August Vermeylen

Der Ewige Jude

Aus dem Flämischen übertragen von
Anton Kippenberg
*

Mit zwölf Holzschnitten von Frans Masereel

Leipzig • im Insel-Verlag
1921

Ahasverus und der Nazarener

Zu der Zeit, da unser Herr und Heiland noch unter den Menschen predigte, lebte in einem armseligen Keller zu Jerusalem ein Schuhflicker, mit Namen Ahasverus. Er war im selben Jahre geboren wie Christus und war ein strammer, hochgewachsener Kerl von einem Juden, mit knochigem Gesicht und ein paar hellen, kecken Augen, in denen eine Flamme stak.

Er liebte es, mit beiden Füßen fest auf der Erde zu stehn, und was nicht gerade war, das nannte er krumm, ob er gleich wenig vom Reden hielt: jeder geht doch seinen eigenen Gang, dachte er, und der Tod ist aller Welt gegeben.

Dieser Ahasverus fühlte sich nicht glücklich.

In ihm war etwas, das ihm keine Ruhe ließ, da drinnen brannte etwas, womit er nirgend hin wußte; er war wie einer, der sich in seinem Bette hin und her wälzt und keinen Schlaf finden kann.

Vom frühen Morgen bis zum späten Abend saß er gebückt in seinem Keller, schnitt sein Leder, zog den Pechdraht, flickte Absätze, hämmerte auf Hacken und Sohle und schuftete, daß es bis zu den Nachbarn hin rauchte, aber niemals hörte er das süße Zischen von Butter in der Pfanne. Tagaus, tagein: es war immer so gewesen und würde immer so bleiben: er konnte nicht mehr heraus, das Leben hatte ihn beim Wickel und stieß ihn vorwärts.

Wohin? Dem Ende zu.

Warum? Darum.

Er sah die Kinder zur Welt kommen, jämmerliche, wehrlose Würmlein, er sah die Menschen sterben, jung und alt, alles ohne Zweck. Er sah, wie die Kleinen von den Großen aufgefressen wurden; er sah die ausgehungerten Schlucker aus seiner Gasse zu Hunden werden, die sich um einen Knochen rissen; er sah unschuldige kleine Geschöpfe leiden wie Märtyrer. Und er hätte über all dies ungereimte Zeug lachen mögen, denn er konnte nicht einmal weinen, er würgte alles in sich hinein, und es lastete ein Stein auf seinem Herzen.

Oft saß er lange grübelnd auf seinem niedrigen Schusterschemel, und seine Gedanken liefen im Kreise herum, wie ein Pudel, der nach seinem Schwanze schnappt. Er stand auf, setzte sich wieder hin und blickte umher in seinem dumpfigen Keller, als röche es da nach dem Grabe. Und bisweilen stieg dann ein wilder Drang in ihm auf, verbissen klopfte er auf den alten Stiefel, der zwischen seinen Knieen eingeklemmt war, klopfte wie der Neck auf eine Seele, und in ihm rief eine dumpfe, drohende Stimme: Es muß ein Ende haben, es muß ein Ende haben! Und sein scharfes Auge flackerte. Aber das Morgen glich dem Heute und das Übermorgen dem Gestern, und Ahasverus, das braucht nicht gesagt zu werden, lebte nur so weiter, nach der Menschen alter Gewohnheit. Und die Tage gingen hin, einer nach dem andern, als ob es niemals einen Ahasverus gegeben hätte.

Tastete sich ein Kunde, gebückt, sein Trepplein hinunter, so wartete er, bis der zu sprechen anfing, und gab ihm wortkarg Bescheid. Wenn ich nur endlich seine Hacken sähe, um allein zu bleiben, dachte er; — allein mit der düsteren Glut, die in ihm loderte. Was konnten die armen Teufel ihm erzählen, es sei denn von ihrem elenden Leben, demselben Leben, wie das seine war! Mit Kindern hätte er wohl einmal spaßen mögen, aber die fürchteten sich vor seinem Lachen und kamen nicht gern in diese unheimliche Höhle.

Wenn seine Einsamkeit ihm allzu öde wurde, dann lief er ziellos die schmutzigen Gassen entlang mit ihrem Armeleutegeruch, durchs Gedränge der sich herumbalgenden Rotznasen, der Gemüseweiber, die neben ihren Karren humpelten, der Juden, die überall, vor den Kellern, auf den Türstufen, in Löchern unter den Freitreppen, beim Schachern und Krakeelen waren. Aber er betrachtete mit Groll den elenden Kuddelmuddel und fühlte sich darin noch einsamer denn je.

Manchmal war es ihm, als ob er nur ein Ding zu finden brauchte, nur ein Wort, um glücklich zu sein, — doch kein Mensch in der Welt wußte ihm dies Wort zu sagen. Er hätte seine Arme ausstrecken mögen, um das volle Leben einmal tüchtig anzupacken, aber er fühlte wohl, daß, was er auch tun mochte, die schreckliche Leere seines Herzens nicht füllen konnte, daß niemals Happen und Brocken seinen Hunger befriedigen würden, daß er immer weiter streben würde, frei, freier als die Lerche, als die Winde, als der Tod, und daß alles Wünschen darum nutzlos war, alles nutzlos.

Und so saß er gefangen in seiner Verdammnis, wie in einem Keller ohne Tür oder Luftschacht.

Und doch, hatte das Leben auch keinen Reiz für ihn, kam er sich auch oft gänzlich ausgelaufen vor, es steckte im Tiefsten seines Herzens, so tief, daß er selbst es nicht sah, etwas, woran kein Teufel rühren konnte. „Sie werden mich nicht kriegen“, sprach er bei sich selbst und lachte höhnisch und biß die Zähne zusammen und hielt sich steif. Denn das will ich euch nur sagen: er war ein Mann vom Kopf bis zu den Füßen, kein Seelchen von Zucker und Honig, kein Faselhans oder Flausenmacher, sondern ein knorriger Kerl aus einem Stück mit ein paar sehnigen Arbeitshänden, einem klaren Kopf und einem Brustkasten, den man anpacken konnte.

Nun war es, müßt ihr wissen, damals eine harte Zeit, und das Volk hatte viel zu leiden: das Korn, aufgehäuft auf den Böden der Reichen, kostete ein schweres Stück Geld, und alles Fett auf der Suppe wurde abgeschöpft durch Auflagen und Fronden, durch große und kleine Zehnten, die kein Ende nahmen. Daß gemurrt wurde, könnt ihr euch denken: man steckte die Köpfe zusammen und räsonierte hier und dort, an Ecken und Kanten. Wenn die Walker und die Weber am Sonntag getrunken hatten, gab es Radau in ihrem Bezirk, und dann bebten die Patrizier und die Blutsauger des Volkes in ihren verriegelten Häusern. Ahasverus verzog die Mundwinkel und zuckte die Achseln, denn es war ihm bisweilen, als ob er die ganze Menschheit für ein Butterbrot hätte verkaufen können. Doch sah er mit heimlichem Vergnügen, daß bei Volkszählung und Steuererhebung immer mehr geknurrt wurde. „Vielleicht werden sie doch noch einmal Menschen werden!“ dachte er. Aber wenn dann die geharnischten Hellebardiere zu Pferd mit ihren roh lachenden Gesichtern auf dem Markt erschienen, war niemand, der noch zu mucksen wagte.

Der Kram könnte vielleicht doch einen besseren Dreh bekommen, dünkte ihn, als er zum erstenmal Jesus den Nazarener sah.

Er hatte schon seit einiger Zeit davon gehört, wie dieser Fremdling zum Ärger aller Priester und Wucherer die Kleinen um sich scharte und sie mitriß mit seinem inwendig brennenden Wort; und alle glaubten ihm, wenn er prophezeite, daß sie glücklich sein würden und daß einst die Güte auf Erden herrschen würde.

„Faxen!“ hatte Ahasverus konstatiert und war sogleich wieder in seine Höhle gekrochen.

Aber ein andermal hatte er vernommen, wie der Nazarener die Tische der Wechsler im Tempel umgestürzt und all ihre durcheinanderkollernden Geldscheiben über das klingende Pflaster geschüttet hatte, wo sie darnach grapschten, gebückt unter seiner geflochtenen Geißel; und wie er sie mit Sack und Pack zum Tempel hinausgefenstert hatte, mitsamt den Taubenzüchtern, die dort Tauben für die Opfer verkauften. An diesem Tag hatte Ahasverus geschwiegen.

Und etwas später hatte er ihn selbst gesehen. Es war gegen Abend, außerhalb der Stadtmauern, wo zwischen ärmlichen Gärtchen und Plätzen voll Aschengrus, Schutt und Topfscherben die Seiler arbeiten und die Ziegelbrenner. Ein ganzer Schweif war ihm aus Galiläa gefolgt, Tölpel, die wegen ihres bäurischen Aussehens in den Straßen von Jerusalem von den Gassenjungen verhöhnt wurden, rote, wetterharte Fischer, hungrige Lümmel mit dämlichen Augen und bärtige Weinbauern mit harten Köpfen: sie standen um ihren Meister herum und nickten „ja“ zu allem, was er sagte. Die Seiler hatten ihre Bahn verlassen und die Ziegelbrenner ihren Ofen; die Arbeiter, die aus der Stadt heimkehrten, ihr Gerät auf der Schulter, blieben stehn und guckten, und da waren auch Galiläer aus Jerusalem, allerhand Tagediebe, verlauste Krüppel und ein paar Freudenmädchen, inmitten zahlreicher Kinderbrut.

Die Hände in den Taschen und mit den Ellbogen stoßend, schob Ahasverus durch dies Gedränge, immer noch mißtrauisch: „Wir wollen uns diesen Kerl nun mal ansehn . . .“

Er sah ihn, — er sah die erhaben-ernste Erscheinung mit dem schmalen Gesicht, dem etwas bitteren Zug um den Mund und den Augen voll Liebe. Und plötzlich schwieg alles in ihm, er lauschte gespannt, und die Stimme drang in sein Herz; es war, als hätte eine mächtige Hand sich auf ihn gelegt.

Ja, da stand ein Mann! und sein Wort kam auf Ahasverus zu wie eine einfache, nackte Wahrheit. Ja aber, ja aber, wir wollen mal sehn . . . Und Ahasverus sträubte sich dagegen, denn viel begriff er nicht, wie er wohl gewünscht hätte, aber eines wurde ihm doch sogleich klar: daß der ganze Kram von unten nach oben gekehrt werden sollte; von dem großen Tempel, der sich da hinten wie ein Ungeheuer von Weiß und Gold in den Himmel hineinwölbte, würde kein Stein auf dem andern gelassen werden . . . „Wähnet nicht, daß ich gekommen sei, Frieden zu bringen auf die Erde; ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ Und Jesu Blick fiel starr auf Ahasverus, der ihn schweigend ansah und plötzlich, er wußte nicht warum, ein tolles Jauchzen spürte in der verstopften Kehle.

Später schämte er sich dessen, und es schien ihm fast, als ob der Nazarener ihn verzauberte. Denn als er vor ihm stand, wurde er gleichsam ein anderes Wesen, er fühlte, daß er ein Mensch war, und daß es noch andere Menschen gab gleich ihm selbst, und daß das Leben einen Sinn hatte und alle Dinge vielleicht so einfach waren. Aber was hoffte er denn eigentlich? Er wußte es nicht. Und zu Hause nagte und knabberte er noch mehr an all seinem Zweifel, und er haßte dann diesen Jesus, der die stumme Glut da drinnen in seiner Brust aufgeschürt hatte, denn nun konnte seine Seele nicht mehr schlafen.

Wußte der Galiläer selbst wohl, was er wollte? Warum schwatzte er von Vergebung und Liebe, wenn er die Macht brechen wollte? Und wie würde er es anfangen, den Hungrigen und Beladenen den ersten Platz an der Tafel zu geben? Wie würde er nun die Menschen ändern? Lag sein Neues Reich in den Wolken, oder wollte er König von Jerusalem werden, und würde dann alle Tage Sonntag und alle Sonntag Kirmes sein? Er sagte wohl: Eure Rede sei ja, ja, nein, nein! Aber warum dann all diese Gleichnisse und diese Bildersprache, woraus kein Mensch klug wurde? Er war am Ende doch nur ein Träumer! . . . Und warum saß er stundenlang im Tempel, zu tifteln über das Gesetz und die Propheten mit den heuchlerischen Pharisäern, „diesen übertünchten Gräbern“, er hatte es selbst erkannt, „die auswendig hübsch scheinen, aber inwendig sind sie voller Totengebeine und alles Unflats“? Seine Apostel, einfältige Tröpfe, die überallhin mitliefen, vermochten selbst nicht viel davon aufzuschnappen. Warum entschloß er sich nicht einmal, mit einigen handfesten Genossen die Fäuste aus dem Ärmel zu recken? Aber wenn die Köpfe warm wurden und da etwas zu rumoren anfing, dann wandelte er in aller Gemütsruhe nach Bethanien zu den Schwestern des Lazarus! Nein, auch das gefiel Ahasverus nicht: es war immer zu viel Weibervolk um ihn herum.

O, könnte er doch einmal all diese verrückten Mädchen und diese Lumpenkerle, diese Schwätzer und Tagediebe von dem Manne wegjagen und irgendwo allein mit ihm sitzen, am Abend, und seine Hand in die eigene nehmen und in seine seltsamen, stillen Augen blicken und ihn fragen, was er tun sollte! Denn er konnte sie nicht vergessen, diese sanfte Stimme, die durch begehrende Lippen aus der Tiefe klang, dies entschlossene Gesicht, diesen Blick, der an jenem Tag auf ihn gefallen war und worin er gelesen hatte, ja, deutlich gelesen, daß auch in Jesus etwas brannte, wie in ihm selbst, etwas, womit er nirgendhin wußte . . .

Aber sein ganzes Wesen umgab solch ein Hauch inbrünstiger Trauer, wenn er seinen Blick schweifen ließ über sein hoffendes Volk und weiter zu den hohen Zinnen von Jerusalem, daß Ahasverus nicht wagte, ihn anzureden.

Er blieb in einer kleinen Entfernung schweigend stehen, und oft, wenn er lange nach ihm hinsah, hatte er das Vorgefühl eines großen Glückes, wobei es ihn immer wieder quälte, daß dieses Glück so gar nicht zu greifen war. Aber das wußte er doch: daß da ein Mann war so wie er selbst, ein Mann, der ihn verstehen würde, der ihn retten konnte; und wenn der endlich einmal, wie er versprochen, das Schwert über die fahle Verderbtheit der Welt zückte, ja, dann würde er, Ahasverus, wild in den Kampf fliegen, so dicht wie möglich an seiner Seite, und fechten, daß es krachen sollte, unverdrossen und heiter und triumphierend bis in den Tod, — bis in den nutzlosen Tod, denn wofür gekämpft würde, er wußte es nicht zu sagen: der Himmel würde immer der Himmel sein, so hoch über unserm Haupt, und die Erde an ihrer Stelle bleiben, mit Waschlappen von Menschen darauf, — aber um endlich doch aus seinem Kellerloch und seinem dumpfigen Leben in die Höhe zu springen und sich einen Weg zu hauen nach etwas anderem, was es auch sein mochte, nach dem Ungereimten, dem Sinnlos-Tollen, und doch einen Augenblick über dem zerstörten Leben tanzen zu dürfen in einem gewaltigen Rausch von Verzweiflung, wobei die Welt bersten und vergehn mochte . . .

Doch Jesus predigte nur immerfort und zankte sich weiter mit den Priestern; und da Ahasverus seit einiger Zeit mehr hinter ihm hergelaufen war, als sich um seine Arbeit gekümmert, und sich tüchtig in Schulden gestürzt hatte, so erschien in seinem Keller, am Donnerstag vor Ostern, ein dicker, untersetzter, buntbeturbanter und stolzgefiederter Wicht von einem Gerichtsdiener, der ihm verkündete: daß man in der nächsten Woche sein armseliges Gerümpel verkaufen und ihm nicht einmal einen Nagel lassen würde, um sich damit zu kratzen.

Ahasverus hatte nicht übel Lust, diesen ganzen Hanswurst mal mit dem Gehirn gegen die Wand zu klatschen. Aber etwas war zerbrochen in ihm: er rührte sich nicht und schwieg und schwieg und blickte um sich wie ein Tier, das den Tod sieht. Er fühlte die Faust wieder, die ihn beim Nacken gepackt hielt, er saß gefangen in seinem Verhängnis, er konnte nicht mehr heraus. Er lag da, weggespült, willenlos, halb zusammengesunken, in einem schmierigen Winkel. Läg er doch nur sechs Fuß tief unter der Erde! Wenn man kaputt ist, so ists aus, dachte er; die Menschen sind ebenso schwach gegen das Böse wie gegen das Gute, sie sind weder die Hölle noch den Himmel wert. Aber das Nichts, das Nichts, — das schien ihm noch fürchterlicher als selbst der Höllenbrand . . .

Die Glut fraß wieder in ihm und wußte nicht, wo sie herausschlagen sollte; er fühlte, wie eine tödliche Lähmung ihn beschlich, und eine wilde Raserei schäumte in seinem zerschlagenen Kopf, — umsonst! umsonst! Stunden entglitten, eine nach der andern, und er saß noch da, als schon das Dunkel alles umhüllt hatte. Ihn fror, seine Zähne klapperten. O kämpfen! kämpfen! Wogegen, das war ihm einerlei . . . Er konnte doch so nicht dahinfahren, er hätte auf einmal untergehn mögen in einer alles zermalmenden Tat, aber er vermochte nicht mehr zu denken, die ganze Welt schien ihm leer, so grausig still . . . Er legte sich endlich auf seinen Strohsack, und die Stunden gingen wieder über ihn hin, alles verflüchtigte sich, versank . . .

Wie war Jesus hereingekommen? Ahasverus lachte, ein albernes, klangloses Lachen, als er in dem bleichen Antlitz die Augen fiebrig glänzen sah. Es war wie an jenem Tag, am Stadttor. „Ich hab noch ein Messer,“ sagte Ahasverus, „das sollen sie mir nicht wegnehmen . . .“ Sie liefen auf die Straße, eingezwängt in ein hastiges Gedränge von Kerlen mit Keulen und Beilen und von Schmiedehämmern, die mächtige Schultern trugen. Von überallher, aus allen Gäßchen, kam Menschen- und Pferdegetrappel, ein jeder hatte die unausgesprochene Botschaft verstanden. Ahasverus lief, um vorne zu sein, und da stand er mit Jesus oben am Tempel, gegen die goldene Kuppel, so nahe bei der matt-schimmernden Milchstraße, daß er die roten Sternbüschel fast hätte pflücken können wie Früchte. Über Jerusalem blinkte, hoch am Himmel, ein Komet, unbeweglich in der wimmelnden Nacht, wie ein blutiges Schwert. Ah! ah! da begannen die Häuser der Wucherer in der Ferne zu brennen mit lustigem Knistern, und die Flammen flackerten und tanzten so toll in die schweflige Luft hinein . . . Aber sieh da, unten, im Dunkel, war ein surrendes Meer von bleichen Gesichtern, das sich über den ganzen Großen Markt heranwälzte gegen die Treppen und Portale. Wütend rammten die Sturmböcke; nun wird der ganze Kram einstürzen, dachte Ahasverus, denn das Marmorpflaster bebte unter seinen Füßen. Aber das schien ihm auch ganz natürlich; er war seiner Sache sicher: er würde mit wilder Freude in die Tiefe donnern oder sich vielleicht an die Sterne festklammern . . . Nun war das Volk hereingebraust wie durch Schleusen, er hörte das Kreischen vergewaltigter Frauen und ein langgedehntes, rasendes Gebrüll, dann und wann vermischt mit Trommelgewirbel und dem sinnlosen Schrillen einer Flöte, das da war wie das silberne Stimmlein eines Kindes auf einem Schlachtfeld. All dieser Lärm machte Ahasverus trunken, und es tat ihm wohl, den warmen Raubtiergeruch dieses stiebenden Gedränges einzuschnauben. Auf einmal stieg der todesbange, bloße Kopf des Gerichtsdieners über die Zinne empor; er wollte hinauf, denn von unten schrieen Tausende von Mündern Mord und Brand zu ihm hin, und seine Klauen in die Rinne gekrampft, flehte er um Gnade. Doch Ahasverus drückte mit seinen beiden Tatzen auf diesen verschimmelten Käsekopf und sah dann das Männlein mit lustigem Schwung in die schwindelnde Tiefe hinunterzappeln. Das machte ihn plötzlich ganz närrisch vor Vergnügen, es war, als ob er nun die Welt hätte zerknacken können wie ein Streichholz; mit einem blöden Lachen lief er die Wendeltreppe hinab, über seinem Kopf schlugen die Glocken, und er drehte, drehte sich unaufhörlich im Dunkel, weiter gehetzt durch den schrecklichen Gedanken, daß er so in alle Ewigkeit die Wendeltreppe hinunterlaufen müßte, ohne je einen Ausweg zu finden aus diesem Abgrund; aber er hörte noch deutlich die Glocken dröhnen und den Lärm da draußen, und er befand sich wieder auf dem Platz, gestoßen und getragen von einem wilden Menschenstrom. Der Schall schien wie ein Sturm aus den Steinen herauszuschlagen, er fühlte, wie seine Füße weich wurden von der Lauigkeit des Blutes, — er wollte sich loswühlen, er wollte rufen, aber dieses Blut stieg in ihm auf, es röchelte in seiner Kehle, er verschmachtete und rief, rief . . .

. . . und wurde mit einem Ruck wach auf seinem Strohsack, vom Fieber geschüttelt, und seine weit geöffneten Augen starrten in die wimmelnde Finsternis; sein Herz pochte . . . Aber er hörte immer noch den Lärm und das Glockengedröhn . . . Es war kein Traum . . . Er war nun doch wach, er erkannte das Geläut von mehreren Türmen, — nein, war es möglich? Aber von ganz fernher kam das dumpfe Getöse von vielem Volk, und mehr in der Nähe rasselte eine Trommel; wer schlug denn da Alarm zu dieser nächtlichen Stunde? Schritte eilten durch schlafende Straßen, er lauschte gespannt . . . Ja, das Volk war los, die Puppen waren am Tanzen, und die Glocken, die Glocken, sie sprangen über der Stadt hin und her! Dieser verteufelte Nazarener, er hatte es nun doch gewagt! „Ich habe noch ein Messer!“ lachte Ahasverus; ja, es war ein gutes freundliches Messerchen; „er wird schon sehn . . . er wird zufrieden sein . . .“ Und eine wunderbare Seligkeit stieg in ihm auf, mit solcher Gewalt, daß Sterben oder Leben ihm nun einerlei war, wenn er nur in wildem Triumph seiner Verzweiflung die Zügel schießen lassen konnte.

Er war schon draußen, sein Messer in der Faust. Die Frühlingsnacht war pechschwarz, als zöge ein Unwetter herauf. Ahasverus schauderte vor Kälte, und sein Kopf glühte. Das Geläute und Getöse hielt an, — wo war es? Er schwankte einen Augenblick, — er wußte nicht, wohin. Etwas von dem Traum wirkte fort in ihm, und er wollte zum Tempel, aber von einer anderen Seite stieg nun ein gewaltiges, wirres, vielstimmiges Geschrei auf und wuchs zu einer Wolke von Lärm.

„Am Bethlehemer Tor!“ dachte Ahasverus und fing an zu laufen. Hier und da wurde ein Fenster aufgestoßen: „Was ist los? — Ist der Feind im Land?“ Ängstliche Schlafmützen fragten es einander und riefen hinter Ahasverus her. Und er hielt immer nur sein Messer hoch wie ein Verrückter: „Jungens! . . . der Nazarener . . . es geht los . . .“

Nein, beim Bethlehemer Tor war es nicht, der Koloß des runden Wachtturmes machte die Nacht dort noch dunkler. Die Glocken dröhnten unaufhörlich . . . „Das Lagerhaus steht in Brand!“ sagten die Männer im Vorübereilen. Und Ahasverus hinterher. „Kein Stein auf dem andern!“ jauchzte es in ihm. Aber links glaubte er nun wieder das Getöse zu hören wie ein Meer, und er trabte durch krumme Gäßchen und verlief sich und geriet plötzlich ins Gewühl auf dem Platz vor dem Haus des Hohenpriesters Kaiphas. Der phantastische Schein von Fackeln, die vor der Tür zusammengeschart waren, tanzte über den Köpfen. Es wurde geschrieen und gelacht und geheult; halbbetrunkene Strolche drängten sich, um nur vorwärtszukommen, Schulter an Schulter, und brüllten ein aufrührerisches Lied. Ahasverus stieß und brüllte mit, aber sie konnten nicht weiter. „Haben sie ihn gefaßt?“ fragte er. — „Ob sie’s haben!“ . . . grinste jemand neben ihm, und Ahasverus blickte verwundert auf, denn er erkannte einen schmierigen Halsabschneider aus seiner Nachbarschaft, und dann starrte er mit ausgerecktem Hals zu den erleuchteten Fenstern, ob sie des Kaiphas höchsteigene Person nicht hinunterkegeln würden. Aber in dem selben Augenblick geschah etwas, das den Atem in seiner Brust stocken ließ: das Toben versank und verebbte in erwartungsvolle Spannung, es wogte ein großes Geschaukel von Fackeln und Volk, hocherhobene Posaunen bliesen eine wildschmetternde Fanfare, und da erschien auf der hohen Vortreppe, zwischen Landsknechten mit Piken, der Mann, Jesus der Nazarener, ganz bleich und still, mit gebundenen Händen.

Vor ihm her schritt der kleine Fettsack von Kaiphas, und Ahasverus sah, wie über seinem Wabbelkinn auf dem würdevollen Kupfergesicht mit den stechenden Schweinsäuglein die Befriedigung leuchtete. Und dahinter das aufgeregte Gebaren dichtgedrängter Priester und Pharisäer, die höhnten und pfiffen. Jesus blieb einen Augenblick stehen, aufrecht wie eine Bildsäule, aber sie stießen ihn die Treppe hinunter, und plötzlich war der ganze Platz wieder ein tosender Strudel.

„Laßt ihn los!“ riefen hier und da Stimmen. „Tötet ihn! Tötet ihn!“ bellten andere. „Er hat doch nichts Böses getan! . . .“ Wiederum Stoßen und Drängen; an der Ecke entstand eine Schlägerei. „Es lebe der König von Jerusalem! Uh! Uh! — Tötet ihn! — Laßt ihn los! . . .“

„Der Teufel soll ihn holen!“ schnaubte dicht neben Ahasverus ein Kerlchen mit gelbem Gesicht, „die Geschäfte gehen schon ohne all diese Aufrührer schlecht genug . . .“

„Aber sie werden ihn morden . . .“, sagte ein junger Mensch mit bebenden Lippen.

Ahasverus packte ihn beim Arm wie mit einer Kneifzange:

„Wie haben sie ihn gefaßt?“

Und der junge Mensch erzählte: „Auf dem Ölberg . . . Judas hat ihn verkauft . . . Sie wollen ihn morden! o Gott! sie wollen . . .“

„Judas! ein Apostel! Und die anderen? Haben sie sich nicht gewehrt?“

„Was hätten sie machen sollen? Petrus hat einem einen Hieb übers Ohr gegeben . . .“

„Und Jesus, hatte er keine Waffe?“

„Es scheint nicht, das Schaf; er hat freiwillig seine Hände ausgestreckt, daß sie ihn binden sollten . . .“

Verflucht! Es war Ahasverus, als ob seine Beine unter ihm wegsänken. Und er lachte ein verzweifeltes Lachen voll ohnmächtiger Raserei:

„Diese Memme! Er hatte einen Traum, einen Traum, und kein Schwert, um ihn wahr zu machen! . . .“

Er hielt immer noch sein Messer umklammert und stand unbeweglich, mit dem Rücken gegen ein Haus: er sah dahinten die Fackeln und die Lanzen weiterziehen, von Gewühl umdrängt, und das Gewühl trieb langsam mit ihnen fort.

Nahe beim Hause des Kaiphas waren noch einige Wächter um ein Feuer geschart, faul ausgestreckt oder an ihre Partisanen gelehnt; auch ein paar Mädchen und Müßiggänger lungerten dort noch herum, und in dem Feuerschein konnte Ahasverus das Gesicht des Petrus unterscheiden, des einzigen Apostels, der für Jesus auf dem Ölberge den Kampf gewagt hatte. „Von dem werde ich alles erfahren“, dachte er, und die alte Hoffnung spitzte in ihm wieder ein wenig die Ohren: „Vielleicht ist noch etwas zu machen . . .“

Als Ahasverus zum Feuer kam, sagte eines der Mädchen zu Petrus: „Du gehörst auch zu der Bande, tu nur nicht so, als ob du nicht bis dreie zählen könntest, ich hab dich mit dem Nazarener gesehn.“

Und Petrus, mit einem unschuldigen Maul, als fiele er aus den Wolken: „Ich? Was redest du für dummes Zeug? Ich? . . .“

„Ihr hört ja an seiner Sprache, daß er aus Galiläa ist“, sagte ein anderes Mädchen. Und ein Landsknecht trat näher an ihn heran und sah ihm forschend ins Gesicht: „Jüngelchen, halt mal eben . . . hast du nicht dem Malchus das Ohr abgeschlagen? . . .“

Petrus wurde plötzlich frech und rief mit einem unsteten Blick, der zugleich guckte und auswich: „Das ist nicht wahr! Das ist nicht wahr! Ihr seid besoffen! . . .“

Aber Ahasverus packte ihn bei der Kehle und fuhr ihn mit fürchterlicher Bestimmtheit an: „Du bist Petrus, der Fischer aus Galiläa, und Jesus war dein Freund, du Feigling!“

„Ich habe Jesus niemals gesehn! . . .“ schrie Petrus, der blau und grün wurde.

Just in diesem Augenblick krähte ein Hahn mit erhobener, gewaltiger Raspelstimme ein heiseres, langgezogenes, endloses Kikiriki, das ganz aus der Tiefe hervorzuröcheln schien wie im Todeskampf und grausig abriß in einer Art teuflischem Lachen. So brach auch ein Lachen der Verzweiflung aus Ahasverus Gurgel hervor, denn: umsonst! dachte er wieder, umsonst! . . . Und Petrus, plötzlich frei, wankte rückwärts hinaus, als hätte der Blitz gerade vor ihm einen Abgrund in die Erde geschlagen. Niemand wagte die Hand nach Ahasverus auszustrecken.

Er ließ sein Messer fallen und irrte weiter.

Eine stille Klarheit hatte den Himmel gebleicht, und der Nacht entwuchs geräuschlos langsam ein bleigrauer Morgen. Auf den Steinen begannen schon die Wagen zu rasseln, die die Bäuerlein zum Freitagsmarkt fuhren. Ahasverus betrachtete das alles nun, als ob es ihn nichts mehr anginge; die Lust, weiter zu leben, war in ihm gebrochen.

Die Bauern gingen mit krummen Rücken in Kellerwirtschaften, um eine Kumme warmen Kaffee zu schlürfen, und Ahasverus hörte, wie sie geladen waren auf diesen Aufrührer, diesen verfluchten Radaumacher; es war seine Schuld, daß der Kram wieder mal aus Rand und Band war, just an einem Markttag.

Nach und nach kam die ganze Stadt auf die Beine, die Läden wurden geöffnet, man trug die Fensterluken hinein, und verschlafene Gesichter besprachen die große Neuigkeit.

„Wenn sie ihn kreuzigen, daß sie es dann nur schnell heute noch abmachen,“ hörte Ahasverus sagen, „sonst ist das Osterfest zum Teufel!“

„Und die Geschäfte gehn ohnehin schlecht genug!“

„Die Wirte werden nicht zu klagen haben . . .“

„Sie sollten all diese Besserwisser einsperren . . . mit ihrem Gequatsch . . . damit sie die Menschen bei ihren Angelegenheiten nicht stören . . . damit sie die Menschen in Ruhe lassen . . .“

„Diese fremden Ratten . . .“

„Sie wissen nicht mehr, was sie sich ausdenken sollen, heutzutage . . .“

Und dem Wirt der Ausspannung „Zur fröhlichen Einkehr“, der über der Fensterbrüstung lag, erzählte der Barbier von der Ecke, wie Petrus — „es ist schrecklich!“ — dem Judas den Kopf glatt abgehauen hatte.

Wie lange Ahasverus so umherschweifte, er hätte es nicht sagen können, — bis er endlich mit dem Haufen wieder mittreibend zum Gerichtshaus zog, vor dem eine große Menge versammelt war. Auf einem Altan stand der Landpfleger Pontius Pilatus, der eine Ansprache hielt, mit seinem behäbig-groben, alltäglichen Gesicht, das nur ein wenig verdrießlicher aussah, weil sie ihn aus seiner feisten Ruhe aufgestört hatten.

Man sah deutlich, daß er sich die Sache am liebsten vom Leibe halten wollte; die Glaubenslehre der Juden war ihm gleichgültig, und die krähenden Priester hingen ihm zum Halse heraus. Er schwatzte mit knappen Gebärden etwas von seiner Liebe zum Volk, und daß in erster Linie Ordnung herrschen müßte im Interesse der ökonomischen Entwicklung der Stadt, daß die Bürger von Jerusalem einander nun endlich einmal verstehen müßten und aufhören mit ihrem ewigen Gehäkel um Bagatellen. Bei diesem Wort begannen die Pharisäer schon wieder sich die Augen aus dem Kopf zu blöken, und das Publikum rumorte nur immer mehr. Kaiphas, der neben Pilatus über dem Geländer des Altans hing, schrie wütend und aufhetzend zu seinen Trabanten hinunter. Und Pontius Pilatus, ein wenig aus dem Konzept gebracht, ließ ihn nun seinerseits reden, um das Gebrodel zu stillen. Kaiphas, den knallroten Kopf stolz über dem Bauch, predigte erst mit salbungsvoller Stimme, legte dann mehr Nachdruck auf seine Worte, als er auf diesen Aufrührer zu sprechen kam, der sich für den König der Juden hielt, und auf die nötige Ehrerbietung vor dem jüdischen sowohl wie vor dem römischen Gesetz, und er schloß seine Rede mit einem gewaltigen Gedonner prasselnder Sätze. Ja, heilig durfte man die Ordnung nennen; aber dieser Fremdling, der gerade war der Störenfried, der weg mußte. „Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!“ wurde gerufen.

„Ach, was kann er denn viel Böses anrichten?“ sagte Pilatus achselzuckend. „Er ist nur ein Träumer, ein Intellektueller!“

Die Schriftgelehrten, die Küster des Tempels, die Reichen, die Wechsler, die Leute an der Spritze, alle, die Jesus bei ihren Geschäftchen gestört hatte, alle, die einen Augenblick gezittert hatten, sie waren überall eifrig am Werk, tobten, daß es staubte, ließen Bier herumreichen und versprachen goldne Berge, wenn Jesus gekreuzigt würde. Und vor dem Sturm zog sich Pontius Pilatus ins Haus zurück, gereizt mit Kaiphas sich kibbelnd, der ihm mit aufgeregter Geschwätzigkeit folgte.

Rings um Ahasverus sagte nun ein jeder sein Sprüchlein:

„Er predigte doch gegen die Lehre . . .“

„Wenn er mehr ist wie wir, warum hat er sich dann greifen lassen und kein Wunder getan?“

„Ein Gaukler . . .“

„Er hat einen Blinden an einem Sonntag geheilt. Rechtschaffene Leute arbeiten nicht am Sonntag . . .“

„Warum blieb er nicht kusch? Warum kümmerte er sich um anderer Leute Angelegenheiten?“

„Er wollte den Tempel abbrechen . . .“

„Und was für ein Gesindel hatte er um sich herum, Landstreicher und Huren! . . . Dieses Magdalenchen!“ . . . Und voller Geilheit erzählten sie zweideutige Geschichten von diesem Magdalenchen.

„Er entriß die Kinder ihrer Familie . . .“

„Er säte Haß unter die Menschen . . .“

„Ein Glück, daß ich dabei war! Petrus ging schon ans Hauen und Stechen: er hat einen Kerl in zwei Teile gespalten bis an den Nabel . . . Aber ich habe ihm zum Donnerwetter nochmal eine neingehauen, daß ihm schwummerig wurde . . .“

„Die Apostel hatten selbst genug davon: ihr seht es ja, es ist einer von seinen besten Freunden, der ihm das Spiel verdorben hat.“

„Ha! ha!“ fluchte Ahasverus bei sich, „sieh da, das auserwählte Volk des Neuen Reiches!“ Die letzten Anhänger Jesu hatten sich auf die Strümpfe gemacht oder standen da, verblüfft und verbaast, und sperrten das Maul auf.

Aber plötzlich erschütterte Lachen, gewaltiges Prusten und Lachen, die dichtgedrängte Menge. Denn Jesus war auf dem Altan erschienen, vorwärts gestoßen, — und er glich mehr einer Vogelscheuche als einem König: sie hatten ihm zum Zeichen seiner Macht einen zerlumpten Purpurmantel umgehangen, in dem seine Füße strauchelten, und sein Haupt trug eine Krone aus Dornen geflochten, und als Zepter hielt er in seinen gebundenen Händen ein Rohr. Wahrhaftig, ein famoser Ulk! Ahasverus lachte und tobte mit, denn es war ihm, als ob er selbst da oben stünde, es war ihm, als ob er sich selbst verspottete, als ob die Dornen aus seinem eigenen Haupte den roten Schweiß tropfen ließen.

Soldatenvolk umgrinste den schäbigen Herrscher. Ein Lümmel zupfte ihn am Haar und fragte: „Du, der alles weiß, sag, wer hat das getan?“ Aber Jesus schwieg.

Und ein anderer gab ihm hinterrücks einen Backenstreich und fragte: „Weissage: wer hat dich geschlagen?“ Ahasverus fühlte die Ohrfeige auf seiner eigenen Backe brennen und lachte wild mit dem Volke mit. Jesus schwieg.

Und nun wurde nach seinem Antlitz gespieen: „Weissage! Weissage!“ Es schien Ahasverus, als ob er auf seine eigene Seele spiee, und er schrie mit. Ein fürchterliches Gedränge stieß nach vorn, jedermann wollte dabei sein, wollte mitspielen. Frauen und Kinder gellten mitten hinein ins Geheul dieser ungebärdigen, tausendköpfigen Bestie, die sich gegen die Mauer des Gerichtshauses quetschte.

Pilatus, der sich den ganzen Mummenschanz ausgedacht hatte, in der Meinung, daß das Publikum ihn nach solch einem Schauspiel in Frieden lassen würde, trat nun vor, und um zu zeigen, wie unschädlich der arme Schächer doch eigentlich wäre, spöttelte er gutmütig, indem er mit seiner geöffneten molligen Hand auf ihn wies:

„Ist das nun der König der Juden?“

„Hu! hu!“ raste das Volk zu dem schweigenden Manne mit der Dornenkrone und dem Rohr, und „Hu!“ raste Ahasverus, „hu! der König des Neuen Reiches, der König, der einen Traum hatte und kein Schwert, um eine Wirklichkeit, eine Wirklichkeit daraus zu machen!“

Aber die Hohenpriester fürchteten, daß die Beute ihren Krallen entschlüpfen könnte: „Pilatus höhnt die Juden!“ riefen sie von allen Seiten, „der Kaiser in Rom ist unser König! . . . Er lästert den Kaiser! . . .“ Und Pilatus war schon wieder aus der Fassung, betäubt durch das Gebrüll, aufgehetzt durch Kaiphas.

„Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!“ ging es hier und da hartnäckiger los.

Pilatus wurde ärgerlich. „Wir müssen kurzen Prozeß machen“, dachte er. Und da er nicht wußte, was tun, nahm er seine Zuflucht zum Nazarener selber: der verhielt sich auch allzu stumm und wollte kein Wort zu seiner Rechtfertigung sprechen: er mußte — zum Teufel! — doch mal deutlich auseinandersetzen, was er sich eigentlich dachte, dann würde das Urteil vielleicht milder ausfallen; und barsch werdend, platzte Pilatus heraus: „Komm, sei nun endlich mal vernünftig, sei nicht so romantisch, nimm die Dinge, wie sie sind . . . Ich habe dich in meiner Macht, ich kann mit dir machen, was ich will, rede . . .“

„Du vermagst nichts über mich!“ sagte Christus, den Blick in sich gekehrt; „ich bin die Wahrheit.“

„Wahrheit . . . Wahrheit . . . was ist Wahrheit?“ murmelte Pilatus und betrachtete mit aufrichtigem Mitleid diesen armen Schwärmer, der so jämmerlich seine Sache verdarb. Aber er hatte schon einen anderen Ausweg gefunden, um sich die Geschichte mit einem Schlage vom Halse zu schaffen:

„Werte Mitbürger, es ist ein uralter Brauch, eine ehrwürdige Überlieferung . . . eine Überlieferung, sage ich, der wir also treu anhängen müssen, daß der Statthalter zum Osterfest einen Gefangenen losläßt; — wollen wir diesen denn nicht laufen lassen?“

„Nein, nicht Jesus, — Barrabas!“ rief eine Stimme. Und „Barrabas! Barrabas!“ war der Schrei, der nun von überallher emporstieg. „Barrabas!“ schrie auch Ahasverus.

Dieser Barrabas, müßt ihr wissen, war in Jerusalem wohl bekannt und dem Volke teuer, als ein unverbesserlicher Windhund, Lüderjan, Nachtschwärmer, Pflastertreter, Saufaus, Würfelspieler, Hurenbock, Prasser, Zotenreißer und Hans in allen Gassen.

„Wenn du uns die Wahl läßt,“ sagte Kaiphas, „dann gibst du zu, daß Jesus schuldig ist!“

Pilatus verlor auf einmal alle Geduld: „Ich hab genug davon,“ schloß er wütend, „ich sitze hier schon den ganzen Morgen und rede mir die Zunge aus dem Hals, kreuzigt ihn, wenn ihr ihn nun doch mal kreuzigen wollt, aber dann gleich, damit es ein Ende hat! Und der erste, der sich dann noch muckst, fliegt an . . .“

Es war, als ob eine fürchterliche Welle das ganze wimmelnde Gedränge oben hinauf zum Richthaus tragen wollte mit wildem Gejauchze. Jesus wurde im Tumult fortgeschleppt, und Pontius Pilatus machte sich mit rundem Rücken aus dem Staube.

Für Ahasverus verlief alles nun, als ob es ganz fern von ihm geschähe, als ob er jenseits der Menschheit irrte, jenseits des Lebens. Was sie zu kreuzigen sich anschickten, es war etwas von dem letzten Traum, der ihn aufrechterhalten hatte; aber auch diese Kreuzigung und alles, es geschah in einem Traum. Alle Dinge trugen das Antlitz des Todes.

O, er mußte da heraus, er wollte zurück in die Wirklichkeit, er wollte noch einmal von ganz nahe Jesus anschauen, um deutlich zu fühlen, daß dies alles kein Hirngespinst war, zu fühlen, ob es wahr sei, daß er, Ahasverus, nun ganz allein, ganz allein auf dieser Welt blieb, um all ihre Jämmerlichkeit, all ihre Leere zu schleppen.

Das Fieber brannte in ihm, er war heiser vom Schreien, er mußte heraus aus diesem höllischen Gewühl. Er ging bis an das Stadttor, durch das der Zug zum Kreuzberg hinauf ziehen mußte. In dem Tor war eine kleine Wirtschaft. Ahasverus gab seine letzten Pfennige für ein Glas Bier und blieb draußen auf einer Bank sitzen: dort konnte er alles gut sehen.

Ein Blinder und ein Lahmer, die früher vor dem Tor zu betteln pflegten und die Christus geheilt hatte, machten laut ihre Späße mit der Wirtin.

„Ihr solltet euch schämen!“ sagte diese.

Der eine antwortete: „Was können wir dabei machen? — Hat er mir meine Augen wiedergegeben, so tat ers doch, damit ich sie brauchen sollte!“ Und er sah die Wirtin lauernd mit geilem Blick an.

Und der andere: „Unsere Schuld ist es nicht! — Hat er meinen Händen wieder Gefühl gegeben, so tat ers doch, daß ich was davon haben sollte . . .!“ Und sein Arm umfaßte die Wirtin, die aus vollem Halse mit schuddernder Brust lachte.

Vor der Wirtschaft schlenderten Jerusalemer, ganze Familien, die vor Ungeduld gähnten. Niemand arbeitete an diesem Tage, es war etwas wie eine seltsame Kirmesstimmung in der Luft, wenn das Wetter auch tot und trübe blieb. An dem Stadttor näselte ein Spielmann seine Lieder, angegafft vom Volke, und ein Haufen Rotznasen lief hinter einem roten Lappen, der an eine Stange gebunden war, singend vorbei mit Rumpelkasten und Kesselpauke. Aus allen Fenstern steckten Neugierige ihre Köpfe heraus, und auch auf den Dächern saßen die Menschen dicht gedrängt.

Das Mittagbrot hatten sie schon hinunter, und viele begannen stumpf zu werden vom langen Warten, als endlich Radau und Fanfarengeschmetter in der Ferne hörbar wurde. — „Da sind sie! Da sind sie!“ Und bald erschien die klägliche Prozession an der Biegung der Hochstraße, von wo sie sich langsam zum Stadttor bewegte.

Hinter einem Haufen Straßenjungen und Pflastertreter, die, von Hunden angebellt, dahinliefen oder Arm in Arm in Reihen pfeifend weiterhopsten, kamen zuerst Soldaten mit Helm und wehendem Federbusch, auf bunt-geschabrackten Pferden; die trugen Schilder und Standarten. Und dann etwas Musik und Fußvolk mit Spießen, Landsknechte in schweren Kollern, Hellebardiere, Bogenschützen, Hilfstruppen aus Libyen und Äthiopien, Mohren und Schornsteinfeger, kurzum, der Teufel und seine Großmutter, alles, was sie auf die Beine bringen konnten. Und umschlossen von all dieser rohen Macht schritten höchst befriedigt die Hohenpriester mit Kaiphas, die Schriftgelehrten, die Ältesten des Volks, die Küster und Stuhlsetzer des Tempels, der Statthalter und sein Rat, die Zunftmeister der reichen Tuchgilde, der Bund der Geldwechsler, die Gesellschaft zur Förderung des Fremdenverkehrs, der Verein der Hausbesitzer und Grundeigentümer, all die Mucker, Betbrüder und Schwarzen von Jerusalem, all die konzessionierten Betrüger und Halsabschneider, all die Schacherer, all die Geldhunde, all die Blut- und Hirnsauger, all die Schinder und Auffresser des gemeinen Mannes. Und wieder Soldaten und Soldaten, unaufhörlich . . . Wer konnte dagegen noch an? Wer sollte sich da noch mucksen? — Aber o! der elende, gebrochene König, der dahinter unter dem großen Kreuz sich fortschleppte! . . .

Die meisten Zuschauer schwiegen nun, die Kehle zugeschnürt, mit einer düsteren Vorahnung im Herzen, oder guckten mit ihren Kuhaugen und dachten: „Er hat es verdient!“ oder „Was können wir daran ändern?“ oder „Er hat uns betrogen, er hat uns das Glück versprochen“, und diese waren ärgerlich, weil kein Wunder geschah. Aber sie wagten einander nicht mehr anzublicken. Es gab auch solche, die einsahen, daß sie übel getan hatten, und darum ärgerlich wurden: sie riefen Schimpfworte und warfen Dreck nach dem Mann. Die Frauen bedauerten ihn mit leisen Worten des Mitleids und schluchzten. „Er muß doch etwas verbrochen haben . . .“ sagte nahe bei Ahasverus eine, die einen Säugling auf dem Arm trug.

Und Ahasverus sah den Mann mit dem Kreuz heranstraucheln. In seiner Seele saß der Tod. Er hätte alles vergessen mögen, nicht mehr diese feigen Lumpenhunde sehen, nicht mehr dies ohnmächtige Weibergejammer hören. Er dachte: „Da ist der Wortgaukler, der seinen Traum nicht tragen konnte, der Verräter, der meinen Traum gemordet hat. Und nun bleibe ich allein, — ich — allein . . .“ Er wälzte es wieder in sich herum, gleichgültig gegen seinen eigenen Schmerz; Gleichgültigkeit umschloß ihn überall, als hätte er niemals wieder seine Arme ausstrecken können. Ja, es hätte so schön werden können! Aber alles war unnütz, das Leben war unnütz . . . Und weil er allein, er allein das wußte, sprach etwas in ihm: „Ich werde nicht zerbrechen.“

Aber als der Galiläer das Stadttor erreicht hatte, geschah etwas Wunderbares.

Ahasverus stand kerzengerade mit hohen, breiten Schultern da, seinen harten Blick auf Jesus gerichtet. Jesus fiel auf die Kniee unter der schweren Last des Holzes und sah Ahasverus an mit etwas wie einem flehenden Schrei in seinen Augen. Sein Gesicht war bleich, schweißbedeckt, voll Staub und Blut. Er hatte Ahasverus erkannt, und schweigend schien er zu sagen: „Du, der du mein Bruder bist, hilf . . .“

„Warum?“ dachte der Zweifler, und noch einmal „warum?“ mit einem höhnischen Lachen über sich selbst und über alles. Und in der schaurigen Öde seines Herzens stand es tief eingegraben: „Ich werde dem nutzlosen Traume treu bleiben. Ich werde nicht weinen. Ich werde nicht zerbrechen.“

Seine Lippen blieben geschlossen, sein Blick blieb hoch und hart. Aber auf einmal sah er nichts mehr als die Augen Christi, Schweiß und Blut verdämmerten, er sah nichts mehr als die stillen, durchdringenden Augen, die reinigend das Antlitz erhellten. Ja, das war sein Bruder; ja, er sah es nun wohl: dieser hatte auch etwas, das dunkel in ihm glühte, etwas, womit er nirgendhin wußte, eine ewige Unrast; er sah es da wie in einem Abgrund, aber über dieser Tiefe zitterte ein unergründliches Licht, wie ein Lächeln, ein Segen . . . Ahasverus fühlte, wie die sanfte Flamme dieser Augen sein Herz versengte.

Und seitdem er das gesehen hatte, brannte es in ihm fort, mitleidslos, unauslöschlich, und er mußte Christus folgen, seinem Bruder. Und die ganze schreckliche Passion mußte er mit leiden: sein Fleisch war es, das durchbohrt und an das Kreuz genagelt, sein Mund, der voll Essig und Galle gestopft, seine Seite, die durchstochen wurde. Als Jesu Mutter in Ohnmacht sank, zerriß auch ihm das Herz, aber nicht einen Sohn nur beweinte er. Und als das Volk, von Furcht und Reue ergriffen, wegflüchtete unter dem trüben, leeren Himmel, ehe Er da oben Seinen letzten Seufzer tat, und nur noch einige Soldaten dablieben, die um seinen Mantel würfelten, und eine Wolke seine Stirn umflorte und Er rief: „O Vater, warum hast Du mich verlassen?“ — da suchte Ahasverus’ Blick Seinen geliebten Blick, und sie vergingen zusammen in demselben Meer von Verzweiflung, über dem dann das triumphierende, das unbegreifliche Lächeln Christi wieder glänzte.

Und als alles vollbracht war, eilte Ahasverus fort, wohin, wußte er nicht: er wußte nur, daß er niemals wieder ruhen würde und wandern und wandern würde, ohne Ende — ohne Ende.

Ahasverus auf dem Weg zur Hölle

Er ging, das Haupt zur aschgrauen Erde gebeugt; der Himmel da oben war nicht mehr für ihn da, er wollte nichts mehr sehen. Aber unauslöschlich brannte in ihm die sanfte Flamme von Christus’ Blick.

Und er haßte diesen Blick. O, hätte er ihn vergessen können, seine Brust offenreißen, um die Glut da drinnen totzuwürgen! . . . Umsonst! Er ging mit dieser unsagbaren Pein durch die leere Welt, und in seinem ganzen Wesen war eine Lust, nicht mehr zu sein.

Ja, nicht mehr sein! Aber . . . sterben — wie ist das Sterben doch mühsam! Er konnte nicht mehr wollen; — nicht denken, das war das einzige, was er wollte. Und es war doch auch eine versteckte Angst in ihm . . . er wollte nicht mehr denken.

Die Helle der Tage und das Dunkel der Nächte wechselten in ständigem Wandel über ihm. Er ging, schlief einen unruhigen Schlaf von einigen Stunden und ging dann weiter; die eine Hand hielt einen Knotenstock umklammert, die andere wühlte in seiner Brust oder umkrampfte bisweilen seine Stirn, als stäche ihn da eine Dornenkrone. Er mied zuerst die Dörfer, aß Früchte oder Rüben, und ging nur immerzu, unbewußt, verloren.

So wanderte er bergauf und bergab, durch Sonne und Wind, über die unermeßlichen Straßen der Welt. Er irrte wohl einmal tagelang auf Heiden und in Wäldern umher, um dann ausgehungert wieder niederzusteigen in die Täler, wo die Menschen wohnen. Und dort bettelte er, unwillig brummend wie ein Bär, der unter der Peitsche tanzen muß. Mit seinem mageren Gesicht, worin die starren Augen glommen, jagte er den Frauen Schrecken in den Leib; sie gaben ihm ein Butterbrot und zogen schnell ihre Kinder wieder ins Haus. Er dankte nicht und ging weiter und machte vor der Wirtschaft halt, wo die Pächter im Schatten beim Kegeln saßen und ihre Pfeife rauchten, die Hand am schäumenden Krug. Sie hatten Scheu vor seinem langen, unbeweglichen Schatten und rückten vorsichtig zur Seite, damit er sie nicht anrührte. Er sprach kein Wort, aber seine hagere Gestalt prophezeite Krankheit, Hungersnot und vielleicht noch schlimmere Plagen. Und in seinen Augen lag eine stumme Frage, die sie lieber nicht sehen wollten. Vor Ahasverus fühlte man sich beunruhigt, ohne recht zu wissen warum, — wie beim Sinken der Abendschauer, wenn der Mensch über das kurze Leben nachdenkt und das, was jenseits liegt.

Und er wanderte, wanderte. Bisweilen, als fürchtete er sich selbst, fühlte er wieder den Drang, unter vielen Menschen zu sein, verloren in einer Menge. So lief er einmal tagelang mit einem Heere mit, längs der Wege. Die Kriegsknechte wurden wild von dem endlosen Latschen und trieben allerlei Mutwillen auf dem platten Land, spielten die Herren, stießen mit ihrer Pike die Bauern vor sich her, forderten Speck mit Eiern, altes Bier und junge Mädchen. Zum Schluß, als sie in eine große Stadt kamen, fingen sie an zu meutern und zu plündern. Sie rannten wie wilde Raubtiere brüllend durch die dunklen Gassen, drangen in hellen Haufen in die Läden der Juden ein und warfen dann die Leichen durch die Fenster. Der Boden war rot und schwarz vom Blut, man focht bis in die Kirche, und Ahasverus sah, wie flehende Frauen und Würmlein von Kindern abgestochen wurden, als wäre es zum Spaß. Aber das Schrecklichste schien ihm dabei, daß sein Herz nicht einmal bebte: Geschah das in einem fernen Traum? Waren das Menschen, die da mordeten oder starben? — Als eine gewaltige Orgie über all dieses Sterben hinwegzulodern begann, flüchtete er wieder weiter, denn mitten im Gewühl noch war er allein — er war immer mutterseelenallein.

Er stand außerhalb der Menschheit und blieb doch ein Mensch, nichts als ein Mensch. Er stand außerhalb der Zeit der Menschen und fühlte doch diese Zeit in sich nagen. Er sah überall den Tod und das Leben im Streit, ohne Ende. Er sah Tempel in stinkende Beinhäuser verwandelt, wo am hellen Tag Hyänen heulten; er sah, wo früher die Wüste lag, eine Stadt ihre hohen Mauern und Türme erheben. Er sah neue Völker auftauchen und andere versinken. Er war der gleichgültige und doch leidende Zeuge des sinnlosen Daseins, das auf- und abgeht, stirbt und aufersteht, um wieder zu sterben. Er ging von Land zu Land, unbefriedigt; was ihm auch begegnete, es konnte sein Herz nicht füllen, er wollte weiter, weiter. Und er wußte es wohl, im Tiefsten seines Bewußtseins, daß sein Sehnen ewig war — daß ewig die Flamme war, die seine Seele versengte.

Er sah in Ägypten die Sphinx: eine Art Krebs fraß an ihrem Gesicht, und sie war schon halb im Sande versunken; sie schien müde vom Schauen in das Nichts. „Deine Zeit ist aus,“ dachte der Wanderer, „nun kommt die meine.“

Er sah das Land, wo die Bäume mit den Wipfeln im Boden wachsen und mit den Wurzeln in der Luft. Da laufen die Menschen auf dem Kopfe; sie kriegen Hühneraugen auf dem Schädel und Verdrehtheiten in die Füße; und sie essen mit dem Hintern, was mancher Gelehrte nicht glauben will. Aber Ahasverus hatte schon lange gefunden, daß nichts wahr oder unwahr genannt werden darf.

Er sah auch das Land, wo es eine löbliche Tat ist, seine Eltern umzubringen, ehe sie zu zäh werden, und sie einzupökeln für den Winter. Das schmeckt ganz lecker, sagen sie, wenn mans mal gewohnt ist. Ahasverus tat nicht wie ein unerfahrener Tourist, der sich über alles wundert, denn er hatte schon lange gefunden, daß nichts gut oder böse genannt werden darf.

Er sah Völker, die den Frieden priesen, und andere, die von nichts wissen wollten als von Krieg und Blut. So war jeder auf seine Weise glücklich oder unbefriedigt und hielt alles übrige für Narrheit. Er sah einen Stamm in Afrika, der sich von Waldpavianen regieren ließ. Er sah Menschen, die Weihrauch anzündeten für bekleidete Puppen oder für einen Haubenstock mit einem Hut darauf, und andere wieder, die ihren Dreck anbeteten. Und alle waren überzeugt, daß sie allein die göttlichen Gesetze beim richtigen Zipfel hatten.

Er sah das Land der Läusemenschen: die leben splitternackt in einem Tal, das wie ein Kessel ist, und beten gar nichts an, sondern liegen den lieben langen Tag auf dem Bauch, die Augen halb geschlossen, verloren in einem trägen, gestaltlosen Traum. Mit den Nägeln kratzen sie sich ihre Nahrung aus der Erde und kennen kein festlicheres Mahl, als Würmer und Ungeziefer. Wenn es regnet, verkriechen sie sich in Höhlen. Ahasverus sah von einem steilen Felsen aus gerade unter sich solch ein Faulwams sitzen und spuckte darauf: das plumpe Ding kroch etwas weiter, wie eine Kröte, und als Ahasverus noch einmal spuckte, rührte es sich nicht mehr. Wenn es Abend wurde, suchten sie einander träge und setzten sich dicht zusammen, und dann begann eines von ihnen ein ängstliches, langgezogenes Geheul durch seine heisere Kehle zu jagen, worauf zwei oder drei andere und dann eine ganze Herde da unten in der Dämmerung mitblökten, so traurig und verlassen, daß Ahasverus es niemals wieder vergessen konnte.

Oben, auf dem Berg, war die Stadt der Weisen: die pfiffen auf alles zeitliche Gut, und ihr Gesicht schien immer verklärt durch himmlische Gedanken, wie ein stilles Licht, das rötlich durch eine Alabastervase scheint. Sie waren sehr zart von Umgang und fürchteten das Sterben nicht, aber man fühlte etwas wie ein stilles Heimweh in ihrem Lächeln.

Als Ahasverus dort nach einiger Zeit wieder vorbeikam, bemerkte er, daß ein tüchtiges Stück von dem Berg der Weisen nach einer besonders feuchten Jahreszeit allmählich ins Tal niedergesackt war, so daß Heilige und Läusemenschen nun brüderlich vereint lagen, dreihundert Fuß unter der Erde. Ahasverus zertrat noch einige Ameisenhaufen, aber lustig war das eigentlich nicht, und voller Ekel zog er anderswohin.

So fand er, siebzehn Meilen oberhalb des Südwindes und dann rechtsum und quer geradeaus, nahe bei dem Pfannkuchenberg, wo man die Wolken mit einer Mausefalle fängt, das weitberühmte Schlaraffenland voller Vergnügen und Wohlleben. Die Bäume sind dort von Zucker und hängen voller Konfekt, die Häuser werden aus Pfefferkuchen gebaut und mit Honigtörtchen und Eierfladen gedeckt. Da könnt ihr den lieben langen Tag Reisbrei mit silbernen Löffeln essen, und überall säuseln Bächlein von goldenem Schaumwein, süßem Met, Hippokras, Geusenlambik und Oudenaarder Doppelbier. Wenn ihr des Ambrosias überdrüssig seid, streckt ihr die Hand aus nach den gebratenen Küken, die zu eurer Verfügung herumlaufen, oder ihr schneidet eine Scheibe Schinken von den zappeligen Ferkelchen, die immer das Messer parat in der Hinterbacke tragen. Jede Stunde Schlaf bringt einen Groschen ein; ihr braucht nur zu denken: „Herzchen, wonach steht dein Begehr?“ und das Appetitlichste, wovon ihr träumen könnt, steht vor euch, und es ist alles ein Prassen und Ludern und Schlampampen, was das Zeug hält.

„Ich spiele mit!“ sagte Ahasverus, denn es schien so, als ob diese strahlenden Vielfraße und Faulenzer sich durch keine überflüssige Grübelei den Teufel auf den Hals lüden. Und das war mir ein schönes Leben! und ein Schmausen! und ein Schleckern! und ein Vivatrufen! — aber es machte ihn übel und krank, sein Magen war bald aus dem Gleis, und da floß kein Wein, der seinen Durst ganz hätte löschen können. „Wir Schlaraffen“, sagte einer von ihnen, „haben Genuß vom Leben, weil wir uns nicht um die Unsterblichkeit der Seele kümmern.“ — „Ob ihr nicht beruhigter sein würdet,“ fragte Ahasverus, „wenn die Unsterblichkeit des Leibes euer Teil wäre?“ Denn er merkte, wie der Schrecken in ihren Bauch fuhr, wenn unangemeldet Freund Hein zwischen all diese fetten Saufsäcke trat, um einem von ihnen sein Brotgäßlein zuzudrücken; und wenn der Körper dann eiligst unter die Erde gestopft wurde wie ein fauliger Schwamm, der von überreifen Säften geschwollen ist, dann war das „Halleluja“ bei den Würmern, aber das „Ach, der Arme!“ da oben . . .

Es würde zu weit führen, euch von A bis Z zu erzählen, was Ahasverus auf seinen mannigfachen Reisen noch alles sah. Aber je mehr er sah, um so tiefer wurde die fürchterlich öde Kluft in ihm. Denn das war es nicht, das nicht, was er brauchte; die Dinge, die er sehn und greifen konnte, hatten nichts zu tun mit dem, was er brauchte; Dinge und Menschen standen da wie ein Spiel widerstreitender Kräfte, ein nutzloses Treiben ohne Zusammenhang oder Sinn, mit dem stummen Tod dahinter; und im Grunde konnte ihm das ganze Sammelsurium einer Schöpfung doch gleichgültig sein, da er sich als etwas anderes fühlte: er allein war von seiner Art, der auserwählte Verstoßene, und fand nirgend einen Reim auf die Stimme da drinnen, die ihn weitertrieb.

Das Unglaublichste schien ihm, sobald es das Neusein verloren hatte, gewohnt, und die jämmerliche Alltäglichkeit der ganzen weitgedehnten wunderbaren Welt hielt ihn eingeschlossen, so wie früher die dumpfige Enge seines Kellerchens in Jerusalem. Er fühlte, daß sein Schicksal in ihm lebte, stärker als der Tod, und es war ihm, als ob er eine Ewigkeit in sich trüge; aber er blieb doch unwiderruflich ein Mensch, mit seinem peinvoll sich abquälenden Kopf, mit seinen blutenden Füßen, die er über die Steine schleppte, mit seinen zwei ohnmächtigen Händen, die nichts packen konnten als ein wenig Staub, der sterben mußte. Er war kein Gott — nicht einmal ein Teufel! — und selbst eine Ewigkeit, durch die keine andere Klarheit als das wechselnde trübe Licht der Erde hindurchschiene, dünkte ihn ein Gefängnis, worin er sich im Kreise drehen würde mit eintönigem Schritt. Er hatte so ein Vorgefühl, daß er alles erfahren könnte, früher oder später, alles besitzen, was die Welt trägt. Früher oder später würde er alles schmecken, was ein Mensch schmecken kann, Freude, Leid, Liebe, Wollust, alle Genüsse, alle Erfahrungen der fünf Sinne; früher oder später würde er alle Leben kennen und mitleben. Seitdem er wußte, daß nichts das, was in ihm brannte, ersticken konnte, war das Mögliche für ihn vertausendfacht, aber gerade darum wollte er das Unmögliche. Er konnte vom einen Ende der Welt zum anderen laufen, und darum träumte er von dem, . . . was da drüben liegt, darum war ihm nichts begehrenswert als das Unaussprechliche, das ihm verborgen und verschlossen blieb. Was gab er um all diesen zerbröckelten Krimskrams ohne Ziel und Sinn? Und wenn eine herbe Frucht ihn nicht reizte, was war ihm dann eine Million herber Früchte? Die Zeit und alle irdischen Dinge waren sein, aber er verlangte doch, verlangte heftiger denn je nach dem Einzigen, was er nicht sehen konnte.

Er wollte nicht wissen, daß er darnach verlangte, er hätte alles, alles vergessen mögen. Jenen Blick von Christus, der ihn sanft versengte, den vor allem hätte er vergessen müssen. Das glückte ihm wohl einmal, aber niemals, ach! für lange. Denn der Himmel ohne Anfang und Ende mit seinem schweigenden Geflüster unerreichbarer klarer Sterne, — und das hin und her, ewig hin und her wogende, dumpf donnernde Rauschen des einsamen Meeres, — oder bisweilen schon der schmetternde Gesang einer Lerche, das feurig helle Schlagen einer Nachtigall in der Dunkelheit, es rief alles in ihm wieder die Glut wach, die Flamme einer Sehnsucht nach etwas, das er ahnte, das er nicht sagen konnte und das er nötig hatte.

Aber er wollte nicht daran denken. Als er einmal finster ein Dorf durchzog, wurde ihm ein Almosen gegeben von einer Frau, die das Gesicht hatte von einer, die viel gelitten hat, und sie schien keine Angst vor ihm zu haben; sie meinte, daß er auf einer Pilgerfahrt sei, und sagte ruhig: „Im Namen Gottes, den Ihr so fern suchen geht . . .“

„Ich suche den Teufel!“ fluchte Ahasverus.

Aber die Stimme säuselte in ihm fort: „Im Namen Gottes, den Ihr so fern suchen geht . . .“ Er hätte diese Stimme morden mögen, er hätte sich die Augen ausreißen mögen, um diese Augen von Christus nicht mehr zu sehn, er hätte sterben mögen, um dies Verlangen zu ertöten in dem Abgrund seiner Seele.

„Ich suche den Tod“, dachte er, — aber ganz aus der Tiefe kam ein Zweifel, den er nicht bannen konnte: es war nicht wahr, er würde nicht zerbrechen . . . Und warum beschlich ihn nun eine sonderbare Angst vor dem Tode, — als könnte er niemals ganz sterben? . . .

„Was ich suche, ist einfach nicht da“, grinste er dann wieder und verspottete sich selbst, aber er wanderte, er wanderte, ohne Rast.

So traf er einst auf seinen langen Wegen einen Pilgrim; unter dem breiten, mit Muscheln besetzten Filzhut schlotterte der Reisemantel, auf den ein Bettelsack und eine Kürbisflasche drückten. Es war eine knochige Gestalt, die ohne zu hasten weiterschlurfte, und beim Gehen fiel der Leib regelmäßig aufs eine und dann aufs andere Bein; der Kerl schien nicht mehr von seinem Willen getrieben. Als die beiden Schatten nahe beieinander wandelten, blickte er nicht auf. Er murmelte zwischen seinen Zähnen: „Unser Vater, der Du bist im Himmel . . .“, und man hörte die dicken Kugeln seines Rosenkranzes leise klappern.

„Warm!“ sagte Ahasverus, der durstig war und nach der bauchigen Flasche schielte.

Unter dem Rand des Hutes blickte das alte Gesicht auf, mit einem toten Blick, der in einer großen Augenhöhle saß, und sagte:

„. . . Geheiliget werde Dein Name . . .“

„Ein Schlückchen würde mir gut tun, Mann!“

„. . . Dein Wille geschehe wie im Himmel, also auch auf Erden . . .“ antwortete der Pilgrim.

Ahasverus griff nach der Kürbisflasche und tat einen langen Zug, aber der Pilgrim murmelte immer nur und knabberte weiter an seinem Gebet, ohne auf etwas zu achten. Ahasverus wurde es seltsam zumute; das schien ihm wie ein Gespenst, beladen mit einem furchtbaren Geheimnis, und er fragte mit unsicherer Stimme:

„Aber Mann . . . lebst du? . . .“

Doch der Pilgrim sah noch einmal auf, wie ein gutmütiger Tropf:

„. . . Erlöse uns von dem Übel,“ und mit tiefem Atemholen: „Amen.“ Darauf fiel sein Blick wieder auf die Erde, und er begann von vorne mit einer anderen Kugel.

„Nicht viel Abwechselung in seinem Gespräch“, dachte Ahasverus, aber er folgte ihm doch in einem Abstand, angezogen von diesem Trottel, der auch nur immer wanderte, als hätte er kein Ziel, und seit Jahren vielleicht sich ganz und gar blödsinnig gepaternostert hatte; und der wurde ihm wie ein fernes Bild seiner selbst, aus dem der Tod, der unmögliche Tod ihm höhnisch entgegengrinste.

O, könnte er nur, immer und immer dasselbe Gebet wiederholend, langsam und verbissen und zuversichtlich seinen Geist in dem Nichts sich verirren lassen! Der alte Knabe da ging mit einem Schritt „ich werde schon hinkommen“, und als er am Mittag, immer noch vaterunsernd, seine Beine ausstreckte unter einer schattigen Linde, fiel er bald in Schlaf, wie ein unschuldiges Kindchen, und schnarchte ganz leise. Ahasverus betrachtete das totenhafte Gesicht, auf dem Ruhe ohne Falten lag. Neidisch zog er dann weiter, allein.

Aber kein Gebet brachte er über die Lippen, und er zählte seine Schritte, hundert, und wieder hundert, bis tausend und zwei- und dreitausend. Doch dabei waren seine Sinne mit etwas anderem beschäftigt, — mit dem, was an jenem Freitag geschehen war . . . — er konnte seine Gedanken nicht zur Ruhe bringen, er konnte das Bild des Gekreuzigten in sich nicht zermalmen, und wütend begann er dann zu fluchen, immer den selben Fluch, der niederhämmerte im Takt mit dem Schritt seiner Füße, bis dies Geramme seinen Geist betäuben würde.

Aber endlich mußte er wieder wild über sich selbst lachen. „Ich bin ein Kind,“ dachte er, „ein törichtes kleines Kind!“

Das Land verschwamm in den Abendnebeln, die sich mit dem langgezogenen Rauch schwelender Kartoffelfeuer mischten. Es war überall so einsam, so verlassen und voll Abendduft. „Wo werde ich nun landen?“ dachte Ahasverus erschöpft. Bald erkannte er die flachen Strohdächer eines Dorfes, mit Ställen und Scheunen; als er zu dem Platze kam, der die Kirche umgab, begann in den geschlossenen Häusern das freundliche Licht zu brennen. Er betrat eine Herberge, wo Bauern bei ein paar Kerzen um eine Tonne herum beim Kartenspiel saßen, und verlangte Bier und trank schweigend, mürrisch, ein Glas nach dem andern. Es war nun nur ein bewußtes Saufen noch, um seinen Geist abzustumpfen, um zu vergessen, um für einige Stunden tot zu sein. Aber es dauerte sehr lange, bis er betrunken wurde; dann kamen einige von den jämmerlichen Saufbrüdern spöttisch grinsend heran, um mit ihm anzustoßen, und sie grölten immer dasselbe schleppende Lied, indem sie ihre angeglühten Visagen einander zuneigten. Da lag ein Kumpan an Ahasverus gelehnt und langweilte ihn lallend und kläglich jammernd mit Geschichten von seiner Frau, die vor zwanzig Jahren am Pips gestorben war. Ahasverus wollte mitbrüllen, sank aber düster wieder in sich zusammen und trank . . . Am andern Tag erwachte er auf einem Misthaufen. Er torkelte weiter, legte sich noch etwas in einen Graben, um zu schnarchen, schob dann wieder in eine Wirtschaft hinein und trank. Sein Kopf schmerzte ihn, er sah alles durch einen Nebel. Frech schmiß er seine Groschen auf den Tisch, goß hinunter, daß seine Eingeweide davon brannten, zerbrach Gläser und wurde hinausgeprügelt. Und so zog er von neuem schwankend die Straße entlang, von Spelunke zu Spelunke, oder zwischendurch schnarchend, mit dem Gesicht auf der Erde.

Bis er, nüchtern geworden, wieder das Licht sah, wieder das Leben in sich fühlte und voller Ekel erkannte, daß sein Trotz nur eine Kinderei war, — daß es etwas gab, das er nicht vergessen hatte, etwas, das er niemals vergessen würde. Und in ihm lebte das heimliche Feuer, unauslöschlich.

„Wie sollte jemand sterben können,“ dachte er, „der so stürmisch nach dem Tode sich sehnt?“

Es war wieder einmal gegen Abend, und er war so müde. Was nützte es noch, die Arme auszustrecken? — und nach wem, nach was sollte er rufen? . . . Er setzte sich gebrochen auf einen Stein, am Rande eines großen, finsteren Waldes, während die Dämmerung grau aus der Ebene stieg; das säuselnde Schweigen der Erde sprach zu dem Schweigen des Himmels, nur in der Ferne schlug eine Glocke an; einmal trottete auch ein Hirte vorbei, der seine folgsamen Schafe zum Stalle trieb, und ihr Getrappel im Staub glich dem sanften Geräusch des Sommerregens. Es war so sonderbar, was in Ahasverus vorging, und dies schien wohl ein anderer Abend zu sein als gewöhnlich. Wie lange war er nun gelaufen? Er wußte es nicht; vielleicht waren die Jahre wie Stunden für ihn gewesen, gleichsam als wäre er in einem Traum gewandelt, der seinen Willen überzogen hatte, aber vor seinem klarer werdenden Heimweh nun langsam fortdämmerte. Sein Herz war zerstückt, aber auch seine lähmende Gleichgültigkeit war wie gebrochen, und aus der Leere seines Geistes richtete sich trauernd etwas auf, das er doch nicht töten konnte und das sein Bewußtsein war. O diese Glut wieder, diese lodernde Glut da drinnen! . . . Das Gefühl, daß das Leben in ihm doch fortwuchs und aus all dem Schutt unerbittlich aufschoß, und dazu die allzu süße Inbrunst dieses Abends, das alles machte seine Pein noch bohrender, als sie jemals gewesen war. Und er dachte:

„Ach! warum habe ich den Gekreuzigten angesehen? Gerade an jenem Mittag, bevor ich ihn ansah, hätte ich so leicht sterben können!“

Er wußte wohl, daß das nun nicht mehr möglich war, daß der gemeine Tod der Menschen den Hunger seiner schwellenden, seiner wollenden Seele, ach! fortan nicht mehr stillen konnte. Er träumte von einem übermenschlichen Vergehn, das zugleich die Welt selbst vernichten würde, einem Tod, der wie ein Fluch sein würde auf . . . auf jenes andere, Namenlose, wonach er begehrte, das er nicht erlangen konnte und das er haßte, das er nicht kennen wollte, — einem Tod, der sein würde wie ein Speien auf das Geheimnis, das ihn leiden machte. Er hätte mit beiden Händen den Himmel auf sein Haupt und auf alles mögen einstürzen lassen . . . Nein, es war zu albern! Er wollte nicht wissen, daß es einen Himmel gab, er klebte doch für immer an dieser harten Scholle . . . Und er fiel verzweifelt auf die Kniee, mit seinen Krallen in die Erde greifend; er wollte diese Erde sein, er wollte der Urstoff selber sein, er hätte sich in Millionen und Millionen Stücken verteilen lassen mögen, um in allen Dingen zu leben, — und seine Seele nicht mehr zu fühlen! — um der Saft der Bäume zu sein, das Blut des warmen Tieres, das Wasser der Ströme, der Fels und die Luft, das ewige Gären der Erde.

Die stille Flut der Nacht hatte sich über das ganze Land gebreitet, aber die Tiefen des Himmels blieben wie eine spiegelklare See. Und Ahasverus, erdrückt von der Verdammnis dieser Unendlichkeit, flüchtete in den Wald, — in das grüne Dunkel.

Der Wald war voller Flüsterstimmen und seltsamem Gezitter; tastend ging Ahasverus hindurch. Die größten Bäume standen da wie Riesen, bemoost und so viel Jahrhunderte alt, daß sie das überflüssige Sprechen verlernt hatten. Über den durchsichtigen Laubgewölben ahnte man überall andere Laubgewölbe, als wären da zwei, drei Wälder übereinander, und ringsum, zwischen den Ästen von blasserem Grün, die leise zitterten wie mit vielen fast regungslosen Flügeln, verirrte sich der Blick durch ein geheimnisvolles Spiel von Schatten bis in schwarze Höhlen von wirrem Gewächs.

Von dort quoll nun überall die volle Nacht heraus, während alle Dinge ihren Atem anhielten, um keinen Laut zu wecken. Nur ganz ganz hoch rauschten Blätter, die der Mond vielleicht beschien; bisweilen piepte ein Vogel, der halb im Schlaf etwas erzählte. Das Dunkel tat Ahasverus wohl, und auch, daß alles wieder einem Traume glich.

Vorsichtig schritt er weiter; der Boden senkte sich immer mehr zu tieferen Mulden, wo die Luft schwül war von wilden, feuchten, brütenden Gerüchen, und die Stille voller Unrast, als wäre sie ein großer Seufzer, der herauswollte und nicht konnte. Viele kaum hörbare Laute bullerten und knisterten in der dunklen Wärme, — Tiere lebten da und waren gewiß bei der Paarung. Einige sprangen weg neben ihm, und das Gestrüpp knackte unter ihrem Lauf. Dann begann auf einmal ein Hirsch vor Brunst zu schreien, irgendwo in der Einsamkeit einer Tiefe. Ahasverus lauschte gespannt: — nichts mehr, nur das Klopfen seines Blutes fast bis in die Kehle hinein, — wieder das klägliche Rufen, — andere Hirsche antworteten im Dunkel, — dann ein Galopp, der in der Ferne immer undeutlicher wurde, — dann nichts mehr . . .

Aber rieselnd sank da unten ein Gewimmel von Mondschein herab auf das silberne Zittern eines Sees, und am Rande, in der niederstäubenden Bläue, gewahrte Ahasverus eine nackte Frau, die halb ausgestreckt ihr Gesicht in dem flachen Wasser spiegelte, und sie sang ein schleppendes Lied, ein Dideldumdei, bei dem man sich nichts denken konnte.

Ahasverus schlich näher, um es zu verstehn. Der Gesang brach ab, die Frau sah sich flüchtig um, aber sie schien Ahasverus nicht zu bemerken. Sie wiegte sich langsam hin und her; spielend wie ein Kind erhob sie die Hände, gefüllt mit Wasser, das ins Licht niederrieselte wie perlende Blasen, — es war, als wollte sie die dem Monde weihen, — und dabei hielt sie ihr Köpfchen hintenübergebeugt und schwatzte allerhand Unsinn in der Vogelsprache. Und dann kein Laut mehr, nur noch das Glimmern des Mondlichts auf dem dunklen Wasser.

Die Stille lastete auf Ahasverus, und er rief gezwungen lachend nach dem artigen Ding, ohne selbst zu wissen warum. Sie blickte von der Seite mit schrägem Kopf auf, wie ein scheuer Vogel, der fortfliegen will.

Ahasverus kroch vorsichtig durch die Sträucher hinzu und blieb in einem kleinen Abstand auf der Lauer. Nach einer Weile schien das Meerweibchen ihn wieder vergessen zu haben, das Zittern eines Pfeilkrautes oder einer Wasserlilie hatte sie zerstreut, und sie träumte nun, lauschend in die Nacht und den Mondenschein, die junge Brust vorgestreckt, die leise atmete. Das Licht, das ihre reinen Glieder umzitterte, ohne Strahlen, war ein unbeschreiblicher Flaum, ein Tau, ein dunstiges Etwas, — wie eine gedämpfte Musik, die heimlich durch eine andere hindurchspielt, — zwei Gesäusel von Musik, die einander suchen und doch nicht zu berühren wagen.

Ahasverus erhob mit einem Ruck den Kopf, seine Augen triumphierten: „Ich hab sie!“ und er sprang hinzu. Aber fft — war sie unterm Wasser und weg . . . Von viel weiterher hörte er ihr helles Gelächter, daß der ganze Wald davon erklang.

Und Ahasverus stand da mit leeren Händen. Die Nacht wurde unendlich groß von peinvoller Stille.

„Uh! . . . Uh!“ rief endlich die Lockstimme, mit einem schelmischen Trällern.

Ahasverus rührte sich nicht, obgleich die Lust in seinem Leibe brannte; mürrisch in sich selbst verschlossen, tat er, als hätte er niemals von Meerweibchen gehört; nur sein Blick lebte in seinem düsteren Gesicht, denn er sah die göttliche Weichheit dieses schneeweißen Wunders langsam auf sich zuschwimmen, nachlässig und faul sich räkelnd; um ihre Hände und den gewellten Rücken glitt bisweilen ein Phosphorglanz; sie blickte zu Ahasverus hin wie ein schmollendes Kind, das doch lächeln möchte.

Als sie dicht vor ihm wiegelte, erschien sie wieder anders: ihr Fleisch hatte die Farbe sonnenvergoldeter weißer Trauben, ihr schwarzes Haar stand wie ein Helm und fiel nieder in wilden Ringeln, ihre Augen waren harte Steine voll dunklem Wechselglanz; und diese Augen riefen ihn, riefen ihn, aber Ahasverus rührte sich nicht.

Da sang sie für ihn dieses Lied:

„Du hast mich gesucht und hast mich gefunden, es konnte ja nicht anders sein. Und willst du es auch nicht wissen, — mich hast du begehrt, mich begehrst du.

Denn ich bin das Göttliche, das man besitzen kann.

Ich bin der Baum des Lebens. Meine Früchte schmecken nicht nach Gut oder Böse, sie haben den Schmack des Göttlichen.“

Sie schwieg einen Augenblick, und ihre Gedanken schienen zu anderen Zaubersprüchen abzuschweifen:

„Ich brauche dich, um ganz glücklich zu sein.

Ich schlummere da unten in kühlen Kammern, wo die Stunden keine Stunden mehr sind. Da wachsen allerlei seltsame Muscheln, und Smaragden so schön wie der Abendhimmel. Ich spiele da in Büschen träge lebender Pflanzen, die schwanken in der sanften Strömung.

Aber ich denke dort an dich, ich kann dort nicht schlafen, ich brauche dich, die Ewigkeit ist nichts ohne dich.

Komm, — ich weiß mehr, ich will dir mehr zeigen, wovon du nicht träumen kannst:

Ich kenne den Weg zu weiten, weiten Meeren, die ohne Ende sind. Da laß ich mich schaukeln von plätschernden Wellen und schreie vor Lust, wenn ich emporgeschwenkt den flüchtigen Schaum fangen kann in meinen Händen.

Die Wellen und ich, wir verstehen einander so gut! Sie nehmen die Gestalt an meines leichten Körpers, und ich, ich bin vielfältig wie sie.

Meine Augen schon, sieh in meine Augen! das ganze Meer ist darin. O, du weißt nicht, wie schön es ist, das erste Zittern des Morgenrots in den Tiefen der See!

Du weißt nicht, wie schön es ist, sich zu mischen mit dem durchsichtigen Wasser, das wie der Himmel ist und sich greifen läßt und dich greift, das bleiche Wasser, das fließende, lebende Wasser.

Ich streck meine Arme aus, ich fühle das Wunder meines Lebens, mein Blut singt das gleiche wie das singende Wasser.

Im Wasser halte ich den Wind fest und die Sonne, ich trinke das Licht, ich nehme alle Dinge in mich auf, ich bin wie eine einzige Blume, worin die Sonne und alle Dinge leben.

Meine Hände, meine Brust voll jauchzender Begierden, meine Lippen, meine Augen, sie sind nur ein Schrei noch, ein Seufzer, ein Gesang des Wassers und aller Dinge, sie sind der Gesang des brandenden Lebens, das immer neu geboren wird.

Aber dich allein hab ich nicht, dich allein hab ich nötig, denn alles, was in mir ist, verlangt nach dir, meine heimlichste Schönheit drängt zu dir . . .

Alles will ich sein für dich, das Leben alles dessen, was lebt; die Klarheit des Lichtes ist in meinem ewigen Fleisch, all die besonnten Dinge des Tages und die Schatten des köstlichen Abends, und auch die Nacht, die niemand messen kann, in der die Zeit stille steht.

Laß unsre Begierden ineinanderschmelzen, — wir werden unsre Seelen nicht mehr fühlen.

Die Welt wird in uns vergehn, wir werden das göttliche Meer sein und das göttliche Licht.“

Sie hatte sich bis vor ihn hingewunden, mit der gelassenen Geschmeidigkeit eines prächtigen Tieres, sie hielt seine Lenden umklammert und hob ihr Gesicht zu seinem Gesicht; er hatte mit beiden Händen ihren Kopf ergriffen, ihre Nüstern zitterten, ihre Augen berührten ihn, und er hörte aus ihren feuchten Lippen dies Geflüster, das ihm mächtiger schien als der Donner:

„Ich bin zugleich Rausch und Tod.“

Ahasverus beugte sich wild über ihre Augen, zu ihrem Mund; ein gewaltiger Schrei war in ihm eingeschlossen, der durch seine Kehle herausbrach; er stürzte sich auf sie wie auf eine Beute, und ineinander verschlungen kämpften sie den grausamen Kampf in dumpfer Wollust.

Er sah sie nicht mehr, den Kopf getaucht in die Nacht ihres Haares, gepreßt in ihre Arme; er fühlte nur die keuchende Brust und die lebendige Herrlichkeit dieses Leibes ihn umschwellen, wie wenn ein gewaltiger Seufzer durch das Meer fährt, — vergebens suchte er diesen sich windenden Leib ganz festzuhalten in einem Griff. Und sie rief:

„Zerbrich mich, umfaß mich, schlürf mich ein in dich . . .“

Und er: „Ich drücke dich an mich, ich drücke dich in mein Fleisch, aber ich hab dich nicht, ich hab dich nicht in mir . . .“

„Fühlst du mein Leben? fühlst du mein Blut? Verzehr mich, verzehr mich, ich will in dir vergehn . . .

— Ich will in dir vergehn . . .

— Wir sind wie zwei Flammen, die einander verschlingen . . .

— Ich kann nicht . . . ich kann nicht . . .

— Ich will sterben durch dich . . . O, wir sterben zusammen . . .

— Mein Mund zerquetscht deinen Mund wie eine Frucht, aber ich fühl deine Seele nicht . . .

— Fühlst du ganz das Leben, das brennt in meinen Brüsten, meinem Mund, in allem, was ich bin? . . . Mehr! mehr! Ich hab dich noch nicht . . .

— Meine Adern springen, mein ganzes Leben zerspringt in dir . . . O sanfter, bittrer Tod! . . .

— Fühlst du den Tod steigen, wie ein Wasser? Fühlst du dich verfließen und vergehn, aufgeschlürft von der Wollust? . . .

— Schweig, schweig still, laß mich los . . . O bitterer Tod, der kein Tod ist! . . . Meine Seele brennt fort in mir . . .

— Ich laß dich nicht los, ich will deine Seele . . .

— Meine Seele brennt fort in mir . . . Verzehr mich, oder ich erwürge dich! . . .

— Mehr! mehr! jedes Stück meines Leibes soll ein neues Fest des Wahnsinns werden!“

Es war, als ob er sie ersticken wollte an seiner Brust, doch ihr Blick forderte ihn noch heraus, in dem Dunkel, und er fühlte, wie sie ihn zur Tiefe zog.

„Ich bin noch, was ich war . . . Der Schaum von Genuß und Schmerz ist wie Salz in meinem Mund . . .

— Nimm mich, werde eine Flamme in mir, nimm mich . . . ich will dich lehren, was mehr ist denn alle Lüste . . .

— Ohnmächtige Raserei! . . . Dein Abgrund ist nicht größer als mein Abgrund . . .

— Ah, du kannst nur beißen, Bestie! . . .

— Beiß nur, beiß! . . . Du kannst meine Seele nicht austrinken, elende Harpyie! . . .

— Hinunter, hinunter! . . . wo alles Licht vergessen ist . . .

— Dein Tod ist Lüge . . . Meine Flamme wird deinen Tod verzehren . . .

— Ich schlepp dich mit, ich muß dich haben . . . Sieh mich an . . . entschlüpf mir nicht! . . .

— Ich will dein verblühtes Fleisch zermalmen in deinem Kot . . . Dein Tod ist Lüge . . . deine Augen sind Lüge, deine einfältigen Fleischaugen . . . O, die Deinen, Christus! Christus! . . .“

Ein unmenschlicher Schrei gellte durch den Wald, das Meerweib rang noch einen Augenblick seine blutenden Hände, während es sich wie toll in den Arm biß, und sank zurück in die Nacht.

Ahasverus lag allein, keuchend, in der dunklen Totenstille voll von Gerüchen verwesender Teiche. Sein Herz lastete schwer in ihm, wie eine zu reife Frucht: es blieb ihm nichts als Ekel übrig und Haß. Warum lebte er noch? Warum hatte er jenen Namen ausgestoßen? Warum konnte er den nicht ausspeien für immer? —

Und langsam kam nun, mit sanftem Windessäuseln in den Kronen und erwachendem Vogelgezwitscher, die feuchte Graue des Morgens, und dann der Morgen selbst, grausig in seiner Stille, ein Licht, das ohne Hast, aber unabwendbar wuchs, die Weite des Raumes einnahm und durch das dichteste Laub etwas von seiner Klarheit niedersickern ließ. Und mit diesem Licht wuchs in Ahasverus die Angst.

Tiefer noch, tiefer in den Wald hinein! In die grüne Nacht . . .

Aber er wußte es nun wohl, daß das, dem er entfloh, in ihm selbst war; wie er seine Brust auch aufreißen mochte, es lebte da, wie das fürchterlich stille Licht von zwei Augen . . .

Und eine folternde Frage war aus seiner gebrochenen Seele aufgestiegen:

„Wenn es nichts anderes gibt, warum dann dein Rasen?“

Verzweifelt suchte er nicht mehr zu denken, aber die Frage war da, und er mußte wohl hassen, er konnte nicht mehr anders, mit einem Haß, der schon das Zeichen des Todes trug. Und er blieb den ganzen Tag irgendwo in einer Höhle verborgen, niedergekauert wie ein Tier, das Angst hat.

Sein Kopf schmerzte ihn, seine Kehle war trocken, das Fieber brannte in ihm; in seinem Munde fühlte er noch etwas wie einen faden Geschmack von Blut, der ihn an das Meerweib erinnerte.

Er jagte ihr Bild fort, er wollte alles, alles vergessen; aber andere Visionen stiegen herauf, bisweilen verschwommen und dann zugleich wieder furchtbar deutlich.

Er sah die Stadt in Feuer und Flammen, wo die Landsknechte beim Morden waren; er sah die Augen eines steinalten Mannes, der nicht mehr schreien konnte und das Messer in die Kehle kriegte; er sah eine Frau auf den Knieen, ihr Kind an der Brust, fast in ihren eingekrampften Leib gedrückt; sie rief: „Gott, o Gott!“ dem Wüstling zu, der auf sie eindrang, und das unschuldige Lamm in ihren Armen wurde auf eine Pike gesteckt, das Blut spritzte bis zu Ahasverus’ Gesicht . . .

Ja, diese Mutter rief nach . . . etwas anderem . . . Denken wohl die Ameisen, die man tottritt, auch manchmal daran? Dies Kind hatte doch nichts verbrochen, sie marterten es ohne Grund, und es litt sinnlos. So war es überall: blinder Blutdurst, sinnloses Leid! Ahasverus’ Gedanken kreisten darum, mit einer heimlichen, tückisch lauernden Zufriedenheit: es war etwas darin, das ihm wohltat. Grausam sein ohne Zweck, war das nicht das Göttliche? Und erstickte das nicht in Blut, was die Ameisen von Menschen Gott nennen?

Es war, als ob er das zuckende Fleisch des Kindleins mit seinen bebenden Fingern berührte. Ein teuflisches Lachen wollte aus ihm heraus, aber er konnte nicht einmal mehr lachen. Und als er aus seiner Höhle gekrochen war, stand er in der Nacht glotzend da, auf Händen und Füßen, und fühlte den Wahnsinn in sich steigen und dachte: „So ist es gut!“

Im Walde war nur noch hier und da ein trübes grünes Licht, wie tief unter dem Wasser, und es schienen träge Gestalten sich darin zu bewegen. Ahasverus hörte Stimmen auf sich zukommen, Stimmen ohne menschlichen Klang, die er aber bisweilen zu verstehen glaubte, wenn sie auch verworren waren und flüchtig. So begann die Nacht seltsam zu leben, mit dem matten Flügelschlag der Eulen und allerlei Lauten von Tieren, die im wilden Gestrüpp einander suchten. Was sie riefen, war ihm zuweilen verständlich, aber er vergaß es sogleich wieder: es war etwas wie Schreie aus ihrem Fleisch, durch andere, ebenso zusammenhanglose Schreie rasch wieder fortgeweht. Das ganze Volk des Waldes begann um ihn herum zu erwachen. Wölfe liefen vorbei auf weichen Pfoten, und er fühlte ihren feuchten Atem; eine Schlange zog langsam ihre kalten Ringe über seine Hand; das Gesträuch knackte unter dem schweren Leib eines Ebers, der, mühsam aus den Nüstern blasend, sich an einem Baume rieb, und Ahasverus roch den warmen Geruch seines Schweißes und dachte: „So ist es gut!“ Er spürte zugleich wieder jenen Blutgeschmack in seinem Mund und dachte: „So ist es gut!“ Und als der ganze Wald zu rumoren anfing und er ringsum Gestampf und Gebrüll vernahm von Brunst und schmerzendem Genuß, begann er mit zu heulen, ohne zu wissen warum, wie ein Raubtier, das zuviel unerträgliches Leben in sich hat und es voll Schmerzen ausströmen will.

Nun war es, als ob alles, was laufen, fliegen oder kriechen konnte, um ihn herum krabbelte und wimmelte. Haufen kleiner Tiere schwärmten wie Bienen, wanden sich wie Würmer, besprangen einander in Paarungswut und bissen einander. Die mageren wurden verschlungen von den fetten, die fetten gestochen von den flinken. Viele waren da wie fliegende Pünktchen, die alles töteten, was sie berührten. Die Liebe sogar war ein Kampf. Ineinanderverschlungen kämpften Einhörner, Schlangen, Greife, riesengroße Spinnen und phantastische Ungeheuer, mächtig gewappnet für die Begattung und den Mord, mit Ruten wie rote Dolche und Greifarmen zu beiden Seiten des Mauls, die mit Zähnen besetzt waren wie Sägen. Alle wurden nun trunken von stummer Begierde und Zerstörungswut, einige zerfleischten sich selbst, mit triefenden Kinnbacken, und das Blut der Geburten vermengte sich mit dem Blute des Todes. Der Schrei jener Mutter und ihres unschuldigen Kindes in der brennenden Stadt schrie nun aus allem. Die Bäume selbst sah Ahasverus leiden, die Knospen sprangen auf mit einem schmerzlichen Seufzer, die Früchte barsten ächzend und streuten ihren Samen ins Weite, der Saft rann wie eine verzehrende Glut unter der Rinde, und überall war das Leben nichts als ein schmerzenvolles Feuer, das neues Wachstum hier entstehen ließ und es dort wieder versengte: verbrennen, um von neuem zu wachsen, wachsen, um von neuem zu verbrennen, — Leben und Tod waren ein Brand, der auch in Ahasverus’ Adern kochte. Aber er konnte nicht mehr aufstehn, er konnte nicht mehr heulen, er ließ sich mit dem Gesicht auf den Boden fallen, ihm war, als ob er in der Erde festwüchse, um sich niemals, niemals wieder zu rühren, und das Leiden dieser Erde fühlte, all dies Leiden ohne Sinn, während unaufhörlich über ihn hin der Lauf der sich paarenden und kämpfenden Tiere ging und der Schrei des brennenden Waldes, der schrie: „Ewig! ewig! ewig! ewig! . . .“

Und das Schrecklichste waren ihm, über der Hölle, die Augen Christi, die um ihn weinten.

Ahasverus auf dem Weg zum Himmel

Auf einer Lichtung hauste in jenem Walde ein alter Eremit: seine Klause war so klein, daß ein Kaninchen mit vier Sprüngen alles davon gesehen hätte. Der heilige Mann schlief dort auf einem Bett von dürren Blättern. Er buk sich selbst sein Roggenbrot, zog etwas Gemüse und hielt eine Ziege und ein Dutzend Küken. Für die schönen Körbchen, die er zu flechten verstand, bekam er dann und wann das wenige, was er sonst noch brauchte, aus einem entlegenen Dorf, und Wallfahrer brachten ihm bisweilen auch Leckerbissen von der Kirmes, etwa weißen und schwarzen Schwartenmagen mit Schnuten und Poten. Aber des Klausners Seele und all sein Tun waren stets Gott allein zugekehrt. Ihn bewundern und loben in all seinen Werken und versinken in die Betrachtung seiner unerschöpflichen Güte, das war seine Beschäftigung, und das war sein Leben.

Und so geschah es einst, als er am frühen Morgen schon still am Wandeln war und mit dankbarem Staunen das Wunder aller Tage beschaute, den Morgensonnenglanz, der durch den feuchten Wald spielte, daß er einen Mann auf dem Bauche liegend fand, mit ausgestreckten Armen, der leise stöhnte. Der Klausner holte etwas Wasser aus einem Bach, wusch dem Fremdling das Gesicht, und endlich schien dieser aus einem Traum zu erwachen, mit irrem Blick. Er begriff nicht, was der Alte zu ihm sprach, und ließ sich schwankend tragen bis zu dem Blätterbett, wo er dann erschöpft wieder zusammensank.

Ahasverus brannte von dem Fieber, und Visionen durchdüsterten sein Erinnern; die Hölle rief noch hinter ihm, und er klammerte sich fest an den Arm des Klausners, um nicht in jene grausige Tiefe zu fallen, wie ein Stein in einen Abgrund. Und der Alte, um ihn zu beruhigen, klopfte ihm dann leise in die Hände, wie man einem Kinde tut, und dankte im Innersten Gott, der ihn vielleicht als Werkzeug erwählt hatte, um einen armen Sünder zu retten.

Und jedesmal, wenn Ahasverus seine Augen öffnete, sah er den guten Graubart sogleich herbeikommen, und das Lächeln in diesem runzligen Gesicht war so natürlich, daß Ahasverus dann auch matt lächelte, — er fühlte sich so völlig erschöpft . . .

An diesem Tage sprachen sie beinahe nichts. Von Zeit zu Zeit bat Ahasverus um einen Trunk; das kühle Quellwasser erfrischte sein Herz für einen Augenblick. Als das Fieber ihn ein wenig losließ, blickte er halb bewußtlos auf das ruhige Treiben des Eremiten, der Kräuter für den Kranken ziehen ließ oder ihm seinen Brei kochte oder still dasaß über den dicken Kugeln seines Rosenkranzes und betete.

Aber als der Abend kam, wurde Ahasverus todesbang: das geheimnisvolle Leben des Waldesdunkels begann wieder zu spuken und über ihn hin zu heulen. Erst als er fühlte, daß der Klausner ihn bei der Hand hielt, konnte er die Nachtmahr von sich abschütteln, und als er das klare Gesicht über sich gebeugt sah, war es ihm auf einmal, als ob seine Mutter vor ihm stünde. So schlief er denn sanft ein.

Als der Hahn ihn wach krähte, war der Wald, den er durch die offene Türe sah, schon blauig von der Frühe des Morgens; ein rosiger Strahl glitt durch das Fensterchen in die Klause, und draußen war ein Gezwitscher und Geflöte von Meisen und Amseln in der Kühle; sogar den alten Eremiten hörte Ahasverus irgendwo singen, etwas wie ein Gebet, auf eine verhaltene und eintönige Weise, die kindlich klang.

So duselte Ahasverus noch einen Augenblick vor sich hin, und Erinnerungen von einst, da er ganz klein war, stiegen ungerufen in ihm auf; seine Mutter nahm ihn wieder mit zur Kirche, und er durfte da mitsingen; in der Kirche waren duftende Weihrauchwolken und schöne Lichter, die den ganzen Tag brannten, und goldene Dinge, die im Halbdunkel glommen. Seine Mutter war früh gestorben, sie sah immer so traurig aus . . . Er schloß von neuem die Augen und träumte von diesem Weihrauch und diesem Gesang, bis der Klausner wieder behutsam hereinkam; er plauderte mit friedvoller Stimme und brachte Ahasverus Milch und Brot und Eier, was ihm sehr gut tat, denn er fühlte wieder das gierige Leben seines Leibes.

„Ich will leben . . .“ — er sagte es mit einer Frage in seinem Blick, und „Gott wird Euch heilen“, sprach der Alte.

Es befremdete Ahasverus selbst, daß seine Stimme so ohne Kraft war. „Gott . . .“ lispelte er, schwieg aber wieder, sobald er dies Wort aus seinem eigenen Munde gehört hatte.

Und als er nun aufrecht saß und umherblickte, sah er dicht beim Fensterchen einen Holzblock, worauf ein gekreuzigter Heiland seine Arme ausstreckte, neben einem schweren Buch und einem Totenschädel. Ahasverus betrachtete das lange und mit schmerzlicher Andacht. Er begriff nicht mehr, was in ihm vorging, es war wie eine geheimnisvolle Scheu, die zauderte: er fühlte es wohl, daß er wie ein Kind dalag, daß er nicht mehr hassen konnte, daß sein Hochmut gebrochen war, und er fühlte das wie den süßen, süßen Schmerz von einer Wunde, aus der sein Blut unsichtbar wegtropfte.

„Frag mich nicht, wer ich bin . . . Du darfst mich nichts fragen . . .“

Er ließ sich wieder hintenüberfallen, und seine mageren Hände lagen ohnmächtig da, und in seiner Brust brannte der süße Schmerz.

„Gott hat Euch zu mir gesandt“, sagte der Alte ruhig und ernst.

Ahasverus lächelte wehmütig und schwieg.

An diesem Tage wandelte er mit dem Eremiten durch den Wald. Die Milde des Herbstes lag schon in der Luft; feiner Nebel glitzerte auf den Spinneweben, und der Sonnenschein war eine blonde Röte, die alle Dinge so schön machte wie eine schöne Erinnerung. „Ich lebe!“ dachte Ahasverus immer nur, mit einer Art von Verwunderung und einfältiger Freude. Er fühlte den Boden unter seinen Füßen, sah das Schauern des reinen Lichtes durch die Bäume, die voller Vögel waren, sog den Duft der Himbeeren ein, und das alles war Leben, Leben, — aber durfte er dieses Leben wohl anrühren? Würde es nicht auf einmal verschwinden in einem Traum? Und er lauschte nach der ruhigen, innigen Stimme des Alten so wie früher nach den Märchen seiner Mutter. Wieviel Jahre war das her? War sein Leben eine einzige lange Krankheit gewesen, aus der er nun erst langsam genas?

Als es Abend wurde, saßen sie zusammen auf einer kahlen Höhe, von wo man, über die Kronen der Bäume blickend, all die Wälder sich dehnen sah wie große Wellen, die endlich ineinanderliefen und immer blauer wurden bis hin zur purpurnen Ferne, wo die Sonne sterben ging. Die letzten Strahlen schienen noch da drüben auf dem strengen Antlitz des Waldes, der die Stille umsäumte. Als Ahasverus so neben dem Eremiten saß, war all das böse Grauen verbannt; aber je mehr Friede aus der Welt heraus flüsterte, und je zarter der Himmel über ihm wurde, um so mehr fühlte Ahasverus die alte Unrast wieder in seinem Herzen, fühlte er die Wunde seines Herzens brennen, unerträglich sanft, in dem verlöschenden Lichte des Abends.

Sie schwiegen lange. Das Antlitz des Eremiten war ein unbewegliches Leuchten in der lichten Dämmerung. Er schloß seine Augen, um tiefer in sich selbst die währende Schönheit anzuschauen alles dessen, was er gesehen hatte, und sagte halblaut: „Gott!“

Dies eine Wort war wie die Stimme des großen Schweigens, worin sie da irgendwo saßen, verloren wie in einem Meer.

„Ich habe ihn so lange gesucht . . .“ sagte Ahasverus kurz und dumpf, den Kopf zum Boden gewendet.

„Was könntet Ihr wohl anders auch suchen?“ fragte ruhig der Greis. „Alles, was die Menschen tun, sind Bewegungen hin zu Gott. Aber sie wissen es nicht und liegen im Schlamm.“

„Ich habe ihn niemals gefunden . . .“

„Wenn Ihr nun ahnt, daß Gott ist, dann könnt Ihr nichts anderes finden. Er ist das Unbegreifliche Licht. So wie alle Flammen nach oben schlagen, so kann Eure Seele nicht anders, als steigen zum Licht.“

„Aber wenn alles nur ein Traum wäre . . .“

„Alles ist ein Traum, nur nicht dies eine.“

Die unhörbare Flut der Dunkelheit kam langsam herauf: die Wälder standen tiefschwarz gegen den opalglänzenden Himmel. Und Ahasverus fühlte schmerzlicher denn je, daß, was da in ihm brannte und ewig brennen würde, ach! kein Traum war.

Die folgenden Tage schweifte er wieder umher, von seiner Unrast gejagt. Das Bild jenes Abends lebte in ihm fort, eins geworden mit den Worten des Klausners: die schwarzen Wälder und der leuchtende Himmel, der die Welt überwölbte . . . Da hatte er auf einmal so deutlich begriffen, was er war; — das Unergründliche Licht! dies Wort war bis in sein tiefstes Innere gefallen, und . . . er fand es so einfach, nun, da es ausgesprochen war, wie wenn es schon lange in ihm läge, unbewußt. War es also doch dieses, wonach er verlangt hatte? Wonach er noch verlangte, — denn die Flamme schlug wieder empor, er hatte sie in den Abgründen des Erdenstaubes nicht auslöschen können . . . O, diese Abgründe! . . . Seit er dort gewesen war, fühlte er mehr denn je seine Ohnmacht, und daß er ein armseliges Pünktchen war, verloren im Ewig-Unbegreiflichen: sein ganzes früheres Leben schien ihm zusammengeschrumpft zu einem Nichts — zum Rascheln dürrer Blätter von einem Schritt, der vorübergeht — vor diesem einen, wovon der Eremit gesprochen hatte. Warum sollte er es noch leugnen, sich verkriechen hinter einem Stein? Er suchte dies eine, ach, er suchte dies eine!

Aber . . . wenn es gar nicht vorhanden wäre? . . .

Zerrissen von diesem Zweifel, blieb er lange, den Kopf zwischen den Händen, versunken in grausige Nacht, bis endlich wieder eine Klarheit in ihm tagte, und diese Klarheit war wie ein Blick, den er so wohl kannte:

„Etwas von diesem Licht war in den Augen Christi . . .“ grübelte er.

Er lief durch den Wald, strauchelnd, und rief: „Gott! Gott!“ als ob das hätte helfen können! Erschöpft lag er dann wieder, die Hände ringend, im Grase und rief: „Gott! Gott!“ und auf der freien Höhe blieb er hochaufgerichtet stehen, den Kopf hintenüber gebeugt und die Augen geschlossen, und rief: „Gott! Gott!“ — aber er war unabänderlich und ewig allein.

Sein Blick folgte einer Lerche, die singend stieg und stieg, in die Luft, so hoch, daß sie in dem strahlenden Raum verschwand. „Sie wird bald doch wieder hinunter auf die Erde müssen!“ lachte Ahasverus. So flogen auch seine Gedanken, aber sie waren wie blinde Vögel, die zum Licht emporstiegen, um dann, vom Blitzstrahl der eigenen Verzweiflung getroffen, auf verbrannten Flügeln wirbelnd wieder in die Finsternis hinabzutaumeln.

Und selbst in der Helle des Tages erschienen alle Dinge der Erde ihm dunkel, wie an jenem Abend; im Walde war es ihm, als ob kaum ein wenig Kellerlicht durch die alten Bäume herabsickerte.

Bisweilen dachte er: „Meine Füße haben in dem Tod gestanden, meine Hände haben den Tod gefühlt, ich kann nichts, ich bin nichts, nimm mich in deine Unendlichkeit, o Gott!“

Und bisweilen, wenn das Blut wieder in ihm stark geworden war, erhob sich auch die Stimme von früher: „Ich werde nicht zerbrechen“, und verbissen irrte er dann durch die Verlassenheit der Wälder, bis er am Abend, hungrig und erschöpft, wieder in der Klause ankam und still sitzen blieb bei dem Eremiten. Sie sprachen wenig; aber Ahasverus fühlte sich dort wohler und sicherer. Denn wenn er auf das friedvolle Gesicht des alten Mannes blickte, sah er, daß dort eine Zuversicht war, die er nicht begriff, aber doch fühlte.

Und Ahasverus glaubte nicht, aber etwas war in ihn hineingeschlüpft, wenn er es auch selbst nicht deutlich wußte, das immer heller brennen würde in der Glut seiner dunkel-öden Seele: die Hoffnung, — die Hoffnung, daß auch er einst seine Ruhe finden würde, — vielleicht . . .

Der Wald begann allmählich zu rosten, ein großer Palast voll trüben Glanzes.