INFERNO
LEGENDEN
AUGUST STRINDBERG
VERDEUTSCHT VON EMIL SCHERING
FÜNFTE AUFLAGE
MÜNCHEN UND LEIPZIG
BEI GEORG MÜLLER
1914
Die grosse Krisis mit fünfzig Jahren Revolutionen
im Seelenleben, Wüsten-Wandrungen, Verödung,
Swedenborgs Höllen und Himmel.
Deutsche Original-Ausgabe gleichzeitig
mit der schwedischen Ausgabe unter Mitwirkung von
Emil Schering als Übersetzer vom Dichter selbst veranstaltet.
Strindberg — 1897.
[CORAM POPULO!]
DE CREATIONE ET SENTENTIA VERA
MUNDI
MYSTERIUM
Personen:
DER EWIGE, unsichtbar.
GOTT, der böse Geist, der Usurpator, der Fürst dieser Welt.
LUCIFER, der Lichtbringer, entthront.
Erzengel.
Engel.
Adam und Eva.
Erster Akt
DER HIMMEL
Gott und Lucifer, jeder auf seinem Thron. Sie sind von Engeln umgeben. Gott ist ein Greis, dessen Gesichtsausdruck streng, fast böse ist; er hat einen langen weissen Bart und kleine Hörner, wie der Moses Michelangelos.
Lucifer ist jung und schön, hat etwas von Prometheus, Apollo, Christus; die Farbe des Gesichts ist weiss, leuchtend, die Augen blitzen, die Zähne glänzen; hat einen Heiligenschein über dem Kopf.
GOTT:
Es sei Bewegung, denn die Ruhe hat uns verdorben! Ich will noch eine Offenbarung wagen, auf die Gefahr hin, mich zu zerteilen und in der rohen Menge zu verlieren.
Seht, dort unten zwischen Mars und Venus sind noch einige Myriameter frei in meinem Sonnensystem. Dort will ich eine neue Welt schaffen: aus Nichts soll sie geboren werden, und ins Nichts soll sie einst wieder zurückkehren. Die Geschöpfe, die dort leben werden, sollen sich für Götter halten wie wir, und unsere Freude soll sein, sie kämpfen und prahlen zu sehen. Die Welt der Torheit soll sie darum auch heissen. Was sagt mein Bruder Lucifer, der mit mir die Macht über diese Reiche südlich der Milchstrasse teilt?
LUCIFER:
Herr und Bruder, dein böser Wille heischt Leid und Verderben; ich liebe deinen Gedanken nicht.
GOTT:
Was sagen die Engel zu meinem Vorschlag?
DIE ENGEL:
Der Wille des Herrn geschehe!
GOTT:
Es werde, wie ich gesagt! Und wehe denen, welche die Tröpfe in der Welt der Torheit über ihren Ursprung und ihre Aufgabe aufklären.
LUCIFER:
Wehe denen, die böse gut und gut böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus bitter süss und aus süss bitter machen! Ich lade dich vor das Gericht des Ewigen!
GOTT:
Das warte ich ab! Denn begegnest du dem Ewigen öfter als alle zehn mal zehntausend Jahre, wenn er diese Gebiete besucht?
LUCIFER:
Ich werde den Menschen die Wahrheit sagen, auf dass deine Anschläge zu nichte werden.
GOTT:
Verflucht seist du Lucifer! Und dein Platz sei in der Welt der Torheit, damit du ihre Qualen siehst; und die Toren sollen dich den Bösen nennen!
LUCIFER:
Du wirst siegen, weil du stark bist wie das Böse! Für die Menschen wirst du Gott sein, Du, der Verleumder, der Satan!
GOTT:
Hinunter mit dem Empörer! Vorwärts, Michael, Raphael, Gabriel, Uriel! Stosst: Samael, Azarël, Mehazaël! Blast: Oriens, Paymon, Egyn, Amaimon! (Lucifer wird von einem Wirbelwind erfasst und in die Abgründe gestürzt.)
Zweiter Akt
AUF ERDEN
Adam und Eva unter dem Baum der Erkenntnis. Dann Lucifer in der Gestalt einer Schlange.
EVA:
Diesen Baum habe ich noch nie gesehen.
ADAM:
Diesen Baum dürfen wir nicht berühren.
EVA:
Wer hat das gesagt?
ADAM:
Gott.
LUCIFER: (erscheint). Welcher Gott? Es gibt mehrere!
ADAM:
Wer spricht da?
LUCIFER:
Ich, Lucifer, der Lichtbringer, der euer Glück wünscht, der unter euren Leiden leidet. Seht den neuen Morgenstern, der die Rückkehr der Sonne verkündet! Das ist mein Stern, und darüber befindet sich ein Spiegel, der das Licht der Wahrheit zurückstrahlt. Wenn die Zeit erfüllt ist, wird der Stern aus einer Wüste Hirten an eine Krippe führen, in der mein Sohn geboren werden wird, der Erlöser der Welt.
Sobald ihr von diesem Baum esset, werdet ihr wissen, was gut und was böse ist. Ihr werdet wissen, dass das Leben ein Übel ist, dass ihr keine Götter seit, dass der Böse euch mit Blindheit geschlagen hat, dass euer Dasein sich nur abrollt, um die Götter zum Lachen zu bringen. Esset davon und ihr werdet die Befreiung von den Schmerzen, die Freude des Todes, besitzen!
EVA:
Ich möchte wissen und befreit werden! Iss auch, Adam. (Sie essen die verbotene Frucht.)
Dritter Akt
DER HIMMEL
Gott und Uriel.
URIEL:
Wehe uns, unsere Freude ist aus.
GOTT:
Was ist geschehen?
URIEL:
Lucifer hat den Bewohnern der Erde unsere Handlungsweise enthüllt; sie wissen alles und sind glücklich.
GOTT:
Glücklich! Wehe uns!
URIEL:
Noch mehr, er hat ihnen das Geschenk der Befreiung gegeben: sie können also ins Nichts zurückkehren.
GOTT:
Sterben!... Gut! Dann sollen sie sich vermehren, ehe sie sterben. Es werde die Liebe!
Vierter Akt
IN DER HÖLLE
LUCIFER:
(gebunden). Seit die Liebe in die Welt gekommen ist, ist meine Macht tot. Abel wurde durch Kain befreit, aber erst, nachdem er sich mit seiner Schwester fortgepflanzt hatte. Ich will euch alle befreien! Wasser, Meere, Quellen, Flüsse, ihr wisst die Flamme des Lebens zu erlöschen, steigt! vernichtet!
Fünfter Akt
DER HIMMEL
Gott und Uriel.
URIEL:
Wehe uns, unsere Freude ist aus.
GOTT:
Was ist geschehen?
URIEL:
Lucifer hat auf das Wasser geblasen: es steigt und befreit die Sterblichen!
GOTT:
Ich weiss! Aber ich habe ein Paar von den am wenigsten Aufgeklärten gerettet, das niemals das Wort des Rätsels erfahren wird. Die Arche der beiden ist schon auf dem Berg zwischen den drei Wassern gelandet, und sie haben Dankopfer dargebracht.
URIEL:
Aber Lucifer hat ihnen eine Pflanze gegeben, die sie Weinrebe nennen und deren Säfte die Torheit heilt. Ein Trunk Wein, und sie werden sehend.
GOTT:
Die Vorwitzigen! Sie wissen nicht, dass ich ihre Pflanze mit seltsamen Tugenden begabt habe: Wahnsinn, Schlaf, Vergessen. Sie werden nicht mehr wissen, was ihre Augen gesehen haben.
URIEL:
Wehe uns! Was machen sie dort unten, die törichten Bewohner der Erde?
Sie bauen einen Turm. Sie wollen den Himmel stürmen. Lucifer hat sie fragen gelehrt. Gut! Ich werde ihre Zungen berühren, dass sie Fragen fragen, ohne Antwort zu erhalten; und mein Bruder Lucifer verstumme.
Sechster Akt
DER HIMMEL
Gott und Uriel.
URIEL:
Wehe uns, Lucifer hat seinen Sohn gesandt, der den Menschen die Wahrheit lehrt....
GOTT:
Was sagt er?
URIEL:
Geboren von einer Jungfrau, will dieser Sohn gekommen sein, um die Menschen zu befreien, und durch seinen eigenen Tod will er den Schrecken des Todes aufheben.
GOTT:
Was sagen die Menschen?
URIEL:
Die einen sagen, der Sohn sei Gott, die andern, er sein der Teufel.
GOTT:
Was verstehen sie unter dem Teufel?
URIEL:
Lucifer!
GOTT:
(zornig). Mich reut, den Menschen auf Erden geschaffen zu haben; er ist stärker geworden als ich, und ich weiss nicht mehr, wie ich diese Menge von Toren und Dummen lenken soll. Amaimon, Egyn, Paymon, Oriens, nehmt mir diese Last ab; stürzt den Ball in die Abgründe. Fluch auf das Haupt der Rebellen! Pflanzt auf der Stirn des verwünschten Planeten den Galgen auf, das Zeichen des Verbrechens, der Züchtigung und des Leidens.
(Egyn und Amaimon erscheinen.)
EGYN:
Herr! Euer grausamer Wille und das ausgesprochene Wort haben ihre Wirkung getan! Die Erde stürmt auf ihrer Bahn dahin; die Berge stürzen ein, die Wasser überschwemmen das Land; die Achse zielt nach Norden; Kälte und Finsternis, Pest und Hunger verheeren die Völker; die Liebe ist in tödlichen Hass verwandelt, die kindliche Ehrerbietung in Elternmord. Die Menschen glauben in der Hölle zu sein, und Ihr, Herr, Ihr seid entthront!
GOTT:
Zu Hilfe! Ich bereue meine Reue!
AMAIMON:
Zu spät! Alles geht seinen Gang, seit Ihr die Kräfte entfesselt habt....
GOTT:
Ich bereue! Ich habe Funken meiner Seele in unreine Geschöpfe gelegt, deren Hurerei mich erniedrigt, wie die Gattin ihren Gatten besudelt, wenn sie ihren Körper besudelt.
EGYN (zu Amaimon):
Der Alte redet irre!
GOTT:
Meine Tatkraft erschöpft sich, wenn sie sich von mir entfernen; ihre Verderbnis ergreift mich; die Torheit meiner Nachkommenschaft steckt mich an. Was habe ich begangen, Ewiger? Habe Erbarmen mit mir! Weil er den Fluch geliebt hat, falle der Fluch auf ihn zurück; und weil er kein Wohlgefallen am Segen gehabt hat, weiche der Segen von ihm.
EGYN:
Welcher Wahnsinn!
GOTT:
(wirft sich nieder). Herr, Ewiger, es gibt unter den Göttern keinen, der dir ähnlich ist! Deine Werke sind unvergleichlich. Denn du bist gross und du tust Wunder; und du allein bist Gott, du allein!
AMAIMON:
Wahnsinn!
EGYN:
Das ist der Lauf der Welt: wenn die Götter sich vergnügen, die Sterblichen sie drum betrügen!...
[INFERNO]
1894—1897
Motto
Beuge dein Haupt, stolzer Recke
Bete an, was du verbrannt hast;
Verbrenne, was du angebetet hast!
Und will mein Angesicht wider ihn setzen
und ihn mit Schauder schlagen,
dass er zum Zeichen und Sprichwort wird.
Hesekiel 14,8.
Unter welchen ist Hymenäus und Alexander,
welche ich habe dem Satan übergeben,
dass sie gezüchtigt werden, nicht mehr zu lästern.
1. Timotheus I,20.
[1.]
Die Hand des Unsichtbaren.
Mit einem Gefühl wilder Freude kehrte ich vom Nordbahnhof zurück, wo ich meine liebe Frau verlassen hatte; sie fuhr zu unserm Kind, das in fernem Land erkrankt war. Vollbracht war also das Opfer meines Herzens! Die letzten Worte: "Wann sehen wir uns wieder?—Bald!" klangen mir noch im Ohr, wie Lügen, die man sich nicht eingestehen will; eine Ahnung sagte mir: "Niemals!" Und wirklich, diese Abschiedsworte, die wir in November 1894 wechselten, waren unsere letzten, denn bis zu diesem Augenblick, im Mai 1897, habe ich meine geliebte Gattin nicht wiedergesehen.
Als ich ins Café de la Régence kam, setzte ich mich an den Tisch, an dem ich mit meiner Frau zu sitzen pflegte, meiner schönen Gefangenenwärterin, die Tag und Nacht meine Seele belauerte, meine geheimen Gedanken ahnte, den Flug meiner Ideen bewachte, auf mein Forschen im Unbekannten eifersüchtig war....
Durch die wiedergewonnene Freiheit dehnt sich mein Ich aus und ich werde hinausgehoben über die kleinen Sorgen der grossen Stadt. Auf diesem Schauplatz geistiger Kämpfe hatte ich eben einen Sieg davongetragen, der an sich wertlos, für mich aber über die Massen gross war, da er die Erfüllung meines Jugendtraumes ausmachte, von allen meinen Landsleuten geträumt, aber allein von mir verwirklicht: auf einer Pariser Bühne gespielt zu sein. Das Theater stiess mich ab, wie alles, was man erreicht hat, und die Wissenschaft zog mich an. Zwischen Liebe und Wissen wählen müssend, hatte ich mich dafür entschieden, nach der höchsten Erkenntnis zu streben; und da ich selber meine Liebe opferte, vergass ich das unschuldige Opfer, das ich meinem Ehrgeiz oder meinem Beruf brachte.
Sobald ich in mein schlechtes Studentenzimmer im lateinischen Viertel zurückkehre, durchsuche ich meinen Koffer und ziehe aus ihrem Versteck sechs Tiegel aus feinem Porzellan hervor; die habe ich längst gekauft, obwohl sie mir für meine Verhältnisse zu teuer waren. Eine Zange und ein Paket reinen Schwefels vollenden die Einrichtung des Laboratoriums.
Ein Schmelzofenfeuer ist im Kamin angezündet, die Tür geschlossen und die Vorhänge heruntergelassen; denn drei Monate nach der Hinrichtung Caserios ist es nicht klug, in Paris chemische Werkzeuge in die Hand zu nehmen.
Die Nacht sinkt herab, der Schwefel brennt wie höllische Flammen, und gegen Morgen habe ich Kohlenstoff in diesem für ein Element gehaltenen Körper festgestellt. Damit glaube ich das grosse Problem gelöst, die herrschende Chemie gestürzt und die Sterblichen vergönnte Unsterblichkeit erworben zu haben.
Aber die Haut meiner Hände, die von dem starken Feuer fast gebraten ist, schält sich in Schuppen ab, und der Schmerz, den ich beim Auskleiden an den Händen leide, zeigt mir, welchen Preis ich für meinen Sieg gezahlt habe. Doch als ich allein im Bette liege, das noch nach der Frau duftet, fühle ich mich selig. Ein Gefühl seelischer Reinheit, männlicher Jungfräulichkeit empfindet das vergangene Eheleben als etwas Unreines; und ich bedaure nur, niemand zu haben, dem ich für meine Befreiung aus seinen schmutzigen, nun ohne viel Worte zerrissenen Fesseln danken könnte. Ich bin nämlich im Lauf der Jahre Atheist geworden, da die unbekannten Mächte die Welt sich selber überlassen haben, ohne ein Lebenszeichen von sich zu geben.
Jemand, dem ich danken könnte! Es ist niemand da, und meine mir aufgedrängte Undankbarkeit bedrückt mich!
Auf meine Entdeckung eifersüchtig, tue ich keine Schritte, um sie bekannt zu machen. In meiner Schüchternheit wende ich mich weder an Autoritäten noch an Akademien. Während ich meine Experimente fortsetze, verschlimmern sich meine aufgesprungenen Hände, die Schrunden brechen auf und füllen sich mit Kohlenstaub; das Blut sickert hervor und die Schmerzen werden so unerträglich, dass ich nichts mehr anfassen kann. Diese Qualen, die mich rasend machen, möchte ich den unbekannten Mächten zuschreiben, die mich seit Jahren verfolgen und meine Anstrengungen vereiteln. Ich meide die Menschen, versäume die Gesellschaften, lehne Einladungen ab, entfremde mich den Freunden. Schweigen und Einsamkeit breiten sich um mich. Es ist die feierliche und furchtbare Stille der Wüste, in der ich aus Trotz den Unbekannte herausfordere, um mit ihm zu ringen Leib an Leib, Seele an Seele.
Dass der Schwefel Kohlenstoff enthält, habe ich nachgewiesen; jetzt will ich Wasserstoff und Sauerstoff entdecken, denn die müssen ebenfalls darin vorhanden sein. Doch meine Apparate reichen dazu nicht, mir fehlt Geld, meine Hände sind schwarz und blutend, schwarz wie das Elend, blutig wie mein Herz. Denn während dieser Zeit stand ich im Briefwechsel mit meiner Frau. Ich erzählte ihr von meinen Erfolgen in der Chemie; sie antwortet mit Berichten über die Krankheit unseres Kindes, in die sie hier und dort einstreut, dass meine Wissenschaft eitel sei, und dass es töricht sei, dafür Geld fortzuwerfen.
In einer Anwandlung gerechten Stolzes, in dem leidenschaftliches Verlangen, mir selber ein Leid anzutun, begehe ich den Selbstmord, in einem nichtswürdigen, unverzeihlichen Briefe Weib und Kind von mir zu stossen, indem ich zu verstehen gebe, dass ein neues Liebesverhältnis meine Gedanken beschäftige.
Der Hieb sitzt. Meine Frau antwortet mit einer Klage auf Scheidung.
Allein, des Selbstmordes und Meuchelmordes schuldig, vergesse ich das Verbrechen über den Kummer und die Sorgen. Niemand besucht mich, und ich kann niemand sehen, da ich alle gekränkt habe.
Über die Fläche eines Meeres treibe ich allein dahin; den Anker habe ich gelichtet, doch ich habe keine Segel.
Aber die Not, in der Form einer unbezahlten Rechnung, unterbricht meine wissenschaftlichen Arbeiten und meine metaphysischen Spekulationen und ruft mich auf die Erde zurück.
Weihnachten nähert sich. Die Einladung einer skandinavischen Familie, deren Atmosphäre mir wegen ihrer peinlichen Unregelmässigkeiten missfällt, habe ich schroff abgelehnt. Als aber der Abend da ist und ich allein bin, reut es mich und ich gehe doch hin.
Man setzt sich zu Tisch, und das Nachtmahl beginnt mit grossem Lärm und ausgelassener Freude, denn die jungen Künstler fühlen sich hier wie zu Hause. Eine mich abstossende Vertraulichkeit der Gebärden und Mienen, ein Ton, der nicht nach Familie klingt, drückt mich in einer Weise nieder, wie ich sie nicht beschreiben kann. Mitten in den Saturnalien lässt meine Traurigkeit vor meinem Innern das friedliche Haus meiner Frau erscheinen. Der Salon ruft eine plötzliche Vision in mir hervor: der Weihnachtsbaum, die Mistel, mein Töchterchen, ihre verlassene Mutter.... Gewissensqual packt mich; ich stehe auf, schütze ein Unwohlsein vor und gehe.
Ich gehe die schreckliche Rue de la Gaieté hinunter, auf der die gekünstelte Fröhlichkeit der Menge mich verletzt; dann die düstere und stille Rue Delambre, die mehr als eine andere Strasse des Viertels einen zur Verzweiflung bringen kann. Ich biege in den Boulevard Montparnasse ein und lasse mich auf der Terrasse der Brasserie de Lilas auf einen Stuhl fallen.
Ein guter Absinth tröstet mich einige Minuten lang. Dann überfällt mich eine Bande Kokotten und Studenten, die mich mit Ruten ins Gesicht schlagen. Wie von Furien gejagt, lasse ich meinen Absinth stehen und beeile mich einen andern zu suchen, im Café François Premier, auf dem Boulevard Saint-Michel.
Von der Asche ins Feuer! Ein zweiter Trupp schreit mich an: Heda, der Einsiedler! Von den Eumeniden gepeitscht, fliehe ich nach Haus, geleitet von den entnervenden Fanfaren der Zwiebelflöten.
Der Gedanke, dass es eine Züchtigung sein könne, die Folge eines Verbrechens, kommt mir nicht. Vor mir selber fühle ich mich unschuldig, halte mich für den Gegenstand einer ungerechten Verfolgung. Die unbekannten Mächte haben mich gehindert, mein grosses Werk fortzusetzen; die Hindernisse mussten durchbrochen werden, ehe ich die Krone des Siegers davontragen konnte.
Ich habe unrecht gehabt, und zugleich habe ich recht und werde recht behalten!
Diese Weihnacht schlief ich schlecht. Ein kalter Luftzug schnitt mehrere Male mein Gesicht, und von Zeit zu Zeit weckte mich der Ton einer Maultrommel.
Eine zunehmende Hinfälligkeit kommt über mich. Meine schwarzen und blutenden Hände hindern mich daran mich anzukleiden und mein Äusseres zu pflegen. Die Furcht vor der Hotelrechnung lässt mir keine Ruhe mehr, und ich gehe in meinem Zimmer hin und her, wie ein wildes Tier in seinem Käfig.
Ich esse nicht mehr, und der Wirt rät mir, ins Krankenhaus zu gehen. Damit ist mir nicht geholfen, denn es ist teuer, auch muss man vorher bezahlen.
Da macht sich eine Anschwellung der Armadern bemerkbar, das ist das Zeichen für eine Blutvergiftung. Das ist der Gnadenstoss.
Die Neuigkeit verbreitet sich unter meinen Landsleuten und eines Abends kommt die barmherzige Frau, von deren Weihnachtsessen ich so brüsk aufgebrochen, die mir antipathisch war, die ich beinahe verachtete, sucht mich auf, erkundigt sich nach meinem Befinden, erfährt mein Elend und bezeichnet mir unter Tränen das Krankenhaus als einzige Rettung.
Man wird begreifen, wie hilflos und zerknirscht ich dastehe, als mein beredtes Schweigen ihr klar macht, dass ich ohne Mittel bin. Als sie mich so gefallen sieht, wird sie von Mitleid erfasst. Selber arm und von der Sorge ums tägliche Leben bedrückt, will sie in der skandinavischen Kolonie Almosen sammeln und zum Geistlichen der Gemeinde gehen.
Die sündige Frau hat Erbarmen mit dem Mann, der eben sein rechtmässiges Weib verlassen hat.
Noch einmal Bettler, durch die Vermittlung einer Frau um Barmherzigkeit bittend, beginne ich zu ahnen, dass es eine unsichtbare Hand gibt, welche die unwiderstehliche Logik der Ereignisse lenkt. Ich beuge mich unter dem Sturm, entschlossen, mich bei der ersten Gelegenheit wieder zu erheben.
Der Wagen bringt mich nach dem Krankenhaus des heiligen Ludwig. Unterwegs, in der Rue de Rennes, steige ich aus, um zwei weisse Hemden zu kaufen.
—Das Totenhemd für die letzte Stunde.
Ich denke wirklich an den nahen Tod, ohne dass ich sagen kann, warum.
Im Krankenhaus wird mir verboten, ohne Erlaubnis auszugehen; dazu sind meine Hände so umwickelt, dass mir jede Beschäftigung unmöglich wird; ich fühle mich daher als Gefangener.
Mein Zimmer ist abstrakt, nackt, enthält nur das Nötigste, zeigt keine Spur von Schönheit; es liegt neben dem Gesellschaftssaal, wo man vom Morgen bis zum Abend raucht und Karten spielt.
Es läutet zum Frühstück. Als ich mich zu Tisch setze, finde ich mich in einer furchtbaren Gesellschaft. Köpfe von Toten und Sterbenden: hier fehlt die Nase, dort ein Auge; dort hängt die Lippe herab, hier ist die Wange angefault. Zwei sehen nicht krank aus, zeigen dafür aber in ihrem Gesicht Gram und Verzweiflung. Das sind grosse Diebe der feinen Gesellschaft, die infolge mächtiger Verbindungen als "Kranke" dem Gefängnis entronnen sind.
Ein widerwärtiger Geruch nach Jodoform nimmt mir den Appetit. Und da meine Hände gebunden sind, muss ich beim Brotschneiden und Einschenken die Hilfe meiner Nachbarn in Anspruch nehmen. Um dieses Gastmahl der Verbrecher und zum Tode Verurteilten geht die grosse Mutter, die Vorsteherin, mit ihrer ernsten Tracht in schwarz und weiss und gibt einem jeden von uns seine giftige Arznei. Mit einem Arsenikbecher trinke ich einem Totenkopf zu, der mir mit Digitalin nachkommt. Das ist grausig, und dabei muss man noch dankbar sein: das macht mich rasend! Für etwas so Geringes und Unangenehmes auch noch dankbar sein zu müssen!
Man kleidet mich an, man kleidet mich aus, man pflegt mich wie ein Kind, die barmherzige Schwester fasst Zuneigung zu mir, behandelt mich wie ein Baby, nennt mich "mein Kind", während ich "meine Mutter" zu ihr sage.
Wie wohl tut es, dieses Wort Mutter aussprechen zu können, das seit dreissig Jahren nicht mehr über meine Lippen gekommen ist! Die Alte, eine Augustinerin, die das Kleid der Toten trägt, weil sie nie das Leben gelebt hat, ist sanft wie die Resignation und lehrt uns, über unsere Leiden wie über ebenso viele Freuden lächeln, denn sie kennt die Wohltaten des Schmerzes. Nicht ein Wort des Vorwurfs, weder Ermahnungen noch Predigten.
Sie kennt die Bestimmungen der weltlich gemachten Krankenhäuser so gut, dass sie den Kranken, nicht sich selber, kleine Freiheiten gewähren kann. So erlaubt sie mir, in meinem Zimmer zu rauchen, und erbietet sich, selber mir Zigaretten zu drehen; das lehne ich jedoch ab. Sie verschafft mir die Erlaubnis, ausser den gewöhnlichen Stunden auszugehen. Als sie entdeckt, dass ich mich mit Chemie beschäftige, führt sie mich bei dem gelehrten Apotheker des Krankenhauses ein. Der leiht mir Bücher und fordert mich, als ich ihm meine Lehre von der Zusammensetzung der einfachen Körper darlege, auf, in seinem Laboratorium zu arbeiten. Diese Nonne hat eine Rolle in meinem Leben gespielt. Ich fange an, mich mit meinem Los wieder auszusöhnen und preise das gute Unglück, das mich unter dieses gesegnete Dach geführt hat.
Das erste Buch, das ich mir aus der Bibliothek des Apothekers hole, öffnet sich von selbst, und mein Blick schiesst wie ein Falke auf eine Zeile des Kapitels: Phosphor.
In zwei Worten erzählt der Autor, der Chemiker Lockyer habe durch die Spektralanalyse gezeigt, dass der Phosphor kein einfacher Körper ist; Lockyers Bericht über seine Versuche sei der Pariser Akademie der Wissenschaften vorgelegt worden, die den Tatbestand nicht habe leugnen können.
Durch diesen unerwarteten Beistand gestärkt, nehme ich meine Tiegel mit den Rückstanden des nicht völlig verbrannten Schwefels und übergebe sie einem Bureau für chemische Analysen, das mir den Schein für den nächsten Morgen verspricht.
Es war mein Geburtstag. Als ich ins Krankenhaus zurückkehre, finde ich einen Brief von meiner Frau. Sie beweint mein Unglück, will sich wieder mit mir vereinigen, mich pflegen, mich lieben.
Das Glück, trotz allem geliebt zu sein, erzeugt in mir das Bedürfnis zu danken. Aber wem! Dem Unbekannten, der sich so viele Jahre verborgen hatte?
Das Herz schlägt mir, ich bekenne die nichtswürdige Lüge über meine angebliche Untreue, ich bitte um Verzeihung, und ehe ich mich dessen versehe, schreibe ich wieder einen Liebesbrief an meine Ehegattin. Doch verschiebe ich unsere Wiedervereinigung auf einen günstigeren Zeitpunkt.
Am nächsten Morgen eile ich zu meinem Chemiker nach dem Boulevard Magenta.
Im geschlossenen Umschlag bringe ich den Schein der Analyse ins Krankenhaus. Als ich auf dem innern Hof am Standbild des heiligen Ludwig vorbeigehe, erinnere ich mich an die drei Werke des Heiligen: die Blindenanstalt, die Universität, die Kapelle; die kann man übersetzen: "Vom Leiden durch Wissen zur Busse."
In meinem Zimmer eingeschlossen, öffne ich den Umschlag, der meine Zukunft entscheiden soll. Ich lese:
"Das uns zur Untersuchung übergebene Pulver zeigt diese Eigenschaften. Farbe: grauschwarz; hinterlässt Spuren auf Papier. Dichtigkeit: sehr gross, grösser als die mittlere Dichtigkeit des Graphit; es scheint ein harter Graphit zu sein. Chemische Untersuchung: dieses Pulver brennt leicht und entwickelt dabei Kohlenoxyd und Kohlensäure; es enthält also Kohle."
Reiner Schwefel enthält Kohle!
Ich bin gerettet. Ich kann in Zukunft meinen Freunden und Verwandten beweisen, dass ich kein Tor bin. Bestätigt sind die Lehren, die ich in meiner Arbeit "Antibarbarus" aussprach. Als ich die vor einem Jahr veröffentlichte, behandelte die Presse sie wie das Werk eines Charlatans oder Toren, und meine Familie jagte mich davon als Taugenichts, als ein Cagliostro.
Jetzt, meine Gegner, seid ihr zu Boden geschlagen! Mein Ich schwillt von gerechtem Stolz, ich will das Krankenhaus verlassen, auf den Strassen schreien, vor dem Institut brüllen, die Universität niederreissen ... aber meine Hände sind mir gebunden, und als ich auf den Hof hinauskomme, rät mir die hohe Einfriedung: Geduld.
Als ich dem Apotheker das Ergebnis der Analyse mitteile, schlägt er mir vor, eine Kommission zusammenzubringen, vor der ich meine Behauptung durch versuche beweise.
Da ich aber nicht warten will und meine Scheu vor öffentlichen Auftritten kenne, schreibe ich einen Aufsatz über den Gegenstand und schicke den an die Temps.
Nach zwei Tagen erscheint der Artikel.
Die Losung ist gegeben. Man antwortet mir von verschiedenen Seiten, ohne die Tatsache zu leugnen. Ich habe Anhänger gefunden, ich bin Mitarbeiter einer chemischen Zeitschrift geworden, beginne einen Briefwechsel, der meine weiteren Untersuchungen fördert.
An einem Sonntag, dem letzten, den ich im Fegefeuer des heiligen Ludwig verbringe, sitze ich am Fenster und beobachte, was auf dem Hof vorgeht. Die beiden Diebe gehen mit ihren Frauen und ihren Kindern spazieren, küssen sie von Zeit zu Zeit und sehen glücklich aus, wie sie sich an der Liebe wärmen, die das Unglück schürt.
Meine Einsamkeit bedrückt mich, und ich verwünsche mein Schicksal, das ich ungerecht finde, indem ich vergesse, dass mein Verbrechen ihre an Nichtswürdigkeit übertrifft.
Der Briefträger bringt einen Brief von meiner Frau. Der Brief ist von eisiger Kälte. Mein Erfolg hat sie verletzt, und sie gibt vor, ihr Zweifel stütze sich auf die Ansicht eines Chemikers von Fach. Dann fügt sie hinzu, Illusionen seien gefährlich und könnten zu Gehirnkrisen führen. Übrigens, was erreichte ich mit all dem? Könnte ich mit der Chemie eine Familie ernähren?...
Noch einmal die Alternative: Liebe oder Wissenschaft! Ohne zu zögern, schlage ich sie mit einem letzten Abschiedsbrief zu Boden, mit mir zufrieden, wie ein Mörder, der seinen Anschlag ausgeführt hat.
Am Abend gehe ich in dem düsteren Viertel spazieren. Ich überschreite den St. Martins-Kanal, der schwarz wie ein Grab ist und eigens dazu gemacht zu sein scheint, damit man sich darin ertränkt. Ich bleibe an der Ecke der Rue Alibert stehen. Warum Alibert? Wer ist das? Hiess nicht der Graphit, den der Chemiker in meinem Schwefel fand, Alibert-Graphit? Was folgt daraus? Es ist eine Grille, aber der Eindruck von etwas unerklärlichem bleibt mir. Dann Rue Dieu. Warum Gott, wenn er von der Republik abgeschafft ist? Hat sie doch das Pantheon seiner ursprünglichen Bestimmung entzogen!—Rue Beaurepaire. Ein "schöner Aufenthalt" für Missetäter ... Rue de Bondy. Führt mich der Dämon? ... Ich lese die Strassennamen nicht mehr, gehe irre, kehre um auf meinen Spuren, ohne jedoch den Weg wiederzufinden. Ich fahre vor einem ungeheuren Schuppen zurück, der nach rohem Fleisch und verfaultem Gemüse, besonders nach Sauerkraut, stinkt.... Verdächtige Gestalten streifen an mir vorbei und lassen grobe Worte fallen.... Ich habe Furcht vor dem Unbekannten; wende mich rechts, dann links und gerate in eine schmutzige Sackgasse, wo Unrat, Laster und Verbrechen zu hausen scheinen. Dirnen versperren mir den Weg, Strassenjungen lachen mich aus.... Die Szene der Weihnacht wiederholt sich: Vae soli!
Wer legt mir diesen Hinterhalt, sobald ich mich von der Welt und Menschen trenne? Irgendjemand hat mich in diese Falle gehen lassen! Wo ist er? Dass ich mit ihm kämpfe!...
Ein mit schmutzigem Schnee gemischter Regen fällt, gerade wie ich zu laufen anfange.... Im Hintergrund einer kleinen Strasse zeichnet sich vom Himmelsgewölbe in Russschwarz ein ungeheures Tor ab, ein Werk von Cyklopen, ein Tor ohne Palast dahinter, das sich auf ein Meer von Licht öffnet....
Ich frage einen Polizisten, wo ich bin.
—Am St. Martins-Tor, mein Herr.
Zwei Schritte führen mich auf die grossen Boulevards, die ich hinuntergehe. Die Uhr des Theaters zeigt sechs ein Viertel. Es ist gerade die Absinthstunde, und meine Freunde erwarten mich aus Gewohnheit im Café Napolitain. Ich gehe eilig weiter und vergesse Krankenhaus, Kummer und Armut. Als ich aber am Café du Cardinal vorbeikomme stosse ich an einen Tisch, hinter dem ein Herr sitzt. Ich kenne ihn nur dem Namen nach, aber er kennt mich, und in einer Sekunde sagen mir seine Augen:
—Sie hier? Sie sind also nicht im Krankenhaus? Schwindel das Liebeswerk!
Ich fühle, dass dieser Mann einer meiner unbekannten Wohltäter ist, dass er mir Almosen gegeben hat, dass ich für ihn ein Bettler bin, der nicht das Recht hat, ins Café zu gehen.
Bettler! Das ist das rechte Wort, das mir in den Ohren klingt und mir die brennende Röte der Scham, der Demütigung, der Wut in die Wangen treibt.
Vor sechs Wochen sass ich hier; mein Theaterdirektor liess sich von mir einladen und nannte mich "lieber Meister", die Journalisten baten mich um Interviews; der Photograph bat mich um die Ehre, meine Bilder verkaufen zu dürfen.... Und jetzt: Bettler, gebrandmarkt, aus der Gesellschaft verbannt!
Gestäupt, gehetzt, zum äussersten getrieben, streife ich den Boulevard hinunter wie ein Nachtschwärmer und ziehe mich zurück in meinen Zufluchtsort bei den Pestkranken. Dort, im meinem Zimmer eingeschlossen, bin ich zu Hause.
Wenn ich über mein Schicksal nachdenke, erkenne ich wieder die unsichtbare Hand, die mich straft und mich auf ein Ziel hintreibt, das ich noch nicht ahne. Sie gibt mir den Ruhm, während sie mir zugleich die Ehren der Welt verweigert; sie demütigt mich, indem sie mich erhöht; sie erniedrigt mich, um mich zu erheben.
Wieder kommt mir der Gedanke, die Vorsehung habe mich zu einer Mission bestimmt, und dies sei der Anfang meiner Erziehung.
Im Februar verlasse ich das Krankenhaus, nicht geheilt, aber genesen von den Versuchungen dieser Welt. Als ich ging, habe ich die Hand der guten Mutter, die mir, ohne zu predigen, den Weg des Kreuzes gezeigt hat, küssen wollen, aber ein Gefühl der Ehrfurcht, wie vor etwas Heiligem hat mich zurückgehalten.
Möge sie nun im Geist diese Danksagung eines verirrten Fremdlings empfangen, der sich jetzt in einem fernen Lande verborgen hat.
[2.]
Der heilige Ludwig führt mich bei dem seligen Herrn Orfila ein.
In einem bescheidenen möblierten Zimmer, das ich mir gemietet habe, setze ich den ganzen Winter hindurch meine chemischen Arbeiten fort. Bis gegen Abend bleibe ich zu Hause, dann gehe ich aus, um in einer Cremerie, wo Künstler aus verschiedenen Länder einen Kreis gebildet haben, zu Mittag zu essen. Nach dem Essen besuche ich die Familie, die ich in einem Augenblick der Sittenstrenge verlassen hatte. Die ganze Gesellschaft von anarchistischen Künstlern ist dort, und ich bin zu ertragen verurteilt, was ich hatte vermeiden wollen: leichte Sitten, lockere Moral, absichtliche Gottlosigkeit. Aber sie haben viel Talent und sehr viel Geist; ein einziger hat Genie, ein wildes Genie, das sich einen Namen gemacht hat.
Jedenfalls ist es eine Familie, in der man mich liebt, und ich bin ihnen Dank schuldig; daher mache ich mich blind und taub gegen alles, was zu ihren kleinen Angelegenheiten gehört und mich nichts angeht.
Wenn ich diese Leute aus einem nicht gerechtfertigten Stolz geflohen hätte, so wäre die Strafe logisch gewesen; da aber der Grund meiner Flucht die Sehnsucht war, meine Persönlichkeit zu läutern und meine Seele zu bebauen, indem ich mich in der Einsamkeit sammelte, begreife ich in diesem Fall die Methode der Vorsehung nicht; ich bin nämlich von so weichem Charakter, dass ich mich aus reiner Umgänglichkeit und aus Furcht, undankbar zu sein, der Umgebung anpasse.
Durch meine klägliche und anstössige Armut aus der Gesellschaft verbannt, war ich glücklich, für die langen Winterabende eine Zuflucht zu finden, wenn ich auch unter der schlüpfrigen Unterhaltung sehr litt.
Nachdem ich entdeckt habe, dass die unsichtbare Hand meine Schritte auf dem holperigen Wege lenkt, fühle ich mich nicht mehr einsam, und ich beobachte mich streng in Handlungen und Worten, wenn es mir auch nicht immer gelingt. Sobald ich aber gesündigt habe, ertappt mich jemand auf frischer Tat, und die Strafe stellt sich mit einer Pünktlichkeit und einer Spitzfindigkeit ein, die keine Zweifel lassen, dass hier eine Macht eingreift, die verbessern will. Der Unbekannte ist mir eine persönliche Bekanntschaft geworden: ich spreche zu ihm, ich danke ihm, ich frage ihn um Rat. Manchmal stelle ich mir ihn als meinen Diener vor, dem Daimon des Sokrates ähnlich, und das Bewusstsein, durch den Unbekannten unterstützt zu werden, gibt mir eine Energie und eine Sicherheit, dass ich eine Kraft zeige, die ich mir nie zugetraut hätte.
Mit den Menschen zerfallen, werde ich in einer anderen Welt wiedergeboren, in die mir niemand folgen kann. Nichtssagende Geschehnisse ziehen meine Aufmerksamkeit auf sich; die Träume der Nacht kleiden sich in die Form von Vorahnungen; ich denke, ich bin gestorben und mein Leben verläuft in einer anderen Sphäre.
Nachdem ich nachgewiesen habe, dass Schwefel Kohlenstoff enthält, habe ich noch Wasserstoff und Sauerstoff zu entdecken, auf die aus Analogie geschlossen werden kann.
Zwei Monate vergehen unter Berechnungen und Grübeleien, aber ich habe nicht die nötigen Werkzeuge, um Versuche zu machen. Ein Freund rät mir, in das Laboratorium der Sorbonne zu gehen, das auch Fremden offen steht. Da ich scheu bin und die Menge fürchte, wage ich nicht, mich dazu zu entschliessen. So stehen meine Arbeiten still, und ein Augenblick der Abspannung tritt ein.
An einem schönen Frühlingsmorgen erhebe ich mich bei guter Laune, gehe die Rue de la Grande Chaumière hinunter und komme in die Rue de Fleurus, die sich auf den Luxemburg-Garten öffnet. Die hübsche kleine Strasse ist ruhig, die grosse Kastanienallee ist grün, leuchtend, breit und gerade wie eine Rennbahn, und ganz im Hintergrund erhebt sich wie ein Grenzstein die David-Säule, und in der Ferne, über allem, die Kuppel des Pantheon, dessen goldenes Kreuz sich fast in den Wolken verliert.
Über das symbolische Schauspiel entzückt, bleibe ich stehen. Als ich aber die Augen abwende, bemerke ich zu meiner Rechten in der Fleurusstrasse das Schild eines Färbers. Ah! eine Vision von unleugbarer Wirklichkeit. Auf das Schaufenster des Ladens sind die Anfangsbuchstaben meines Namens gemalt: A. S. Sie schweben auf einer silberweissen Wolke, und über ihnen wölbt sich ein Regenbogen.
Ich nehme das Omen an, indem ich mich an die Genesis erinnere: "Meinen Bogen habe ich in die Wolke gesetzt, und er soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und er Erde."
Ich berühre den Boden nicht mehr, mit beflügeltem Schritt trete ich in den Garen ein, in dem sich niemand aufhält. Zu dieser frühen Stunde gehört der Park mir, gehört mir der Rosengarten, und ich besuche alle meine Blumen auf den langen, schmalen Beeten, die Chrysanthemen, die Verbenen, die Begonien.
Ich komme über die Rennbahn, erreiche den Grenzstein, gehe durch das Gittertor der Rue Soufflot und wende mich nach dem Boulevard Saint-Michel. Vor der Auslage der Buchhandlung von Blanchard bleibe ich stehen, nehme, ohne erst zu überlegen, einen alten Band der Chemie von Orfila in die Hand, öffne ihn auf gut Glück und lese: "Den Schwefel hat man unter die einfachen Körper eingereiht. Die scharfsinnigen Untersuchungen von H. Davy und dem jüngeren Berthollet gehen jedoch darauf aus zu beweisen, dass er Wasserstoff, Sauerstoff und eine besondere Base enthält, deren Ausscheidung bisher nicht möglich gewesen ist."
Man wird sich meine, ich möchte sagen religiöse, Ekstase vorstellen, als mir diese an ein Wunder grenzende Offenbarung wird. Davy und Berthollet hatten Wasserstoff und Sauerstoff nachgewiesen, ich Kohlenstoff. Mir kommt es also zu, die Formel des Schwefels aufzustellen.
Zwei Tage später liess ich mich in die naturwissenschaftliche Fakultät der Sorbonne (des heiligen Ludwig!) einschreiben, mit dem Recht, im Laboratorium Untersuchungen anzustellen.
Der Morgen, an dem ich mich nach der Sorbonne begab, war für mich ein feierliches Fest. Wenn ich mir auch keine Illusion machte, die Professoren, die mich mit der kalten Höflichkeit, die man dem Fremden, dem Eindringling zeigt, empfangen hatten, überzeugen zu können, so gab mir doch eine milde und ruhige Freude den Mut des Märtyrers, der eine Schar von Feinden angreift. Denn für mich ist bei meinem Alter die Jugend der natürliche Feind.
Als ich auf den Platz komme, wo die kleine Kirche der Sorbonne liegt, finde ich die Tür offen und trete ein, ohne eigentlich zu wissen, warum. Die jungfräuliche Mutter und das Kind grüssen mich mit einem milden Lächeln; der Gekreuzigte lässt mich kalt, erscheint mir wie immer unbegreiflich. Der heilige Ludwig, meine neue Bekanntschaft, der Freund der Elenden und Aussätzigen, lässt sich junge Theologen vorstellen. Ist der heilige Ludwig mein Schutzheiliger, mein guter Engel, der mich ins Krankenhaus getrieben, damit ich das Feuer der höchsten Not durchmache, bevor ich den Ruhm wiedererlange, der zu Unehre und Verachtung führt? Hat er mich nach der Buchhandlung von Blanchard geschickt? Hat er mich hierher gezogen?
Vom Atheismus bin ich in den vollständigen Aberglauben gefallen.
Als ich die Votivbilder betrachte, die vom glücklichen Ausgang der Prüfungen Zeugnis ablegen, tue ich das Gelübde, niemals die weltlichen Zeichen des Verdienstes anzunehmen, falls ich Erfolg habe.
Die Stunde hat geschlagen. Ich laufe Spiessruten durch die unbarmherzige Jugend; sie weiss, welche chimärische Aufgabe ich mir gestellt habe, und verhöhnt mich.
Als zwei Wochen vergangen sind, habe ich unbestreitbare Beweise erhalten, dass der Schwefel eine dreistoffige Verbindung von Kohlenstoff, Sauerstoff, Wasserstoff ist.
Ich danke dem Leiter des Laboratorium, der sich stellt, als interessiere er sich nicht für meine Angelegenheiten, und verlasse dieses neue Fegefeuer mit einer unsagbaren inneren Freude.
Ich gehe morgens auf dem Friedhof Montparnasse spazieren, wenn ich nicht den Luxemburggarten besuche. Einige Tage nach meinem Auszug aus der Sorbonne entdecke ich bei dem Stern des Friedhofs eine Grabdenkmal von klassischer Schönheit. Ein Medaillon aus weissem Marmor zeigt die edlen Züge eines alten Weisen, den die Inschrift des Sockels mir als den Chemiker und Toxikologen Orfila verstellt. Es ist mein Freund und Beschützer, der mich später so manchesmal durch das Labyrinth chemischer Versuche geführt hat.
Eine Woche später, als ich die Rue d'Assas hinuntergehe, mache ich vor einem Haus von klösterlichem Aussehen Halt. Ein grosses Schild klärt mich über die Bestimmung des Gebäudes auf: Hotel Orfila.
Immer Orfila!
In den folgenden Kapiteln werde ich alles erzählen, was sich in diesem alten Haus zugetragen hat; in das mich die unsichtbare Hand getrieben, damit ich dort gezüchtigt, belehrt und, warum nicht, erleuchtet werde!
[3.]
Die Versuchungen des Teufels.
Der Scheidungsprozess wickelt sich sehr langsam ab, wurde von Zeit zu Zeit durch einen Liebesbrief, einen Aufschrei der Sehnsucht, Versprechungen der Versöhnung unterbrochen. Und schliesslich ein schroffes Lebewohl auf immer.
Ich liebe sie, sie liebt mich, und wir hassen einander mit dem wilden Hass der Liebe, die sich durch die Trennung steigert.
Um das unglückliche Band zu zerreissen, suche ich nach einer Gelegenheit, diese Leidenschaft durch eine andere zu ersetzen, und bald werden meine unredlichen Wünsche erhört.
Beim Mittagessen der Cremerie erscheint eine englische Dame, die sich der Bildhauerkunst widmet. Sie redet mich zuerst and und gefällt mir auf der Stelle. Sie ist schön, reizend, vornehm, gut gekleidet, und verführt durch eine künstlerische Ungezwungenheit. Mit einem Wort, eine Luxusausgabe meiner Frau, deren Bild sie verfeinert und vergrössert wiedergibt.
Um sich mir angenehm zu machen, ladet der angesehene Künstler, der Doyen der Cremerie, diese Dame zu den Donnerstagabenden ein, die er auf seinem Atelier gibt. Ich gehe hin, halte mich aber abseits, weil ich nur widerwillig einem Publikum, das sich über einen lustig macht, meine Gefühle zeige.
Gegen elf Uhr erhebt sich die Dame und gibt mir ein Zeichen geheimen Einverständnisses. Ziemlich linkisch stehe ich auf, verabschiede mich, biete dem jungen Weibe meine Begleitung an und führe sie hinaus, während die schamlosen jungen Leute lachen.
Vor einander lächerlich gemacht, gehen wir davon, ohne ein Wort sagen zu können; wir verachten uns, als hätten wir uns vor der spottenden Menge nackt ausgezogen.
Nun müssen wir auch noch durch die Rue de la Gaieté, wo Zuhälter und Dirnen uns mit ihren gemeinen Schimpfworten ohrfeigen, als seien wir Eindringlinge in ihr Gewerbe.
Man ist nicht liebeswürdig, wenn man ingrimmig am Pranger steht; und unter Geisselschlägen gebeugt, kann ich mich nicht wieder aufrichten. Als wir den Boulevard de Raspail erreichen, werden wir von einem feinem Regen überfallen, der uns wie mit Ruten peitscht. Da wir keinen Schirm haben, ist es das Verständigste, in einem warmen und erleuchteten Café Schutz zu suchen; mir der Gebärde eines Grandseigneurs zeige ich auf das reichste Restaurant von allen. Leichten Fusses überschreiten wir den Boulevard ... pardauz, pardauz! Der Gedanke, dass ich keinen Sou bei mir habe, trifft mich wie ein Hammerschlag vor den Schädel.
Ich habe vergessen, wie ich mich aus der Verlegenheit gezogen, aber ich werde niemals die Empfindungen vergessen, die mich diese Nacht überfielen, als ich die Dame an ihrer Haustür verliess.
Diese Strafe, obwohl streng und unmittelbar, und erteilt von einer geschickten Hand, die ich nicht verkennen konnte, genügte mir noch nicht. Ein Bettler, der die Verpflichtungen gegen seine Familie nicht erfüllt, hatte eine Verbindung knüpfen wollen, die ein anständiges Mädchen blossstellen musste. Das war ganz einfach ein Verbrechen, und ich legte mir die regelrechte Busse auf. Ich verzichte auf die Gesellschaft der Cremerie, ich faste, ich vermeide alles, was die verhängnisvolle Leidenschaft hervorrufen kann.
Aber der Versucher wacht. An einem Atelierabend finde ich die Schöne wieder, und zwar in einer morgenländischen Tracht, die ihre Schönheit so hebt, dass sie mich betört. Ihr gegenüber aber weiss ich nichts zu sagen, benehme mich linkisch; obwohl ich entdecke, dass dieses Weib nur eine ehrliche und aufrichtige Erklärung verdient: "ich begehre Sie," gehe ich meiner Wege, bis auf die Knochen von einer unreinen Flamme verzehrt.
Am nächsten Tage komme ich wieder in die Cremerie. Sie sitzt da, ist reizend, liebkost mich mit ihrer einschmeichelnden Stimme, kitzelt mich mit ihren Katzenaugen. Das Gespräch kommt in Gang, alles geht aufs beste, als im kritischen Augenblick die junge Minna lärmend eintritt. Das war ein Künstlerkind, halb Modell, halb Geliebte, das sich für die Literatur interessierte, eine gutes Wesen hatte und überall willkommen war. Ich kannte sie auch, und eines Abends waren wir gute Freunde geworden, jedoch ohne die Grenzen des Erlaubten zu überschreiten. Genug, sie tritt ein, wirft sich mir in die Arme, denn sie war etwas berauscht, küsst mich auf die Wangen, duzt mich.
Die englische Dame erhebt sich, bezahlt und geht.
Damit ist es aus. Sie ist nicht wiedergekommen! Dank sei Minna, die mich übrigens vor dieser Dame gewarnt hatte, aus Gründen, die ich auf sich beruhen lasse.
Keine Liebe mehr! das ist die Losung, welche die Mächte mir gegeben haben, und ich bescheide mich, in der Gewissheit, dass ein höherer Zweck sich auch dahinter verbirgt.
Durch den Erfolg, den ich mit Schwefel gehabt habe, ermutigt, mache ich die Fortsetzung mit Jod. Nachdem ich im Temps einen Aufsatz über eine der Synthesen des Jod habe erscheinen lassen, sucht mich ein unbekannter Herr im Hotel auf. Er stellt sich als Vertreter aller europäischen Jodfabriken vor und sagt mir, er habe soeben meinen Artikel gelesen; in dem Augenblick, in dem die Sache sich bestätige, könnten wir einen Börsenkrach herbeiführen, der uns Millionen einbringen würde, falls wir nur ein Patent in Händen hätten.
Ich antworte ihm, ich hätte keine industrielle Erfindung gemacht, sondern eine wissenschaftliche Entdeckung, die noch nicht einmal reif sei; und die geschäftliche Seite interessiere mich nicht genug, um sie weiter zu verfolgen.
Er ging. Die Wirtin des Hotels, die einmal mit dem unbekannten Herrn in Verbindung gestanden hatte, erfuhr von ihm die grosse Neuigkeit, und zwei Tage lang wurde ich für einen zukünftigen Millionär gehalten.
Der Kaufmann kam wieder, diese Mal noch mehr begeistert. Er hatte Erkundigungen eingezogen und, überzeugt, dass mit der Entdeckung etwas zu verdienen sei, lud er mich ein, unverzüglich mit ihm nach Berlin zu fahren, um die nötigen Schritte zu tun.
Ich dankte ihm und riet ihm, erst die notwendigen Analysen vornehmen zu lassen, ehe er sich weiter engagiere.
Er bot mir hunderttausend Francs, vor Abend zahlbar, wenn ich ihm folgen wolle....
Ich hiess ihn gehen, da ich irgendeinen Schwindler witterte.
Bei der Wirtin unten nannte er mich einen Toren.
Die nächsten Tage waren ruhig, und ich hatte Zeit, um nachzudenken. Drohende Not, unbezahlte Schulden, eine unsichere Zukunft auf der einen Seite; auf der andern Unabhängigkeit, Freiheit, meine Studien fortzusetzen, ein sorgenfreies Leben. Und ausserdem, eine gute Idee ist ihren Preis wert.
Reue ergriff mich, aber ich hatte nicht den Mut, die Verbindung wieder anzuknüpfen. Da teilte mir eine Depesche des Kaufmanns mit, das ein Chemiker, Assistent an der Ecole de médicine, und ein Abgeordneter, der damals schon bekannt war und jetzt nur zu bekannt ist, sich für das Jodproblem interessierten.
Ich beginne also eine Reihe regelmässiger Versuche, die alle dasselbe Ergebnis haben: zu beweisen, dass Jod von Benzin abgeleitet werden kann.
Mittlerweile habe ich eine Unterredung mit dem Chemiker, und ein Tag wird bestimmt für eine Zusammenkunft, bei der die entscheidenden Versuche gemacht werden sollen.
An dem Morgen, der diese Sache entscheiden soll, nehme ich einen Wagen und bringe meine Retorten und Reagentien zu dem Kaufmann, der im Quartier du Marais wohnt. Der gute Mann war da; aber der Chemiker, der entdeckt hatte, dass es ein Feiertag war, hatte sich entschuldigt und die Sitzung auf den folgenden Tag verschoben.
Es war Pfingsten, was ich nicht gewusst hatte. Das schmutzige Kontor, das auf die finstere und unsaubere Strasse sah, bedrückte mir das Herz. Erinnerungen an die Kindheit erwachten: Pfingsten, das selige Fest, an dem die kleine Kirche mit grünen Zweigen, mit Tulpen, Lilien und Maiblumen geschmückt, sich für die Abendmahlskinder auftat; die jungen Mädchen weissgekleidet wie die Engel ... die Orgel ... die Glocken....
Ein Gefühl der Scham bemächtigte sich meiner Seele, und ich kehrte tief bewegt nach Hause zurück, fest entschlossen, jeder Versuchung, aus meiner Wissenschaft ein Geschäft zu machen, zu widerstehen. Ich säuberte mein Zimmer von den herumstehenden Apparaten und Reagentien; ich kehrte es aus; staubte ab, räumte auf; ich liess Blumen holen, besonders Narzissen. Nachdem ich dann ein Bad genommen und das Hemd gewechselt hatte, glaubte ich von dem Schmutz gereinigt zu sein. Darauf ging ich aus, um auf dem Kirchhof Montparnasse spazieren zu gehen; dort führte eine Heiterkeit der Seele mich zu milden Gedanken und einer ungewöhnlichen Zerknirschung.
O crux ave spes unica: so weissagten die Grabhügel mir mein Schicksal. Nichts mehr von Liebe! Nichts mehr von Geld! Nichts mehr von Ehre! Der Weg des Kreuzes, der einzige, der zur Weisheit führt.
[4.]
Das wiedergewonnene Paradies.
Den Sommer und den Herbst des Jahres 1895 zähle ich, trotz allem, zu den glücklichsten Etappen meines so bewegten Lebens. Alles, was ich angreife, gelingt mir; unbekannte Freunde bringen mir die Nahrung wie die Raben dem Elias; Geld fliegt mir zu: ich kann Bücher kaufen, naturwissenschaftliche Gegenstände, darunter ein Mikroskop, das mir die Geheimnisse des Lebens entschleiert.
Tot für die Welt, da ich auf die eitlen Freuden von Paris verzichte, bleibe ich in meinem Viertel, wo ich jeden Morgen die Toten des Kirchhofs Montparnasse besuche, um dann in den Luxemburggarten hinabzusteigen und meine Blumen zu begrüssen. Zuweilen besucht mich ein durchreitender Landsmann, um mich einzuladen, auf der andern Seite des Wassers zu frühstücken und ins Theater zu gehen. Ich versage es mir, weil das rechte Ufer mir verboten ist: das ist die sogenannte "Welt", die Welt der Lebenden und der Eitelkeit.
Obwohl ich sie nicht formulieren kann, hat sich eine Art Religion in mir gebildet. Eher ein Zustand der Seele als eine auf Lehren gegründete Ansicht; ein Wirrwarr von Empfindungen, die sich mehr oder weniger zu Gedanken verdichten.
Ich habe mir ein römisches Gebetbuch gekauft und lese es mit Sammlung; das Alte Testament tröstet und züchtigt mich in einer etwas dunklen Weise, während das Neue mich kalt lässt. Das hindert mich nicht, dass ein buddhistisches Buch auf mich einen stärkeren Einfluss als alle andern heiligen Bücher übt, weil es das positive Leiden über die Enthaltsamkeit stellt. Buddha zeigt den Mut, im vollen Besitz seiner Lebenskraft und im Genuss seines ehelichen Glücks auf Weib und Kind zu verzichten, während Christus jede Gemeinschaft mit den erlaubten Freunde dieser Welt vermeidet.
Übrigens grüble ich nicht über die Empfindungen, die in mir auftauchen; ich halte mich indifferent, lasse sie gewähren, indem ich mir dieselbe Freiheit bewillige, die ich andern schulde.
Das grosse Ereignis der Pariser Saison war Brunetières Feldgeschrei über den Bankerott der Wissenschaft. Seit meiner Kindheit in die Naturwissenschaften eingeweiht, später Anhänger Darwins, hatte ich entdeckt, wie ungenügend diese wissenschaftliche Methode ist, die den Mechanismus des Weltalls bekennt, ohne einen Mechanismus anzunehmen. Die Schwäche des Systems zeigte sich in einer allgemeinen Entartung der Wissenschaft: die hatte eine Grenze abgesteckt, über die man nicht hinausgehen sollte. Wir haben alle Probleme gelöst: die Welt hat keine Rätsel mehr. Diese dünkelhafte Lüge hatte mich schon um 1880 gereizt, und während der folgenden fünfzehn Jahre hatte ich eine Revision der Naturwissenschaften vorgenommen. So hatte ich 1884 die Zusammensetzung der Atmosphäre in Zweifel gezogen: der Stickstoff der Luft ist nicht identisch mit dem Stickstoff, der durch Zerlegung eines stickstoffhaltigen Salzes gewonnen wird. 1891 besuchte ich das physikalische Institut in Lund, um die Spektren dieser beiden Stickstoffarten, deren Verschiedenheit ich entdeckt hatte, zu vergleichen. Brauche ich den Empfang zu schildern, den mir die gelehrten Mechanisten bereiteten?
Nun, in diesem Jahr 1895 hat die Entdeckung des Argon frühere Vermutungen bestätigt und meinen durch eine unbesonnene Heirat unterbrochenen Untersuchungen einen neuen Aufschwung gegeben.
Nicht die Wissenschaft hat Bankerott gemacht, sondern nur die veraltete, entartete Wissenschaft, und Brunetière hatte recht, obwohl er unrecht hatte.
Während alle die Einheit der Materie anerkannten und sich Monisten nannten, ohne es zu sein, ging ich weiter und zog die letzten Konsequenzen der Lehre, indem ich die Grenzen aufhob, die Materie und sogenannten Geist zu trennen. So hatte ich 1894 im "Antibarbarus" die Psychologie des Schwefels behandelt, indem ich sie durch die Ontologie, das heisst die embryonale Entwicklung des Schwefels, erklärte.
Wer sich dafür interessiert, sei auf meine im Sommer und Herbst 1895 niedergeschriebene Arbeit "Sylva Sylvarum" verwiesen, in der ich im stolzen Gefühl hellseherischer Kraft die Geheimnisse der Schöpfung besonders im Pflanzen- und Tierreich durchschaut zu haben glaubte; ferner auf meine "Kirchhofstudien", die zeigen, wie ich in Einsamkeit und Leiden zu einem schwankenden Begriff von Gott und Unsterblichkeit zurückgeführt wurde.
5.
Der Fall und das verlorene Paradies.
In diese neue Welt eingeführt, in die niemand mir folgen kann, fasse ich einen Widerwillen gegen die andern und habe einen unbesiegbaren Wunsch, mich von meiner Umgebung freizumachen. Ich benachrichtige also meine Freunde, dass ich nach Meudon gehen wolle, um ein Buch zu schreiben, das Einsamkeit und Stille verlange.
Zur selben Zeit führten unbedeutende Zwistigkeiten zu einem Bruch mit dem Kreis der Cremerie, so dass ich mich eines Tages recht rauh vereinsamt fand. Die erste Folge war eine unerhörte Ausdehnung meiner inneren Sinne: eine seelische Kraft, die sich zu betätigen verlangte. Ich glaubte mich im Besitz grenzenloser Kräfte, und der Hochmut flösste mir die tolle Idee ein, zu versuchen, ob ich ein Wunder tun könne.
In einer früheren Epoche, in der grossen Krisis meines Lebens, hatte ich bemerkt, dass ich eine Fernwirkung auf abwesende Freunde auszuüben vermochte. In den Volkssagen hat man sich mit der Frage der Telepathie und der Behexung beschäftigt. Ich möchte mir nun weder unrecht tun, noch mich von einer verbrecherischen Handlung ganz weiss waschen, aber ich glaube zu wissen, dass mein böser Wille nicht so böse war wie der Rückschlag, den ich davon empfing. Eine ungesunde Neugier, ein Ausbruch verkehrter Liebe, veranlasst durch die furchtbare Einsamkeit, flösst mir eine übermässige Sehnsucht ein, wieder mit meiner Frau und meinem Kind anzuknüpfen, da ich sie alle beide liebte. Aber wie, da der Scheidungsprozess schon im Gang war? Ein ausserordentliches Ereignis, ein gemeinsames Unglück, ein Blitzschlag, eine Feuersbrunst, eine Überschwemmung ... kurz eine Katastrophe, die zwei Herzen wieder vereinigt, wie sich in den Romanen feindliche Hände am Bette eines Kranken treffen. Da habe ich es! Eines Kranken! Die Kinder sind immer etwas krank; die Empfindlichkeit einer Mutter übertreibt die Gefahr; ein Telegramm, und alles ist gesagt.
Ich kannte nicht die einfachsten Begriffe der Magie, aber ein unheilvoller Instinkt flüsterte mir ins Ohr, was ich mit dem Porträt meines geliebten Töchterchens vornehmen müsse, meines geliebten Töchterchens, das später mein einziger Trost in einem verfluchten Dasein werden sollte.
Ich werde die Folgen einer Handlung erzählen; wie die böse Absicht durch die Vermittlung des symbolischen Verfahrens zu wirken schien.
Indessen liessen die Konsequenzen auf sie warten, und ich setzte meine Arbeiten fort, hatte aber das Gefühl eines unerklärlichen Unbehagens, das von der Ahnung neuen Unglücks begleitet war.
Als ich abends allein vor dem Mikroskop sass, begegnete mir ein Zwischenfall, den ich damals nicht verstand, der aber doch einen starken Eindruck auf mich machte.
Ich hatte seit vier Tagen eine Walnuss keimen lassen und löste jetzt den Keim der, herzförmig und nicht grösser als ein Birnenkern, zwischen zwei Samenblättchen eingepflanzt ist, deren Aussehen an das menschliche Gehirn erinnert. Man stelle sich meine Erregung vor, als ich auf der Platte des Mikroskops zwei Händchen erblickte, weiss wie Alabaster, erhoben und gefaltet wie zum Gebet. Ist es eine Vision? eine Halluzination? Oh nein! Eine niederschmetternde Wirklichkeit, die mir Schrecken einflösst! Unbeweglich sind sie gegen mich wie in Beschwörung ausgestreckt, ich kann ihr fünf Finger zählen, der Daumen ist kürzer, richtige Frauen- oder Kinderhände.
Ein Freund, der mich vor diesem mich bestürzenden Schauspiel überraschte, wurde aufgefordert, die Erscheinung zu bestätigen; und er brauchte kein Hellseher zu sein, um zwei gefaltete Hände zu sehen, die den Beobachter um Barmherzigkeit anrufen.
Was war das? Die beiden ersten unausgebildeten Blätter eines Walnussbaumes, der Juglans regia, der Eichel des Jupiter. Weiter nichts! Und dennoch die unleugbare Tatsache, dass sich zehn Finger von menschlicher Form zu einer Gebärde des Flehens falteten: de profundis clamavi ad te!
Noch zu kleingläubig und durch eine empirische Erziehung verdummt, gehe ich darüber hinweg.
Der Fall ist getan! Ich fühle die Ungnade der unbekannten Mächte schwer auf mir ruhen. Die Hand des Unsichtbaren ist erhoben, und die Schläge fallen dicht auf mein Haupt.
Zuerst zieht sich mein anonymer Freund, der mich bisher unterstützt hat, zurück, von einem anmassenden Brief verletzt; und ich stehe ohne Hilfsmittel da.
Und als ich die Korrekturbogen von "Sylva Sylvarum" erhalte, entdecke ich, dass der Text wie ein gut gemischtes Spiel Karten umgebrochen ist. Nicht nur die Seiten sind umgestellt und falsch numeriert, auch die verschiedenen Abteilungen sind so durcheinandergeworfen, dass sie auf ironische Weise die Lehre von der "grossen Unordnung", die in der Natur herrscht, symbolisieren.
Nach endlosen Verzögerungen und Verschiebungen ist die Broschüre gedruckt; da aber präsentiert mir der Drucker eine Rechnung, deren Belauf die vereinbarte Summe ums Doppelte übersteigt. Mit Bedauern trage ich mein Mikroskop, den schwarzen Anzug und die wenigen Kostbarkeiten, die mir geblieben sind, zum Leihamt, aber ich bin schliesslich gedruckt, und zum erstenmal in meinem Leben bin ich sicher, etwas Neues, Grosses und Schönes gesagt zu haben.
Der Übermut, mit dem ich die Exemplare zur Post trage, ist leicht zu verstehen. Mit einer höhnisch-stolzen Gebärde werfe ich die Drucksachen in den Kasten, und trotzig gegen die feindlichen Mächte denke ich:
—Hörst du, Sphinx, ich habe dein Rätsel gelöst, und ich fordere dich heraus!
Als ich ins Hotel zurückkehre, wurde ich von der Rechnung überfallen, die von einem Brief begleitet war.
Gereizt von diesem Schlag, der mir unerwartet kam, weil ich seit einem Jahr der Gast des Hauses war, achte ich von jetzt an auf Kleinigkeiten, die ich bisher übersehen habe. So werden in den benachbarten Zimmern drei Klaviere auf einmal gespielt.
Ich sage mir, das ist ein Komplott dieser skandinavischen Damen, von deren Verkehr ich mich zurückgezogen habe.
Drei Klaviere! Und ich kann das Hotel nicht wechseln, weil ich kein Geld habe.
Ich schlafe ein, zornig auf diese Damen und das Schicksal, den Himmel verwünschend.
Am nächsten Morgen werde ich durch einen unerwarteten Lärm geweckt. Man hämmert im Nebenzimmer einen Nagel ein, gerade dort, wo mein Bett steht. Dann hämmert es auf der andern Seite.
Eine Kabale, ebenso dumm wie diese Künstlerinnen; ich lasse sie vorübergehen, ohne mich daran zu kehren.
Als ich mir aber nach dem Essen wie gewöhnlich ein Schläfchen auf meinem Bett leisten will, ist ein solcher Lärm über meinem Alkoven zu hören, dass mir der Gips der Decke auf den Kopf fällt.
Ich gehe zur Wirtin hinunter und beklage mich über das Betragen der Gäste. Sie behauptet, übrigens sehr höflich, nichts gehört zu haben, und verspricht mir, jeden, der es wagen würde, mich zu beunruhigen, fortzujagen. Es lag ihr nämlich viel daran, mich in ihrem Hotel, das nicht besonders ging, zu behalten.
Ohne den Worten einer Frau ganz zu glauben, verliess ich mich doch auf ihr Interesse, das sie zwang, mich gut zu behandeln.
Doch hört der Lärm nicht auf, und ich verstehe, dass diese Damen mich glauben machen wollen, es seien Klopfgeister. Wie einfältig!
Gleichzeitig ändern auch die Kameraden der Cremerie ihr Benehmen gegen mich, und eine geheime Feindseligkeit äussert sich in versteckten Blicken und tückischen Worten.
Des Haders müde, verlasse ich Hotel und Cremerie, ausgeplündert, Bücher und Bibelots zurücklassend, nackt wie ein kleiner Johannes. Und ziehe am 21. Februar 1896 ins Hotel Orfila ein.
[6.]
Das Fegefeuer.
Hotel Orfila, das wie ein Kloster aussieht, ist ein Pensionat für die Studierenden der katholischen Gesellschaft. Ein liebenswürdiger und milder Abbe hat die Aufsicht. Ruhe, Ordnung und gute Sitten herrschen hier. Was mich aber besonders nach so vielen Verdriesslichkeiten tröstet, ist, dass Frauen hier nicht zugelassen werden.
Das Haus ist alt; die Zimmer niedrig, die Korridore dunkel, und die hölzernen Treppen schlängeln sich wie in einem Labyrinth. In diesem Gebäude ist eine Atmosphäre von Mystik, die mich lange angezogen hat. Mein Zimmer geht auf eine Sackgasse hinaus; von der Mitte aus sieht man nur eine moosbewachsene Mauer mit zwei runden Fensterchen; sitze ich aber an meinem Tisch vorm Fenster, so blicke ich auf eine entzückende Landschaft, die ich nicht erwartet hätte.
Hinter einer Ringmauer, die mit Efeu bedeckt ist, liegt der Hof eines Klosters für junge Mädchen unter Platanen, Paulownien, Robinien. Eine köstliche Kapelle im Spitzbogenstil. Etwas weiter sind hohe Mauern mit unzähligen vergitterten Fensterchen zu sehen, die mich an ein Kloster denken lassen; dahinter im Tal ein Wald von Schornsteinen, die halbverborgene alte Häuser krönen; und in der Ferne der Turm der Kirche Notre-Dame-des-Champs, mit dem Kreuz und, ganz oben, dem Hahn.
In meinem Zimmer hängt ein Kupferstich mit dem heiligen Vincenz de Paul, ein zweiter, mit Sankt Peter, hängt im Alkoven über dem Bett. Der Pförtner des Himmels! Welche beissende Ironie für mich, der vor einigen Jahren den Apostel in einem phantastischen Drama lächerlich gemacht hat.
Mit meinem Zimmer sehr zufrieden, schlafe ich die erste Nacht gut.
Am nächsten Morgen entdecke ich, dass der Abtritt in dem Gässchen unter meinem Fenster liegt, und zwar so nahe, dass man das Auf- und Zuklappen des eisernen Deckels hört. Weiter erfahre ich, dass die beiden runden Fensterchen gegenüber ebenfalls zu Abtritten gehören. Schliesslich vergewissere ich mich, dass die hundert Fensterchen im Hintergrund des Tals zu ebenso viel Abtritten gehören, die auf der Hofseite einer Reihe Häuser liegen.
Ich wüte zuerst, da ich aber nicht die Mittel habe, mich zu rühren, beruhige ich mich, indem ich das Schicksal verwünsche.
Gegen ein Uhr bringt mir der Diener das Frühstück, und da ich meinen Arbeitstisch nicht in Unordnung bringen will, stellt er das Tablett auf den Nachttisch, in dem das Nachtgeschirr steht.
Ich machte ihn darauf aufmerksam, und der Diener entschuldigte sich damit, dass er keinen andern Tisch zur Verfügung habe. Er sah ehrlich und nicht boshaft aus, so dass ich ihm verzieh; und das Nachtgeschirr wurde fortgenommen.
Wenn ich zu dieser Zeit schon Swedenborg gekannt hätte, würde ich begriffen haben, dass ich von den Mächten zur Kothölle verurteilt sei. Jetzt aber tobte ich gegen das fortwährende Unglück, das mich seit so vielen Jahren verfolgte; dann beruhigte ich mich mit düsterer Resignation, die sich vor dem Schicksal beugt. Ich erbaute mich, indem ich das Buch Hiob las, überzeugt, der Ewige habe mich dem Satan überliefert, um mich zu prüfen. Dieser Gedanke tröstete mich, und das Leiden erfreute mich als Zeichen des Vertrauens von seiten des Allmächtigen.
Nun beginnt eine Reihe von Offenbarungen, die ich nicht erklären kann, ohne die Mitwirkung der unbekannten Mächte anzunehmen; und von diesem Augenblick an mache ich Aufzeichnungen, die sich allmählich anhäufen und ein Tagebuch bilden, aus dem ich hier Auszüge gebe.
Eine unangenehme Stille hat sich um meine chemische Untersuchungen gelegt. Um mich wieder aufzurichten und einen entscheidenden Schlag zu führen, nehme ich das Problem Gold zu machen, vor. Ich ging von der Frage aus: warum fällt schwefelsaures Eisen in einer Lösung von Goldsalz metallisches Gold? Antwort: weil Eisen und Schwefel in der Konstitution des Goldes auftreten. In der Tat enthalten alle Schwefeleisen der Natur mehr oder weniger Gold. Ich begann also mit Lösungen von schwefelsaurem Eisen zu bearbeiten.
Eines Morgens erwachte ich mit der unbestimmten Lust, einen Ausflug aufs Land zu machen, obwohl das gegen meinen Geschmack und meine Gewohnheiten war. Ohne dahin zu wollen, kam ich nach dem Bahnhof Montparnasse und bestieg den Zug nach Meudon. Ich gehe ins Dorf hinunter, das ich zum ersten Mal besuche. Gehe die grosse Strasse hinauf und biege rechts ab in eine Gasse, die zwischen zwei Mauern läuft. Zwanzig Schritte vor mir, zur Hälfte in der Erde vergraben, erhebt sich ein römischer Ritter in eisengrauer Rüstung aus dem Boden. Obwohl recht sauber modelliert, wenn auch im kleinen, täuscht mich die Figur nicht darüber, dass sie nur aus rohem Stein ist. Tritt man näher, sieht man, dass es eine Augentäuschung ist, und ich bleibe stehen, mir geflissentlich die Illusion erhaltend, die mir Vergnügen macht. Der Ritter betrachtet die nahe Mauer, ich folge seinen Augen und bemerke auf dem Kalk eine Kohlenschrift. Die verschlungenen Buchstaben F und S lassen mich an die Initialen des Namens meiner Frau denken. Sie liebt mich noch immer!—In der nächsten Sekunde erscheinen mir, die chemischen Zeichen des Eisens und Schwefels, Fe und S, die sich trennen und meinen Augen das Geheimnis des Goldes zeigen.
Ich untersuche den Boden und finde zwei Bleistempel, die durch Bindfaden vereinigt sind. Der eine trägt die Buchstaben V. P., der andere eine Königskrone.
Ohne dieses Abenteuer näher deuten zu wollen, kehre ich nach Paris zurück, unter dem lebhaften Eindruck, etwas Wunderbares erlebt zu haben.
In meinem Kamin brenne ich Kohlen, die man wegen ihrer runden und gleichartigen Form Spatzenköpfe nennt. Als eines Tages das Feuer erlosch, ehe es ausgebrannt war, nehme ich ein Kohlenkonglomerat heraus, das die Züge einer phantastischen Gestalt zeigt. Ein Hahnenkopf mit prächtigem Kamm, der Rumpf eher menschlich und die Glieder gewunden. Man hätte sagen können, es sei ein Teufel, wie man sie auf den Hexensabbathen des Mittelalters darstellte.
Am andern Tage nehme ich wieder eine prächtige Gruppe zweier berauchter Gnomen oder Kobolde heraus, die sich umarmen, während die Kleider flattern. Es ist ein Meisterwerk primitiver Skulptur.
Am dritten Tag ist es eine Madonna mit dem Kinde, in byzantinischem Stil, von einer unvergleichlichen Linie.
Ich lasse alle drei auf meinem Tisch liegen, nachdem ich sie mit schwarzer Kreide abgezeichnet habe.
Ein befreundeter Maler besucht mich; er betrachtet die drei Statuetten mit wachsender Neugier und fragt mich:
—Wer hat das gemacht?
—Gemacht?
Um ihn auf die Probe zu stellen, nenne ich den Namen eines norwegischen Bildhauers.
—Wirklich? Ich hätte sie Kittelsen, dem berühmten Illustrator der skandinavischen Sagen, zugeschrieben.
Ich glaube nicht an die Existenz von Teufeln, aber ich bin begierig, zu sehen, welchen Eindruck meine Statuetten auf die Spatzen machen, die gewohnt sind, vor meinem Fenster Brot zu bekommen; ich stelle die Figuren also aufs Dach.
Die Spatzen erschrecken und halten sich fern. Es ist also eine Ähnlichkeit vorhanden, welche selbst die Tiere wahrnehmen können; es liegt eine Wirklichkeit hinter diesem Spiel der trägen Materie und des Feuers.
Die Sonne wärmt meine Figuren so, dass der Teufel mit dem Hahnenkamm platzt; das erinnert mich an die Volkssage, dass die Kobolde sterben, wenn sie warten, bis die Sonne aufgeht.
Es geschehen Dinge im Hotel, die mich beunruhigen.
Am Tage nach meiner Ankunft finde ich an der Tafel im Flur, an der die Zimmerschlüssel hängen, einen Brief, der an einen Herrn X., einen Studenten adressiert ist, der denselben Namen wie die Familie meiner Frau trägt. Der Poststempel ist Dornach, der Name des österreichischen Dorfes, wo meine Frau und mein Kind wohnen. Da ich aber sicher bin, dass es kein Postamt in Dornach gibt, bleibt die Sache rätselhaft.
Diesem Brief, der in so herausfordernder Art dahin gelegt ist, als habe man die Absicht, ihn zu zeigen, folgen andere.
Der zweite ist an Herrn Dr. Bitter adressiert und Wien abgestempelt; ein dritter trägt das polnische Pseudonym Schmulachowsky.
Jetzt mischt sich der Teufel ein. Denn dieser Name ist verstellt, und ich verstehe, an wen er erinnern will: es ist ein Todfeind von mir, der in Berlin wohnt.
Ein anderes Mal ist es ein schwedischer Name, der mich an einen Feind in meiner Heimat erinnert.
Schliesslich trägt ein in Wien abgestempelter Brief den Aufdruck: Bureau für Chemische Analyse von Dr. Eder. Das heisst, man spioniert nach meiner Goldsynthese.
Kein Zweifel mehr, hier wird eine Intrige gesponnen; aber der Teufel hat diesen Falschspielern die Karten gemischt. Meinen Argwohn nach vier Richtungen der Welt irren zu lassen, das ist zu erfinderisch für die einfältigen Sterblichen.
Als ich mich beim Diener nach diesem Herrn X. erkundige, gibt er mir die dumme Antwort, es sei ein Elsässer. Das ist alles.
Als ich eines Morgens von meinem Spaziergang zurückkehre, finde ich eine Postkarte in dem Fach neben meinem Schlüssel. Einen Augenblick ergreift mich die Versuchung, das Rätsel durch einen Blick auf die Karte zu lösen, aber mein Schutzengel lähmte meine Hand gerade in der Sekunde, in welcher der junge Mann aus seinem Versteck hinter der Tür hervortritt.
Ich sehe ihm ins Gesicht: er gleicht meiner Frau. Schweigend grüssen wir uns, und jeder geht seines Weges.
Ich habe die Intrige niemals erklären können, deren Personen ich noch nicht kenne, da meine Frau weder einen Bruder noch einen Vetter hat.
Die Ungewissheit, die beständige Drohung einer Rache waren mir sechs Monate lang genügende Tortur. Ich ertrug sie wie das andere als eine Strafe für bekannte und unbekannte Sünden.
Mit dem neuen Jahr gesellte sich ein neuer Mann dem Kreis der Cremerie. Maler und Amerikaner, kam er zur rechten Zeit, um unsere schläfrige Gesellschaft zu beleben. Ein lebhafter Geist, ein Kosmopolit, ein kühner Mensch, guter Kamerad, flösste er mir doch ein unbestimmtes Misstrauen ein. Trotz seinem sichern Auftreten witterte ich, dass seine Lage durchaus nicht gesichert sei.
Der Krach brach schneller aus, als man erwartet hätte. Eines Abends trat der Unglückliche in mein Zimmer und bat um die Erlaubnis, einen Augenblick bleiben zu dürfen. Er sah aus wie ein verlorener Mann, und er war es.
Der Hauswirt hatte ihn aus seinem Atelier gejagt, seine Geliebte hatte ihn verlassen, seine Gläubiger bedrängten ihn; auf der Strasse beschimpften ihn die Zuhälter seiner nicht bezahlten Modelle; was ihn aber vollständig vernichtete, war die Grausamkeit des Hauswirts, sein für die Ausstellung bestimmtes Gemälde mit Beschlag zu belegen; er hatte nämlich auf einen Erfolg gerechnet, weil er das Sujet für originell und stark hielt. Es war eine schwangere Emanzipierte, die von der Menge ans Kreuz geschlagen und ausgepfiffen wird.
Da er auch in der Cremerie überschuldet war, stand er mit leerem Magen auf der Strasse.
Nach der ersten Beichte vervollständigte er seine Aussage, indem er eingestand, er habe eine doppelte Dosis Morphium genommen, aber der Tod wolle ihn noch nicht.
Nachdem wir ernst und reiflich überlegt hatten, kamen wir schliesslich dahin, dass er das Viertel verlassen müsse. Ich wollte mit ihm in einer andern unbekannten Garküche zu Mittag essen, damit nicht der Mangel an Freunden ihm den Mut nähme, ein anderes Bild für den Salon der Unabhängigen fertig zu machen.
Das Unglück dieses Mannes, der mein einziger Kamerad geworden ist, vergrössert mein Leiden, weil ich auch noch seine Pein auf mich nehme. Es ist eine Herausforderung von mir, die mir eine Erfahrung von grossem Wert einbringt. Er enthüllt mir seine ganze Vergangenheit: Deutscher von Geburt, hat er sieben Jahre in Amerika gelebt, infolge eines Unglücks, das über seine Familie hereinbrach, und wegen eines Jugendstreiches: er hatte eine gottlose Schmähschrift herausgegeben, die von der Polizei beschlagnahme wurde.
Ich entdecke eine ungewöhnliche Intelligenz, ein melancholisches Temperament, eine zügellose Sinnlichkeit. Aber hinter dieser menschlichen Maske, die durch eine kosmopolitische Erziehung erweitert ist, ahne ich ein Geheimnis, das mich neugierig macht und das ich eines Tages aufdecken werde.
Ich warte zwei Monate, während deren ich mein Dasein mit dem dieses Freundes vereinige. All das Elend eines Künstlers, der nicht durchgedrungen ist, mache ich durch, indem ich vergesse, dass ich meine Laufbahn schon hinter mir habe, dass mein Name etwas im Tout-Paris und in der Gesellschaft der Dramatiker zu bedeuten hat, wenn das mich als Chemiker auch nicht mehr interessiert. Übrigens liebt mich mein Kamerad nur, solange ich meine wirklichen Erfolge verberge; muss ich sie aber im Vorübergehen erwähnen, ist er verletzt, macht sich so unglücklich, so unbedeutend, dass ich aus Barmherzigkeit mich selber wie einen alten Lumpen behandele. Dadurch erniedrige ich mich allmählich, während er, der seine Zukunft noch vor sich hat, sich auf meine Kosten erhebt. Ich mache mich zu einem Leichnam, der an den Wurzeln eines Baumes begraben ist, während der Baum, der seine Nahrung aus dem in Zersetzung begriffenen Leben zieht, hoch in die Luft wächst.
Da ich zu dieser Zeit buddhistische Bücher studiere, bewundere ich die Verleugnung, mit der ich mich für einen andern opfere. Einer guten Tat wird ihr Lohn, und dies gewann ich dabei.
Eines Tages liefert mir die Revue des Revues ein Bildnis des amerikanischen Propheten und Arztes Francis Schlatter, der 1895 fünftausend Kranke heilte und dann für immer von dieser Erde verschwand.
Nun, die Züge dieses Mannes glichen in wunderbarer Weise denen meines Kameraden. Um die Probe zu machen, nehme ich die Zeitschrift ins Café de Versailles, wo mich ein schwedischer Bildhauer erwartete. Er bemerkt die Ähnlichkeit und erinnert mich an ein seltsames Zusammentreffen: dass alle beide von deutscher Herkunft waren und in Amerika wirkten. Noch mehr, Schlatter verschwand zur selben Zeit, als unser Freund in Paris auftauchte. Da ich jetzt schon etwas in den Ausdrücken des Okkultismus bewandert bin, äussere ich die Ansicht, dieser Francis Schlatter sei der "Doppelgänger" unseres Mannes, der, ohne es zu wissen, ein unabhängiges Dasein führe.
Als ich das Wort Doppelgänger aussprach, machte mein Bildhauer grosse Augen und lenkte meine Aufmerksamkeit darauf, dass unser Mann immer zwei Wohnungen habe, die eine auf dem rechten Ufer, die andere auf dem linken. Ausserdem erfahre ich, dass mein geheimnisvoller Freund ein doppeltes Dasein in dem Sinn führt, dass er den Abend mit mir in philosophischen und religiösen Betrachtungen verbringt, während man ihn in der Nacht immer noch auf dem Ball Bullier trifft.
Es gab ein sicheres Mittel, die Identität dieser beiden Doppelgänger zu bewiesen, da Francis Schlatter letzter Brief im Faksimile von der Revue gedruckt war.
—Kommen Sie heute abend zum Essen, schlug ich vor; ich werde ihm Schlatters Brief diktieren. Wenn sich die beiden Handschriften, und besonders die Unterschriften, gleichen, ist das ein Beweis.
Des Abends beim Essen bestätigt sich alles: die Handschrift ist dieselbe, die Unterschrift, der Schnörkel, alles ist da. Etwas überrascht, unterwirft sich der Maler unserm Examen; schliesslich fragt er:
—Und was wollen Sie damit?
—Kennen Sie Francis Schlatter?
—Ich habe nie von ihm sprechen hören.
—Erinnern Sie sich nicht an jenen Arzt in Amerika, voriges Jahr?
—Ach ja, der Scharlatan!
Er erinnert sich: ich zeige ihm Bildnis und Faksimile.
Er lächelt skeptisch, ruhig, gleichgültig.
Einige Tage darauf sitzen mein geheimnisvoller Freund und ich auf der Terrasse des Café de Versailles vor einem Absinth, als ein Mann, der wie ein Arbeiter gekleidet ist und bösartig aussieht, vor dem Tisch stehen bleibt und, ohne "Achtung" zu rufen, sich mitten unter den Gästen wie ein Wahnsinniger gebärdet. Gegen meinen Kameraden gewandt, schreit er aus vollem Hals:
—Da hab ich Sie doch gefasst, Sie Gauner, der Sie mich geprellt haben! Was soll denn das bedeuten? Sie bestellen bei mir ein Kreuz für dreissig Francs, ich bringe es Ihnen, und dann kneifen Sie aus! Potztausend, glauben Sie etwa, so ein Kreuz macht sich von allein?...
Er fuhr fort, ohne aufzuhören, und als die Kellner ihn entfernen wollten, drohte er, die Polizei zu holen. Währenddessen sass der arme Verschuldete stumm und unbeweglich da, vernichtet wie ein Verurteilter, vor einem Publikum von Künstlern, die ihn mehr oder weniger kannten.