagessen eingeladen, die ganze Bande.«
Die alte Boheme schrie hurra; und auf einen Wink des Norwegers füllte sich der Wagen, der sich nach Blasieholm in Bewegung setzte. Doktor Borg hatte den Dreimaster des Jägers und den Hirschfänger genommen und wollte unbedingt »das Manöver kommandieren«, wie er sagte, das heißt die Zügel in die Hand nehmen und nach dem Stallmeisterhof fahren.
»Nimm dich in acht!« rief Isak Levi.
»Ich will nicht Medizinalrat werden,« antwortete Borg. Und da er auf seiner Segeljacht zu sein glaubte, rief er:
»Schoten! – Klar zum Wenden! Voll!«
Da rollte das Kupee auf den Hof der Gesandtschaft.
Borg wollte Getränke auf den Hof hinunter haben; aber obwohl der Norweger das richtig fand, wurde der Streich doch von den andern verhindert, und so verabschiedete man sich schließlich.
Dann begann die nächtliche Wanderung, die übliche nach einem Fest, auf der man alles sagen will, was drinnen ungesagt geblieben ist.
Also der Stammtrupp: Doktor Borg, Kurt Borg, Isak Levi und Sellén; sie nahmen zuerst die Kaie und warfen einen Blick auf das Schloß, wie gewöhnlich.
»Ja, da ist das Schloß,« sagte Kurt, der Architekt; »das hält sich.«
»Einstweilen freilich,« wendete der Doktor ein; »aber wenn das Reichstagsgebäude in Granit auf den Helgeandsholm kommt, dann wird der Ziegel dort oben erdrückt.«
»Warum nicht; das ist doch der Geist der Zeit,« fiel Levi ein. »Die Regierung sitzt ja jetzt im Reichstag, warum, weiß niemand; die Verfassung sagt, der König dürfe seine Ratgeber wählen, jetzt aber wählt sie Karl Ivarsson.«
»Du bist verdreht!«
»Nein; Karl Ivarsson bestimmt die Ausschußwahlen und beschließt also, wann die Minister abgehen sollen. Demnach ist er doch der Regent.«
»Hört einmal, hier soll die neue Oper stehen,« unterbrach Sellén, der Politik nicht leiden konnte.
»Ja, es soll eine Oper gebaut werden; was sagt der Reichstag dazu?«
»Der will keine Majoritätsoper haben, sondern es soll eine Kommunaloper werden, die auf Lorbeerhain und Erdgeschoß basiert.«
Dann zogen sie weiter; über die Nordbrücke, durch die Münzstraße nach dem Markt.
»Da steht noch das Ritterhaus!« sagte Sellén.
»Ja, und ich war dabei, als es geschlossen wurde,« fiel Doktor Borg ein. »Denkt nur, unsere großen Männer vom letzten Plenum! Der größte von den Großen; was für ein Ende! Falk faßte er, weil er ihn ausspionierte!«
»Und da ist die Riddarholmskirche; mit Karl dem Zwölften und all dem!«
»Du meinst Gustaf Adolf, wenn du es auch nicht zu sagen wagst.«
»Apropos Gustaf Adolf, wißt ihr, daß dieses kleine Grabchor hier das Vasaborgsche heißt und daß da sein Sohn von Margareta Cabeljau liegt?«
»Ja, das ist freilich eine Geschmacklosigkeit; aber habt ihr nicht den Grabstein des alten Cabeljau in der Kirche gesehen? Ich habe ihn nicht gesehen, doch er ist in einer Beschreibung der Kirche erwähnt. So ehrt man unsere großen Erinnerungen! Man könnte diese Cabeljaus gut totschweigen!«
»Ich habe dieser Tage gelesen, wie man 1793 in Saint-Denis gewirtschaftet hat, als alle Königsgräber geöffnet und entleert wurden,« erzählte der Doktor. »Da konnte man eine Menge interessante physiologische Studien machen. Ludwig XV. war zum Beispiel nur noch ein schwarzes, vermodertes, stinkendes Teerpräparat …«
»Wißt ihr, da wir nun doch gerade bei den Kirchen sind, wollt ihr nicht auch meine Kirche einmal anschauen?« sagte Architekt Borg; »ich habe sie freilich nicht gebaut, aber ich habe sie restauriert; die Schlüssel habe ich in der Tasche, und Isak kann Orgel spielen, wenn er will.«
Das war im Stil des Doktors, und jetzt machte man kehrt, um sich Kurts Kirche anzusehen, wie sie genannt wurde.
Als die vier den Tempel betreten hatten, der im Halbdunkel lag, nur oben an den Gewölben von den Straßenlaternen draußen schwach beleuchtet, wurden sie gegen ihren Willen von der Größe des Gebäudes und den schönen Linien der Gewölbe überwältigt; sie nahmen die Hüte ab und traten stumm an den Altar heran.
»Es ist zwanzig Jahre her, seit ich hier war,« begann der Doktor, »und ich finde mich nicht mehr zurecht. Wo hast du das Altarbild?«
»Das ist weg,« antwortete Kurt. »Dafür haben wir jetzt das Tabernakel, den Schaubrottisch und den siebenarmigen Leuchter.«
»Das ist ja das alte Testament,« sagte Isak.
»Wir kommen also wieder zusammen,« antwortete Kurt Borg.
»Und hier? Was ist das hier?«
»Das ist die Taufkapelle oder das Baptisterium.«
»Und dann hast du Figuren an die Wände gemalt …«
»Ja, das ist der Stil der Kathedrale …«
»Und die Kanzel ist degradiert!«
»Da der Hochaltar das Allerheiligste ist.«
»Potztausend, bist du katholisch?«
»Keine Spur, aber die Kathedrale ist katholisch; der Protestantismus hat keinen kirchlichen Stil erfunden, weil ihm der positive Inhalt fehlt.«
»Es ist jedenfalls köstlich, zu sehen, wie ihr Kathedralen restauriert; ihr stellt sie in ihrer ursprünglichen Schönheit wieder her, so wie sie vor den Verwüstungen der Reformation waren. Hütet euch, daß ihr nicht den Katholizismus ausgrabt.«
»Ja, hier spielen sie ein wenig mit dem Katholizismus, ganz wie zu Atterboms Zeit. Der Pfarrer selbst, übrigens ein gewaltiger Pokerspieler, stand lange in dem Verdacht, ein Krypto-Katholik zu sein; er hat zusammen mit einer Klique von Geistlichen den Plan gehabt, den Kult zu ändern und etwas mehr Schönheit hineinzubringen. – Es begann übrigens in den siebziger Jahren mit der Entdeckung unserer alten Missale und Breviere, die als Aktenumschläge in den Kollegien gefunden, restauriert und stückweise herausgegeben wurden. So kamen beispielsweise Sequenzen auf unsern Nationalheiligen, Erik den Heiligen, den Schutzpatron Schwedens zum Vorschein. Kapellmeister Norman hat Brigittas ›Rosa rorans‹ in Musik gesetzt; Wirsén stieg der Weihrauch in der Kathedrale von Siena zu Kopf, und Professor Byström wirkte für die Restaurierung der Kirchenmusik auf alter Basis; das Stenmuseum sammelte die alten Altarschreine; das Kloster Vadstena wurde wiederhergestellt, und Brigitta wurde fast eine lutherische Heilige; die Upsalaer Domkirche wurde renoviert und gemalt, und der Erzbischof reiste nach Rom und schüttelte dem Papst die Hand, der dem Ketzer die Bibliothek des Vatikans öffnete. – Nun, was ist Gefährliches daran? Es deutet auf eine Versöhnung von Mutter und Sohn, und es ist doch schön, wenn Verwandte sich vertragen, besonders wenn beide Christenmenschen sind und nur das vergängliche Werk der Dogmen zwischen ihnen steht.«
»Ja,« sagte der Doktor, »das interessiert mich wenig, denn ich bin wohl Heide; mein Großvater mütterlicherseits soll Neger gewesen sein, und ich gehöre nicht in diesen Schafstall; er ist mir nicht feindlich, aber er ist mir fremd.«
»Dir allerdings; doch die Lutheraner schreien im Chor mit dem Pastor primarius an der Spitze; die Vertreter der Versöhnungslehre brüllen, wenn sie von einer Versöhnung der Bekenntnisse reden hören. Schwache Gefäße, die bersten, wenn sie nur neuen Wein sehen!«
»Ist es wahr, daß Falk katholisch geworden ist?«
»Das ist eine Lüge; aber die Lutheraner sind von einer solchen Panik ergriffen, daß sie überall Katholiken zu sehen beginnen, ja, sie sehen sogar Jesuiten, obwohl ich noch keinem einzigen begegnet bin. Die Jesuitenorden sind von mehreren Päpsten aufgehoben worden, und doch sieht man sie, genau wie die Jesuiten früher Freimaurer ›sahen‹. Sie nennen mich auch Jesuit, mich!!! mich!!!«
»Es scheint mit den Kirchen dasselbe zu sein wie mit den Synagogen,« fiel Isak jetzt ein.
»Was ist mit der Synagoge?« fragte der Doktor.
»Ja, die ist wie ein Schneckenhaus; das Tier ist herausgekrochen und gestorben. Es ist nur ein leeres Gehäuse, in dem es ganz leise säuselt wie Erinnerung an ein brausendes Leben.«
»Da hast du recht, Levi; aber was für neue Baßtrompeten hört man jetzt in der Welt?«
»Du meinst die Heilsarmee?« fiel Kurt ein. »Das sind internationale Christen, Synkretisten, die ihre Tempel allen Bekennern Christi öffnen. Sie haben keine Theologie, keinen Katechismus, keine festgesetzten Formen, kennen keinen Unterschied zwischen Katholiken und Protestanten; es ist lebendiges Christentum mit Glauben und guten Taten. Dieses kleine und ist der Bindestrich zwischen den entzweiten Kirchen, die um Glauben oder Taten stritten.«
»Was bist du denn?« fragte Sellén schließlich.
»Das weiß ich nicht! – Ein christlicher Freidenker vielleicht; Christ, weil ich in christlicher Familie geboren bin, Freidenker, weil ich mich keiner ›anerkannten‹ Kirchengemeinschaft anschließen kann.«
»Bist du Christ?«
»Ja, ebensosehr wie Isak Jude und Onkel Borg Heide ist, ebensosehr oder ebensowenig.«
»Jetzt will ich Musik haben,« unterbrach der Doktor, »Isak soll Bach spielen, und ich will treten.«
Zum Glück war die Orgelempore geschlossen, und Kurt hatte den Schlüssel nicht. Das reizte den Doktor, der in der Feststimmung in die Tage des Roten Zimmers zurückfiel, und in seinem Verlangen nach einer außerordentlichen Kraftentfaltung verlangte er die Schlüssel zum Turm, denn er wollte hinauf und mit der großen Glocke Sturm läuten. Als auch dieser Plan scheiterte, ging er hinaus, und an einem Droschkenhalteplatz trennte man sich.
Zweites Kapitel
Die Palastrevolution
Redakteur Gustav Borg, der ältere Bruder des Doktors, saß bei seiner Morgenzigarre im Büro und besichtigte den Briefkasten. Der Briefkasten ist ein wunderliches Ding: es ist die Post, die in einem geschlossenen Blechkasten, zu dem der Redakteur den Schlüssel hat, abgeholt wird. Dieser kleine Kasten enthält die Geheimnisse der Redaktion: Erwiderungen, Eingesandtes, Bittschriften, die anonymen Briefe, die groben Postkarten; dieser Kasten war gerade infolge der offenen Postkarten aufgekommen, die von dem Boten und andern Untergebenen gelesen wurden, was ihnen Mißachtung vor dem Redakteur und der Zeitung beibrachte und ihnen ein auf Vertraulichkeit beruhendes Übergewicht verlieh.
Der Chefredakteur hatte lange gebraucht, bis er soweit war, nicht jedesmal, wenn er den Kasten öffnete, in Wut zu geraten. Ein Schweißbad kostete es freilich, aber er hatte schließlich eine solche Technik in der Kunst des Brieföffnens erlangt, daß er sofort an Handschrift, Unterschrift und ähnlichem sah, ob er das Schriftstück lesen mußte oder es in den Papierkorb werfen konnte.
Heute ging es jedoch etwas langsamer, denn zum erstenmal seit Bestehen der Zeitung bekam der Redakteur offene Postkarten mit Lobesworten und Danksagungen von Konservativen, Familienvätern und Staatserhaltern, weil er in der gestrigen Nummer gegen den Sozialismus zu den Waffen gegriffen hatte.
Gustav Borg war nämlich um die Mitte des Jahrhunderts geboren und hatte bis 1890 von den liberalen Idealen der vierziger Jahre gelebt, als da sind: konstitutionelle Monarchie (oder am liebsten Republik), Religionsfreiheit, allgemeines Wahlrecht, Frauenemanzipation, Volksschulen, Russenhaß und dergleichen. Er hatte die Repräsentationsveränderung 1866 miterlebt und an das Kommen des Tausendjährigen Reiches geglaubt. Aber es kam nicht. Was man gemeint hatte, berechnen zu können, erwies sich als falsche Rechnung. Bei den Neuwahlen 1867 ergab sich nämlich das folgende bizarre Resultat: der Adel, der früher ein Viertel der Volksvertretung ausmachte, hatte gewonnen und bildete jetzt ein Drittel, obwohl das Ritterhaus gestürzt war. Der geistliche Stand war von einem Viertel auf ein Dreißigstel reduziert worden. Das Papsttum Schwedens hatte also seine weltliche Macht verloren. Die Zahl der Vertreter des Bürgerstandes war von einem Viertel auf ein Sechstel herabgesetzt, und der Bauernstand behielt sein Viertel, hatte aber durch das Zweikammersystem doch an Macht gewonnen.
Das Ritterhaus war freilich gestürzt, aber die Majorität der ersten Kammer wurde dennoch von Beamten und außerdem von Rittergutsbesitzern, meistens Edelleuten, gebildet.
Es war also im großen und ganzen ein Reichstag wie im alten Rom mit Patriziern und Plebejern. Bei genauerem Hinsehen schienen freilich die Plebejer das Übergewicht zu haben, und das mußte einen Liberalen freuen; doch bei noch näherer Betrachtung stellte sich heraus, daß die Plebejer konservativ waren.
In dieser babylonischen Verwirrung verlor Gustav Borg den Kopf. Seine etwas abstrakten Vorstellungen von Politik verleiteten ihn zu dem Glauben, der Reichstag werde sich mit staatsrechtlichen Theorien beschäftigen, während er doch die Aufgabe hatte, für die momentanen Bedürfnisse der Mitbürger zu sorgen. Er hatte den Kopf in seine eigene Schlinge gesteckt, da er stets das Recht der Mehrheit verfochten hatte und nun die vom Volk gewählte Mehrheit am Ruder sah. Schweden war damals ein Ackerbauland, deshalb hatten die Landwirte die Majorität. Das war logisch; und die Bauern waren jetzt an der Reihe: ihre älteren Klagen wurden aufgenommen, alte Ungerechtigkeiten vor Gericht gezogen. So weit konnte er mitgehen. Aber als diese selbe Majorität in Kulturfragen Gesetze aufstellen, bestimmen wollte, was die Nation glauben und denken, wie die Jugend erzogen werden solle, als sie diejenigen, die an der Zukunft arbeiteten, ins Gefängnis zu werfen beabsichtigte, da mußte er eingreifen und gegen seine Plebejer blank ziehen. Damit kam er in Streit mit sich selbst und begann zu schwanken.
Die Mannigfaltigkeit der Faktoren machte die Berechnungen kompliziert; denn wenn er sah, wie die Königsmacht durch die neue Staatsform geschwächt wurde, konnte er nicht unterlassen, die Plebejer zu stützen, trotz ihrem Geiz, ihrer Unduldsamkeit und Trägheit. Es gab Augenblicke, in denen er die Zeit der Freiheit wiederkehren sah. Der Reichstag stürzte ja die Ratgeber des Königs, die Bauern setzten Ausschüsse ein, bevor die Wahl in der Kammer vor sich ging; häufig wurden Anträge eingebracht, die Apanage des Königs einzuziehen, und man diskutierte den Hofhalt der Prinzen.
»Jetzt sind wir nicht weit vom Namenstempel!« sagte der Redakteur in einem Augenblick der Hellsichtigkeit
Alle älteren politischen Begriffe lösten sich auf, es wurde große Wäsche gehalten, bei der Wergleinwand und feines Tuch zusammentrafen; und es war fast unmöglich, schwarz und weiß, mein und dein zu unterscheiden. Man stand dem großen Paradoxon gegenüber: die konservativen Plebejer haben die Königsmacht gestürzt; und dieser dreifache Selbstwiderspruch wirkte wie ein elektrischer Aal: man konnte ihn nicht mit Händen greifen, teils, weil er glatt war wie ein Aal, teils weil er geladen war. Man bekam einen Schlag, wenn man ihn anrührte, und er schlug nach allen Richtungen aus, nach rechts und links, nach oben und unten.
Nun kam das Neue und veranlaßte die Menschen, von etwas anderm als von Bauern zu sprechen. Das war die sogenannte soziale Frage; die Grundfesten der Gesellschaft wurden untersucht und vor Alter und Feuchtigkeit baufällig befunden, so daß man auf ihnen nicht weiter zu bauen wagte, in der Befürchtung, das Haus möchte einstürzen.
Die Panik, die jetzt entstand, ergriff zuerst die Oberen. Die Oberen, die Leichtesten, die deshalb oben schwammen; die Oberen, die Schwächsten, die deshalb da oben Schutz und Halt suchten, waren natürlich die Ängstlichsten. Aber die Furcht verbreitete sich, und eines schönen Tages wurde den Kämpfenden, den Wachsenden, den Liberalen auch bange. Man hatte nämlich begonnen, die Familie zu diskutieren, und hatte sie für individuell und persönlich wachsendes Leben zu eng befunden. Da die Alten der Ansicht waren, die Gesellschaft sei auf die Familie gegründet, so glaubten sie die Gesellschaft bedroht. Nun basiert aber weder der Staat noch die Gesellschaft auf der Familie; denn der Staat hat gar keine Ähnlichkeit mit der Ehe, sondern die Staaten sind aus dem Zusammenschluß freier Männer zu gemeinsamem Schutz entstanden. Das machte nichts, man blieb dabei, die Familie sei das Fundament der Gesellschaft. Und es war nutzlos, einzuwenden: mag immerhin die Familie das Fundament sein, wenn aber dies Fundament nicht mehr hält, so müssen wir an anderer Stelle neuen Grund legen und Neues bauen.
Bei der Untersuchung des Begriffs Familie machte man ausfindig, daß zwei Menschen bei der jetzt so raschen Entwicklung keine dauernde Sympathie, ohne die das Zusammenleben der Ehegatten unerträglich ist, fürs ganze Leben schwören könnten. Das stark hervortretende Streben nach Persönlichkeit widersprach gegenseitiger Unterwerfung; das Hinaustreten der Frau in Arbeit und öffentliches Leben hinderte die Entwicklung des Familienlebens und die häusliche Erziehung der Kinder. Die Erfahrung zeigte ja, wie sich die Zahl der Ehescheidungen erhöhte; und diese tief schmerzliche Operation wollten die Alten in ihrer verständnislosen Art dem Leichtsinn zuschreiben, obwohl die prozessierenden Parteien genau wußten, daß sie dem schlimmsten, was es gab, der Sklaverei, nur entflohen, um ihre Persönlichkeit zu retten. Als dann Kindergärten und Schulen die Erziehung der Kinder in die Hand nahmen, fiel die Erziehung im Hause weg. Die Häuslichkeit war ja im übrigen nur ein Zufluchtsort gewesen, wo alle Untugenden blühten; die Erziehung fing erst in der Schule an, wurde in der Kaserne fortgesetzt und begann von neuem ernstlich draußen im Leben.
So ungefähr wurden die Anklagen gegen die Familie formuliert. Und da ergriff die Panik auch einen so starken Mann wie Gustav Borg.
Gestern hatte er selbst einen Leitartikel gegen die Auflöser der Gesellschaft geschrieben; und heute nahm er zum Dank für die Hilfe die Händedrücke der Konservativen entgegen.
Mit seinem Sohn Holger, dem Hilfsredakteur, hatte er am Tage vorher eine stürmische Auseinandersetzung gehabt, in der dieser drohte, abzugehen. Doktor Borg, der Bruder, hatte ihm telephonisch seinen Besuch angekündigt; und den erwartete er jetzt, nicht ohne eine gewisse Unruhe, die auch dadurch hervorgerufen wurde, daß zahlreiche Abonnenten die Zeitung zurückgeschickt hatten.
Der Erwartete kam; der Doktor trat unangemeldet bei seinem Bruder ein und legte sofort los:
»Was hast du getan?«
»Ich habe nach meiner Überzeugung gegen eure Predigten der Unsittlichkeit geschrieben.«
»Deine Überzeugung müßte sich auf bestehende Tatsachen gründen und auf Erfahrungen beruhen, aber das ist nicht der Fall; Predigten oder Prediger existieren gar nicht, denn alle, die über die Familie schreiben, teilen nur ihre Entdeckungen und Erfahrungen mit; sie sagen zum Beispiel: so und so geht die Entwicklung vorwärts, so und so ist das Familienleben im letzten Menschenalter entartet, und das Heim ist eine Schule des Despotismus, der Selbstsucht, der Heuchelei geworden. Sie teilen also nur tatsächliche Verhältnisse mit und predigen keine Theorien.«
»Und du, der du selbst Töchter hast, sympathisierst mit diesen Lehren?«
»Ich bin ebenso besorgt um meine Töchter wie du, und ich lehre sie nichts; denn ich weiß in diesem Punkte nichts; aber ich verhalte mich abwartend und beobachtend; ich glaube schon bemerkt zu haben, daß meine Kinder mit andern Ideen geboren sind als ich; die Schamhaftigkeit verbietet uns, darüber zu sprechen; deshalb ist es gut, daß es geschrieben wird; das gedruckte Wort ist still und verletzt niemanden. Aber das eine sage ich dir, ich bin gleich dir auf – alles gefaßt! Da ich einsehe, daß ich nichts dabei tun kann, denn du weißt, was Ratschläge wert sind, so schweige ich und denke: vielleicht muß es so sein; vielleicht verstehen sie es besser; vielleicht ist dies der Weg zu der neuen Gesellschaftsform. Die Jungen, die für ihre neuen Ideale kämpfen, müssen für die ersten Versuche wohl leiden; viele werden fallen und deshalb viele abfallen; aber der Strom der Zeit fließt, ohne uns um Rat zu fragen, und ich werde keine verzweifelten Versuche machen, ihn aufzuhalten. – Aber da du dich jetzt gegen uns gewendet hast, hast du die Zeitung ruiniert. Als Aktionär und Direktor ersuche ich dich, abzugehen und deinem Sohn Holger deinen Posten zu überlassen.«
»Ich, abgehen? – Nie!«
»Gut! Dann gründen Holger und ich eine neue Zeitung!«
»Eine neue Zeitung geht nicht!«
»Doch, eine neue Zeitung, die bei der Farbe bleibt und die von dir verlassenen Traditionen aufnimmt, die geht.«
»Du meinst eine einseitige Parteizeitung, die ihre Gegner als Verbrecher behandelt.«
»Nein, als Feinde! Solange die Schlacht im Gange ist, erschießt man den Soldaten, der Unterhandlungen beginnt. – Hast du nie bemerkt: wenn man dem Feinde ein Zugeständnis macht oder ihm ein gutes Wort gibt, so jubelt er über die Unterwerfung. Gute Worte und Höflichkeiten kommen hinterher, beim Friedensschluß. – Betrachte dich jetzt als einen erschossenen Deserteur und geh!«
»Nie!«
»Dann ruinieren wir dich durch Konkurrenz!«
»So spricht ein Bruder!«
»Ja, ein ehrlicher Bruder, der nicht dem Nepotismus oder der Parteilichkeit huldigt, der die Gerechtigkeit über die Bruderliebe und das allgemeine Wohl über das private stellt.«
»Du vergißt, daß du dein Geld verlierst, wenn du mich stürzt!«
»Das vergesse ich nicht; aber ich habe mehr Geld, als du glaubst, also bin ich nicht zu ruinieren. Du hast bis morgen um zwölf Bedenkzeit. Adieu! …«
Der Doktor fuhr zur Tür hinaus, und der Redakteur blieb mit seinen schweren Gedanken allein.
Abgesetzt, als Ausgedienter auf den Kehricht geworfen, er, der die große materielle Neubildung nach 1850 mitgemacht hatte. Er erinnerte sich der ersten Eisenbahnstrecke 1852; erinnerte sich der Eröffnung der Telegraphen 1853, der ersten Gaslaterne 1854; der ersten Briefmarke 1855, und er hatte in den achtziger Jahren das Telephon und das elektrische Licht mit erlebt. Aber von den politischen Idealen seiner Jugend hatten sich wie gewöhnlich nur wenige realisiert, die meisten waren zerstört und verschwunden und als Afterkorn in den Graben gefallen; einige waren auf andere Weise, als er erträumt hatte, verwirklicht worden, und die Folgen waren das Gegenteil von dem gewesen, was man erwartet hatte. Unterdes waren neue Ideale aufgetaucht, die er nicht verstand und die er fürchtete. Zum Beispiel verstand er die große Arbeiterbewegung nicht, denn er hatte nicht bemerkt, daß das Land in diesen vierzig Jahren aus einem Bauernlande ganz allmählich ein Industrieland geworden war; er nannte die Führer der Arbeiterpartei Agitatoren und Anarchisten, obwohl sie gerade für Gesetzgebung und Ordnung in den noch ungeordneten Massen wirkten. Er verstand das Streben der Jugend nach Freiheit und Verantwortung, nach Selbstbetätigung und Selbstbestimmungsrecht nicht, deshalb fiel er. Das war tragisch, denn es war unabänderlich, daß die Zeit der Wachstumsfähigkeit des Menschengeistes eine Grenze setzte; und er fiel nicht durch eigene Schuld, sondern infolge der Gesetze des Lebens.
Daß der Sohn sein Nachfolger werden würde, hatte er sich ja immer gedacht; aber daß er ihn verdrängte, und auf diese Art, das war schlimmer als alle Bitterkeit des Lebens.
Er verschloß seinen Schreibtisch und ging fort, um aufs Land zu reisen und über den Entschluß, den er fassen mußte, nachzudenken. Seit einigen Jahren hatte er nämlich einen Landbesitz draußen auf den Schären, wo er den größeren Teil des Jahres mit seiner Familie lebte.
Drittes Kapitel
Die Storöer
Redakteur Gustav Borg stand auf dem Vorderdeck des kleinen Schärendampfers, der nach Storö fuhr, wo er sein Besitztum hatte; aber in seiner erregten Gemütsstimmung hätte er sich am liebsten unsichtbar gemacht oder im Notfall blind und taub.
Zwei fremde Herren befanden sich in seiner Nähe, und er mußte ihr Gespräch mit anhören.
»Eine hübsche Stadt ist Stockholm auf jeden Fall; aber sie wirkt doch wie eine Dekoration, denn sie ist zu groß und glänzend, um ein ödes Land zu repräsentieren.«
»Ödes?«
»Ja, ich habe kürzlich eine Inspektionsreise durch ganz Schweden gemacht, ich bin nämlich Inspektor einer Lebensversicherungsgesellschaft; und ich bin durch ganze Provinzen gezogen, ohne Menschen zu sehen; in dem Zug waren fünf Leute, auf den Bahnhöfen war es totenstill. Kam ich in eine große Stadt, so war sie von Beamten bevölkert: ein Landeshauptmann, ein Bischof, ein Oberst, dazu ein Stab von Bürgermeistern, Ratsherren, Postmeistern, Telegraphenkommissaren – und ein paar Kaufleute.«
»Aber die Bevölkerungszahl ist doch auf fünf Millionen angewachsen?«
»Allerdings; doch unter diesen fünf Millionen ist nur eine Million Männer zwischen zwanzig und fünfundfünfzig Jahren. Zweiundeinehalbe Million sind Kinder und Frauen ohne Beruf. Aber jene Million erwachsener, arbeitsfähiger Männer muß die zweieinhalb Millionen Unproduktiver versorgen, muß außerdem 170 000 Beamte ernähren, abgesehen vom Militär, das 133 000 ausmacht. – Du hörst, ich weiß als rechter Lebensversicherer über meine Leben Bescheid.«
»Haben wir 170 000 Zivilbeamte?«
»Ja, wir haben 67 000 Post-, Telegraphen- und Eisenbahnbeamte, 27 000 Regierungsbeamte, 28 000 Geistliche mit Gehilfen, 38 000 Lehrer, 17 000 Kommunalbeamte.«
»Das ist ja unsinnig.«
»Ja, aber es ist so! Ich kann es nicht ändern; und es ist kein Geheimnis, denn es steht in der offiziellen Statistik Schwedens gedruckt. Das schlimmste aber ist die Auswanderung! Seit ich 1866 in die Gesellschaft eingetreten bin, sind 780 000 Menschen ausgewandert.«
»Siebenhunderttausend?«
»Ja; in den vier Jahren zwischen 66 und 70 wanderten hunderttausend aus. Als die Zahl später sank, schrien die Patrioten und sagten: Seht ihr jetzt, daß es nicht gefährlich war! Aber dann kamen die Jahre 81 bis 85, als 175 000 auswanderten. Und dann 86 bis 90 mit 200 000 Auswanderern.«
»Was sagten die Patrioten da?«
»Nichts! Doch, sie begannen auf der ›Schanze‹ ihre Erinnerungen zu sammeln und bauten im Vorgefühl des nahen Endes ein Museum.«
»Warum wandert man aus; ist die Armut schuld?«
»Nein, die Armut soll es nicht sein.«
»Was ist es denn?«
»Die Volkshochschullehrer – das sind sonderbare Leute, mußt du wissen – behaupten, es sei Mangel an Vaterlandsliebe; wie aber dieser Mangel entstanden ist, sagen sie nicht. Ich habe einmal so einem Erzieher geantwortet: wie kann man ein Land lieben, dessen Grund und Boden dem Ausländer gehört? Du weißt doch, daß der schwedische Grund und Boden für 226 Millionen dem Auslande verpfändet ist, daß die Kommunalschulden sich auf 175 Millionen belaufen und daß die staatliche Obligationsschuld 287 Millionen beträgt. Das Land verpfändet, und wird's auch bleiben, singt man jetzt in gewissen Klubs. Nun stellt man gewöhnlich den Hypothekenschulden die Sparkassengelder entgegen. Aber die Sparkassengelder sind an ebensoviele Pumper ausgeliehen und werden nach und nach von Auswanderern abgehoben, die sie für das Schiffsbillett reserviert hatten. Die Staatsobligationen sind durch das Eisenbahnmaterial gedeckt; das ist jedoch eine falsche Buchführung, denn Schienen und Lokomotiven müßten im Inventarverzeichnis stehen.«
»Aber die Verkehrsmittel sind produktive Kräfte.«
»Jawohl, das sind die Landstraßen auch, und die Wasserwege ebenfalls, doch sie sind kein Kapitalvermögen. Das Unglück ist, daß sich unter unsern siebenundzwanzigtausend Regierungsbeamten nicht ein Buchhalter befindet; allerdings, was sollte das in einem Staat nützen, wo dieser selbst und die einzelnen über ihre Verhältnisse leben? Der Staat müßte nach Vermögen und nicht nach Gutdünken Steuern ausschreiben. Jetzt aber sagt man nur: wir müssen ein Heer haben, und dann fordert man eine halbe Milliarde. Denke dir, eine halbe Milliarde, die in zehn Jahren bezahlt sein soll!«
»Aber die Auswanderung? Was meinst du über die Ursachen?«
»Die Schweden fühlen sich nicht wohl; alles ist dumpfig; es ist ihnen langweilig, allein in den einsamen Dörfern zu sitzen; sie haben kein Zusammengehörigkeitsgefühl, weil die Nation nicht gleichartig ist. Der ganze Adel, die oberen Klassen und der Mittelstand sind zum größten Teil eingewanderte Ausländer, die sich unter schwedischen Namen verbergen. Diese bilden einen Feudalstaat von Beamten, die ihre Gehälter von den Heloten einziehen. Beamter zu werden und Pension zu bekommen ist ja das Ideal jedes ›besseren Menschen‹. Die Universitäten sind nur Schulen für Beamtenexamina, und eine der Universitäten hat in einer Fakultät ebensoviele Dozenten wie Studenten. Die Studenten sind noch ein privilegierter Stand von konservativen Burschen, die die Nation bei Saufereien repräsentieren (von Ausnahmen abgesehen). Aber es gibt noch anderes, was trennend wirkt. Das ist der alte Provinzpartikularismus, und der macht sich noch in den Landsmannschaften an der Universität geltend, wo aller alte Bodensatz sich aufsammelt. Sie beneiden und hassen einander, und besonders die Geistlichen sind bei Beförderungen durch das Indigenatsrecht an die Provinz gebunden. In den Ämtern siehst du, daß sofort eine Invasion von Smaaländern in das Amt stattfindet, wenn der Präsident zum Beispiel ein Smaaländer ist; und in der Hauptstadt gibt es Vereine, in denen die Provinzialen sich zusammenrotten, um ›gemeinsame Interessen zu fördern‹; im Reichstag sitzt man nach Provinzen geordnet, und in die Schwedische Akademie wurde man eine Zeitlang nach südschwedischem Indigenatsrecht aufgenommen, so daß man das erhabene Institut, im Scherz natürlich, Schonensche Akademie nannte. Ja, es ist so viel Unrat da, der hier das Leben unleidlich macht. Keiner fühlt sich zu Hause; jeder einzelne ist Feind in Feindesland; etwas auszurichten wagt keiner, denn er wird gehindert; die einzige Energieäußerung spürt man, wenn etwas verhindert werden soll. Die etwas tun wollen, müssen sich ein anderes Land suchen, deshalb wandern die Energischen aus, die Hinderer aber bleiben! Das ist verteufelt!«
Beim Blockhauszoll begann es windig zu werden, und der Redakteur begab sich in den Achtersalon. Da fand er einen schlafenden Herrn, der ihm den Rücken zukehrte; an der kolossalen Breite sah er sofort, daß es der Schwager war, der Pfarrer von Storö, den er jetzt nicht gern treffen wollte. Deshalb folgte er dem Beispiel, warf sich auf das andere Sofa gegenüber und drehte dem Pfarrer den Rücken zu.
Während die Schwäger im Achtersalon schliefen, saßen Doktor Borg und seine Schwägerin Brita, die Frau des Redakteurs, oben im Rauchsalon und plauderten. Sie wußten freilich von der Anwesenheit der andern auf dem Schiff, aber es lag ihnen nichts daran, mit ihnen zusammenzutreffen.
»Es muß zum Krach kommen,« fuhr der Doktor fort, »und du, Brita, wirst die Bombe werfen!«
»Ja, lieber Freund,« antwortete die Frau mit höchst wohlwollendem Entgegenkommen, »ich habe meine Bomben jetzt so viele Jahre lang geworfen, daß ich nun wohl zum Dynamit greifen muß. Gustav mit seinen altliberalen Ansichten ist unser schlimmster Feind; er versteht nichts von dem Großen, das jetzt in der Welt geschieht; er hat freilich einmal die Theorien gebilligt, aber wenn es darauf ankommt, einen einzigen Gedanken, ein einziges von seinen Jugendidealen zu verwirklichen, dann versagt er.«
»Vollkommen: deshalb müssen wir ihm den Schwanz hochbinden; er soll abgehen und deinem Holger gegen eine gewisse Pachtsumme die Leitung überlassen; will er weiter für die Zeitung schreiben, so mag er das tun, aber unter Zensur des Chefredakteurs.«
»Wenn Holger nur nicht zu weichherzig ist! Trotz seinem Ingenieurkopf hat er noch ererbte Schwächen …«
»Die werde ich ihm schon austreiben, und da du absolut gefühllos bist, kannst du dabei helfen. Wir wollen uns verbünden, du und ich, dann wird etwas ausgerichtet.«
»Ja,« antwortete Brita mit ihrer sorglosen, menschenfreundlichen Miene, »aber dann müssen wir ein Kompromiß schließen. Du mußt für meine Frauensache eintreten.«
»Du weißt, das tue ich, soweit die Gerechtigkeit geht, nur bei Ungerechtigkeiten mache ich nicht mit. Ich billige deinen Kampf für die Menschenrechte der Dienstboten, für die Lohnbedingungen der Arbeiterinnen, für Befreiung der Mädchen von Untätigkeit und Tand; ebenso bin ich für freie Verbindungen mit gesetzlicher Verantwortung, aber ich bin nicht für freie Liebe in der Ehe, denn das ist die Sklaverei des Mannes, besonders wenn er falsche Kinder im Kirchenbuch stehen hat; ich bin nicht für das Eigentumsrecht der verheirateten Frau, das den Besitz der Frau vom Beitrag zum Unterhalt der Familie befreit, das Vermögen des Mannes jedoch als gemeinsamen Besitz beibehält.«
»Und die häusliche Arbeit der Frau? Soll die nicht bezahlt werden?«
»Was ist das für Arbeit? Hast du je im Hause gearbeitet? Du hast Befehle gegeben, die von Dienstboten ausgeführt wurden, die Gustav bezahlte: Er aber hat dich und deine Kinder und deine Dienstboten ernährt und gekleidet. Du redest Unsinn!«
»Sollen denn arme Waschfrauen, die selbst verdienen, ihr Geld nicht behalten, soll der Mann das vertrinken dürfen?«
»Wenn der Mann seinen kargen Lohn nicht behalten darf, sondern ihn an die Familie abliefern muß, so soll auch der Lohn der Frau für die Wirtschaft verbraucht werden. Begreifst du nicht, daß der Mann sonst Sklave wird? Und gegen die Sklaverei hat selbst der altliberale Gustav gepredigt! Hast du übrigens schon einmal eine Waschfrau gesehen, die den Mann ihr Geld vertrinken läßt? Wenn du es gesehen hast, so wird sie es gewollt haben, und wenn sie es will, so kann keine Gesetzgebung es hindern. Du übersetzt zum Beispiel, statt die Wirtschaft zu besorgen, und du vertrinkst deine Honorare, das heißt verjubelst sie mit Reisen und Festen, während Gustav dir Dienstboten hält, die deine Arbeit tun. Findest du das gerecht, oder findest du, daß die Stellung der Frau unterdrückt ist? Ja, dann bist du ein Dickkopf, und ich kann keinen Kompromiß mit dir schließen.«
Brita zitterte vor Wut, konnte aus ihrem Kopf aber diese Dummheiten nicht herausbringen, die sie aus einer verflossenen Zeit mitschleppte, in der die Ritterlichkeit verlangte, der Mann müsse alles dem Idol opfern. Der Doktor, der sich von allen alten Vorurteilen befreit hatte, sah den Augenblick gekommen, reinen Tisch zu machen und den fixen Ideen der Schwägerin auf den Grund zu gehen.
»Und daß die Frau im allgemeinen schlechter bezahlt wird,« fuhr er fort, »das beruht auf dem wichtigen Faktum, daß sie ihre Liebe nicht zu bezahlen braucht, sondern in irgendeiner Weise dafür bezahlt wird. Das Gesetz verurteilt nämlich nur den Mann zur Alimentenzahlung, nie die Frau, die doch die größte Freude an der Mutterschaft hat und deren Besitzrecht am Kinde indisputabel ist! – Ja, und dann willst du die Prostitution abschaffen! Weißt du, was du unter Prostitution verstehst? Meinst du die ärztliche Aufsicht, so bist du unbarmherzig, wenn du sie abschaffen willst! Meinst du aber die Tatsache, daß ein Haufen Weiber aus dem Geschlechtsleben ein Gewerbe macht, so kann das Gesetz diese Tatsache nicht abschaffen, denn in das Geheimste und Intimste kann das Gesetz nicht eingreifen! Aber ihr wollt nie auf die Frage antworten, sondern kriecht wie Ratten aus einem Loch ins andere. Die Polizei versucht durch Kontrolle die Prostitution einzuschränken und von der Ausübung des Gewerbes abzuschrecken, arbeitet also in eurem Sinne; aber ihr arbeitet ja den Verhütungsmaßregeln entgegen. Was wollt ihr? Das wißt ihr nicht. Deshalb ist alles Unsinn, was ihr faselt! – Ist sonst noch etwas übrig? Stimmrecht? Ja, erst für den Mann, dann wollen wir später weiter sehen, wenn ihr erst Gerechtigkeit und Vernunft gelernt habt.«
»Und du verlangst, daß ich mit dir zusammen arbeite?«
»Ja, in allen Punkten, in denen wir einig sind, und in all deinen Bestrebungen, die Achtung verdienen und die ich, wie du weißt, an dir schätze! Aber ich erbitte nicht deinen Beistand in einer guten Sache, um dir dafür in einer ungerechten beizustehen. Wenn du, in deinem Hause Herrscherin, die Sklavin spielen willst, so sehe ich in dir eine Betrügerin, der ich ins Gesicht spucken werde. Das weißt du im voraus, Brita!«
Frau Brita war von Natur zu gutmütig, um wegen einer solchen Kleinigkeit böse zu werden, und ihr Glaube an ihre gemeinsame große Sache so stark, daß sie sich genügen ließ und das Gespräch mit ihrer gewöhnlichen Schlußerwiderung abbrach:
»Ja, siehst du, in dieser Frage werden wir uns nie verstehen.«
Aber der Doktor war mit bloßen Repliken nicht zufrieden, sondern wollte Bescheid haben; deshalb antwortete er:
»Doch, meine Liebe, ich verstehe dich, aber du verstehst nicht, was ich sage, und das ist dein Fehler.«
Das Gespräch würde wieder von vorn begonnen haben, wenn nicht der Pfarrer von Storö, Frau Britas Bruder, den Rauchsalon betreten hätte; ein schwarzer Koloß von beängstigendem Äußern, von einem alten, heruntergekommenen Hunde begleitet.
»Da kommt Petter mit seiner Sprengmaschine,« sagte der Doktor; und wie um den Vergleich zu illustrieren, hob Phylax das Hinterbein.
Frau Brita, die glaubte sich als Tierfreundin zeigen zu müssen, stand immer auf Phylax' Seite und war sofort zur Verteidigung bereit.
»Du liebst deine Anverwandten nicht, Henrik,« sagte sie.
»Ach pfui, ich bin nicht mit Hunden verwandt, und ich hasse alles Tierische, bei mir wie bei andern. Jetzt müßte Petter ein Scheuertuch holen und das Deck abwischen, wenn es Gesetz und Recht gäbe …«
»Du bist so streng gegen ein unschuldiges Tier,« wendete der Pfarrer ein …
»Nein, aber gegen dich bin ich streng, da du Tiere in menschliche Gesellschaft einführst; du wagst selbst nicht zu bellen und zu beißen, aber dein unnützes Tier läßt du das tun; du wagst das Hinterbein nicht hochzuheben, aber dein unschuldiges Tier darf es. Du bist ein Aas, das ist alles.«
»Nun, nun, nun,« mahnte der Pfarrer; »wir sollen barmherzig sein.«
»Ja, wir sollen barmherzig sein gegen unsere Mitmenschen, sollen nicht den Kindern das Brot nehmen und es den Hunden vorwerfen; du gibst einem Armen keine zwei Pfennige; deinen Tagelöhnern gibst du abgerahmte Milch, aber deinem vermoderten, stinkenden Vieh gibst du die Sahne, und wer das Tier, das unnütze Tier, über den Menschen stellt, der ist selber ein verfaultes Tier.«
»Hast du Gustav gesehen?« unterbrach ihn Frau Brita jetzt.
»Er liegt unten im Achtersalon und schläft,« antwortete der Pfarrer.
Das war für die beiden Verschworenen eine überraschende Neuigkeit, und sie versanken beide in ein grübelndes Schweigen, das der Pfarrer benutzte, um durchs Fenster zu sehen, wie weit sie gekommen waren. Sie waren in der Kanalmündung, wo sich immer die Frage erhob, ob auch genügend Wasser da sei, daß das Schiff schwimmen konnte.
Man war erst eine halbe Stunde von der Hauptstadt entfernt, und schon begann die Wildnis.
Feldstein und Zwergkiefern, Moore und Binnenseen wechselten mit winzigen Ackerstücken, auf denen die kleine Landwirtschaft nur des Aussehens halber betrieben zu werden schien. Die adligen Landwirte lebten von Zinsen oder Berufen und hatten die Landbesitzungen in der Hauptsache der Jagd und Fischerei wegen, oder um auf dem Lande zu wohnen. Der einzige wirkliche Landwirt war der Pfarrer, der zweihundert Morgen offenen Boden, Viehstall und Meierei besaß, Pferde und Schlachtvieh aufzog, Schweine züchtete und nach neuen rationellen Methoden Eier herstellte; er hatte auch eine Wassermühle, war Aktionär der Dampfschiffsgesellschaft und baute Sommervillen zum Vermieten. Er war der reichste Mann auf Storö; die Seelsorge ließ er von einem Diakonus und einem Vikar erledigen, aber die Verwaltung und die Amtsarbeiten behielt er in der Hand, denn er liebte zu herrschen und einzugreifen.
Seinen Freunden und Verwandten gegenüber war er ein Lamm, wirkte wie ein gutmütiges Rindvieh, seinen Feinden gegenüber aber wie ein brüllender Löwe; und die Gemeinde betrachtete er als Feinde, besonders die Armen.
»Es gibt keine Armen,« sagte er. »Faule gibt es! Es gibt keine Kranken, das sind nur Heuchler, die Unterstützung genießen wollen.«
Bei der Steuereinschätzung war er wie ein Rasiermesser, wenn er geheime Einkünfte aufstöbern konnte. Da tatsächlich das ganze Kirchspiel in ewiger Fehde lebte, um von einander die Steuern einzutreiben, so wurden im Gemeindeausschuß die heftigsten Kämpfe ausgefochten, und Pastor Alroth ließ die Zugezogenen ausspionieren. Kaufte einer eine Villa, so wurden sofort seine Einkünfte in der Stadt mit in Rechnung gestellt, denn wenn der Käufer im Winter einige Zeit auf der Insel wohnte, war er dort ortsansässig. Es wurde ohne Ende geklagt und prozessiert; und beim Ting war der Pastor immer als eine Art öffentlicher Ankläger zugegen, jederzeit bereit, in allen möglichen Prozessen als Zeuge zu dienen. Er war kein gewöhnlicher Geistlicher und würde viele Feinde gehabt haben, wenn er nicht eine Ader Humor besessen hätte, die ihm erlaubte, über eigene und fremde Schwächen zu lächeln. Er war ein weltlicher Priester, was freilich wie ein Widerspruch klingt, da er dem geistlichen Stande angehörte; aber die Verweltlichung der Staatskirche, durch die die Priesterschaft gleichsam ein Stand geworden war, der von der Erde lebt, hatte die Geistlichen zu Landwirten und Meiereibesitzern gemacht, die mehr mit der Sorge um Ochsen und Kühe als um Menschen zu tun hatten. Er war auch ein lustiger Pfarrer, der an Gelagen teilnahm, und als der beste Wiraspieler der Gegend bekannt. Aber er vergaß sich nie, trank nie zuviel, mogelte freilich am Spieltisch, war jedoch der erste, es einzugestehen, wenn er ertappt wurde. Er fluchte nicht und legte es nicht darauf an, den aufgeklärten Skeptiker zu spielen; scherzte gern, aber nicht mit dem, was für ihn nicht erlaubt war; er glaubte an die Lehren und machte in Gesellschaft keine feigen Zugeständnisse. Um die Fragen und die Unruhe der Zeit kümmerte er sich nicht, las nie Bücher, verfolgte jedoch in den Zeitungen die Politik des Tages, die Zollfragen und die Steuererhöhung.
Mit seiner Schwester Brita neckte er sich im Scherz, und mit dem Schwager, dem Redakteur, war er ziemlich gut Freund. Doktor Borg mochte er gern, weil er ein ganzer Kerl war, und seine Grobheiten faßte er als Witze auf. Am meisten schätzte er den Doktor wegen seiner entschiedenen Haltung in der idiotischen Frauenfrage und verzieh ihm deshalb seine Wut auf die Hunde. Seine Verwandten waren Villenbesitzer, und er betrachtete sie als gute Nachbarn, setzte ihnen aber bei der Einschätzung Daumschrauben an. Seine Nächste, das heißt seine Gattin, mit der er in kinderloser Ehe lebte, behandelte er als Frau, als Kameradin und als Herrscherin des Hauses in der »Innenabteilung«; doch wehe ihr, wenn sie die Grenzen ihres Machtbereichs überschreiten wollte, dann verteidigte er seinen Platz. Brita war freilich gekommen und hatte sie aufzuwiegeln versucht, aber da hatte er, ohne Rücksicht auf den Hausfrieden, sich so aufgeführt, daß sie kapitulieren mußten.
»An meiner Seite, Frau, aber nicht über mir!« war seine Formel.
Er nannte die Männer, die die Frauen über sich herrschen lassen, Sodomiten. Und er hatte wohl eingesehen, daß es sich nicht um Gleichstellung handelte, sondern um Tyrannei, wenn die Frauen vorstürmten.
»In der neuen Gesellschaft werdet ihr vielleicht Stimmrecht bekommen,« sagte er, »wenn ihr alle arbeitet; aber in dieser Gesellschaft, wo ihr Anhang seid, nicht!«
Das war Pastor Alroth auf Storö; ein Prälat aus dem Mittelalter, ein geistlicher Beamter mit viel weltlicher Macht, ein reicher Mann, der großen Landbesitz hatte und infolgedessen sein eigener Patron war, das heißt sich selbst in eine Pfarre einsetzte, die ihm ein Gehalt von 30 000 Kronen brachte, das zusammen mit seinen Privateinnahmen von 20 000 Kronen seine Einkünfte auf 50 000 Kronen jährlich abrundete.
Bei der Einfahrt in den Kanal zeigte es sich, daß niedriges Wasser war; deshalb begann der Steuermann das gewöhnliche Manöver zu kommandieren.
»Passagiere nach Lee!«
Das war das erste Tempo; da aber nicht alle wußten, wo Lee lag, so gingen einige nach Luv.
Wenn dann der schiefe Steuermann – er war immer schief und rotäugig wie eine Plötze – luvwärts rief, dann verstanden auch die Uneingeweihten den Zusammenhang, daß nämlich alle auf die gleiche Seite hinübergehen sollten. Dadurch legte sich der Dampfer schräg, als wolle er kentern, wand sich aber doch ein Stück weiter an den Schilfbänken entlang, wo Angelruten sich in dem rückflutenden Wasser bogen.
»Warum baggert man den Kanal nicht aus?« fragte Frau Brita unschuldig.
»Weil,« antwortete der Doktor, »wenn man baggerte, sofort ein raschfahrender Konkurrent eingestellt würde, und das wollen die Aktionäre dieses Kahns nicht. Oder was meinst du, Petter?«
Der Pastor wollte weder nein noch ja sagen, sondern erwiderte: »Ich möchte wissen, ob Gustav unten im Achtersalon Schlagseite hat! Er ist recht schwer und der Steuermann müßte hinuntergehen und ihn umstauen.«
Jetzt trat der Doktor Phylax, der sich die Angelruten besehen wollte, auf die Zehen, und der Hund stieß ein entsetzliches Geheul aus, in das Brita einstimmte:
»Du bist ein Barbar!« schrie sie den Doktor an.
»Das ist eine Lüge, Kindchen,« antwortete der Doktor; »ich quäle nie ein Tier, nicht einmal einen Regenwurm, aber eure Tiere quälen mich, weil sie mir vor den Füßen herumlaufen und heulen.«
Der Kanal war passiert, und man hatte einen Sund vor sich. Landungsbrücke folgte auf Landungsbrücke, und bei jeder Anlegestelle hatte man Gelegenheit, eine Bemerkung, eine Aufklärung über die Einwohner fallen zu lassen. Es waren gewissermaßen Zufluchtsorte, bisweilen Verstecke für Menschen, die sich dem Weltgetümmel entzogen hatten. Keine Geschichte war der andern gleich, und in dieser Einöde, eine halbe Stunde von Stockholm, hatten sie sich niedergelassen, hauptsächlich vielleicht, um die Nähe des Meeres zu spüren, das einzig Große, das Schwedens kärgliche Natur bietet. Alltägliche Trauerspiele waren zu Ende gespielt, und man erlebte hier draußen den letzten Akt. Durchgebrachtes Vermögen, zerbrochene Familienschicksale, bestrafte oder unbestrafte Fehltritte, verwundeter Ehrgeiz, Kummer und Not, alles Elend hatte sich hier in den grünen Talmulden zwischen den Feldsteinhügeln niedergelassen. Die Eingeweihten, die diese Wasserstraße passierten, hatten das Gefühl, an aller Bitterkeit des Lebens vorbeizufahren, und neben der Beklemmung wurde ein Wohlbehagen wach, außerhalb zu stehen. Der Pastor, der am meisten wußte, sprach am wenigsten, der Doktor aber legte sich unverdrossen ins Zeug:
»Sieh, da steht der alte Päderast auf seiner Brücke und wartet auf die Zeitung. Du studierst doch die soziale Frage, Brita, kannst du die Päderastie erklären, und kannst du mir sagen, warum in unsern Kreisen so viele Männer in dieser Richtung von sich reden machen?«
»Nein, das kann ich nicht, und darüber will ich nicht sprechen,« antwortete Frau Brita ohne Prüderie, aber auch ohne Interesse.
»Man spricht nicht über solche Dinge,« unterbrach der Pastor.
»Das ist ja gerade das Unglück,« sagte der Doktor, »daß man die wichtigsten Fragen nicht erörtern darf. Über Mord und Brandstiftung, Diebstahl und Wechselfälschungen darf man bei jedem Gericht laut sprechen, und mündliches Verhör ist gesetzlich angeordnet, aber über diese Dinge darf man nicht einmal schreiben!«
»Die menschliche Schamhaftigkeit gebietet Schweigen,« wandte der Pastor ein.
»Dann müßte der Richter sich auch schämen, von Mord und Diebstahl zu hören! Nein, ihr seid zimperlich oder wollt besser scheinen als ihr seid. Ich kann euch nicht begreifen! Die Vollziehung des Aktes bleibt straflos; wenn aber ein Dichter eine hochgestimmte Schilderung der ersten Szene des Geburtsaktes gibt, dann wollt ihr ihn ins Gefängnis werfen! Um der Jugend willen! Um der liederlichen Jugend willen, die nicht ihren Namen in Bäume schneidet, wohl aber das ganze Geheimnis auf Ecken und Wände malt. Ich verstehe euch nicht, will euch aber nicht Heuchler nennen, denn ich weiß nicht, was das ist! Du, Petter, würdest dich nicht auf einem Trottoir exponieren, aber dein Köter darf den Schönheitssinn einer Kinderschar beleidigen, und du stehst dabei und siehst zu! Pfui Teufel!«
»Jetzt ist er wieder bei den Hunden,« brach Frau Brita ab, »das ist sein stehendes Gesprächsthema.«
»Ja, wenn ihr eure unreinen Tiere in die menschliche Gesellschaft bringt und sie an der Konversation teilnehmen laßt, dann bekommt ihr Bescheid.«
»Unreine Tiere? Es gibt keine so sauberen Tiere, nächst den Katzen, sieh dir ihr Fell an …«
»Sieh dir dein Kleid an, Brita,« schrie der Doktor, »sieh dir Phylax, die Sprengmaschine, an!«
Phylax hatte wirklich Frau Britas Staatskleid untersucht und das Hinterbein gehoben.
Wie von einer Wespe gestochen flog die Frau in die Höhe. Die rote Feder auf ihrem Hut zitterte gleich einer Haferrispe im Winde, ihr Gesicht drückte alle möglichen Gemütsbewegungen zugleich aus; Wut über die Kränkung, Verzweiflung über den Schaden, Scham über die Demütigung, gemischt mit einem freundlichen Lächeln, das noch im Tode die Sympathie mit dem unschuldigen Tier ausdrücken sollte.