Fräulein Julie
Naturalistisches Trauerspiel
von
August Strindberg
Aus dem Schwedischen
von
E. Brausewetter
Autorisierte deutsche Ausgabe
Leipzig
Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
Alle Rechte vorbehalten.
Den Bühnen und Vereinen gegenüber als Manuskript gedruckt.
Das Aufführungsrecht ist von der Firma Kühling & Güttner
Berlin W. 56, Markgrafenstraße 53, zu erwerben.
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Von Strindberg erschien in der Universal-Bibliothek:
Nr. 2489. Der Vater. Trauerspiel in drei Aufzügen. Nr. 4103. Gläubiger. Tragikomödie in einem Aufzug. Nr. 5126. Kameraden. Komödie in zwei Aufzügen. Nr. 5514. Meister Olaf. Schauspiel in fünf Aufzügen. |
[Vorwort.]
Das Theater ist mir schon lange, gleichwie die Kunst überhaupt, wie eine Biblia pauperum erschienen, eine Bibel in Bildern für diejenigen, welche nicht Gedrucktes oder Geschriebenes lesen können, und der Theaterschriftsteller wie ein Laienpriester, welcher die Gedanken der Zeit in populärer Form kolportiert, so populär, daß die Mittelklasse, welche hauptsächlich das Theater füllt, ohne viel Kopfzerbrechen fassen kann, worum es sich handelt. Das Theater ist daher immer eine Volksschule für die Jugend, die Halbgebildeten und die Frauen gewesen, welche noch das Vermögen zurückbehalten haben, sich selbst zu täuschen und sich täuschen lassen, das heißt die Illusion zu bekommen, vom Verfasser die Suggestion zu empfangen. Es ist mir daher in unserer Zeit, da das rudimentäre, unvollständige Denken, welches sich durch die Phantasie vollzieht, sich zur Reflexion, zur Untersuchung und Prüfung zu entwickeln scheint, so vorgekommen, als wenn das Theater, gleichwie die Religion, auf dem Wege wäre, sich gleich einer aussterbenden Form hinzubetten, zu deren Genuß uns die erforderlichen Voraussetzungen fehlen. Für diese Annahme spricht die durchgehende Theaterkrisis, welche jetzt in ganz Europa herrscht, und nicht zum wenigsten der Umstand, daß in den Kulturländern, welche die größten Denker der Gegenwart hervorbringen, nämlich England und Deutschland, die Dramatik tot ist, gleichwie größtenteils die andern schönen Künste.
In andern Ländern wieder hat man geglaubt sich ein neues Drama schaffen zu können, indem man die alten Formen mit dem Gehalt der neueren Zeit erfüllte; aber teils haben die neuen Gedanken noch nicht Zeit gehabt, populär zu werden, sodaß das Publikum den Verstand besäße zu erfassen, worum es sich handelt, teils haben Parteistreitigkeiten die Gemüter erregt, sodaß ein rein objektiver Genuß nicht hat eintreten können, da man sich hier in seinem Innersten widersprochen sah und dort eine applaudierende oder zischende Majorität ihren Druck so öffentlich ausübte, als es in einem Theatersaal möglich ist, teils hat man nicht die neue Form für den neuen Gehalt gefunden, sodaß der neue Wein die alten Flaschen gesprengt hat.
In dem vorliegenden Drama habe ich nicht versucht etwas Neues zu bringen — denn das kann man nicht — sondern nur die Form gemäß den Forderungen zu modernisieren, welche, nach meiner Meinung, die neuen Menschen unserer Zeit an diese Kunst stellen sollten. Und zu diesem Zwecke habe ich gewählt oder mich ergreifen lassen von einem Motiv, von welchem man sagen kann, es liegt außerhalb der Parteikämpfe des Tages, da ja das Problem vom socialen Steigen oder Fallen, von Höherem und Niedrigerem, Besserem oder Schlechterem, Mann oder Weib, von bleibendem Interesse ist, gewesen ist und sein wird. Als ich dieses Motiv aus dem Leben nahm, so, wie ich es vor einer Reihe von Jahren erzählen hörte, als das Ereignis einen starken Eindruck auf mich machte, fand ich, daß es sich für ein Trauerspiel eigne, denn noch macht es einen traurigen Eindruck: ein unter glücklichen Verhältnissen lebendes Individuum untergehen zu sehen, um wieviel mehr also ein Geschlecht aussterben zu sehen. Aber es wird vielleicht eine Zeit kommen, da wir uns so entwickeln, so aufgeklärt werden, daß wir gleichgültig diesem jetzt rohen, cynischen und herzlosen Schauspiel, welches das Leben darbietet, zusehen werden, da wir diese niedrigeren und unzuverlässigen Gedankenmaschinen, welche Gefühle genannt werden, abgelegt haben, weil sie überflüssig und schädlich werden, sobald unsere Urteilskraft ausgewachsen ist. Dieses, daß die Heldin Mitleid erweckt, beruht nur auf unserer Schwäche, da wir dem Gefühle der Furcht nicht widerstehen können, dasselbe Schicksal könnte auch uns treffen. Ein sehr gefühlvoller Zuschauer wird vielleicht jedoch nicht durch dieses Mitleid befriedigt sein, und der Zukunftsmensch wird vielleicht einige positive Vorschläge, dem Übel abzuhelfen, eine Art Programm mit andern Worten, fordern. Aber erstens giebt es kein absolutes Übel, denn daß ein Geschlecht untergeht, ist ja etwas Gutes für ein anderes Geschlecht, welches dadurch emporkommen kann, und der Wechsel von Steigen und Fallen bildet gerade eine der größten Annehmlichkeiten des Lebens, da das Glück nur in dem Vergleich liegt. Und den Programmenschen, welcher dem peinlichen Umstande, daß der Raubvogel die Taube frißt und die Laus wieder den Raubvogel, will ich fragen: warum soll dem abgeholfen werden? Das Leben ist nicht so mathematisch-idiotisch, daß nur die Großen die Kleinen auffressen, sondern es kommt oft vor, daß die Biene den Löwen tötet oder ihn zum wenigsten toll macht.
Daß mein Trauerspiel einen traurigen Eindruck auf viele macht, ist also der Fehler dieser. Wenn wir stark werden, wie die ersten französischen Revolutionsmänner, wird es unbedingt einen guten und frohen Eindruck machen, der Ausrottung eines Parkes von morschen, überjährigen Bäumen zuzusehen, welche anderen zu lange im Wege standen, die ebenfalls das gleiche Recht hatten, ihre Zeit zu vegetieren — einen guten Eindruck, gleich wie wenn man einen unheilbar Kranken sieht, der endlich sterben kann.
Man warf kürzlich meinem Trauerspiel »Der Vater«[A] vor, es wäre so traurig, gleich als wenn man ein lustiges Trauerspiel forderte. Man ruft anspruchsvoll nach der Lebensfreude, und die Theaterdirektoren fordern Farcen, gleich als wenn die Lebensfreude darin läge, albern zu sein und Menschen zu zeichnen, welche allesamt am Veitstanz oder Idiotismus litten. Ich finde die Lebensfreude in den starken, grausigen Kämpfen des Lebens, und es bereitet mir Genuß, etwas erfahren, etwas lernen zu können. Und darum habe ich einen ungewöhnlichen, aber lehrreichen Fall gewählt, mit einem Wort eine Ausnahme, aber eine große Ausnahme, welche die Regel bekräftigt, was sicherlich diejenigen, die das Alltägliche lieben, verletzen wird. Was ferner bei einzelnen Anstoß erregen wird, ist, daß meine Motivierung der Handlung nicht einfach ist, und es nicht nur einen Gesichtspunkt dafür giebt. Ein Ereignis im Leben — und das ist eine ziemlich neue Entdeckung — wird gewöhnlich von einer ganzen Reihe mehr oder minder tiefliegender Motive hervorgerufen, aber der Zuschauer wählt meistens dasjenige, welches seiner Urteilskraft das am leichtesten faßliche oder für seine Urteilsgabe das ehrenvollste ist. Es ist z. B. ein Selbstmord begangen worden. »Schlechte Geschäfte!« sagt der Bürger. — »Unglückliche Liebe!« sagen die Frauenzimmer. — »Krankheit!« der Kranke. — »Getäuschte Hoffnungen!« der Schiffbrüchige. Aber nun kann es vorkommen, daß das Motiv hier überall oder nirgend zu suchen war, und daß der Verstorbene das Grundmotiv dadurch verbarg, daß er ein ganz anderes vorschob, welches das vorteilhafteste Licht über sein Gedächtnis werfen könnte!
Fräulein Juliens trauriges Schicksal habe ich durch eine ganze Menge von Umständen motiviert: die Grundinstinkte der Mutter; die falsche Erziehung des Mädchens durch den Vater; das eigene Naturell und die Suggestionen des Bräutigams auf das schwache degenerierte Hirn; sodann auch momentane: die Feststimmung der Johannisnacht; die Abwesenheit des Vaters; die Beschäftigung mit dem Tiere; der aufregende Einfluß des Tanzes; die Dämmerung der Nacht; die starke, berauschende Wirkung der Blumen; und schließlich der Zufall, welcher die beiden in einen geheimen Raum zusammentreibt, sowie die aufregende Zudringlichkeit des Mannes.
Ich bin also nicht einseitig physiologisch verfahren, auch nicht monoman psychologisch, ich habe die Schuld nicht nur der Vererbung von der Mutter oder ausschließlich der »Unsittlichkeit« aufgebürdet, noch bloß Moral gepredigt.
Dieser Mannigfaltigkeit der Motive will ich mich rühmen, da sie mit der Forderung der Zeit übereinstimmt! Und haben es andere schon vor mir so gemacht, so rühme ich mich mit meinen Paradoxen, wie alle Entdeckungen genannt werden, nicht allein zu stehen.
Was die Charakterzeichnung anbetrifft, so habe ich die Figuren ziemlich »charakterlos« gezeichnet und zwar aus folgenden Gründen:
Das Wort Charakter hat im Lauf der Zeiten eine mehrfache Bedeutung bekommen. Es bedeutete wohl ursprünglich den herrschenden Grundzug im Seelenkomplex und wurde mit Temperament verwechselt. Dann wurde es der Ausdruck der Mittelklasse für den Automaten; sodaß ein Individuum, welches ein für allemal bei seinem Naturell stehen geblieben ist oder sich einer gewissen Rolle im Leben angepaßt hat, welches also mit einem Wort gesagt, aufgehört hat zu wachsen, ein Charakter genannt wurde, und der in der Entwickelung Befindliche, der geschickte Schiffer auf dem Strome des Lebens, welcher nicht mit fester Schote segelt, sondern den Kahn vor dem Windstoß fallen läßt, um ihn hernach wieder aufzuluven, wurde charakterlos genannt. Im herabsetzenden Sinne natürlich, da er ja so schwer einzufangen, einzuregistrieren und zu kontrollieren war. Dieser bürgerliche Begriff von der Unveränderlichkeit der Seele wurde dann auf das Theater übertragen, wo ja das Bürgerliche immer geherrscht hat. Ein Charakter war dort ein Herr, welcher fix und fertig war, welcher unveränderlich als Betrunkener, als Spaßmacher, als Betrübter auftrat; und um zu charakterisieren bedurfte es nur, dem Körper ein Gebrechen anzudichten, einen Klumpfuß, ein hölzernes Bein, eine rote Nase, oder daß man den Betreffenden einen Ausruf gebrauchen ließ wie diesen: »das war galant«, »Barkis will gern« oder dergleichen. Bei dieser Art und Weise, die Menschen so einseitig aufzufassen, bleibt noch sogar der große Molière stehen. Harpagon ist nur geizig, obgleich Harpagon hätte geizig und zugleich ein ausgezeichneter Finanzier, ein prächtiger Vater, ein guter Bürger sein können, und was schlimmer ist, sein Gebrechen ist gerade äußerst vorteilhaft für seine Tochter und seinen Schwiegersohn, welche ihn beerben und ihn daher nicht tadeln dürfen, wenn sie auch ein wenig warten müssen, bis sie sich kriegen. Daher glaube ich nicht an einfache Theatercharaktere. Und gegen das summarische Urteil der Verfasser über die Menschen: der ist dumm, der ist brutal, der ist eifersüchtig, der ist geizig u. s. w. sollte von den Naturalisten Einspruch erhoben werden, welche wissen, wie reich der Seelenkomplex ist, und welche verstehen, daß das Laster eine Rückseite hat, welche sehr stark der Tugend ähnelt.
Als moderne Charaktere, die in einer Übergangszeit leben, welche mehr eilig hysterisch als zum mindesten die vorhergehende ist, habe ich meine Figuren schwankender, zerrissener, von Altem und Neuem zusammengesetzter geschildert, und es scheint mir nicht unwahrscheinlich, daß moderne Ideen durch die Zeitungen und Gespräche auch in die Gesellschaftsschichten hinabgedrungen sein können, in denen selbst ein Dienstbote sich bewegt.
Meine Seelen (Charaktere) sind Konglomerate von vergangenen Kulturgraden und Brocken der angehenden Zeit, welche aus Büchern und Zeitungen entlehnt wurden, Stücke von Menschen, abgerissene Fetzen von Feiertagskleidern, welche zu Lumpen geworden sind, ganz wie die Seele zusammengeflickt ist. Und ich habe außerdem ein wenig Entwicklungsgeschichte gegeben, indem ich den Schwächeren stehlen und Worte wiederholen lasse von dem Stärkeren, die Seelen »Ideen«, Suggestionen, wie es genannt wird, voneinander holen lasse.
Fräulein Julie ist ein moderner Charakter, nicht als wenn es das Halbweib, die Männerhasserin, nicht zu allen Zeiten sollte gegeben haben, sondern darum, weil es jetzt entdeckt, hervorgetreten ist und Lärm gemacht hat. Das Halbweib ist ein Typus, welcher sich hervordrängt, sich jetzt für Macht, Ansehn, Auszeichnungen und Diplome, sowie früher für Geld verkauft und die Entartung andeutet. Es ist keine gute Art, denn sie ist nicht lebensfähig, pflanzt sich aber leider mit all' ihrem Elend noch ein Glied fort, und entartete Männer scheinen unbewußt die Auswahl unter ihnen zu treffen, sodaß sie sich vermehren und Wesen unbestimmten Geschlechtes hervorbringen, welchen das Leben eine Qual ist, die aber glücklicherweise zu Grunde gehen, entweder in Disharmonie mit der Wirklichkeit oder infolge unaufhaltsamen Hervorbrechens des unterdrückten Triebes, oder der getäuschten Hoffnungen den Mann nicht erlangen zu können. Der Typus ist tragisch, da er das Schauspiel eines verzweifelten Kampfes gegen die Natur darbietet, tragisch als ein romantisches Erbe, welches nun von dem Naturalismus zerstreut wird, der nur das Glück will, und zum Glücke gehören starke und lebensfähige Arten.
Aber Fräulein Julie ist auch ein Überbleibsel des alten Kriegeradels, welcher jetzt vor dem neuen Nerven- oder Großgehirn-Adel untergeht; ein Opfer der Disharmonie, welche der Mutter »Schuld« in eine Familie hineinbringt, ein Opfer der Verirrungen der Zeit, der Umstände und ihrer eigenen schwächlichen Konstitution, was alles zusammen soviel bedeutet, als: das Schicksal früherer Zeiten oder die Weltordnung. Die Schuld hat der Naturalist mit Gott zusammen ausgestrichen, aber die Folgen der That, die Strafe, Haftbarkeit oder die Furcht davor, kann nicht gestrichen werden, aus dem einfachen Grunde, weil sie bestehen bleiben, ob er nun freispricht oder nicht, denn die Leute, denen Unrecht geschehen, sind nicht so wohlwollend gestimmt, wie diejenigen, denen keins widerfahren, es billig sein können. Selbst wenn der Vater aus zwingenden Gründen auf die Strafe verzichten sollte, würde die Tochter sie an sich selbst vollziehen müssen, wie sie es hier thut, infolge des angeborenen oder erworbenen Ehrgefühls, welches die höheren Klassen ererben — von wo? Von der Barbarei, von der asiatischen Urheimat, von dem Rittertum des Mittelalters? — und welches sehr schön ist, jetzt aber unvorteilheit für das Bestehen der Art. Es ist des Edelmannes »Harakiri«, des Japanesen Gewissensgesetz, welches ihm gebietet sich den Leib aufzuschlitzen, wenn ein anderer ihn beschimpft, welches in modifizierter Form im Duell, dem Adelsprivilegium, weiterlebt. Darum bleibt der Bediente Jean am Leben, aber Fräulein Julie kann nicht leben ohne Ehre. Das ist der Vorzug des Knechtes vor dem Herrn, daß er frei ist von diesem lebensgefährlichen Vorurteil betreffs der Ehre; und in uns alten Ariern existiert etwas vom Edelmann oder Don Quijote, was bewirkt, daß wir mit dem Selbstmörder sympathisieren, welcher eine ehrlose Handlung begangen und so seine Ehre verloren hat, und wir sind genug Edelleute, um Schmerz zu empfinden, wenn wir eine gefallene Größe daliegen sehen, selbst wenn der Gefallene sich erheben könnte, und suchen es durch ehrenvolle Handlungen wiedergutzumachen. Der Diener Jean ist ein Artbilder, einer, bei welchem sich die Differenzierung bemerkbar macht. Er ist ein Kätners Sohn und hat sich nun zu einem werdenden Herrn ausgebildet. Es ist ihm leicht geworden zu lernen, da er fein entwickelte Sinne hatte (Geruch, Geschmack, Gesicht) und Schönheitssinn. Er hat sich bereits emporgeschwungen und ist stark genug, es sich nicht übel zu nehmen, aus den Diensten anderer Menschen Vorteile zu ziehen. Er ist seiner Umgebung bereits fremd, welche er als zurückgelegtes Stadium verachtet und dennoch fürchtet und flieht, da sie seine Geheimnisse kennen, seine Absichten ausspüren, voll Neid sein Steigen sehen und mit Vergnügen seinen Fall erwarten. Daher sein zweideutiger, unentschiedener Charakter, der zwischen Sympathie für das, was auf der Höhe steht, und Haß gegen diejenigen, die nun oben sind, hin- und herschwankt. Er ist, wie er selbst sagt, Aristokrat, hat die Geheimnisse der guten Gesellschaft gelernt, ist gewandt im Benehmen, aber bisweilen roh, trägt bereits mit Eleganz den Überrock, ohne jedoch eine Garantie zu bieten, daß er rein auf dem Körper ist.
Er hat Respekt vor dem Fräulein, aber Angst vor Christine, da sie seine gefährlichen Geheimnisse kennt; er ist gefühllos genug, nicht die Ereignisse der Nacht störend in seine Zukunftspläne eingreifen zu lassen. Mit der Rohheit des Knechtes und dem Mangel an Weichherzigkeit des Herrschers kann er Blut sehen, ohne zu erblassen, ein Mißgeschick auf den Rücken nehmen und es aus dem Wege schleudern; darum geht er auch unverwundet aus dem Kampfe hervor und endet wahrscheinlich als Hotelwirt, und wenn er nicht rumänischer Graf wird, so wird sein Sohn wahrscheinlich Student und möglicherweise Kronvogt.
Es sind übrigens recht wichtige Aufklärungen, die er über die Lebensauffassung der unteren Klassen giebt, wenn er nämlich die Wahrheit spricht, was nicht oft der Fall ist, denn er spricht mehr, was für ihn vorteilhaft, als was wahr ist. Wenn Fräulein Julie die Vermutung aufwirft, daß alle in den unteren Klassen den Druck von oben so schwer empfinden, so stimmt Jean natürlich bei, da es ja seine Absicht ist, ihre Sympathie zu gewinnen, aber er korrigiert sofort seine Äußerung, wenn er es für vorteilhafter hält, sich von der Masse zu scheiden.
Außerdem daß Jean ein Steigender ist, steht er auch darin über dem Fräulein, daß er ein Mann ist. Geschlechtlich ist er Aristokrat durch seine männliche Stärke, seine feiner entwickelten Sinne und seine Fähigkeit zur Initiative. Seine Unterlegenheit besteht zunächst in dem zufälligen socialen Milieu, in welchem er lebt, und welches er wahrscheinlich mit dem Bedientenrock ablegen kann.
Der Knechtssinn äußert sich in seiner Hochachtung für den Grafen (die Stiefeln) und seinem religiösen Aberglauben; aber er achtet den Grafen vornehmlich als den Inhaber des höheren Platzes, nach welchem er strebt; und diese Achtung bleibt sogar noch zurück, wenn er die Tochter des Hauses erobert hat und gesehen, wie leer die schöne Schale war.
Daß ein Liebesverhältnis in »höherem« Sinne zwischen zwei Seelen von so ungleichem Gehalt entstehen könnte, glaube ich nicht, und darum lasse ich Fräulein Juliens Liebe von ihr selbst als Entschuldigung oder Verteidigung erdichten; und Jean lasse ich vermuten, daß seine Liebe noch unter andern socialen Verhältnissen würde hervorwachsen können. Ich denke, es ist mit der Liebe wohl wie mit der Hyacinthe, welche im Dunkeln Wurzel schlagen soll, bevor sie eine kräftige Blüte treiben kann. Hier schießt sie empor und setzt Blüten an, und darum erstirbt das Gewächs so schnell.
Christine endlich ist ein weiblicher Knecht, voll Unselbständigkeit und Stumpfsinn, den sie am Herdfeuer erworben, vollgepropft mit Moral und Religion als Deckmantel und Sündenbock. Sie geht zur Kirche, um leicht und schnell ihre Hausdiebstähle auf Jesus abzuwälzen und eine neue Ladung Sündenvergebung einzunehmen. Übrigens ist sie eine Nebenperson und darum absichtlich nur skizziert, wie ich es mit dem Pfarrer und Doktor im »Vater« gemacht habe, da ich sie gerade als Alltagsmenschen haben wollte, wie Landpfarrer und Provinzialärzte es meist zu sein pflegen. Und daß diese meine Nebenfiguren etwas abstrakt erscheinen, beruht darauf, daß die Alltagsmenschen in gewissem Sinne in Ausübung ihres Berufes abstrakt, das heißt unselbständig sind; sie zeigen bei der Verrichtung ihres Berufes nur eine Seite, und solange der Zuschauer nicht das Bedürfnis empfindet sie von mehreren Seiten zu sehen, ist meine abstrakte Schilderung ziemlich richtig.
Was schließlich den Dialog anbetrifft, so habe ich mit der Tradition insofern ein wenig gebrochen, als ich meine Personen nicht zu Katecheten gemacht habe, welche sitzen und dumme Fragen stellen, um eine prompte Replik hervorzurufen. Ich habe das Symmetrische, das Mathematische in dem französisch konstruierten Dialog vermieden und die Gehirne ungehindert arbeiten lassen, wie sie es in der Wirklichkeit thun, wo in einem Gespräch das Thema ja nicht völlig erschöpft wird, sondern das eine Gehirn von dem andern gleichsam aufs Geratewohl einen Radzahn empfängt, in welchen es eingreifen kann. Und darum wogt der Dialog auch hin und her, versieht sich in den ersten Scenen mit einem Material, welches später bearbeitet, wiederaufgenommen, repetiert, entwickelt und wiederaufgelegt wird, gleich dem Thema in einer musikalischen Komposition.
Die Handlung ist reich genug, und da sie eigentlich nur zwei Personen angeht, habe ich mich auf sie beschränkt, und nur eine Nebenperson eingeführt, die Köchin, und den unglücklichen Geist des Vaters über und hinter dem Ganzen schweben lassen. Dieses Letztere habe ich gethan, da ich zu bemerken geglaubt habe, daß für Menschen der neueren Zeit die psychologische Entwicklung das ist, was sie am meisten interessiert, und unsere wißbegierigen Seelen sich nicht damit begnügen, etwas vor sich gehen zu sehen, ohne zu erfahren, wie es zugeht! Wir wollen gerade die Fäden, die Maschinerie sehen, die doppelbodige Schachtel untersuchen, den Zauberring in die Hand nehmen, um die Fuge zu finden, in die Karten gucken, um zu entdecken, mit was für Zeichen sie versehen sind.
Was das Technische in der Komposition anbetrifft, so habe ich die Akteinteilung gestrichen, weil ich bemerkt habe, daß unser Mangel an Fähigkeit, uns von einer Illusion beherrschen zu lassen, möglicherweise durch Zwischenakte erzeugt wird, in denen der Zuschauer Zeit bekommt zu reflektieren und sich dabei dem suggestiven Einfluß des Verfasser-Magnetiseurs zu entziehen. Mein Drama währt wahrscheinlich sechs Viertelstunden, und wenn man eine Vorlesung, eine Predigt oder eine Kongreßverhandlung ebenso lange und länger anhören kann, so habe ich mir gedacht, daß ein Theaterstück während anderthalb Stunden nicht ermüden würde.
Der Monolog ist von unsern Realisten als unwahr verbannt, aber wenn ich ihn motiviere, mache ich ihn wahrscheinlich und kann ihn also mit Vorteil verwenden. Es ist ja wahrscheinlich, daß ein Redner allein in seinem Zimmer auf- und abgeht und laut seine Rede durchgeht, wahrscheinlich, daß ein Schauspieler laut seine Rolle memoriert, daß ein Mädchen mit seiner Katze plaudert, eine Mutter mit ihrem Kinde scherzt, ein altes Fräulein mit ihrem Papagei schwatzt, ein Schlafender im Schlafe spricht. Und um einmal dem Schauspieler zu selbständiger Arbeit Gelegenheit zu geben und einen Augenblick dem Zeigefinger des Verfassers zu entschlüpfen, ist es am besten, daß die Monologe nicht ausgeführt, sondern nur angedeutet werden. Denn da es ziemlich gleichgültig ist, was im Schlafe, zum Papagei oder zur Katze gesprochen wird, da es ja keinen Einfluß auf die Handlung ausübt, so kann ein begabter Schauspieler, der mitten in der Stimmung und Situation drinnen ist, dies besser improvisieren, als der Verfasser, der nicht im voraus berechnen kann, wieviel und wie lange geschwatzt werden kann, bis das Publikum aus der Illusion erweckt wird.
Wo der Monolog unwahrscheinlich werden sollte, habe ich zur Pantomime gegriffen und hier lasse ich dem Schauspieler noch mehr Freiheit, zu dichten und selbständig Ehre zu gewinnen. Um gleichwohl das Publikum nicht zu stark auf die Probe zu stellen, habe ich die Musik, die durch den Tanz in der Johannisnacht wohl motiviert ist, ihre verführerische Macht während des stummen Spiels ausüben lassen, und bitte den Musikdirektor wohl zu beherzigen, daß er nicht fremde Stimmungen erwecken darf durch die Erinnerung an das Operetten- oder Tanzrepertoire des Tages oder durch allzu ethnographisch volkstümliche Melodieen.
Das Ballett,[B] welches ich eingeführt habe, konnte durch keine Volksscene ersetzt werden, da Volksscenen schlecht gespielt werden, und eine Menge Spaßmacher die Gelegenheit benutzen würden, sich bemerkbar zu machen und dadurch die Illusion stören. Da das Volk seine Böswilligkeiten nicht selbst improvisiert, sondern bereits fertiges Material benutzt, das einen doppelten Sinn geben kann, habe ich das »Schmähgedicht« nicht gedichtet, sondern ein weniger bekanntes Tanzspiel benutzt, welches ich selbst in der Umgebung von Stockholm aufgezeichnet habe. Die Worte treffen ungefähr die Sache, und das genügt völlig, denn die Feigheit der Menge gestattet ihr nicht direkte Angriffe.[C] Also keine ausgesprochenen Späße in einer ernsten Handlung, kein rohes Grinsen gegenüber einer Situation, die den Deckel auf den Sarg eines Geschlechtes legt.
Was die Dekorationen anbetrifft, so habe ich von der impressionistischen Malerei das Unsymmetrische und Abgeschnittene entlehnt und glaube dadurch die Illusion zu erhöhen; denn dadurch, daß man nicht die ganze Scene und das ganze Möblement sieht, ist es einem möglich gemacht den Raum zu ahnen: die Phantasie wird erregt und ersetzt das Fehlende. Auch habe ich es dadurch erreicht, daß ich das ermüdende Gehen und Kommen durch die Thüren los wurde, besonders da die Theaterthüren aus Leinwand sind und bei der geringsten Bewegung flattern. Ebenso habe ich mich an eine einzelne Dekoration gehalten, damit die Personen sich mit der Umgebung verschmelzen können, und um mit dem Dekorationsluxus zu brechen.
Ich habe die Hintergrundsdekoration und den Tisch schräg gestellt, um die Schauspieler zu veranlassen en face und in halbem Profil zu spielen, wenn sie am Tisch einander gegenüber sitzen.
Eine andere vielleicht nicht unnötige Verbesserung würde die Entfernung der Rampe sein. Dieses Licht von unten scheint die Aufgabe zu haben die Schauspieler im Gesichte voller erscheinen zu lassen; aber ich muß fragen: Warum sollen alle Schauspieler volle Gesichter haben? Ob das Licht von unten nicht eine Menge feiner Züge in den unteren Partieen des Gesichtes, namentlich der Kiefer, verwischt, ob es nicht die Form der Nase verändert und Schatten über die Augen wirft? Und wenn nicht, so ist doch sicher, daß es den Augen des Schauspielers unangenehm ist, sodaß das wirkungsvolle Spiel des Blicks verloren geht, denn das Licht der Rampe trifft die Netzhaut auf Stellen, die sonst geschützt sind und darum sieht man selten andere Bewegungen der Augen, als ein dummes Starren zur Seite oder hinauf zu den Logenreihen, sodaß das Weiße im Auge zu sehen ist. Möglicherweise kann man derselben Ursache das müde Blinzeln mit dem Augendeckel bei den Schauspielern und namentlich bei den Schauspielerinnen zuschreiben. Und wenn jemand auf der Bühne mit den Augen sprechen will, kann er nur geradeaus ins Publikum sehen, mit dem er (oder sie) außerhalb des Rahmens des Stückes eine direkte Korrespondenz einleitet; eine Unsitte, die mit Recht oder Unrecht »Bekannte begrüßen« genannt wird.
Sollte nicht genügend starkes Seitenlicht (mit Reflektoren oder dergleichen) dem Schauspieler dieses neue Hilfsmittel bieten können: die Mimik durch den ausdrucksvollsten Teil des Gesichtes, die Augen, zu stärken?
Die Illusion, die Schauspieler dahin zu vermögen, für und nicht mit dem Publikum zu spielen, nähre ich nicht, wenn dieses auch in hohem Grade wünschenswert wäre. Ich glaube nicht, daß ich eine ganze Scene hindurch den ganzen Rücken eines Schauspielers werde zu sehen bekommen, aber ich wünsche von ganzem Herzen, daß die Hauptscenen nicht, gleich Duetten, vorn am Souffleurkasten gespielt werden mögen, in der Absicht, Beifall zu ernten, sondern ich will sie auf einen Platz haben, der zu der Situation paßt. Also keine Revolution, sondern nur kleine Modifikationen.
Wenn ich nun beginne vom Schminken zu sprechen, so nähre ich keine Hoffnung, von den Damen gehört zu werden, die lieber hübsch, als wahr sein wollen. Aber der Schauspieler sollte doch genau überlegen, ob es für ihn vorteilhaft ist, durch das Schminken seinem Gesichte einen abstrakten Charakter zu geben, der wie eine Maske auf demselben sitzen bleibt. Denken wir uns einen Herrn, der sich mit Kohle einen scharfen, zornigen Zug zwischen den Augen anbringt, und nehmen wir an, daß dieser ständig zornig aussehende Mensch bei einer Replik lachen soll. Welch' schauderhafte Grimasse wird das nicht werden? Und wie soll eine falsche Stirn, die blank ist, wie eine Billardkugel, gerunzelt werden können, wenn der Alte zornig wird.
Mit einem modernen psychologischen Drama, wo die feinsten seelischen Empfindungen sich mehr in den Gesichtszügen als in den Bewegungen und im Geschrei widerspiegeln sollen, thäte man wohl am besten, es mit starkem Seitenlicht auf einer kleinen Bühne und mit Schauspielern ohne Schminke oder zum mindesten einem Minimum davon zu versuchen.
Könnten wir das sichtbare Orchester mit seinem störenden Lampenlicht und den gegen das Publikum gewandten Gesichtern loswerden; würde das Parkett so erhöht, daß die Augen des Zuschauers höher träfen, als auf die Kniee des Schauspielers; schafften wir die Prosceniumslogen ab und dazu vollständige Dunkelheit im Theater während der Vorstellung, sowie zuerst und vor allem eine kleine Bühne und einen kleinen Zuschauerraum, dann könnte vielleicht eine neue dramatische Kunst erstehen, und das Theater wieder eine Institution zur Freude der Intelligenteren werden.
Indem wir auf dieses Theater warten, müssen wir auf Lager schreiben und das Repertoire der Zukunft vorbereiten.
Ich habe einen Versuch gemacht! Ist er mißglückt, so ist noch Zeit genug, einen neuen zu machen.
Kopenhagen im Sommer 1888.
Der Verfasser.
[A.] Deutsche Ausgabe von E. Brausewetter, Universal-Bibliothek Nr. 2489.
[B.] Der Verfasser meint hier mit Ballett natürlich einen Tanz, einen Volkstanz, und denkt nicht etwa an die berühmten kurzen Röckchen und die fleischfarbenen Tricots. Der Übers.
[C.] Um dieser Absicht des Dichters möglichst genau gerecht zu werden, wählte ich dafür ein älteres deutsches »Gesellschaftslied«. Der Übers.
[Fräulein Julie.]
Personen:
| Fräulein Julie, 25 Jahre alt. Jean, Diener, 30 Jahre alt. Christine, Köchin, 35 Jahre alt. |
Die Handlung spielt in der Johannisnacht in einer gräflichen Küche.
[Schauplatz:]
Eine große Küche, deren Decke und Seitenwände von den Draperien und Soffiten verdeckt werden. Die Hinterwand zieht sich von links schräg in die Scene hinein; auf der linken Seite zwei Gestelle mit Kupfer-, Messing-, Eisen- und Zinngeschirr; die Gestelle sind mit zackigem Papier garniert; etwas weiter rechts sieht man dreiviertel des großen gewölbten Ausganges mit zwei Glasthüren, durch welche ein Springbrunnen mit einem Amor, blühende Fliederbüsche und einige Pappelbäume sichtbar sind. Eingänge rechts und links.
Links auf der Bühne eine Ecke eines großen Kachelherdes mit einem Teil des Rauchfanges.
Rechts das eine Ende eines Gesindeeßtisches aus weißem Fichtenholz mit einigen Stühlen; auf dem Tisch eine große japanische Kruke mit Flieder.
Der Herd ist mit Birkenzweigen ausgeputzt, der Boden mit Wachholder bestreut.
Ein Eisschrank, ein Waschtisch und ein Aufwaschtisch. Eine große, altertümliche Schlaguhr über der Thüre und ein Sprachrohr auf der linken Seite derselben.
Christine steht links am Herd und bratet etwas in einer Pfanne; sie hat ein helles Kattunkleid an und eine Küchenschürze um. Jean kommt durch die Glasthür hinein, in Livree; er trägt in der Hand ein paar große Reitstiefel mit Sporen, die er auf einer sichtbaren Stelle hinten auf den Boden stellt.
Jean. Heute Abend ist das Fräulein Julie wieder verrückt, total verrückt!
Christine. So, du bist jetzt hier?
Jean. Ich begleitete den Herrn Grafen zur Station, und als ich auf dem Rückweg an der Scheune vorüberkam, ging ich hinein, um zu tanzen. Fräulein Julie tanzte gerade mit dem Förster; als sie mich aber gewahr wurde, fährt sie gerade auf mich los und fordert mich zum Damenwalzer auf. Und seitdem hat sie in einer Weise getanzt, daß ich nie etwas derartiges gesehen habe. Sie ist einfach verrückt.
Christine. Das ist sie ja immer gewesen, aber niemals so, wie die letzten vierzehn Tage, seitdem die Verlobung aufgehoben wurde.
Jean. Ja, was war das eigentlich für eine Geschichte. Es war doch ein feiner Kerl, wenn er auch nicht reich war. Ach ja! sie haben so viele Launen! Er setzt sich rechts an den Tisch. Es ist in jedem Fall sonderbar von dem Fräulein, daß sie lieber bei den Leuten zu Hause bleiben will, als ihren Vater zu ihren Verwandten begleiten? Nicht?
Christine. Ja, sie fühlt sich wohl gleichsam ein wenig geniert nach der Geschichte mit ihrem Bräutigam.
Jean. Kann schon sein! Aber es war doch in jedem Fall ein tüchtiger Kerl. Weißt du, Christine, wie es kam? Ich sah es mit an, obgleich ich mir nichts merken lassen wollte.
Christine. Wie? Du sahst es mit an?
Jean. Ja, das that ich. Sie waren eines Abends unten im Stallhof, und das Fräulein »tränierte« ihn, wie sie es nannte — weißt du, was sie machte? Sie ließ ihn über die Reitpeitsche springen, wie einen Hund, den man »hop« machen lehrt. Zweimal sprang er hinüber und bekam jedesmal einen Schlag; aber das dritte Mal nahm er ihr die Reitpeitsche aus der Hand, zerbrach sie in tausend Stücke und — ging.
Christine. So kam es? Nein, was du sagst!
Jean. Ja, so kam es! Aber kannst du mir nun nicht etwas Gutes zu essen geben, Christine?
Christine legt aus der Pfanne auf und setzt es Jean vor. Ach, nur ein bißchen Nieren, die ich aus dem Kalbsbraten herausgeschnitten habe!
Jean beriecht das Essen. Ah! Sehr schön, das ist mein größtes Delice! Er befühlt den Teller. Aber du hättest den Teller wärmen können!
Christine. Du bist noch krittlicher, als selbst der Graf, wenn du erst einmal anfängst. Sie zieht ihn liebkosend am Haar.
Jean böse. Au! Du mußt mich nicht so reißen, du weißt ja, wie empfindlich ich bin.
Christine. Na, na, es war ja nur aus Liebe.
Jean ißt.
Christine zieht eine Flasche Bier auf.
Jean. Bier in der Johannisnacht? Nein, danke bestens! Da habe ich selbst was Besseres. Er öffnet die Tischschublade und nimmt eine Flasche Rotwein mit gelbem Lack heraus. Gelber Lack, siehst du! Gieb mir nun ein Glas! Ein Fußglas, versteht sich, wenn man reinen Wein trinkt.
Christine wendet sich wieder zum Herd und setzt eine kleine Kasserole auf. Gott sei der gnädig, die dich einmal zum Mann bekommt! So ein Kräkler!
Jean. Ach red' doch nicht! Du wärst sehr vergnügt, wenn du so'n feinen Kerl, wie mich, bekämst; und ich glaube nicht, daß du davon Schaden hast, daß man mich deinen Liebsten nennt! Er schmeckt den Wein. Ah! Sehr fein! Sehr fein! Nur etwas zu wenig temperiert! Er wärmt das Glas mit der Hand. Den haben wir in Dijon gekauft. Und er kam vier Francs der Liter ohne Glas; und dann noch der Zoll dazu! Was kochst du denn jetzt? Das stinkt ja infernalisch!
Christine. Ach, das ist so ein Teufelsdreck, den Fräulein Julie für die Diana haben will.
Jean. Du solltest dich ein wenig zierlicher ausdrücken, Christine! Aber warum mußt du am heiligen Abend dastehen und für das Beest kochen? Ist es krank, was?
Christine. Jawohl! Sie hat sich zu dem Hofhund hinausgeschlichen — und da haben sie Unsinn gemacht — und siehst du, davon will das Fräulein nichts wissen.
Jean. Ja, in einer Beziehung ist das Fräulein zu stolz und in anderer zu wenig stolz, ganz wie die Gräfin bei Lebzeiten. Sie fühlte sich am wohlsten in der Küche und im Stall, aber sie wollte niemals mit einem Pferd fahren; sie ging mit schmutzigen Manschetten, mußte aber die Grafenkrone auf den Knöpfen haben. Das Fräulein, um nun von ihr zu reden, nimmt sich und ihre Person nicht genug in acht. Ich möchte sagen, sie ist nicht fein. Jetzt eben, als sie in der Scheune tanzte, riß sie den Förster von Annas Seite fort und forderte ihn selbst auf. Wir würden uns nicht so benehmen; aber so geht es, wenn die Herrschaften sich gemein machen, dann — werden sie gemein! Aber stattlich ist sie! Prachtvoll! O! Diese Schultern! Dieser Busen! und — &c.!
Christine. Na, dabei ist auch viel Kunst! Ich weiß, was Klara gesagt hat, die ihr beim Anziehen hilft.
Jean. Pah, Klara! Ihr seid immer neidisch aufeinander! Ich bin mit ihr ausgewesen und habe sie reiten sehen — Und dann, wie sie tanzt!
Christine. Höre einmal, Jean! Willst du nicht mit mir tanzen, wenn ich fertig bin?
Jean. Ja, natürlich will ich das.
Christine. Versprichst du es mir?
Jean. Versprechen? Wenn ich sage, ich thue es, dann thue ich es auch! Indessen besten Dank für das Essen. Es war sehr gut. Er schlägt den Pfropfen in die Flasche hinein.
Das Fräulein in der Glasthür, spricht nach außen. Ich bin sogleich wieder da! Geht nur solange voran!
Jean verbirgt die Weinflasche in der Tischschublade und steht dann ehrerbietig auf.
Fräulein Julie tritt ein und geht zu Christine an den Herd. Na! Ist es fertig?
Christine giebt ihr durch Zeichen zu verstehen, daß Jean zugegen ist.
Jean galant. Haben die Damen Geheimnisse vor?
Julie schlägt ihm mit dem Taschentuch ins Gesicht. Ist Er neugierig?
Jean. Ach, wie schön das nach Veilchen duftete!
Julie kokett. Unverschämter! Versteht Er sich auch auf Parfüms? Tanzen kann Er — Nicht hersehen! Geh Er fort! Sie tritt hinter den Tisch.
Jean naseweis, aber artig. Ist es ein Zaubertrank, was die Damen da in der Johannisnacht brauen? Etwas, um dann in den Sternen des Glückes zu lesen, sodaß man seine Zukünftige zu sehen bekommt!
Julie scharf. Ja, wenn Er die zu sehen bekommt, dann muß Er gute Augen haben! Zu Christine. Gieße es in eine halbe Flasche hinein und korke es fest zu. Komm Er nun und tanze einen Schottisch mit mir, Jean — Sie läßt ihr Taschentuch auf dem Tisch liegen.
Jean zögernd. Ich will gegen niemand unartig sein, aber diesen Tanz hatte ich Christinen versprochen —
Julie. Na, sie kann ja einen andern bekommen. Sie tritt zu Christine. Oder wie, Christine? willst du mir den Jean nicht leihen?
Christine. Das hängt nicht von mir ab. Wenn das gnädige Fräulein so herablassend ist, so paßt es sich nicht, daß er nein sagt. Geh nur! und bedanke dich für die Ehre.
Jean. Aufrichtig gesprochen, aber ohne Sie verletzen zu wollen, ist es klug von Ihnen, Fräulein Julie, zweimal hintereinander mit demselben Herrn zu tanzen, besonders da die Leute hier sehr geneigt sind, allerhand Schlüsse zu ziehen —
Julie braust auf. Was soll das heißen? Was für Schlüsse? Was meint Er damit?
Jean ausweichend. Da das Fräulein mich nicht verstehen wollen, muß ich deutlicher reden. Es sieht nicht gut aus, wenn Sie einen Ihrer Untergebenen den andern, die dieselbe ungewöhnliche Ehre erwarten, vorziehen —
Julie. Vorziehen! Was bildet Er sich ein! Ich bin ganz erstaunt! Ich, die Herrin des Hauses, beehre den Tanz der Leute mit meiner Gegenwart, und wenn ich nun wirklich tanzen will, so will ich es mit einem, der führen kann, sodaß ich dem entgehe, ausgelacht zu werden.
Jean. Wie das Fräulein befehlen! Ich stehe zu Diensten!
Julie sanft. Sprechen Sie jetzt nicht von befehlen. Heute Abend sind wir ja als frohe Menschen auf dem Fest und legen allen Rang ab! So, geben Sie mir denn Ihren Arm! Sei ganz ruhig, Christine! Ich werde dir deinen Schatz nicht entführen!
Jean bietet ihr seinen Arm und führt sie durch die Glasthür hinaus.
Christine allein.[* ]
Schwache Violinenmusik in einiger Entfernung im Takt eines Schottisch.
Christine summt die Musik mit, räumt den Tisch ab, wo Jean gegessen hat, wäscht den Teller am Aufwaschtisch ab, trocknet ihn ab und setzt ihn in einen Schrank. Dann legt sie die Küchenschürze ab, nimmt einen kleinen Spiegel aus der Tischschublade, stellt ihn gegen die Krucke mit Flieder auf dem Tisch, zündet ein Talglicht an und macht eine Haarnadel heiß, mit der sie ihre Stirnhaare kräuselt. Darauf geht sie an die Glasthüre und lauscht, kommt wieder an den Tisch zurück, findet das Taschentuch des Fräuleins, das dieselbe vergessen, nimmt es und riecht daran; dann breitet sie es in Gedanken aus, reckt es, streicht es glatt und legt es viermal zusammen.
Jean kommt allein durch die Glasthür zurück. Ja, sie ist verrückt. So zu tanzen! Und die Leute stehen an den Thüren und grinsen über sie. Was sagst du dazu, Christine?
Christine. Ach, es ist ja jetzt ihre Zeit, und da ist sie immer so sonderbar. Aber willst du jetzt kommen und mit mir tanzen?
Jean. Du bist doch wohl nicht böse, daß ich dir echappierte?
Christine. Nein! Nicht im geringsten, das weißt du ja; und ich kenne auch meine Stellung —
Jean legt die Hand um ihre Taille. Du bist ein verständiges Mädchen, Christine, und würdest eine tüchtige Hausfrau werden —
Julie kommt durch die Glasthüre herein; sie ist unangenehm überrascht; mit erzwungener Munterkeit. Sie sind ja ein scharmanter Kavalier — der seiner Dame davonspringt.
Jean. Im Gegenteil, Fräulein Julie, wie Sie sehen, habe ich mich beeilt, die Verlassene aufzusuchen!
Julie in anderm Ton. Wissen Sie, daß Sie wie kein anderer tanzen! Aber warum gehen Sie am Festabend in Livree? Legen Sie sie gleich ab!
Jean. Dann muß ich das Fräulein bitten, sich einen Augenblick zu entfernen, denn mein schwarzer Rock hängt hier — Er geht mit entsprechender Gebärde nach rechts.
Julie. Geniert Er sich vor mir! Um einen Rock zu wechseln! Geh' Er denn in sein Zimmer und komme wieder zurück! Übrigens kann Er auch hierbleiben, ich drehe mich um!
Jean. Mit Ihrer Erlaubnis, mein Fräulein. Er geht nach links, man sieht seinen Arm, wenn er den Rock wechselt.
Julie zu Christine. Höre, Christine; ist Jean dein Schatz, da er so vertraut mit dir ist?
Christine nach dem Herd gehend. Schatz? Ja, wenn man so will! Wir nennen es so.
Julie. Nennen?
Christine. Na, das Fräulein haben ja selbst einen Schatz gehabt, und —
Julie. Ja, wir waren richtig verlobt —
Christine. Aber es wurde ja doch nichts daraus — Sie setzt sich und schläft nach und nach ein.
Jean in schwarzem Rock und mit schwarzem Hut.
Julie. Très gentil, monsieur Jean! Très gentil!
Jean. Vous voulez plaisanter, madame!
Julie. Et vouz voulez parlez français! Wo haben Sie das gelernt?
Jean. In der Schweiz, als ich in einem der ersten Hotels in Luzern Zimmerkellner war!
Julie. Aber Sie sehen in dem Rock ja wie ein Gentleman aus! Charmant! Sie setzt sich an den Tisch rechts.
Jean. Ach, Sie schmeicheln!
Julie verletzt. Schmeicheln? Ihm?
Jean. Meine angeborene Bescheidenheit erlaubt mir nicht zu glauben, daß Sie einem Menschen, wie mir, veritable Artigkeiten sagen, und darum erlaubte ich mir, anzunehmen, daß Sie übertrieben, oder wie man zu sagen pflegt, schmeichelten!
Julie. Wo haben Sie es gelernt, so Ihre Worte zu setzen? Sie müssen das Theater viel besucht haben?
Jean. Gewiß! Ich habe viele Orte besucht!
Julie. Aber Sie sind doch hier in der Gegend geboren?
Jean. Mein Vater war Instmann bei dem Staatsanwalt dieses Bezirks, und ich habe auch das Fräulein als Kind gesehen, obgleich das Fräulein mich nicht bemerkt haben!
Julie. Wirklich?
Jean. Ja, und auf einmal besinne ich mich namentlich — ja, aber davon kann ich nicht reden!
Julie. O ja — thun Sie es doch! Wie? Mir zum Gefallen!
Jean. Nein, ich kann jetzt wirklich nicht! Ein andermal vielleicht.
Julie. Ein andermal ist gar keinmal. Ist es denn jetzt so gefährlich?
Jean. Gefährlich ist es nicht, aber es ist doch am besten, es zu unterlassen! Sehen Sie nur, die da! Er zeigt auf Christine, die auf einem Stuhl am Herde eingeschlafen ist.
Julie. Das wird eine muntere Frau. Vielleicht schnarcht sie auch?
Jean. Das thut sie nicht; aber sie spricht im Schlaf.
Julie. Woher wissen Sie, daß sie im Schlaf spricht?
Jean. Ich habe es gehört!
Pause, in der sie einander betrachten.
Julie. Warum setzen Sie sich nicht?
Jean. Das darf ich mir in Ihrer Gegenwart nicht erlauben!
Julie. Und wenn ich es befehle?
Jean. Dann gehorche ich.
Julie. Setzen Sie sich! — Aber warten Sie! Können Sie mir nicht etwas zu trinken geben?
Jean. Ich weiß nicht, was sich hier im Eisschrank vorfindet. Ich glaube, es ist nur Bier.
Julie. Das ist nicht zu verachten! und ich meinesteils habe einen so einfachen Geschmack, daß ich es dem Wein vorziehe.
Jean nimmt eine Bierflasche aus dem Eisschrank, welche er aufzieht; er sucht im Schrank nach einem Glas und einem Teller, auf dem er serviert. Darf ich bitten!
Julie. Danke! Wollen Sie nicht auch trinken?
Jean. Ich bin gerade kein Bierfreund, aber wenn das Fräulein befehlen!
Julie. Befehlen? Mir scheint, als höflicher Kavalier könnten Sie Ihrer Dame Gesellschaft leisten.
Jean. Das ist sehr richtig bemerkt! Er zieht noch eine Flasche auf und nimmt ein Glas.
Julie. Trinken Sie nun auf mein Wohl!
Jean zögert.
Julie. Ich glaube, der alte Kerl ist schüchtern!
Jean auf den Knieen scherzhaft parodierend, erhebt sein Glas. Das Wohl meiner Herrin!
Julie. Bravo! — Nun müssen Sie auch meinen Schuh küssen, dann ist es vollständig.
Jean zögert, faßt dann aber dreist ihren Fuß und küßt ihn flüchtig.
Julie. Ausgezeichnet! Sie hätten Schauspieler werden sollen.
Jean erhebt sich. Das geht nicht so weiter, Fräulein! Es könnte jemand kommen und uns sehen.
Julie. Was thäte das?
Jean. Die Leute würden ganz einfach darüber sprechen. Und wenn das Fräulein wüßten, wie die Mäuler schon vorhin gingen, dann —
Julie. Was sagten sie denn? Erzählen Sie es mir! Aber setzen Sie sich!
Jean setzt sich. Ich möchte Sie nicht kränken, aber sie gebrauchten Ausdrücke — die Vermutungen der Art andeuteten, daß — ja, Sie werden das ja wohl selbst verstehen! Sie sind ja kein Kind mehr, und wenn man eine Dame allein mit einem Mann zusammen trinken sieht — sei es auch nur ein Bedienter — zumal noch in der Nacht — dann —
Julie. Was dann? Und übrigens sind wir nicht allein. Christine ist ja hier.
Jean. Ja, sie schläft.
Julie. Dann werde ich sie wecken. Sie steht auf. Christine! Schläfst du?
Christine im Schlaf. Bla—bla—bla—bla!
Julie. Christine! — Die kann schlafen!
Christine im Schlaf. Die Stiefeln des Grafen sind geputzt — Kaffee aufsetzen — sofort, sofort, sofort. — O, o! — Puh!
Julie faßt sie bei der Nase. Willst du aufwachen!
Jean streng. Stören Sie einen Schlafenden nicht!
Julie scharf. Wie?
Jean. Wer den ganzen Tag am Herd gestanden hat, kann müde sein, wenn die Nacht kommt. Und den Schlaf soll man respektieren.
Julie in anderm Ton. Das ist hübsch gedacht, und das ehrt Ihn — Danke! Sie reicht Jean die Hand. Kommen Sie nun hinaus und pflücken Sie mir etwas Flieder!
Christine erwacht während des Folgenden und geht schlaftrunken nach rechts ab, um sich zu Bett zu begeben.
Jean. Mit dem Fräulein?
Julie. Mit mir!
Jean. Das geht nicht! Absolut nicht!
Julie. Ich verstehe nicht, was Sie meinen. Sollte es möglich sein, daß Sie sich etwas einbilden?
Jean. Ich nicht, aber die Leute!
Julie. Was? Daß ich in einen Bedienten verliebt wäre?
Jean. Ich bin kein eingebildeter Mensch, aber man hat Beispiele gesehen — und den Leuten ist nichts heilig.
Julie. Er ist, glaube ich, Aristokrat!
Jean. Ja, das bin ich.
Julie. Und ich steige herab —
Jean. Steigen Sie nicht herab, Fräulein, hören Sie meinen Rat! Niemand glaubt, daß Sie gutwillig herabsteigen; die Leute werden immer sagen, Sie sind gefallen!
Julie. Ich habe eine bessere Meinung von den Leuten, als Sie! Kommen Sie und versuchen Sie! — Kommen Sie! Sie fordert ihn mit den Augen auf.
Jean. Wissen Sie, Sie sind sonderbar!
Julie. Vielleicht! Aber das sind Sie auch! Alles ist übrigens sonderbar! Das Leben, die Menschen, alles ist eine Eisscholle, die auf dem Wasser dahingetrieben wird, bis sie sinkt, sinkt. Ich habe einen Traum, der hie und da wiederkommt und an den ich jetzt denken muß. Ich sitze auf einer hohen Säule und sehe keine Möglichkeit herunterzukommen; mir schwindelt, wenn ich hinuntersehe, und doch muß ich hinunter, aber ich habe nicht den Mut mich hinabzustürzen; ich kann mich nicht festhalten und ich sehne mich darnach zu fallen; aber ich falle nicht. Und doch habe ich keine Ruhe, bevor ich unten bin, keinen Frieden, bevor ich auf der Erde angelangt bin. Und komme ich auf die Erde hinunter, so will ich hinunter in die Erde. Haben Sie jemals so etwas empfunden.
Jean. Nein! Ich pflege zu träumen, ich läge unter einem hohen Baum in einem düstern Walde. Ich will hinauf, hinauf zum Wipfel, und mich in der lichten Landschaft umsehen, wo die Sonne scheint, und das Vogelnest dort oben plündern, in dem die Goldeier liegen. Und ich klettere und klettere, aber der Stamm ist so dick und so glatt, und es ist so weit bis zum ersten Zweig. Aber ich weiß, wenn ich nur den ersten Zweig erreichte, könnte ich zum Wipfel, wie auf einer Leiter, emporsteigen. Noch habe ich ihn nicht erreicht, aber ich muß ihn erreichen, und wäre es auch nur im Traum!
Julie. Hier stehe ich und schwatze mit Ihnen! Kommen Sie nun! Nur hinaus in den Park. Sie bietet ihm den Arm und sie gehen.
Jean. Wir sollten heute Nacht auf neun Johannisnachtkräutern schlafen, dann gehen unsere Träume in Erfüllung, Fräulein!
Beide machen in der Thür kehrt.
Jean hält die Hand vor das eine Auge.
Julie. Lassen Sie mich sehen, was Ihnen ins Auge gekommen ist.
Jean. O nichts! Nur ein Stäubchen — das ist gleich wieder gut.
Julie. Es war der Ärmel meines Kleides, der Sie kratzte; setzen Sie sich nun, dann werde ich Ihnen helfen. Sie nimmt ihn am Arm und setzt ihn am Tisch nieder; faßt dann seinen Kopf und legt ihn hintenüber; mit einem Zipfel des Taschentuches sucht sie das Stäubchen herauszubekommen. Sitzen Sie jetzt still, ganz still. Sie schlägt ihm auf die Hand. So! will Er gehorchen! Ich glaube, der große, starke Mensch zittert! Sie befühlt seinen Oberarm. Mit solchen Armen!
Jean warnend. Fräulein Julie!
Julie. Ja, Monsieur Jean.
Jean. Attention! Je ne suis qu'un homme!
Julie. Will Er stillsitzen! — Sieh da! Nun ist es fort! Küss' Er meine Hand und dank' Er mir.
Jean steht auf. Fräulein Julie! Hören Sie mich an! Jetzt ist Christine fortgegangen und hat sich zu Bett gelegt! Wollen Sie mich anhören?
Julie. Erst die Hand küssen!
Jean. Hören Sie mich an.
Julie. Erst die Hand küssen!
Jean. Ja, aber Sie müssen die Verantwortung übernehmen.
Julie. Wofür?
Jean. Wofür? Sind Sie mit fünfundzwanzig Jahren noch ein Kind? Wissen Sie nicht, daß es gefährlich ist, mit dem Feuer zu spielen?
Julie. Nicht für mich; ich bin assekuriert!
Jean dreist. Nein, das sind Sie nicht! Und wenn Sie es sind, dann giebt es feuergefährliche Einrichtungen in der Nachbarschaft!
Julie. Sollten Sie das sein?
Jean. Ja, nicht weil ich es bin, sondern weil ich ein junger Mann bin —
Julie. — von vorteilhaftem Äußern — welche unglaubliche Eitelkeit! Ein Don Juan vielleicht! Oder ein Joseph! Ich glaube, meiner Treu, er ist ein Joseph!
Jean. Glauben Sie?
Julie. Ich fürchte beinahe.
Jean geht dreist auf sie zu und will sie umarmen, um sie zu küssen.
Julie giebt ihm eine Ohrfeige. Fort!
Jean. Ist das Ernst oder Scherz?
Julie. Ernst!
Jean. Dann war auch das vorher Ernst! Sie spielen allzu ernst und das ist gefährlich! Nun bin ich aber des Spiels müde und bitte um Entschuldigung, daß ich wieder an meine Arbeit gehe. Er geht nach hinten zu den Stiefeln. Der Graf muß beizeiten seine Stiefel haben, und Mitternacht ist längst vorüber. Er nimmt die Stiefeln auf.
Julie. Stell' Er die Stiefel fort!
Jean. Nein! Das ist mein Dienst, den ich schuldig bin zu thun. Ich habe es aber niemals übernommen, Ihr Spielkamerad zu sein, und kann es auch niemals werden, denn ich halte mich dafür zu gut.
Julie. Sie sind stolz!
Jean. In gewissen Fällen; in andern nicht.
Julie. Haben Sie jemals geliebt?
Jean. Wir gebrauchen nicht das Wort; aber ich habe viele Mädchen gern gehabt, und einmal bin ich davon krank geworden, daß ich die nicht bekommen konnte, die ich haben wollte; krank, sehen Sie, wie die Prinzen in »Tausend und eine Nacht«, die vor lauter Liebe nicht essen und nicht trinken können. Er stellt die Stiefel wieder hin.
Julie. Wer war es?
Jean schweigt.
Julie. Wer war es?
Jean. Sie können mich nicht zwingen, es zu sagen.
Julie. Wenn ich Sie, wie Ihresgleichen bitte, wie — ein Freund? Wer war es?
Jean. Sie!
Julie setzt sich. Wie komisch!
Jean. Ja, wenn Sie es denn hören wollen! Es war lächerlich! Sehen Sie, das ist die Geschichte, die ich vorhin nicht erzählen wollte; aber jetzt werde ich sie erzählen! Wissen Sie, wie die Welt von unten aussieht? Nein, das wissen Sie nicht! Gleich Habichten und Falken, deren Rücken man selten sehen kann, da sie meist droben schweben. Ich wuchs im Insthause mit sieben Schwestern und — einem Schwein zusammen, draußen auf den nackten, grauen Feldern heran, wo nicht ein Baum wuchs. Aber vom Fenster aus konnte ich die Mauer des gräflichen Parks mit den Äpfelbäumen darüber erblicken. Das war der Garten des Paradieses; und dort standen viele Engel mit flammendem Schwert und bewachten ihn. Aber nichtsdestoweniger fand ich und andere Jungen den Weg zum Baume des Lebens — nun, verachten Sie mich?
Julie. Ach! Äpfel stehlen, das thun alle Jungen!
Jean. Das sagen Sie jetzt so, aber Sie verachten mich doch! Na, gleichviel! Einmal kam ich mit meiner Mutter in den Garten hinein, um die Zwiebelbeete von Unkraut zu säubern! Dicht bei der Gartenmauer stand ein türkischer Pavillon im Schatten von Jasminen und umrankt von Kaprifolien. Ich wußte nicht, wozu es diente, aber ich hatte noch niemals ein so schönes Gebäude gesehen. Leute gingen dort aus und ein, und eines Tages stand die Thür offen. Ich schlich dorthin und sah die Wände mit Bildern von Königen und Kaisern bedeckt, und vor den Fenstern waren rote Gardinen mit Franzen daran — nun wissen Sie, was ich meine. Ich — er nimmt einen Fliederzweig und hält ihn dem Fräulein unter die Nase — ich war niemals im Schlosse gewesen, hatte niemals etwas anderes, als die Kirche gesehen — aber dies hier war viel schöner; und wo meine Gedanken auch hineilten, immer kehrten sie dorthin zurück. Und dann allmählich erhob sich in mir die Sehnsucht, einmal die ganze Herrlichkeit kennen zu lernen — enfin, ich schlich mich hinein, sah und bewunderte. Aber dann kam jemand! Für die Herrschaft gab es zwar nur einen Ausgang, aber ich fand noch einen andern, und ich hatte weiter keine Wahl!
Julie welche den Fliederzweig genommen hatte, läßt ihn auf den Tisch fallen.
Jean. So sprang ich denn und stürzte durch eine Himbeerhecke, rutschte über ein Gartenbeet hinweg und kam auf die Rosenterrasse. Dort erblickte ich ein helles Kleid und ein paar weiße Strümpfe — das waren Sie. Ich legte mich unter einen Haufen Unkraut, — darunter, können Sie sich das denken? — unter Disteln, die mich stachen, und nasse Erde, welche stank. Und ich schaute nach Ihnen, während Sie zwischen den Rosen dahinschritten, und ich dachte: wenn es wahr ist, daß ein Mörder ins Himmelreich kommen kann und bei den Engeln bleiben, so ist es sonderbar, daß ein Kätnersjunge hier auf Gottes Erde nicht soll in einen Schloßpark kommen und mit des Grafen Tochter spielen können.
Julie elegisch. Glauben Sie, daß alle armen Kinder in diesem Fall denselben Gedanken gehabt hätten.
Jean erst zögernd, dann in überzeugtem Ton. Ob alle armen — ja — natürlich! Ganz gewiß!
Julie. Es muß ein grenzenloses Unglück sein, arm zu sein.
Jean mit tiefem Schmerz, stark auftragend. Ach, Fräulein Julie! Ach! Ein Hund kann auf dem gräflichen Sofa liegen, ein Pferd kann von einer Damenhand auf die Schnauze geklopft werden, aber ein Junge — in verändertem Ton. Ja, ja, bei einem Einzelnen ist wohl genug Stoff vorhanden, um in der Welt emporzukommen, aber wie oft ist das der Fall! Indessen wissen Sie, was ich that? Ich sprang in Kleidern in den Mühlbach hinunter; wurde aber herausgezogen und bekam Prügel. Am nächsten Sonntag aber, als Vater und Alle im Hause zu Großmutter fuhren, wußte ich es so einzurichten, daß ich zu Hause blieb. Und dann wusch ich mich mit Seife und warmem Wasser, legte meine besten Kleider an und ging zur Kirche, wo ich Sie zu sehen bekommen konnte! Ich sah Sie und ging nach Hause, entschlossen zu sterben; aber ich wollte schön und angenehm sterben, ohne Schmerzen. Und da besann ich mich, daß es gefährlich wäre, unter einem Fliederbusch zu schlafen. Wir hatten einen solchen, welcher gerade in Blüte stand. Ich pflückte alle Blüten ab, die er besaß, und bettete mich dann im Haferkasten. Haben Sie bemerkt, wie glatt der Hafer ist? weich für die Hand, wie Menschenhaut. Dann schloß ich den Deckel, druselte ein, schlief schließlich ganz fest und erwachte wirklich sehr krank. Aber ich starb doch nicht, wie Sie sehen. Was ich wollte — ich weiß es nicht! Sie zu gewinnen, war ja keine Möglichkeit vorhanden — aber Sie waren für mich ein Beweis dafür, wie hoffnungslos es für mich sei, aus dem Kreise emporzukommen, in dem ich geboren.
Julie. Sie erzählen scharmant, wissen Sie! Sind Sie in die Schule gegangen?
Jean. Ein wenig; aber ich habe viel Romane gelesen und bin viel im Theater gewesen. Außerdem habe ich feine Leute reden hören, und von ihnen habe ich am meisten gelernt.
Julie. Horchen Sie denn auf das, was wir sagen?
Jean. Ja, gewiß! Und ich habe vieles gehört, wenn ich auf dem Kutscherbock gesessen oder das Boot gerudert habe. Einmal hörte ich Fräulein Julie und eine Freundin —
Julie. So? Was hörten Sie denn?
Jean. Ja, das kann ich nun nicht so sagen; aber ich war wahrlich ein wenig erstaunt und verstand nicht, woher Sie all' die Worte gelernt haben. Vielleicht ist im Grunde genommen kein so großer Unterschied zwischen Menschen und Menschen, wie man glaubt!
Julie. Ach, schämen Sie sich! Wir leben doch nicht, wie ihr, wenn wir einen Liebsten haben.
Jean fixiert sie. Ist das so sicher? Ja, meinetwegen brauchen sich das Fräulein nicht so unschuldig anzustellen —
Julie. Es war ein Schuft, dem ich meine Liebe schenkte.
Jean. Das sagen die Mädchen immer — hinterher.
Julie. Immer?
Jean. Ich glaube immer, da ich den Ausdruck schon mehrmals früher in solchen Fällen gehört habe.
Julie. Was für Fälle?
Jean. Wie der eben erwähnte. Das letzte Mal —
Julie. Still, ich will nichts mehr hören —
Jean. Das wollte sie auch nicht — es ist merkwürdig. Na, dann bitte ich zu Bett gehen zu dürfen.
Julie scharf. In der Johannisnacht schlafen gehen.
Jean. Ja! mit dem Pack da draußen zu tanzen, das amüsiert mich wirklich nicht.
Julie. Nehmen Sie den Schlüssel zum Boot und rudern Sie mich auf den See hinaus; ich will den Sonnenaufgang sehen.
Jean. Ist das vernünftig?
Julie. Es hat den Anschein, als wären Sie um Ihren Ruf besorgt!
Jean. Warum nicht? Ich möchte nicht gern lächerlich werden, ich möchte nicht gern ohne Empfehlung fortgejagt sein, wenn ich mich etablieren will. Und mir scheint, ich habe gewisse Verpflichtungen gegen Christine.
Julie. Ja so, nun ist es wieder Christine —
Jean. Ja, aber auch Ihretwegen. Hören Sie meinen Rat und gehen Sie hinauf und legen Sie sich zu Bett.
Julie. Soll ich Ihnen etwa gehorchen?
Jean. Dieses eine Mal, um Ihrer selbst willen! Ich bitte Sie! Es ist spät in der Nacht, der Schlaf macht trunken, und der Kopf wird heiß! Gehen Sie zur Ruhe! Übrigens — wenn ich recht höre — kommen die Leute hierher, um mich zu suchen! Und findet man uns hier, so sind Sie verloren!
Chor der von fern hörbar ist und sich nähert.
Sie gefällt mir aus der Maßen,