STRINDBERGS WERKE
DEUTSCHE GESAMTAUSGABE
HEIRATEN
AUGUST STRINDBERG
HEIRATEN
ZWANZIG EHEGESCHICHTEN
VERDEUTSCHT VON
EMIL SCHERING
1920
GEORG MÜLLER VERLAG MÜNCHEN
Deutsche Originalausgabe gleichzeitig mit der schwedischen Ausgabe unter Mitwirkung von Emil Schering als Übersetzer vom Dichter selbst veranstaltet. Geschützt durch die Gesetze und Verträge. Alle Rechte vorbehalten. Den Bühnen gegenüber Manuskript. Copyright 1909 by Georg Müller Verlag, München. Gedruckt im Münchner Buchgewerbehaus M. Müller & Sohn, München.
32. bis 36. Tausend.
Asra
Als die Mutter starb, war er dreizehn Jahre alt. Es war ihm, als habe er einen Freund verloren, denn während des Jahres, in dem die Mutter krank zu Bett lag, hatte er ihre persönliche Bekanntschaft gemacht, was Eltern und Kinder so selten tun. Er war nämlich früh entwickelt und hatte einen guten Kopf; er las viel mehr als die Schulbücher, denn sein Vater, der Professor der Botanik an der Akademie der Wissenschaften war, besass eine gute Bibliothek. Doch die Mutter hatte keine Erziehung genossen, sondern war in ihrer Ehe die erste Haushälterin des Mannes gewesen und die Pflegerin der vielen Kinder. Als sie jetzt mit neununddreissig Jahren bettlägerig wurde, nachdem sie ihre Kräfte durch die vielen Geburten und die vielen Nachtwachen (sie hatte seit sechzehn Jahren keine Nacht mehr durchgeschlafen) erschöpft hatte, und sich mit dem Haushalt nicht mehr befassen konnte, machte sie die Bekanntschaft ihres zweiten Sohnes; der älteste war Kadett und nur Sonntags zu Hause.
Da sie aufgehört hatte, Hausmutter zu sein und nur noch Patientin war, verschwand dieses altmodische Verhältnis der Disziplin, das sich immer zwischen Eltern und Kinder stellt. Der dreizehnjährige Sohn sass fast immer an ihrem Bett, wenn er nicht in der Schule war und nicht an Schulaufgaben arbeitete, und las ihr dann vor. Viel hatte sie zu fragen und viel hatte er zu erklären; dadurch fielen zwischen ihnen diese Gradzeichen, die Alter und Stellung errichten; sollte einer durchaus der Überlegene sein, so war es der Sohn. Aber die Mutter hatte aus ihrem vergangenen Leben viel zu lehren, und so waren sie abwechselnd Lehrer und Schüler. Sie konnten schliesslich über alles sprechen. Und der Sohn, der sich im Anfang der Mannbarkeit befand, erhielt über das Mysterium der Fortpflanzung manche Aufklärung, und zwar mit der Feinfühligkeit der Mutter und der Schamhaftigkeit des andern Geschlechts. Er war noch unschuldig, hatte aber in der Schule viel gehört und gesehen, das ihn anwiderte und empörte. Die Mutter erklärte ihm alles, was erklärt werden konnte; warnte ihn vor dem gefährlichsten Feind der Jugend und nahm ihm ein heiliges Versprechen ab, dass er sich niemals werde verleiten lassen, schlechte Frauen zu besuchen, nicht ein Mal aus Neugier, denn niemand könne sich in solchen Fällen auf sich verlassen. Und sie verwies ihn auf eine mässige Lebensweise und auf den Verkehr mit Gott im Gebet, wenn die Versuchung an ihn herantrete.
Der Vater ging ganz auf im selbstsüchtigen Genuss seiner Wissenschaft, die für seine Frau ein verschlossenes Buch war. Er hatte, gerade als die Mutter im Sterben lag, eine Entdeckung gemacht, die seinen Namen in der gelehrten Welt unsterblich machen sollte. Er hatte nämlich auf einem Abladeplatz vor den Toren Stockholms eine neue Art Gänsefuss gefunden, die geneigte Haare auf dem sonst geradhaarigen Blütenkelch hatte. Er pflog gerade Verhandlungen mit der Berliner Akademie der Wissenschaften, um die Spielart in die „Flora Germanica“ aufnehmen zu lassen; jeden Tag erwartete er den Bescheid, ob die Akademie ihn unsterblich machte, indem sie der Pflanze den Namen Chenopodium Wennerstroemianum gab. Am Sterbebette seiner Frau war er geistesabwesend, beinahe unfreundlich, denn er hatte gerade die bejahende Antwort der Akademie erhalten, und es grämte ihn, dass er sich, und noch weniger seine Frau, nicht mit der grossen Neuigkeit erfreuen konnte. Denn sie dachte nur an den Himmel und an ihre Kinder. Ihr jetzt mit einem krummhaarigen Blütenkelch zu kommen, erschien ihm selber lächerlich; aber, verteidigte er sich, es handelte sich nicht um einen krummhaarigen oder geradhaarigen Blütenkelch, sondern um eine wissenschaftliche Entdeckung; und, was mehr war, um seine Zukunft, um die Zukunft seiner Kinder, da ja die Ehre des Vater für sie Brot war.
Als seine Frau am Abend starb, weinte er sehr; seit vielen, vielen Jahren hatte er nicht geweint. Er fühlte die ganze furchtbare Gewissensqual über begangenes, wenn auch noch so kleines Unrecht, denn er war ein exemplarischer Ehemann; er empfand Reue und Scham über seine Unfreundlichkeit, seine Geistesabwesenheit des gestrigen Tages; und in einem Augenblick der Leere gingen ihm die Augen auf, wie kleinlich selbstsüchtig seine Wissenschaft sei, die, wie er sich eingebildet, für die Menschheit arbeite. Aber diese Regungen dauerten nicht lange: wenn man eine Tür öffnet, die eine Feder hat, so schlägt sie gleich wieder zu. Am nächsten Morgen, nachdem er die Todesanzeige aufgesetzt, schrieb er eine Dankadresse an die Berliner Akademie der Wissenschaften. Darauf ging er wieder an seine Arbeit.
Als er zum Mittagessen nach Haus kam, wollte er zu seiner Frau hinein gehen, um ihr seine Freude zu erzählen, denn sie war ihm stets die treueste Freundin im Leid gewesen, der einzige Mensch, der auf seine Erfolge nicht neidisch war. Jetzt fühlte er, wie sehr er diese Freundin vermisste, hatte er doch immer auf Zustimmung bei ihr rechnen können; hatte sie ihm doch nie widersprochen, denn sie wusste nicht, was sie dagegen sagen solle, da er ihr nur die praktischen Ergebnisse seiner Forschungen mitteilte. Einen Augenblick dachte er daran, mit dem Sohn Bekanntschaft zu schliessen, aber sie kannten einander zu wenig, und der Vater befand sich seinem Sohn gegenüber in der Stellung, die ein Offizier seinem Soldaten gegenüber einnimmt. Sein Rang verbot ihm eine Annäherung, und der Sohn war ihm übrigens auch etwas verdächtig, weil er einen schärferen Kopf als der Vater besass, weil er eine ganze Menge neuer Bücher gelesen hatte, die der Vater nicht kannte; ja, es konnte zuweilen der Fall eintreten, dass der Vater, der Professor, seinem Sohn, dem Gymnasiasten, gegenüber wie ein Unwissender dastand. Bei solchen Gelegenheiten musste der Vater entweder seine Verachtung über die neuen Dummheiten äussern, oder auch ein Machtwort sprechen, indem er den Schüler auf seine Schulaufgaben verwies. Da konnte es geschehen, dass der Sohn damit antwortete, dass er ein Lehrbuch vorzeigte; dann geriet der Professor ausser sich und wünschte die neuen Lehrbücher zur Hölle.
So kam es, dass sich der Vater in seine Herbarien vertiefte, und der Sohn seine eigenen Wege ging.
Sie wohnten in der Nordzollstrasse links von der Sternwarte. Ein kleines einstöckiges Backsteinhaus, umgeben von einem ausgedehnten Garten; der hatte früher ein Mal der Gärtnergesellschaft gehört und war durch Erbschaft dem Professor zugefallen. Da er aber die beschreibende Botanik studierte, ohne sich um die weit interessantere Pflanzenphysiologie und Pflanzenmorphologie zu kümmern, die in seiner Jugend noch in den Windeln lagen, war ihm die lebendige Natur beinahe fremd. Er liess daher den Garten mit seinen vielen Herrlichkeiten zuwachsen und verfallen; verpachtete ihn schliesslich an einen Gärtner unter der Bedingung, dass er und seine Kinder gewisse Freiheiten behielten. Der Sohn benutzte den Garten als Park, freute sich an dessen Natur, so wie sie war, ohne sich die Mühe zu machen, sie wissenschaftlich aufzufassen.
Sein Charakter war wie ein schlecht gearbeitetes Kompensationspendel: zu viel von dem weichen Metall der Mutter, zu wenig von dem harten des Vaters. Daher Reibungen und ungleichmässiger Gang. Bald äusserst gefühlvoll, bald hart und skeptisch. Der Mutter Tod packte ihn sehr. Er betrauerte sie so, dass er sie in seiner Erinnerung als Inbegriff alles Guten, Schönen und Grossen vergötterte.
Den Sommer, der auf den Tod folgte, brachte er mit Grübeleien und Romanlesen zu. Aber die Trauer, und nicht zuletzt die Beschäftigungslosigkeit, hatten sein ganzes Nervenleben erschüttert und seine Phantasie in Tätigkeit gesetzt. Die Tränen waren ein warmer Aprilregen gewesen, der die Obstbäume so früh weckt, dass sie sich zum Blühen verlocken lassen, um dann zu erfrieren: ehe die Befruchtung vollendet ist, kommt der Maifrost.
Er war fünfzehn Jahre alt, also an dem Zeitpunkt angelangt, an dem der Kulturmensch mannbar wird und reif ist, einem neuen Geschlecht Leben zu geben, davon aber abgehalten wird, weil ihm die Nahrung für die Jungen fehlt. Er war also im Begriff, in das mindestens zehnjährige Martyrium einzutreten, das der junge Mann im Kampf gegen die übermächtige Natur durchzumachen hat, ehe er daran denken kann, das Gesetz der Natur zu erfüllen.
Es ist um die Pfingstzeit an einem warmen Nachmittag. Die Apfelbäume prangen in ihren weissen Blüten, welche die Natur mit verschwenderischer Freigebigkeit über sie ausgestreut hat. Der Wind schüttelt die Kronen und der Blütenstaub wirbelt in der Luft umher; ein Teil kommt zu seiner Bestimmung und erweckt Leben, ein Teil fällt auf die Erde und vergeht. Was kümmert sich die unendlich reiche Natur um eine Handvoll Blütenstaub mehr oder weniger! Und wenn die Blüte befruchtet ist, lässt sie ihre zarten Blätter fallen, die bald auf dem Gange verwelken und beim nächsten Regen verfaulen, sich auflösen, Erde werden, um einmal wieder durch den Saft aufzusteigen und wieder Blüte zu werden und dieses Mal vielleicht Frucht. Jetzt aber beginnt der Kampf: die so glücklich gewesen sind, an die Sonnenseite zu kommen, die gedeihen; der Fruchtknoten schwillt, und wenn kein Frost eintritt, wird er bald fruchtbar. Die aber nach Norden geraten sind, die armen Dinger, die im Schatten der andern sitzen und nie die Sonne sehen, die welken und fallen ab; der Gärtner harkt sie zusammen und fährt sie in der Schiebkarre nach dem Schweinestall.
Jetzt steht der Apfelbaum da, die Zweige mit halbreifen Früchten beladen, kleinen runden goldgelben Äpfeln mit rosenroten Backen. Ein neuer Kampf bricht aus: bleiben alle leben, so brechen die Zweige von der Schwere und der Baum stirbt. Darum kommt der Sturm. Da muss man starke Stiele haben, um sich fest halten zu können; wehe den Schwachen, denn sie sind zum Untergang verdammt.
Dann kommt der Apfelblütenstecher! Der hat auch Leben erhalten und hat eine Pflicht gegen sein künftiges Geschlecht! Und die Larven durchfressen den Apfel bis zum Stiel, und dann fällt er auf den Weg hinunter. Aber die Larve hat Geschmack und wählt die stärksten und gesundesten, denn sonst würde es zu viele Starke im Leben geben, und dann würde der Kampf gar zu lebhaft werden.
Aber in der Abendstunde, wenn die Dunkelheit kommt, beginnen die dunkeln Begierden der Tiere zu erwachen. Die Nachtschwalbe legt sich auf das frisch gegrabene warme Gartenbeet und lockt ihren Gatten. Welchen? Das mögen die Männchen entscheiden!
Die Hauskatze schleicht satt und warm aus ihrer Ecke am Herd, nachdem sie ihre frischgeseihte Abendmilch getrunken, und tritt vorsichtig zwischen Narzissen und gelbe Lilien, bange, vom Tau feucht und zottig zu werden, ehe der Liebhaber kommt. Sie riecht an dem eben aufgesprungenen Lavendel, und dann lockt sie. Vom Zaun des Nachbarn kommt der schwarze Kater, breit im Rücken wie ein Marder, und antwortet auf den Lockruf; da aber kommt der dreifarbige Kater des Gärtners vom Kuhstall, und nun entbrennt der Kampf. Die schwarze, weiche Humuserde wird aufgewirbelt, und eben gesähte Radieschen und Spinatpflanzen werden aus ihrem stillen Schlaf und ihren Zukunftträumen gerissen. Der Stärkste siegt, und das Weibchen wartet neutral ab, bis sie die phrenetischen Umarmungen des Siegers empfängt. Der Besiegte flieht, um einen neuen Kampf zu suchen, in dem er der Stärkere bleibt.
Und die Natur lächelt, zufrieden, denn sie kennt keine andre Treulosigkeit als die gegen ihr Gebot, und sie gibt dem Stärkeren sein Recht, denn sie will starke Kinder haben, wenn sie auch das „unendliche“ Ich des kleinen Individuums dabei tötet. Und keine Prüderie, keine Bedenken, keine Furcht vor den Folgen, denn die Natur gibt allen zu essen – nur dem Menschen nicht.
Er ging in den Garten, als das Abendessen zu Ende war, während sich der Vater ans Fenster der Schlafstube setzte, um eine Pfeife zu rauchen und die Abendzeitungen zu lesen. Er ging durch die Wege und fühlte alle diese Düfte, welche die Pflanze nur verbreitet, wenn sie in Blüte steht; das feinste und stärkste Destillat ätherischer Öle, die in sich die ganze Kraft des Individuums verdichten sollen, um sich zum Vertreter der Art zu erheben. Er hörte, wie die Mücken über den Linden ihr Hochzeitslied sangen, das unserm Ohr wie eine Trauerklage lautet; er hörte die spinnenden Locktöne der Nachtschwalbe; das brünstige Schreien der Katzen, das klingt als zeuge der Tod und nicht das Leben; das Summen des Mistkäfers, das Flattern des Nachtschmetterlings, das Pipsen der Fledermäuse.
Er blieb vor einem Narzissenbeet stehen, brach eine Blüte ab und roch daran, bis ihm die Schläfen klopften. Noch nie hatte er sich diese Blüte genauer angesehen. Aber im letzten Schuljahr hatte er in Ovid gelesen, wie der schöne Jüngling in eine Narzisse verwandelt wurde. Einen weiteren Sinn hatte er in dieser Mythe nicht gefunden. Ein Jüngling, der aus unbeantworteter Liebe diese Brunst gegen sich selbst wenden muss und schliesslich von der Flamme verzehrt wird, als er sich in sein eigenes Bild verliebt, das er in der Quelle sieht! Wie er jetzt diese weissen Kelchblätter betrachtet, diese Becherblätter, wachsgelb wie die Wangen eines Kranken, mit diesen feinen roten Streifen, wie man sie bei einem Lungenkranken sieht, bei dem das Blut unter dem Druck eines wiederholten Hustens in die äussersten feinsten Gefässe der Haut getrieben wird, denkt er an einen Schulkameraden, einen jungen Edelmann, der im Sommer Seekadett war: der hatte dieses Aussehen.
Als er lange an der Blume gerochen hatte, verschwand der starke Nelkengeruch und hinterliess einen ekligen, seifenartigen Gestank, der ihm Übelkeit verursachte.
Er wanderte weiter, bis der Weg nach rechts unter eine gewölbte Allee einbog, die aus Ulmen ausgehauen war. In dem Halbdunkel sah er ganz hinten in der Perspektive die grosse grüne Strickschaukel sich auf und ab bewegen. Auf dem hinteren Brett stand ein Mädchen und setzte die Schaukel in Gang, indem sie die Knie beugte und den Körper nach vorne warf, während sie sich mit hochgehobenen Armen an den Seitenstangen hielt. Das war die Tochter des Gärtners, die Ostern konfirmiert worden war und eben lange Kleider bekommen hatte. Heute abend aber hatte ihre Mutter sie ein halblanges anziehen lassen, das sie zu Hause auftragen sollte.
Als sie den jungen Herrn erblickte, wurde sie zuerst verlegen, dass ihre Strümpfe zu sehen waren, aber sie blieb doch stehen. Herr Theodor trat vor und sah sie an.
– Stellen Sie sich nicht dorthin, Herr Theodor, sagte das Mädchen, indem es die Schaukel in vollen Schwung brachte.
– Warum denn nicht, antwortete der Jüngling, der den Zug von ihren flatternden Röcken um seine heissen Schläfen wehen fühlte.
– Pfui nein, sagte das Mädchen.
– Lass mich einsteigen, so werde ich dich schaukeln, Auguste, sagte Herr Theodor und warf sich schnell in die Schaukel.
So stand er in der Schaukel ihr gegenüber. Und wenn die Schaukel in die Höhe ging, schlug ihr Kleid um seine Beine; und wenn die Schaukel in die Tiefe ging, stand er über sie gebeugt und sah ihr gerade in die Augen, die von Bangigkeit und Behagen leuchteten. Ihre dünne baumwollene Jacke schloss sich dicht um die jungen Brüste, die sich unter dem gestreiften Kattun scharf abzeichneten; ihr Mund stand halb offen und die weissen gesunden Zähne lächelten ihm zu, als wollten sie ihn beissen oder ihn küssen.
Immer höher ging die Schaukel, bis sie gegen die höchsten Zweige des Ahorns schlug. Da stiess das Mädchen einen Schrei aus und fiel in seine Arme; er musste sich auf die Bank setzen. Als er den weichen warmen Körper zucken und sich zugleich gegen seinen drücken fühlte, ging es wie ein elektrischer Schlag durch sein ganzes Nervensystem; ihm wurde schwarz vor den Augen, und er hätte sie losgelassen, wenn er nicht ihre linke Brust an seinem rechten Oberarm gefühlt hätte.
Die Schaukel ging langsamer. Sie sprang auf und setzte sich auf die andere Bank, ihm gegenüber. Und sie sassen da und sahen auf die Erde nieder und wagten einander nicht ins Gesicht zu sehen.
Als die Schaukel anhielt, stieg das Mädchen aus und stellte sich, als antworte sie jemand, der sie gerufen. Herr Theodor blieb allein. Das Blut lief durch seine Adern. Er fühlte seine Lebenskraft verdoppelt. Aber er wusste nicht klar, was geschehen war. Er stellte sich dunkel vor, er sei ein Elektrophor, dessen positive Elektrizität sich bei einer Entladung mit der negativen vereinigt habe. Und zwar während einer geringen, äusserlich keuschen Berührung mit einem jungen Weib. Ähnliches hatte er nicht empfunden, wenn er zum Beispiel beim Ringen auf dem Turnplatz Kameraden fest umschlungen gehalten. Er hatte also die entgegengesetzte Polarität des Weiblichen gespürt, und er fühlte nun, was es heisst, Mann zu sein. Und er war Mann. Nicht ein Frühreifer, der durch Vergewaltigung der Natur vor der Zeit ausschlug, denn er war ein starker, abgehärteter, gesunder Jüngling.
Als er jetzt durch die Wege wanderte, stiegen neue Gedanken in ihm auf. Das Leben schien ihm ernster zu werden, das Gefühl der Pflicht trat an ihn heran. Aber er war erst fünfzehn Jahre alt. Er war noch nicht konfirmiert, konnte erst nach vielen Jahren in die Gesellschaft eintreten, also nicht daran denken, sich selber zu ernähren, geschweige denn Weib und Kind. Sein ernster Sinn liess ihn nämlich nicht an ein lockeres Leben denken, sondern das Weib war ihm etwas fürs Leben, sein anderer Pol, seine Ergänzung. Jetzt war er geistig und körperlich reif, um in die Welt hinauszutreten und sich Brot zu schaffen. Was hinderte ihn daran? Seine Erziehung, die ihn nichts Nützliches gelehrt; seine soziale Stellung, die ihm verbot, ein Handwerk zu betreiben. Die Kirche, die seinen Eid nicht darauf bekommen, der Priesterschaft treu zu sein; der Staat, der seinen Eid nicht darauf erhalten, Bernadotte und Nassau treu zu sein; die Schule, die ihn noch nicht soweit dressiert hatte, dass er für die Universität reif war; der geheime Ordensbund, den die Oberklasse gegen die Unterklasse geschlossen. Ein ganzer Berg von Albernheiten lag auf ihm und seiner Jugend. Jetzt da er fühlte, dass er ein Mann war, schien ihm die ganze Erziehung eine Anstalt zu sein, in der er erst kastriert werden sollte, ehe man ihn in den Harem zu lassen wagte, wo eine Mannbarkeit gefährlich sein konnte; einen anderen Sinn konnte er in all dem nicht entdecken. So versank er wieder in seinen jetzigen Zustand der Unmündigkeit. Er glaubte eine Pflanze Bleichsellerie zu sein, die man zusammenbindet und unter einen Blumentopf legt, damit sie so weiss und mürbe wie möglich wird, damit sie im Sonnenlicht keine grünen Blätter treibt, nicht in Blüten ausschlägt, noch, am wenigsten von allem, Samen ansetzt.
Während er diesen Gedanken nachhing, wanderte er auf den Gartenwegen hin und her, bis die Uhr der nächsten Kirche zehn schlug. Da wollte er ins Haus gehen, um sich schlafen zu legen. Aber die Haustür war schon geschlossen. Er musste ans Fenster der Mädchenstube klopfen. Das Hausmädchen kam im Unterrock, um zu öffnen, und er konnte über dem Hemd, das herabgeglitten war, ihre blossen Schultern sehen. Alle Schwärmerei verschwand in einem Nu, er wollte sie festhalten, ihre Brüste drücken, sich paaren mit einem Wort, denn jetzt war das Weib nur Weibchen für ihn. Aber das Mädchen war schon wieder hineingehuscht und schlug die Tür hinter sich zu. Da schämte er sich und ging in seine Kammer hinauf.
Als er glücklich oben war, öffnete er die Fenster, tauchte den Kopf ins Waschbecken und steckte seine Lampe an.
Als er im Bett lag, griff er zu Arndts „Geistlichen Morgenstimmen“, die er von seiner Mutter geerbt hatte und von denen er abends immer ein Stück las, mehr der Sicherheit wegen, denn morgens war die Zeit knapp. Das Buch erinnerte ihn an das Versprechen der Keuschheit, das er der Mutter gegeben, und er hatte ein böses Gewissen. Eine Fliege, die ans Lampenglas kam und mit verbrannten Flügeln um den Nachttisch summte, brachte seine Gedanken auf etwas anderes, Unbestimmtes; er legte Arndt fort und steckte sich eine Zigarre an. Er hörte, wie sich unter ihm im Erdgeschoss der Vater die Stiefel auszog; wie er am Kranz des Kachelofens die Pfeife ausklopfte; ein Glas Wasser aus der Karaffe eingoss und sich bereit machte, ins Bett zu gehen. Er dachte, wie einsam dieser Mann jetzt sein müsse, da seine Frau fort sei. Früher hatte er durch die Zwischendecke hören können, wie sie mit halber Stimme vertraulich plauderten, von Dingen, über die sie immer einig waren; jetzt aber war keine Stimme mehr zu hören, nur die toten Laute, wie ein Mensch seine Person bedient und besorgt; Laute, die wie die Figuren in einem Rebus zusammengestellt werden müssen, um etwas Lebendiges aus ihnen zu machen.
Schliesslich legte er die Zigarre fort, löschte die Lampe und betete leise das Vaterunser, kam aber nicht weiter als bis zur fünften Bitte: da schlief er ein.
Mitten in der Nacht erwachte er aus einem Traum. Er hatte das Mädchen des Gärtners in seinen Armen gehabt. Wo und wann, daran erinnerte er sich nicht, denn er war ganz betäubt, und er schlief sofort wieder ein.
Am nächsten Morgen war er schwermütig und hatte Kopfschmerzen. Dachte wieder an die Zukunft, die schwer auf ihm lag und sein ganzes Dasein bedrückte. Mit Bangen sah er, wie der Sommer verging, denn das Ende der Ferien brachte ihn wieder in den Erniedrigungszustand, den die Schule ihm bot: jeder seiner Gedanken sollte da von fremden Gedanken getötet werden; die Selbständigkeit half nichts, da nur eine bestimmte Anzahl Jahre ihn ans Ziel führen konnten. Es war wie eine Reise auf einem Güterzug; die Lokomotive musste so und so lange auf der Station stehen, und wenn der Dampfdruck aus Mangel an Kraftverbrauch zu stark wurde, musste man das Sicherheitsventil öffnen. Das Betriebsamt hatte den Fahrplan aufgestellt, und man durfte nicht zu früh nach den Stationen kommen. Das war die Hauptsache!
Der Vater sah, dass der Sohn blass und mager wurde, glaubte aber, er trauere um die Mutter.
Der Herbst kam. Zuerst mit der Schule. Theodor hatte während des Sommers, als er durch die Romane mit erwachsenen Menschen verkehrte und ihr Leben und ihre Kämpfe kennen lernte, sich daran gewöhnt, sich als Erwachsenen zu betrachten. Jetzt kamen die Lehrer und duzten ihn. Kameraden, Jungen, welche die körperliche Freiheit noch nicht achteten, erlaubten sich Handgreiflichkeiten, die ihn zu ähnlichen nötigten. Und diese Bildungsanstalt, die ihn für die Gesellschaft veredeln sollte, was lehrte sie und wie veredelte sie? Die Lehrbücher waren ja samt und sonders unter der Kontrolle der Oberklasse geschrieben und liefen alle darauf hinaus, die Unterklasse dazu zu bringen, die Oberklasse zu verehren. Die Lehrer sprachen oft mit Erregung zu den Schülern, wie undankbar sie seien; sie wüssten nicht, welche Vorteile ihre Eltern ihnen gewährten, indem sie ihnen diese Bildung schenkten, die so viele Arme entbehren müssten. Nein, wahrhaftig, die Jungen waren noch nicht verdorben genug, um diese grenzenlose Betrügerei und deren Vorteile zu durchschauen.
Gab der Unterricht den Schülern irgend ein Mal eine reine Freude durch den Lehrstoff selber? Nein! Darum mussten die Lehrer unaufhörlich an die niedrigen Leidenschaften der Schüler appellieren: an die Ambition (das war ein besserer Name für den kleinlichen Ehrgeiz, höher geschätzt zu werden als die andern), an das Interesse, an die Vorteile.
Welch elende Maskerade diese Schule! Nicht ein einziger von den Jünglingen glaubte an den Segen, der darin lag, verhasste Könige aufzuzählen, unbrauchbare Sprachen zu lernen, Axiome zu beweisen, Selbstverständlichkeit zu definieren, die Staubbeutel der Pflanzen und die Gelenke an den Hinterbeinen der Insekten zu zählen, um schliesslich nicht mehr zu wissen, als dass sie so und so auf lateinisch heissen. Wieviel lange Stunden wurden nicht darauf verwandt, um vergeblich einen Winkel in drei gleiche Teile zu teilen, während es „unwissenschaftlich“ (das heisst praktisch) in einer Minute mit einem Gradmesser gemacht wird.
Wie verachtet wurde alles, was nützlich war! Die Schwestern, die Ollendorffs französische Grammatik lernten, konnten nach zwei Jahren französisch sprechen; die Gymnasiasten konnten nach sechs Jahren noch nicht ein Wort sagen. Und mit welchem Mitleid sprachen sie den Namen Ollendorff aus! Das war der Inbegriff alles Dummen, das man verbrochen hatte, seit die Welt erschaffen worden.
Wenn aber die Schwestern eine Erklärung verlangten und fragten, ob die Sprache nicht dazu da sei, die Gedanken des Menschen auszudrücken, so antwortete der junge Sophist mit einer Phrase, die er von einem Lehrer borgte, der sie wieder als Talleyrands Worte zitiert gesehen: Nein, die Sprache ist dazu da, die Gedanken des Menschen zu verbergen. Das konnte ein junges Mädchen natürlich nicht begreifen, denn die Männer verstehen ihre Infamien zu verbergen, sondern glaubte, der Bruder sei furchtbar gelehrt, und disputierte nicht weiter.
Und dann die verfälschende Ästhetik, die ihren Schleier aus geborgtem Glanz und falscher Schönheit über alles warf. Man lernte von der „Ritterwache des Lichtes“ singen! Welche Ritterwache? Mit Adelsbriefen, Studentenzeugnissen; falschen Attesten, wie sie selber einsehen konnten. Des Lichtes? Das heisst der Oberklasse, die ihr grösstes Interesse daran hatte, die Unterklasse durch Schule und Religion in der Dunkelheit zu halten. „Und vorwärts, vorwärts auf der Bahn des Lichts!“
Immer wurde das Ding bei verkehrtem Namen genannt! Kam dann einer aus der Unterklasse mit Licht, so war alles vorbereitet, um es zu Dunkelheit machen zu können. Du junge, „gesunde“ Kämpferschar! Wie gesund sie waren, alle diese Jünglinge, die von Beschäftigungslosigkeit, unbefriedigten Trieben, Ehrgeiz entnervt waren, die jeden verachteten, der nicht die Mittel hatte, Student zu werden! O die Poeten der Oberklasse, wie haben sie so schön gelogen! Waren sie Betrüger oder Betrogene?
Wovon sprachen alle diese Jünglinge gewöhnlich? Von ihren Studien? Niemals! Höchstens von einem Zeugnis! Sie sprachen von Liederlichkeit. Vom Morgen bis zum Abend! Von Verabredungen mit Mädchen; von Billardspiel und Punsch; von Geschlechtskrankheiten, über die sie ältere Brüder hatten sprechen hören. Sie gingen mittags los und „nahmen die Parade ab“, und wer am weitesten gekommen war, konnte den Namen des Leutnants nennen und erzählen, wo dessen Mädchen wohnte.
Einmal waren zwei von der „Ritterwache des Lichtes“ ganz naiv mit zwei prostituierten Mädchen an einem Sommertag in das vornehme Restaurant „Haselhöhe“ im Tiergarten gegangen, um dort in der offenen Veranda zu Mittag zu essen. Wegen dieser Naivität wurden sie von der Anstalt gejagt. Wegen ihrer Naivität, nicht wegen ihrer Lasterhaftigkeit, denn ein Jahr später bestanden sie ihr Examen für die Universität, gewannen also ein ganzes Jahr; und als sie ihre Studien in Uppsala beendet hatten, wurden sie in eine Hauptstadt von Europa geschickt, um dort in der Gesandtschaft die vereinigten Königreiche Schweden und Norwegen zu vertreten.
In einer solchen Umgebung verbrachte Herr Theodor seine beste Jugend. Er hatte den Betrug durchschaut, konnte aber nicht mit ihm brechen! Wie soll ich das machen? fragte er sich oft, erhielt aber keine Antwort. Er wurde natürlich mitschuldig und lernte schweigen.
Die Konfirmation wurde für ihn ein Spektakel, wie die Schule es gewesen. Ein junger Hilfsprediger, der Pietist war, sollte ihn in vier Monaten Luthers Kathechismus lehren, ihn, der Theologie, Exegetik, Dogmatik gehabt und das Neue Testament auf Griechisch gelesen hatte! Aber der strenge Pietismus, der Wahrheit in Handel und Wandel forderte, musste auf ihn Eindruck machen.
Es war ein Novembermorgen, als sie in den Kirchensaal gerufen wurden, um eingeschrieben zu werden. Herr Theodor befand sich ganz unerwartet in einem ganz andern Kreis, als er täglich in der Schule um sich hatte. Wie er in das Versammlungszimmer eintrat, begegnete er den Blicken von wohl hundert Augen, die ihn alle wie einen Feind ansahen. Da waren Tabaksbinder, Schornsteinfegerjungen, Lehrlinge von allen Handwerken. Sie schienen auch Feinde unter einander zu sein, denn sie warfen sich gegenseitig Schimpfnamen zu; aber diese Feindschaft zwischen den Handwerken war mehr gelegentlich; und wie sie sich auch zankten, sie hingen doch zusammen. Eine seltsame erstickende Luft schlug ihm entgegen, und in dem Hass, mit dem er sich begrüsst fühlte, lag auch eine Verachtung, die Kehrseite eines gewissen Respektes oder Neides. Er sah sich vergebens nach einem Kameraden um, einem Gleichgesinnten, einem Gleichgekleideten. Es war keiner da. Die Gemeinde war arm, und die Reichen sandten ihre Kinder in die Deutsche Kirche, die damals in Mode war. Es waren Kinder des Volkes; es war die Unterklasse, mit der er jetzt vor den Altar des Herrn als Gleich und Gleich treten sollte. Er fragte sich, welcher Abgrund ihn eigentlich von diesen Kindern trenne? Waren sie körperlich nicht ebenso begabt wie er? Ja, besser vielleicht, denn alle verdienten bereits ihr Brot, und einige konnten sogar ihren alten Eltern helfen. Waren sie schlechter ausgerüstet in der Intelligenz? Das konnte er nicht behaupten, denn er hörte, wie sie bei ihren Stichelreden mit den schärfsten Beobachtungen um sich warfen; sie konnten radikale Witze aussprechen, die er gern mit einem Lachen belohnt hätte, wäre er dazu nicht zu hochmütig gewesen. Wenn er an all die Dummköpfe dachte, die er zu Kameraden in der Schule hatte, konnte er keinen bestimmten Strich zwischen sich und ihnen ziehen. Der war aber vorhanden! Waren es die schäbigen Kleider, die hässlichen Gesichter, die groben Hände? Ja, zum Teil war es wohl das! Besonders fühlte er sich von ihrer Hässlichkeit abgestossen! Aber waren sie deshalb schlechter, weil sie hässlich waren?
Er hatte ein Florett bei sich, da er nachher in die Fechtstunde wollte. Er stellte es in eine Ecke, damit es sich keine unangenehme Aufmerksamkeit zuzog. Aber es war schon bemerkt werden. Niemand wusste eigentlich, was es für ein Ding sei, aber sie verstanden, dass es eine Waffe vorstellte. Einige der Kühnsten machten sich in der Ecke zu schaffen, um es zu untersuchen. Sie befingerten die Umwindung des Heftes, kratzten mit den Nägeln auf dem Stichblatt, bogen die Klinge, befühlten den kleinen Ball aus Handschuhleder. Es war, als schnüffelten Hasen an einer Flinte, die sie im Walde gefunden. Sie verstanden nicht, wozu es anzuwenden sei, aber sie fühlten, es war etwas Feindliches, das einen verborgenen Zweck hatte. Schliesslich trat ein Gürtlerlehrling, dessen Bruder zur Leibgarde gehörte, an die Neugierigen heran und entschied die Frage sofort: Könnt ihr nicht sehen, dass es ein Säbel ist, ihr Kaulbarsche! Und damit warf er einen respektvollen Blick auf Herrn Theodor; doch lag in diesem Blick auch ein geheimes Einverständnis, das bedeutete: Wir verstehen das! Aber ein Seilerjunge, der einmal bei der Artillerie gewesen war, um Trompeter zu werden, hielt sich beim Fällen des Urteils für übergangen, konnte den Mund nicht halten, sondern erklärte: man könne ihn in den Rücken beissen, wenn das nicht ein Degen sei! Die Folge war eine Schlägerei, die den ganzen Kirchensaal in einen einzigen grossen Hundehof verwandelte, der von Staub rauchte und mit Geheul erfüllt war.
Da wird die Tür geöffnet und der Hilfsprediger steht da. Ein junger, blasser, magerer Mann, der Ausschlag im Gesicht und wässerige blaue Augen hat. Er schrie die Jungen zuerst an. Die wilden Tiere hörten auf, sich zu schlagen. Darauf liess er sich aus über Jesu teueres Blut und die Macht, die das Böse über die Herzen hat. Schliesslich brachte er die hundert Jungen dazu, sich auf Bänke und Stühle zu setzen. Bis dahin war er aber ganz ausser Atem gekommen und das Zimmer war voll von aufgewirbeltem Staub. Er warf einen Blick nach dem Fensterventil und sagte mit matter Stimme: Öffnet die Klappe! Damit weckte er aber den Sturm wieder. Fünfundzwanzig Knaben stürzten hin und stiessen beim Fenster auf einen Haufen zusammen, um die Schnur zum Ventil zu fassen.
– Geht und setzt euch! schrie der Geistliche von neuem und lief nach dem Stock.
Für einen Augenblick herrschte Ruhe. Der Geistliche dachte sich eine praktischere Art aus, um ohne Schlacht die Klappe zu öffnen.
– Du, sagte er und zeigt auf einen eingeschüchterten armen Teufel, geh und öffne die Klappe.
Der Kleine trat ans Fenster und suchte die zusammengezogene Schnur zu lösen. In atemlosen Schweigen warteten die versammelte Schar das Ergebnis ab, als ein grosser Bursche im Seemannsanzug, der eben mit der Brigg Carl Johan heimgekehrt war, die Geduld verlor:
– Nun sollt ihr mal sehen, hol mich der Teufel, was ein Junge kann, sagte er; im Nu hatte er den Rock abgeworfen, das Fensterbrett geentert, sein Messer gezogen und die Schnur durchgeschnitten.
– Kappen Bakstag! konnte er noch sagen, als der Geistliche einen neuen Schrei ausstiess, wie ein hysterisches Weib, und damit den Seemann buchstäblich hinunterscheuchte. Der beteuerte:
– Das Fall hatte sich so vertüdert, dass nichts anderes zu machen war, als kappen.
Der Pastor war ganz ausser sich. Er kam aus einer stillen Provinz und hätte nicht geglaubt, dass eine Jugend so tief verdorben sein könnte, so in Unsittlichkeit und Sünde versunken, so weit vorgeschritten auf dem Weg der Verdammnis. Und er erzählte ihnen lang und breit von Jesu teuerm Blut.
Keiner verstand, was er sagte, denn sie hatten keinen Begriff davon, dass sie gesunken seien, da sie nie oben gewesen. Die Jungen zeigten daher eine gleichgültige Kälte.
Der Geistliche sprach weiter von Jesu teuern Wunden; aber niemand bezog es auf sich, denn niemand hatte einen Jesus verwundet. Da versuchte er es mit dem Teufel; der war aber so in ihre tägliche Sprache eingegangen, dass er auch keinen Eindruck machte. Schliesslich kam er auf das Rechte! Er sprach von der auf den Frühling festgesetzten Konfirmation. Er erinnerte sie an die Eltern, die ihre Kinder ins Leben hinausführen wollten; und als er auf die Brotherren zu sprechen kam, die niemand anstellten, der nicht konfirmiert sei, da wurde er unwiderstehlich, und alle verstanden die tiefe Bedeutung der Konfirmation. Jetzt war er aufrichtig, und da begriffen ihn alle die jungen Gemüter; sogar die Wildesten wurden zahm.
Die Einschreibung begann! Wie viele Kirchenscheine waren mangelhaft! Wie sollten sie zu Jesus kommen, wenn ihre Eltern nicht getraut waren? Wie sollten sie an den Gnadentisch des Sünders gelangen, wenn der Vater schon bestraft war? Was für Sünder!
Herr Theodor wurde tief erschüttert von all diesem öffentlichen Schimpf, der ausgeteilt wurde. Er wollte ein Auge zudrücken, konnte es aber nicht. Als er schliesslich selber mit seinem Kirchenschein vortrat und der Prediger las: Sohn Theodor, an dem und dem Tage geboren; Eltern: Professor und Ritter ... da fuhr ein schwacher Sonnenschein über das Gesicht des Geistlichen, und er nickte ihm freundlich zu, als er fragte: Wie geht es dem Herrn Papa? Und dann zog ein Schleier von Wehmut über seine weissgelben Züge, als er sah, dass die Mutter gestorben war (was er schon wusste): Sie war ein Kind Gottes, sagte er, wie zu sich selber, mit überfreundlicher, beklagender, weinerlicher Stimme, mit einem gewissen Vorwurf gegen den Herrn Papa, der nur Professor und Ritter war. Dann konnte Herr Theodor gehen.
Als er hinauskam, meinte er etwas erlebt zu haben, das er nicht für möglich gehalten hätte. Waren diese Jünglinge so tief gesunken, weil sie Flüche und grobe Worte benutzten, wie alle seine Kameraden, sein Vater, sein Oheim und die ganze Oberklasse sie zuweilen benutzten! Von was für einer Sittenverderbnis war hier die Rede? Sie waren wilder als andere verwöhnte Kinder, weil sie stärker waren. Dass ihre Kirchenscheine Mängel hatten, war nicht die Schuld der Kinder. Sein Vater hatte nicht gestohlen, aber man braucht auch nicht zu stehlen, wenn man sechstausend Kronen Gehalt hat und tun und lassen kann, was man will. Es wäre ja lächerlich oder abnorm gewesen, wenn er gestohlen hätte.
Und Herr Theodor ging wieder in die Schule und da fühlte er, was es heisst, eine Erziehung erhalten zu haben: hier wurde niemand wegen eines kleinen Schnitzers schikaniert, hier wurden die eigenen Schwächen wie die der Eltern ziemlich in Frieden gelassen, hier war man unter seinesgleichen und hier verstanden alle einander.
Nach der Schule „nahm man die Parade ab“; schlich in ein Café, um einen Likör zu trinken; schliesslich ging man in den Fechtsaal. Und wenn er hier vom Leutnant mit Herr angeredet wurde, alle diese Jünglinge mit geschmeidigen Gliedern, freiem Benehmen und heiteren Mienen sah, alle sicher, dass zu Hause ein gutes Mittagessen auf sie warte, fühlte er, dass es zwei Welten gibt, eine obere und eine untere. Dann packte es ihn wie ein böses Gewissen, wenn er an den dunkeln Kirchensaal und die tristen Menschenkinder dachte; deren sämtliche Wunden und heimliche Mängel wurden unbarmherzig mit dem Vergrösserungsglas gemustert, damit die Unterklasse der wahren Demut teilhaftig würde, ohne welche die Oberklasse ihre liebenswürdigen Schwächen nicht in Frieden geniessen konnte. Damit war etwas Unharmonisches in sein Leben gekommen.
Wie auch Herr Theodor zwischen seinem natürlichen Verlangen nach den halbbekannten Lockungen des Lebens und seiner neuerworbenen Lust, dem ganzen Leben den Rücken zu kehren und seinen Sinn auf den Himmel zu richten, hin und her geworfen wurde, das Gelübde, das er der Mutter gegeben, brach er nicht. Die häufigen Konfirmationsstunden in der Kirche, mit den Kameraden und unter dem Geistlichen, verfehlten nicht, auf ihn Eindruck zu machen. Er war oft düster und grübelte, hatte ein Gefühl, das Leben sei nicht so, wie es sein müsse. Es war ihm, als sei einmal ein unerhörtes Verbrechen begangen werden, das jetzt durch massenhafte Betrügereien verhüllt werde; er glaubte eine Fliege zu sein, die in das Netz der Spinne geraten war und sich bei jedem Versuch, ein Loch zu reissen, immer mehr verwickelte, um schliesslich erstickt zu werden.
Eines Abends, denn der Geistliche benutzte alle Effekte, um den harten Köpfen der jungen Burschen zu imponieren, hatten sie im Chor der Kirche Unterricht gehabt. Es war im Januar. Zwei Gasflammen erleuchteten das Chor und zeigten die Marmorfiguren des Altars in verzerrten Proportionen. Die ganze grosse Kirche mit ihren beiden einander kreuzenden Tonnengewölben lag im Halbdunkel. Im Hintergrund sah man die blanken Zinnpfeifen der Orgel, welche die Gasflammen des Chores schwach reflektierten; darüber bliesen die Engel zum jüngsten Gericht ihre Posaunen, sahen jetzt aber nur wie finstere, drohende, übernatürlich grosse Menschenfiguren aus. Die Kreuzgänge endeten in vollständiger Dunkelheit.
Der Geistliche hatte das sechste Gebot ausgelegt. Er hatte von Unzucht in und ausserhalb der Ehe gesprochen. Wie Unzucht zwischen Ehegatten getrieben wird, das konnte er nicht auseinandersetzen, trotzdem er selber verheiratet war; aber ausserhalb der Ehe, da wusste er Bescheid. Dann kam er zum Kapitel der Selbstbefleckung. Als er das Wort nannte, ging es wie ein Rauschen durch die Jünglingsschar, und mit weissen Wangen und hohlen Augen starrten sie ihn an, als sähen sie ein Gespenst. Solange er von den Strafen der Hölle sprach, waren sie ziemlich ruhig; als er aber aus einem Buch Berichte vorlas, wie Jünglinge im Alter von fünfundzwanzig Jahren an Rückenmarkschwindsucht gestorben waren, da sanken sie auf den Bänken zusammen und fühlten den Boden unter sich wanken! Schliesslich erzählte er die Geschichte von einem Jungen, der im Alter von zwölf Jahren in ein Irrenhaus kam, um mit vierzehn Jahren zu sterben, im Glauben an seinen Erlöser. Da war es ihnen, als sähen sie hundert gewaschene Leichen an Stangen aufgestellt. Nur ein Heilmittel gegen dieses Übel gebe es: Jesu teure Wunden. Doch wie die gegen zu frühe Mannbarkeit anzuwenden seien, das zeigte er nicht. Aber man solle weder tanzen noch ins Theater gehen noch Spielstuben besuchen, vor allem aber sich des Weibes enthalten: das heisst das Gegenteil tun von dem, was man in Wirklichkeit tun müsste. Dass dieses Laster dem sozialen Gesetz, der Mann sei erst mit einundzwanzig Jahren mannbar, bis zur Vernichtung widerspricht, wurde mit Schweigen übergangen. Ob dieses Laster durch frühe Ehen verhindert werden kann, indem man allen ein notdürftiges Essen verschafft, statt wenigen Schmäuse, wurde dahingestellt. Das Resultat war: man solle sich Jesu in die Arme werfen, das heisst in die Kirche gehen und die Sorge um die Welt der Oberklasse überlassen.
Nach dieser Zurechtweisung bat der Geistliche die fünf Ersten auf der ersten Bank, dazubleiben; er wolle mit ihnen allein sprechen; nach und nach werde er es mit allen so machen. Die fünf Ersten sahen aus, als seien sie zum Tode verurteilt. Ihre Brust fiel in den Rücken, weil sie nicht Atem holen konnten; und wenn man genauer nachgesehen, hätte man gefunden, dass sich ihr Haar einige Zentimeter auf den Wurzeln in die Höhe gerichtet und feucht über den Schädel einer Leiche lag. Alles Blut war aus den Augenbetten gewichen; wie zwei runde Glaskugeln, in Handschuhleder eingenäht, sahen die Augen aus, unbeweglich, nicht wissend, ob sie zu einem Bekenntnis herauskriechen oder sich mit einer kühnen Lüge verbergen sollten.
Das Gebet wurde gesprochen und das Lied von Jesu Wunden gesungen; heute abend aber wurde es von Lungenkranken angestimmt und hörte zuweilen ganz auf oder wurde von einem trocknen Husten, gleich dem von Durstigen, unterbrochen. Dann begannen sie zu gehen. Einer von den fünf versuchte hinauszuschleichen, wurde aber vom Geistlichen zurückgerufen.
Es war ein furchtbarer Augenblick. Herr Theodor, der auf der ersten Bank sass, gehörte zu den fünf. Ihm war unangenehm zu Mut. Nicht weil er eine Sünde in diesem Sinne begangen, sondern weil er es in seinem Innersten als eine Kränkung für einen Mann empfand, sich so entkleiden zu müssen. Die vier andern setzten sich weit von einander. Der Gürtler, der unter ihnen war, versuchte zu scherzen, aber der Witz blieb ihm im Halse stecken. Sie sahen vor sich Polizei, Gefängnis, Hospital, und im Hintergrund das Irrenhaus. Sie wussten nicht, was ihnen bevorstand, dass es aber eine Art Stäupung war, das fühlten sie wohl. Ein Trost, der einzige in der Betrübnis war, dass er, Herr Theodor, dabei war. Sie wussten nicht, warum es ein Trost war, aber sie fühlten es in der Luft, dass ihm, dem Sohn eines Professors, nichts Böses geschehen könne.
– Kommen Sie, Wennerström, sagte der Geistliche, der das Gas in der Sakristei angesteckt hatte.
Wennerström ging und die Tür wurde geschlossen. Die vier sassen da, jeder auf seiner Bank, und versuchten alle möglichen Stellungen, um den Körper zur Ruhe zu bringen; aber es ging nicht.
Schliesslich kam Wennerström wieder heraus, verweint, aufgeregt, und ging sofort durch den Korridor davon.
Als er auf den Kirchhof, der ganz eingeschneit war, hinauskam, nahm er schnell noch ein Mal durch, was drinnen vorgefallen war. Der Geistliche hatte gefragt, ob er gesündigt habe. Nein, das habe er nicht. Habe er Träume? Ja! Träume sind ebenso sündig, denn sie zeigen, dass unser Herz böse ist, und Gott sieht auf das Herz. Er prüft die Nieren und wird uns ein Mal für jeden sündhaften Gedanken verurteilen, und die Träume sind Gedanken. Gib mir, mein Sohn, dein Herz, sagt Jesus. Geh zu Jesus, bete, bete, bete. Was keusch, was rein, was lieblich ist, das ist Jesus! Jesus von Anfang bis zum Ende, Jesus mein Alles, mein Leben, meine Seligkeit! Kasteiet das Fleisch und seid fest im Gebet, sagt Jesus! Geh in Jesu Namen und sündige hinfort nicht mehr!
Er war empört, aber auch vernichtet. Er konnte es nicht ändern, dass er vernichtet war, und in der Schule hatte er noch nicht soviel gesunde Vernunft gelernt, um sie gegen die jesuitische Sophistik anzuwenden. Den Satz, dass die Träume Gedanken sind, musste er allerdings, mit der Psychologie, die er gelernt, dahin modifizieren, dass sie Phantasien sind; aber Gott sieht nicht auf Worte! Seine Logik sagte ihm, es liege etwas Naturwidriges in dieser frühen Brunst. Mit sechzehn Jahren konnte er sich nicht verheiraten, da er keine Frau versorgen konnte. Aber den nächsten Gedanken, warum er keine Frau versorgen könne, obwohl er mannbar war, konnte er nicht zu Ende denken; wenn er es auch wollte, so hätte er doch vor dem Gesellschaftsgesetz, das von der Oberklasse gemacht war und von Bajonetten beschützt wurde, Halt machen müssen. Also war die Natur auf irgend eine Art verletzt worden, da die Mannbarkeit früher eintrat als die Fähigkeit, Brot zu schaffen. Das war Entartung! Seine Phantasie war entartet, und er wollte sie reinigen durch Entsagungen, Gebet, Kampf.
Als er nach Hause kam, sass der Vater mit den Geschwistern bei Tisch. Theodor schämte sich vor ihnen, als sei er unrein. Der Vater fragte wie gewöhnlich, wann sie konfirmiert würden. Das wusste Theodor nicht. Er ass nichts und schätzte Unwohlsein vor; die Wahrheit aber war, dass er abends nicht zu essen wagte. Er ging auf seine Kammer und setzte sich hin, um eine Schrift von Schartau zu lesen, die er vom Geistlichen erhalten hatte. Sie handelte von der Eitelkeit der Vernunft. Hier, gerade an dem letzten Punkt, wo er aus dem Unklaren herauszukommen glaubte, da erlosch das Licht. Die Vernunft, die ihm zuweilen die schwache Hoffnung gab, sich aus den dunkeln Bergen herausfinden zu können, auch die war Sünde; mehr Sünde als alles andere, denn sie erhob sich gegen Gott, wollte begreifen, was man nicht begreifen sollte! Warum man „es“ nicht begreifen sollte, stand nicht da; aber es war wohl darum: sobald man „es“ begriffen, war der Betrug entdeckt.
Er empörte sich nicht länger, sondern ergab sich! Ehe er zu Bett ging, las er zwei Morgenstimmen aus Arndt, das ganze Sündenbekenntnis, das Vaterunser und „Der Herr segne uns“. Er war sehr hungrig, das empfand er aber mit einer gewissen Schadenfreude, als leide sein Feind etwas Böses.
So schlief er ein. In der Nacht erwachte er. Er hatte geträumt, er sei ausgewesen, habe für zwei Reichstaler zu Abend gegessen und Champagner getrunken und schliesslich sei er mit einem Mädchen in ein besonderes Zimmer gegangen. So stand der ganze furchtbare Abend wieder vor ihm!
Er sprang aus dem Bett, warf Laken und Unterbett auf den Boden, legte sich auf die blosse Rosshaarmatratze und deckte sich nur mit einer dünnen Decke zu. Er fror und war hungrig, aber der Teufel musste getötet werden. Er betete noch ein Mal das Vaterunser, indem er auf eigene Hand einige Zusätze machte. Das Gehirn wird nach und nach umnebelt, die strengen Züge in seinem Gesicht lassen nach, der Mund lächelt: liebliche, heitere Gestalten, leichtes Gemurmel, ersticktes Lachen, Takte aus einem Walzer, funkelnde Gläser und offne, lebenslustige Gesichter mit freien Blicken, die seinen begegnen; da öffnet sich eine Türgardine: zwischen rotseidenen Vorhängen blickt ein Köpfchen, der Mund lächelt und die Augen leben, bloss ist der Hals bis zu den Steigungen der Brüste, die Schultern rund wie von einer weichen Hand modelliert; die Kleider fallen ab vor seinen Blicken und er hat das Weib in seinen Armen.
Als er erwachte, schlug die Uhr drei. Er war wiederum besiegt. Jetzt riss er auch noch die Matratze aus dem Bett. Auf die Steine vorm Kachelofen fiel er auf die Knie und betete mit eigenen Worten ein brennendes Gebet zu Gott um Rettung; denn jetzt fühlte er, dass er mit dem Teufel selber im Kampf lag. Er legte sich dann auf den blossen Bettboden und empfand mit einem eigenartigen Genuss, wie die Gurte in Arme und Schienbeine schnitten.
Am Morgen erwachte er in vollem Fieber.
Sechs Wochen lag er zu Bett. Als er endlich wieder aufstand, war er gesunder als er je gewesen. Die Ruhe, die ausgewählte Kost, die Medizin hatten seine Kräfte gesteigert, und daher wurde der Kampf nun doppelt so stark. Aber er kämpfte.
Im Frühling wurde er konfirmiert. Der erschütternde Auftritt, in dem die Oberklasse der Unterklasse auf Christi Leib und Blut den Eid abnimmt, dass die letzte sich nie mit dem befasse, was die erste tut, blieb lange in ihm haften. Dass des Weinhändlers Högstedts Piccardon à 65 Öre die Kanne und des Bäckers Lettströms Maisoblaten à 1 Krone das Pfund vom Geistlichen fälschlich für das Fleisch und Blut des vor 1800 Jahren hingerichteten Volksaufwieglers Jesus von Nazareth ausgegeben wurden, darüber dachte er nicht nach, denn man dachte damals nicht nach, sondern man bekam „Stimmungen“.
Ein Jahr später machte er sein Abiturientenexamen. Die Studentenmütze war ihm eine grosse Freude; ohne sich dessen bewusst zu werden, fühlte er, dass er als Oberklasse einen Freibrief erhalten habe. Etwas bildeten sich er und seine Kameraden auch auf ihr Wissen ein, und die Lehrer hatten sie darin für „reif“ erklärt. Wenn alle diese hochmütigen Jünglinge wenigstens den Unsinn gekonnt hätten, mit dem sie prahlten! Hätte man sie auf dem Studentenschmaus gehört, wie sie beteuerten, sie könnten nicht fünf Prozent von jedem Lehrbuch, in dem sie das Zeugnis erhalten; wie sie versicherten, es sei ein Wunder, dass sie die Prüfung bestanden: ein Uneingeweihter hätte es ihnen kaum geglaubt. Auf demselben Studentenkommers hörte man einige der jüngeren Lehrer jetzt, da der Zunftunterschied aufgehoben und keine Verstellung mehr nötig war, offen mit halbberauschten Gebärden darauf schwören, im ganzen Kollegium sei kein Lehrer, der im Examen nicht durchfallen würde. Ein Nüchterner musste glauben, das Studentenexamen sei eine Schnur, die man nach Belieben zwischen Oberklasse und Unterklasse spannen könne; dann kam ihm das Wunder wie ein grosser Betrug vor.
Ja, es war ein Lehrer, der bei der Bowle behauptete, man müsste ein Idiot sein, um sich einzubilden, ein Gehirn könne gleichzeitig auffassen: die dreitausend Jahreszahlen, welche die Geschichte enthält; die Namen der fünftausend Städte, die es auf der Erde gibt, die Namen von sechshundert Pflanzen und siebenhundert Tieren; die Knochen im menschlichen Körper, die Steine in der Erde, alle theologischen Lehrkämpfe, eintausend französische Vokabeln, eintausend englische, eintausend deutsche, eintausend lateinische, eintausend griechische, eine halbe Million Regeln und Ausnahmen; fünfhundert mathematische, physikalische, geometrische, chemische Formeln. Er wolle nachweisen, das Gehirn müsse, um das zu können, so gross sein wie die Kuppel der Sternwarte von Uppsala. Humboldt habe schliesslich nicht mehr das Einmaleins gekonnt, und der Professor der Astronomie in Lund habe zwei sechsstellige ganze Zahlen nicht dividieren können. Die neuen Studenten glaubten sechs Sprachen zu können, und doch könnten sie nicht mehr als fünftausend Worte höchstens von den zwanzigtausend, die ihre eigene Sprache enthalte. Und er habe ja gesehen, wie sie mogelten. Oh, er kenne alle Kniffe! Er habe gesehen, wie sie Jahreszahlen auf die Nägel geschrieben, wie sie die Bücher unter dem Tisch gehabt, und wie sich zugeflüstert! Aber, schloss er, was soll man machen? Wenn man nicht ein Auge zudrückt, bekommt man überhaupt keine Studenten mehr.
Während des Sommers blieb Theodor zu Hause im Garten. Er dachte viel an seine Zukunft; was er werden solle. In die grosse Jesuitenkongregation, die unter dem Namen der Oberklasse die Gesellschaft gestiftet, deren Geheimnisse er nicht durchschauen konnte, hatte er soviel Einblick gewonnen, dass er mit dem Leben unzufrieden war und Geistlicher werden wollte, um sich vor der Verzweiflung zu retten. Aber die Welt lockte ihn. Sie lag so hell und klar vor ihm, und sein starkes gärendes Blut rief nach Leben. Er rieb sich auf in seinem Kampf, und die Beschäftigungslosigkeit quälte ihn noch mehr.
Theodors zunehmende Düsterkeit und abnehmende Gesundheit begannen den Vater zu beunruhigen. Der sah wohl ein, wie es um ihn stand, konnte es aber nicht über sich gewinnen, mit dem Sohn in einer so delikaten Sache zu sprechen.
An einem Sonntagnachmittag hatte der Professor seinen Bruder, den Pionieroffizier, bei sich. Sie sassen im Garten und tranken Kaffee.
– Hast du gesehen, wie verändert Theodor ist? fragte der Professor.
– Ja, seine Zeit ist gekommen, antwortete der Hauptmann; ich glaube, sie ist es längst.
– Willst du nicht mit ihm sprechen; ich kann es nicht.
– Wenn ich Junggeselle wäre, würde ich die Rolle des Oheims spielen, sagte der Hauptmann; aber ich werde Gustav zu ihm schicken! Der Junge muss Mädchen haben, sonst verkommt er. Starke Rasse, diese Wennerströmsche. Was?
– Ja, sagte der Vater, ich war mit fünfzehn Jahren soweit; aber ich hatte einen Kameraden, der nicht konfirmiert wurde, weil er mit dreizehn Jahren einer Konfirmandin ein Kind gemacht hatte.
– Sieh Gustav an: das ist ein Kerl! Der Teufel soll mich holen, wenn er nicht so breit über die Lenden ist und solche Schenkel hat wie ein alter Hauptmann! Er macht sich!
– Ja, ich weiss wohl, was es kostet, aber das ist immer noch besser, als sich anstecken, sagte der Vater. Willst du Gustav bitten, Theodor mitzunehmen, um ihn etwas aufzurütteln.
– Ja, das will ich tun, sagte der Hauptmann.
Und damit war die Sache klar.
Eines Abends im Juli, als es am allerwärmsten war und alles im höchsten Flor stand; während der Schwangerschaft der Natur, als alles, das im Frühling befruchtet war, Frucht werden wollte, sass Herr Theodor auf seiner Kammer und wartete. Er hatte an die Wand ein „Komm zu Jesus“ angeschlagen, das „Lass uns nicht disputieren“ bedeuten sollte, dem Bruder Leutnant gegenüber, der dann und wann aus der Kaserne für einen Augenblick nach Hause kam. Gustav war ein heiteres Gemüt, das sich immer „machte“, wie der Onkel sagte; er dachte nicht daran, an den Lauf der Welt Grübeleien zu verschwenden. Für heute abend hatte er Theodor versprochen, ihn um sieben Uhr abzuholen; sie wollten dann besprechen, wie des Vaters Geburtstag zu feiern sei. Theodors geheimer Plan war, den Bruder zu überrumpeln, um ihn auf bessere Gedanken zu bringen. Aber Gustavs geheimer Plan war, Theodor zur Vernunft zu bringen.
Punkt sieben hielt eine Droschke (Herr Leutnant kam immer in einer Droschke) vorm Hause, und gleich darauf hörte Theodor auf der Treppe Sporen klirren und einen Säbel rasseln.
– Guten Tag, alter Maulwurf, grüsste der ältere Bruder.
Es war eine junge kräftige Gestalt. Man sah die prächtigsten Waden unter den blanken Schäften seiner Stiefel; und unter dem langen Schoss des Überrocks zeichneten sich die Lenden eines Percheronpferdes ab. Das goldene Kartuschenbandelier machte die Brust breiter und das Säbelkoppel hing an einem Paar Hüften, auf denen man sitzen konnte!
Er warf einen Blick auf „Komm zu Jesus“, grinste, sagte aber nichts darüber.
– Komm, Theodor, wir fahren nach Bellevue zum Gärtner und bestellen alles für den Geburtstag des Alten. Zieh dich an und komm, alter Baruch.
Theodor wollte Einwendungen machen, aber der Bruder nahm ihn unterm Arm, setzte ihm die Mütze verkehrt auf den Kopf, steckte ihm eine Zigarre in den Mund und öffnete die Tür. Theodor fühlte sich lächerlich und aus seiner Rolle gerissen, ging aber mit.
– Jetzt fährst du nach Bellevue, sagte der Leutnant zum Kutscher, aber fahr so, dass deine Vollblut wie Riemen auf den Strassensteinen liegen.
Theodor musste über die Sicherheit des Bruders lachen. Niemals wäre es ihm in den Sinn gekommen, einen Kutscher, einen ältern verheirateten Mann, du zu nennen.
Auf dem Wege plauderte und schwatzte der Leutnant von allem Möglichen, und alle Mädchen, die er traf, sah er an.
Sie kamen an einem heimkehrenden Leichenzug vorbei.
– Hast du gesehen, sagte Gustav, was für ein verflucht hübsches Mädchen im letzten Wagen sass.
Nein, Theodor hatte es nicht gesehen und wollte es nicht sehen.
Und dann begegneten sie einem Omnibus, in dem lauter Kellnerinnen sassen. Da stand der Leutnant in der Droschke auf und warf ihnen Kusshände zu, mitten auf der Strasse. Er war zu verrückt.
Sie richteten ihre Sache in Bellevue aus. Auf dem Heimweg bog der Kutscher ohne weitere Ordre nach der Gastwirtschaft „Stallmeisterhof“ ab.
– Wir wollen etwas essen, sagte Gustav und stiess den Bruder aus der Droschke.
Theodor war wie betört. Ein Gelübde der Nüchternheit hatte er nie abgelegt und er sah nichts Sündhaftes darin, in ein Wirtshaus zu gehen, wenn er es auch nicht von selber tat. Er folgte, allerdings mit dem Atem im Halse.
Im Flur wurde der Leutnant von zwei Mädchen empfangen, die im nächsten Augenblick an seiner Brust lagen.
– Guten Tag, meine Tauben, begrüsste er sie und küsste beide auf den Mund. Hier habt ihr meinen gelehrten Bruder, er ist noch jungfräulich; das bin ich aber nicht mehr, was, Jossa?
Die Mädchen sahen schüchtern Theodor an, der nicht wusste, wohin er sich wenden solle, so beispiellos frech, beinahe naiv kam ihm die Sprache des Bruders vor.
Als sie eine Treppe hinaufgingen, trafen sie ein kleines schwarzes Mädchen mit verweinten Augen, das manierlich aussah und einen guten Eindruck auf Theodor machte.
Der Leutnant küsste sie nicht, zog aber sein Taschentuch und trocknete ihr die Augen. Dann befahl er einen kolossalen Schmaus.
Es war ein heller, heiterer Raum, mit Spiegeln und Klavier, zu Bacchanalen eigens eingerichtet. Der Leutnant öffnete den Deckel des Klaviers mit dem Säbel, und ehe Theodor sichs versah, sass er auf dem Stuhl und hatte die Hände auf der Klaviatur.
– Jetzt spielst du einen Walzer, sagte der Bruder.
Und siehe, Herr Theodor spielte einen Walzer. Und der Leutnant schnallte den Säbel ab und tanzte mit seiner Jossa einen furchtbaren Walzer, dass die Sporenräder in Stuhlbeine und Tischfüsse hieben. Dann warf er sich auf ein Sofa und schrie:
– Kommt her, Sklavinnen, und fächelt mir Kühlung zu.
Theodor ging in Mollakkorde über und war bald in Gounods Faust. Er wagte sich nicht umzudrehen.
– Geht und gebt ihm einen Kuss, flüsterte der Bruder.
Das getraute sich aber keins von den Mädchen. Nein, sie hatten beinahe Furcht vor ihm und seiner düstern Musik.
Aber die Kühnste trat ans Klavier heran, um etwas zu sagen:
– Ist das nicht Freischütz?
– Nein, antwortete Theodor höflich, das ist Faust!
– Er sieht so ordentlich aus, dein Bruder, sagte die kleine schwarze, die Rieke hiess. Der ist anders als du, du alter Schlingel!
– Er will ja auch Geistlicher werden, flüsterte der Leutnant.
Das machte einen tiefen Eindruck auf die Mädchen, und sie küssten den Leutnant nur noch heimlich, und nach Theodor sahen sie so verlegen und so scheu wie Hühner nach einem Kettenhund.
Das Abendessen wurde aufgetragen. So viel Speisen! Es waren achtzehn Schüsseln, dazu die warmen Gerichte.
Gustav goss die Schnäpse ein.
– Prosit, alter Pfaffe, sagte er.
Theodor musste den Branntwein kosten. Der wärmte so gut, und es fiel ein dünner warmer Schleier über seine Augen, und die Esslust raste wie ein wildes Tier in seinen Eingeweiden. Der frische Lachs mit seinem halb angegangenen Geschmack und der Dill mit seinem betäubenden narkotischen; die Radieschen kratzten die Kehle und verlangten Bier; die kleinen Beefsteaks mit süsser portugiesischer Zwiebel rochen wie ein tanzendes Mädchen; der geschmorte Hummer duftete nach dem Meer; die ersten Pressgurken mit dem Geschmack des giftigen Grünspans knirschten so schön zwischen den Zähnen; und das Küken, das mit Petersilie ausgestopft war, erinnerte an den Gärtner. Der Porter rann wie warme Lavaströme durch seine Adern; aber auf die Erdbeeren da knallte der Champagner, und das Mädchen kam mit dem brausenden Getränk, das wie eine Quelle rann. Auch das Mädchen musste sich ein Glas nehmen. Und dann sprachen sie von allem Möglichen.
Theodor sass da wie ein Baum, der in neuem Saft steht; das Essen gärte so in seinem Körper, dass er sich wie ein Vulkan fühlte. Neue Gedanken, neue Gefühle, neue Ansichten, neue Gesichtspunkte flatterten wie Schmetterlinge um seine Stirn. Er setzte sich ans Klavier; aber was er spielte, wusste er nicht. Die Tangenten waren unter seinen Fingern ein Haufen harter Knochenstücke, aus denen sein Geist Leben pressen wollte: er ordnete, sammelte sie, um sie dann zu zerbrechen, aufzulösen.
Er wusste nicht, wie lange er spielte, als er aber aufhörte und sich umdrehte, kam der Bruder ins Zimmer. Er sah glücklich aus wie ein höheres Wesen, und sein Gesicht strahlte von Leben und Kraft. Und dann kam Rieke mit einer Bowle, und gleich danach kamen alle Mädchen herauf. Und der Leutnant brachte Gesundheiten auf sie aus, auf die eine nach der andern. Und Theodor fand, es sei alles so, wie es sein sollte, und er wurde schliesslich so kühn, dass er Rieke auf die Schulter küsste. Sie entzog sich ihm aber und sah gekränkt aus, und dann schämte sich Theodor.
Als die Uhr eins war, mussten sie gehen.
Als Theodor auf seine Kammer in die Einsamkeit kam, war er ganz auf den Kopf gestellt. Er riss „Komm zu Jesus“ herunter, nicht weil er an Jesus nicht mehr glaubte, sondern weil er es für eine Prahlerei hielt. Er war erstaunt, dass seine Religion so lose sass, wie ein Festtagsrock, und er fragte sich, ob es nicht unpassend sei, die ganze Woche in Sonntagskleidern zu gehen. Er fand in sich einen einfachen Alltagsmenschen, den er gut leiden mochte, und er glaubte mehr in Frieden mit sich selber zu sein, wenn er sich so einfach, anspruchslos, ungeschraubt gab.
Nachts schlief er einen schweren, guten Schlaf ohne Träume.
Als er am nächsten Morgen aufstand, waren seine blassen Wangen etwas voller und er fühlte eine frohe Lebenslust. Er ging spazieren, und wie er so ging, kam er zur Stadt hinaus. Wenn ich nach der Gastwirtschaft ginge, dachte er, und nachsähe, wie es den Mädchen geht.
Er trat in den grossen Saal; dort sassen Rieke und Jossa allein im Morgenrock und putzten Stachelbeeren. Und ehe er es sich versah, sass er an ihrem Tisch, nahm eine Schere und putzte ebenfalls Stachelbeeren. Und sie plauderten über den gestrigen Abend und über den Bruder und freuten sich, dass es so lustig hergegangen. Man sprach nicht ein unanständiges Wort. Theodor fand, es sei wie in einer Familie, und das konnte nicht sündhaft sein.
Später trank er Kaffee und lud die Mädchen dazu ein. Und dann kam die Wirtin und las ihnen aus der Zeitung vor: es war ganz, als sei er bei sich zu Hause gewesen.
So kam er wieder. An einem Nachmittag ging er eine Treppe hoch zu Rieke. Sie sass oben und nähte an einem Hohlsaum. Theodor fragte, ob er sie belästige. Nein, keineswegs, im Gegenteil, antwortete sie. Und sie sprachen über den Bruder. Er war im Manöver und sollte erst in zwei Monaten zurückkommen. Schliesslich tranken sie Punsch und duzten einander.
Ein anderes Mal traf Theodor sie im Hagapark. Sie pflückte Blumen. Und beide setzten sich ins Gras. Sie hatte ein leichtes Sommerkleid an, das war so dünn, dass er sah, wie die Spitzen ihrer Brüste zwei helle Erhebungen bildeten, mit einer dunklen Senkung dazwischen. Er fasste sie um den Leib und küsste sie. Sie küsste ihn wieder, und es wurde ihm schwarz vor den Augen. Da zog er sie an sich, als wolle er sie ersticken; sie aber riss sich los und sagte recht ernst, er müsse artig sein, sonst könnten sie sich nie wieder treffen.
Zwei Monate trafen sie sich. Theodor war in sie verliebt. Er hielt lange, ernste Gespräche über die höchsten Aufgaben des Lebens, über die Liebe, über die Religion, über alles, und dazwischen machte er seine Angriffe auf ihre Tugend, wurde aber immer mit seinen eigenen Worten zurückgeschlagen. Dann schämte er sich furchtbar, dass er von einem unschuldigen Mädchen so niedrig denken könne. Seine Leidenschaft ging schliesslich in hohe Bewunderung über für dieses arme Mädchen, das sich mitten in den Versuchungen rein erhalten konnte. Er hatte sich den Geistlichen aus dem Sinn geschlagen, wollte den Doktor machen und – wer weiss – sich vielleicht mit Rieke verheiraten. Er las ihr jetzt Poesie vor, während sie nähte. Küssen durfte er sie, soviel er wollte, sie an sich drücken, zudringlich sein; mehr aber erlaubte sie nicht.
Schliesslich kam der Bruder nach Haus. Sofort gab er ein Festessen im „Stallmeisterhof“, und Theodor wurde dazu eingeladen. Aber er musste ihnen vorspielen, unaufhörlich spielen. Er war mitten in einem Walzer, nach dem niemand tanzte, als er sich umsah: er war allein. Da stand er auf und ging in den Flur. Kam in eine lange Reihe von kleinen Zimmern, schliesslich in ein Schlafzimmer. Da hatte er einen Anblick, dass er sofort hinausstürzte, seinen Hut nahm und in die Nacht verschwand.
Erst gegen Morgen befand er sich wieder zu Hause auf seiner Kammer, allein, vernichtet, jedes Glaubens beraubt, ans Leben, an die Liebe und ans Weib natürlich, denn es gab für ihn nur ein Weib in der Welt, und das war Rieke vom Stallmeisterhof.
Als der fünfzehnte September kam, fuhr er nach Uppsala, um Theologie zu studieren.
Die Jahre vergingen. Sein guter Verstand erlosch so allmählich unter all den Dummheiten, die er jetzt täglich und stündlich seinem Gehirn eintrichtern musste. Wenn aber die Nacht kam und der Widerstand aufhörte, brach die Natur los und nahm mit Gewalt, was der aufrührerische Mensch ihr streitig machen wollte. Er wurde kränklich. Sein Gesicht fiel so ein, dass man alle hervortretenden Knochen des Schädels sehen konnte; die Haut wurde gelbweiss wie die einer in Spiritus gelegten Leibesfrucht und sah immer feucht aus; und zwischen den dünnen Bartsträhnen traten Finnen auf. Das Auge war erloschen; die Hände so mager geworden, dass alle Gelenke durch die Haut guckten. Er sah aus wie das Bild zu einer Tendenzarbeit über die menschlichen Laster, und doch war er rein.
Eines Tages bat ihn der Professor der Moraltheologie, der ein verheirateter, aber strenger Mann war, um ein Gespräch unter vier Augen. Der Professor fragte so diskret wie möglich, ob er etwas auf dem Herzen habe; dann solle er sich erleichtern. Nein, er habe keine Sünde zu gestehen, aber er sei unglücklich. Der Professor ermahnte ihn, zu wachen und zu beten und stark zu sein.
Vom Bruder hatte er einen langen Brief erhalten, in dem dieser ihn bat, jene bewusste Bagatelle nicht so ernst zu nehmen. Es sei dumm, ein Mädchen ernst zu nehmen! Bezahlen und gehen, sei seine Philosophie, und mit der stehe er sich gut. Spielen, solange man jung sei; der Ernst komme immer noch früh genug. Die Ehe sei eine bürgerliche Einrichtung, um die Kinder aufzuziehen, weiter nichts. Wenn wir älter geworden, sollten wir uns verheiraten ...
Hierauf antwortete Theodor in einem langen, von wahrem christlichen Geist durchdrungenen Brief, der unbeantwortet blieb.
Nachdem Theodor im Frühling das erste Examen gemacht hatte, musste er im Sommer nach Sköfde fahren, um eine Kaltwasserkur durchzumachen. Im Herbst kehrte er nach Uppsala zurück. Aber die neuen Kräfte, die er erworben hatte, waren natürlich nur neues Material fürs Feuer.
Es wurde immer schlimmer und schlimmer mit ihm. Sein Haar war jetzt so dünn, dass die Haut durchschien. Seine Schritte waren schleppend, und wenn Kameraden ihn auf der Strasse sahen, schauderte ihnen wie vor einem lasterhaften Menschen. Er begann es selbst zu merken und wurde scheu. Ging nur abends aus. Wagte nachts nicht im Bett zu schlafen. Das Eisen, das er im Übermass eingenommen, hatte seine Verdauung verdorben. Im nächsten Sommer wurde er nach Karlsbad geschickt.
Im folgenden Herbst durchlief ein Gerücht die Universitätsstadt, ein garstiges Gerücht, das wie eine dunkle Wolke über den Horizont zog. Es war, als habe man vergessen, eine Kloakenklappe zu schliessen, und ein furchtbarer Gestank erinnerte plötzlich daran, dass die Stadt, die herrliche Schöpfung der Kultur, auf einem Untergrund von Fäulnis ruhte, der jeden Augenblick die Röhren sprengen und die ganze Gesellschaft vergiften konnte. Man flüsterte, Theodor Wennerström habe in einem Wutanfall einen Kameraden in seiner Wohnung überfallen und ihm schändliche Anträge gemacht. Dieses Mal hatte das Gerücht die Wahrheit geflüstert.
Der Vater kam nach Uppsala und beriet sich mit dem Dekan der theologischen Fakultät. Der Professor der Pathologie wurde zugezogen. Was war zu machen? Der Arzt schwieg. Schliesslich wurde er gefragt.
– Da ich gefragt werde, muss ich wohl antworten, sagte er; aber, meine Herren, Sie wissen doch ebenso gut wie ich, dass es nur ein Mittel gibt.
– Und das ist? fragte der Theologe.
– Müssen Sie wirklich noch fragen, wodurch die Natur geheilt wird, antwortete der Arzt.
– Ja, das muss man wirklich, sagte der Theologe, der verheiratet war; denn es ist nicht Natur, dass der Mensch unzüchtig sein soll.
Der Vater sagte, er wisse wohl, dass nur der Verkehr mit einer Frau helfen könne, aber er wolle seinem Sohn nicht solchen Rat geben, denn er könne sich dabei eine Krankheit holen.
– Dann ist er ein Esel, wenn er sich nicht in acht nehmen kann, antwortete der Arzt.
Der Dekan ersuchte, ein so aufregendes Gespräch an einem Ort zu führen, der besser dazu geeignet sei. Hinzuzufügen habe er nichts.
Und dabei blieb es.
Da Theodor Oberklasse war, wurde die Sache totgeschwiegen. Nach einigen Jahren machte er das zweite theologische Examen und wurde nach Spaa geschickt. Das Chinin, das er eingenommen, hatte sich in die Knie gesetzt, und er musste zwischen zwei Stöcken gehen. In Spaa erschreckte er sogar Kranke mit seinem furchtbaren Aussehen.
Aber eine fünfunddreissigjährige unverheiratete Deutsche schien Mitleid mit dem Unglücklichen gefasst zu haben. Sie sass bei ihm in einer einsamen Laube im Brunnenpark und sprach über die höchsten Fragen des Lebens. Sie gehörte zu einer grossen evangelischen Vereinigung, welche die Sitten verbessern wollte. Sie hatte Prospekte zu Zeitungen und Zeitschriften, welche die Unsittlichkeit zwischen Unverheirateten abschaffen, besonders die Prostitution aufheben wollten.
– Sehen Sie mich an, sagte sie, ich bin fünfunddreissig Jahre alt und bei voller Gesundheit! Was sprechen die Toren davon, dass die Unsittlichkeit ein notwendiges Übel ist. Ich habe gewacht und gebetet, und ich habe einen guten Kampf gekämpft des Herrn Jesu Christi wegen.
Der junge Geistliche sah sie an, ihren vollen Busen und ihre hohen Hüften, und dann sah er sich selber an und dachte:
– Wie verschieden es doch mit Menschen und Menschen in dieser Welt bestellt ist!
Im Herbst waren Prediger Theodor Wennerström und die tugendsame Jungfrau Sophia Leidschütz verlobt.
– Gerettet, seufzte der Vater, als er die Nachricht in seinem Haus zu Stockholm empfing.
– Wollen sehen, wie es geht, dachte der Bruder in seiner Kaserne. Wenn mein lieber Theodor nur nicht einer „jener Asra ist, die sterben, wenn sie lieben“.
Theodor Wennerström verheiratete sich. Neun Monate später brachte seine Frau einen rachitischen Sohn zur Welt. Dreizehn Monate darauf war Theodor Wennerström tot.
Der Arzt, der den Totenschein ausstellte, schüttelte den Kopf, als er die üppige hochgewachsene Frau weinend an dem kleinen Sarg stehen sah, in dem das Skelett des zwanzigjährigen jungen Mannes ruhte.
– Das Plus war zu gross und das Minus zu klein, dachte er; darum ass das Plus das Minus auf.
Aber der Vater, der die Todesnachricht an einem Sonntag empfing, setzte sich hin, um eine Predigt zu lesen. Als er die beendet, dachte er:
– Die Welt muss sehr verkehrt sein, wenn die Tugendhaften solch einen Lohn erhalten.
Und die tugendsame Witwe, geborene Leidschütz, verheiratete sich noch zwei Male und bekam acht Kinder; schrieb Aufsätze über Überbevölkerung und Unsittlichkeit. Aber der Schwager sagte, sie sei eine verfluchte Frau, die ihren Männern das Leben nehme.
Aber der nicht tugendhafte Leutnant verheiratete sich und bekam sechs Kinder, wurde Major und war glücklich bis ans Ende seiner Tage.
Liebe und Brot
Der Assistent hatte nicht daran gedacht, nach dem Stand der Getreidepreise zu sehen, als er zum Major hinausfuhr, um zu freien; aber der Major hatte nachgesehen.
– Ich liebe sie, sagte der Assistent.
– Wieviel verdienst du? fragte der Alte.
– Zwölfhundert Kronen allerdings nur, aber wir lieben einander ...
– Das geht mich nichts an; zwölfhundert ist zu wenig.
– Und dann habe ich noch eine besondere Einnahme, und Luise kennt mein Herz ...
– Schwatz keinen Unsinn! Wie gross ist die besondere Einnahme?
– Wir haben uns zum ersten Mal getroffen auf ...
– Wie gross ist die besondere Einnahme?
Und er setzte den Bleistift an.
– Und meine Gefühle ...
– Wie gross ist die besondere Einnahme?
Und er zeichnete Krähenfüsse auf dem Löschpapier.
– Oh, es wird schon werden, wenn man nur ...
– Willst du mir antworten oder willst du nicht? Wie gross ist deine besondere Einnahme? Zahlen! Zahlen! Tatsachen!
– Ich habe Übersetzungen für zehn Kronen den Bogen, ich habe Schüler im Französischen, ich habe Zusagen für Korrekturlesen ...
– Zusagen sind keine Tatsachen! Zahlen, Junge, Zahlen! So, jetzt schreibe ich. Was hast du für eine Übersetzung?
– Was ich für eine Übersetzung habe? Das kann ich nicht so vom Fleck weg sagen.
– Das kannst du nicht so vom Fleck weg sagen? Du hast doch eine Übersetzung, sagst du: kannst du nicht sagen, was das für eine ist? Was ist das für ein Geschwätz?
– Ich habe Guizot, Geschichte der Kultur, fünfundzwanzig Bogen.
– Zu je zehn Kronen, gleich 250 Kronen. Und dann?
– Dann? Das weiss man doch nicht vorher!
– Ei ei, weiss man das nicht vorher? Aber das gerade soll man vorher wissen! Du glaubst, Heiraten ist nur Zusammenziehen und Spielen! Nein, mein Junge, in neun Monaten kommt ein Kind, und Kinder müssen Essen und Kleider haben!
– Es muss doch nicht sofort ein Kind kommen, wenn man einander liebt, wie wir uns lieben.
– Wie zum Teufel liebt ihr euch denn?
– Wie wir uns lieben!
Er legte die Hand auf den Aufschlag seiner Weste.
– Kommt kein Kind, wenn man einander liebt wie ihr! Bist du verrückt? Doch du sollst ein ordentlicher Mensch sein, und darum darfst du dich verloben; aber benutze deine Verlobungszeit, um dir Brot zu schaffen, denn es nahen schwere Zeiten: das Getreide steigt!
Der Assistent wurde ganz rot im Gesicht, als er die Schlussworte hörte, aber die Freude, sie zu bekommen, war so gross, dass er dem Alten die Hand küsste. Und Gott im Himmel, wie glücklich war er! Als sie zum ersten Male Arm in Arm die Strasse hinunterzogen, ging ein Leuchten von ihnen aus; und es war ihnen, als blieben die Menschen auf dem Trottoir stehen und bildeten Reihen, um ihnen auf ihrem Triumphzug das Ehrengeleit zu geben; und sie gingen dahin mit stolzen Blicken, hocherhobenen Kopfes und federnden Schrittes.
Und abends kam er zu ihr; und sie setzten sich mitten in den Saal und lasen Korrektur; sie las die Gegenkorrektur. Und der Alte dachte, das ist ein tüchtiger Kerl. Und als sie fertig waren, sagte er: Jetzt haben wir drei Kronen verdient! Und dann küssten sie sich. Und am nächsten Abend waren sie im Theater und fuhren nach Haus und das kostete zwölf Kronen.
Zuweilen, wenn er abends Unterricht geben sollte, liess er – was tut man nicht für die Liebe – die Stunde ausfallen und kam zu ihr. Und dann gingen sie spazieren.
Aber die Hochzeit rückte näher. Da hatte man etwas anderes zu tun. Sie sahen sich Möbel an. Mit dem Wichtigsten mussten sie beginnen. Luise wollte nicht dabei sein, wenn er das Bett kaufte, aber dann ging sie doch mit. Sie wollten zwei Betten haben, natürlich; die sollten nebeneinander stehen, damit sie nicht so viele Kinder kriegten, natürlich. Und Nussbaum musste es sein, jedes einzige Stück, echt Nussbaum. Und dann wollten sie rotgestreifte Matratzen mit Sprungfedern haben und mit Federn gestopfte Langkissen. Und jeder seine eigene Decke, aber gleiche natürlich, und Luise wollte ihre blau haben, denn sie war blond.
Dann gingen sie ins erste Warenhaus. Vor allem natürlich eine rote Ampel für die Schlafstube und eine Venus aus Biskuit. Und dann das Tischservice: sechs Dutzend Gläser von jeder Sorte mit geschliffenen Ecken; und dann Messer und Gabeln, gerieft und gezeichnet. Und schliesslich die Kücheneinrichtung. Da aber musste Mama mitgehen.
Und wieviel er zu tun hatte! Wechsel akzeptieren, zu Banken laufen, Handwerker suchen, Wohnung finden, Gardinen anbringen. Und er kriegte alles fertig. Seine Arbeit musste er allerdings liegen lassen; aber wenn er nur erst verheiratet wäre, dann würde er sie schon wieder aufnehmen!
Sie wollten nur zwei Zimmer haben, für den Anfang, sie wollten ja so verständig sein! Da man aber nur zwei Zimmer hatte, so konnte man sie wenigstens gut einrichten. Und er mietete zwei Zimmer mit Küche eine Treppe hoch in der Regierungsstrasse für sechshundert Kronen. Und als Luise bemerkte, sie hätten ebensogut drei Zimmer mit Küche vier Treppen hoch für fünfhundert Kronen haben können, wurde er etwas verlegen; aber was tut das, wenn man einander nur liebt. Ja, das meinte Luise auch, aber man könne sich in drei Zimmern für niedrigere Miete ebenso lieb haben als in vier für höhere. Ja, er sei dumm, das wisse er, aber das mache nichts aus, wenn man einander nur liebe.
Die Zimmer waren in Ordnung. Und die Schlafstube war wie ein kleiner Tempel. Und die beiden Betten standen nebeneinander wie zwei Equipagen. Und die Sonne schien auf die blaue Decke und die weissen, weissen Laken und auf die kleinen Kopfkissen, die von einer unverheirateten Tante mit Namen bestickt waren; es waren grosse blumige Buchstaben, die sich in einer einzigen Umarmung umschlangen und sich hier und dort küssten, wenn sie einander an den Ecken trafen. Und die junge Frau hatte ihren kleinen Alkoven für sich, vor dem ein japanischer Schirm stand. Und im Salon, der Esssaal, Arbeitszimmer und Wohnstube zugleich war, stand ihr Klavier (das zwölfhundert Kronen gekostet), stand sein Schreibtisch mit zehn Fächern („Nussbaum jedes einzige Stück“), standen die Pfeilerspiegel aus lauter Glas, Sessel, Büfett, Esstisch. „Es sieht aus, als wohnten vornehme Leute in dem Zimmer“; und sie konnten nicht verstehen, was man mit einem Esssaal machen sollte, der mit seinen Rohrstühlen immer ungemütlich war.
Und an einem Sonnabend war die Hochzeit! Und am Sonntagmorgen! Hei, welches Leben! Ist es nicht schön, verheiratet zu sein! Ist nicht die Ehe eine herrliche Erfindung! Man darf ja ganz tun, was man will, und dann kommen Eltern und Geschwister und gratulieren einem noch obendrein!
Die Schlafstube ist um neun Uhr morgens noch dunkel. Er will nicht die Läden öffnen, um das Tageslicht hereinzulassen, sondern steckt noch ein Mal die rote Ampel an, und die wirft ihren zauberischen Schein über die blaue Decke und die weissen Laken, die etwas zerknittert sind, und die Biskuit-Venus steht dort rosenrot und ohne Scham. Und dort liegt das Frauchen, so seelisch zerknirscht, aber so ausgeschlafen, als habe sie die erste Nacht ihres Lebens geschlafen. Und auf der Strasse rollen heute keine Wagen, denn es ist Sonntag, und die Glocken läuten zum ersten Male, so jubelnd, so hurtig, als riefen sie die ganze Welt zusammen, um den, der Mann und Weib geschaffen, zu loben und zu preisen. Und er flüstert der kleinen Frau ins Ohr, sie möge sich abwenden, denn er wolle hinausgehen und das Frühstück bestellen. Und sie steckt den Kopf in die Kissen. Und er schlüpft in den Schlafrock und geht hinter den Schirm, um sich einige Kleider anzuziehen.
Und dann kommt er in den Salon hinaus, und die Sonne hat eine grosse strahlende Bahn auf den Boden geworfen; und er weiss nicht, ob es Frühling, Sommer, Herbst oder Winter ist; er weiss nur, dass es Sonntag ist! Und er fühlt, wie seine Junggesellenzeit als etwas Garstiges und Dunkles entweicht, und in seiner Häuslichkeit spürt er einen Hauch vom alten Elternhaus und zugleich vom Heim seiner künftigen Kinder.
Hei, wie stark er ist! Die Zukunft empfindet er wie einen Berg, der ihm entgegen kommt! Er wird ihn anblasen und der Berg wird einstürzen wie Sand vor seinen Füssen; er wird über Schornsteine und Dachfirste dahinfliegen mit seinem Frauchen im Arm.
Und er liest seine Kleider zusammen, die er im Zimmer verstreut hat; und das weisse Halstuch findet er an einem Bilderrahmen: dort sitzt es wie ein weisser Schmetterling.
Und dann geht er in die Küche hinaus. Wie das neue Kupfer glänzt, wie die neuverzinnten Kasserollen leuchten! Das gehört ihm und ihr! Und er weckt das Mädchen, das im Unterrock aus ihrer Kammer kommt. Und er wundert sich, dass er ihre nackte Brust nicht sieht: sie ist geschlechtslos für ihn! Denn für ihn gibt es nur noch eine Frau! Er fühlt sich keusch wie ein Vater vor seinem Kind. Er gibt ihr den Auftrag, ins Restaurant hinunter zu gehen und ein Frühstück zu bestellen, sofort, aber brillant soll es sein. Porter und Burgunder! Der Wirt weiss schon Bescheid. Grüssen Sie nur von mir.
Und er geht an die Tür zum Schlafzimmer und klopft.
– Darf ich hereinkommen?
Ein leichter Aufschrei:
– Nein, Liebster, warte ein wenig!
Und dann deckt er selber. Als das Frühstück kommt, tischt er es auf ihren neuen Tellern auf. Und dann legt er die Servietten kunstgerecht zusammen. Und dann wischt er die Weingläser aus. Und dann stellt er das Brautbukett in ein Glas vor ihr Kuvert.
Als sie schliesslich in ihrem gestickten Morgenrock aus dem Schlafzimmer tritt, und die Sonne sie blendet, bekommt sie einen kleinen Ohnmachtsanfall, nur einen kleinen: er muss sie in den Sessel vorm Frühstückstisch setzen. Und sie muss einen kleinen Kümmelschnaps aus einem Likörgläschen trinken und dann ein Kaviarbrötchen essen.
– Oh, wie nett! Man kann ja machen, was man will, wenn man verheiratet ist! Was würde Mama sagen, wenn sie ihre Luise trinken sähe.
Und er tischt ihr auf und bedient sie, ganz als wäre sie noch seine Braut. Welches Frühstück nach einer solchen Nacht! Und niemand hat ein Recht, „etwas zu sagen“. Und es ist schön und gut, und man amüsiert sich mit dem allerschönsten Gewissen, und das ist das Beste von allem. Er hat wohl schon solch ein Frühstück genossen, aber welch ein himmelweiter Unterschied! Unruhe, Unlust hatte er damals empfunden: er wollte nicht mehr daran denken! Und als er nach den Austern ein Glas echten schwedischen Porter trinkt, kann er alle Junggesellen nicht genug verachten.
– Wie dumm die Menschen sind, die sich nicht verheiraten! Solche Egoisten! Man müsste sie besteuern wie Hunde!
Aber seine Frau wagt einzuwenden, so freundlich und bescheiden wie möglich:
– Es ist doch wohl schade um die armen Männer, dass sie nicht alle die Mittel haben, sich zu verheiraten, denn hätten sie die Mittel, würden sich wohl alle verheiraten!
Der Assistent fühlt einen Stich im Herzen und einen Augenblick wird ihm bange, als sei er zu übermütig gewesen. Sein ganzes Glück ruhte ja auf einer wirtschaftlichen Frage, und wenn, wenn ... Pah! Ein Glas Burgunder! Jetzt sollte gearbeitet werden! Sie würden schon sehen!
Und dann kommt ein gebratenes Birkhuhn mit Preiselbeeren und Gurken. Die junge Frau wird etwas bestürzt, aber es ist ja so nett.
– Lieber Ludwig, und sie legt ihr zitterndes Händchen auf seinen Oberarm, haben wir denn die Mittel dazu?
Sie sagt glücklicherweise „wir“!
– Pah, ein Mal ist kein Mal! Später können wir Kartoffeln und Hering essen!
– Isst du Kartoffel und Hering?
– Ich glaube, ja!
– Wenn du gekneipt hast und ein Beefsteak hinterher bekommst!
– Nicht schwatzen! Nein, Gesundheit! Das ist ein ausgezeichnetes Birkhuhn! Und dann Artischocken!
– Nein, aber du bist ja ganz verrückt, Ludwig! Artischocken, zu dieser Jahreszeit? Was müssen die kosten!
– Kosten? Sind sie nicht gut? Nun, das ist die Hauptsache. Und dann Wein! Mehr Wein! Findest du nicht, dass das Leben schön ist! Oh, es ist herrlich, herrlich!
Am Nachmittag um sechs Uhr stand eine Kalesche vor der Tür. Die junge Frau wäre beinahe böse geworden. Aber wie schön war es, so auf dem Rücksitz neben einander halb zu liegen und langsam nach dem Tiergarten zu schaukeln.
– Das ist ja ganz wie im selben Bett liegen, flüsterte Ludwig.
Sie schlug ihn mit dem Sonnenschirm auf die Finger.
Bekannte blieben auf dem Trottoir stehen und grüssten. Kameraden winkten mit der Hand, als sagten sie:
– Haha, du Schelm, du hast Geld bekommen!
Und wie klein die Menschen dort unten aussehen, wie glatt die Strasse war, wie leicht die Fahrt auf Federn und Polstern ging.
So müsste es immer sein!
Es dauerte einen ganzen Monat! Bälle, Besuche, Diners, Soupers, Theater. Aber dazwischen waren sie zu Hause. Da war es doch am besten! Wie herrlich, nach einem Souper seine Frau ihrem Papa und ihrer Mama fortzunehmen, gerade vor der Nase fortzunehmen, sie in einen geschlossenen Wagen zu setzen, die Tür zuzuwerfen, den Eltern zuzunicken und zu sagen:
– Jetzt fahren wir nach Haus zu uns! Und dort machen wir, was uns gefällt.
Und dann zu Hause einen kleinen Nachtschmaus einzunehmen und bis gegen Morgen dabei zu sitzen und zu plaudern!
Und zu Hause war Ludwig immer verständig. Wenigstens im Prinzip. Eines Tages wollte seine Frau ihn mit gesalzenem Lachs und Milchkartoffeln und Hafersuppe auf die Probe stellen. Oh, wie gut das schmeckte! Er habe die verwünschte Speisekarte satt.
Am nächsten Freitag, als es wieder gesalzenen Lachs geben sollte, kam Ludwig mit zwei Schneehühnern nach Haus! Er blieb in der Tür stehen und schrie:
– Kannst du dir denken, Luise, kannst du dir etwas so Unerhörtes denken?
– Nein, was denn?
– Du wirst es nicht glauben, wenn ich dir sage, dass ich ein Paar Schneehühner gekauft habe, selbst auf dem Markt gekauft habe, für – rate!
Seine Frau sah eher verstimmt als neugierig aus.
– Denk dir, eine Krone das Paar!
– Ich habe Schneehühner schon für achtzig Pfennige das Paar gekauft; aber (fügte sie versöhnend hinzu, um ihren Mann nicht ganz aus der Fassung zu bringen) es gab viel Schnee in jenem Winter!
– Ja, aber du musst doch jedenfalls zugeben, dass es billig ist.
Was würde sie nicht zugeben, um ihn froh zu sehen!
Abends aber hatten sie Grütze auf dem Tisch, um eine Probe zu machen. Nachdem Ludwig jedoch ein Schneehuhn gegessen hatte, bedauerte er sehr, dass er nun nicht mehr so viel Grütze zu essen vermöchte, wie er gern gewollt hätte, um ihr zu zeigen, dass er wirklich Grütze essen wolle. Und Grütze esse er gern, aber Milch sei ihm kaum möglich, nachdem er kaltes Fieber gehabt. Er könne Milch nicht hinunterbringen, aber Grütze wolle er jeden Abend essen, jeden einzigen Abend, damit sie nur nicht böse auf ihn werde.
Seitdem gab es nie mehr Grütze!
Als sechs Wochen vergangen waren, wurde die junge Frau krank. Sie hatte Kopfschmerzen und musste brechen. Es könne nur eine leichte Erkältung sein. Aber das Erbrechen hörte nicht auf. Hm! Konnte sie etwas Giftiges gegessen haben? War nicht das Kupfer neu verzinnt? Der Arzt wurde geholt. Er lächelte und sagte, es sei, wie es sein solle.
– Was ist, wie es sein soll? Etwas Tolles? Ach Unsinn! Das ist nicht möglich. Wie soll das möglich sein können? Nein, das sind die Tapeten in der Schlafstube; sicher ist Arsenik darin. Schicken wir sofort ein Stück nach der Apotheke zur Untersuchung!
Arsenikfrei, schrieb der Apotheker.
– Das ist doch merkwürdig! Kein Arsenik in den Tapeten?
Die junge Frau war noch immer krank. Er las in einem medizinischen Buch nach, und dann sagte er seiner Frau eine Frage ins Ohr.
– Siehst du, da haben wirs! Nur ein warmes Fussbad!
Vier Wochen später erklärte die Hebamme, alles sei, „wie es sein solle“.
– Wie es sein soll? Ja, natürlich, aber das kommt etwas schnell!
Da es nun einmal so war, oh wie schön das werden würde! Man denke nur, ein Kind! Hurrah! Sie sollten Papa und Mama werden! Wie sollte er heissen? Denn es musste ein Junge sein. Das war klar!
Jetzt aber nahm sie ihren Mann vor und sprach ernst mit ihm! Er hatte weder eine Übersetzung noch eine Korrektur gemacht, seit sie sich verheiratet hatten. Und der blosse Gehalt reichte nicht.
– Ja, man hat in Saus und Braus gelebt. Herr Gott, man ist eben nur ein Mal jung! Jetzt aber soll es anders werden!
Am nächsten Tag ging der Assistent zu seinem alten Freund, dem Aktuar, um dessen Bürgschaft für ein Darlehen zu erbitten.
– Wenn man im Begriff ist, Vater zu werden, siehst du, lieber Freund, muss man an die Ausgaben denken.
– Ganz mein Gedanke, lieber Freund, antwortete der Aktuar; darum habe ich nicht die Mittel gehabt mich zu verheiraten. Aber du bist so glücklich, die Mittel zu haben!
Der Assistent schämte sich, die Bürgschaft zu verlangen. Wie konnte er die Stirn haben, diesen Junggesellen zu bitten, ihm für sein Kind zu helfen? Diesen Junggesellen, der selber nicht die Mittel hatte, sich Kinder zu leisten! Nein, das konnte er nicht.
Als er zum Mittagessen nach Haus kam, erzählte seine Frau, es seien zwei Herren dagewesen, um ihn zu sprechen.
– Wie sahen sie aus? Waren sie jung? Trugen sie Gläser? Dann waren es bestimmt zwei Leutnants, alte gute Freunde aus dem Badeort Waxholm.
– Nein, es waren keine Leutnants; sie sahen älter aus!
– Dann weiss ich! Das waren alte Freunde von der Universität Uppsala, wahrscheinlich der Dozent P. und der Hilfsprediger O. Die wollten einmal nachsehen, wie ihr alter Ludwig als Ehemann ausschaut.