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Vier Jahre in Spanien.


Die Carlisten,

ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.


Skizzen und Erinnerungen aus dem Bürgerkriege

von

A. von Goeben,

Königlich-Spanischem Oberstlieutenant im Generalstabe.

Hannover, 1841.


Im Verlage der Hahn’schen Hofbuchhandlung.

Über Alles, was während der letzten acht Jahre in Spanien sich ereignet hat, ist bisher sehr Wenig in Deutschland veröffentlicht, und dieses Wenige, fast durchgängig im Sinne der einen, stärkern Parthei, oft selbst mit der Absicht, irrige Ansichten zu verbreiten, geschrieben, konnte nur beitragen, das Urtheil des Publicums irre zu leiten. Es dürfte daher nicht unwillkommen sein, wenn Augenzeugen die Dinge in ihrem wahren Lichte darstellen und so das Gewebe von Dunkelheit und Täuschung zerreißen, welches jene Ereignisse dem Blicke des Forschers unzugänglich machte. Was ich während fünftehalbjährigen Aufenthaltes und unter mannigfach wechselnden Verhältnissen erfahren und beobachtet habe, das werde ich in diesen Erinnerungen darlegen, deren Zweck erfüllt ist, wenn sie zur Beseitigung der Vorurtheile mitwirken, die einem Jeden, der nicht aus eigenem Anschauen ein selbstständiges Urtheil sich bildete, nothwendig aufgedrängt wurden.

Ich habe gestrebt, ein möglichst vollständiges Bild alles Dessen zu geben, was in Bezug auf den Bürgerkrieg von Interesse sein muß. Die Umstände setzten mich in Stand, fast allenthalben und Alles selbst zu prüfen, da ich, seit dem Frühlinge 1836 der carlistischen Armee in den baskischen Provinzen mich anschließend, nach und nach in allen Theilen des Königreiches mich befand, in allen Armeen der Carlisten Dienste leistete, in mehrfacher Gefangenschaft auch mit den Christinos in häufige Berührung kam und endlich unter Cabrera’s Oberbefehle, der einzige deutsche Officier, an dem letzten Todeskampfe im Frühjahre 1840 Theil nahm. Erst da nach Morella’s Falle kein carlistisches Heer mehr existirte, legte ich die Waffen nieder, um noch im Meuchelmorde, dem ich kaum mit schwerer Wunde entging, den Partheihaß zu erproben.

Doch verkenne ich nicht die mannigfachen Schwierigkeiten, mit denen ich zu kämpfen habe. Nicht nur soll ich gegen vieles fast allgemein Angenommenes und Anerkanntes mich erheben; ganz Soldat und seit Jahren nur im Kriegesgetümmel beschäftigt, bin ich auch wenig gewohnt, die Feder zu führen, und werde in der Darstellung den Mangel an Gewandtheit nicht verleugnen können. Das Bewußtsein, daß ich für die Wahrheit in die Schranken trete und nur Wahres gebe, darf mich wohl über solche Rücksicht und solche Furcht hinwegsetzen.

Es wäre eben so thöricht als falsch, wenn ich Unpartheilichkeit für mich in Anspruch nähme. Wo es von der Sache sich handelt, für die ich mit Stolz mein Blut vergoß, bin ich stets Parthei, der Carlist wird stets hervortreten. Aber das Verdienst, wenn es solches ist, auf das ich gegründeten Anspruch machen darf, ist das der gewissenhaftesten Treue und Wahrheit, der ich jede andere Rücksicht untergeordnet habe. Was immer in meinen Notizen enthalten ist, habe ich entweder aus eigener Beobachtung oder aus Forschung an Ort und Stelle und den Berichten von Augenzeugen, deren Genauigkeit mir feststand, geschöpft; wo ein Zweifel noch obwaltet, habe ich auch ihn nicht verschwiegen.

Sonstige Quellen konnte ich nicht benutzen, da die einzige, aus der ich hätte schöpfen mögen, das geistreiche Werk meines geehrten Chefs und Freundes, des Generals Baron von Rahden, über „Cabrera“, von ganz anderm Gesichtspunkte aus abgefaßt ist. Auch begreift es nur einen abgesonderten Theil der Ereignisse, die nämlich, in denen Cabrera thätig mitwirkte, während ich an das selbst Erlebte es anknüpfend mehr oder weniger detaillirt den ganzen Bürgerkrieg umfasse. In manchem Einzelnen mußte ich auch von jenem Werke abweichen, welches als Erzeugniß scharfer Beobachtung vom höchsten Interesse ist.

Übrigens ist es nicht meine Absicht, eine Geschichte des Bürgerkrieges in diesen Erinnerungen zu geben; möchten sie dem künftigen Geschichtschreiber seine schwere Arbeit in Etwas erleichtern!

Inhalt.

Seite
I. Hoffnungen und Träume — Carl V. der rechtmäßige König [1]
II. Die Gränze — Die Carlisten — Ereignisse in den baskischen Provinzen seit dem Tode Ferdinands VII. bis zum Frühling 1836 [13]
III. Carl V. — Die Linien — Das Land und seine Bewohner — Die fueros [38]
IV. Gefechte in Guipuzcoa — Gefangenschaft — Marsch nach Logroño [54]
V. Grausamkeiten der beiden Partheien, in Heer und Volk [77]
VI. Expeditionen der Generale Don Basilio Garcia — Gomez — Sanz [89]
VII. Acht Monate im Kerker [105]
VIII. Krieg in den Provinzen während der zweiten Hälfte 1836 — Belagerung von Bilbao — Operationen im Frühlinge 1837 [113]
IX. Befreiung — Fünf Wochen in Navarra — Operationen in den Nordprovinzen [124]
X. Expedition Zariategui’s — Erstürmung von Segovia — Marsch auf Madrid — Rückzug in die Gebirge [139]
XI. Expedition Zariategui’s — Wiederaufnahme der Offensive — Lerma — Valladolid — Der Alt-Castilianer — Verwundung — Vereinigung mit der Armee des Königs [158]
XII. Expedition des Königs — Vereinigung mit Cabrera — Marsch auf Madrid — Rückzug — Sendung nach Vizcaya — Rückkehr der Expeditionen — Ereignisse während derselben [186]
XIII. Der Aufschwung und das Sinken der carlistischen Macht — Nachtheile der Expeditionen [203]
XIV. Expedition von Don Basilio Garcia — Ebro-Übergang — Verwundung — Gefangennahme [225]
XV. Das Hospital — Marsch nach Madrid — Marsch durch die Mancha und Andalusien nach Cadix [246]
XVI. Expedition von Don Basilio — Tallada — Die Cabecillas der Mancha — Vernichtung der Division — Expedition des Grafen Negri — Vernichtung derselben — Peñacerrada [267]
XVII. Maroto — Partheiungen unter den Carlisten — Operationen in den Provinzen — Valmaseda — Vermählung des Königs — Muñagorri [286]
XVIII. Die Casematten von Cadix — Maroto und Espartero — Fünf Generale ermordet — Auswechselung nahe — Schein-Operationen in Vizcaya [300]
XIX. Fahrt von Cadix nach Valencia — Das Mittelländische Meer — Die Huerta und ihre Bewohner — Die Auswechselung [318]
XX. Don Ramon Cabrera, Guerrillero, General und Mensch — Der Krieg in Aragon und Valencia bis zum Ende des Jahres 1837 — Hungers-Gräuel [335]
XXI. Escalade des Castells von Morella durch achtzig Castilianer [351]
XXII. Operationen in der ersten Hälfte des Jahres 1838 — Tallada — Zaragoza — Morella — Belagerung desselben durch Oraa [364]
XXIII. Belagerung von Morella — Sturm — Rückzug der Christinos — Folgen [382]
XXIV. Operationen im Herbst 1838 — Schlacht bei Maella — Repressalien-System [392]
XXV. Operationen in der ersten Hälfte 1839 — Segura — Villafamés — Montalban — El Turia — Lucena [412]
XXVI. Reise nach Chelva — Das Heer Cabrera’s — Der Aragonese, Valencianer und Catalan — Action von Chulilla [428]
XXVII. Chelva — Kampf bei Tales — Cabrera — Carboneras — Verhältnisse und Hoffnungen im Sommer 1839 — Reise nach Morella — Espartero in Aragon [444]
XXVIII. Maroto’s Verrath — Vertrag von Bergara — Carl V. in Frankreich — Graf Casa Maroto [465]
XXIX. Marsch nach Catalonien — Das Fürstenthum und seine Bewohner — Die dortigen Carlisten — Graf de España — Operationen desselben [479]
XXX. Vier Tage mit dem Grafen de España — Berga — Der 27. October — General Segarra [497]
XXXI. Verschwörung gegen den Grafen — Seine Ermordung. [514]
XXXII. Reise nach Morella — Espartero in Luco und Bordon — Baron von Rahden [522]
XXXIII. Operationen Espartero’s und O’Donnell’s — Stellungen der Heere — Einzelne Gefechte — Rückzug der Christinos [540]
XXXIV. Reise mit Cabrera nach dem Ebro — Krankheit des Generals [557]
XXXV. Die ersten Monate 1840 — Alzaga — Chulilla erobert — Espartero als Fälscher — Verkauf von Segura [569]
XXXVI. Castillote — Marsch nach Castilien — Don Manuel Matias — El Turia und die Linie von Cañete — Verhältnisse daselbst [585]
XXXVII. Don Manuel Brusco — Cañete — Arbeiten und Streifzüge — Fortschritte von Espartero, O’Donnell und Aspiroz [604]
XXXVIII. Eroberung von Morella, Cabrera passirt den Ebro — Don Remigio Cantero — Beteta — Palacios nach Frankreich [621]
XXXIX. Marsch nach Cañete — Marco Valero — Rettung — Cañete geräumt — Niederlegung der Waffen — Cabrera und Valmaseda nach Frankreich — Ende des Krieges [638]
XL. Meuchelmord — Reise nach Valencia und Barcelona — Ankunft in Frankreich [650]

I.

In stolzen, hoffnungsreichen Träumen schwelgend durchflog ich die öden Steppen der Landes, welche umsonst heimische Bilder mir zu erwecken suchten. Meine Blicke waren gen Süden gerichtet. Dort tauchten fern am Horizonte einem bläulichen Gewölk ähnlich die Höhenzüge der Pyrenäen empor, unvergängliche Zeugen der Heldenthaten des braven Gebirgs-Völkchens, mit dessen siegreichen Schaaren ich mich zu vereinigen eilte, dessen Gefahren und Ruhm ich bald zu theilen hoffte. Das Herz klopfte mir lauter, die Brust schwoll von unendlichen, unaussprechlichen Gefühlen. Jung und unerfahren, den Kopf warm, das Blut glühend, träumte ich von Krieges-Thaten und Kampfes-Lust, malte den Augenblick mir aus, in dem die Kugeln des Feindes mich umzischen würden, und ich wünschte mir Flügel, um früher das ersehnte Ziel zu erreichen. — Ich ahnete nicht die bittern Erfahrungen, die schmerzlichen Enttäuschungen, welche meiner warteten; die Phantasie schilderte mir die Zukunft in den lieblichen Farben, mit denen sie so gern ihre Kinder schmückt, ohne die finstern Schatten zuzulassen, welche nur zu oft ihre reizenden Erzeugnisse in Thränen des Schmerzes ertränken. Ich sah jene Gebirge vor mir, in denen ich bald im Schlachtgewühl mich tummeln, mein Blut für die Sache der Legitimität darbieten sollte, und ich fühlte mich glücklich in der nahen Erfüllung so lange gehegter Wünsche.

Und wie hätte ich nicht freudig zu der Vertheidigung des Monarchen eilen mögen, der in heldenmüthigem Kampfe gegen übermächtige Heere rang, welche die Revolutionäre aufgeboten hatten, um ihre unrechtmäßige Herrschaft zu sichern und die Anstrengungen der treuen Anhänger ihres Königs niederzuschmettern? Royalist im ganzen Sinne des Wortes, auf immer befestigt in dieser Grundlage meiner politischen Denkungsart durch Alles, was des Mannes Ansichten zu leiten vermag, überzeugt, daß nur auf solcher Basis das Glück der Völker, Endzweck jeder Regierung, sicher erreicht wird; mußte ich nicht stolz sein, mein Schwert der Vertheidigung des wahren Souverains jenes unglücklichen Landes zu weihen, welches unter dem doppelten Joche der Umwälzung und der Usurpation schmachtend in krampfhaften Zuckungen die schweren Fesseln abzuschütteln strebte! Mußte ich nicht mit Freude den kühnen Männern mich anschließen, die, von ihren Gebirgen herab den Riesenkampf gegen Christina’s erdrückende Waffen bestehend, für das Recht Alles opferten und durch ihren Muth, ihre Ausdauer und unbeugsam scheinende Festigkeit Europa’s Bewunderung sich würdig machten!

Ach, ihre Festigkeit schien unbeugsam — Kugeln und Schwert, Leiden und Gefahren vermochten nicht sie zu erschüttern, Hunger, Blöße, Tod waren machtlos gegen sie — Ihre Festigkeit wich den Schmeichelworten, welche unter den schönen Namen des Vaterlandes und des Friedens der listige Feind durch ihre eigenen erkauften Anführer ihnen zuzuflüstern wußte; sie wich den trügerischen Versprechungen der Parthei, die so oft gezittert, da sie ihre Söldlinge vor den siegreichen Waffen jener Männer fliehen sah. Um die Rechte und Freiheiten der vaterländischen Provinzen zu sichern, verließen die Basken den angestammten Herrscher, der allein jene Sicherung ihnen gewähren konnte.

Denn wie sehr auch seine erbitterten Feinde gegen ihn eifern, welche schimpfliche Benennungen die liberale Presse aller Länder ihm verschwenden mag, Carl V. ist der rechtmäßige König Spaniens, und weder Christina’s zahlreiche Heeresmassen, noch die spitzfindigen Sophismen ihrer Anhänger, vermögen die „unschuldige“[1] Isabelle von dem Titel einer Usurpatorinn zu befreien. Das Gesetz, durch welches Ferdinand VII. die Rechte seines Bruders annullirte, um der Tochter die Krone zu geben, die durch die bisherigen Gesetze ihr versagt war, konnte nie Gültigkeit erlangen, da theils es in sich den Stempel der höchsten Ungerechtigkeit trug, theils die äußeren Erfordernisse nicht gehörig beobachtet waren, welche die Staatsverfassung zu seiner Feststellung bestimmte.

Philipp von Anjou erlangte nach langem, blutigem Kriege, in den die ganze westliche Hälfte Europa’s verflochten, den unbestrittenen Besitz des spanischen Thrones. England und die Niederlande, nach der Erwählung des Erzherzogs Carl zum römischen Kaiser von seiner Gelangung zur Krone Spaniens und der Vereinigung zweier so mächtigen Reiche unter Einem Haupte die traurigsten Folgen für die Unabhängigkeit der übrigen Staaten besorgend, wählten von zwei Übeln das kleinere, indem sie den Enkel Ludwigs des Vierzehnten als König von Spanien und Indien anerkannten, da sie doch so lange mit Aufbietung aller Kräfte und nicht ohne glänzende Erfolge seine Ansprüche bekämpft hatten. Nur strebten sie, im Friedensvertrage von Utrecht einer etwaigen spätern Vereinigung der spanischen und französischen Monarchieen so weit vorzubeugen, wie feierliche Garantieen, Entsagungen und Versprechen vorzubeugen vermögen.

Philipp V. hatte seit seiner Thronbesteigung aufgehört Franzose zu sein; er arbeitete jetzt nur für das Wohl seines Königreiches und erkannte daher leicht, wie sehr es in dessen Interesse und wie wichtig es für Spaniens Unabhängigkeit war, jene Vereinigung mit dem mächtigen und übermüthigen Nachbar so viel wie möglich zu erschweren. Um dieses Ziel zu erreichen, und die mannichfachen sonstigen damit verknüpften Vortheile nicht übersehend, etablirte er das Grundgesetz, welches seitdem die Thronfolge in der Monarchie ordnete, und ergänzte und vervollkommnete dadurch die Stipulationen des Vertrages von Utrecht. Durch dieses Gesetz wurden die weiblichen Glieder der spanischen Bourbons von der Herrschaft ausgeschlossen, so lange irgend ein männlicher Nachkomme Philipp’s existirte; doch gestattete ihm die väterliche Liebe wohl nicht, die Frauen ganz auszuschließen und so seinen eigenen Nachkommen Fremde vorzuziehen, weshalb er anordnete, daß ein streng Salisches Gesetz erst in Kraft treten sollte, im Falle nach gänzlichem Aussterben der spanischen Bourbons das Haus Savoyen zum Throne gelangen würde. — Philipp V. versäumte keine der Maßregeln, welche die alte spanische Verfassung möglich machte und vorschrieb, um seine neue Thronfolge-Ordnung zu sanctioniren: sie ward von dem höchsten Rath von Castilien geprüft und gebilligt, und im Jahre 1713 legte sie der König auch den besonders zu diesem Zwecke berufenen und dazu von ihren Committenten mit Specialvollmachten versehenen Reichs-Cortes vor, welche darüber berathschlagten und sie annahmen. Dann ward diese Anordnung als Staats-Grundgesetz bekannt gemacht.

Als solches galt sie und diente als Basis in den Verhandlungen und Bündnissen, die seitdem geschlossen wurden, ohne daß irgend Einer der nachfolgenden Könige einen Schritt zu seiner Aufhebung gethan hätte, bis Ferdinand VII., getrieben von seiner eben so herrschsüchtigen wie intriganten Gemahlinn, der Prinzessinn Maria Christina von Neapel, seinen Bruder, den Infanten Don Carlos, der ihm zustehenden Rechte zu berauben und, im Falle seine Gemahlinn in der nahe bevorstehenden Niederkunft mit einer Tochter ihn beschenken sollte, dieser die Krone zu sichern beschloß. Ferdinand’s Charakter zeichnete sich durch größte Neigung zur Intrigue aus. Selbst Dem, was er leichter auf dem geraden Wege hätte erlangen können, mochte er lieber auf krummen Schlangenpfaden hinschleichend zustreben; und nicht selten machte ihn während der langen Zeit, in der er sein Königreich dem Untergange zuführte, eben diese unedle Denk- und Handlungsart sein Ziel verfehlen. Er verleugnete auch jetzt diese Neigung nicht, wiewohl die Furcht vor dem Eindrucke, den sein Plan auf die zahlreichen Anhänger seines Bruders machen würde, das Ihrige zu dem Entschlusse beitrug, auf seines Vaters, Carl IV., Schultern die Last zu laden, der er sich wohl nicht gewachsen fühlte.

Am 29. März 1830 erließ Ferdinand VII. das Decret, durch welches er den direkten weiblichen Nachkommen des Herrschers in der Thronfolge den Vorzug vor dessen männlichen Seitenverwandten einräumte. Als Hauptmotiv dafür ward angegeben, daß im Staatsarchive aufgefundenen Papieren gemäß schon Carl IV. im Jahre 1789 einen ähnlichen Gesetzesentwurf den Cortes vorgelegt habe, so daß Ferdinand durch die Erneuerung desselben nur die Absicht seines Vaters in Ausführung bringe. — Die bald nachher geborene Prinzessinn Isabella ward demzufolge für eventuelle Thronerbinn erklärt. Der König, durch die langsam ihn aufzehrende Krankheit an den Rand des Grabes gebracht, widerrief zwar das neue Gesetz, dessen furchtbare Folgen ihm einleuchten und doch zu schwer auf dem Gewissen des Sterbenden lasten mochten. Da aber die augenblickliche Gefahr auf kurze Zeit gehoben wurde, gelang es der Königinn, ihren Einfluß auf den geistig und körperlich nur noch vegetirenden Gemahl so auszudehnen, daß sie das Gesetz unter den nichtigsten Vorwänden wieder in Kraft treten und bis zu Ferdinand’s Tode nicht weiter abändern ließ.


Die beiden Gründe, welche die Änderung der Thronfolge-Ordnung motiviren sollten, sind die uralte, herkömmliche Gewohnheit der Monarchie und der Gesetzesentwurf Carls IV. In Betreff der ersteren finden wir seit der Zeit des Wahlreiches der Gothen bis zu dem Regierungs-Antritte Philipps V., daß, wenn die Verwirrung und das oft sich Widersprechende in der dunkeln Legislatur jener Zeiten keine gesetzliche Bestimmungen auffinden läßt, allgemein die männlichen Descendenten den weiblichen vorgezogen wurden; und ganz besonders in den Kronen von Castilien und Aragon, durch deren Vereinigung die spanische Monarchie sich bildete, ward dieser Grundsatz stets streng durchgeführt. Selbst als Alfonso, wie aus Ironie der Weise benannt, in dem von ihm verfaßten Codex die Frauen in der Thronfolge den Männern gleichgestellt hatte, kam diese Anordnung so wenig zur Ausführung, daß ihr schon bei seinem Tode und seinem eigenen Rathe gemäß geradezu entgegengehandelt wurde, was bei jeder neuen Gelegenheit sich wiederholte. Überhaupt ward dieser Codex nie als feste Grundlage der Gesetzgebung des Reiches angesehen und befolgt. — Die weiblichen Herrscher, welche wir vereinzelt an der Spitze der Gothen und der kleinen christlichen Staaten der Halbinsel sehen, verdankten ihre Erhebung stets außerordentlichen Verhältnissen, Empörungen, Revolutionen oder dem Mangel an männlichen Erben, weshalb diese Fälle nie als Norm gelten und ein Motiv zu Ferdinands Gesetze abgeben konnten.

Noch unhaltbarer ist die andere Veranlassung der vorgenommenen Gesetzes-Änderung. Der Sohn beschließt eine Ungerechtigkeit auszuführen, weil — sein Vater sie vor ihm beabsichtigte. Es ist häufig selbst von Anhängern Christina’s an der Echtheit jener angeblich im Archive gefundenen Documente gezweifelt; aber vorausgesetzt, daß Carl IV. wirklich im Jahre 1789 eine solche Absicht gehegt hätte, so that er doch nie einen Schritt zu ihrer weiteren Ausführung, wozu ihm während der neunzehn Jahre bis zu seiner Entsagung gewiß hinreichende Zeit gegeben war. Ferdinand ergriff jedoch begierig den von seinem Vater augenblicklich und nur zur Beförderung des persönlichen Interesses der Königinn Marie Louise aufgefaßten Gedanken, um sich so den Schein einer, freilich unendlich schwachen Rechtfertigung zu verschaffen und wenigstens die Schuld der Erfindung von sich zu schieben.

Beachten wir nun das Gesetz in Bezug auf seine Gültigkeit lediglich als solches, so drängt sich zuerst die Bemerkung auf, wie so ganz alle äußeren Erfordernisse vernachlässigt wurden, ohne die doch das Gesetz als gar nicht gegeben muß angesehen werden. Spaniens Könige sind nie unumschränkt gewesen; ihre Macht war von jeher in mancher Hinsicht in ziemlich enge Schranken gezwängt, und vor Allem standen die Cortes und der Rath von Castilien als Wächter der alten Staats-Verfassung da: ohne ihre Zustimmung konnte kein Gesetz in Kraft treten. Wir sahen oben, daß Philipp V. allem der Verfassung nach Nothwendigen streng Genüge leistete, da er seine Thronfolge-Ordnung einführte. Falls also irgend einem seiner Nachkommen das Recht zustand, das von dem Stifter der Dynastie angeordnete Erbgesetz umzustoßen, mußte dieses doch mit eben den Förmlichkeiten und unter Beobachtung aller durch die Verfassung vorgeschriebenen Bedingungen geschehen, um als gültig ins Leben treten zu können.

Ferdinand VII. erließ das Decret, durch welches er Philipp’s Grundgesetz vernichtete, ohne jene beiden höchsten Staatsgewalten zu Rathe zu ziehen, er nahm es eben so zurück und erklärte es dann nochmals für wirksam; die Cortes waren zu jener Zeit gar nicht versammelt, das Gutachten des Rathes von Castilien ward nicht eingefordert. Erst drei Jahre später, im April 1833 berief der König die Cortes, aber nicht um über das zu gebende Gesetz mit ihnen zu berathen, sondern um die Huldigung für die Thronerbinn entgegenzunehmen, die dann auch ohne Widerstand geleistet ward, da die Cortes vollkommen bearbeitet zu einem bloßen Werkzeuge der ehrsüchtigen Königinn sich herabwürdigten. Von Specialvollmachten, wie sie den Cortes von 1713 hatten ausgefertigt werden müssen, war natürlich gar nicht die Rede. — So entsprach also das Gesetz, welches den Infanten Carl von der Nachfolge ausschließen sollte, in der Art, in der es gegeben wurde, gar nicht den Bedingungen, durch welche es der Verfassung gemäß Gültigkeit hätte erlangen können; es bleibt schon deshalb kraftlos und kann die Bestimmungen der früher und jenen Bedingungen entsprechend etablirten Thronfolge-Ordnung nicht aufheben.

Noch mehr aber werden wir von der Ungültigkeit desselben überzeugt, wenn wir seinen Zweck erwägen. Wie durch Carls IV. Entwurf Marie Louise’s, ist durch diesen nur Christina’s persönliches Interesse berücksichtigt, ohne daß das Wohl des Staates im Geringsten beachtet wäre. Alle die Vortheile, welche Philipp V. so mächtig zu seiner Anordnung trieben, bleiben in den Hintergrund gedrängt, da es sich darum handelt, die eitele Herrschsucht eines Weibes zu befriedigen; und doch dauern alle diese Vortheile in eben der Kraft fort wie hundert Jahre früher, ja sie gewinnen immer mehr Bedeutung, wie Spanien mehr und mehr geschwächt und in eine abhängigere Stellung zurückgedrängt wird. Und wie suchte Ferdinand so unedlen Zweck zu erreichen? Indem er das von dem Gründer der Dynastie festgestellte Fundamental-Gesetz der Thronfolge aufhob, wozu doch die Souverainitäts-Rechte des Königs nicht befugen; indem er seinen Bruder der Rechte beraubte, die das Gesetz ihm sicherte, und die keine Macht auf Erden legitimer Weise antasten konnte. Das Recht vergeht nur mit der Sache, über die es gewährt ist, und keine Verfügung, wenn auch König und Cortes sie gegeben, kann Gültigkeit erlangen, sobald sie das Recht eines Dritten schmälert; es sei denn mit dessen Zustimmung oder weil er selbst verbrecherischer Weise des ihm Zustehenden sich unwürdig gemacht.

Wohl suchten die Gegner Carls V., listig die Ereignisse der letzten zehn Jahre in Ferdinand’s Regierung benutzend, durch freche Verleumdungen solche Unwürdigkeit in ihm darzuthun, indem sie seine zügellose Herrschsucht als geheimen Hebel der ultra-royalistischen Aufstände hinstellten, die mehrfach die Monarchie beunruhigten. Welche Fehler man aber auch dem unglücklichen Fürsten beilegen möge, seine strenge Gewissenhaftigkeit und Loyalität konnten nie angetastet werden; auch ist er gegen so ungegründete Anschuldigungen von geistreichen und mit jenen Ereignissen vertrauten Männern auf eine Art vertheidigt worden, die fernere Worte darüber ganz unnütz macht.

Dagegen behaupteten auch die Anhänger Christina’s, daß der Infant Don Carlos, da er nicht sofort gegen die Änderung des Grundgesetzes protestirte, stillschweigend seine Zustimmung gegeben und also seiner Rechte sich begeben habe. Ferdinand erließ nemlich sein Dekret im März 1830, der Infant protestirte am 29. April 1833, so wie einige Wochen später der König von Neapel, der als männlicher Nachkomme Philipps V. vor Ferdinand’s Tochter in der Reihefolge der Thronerben steht. Ganz abgesehen aber davon, daß damals die Prinzessinn noch nicht geboren war und der Infant daher im Falle der Geburt eines Prinzen durch eine voreilige Protestation lediglich den Unwillen seines königlichen Bruders veranlaßt hätte, bewogen ihn zu jener Zögerung zwei Gründe, die seinen Charakter in das ehrenvollste Licht stellen und die Grundlosigkeit jener Behauptung völlig klar machen.

Vor Allem wollte er, ehe er irgend einen Schritt zur Sicherung seiner Rechte that, sich überzeugen, daß diese Rechte wirklich existirten. Er fragte deshalb nicht nur die ersten Rechts-Gelehrten der Monarchie um Rath, sondern consultirte auch die Universitäten von Spanien, Portugal und Italien, und erst als sie einstimmig erklärt, daß seine Ansprüche unumstößlich gerecht seien und Philipp’s Thronfolge-Ordnung durch seines Nachkommen Willen keinesweges aufgehoben sei, entschloß sich der Infant, seiner Pflicht gemäß, der Beraubung seines Rechtes kräftig sich zu widersetzen. — Dann wußte er sehr wohl, daß das ursprüngliche Dekret Ferdinand’s der Verfassung des Staates gemäß gar nicht Gesetzes Kraft haben könne, da weder Cortes noch Rath von Castilien ihre Einwilligung erklärt; weshalb hätte er gegen ein Gesetz protestirt, welches gar nicht existirte? Als aber Ferdinand im April 1833 die Cortes berief, um durch deren Huldigung seine Anordnung zu heiligen, da erhob sich der Infant mit Festigkeit zur Vertheidigung seiner nun bedroheten Rechte: er erließ die Protestation am 29. April und zog sich nach Portugal zurück, ohne daß Ferdinand, schwach auch in der Ausführung des beschlossenen Unrechts, so feindselige Maßregel gehindert hätte.


Da also keine der Bedingungen Statt fand, die für die Gültigkeit der Veränderung des Grundgesetzes unerläßlich sind; da die neue Anordnung, staatsrechtlich wie moralisch beurtheilt, nicht Gesetzes Kraft haben kann; da das Recht der männlichen Nachkommen Philipps weder durch ihre Unwürdigkeit noch durch ihre Einstimmung aufgehoben ist: so bleibt Carl V. der rechtmäßige König von Spanien.

Übrigens waren die Leiter Derer, die auf jener unglücklichen Halbinsel sich Liberale zu nennen wagen, da sie die Usurpation Christina’s begünstigten, weit entfernt, deren Tochter für die legitime Thronerbinn zu halten; so oft ich innerhalb und außerhalb Spanien mit solchen Männern in Berührung kam, bewunderte ich die Gewandtheit, mit der sie die Frage des Rechtes zu umgehen wußten. Diese Parthei, welche seit vielen Jahren durch ihre Umwälzungs-Pläne namenloses Elend ihrem Vaterlande bereitet, erkannte sehr wohl, daß sie nie hoffen dürfe, unter Carl V. ihre selbstsüchtigen Absichten ins Werk zu setzen. Die Denkungsweise dieses Fürsten war zu bekannt, als daß sie den Anarchisten die mindeste Aussicht gelassen hätte, der Herrschaft sich zu bemächtigen und so die reichen Schätze der Krone, die hohen Ämter und die Verfügung über die Ressourcen des schönen Landes an sich zu reißen. Die Regierung eines Kindes unter der Regentschaft eines schwachen Weibes versprach ihnen leichteren Erfolg. Sie erkannten, daß Christina ohne Unterstützung im Volke, ohne Hülfsquellen und Macht schnell genöthigt sein würde, sich ihnen in die Arme zu werfen, und edleren Gesinnungen ja ganz fremd, eilten sie, die ihren Zwecken so günstige Gelegenheit nicht aus den Händen zu lassen. Sie erhoben sich stürmisch für die Ansprüche Isabella’s gegen Ferdinand’s gefürchteten Bruder; mit leicht erheucheltem Enthusiasmus huldigten sie dem Kinde, welches unbewußt seines Onkels Rechte usurpirte, und — entwanden den Händen der Königinn die Zügel der Regierung, zu schwer für die Kraft der ehrgeizigen Frau.

Die Ereignisse haben hinlänglich gezeigt, wie richtig Spaniens sogenannte Liberale die Folgen ihrer Schritte berechnet hatten. Es wäre ungerecht, das Gute mit Stillschweigen zu übergehen, welches sie durch Abschaffung von einigen der zahllosen Mißbräuche hervorbrachten, unter denen Spanien dahinstirbt; aber eben so wenig darf übersehen werden, daß sie nur diejenigen angriffen, durch deren Zerstörung sie sich bereichern, ihre Macht mehren konnten: daher die Aufhebung der überreichen Klöster, deren Schätze größten Theils in das Ausland wanderten, die Zurücknahme vielfacher Privilegien und der Einzelnen ertheilten Monopole u. a. Wo dagegen solche Mißbräuche dem Interesse der Parthei fröhnten, da bestanden sie fort in ihrer schrecklichsten Gestalt oder tauchten gar ganz neu hervor; Bestechlichkeit, Erpressung, Unterschleif waren und sind an der Tagesordnung, jeder Zweig der Verwaltung liegt in der tiefsten Vernachlässigung danieder, Gerechtigkeit ist für Gold feil; Gold ersetzt alle Tugenden, alle Talente, Gold giebt Achtung, Ehre, Macht; der Mann wird nach der Gewandtheit geschätzt, mit der er die kurze Zeit, während der er ein Amt, eine Würde bekleidet, zur Erschöpfung jedes Weges der Bereicherung benutzt.[2]

Die Zeit der Regentschaft Christina’s giebt ein entsetzliches Bild der Verworfenheit, zu der niedrige Selbstsucht den Menschen führt, des Elendes, welches sie hervorzurufen vermag. Während jene Männer ihr Vaterland mit Trauer und Jammer füllten, seiner edelsten Söhne, von Bruderhand gemordet oder in fremde Länder vertrieben, es beraubten, während sie Europa’s reichstes Königreich in einen mit Blut und Thränen getränkten Schutthaufen verwandelten, wußten sie, in raschem Wechsel die Leitung der Geschäfte sich abnehmend, ihre leeren Koffer mit dem Gewinne des verzweifelnden Ackerbauers und Bürgers, den Schätzen der ausgeplünderten Handelsstädte zu füllen. Sie zauderten nicht, um ihren Leidenschaften zu fröhnen, der Verachtung der Nationen, dem Fluche des im Todeskampfe zuckenden Vaterlandes, der Rache des ewig Gerechten zu trotzen. — Und sie triumphiren!

[1] In den offiziellen Erlassen der Madrider Regierung ward die Tochter Ferdinand’s gewöhnlich als „nuestra innocente Reyna“ bezeichnet. Diese Eigenschaft ihrer Königinn schien wohl den Christinos besonders merkwürdig.

[2] Von allen den Anführern der verschiedenen Fraktionen, welche unter dem Namen Christina’s die Regierung inne hatten, ist wohl Martinez de la Rose der Einzige, der uneigennützig und nach seiner Überzeugung das Beste des Staates suchte. Wie Mendizabal, der Graf Toreno und alle die übrigen Minister, nach ihnen mit wenigen Ausnahmen die Militair- und Civil-Behörden bis zu den untersten Beamten nur Geld zu ihrer Losung machten, wie die Ersteren, in Dürftigkeit aus der Verbannung zurückgekehrt, bald in übermüthigem Luxus glänzten und Millionen im Auslande niederlegten, die sie dann zu verprassen eilten, bis die Umstände, neue Herrschaft, neuen Raub versprechend, sie nach dem Vaterlande zurückriefen; — das wurde selbst von ihren Anhängern nicht geleugnet und — — natürlich gefunden. Armes Spanien! Übrigens brachte das System der Verwaltung diese Mißbräuche mit sich und mußte sie allgemein machen, da, so oft eine andere Parthei des Ruders sich bemächtigte, die der vorher herrschenden Angehörigen ihrer Stellen entlassen und mit ihren Familien zum Betteln verdammt wurden, wenn sie nicht in der fetten Zeit für die magere Vorrath gesammelt.

II.

Von Schleichhändlern geführt, in die einfache Kleidung eines baskischen Bauern gehüllt, durcheilte ich auf schmalen, kaum der Gebirgsziege wegsam scheinenden Fußsteigen die Felsen-Thäler der West-Pyrenäen. — Der Pfad, bald hoch über grundlosem Abgrunde schwebend, bald in die Schluchten tief sich senkend, die der rauschend hinschäumenden Bergwassern malerisches Bett bilden, wand sich weit, stets die Punkte aufzusuchen, wo die Schroffe der aufgethürmten Felsmassen oder der von allen menschlichen Wesen gemiedene Wald das Auge des Forschers am unwahrscheinlichsten machte. Hoch über uns blitzten die Gewehre einer Patrouille, deren Blicken die sorgfältig benutzten Vorsprünge und Biegungen uns entzogen, dann schreckte uns der Lärm eines durch nahes Gebüsch entfliehenden Ebers; einzelne Bauern, von den militairisch mit Vor- und Nachtrab marschirenden Führern in mir unbekannter Sprache befragt, hatten befriedigende Nachrichten gegeben, und selten wurde der kleine Zug auf einige Minuten gehemmt. Da — schon nicht fern von der Gränze — ertönte wieder und wieder das gefürchtete „Halt!“ hinter uns, und da es den eiligen Lauf uns nur beschleunigen machte, bald auch das Feuern der französischen Douaniers, deren Kugeln uns jedoch nicht erreichten. Doch plötzlich standen die Führer bewegungslos. Neue, unausweichbare Gefahr befürchtend warf ich suchende Blicke nach allen Seiten, als des Guiden gebrochenes „Eh bien, nous voici chez nous“ mich in den Taumel der höchsten Freude versetzte: die letzte Barriere war ja überschritten, die dem so lange ersehnten, so oft ausgemalten Glücke noch hindernd im Wege gestanden.

Bald lag Zugarramurdi, das nächste carlistische Dorf, vor uns. Die Behörden und die Officiere der dort stehenden zwei Compagnien empfingen den Ankömmling artig und suchten zuvorkommend alle Dienste zu leisten, welche meine gänzliche Unkenntniß der Sprache möglich machte, wobei einer der Officiere, des Französischen kundig, als Dolmetscher diente. Da sah ich die Braven, von deren Kriegesthaten ich so oft bewundernd gelesen, an deren Seite zu kämpfen jetzt höchste Ehre und Ziel alles Strebens mir war.

Ihr Anblick mußte tiefen Eindruck auf mich machen. Das dunkelgebräunte Antlitz leuchtete ihnen vom Gefühle hohen Muthes und vom stolzen Bewußtsein der vollbrachten Thaten, während die Narben, welche ihre kühnen Züge noch mehr hervorhoben, das schönste Zeugniß der Gefahren und Leiden bildeten, denen für König und Vaterland sie willig sich ausgesetzt. Meine Bewunderung stieg, da ich den Zustand wahrnahm, in dem diese Helden so viele Siege erfochten, so oft der Feinde dräuende Heerhaufen durchbrochen und vernichtet hatten. Kaum deckten die Überbleibsel eines hellblauen Rockes die kräftigen Glieder, während Viele fast barfuß die Felsenwege hineilten oder höchstens durch schwache Hanfsandalen[3] ihre Füße schützten. Ein scharlachfarbiges oder weißes Basken-Barett (la voyna) deckte das Haupt, der Hals war frei oder von einem seidenen Tuche umschlungen; die Bewaffnung bestand nur aus dem Tod sendenden Gewehre mit um den Leib geschnallter schwarzer Patrontasche, an der das Bajonett, oft ohne Scheide hinabhing. Alles war auf die höchste Leichtigkeit und Beweglichkeit berechnet: statt des Tornisters trugen sie einen leinenen Beutel auf dem Rücken, der nur ein Hemd, ein Paar Sandalen und die Lebensmittel enthielt.

An preußische Organisation, die elegante Einfachheit der preußischen Armee gewöhnt, mußte mich im ersten Augenblicke der Anblick dieser Krieger unangenehm choquiren. Doch schnell bedachte ich, wie unendlich höher das Verdienst der Männer zu stellen ist, die unter solchen Umständen nicht verzagten; die, an so vielem sonst für unerläßlich gehaltenen Mangel leidend, muthig, wenige Hunderte anfangs, gegen die von allen Seiten zu ihrer Erdrückung heraneilenden Colonnen sich erhoben, Jahre lang den ungleichen Kampf bestanden, die feindlichen Massen oft schlugen und aufrieben, bis sie, von ihren Gebirgsvesten herabbrechend, durch alle Provinzen Spaniens bis zu Gibraltar’s Felsen und an die Thore von Madrid den Schrecken ihrer Waffen verbreiteten und die Usurpatorinn auf dem in seinen Grundlagen erschütterten Throne zittern machten.


Ferdinand VII., für den sein Volk unermeßliche Ströme edlen Blutes vergossen, unter dem Spanien, ein Schatten Dessen, was es einst war und noch sein könnte, von Stufe zu Stufe sinkend sich nur von dem mit politischen Umwälzungen unzertrennbaren Elend erhob, um in neuen, wo möglich, noch schmerzlicheren Jammer zurückgestürzt zu werden; — Ferdinand starb am 29. September 1833 und überließ sein Reich allen Schrecken eines Bürgerkrieges, den er durch Schwäche hervorgerufen, dessen furchtbare Folgen er voraussehen mußte, ohne den Muth zu ihrer Abwendung zu haben. Die Königinn Wittwe Maria Christina nahm sofort von dem Throne im Namen der unmündigen Infantin Isabella Besitz.

Doch kaum ward die Nachricht von dem Tode des Königs in den Provinzen bekannt, als allenthalben muthige Männer sich erhoben, die Rechte des legitimen Thronerben proclamirend und bereit, den letzten Blutstropfen in der Bekämpfung der Revolution zu opfern. Der greise Pfarrer Merino, wegen seiner im Unabhängigkeitskampfe gegen Napoleon vollbrachten Thaten vielleicht zu sehr gerühmt, sah sich in Alt-Castilien schnell an der Spitze von mehr denn 20000 M., alle als voluntarios realistas[4] vollkommen bewaffnet, alle freiwillig für ihren Herrscher aufgestanden; in den übrigen Theilen des Königreiches fanden ähnliche Bewegungen, wiewohl in kleinerem Maßstabe, Statt. Ein entscheidender Schlag hätte Alles enden mögen. Aber schon trat der Mangel an Einheit, Einigkeit und daher an Energie hervor, der in einer späteren Epoche so schmerzliche Folgen bereiten sollte. Merino, nach Alava gezogen, ließ sich in Streitigkeiten über die Verpflegung seiner Castilianer mit den Anführern in jener Provinz ein, die da behaupteten, eine jede Provinz müsse ihre Truppen unterhalten, und den Castilianer deshalb auf Castilien verwiesen. Mangel riß ein; Merino, anstatt fest auf die Hauptstadt zu marschiren, zauderte fort: der größte Theil seiner Truppen, seit vielen Tagen ohne Lebensmittel, zerstreute sich.

Christina aber zitterte. Sie fühlte dem Sturme sich nicht gewachsen, den ihr Ehrgeiz hervorgerufen, und eilte, dem Fürsten, dessen Platz sie usurpirt, Vorschläge zu machen. Carl V., damals in Portugal, nahm sie mit der Verachtung auf, die allein ihnen passende Antwort war: er kannte sein Recht und fühlte die Pflicht, ganz es zu behaupten. Da schon zeigte sich, wie wenig die Anführer der Parthei, die liberal will genannt sein, sich scheuten, zu den entehrendsten Maßregeln ihre Zuflucht zu nehmen, wenn sie so dem Ziele ohne Gefahr sich zu nähern hofften. Sie übersandten dem schon geschwächten, aber dennoch gefürchteten Merino eine Ordre, mit der verfälschten Unterschrift Carls V. versehen, durch die ihm geboten ward, den Rest seiner Truppen, da Kampf nun hoffnungslos, zu entlassen. Der treuherzige Greis, unfähig, solche Niedrigkeit zu ahnen, vollführte mit Schmerz seines Königs Befehle.

Die Anhänger Christina’s triumphirten und benutzten den günstigen Augenblick zur erbarmungslosen Rache. In allen Städten, im ganzen Königreiche wurde dem Beispiele der Residenz gemäß unermüdlich gearbeitet, den überall drohenden Aufstand in Blut zu ersticken, auf den Leichen der Loyalen sollte die Herrschaft der Usurpation sich befestigen. Die Kerker wurden bald überfüllt durch die Unglücklichen, welche in stets erneuten Haufen den Hauptstädten zugeschleppt wurden, die gewöhnlichen Tribunale reichten nicht mehr hin, um so viele Unschuldige zu verdammen. Militair-Commissionen wurden allenthalben niedergesetzt, in ihrem Gefolge erhoben sich Schaffotte, bis, da auch sie zu langsam ihr grausiges Werk vollbrachten, das kriegerische Erschießen praktischer gefunden wurde. Ein unvorsichtiges Wort, eine Klage, bloßer Verdacht reichten hin, um Trauer und gränzenloses Elend den Familien zu bringen; Privathaß und Selbstsucht waren thätig, die Zahl der Opfer jedes Alters, jedes Geschlechtes zu mehren; ganz Spanien lag in stummer, wehrloser Verzweiflung, aller Derer beraubt, auf deren Talente und Edelsinn es seine Hoffnungen gebaut hatte.

Noch schien Rettung nicht unmöglich. In den baskischen Provinzen und dem Königreiche Navarra, diesem begünstigten Theile der Monarchie, hatte lange schon dumpfe Unzufriedenheit gegährt, durch die Besorgnisse hervorgerufen, welche das Betragen der Regierung für die unschätzbaren fueros der vier Provinzen rege machte. Während Ferdinand’s Herrschaft waren diese Privilegien unangetastet geblieben, weil das Königreich sich stets in solchem Zustande der Verwirrung und Schwäche befand, daß es Tollheit gewesen wäre, durch Gewalt solche Maßregel durchzusetzen. Aber sehr wohl wußten die Basken, daß trotz dem diese Frage mehrfach zur Sprache gekommen; ja in der letzten Zeit waren wirklich Truppen an ihrer Gränze zusammengezogen. Sie erinnerten sich, wie heilig diese auf Verträge gegründeten Rechte seien, sie erkannten, welche Macht die Lage und die Eigenschaften ihres Gebietes ihnen giebt; sie gedachten auch, wie der Infant Don Carlos im Gefühle der Gerechtigkeit stets für sie gesprochen, wie einst die schon beschlossene Aufhebung der Privilegien nur durch seinen Einfluß rückgängig gemacht wurde. Das brave Gebirgsvölkchen, dafür dankbar, zauderte nicht.

Sofort nach Ferdinand’s Tode erhoben sich kleine Schaaren, Carl V. als König von Spanien, Herren von Vizcaya proclamirend; am 3. und 4. October brach der Aufstand in Bilbao aus, worauf die Stadt durch von San Sebastian entsendete Truppen besetzt wurde, in Vitoria erhob sich das Volk am 7. October. Doch auch hier ward der erste Versuch blutig niedergeschlagen. Sarsfield, zum General en Chef ernannt, durchzog das Land und erschoß wie viele Basken, bewaffnet oder unbewaffnet, in seine Hände fielen, selbst Weiber und Kinder wurden niedergemetzelt, die Wohnungen verbrannt, alles Werthvolle geplündert, vernichtet. Seine Untergebenen übertrafen ihn an Grausamkeit. Lorenzo ließ den edlen Don Santos Ladron, der, ausgezeichnet als General, als Bürger und als Mensch, an die Spitze des Aufstandes sich gestellt, im Graben von Pamplona rücklings erschießen, da er durch Verrath ihn gefangen genommen. Achthundert Mann hatte dieser General vereinigt, wiewohl zum Theil noch nicht bewaffnet; sie zerstreuten sich auf die Kunde von dem Tode ihres Chefs, die Wiederherstellung der Ruhe schien leicht. — Lorenzo ward zum Vicekönig von Navarra erhoben zum Lohne seiner blutigen That.

Die Christinos behandelten das Land wie erobert: die Privilegien wurden nicht länger beachtet, Truppen besetzten die wichtigsten Stellungen und befestigten die Städte. Dazu wurden Brandschatzungen erhoben, Arretirungen auf den leisesten Verdacht der Unzufriedenheit hin vorgenommen, und Hinrichtungen fanden täglich in jedem Theile des Landes Statt. Das vermochte der Basken Freiheitssinn nicht zu tragen. In Masse erhoben sie sich gegen die Unterdrücker, welche nur in den festen Plätzen augenblicklich sichere Zuflucht fanden, einmüthig unterzogen sie sich, ein erhabenes Vorbild, für die Vertheidigung ihres Königs und ihres Vaterlandes der Gefahr und allen den Leiden des Kampfes gegen die zehnfach überlegene Macht des trotzigen Feindes. Doch wie willig das Ländchen seine Hülfsquellen den eigenen Söhnen öffnete, es fehlte ihnen an Waffen, an Munition, an einem Führer vor Allem. — Jene entrissen sie den Gegnern selbst; kleine Siege, die sie anfangs über einzelne Detachements davon trugen, gaben mit dem Vertrauen die Mittel zur Bekämpfung auch der mächtigeren Corps. Und der Führer.... Wer kennt nicht den Helden, der aus ungeübten, wehrlosen Bauern ein Heer schuf, der an der Spitze seiner kühnen Landsleute die ersten Feldherren der Monarchie schlug, ihre geübten Armeen vernichtete und die Trabanten der Usurpation lehrte, was die kleine Schaar vermag, wenn das Gefühl des Rechtes im Kampfe sie beseelt! Europa hat mit Bewunderung Zumalacarregui’s Namen wiederholt.


Es ist nicht meine Absicht, eine Geschichte der Thaten jenes Feldherrn zu geben, die Materialien dazu würden mir fehlen, es sei denn, daß ich zum Abschreiber oder Compilator mich herabwürdigen wollte. Doch wird es zweckmäßig sein, eine gedrängte Übersicht der Ereignisse hinzustellen, wie sie bis zu meiner Ankunft in den baskischen Provinzen Statt fanden.

Don Thomas Zumalacarregui diente in der Armee Ferdinand’s als Oberst und Commandeur eines leichten Regimentes; sein Commando war ihm, der nie seine politische Meinung verbarg, genommen, und Christina sendete ihn als Staatsgefangenen nach Pamplona. Bald gelang es ihm zu entkommen, nicht, wie die liberalen Blätter oft behaupteten, durch Verletzung des gegebenen Ehrenwortes; er opferte die Caution, gegen die es ihm gestattet war, in der Festung anstatt in der Citadelle zu leben. Baske wurde er von den Basken mit Jubel empfangen, und schnell stellten ihn seine Talente an die Spitze seiner Landsleute. Da entwickelte er mit eben so viel Scharfsinn als Thätigkeit das Kriegessystem, dessen standhafte Durchführung ihn befähigte, den erprobten Generalen Spaniens siegreich zu widerstehen, die doch gegen seine Bauern ihre altgedienten Soldaten heranführten. Die Configuration des Landes, bewundernswürdig benutzt, und genaue Kenntniß der Örtlichkeiten begünstigten ihn in so ungleichem Kampfe gleichwie die Neigung der Einwohner, welche Gut und Leben aufs Spiel setzten, um den Kriegern, die ja für sie stritten, unter denen sie die ihnen Theuren wußten, den Erfolg zu erleichtern, Nachrichten ihnen zukommen zu lassen und hauptsächlich vor Mangel sie zu sichern, so oft sie in den wilden Schluchten der Gebirge Zuflucht zu suchen genöthigt waren.

Sarsfield, Valdes, Quesada an der Spitze der Armee — so viele andere Chefs unter ihnen — scheiterten in dem Versuche, den stets wachsenden Aufstand zu unterdrücken. Zumalacarregui, immer treue Bataillone bildend und mit außerordentlicher Schnelle sie organisirend, vermied die stärkeren Corps oder erwartete sie in Stellungen, welche ihre Übermacht unnütz machten; er griff die kleinen an und vernichtete sie; er flog von einem Theile des Kriegsschauplatzes zum andern, auf die verschiedenen Abtheilungen sich zu werfen, wenn sie am wenigsten den Angriff erwarten konnten. Jeder Tag brachte neue Triumphe, jeder Tag mehrte mit den Verlusten den Schrecken des Feindes. Seine Siege gaben dem General die Mittel zur Bewaffnung neuer Corps, wie sie das Vertrauen seiner Landsleute zu anbetender Begeisterung hoben, die kaum mehr steigen konnte, als im Juli 1834 Carl V. selbst, von England unerwartet abgereiset, in den Provinzen anlangte. Doch hatten die feindlichen Truppen noch alle wichtigeren Punkte, alle Städte besetzt und größtentheils befestigt, ihre Colonnen durchzogen das ganze Land, die Garnisonen erneuernd, verproviantirend und schützend. Zumalacarregui war auf seine Gebirge — das Land im Allgemeinen — beschränkt, und selten noch gelang es ihm, irgend eines Forts sich zu bemächtigen: seine Angriffsmittel waren zu klein, als daß sie raschen Erfolg möglich gemacht hätten, und die christinoschen Divisionen eilten herbei, die kaum begonnene Belagerung aufzuheben. Lange Zeit besaßen die Carlisten nur ein Geschütz, el abuelo — der Großvater — genannt, welches viele Jahre vergraben gewesen war. Dann verstärkten sie nach und nach ihre Artillerie durch Kanonen, die in den Seehäfen halb in die Erde gegraben zum Anbinden der Schiffe gedient, und durch einige Stücke, welche seit Mina’s Zeiten in den Klüften verborgen gewesen.

Solche waren die Mittel, mit denen die Basken den Kampf gegen die Macht der Monarchie begannen; erst nach Jahren konnten sie die Fabriken und Werkstätten jeder Art etabliren, die ihnen dann alles Material lieferten, ohne welches der Krieg sonst unmöglich scheint.

Kaum war Don Carlos in den Provinzen[5] angekommen, als General Marquis Rodil, der so eben von Portugal mit der Armee, welche gegen Don Miguel operirt hatte, als Oberbefehlshaber gesendet war, jene fantastische Verfolgung begann, die ohne irgend ein günstiges Resultat für die Christinos so sehr zu der Schwächung ihrer militairischen Operationen beitrug. In dieser Verfolgung zeichnete sich Carl V. durch die Größe und Festigkeit in Ertragung des Härtesten aus, die die Bewunderung der Seinen, die Achtung auch seiner empörten Unterthanen ihm erwarben. Nur von einigen Hunderten, der ausgesuchtesten Mannschaft, unter des treuen Eraso Führung begleitet, irrte der König Monate lang durch die wilden Gebirgszüge der Pyrenäen, verfolgt, umringt von vier und fünf Colonnen, die nur diesem Zwecke bestimmt waren. Da duldete der König alle die Entbehrungen und Drangsale, die in solchem Maße sonst kaum dem Soldaten in den unglücklichsten Verhältnissen zu Theil werden. Viele Meilen weit klimmte er, auf den Arm eines Begleiters gestützt, über die Felsen und Abgründe, wo Pferd und Maulthier dem gefährlichen Marsche nicht länger zu folgen vermochten; weder Sturm noch Kälte noch oft der Fuß hohe Schnee konnten als Vorwand dienen zu augenblicklicher Ruhe, denn der die Beute erlauernde Feind war stets auf den Fersen. Wie oft forderte der Monarch ein Stück Brod vom bewährten Diener, der mit Thränen im Auge schweigend die Stärkung versagte, da Alles aufgezehrt; wie oft diente der rauhe Felsen, gefrorener Schnee ihm zum Lager, auf dem er, in die Decke eines seiner Soldaten gehüllt, erschöpft den erquickenden Schlaf suchte! — Carl V. bewährte, daß er, wenn nicht energisch genug, um der Intrigue und dem Verrath der Seinen fest sich entgegenzustellen, mit immer gleicher Seelengröße über persönliche Leiden erhaben ist. — Und die Vorsehung war mit ihm. Wie durch Wunder entging er allen Listen, allen Schlingen der schlausten Führer des Feindes, der oft nur um Minuten sein Opfer verfehlte.

Während aber die Hauptmacht der Christinos in der Verfolgung eines Schattenbildes, welches sie nie erreichen sollte, Zeit und Kraft vergeudete, benutzte Zumalacarregui trefflich die Muße, welche sie ihm gönnte. Schon wenige Tage nach der Ankunft Sr. Majestät — am 21. Juli und 1. August 1834 — hatte er rühmliche Gefechte bestanden; dann nahm er mehrere feste Punkte, rieb feindliche Abtheilungen auf und machte selbst wiederholt Einfälle in Castilien, um Waffen vor Allem und sonstige Kriegsbedürfnisse sich zu verschaffen. Er durchzog die fruchtbare Rioja zu beiden Seiten des Ebro, schob sich kühn und gewandt zwischen die Colonnen der Generale O’Doyle und Osma, die combinirt bei der Rückkehr ihn auffangen wollten, und vernichtete sie ganz in den beiden Actionen des 27. und 28. October zwischen Vitoria und Salvatierra. Der gefangene O’Doyle ward erschossen, da die Feinde fortwährend der Carlisten Aufforderung, gegenseitig Pardon zu geben, zurückgewiesen. — Am Ende des Jahres 1834 zählte Zumalacarregui achtzehn Bataillone unter seinem Commando.

Rodil, am Erfolge verzweifelnd, hatte den Oberbefehl der christinoschen Armee niedergelegt; Mina war an seiner Stelle ernannt worden. Seine herrlichen Kriegsthaten im Unabhängigkeitskriege sind bekannt; das Theater, auf dem er nun zu wirken bestimmt wurde, war dasselbe, welches damals seinen Unternehmungen so günstig sich bewiesen. Bald aber erfuhr er, wie verschieden sein jetziger Auftrag von der Aufgabe war, der er sich einst freiwillig mit so glänzendem Erfolge unterzogen. Dazu war er kränklich und häufig gehindert, selbst die Operationen zu leiten. Seine untergeordneten Generale erlitten wiederholte und sehr bedeutende Niederlagen, die Lage der Dinge wurde täglich mißlicher, Zumalacarregui nahm mit seiner einen Kanone mehrere Forts — so das wichtige los Arcos — unter Mina’s Augen. Nachdem der alte Guerrilla-Chef seine Wuth in nutzlosen Grausamkeiten gegen Landleute und Weiber, wie in Niedermetzelung der wenigen Gefangenen geäußert, die ihm in die Hände gefallen, entsagte auch er mißmüthig dem Commando, welches er unter so großen Hoffnungen seiner Parthei auf sich genommen.

Valdes, zugleich Kriegsminister, erhielt nochmals den Heerbefehl: die Vereinigung der beiden Gewalten in eine Hand sollte den Operationen ganz besonderen Schwung geben. In der That brach der neue General im April 1835 mit zwei und vierzig Bataillonen nach dem Innern der Provinzen auf; nie vorher war eine so starke Macht auf einem Punkte disponibel gewesen, aber auch nie war die Noth so dringend. Einige der festen Städte Vizcaya’s und Guipuzcoa’s waren gefallen, andere wurden hart bedrängt und mußten unmittelbar entsetzt werden, da die Colonnen in der letzten Zeit nicht mehr bis zu ihnen hatten durchdringen und die nöthigen Bedürfnisse ihnen bringen können.

So wie Valdes Miene machte vorzudringen, eilte Zumalacarregui herbei und begleitete beobachtend seinen Zug; in einer günstigen Stellung im Gebirge, wenige Meilen von Estella entfernt, stellte er den Christinos sich entgegen und griff sie trotz ihrer unendlichen Überlegenheit an. Zwei Divisionen wurden geworfen und gesprengt, doch die Cordova’s leisteten kräftigen Widerstand; der carlistische Feldherr brach den Kampf ab, die Feinde aber, schon entmuthigt und für jetzt ihren Plan aufgebend, traten den Rückzug an. Da, als schon die Nacht angebrochen, warf sich Zumalacarregui von Neuem auf die feindliche Armee, panischer Schrecken ergriff sie, Verwirrung riß ein, wie nie zuvor, Jedermann glaubte den Feind zu sehen und schoß auf Jedermann, die Divisionen alle flohen in wildester Unordnung auf Estella, Waffen, Gepäck und Czakos fortwerfend, um leichter zu fliehen. Erst nach mehrern Tagen konnten die Aufgelöseten wieder einigermaßen geordnet werden. Bald ward Espartero, der von Bilbao aus auf der Heerstraße vordrang, um das belagerte Villafranca zu entsetzen, eben so vollständig auf den Höhen von Segura geschlagen, Iriarte nahe Bilbao geworfen. Valdes erkannte die Unmöglichkeit, die festen Punkte im Innern der Provinzen länger zu halten. Er ließ die noch nicht genommenen räumen und begnügte sich, die Ebrolinie und die Forts der Seeküste zu behaupten, so daß die Carlisten nun ganz Vizcaya und Guipuzcoa mit Ausnahme der Hafenstädte, die Hälfte von Navarra und Alava, wo Vitoria den Feinden blieb, in ihrer Gewalt sahen. So lange die Entscheidung des Krieges den Waffen überlassen blieb, behaupteten sie dieses ihr Gebiet gegen alle Anstrengungen der Christinos.

Das liberalisirte Spanien erhob seine Stimme gegen Valdes, da es so Viel ihn aufgeben und durch den Rückzug hinter den Ebro seine Schwäche ihn eingestehen sah; er ward selbst als Verräther bezeichnet und bald genöthigt abzutreten. Doch war während seines Oberbefehls noch eine wichtige Veränderung geschehen. Der Krieg war bis dahin ein Kampf auf Leben oder Tod gewesen, und wenn ja ein Mal Gefangene gemacht und erhalten waren, so war dieses nur der Großmuth des carlistischen Feldherrn zuzuschreiben, der umsonst wiederholt gegenseitige Schonung beantragt hatte. Die Christinos hatten in jener Zeit so selten Gelegenheit, praktisch ihre Gesinnungen zu zeigen, daß man nicht wissen kann, ob sie sonst nicht auch solcher fortwährenden Schlächtereien müde geworden wären. So wie die Sachen standen, ließen sie nie den wenigen Gefangenen, die sie machen konnten, Gnade angedeihen, erhoben aber jedes Mal ein gewaltiges Zetergeschrei, wenn, diese Ausschweifungen so wie die Excesse der empörendsten Art gegen die Bevölkerung zu rächen und zu zügeln, auch die Carlisten zu Gewalt-Maßregeln schritten.

Diese wechselseitigen Grausamkeiten mußten Europa’s Aufmerksamkeit und Abscheu erwecken. Lord Elliot, vom Tory-Ministerium deshalb entsendet, brachte nach einigem Unterhandeln eine Übereinkunft zwischen den Führern der beiden Armeen zu Stande, nach welcher die Gefangenen als solche behandelt und ausgewechselt, so wie überhaupt die unter civilisirten Völkern herrschenden Kriegesgebräuche auch auf diesen Bürgerkrieg ausgedehnt werden sollten. — Jedoch nur in den Heeren, die Navarra und den baskischen Provinzen angehörten! — Die Anträge Zumalacarregui’s, diesen Vertrag auf ganz Spanien auszudehnen, wiesen die Verkünder „der Aufklärung und zeitgemäßer Ideen“ entschieden zurück.


Die respektive Lage der Armeen war ganz geändert. Bisher hatten die Christinos noch immer die Meister der baskischen Provinzen sich nennen dürfen, da sie ihnen stets offen und die Hauptpunkte derselben von ihren Truppen besetzt waren; sie bemühten sich den Aufstand der Bergbewohner zu unterdrücken. Die Carlisten dagegen bildeten ein wanderndes Heer, welches ohne weitere Stützpunkte, als die das Terrain ihm bot, in den Provinzen umherzog und dem Feinde so viel Schaden that wie möglich, ohne für sich mehr Vortheile zu erlangen, als welche es mittelbar und für die Zukunft durch der Feinde Schwächung hoffen durfte. — Nun war jenes Gebiet den Christinos geschlossen; die Royalisten setzten in ihm sich fest wie in dem Kerne ihres Reiches, während das Hauptstreben der Revolutions-Armee auf lange Zeit sich beschränkte, die Ausdehnung des Aufstandes nach den andern Theilen des Königreichs zu verhindern.

Lange schon hatte Bilbao, reich durch Handel, wichtig als Seehafen, die Aufmerksamkeit der Carlisten auf sich gezogen. Zumalacarregui, dem schon ein leichter Versuch, der Stadt sich zu bemächtigen, fehlgeschlagen, wandte plötzlich mit seiner Hauptmacht (er commandirte schon dreißig Bataillone) sich nach Vizcaya und betrieb sofort die Belagerung mit höchstem Nachdruck. Das feindliche Heer war durch die unaufhörlichen Niederlagen und Verluste so geschwächt, es war vor Allem so ganz demoralisirt, daß jeder Versuch zum Entsatz zurückgewiesen wurde: die Stadt, erst während des Krieges befestigt, war auf dem Punkte, sich zu ergeben. Da traf der herbste Schlag die carlistische Armee, der mehr als verlorene Schlachten Verderben ihr brachte. Ihr großer Feldherr ward am 16. Juni 1835 in seinem Logis von einer Flintenkugel leicht im Beine verwundet und starb bald. — Das Volk schrie über Vergiftung durch bestochene Wundärzte. Wahrscheinlicher ist, daß die ruhelose, energische Heftigkeit, welche den General charakterisirte, durch Entzündung des Blutes die Wunde tödtlich gemacht. — Der König ehrte das Andenken des ruhmvoll Hingeschiedenen, indem er den Titel eines Herzogs des Sieges in der Familie erblich machte.

Die nächsten Folgen schon waren furchtbar. Die Sieges-Laufbahn, welcher die Armee ununterbrochen gefolgt und die unter Zumalacarregui’s Leitung zu rascher Beendigung des Krieges sie führte, wurde gehemmt, Muthlosigkeit ergriff die Truppen, da sie den angebeteten Führer nicht mehr an ihrer Spitze sahen: es gelang Cordova, der so eben an Valdes Stelle den Oberbefehl übernommen, das bedrohete Bilbao zu entsetzen.


Dem greisen Moreno ward das Commando des verwaiseten Heeres anvertraut, der ein lange gedienter und erfahrener General, wenn er Zumalacarregui nicht ersetzen konnte, gewiß der Würdigste war, ihm zu folgen, da der edle Eraso, schon dem Tode nahe, den Befehl abgelehnt. Doch wie geeignet Moreno zur Vollendung des hohen Werkes sein mochte, welches sein Vorgänger so gewandt wie glücklich durchgeführt, sein Commando begann mit Unglück, dem höchsten Verbrechen in solchem Kriege. Genöthigt, Bilbao aufzugeben, eilte er auf dem kürzesten Wege nach dem entgegengesetzten Theile des Kriegstheaters und warf sich auf das feste Puente la Reyna, dessen Wegnahme den Eintritt in das christinosche Navarra und Aragon ihm sichern sollte. Cordova flog zur Hülfe der bedrängten Veste; die Schlacht bei Mendigorria wurde geschlagen. Übermacht trug über die Tapferkeit den Sieg davon, und wohl hätte dieser Tag von unheilvollstem Einflusse für die Sache des Königs sein mögen, wenn der feindliche Feldherr den Vortheil zu benutzen gewußt hätte, den ein Zufall ihm in die Hände gespielt. Doch der Sieg war noch den Christinos zu neu; sie geriethen in Unordnung, wagten nicht, die Geschlagenen zu verfolgen und ließen ihnen Zeit, um sich sammeln und den Siegern die Früchte ihres Glückes entreißen zu können. Doch war Puente la Reyna gerettet, und die christinosche Armee hatte erkannt, daß ihre Gegner nicht unbesiegbar waren, sie wagte wiederum Vertrauen in sich selbst zu setzen und dem panischen Schrecken zu widerstehen, der sonst bei dem Anblicke der gefürchteten Bergbewohner sie ergriffen. Die Cavallerie aber der Christinos datirte von jenem Tage das Übergewicht, welches sie unleugbar seitdem über die Carlistische der Nordprovinzen behauptete.

Cordova stand also an der Spitze der constitutionellen Armee. Ganz ohne Grundsätze oder Festigkeit des Charakters hatte er bald Royalist, bald liberal sich gezeigt, heute den Gemäßigten gehorsam, morgen fest der exaltirten Parthei sich anschließend; und bei Ferdinand’s Tode zwischen Carl V. und der Königinn Wittwe schwankend würde er nun zum eifrigen Republikaner werden, wenn er den Sieg der Republik für nahe halten, sich durch sie gehoben hoffen sollte. Ehrgeiz, ungemessene Ehrsucht ist seine herrschende Leidenschaft. Reißend schnell stieg er zu den höchsten Graden im Heere, ohne je im Kriegsdienste sich ausgezeichnet zu haben: er war bis zum Bürgerkriege stets als Diplomat beschäftigt gewesen, und als solcher, kaum ein Dreißiger, General geworden. Aber er hatte sich im Jahre 1823 eifrig absolutistisch gezeigt, er war feiner Hofmann, gewandt in der Intrigue und bei den Frauen beliebt; seine Talente, wenn auch nicht als Militair, sind hoch. In den Nordprovinzen zeigte er persönliche Bravour und in verwickelten Lagen viele Besonnenheit[6].

Cordova erkannte bald, daß er nicht hoffen dürfe, durch Befolgung des bisherigen Systems endlichen Sieg über die Carlisten zu erringen, daß im Gegentheil dadurch sein Heer dahinschwinden und seine numerische Überlegenheit endlich ganz verlieren müsse, da selbst die einzelnen Siege, die es davon trug, es schwächten, ohne entsprechende Vortheile herbeizuführen. Er adoptirte daher eine andere Methode. Die Carlisten sollten in dem Gebiete, welches sie inne hatten, blockirt, jede Zufuhr ihnen abgeschnitten und sie so, ganz auf sich reducirt, durch Mangel zur Unterwerfung gezwungen werden. Er umringte zu diesem Zwecke die Provinzen mit den sogenannten Linien — festen Plätzen, die von Distance zu Distance und aus jedem strategisch wichtigen Punkte errichtet, seinen Truppen als Stützpunkt dienen, dem Feinde, soutenirt wie sie waren durch mobile Colonnen, das Ausbreiten seiner Herrschaft über ihre jetzigen Gränzen hinaus erschweren und ihn hindern sollten, über sie hinaus in die fruchtbaren Niederungen Streifzüge wie bisher zu unternehmen. Diese Linien erstreckten sich von der Gränze Frankreichs nach Pamplona (Linie von Zubiri), längs der Arga zum Ebro und diesem Strome entlang nach Alava; von dort sollte sie durch das Gebirge bis an das Meer fortgesetzt werden, doch gelang es den Christinos nie, diesen Theil des Werkes ganz zu vollenden, da die Befestigungen, welche sie wiederholt in Valmaseda und andern Punkten versuchten, stets wieder zerstört wurden. Dann besaßen sie alle Hafenpunkte bis San Sebastian, von wo eine Linie durch das Bastan-Thal zur Vereinigung mit der von Zubiri auf spätere Zeiten projektirt wurde, die dann die Umschließung vollendet hätte.

In der That war Cordovas Plan gut berechnet. Verstümmelt und unvollendet, wie er in der Ausführung noch war, brachte er doch die Regierung Carls V. in große Verlegenheit, da während einiger Zeit die Zufuhr aus Frankreich durch strenge Verbote fast ganz unterbrochen war. Als der Plan aber gerade durch Theurung und in ihrer Folge entstehende Unzufriedenheit seine Wirkungen zu äußern begann, ward Louis Philipp oder sein Minister vermocht, jene Prohibitiv-Maßregeln zurückzunehmen, so daß die Carlisten dem Mangel an Lebensmitteln immer aus jenem Königreiche abhelfen konnten.

Während Cordova mit der Ausführung seines Lieblings-Projekts beschäftigt war und deshalb von Pamplona nach Vitoria und zurück hin und herzog, allenthalben die zu errichtenden Werke zu dirigiren und gegen den Andrang des Feindes zu decken — waren neue Massen hinzugekommen, das treue Bergvölkchen zu bekriegen und die verhaßte Herrschaft der Tochter Ferdinand’s ihm aufzudringen. Schon am 22. April 1834 hatten England, Frankreich und Portugal mit der revolutionairen Regierung Spaniens den Quadrupel-Vertrag abgeschlossen, durch den jene Nationen sich verbindlich gemacht, nöthigen Falls Isabella zu unterstützen. Die Christinos hatten dringend diese Hülfe reclamirt, ohne die sie nicht länger dem wachsenden Strome sich widersetzen zu können glaubten. Louis Philipp sendete daher die französische Fremden-Legion, welche acht Bataillone und einige Escadronen stark bisher die Araber bekämpft, von Algier nach Catalonien, von wo sie langsam nach Navarra sich in Marsch setzte. Sie zeichnete sich aus durch die nordische Bravour, der der Spanier nie staunende Bewunderung versagen kann. — Zugleich hatte Oberstlieutenant de Lacy Evans die Erlaubniß des britischen Ministeriums erlangt, um in den vereinigten Königreichen ein Hülfscorps anzuwerben, welches auch, da Versprechungen nicht gespart wurden, rasch errichtet war. Die Leute bestanden aus dem Abschaum des Pöbels der drei Königreiche; die Officiere dagegen, unter denen Viele der englischen Armee angehörten, verdienten desto mehr Auszeichnung, daß sie mit solchem Stoffe so viel leisten konnten.

Evans, der mit den Ergänzungen, die nach und nach von England anlangten, etwa 16000 Mann nach Spanien führte, landete mit seinem noch undisciplinirten Haufen in San Sebastian, von wo er, bei einer Recognoscirung gegen Hernani von General Gomez zurückgewiesen, nach Bilbao aufbrach, welches wiederum bedroht war. Nach dessen Entsetzung zog er langsam nach Vitoria, wo die Legion während des Winters größtentheils unthätig blieb, mit ihrer Organisation beschäftigt. Krankheiten rissen ein, durch die unmäßige Lebensart der Leute hervorgerufen, und rafften viele Hunderte in entsetzlichem Elende hin; dazu gesellte sich schon Unzufriedenheit, veranlaßt durch den häufigen Mangel an Sold und selbst an den ersten Bedürfnissen, zu deren Befriedigung, wie Engländer sie mochten erwartet haben, den spanischen Behörden oft der Wille, stets die Mittel fehlten.

Zu diesen beiden Legionen kam bald eine portugiesische Division unter dem Baron das Antas, 6000 Mann stark, die, nachdem sie in Castilien operirt, im nächsten Jahre in Vitoria anlangte, wo sie fast ohne Kampf blieb, bis sie kurz vor ihrer Zurückrufung den Versuch, sich einmal thätig und nützlich zu zeigen, mit einer Niederlage büßte.

So hatten sich zu den Massen, welche Christina zur Erdrückung der braven Basken aufgeboten, fast dreißigtausend Fremde gesellt. Wer hätte da ferneren Widerstand für möglich gehalten? Carl V. aber, im Gefühle seines Rechtes und dessen, was er den Seinen schuldig war, zugleich hoffend, daß wohl Manche der Eindringlinge frühzeitig gewarnt dem drohenden Geschicke nicht sich unterziehen würden, hatte auf die erste Nachricht der beabsichtigten Werbung im Juni 1834 die Proclamation erlassen, durch welche er die fremden Corps, welche in der rein die spanische Nation betreffenden Successions-Frage die Usurpations-Herrschaft aufrecht zu erhalten kämen, für ausgeschlossen von den Wohlthaten des Elliot’schen Vertrages erklärte.


Moreno, dessen Bedachtsamkeit, durch die Schwäche des Alters oft in Zaudern ausartend, die Thatenlust der Carlisten nicht befriedigte, war durch den Grafen Casa Eguia ersetzt, welcher alsbald das carlistische Gebiet nach Süden hin zu sichern und durch Wegnahme der Küstenplätze die Verbindung zur See zu eröffnen, den Rücken sich zu decken suchte. San Sebastian war schon eng blockirt, es ward mit Parapeten eingeschlossen, und wenn es auch den Basken ganz an den Mitteln zur Belagerung einer so starken Festung gebrach, brachten sie sie doch in große Gefahr, da sie weder wohl verproviantirt, noch mit dem nöthigen Kriegesmaterial versehen war. Da sandten die französischen Behörden von Bayonne aus das Fehlende. — Die andern Forts aber fielen eines nach dem andern während des Winters. Guetaria und Plencia, Mercadillo, das zum Stützpunkt der Linie in Vizcaya bestimmte Valmaseda, endlich Lequeytio fielen trotz aller Anstrengungen der Christinos, mit den Forts eine herrliche Artillerie und Tausende von Gefangenen, in den ersten Monaten 1836 in die Gewalt der Carlisten. Umsonst hatte Cordova zu Vitoria seine Streitkräfte vereinigt und von dort aus Demonstrationen zur Rettung der bedrängten Vesten versucht. Am 16. und 17. Januar griff er, mit Evans vereinigt, 28,000 Mann stark in drei Colonnen die verschanzte Stellung von Arlaban an, um nach dem Innern von Guipuzcoa auf Oñate zu dringen. Er nahm und zerstörte die Verschanzungen, ward aber am dritten Tage kräftig angegriffen und mit schwerem Verluste nach Vitoria ganz ohne Erfolg zurückzukehren gezwungen. Die Verschanzungen waren nach wenigen Tagen wieder errichtet. Cordova aber wußte einen pompösen Bericht über die Schlacht von Arlaban zu geben, die so ganz seine Unfähigkeit gezeigt hatte, da während der beiden Tage, welche seine Truppen im entsetzlichsten Wetter auf der genommenen Höhe campirten, nur wenige Stunden von Vitoria entfernt, auch das Nothwendigste ihnen mangelte.

Während der Monate März und April waren einzelne Gefechte in Vizcaya erfolgt, so bei Orduña am 6. März, dem die Wiederbesetzung von Balmaseda durch Ezpeleta folgte, wo er jedoch bald angegriffen wurde und bedeutende Verluste erlitt. Evans aber, dessen Legion während der Winterruhe exercirt und organisirt war, zog in den ersten Tagen des Mai’s nach San Sebastian, welches, auf Flintenschuß-Weite von den Parapeten der Belagerer umgeben, täglich mehr bedrängt wurde. Kurz vorher hatte die englische Flotte an der spanischen Küste Befehl erhalten, thätig gegen die Carlisten mitzuwirken. Am 5. Mai griff Evans die Verschanzung von San Sebastian an; die vier Bataillone, welche sie vertheidigten, fochten mit Löwenmuth, der auch der Gegner Bewunderung erregte. Sturm auf Sturm ward abgeschlagen. Erst als ein gerade anlangendes englisches Dampfschiff mit seinem schweren Geschütze eine Bresche in die schwachen Werke geöffnet, als dann der brave Anführer der Carlisten, General Segastibelza, gefallen, konnten die übermächtigen Briten die Linie und in ihr drei Geschütze nehmen.

Die Carlisten ließen der Bravour der Engländer Gerechtigkeit widerfahren, da sie gestanden, daß solche Todesverachtung ihnen unbegreiflich sei; auch ich, so oft ich gegen sie gefochten, mußte bedauern, daß solche Soldaten nicht für eine bessere Sache starben. Auch hier erkauften sie theuer den Sieg: sechszehnhundert Mann war der Verlust der Christinos — mehr als die Hälfte davon Engländer — während ihre Feinde nicht ganz dreihundert Mann verloren hatten.

Evans drang dann bis Passages vor, welches er besetzte und durch Schanzen deckte, während die Carlisten, jetzt zu schwach, theils ihm gegenüber leichte Brustwehren errichteten, theils die Vorbereitungen zu kräftigem Angriffe trafen, so wie Verstärkung anlangen würde. Eguia war auf die Nachricht von der Action bei San Sebastian von Vitoria, wo er Cordova’s Armee beobachtete, nach Hernani geeilt, ward jedoch durch die Demonstrationen dieses Generals sogleich nach Alava zurückgerufen. In der That drang Cordova am 21. Mai nach Guipuzcoa vor und nahm mit schwerem Verluste die schon früher eroberten Höhen von Arlaban; er bedrohete Oñate, besetzte Salinas und Villareal de Alava, zu dessen Befestigung er alles Nöthige mit sich führte, ward zwar geworfen, drang aber nochmals in Salinas ein, bis er, von Eguia mit zwei Colonnen in Flanke und Rücken bedroht, sich zurückzog und am 25. wieder in Vitoria anlangte, ohne das geringste Resultat erlangt zu haben. Die reiche Stadt Villareal und mehrere Dörfer hatte er in Schutthaufen verwandelt. Er befand sich wenige Tage später in Madrid, der Regierung, die gerade eine bedeutende Veränderung getroffen, die Lage der Dinge und die bei dem Mangel an jeder Resource täglich zunehmenden Schwierigkeiten selbst darzulegen.

Die royalistische Armee bestand, da ich in Spanien anlangte, aus neun und dreißig Bataillonen, welche zwanzig bis zwei und zwanzig tausend Mann enthielten, und etwa fünfhundert Pferden. Die Bataillone der Carlisten waren immer sehr schwach, gewöhnlich fünf oder sechshundert Mann zählend, oft auf dreihundert sinkend, wofür der Grund wohl in dem Streben liegt, ihre Zahl dem Feinde größer scheinen zu machen, als sie es war. Auch scheute ein solches Bataillon sich nie, ein feindliches, oft doppelt starkes anzugreifen: war die Zahl der Bataillone auf beiden Seiten dieselbe, so wurden die Corps von gleicher Stärke geschätzt. — Bisher hatten die carlistischen Feldherren sich bemühet, von den baskischen Provinzen als Grundlage ausgehend, nach und nach sich auszudehnen, so die Mittel zu fernerem Kampfe zu vermehren, bis das Übergewicht der Macht bei Schwächung des Gegners den entscheidenden Sieg möglich machte. Hätten sie nie diesen Plan verlassen! Doch schon verzagten sie an der Möglichkeit seiner Ausführung, und glaubten durch die befestigten Linien und die Übermacht der Feinde auf das Gebiet sich beschränkt, welches sie nun besaßen, und das freilich als unnehmbare Veste mußte angesehen werden; wenig belehrt durch die Erfahrung, die doch der unglückliche Ausgang der Expedition ihnen aufgedrungen, welche Guergue’s Division im Jahre 1835 nach Catalonien versucht, sprachen sie von der Nothwendigkeit, durch die Aussendung kleiner Corps die baskischen Provinzen, so hart gedrückt, zu erleichtern, den Aufstand nach den andern Theilen Spaniens zu tragen und ihn, wo er schon ausgebrochen, zu ermuntern oder doch die Hülfsquellen der Monarchie durch solche Kriegeszüge auszubeuten und den Feinden zu entreißen. Da Casa Eguia diesen Expeditionen ganz entgegen war, arbeiteten ihre Vertheidiger an seinem Sturze.

Im Halbkreise um die aufgestandenen Provinzen her bewegten sich die Schaaren, welche Isabella’s Herrschaft aufrecht hielten; für den Augenblick beschränkten sie sich, der Carlisten Vordringen zu verhindern. Sie zählten über hundert und zwanzigtausend Mann, von denen fast die Hälfte in den zahllosen Garnisonen zersplittert war, welche Cordova um die Provinzen errichtet hatte. Über etwa funfzig spanische Bataillone, durchschnittlich neunhundert Mann stark, nebst den fremden Corps konnte der Obergeneral für seine Operationen verfügen. Eine mobile Colonne — de la rivera, des Flußthales, genannt — stand in Navarra, bald stärker, bald schwächer, doch nie unter sechstausend Mann zählend; ihr war die Deckung der Arga-Linie aufgetragen, während die französische Legion, von Pamplona aus operirend, die Linie von Zubiri schützte und oft heiße Kämpfe mit dem unternehmenden Befehlshaber Navarra’s, General D. Francisco Garcia, bestand. Diese Legion war mit Ausnahme einiger Compagnieen ganz aus Deutschen, großen Theils Deserteuren, zusammengesetzt, und wie niedrig sie auch moralisch standen, bewährten sie dem Feinde gegenüber sich doch so deutsch, daß endlich der nahende Schall ihrer Trommeln hinreichte, um die navarresischen Bataillone, so oft sie etwas gegen die Linie unternommen, durch Zurückführung der schweren Geschütze zum Weichen sich vorbereiten zu machen; und die Navarresen sind nicht feig. Aber furchtbar blutig erkaufte die Legion den Ruf solcher Tapferkeit.

Auf dem linken Flügel der christinoschen Armee im westlichen Vizcaya stand gleichfalls ein abgesondertes Corps, den Umständen nach aus zehn bis vierzehn Bataillonen bestehend, oft durch eine zweite Division verstärkt; dennoch konnte es seinen Auftrag, die dort projectirten Forts zu errichten und zu decken, nie durchführen. General Cordova mit der Hauptarmee zog bald den Bewegungen der Carlisten folgend in der reichen Rioja, südlich vom Ebro, und in Unter-Navarra umher, bald stellte er sich beobachtend und drohend zugleich in der Hochebene Alava’s auf, bereit, nach Navarra sich zu wenden oder den bedrängten Garnisonen Vizcaya’s zu Hülfe zu eilen. Die Configuration des Kriegsschauplatzes ließ ihn nicht selten zu spät zur Rettung kommen. Etwa dreitausend Pferde, welche am Ebro standen, schlossen sich entweder dem Hauptcorps oder der Colonne der Rivera an.

Ganz in dem Rücken der carlistischen Armee endlich hielten die Christinos Bilbao inne, mit starker Besatzung versehen, und San Sebastian, wo Evans das Commando übernommen hatte und Großes versprach, weshalb er durch mehrere spanische Bataillone von Navarra[7] und Vizcaya aus verstärkt wurde. Ein gefährlicher Punkt in der That, der die höchste Aufmerksamkeit der Feldherren Carls V. verdiente: ein starkes Corps, von dort aus im Herzen der Provinzen operirend, gut geleitet und in steter Combination mit den Bewegungen des Hauptheeres, mußte alle Anstrengungen der Carlisten paralysiren, da es zu immerwährender Zersplitterung ihrer Macht sie zwang und sie hinderte, irgend Entscheidendes zu unternehmen oder errungene Vortheile zu benutzen, indem es sofort nach dieser schwachen Seite sie zurückrief. Ein solches Corps konnte entscheidend werden, da es im Rücken des Feindes, im Innern seines Gebietes ihn immer bedrohete und die mindeste Nachlässigkeit und Schwäche benutzen konnte, so daß die Früchte der Siege, ja der Bewegungen aller andern Colonnen zu sammeln ihm überlassen blieb.

Evans verstand nicht solche Vortheile zu würdigen, die der Werth seiner Truppen noch unendlich ihm erleichtern mußte.

[3] Diese Hanfsandalen, alpargatas, werden in dem größten Theile Spaniens von den unteren Classen statt der Schuhe getragen und bilden, mit farbigen Bändern am Beine befestigt, eine eben so niedliche wie in der trockenen Jahreszeit passende Fußbekleidung. In einigen Provinzen tragen die Bauern auch Sandalen aus einem viereckigen Stücke gegerbten oder rohen Ochsenfelles; diese wurden jedoch von den Soldaten nur im Falle augenblicklicher Noth getragen, während die alpargatas in der Armee allgemein waren.

Übrigens war die carlistische Armee späterhin oft sehr gut uniformirt; so stets die Divisionen beim Ausmarsch zu Expeditionen. Die Uniform bestand aus dem Überrock, der ohne Jacke etc. getragen wurde, rothen Beinkleidern, dem Barett mit wollenen Quasten; die Officiere trugen dunkelblaue Überröcke und darüber die beliebte zamarra, eine elegante Jacke aus schwarzem Lämmerfell mit seidenen Schnüren; die Quasten ihrer Baretts waren von Gold oder Silber. Das Gepäck der Soldaten, wie der Officiere war sehr einfach, da selbst diese Effecten von den Bedienten getragen werden mußten: nur die Capitains durften ein Pferd mit sich führen. — Die christinische Armee war eben so uniformirt; trug aber größtentheils weißes Lederzeug und, oft einzige Unterscheidung der streitenden Corps, Czako’s oder französische Mützen. — Die Bekleidung der spanischen Armee in Friedenszeit ist äußerst geschmackvoll. Während des Krieges fehlte es oft an Allem.

[4] „Königliche Freiwillige“: unter Ferdinand etablirt, den National-Garden der christinischen Regierung entsprechend, aber mit gerade entgegengesetzter Richtung, übrigens weit zahlreicher als diese, wiewohl sie alle freiwillig, die liberalen Nationalen großentheils gezwungen die Waffen trugen.

[5] Die baskischen Provinzen und Navarra werden in Spanien gewöhnlich nur durch „las provincias“ bezeichnet.

[6] Er ist erbitterter Feind Espartero’s.

[7] Sie durchzogen Frankreich, die Waffen auf Wagen mit sich führend.

III.

Von einigen Freiwilligen geleitet trat ich am Morgen des 26. Mai’s den Marsch nach Irun an, wobei wir das französische Gebiet, dessen Gränze unserer Richtung im Allgemeinen parallel lief, mehrfach auf kurze Strecken durchkreuzten, augenscheinlich mit vieler Vorsicht und Scheu meiner Reisegefährten. Der Weg schien absichtlich über die schroffsten und zerrissensten Theile des Gebirges geführt zu sein und ward bisweilen so steil, daß er wie eine Treppe mit Stufen in den Felsen gehauen war. Mit Mühe nur konnte ich, des Bergsteigens noch ganz ungewohnt, den rüstigen Guiden folgen und die Ermüdung ihnen verbergen, welche mich fast besiegte. Da fühlte ich mich denn recht à mon aise, als ich, in dem zum Nachtquartier ausersehenen Dörfchen mit der echten Gastfreiheit der Gebirgsbewohner vom Alcalde aufgenommen, im hölzernen Lehnstuhl auf dem Balkon mich dehnte und von der freundlichen Wirthin kredenzt den Apfelwein im bunten Glase mir dargereicht sah.

Früh am folgenden Tage, da ich zum Aufbruch mich rüstete, überraschte mich der Anblick eines langen Zuges schwarzgekleideter Weiber: es waren die Bewohnerinnen des Dorfes, welche, wie ich später erfuhr, stets zur Messe die niedliche schwarze Mantilla von Seide sich anlegen. Der Marsch brachte eben die Mühseligkeiten wie am Tage zuvor, bis wir am Mittag auf den Gipfel der letzten von Irun uns trennenden Kette anlangten. Vor uns dehnte eine kleine, reich bebaute Ebene sich aus, von dem Meere begränzt, welches in unabsehbare Ferne einem leuchtenden Spiegel gleich sich erstreckte; zur Rechten entwand sich die Bidassoa den engenden Felswänden und erschien rasch erweitert als mächtiger Meeres-Arm. Dort ward die Brücke von Behobia sichtbar, deren von den Christinos besetzte Caserne die Unsrigen so oft vergebens angegriffen, da die unmittelbare Nähe des französischen Bodens die Entfaltung der nöthigen Angriffsmittel nicht erlaubte. Links erhoben sich wieder die Gebirge, welche die Aussicht nach San Sebastian und in das Innere Guipuzcoa’s schlossen, während zu unseren Füßen das reiche Irun lag und einige tausend Schritt entfernt, näher der Mündung der Bidassoa, Fuenterrabia, die fons rapida der Römer, in dem die Carlisten ein festes Gebäude als Fort eingerichtet, da die regelmäßigen Befestigungen des einst bedeutenden Platzes von den Kriegern der französischen Republik gesprengt wurden.

In Irun, wo ein guter Gasthof sich findet, mußte ich einige Tage mich aufhalten, bis ich die Erlaubniß aus dem königlichen Hauptquartier zur Weiterreise erhielt. Da ward mir die erste Lection praktischer Menschenkenntniß und Klugheit, die dem Unerfahrenen in Spanien so oft zufallen sollte. Die Stadt war durch eine einfache Mauer geschlossen, und auf einer unbedeutenden Höhe, welche die große Madrid-Pariser Straße beherrscht, ward gerade eine Schanze angelegt, deren Einrichtung, da mir damals die Befestigungsart der Carlisten noch nicht bekannt war, mich nothwendig in das höchste Staunen versetzen mußte. Man denke sich ein regelmäßiges Sechseck, dessen Seiten durch eine sechs oder sieben Fuß starke Brustwehr mit vorliegendem Graben gebildet sind; auf der Brustwehr sind unendlich viele Schießscharten für das Infanterie-Feuer in Stein errichtet und vertikal, horizontal und schräg, in jeder Größe und Gestalt durcheinander geworfen. Das Sechseck ist so auf der Höhe angelegt, daß weite Strecken unmittelbar am Fuße derselben ganz unbestrichen bleiben, damit der stürmende Feind dort zur letzten Kraftanstrengung gedeckt sich sammeln und ordnen kann, während doch die Gestalt des Hügels eine Befestigung erlaubt, deren Theile sowohl sich wechselseitig flankiren und schützen, wie den ganzen Abhang und Fuß bestreichen können.

In der That war dieses Werk das Erzeugniß der vereinigten Talente des Gouverneurs und einiger dort garnisonnirender Officiere, die, da sie vor dem Aufstande nie daran gedacht, daß das Vaterland je ihrer Fähigkeiten zu seiner Vertheidigung bedürfe, nun den Mangel an militairisch-wissenschaftlicher Ausbildung schwerlich durch ihren Eifer ersetzen konnten — wie brav sie auch, darin allen carlistischen Officieren gleich, dem Feinde gegenüber sein mochten. Der Gouverneur, so wie er erfahren, daß ich preußischer Officier, führte mich zu der sogenannten Befestigung mit der Bitte, ihm meine Meinung über sein Werk zu geben. Da ich nun aus natürlicher Schüchternheit wie in der Furcht, Zweck und Plan desselben wohl nicht zu verstehen, zurückhaltend und billigend darüber sprach, ward ich sofort von dem Gouverneur für ein wahres Talent erklärt und glänzend fetirt. Als ich aber am nächsten Tage, nach Überlegung dieses für meine Pflicht haltend, einige der krassesten Fehler ihm andeutete und, da er widersprach, klar aus einander setzte, erkannte der gute Herr seinen gestrigen Irrthum, entschied plötzlich über meine Unwissenheit und Impertinenz und behandelte mich demnach mit der kalten, geringschätzenden Höflichkeit, die so sehr gegen seine vorige Herzlichkeit abstach.[8]

Bald ritt ich auf einem kräftigen Maulthiere, der großen Heerstraße folgend, über Tolosa, eine der ersten und angenehmsten Städte der baskischen Provinzen und bekannt durch seine ausgezeichneten Fabriken, nach Villafranca de Guipuzcoa, wo der kleine Hof Carls V. damals sich aufhielt. Wie schlug mir das Herz, da ich den Monarchen sehen sollte, für dessen Rechte kämpfen zu dürfen ich so freudig mich gesehnet! — für den gekämpft zu haben ich immer stolz bin.


Am 31. Mai hatte ich die Ehre, Seiner Majestät vorgestellt zu werden. Der König empfing mich mit der Huld und Leutseligkeit, die einen Hauptzug seines Characters bilden, und die, da sie die Verehrung seines Volkes ihm erworben, doch gegen den Verrath Derer ihn nicht sichern konnte, die mehr als Alle seiner Gnade sich erfreut. Er ist klein, regelmäßig und kräftig gebaut, das Gesicht trägt den Stempel hoher Güte, das graue Auge verräth tiefes Gefühl, aber auch viele Sorgen, vielleicht Schmerzen; ein starker blonder Bart bedeckte den Mund. Die Stimme des Königs ist sanft und voll Melodie, er unterhielt sich mit mir in französischer Sprache, wie er gern mit allen Fremden es that, wenn sie selbst des Spanischen kundig waren. Er trug einfache Civil-Kleidung.

Es ist viel über den Privat-Character Carls V. wie über seine Eigenschaften als Herrscher gefabelt worden, und die öffentlichen Blätter aller Länder haben manches ganz Unwahre oder doch Entstellte über ihn im Publicum verbreitet. Wer hätte auch Anderes erwarten mögen, wenn er die Quellen berücksichtigte, aus denen die Mehrzahl solcher Urtheiler ihre Ansichten sich bildete: die Zeitungen und Flugschriften des liberalen Spaniens oder die Schriften von Männern, welche bittern Haß dem Fürsten weiheten, der im Nachbarstaate muthig der Verbreitung ihrer Grundsätze zu widerstehen wagte. Da ich überzeugt bin, daß die Wahrheit am vollständigsten die Verläumdungen widerlegt, die gegen den Monarchen, für den ich mein Schwerdt ziehen durfte, von allen Seiten erhoben sind, stehe ich nicht an, meine Meinung, wie ich auf eigene und solcher Männer Beobachtung sie gründete, die lange Jahre den Infanten und den König gekannt, schmucklos, weil sie der Ausschmückung nicht bedarf, darzulegen.

Will man par force Fehler in Carl V. auffinden — und er ist Mensch —, so möchte ihm der vor allen aufzubürden sein, daß er seine Geburt nicht in eine Periode versetzte, in der es ihm gegeben wäre, das Glück seines Volkes zu machen, statt daß er nun dieses Volk, durch Empörung oder durch Furcht ihm entfremdet, sich erst erobern sollte. Carl V. hat in der That alle die Eigenschaften, deren Zusammentreffen in der Person des Fürsten bei friedlicher Regierung die Blüthe des Landes auf den möglichen Höhepunkt treiben mag, und selten wurden sie von einigen der Schatten verdunkelt, welche ja alles Menschliche, wie erhaben es sei, trüben. Er ist mild und herablassend, streng beflissen, seine Pflicht stets zu erfüllen und unerschütterlich in der Vollbringung dessen, was er als solche erkennt; einfach, mäßig, enthaltsam in Allem, was ihn persönlich betrifft, ist er dagegen nachsichtig und großmüthig für seine Unterthanen, streng gerecht für Niedere wie für Hohe, Jedermann zugänglich, ein Vater seines Volkes. Sein Wort ist ein wahrhaft königliches Wort: bekannt ist der Tadel, den er offen gegen seinen Bruder Ferdinand aussprach, da dieser, dessen Zusagen, den augenblicklichen Umständen folgend, mit ihnen ihre Kraft verloren, nach seiner Befreiung durch Ludwigs XVIII. Heere das, was während der Herrschaft der Constitution geschehen, so wie den ihr geleisteten Eid für ungültig erklärte, da doch er selbst sie beschworen hatte. Da erklärte ihm der Infant Don Carlos, daß er lieber hätte sterben müssen als den Eid leisten, welchen die empörten Unterthanen von ihm forderten; wenn er aber die Schwäche gehabt, die aufgedrungene Constitution anzuerkennen, müsse er nun auch unwandelbar seinem Versprechen nachkommen.

Selbst die Fehler, welche in den Verhältnissen der letzten sieben Jahre als solche hervortraten, beruhen im Übermaße der Tugenden, welche den König auszeichnen, selten in seiner Erziehung. Die eigene Herzensgüte, sein Edelsinn erlaubten ihm nicht, die Erbärmlichkeit der Menschen und so Vieler besonders aus seiner nächsten Umgebung zu ahnen; er beurtheilte nach seinem Charakter den der Andern, schenkte daher leicht sein Vertrauen und ließ sich leiten von Denen, welche heuchelnd ihn zu täuschen wußten. Dazu erzeugte die hohe Religiösität des Königs ein oft ängstliches Festhalten an den Formen der Religion, wie sie von jeher als heilig sich ihm eingeprägt, und wie er bei dem Zustande der geistigen Cultur und den Neigungen seines Volkes sie vom wohlthätigsten Einflusse für dasselbe hielt. Die Spanier haben durch die Ereignisse der letzten zehn Jahre ihn gewiß nicht überzeugen können, daß die Reformen, welche ihre herrschsüchtigen Schreier für sie forderten, ihren Bedürfnissen wahrhaft angemessen sind und sie in einen glücklicheren Zustand versetzt haben; daß aber umfassende Verbesserungen in den kirchlichen Verhältnissen der Monarchie nöthig seien, daß große, tief eingewurzelte Mißbräuche von Grund aus vernichtet werden mußten, das war dem Könige eben so klar wie jedem aufgeklärteren Spanier, und wiederholt sprach er bestimmt darüber sich aus. Die oft im Auslande gehörte Behauptung, als ob mit der Herrschaft Carls V. auch die der Inquisition ins Leben zurücktreten werde, ist so absurd, daß jede Widerlegung derselben ganz unnütz ist: in Spanien ist es nie Jemand, welcher Parthei er angehöre, in den Sinn gekommen, Ähnliches aufzustellen.

Früher erwähnte ich, daß der Infant Don Carlos der Gegenstand häufiger Anschuldigungen gewesen ist. Alles was seine Feinde über Hof-Intriguen, über die letzte Zeit der Regierung Carls IV. und die spätere Constitutions-Epoche, so wie über die Aufstände in Catalonien und anderen Punkten des Königreiches gegen den erhabenen Fürsten vorzubringen gewagt, ist mehrfach vollkommen zurückgewiesen, dabei freilich dargethan, wie die Umtriebe der Umwälzungsmänner in ihm stets einen edlen und entschiedenen wie gefürchteten Gegner fanden, der deshalb das Ziel ihrer giftigen Anschwärzungen sein mußte. Wer wird aber nicht mit tief empfundener Bewunderung auf Carl V. blicken, wenn man ihn in den ersten Jahren nach seines Bruders Tode beobachtet, wenn man seinen passiven Muth sieht, der, wenn nicht immer in seinen Wirkungen, doch in seinen Quellen so hoch über der activen Kraft steht; die Standhaftigkeit, mit der er die glänzenden Anerbietungen der Usurpatorinn zurückwies, da ihm doch gar keine Hoffnung bleiben konnte! Wer sollte nicht den Fürsten hoch ehren, der in dem Luxus und der Verweichlichung eines spanischen Hofes erzogen, Monate lang ungebrochenen Muthes alle Drangsale des Flüchtlings im schroffen Gebirge erträgt, der, da Hunger, Durst, Kälte und Ermüdung zugleich auf ihn einstürmen, lächelnd seinen Treuen Muth einspricht, und die Thräne ihnen trocknet, welche Verzweiflung bei des angebeteten Souveraines Elend auf die bärtigen Wangen lockte! Der, da er wieder Macht und Herrschaft erkämpft, nur zu verzeihen und zu schonen weiß, der gestürzt durch den Verrath der Männer, denen er vertraut, gefangen in dem Lande, in dem er Schutz gesucht, unerschütterlich jeden erniedrigenden Vorschlag zurückweiset, was er auch dulden möge!

Carl V. im friedlichen Besitze der angestammten Krone würde ein zweiter Titus, die Wonne, das Heil seines Volkes geworden sein. Das Schicksal wies ihm einen Platz an, dessen Ausfüllung eben so viel Härte und Rücksichtslosigkeit nebst raschem Entschlusse und Energie, die Eigenschaften des Helden, erfordert, wie Don Carlos durch die entgegengesetzten Tugenden, die des Christen, des Menschen, hervorglänzt.


Nachdem ich auch dem Infanten Don Sebastian mich vorgestellt und seine Frage, ob ich gutes Wetter auf der Reise gehabt, beantwortet hatte, marschirte ich nach Hernani, da ich, zum Generalstabe von Guipuzcoa bestimmt, dort bleiben sollte, bis ich mich einigermaßen in der spanischen Sprache vervollkommnet. Es war mir angeboten, in das Genie-Corps zu treten, welches gerade gebildet wurde, und dem es noch sehr an brauchbaren Officieren[9] gebrach. Mit dem Zustande des Geniewesen, wie es damals war, ganz unbekannt und nicht glaubend, daß ein preußischer Infanterie-Officier nothwendig ein guter spanischer Ingenieur sein müsse, wie aus Vorliebe für meine Waffe, lehnte ich den Antrag ab und büßte so die Vortheile ein, welche ich durch den Eintritt in ein Corps gewinnen mußte, dem mehrere Jahre später die Verhältnisse mich dennoch angehören machten.

Ich eilte die berühmte Linie zu sehen, welche unser Gebiet von dem der Festung San Sebastian trennte, und die durch die Ankunft der englischen Legion und den Kampf, in dem Oberst-Lieutenant Evans unsere über jener Festung errichteten Werke genommen, neues Interesse gewonnen hatte. Von Linien war da freilich wenig zu sehen. Sie beschränkten sich auf niedrige, von lose über einander gelegten Steinen gebildete Mäuerchen, welche Parapete genannt wurden und übrigens nur stellenweise sich vorfanden, so daß sie höchstens das offene Vordringen einer Streifparthie erschweren konnten, während sie bei ernsterem Gefechte sofort mußten über den Haufen geworfen werden. Hinter ihnen standen in einzelnen Häusern unsere Vorposten, die jedoch mit Posten nur den Namen gemeinschaftlich hatten. Das Terrain war dabei sehr zerrissen, von Schluchten und Felszügen durchschnitten, und es wäre dem Feinde, hätte er je die Idee eines Handstreiches zu fassen gewagt, leicht gewesen, zwischen diese sogenannten Linien ganze Colonnen zu schieben oder die Vorposten aufzuheben. Doch wurde die Linie später den Regeln der Kunst gemäß angelegt.

Die der Feinde, von englischen Officieren construirt, stützte sich rechts auf San Sebastian und seine Forts, links auf Passages, oder besser auf die Redoute, welche auf der Höhe von Passages errichtet und mit der Artillerie der englischen Marine garnirt war. Die Linie bestand aus einzelnen dem Terrain nach angelegten Schanzen und Parapeten, die sich wechselseitig vertheidigten, und ein Theil derselben ward von den Geschützen der englischen Kriegsschiffe flankirt, die bei allen Gefechten vor San Sebastian von so unheilvollem Einflusse gegen uns waren.

Meine Sehnsucht, endlich die Kugeln der Christinos pfeifen zu hören, sollte bald befriedigt werden. Indem ich einige Skizzen des Terrains aufnahm, passirte ich eines unserer Wachhäuser und fand, um die Ecke eines Busches tretend, einen Felsenvorsprung, der die trefflichste Aussicht darbot, weßhalb ich bewundernd stehen blieb; ein Unterofficier, der offenen Mundes von dem Hause mir gefolgt war, blieb hinter einer nahen Hecke verborgen. Ich betrachtete die durch eine schmale Schlucht von meinem Standpunkte getrennten Brustwehren der Feinde und ergötzte mich an dem regen Treiben in dem Städtchen Passages, dessen Hafen, zwischen zwei steile Felswände wie in einen Riß eingezwängt und kaum auf beiden Seiten Raum für eine Reihe Häuser lassend, mehrere Schiffe enthielt und malerisch tief unter mir dem Blicke offen lag, während der Lärm der Seeleute mit dem Brausen des Meeres vermischt zu mir herauftönte. Da hörte ich plötzlich ein langes Zischen, von einem leichten Schlage auf den Felsen neben mir begleitet, dann rasch einen Knall von der andern Seite der Schlucht. Überrascht sah ich mich um und erblickte den guten Unterofficier in vollem Laufe nach seiner Wache begriffen. In rascher Folge zischten die Kugeln, hinter mir in den Busch schlagend oder Staub und Felsensplitter zu meinen Füßen losreißend.

Nachdem ich schwellenden Herzens an der mir neuen Musik mich erfreut und Zeit gelassen hatte, damit die Spanier die nordische Tollheit, wie ich oft sie sagen hörte, hinreichend anstaunen könnten, kehrte ich langsam zu dem Vorposten zurück, dessen Mannschaft vor der Thür versammelt mich anstarrte. Da ich am folgenden Morgen im Grase ausgestreckt lag, ward ich durch etwas nicht hoch über mir reißend schnell hin Schwirrendes aufgeschreckt und hielt es für einen gewaltigen Gebirgsadler: es war eine Kanonenkugel, deren die Engländer jeden Morgen zur Begrüßung einige unsern Vorposten zuzusenden pflegten.

Ich benutzte die Zeit, welche durch die augenblickliche Ruhe mir gegönnt war, um durch häufige Excursionen mit dem Lande, dem Geiste und den Sitten seiner Bewohner mich vertrauter zu machen. Die baskischen Provinzen — Guipuzcoa, Vizcaya, Alava — enthalten nebst dem kleinen Königreiche Navarra nur 250 bis 260 Quadratmeilen, welche vor dem Kriege etwa 650000 Einwohner zählten. Von diesem Ländchen waren etwa zwei Drittel im Besitze der Carlisten, während die Feinde, die Herren der spanischen Monarchie, auch die hauptsächlichsten Städte dieser vier Provinzen, San Sebastian mit seinem Gebiete, Bilbao mit Portugalete, Vitoria, Pamplona, viele andere Forts und die Hälfte von Alava und Navarra inne, alle bedeutenderen Städte befestigt hatten.

Das ganze Land ist von Osten nach Westen von den Pyrenäen durchzogen, welche in vielen Verzweigungen und mancherlei Formen wild durch einander geworfen, ihm den Charakter eines Gebirgslandes verleihen: nur die Hochebene von Alava und das herrliche Ebrothal Navarra’s, deren wir nie vollständig und dauernd uns bemächtigen konnten, zeichnen durch mildere, doch wieder unter sich ganz verschiedene, Gestaltung sich aus. Die Oberfläche des übrigen Landes besteht aus furchtbar hohen und schroffen, durchgängig mit reichen Waldungen bedeckten Gebirgsmassen, die durch reizende und äußerst fruchtbare Thäler in mannigfacher Gestalt intersektirt werden. In ihnen haben natürlich die Menschen ihre Dörfer und Höfe erbaut, und diese immer reich bewässerten Thäler, in denen jeder Fuß breit Landes mit Sorgfalt benutzt ist, bieten dem Auge und Geiste nach den wild majestätischen Scenen der Gebirge eine so willkommene wie liebliche Abwechselung.

Die Basken gewohnt, als privilegirtes Volk sich zu betrachten, geschieden von ihren Nachbaren durch die Barrieren, welche Natur, Politik und Vorurtheile so vielfach erhoben, sind stolz auf ihre Abkunft, ihre Unabhängigkeit und ihre Vorrechte, sie sehen die übrigen Spanier wie Fremde an und verachten sie als solche. Sie behaupten von den Phöniziern abzustammen, was jedoch keinesweges erwiesen ist; gewiß ist, daß sie seit undenklichen Zeiten und in allen den Umwälzungen, unter die die andern Völker der Halbinsel so oft sich beugen mußten, in ihrer Gebirgsveste sich unabhängig und unvermischt zu erhalten wußten. Ihre Sprache hat gar keine Verwandtschaft mit irgend einer jetzt bekannten, sie soll der grammatischen Bildung nach sehr reich sein und ist gewiß wohlklingend und kräftig. Doch sind die Dialekte derselben so mannigfach und so verschieden, daß oft die Bewohner der wenige Meilen von einander entfernten Thäler mit Schwierigkeit sich unterhalten, während die Sprache der französischen Basken von der der spanischen und selbst die der nur in den Gebirgen baskisch sprechenden Navarresen von der der Vizcainer so ganz verschieden scheint, daß sie oft sich gar nicht verstehen. Die allgemeine spanische Sprache — in Spanien die Castilianische genannt — hat in diesen Provinzen erst während der letzten Kriegsjahre sich etwas mehr ausgebreitet, doch nur als Luxussprache, und noch immer ist sie in den mehr zurückgezogenen Theilen ganz unbekannt.

Die Basken sind ein hohes, kräftiges Geschlecht, ernst und zurückhaltend, aber edelgesinnt, großmüthig, in hohem Grade gastfrei und ihrem Worte treu; fest und unbeugsam bis zur Halsstarrigkeit hängen sie dem Vaterlande, das heißt: ihren Provinzen, mit schwärmerischer Begeisterung an. Sie zeichnen sich im Allgemeinen durch Geist und Talent aus, sind kühn und thätig, voll Unternehmungsgeist und anerkannt als die unerschrockensten Seeleute und die bravsten Krieger der Monarchie; Viele haben als Hofleute und Staatsmänner sich glänzend hervor gethan. Außerhalb ihrer Heimath unterstützen sie sich brüderlich und erlangen dadurch ein großes Übergewicht über die andern Spanier, die, vor Allen die Catalanen, welche fast ihren Unternehmungsgeist theilen, am Hofe wie in allen Zweigen des Staatsdienstes ihre Landsleute so viel wie möglich fernzuhalten und zu stürzen pflegen. — Überhaupt darf man ohne Zögern aussprechen, daß die Basken in jeder Hinsicht vor den übrigen Bewohnern Spaniens sich auszeichnen; selbst Einfachheit und Reinheit der Sitten waren früher ganz in diesen lieblichen Thälern heimisch, und schmerzlich ist es, daß der Krieg auch hier seine gewöhnlichen Folgen, Verderbtheit und Verfall der Sitten, nach sich gezogen hat.

Die Wohnungen der Basken stechen durch bequeme Einrichtung wie durch größte Reinlichkeit hervor, und es macht einen besonders angenehmen Eindruck, diese blendend weißen Gehöfte über alle Thäler hingestreut zu sehen. Die Weiber, ihren Männern an Schönheit nicht nachstehend, wissen ihre Reize durch den höchst sittigen Anzug noch anziehender zu machen und sind in Erfüllung ihrer ehelichen und häuslichen Pflichten fast allen andern Spanierinnen weit überlegen; ihr Wesen erinnert wie ihre Gestalt an die nordischen Weiber, selbst das blonde Haar der kälteren Climate ist ganz vorherrschend.[10] Oft hörte ich die leicht Feuer fangenden spanischen Officiere bewundernd ihr Bedauern ausdrücken, da sie diese hohen, edlen Gestalten alle die schweren und unzarten Arbeiten des Ackerbaues verrichten sahen, die sonst den stärkeren Händen des Mannes vorbehalten sind. Denn außer Greisen und Kindern wurden wohl nur Verstümmelte oder sonst zur Vertheidigung des Vaterlandes Untaugliche in den Dörfern gesehen, so daß die Frauen und Mädchen genöthigt waren, hinter dem Pfluge die Stelle des Gatten oder der Brüder einzunehmen. Dabei ertönte ihr schwermüthiger Gesang, den schrecklichen Krieg beklagend und die Ehre und Treue der Nation verkündend; enthusiastisch wurden die fernen Männer aufgefordert, ihr Vaterland gegen die Wuth der Schwarzen[11] zu schützen, die Thaten der Vorfahren und der Gefallenen wurden besungen, und der oft wiederholte Name ihres großen Feldherrn zeigte, wie Zumalacarregui’s Andenken seinen Landsleuten theuer, wie seine Thaten ein Gegenstand des Stolzes für die Basken waren.

Der Reichthum dieser Provinzen muß vor dem Kriege auf einen erstaunlich hohen Grad gestiegen sein. Während zwei Heere auf so kleinem Gebiete sechs Jahre lang kämpften und das eine wie das andere hauptsächlich aus ihm seine Bedürfnisse zog, verarmte das Land doch nur nach und nach und ward bis zum Ende des Krieges nie ganz erschöpft. Wirklich haben die Provinzen alle Elemente des Reichthumes in sich, wie ihre Bewohner wohl den möglichen Vortheil daraus zu ziehen wissen. Der Boden ist äußerst ergiebig an Früchten jeder Art; Getreide, Taback, im Süden feurigen Wein erzeugt er im Überfluß; die Gebirge, mit schönen Waldungen in unendlicher Menge bedeckt, befördern die Viehzucht, die Haupthülfsquelle während des Krieges, während die Minen ausgezeichnete Metalle liefern, besonders viel Eisen, welche in den Fabriken des Landes trefflich verarbeitet werden. Die Lage desselben, die Berührung mit Frankreich und die sichern Häfen sind für den Handel sehr vortheilhaft, und die Privilegien, deren die Basken bis vor wenigen Monaten sich erfreuten, ließen alle jene Vorzüge noch herrlicher hervortreten. Sie verdienen deshalb und als hervorstechende Ursachen des Krieges nähere Betrachtung.

Die baskischen Provinzen vereinigten sich freiwillig, nicht durch Waffengewalt gezwungen, mit der spanischen Monarchie; die Bedingung der Vereinigung war die Aufrechterhaltung ihrer Privilegien — fueros — auf ewige Zeiten, wogegen die Basken den castilischen Königen den Titel ihres Herrn bewilligten. Demnach kann wohl kein Zweifel über die Unrechtmäßigkeit obwalten, die einem jeden Versuche der herrschenden Gewalt, um diese auf Verträgen beruhenden Rechte wider den Willen der Betheiligten umzustoßen, ankleben muß: die Abschaffung der Privilegien mag politisch klug, mag dem Besten des Staates als Ganzes angemessen sein; ungerecht bleibt sie immer.[12] Man weiß, wie Don Carlos in der Commission, der Ferdinand VII. die Prüfung dieser Angelegenheit aufgetragen, gegen solche Maßregel sich aussprach, weil sie ungerecht, der Ehre der Regierung zuwider sei, und wie das Gefühl der Dankbarkeit und der Achtung gegen ihren edlen Fürsprecher beitrug, daß die Basken für Carl V. sich erklärten. — Die Rechte des Königreiches Navarra, wenn auch von hoher Bedeutung, sind doch nicht so ausgedehnt, wie die der andern drei Provinzen.

Die Heftigkeit und Entschiedenheit des ganzen Volkes in der Vertheidigung seiner Privilegien spricht für deren Wichtigkeit. In der That sind die daraus den Basken entspringenden Vortheile unschätzbar: sie werden nicht sowohl von dem Madrider Gouvernement als von den durch sie und aus ihnen gewählten Provinzial-Ständen regiert, der König ist ihr Herr nur in so weit seine Verfügungen mit ihrem Willen übereinstimmen. Die Basken sind nämlich von aller Conscription und Truppen-Aushebung frei, es dürfen selbst mit Ausnahme des Kriegsplatzes San Sebastian gar keine Truppen ohne Genehmigung der Junta dorthin gesendet werden oder sie durchziehen; dafür unterhalten die Provinzen auf eigene Kosten ein Regiment, im Falle der Gefahr ist jeder Baske Soldat zur Vertheidigung derselben. Eben so wenig hat der König das Recht der Besteuerung oder der Gesetzgebung. Die Basken werden gerichtet von den Männern, die sie selbst aus ihrer Mitte dazu gewählt, so wie die ganze Verwaltung durch sie selbst nach ihrer Wahl geschieht. Daher bestimmte die Provinzial-Deputation den Bedürfnissen des Landes gemäß die Abgaben, deren Ertrag ganz im Lande bleibt; wenn die Madrider Regierung einer besondern Hülfe bedarf, wird sie ihr zuweilen als Geschenk und unter jedesmaligem Vorbehalte der Rechte bewilligt. — Die Legislatur der Provinzen ist ganz unabhängig und verschieden von der der andern Theile der Monarchie, und sie kann nur durch das Volk verändert werden: die Inquisition konnte daher, da sie im übrigen Spanien in der höchsten Blüthe stand, hier nie Fuß fassen. Dann ist jeder Baske Edelmann und hat in den andern Provinzen und den Colonien die Rechte eines solchen, was für die Erwerbung von Militair- und Civilämtern, bei Hofe u. s. w. früher von hoher Wichtigkeit war.

Das Recht aber vor allen andern, welches die Unzufriedenheit der Regierung und den Neid der andern Theile des Königreiches erregte, ist die Zollfreiheit. Während Spanien unter ungeheuren Aus- und Einfuhrzöllen seufzte, die den Handel lähmten und das Volk verarmten, war dieser glückliche Winkel nicht nur ganz frei von ihnen, er bereicherte sich auch durch den Zwischenhandel auf Kosten der ganzen Halbinsel. Freilich wurden die baskischen Provinzen und Navarra in Rücksicht auf Spanien ganz wie fremde behandelt, ihre Gränzen mit Zoll-Linien und Douaniers umgürtet; aber trotz aller Vorsichts-Maßregeln konnte der Schleichhandel, an dem die ganze Nation, so das Beschimpfende ihm nehmend, Theil nahm, nicht verhindert werden. Die Lage am Meere mit zahlreichen Hafenstädten und die Nähe Frankreichs erlaubte den Basken, die Waaren aus der ersten Hand zu empfangen, während die lange Ebro-Linie, da der Fluß dort im Sommer allenthalben Furthen hat, mit seinen beiden Flügeln bis zur Gränze und zum Meere, ihnen tausend Wege bot, um von Norden aus die verbotenen Waaren noch weit mehr durch Spanien zu verbreiten, als es im Süden von Gibraltar, etwas weniger von Portugal aus geschieht. So bildete sich in diesen Provinzen ein vollkommenes Schleichhandel-System, in dessen Folge dort die Reichthümer in noch größerem Maße sich anhäuften, als die Monarchie täglich mehr verarmte und in tieferes Elend versank.

So ist es leicht erklärlich, wie die Basken und Navarresen mit höchstem Interesse über die Beobachtung so ausgedehnter und wichtiger Rechte wachten. Das mit der Abneigung der Regierung stets wachsende Mißtrauen und die Schritte, welche langsam aber augenscheinlich dem Endzwecke, Aufhebung der fueros, zuführten, hatten entzündbaren Stoff in unendlicher Menge in dem Ländchen angehäuft: es bedurfte nur eines Funkens, um die Flamme wild ausbrechen zu machen und das Volk, argwöhnisch, stolz, auf sein Recht, seine Kräfte und seine Berge vertrauend, zu kühnem Aufstande zu vermögen. — Ferdinand’s Tod beschleunigte den Sturm.

[8] Dieser brave Officier starb den Heldentod in der kräftigsten Vertheidigung eines andern ihm anvertrauten Posten. — In den letzten Jahren des Krieges waren übrigens die Genie- und Artillerie-Corps der carlistischen Nordarmee auf einen hohen Grad der Vollkommenheit gelangt und zählten sehr viele ausgezeichnete Officiere, unter denen mehrere Fremde, Deutsche besonders.

[9] Zwei Deutsche, die Capitains Roth und Strauß, waren seit Kurzem in das Corps getreten und hoben es sehr. Sehr schmerzte es mich damals, die Landsleute nicht kennen gelernt zu haben.

[10] Zwei große Ortschaften Guipuzcoa’s, Azpeytia und Ascoytia, zeichnen sich so durch die herrlichen Gestalten ihrer Männer wie Weiber aus, daß es schwer sein möchte, in ihnen irgend ein junges Mädchen aufzufinden, welches nicht in jedem andern Punkte den Namen einer Schönheit erhalten würde.

[11] Negros, Schwarze, wurden die Constitutionellen schon zur Zeit Ferdinand’s schimpflich benannt, wogegen in jener früheren Epoche die königlich Gesinnten sich als „Weiße“ bezeichneten, welche Benennung jedoch nicht wie jene bestand.

[12] Es ist bekannt, wie Espartero, nachdem er im Vertrage von Bergara von Neuem die Aufrechterhaltung der fueros zugesagt, nun mit ihrer Vernichtung beschäftigt ist.

IV.

Mehrere Truppen-Abtheilungen waren angekommen, Munition ausgetheilt und alle die Vorbereitungen getroffen, welche dem Soldaten anzeigen, daß bald sein Muth wird in Anspruch genommen werden. In der Nacht des 5. Juni weckte mich der dumpfe Lärm, der stets den Abmarsch der Truppen begleitet, und im Augenblick gekleidet und bewaffnet eilte ich den Bataillonen nach, deren Marschrichtung die Absicht, die feindlichen Stellungen anzugreifen, nicht bezweifeln ließ. Da mein Pferd noch nicht angelangt war, konnte ich meine Functionen bei dem General nicht versehen, weshalb ich dem 2. Bataillon von Guipuzcoa mich anschloß, dessen Grenadier-Compagnie von einem Schweizer, mit dem ich näher bekannt geworden war, commandirt wurde. Noch vor Tagesanbruch standen — oder besser lagen — wir, hinter dem Kamm einer Anhöhe auf der Erde ausgestreckt, den Vorposten des Feindes gegenüber, die in ihre buntgestreiften wollenen Decken gehüllt rasch auf- und abschritten, die Morgenkälte abzuwehren, die selbst in jener Jahreszeit ihnen empfindlich blieb; die wild wehmüthigen playeras — Meeresufer-Gesänge —, die Kinder des südlichen Andalusien verrathend, wurden vom leichten Winde in abgerissenen Klängen zu uns herübergetragen. Hinter den Vorposten erhoben sich die Verschanzungen über Passages, augenscheinlich zum Ziel unseres Angriffes bestimmt. — Ein zweites Bataillon lagerte etwas zur Rechten hinter uns.

In lautloser Erwartung lagen wir da. Wer vermöchte die Gefühle zu schildern, die in der Brust des Jünglings stürmisch wogen, da er die Stunde des ersten Kampfes nahen sieht! Stolz und Beklommenheit, Vertrauen und Ungeduld wechseln gleich mächtig: der Augenblick ist ja da, den er so lange herbeigewünscht, der bewähren soll, daß er würdig ist, um den Preis der Tapferkeit mit Kriegern zu ringen.

Weithin zur Linken ertönte ein Schuß, ihm folgten Tausende; die Jäger-Compagnie[13] des Bataillons stürzte auf das Signal, in Tirailleurs sich auflösend, gegen die Vorposten-Linie der Feinde, welche langsam zurückwich, bald aber durch bedeutende Massen unterstützt wurde, gegen welche zu schwach auch unsere Tirailleurs gelegentlich verstärkt werden mußten. Ungewiß hin und her wogten nun die Feuer-Linien, ohne daß lange etwas Entscheidendes unternommen wäre; zu unserer Linken aber ertönte fortwährend lebhaftes Flintenfeuer, von häufigen Kanonenschüssen übertäubt. Ich verfluchte schon die Idee, welche diesem Bataillone mich anschließen machte, da es dem Anschein nach nur den Feind zu beschäftigen bestimmt war. In der That mußte es niederschlagend sein, regungslos hinter der Höhe zu liegen und nur von Zeit zu Zeit Verwundete, in tiefem Schmerze ächzend, zurückgeführt zu sehen; mein erstes Feuer kühlte nach und nach ab, wie die Sonne höher stieg, Hunger und Durst, immer gleich tyrannisch, machten sich sehr fühlbar, und ich äußerte schon gegen meinen Schweizer den Wunsch, daß das Gefecht aufhören oder wir zu thätiger Mitwirkung bestimmt werden möchten.

Da sprengte ein Stabsofficier heran — ohne Zweifel bringt er die Ordre zur Bewegung, sei sie vor- oder rückwärts —; Aller Augen, finster vor Ungeduld glühend, wandten dem Reiter sich zu. Er wechselte einige Worte mit dem Chef des Bataillones, welches einen Augenblick später in Masse gebildet stand, während eine zweite Compagnie die noch immer in Tirailleurs aufgelöseten Jäger verstärkte. Nachdem der Commandeur seinen Guipuzcoanern wenige Worte der Aufmunterung, mir unverständlich, zugerufen, erstiegen wir rasch die Anhöhe, die bisher uns gedeckt, und sahen vor uns eine kaum vollendete Verschanzung, ihr zur Seite mehrere kleine Colonnen, deren Scharlach-Uniform weithin in der Sonne glänzend die Engländer kund gab. Die andalusischen Schützen zogen sich schnell vor unsern Tirailleurs zurück und stellten sich, die Fronte der Schanze frei lassend, hinter den nahen Felsen auf, die allein der kahlen Höhe, auf der wir fechten sollten, Abwechselung verliehen. Das uns folgende Bataillon wandte sich gegen die Truppen, welche neben dem Werke aufgestellt waren, zu dessen Nahme die in Masse gebildeten sechs Compagnien des unsrigen, die Grenadiere an der Spitze, vorrückten.

Die Guipuzcoaner zeichnen sich allgemein durch Bravour und Unerschrockenheit eben so aus wie durch die Gewandheit und Kühnheit, mit der sie furchtlos und festen Kopfes die Abgründe ihrer Gebirge durchfliegen oder leicht von Felsen zu Felsen springen; unter ihnen genoß aber das zweite Bataillon des Rufes der höchsten Festigkeit, und stolz strebte es, dessen sich würdig zu zeigen. Mit Ruhe schritten die sechs Compagnien, etwa vierhundert Mann, zum Angriff; schon sausete eine Kanonenkugel über ihren Köpfen hinweg, und der Gruß ward mit lautem Jubelgeschrei beantwortet, eine zweite schlug dicht neben den Truppen nieder und schleuderte Felsensplitter in die Reihen, manchen derben Fluch hervorrufend. Die Masse beschleunigte den Schritt. Die englischen Artilleristen fehlen selten: rechts und links stürzten die Freiwilligen verstümmelt nieder und hemmten den geschlossenen Marsch, ihr Schmerzensgeschrei, die Seele zerschneidend, verwandelte den Muth ihrer Cameraden in Rachewuth. Umsonst spieen bald die Geschütze ihnen Kartätschen entgegen, umsonst schlugen schon einzelne Flintenkugeln in ihre Reihen: nicht mehr in der ersten, stolzen Ordnung, aber mit immer wilderem Geschrei, immer rascheren Schrittes naheten die kühnen Guipuzcoaner den schwarzen Ungeheuern, die nur aus der Ferne verderblich; der Sieg war nicht mehr zweifelhaft. — Ha, was war das! Ein furchtbarer Donner ertönte zu unserer Rechten, das Bataillon, welches uns deckte, floh, unsere Freiwilligen stutzten trotz dem Rufen und dem Beispiel der Officiere. Ein zweiter Donner folgte; Eisenmassen jeder Größe umschwirrten, durchschlugen unsern Haufen, die Soldaten betäubt durch den nicht erwarteten Schlag wandten den Rücken, im nächsten Augenblick flohen sie in wilder, unbändiger Verwirrung: ein englisches Kriegsschiff, bisher hinter den Felsen verborgen, hatte sein Feuer gegen unsere Flanke eröffnet und überschüttete uns mit seinen furchtbaren Geschossen aller Arten und Formen.

Von dem ersten Entsetzen nach der ungewohnten Begrüßung zurückgekommen, waren die Guipuzcoaner bald wieder gesammelt; verstärkt durch die beiden andern Compagnien rückten sie nach kurzer Rast wieder vorwärts, nicht mehr mit so lautem Geschrei, so jubelnd und ungeduldig, aber fester und unerschütterlicher, denn sie wußten, was ihrer wartete, was sie zu besiegen hatten. Über die Körper todter und verstümmelter Gefährten führte der blutige Weg zum Siege; da flehete wohl mancher Arme umsonst die Brüder an, seine Leiden barmherzig zu enden. Wieder hüpften die Kanonenkugeln um uns und durch uns, wieder stürzten die Cameraden unter den Kartätschen. Unwillkührlich wenden sich Aller Blicke rechts, schon tritt die dunkele, ebenmäßige Gestalt des Schiffes hinter den Felsen hervor, da flammt die Helle auf, weißer Rauch säuselt empor: eine finstere Masse brauset die schreckliche Gabe daher, mit Blut ihre Bahn zeichnend, begleitet von Todesröcheln und schmerzlichem Gewimmer. Doch „Vorwärts!“ ertönen hundert Stimmen; das dreifache Feuer der Fregatte, der Batterie und der englischen Infanterie hält die Guipuzcoaner nicht auf, sie stürzen in furchtbarer Unordnung auf die Geschütze und schwingen sich federleicht über die Brustwehr. Ein augenblickliches Ringen erfolgt, das Ringen der Verzweiflung, die den Tod gewiß sieht — die zuckenden Leichen der Feinde bedeckten den Boden.

Übermüthig jubelnd stürzten sich die Guipuzcoaner auf die gehaßten, nun hingestreckten Eindringlinge; die Männer, welche so eben mit herrlichem Heldenmuthe dem tausendfachen Tode getrotzt, durchwühlten nun mit gieriger Hast die Reste der Gefallenen, nach dem erbärmlichen Metalle suchend, dem der Mensch zum Sklaven sich herabwürdigt!

Doch bald wurden die Freiwilligen von ihrem blutigen Werke aufgestört. Eine dunkele Masse nahete, klein und unansehnlich, aber sichern Schrittes und Unheil verkündend, da sie so finster gedrängt heranzog: englische Marine-Truppen eilten, unsere Beute uns zu entreißen, die wir, da das andere Bataillon nicht wie wir vorgegangen, ganz auf uns beschränkt waren. Die Unsrigen wußten der Geschütze sich nicht zu bedienen, gedachten ihrer wohl gar nicht. Rasch geordnet sandten sie einen dichten Kugelregen den feindlichen Massen entgegen, doch sie nahete; ihre Reihen wurden lichter, wie sie vorwärts drang, aber die Masse nahete stets. Die Reihen der Carlisten wankten, dieses lautlose, immer ruhige, immer sich gleiche Vordringen war ihnen unheimlich, übernatürlich. Schon waren die Fremdlinge wenige Schritte von dem genommenen Werke; noch eine Salve, sie muß die kleine Schaar wegfegen: weit über den Köpfen der Andringenden flogen die Kugeln hin, die Basken flohen aufgelöset ihrer ersten Stellung zu, sofort von den Kugeln der Engländer verfolgt. Vergeblich strebten einige Officiere, den Strom aufzuhalten; mein Schweizer, der schon leicht verwundet nicht von der Spitze seiner Compagnie gewichen, tobte, flehete, stach in Verzweiflung auf seine fliehenden Grenadiere — zum kleinen Häuflein zusammengeschmolzen. Eine Flintenkugel streckte ihn neben mir nieder, und kaum gelang es, ihn hinter die schützende Höhe zu schleppen.

An neuen Angriff war nicht zu denken: das Bataillon hatte mehr als die Hälfte seiner Leute, noch mehr der Officiere verloren. Da auch auf den andern Punkten der Linie der Kampf ohne dauernden Erfolg gewesen, wenn auch mit weit geringerem Verluste der Carlisten, ward der allgemeine Rückzug anbefohlen. Um Mittag standen wieder die Vorposten sich gegenüber, ruhig mit einander rauchend und trinkend, und über den Bergen schwebte die heitere Ruhe, die ich so oft bewundert. Ein Fremdling hätte geglaubt, in den Schoos tiefen Friedens und Glückes versetzt zu sein.


Am Abend jenes Tages saß ich neben dem Lager des Verwundeten. Die rechte Brust war ihm durchbohrt, er konnte die Nacht nicht überleben; schwer athmend lag er abwechselnd in wilden Phantasien und in schlaffer, fast besinnungsloser Abspannung. Endlich schlug er die Augen auf, Thränen füllten sie: er faßte sanft meine Hand und sprach mit zitternd leiser Stimme von der fernen Heimath, von den Theuren, die dort liebend seiner gedenken mochten, von seiner Mutter...! Sie ahnete wohl nicht, daß der einzige Sohn, auf das Schmerzesbett gestreckt, der letzten unvermeidlichen Stunde so nahe sei! Noch ein Mal drückte er lautlos mir die Hand. — Auch ich gedachte des Vaterlandes, gedachte der Lieben, die ich vielleicht nie wieder sehen sollte, ich rief so manche glückliche Stunde, nun auf immer entflohen, mir zurück, malte mir aus, was der Norden Lieblichstes beut: da gab ich der stillen, sehnsuchtsvollen Wehmuth mich hin, die in dem Glücke der Vergangenheit ein neues Glück, noch zarter, sich schafft.

Am folgenden Morgen ward mein braver Schweizer mit militairischem Pompe beerdigt. Ich fühlte seinen Verlust wie den eines Freundes: im fremden Lande, im Getümmel des Krieges, wenn man allein unter dem kalten, theilnahmlosen Geschlechte dasteht, wenn rings der Tod lauert und droht, wenig Augenblicke nur dem Genuß zu gewähren — da schließen sich die Bande auch leichter und enger, und Jeder eilt, das seltene, flüchtige Glück nicht ungenutzt zu lassen.


Einzelne Gefechte und Scharmützel ohne Bedeutung hatten kaum während des ganzen Monats Juni die Unthätigkeit in Guipuzcoa unterbrochen, da unsere Streitkräfte sich größtentheils nach andern Punkten gezogen hatten, Evans aber, ehe er zur Ausdehnung seines Gebietes schritt, wohl erst das schon Genommene befestigen und sich dadurch einen Anhaltspunkt für den Fall eines Unglücks sichern wollte. Graf Casa Eguia war durch den General Villareal im Oberbefehle ersetzt, der, Capitain unter Ferdinand VII. und seit dem ersten Augenblicke des Aufstandes in seiner vaterländischen Provinz Alava thätig, das besondere Vertrauen Zumalacarregui’s verdient hatte. In der That zeichnete er sich als Brigade- und Divisions-Chef durch Kaltblütigkeit und Bravour aus; es fehlte ihm aber ganz an dem zur Leitung einer Armee nöthigen Überblicke, weshalb er in der Menge seiner Bataillone sich selbst verwickelte und sie nicht anzuwenden wußte.

Mit Villareal war das System der Expeditionen zur Herrschaft gekommen. Während der General die feindliche Veste Peñacerrada bedrohete, und dadurch Cordova zwang, seine Pläne auf das Bastan-Thal aufzugeben und von Navarra nach Alava zu eilen, hatte Gen. Gomez die Provinzen verlassen und schon auf dem Marsche nach Asturien die Reserve-Division des Feindes vernichtet. Der Sieg ward durch das Land mit Jubel gefeiert: Glockengeläute, auf den Plätzen angezündete Scheiterhaufen, öffentliche Tänze und Freudenfeuer verkündeten die Theilnahme des Volkes. Auch Gen. Garcia bestand mehrere Kämpfe in Navarra und zerstörte einige Forts der Zubiri-Linie, mußte sich jedoch beim Nahen der Übermacht stets zurückziehen.

Ich hatte mich während der selten unterbrochenen Muße mit dem Studium der Sprache, wie mit fortwährenden Ausflügen durch das Land beschäftigt, welche noch angenehmer waren, da Pferd, Waffen und Gepäck endlich von den Staats-Schmugglern über die Gränze gebracht waren, wobei natürlich die Gefahr der Contrebandiers, wie der Gendarmen Kurzsichtigkeit, die Nachlässigkeit der Douaniers und die zufällige Abwesenheit der Patrouillen ihren fixen Preis hatten. Im Anfange Juli benachrichtigten uns endlich unsere Spione von Angriffs-Plänen des Feindes, deren Ziel jedoch unbekannt war; in der Nacht vom 10. zum 11. Juli meldeten die Vorposten, daß Bewegungen in den ihnen entgegenstehenden Truppen bemerkbar würden: der geschäftige Lärm, der von dem Hafen von Passages herübertönte, deutete an, nach welcher Seite Evans seine Streitkräfte richtete. So wie der Morgen graute, wurden Schüsse aus dem rechten Flügel unserer Linie hörbar und folgten von Minute zu Minute mit mehr Lebhaftigkeit. Achttausend Mann, aus spanischen und Legions-Truppen bestehend, sollten Fuenterrabia, dann Irun nehmen, und so den Carlisten die Verbindung mit Frankreich auf der großen Heerstraße abschneiden.

In Begleitung des Generals ritt ich zum Kampfplatze, wo unsere Schwäche, da im ersten Augenblick nur zweihundert Mann dem Feinde gegenüberstanden, uns nur erlaubte, ihm das Vorrücken so viel wie möglich zu erschweren[14]; so gelangte er denn, wenn auch mit Verlust, bis fast unter die Mauern von Fuenterrabia. In dem Verhältnisse, in dem unsere weiter entfernt stehenden Truppen anlangten, war der Widerstand kräftiger geworden, nun gingen wir zur Offensive über; die Engländer wiesen den Sturm anfangs fest zurück und benutzten jedes Zaudern zu erneuertem Vordringen, als aber ihre spanischen Bundesgenossen hart gedrängt wichen und selbst in Unordnung geriethen, mußten auch sie weichen. Sie zeigten, wie gewöhnlich, hohe Ruhe und Todes-Verachtung. Langsam zogen sich ihre Massen, von Schützen schwach gedeckt, zurück, in jeder Stellung hielten sie an, wie um auszuruhen, und vertheidigten sich eine Zeit lang gegen unsere Tirailleurs-Linien, die sie von Berg zu Berg, von Schlucht zu Schlucht auf dem Fuße verfolgten, oft stark drängten und ungestraft in die geschlossenen Haufen hineinschossen, ohne daß die schwerfälligen englischen Schützen, wie viele auch brav das Leben auf ihrem Posten opferten, die leichtfüßigen Guipuzcoaner hätten zurückhalten können. Ich glaubte den Kampf beendigt, da die Feinde fast schon ihre ursprüngliche Stellung wieder erreicht hatten, und ich freute mich, daß wir, wiewohl ohne entscheidenden Sieg davon zu tragen, die Versuche des überlegenen Feindes so rühmlich zurückgewiesen.

Der General hielt auf einem Hügel, von dem wir einen Theil der Feuerlinie übersehen konnten, als ziemlich fern zur Rechten lebhafteres Feuer gehört wurde, weshalb ein Adjudant, mit dem ich, da er französisch sprach, näher bekannt geworden, Befehl erhielt, dorthin zu eilen; da hier schon Alles ruhig war, begleitete ich ihn. Da die Truppen einen stark eingehenden Bogen bildeten, suchten wir auf der kürzesten Linie zur Stelle zu kommen, bogen um die scharfe Ecke eines mit Unterholz bedeckten Hügels und... sahen, dreißig Schritte entfernt, ein Detachement christinoscher Jäger vor uns. Schon waren die Büchsen auf uns gerichtet: mein Gefährte sank todt vom Pferde, das meinige stürzte nach einem verzweifelten Sprunge zu Boden, halb mich bedeckend, während die Ordonnanz, welche hinter uns ritt, in gestrecktem Galopp davon jagte. Im nächsten Augenblicke war ich umringt und unter dem Pferde hervorgezogen — eine Kugel hatte mir das Bein, doch nicht gefährlich, verletzt. Halb betäubt blickte ich um mich, in die dunkeln Gesichter der Jäger, ich zweifelte noch und konnte mir das Schreckliche nicht möglich denken; ich fühlte mich zagen bei dem Gedanken: ich bin gefangen.

Gefangen! Wo waren nun meine herrlichen Träume, wo waren Auszeichnung und Krieges-Ehre und alle die stolzen, wilden Hoffnungs-Gebilde, die meine Brust so oft stürmisch gehoben hatten! — Da freilich hatte ich wenig Zeit zu solchen Betrachtungen. Ich verfluchte auf gut deutsch mein Geschick; bemühete mich, die Fragen des feindlichen Officiers französisch zu beantworten, und machte gute Miene zum bösen Spiel, dem Feinde durch festen Muth auch im Dulden zu imponiren. Doch wurde ich damals sehr gut, selbst mit Rücksicht behandelt, und da ich den Soldaten meine Börse ausgehändigt, ward ich nicht weiter ausgeplündert.

Oberstlieutenant Evans hatte, wie er sagte, seine Recognoscirung auf Fuenterrabia glücklich ausgeführt und sich dann zurückgezogen; oder, wie alle Welt sonst unverschämt es nannte, sein Plan, Irun und Fuenterrabia zu nehmen, war ganz mißlungen, und er hatte lebhaft gedrängt und mit schwerem Verluste in seinen Verschanzungen Schutz suchen müssen. Solche verschiedene Versionen waren damals sehr gebräuchlich, und man sah wahrhaft wunderbare Dinge in dem Genre. Das Detachement, in dessen Hände ich gerathen, hatte sich seinem Bataillone angeschlossen und zog mit ihm nach kurzer Rast der Festung zu, wohin auch ich geführt werden sollte. Man glaubte meiner wohl ganz sicher zu sein, da ich innerhalb der Linien doch schwerlich entschlüpfen konnte: so blieb ich fast ganz unbeachtet, bald an der Tete, bald weit zurück marschirend und gelegentlich mit irgend einem Officier einige Worte wechselnd, der mit seiner Kenntniß des Französischen paradiren wollte. Meine Gedanken schweiften unstät umher, bis sich bald alle in dem Streben und der Hoffnung concentrirten, die Freiheit wieder zu erlangen; die Idee schon gab mir neue Kraft und erhöhete meinen Muth. In der That schien die Gelegenheit günstig sich darzubieten.

Am Nachmittage machte das Bataillon in einem kleinen Weiler Halt, worauf die Soldaten, erschöpft wohl vom Kampfe und der Hitze des Juli-Tages, theils in den Schatten der Bäume sich niederstreckten, theils zu den Häusern eilten, Lebensmittel oder Getränk sich zu verschaffen. Eine Zeit lang saß ich ruhig auf einem Steine, besorgt, keinen Verdacht zu erregen, spatzierte dann auf und ab und schlug, da Niemand auf mich achtete, den Weg nach San Sebastian ein. Eine Minute später hatte ich die Heerstraße verlassen und erstieg, durch Bäume und Gebüsch verborgen, rechts die Höhen-Reihe, die längs dem Meere sich hinzieht. Das Dörfchen blieb weit unter mir links zurück, als ich Entdeckung fürchtend in dichtem Gesträuch den Abend zu erwarten beschloß. Da lag ich in furchtbarer Spannung regungslos. Knaben trieben, kaum zehn Schritte entfernt, ihr Vieh zu einer Lache, die nur der Busch von mir schied; dann hörte ich einen schweren Tritt langsam nahen: da zitterte ich. Das Gesicht halb mit dem Basken-Barett bedeckt, stellte ich mich schlafend; das Geräusch näherte sich, hörte auf, näherte sich wieder, schon war es neben mir. Fest geschlossenen Auges und regelmäßig athmend lag ich da. Wohl Minuten stand das unbekannte Wesen über mir — eine Ewigkeit schienen sie mir —, dann setzte es ohne andern Laut seinen schwerfälligen Marsch fort, häufig wie vorher ihn unterbrechend. Lange, lange schon hörte ich nichts, ehe ich ein Auge halb zu öffnen wagte: nichts war sichtbar. War es ein Mensch? War es ein Thier? Es ist mir stets ein Räthsel geblieben.

Endlich brach die ersehnte Dämmerung an. Ich eilte aus meinem Versteck und folgte raschen Schrittes dem Höhen-Zuge, der längs dem Meere nach Fuenterrabia mich führen sollte. Die herrliche Sommernacht erleichterte den gefährlichen Marsch, der Glanz der Gestirne, auf dem dunkeln Blau des spanischen Himmels heller leuchtend, ersetzte das Licht des Mondes; ein sanfter, kaum fühlbarer Hauch von der See her störte nicht die wohlthuende Ruhe der Natur. Selbst die Wogen des Vizcaischen Meeres, immer fast stürmisch erregt, murmelten lieblich zu meiner Linken, und ich war mehrfach versucht, schwimmend ihnen mich anzuvertrauen. — Etwa eine Stunde lang folgte ich der Höhe, oft erschreckt durch das Säuseln des Grases oder den Schall eines Steinchens, den mein Fuß den Abhang hinabrollen machte, nicht selten athemlos mich zu Boden werfend, wenn ein verdächtiger Laut mein Ohr traf. Da plötzlich ward dumpfer Lärm zur Seite hörbar, Lichter funkelten am Fuße des Berges, und ich stand über jähem Abgrunde, in dessen Tiefe große dunkle Körper aus der Silberfläche des Wassers erkennbar waren. Ich befand mich über dem Hafen von Passages, von einer Schlucht gebildet, die den Felsenzug durchschneidet, der das Meer hier begränzt, und deren Eingang so schmal ist, daß nur ein Schiff zur Zeit ihn passiren kann; zwischen dem Hafen und dem Felsen bleibt nach Frankreich hin ein kleiner Raum, der gerade eine Straße, Pasages de Francia genannt, fassen konnte. Pasages de España liegt auf der Westseite der Bucht, die es nur mit seiner schmalen Seite berührt, da der Felsen, fast perpendikulär auf ihre Wasserfläche sich senkend, nicht wie im Osten den Ort zu erbauen erlaubte.

Rascher Entschluß war nöthig: den folgenden Tag durfte ich keinen Falls erwarten, dazu war kaum die Nacht angebrochen, vielleicht konnte ich im geschäftigen Treiben der Stadt unbemerkt den Hafen passiren. Auf Umwegen suchte ich den südlichen Abhang hinabzusteigen, ich glitt bald weite Stellen hinunter, stolperte dann über Felsen und Baumwurzeln und mußte Hecken überspringen und mehrere terrassenförmig angelegte Gärten forciren; an Händen und Gesicht verletzt sah ich mich endlich wieder auf der Heerstraße. Ich durchschritt langsam und mit gleichgültigem Äußern die Straßen der Stadt, in denen Matrosen und Soldaten[15], fast alle Engländer, sich durch einander drängten, und erreichte bald den Quai; neue Verlegenheit: eine Brücke existirte nicht, Umgehung der Bai war nicht möglich, da ein Fluß in sie einmündet. Doch Zaudern vermehrte nur die Gefahr. Ein Boot, in das ein fein gekleideter Mann, wohl ein britischer See-Officier sich gesetzt, war im Begriff abzustoßen, ich sprang hinein. Der Engländer fragte mich englisch, wer ich sei, dann, da ich nicht antwortete, spanisch, worauf er, da ich einige unverständliche Worte murmelte, abzustoßen befahl, ohne Zweifel nach meinem Anzuge für einen Officier des baskisch-christinoschen Corps mich haltend, chapelgorris — Rothhüte — genannt, da sie wie wir das farbige Basken-Barett trugen. Am andern Ufer angekommen, grüßte ich ihn und verschwand in einem Gäßchen, welches in die Häuserreihe einschnitt. Der Weg führte auf den Felsenriff, der, nur durch den Hafen von dem getrennt, auf welchem ich bis hieher gekommen, längs dem Meere fortlief, derselbe, auf dem ich den ersten Kampf gekämpft, in dem mein armer Schweizer den Todesschuß erhielt. Die steile Höhe war bald erstiegen.

Der schwierigste Theil der Flucht stand noch bevor: ich mußte die Vorposten-Linie des Feindes passiren, wobei die Helle der Nacht, die mir bisher so günstig gewesen, nun zum Hinderniß wurde. Über Felder und hinter Hecken fort schlich ich mit Vermeidung aller Wege den Posten zu, die ich endlich Gewehr im Arm ihren regelmäßigen Gang auf und ab spatzieren sah. Umsonst versuchte ich den Durchgang nahe bei dem Meere: die Chaine war bis zu der hohen Felsküste ausgedehnt; umsonst schlich ich hinter der Linie auf und ab, eine weniger scharf bewachte Stelle suchend. Da machte ein helles „quien vive?“ das Blut mir in den Adern gerinnen — ich stand bewegungslos, lautlos — nochmals ertönte nicht dreißig Schritt vor mir der furchtbare Ruf; dann war Alles still. Lange, lange stand ich wie eine Statue, es mochten Minuten sein, mir schienen sie Jahre; endlich begann ich rückwärts zu gehen, Fuß vor Fuß, besorgt, dem etwa forschenden Auge durch veränderte Stellung einen neuen Gegenstand der Aufmerksamkeit darzubieten. Schon wagte ich langsam mich umzudrehen: ein neues „quien vive!“ — ich stand wie vom Blitz getroffen. Da antwortete eine sanfte weibliche Stimme von der andern Seite her, und rasch gingen zwei Bäuerinnen, hohe Körbe auf den Köpfen tragend, wenige Fuß von mir entfernt vorüber. Ich benutzte das Geräusch ihrer Schritte, um mich gleichfalls von dem gefürchteten Posten zu entfernen.

Doch wozu mehr der Schrecken jenes Abends! Ein Hund, mit lautem Gebell mir folgend, trieb mich zu rasender Verzweiflung, daß ich mit dem Messer auf ihn stürzte, ihn zu tödten; dann die Patrouillen, die fast mich berührend, den im Schatten eines Felsen oder Busches Hingestreckten unbemerkt ließen! Wohl darf ich sagen, daß ich nie später, nie früher solches Gemisch, so raschen, erstarrenden Wechsel der Hoffnung und des Schreckens, der Anspannung aller geistigen und körperlichen Fähigkeiten und plötzlicher Erschlaffung empfand, die doch wieder dem Drange des Wollens weichen mußte; dazu der Schmerz, stets wachsend, und die Lähmung der Wunde, die, wiewohl leicht, durch die entsetzliche Anstrengung in jedem Augenblick empfindlicher wurde. — Hoffnungslos wollte ich den Versuch machen, mit Gewalt die Kette zu durchbrechen. Einer der Posten rief mich an, da eine englische Patrouille dicht hinter mir erschien: ich ward umringt und fortgeführt, von Neuem ein Gefangener.


Der Sergeant, mit dem ich einige Worte gewechselt, geleitete mich zu der großen Schanze über Passages. Da er dort seinen Bericht abgestattet, erhob sich dumpfes Gemurmel: „the spy, the spy!“ unter den Leuten, der dort commandirende Marine-Officier aber befahl kalt dem Sergeanten: „give him to the Spaniards to shoot him“; mit gleich kalter Verbeugung wandte ich mich, dem Sergeanten zu folgen. Doch der erklärte, daß ich englisch spreche, was Allem eine andere Wendung gab. Nachdem ich eine Viertelstunde mit dem Officier mich unterhalten, wobei ich, da nach spanischem Gesetz der entflohene Gefangene Todesstrafe hat, als zufällig nach dem Gefechte zu weit vorwärts gegangen und verirrt mich angab, ging ich Arm in Arm mit ihm nach Passages hinunter, wo wir mit einigen andern Engländern mehrere Flaschen leeren mußten. Dann fuhren wir auf einem kleinen Boote nach San Sebastian und blieben während der Nacht auf dem Dampfschiffe Isabel, dessen Bemannung ganz aus Engländern bestand. Nachdem wir trotz der mir offen ausgesprochenen Ansicht Aller, daß ich am andern Tage würde erschossen werden, bis lange nach Mitternacht gescherzt und getrunken, schlief ich bis zum Frühstück auf einem Sopha, worauf einer der Officiere, nachdem alle feierlich den Abschiedstrunk mir gereicht und herzlich Gutes wünschend meine Hand gedrückt hatten, zum Oberstlieutenant — im Dienste Christina’s General-Lieutenant — Evans mich begleitete.

Unpäßlich empfing er mich im Bette und befragte mich um manches die Faktion, wie in Spanien die carlistische Parthei gewöhnlich genannt wird, und mich selbst Betreffende; wenn ich da die Antwort meist umging, konnte ich natürlich über das, was die Politik des Vaterlandes und dergleichen anging, nur meine Unwissenheit erklären. Dann sagte er mir, daß ich, da die Legion kein Pardon erhielte noch gäbe, sofort hätte erschossen werden müssen, daß er aber, da ich doch als Hannoveraner Unterthan desselben Königs und eigentlich ein „halber Engländer“ sei, den Spaniern als Gefangenen mich übergeben werde. Ohne dieses Mal gegen das half english, das so guten Dienst mir leistete, zu protestiren, folgte ich freudig dem Officier, der dem Gouverneur der Citadelle mich übergeben sollte, und ward bald in das mir bestimmte Zimmer eingeschlossen, nachdem der Gouverneur, ein Spanier, mich hatte scharf durchsuchen und unter nichtigstem Vorwande Alles, was ihm anstand, mit Beschlag belegen lassen.

Mein Zimmer bestand aus einem großen Rechteck mit zwei Alkoven, in deren einem ein Strohsack, das einzige Meubel sich befand. Täglich zwei Mal erschien ein altes Weib, mir einen kleinen Teller in Öl gekochter Bohnen und ein Stückchen Ekel erregenden Brodes zu bringen; für schweres Geld, durch den Verkauf des mir nicht Entrissenen verschafft, konnte ich Chocolate, der Spanier gewöhnliches Morgengetränk, haben; andere Erquickung war versagt, und selten nur mochte Etwas hereingeschmuggelt werden. Der Zufall wollte, daß ich mein Handbuch des Spanischen und ein anderes mir werthes Buch in der Tasche gehabt, sie konnten die Habsucht nicht reizen und waren daher ein herrlicher Trost in der Einsamkeit des Kerkers mir geblieben; sie las, durchdachte ich wieder und wieder. Und dann ging ich Stunden lang auf und ab, zur fernen Heimath versetzt, das Vergangene von Neuem durchfühlend, alles mir Theure den Augen des Geistes vorzaubernd. Die Gefühle jener Stunden klangen oft erhebend in die bittere Niedergeschlagenheit hinüber, die wohl den Gefangenen auch geistig fesseln wollte.

Es war mir erklärt, daß, so wie ich das Fenster öffnete, auf mich geschossen würde; es ging aber, wenigstens dreißig Fuß über dem Boden erhaben, auf einen Theil des Wallganges, auf dem mehrere Schildwachen standen, und der rings von entsetzlichem Abgrunde umgeben Flucht unmöglich machte, da der einzige Pfad mitten durch die Wache führte. Bald wagte ich denn auch, vorsichtig mein Fenster zu öffnen, und o Freude! es blieb fast immer unbemerkt, so daß ich auch der herrlichen Aussicht und der frischen Meeresluft mich erfreuen durfte.

Links bis zum Horizont dehnte sich die blaue Meeresfläche, bald bewegungslos wie ein Spiegel leuchtend, bald thürmte es im wilden Kampfe der Elemente seine Wogen häuserhoch und hüllte mit dumpfem Gebrüll das Felsengestade in Schaum. Fast immer schmückten es ein- und auslaufende Schiffe oder zahllose Fischerboote, häufig zog die leichte, feine Gestalt einer englischen Fregatte meine Aufmerksamkeit an oder ein Dampfschiff, stets gleich sicher die Wellen durchschneidend, schien die dunkeln Qualm-Wolken in langem Schweife sich nachzuziehen. Etwas weiter rechts erhob sich einem Gewölk nicht unähnlich die Hügelküste Frankreichs, auch bei Nacht durch das Feuer der Leuchtthürme weithin sichtbar. Vor mir breitete sich in seiner ganzen Schönheit das Thal aus, in dem die Straße nach Passages hinläuft, oft von den Schaaren der Christino’s und ihrer britischen Genossen durchzogen; eine Schiffbrücke verbindet es mit der Festung. Dann erschien der Hafen mit seinem Mastenwalde, und über ihm hinaus erhoben sich stufenweise die Gebirgsreihen, zu denen die Carlisten nach der Ankunft der englischen Legion zurückgedrängt waren. Von dort drang nicht selten das Getöse des Gefechtes zu mir, oder der Schüsse Blitzen, wenn der Kampf bis in die Nacht sich verlängerte, durchzuckte in rascher Folge die Dunkelheit. Das waren die elendesten Tage der Gefangenschaft!

Tief unter der Citadelle bot die Stadt den größten Theil der Straßen meinem Blicke dar, und deutlich unterschied ich das immerwährende Getümmel auf dem Marktplatze, auf dem die Spanier einen nicht unbedeutenden Theil ihres Lebens zuzubringen pflegen. San Sebastian ist nicht regelmäßig gebaut, aber sehr freundlich, die Straßen sind schmal, da der kleine Raum sorgfältig benutzt wurde, die Häuser, sonst geschmackvoll, durchgehends sehr hoch, oft sechs, sieben Stockwerke auf einander gethürmt. Die Stadt liegt auf einer durch eine hohe isolirte Felsmasse gebildeten Halbinsel, die im Norden vom Meere, im Westen vom Hafen und nach Morgen von einem Meeres-Arm umgeben ist, welcher sich so weit erstreckt, daß er vom Hafen nur durch eine schmale Landenge getrennt ist, die die kleine zwischen dem Felsen, dem Arme und dem Hafen eingeschlossene Ebene, auf der die Stadt gegründet, mit dem Festlande verbindet. Die Befestigung besteht nach der Landseite aus einem Kronwerke, nach dem Meere zu ist San Sebastian durch das auf dem Felsberge errichtete, nur auf schmalem, vielfach sich windendem Wege zugängliche Castell ganz gedeckt und beherrscht. Die Festung ist in der That eine der festesten und durch seine Lage wichtigsten des Königreiches; sie möchte am besten von der Westseite her anzugreifen sein, wo jenseit des Meeresarmes der Höhenzug, welcher bis Passages ununterbrochen hinläuft, innerhalb Kanonenschußweite zur Höhe des Castells sich erhebt, während jener Arm zur Zeit der Ebbe ohne Schwierigkeit passirt wird. Dort besonders hatten die Carlisten vor der Ankunft der Legion die Werke errichtet, die wegen Mangel an Material nur zur Blokade dienten, von dort aus griff Wellington’s englisch-spanische Armee die Festung an und nahm sie nach kräftiger Vertheidigung.

Die Einförmigkeit der Gefangenschaft wurde oft, wiewohl nicht angenehm, durch die Engländer unterbrochen, die in großer Zahl im Zustande der Trunkenheit und wegen Insubordination[16] als Arrestanten auf dem Wallgange oder im äußern Hofe sich befanden und wohl unter meinen Fenstern ihre Spiele trieben. Der Anblick war furchtbar widerlich, ich würde nicht ihn zu beschreiben wagen. Doch frappirte mich wiederholt die Bemerkung, daß unter diesem Abschaum des Inselreiches Männer sich fanden, die augenscheinlich einer höhern Sphäre angehört, andere, deren Erziehung ihrem jetzigen Zustande moralischen wie physischen Elendes ganz unangemessen schien. Ich erinnere mich, daß einer der Soldaten seine mit Narben bedeckte Brust entblößend schwur, daß er nicht mehr den feindlichen Lanzen trotzen werde, da man so ihn lohne, worauf ein Zweiter ihm Horaz’s schönes „dulce et decorum est pro patria mori“ anführte. Ein anderer Elender aber, in seinen grauen Mantel, seine einzige Kleidung, gehüllt, und im Schatten ausgestreckt, erwiederte trocken: „sed dulcius vivere pro patria.“


Sechs Wochen waren verflossen, sechs traurige Wochen, als die Ordre Cordova’s anlangte, der gemäß ich nach Vitoria sollte abgeführt werden. Froh verließ ich an einem der letzten Tage August’s das Castell, um auf dem Dampfschiffe la reyna gobernadora nach Santander eingeschifft zu werden. Die Officiere des Schiffes, wiederum sämmtlich Engländer, empfingen mich eben so zuvorkommend und herzlich wie früher die der Isabel, ja sie zeichneten mich so aus, daß, während zwei christinosche Officiere, die die Überfahrt mit machten, in beliebigem Winkel auf der Erde schliefen und aus eigenem Vorrathe kalte Küche genossen, ich an der Tafel der Officiere Theil nahm und selbst in des Capitains Cajüte ein Bett mir bereitet fand. Überhaupt zeigten die Engländer hohen Unwillen, gar Verachtung gegen ihre spanischen Gefährten, und wohlthuend war es mir, die Bravour der carlistischen Officiere sie mit Bewunderung anerkennen zu hören, da sie stets an der Spitze ihrer Krieger die Ersten auf den Feind sich stürzten, während die constitutionellen Officiere in den ersten Jahren des Krieges häufig hinter Felsen und Bäumen versteckt die freistehenden Soldaten zum Vorrücken ermunternd gesehen wurden. Ein Adjudant des Generals Jauregui erregte unser Lächeln, da er mit Depechen nach Santander im Augenblick der Abreise anlangte und da auf seine ängstliche Frage ein Midschipman sehr ernst ihm antwortete, daß wir wohl stürmisches Wetter haben würden, sofort mit seinen Depechen in das Boot zurücksprang und nicht wieder erschien. Capitain, Officiere, alle Welt erklärte sich für gänzlich überdrüßig dieses Krieges mit solchen Bundesgenossen; sie verhehlten sich nicht die Elemente der beiden Partheien für den Sieg und für den Widerstand, ihre Verhältnisse und die Neigungen des Volkes.

Nach nur zu rasch geendeter Fahrt längs der Küste Vizcaya’s warfen wir auf der Rhede von Santander Anker, nachdem man mich auf einen Felsen aufmerksam gemacht, den die britischen Seeleute wegen seiner Ähnlichkeit mit des Feldherrn Adlernase Wellington’s nose genannt haben. Bald erschien ein Platzadjudant mit einem Detachement, dem er unter meinen Augen zu laden befahl, und da ich an Bord das Abschieds-Glas geleert und viele warme Händedrücke und Wünsche empfangen, ward ich in dem Boote ans Land und in der Mitte von acht Soldaten zum Gefängniß geführt. Doch hatte der Anblick englischer Höflichkeit so viel vermocht, daß der Adjudant beim Fortgehen mir gleichfalls die Hand reichen und seiner Theilnahme mich versichern zu müssen glaubte, was wiederum auf die Artigkeit des Kerkermeisters wohlthätig wirkte; so lange ich nämlich Lust hatte, seine Gefälligkeiten, sein Bett und die Speisen seiner Küche zehnfach zu bezahlen. Da ich jedoch nach kurzer Zeit in Rücksicht auf meinen traurig zusammenschrumpfenden Geldbeutel erklärte, daß ich mit dem mich begnügen werde, was mir als Gefangenen ausgesetzt sei, sah ich mich plötzlich auf Schwarzbrod reducirt, indem mir mürrisch erklärt wurde, das mir bestimmte Geld reiche nicht hin, um irgend Etwas zu kaufen. Die Aussicht war trostlos; doch ward ihr nach ein Paar Tagen ein Ende gemacht, da ich, von einer Escorte von zwanzig Mann umgeben, Santander verließ und auf einem Esel die Straße nach Burgos entlang zog.

Bisher hatte ich geglaubt und geklagt, daß ich schlecht und allem Völker- wie Krieges-Rechte zuwider behandelt werde, doch sollte ich nun erkennen, wie relativ der Begriff des Guten und Schlechten ist und wie die Ideen unserer liberalen Gegner über Ehre und Recht von denen der andern Europäer abwichen. Während des Tagemarsches durfte ich in der That nicht klagen, denn wenn der Officier sich ganz gleichgültig zeigte, so thaten die Soldaten dagegen, was sie nur thun konnten, um das Harte meiner Lage mir weniger fühlbar zu machen; die christinoschen Soldaten waren meistens nicht wegen individueller Meinung in jenem Heere: durch Gewalt waren sie ausgehoben, Furcht, Gewohnheit, oft Gleichgültigkeit hielt sie fest. So bestand denn das Unangenehme nur in den Volkshaufen, die lärmend, oft drohend, mir durch die Ortschaften folgten, und in den Diners, die ich von neugieriger Menge umringt, stets auf dem Marktplatze halten mußte, oder in den Bemerkungen der Weiber.

So wie wir aber Abends im Nachtquartier anlangten, begann das Elend. Irgend ein unterirdisches Loch ohne Fenster noch Luftzug, geschwärzt von Qualm und Rauch, stinkend und voll Ungeziefer, der Landplage Spaniens, nahm mich auf, oder — noch widerlicher — ich sah mich mit den niedrigsten Verbrechern beider Geschlechter, zwischen denen Kinder im Schmutz sich wälzten, in engem Kerker vereinigt, deren freche Vertraulichkeit ich mit Mühe zurückweisen konnte, während die Scenen, die unter solchen Menschen vorauszusetzen, mit Ekel und Abscheu mich füllten. Glücklich schätzte ich mich, wenn ich selten ein Mal in einem Fort der Obhut eines Officiers und einer militairischen Wache übergeben wurde. Wohl darf ich meine Überzeugung aussprechen, daß, wäre ich der Sprache wie später Meister gewesen, hätte ich irgend eine Geldsumme zu meiner Verfügung gehabt, es mir nicht schwer geworden wäre, mit Leuten und Waffen, ja mit den Officieren vielleicht, mich davon zu machen und den Meinigen sie zuzuführen. Ihre Unterhaltung, ihre Fragen, einzelne Bemerkungen verriethen, wo nicht immer Geneigtheit für die carlistische Parthei, Kälte gegen die, welche sie vertheidigten, und vor Allem die nun in allen Classen der Spanier so gewöhnliche Verderbtheit, welche, wenn ihr Interesse angeregt, wenn ihnen genug geboten wird, sie bereit macht, schnöder Geldgier Alles zu opfern.

Nachdem wir die hohe Kette überschritten, die so reich an malerischen und majestätischen Scenen von dem Hauptstamme der Pyrenäen bis Galizien sich hinzieht, und da wir den Ebro seiner Quelle nahe mehrere Mal passirt hatten, wandten wir uns links von der Straße von Burgos über Reynosa, Pancorvo und Miranda auf Vitoria. Ich dachte der Zeiten, in denen auf eben diesen Gefilden Wellington’s Armee der Herrschaft Napoleon’s in der Halbinsel den letzten entscheidenden Schlag gab; ein Gefangener fand ich mich, wo einst so viele meiner braven Landsleute, viele persönlich mir Theure in den Reihen des siegreichen Heeres gekämpft. Mannigfache Empfindungen mußte der Gedanke in mir hervorrufen!

General Cordova hatte das Commando niedergelegt und in Folge der neuen gewaltthätigen Änderung der Verfassung nach Frankreich sich zurückgezogen, weshalb ich den Ebro entlang wieder über Miranda, Arro und Logroño nach Calahorra geführt wurde, wo General Oraa, der interimistisch den Oberbefehl übernommen, einen Angriff auf Estella vorbereitete. Wir trafen ihn am 13. Sept. früh im Augenblicke des Abmarsches, da schon die Truppen aufgebrochen waren. Er ertheilte Ordre, mich bis auf Weiteres in das Depot zu Logroño zu placiren, wohin ich abgeführt wurde, nachdem ich von einem Mordversuch der Soldaten der Garnison gerettet war. Wie immer auf dem Marktplatze von der müßigen Menge umringt, genoß ich ruhig die Chocolate, welche ein alter Capitain, der in Rußland Kriegsgefangener gewesen, mir übersandt. Da nahten sich fluchend mehrere Soldaten und warfen der Escorte vor, daß sie mich nicht längst unterwegs getödtet hätten; sie schimpften auf den Ehrenmann, der mir die Chocolate geschickt: die Liberalen könnten auf der Straße verhungern, ohne daß Jemand sich ihrer annehme. Der Lärm tobte jeden Augenblick mehr, laut ward mein Blut gefordert, schon berührten die Bajonete meine Brust, Messer funkelten: ich strebte als braver Carlist fest zu sterben. Doch die kleine Escorte, deren Zuneigung ich erworben, drängte sich zu meinem Schutze, sie stieß die Wüthenden mit Kolbenstößen zurück und entriß mich mit Mühe dem tobenden Pöbel, der durch die Straßen bis ins Freie mit Mordgeschrei uns folgte. Mehrere Verwundungen waren vorgekommen.

Am folgenden Tage sah ich in dem zur Caserne umgeschaffenen Kloster der Jesuiten von Logroño ein kleines, reinliches Zimmer sich mir öffnen, in dem ein junger spanischer Officier in französischer Sprache sein Vergnügen ausdrückte, daß die traurige Gefangenschaft durch so angenehme Gesellschaft ihm erleichtert werde.

[13] Die Bataillone bestehen in Spanien aus acht Compagnien, von denen zwei, die Grenadier- und die Jäger-Compagnie, als Elite — de preferencia — bezeichnet werden. Sie formiren an der Tête und Queue des Bataillons, wählen ihre Leute aus den übrigen Compagnieen und haben im Kriege, da sie stets ergänzt werden, oft die doppelte oder dreifache Stärke derselben. Sie sind stets die ersten und letzten dem Feinde gegenüber, leiden daher immer unverhältnißmäßig, weshalb die Officiere, die besten des Bataillons, auch mehr Avancement haben, wenn sie mit dem Leben davonkommen. Die Compagnie, welche 125 Mann stark sein soll, zählt einen Capitain, zwei Premier-, zwei Seconde-Lieutenants. Im Kriege führt sie natürlich oft ein Seconde-Lieutenant, in mehreren Fällen sah ich selbst einen zweiten Sergeanten — Unterofficier — die Compagnie mehrere Tage lang commandiren, da stets außerordentlich viele Officiere der Carlisten, ganz im Gegensatze der Christinos, blieben.

[14] Da ein Capitain mit seiner Compagnie zur Besetzung und Vertheidigung einer Reihe Felsen beordert wurde, sah ich ihn seine Leute im Kreise zum Beten des Rosenkranzes vereinigen, worauf er einen Caplan bat, ihnen für den Fall des Todes die Absolution zu ertheilen, was sogleich feierlich geschah.

[15] Als die Feinde Passages nahmen, fanden sie dort nur Weiber. Die Männer ohne Ausnahme waren den Carlisten gefolgt, und ergriffen die Waffen gegen ihre Unterdrücker.

[16] Viele behaupteten, nur auf ein Jahr sich engagirt zu haben, und weigerten sich daher, ferner zu dienen.

V.

Es ist Viel über die empörenden Grausamkeiten geschrieben, die allgemein wie besonders gegen die Kriegsgefangenen von beiden Partheien im spanischen Bürgerkriege begangen sind; und — wie die Umstände es mit sich brachten — die öffentliche Meinung hat sich allgemein gegen die Carlisten als Urheber und Hervorrufer jener Schreckens-Scenen ausgesprochen. Dieses war natürlich. Die Constitutionellen hatten zu ihrer Verfügung zahlreiche öffentliche Blätter, durch die sie sich bemüheten, die Ereignisse so darzustellen, wie es ihren Zwecken genehm war. Sie schilderten jede neue Rachethat der Carlisten mit den schwärzesten Farben, die ihre Phantasie hervorzubeschwören vermochte, während sie die unglaublichen Frevel, durch die jene Thaten hervorgerufen und ihre Gegner zu wildester, rücksichtsloser Verzweiflung gereizt sein mußten, ganz mit Stillschweigen übergingen. Sie fanden aber in der liberalen Presse der Nachbarländer eifrige Verbündete, welche sich beeilten, die so entstellten Thatsachen zu verbreiten, durch ganz Europa den Schrei des Abscheu’s gegen die Royalisten Spanien’s ertönen zu machen. Diese dagegen besaßen nicht solche Zeitschriften, selbst nicht Zeit zum Schreiben und zum Aufklären des Truges, sie waren genöthigt, zu den Verleumdungen zu schweigen, die meistens wohl nicht ein Mal bis zu ihren Bergen und Lagern durchdrangen; und wenn etwa eine vereinzelte Stimme in der Fremde zur Rechtfertigung der schmählich Verleumdeten sich erhob, war sie bald durch hundertfaches Geschrei der Getäuschten oder bei der Täuschung Interessirten übertönt und erstickt.

Ich werde durch Thatsachen, von deren Genauigkeit ich mich zu überzeugen Gelegenheit hatte, das gegen die Carlisten als Menschen so allgemein herrschende Vorurtheil zu bekämpfen suchen, wie sehr ich auch die Schwierigkeit und Undankbarkeit des Unternehmens würdige: — gerade seinen Vorurtheilen klammert das arme Menschen-Geschlecht ja am festesten sich an. Dabei muß ich voraussenden, daß ich keinesweges leugne, daß von einzelnen Individuen Grausamkeiten begangen sind: in solchem Kriege und bei solchem Charakter des Volkes waren sie unvermeidlich. Aber die Tendenz der Carlisten als Ganzes, ihrer Leiter und hervorstehenden Personen war stets auf Milde und Großmuth gerichtet; selbst da verleugneten sie diese nicht, wo Pflicht der Selbsterhaltung, Pflicht gegen ihre Untergebenen sie zwang, den Schreckens-Maßregeln der Christinos durch Strenge einen Damm zu setzen, Gleiches mit Gleichem zu vergelten.

Übrigens bezieht sich das hier zu Sagende, wenn auch großen Theils auf ihn anwendbar, nicht auf den — stets als blutdürstigen Tiger bezeichneten — General Cabrera. Gegen ihn haben so mannigfache Stimmen sich erhoben, mit Hintansetzung alles Rechtes und aller Wahrheit so die Schmähungen ihm gehäuft, daß die Gerechtigkeit erfordert, ihm später abgesondert einige Zeilen zu widmen.

Werfen wir einen Blick auf den Beginn des Bürgerkrieges, auf die Zeit, da kurz nach Ferdinands VII. Tode die baskischen Provinzen und in den andern Theilen des Königreiches viele einzelne Edle für Carl V. zu den Waffen griffen. In Blut sollte da der drohende Aufstand erstickt werden: in allen Städten wurden Blutgerüste errichtet, die Verdächtigen wurden eingekerkert, die mit den Waffen in der Hand Gefangenen sofort erschossen. Wir sahen früher, wie die Anhänger der unschuldigen Isabella in den Nordprovinzen wütheten, wie dort Mina, Sarsfield, Valdes, Lorenzo, Rodil in Mord und Zerstörung wetteiferten. Sie erließen Tod und Vernichtung athmende Edikte, sie brannten die Dörfer der aufgestandenen Distrikte nieder, zerstörten Saaten und Vorräthe, schändeten die Frauen und Mädchen und opferten ohne Barmherzigkeit, wen immer sie den carlistischen Guerrillas angehörig oder ihnen nur günstig gesinnt glaubten. Bald fiel der edle Don Santos Ladron, der General, der unter Ferdinand VII. an die Spitze der Getreuen sich gestellt hatte, in Lorenzo’s Hände: mit seinen Gefährten ward er zu Pamplona rücklings erschossen, worauf der Mörder, seiner Schandthat sich rühmend, neue Proclamationen, noch mehr Mord schnaubend als die früheren, erließ und freudig den Entschluß des Gouvernements ankündigte, keinem Rebellen Gnade zu schenken.

Und die Carlisten? Ohne Zweifel regten ihre Anführer zu blutiger Rache sie auf, vergalten Drohung mit Drohung, Tod mit Tod? — General Eraso, der in den Thälern von Ober-Navarra befehligte und nach Ladron’s Ermordung seine Stelle als Chef des Aufstandes einnahm, indem er den Seinen den Tod ihres Führers anzeigte, forderte sie auf, zu bedenken, daß sie für eine gerechte Sache, für die Religion der Liebe kämpften, daß sie daher nicht Böses mit Bösem vergelten, auf die Gerechtigkeit ihrer Anstrengungen gestützt vielmehr durch Großmuth die Wuth der Revolutions-Kämpfer bändigen, den durch die Bravour errungenen Sieg verschönern müßten. — So beantworteten anfangs der Carlisten Anführer die immer erneuten Drohungen und Gräuel der Generale Christina’s.

Zumalacarregui übernahm das Commando. Seine Armee wuchs täglich an Zahl und Furchtbarkeit, er schlug den Feind, nahm Forts und machte zahllose Gefangene: entweder sandte er sie auf ihr Versprechen, nicht mehr dem Feinde zu dienen, in die Heimath oder gab ihnen, wenn sie es begehrten, die Waffen für ihren König. Seine Gegner, Rodil, Mina und die vielen untergeordneten Führer, fuhren fort, jeden Carlisten niederzumetzeln, und beantworteten seine wiederholten Anträge für menschliche und völkerrechtliche Kriegführung gar nicht oder durch Hohn. Zumalacarregui drohete wieder und wieder: — neue Schlächterei! Die Christinos hielten sich stets für die Stärkeren und daher — sehr logisch — für gerechtfertigt in Allem, was sie thun möchten, ihr Übergewicht zu sichern oder ihrer Vernichtungs-Wuth zu genügen. Da durfte Zumalacarregui nicht länger die Rücksichten der Menschlichkeit gegen den Feind vorwalten lassen; die Pflicht gegen die Seinen und gegen die Sache, welche er vertheidigte, schrieb seine Maßregel vor: er befahl zu Repressalien zu schreiten, für jeden außer Gefecht getödteten Carlisten einen Gefangenen zu erschießen. Da auch dieses ganz wirkungslos war, ordnete er für jeden Gemordeten die Erschießung von zehn der zahlreichen Gefangenen, die seine Siege ihm täglich in die Hände spielten, und deren doch die größere Zahl lebend blieb. Fühllos bei dem Jammer der Ihrigen, wie sie bei dem Todes-Zucken der Gegner es gewesen, fuhren die feindlichen Generale in ihrem Blut-System fort: jeder Gefangene ohne Ausnahme wurde erschossen. Indem er die Gräuel verfluchte, die er durch alle Mittel zu verhüten gesucht, befahl da auch Zumalacarregui, daß fortan den Feinden kein Pardon gegeben werde — bis sie ihre Ausrottungs-Dekrete zurücknähmen und menschlichere Art der Kriegführung adoptirten.

So war das Schreckenswort ausgesprochen: von beiden Seiten Kampf auf Leben oder Tod. So hatten ihn die Christinos gewollt, so ward er ihnen; doch der carlistische Feldherr, auf das Äußerste gereizt, verleugnete sein inneres Gefühl nicht. Er stellte es dem Feinde anheim, durch Aufhebung des Systemes, das ihn zu Gleichem gezwungen, sogleich dem Blutvergießen willkommenes Ende zu machen.

Während des Jahres 1834 und im Anfange 1835 wurde der Krieg mit allen Schrecknissen der Vernichtung fortgeführt. Und doch betrachten wir näher das Betragen der beiden Armeen während jener Zeit! Die Christinos, es ist wahr, hatten nicht häufig Gelegenheit, an carlistischen Gefangenen ihre Wuth zu äußern; aber findet sich wohl ein Beispiel, daß sie in solchem Falle der Unglücklichen verschont hätten? Fielen sie nicht Alle unter ihren Streichen! Und nicht nur die Waffen tragenden Freiwilligen, auch deren Väter und Brüder, friedliche Landleute, ja entfernte Verwandte, Frauen und Kinder wurden von den feindlichen Colonnen in fühlloser Wuth hingeopfert. Bald fanden sie nur noch die verlassenen Dörfer vor, da jedes menschliche Wesen bei ihrer Annäherung in die unzugänglichsten Gebirge entfloh; zur Strafe plünderten sie dann die Wohnungen, brannten beim Abmarsch sie nieder und verkündeten wieder Tod einem Jeden, der seinen Wohnsitz verlasse.

Zumalacarregui aber erfocht Sieg auf Sieg, er schlug die feindlichen Divisionen, eroberte Fort auf Fort, reinigte nach und nach die baskischen Provinzen und Navarra und machte selbst Einfälle jenseit des Ebro nach Castilien; es ist leicht zu erachten, daß während der langen Sieges-Periode viele Tausende in seine Hände fallen mußten. Der Befehl, keinen Pardon zu geben, existirte fortwährend, denn die Feinde hatten keinesweges mildere Saiten aufgezogen. So sanken Tausende — unter ihnen General O’Doyle, O’Donnel, dessen zwei Brüder in den Reihen der Royalisten mit Auszeichnung fochten, und andere hohe Officiere — unter dem rächenden Arm der Carlisten, Opfer der Grausamkeit ihrer eigenen Feldherren. Aber dennoch siegte oft Menschlichkeit und Großmuth über die Gebote der Klugheit; dennoch rief Zumalacarregui in den glorreichen Tagen, da er die Divisionen O’Doyle und Osma vernichtete, seinen Freiwilligen, die die Fliehenden niedermachten, zu, vom Blutbade abzulassen, da er so Entsetzliches nicht sehen könne — und achthundert der Feinde wurden gefangen fortgeführt und durften in die Bataillone der Sieger eintreten; dennoch entsandte er die im Hospital von los Arcos gefundenen Officiere und Soldaten und selbst die Garnison, welche im Fort verzweifelten Widerstand geleistet, frei nach Logroño, während einige Meilen von dort Mina mehrere verwundete Carlisten, die er in der Pflege von Bauern in der Nähe von Pamplona entdeckte, hervorschleppen und erschießen, diese Bauern erschießen, einen Jeden, der Bedauern ausdrückte, erschießen und dann die Häuser, in denen die Verwundeten verborgen gewesen, niederbrennen ließ.[17]

Unzähligen Gefangenen gab der carlistische Feldherr die Waffen, so selbst sein strenges Rache-Gesetz umgehend, da doch längst die Erfahrung ihn belehrt, daß die Mehrzahl, des entbehrungreichen Lebens der Carlisten bald überdrüssig, bei erster Gelegenheit zu ihren früheren Cameraden zurückkehrte. Andere entließ er, da sie geschworen, nicht mehr gegen die Sache des Königs zu fechten; und wenige Tage später standen sie wieder ihm gegenüber, da die Generale der Revolution, nicht gesonnen, solches Versprechen zu achten, die Verschonten zu einer andern Division zu versetzen sich begnügten, um ihre Wiedererkennung im Falle eines zweiten Unglücks zu erschweren.

Und welchen Eindruck machte so edles Verfahren auf die Christinos? Da sie nicht ein einziges Beispiel der Milde alle dem entgegensetzen können, müssen sie nicht vielmehr zugestehen, daß, so oft Zumalacarregui sein Repressalien-Gebot in der ganzen Strenge ausführte, eine neue blutige That ihrerseits vollgültigen Grund dazu gegeben, ihn zur Unterdrückung seiner Gefühle und Neigungen gezwungen hatte?


Lord Elliot erschien auf dem Kriegsschauplatze, um durch die Vermittelung der britischen Regierung, der Verbündeten Christina’s, den Vertrag in’s Leben zu rufen, der den Kriegsgefangenen Leben und Auswechselung sicherte. Die Carlisten empfingen freudig seine Anträge; die Christinos zögerten und widerstrebten, und als ihr Oberfeldherr dem Dringen des britischen Bevollmächtigten nachzugeben wagte, da erhoben die wilden Exaltados ihr Geschrei gegen ihn, als Schwächling, ja als Verräther ihn stempelnd. Zumalacarregui im Auftrage seines Monarchen nahm unbedingt die vorgeschlagenen Artikel an; die Christinos beschränkten den Vertrag auf die Armeen der Nord-Provinzen, während in Galicien, Catalonien, Aragon, Valencia und der Mancha, wo zahlreiche Carlisten-Corps sich gebildet, der Krieg wüthete. Umsonst forderte Zumalacarregui, die Wohlthaten des Vertrages auf die ganze Halbinsel ausgedehnt zu sehen. In den Nord-Provinzen fühlten die Christinos sich schwächer und mußten befürchten, daß das Gewicht der erbarmenlosen Kriegführung ferner, wie so lange schon, auf sie zurückfallen werde: da gaben sie nach. In den andern Provinzen aber hielten sie sich für die Stärkeren, dort, hofften sie, sollte die Wagschale des Blutes ganz zu ihren Gunsten sich senken; sie hüteten sich wohl, durch Zulassung des allgemeinen Vertrages die Hände sich binden zu lassen.

Carl V., wohl zu sehr der Stimme der Menschlichkeit allein Gehör gebend, nahm dennoch den so verstümmelten Vertrag an und gab dadurch das einzige Mittel aus der Hand, durch das er, wo er überlegen war, die Gewaltthaten der Revolutionäre gegen die Schwächeren hätte zügeln mögen. Erst spät, als sie auch dort die Macht der Carlisten schwer über die ihrige sich erheben sahen, willigten die Feinde ein, für die Armeen von Aragon und Catalonien ähnliche Übereinkünfte zu treffen; freudig boten die Carlisten die Hand dazu. Der Sieg entschied sich für die Christinos. Da beeilten sie sich — Espartero im Frühjahr 1840 —, die lästigen Banden abzuschütteln, welche nur die Noth ihnen aufgezwängt, und der Oberfeldherr verkündete in einer in allen Städten und Dörfern angehefteten Generalordre,[18] daß fortan den Rebellen, die Widerstand leisteten, kein Pardon gegeben werde.

In Galicien aber und in der Mancha waren die Truppen der Königinn stets den royalistischen Guerrillas überlegen; sie hatten also gar keinen Grund, ihre Neigungen zu verleugnen, und konnten ohne Furcht und ohne Rücksicht ihr Schreckens-System auf den höchsten Grad treiben. Da wurde ein jeder Gefangene und jeder carlistisch Gesinnte erschossen, ihre Angehörigen mit Schimpf vertrieben, die der Anführer nach langen Qualen ohne Gnade hingemordet; da starben die neun und dreißig Verwandten des Haupt-Chefs in der Mancha, D. Vicente Rojero — Palillos —, getödtet ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht, die Frauen bis zum letzten Augenblicke zur Befriedigung viehischer Lust benutzt — das ungeborne Kind ward der zum Tode geschändeten Mutter, der Enkelin Palillos’s, aus dem Leibe gerissen und füselirt, um keine Spur von Leben zurückzulassen;[19] gefangene Chefs wurden in Galicien geviertheilt, die zuckenden Glieder als Trophäen über die Stadtthore ausgesteckt. Und wenn da Palillos, nur noch der Rache lebend, das furchtbare: „es sterbe alles Lebende“ aussprach, wenn jene Unglückliche, zum Tode getroffen in Allem, was dem Menschen theuer, was ihm heilig ist, in der Raserei der Verzweiflung nur Vernichtung athmeten und mit Wollust die Gehaßten hinopferten; — dann wurden sie der Welt als fluchwürdige Ungeheuer dargestellt, aller Schonung und allen Mitleides unwürdig!


So weit die kämpfenden Heere. Und das Volk? Es wäre eben so ermüdend als widerlich, hier in detaillirte Beschreibung aller der tausendfach wiederholten Excesse mich einzulassen, die in fast allen Theilen, allen Hauptstädten der Monarchie gegen Carlisten ausgeübt wurden, weshalb ich mich begnüge, diese Gräuel im Umrisse anzudeuten.

Zuerst wandte sich die Wuth des Volkes gegen die Mönche: in Madrid erstürmten wilde Haufen die Klöster, ermordeten viele seiner Bewohner, verjagten die übrigen, welche bei jedem Schritte neue Mißhandlungen zu leiden hatten; die Regierung wollte oder mußte schweigen. Zaragoza, Barcelona, Valencia, fast alle Hauptstädte der Provinzen und viele andere Orte folgten dem Beispiele der Residenz: die Mönche wurden niedergemetzelt oder im Falle hohen Glückes ins Weite gejagt, Hungers zu sterben oder den carlistischen Guerrillas sich anzuschließen, denn die erbärmliche Unterstützung, die die Regierung ihnen zusagte, wurde Jahre lang nicht gezahlt. Dann wurden die herrlichen Klostergebäude geplündert, oft zerstört, die reichen Denkmale der Kunst und Wissenschaft, die in ihnen aufgehäuft waren, barbarisch vernichtet, die Kirchengüter um Spottpreis hingegeben, die Kostbarkeiten verschwanden unter den Händen der Behörden, denen Niemand Rechenschaft abforderte, die heiligen Gefäße wurden zum niedrigsten Gebrauche mit Spott herabgewürdigt. Wer Schmerz, wer Bedauern auszudrücken wagte, war ein Feind des Volkes und litt als solcher.

Als General Guergué im Jahre 1835 nach Catalonien gezogen war, fiel der ausgezeichnete Oberst der Cavallerie O’Donnell mit einigen hundert Mann in die Gewalt der Feinde; der Elliot’sche Vertrag sicherte ihm das Leben, und er ward mit vielen andern Gefangenen in die Citadelle von Barcelona eingeschlossen. Am 4. und 5. Januar 1836 erhob sich das Volk der Stadt und forderte den Tod der Gefangenen. Die Behörden zogen sich nach einigen Vorstellungen zurück und beschlossen, sich ganz passiv zu verhalten. Das Volk erstürmte ohne Blutvergießen die feste Citadelle, deren Gouverneur ohne Vertheidigung die Thore zu schließen sich begnügte, die Gefangenen wurden hervorgeschleppt, schrecklich mißhandelt und ermordet. O’Donnell mit 107 seiner Gefährten erlitt solches Geschick. Das Volk überhäufte mit Schimpf den Leichnam, schleifte ihn durch die Straßen, verschlang ihn endlich zum Theil, nachdem es ihn geröstet hatte. — Der commandirende General Mina gab auf Anfrage der Regierung als Veranlassung der Schauderthat die Ermordung aller Gefangenen im carlistischen Fort Nuestra Señora del Hort an; die Königinn Wittwe übersandte der National-Garde von Barcelona, die hauptsächlich jene Scene veranlaßt und ausgeführt, eine Ehrenfahne. Am 24. Januar nahm General Mina das Fort del Hort; sämmtliche christinosche Gefangene, deren Tod die Ursache jener Ereignisse gewesen, wurden unversehrt gefunden: Mina ließ die ganze Garnison erschießen!

Andere Städte eilten auf die Nachricht der Ereignisse in Barcelona jubelnd zur Nachahmung; durch ganz Catalonien hallte der Todesschrei, floß Blut, nur in Tarragona gelang es, die Gefangenen durch rasche Einschiffung zu retten. In Zaragoza wurden zur Beruhigung des Volkes zwei carlistische Officiere zum Tode verurtheilt und erdrosselt, bald vier andere, die deportirt werden sollten, auf Verlangen des Pöbels, welcher mit drohendem Geschrei den Gerichts-Saal umtobte, gleichfalls verurtheilt und ermordet; die Richter, welche nicht für den Tod gestimmt hatten, entkamen kaum durch die Flucht. In Cartagena brach der Aufstand im Mai aus, und einige zwanzig Carlisten fielen als Opfer; die Behörden blieben ruhige Zuschauer.

Im Anfange Juni’s ward Brigadier Torres, der Nordarmee angehörend, bei Huesca gefangen und nebst einem Oberst und zehn Officieren in Jaca erschossen, weil — Cabrera die Officiere der geschlagenen Colonne Valdez habe erschießen lassen. Die Christinos hatten die Ausdehnung des Pardons auf die Heere von Aragon verweigert; jetzt benutzten sie die Folgen ihrer Weigerung als Vorwand für den Bruch des Zugestandenen. Carl V. aber hatte auf die Kunde der Ermordung O’Donnell’s eine Proclamation erlassen, durch die er die Seinen aufforderte, fern von ähnlichen Ausschweifungen, stets dem gegebenen Worte treu die Gefangenen mit Großmuth zu behandeln und ihm die Sorge zu überlassen, welche Maßregeln die Wiederholung solcher schändenden Grausamkeiten verhüten möchten. Es ist in dem ganzen Kriege nicht ein Beispiel zu finden, daß das Volk, wo die carlistischen Behörden herrschten, seiner Wuth habe ungezügelt sich hingeben können. Die Stellvertreter der Königinn gaben entweder dem wilden Drängen des Volkes nach, oder stellten sich gar an dessen Spitze oder — — wurden ermordet. Wie selten finden wir in den tausendfach wiederholten Aufständen, daß die Behörden mit Kraft ihnen entgegenzutreten und die Ruhe zu erhalten wußten!

Denn tausendfach wurden solche Scenen wiederholt, tausendfach floß bis zum Schlusse des Krieges in allen Theilen Spanien’s das Blut wehrloser Carlisten oder carlistisch Gesinnter, und wenn ich diese Thatsachen nicht weiter anführe, ist der Abscheu der Grund, der sie zu detailliren mir unmöglich macht. Sie sind so vielfach besprochen, durch die öffentlichen Blätter zu ihrer Zeit so verbreitet, daß mein Schweigen darüber wohl keiner Mißdeutung fähig ist. Dagegen fordere ich jeden Christino, jeden der revolutionären Regierung Spanien’s Anhängenden auf, zu forschen, wo je von den Carlisten, so wie ihre Feinde sie nicht gezwungen, ähnliche Grausamkeiten begangen sind, wo sie nicht auf das Treuste den eingegangenen Verpflichtungen nachgekommen sind, wo sie — so oft vergebens — nicht die Hand zuerst zum menschlichen Kriegführen geboten haben. Wohl mag ich freudig das Resultat des Forschens erwarten. Ja, wie oft — und wieder fast immer vergebens — haben sie, während ihre Gegner am blutigsten gegen sie wütheten — sie durch herrliche Beispiele der Großmuth und Milde zu edlerem Verfahren zu zwingen gesucht, nicht ahnend, daß der Mensch auch dagegen kalt und fühllos bleiben könne!

Doch muß ich, ehe ich schließe, auf eine frühere Bemerkung zurückweisen: ich leugne nicht, daß von einzelnen Individuen, Carlisten oder unter deren Namen, verabscheuungswürdige Thaten begangen sind; sie können auf das Ganze oder zu seiner Beurtheilung keinen Einfluß üben. Dazu kann nur die Tendenz der Parthei, ihres Königs und ihrer Führer dienen; diese Tendenz habe ich gezeigt und der der christinoschen Parthei und ihrer Führer[20] jeder Art gegenübergestellt, so weit sie den gerade zu behandelnden Gegenstand betrifft. Übrigens werde ich selbst Gelegenheit haben, einzelner, von Einzelnen ausgeübter Grausamkeiten und Erbärmlichkeiten zu erwähnen, protestire aber ganz gegen die Art, mit der solche benutzt sind, um das Urtheil derer, die nicht aus persönlichem Anschauen schließen können, falsch zu leiten, so wie gegen die Urtheile, welche auf solche nicht nur einseitige, sondern auch ganz entstellte Darstellungen gegründet sind.

[17] Alles buchstäblich. So führte auch Zumalacarregui, da er in Vitoria eingedrungen, eine Anzahl Gefangene fort; unterweges erfuhr er, daß Einige der Seinigen, die in den Händen der Garnison geblieben, erschossen seien, was natürlich den sofortigen Tod der Christinos zur Folge hatte.

[18] Ich las sie wiederholt.

[19] Auf Befehl des Commandeurs der Reserve-Armee, General Narvaez, wurden diese Gräuel im Jahr 1838 auf den höchsten Grad gesteigert; selbst die Christinos schrieen entsetzt gegen solches Übermaß der Grausamkeit.

[20] Die Königinn ist bei solcher Regierungsform Nichts, eine Puppe, die eben so gut durch jede andere ersetzt oder gar ganz bei Seite geworfen wird.

VI.

Früher sagte ich, daß, seit General Villareal an Graf Casa Egina’s Statt den Oberbefehl der carlistischen Armee übernommen, eine plötzliche Änderung des Kriegssystems eingetreten sei. Villareal glaubte des Sieges sich zu versichern, da er, statt wie bisher, durch allmähliches Ausbreiten der Herrschaft in dem Hauptsitze des Aufstandes sich zu stärken, nach den andern Provinzen des Königreiches Truppencorps entsendete, um sie zu insurrectioniren und den etwa vorhandenen Krieges-Elementen einen festen Anhaltspunkt zu geben, wie zur Erleichterung des auf den baskischen Provinzen lastenden Druckes und um die Hülfsquellen von ganz Spanien sich zugänglich zu machen. Die Expeditionen von D. Basilio Garcia, Gomez und Sanz, rasch auf einander folgend oder gleichzeitig, waren die ersten Resultate der neuen Politik; ich werde sie, um Verwirrung zu vermeiden, nach einander behandeln. Später werde ich die Nachtheile zeigen, welche diese Expeditionen, so wie sie ausgeführt wurden, nach sich ziehen mußten; die Kühnheit und Gewandheit, die einige von ihnen bis tief in’s Innere des feindlichen Gebietes mitten zwischen weit überlegenen Divisionen hinführte, konnte übrigens leicht das Urtheil des Zuschauers bestechen, und als Beweis ihrer Zweckmäßigkeit wurde angeführt, was nur für die Bravour und Standhaftigkeit der Truppen, wie für die Vorzüge der Anführer zeugen kann.

Am 15. Juni passirte D. Basilio Garcia den Ebro unterhalb Logroño mit 3000 Mann Infanterie und 200 Pferden; er warf sich in die pinares — mit Fichtenwaldungen bedecktes Gebirgsland — von Soria, nahm diese Stadt und wandte sich nach zweitägigem Aufenthalte daselbst nach der Provinz Guadalajara. Cordova hatte zu seiner Verfolgung den General Bernuy mit 5000 Mann ausgesendet, eine zweite Colonne unter General Aspiroz eilte von Madrid aus ihm entgegen. Don Basilio aber, gewandt beiden Divisionen ausweichend, durchzog ganz Neu-Castilien und den größten Theil Nieder-Aragon’s, drang in die bedeutenderen Städte, ohne sich jedoch irgendwo festsetzen zu können, und erhob allenthalben Contributionen und Mannschaft. Nachdem er so während zweier Monate den Krieg bis zur Mancha getragen und zwei Mal durch seine Annäherung Madrid in höchsten Schrecken versetzt, nahm er bei Ararzo 300 Mann gefangen, schlug den Angriff Bernuy’s, der ihn zum ersten Male bei Maranchon ereilte, mit schwerem Verluste zurück und langte am 26. Aug. mit 1200 Rekruten, fast 800 Gefangenen und 240 beladenen Maulthieren nebst bedeutenden Geldsummen in Navarra an.


Von höherem Interesse war die Expedition des General Gomez, der am 26. Juni 1836 Amurrio in Alava mit fünf Bataillonen und zwei Escadronen, 2700 Mann Infanterie und 170 Pferden, verließ und, nachdem er am 27. die feindliche Reserve-Division unter General Tello, 6000 Mann stark, seinen Abmarsch zu hindern bestimmt, bei Revilla gänzlich geschlagen, in Asturias eindrang. Der Brigadier Marquis von Bóveda begleitete ihn als Chef des Generalstabes. Er sollte in Asturias und Galicien sich festsetzen, beide Provinzen insurrectioniren, die dortigen carlistischen Banden um sich sammeln und organisiren und so versuchen, sie auf den Zustand zu heben, in dem die baskischen Provinzen sich befanden, mit denen sie durch das Gebirge von Santander leicht in Verbindung standen; die Ausführung des Planes hätte der Sache Christina’s verderblich werden müssen. Schon im Jahre 1835 war General Eraso, einer der ersten und edelsten carlistischen Feldherrn, der nach Zumalacarregui’s Tode den Oberbefehl, schon gleichfalls dem Tode nahe, ablehnte, mit einigen Bataillonen nach Asturien vorgedrungen; sein Versuch scheiterte jedoch an dem Grund-Typus des Charakters der Asturianer und Galicier, der ängstlich berechnenden Vorsicht, die ihnen, wie carlistisch sie gesinnt sein mochten, nicht erlaubte, die Waffen zu ergreifen, wo sie sofort Übel ohne Zahl aus solchen Schritten erwarten durften. Übrigens boten beide Provinzen große Vortheile für die Kriegsart der Carlisten dar, da sie sehr gebirgig und doch großentheils fruchtbar sind und unendlichen Reichthum an Vieh haben. Dagegen ist dort das Geld sehr selten, indem der Handel mit den Produkten des Landes trotz der günstigen Lage unbedeutend bleibt, daher das Sprichwort: „der Galicier hat Alles im Hause, nur kein Geld.“ In der That erzeugt das Land alle Bedürfnisse im Überfluß, und die große Sparsamkeit der Galicier, die ihnen den Ruf des Geizes zu Wege gebracht, macht, daß im Innern der Provinz die Bewohner eines jeden Hauses das irgend Nöthige aus den selbst gewonnenen Produkten zu verfertigen wissen.

Nachdem Gomez, schon hart verfolgt, in den Gebirgen des südlichen Asturien manövrirt, warf er sich durch einen raschen Contremarsch auf die Hauptstadt Oviedo und ruhete dort drei Tage lang. General Espartero war ihm mit seiner Division, 9000 Mann in 12 Bataillonen, von Vizcaya aus gefolgt, während der General-Capitain von Alt-Castilien, General Manso, mit 5000 Mann von Süden gegen ihn rückte; so konnte sich Gomez, da er wenig Anklang fand, in Asturien nicht halten und wandte sich, ein kleines dort gebildetes Bataillon zurücklassend, nach Galicien, vereinigte einen Theil der dortigen Guerrillas und zog am 18. Juli in die Hauptstadt, Santiago de Compostella ein, die der General-Capitain des Königreiches geräumt hatte. Er ward dort mit hohem Enthusiasmus empfangen und konnte sofort ein starkes Bataillon aus zuströmenden Freiwilligen bilden. Da er jedoch nach zwei Tagen bei Annäherung der durch General Pardiñas verstärkten Division Espartero die Stadt geräumt hatte, blieben am Abend des ersten Marschtages noch siebenzehn Soldaten des Bataillons übrig, da die andern nach Santiago zurückgekehrt waren. Er durchzog, stets die feindlichen Generale täuschend, in jedem Sinne die Provinz, glaubte aber, da die Theilnahme gering, die gegen ihn operirenden Streitkräfte unendlich überlegen waren, sich nicht in ihr festsetzen zu können. So kehrte er, die Feinde weit zurücklassend, nach Asturien zurück und drang, während man in Madrid, da er in dem Winkel Galicien’s eingeschlossen, die Nachricht seiner Vernichtung erwartete, anfangs August’s in das Königreich Leon ein, dessen Hauptstadt er gleichfalls besetzte.

Einige Wochen operirte Gomez in den Provinzen Leon, Palencia und Burgos; sein Auftrag war, wiewohl unerfüllt, beendigt, dazu hemmten die Gefangenen, deren Zahl schon die seiner Truppen überstieg, jede Bewegung. Er suchte daher, in Gewaltmärschen die feindliche Linie cotoyirend, sie zu durchbrechen und so nach Vizcaya zurückzukehren. Doch während Espartero und Manso ihn kräftig drängten, hatte sich Cordova zwischen ihn und die Linie geschoben, den Durchbruch unmöglich machend, weshalb Gomez, da er in einem Nachtrab-Gefechte etwa 100 Mann verloren, was Espartero als Vernichtung der Division berichtete, nach gehaltenem Kriegsrathe in das Innere der Halbinsel den Krieg zu tragen beschloß und also nach Osten sich wandte, wo er mit den carlistischen Chefs in Aragon sich zu vereinigen hoffte.

Am 23. August zog das Expeditions-Corps in Palencia ein, und große Magazine von Kriegsbedürfnissen jeder Art nebst mehreren Cassen fielen in seine Hände, dann drang es in die Provinz Guadalajara vor und setzte Madrid in solche Bestürzung, daß alle compromittirten Personen ihre Effekten gepackt, die Ministerien und anderen Behörden sich zur Flucht vorbereitet hatten. Brigadier Lopez wurde mit seiner Brigade, 3000 M. stark, als Avantgarde des Kriegsministers, Marquis Rodil, der mit der ganzen Besatzung von Madrid nach der Nordarmee hatte abgehen sollen, gegen Gomez beordert, während Alaix mit der Division Espartero ihn auf dem Fuße verfolgte und die mobile Colonne von Soria von Norden ihn bedrohen und hindern sollte, nach Navarra sich zu wenden.[21] Am 30. August fand Gomez die Brigade Lopez in einer vortheilhaften Stellung im Dorfe Matillos bei Jadraque, zehn Meilen von Madrid: die Truppen hatten, da Lopez sich zurückziehen wollte, ihren Anführer gezwungen, den Feind zu erwarten. Gomez umstellte das auf einer Höhe liegende Dorf und griff kraftvoll an; nach einer halben Stunde war das Dorf erstürmt, Lopez mit 2800 Mann gefangen, seine beiden Geschütze waren genommen und nur zwei Uhlanen entkamen, den geängstigten Bewohnern Madrid’s die Nachricht von der Vernichtung der Brigade zu bringen. Gomez aber, seiner Schwäche sich wohl bewußt, setzte den Marsch nach Aragon fort; er durchzog die Provinz Cuenca, nahm Moya, drang bis Chelva im Königreiche Valencia und vereinigte sich, da er seine Verwundeten und alle Gefangenen nach Cantavieja geschickt, bei Utiel mit General Cabrera, der den größten Theil seiner Cavallerie und die Brigaden Quilez und Miralles, 3400 Mann Infanterie und 400 Pferde, ihm zuführte.

Gomez beschloß nun, nach seiner Heimath Andalusien vorzudringen, da die Fruchtbarkeit dieser Königreiche und ihr nicht durch den Krieg verminderter Reichthum ihm herrliche Beute versprachen, wenn er selbst nicht dort sich festsetzen könnte, was der Charakter der Andalusier wohl nicht mit Grund hoffen ließ. Unendlich schlau, selbstsüchtig und lebenslustig sind sie wenig geneigt, die Ruhe des Friedens gegen die Beschwerden zu vertauschen, die der Krieg unvermeidlich macht; sie fühlen sich nicht so sehr durch ihre Meinungen hingerissen, daß sie deshalb den Gefahren einer Erhebung, den Leiden sich aussetzten, die die Niederlage mit sich bringen müßte. In ihrer Indolenz und Trägheit, die doch mit glühendem Blute und wild aufbrausender Leidenschaftlichkeit verbunden sind, ist ihr einziges Streben auf Lebensgenuß gerichtet, und wenig kümmert es sie, ob Carl V., ob Isabella’s Vormünder ihnen Gesetze ertheilen. Sie ziehen es vor, den Gang der Ereignisse abzuwarten, um in dem Augenblicke, der den Sieg für eine der streitenden Partheien sich entscheiden sieht, mit hohem Enthusiasmus sich zu erheben und einstimmig als begeisterte, ruhm- und lohnwürdige Patrioten sich zu verkünden. Ein geistreicher Officier, selbst Andalusier, stellte einst die Behauptung auf, der Krieg werde erst beendigt sein, wenn ganz Andalusien in Masse sich erhoben hätte; denn, setzte er auf das ungläubige Lächeln der Umstehenden hinzu, meine Landsleute rühren sich gewiß nicht, bis sie den Sieg für uns entschieden sehen.

Die Christinos boten nun alle Kräfte auf, um Gomez’s weitere Fortschritte zu hindern, weshalb General Rodil Madrid mit allen disponibeln Truppen verließ und, die Hauptstadt deckend, über Guadalajara mit 8000 Mann heranzog, während Alaix mit 9000 Mann unmittelbar die Expedition verfolgen sollte. Die vereinigten carlistischen Führer brachen am 15. Sept., nachdem ein Versuch gegen das feste Requena mißlungen, nach der Mancha auf, wurden aber am 19. bei Tagesanbruch in Villarrobledo auf der Gränze von Cuenca und la Mancha durch Alaix überfallen. Es gelang diesem, den rechten Flügel der Carlisten, ehe er überrascht sich hatte formiren können, zu werfen, und trotz einiger glänzenden Chargen der beiden Escadronen des Brigadiers Villalobos ritt der Chef der feindlichen Cavallerie, Oberst Don Diego Leon, mit dem Regiment Husaren der Kronprinzessinn, einige Bataillone nieder, die in wilder Verwirrung dem nahen Gebirge zuflohen. Der linke Flügel aber unter Cabrera’s Befehl wies, an das Gebirge gestützt, den Angriff kräftig zurück und deckte durch seine feste Haltung den Rückzug der übrigen Corps; dennoch verloren die Carlisten gegen 1300 Gefangene von den Bataillonen, die vor dem Andringen der Husaren sich zerstreut und dadurch wehrlos sich in ihre Hände gegeben hatten. Alaix hätte durch energische Benutzung seines Sieges dem Expeditions-Corps verderblich werden können. Er blieb aber, seine erschöpften Truppen ruhen zu lassen und die Gefangenen nach Cartagena zu senden, in Villarrobledo stehen und setzte sich erst nach mehreren Tagen zur Verfolgung in Bewegung.

Gomez hatte, so wie er die geschlagenen Truppen formirt, den Marsch auf Andalusien fortgesetzt. Er durchkreuzte die Mancha, warf sich in die Sierra morena, passirte den Engpaß des Despeñaperros, wo nur auf enger, zwischen Felsen und Abgründen eingezwängter Straße die Verbindung zwischen Castilien und Andalusien möglich ist, und zog am 26. Sept. in la Carolina im Königreiche Jaen, dann in das Innere streifend in Ubeda am Guadalquivir, in Baylen und Andujar auf der großen Heerstraße ein, überschritt jenen Fluß und rückte gegen Cordova vor. Am 30. Sept. erschien Cabrera, der die Vorhut befehligte, vor den Thoren der reichen Hauptstadt, wo Niemand den Feind erwartet hatte; ungeheure Verwirrung herrschte, während die Truppen und National-Gardisten großentheils in die Forts sich einschließen wollten, eilten andere zur Vertheidigung der Mauern und Thore. Da Cabrera, der an der Spitze einiger Reiter die Stadt umkreisete, einem derselben sich nähernd, es geschlossen aber ohne Truppen fand, befahl er den Einwohnern, es zu öffnen, und stürmte durch die Straßen, aus denen die Besatzung nach den Forts sich zurückzog, wo sie bald, 3500 M. stark mit drei Kanonen, sich ergab. Die Eroberung Cordova’s hatte dem eben so braven als wie loyalen Cavallerie-Brigadier Villalobos das Leben gekostet, da er mit weniger Mannschaft einem der festen Gebäude zufällig sich genähert hatte.

Von allen Seiten eilten die feindlichen Massen herbei, um combinirt das kleine Carlisten-Corps zu vernichten. Alaix hatte schon die Sierra morena überstiegen, und Rodil, durch die Vereinigung mit der Division Rivero 11000 Mann stark, zog durch die Mancha heran, während der General-Capitain von Andalusien die ganze Provinz in Kriegszustand erklärte und bei Sevilla ein Corps zusammenzog, General Escalante mit einer kleinen Colonne von Malaga, General Quiroga eben so von Granada und eine dritte Colonne von Estremadura heranrückte. Trotz so vieler drohenden Maßregeln konnte Gomez vierzehn Tage lang in Cordova bleiben, wo er eine Regierungs-Junta errichtet hatte und dauernde Herrschaft zu beabsichtigen schien; der größte Theil der Provinz, den Krieg schon als beendigt ansehend, proclamirte jubelnd Karl V. als König. Zahlreiche Rekruten-Bataillone, aus den Freiwilligen gebildet, die von allen Seiten herbeigeströmt, wurden rasch organisirt und exercirt. Damals zählte Gomez etwa 13000 Mann unter seinem Commando, weshalb ihm häufig zum Vorwurf gemacht ist, daß er mit solchen Streitkräften sich nicht in Cordova behauptete; doch darf nicht übersehen werden, daß ihm nicht nur die feindlichen Führer um mehr als das Doppelte überlegen blieben, sondern auch die Hälfte seiner Truppen aus so eben bewaffneten Rekruten bestand, daß die Lage der Provinz Cordova, rings den feindlichen Colonnen offen, sehr ungünstig ist, während die wilde und ganz nackte Sierra morena wohl Räuber-Banden bergen, nicht aber einer Armee als dauernder Aufenthalt und Stütze dienen kann, daß endlich von dem Geiste der Einwohner, so hell er plötzlich aufloderte, auf die Länge nichts erwartet werden durfte.

Nachdem Cabrera am 5. Oct. bei Baena die Colonne Escalante’s vernichtet und 400 Mann gefangen hatte, zog am 9. Gomez dem nahenden Alaix entgegen, kehrte jedoch ohne Kampf zurück und räumte am 13. die Stadt, die der Feind sogleich besetzte und unter dem Vorwande, die royalistisch Gesinnten zu strafen, fast sie ganz plünderte; die Truppen ließen die furchtbarsten Excesse sich zu Schulden kommen, Alaix selbst warf viele der angesehensten Einwohner in’s Gefängniß, erhob schwere Contributionen, raubte die kostbaren Kirchen-Geräthe und behandelte die Stadt schlimmer als eine feindliche. Gomez aber ward von dem Bedauern der Einwohner begleitet, als er abzog. Während der ganzen Expedition zeigte er so viel Menschlichkeit und Milde, daß selbst die Christinos einige Mal sein untadelhaftes Betragen anzuerkennen genöthigt waren: überall ward das Privat-Eigenthum streng respektirt und Niemand seiner Meinung wegen belästigt; er verkündete im Namen des Königs allgemeine Amnestie für Diejenigen, welche sich unterwürfen, und begnügte sich die National-Gardisten zu entwaffnen, wo sie sich nicht widersetzten, wenn sie aber Widerstand leisteten, als Kriegsgefangene sie zu behandeln. Viele von diesen entließ er nach kurzer Haft in ihre Heimath. Gomez sorgte dafür, daß die Contributionen, welche er allenthalben erheben mußte, mit Rücksicht eingetrieben wurden, die Disciplin wurde unter den Truppen mit Strenge aufrecht erhalten, jede Gewaltthätigkeit, jeder Insult hart bestraft, Plünderungen fanden selbst in den mit den Waffen in der Hand genommenen Städten niemals Statt. Dennoch hatten die häufigen Gefechte, da die Gefangenen stets dem Sieger ihr Geld ausliefern mußten, und die zahllosen Convoys und königl. Cassen, die auf dem langen Zuge der Division in die Hände fielen und unter die Truppen vertheilt wurden, solchen Überfluß an Geld in dem Corps erzeugt, daß die Einzelnen, in deren Taschen, wie gewöhnlich im Kriegerleben, durch Spiel das Geld sich concentrirte, dem Bürger allenthalben 25 und 30 duros in Silber für eine Gold-Unze — 16 duros, 84 francs — gaben.

Der eine Vorwurf, der nach deutschem Kriegsrechte dem carlistischen General gemacht werden könnte — er ließ die Gefangenen, wenn sie den forcirten Märschen nicht folgen konnten, niederschießen — ist durch spanischen Kriegsbrauch ganz zurückgewiesen, wie denn auch die Feinde stets eben dasselbe thaten und deßhalb nie der Grausamkeit ihn anklagten. Dagegen ließ Alaix in allen Orten des gewiß christinoschen Gebietes, in denen die Expedition gewesen, seine Soldaten ungestraft Ausschweifungen begehen, und fünf Parlamentäre, welche Gomez mit Vorschlägen wegen Auswechselung der Gefangenen und der Etablirung neutraler Hospitäler zu ihm gesendet hatte, unter ihnen einen Oberst, schickte er als Kriegsgefangene nach Granada. Die Anträge aber seines edlen Feindes, ihm die Gefangenen, da sie nicht zu folgen vermochten, gegen einen Empfangschein überliefern zu wollen, wogegen er eben so viele Carlisten, sobald er könne, zurückzugeben habe, wies er mit der Bemerkung zurück, die Gefangenen seien ihrer Parthei todt, möchten also seinetwegen sterben.


Nach der Räumung Cordova’s warf sich Gomez in die Sierra morena. General Rodil im Norden, General Alaix im Süden folgten seinem Marsche parallel auf einer Entfernung von vier bis fünf Meilen, ohne daß einer der beiden einen Angriff auf das Expeditions-Corps versucht hätte, welches so zwischen sie eingezwängt war. Nachdem er drei Tage in solcher Begleitung geblieben war, täuschte Gomez die ihrer Beute gewissen, stets für den nächsten Bericht die Vernichtung des schon rettungslosen Feindes verheißenden Generale, ließ sie weit zurück, stieg vom Gebirge nach Norden herab und erschien nach einigen Scheinmärschen am 22. Oct. vor der festen Stadt Almaden, bekannt durch seine reichen Quecksilber-Minen. Die Avantgarde unter Cabrera’s Führung überraschte eine vom General Flinter, dem Chef der activen Division von Estremadura, zur Recognoscirung entsendete Schwadron Carabiniers und drang mit ihr, auf dem Fuße sie verfolgend, in die Stadt ein, wo auf die größte Sorglosigkeit, da Niemand, auf den Schutz der christinoschen Divisionen vertrauend, einen Angriff erwartet, eben so große Verwirrung folgte. Flinter, ein Engländer, und Brigadier de la Fuente, Gouverneur der Festung, schlossen sich mit 1800 Mann in zwei massive Gebäude ein, schnelle Hülfe hoffend, mußten aber, da diese nicht erschien, nach verzweifeltem Widerstande, capituliren. Zwei Tage nachher überschritt Gomez, der dem Drängen anderer Chefs auf Vernichtung der Quecksilber-Minen fest widerstanden hatte, die Guadiana und stand am 27. in der bedeutenden Stadt Guadalupe in der Provinz Toledo, schon nahe der Gränze von Estremadura, wohin er sich wandte: ihm parallel, wenige Stunden, wie immer entfernt, folgte General Rodil, der gleichfalls die Guadiana passirt hatte.

Die feindlichen Anführer schmiedeten fortwährend Einfange-Pläne, bald selbst von den liberalen Blättern mit Hohn bedeckt, da ihr gerühmtes System der parallelen Linien den einzigen Erfolg hatte, daß die in jeder Depeche als ganz umstellt geschilderte Expeditions-Division stets von neuem unter den Händen ihnen entschlüpft war und nebenher von Stadt zu Stadt unbelästigt einherzog. General Narvaez war mit neuen 6000 Mann von Madrid hergesandt: er sollte, die Hauptstadt deckend, Gomez von Osten drängen, während Rodil, den Übergang über den Tajo zu vertheidigen, beim Puente del Arzobispo sich aufstellte und Alaix, der nun auch die Sierra morena überschritten, im Süden an der Guadiana operirend, die Carlisten von dort abschneiden und, wenn sie gegen den Tajo vorgingen, auf Rodil werfen sollte, um sie zwischen beiden Corps zu erdrücken. Gomez aber, anstatt wie man gewiß erwartete, den Übergang dieses Flusses zu versuchen und durch das westliche Spanien nach den baskischen Provinzen sich zu wenden, stand bis zum 3. November abwechselnd in den reichen Städten Caceres und Trujillo, ruhig hin und her die schönsten Gegenden Estremadura’s durchziehend und seinen Truppen die nöthige Erholung gebend. Indem ihm eben so langsam die Division Rodil auf der gewöhnlichen Entfernung von einigen Leguas folgte, entwaffnete er allenthalben die National-Gardisten, die zitternd sich unterwarfen, rüstete die zahlreichen Partheigänger der Provinz und wandte sich, da er einen vollständigen Aufstand nicht organisiren konnte, unerwartet wieder gen Süden. Am 6. Nov. passirte er die Guadiana bei Medellin, wenige Stunden von Alaix entfernt, und drang in das Königreich Sevilla ein.

Cabrera, der seine Unzufriedenheit über die Vorsicht des Obergenerals, der ihm zu sehr den Kampf vermied, nicht verhehlte, trennte sich mit einem großen Theile der Cavallerie von dem Expeditions-Corps, und zog durch die Sierra morena, die Mancha und Castilien den ihm untergebenen Provinzen zu, da die beunruhigenden Nachrichten, welche von dorther über die durch den Feind errungenen Vortheile einliefen, seine Gegenwart unumgänglich erforderten. Miralles — el serrador — war schon früher mit seiner Brigade dahin zurückgekehrt, so daß nur noch die schwache Brigade Quilez mit Gomez’s Division vereinigt blieb, welche nun 5000 Mann Infanterie und etwa 1000 Pferde zählte, die meistens in Andalusien requirirt durch besondere Güte sich auszeichneten. Die dort neu gebildeten Bataillone hatten sich natürlich fast ganz zerstreut, so wie die Strapazen zugenommen. Das Commando der schönen Division Rodil, dessen Unthätigkeit die Christinos erbitterte, war dem General Rivero übertragen.

Gomez durchzog den westlichen Theil von Sevilla, die herrliche Stadt bedrohend, überschritt am 10. Nov. den Guadalquivir und nahm am 14. Ecija, eine der ersten Städte des Königreiches in der fruchtbaren Ebene von Sevilla. Vier Divisionen, ein Ganzes von 30000 Mann bildend und fortwährend verstärkt, operirten nun gegen ihn, da Espinosa im Süden ihn bedrohete, während Narvaez Sevilla deckte und Alaix von Norden, Rivero von Osten her drängten. Dennoch wand sich Gomez mitten zwischen die feindlichen Colonnen hindurch, erreichte die Sierra de Ronda, nahm am 16. Nov. diese Stadt und richtete sich, alle vier Divisionen hinter sich herziehend, nach dem äußersten Süden der Halbinsel, wo er in Algeciras eindrang und San Roque und das campo de Gibraltar[22] besuchte, dessen Garnison unter die englischen Kanonen sich geflüchtet hatte. Ein englisches und ein portugiesisches Kriegsschiff beschossen hier, jedoch fast ganz ohne Effekt, die Division; auch nahmen sie das Fahrzeug, auf dem die Junta mit einem Theile der königlichen Gelder — 30000 Thlr. — sich eingeschifft, und lieferten sie den Christinos aus. Da aber die Feinde dem Expeditions-Corps, zwischen ihren Truppen und dem Meere auf der schmalen vorspringenden Südspitze des Königreiches eingeschlossen, jeden Ausweg sicher genommen glaubten, hatte Gomez wiederum die christinoschen Generale getäuscht und, wiewohl so furchtbar bedrängt, daß er die Division in mehrere kleine Colonnen theilen mußte, die Sierra de Ronda erreicht, wo er, am 25. Nov. von Narvaez am Guadalete ereilt, 150 Gefangene verlor, welche von der Nachhut abgeschnitten wurden.

Gomez’s Lage war höchst bedenklich. Er war umringt von sechsfach überlegenen Streitkräften in einer Provinz, in der er keinen Anhaltspunkt hatte, ohne irgend eine Verbindung mit den carlistischen Armeen und vor Allem beschwert und gehemmt durch mehrere tausend Gefangene und einen ungeheuren aus Maulthieren und großen Wagen bestehenden, oft zwei und drei Stunden Weges einnehmenden Convoy, wie die Beute nach solcher Expedition ihn bilden mußte. In Andalusien länger sich zu halten war unmöglich, und doch hatte er bestimmten Befehl, im Süden Spanien’s zu verharren, um die Aufmerksamkeit der Feinde zu theilen und nicht vor der Einnahme von Bilbao die bedeutenden ihn verfolgenden Truppenmassen nach den Nord-Provinzen zu ziehen. Gomez glaubte trotz dem der Nothwendigkeit weichen zu müssen; gewiß fehlte er schwer, da er direkt jenen Provinzen sich zuwandte. Einmal entschlossen, that er zur Rettung seiner Division das unmöglich Scheinende: nachdem er den größten Theil der Gefangenen in Freiheit gesetzt hatte, legte er in sechs und zwanzig Tagen auf großen Umwegen die Entfernung von dem Felsen Gibraltar’s zu dem vizcaischen Meere zurück, indem das Corps täglich Märsche von zwölf bis vierzehn Stunden, an einzelnen Tagen bis zu siebenzehn Stunden machte. Nur spanische Truppen möchten zu Ähnlichem fähig sein. Noch erstaunlicher ist, daß die ihn verfolgende Colonne nicht nur eben diese ungeheuren Märsche machen, sondern selbst ein Mal ihn überholen konnte.

Über Ossuna und Lucena richtete sich Gomez auf das Königreich Jaen; am 29. November ward er von Alaix bei Alcaudete überrascht, litt jedoch außer einem Theile der Bagage keinen Verlust. Er passirte die Guadiana, überschritt am 2. December die Sierra morena durch den Despeñaperros und durchkreuzte in stets forcirten Märschen die Provinzen der Mancha und Guadalajara. Ihm folgte auf dem Fuße Alaix, von dessen Division 800 Mann, die durch so gewaltige Anstrengungen erschöpft zurückblieben, unter einigen Sergeanten nach Jaen zogen und die Stadt plünderten. Am 8. December langte Gomez nach einem Marsche von funfzehn Stunden Abends neun Uhr in Huete an: eine Stunde später überfiel Alaix, der an dem Tage siebenzehn Stunden zurückgelegt, die Stadt, in der die Compagnien mit Austheilung des Soldes beschäftigt waren. Er machte ungeheure Beute, aber kaum 200 Gefangene, da die Division nach den ersten Schüssen zwar in gränzenloser Verwirrung aus der Stadt entflohen war, sich aber sofort in dem Felde formirte und kaum eine Meile entfernt in Ordnung campirte. Sie durchzog mit reißender Schnelle die Provinzen Soria und Burgos, passirte den Ebro und langte am 19. December in Orduña, der Hauptstadt Vizcaya’s, an. Zugleich war Alaix mit den 6000 Mann, die von seiner Colonne ihm gefolgt, in Valmaseda angekommen und vereinigte sich mit Espartero, ihm folgten Rivero und Narvaez. Am 24. December erstürmte Espartero die Positionen der Carlisten vor Bilbao und entsetzte die wichtige Stadt.

Gomez, da er mit 2900 Mann die Nord-Provinzen verlassen und fortwährend von zwei bis fünf überlegenen Corps verfolgt wurde, hatte in sechs Monaten Spanien in jeder Hinsicht durchkreuzt; er hatte alle Provinzen des Königreiches, mit Ausnahme von Catalonien, berührt und war in viele der bedeutendsten Städte eingerückt. Wie oft er auch in den Berichten der Feinde als verloren, vernichtet erschien, wußte er immer durch gewandte Bewegungen sie zu täuschen, er nahm unter ihren Augen verschiedene feste Punkte und vernichtete selbst durch glückliche Gefechte mehrere Colonnen. Häufig mit doppelt so viel Gefangenen belastet, als er selbst Truppen zählte, lieferte er in die Depots der Nord-Armee und von Aragon über 9000 Gefangene ab, wiewohl er alle National-Gardisten und später viele Soldaten in Freiheit gesetzt hatte; und trotz so vieler Beschwerden und Kämpfe, trotz der erlittenen Unfälle kehrte er endlich mit fast 5000 Mann, worunter 700 Pferde, vollkommen organisirt und disciplinirt, nach Vizcaya zurück.

Zum Erstaunen Aller, welche nur diese glänzende Seite der Expedition beachteten, ward Gomez sogleich seines Commandos entsetzt, arretirt und vor ein Kriegsgericht gestellt. Er wurde angeklagt, seinen ursprünglichen Auftrag in Galicien und Asturien nicht erfüllt, später den erhaltenen Befehlen zuwider das südliche Spanien verlassen und durch seine Rückkehr das Scheitern des Unternehmens auf Bilbao veranlaßt zu haben. Dazu kamen Beschuldigungen über Mißbrauch und Vergeudung der königlichen Gelder; doch wurden sie nie bewiesen. Später ward Gomez in Rücksicht auf seine sonst ausgezeichneten Dienste durch die Gnade des Königs in Freiheit gesetzt.


Noch muß ich die kurze und unbedeutende Expedition erwähnen, zu der General Sanz, welcher schon bei Gomez’s Abzuge mit einigen Bataillonen eine Bewegung aus Castilien gemacht hatte, um die Aufmerksamkeit des Feindes zu theilen, Ende Septembers mit drei Bataillonen und zwei Escadronen nach Asturien abmarschirte, während die Hauptarmee zu seiner Unterstützung im Thale von Mena operirte. Er zog am 4. October in Oviedo ein, wandte sich nach Galicien und, von dort abgedrängt, auf Castilien, durchzog einen Theil des Königreiches Leon und kehrte kräftig verfolgt nach Asturien zurück. Da er am 19. October einen neuen Versuch, in Oviedo einzudringen machte, ward er abgewiesen, nahm am 21. die Hafenstadt Gijon und wurde, da er am 24. bei Salas eine der ihn verfolgenden Colonnen angriff, mit einigem Verluste zurückgetrieben, worauf er sich in die Gebirge von Santander warf und mit dem dort operirenden General Castor vereinigte. Sein Zug hatte gar keinen Erfolg gehabt.

[21] Wie wenig die feindlichen Feldherren die Expeditionen als den Carlisten vortheilhaft ansahen, wird dadurch gezeigt, daß sie stets ihre Rückkehr zu verhindern sich bemüheten.

[22] Befestigte Linie der Spanier, Gibraltar gegenüber und auf Kanonenschußweite von der Festung angelegt.

VII.

Monat auf Monat verging; meine Hoffnung, bald die Freiheit wieder zu erlangen, stets aufs Neue getäuscht, schwand allmählich in finstere Hoffnungslosigkeit hin. Der Winter hatte durch die für jenes Clima ungewöhnliche Kälte und fußhohen Schnee in das nordische Vaterland mich versetzt, der Frühling rief wieder seine lauen Lüfte hervor, frisches Leben einhauchend; und immer zwang mich der Kerker zu peinlicher Ruhe, mahnten mich die eisernen Gitterstäbe, wie so ganz verschieden die Wirklichkeit war von den glänzenden Gebilden, in denen meine Phantasie sich gefallen. Doch war meine Gefangenschaft als solche keinesweges hart: die Gesellschaft, in der ich mich befand, machte sie vielmehr so angenehm, wie möglicher Weise Gefangenschaft es sein kann.

Da sich in dem Depot von Logroño gar keine — auch später sehr wenige — Gefangene befanden, war mir bei meiner Ankunft mit einem arretirten christinoschen Officier ein Zimmer angewiesen, dessen freie Fenster, achtzig bis neunzig Fuß über dem Hofe, der an die Stadtmauer stieß, auf das Feld sahen. Da die Wache aber bei Madinaveytia’s Burschen, der uns das Essen brachte, ein Strickchen fand, das er uns jedes Mal um den Leib gewickelt brachte, und dann auch das Zimmer durchsuchend mehrere andere entdeckte, die wir bereits, das Hinabsteigen zu erleichtern, mit Knoten versehen hatten, wurden wir auf einige Tage getrennt und bei unserer Wiedervereinigung in einen Kerker versetzt, der wohl jeden Gedanken an Flucht ersticken mochte. Das einzige, mit furchtbar starkem Gitter geschlossene Fenster öffnete auf die Straße, wo eine Schildwache auf und ab spatzierte, während eine andere die Thür bewachte; die eine Seitenwand trennte uns von dem Zimmer des wachehabenden Officiers, die andere von der Wachstube. Eine Hoffnung blieb uns: unter dem Kerker waren die Ställe der reitenden Artillerie, deren Sergeanten — die Sergeanten, oft Männer von Bildung und durch ihre Stellung den höchsten Einfluß auf die Soldaten übend, spielten in den tausendfachen Aufständen der christinoschen Armee stets eine große Rolle — als unruhig und unzufrieden bekannt waren. Madinaveytia wußte Bekanntschaft mit einigen derselben anzuknüpfen und bearbeitete sie mit dem ihm eigenen Talente so weit, daß sie auf seinen Plan eingingen, der darin bestand, durch die Ställe zu entkommen, auf den Pferden, mit denen die Artilleristen außerhalb der Stadt warten würden, den Ebro zu passiren und mit den Carlisten uns zu vereinigen, worauf er nach Frankreich sich zurückziehen wollte. Manche hingeworfene Äußerungen machten mich glauben, daß die Sergeanten mehr als bloßes Übergehen zu den Carlisten bezweckten: sie wollten eine unabhängige Guerrilla bilden, auf echte spanische Banditenart das Land ausplündern und dann mit ihrer Beute davongehen, wie es bei dem Zustande des Königreiches sehr leicht war und von vielen Erbärmlichen ausgeführt wurde, welche sich nicht scheuten, den Namen von Carlisten zum Deckmantel ihrer Schandthaten zu machen, so in Vieler Augen ihn schändend.

Ehe der Plan der Flucht zur Reife gekommen, mußten die Artilleristen abmarschiren, wodurch uns die Hoffnung auf endliche Rettung ganz genommen wurde. So suchten wir denn, die schwere Zeit so angenehm und nützlich wie möglich hinzubringen, und die Mittel dazu fehlten uns nicht. Die Mutter Madinaveytia’s, Doña Eulalia, war auf die Nachricht seiner Arretirung von Madrid herbeigeeilt, den einzigen Sohn zu pflegen; eine edle, tieffühlende Frau, ganz Milde und Hingebung, beseelt von der innigsten aufopfernden Liebe für ihren Sohn, einer der herrlichen ganz weiblichen Charaktere, wie unter Spanierinnen so selten sie sich finden. Da ich das Loos ihres Sohnes theilte, schenkte sie auch mir ihre volle Zuneigung und zeigte sich mir ganz als Mutter: ihr einziges Streben war darauf gerichtet, die Lage ihrer „armen beiden Söhne“ zu erleichtern. Bei den Besuchen, die sie täglich uns abstattete, ward sie von ihrer Niece begleitet, einem jungen, reizenden Mädchen, feurig und glühend, mit den dunkel schmachtenden Augen, dem üppigen Wuchse und den wunderkleinen Füßen der Andalusierinnen; ihr schneeiger Teint und die langen lichtbraunen Haare im Contrast gegen jene Glut-Augen des Mittags gaben dem lieblichen Wesen etwas besonders Anziehendes. Erst funfzehn Jahr alt war Paquita mit ihrem Cousin verlobt, und ihre schwärmerische Liebe schien in der Hoffnungslosigkeit stets leidenschaftlicher zu werden.

Häufig führten uns diese Damen einige ihrer weiblichen Bekannten und Verwandten zu, deren die Spanier eine unendliche Zahl haben, da sie die Vettern- und Basenschaft bis ins funfzigste oder sechszigste Glied nachzurechnen pflegen. Jede der schönen Besucherinnen brachte dann ausgesuchte Früchte, Eingemachtes und mancherlei Näschereien mit und theilte, der Sitte gemäß, mit dem Herrn, dem sie durch solche Artigkeit Vorzug zu zeigen beabsichtigte, den Leckerbissen, den sie als schönsten sich vorbehalten hatte. Die Lebensweise der spanischen Damen, wie sie durch die ganze Halbinsel dieselbe bleibt, ist getreu mit zwei Worten geschildert: ihr Schmuck, vor Allem die Anordnung der eleganten Mantilla, und die Bewegung des Fächers machen vom Morgen bis zum Anbruche der Nacht ihre exclusive Beschäftigung aus. Der Nebenzweck des Fächers ist, Kühlung zu geben; aber er drückt Alles aus, wodurch weibliche Koketterie die schwachen Herzen der Männer zu erobern und sich zu erhalten sucht, Unwille, Verlegenheit, Gleichgültigkeit, Vorwurf, Hingebung, Eifersucht und wie alle jene mächtigen Verbündeten der frivolen Gefallsucht und Eitelkeit heißen mögen — die graziösen Bewegungen des Fächers sprechen sie vollkommen aus. So sitzen diese Damen plaudernd, Chocolate schlürfend und gähnend, sich moquirend und schlummernd, kokettirend oder neue Eroberungs-Pläne entwerfend, bis die Frische des Nachmittags sie zum Spatziergange ruft, auf welchem Auge und Fächer um die Wette ihr grausames Spiel treiben; der Abend führt sie zur kalten, langweiligen Tertulia, wo sie sich bald um die Hasardtafeln gruppiren, durch die niedrigste Leidenschaft unüberlegt ihre schönen Züge entstellend. In allen Classen der Gesellschaft ist die Spielsucht auf unglaubliche, Schrecken erregende Höhe gestiegen.


Mit Ausnahme der Stunden, welche die Besuche weniger nützlich uns hinbringen ließen, waren wir eifrig mit Studiren beschäftigt, wozu die Bücher uns behülflich waren, welche einige Priester uns hatten verschaffen können. Alte und neue Sprachen beschäftigten uns besonders, da zufällig ein Jeder diejenigen kannte, welche dem andern fremd waren, während die französische als Communications-Mittel diente; dazu verschiedene Wissenschaften und Musik, wobei wir die Geduld bewundern mußten, mit der die neben uns wohnenden Wache-Officiere täglich unsere Ohr zerreißenden Concerte auf Flöte und Guitarre ertrugen. So verging uns die Zeit, wie stets bei einförmiger Beschäftigung, reißend schnell, und die Ordre, durch die mein Stubengefährte auf den folgenden Tag zum Abmarsche sich vorzubereiten angewiesen wurde, war für Beide ein Donnerschlag, wenn längst befürchtet, deßhalb nicht weniger empfindlich.

Don Francisco de Madinaveytia, einer der ersten Familien Guipuzcoa’s angehörig, hatte in einem jesuitischen Collegium ausgezeichnete Erziehung genossen, so selten selbst in den höchsten Classen der spanischen Nation. Sein Vater, Präsident des höchsten Gerichtshofes unter Joseph Napoleon, für den er, wie viele ausgezeichnete Männer, sich erklärt hatte, aus seiner Herrschaft Besseres für das Vaterland hoffend, als es von den Nachkommen Ludwigs XIV. erfahren hatte, ward nach dem Sturze des Kaisers vergiftet, ein Opfer des Hasses, den alle Anhänger des Eindringlings so schwer empfanden. D. Francisco, als er nach mehrjährigem Aufenthalte in Paris in das Vaterland zurückkehrte, fand die Familien-Güter confiscirt, da sein Bruder, exaltirt liberal, der das Majorat inne hatte, den Christinos sich angeschlossen: so trat auch er in die Armee ein. Ohne Ressourcen, viele Monate lang wie das ganze Heer ohne Sold, selbst ohne Rationen, da er, nachdem sein Pferd getödtet, in das Depot nach Arro geschickt war, sah er sich in der verzweifeltsten Lage; er lebte oft von dem Obst, welches er auf dem Spatziergang im Felde fand. Da erfuhren seine Cameraden, daß der Mayordomo des Großinquisitor mehrere Millionen[23] für Carl V. von Madrid erhalten und in einem Dorfe auf schon carlistischem Terrain versteckt habe, von wo sie am folgenden Tage nach dem Hauptquartier abgehen würden. Anstatt pflichtgemäß ihren Behörden die Anzeige zu machen, beschlossen sie, selbst des Schatzes sich zu bemächtigen, und der unglückliche Madinaveytia willigte ein, sie zu begleiten. Als Carlisten verkleidet passirten sie den Ebro, da der an der Brücke die Wache habende Officier auch im Complott war, gelangten glücklich zu dem Dorfe, öffneten mit Gewalt das Haus und bemächtigten sich des Mayordomo. Doch alles Suchen nach der Summe war umsonst, der Besitzer leugnete fest, sie empfangen zu haben, schon waren die Officiere verdrießlich und fluchend im Begriff zurückzukehren, als der arme Mayordomo die Unvorsichtigkeit beging, einen von ihnen, den er erkannt hatte, bei Namen zu nennen. Schäumend vor Wuth, da er sich verrathen sieht, stürzt dieser auf den Unglücklichen, ihn zu tödten. Umsonst erbietet er sich, sein Leben durch Auslieferung des versteckten Geldes zu erkaufen, umsonst suchen die andern Officiere den Rasenden zurückzuhalten: er drückt sein Pistol auf den Mayordomo ab, der todt zusammensinkt. Bestürzt fliehen Alle, schon nicht mehr des Geldes gedenkend.

Wenige Tage nachher ward Madinaveytia arretirt, mit ihm der Officier, welcher die Wache an der Brücke gehabt und sie verlassen hatte, dem Zuge sich anzuschließen, die übrigen Theilnehmer, mehr mit dem in Spanien allmächtigen Golde versehen, waren verschwunden. Der Wach-Officier leugnete hartnäckig, er hatte bedeutende Verbindungen in der Umgebung des Generals, so wie Einfluß bei den Richtern; also war er unschuldig. Madinaveytia hatte sofort Alles gestanden und erfreute sich nicht der Mittel, die im liberalisirten Spanien nach Belieben die Wagschale der Gerechtigkeit heben und senken, er besaß weder Gold noch Protection, war daher allein schuldig und mußte allein das Verbrechen büßen. Vergeblich opferte seine herrliche Mutter, was sie besaß, zu seiner Rettung. Er ward nach Vitoria geführt, vor ein Kriegsgericht gestellt — nach vierzehnmonatlicher Gefangenschaft —, zum Tode verurtheilt und erschossen.

Nach langer Zeit wiederum Gefangener in Madrid eilte ich, nach seinen Lieben zu forschen. Seine Braut, bei der Schreckenskunde von einem Nervenfieber ergriffen, war schnell dem Geliebten gefolgt, worauf Doña Eulalia in unaussprechlichem Schmerze über das Loos des einzigen Sohnes in die Einsamkeit des Klosters sich zurückzog, dort die Stunde erwartend, die auch sie bald von den irdischen Wehen erlösen sollte. Sie starb im Herbste des Jahres 1838.


Wieder allein fühlte ich doppelt bitter alles Schreckliche der Gefangenschaft: Schwermuth bemächtigte sich meiner; die Gegenwart bot mir ja Nichts zum Ersatze so vieler zerstörten Hoffnungen, die Zukunft lag schwarz und drohend vor mir, so ungewiß, so unheimlich, daß ich auf sie nicht bauen mochte. Da wandte ich mich der Vergangenheit zu. Oft ist die Ansicht ausgesprochen, daß in der Widerwärtigkeit die Erinnerung an das Verlorene das Gefühl des Schmerzes erhöhe, ihn gar unerträglich mache; mir ist sie, wenn ich mich unglücklich glaube oder schwere Leiden auf mir haften, die Quelle herrlicher Stärkung. Dann dachte ich der Scenen, deren Bild so lebendig mir in’s Herz geprägt ist, das Andenken an die Zeiten des Glückes machte sie mich wieder durchleben und wieder fühlte ich mich glücklich.

So lag ich auch in jenen Tagen unmuthiger Hoffnungslosigkeit oft lange in wachem Traume. Ich malte die Heimath mir aus, die Theuren, welche doch wohl sorgend meiner gedachten, und jede Stunde, die ich mit ihnen vereint gewesen war, die Worte selbst, welche wir in dem trauten Vereintsein gewechselt hatten, traten wieder vor mich; alle die Schlacken, durch die das Glück wohl getrübt gewesen, waren in der Erinnerung hingeschwunden — arme Menschen, die wir ganzes Glück nur in Zukunft und Vergangenheit ahnen! Da erhob sich mir auch das Bild meiner Jugendfreunde, und nochmals glaubte ich die Freuden zu genießen, die so rein und so reich in ihrer Theilnahme mir geworden waren. Warum mußten sie vergehen, diese Zeiten wahrer Wonne! Die Jugendfreundschaft, immer gleich lieblich, gleich zart, geht wie ein leuchtender Stern durch das ganze Leben, und alle die Widerwärtigkeiten und Enttäuschungen, welche so bitter in das Leben gewebt sind, streifen machtlos über sie hin, nur fester und unauflösbarer sie knüpfend. Wie zauberisch ist doch der Reiz gemeinschaftlicher Erinnerungen; mit welcher Wonne geben wir den Gefühlen uns hin, die der gemeinschaftliche Rückblick auf jene liebe Zeit, in der wir nur die helle, freundlich lockende Seite des Lebens sahen, auf jene Pläne und schwärmerischen Hoffnungen in der durch sie vergnügten Brust hervorruft! Jugendfreundschaft gehört unter die seltenen, unschätzbaren Güter, welche unbesudelt aus der Zeit kindlicher Reinheit unter den schmutzigen Leidenschaften und Abwegen der späteren Jahre sich uns erhalten mag. Schmerz empfinde ich für den Menschen, der ihrem Werthe fühllos werden konnte.

[23] Unter dem Ausdrucke einer Million versteht der Spanier so viele Realen, deren neunzehn fünf Franken gleich sind.

VIII.

Während General Gomez Spanien durchzog, ward die Ruhe in den Nord-Provinzen selten durch unbedeutende Operationen unterbrochen; beide Heere schienen, auf den Erfolg der Expedition gespannt, ihre Kräfte sparen zu wollen, da sie ja rasche Entscheidung herbeiführen konnte. General Garcia, commandirender General des Königreiches Navarra, bestand einzelne Kämpfe gegen die Fremdenlegion, indem er durch rasche Bewegungen irgend einen der festen Punkte des Feindes überraschte und zerstörte, um bei der Annäherung der Hülfs-Colonnen in die Gebirge sich zurückzuziehen. Cordova aber war nach der verunglückten Unternehmung bei Arlaban auf Pamplona marschirt, um das Bastan-Thal, dessen Bewohner er der constitutionellen Regierung geneigt wähnte, zu besetzen, dem General Evans die Hand zu reichen und dadurch, die Carlisten von der französischen Gränze, abschneidend sein Blokade-System zu vervollkommnen. Die Nachricht von der Vernichtung der Division Tello durch Gomez und von dem Abmarsche Espartero’s zur Verfolgung der Expedition zwang ihn, da Villareal am 28. Juni Peñacerrada in Alava angegriffen, in Eilmärschen dorthin zurückzukehren. Villareal, die Belagerung dieser Veste aufgebend, zog nach Navarra und griff am 4. Juli die Linie von Zubiri an, ward aber, da er ein Fort derselben genommen hatte, von der Fremdenlegion und einigen spanischen Bataillonen zum Rückzuge genöthigt.

Nach dem fehlgeschlagenen Versuche des Feindes gegen Fuenterrabia begnügte sich der carlistische Feldherr, durch Bedrohen der verschiedenen Punkte auf den entgegengesetzten Theilen des Kriegsschauplatzes die Christinos zu erschöpfenden Märschen zu zwingen; er griff am 1. August mit funfzehn Bataillonen und sechs Geschützen die Linie von Zubiri nochmals an, und wurde nach achtzehnstündigem hartnäckigem Kampfe auf das Ulzama-Thal geworfen, wo die Fremdenlegion durch empörende Ausschweifungen sich hervorthat und mehrere Dörfer niederbrannte. Die folgende mehrmonatliche Waffenruhe war nur durch die Operation Oraa’s auf Estella am 12. und 13. September unterbrochen. Cordova hatte, da durch die Ereignisse von la Granja auf Verlangen trunkener Sergeanten die Constitution verändert, seine Entlassung eingereicht und sich nach Frankreich begeben, worauf der Oberbefehl dem General Espartero und, da dieser krank war, interimistisch dem General Oráa übertragen wurde, der durch eine glänzende Waffenthat sich hervorthun wollte. Er vereinigte 16000 Mann und griff das von vier navarresischen Bataillonen vertheidigte Estella an. Die Christinos gelangten wiederholt bis auf die Höhen, welche die Stadt beherrschen und warfen Granaten in sie, wurden aber stets mit dem Bajonnett zurückgestürzt und zogen sich, nachdem sie 800 Mann geopfert, auf ihre Linien, kräftig von den Tirailleurs und dem aufgestandenen Landvolke verfolgt. — In der ersten Hälfte Octobers fanden in den Linien von San Sebastian einige Scharmützel ohne Erfolg Statt, so wie am 8. die Engländer von der Stellung von Amezagana mit Verlust abgewiesen wurden.

Bilbao, die bedeutendste Stadt Vizcaya’s, reich durch ausgebreiteten Handel, an dem schiffbaren Flusse Durango, der, mit dem Nervion vereinigt, einige Stunden entfernt in das Meer strömt, war noch in dem Besitze der Christinos; jeder Versuch, sich ihrer zu bemächtigen, hatte stets kraftvolle Anstrengungen der Feinde zum Entsatze veranlaßt, der große Führer der Carlisten, General Zumalacarregui fiel vor ihren Mauern. Villareal wollte Bilbao erobern, so ganz Vizcaya reinigen und den feindlichen Colonnen das Eindringen in die Provinz ohne solchen Anhaltspunkt unmöglich machen; zugleich sollte die Wegnahme der blühenden Hafenstadt von außen her als conditio sine qua non und Gewährleistung wichtiger Unterstützung gefordert sein. Ihre Eroberung mußte den Carlisten großes moralisches Übergewicht geben, da die Constitutionellen sich gewöhnt hatten, auf der Behauptung dieser Stadt wie auf einer Lebensfrage zu bestehen; sie hätte bewiesen, daß die carlistische Armee nicht nur in ihren Gebirgen, sondern auch im regelmäßigen Kriege dem Feinde schon überlegen war. Daher sah, wer in Europa Interesse für eine der Partheien hegte, mit Spannung auf diese Belagerung. Sie wurde am 24. October 1836 von drei und zwanzig Bataillonen unter Villareal und Eguia eröffnet, indem die bisher blokirte Stadt eng eingeschlossen und zwei Batterien gegen sie errichtet wurden.

Bilbao war nur von einer Mauer umgeben, welche durch mehrere vorliegende Forts und befestigte Klöster gedeckt wurde; 7000 Mann vertheidigten sie. Doch beruhete die Stärke der Stadt in ihrer Lage, da sie durch den schiffbaren Fluß, dessen Mündung das feste Portugalete beherrscht, mit dem Meere in Verbindung steht, von wo aus sie leicht mit allem Nöthigen versehen und kräftig unterstützt werden konnte — hauptsächlich durch die englische Flotte, welche ja seit dem Monate März durch ihre Mitwirkung den Carlisten so unheilsvoll geworden war. Auch war es unzweifelhaft, daß die Hauptarmee unter Espartero Alles thun würde, der bedroheten Stadt Hülfe zu bringen. In der That zog sie schon Ende Octobers über Valmaseda herbei, weshalb die Artillerie zurückgezogen und die Belagerung in eine strenge Blokade verwandelt wurde, während Villareal den andringenden Feind beobachtete; zwei der am meisten avancirten Außenwerke waren bereits genommen.

Nachdem vier Ausfälle der Besatzung gänzlich mißlungen, ward die Belagerung am 7. mit neuer Kraft aufgenommen, zwei vorgeschobene Werke, das Fort Bandera und ein Kapuziner-Kloster wurden genommen, am 10. S. Manez mit 300 Mann und sechs Kanonen erstürmt. Zehn Batterien wurden gegen die Stadt oder längs dem Ufer des Flusses etablirt, um dort die Hülfe der englischen Kriegsfahrzeuge zu verhindern, die, so oft sich Gelegenheit bot, die carlistischen Truppen beschossen,[24] und wiewohl das schlechte Wetter die Arbeiten sehr verzögerte, konnten die Batterien am 17. ihr Feuer eröffnen. Ein Ausfall ward mit Verlust abgewiesen, am 27. erstürmten ein Bataillon von Castilien und die Compagnien des Fremden-Bataillons mit höchster Bravour das feste Kloster San Agostin unmittelbar an der Mauer und von 600 Mann vertheidigt. Der Sturm gegen die offene Bresche wurde unternommen. 1100 Mann gelangten bis in die hinter der Bresche aufgestellte Batterie und tödteten die Artilleristen neben ihren Geschützen, wurden aber, da die anderen Colonnen, anstatt mit Kraft nachzudringen, regungslos stehen blieben, von der feindlichen Reserve wieder aus der Stadt vertrieben und litten viel. Die Carlisten begnügten sich fortan, die Stadt zu bewerfen und richteten ihr ganzes Streben darauf, das Durchdringen Espartero’s zu verhindern, da der in Bilbao täglich zunehmende Mangel, falls die Entsetzung mißlang, die Garnison zur Capitulation zwingen mußte.

Espartero war mit 20000 Mann von dem Thale von Mena nach Portugalete gezogen, worauf Villareal in den Gebirgs-Stellungen sich befestigte und am 27. und 28. November die Angriffe des Feindes abschlug, welcher der Brücke über den Nervion sich zu bemächtigen suchte. Am 30. November passirten die Christinos den Fluß auf einer Schiffbrücke, welche ihnen die englischen Marine-Truppen geschlagen, und griffen auf dem rechten Ufer, da Villareal ihnen dahin gefolgt war, am 4. und 5. December die Stellung von Asua an; mit Nachdruck empfangen und nach starkem Verluste kehrten sie am 6. auf das linke Ufer zurück, wo die Carlisten ihnen gegenüber sich verschanzten, dazu einen Theil ihres Belagerungsgeschützes verwendend, wodurch sie die Einnahme der Stadt ganz von der Niederlage Espartero’s abhängig machten. Umsonst suchte dieser vorzudringen: er ward nach vergeblichen Scharmützeln am 12. und den folgenden Tagen genöthigt zu weichen, zog sich am 15. nach Portugalete zurück und ging am 19. und 20. December nochmals mit 19 Bataillonen und zwei und zwanzig Geschützen auf das rechte Ufer des Nervion über, wo wieder Villareal seine Stellung ihm gegenüber mit dem Belagerungsgeschütz deckte. Espartero gab die Hoffnung des Durchdringens auf,[25] als die Ankunft der Divisionen, welche Gomez nach sich gezogen, ihm ein furchtbares Übergewicht verlieh. Nachdem am 22. und 23. leichte Scharmützel Statt gehabt, stürmten am Weihnachtsabend die Christinos nach dem Plan des General Oráa die carlistische Stellung, während 2000 Jäger in Kähnen den Fluß hinauffuhren, die Flanke der Belagerungsarmee zu gewinnen. Von einem entsetzlichen Schneesturm begünstigt, erstürmten die Feinde nach kurzem Kampfe die Brücke von Luchana, gegen die sie ihre ganze Artillerie concentrirt hatten. Die Fahrzeuge gelangten bis dahin und bemächtigten sich nach furchtbarem Blutbade der Batterie, welche noch das Debouchiren der Truppen verhinderte, worauf diese den Fluß passirten und die Stellung auf den Höhen von Cabras und Arriaga stürmten. Drei Mal gelangten die christinoschen Massen bis auf die Höhen, drei Mal stürzten die Carlisten mit dem Bajonnett sie hinunter: beim vierten Angriff behauptete sich Espartero im Besitze der Stellung, und die Belagerungsarmee zog in Unordnung auf Durango zurück. Am ersten Weihnachtstage zog das siegreiche Heer in die gerettete Stadt ein, in der solches Elend herrschte, daß der Gouverneur am 24. dem anfragenden Generale durch den Telegraphen meldete, wie er nur noch einen Tag sich halten könne.

Der Jubel der Christinos war unendlich: die Folgen so entschiedenen Sieges mußten groß sein und er zeigte unzweifelhaft, wie die Carlisten noch nicht in geregeltem Kampfe den überlegenen Massen ihrer Feinde entgegentreten durften. Die Hoffnung derselben, ohne weiteres Blutvergießen der wichtigen Stadt sich zu bemächtigen, war ihnen verderblich geworden, da sie gewiß früher sie genommen hätten, wenn seit dem Anfange Decembers kräftig der Angriff fortgesetzt wäre. — In der Action am 24. verloren die Christinos etwas über 2000 Mann, die Carlisten nur 600, büßten aber ihre schwere Artillerie, drei und zwanzig Geschütze, ein, da der Fuß hoch liegende Schnee die Fortschaffung unmöglich machte.[26] Espartero, der noch unentschlossen beim Beginn des Kampfes unwohl in Portugalete sich befand und erst, als der Kannonendonner ertönte, seiner Armee nacheilte, verdankte seinen Sieg der Entschlossenheit und dem Talente des Chefs des Generalstabes, General Oráa, und vor Allem, wie sein Bericht anerkennt, der thätigen Mitwirkung der englischen Marine. Er wurde zum Grafen von Luchana ernannt. Villareal verlor den Oberbefehl, welcher dem Infanten Don Sebastian und unter ihm, als Chef des Generalstabes fungirend, dem General Moreno übertragen wurde.


Während der ersten Monate des Jahres 1837 wurden von den Christinos die größten Vorbereitungen getroffen, um im Frühjahre die Operationen mit entscheidender Energie beginnen zu können; denn Entscheidung wollte Espartero herbeiführen, indem eine allgemein combinirte Bewegung sämmtlicher Streitkräfte nach dem Innern der baskischen Provinzen diese unterwerfen, die carlistische Armee erdrücken und vernichten sollte. Er selbst stand gegen Ende Februars mit 28 Bataillonen in Bilbao, von wo er über Durango in das Innere von Vizcaya vordringen würde, während Evans, durch die Division Rivero auf 21 Bataillone verstärkt, von San Sebastian aus Hernani und Tolosa nähme und Guipuzcoa besetzte, Sarsfield aber mit 19 Bataillonen von Pamplona aus die Thäler Ulzama und Bastan unterwürfe, Evans die Hand reichte, dadurch die carlistische Armee von der Gränze abschnitte und sie zwischen die drei Corps zusammendrängte. Zugleich operirte die Division des Ebro-Thales — de la rivera —, jetzt fast ganz aus Cavallerie bestehend, im südöstlichen Navarra an der Arga und dem Ebro, und die Division Alaix, 12 Bataillone stark, stand bei Vitoria in Alava, so die gänzliche Umzingelung und Einzwängung der Carlisten vollendend. Dieser Plan schien in der That, wenn er gewandt und kräftig durchgeführt wurde, die Vernichtung der Carlisten nach sich führen zu müssen, und allein so hätte das Ende des blutigen Kampfes durch Waffengewalt mögen vorbereitet werden. Dazu war die Nordarmee jetzt stärker, als sie je zuvor es gewesen: außer den zahlreichen Besatzungen und den Freicorps zählten jene fünf mobilen Colonnen 80 Bataillone, welche durch eine neue Rekruten-Aushebung auf ihren vollständigen Etat gebracht waren.

Der Infant that, so viel feine Schwäche gestattete, um mit Festigkeit den drohenden Sturm zu empfangen. Er selbst stand mit funfzehn Bataillonen im Ulzama-Thale Sarsfield gegenüber, da dessen Vereinigung mit Evans ganz besonders verderbliche Folgen hätte haben müssen, Guibelalde mit neun Bataillonen hielt die Linien gegen die Divisionen Evans und Rivero besetzt, während Goni mit 11 Bataillonen das Hauptcorps Espartero’s beobachtete. Die übrigen Truppen waren in Alava und dem südlichen Navarra vertheilt, gegen die beiden dort drohenden Divisionen sie zu decken.

Am 10. März eröffnete Evans, nachdem er eine hochtönende Proclamation an die Guipuzcoaner erlassen, den Feldzug, da er auf Hernani vordrang und mit einem Verluste von 800 Mann die Höhen von Amezagana erstürmte, welche durch leichte Verschanzungen gedeckt waren; er blieb dort stehen, das Vorrücken der andern Colonnen erwartend. Auch zog Espartero am folgenden Tage von Bilbao auf der Heerstraße vorwärts und besetzte Durango nach unbedeutendem Gefechte, und Sarsfield wandte sich an demselben Tage über Izarzan auf das Ulzama-Thal und drang bis zu dem Engpasse de las dos hermanas. Evans griff nach leichtem Scharmützel in den vorhergehenden Tagen am 15. März von Neuem an und entriß nach blutigem Kampfe den Fuß vor Fuß der Übermacht weichenden Carlisten das Fort und die Höhen von Oriamendi nebst vier Kanonen; am 16. trieb er wieder langsam die carlistischen Bataillone vor sich her, und schon standen die Briten auf der Höhe, welche unmittelbar Hernani beherrscht; der Erfolg war nicht mehr zweifelhaft. Da stiegen in eiligem Zuge von den Gebirgen die Schaaren herab, mit denen der Infant den Seinen zu Hülfe eilte; neun Bataillone, zwei Escadrone und vier Geschütze von seinem Corps führte er nach ermüdendem Marsche auf das Schlachtfeld. Er stürzte sich sofort auf die siegenden Massen der Anglochristinos, umging, während er einen Scheinangriff auf den rechten Flügel richtete, die linke Flanke, warf sich mit dem Bajonnette auf die nächsten englischen Bataillone, zerstreute sie und rollte den ganzen linken Flügel auf. Panischer Schrecken ergriff die Feinde. Die Flucht der englischen Bataillone riß die ihnen zunächst stehenden spanischen fort, und da nun auch das carlistische Centrum mit Kraft vorwärts drang, lösete sich die ganze feindliche Armee in schimpflichster Verwirrung auf und floh nach San Sebastian zurück, von den Siegern auf dem Fuße verfolgt. Nur ein Detachement englischer Marine-Truppen, welches in der christinoschen Armee sich befand, blieb geschlossen und rettete den größten Theil der Artillerie, mit der es unerschütterlich fest sich zurückzog. Die Carlisten, deren Verlust 740 Mann betrug, nahmen vier Geschütze; die Engländer verloren etwa 900 Mann an Todten und Verwundeten — 500 Todte von der Legion wurden auf dem Kampfplatze gezählt —, ihre spanischen Bundesgenossen aber 1300 Mann und 100 Gefangene.

Die Folgen so glorreichen Sieges waren unberechenbar. Die große combinirte Bewegung, welche den Untergang der Carlisten herbeiführen sollte, war ganz mißglückt, denn Evans, der in sechs Tagen fast 5000 Mann geopfert hatte, um dann schimpflich in seine frühere Stellung getrieben zu werden, konnte nicht an Wiederaufnahme der Offensive denken, da seine Truppen für den Augenblick ganz demoralisirt waren.[27] Espartero, nachdem er ganz Vizcaya durchkreuzend am 15. bis Eybar vorgedrungen, zog sich auf die Nachricht von der Niederlage Evans’s und der Annäherung des Infanten eiligst auf Durango und am 21. nach Bilbao zurück. Die Generale Goni, Guergué und Urbiztondo hatten theils die Gebirge besetzt, durch welche die Straße sich hinzieht, und belästigten von dort aus den Marsch, theils drängten sie mit Nachdruck dem weichenden Heere nach. Mehrere Male machte dieses Front gegen die Verfolger, ruhigeren Rückzug sich zu erkämpfen, aber immer mehr eingezwängt und in dem schmalen Thale der Heerstraße sich verwickelnd, bildete es zuletzt einen großen unbehülflichen Knäuel, der nur durch die Festigkeit der Arriere-Garde vor Vernichtung geschützt wurde, so daß die Armee, nachdem sie in der Operation 2800 Mann eingebüßt, Bilbao erreichte. Sarsfield, da ein heftiger Schneefall sein Vorrücken gehindert hatte, war unter dem Vorwande von Krankheit nach Pamplona gegangen, dem General Ulibarren das Commando übertragend. Zu seiner Beobachtung ließ der Infant, da er nach Guipuzcoa eilte, die von Evans errungenen Vortheile zu hemmen, den General Zariategui zurück, der die feindliche Colonne, da sie über das Ulzama-Thal auf der Straße nach Tolosa vorrückte, in dem Engpasse de las dos hermanas warf und mit Verlust von 1100 Mann nach Pamplona trieb.

So hatte die große mit 68 Bataillonen von drei Seiten aus gegen die baskischen Provinzen unternommene Operation mit einer Niederlage geendet, die den Christinos 9000 Mann gekostet hatte; die Scharte von Bilbao war glänzend ausgewetzt. Espartero benutzte den Monat Mai, zu neuem Angriffe sich vorzubereiten, der von San Sebastian, in dem Herzen der vereinigten Provinzen, ausgehen sollte. Der König rüstete sich gleichfalls mit höchster Thätigkeit: er wollte an der Spitze der Seinen in das Innere des Königreiches ziehen, seine Hauptstadt, die zum Sitze des usurpatorischen Gouvernements geworden, sich erobern und so den Krieg enden, der von ihr ausgehend, von ihr aus unterhalten wurde.

Nachdem die Anglochristinos am 4. Mai das Dorf Loyola genommen, — wozu wieder die englische Marine die Schiffbrücke über den Urrumea schlug — ging Espartero mit zwanzig Bataillonen zu Schiffe nach San Sebastian und übernahm dort den Oberbefehl. Mit 36000 Mann und 40 Feldgeschützen griff er am 15. Mai Hernani an und nahm es nebst Andoain nach geringem Widerstande der Carlisten; der König hatte schon seine Kerntruppen in Navarra für die Expedition vereinigt. Am folgenden Tage wandte sich Evans mit 12000 Mann gegen Irun, welches von vier Compagnien mit hoher Bravour vertheidigt wurde; erst am 17. nahm er die die Straße beherrschende Redoute und drang in die Stadt ein. Die Garnison behauptete sich hartnäckig gegen die stets wiederholten Stürme, die Häuser wurden mit dem Bajonnett genommen und wieder genommen. Am Nachmittage ergaben sich vierhundert Mann, da ein festes Gebäude, in welches sie zuletzt sich geworfen hatten, schon halb erstürmt war; zweihundert wurden nach der Capitulation von den Feinden, erbittert über ihren Verlust, niedergestochen. Evans griff dann Fuenterrabia an, dessen Garnison, 300 Mann stark, ohne Widerstand capitulirte, da sie sich hülflos abgeschnitten sah.

So hatte Espartero endlich die große Heerstraße den Carlisten genommen und es blieb ihm nur übrig, die Linie längs der Gränze zu etabliren, um den Provinzen die Verbindung mit Frankreich abzuschneiden und sie ganz auf die eigenen Hülfsquellen zu beschränken. Die Nachricht von dem Abmarsche der königlichen Expedition und ihren Fortschritten in Aragon zwang ihn, die Ausführung des wichtigen Planes aufzugeben: er zog am 29. Mai von Hernani durch das Ulzama-Thal nach Pamplona, lebhaft von einigen ihn beobachtenden Bataillonen harcelirt, wobei er mehrere hundert Mann, unter ihnen den General Gurrea, einbüßte. Der Krieg in den Nordprovinzen ward für einige Zeit zur Nebensache.

[24] Die Präcision des Artillerie-Feuers jener Schiffe ging so weit, daß bald zwei oder drei Personen nicht mehr vereinigt dem Strande zu nahen wagten, da selbst ein so kleines Ziel nicht selten getroffen wurde.

[25] In seinen Briefen an seine Gemahlinn nach Logroño erklärte er die Lage der Armee für ganz hoffnungslos, den Entsatz unmöglich.