Die
Bücherlese

Nachtgespräche

von
A. Hauschner

Verlag Paul List – Leipzig

Alle Rechte vorbehalten
Copyright 1919 by Paul List, Leipzig

Druck von Grimme & Trömel in Leipzig

Nachtgespräche

Ich erlebte es auf einer Reise von Berlin nach Wien. Der graue Tag war vorzeitig in die Nacht hineingeglitten. Die Lampen in den Abteilen waren noch nicht angesteckt. Nur aus den Kronen der verschneiten Bäume, die rechts und links den Zug umsäumten, fiel durch die trüben Scheiben ein unsicheres Licht. Die Menschen saßen wie in Käfige gepfercht, ohne Rücksicht auf die Vorrechte, die sie ihrem Fahrschein dankten. Neben der Dame der Soldat, Körper an Körper Herr und Bauer. Zwischen den Bänken, auf den Gängen drängte sich die Menge in unerwünschter wahlloser Gemeinsamkeit. Keuchend, schnaubend, als schnappe sie nach Atem, schleppte eben die Maschine ihre schwere Fracht über eine kleine Steigung. Oben angelangt, wollte sie die Fahrtgeschwindigkeit erhöhen, als sie sich mit einem Ruck, unter dem die ganze Wagengliederung sich bäumte, aufklirrend nach rückwärts warf. Grell schrie sie auf. Gleich einem Blutstrom spie sie Rauch und Funken. Ein Zittern lief durch ihre Flanken. Sie stand still. Eine gewissermaßen gefrorene Bewegung bekundete sich in der eingekeilten Menschenmasse. Aller Wahrscheinlichkeit entgegen gelang es einigen geschickten Händen, verklemmte Türen aufzureißen. Wer konnte, kletterte hinunter, von oben wurden Fragen in die Dunkelheit geworfen. Die Unruhe hatte ihren Höhepunkt erreicht, als die Beamten kamen, Aufklärung verbreitend: Fahrtunterbrechung. Vor der nächsten Haltestelle ist ein Zug entgleist.

Aufschwirrende Gerüchte von Beschädigung des Bahnkörpers, Aufreißen der Schienen, begegneten dem gleichen Achselzucken wie die Wißbegierde nach der Dauer des unfreiwilligen Aufenthalts. Immerhin mußte die Mitteilung zu denken geben: es stehe jedem frei, auszusteigen und im nächsten Dorf ein Obdach aufzusuchen oder sich in seinem Abteil einzurichten. Der Zug werde auf ein totes Gleis verschoben, wo ihn weder Störung noch Gefahr bedrohte.

Ich schloß mich einer kleinen Anzahl Mitreisender an, die einem schlechten Nachtquartier den Vorzug stundenlanger Gefangenschaft in Mißgeruch und dichter Menschennähe gaben.

Wir standen, ein Häuflein schwarzer Punkte, auf dem hartgefrorenen Bahnsteigboden. Soweit das Auge reichte, keine Anhäufung von Lichtern kräftig genug, um das Dasein eines Dorfes zu verraten. Nur hier und da gegen das Massiv der Nacht ein Aufblinken, als ob ein Glühwürmchen vorüberflöge. Wir schlugen aufs Geratewohl einen nach rechts abbiegenden Feldweg ein. Wortkarg marschierten wir, die erstarrten Finger von der Last des Handgepäcks zerschnitten.

»Haus in Sicht!« meldete die Vorhut. Klein, unscheinbar, der Giebel saß auf dem Erdgeschoß wie eine zu weite Mütze. Das Geräusch herannahender Schritte reizte den im Inneren des Gehöfts frei umherlaufenden Hund zu einer wütenden Begrüßung. Im weiten Umkreis stimmten ihm die Brüder zu. Inmitten eines mißtönigen Bellkonzerts begannen die Verhandlungen mit dem Besitzer, der, unwirsch, eine Bildsäule der Gastfeindschaft, den Eingang mit seinem breiten Rücken sperrte. Er mochte die Zahl der Brotschnitten berechnen, die zu beschaffen wären, um so vielen Eßwerkzeugen zu genügen. Erst die Versicherung, es gehe uns vor allem um ein Feuer, den erstarrten Leichnam aufzutauen, zerbrach den langsam ausgehöhlten Widerstand. Das Fremdenzimmer wurde aufgeschlossen, der Bauch des Kachelofens mit einem Armvoll Holzscheiter gespeist, durch kleine elektrische Laternen, den Taschen einiger der Reisenden entnommen, das Dunkel notdürftig aufgehellt.

Unter dem Bann des einander Fremdseins sprachen wir wenig während unserer emsigen Geschäftigkeit. Erst als der Tisch, in das mittlerweile angewärmte Klima der Ofenbank gerückt und bestellt mit freiwilligen Gaben, einen anheimelnden Anblick bot, bemächtigte sich unserer, die wir uns um ihn gesellten, trotz der Verschiedenheit der Elemente, das Gefühl einer Verbundenheit. Wir vertieften es, indem wir uns gelobten: keiner soll den Namen des anderen befragen. Der Zufallswind hat uns hereingeweht, wir können in diesem Dämmerlicht kaum unsere Züge unterscheiden. Laßt uns auch nicht wissen, wer wir sind und wie wir heißen. Entfliehen wir für eine Nacht der Wirklichkeit.

So, gleichsam unter Schutz von Masken, kam uns Sicherheit und Wunsch, etwas von uns auszusagen. Selbsterlebtes? Selbsterdachtes? Wer vermochte zu ergründen, ob sich Bekenntnisse verbargen unter den Erzählungen, mit denen wir die Stunden der Gefangenschaft verkürzten?

Für mich war diese Nacht die bunteste, erkenntnisreichste meines Lebens. In der Gesellschaft von Fremdlingen, in einem unbekannten Hause habe ich sie verwacht. Ich konnte zwischen Tagesende und dem Anbruch eines neuen Morgens, wie durch offene Fenster, in die Seelen von Menschen verschiedener Stände, Weltanschauungen und Religionen blicken und sie auf dem Wege einer inneren Erschütterung begleiten. Den Aufzeichnungen, die sich mein Gedächtnis machte, habe ich in den nächsten Wochen aus der Erinnerung, Form und Zusammenhang gegeben. So ist dieses Buch entstanden.

Wir bestimmten, als Pfadfinder gewissermaßen, einen Vierschrötigen mit nachlässiger Haltung. Er sagte lächelnd:

»Ja wissens, ich bin halt ein Deutschböhme, ein Prager. Da hat man sich sein Lebtag mit seinen lieben Mitbürgern von der anderen Nationalität herumgerauft. Da ist beständig Unfrieden gewesen, und es ist immer allerhand passiert. Ich hab's satt gekriegt und bin davon ins Reich. Aber ich will Ihnen was erzählen, das hab' ich selbst noch miterlebt, ehe ich auf immer weg bin aus meiner Vaterstadt.«

Er strich den blonden Vollbart behaglich auseinander und schlug ein Blatt aus der Geschichte seines Landes vor uns auf.

Panik

Eine Prager Geschichte

Sie gingen ihrer dreißig aus der Ortschaft Motice heraus, dem Bahnhof zu. Voran die Männer mit dem Vinzenz Zastoupil als Führer. Hinter ihnen, in regellosen Reihen, die Weiber, von denen einige das Brustkind in den Armen trugen. Dann kamen die jungen Mädel, in ihre Liebsten eingehängt. Und ganz zuletzt kam noch die alte Babi Skoupek, die sich auf Stöcken mühsam fortbewegte. Sie gingen durch die winterlichen Felder, unter den beschneiten Bäumen, deren Zweige sich im Nachtwind ächzend hin und her bewegten und ihnen feuchte Flocken in den Nacken warfen. Aus dem bewölkten Himmel fiel kein Licht herab; das Auge sah die Straße nicht. Oft versank der Fuß im Schlamm, stieß an Steine, scheute über Wurzeln. Dann gab es einen Aufschrei, einen Fluch, ein Lachen. Doch ohne anzuhalten wanderten sie weiter.

In kurzen Pausen stieg aus jungen Kehlen mehrstimmiger Gesang. Die schwermütig weichen Töne eines Volksliedes mischten sich in das Gespräch der Alten, die eifrig überlegten, ob sie den Zug auch noch zur Zeit erreichen würden. Und ob das Gerücht vielleicht doch falsch sei. Es war ja auch kaum glaublich: die česka spořitelna, die große, reiche Sparkasse der Deutschböhmen, sollte zugrunde gehen! Freilich: der Vinzenz hatte heute gelesen, wer noch etwas kriegen wolle, der müsse laufen. Und was gedruckt ist, schwarz auf weiß, muß wahr sein. Damals den Krach der Wenzelskasse, den hat auch niemand glauben wollen. Und waren doch da noch andere Sicherheiten – bei der Kirche! – als bei diesen Hunden, den verfluchten Deutschen ...

Bei solchen Reden schoß die Angst von neuem in das Blut der Bauern. Ihre Schritte wurden schneller, und ihre Finger betasteten den Schatz, den sie versteckt am Körper trugen. Das dünne Buch, den Ausweis ihrer schwer ersparten Gulden. Dem Anton Zimprich sollten sie ein Schwein verschaffen. Der Marie Lukesch die langersehnte Kuh. Dem Johann und der Rosa Dostal ging es um das kleine Feld, das sie bisher als Pächter pflügten. Der Kathi Jahoda und dem Josef Kratky um Tisch und Stuhl und Bett und eine Wiege für das ungeborene Kind. Die Babi Skoupek wollte sich ein ehrliches Begräbnis sichern und sechs Messen für das Heil der Seele. Die Nanny Zlatka sparte, um ein rotes Kleid zu kaufen und zwei seidene Schürzen. Der Karl Jakesch, um durch einen Halsschmuck von Granaten die Gunst des eiteln Mädels zu gewinnen. Für jeden hatte das Ersparte eine andere Bedeutung und für alle doch dieselbe. Es war das Licht im Dunkel ihres Lebens, das Sandkorn Überfluß in der Wüste ihrer Not.

Als der Zug in den Bahnhof einlief, fanden die aus Motice das Abteil dritter Klasse angefüllt mit Landvolk aus den Nachbardörfern. An allen Stationen strömten noch Leute hinzu. Alle wurden von derselben Not an dasselbe Ziel getrieben. Und jeder wußte neue Unglücksbotschaft. Ein Mann zog einen Brief heraus, den ein Geschwisterkind an ihn geschrieben hatte: »Du mußt Dich tummeln, Menschheit rennt nur so auf Kassen, sind schon beinah' leer.« Ein anderer erzählte, ein Freund von ihm sei schon zweimal vergeblich um sein Geld gegangen; immer habe man ihn vertröstet. Viele berichteten von der wilden Wirtschaft, die wirklich auf der Sparkasse gewesen war. Keine Aufsicht. Falsche Rechnungslegung. Alle Kontrollbeamten bestochen. Sogar der Statthalter und viele hohe Herren haben Trinkgelder bekommen. Na und überhaupt! Deutsche Schulen hat man unterstützt; mit dem Geld von armen Leuten!

Nein: für den Aufstand in Mazedonien (niemand wußte, wer das war) sind Millionen draufgegangen.

Dumpfe Wut erfüllte die Gemüter. Das Gespräch verstummte. Der Qualm der Pfeifen und der Dunst der Menschenleiber verdüsterte noch das trübe Lampenlicht. Durch die dicke Luft drangen Seufzer und Stoßgebete. Kinder weinten, Männer schnarchten, Mütter sangen leise ihre Säuglinge in Schlaf; nur die Jugend, leichtsinnig, verliebt, kicherte und küßte in den Ecken. Draußen aber schrie die Dampfmaschine, wie um Hilfe, gellend durch die Nacht; die Räder rollten kreischend ihre Fracht von Menschenangst und Menschenelend. Und der Zug ging langsam, hielt an allen Stationen. Unbekümmert um die Ungeduld, die in ihm fieberte und bebte. Bis er endlich, endlich in die Hauptstadt einfährt. Stoßend, fluchend kämpft sich die Menge nach dem Ausgang durch. Jeder will als erster das Haus erreichen, zu dem alle hindrängen.

– – – – – – –

Die aus Motice halten sich zusammen. Von der Geldgier angespornt hasten sie durch die breite Vorstadtstraße. Sie ist ausgestorben. In den einförmig gebauten, arm und grämlich blickenden Gebäuden sind alle Fenster dunkel, wie erblindet. Nur selten ist ein Erdgeschoß erleuchtet und mit blutroten Gardinen fest verhangen. Aus der Tiefe seiner Zimmer dringt Gesang von heiseren Frauenstimmen und der Brummton schlechtgestimmter Wirtshausbässe.

Plötzlich wird irgendwo in einer Schenke eine Tür geöffnet, ein wirrer Menschenknäuel windet sich heraus. Man hört Ringen, Rennen, Weiber kreischen und Betrunkene brüllen: »Haltet ihn!« »Schlagt ihn tot!« »Zu Hilfe!« »Patrouille! Patrouille!« Dann folgt wieder Todesstille. Und in der Luft, die fahlfarbig wie Asche ist, in dem Frösteln dieser Dämmerstunde, hängt bleischwer eine hoffnungslose Traurigkeit.

Die Bauern traben vorwärts. Ihre schweren Tritte erwecken weithin einen dumpfen Widerhall. Es ist, als stampfte eine Herde Tiere durch die Gassen.

Jetzt füllt ihre Last die Kettenbrücke, die sich schaukelnd hin und her bewegt. Blasse Nebel steigen aus dem Flußbett und verhüllen die Umgebung. Aber ein verworrenes Rauschen kündet den Wandernden von weitem: sie sind nicht die ersten am Ziel. Spät kommen sie, zu spät vielleicht.

Da laufen sie, als könnten sie verlorene Stunden wieder fangen. Sie stürzen vorwärts, bis sie, am Brückenende angelangt, sich jählings rückwärts werfen. Wie die Woge zurückschlägt, die an den Stein des Schutzwalls brandet. Eine Mauer von Berittenen sperrt den Weg. Als Kette umschließen sie den Platz vor dem Sparkassengebäude, pferchen die Versammelten ein und wehren den Zuströmenden den ungehemmten Einlaß. Wie durch eine schmale Gasse müssen sie sich zwischen Pferdeleibern und Pferdehufen in die Gruppen der zuletzt Gekommenen drängen. Da stehen sie, von Nebeln eingeschlossen, eingekeilt in eine dunkle Menschenmasse, und müssen warten.

Nach und nach erhellt sich die Luft ein wenig. Die fahle Dämmerung gebiert den grauen, regenschweren Tag. Windschauer künden sein Kommen. Sie zerren an den feuchten Kleidern der Harrenden, die frierend auf den nassen Steinen hocken, reißen die Nebel auseinander und entschleiern die Landschaft.

Ein breiter Strom fließt ruhig zwischen den Quadersteinen der Kaieinfassung. An seinem linken Ufer baut sich ein Teil der Stadt auf; das altertümliche Aristokratenviertel, dessen Kirchen und Paläste mit ihren Türmen und Fassaden aus dem Gewühl der Bürgerhäuser ragen. An steilen Höhenzügen steigt es aufwärts und trägt als stolze Krone die alte Königsburg, deren Masse sich wuchtig von dem Dom mit dem feinen Spitzenwerk der Strebebogen abhebt. Ein wundervolles Bild, der Schwere ganz entkleidet in dem Morgendunst, der es in fließenden Luftstoff hüllt.

Nur hundert Schritte weit, nur bis zum Rande das Kaiufers brauchen all die Menschen hinzutreten, um es in sich aufzunehmen. Und den Anblick der vielen kühngeschwungenen Brücken, der Inseln, die im Fluß gebettet liegen, und der Wehren, über die das Wasser tosend schäumt. Doch hätte selbst der Zaun der Wachen sich aufgetan: diese Menschen hätten den Kopf nicht nach links gekehrt. Ihre Augen sind für Natur und Schönheit ganz verschlossen. Sie sehen nichts als das Gebäude, das ihre Hoffnungen einschließt, und die Menge, die sie davon trennt. Sie bohren ihre Blicke in die Mauern, als könnten sie durch ihre Ritzen dringen und entdecken, welches Schicksal sich für sie dahinter vorbereite.

Die Qual ist unerträglich. Da ist das Haus; man braucht nur hineinzugehen. Und muß warten, als wär's meilenweit entfernt. Drei Stunden muß man noch warten, ehe das Tor sich öffnet. Und wie viele Stunden, ehe die Reihe an einen kommt! So viele Feinde vor sich, so viele Nebenbuhler in dem Kampf um das ersparte Geld. Jeder haßt grimmig seinen Vordermann und seinen Nachbar. Vielleicht ist der gerade der letzte, dem vergönnt ist, seine Habe zu erraffen und seinem Nachbar das bißchen Eigentum zu stehlen.

Der Menschenhaufe wächst noch immer; umritten und geknufft, getreten und gestoßen. Und aus der dunkeln Masse steigen aufreizende Klagen und Gerüchte.

»Hör' ich, sind die Kassen leer.«

»Wahr ist es. Die Millionen, mit denen die deutschen Zeitungen sich berühmen, stehen nur auf dem Papier.«

»Alles haben sie verspekuliert.«

»Mit den Türkenlosen; die sind so gefallen.«

»Kein Gedanke! Für die deutschen Wahlen sind dreißig Millionen draufgegangen.«

»Was euch nicht einfällt! Den deutschen Fabrikanten hat man aufgeholfen. Deutschen Studenten hat man Geld geschenkt und große Häuser.«

»Mit dem Schweiß von armen Tschechen haben diese Schweinehunde sich gemästet!«

»Stinkende Gemeinheit! Wo das ihnen gar nicht gehört. Wo das ihnen von Kaiser Franz geschenkt ist, daß es armem Volk zugute kommt!«

Ein Brummen, Rollen, Brausen, das sich nach und nach verstärkt, hallt durch die Straßen. Die Stadt ist erwacht und schickt ihre Boten. Allerlei Verkäufer drängen sich heran. Mit Brezeln, warmen Würsten, Bratkartoffeln, Kastanien und gebackenen Fischen. Und durch die Kette der Berittenen kriechen seltsame Gestalten. Männer in verschlissenen Röcken, unrasiert und ungewaschen, manche noch im Schlafrock mit Pantoffeln. Wie Geier, die Beute wittern, umkreisen sie die Wartenden, schieben sich an die Gefolterten, Erschöpften heran, schüren ihre Aufregung und Angst; flüstern ihnen zu, daß die Sachen schlecht stehen; daß sogar die deutschen Einleger schon alle ihr Vermögen behoben haben; daß sämtliche Wertpapiere der Sparkasse versetzt sind; daß sich heute nacht einer von den Direktoren erschossen hat; daß zwei andere in Wien vergeblich von Tür zu Tür laufen und um Hilfe betteln. Sie lassen sich die Büchel zeigen, schütteln bedauernd die Köpfe, weisen nach, daß kein Kreuzer mehr darauf zu kriegen sei, und sind nur aus Mitleid und aus Menschenliebe erbötig, die wertlosen Dokumente für ein Geringes einzulösen.

Häßliche Weiber, die ungekämmten Haare unter wollenen Hauben, um die fetten Hängebrüste buntkarierte Umschlagtücher, machen sich an junge Frauen, an die hübschen Mädel. Sie suchen sie für Stellungen zu werben, deren Vorteile sie lockend schildern. Wenig Arbeit, hoher Lohn, alle Tage Fleisch, Bier und Mehlspeise; und abends Freiheit, um zur Tanzmusik zu gehen und sich zu unterhalten.

Freche, rotgeschminkte Dirnen gehen auf dem Pflaster auf und ab, lauern dem Mannsvolk auf; wenn es, die Taschen voll Geld, die Großstadtfreuden kennenlernen will ...

Ein aufgeregtes Meer von Leidenschaften und Gelüsten umwogt das Gebäude, das grau und düster, mit festverschlossenen Fensterläden, dasteht; ein Fels, den der Gischt der Brandung nicht erreicht.

Die aus Motice waren voneinander losgerissen. Nur die Paare, die sich ganz fest verklammert hatten, waren nicht getrennt. Der Karl Jakesch hielt die Nanny Zlatka dicht an sich gepreßt. Er ließ sie nicht erfrieren, und ihm ward die Zeit nicht lang. Den Bankkrach und die Kälte hätte er gesegnet, ohne die eifersüchtige Wut auf die Begehrlichkeit der Burschen, die sich an seine Liebste drängten und sich mit Worten und Gebärden an ihr zu schaffen machten. Nicht weit von diesen beiden saß die Kathi Jahoda auf der Erde. Mitleidige hatten dem armen Weib aus ein paar Bündeln einen Sitz geschaffen. Darauf hockte sie, lehnte sich an ihren Josef und erleichterte ihr schweres Herz von Zeit zu Zeit mit einem Tränenstrom. Die alte Babi Skoupek aber hatte sich, trotz Fußtritten und Rippenstößen, wie eine Katze vorgeschlichen, bis zu dem Prellstein dicht beim Eingangstor der Kasse. Den Rücken an den Stein gelehnt, den müden Körper schwer auf ihren Krücken, murmelte sie ein Ave um das andere. Sie wollte ja die Gulden nicht verjuxen und verfressen. Darum mußte die Jungfrau Maria auch ein Einsehen haben und ihr zu ihrem Geld verhelfen, damit sie nicht verdammt sei, im Fegefeuer gebraten und gespießt zu werden.

Jetzt geht ein Dröhnen durch die Luft. Von allen Türmen schlägt es neunmal. Das langverschlossene Tor dreht sich in seinen Angeln.

Wie ein reißender Gebirgsstrom stürzt sich die Menge in die Öffnung. Sie beachtet die Fäuste nicht, nicht die Pferdehufe und das Kreischen der getretenen Frauen und gequetschten Kinder. Es gibt Wunden wie in einer Schlacht, als die Polizisten, mit der Rücksichtslosigkeit der Notwehr, die schweren Flügel wieder schließen, unbekümmert um die Menschenleiber, die sich dazwischen pressen, klammern und stemmen. Ein ganzer Schwarm ist trotzdem schon in das Haus gedrungen; und auf der Treppe, die in den Lichthof führt, wiederholt sich der Kampf. Die Schwächsten werden in den Hof geworfen, wo sie an den Brunnen stürzen, verschmachtet trinken, sich dann entkleiden und waschen, überhaupt tun, als wären sie in ihrem eigenen Haus. Ihre glücklicheren Gefährten balgen sich inzwischen um die Plätze an den Kassenschaltern. Und die Marter der bangen Nacht- und Morgenstunden steigert sich im Augenblick der äußersten Entscheidung zur fürchterlichen Spannung.

Die ersten, die ihr Geld in Händen halten, stoßen Töne aus wie Tiere, die, den Bissen schon im Maul, noch eines Raubes gewärtig sind. Ihr Aufschrei überreizt die Erregung derer, die schon sehen und noch nicht haben. Ihre Augen treten aus den Höhlen, ihre vom Fieber trockenen Lippen sind weit geöffnet. Sie knittern das Kassenbuch in ihren Fäusten und schieben sich besinnungslos vorwärts. Bis auch sie das Rascheln des Papieres, den Klang des Geldes hören und alle Pein im Freudenrausch vergessen.

Viele hat der jähe Übergang von Verzweiflung zu Entzücken ganz betäubt. Sie wurzeln im Boden und müssen fortgetrieben werden, damit die Menschenwoge, die von neuem zu der Schwelle des Parteiensaales aufsteigt, sie nicht verschütte.

Ein Weib, das eben einen Tausender erhoben hat, hält ihn verkehrt in ihren Fingern und bestarrt verständnislos das Stück Papier. Man muß ihr den Wert erklären. Ihr schwindelt. So reich ist sie? Und solches fürstliche Vermögen steht auf diesem kleinen Wisch? Als sie ihn bergen will, zerreißt sie ihn, so beben ihre Glieder.

Ein zweites Weib verlangt Gold, reißt die Rollen auf und taucht mit hysterischem Gelächter ihre Hände in die blanken Münzen.

Manche brüllen auf vor Glück, sobald sie ihr Vermögen zu Gesicht bekommen. Dann erklären sie sich befriedigt. Ihr Geld ist da; sie haben es gesehen, betastet. Nun soll es die Kasse wiederum behalten. Schwer ist ihnen beizubringen, daß dies nicht ohne weiteres zu machen sei.

Das Mißtrauen anderer ist um so größer. Sie verweigern die Annahme der Summe, um die sich, durch die Zinsen, ihr Sparpfennig vergrößert hat. Sie halten diesen Überschuß für Bestechung und wittern, daß man sie in eine Falle locken wolle.

Inmitten dieses Wirbelwindes von Zweifeln, Wünschen und Bedenken stehen die Beamten ruhig hinter ihren Schranken. Sie sind übermüdet und erschlafft und halten sich nur mühsam aufrecht. Aber unbeirrt und gleichmütig versehen sie den Dienst, und nichts in diesem Ansturm scheint sie zu erschrecken. Ist ihre Zuversicht erheuchelt, ist sie echt? Ist der Goldquell, aus dessen Fülle sie seit Tagen schöpfen, unversiegbar, oder ist er dem Vertrocknen nahe? Ruht das Gebäude des Vertrauens, an dem sie mitgebaut hatten, auf unerschütterlichem Grund, oder wankt es in seinen Pfeilern und droht in der nächsten Stunde einzustürzen und die Wohlfahrt Hunderttausender unter seinen Trümmern zu begraben? Keine Bewegung ihrer überwachten Züge verrät, was sie empfinden. Mit unermüdlicher Geduld halten sie den Fragen Stand, rechnen und zahlen, beruhigen, beraten und erklären und finden noch die Kraft, den Mut der Einleger durch Scherze zu beleben.

Dem trüben Tag ist Dunkelheit gefolgt. Das Glühlicht flammt auf und steigert die Hitze. Aller Sauerstoff ist aus der Luft geatmet; sie ist vom Gluthauch wilder Leidenschaft verbrannt. Schlechte Dünste und Gerüche ballen sich zusammen und durchziehen sie in dicken Streifen. Wie im Nebelwetter auf der Straße ein Strahlenkranz um die Laternen zittert, so schwebt irisierend der Staub um das Glas der Lampenglocken. Dick lagert er auf dem Holz der Schalter, klebt auf der Haut und auf der Kleidung, dringt in alle Ecken, überzieht Banknoten und Dukaten. Aus seinem Grau hebt sich nur der Farbenfleck der Kassenbücher, die sich auf den Pulten türmen und deren Einband verrät, daß sie alle aus tschechischen Bezirken stammen. Rot leuchten sie aus dem Düster. Es ist, als überströmte Blut die Tische. Das Lebensblut des Volkes, das in nationalem Haß sich selbst zerfleischt, um den Gegner zu vernichten.

Es ist Nacht geworden. Bleiern lähmt Müdigkeit die Tatkraft der Beamten. Schweigend, mit automatischen Gebärden, von Staub und Rauch in Schleier eingehüllt, bewegen sie sich hin und her wie Schatten. Doch die Wut des Ansturms tobt unvermindert. Wie dem Sagentier für jedes abgeschlagene Haupt ein neues wuchs, so kommt der Menge vor dem Tor für jeden Trupp, der abzog, neuer Zuwachs aus den Straßen. Und der Anblick der Beglückten, die ihre Habe geborgen mit sich führen, schürt, statt sie zu dämpfen, ihre fieberhafte Angst.

Unmöglich scheint, daß der Vorrat noch immer reichen könne. Vielleicht werden in diesem Augenblick die letzten Summen ausgeteilt, vielleicht erbeutet der Vordermann, der eben ins Haus gedrungen war, das letzte Goldstück. Sie aber würden nur die leeren Kassen finden, den Bankerott, das Elend.

Als sich um Mitternacht die Tore zum letztenmal in ihren Angeln drehen und sich dann erneutem Eingang kreischend schließen, ohne Rücksicht auf die Verzweifelten, die sich zwischen die Flügel werfen, klammern und stemmen, da geht ein Wehruf durch die Reihen der Enttäuschten, die wieder eine lange bange Nacht von der Erfüllung trennt. In den Häusern, die den Platz begrenzen, fahren die Schläfer auf. Sie recken sich hoch in ihren Betten und lauschen zitternd. Und sie ahnen, daß zu ihren Füßen ein Raubtier wacht, das seiner Kräfte nur bewußt zu werden braucht, um mit den starken Pranken Käfig und Bändiger zu zerbrechen.

In der kahlen Bahnhofshalle saßen die aus Motice und erwarteten den Zug, der sie in ihre Heimat bringen sollte. Niemand fehlte als die Nanny Zlatka und der Karl Jakesch. Sie waren fahl und schmutzig wie Soldaten, die von einer langen Übung kommen, und ein säuerlicher Branntweinduft umströmte sie. Mit Geräusch und lebhaften Gebärden besprachen sie die Abenteuer dieser vierundzwanzig Stunden, in denen sie mehr Aufregung gekostet hatten als während ihres ganzen Lebens. Der Franz Zastoupil war der beredtste. Er nahm den Mund sehr voll, hielt alle seine Beschuldigungen aufrecht, prophezeite nahen Untergang der Spořitelna und wußte viel zu schimpfen über die Grobheit der Bankbeamten und die Roheit der Polizisten. Doch er verschwieg, daß er verstanden hatte, ein paar Verängstigten ihre Sparbücher für den halben Wert herauszulisten, und daß er unter seinem schmierigen Gewand eine Summe trug, die ihm die Schenke, die er nur gemietet hatte, als Eigentum erwerben sollte.

In einer Ecke kauerte die Maria Jahoda und stützte ihren Josef, der, lang ausgestreckt, sich auf den Steinen wälzte. Weinend klagte sie: als sie endlich zu ihrem Geld gekommen waren, sei der Josef beinahe närrisch vor Freude geworden. Er habe sie ins Wirtshaus mitgeschleppt, dort Bier und Fleisch bestellt und, schon halb betrunken, mit einem Frauenzimmer, das ihn umstrich, zu scharmieren angefangen. Plötzlich sei er aufgesprungen, habe das Mädel um den Leib gefaßt und sei mit ihr auf und davon gerannt. Sie hatte seine Zeche zahlen müssen und war dann ausgegangen, ihn zu suchen. Erst nach vielen Stunden hatte sie ihn an einer Straßenecke wieder aufgefunden. Er war sinnlos berauscht; aus seiner Tasche fehlten hundert Gulden. Für ihre Vorwürfe bekam sie Schläge, und mit Mühe schleppte sie den Taumelnden hierher. Die Tränen flossen in Strömen über ihre hohlen Wangen. Das Schluchzen stieß sie krampfhaft. Der Mann an ihrer Seite, der in der Trunkenheit die Schuldigen vertauschte, lallte stumpfsinnig dazwischen: »Sie muß Prügel haben! Das Weibsmensch hat mich bestohlen! Wenn sie nach Haus kommt, kriegt sie ihre Prügel.«

Der Johann und die Rosa Dostal dagegen waren sehr zufrieden. Sie hatten einen Menschenfreund gefunden, der sich ihrer Not erbarmte. Einen furchtbar reichen Herrn; das große Zinshaus nahe bei dem Sparkassengebäude gehörte ihm; sie wußten es aus seinem eigenen Munde. Er hatte sich bereit erklärt, ihr Erspartes in seinem Bankhaus anzulegen. Zu hohen Zinsen. Acht Prozent pro Jahr. Die erste Rate hatte er gleich ausbezahlt. In der Seligkeit des neuen Reichtums hatten sie viel eingekauft. Kaffee, Zucker, Tabak, Kleiderstoffe für die Kinder und einen Teppich, den sich die Frau schon lange wünschte. Lächelnd hörte ihnen die Babi Skoupek zu. Von Zeit zu Zeit befühlte sie den Brustlatz, unter dem sie, in ein Taschentuch geknotet, ihr Gold geborgen hatte. Sie dachte nicht daran, sich noch einmal davon zu trennen. Unter ihren Strohsack wollte sie es schieben oder in ihrem Gärtchen in die Erde graben. Da konnte es ihr nicht verlorengehen.

Die Türen zum Bahnsteig wurden geöffnet, und der Schaffner rief zum Zug ab. Und immer noch fehlten die Nanny Zlatka und der Karl Jakesch.

Man lachte. Manche meinten: das gemeinsame Warten hat dem Pärchen so gefallen, daß es auch diese Nacht zusammen verbringen wird. Vor dem Sparkassengebäude – oder anderswo.

Schon waren die aus Motice in ihr Abteil eingestiegen, kaum eine Minute fehlte noch bis zur Abgangszeit, da stürzte Karl Jakesch in den Wagen und schrie: »Ist die Nanny hier?« Die Haare hingen wild um seine Schläfe; in seine Augen war das Blut getreten. »Ist die Nanny hier?« Obgleich ihm sein Auge Antwort gab, durchsuchte er die Winkel. Dann, in der Sekunde, wo der Zug sich in Bewegung setzte, riß er die Tür auf und sprang wieder hinunter auf die Steine. Er stürzte, stand wieder auf, lief auf den Schienen hin und her. Die Fahrenden hörten noch sein wildes Brüllen: »Ich schlag' sie tot! Wenn ich das Luder antreff', schlag' ich's tot!«

Ein dürftig aussehender, engbrüstiger Jüngling war mir durch die Aufmerksamkeit aufgefallen, mit der er die Rede des Deutschböhmen verfolgte. Nun fiel er schnell in dessen letzte Silbe ein:

»Was für fremdartige Bilder. Was für sonderbare Leute. Wie waren Sie doch zu beneiden, mit einem Volk zu leben, das noch so jung ist. Unangekränkelt von Bildung und Kultur. Voll von Eigenart und Farbigkeit und Rasse. Sie lachen?« Er warf mit einer wie es schien gewohnheitsmäßigen Bewegung die glatten schwarzen Haare aus dem Gesicht zurück. »Sie wissen vielleicht nicht, was es heißt, am grauen Einerlei zugrunde gehen. Immer nur von Fertigem umgeben. Keine Freude, als die Sehnsucht. Und die Hoffnung, daß vielleicht irgend einmal sich ein Wunsch erfüllt. So ist es,« er zögerte, »einem Freund von mir ergangen. Wenn ich wagen darf, möchte ich Ihnen von ihm sprechen.«

Er sah sich um, als fürchte er, es könne ihm die Zustimmung verweigert werden. Ich dachte: er ist gewiß ein heimlicher Poet. Noch in Keuschheit zugeschlossen und doch schon glücklich, etwas von seinem inneren Empfinden preiszugeben. Ich hörte seine Stimme zittern bei den ersten Worten.

Die Reise nach Indien

Sebastian Schierke war von Geburt an ein Träumer. Er lag stundenlang in seinem Korb und starrte in die Hängelampe, unter der der Vater auf seinem Schusterschemel saß und nähte. Seine ersten Wahrnehmungen erwachten in ihrem Lichte. Sie blieb ihm die Sonne, als er schon reif genug war, auf allen Vieren zu kriechen. Der Kreis, den ihre Strahlen erhellten, schien ihm unermeßlich. Und die Ecken, in die sie nicht hineinleuchtete, waren für ihn unheimliche, von schrecklichen Dingen erfüllte Höhlen. Das empfand er, ehe er es verstand. Ehe er noch seinem Spielzeug, den zerrissenen Stiefeln, den Holzleisten und Handwerksgeräten Namen und Gefühle verlieh. Ehe er noch für das Gemisch von Pech-, Leder- und Petroleumgeruch einen Ausdruck erfunden hatte. Das Wort »Buhaha«, in das er eine Fülle von Bedeutung hineingeheimnißte.

Dann, als er zum erstenmal die Kellertreppe hinaufkletterte, sah er, wie groß die Welt war. Wochenlang dauerte seine Reise durch alle Gänge, Nischen, Höfe und Bodenräume des altmodischen, winkeligen Hinterhauses. Die Straße mied er, sie war ihm zu hell und schnurgerade. Auch scheute er die anderen Kinder und ihre geräuschvollen Spiele.

Am liebsten saß er im Holzkeller zwischen den Stößen, während die Mutter die gefüllten Körbe in die Wohnung des Hausherrn schleppte. Da war er in dem großen, finsteren Märchenwald, von dem ihm der Vater zuweilen erzählte. Von ganz hinten kam ein matter Lichtschein (es war Mutters Laterne, die an der Erde stand) aus einem einsamen Haus. Darin hielt die böse Hexe das Königskind gefangen. Er selbst hockte zwischen riesigen Bäumen, roch die Tannen und welkenden Blätter und lauschte auf ein entferntes Rauschen und Murmeln. Und gleich mußte die Tür aufgehen und die Prinzessin eintreten, im weißen Kleid, die goldene Krone auf dem Kopf, und zu ihm sagen: »Bitte, lieber Prinz ...«

Gewöhnlich kam im schönsten Augenblick die Mutter und schalt, wenn sie ihn antraf. Müßig, mit verschlafenen Augen. Der Vater aber nahm ihn immer in Schutz. Der blasse Mann, an dem eine tückische Krankheit langsam zehrte, verstand seinen Knaben. Auch ihm waren die Gedanken die liebsten Gefährten. Aber hatte er es nur bis zum Flickschuster gebracht, der Sebastian war zu etwas Höherem geboren. Dafür hatte er, schwarz auf weiß, die sicheren Beweise.

Auf der Kommode in der Hinterstube lag, zwischen einem Porzellanhund und einem Glaspokal, eine schwarze, goldbetreßte Mappe. Darin ruhten, nach dem Datum geordnet, Sebastians gesammelte Gedichte.

Das erste, das er in seinem siebenten Jahre mit ungelenken Buchstaben hingemalt hatte:

»Nachtz mich der Schluhmer fliht,
Gott in mein Hertze siht,
Nichtz is alz Lihbe drein,
Lihb für mein Feterlein.«

Das gereiftere, beiden Eltern gewidmete:

»Und eh wangt Fels und Stein,
Eh fellt des Himmels Welbung ein,
Eh ich vergehs was ich euch dank
Was ihr mir tuth mein Leben lank.«

Das Lied, zu dem ihn drei Jahre später ein Ausflug nach Wilmersdorf begeistert hatte:

»Mein Herz gleicht der wandernden Welle
Es gleicht dem schimmernden See
Es mischt in die Freude die helle
Sich leise ein flüchtiges Weh.«

Und viele andere. – Vater Schierke kannte sie alle auswendig, er summte sie bei der Arbeit halblaut vor sich hin. Und für die Kunden, die sie zu hören verlangten, suchte er das haltbarste Leder aus.

Der Gemeindeschullehrer war weniger zufrieden mit dem jungen Sebastian.

Rechnen und Rechtschreiben waren dem Knaben unsympathisch. In der Geographie interessierten ihn nur die entferntesten Erdteile, und dem deutschen Aufsatz war seine lebhafte Phantasie mehr störend als förderlich.

Daß ihm im Grunewald eine Hyäne begegnet sei, wollte ihm der Lehrer durchaus nicht glauben. Und ein Gedicht, das er in die Schilderung der Ferienfreuden einflocht:

»Rings im Schlummer lag die Welt,
Niemand wach als sie und ich,
Und im gelben Ährenfeld
Küßt' ich sie und küßt' sie mich«

wurde als »völlig anstößig« mit einer schweren Rüge bestraft.

Den Vater bekümmerte das nicht. Sein Junge war eben ein Genie. Und »Genies brauchen keine Bildung, sie nimmt ihnen nur die Kraft und die Naivität,« versicherte ihm der junge Schriftsteller, der Jahr um Jahr seine Stiefeln schuldig blieb.

Bis zur dritten Klasse war Jungschierke mühsam geklettert. Da legte sich der Alte zum Sterben.

Nach acht Wochen schweren Siechtums trug man ihn, unter der brennenden Lampe hinweg, in das ewige Dunkel. Er freute sich nicht mehr an den Versen, die ihm sein Dichter auf den Grabstein schrieb:

»Schatten des Todes, du schreckest uns nicht,
Die wir vertrau'n auf das göttliche Licht.
Will uns vor Schmerz auch das Herz fast vergeh'n,
Bleibt uns der Trost doch, Dich wiederzuseh'n.«

Er litt nicht mehr an dem Kummer, den sein Tod seinem Liebling brachte.

Krankheit und Begräbnis hatten alle Ersparnisse aufgezehrt und zu Schulden gezwungen. Frau Schierke verkaufte Handwerkszeug, Vorräte und die besten Möbel. Sie vermietete die Vorder- und Hinterstube an eine Plättanstalt und sich selbst als Gehilfin. Für sich und den Jungen behielt sie nur die Küche und eine kleine Kammer.

Mit der Kommode, dem Porzellanhund und dem Glaspokal verschwand auch die Mappe mit Sebastians gesammelten Gedichten. Bis Ostern durfte er die Schule noch besuchen, dann wurde er eingesegnet und ausgeschickt, einen Erwerb zu suchen. Zu einem Handwerker natürlich. Denn »jelernt haste nischt, und vor det olle Jequassel und Jeschmiere jiebt dir keen Mensch keenen Dreier nich« meinte die Mutter.

Sebastian widersprach nicht. Sein Kindersinn war schwer verdüstert durch den Verlust des gütigen Vaters. War er früher still gewesen, jetzt wurde er stumm.

Sein Abgangszeugnis war schlecht. Seine schwächliche, engbrüstige Gestalt, die zögernde Sprache nahmen gegen ihn ein. Von Stelle zu Stelle wurde er abgewiesen. Bis sich ein früherer Kunde des alten Schusters, für den Frau Schierke jetzt die Hemden plättete, seiner annahm. Der alte Justizrat Korn setzte den jungen Schierke als Schreiber in seine Kanzlei.

Da saß er nun Tag um Tag und Jahr um Jahr an einem gelben Holztisch, den überschlanken Körper weit vorgebeugt, um die kurzsichtigen Augen den schreibenden Fingern zu nähern, und malte verständnislos, aber gewissenhaft die Buchstaben auf das Papier. Tag um Tag freute er sich auf den Augenblick, in dem er die Feder ausspritzen, den grauen Kattunärmel abstreifen und die Tür des Bureaus hinter sich schließen durfte. Dann regten sich die heimlichen Gedanken, die Tags über an der Kette lagen. Dann schlüpften sie aus ihrem Versteck und flatterten und sangen um ihn her wie freigewordene Vögel.

Zu Hause mußte er noch der Mutter helfen. Einholen, Feuerung tragen, fegen und bürsten. Nachts aber, allein in der kalten Kammer, schrieb er beim Kerzenlicht auf, was in ihm klang und weinte. Seine schwerersparten Groschen wandte er an Papier, Tinte und Porto. Einmal mußte doch der Erfolg kommen, die Anerkennung – die Freiheit.

Ach! Sie kamen alle wieder, die Reime, die er in die Welt hinausschickte. Diejenigen ausgenommen, deren Rücksendung man ganz vergaß.

Da starben ihm langsam Mut, Hoffnung und der Glauben an sich selbst. Nur die Phantasie blieb leben und hungerte. Er suchte ihr fremde Nahrung. Er machte Jagd auf alles Gedruckte. Auf die billige Zeitung seiner Wirtin, der Plättstubenbesitzerin Frau Ruhnau. Auf die Kolportagehefte ihrer Gehilfinnen, auf ihre Käse- und Stullenpapiere. Seine Spargroschen trug er jetzt zum Trödler, bei dem er in alten, zerrissenen Büchern wühlte. Was ihn entzückte, waren Ritter- und Schauerromane, Kriminal- und Jagdgeschichten. Außergewöhnliche, aufregende Ereignisse. Der Gegensatz zu seinem armseligen, eintönigen Leben.

Eines Tages fand er im Bureau unter einem Stoß alter, dem Einstampfen geweihter Akten ein paar rote Bände. Verjährte Baedeker von Oberitalien und der Schweiz, zum Wegwerfen bestimmt. Er nahm sie an sich. Des Einbandes halber, und weil ihn jedes Buch reizte. Zu Hause erst entdeckte er, was für einen Schatz er sich erbeutet hatte. Was waren alle erfundenen Geschichten gegen diese fesselnde Wirklichkeit! Was für Herrlichkeiten gab es draußen in der Welt! Wie leicht waren sie zu erreichen! Man brauchte nur Geld in seine Börse zu tun, in den ersten besten Eisenbahnzug zu steigen und dann dem roten Wegweiser getreulich zu folgen.

Er tat das alles – im Geiste.

Er überschritt die höchsten Pässe, bestieg die gefahrvollsten Gipfel, durchlief die herrlichsten Kirchen und Galerien. Jeden Weg und Steg lernte er auswendig, bemaß alle Entfernungen, kannte alle Aussichtspanoramen und hätte mit verbundenen Augen die schwierigsten Bergübergänge gefunden. Er war ein vornehmer Reisender. Fuhr nur mit Schnellzug und Extrapost, bewohnte die teuersten Hotels, speiste in den feinsten Restaurants, kaufte ab und zu kostbare Kunstgegenstände und sparte nicht mit Trinkgeld. Und mußte nur täglich seine Reise für vierzehn Stunden unterbrechen, um in der Kanzlei und Plättstube zu arbeiten.

An einem Freitag Abend war er mit zwei der besten Führer aufgebrochen, um den Montblanc zu besteigen. Er wählte den schwierigsten Aufstieg über den Brouillardgletscher und wurde eben angeseilt, um eine kaminartige Schlucht zu erklimmen. Da holte ihn Frau Ruhnau. Vorn im Laden lag die Mutter. Mitten in der Arbeit hatte ein Herzschlag sie umgeworfen.

Sebastian hatte der Mutter innerlich nicht nahe gestanden. Was er, der Weltfremde, an ihr verlor, machte er sich nicht klar. Um so weniger, als Frau Ruhnau, eine kinderlose Witwe, sich anbot, ihn für ein geringes Entgelt weiter zu versorgen. So bedeutete ihm dieser Tod fast eine Befreiung.

Fortan gehörten seine Mußestunden ihm. Er konnte erleben, was er bisher geträumt, er konnte reisen. Nur in den Tiergarten zwar und Sonntags allenfalls in den Grunewald. Aber eine Bank unter Bäumen, am Rande eines Sees wurde ihm zum Zauberroß, das ihn in weite Fernen trug.

Er schloß die Augen und hörte das Rauschen des Wasserfalles, roch den Duft der Matten. Die Glocken der Pferdebahn wurden ihm zum Kuhgeläute, das Pfeifen der Stadtbahnzüge zum Signal des Dampfschiffes. Fremdartige Vögel sangen ihm zu Häupten, in fremden Zungen redeten die Menschen, die ihn umgaben.

Und das schönste blonde Mädchen, das bei ihm vorbeiging, war sein heimliches Liebchen. Zwar tat sie fremd und erhob nicht die Blicke. Aber er wußte, seine Träume wußten, wie süß und zärtlich sie ihn liebte.

Zuweilen gelang es ihm, sich zu verirren.

Dann überliefen ihn alle Schauer des Geheimnisvollen. Der Kiefernforst wurde zum Urwald. Hinter dem undurchdringlichen Dickicht lag eine unbekannte Welt. In den Zweigen und Blättern knackten und raschelten die Tritte wilder Tiere, er schwebte in lauernden Gefahren. Bis zum Herzklopfen wußte er sich die unheimliche Stimmung zu steigern.

Trat er dann auf eine Lichtung hinaus und sah im Frieden des stillen Sommerabends ein Rudel Rehe äsen, sah das letzte Licht der Sonne, das die Stämme rötlich streifte und den See durchglühte, dann füllte ein übermächtiges Gefühl Herz und Seele. Er warf sich in das Heidegras und weinte vor trauriger, sehnsuchtsvoller Seligkeit.

Von diesen Ausflügen kam er ermattet heim. Mit fiebernden Wangen, in den Augen einen trunkenen Glanz, die Lippen glühend wie vom Kuß der Geliebten. Nachts schlief er schlecht, hustete, wälzte sich ruhelos und schlich am anderen Morgen lustlos zu seiner Arbeit.

Frau Ruhnau sah ihm kopfschüttelnd nach. Sie hatte sich den Verkehr mit ihm ganz anders gedacht. Eine Mischung von mütterlicher und weiblicher Liebe fesselte sie an ihren jungen Mieter. Seine Hilflosigkeit dauerte sie, zugleich war sie berührt von seiner stillen Eigenart. Wenn er der Versuchung, seine alten Gedichte wieder einmal zu hören, nicht widerstehen konnte und ihr abends daraus vorlas, wenn seine Gestalt sich aufrichtete, wenn ihm die Haare in das blasse Gesicht fielen und seine Züge sich verklärten, schien er ihr fast schön. Längst machte sie sich allerlei Gedanken.

Er war zwar neun Jahre jünger als sie, aber darauf kam es bei so einem nicht an. Eine Junge, Leichtsinnige würde schlecht zu ihm passen. Er brauchte eine Alte, Erfahrene. Hausfrau und Mutter zugleich, die seine zarte Gesundheit schonte und pflegte. So eine wie sie. Dafür konnte er die dumme Schreiberei an den Nagel hängen, ihre Bücher führen, ihre Rechnungen schreiben, es konnte ein prachtvolles Leben geben.

Nie hatte sie bemerkt, daß er nach den Mädchen sah; nun verdächtigte sie ihn zum erstenmal einer heimlichen Liebschaft.

Ganz glücklich war sie, als er im Herbst seine Spaziergänge aufgab und zu seinen Büchern zurückkehrte. Häuslicher denn je, denn der Zufall hatte ihm einen neuen Schatz in den Schoß geworfen. Ein kostbares Werk – Reisebilder aus Indien – aus dem Englischen übersetzt. Drei dicke Bände mit Illustrationen. Durch einen Zimmerbrand beschädigt und geschwärzt, waren sie zum Altbücherhändler und in Sebastians Hände geraten.

Aus ihren verstümmelten, versengten Blättern erwuchs ihm eine Fülle neuer Freuden. Schweiz- und italienmüde wie er war, überdrüssig des bequemen Führers auf geebneten, betretenen Wegen, fand er in diesen Blättern ungeahnte Sensationen.

Da waren Abenteuer und Seefahrten, tollkühne Ritte, wilde Jagden, da war Glanz und Pracht, Blumenduft, Blut und Grausamkeit. Alle Märchen der Jugend wurden lebendig: die unheimlichen Höhlen in der Schusterstube, die Prinzessin im Holzkeller, das »Buhaha« der Kindheit, dieser Inbegriff alles Geheimnisvollen.

Sein körperlicher Zustand, ein leichtes Fieber, das unbeachtet in ihm brannte, steigerte die Feinfühligkeit seiner Nerven, überhitzte seine krankhaft erregte Phantasie.

Zum erstenmal wurde es ihm schwer, die Arbeit des Tages von den Träumen der Muße zu trennen. Zwischen die trockenen Aktensätze schoben sich die Elefantenrüssel, die Götzenbilder und Palmenhaine Indiens. Buntschillernde Insekten umsummten ihn, die heiligen Affen wiegten sich auf schaukelnden Zweigen. Seine Blicke hingen an dem Zeiger der Uhr, seine Wünsche ersehnten den Moment der Erlösung. Heim stürzte er, vergrub sich in seine Bücher und war blind und taub für alles, was um ihn herum vorging.

Da fand es Frau Ruhnau an der Zeit, deutlicher zu werden. Sie nahm seine angegriffene Gesundheit als Vorwand, brachte ihm allerlei Leckerbissen und lud ihn zu sich in die Vorderstube. Da könnte er ebensogut lesen. Oder noch besser, ihr vorlesen. So wäre ihnen beiden geholfen.

Die gute Frau Ruhnau. Sie ahnte nichts von den Erlebnissen ihres Mieters.

Bisher war er ein mächtiger Maharadscha gewesen, der Herrscher in Bhurtpur. Vor kurzem erst hatte er einem englischen Herzog zu Ehren glänzende Feste gegeben. Er hatte eine Dschungel abbrennen lassen und die flüchtenden Tiere des Waldes zu Tausenden getötet. Er hatte Tiger und Elefanten gejagt, Büffelkämpfe veranstaltet, er hatte Gold und Edelsteine unter die Menge geworfen.

Seit einigen Tagen aber hatte er sich in einen Brahmanen verwandelt und diente dem vielarmigen Gott Siva in dem herrlichen Tempel von Rameswaram. Die schlanke Sidla, die schönste aller Bajaderen, war seine Freundin. Allnächtlich besuchte er sie in ihrer Zelle. Perlen und Opale rieselten an ihr hernieder, seidene Gewänder umrauschten sie. Doch heller als alle Gesteine glänzten ihre Augen, weicher als alle Seide flossen ihre Haare. Aus silbernen Schleiern blühten ihre Brüste, die Gazellenzartheit ihrer weißen Glieder. Sie liebkoste ihn mit sanften Händen, sie umtanzte ihn mit leichten Füßen. Und wenn sie müde war, sank sie neben ihm nieder, unter die Punka, die zwölf ihrer holden Gespielinnen leise bewegten. Von solcher Huld begnadet, wie hätte er Sinne behalten für die derben Reize seiner Wirtin.

Höflich dankte er ihr und verriegelte hinter ihr die Tür.

Sie kam wieder, sie pochte und fragte und wollte sich den Eingang erzwingen. Zu einer Stunde, da die liebliche Sidla, von Tanz und Liebe ermüdet, auf weichen Teppichen soeben in Schlummer gesunken war.

Sebastians Zorn erwachte. Er wies die Störerin hinaus, verlangte sein Hausrecht und den Frieden seiner Stube, die er ehrlich bezahlte.

Da brach es wild hervor, was an Enttäuschung und Groll in Frau Ruhnaus Innerem kochte. Von erwiesenen Wohltaten sprach sie, von Undank und Bettelstolz. Sie fragte, ob er wirklich glaube, für die lumpigen paar Groschen solche Kost und Pflege beanspruchen zu können. Sie sagte viel Böses. Und der arme Träumer erwachte.

Er sah ein, daß er nur Gnaden genossen, wo er geglaubt hatte, Rechte zu besitzen.

Es war ein böses Erwachen.

Wie ein Schlaftrunkener stand er verwirrt vor der Scheltenden. Dann griff er nach Hut und Mantel und lief hinaus. Seinen einzigen Bekannten, den Bureaudiener Franz, um ein Obdach für die Nacht zu bitten.

Am anderen Morgen mietete er die erste schlechteste Wohnung. Eine kleine Kammer im vierten Stockwerk eines düsteren Hinterhauses. In sein altes Heim kehrte er nur zurück, um seine Siebensachen zu packen.

Frau Ruhnau, verängstigt und reuevoll, versuchte eine tränenreiche Versöhnung. Mit der eigensinnigen Festigkeit der Schwäche wies Sebastian sie ab. Aus den Räumen, die ihm vierundzwanzig Jahre die Heimat bedeuteten, ging er grollend in die unbekannte Welt.

Nun war er ganz frei. Wenn er abends nach Hause kam, war sein Zimmer nicht geheizt, sein Bett nicht geordnet, sein Mahl nicht bereitet. Aber er konnte ungestört lesen und träumen, niemand belästigte, niemand befragte ihn.

Als der Frühling kam, hätte er ganze Nächte im Freien umherlaufen können, ohne jemanden zu betrüben. Nur daß seine Kräfte nicht reichten. Eine bleierne Müdigkeit hing ihm im Körper. Der Husten, der ihm den Schlaf störte, quälte ihn auch bei Tage, stechende Schmerzen benahmen ihm Atem und Sprache, mühsam nur trugen ihn die Füße von der Wohnung zur Arbeit.

In der Kanzlei war man immer freundlich zu ihm gewesen. Man hatte sich an seine stille, bescheidene Art gewöhnt und ihm manche Nachlässigkeit verziehen. Jetzt verlangte die Menschlichkeit, seinen Zustand nicht zu übersehen.

»Es geht nicht länger mit dem Schierke, Herr Justizrat« sagte der Bureauchef, während er die Akten zur Unterschrift vorlegte. »Er macht nichts als Dummheiten.«

»Verliebt?«

»Krank, schwer krank, wie ich fürchte. Sieht aus wie der Tod.«

Der Justizrat war gutmütig, wenn seine Zeit es ihm erlaubte.

»Dann kann man ihn doch nicht ohne weiteres auf die Straße setzen! Schicken Sie ihn zum Arzt, gleich heute. Und er soll sich morgen bei mir melden, zwischen neun bis zehn Uhr, ehe ich aufs Gericht gehe!«

Es bedurfte keiner langen Untersuchung.

»Essen und trinken Sie so gut wie möglich« verordnete der Arzt. »Kleiden Sie sich warm, und wenn Sie vielleicht Verwandte auf dem Lande haben, um für ein paar Wochen zu verreisen ...«

Nur dies eine Wort blieb in Sebastians Hirn haften:

Reisen – reisen – weit weg – nach Indien!

Der Maitag war warm und lockend, im Bureau erwartete man ihn nicht. So lange hatte er nicht unter Bäumen gesessen, am Rande eines Sees.

Trotz Müdigkeit und Schmerzen wanderte er hinaus. Doch die Seligkeit von früher wollte nicht über ihn kommen. Er fror im hellsten Sonnenschein, seine Phantasien verdichteten sich zu bösen Träumen.

Die wilden Weddahs, Teufeln gleich in ihrer braunen Nacktheit, schlichen aus dem Gebüsch, umtanzten ihn und stachen ihn mit ihren Wurfspießen. Die gelbe Kobra, Indiens Riesenschlange, zischte ihn an, blähte den giftgefüllten Schlund, umschnürte mit kalten Ringen die erstickende Brust.

Von plötzlicher Angst gejagt, lief er heim. Auf der Treppe sank er zusammen, ein Strom von Blut brach aus seinen Lungen.

Er lag in seinem Bett allein und verlassen. Ab und zu sah die Nachbarin nach ihm. Aber sie hatte selbst sechs Kinder und reichliche Arbeit.

»Er muß ins Krankenhaus« sagte sie zu Franz, der täglich kam und zuweilen Erfrischungen brachte, die der Justizrat schickte. »Das muß doch sein Dienstherr bezahlen. Lange macht er's doch nicht« setzte sie leiser hinzu.

Franz stimmte bei, auch der Arzt teilte ihre Ansicht.

Aber wie ein eigensinniges Kind widersetzte sich Sebastian. Nur nicht ins Krankenhaus. Er bat und weinte. Dann kam das Fieber, der Husten und das rote Blut ...

Der alte Diener war in Verzweiflung. Da fiel ihm Frau Ruhnau ein. Eine tüchtige Frau war sie gewesen, trotz alledem. Vielleicht wußte sie Rat.

Dampfend und zischend blieb das Oberhemd, an dem die Plättfrau mit rotglühendem Bolzen arbeitete, auf dem Brett liegen.

Barhäuptig, ein Tuch um die Schultern, lief sie zu dem Kranken.

Der arme Junge. Wie er dalag. Das weiße Gesicht zusammengefallen, die schmale Nase wachshell, schwarze Schatten unter den Augen, schweißfeuchte Haarsträhnen tief in der blaugeäderten Stirn. Er erkannte sie nicht. Unruhig warf er die Arme umher, stöhnte leise oder murmelte vor sich hin.

Armer Junge, armer, armer Junge!

»Kann man gar nichts für ihn tun?« fragte sie den Arzt.

Der zuckte die Achseln.

»Ihn wenigstens hier herausbringen?«

»Er will ja nicht ins Krankenhaus. Nach Italien werden Sie ihn wohl nicht schicken können, würde ihm auch kaum mehr was nützen.«

Die Frau zuckte zusammen. »Wenn man ihn wenigstens hier herausbringen könnte« wiederholte sie.

Sie sah sich um.

Die Kammer, das Bett, die Wäsche, alles klebte voll Staub und Schmutz. Die Luft selbst roch nach Unsauberkeit und Armut.

Und draußen war es Sommer. Selbst in dieser traurigen Straße.

Eben war es einem Sonnenstrahl gelungen, die hohe Mauer zu erklettern. Aber gleich war er wieder weg, als sei er erschrocken zurückgefahren.

»Herr Doktor.« Frau Ruhnau sprach langsam und überlegend, »mein Schwager, er hat'n Fuhrgeschäft in der Möckernstraße, der hat so'n kleines Häuschen zwischen Treptow und Eierhäuschen. Am Sonntag fährt er mit der Familie 'raus, und an warmen Sommerabenden vergnügt er sich da mit's Angeln. 'S is man 'ne Kabuse, 'n bißken feucht mag's auch sein –. Aber immer noch besser wie hier. Wat meinen Sie, wenn man den Jungen da 'rausbrächte, könnt' er sich da erholen?«

Der Arzt schwieg.

»Könnt' er's wenigstens – aushalten?«

»Das kann ich Ihnen nicht garantieren. Die Natur ist unberechenbar. Aber er kann doch nicht draußen ganz allein –«

»Dafür lassen Sie mich sorgen. Ich hab' ihn von klein auf gekannt, er ist wie mein eigener!« sagte sie noch rasch. Ganz rot wurde sie dabei. Wenn der Doktor wüßte.

»Dann habe ich nichts dagegen.« Es wird ihm das Sterben erleichtern, dachte er bei sich.

Am nächsten Nachmittag, es war etwas spät geworden der Pferde halber, die nicht früher frei waren, trugen Frau Ruhnau und ihr Schwager den kranken Sebastian die Treppen hinunter. Sie betteten ihn sorgsam in den offenen Wagen, der Mann sprang auf den Kutschbock, die Frau saß auf dem Rücksitz und hielt des Kranken Hände.

Er war sehr schwach und nicht bei vollem Bewußtsein. Er fühlte kaum die Stöße und Rucke auf dem schlechten Pflaster. Frau Ruhnau aber zuckte jedesmal zusammen. »Wären wir erst da! Wären wir erst da.«

Endlich hatten sie die Köpenicker Straße hinter sich, sie fuhren auf der Treptower Chaussee. Der Wagen bog in den Wald ein, fuhr an den Fluß und blieb vor einem kleinen Häuschen stehen. Ebenerdig, ohne Unterbau, aus grün angestrichenen Brettern zusammengebaut, glich es einer Sommerlaube. Hinter ihm lag die Spree im Abendsonnenschein.

Purpurrot lohte der Himmel, Purpur fiel auf Ufer und Fluß. Zartgrüne Weiden, lichte Gewänder, weißliche Boote, von halbnackten Gestalten pfeilschnell getrieben, schwellende Segel, schwärzliche Flöße, alles schwamm und schwebte in rosigem Schein. Jede Schwere war behoben, jede Härte aufgelöst, Flimmern und Leuchten in Wasser und Luft.

Frau Ruhnau beugte sich über den Kranken.

»Wir sind da, Sebastian, Sebastian!«

Er hob ein wenig den Kopf und starrte träumend in das lebendige Licht.

In seine erlöschenden Augen trat ein unirdischer Glanz.

»Indien – das ist Indien!«

Frau Ruhnau schüttelte den Kopf.

»Nee, mein Jungechen, das is Treptow. Und das Häuschen, das is mein Schwager seine Sommerbude.«

Er hörte sie nicht mehr. Aber als sie leise seine Wangen streichelte, mit harten Fingern und doch sanft und zärtlich, huschte ein seliges Lächeln über seine Züge.

»Wie schön bist du, Sidla – zauberhaft schön!«

Einmal noch seufzte er tief – streckte sich – und fiel in die Kissen.

So war er doch in Indien gestorben.

Aus dem Hintergrund hatten sich schon wiederholte Laute der Ungeduld gemeldet. Jetzt trat der Störenfried erkennbar in den Bereich der Lampe. Wie ein Arbeiter gekleidet, hektisches Rot auf den vorspringenden Backenknochen, den Stempel des Intellekts auf der tief durchfurchten Stirn. »Faxen,« rief er. »Ist halt ein schwindsüchtiger Junge umgestanden. Was ist daran schon gelegen.«

Verständnislos pflanzte er sich vor dem Jüngling auf, der, noch warm von seiner Beichte, die Schultern hochzog wie unter einem kalten Wassersturz. »Ihr seid, scheint's mir, auch so einer, der das Volk beschnüffelt, ohne von seinem Wesen das Geringste zu verstehen. Seid's Ihr schon einmal ein tschechischer Textilarbeiter gewesen? Habt's Ihr schon einmal, um einen Schandlohn, bei Frost und Hitze einen Webstuhl zehn, elf Stunden lang bedient? Wißt's Ihr, was, ehe wir gekommen sind, um ihm zu helfen, so einem armen Webermädel die Dampfpfeife bedeutet hat? Ihr Großstadtherrchen, also darüber sollt Ihr jetzt von mir etwas erfahren.«

Auf die Tischtafel gestützt, die Blicke herausfordernd auf den Deutschböhmen gerichtet, fing er an. Der geübte Redner war ihm anzumerken.

Die Dampfpfeife

Oh ... oh ... oh ... oh ...

Oh ... oh ... oh ... oh ... oh ... jeeeh ...!

Ein Pfiff, ein langgedehntes, grelles, aufheulendes Brüllen, gleich einem Aufschrei der gequälten Kreatur.

Das Weib richtet den Oberkörper etwas auf.

»Es pfeift, Vaclav,« stöhnt sie aus ihren Schmerzen, »lauf', du versäumst!«

Vaclav erhebt sich langsam. Er sucht beim trüben Schein der Lampe in der Lade nach dem Brotlaib, schneidet einen Fetzen davon ab und steckt ihn in die Jacke zu der Branntweinflasche. Noch einmal tritt er an das Bett und streichelt seines Weibes feuchte Stirn.

»Sorgt Euch nicht, Stejskal, um die Božena,« sagt die alte Babi, die beschäftigt ist, Wasser in ein kleines Holzgefäß zu gießen, »gut wird's gehn. Wenn Ihr nach Haus kommt, ist ein Bub' da.«

Ob Bub', ob Mädel, ihm ist's gleich. Ein Esser mehr zu den dreien, die schlafend in Kisten an der Erde liegen. Und die Frau erwerbslos für die nächsten Wochen.

Was ist zu tun? Wenn Gott es so bestimmt hat.

Er läuft, um nicht in Strafe zu verfallen. So hastig rennt er durch die unerhellte, nebeldicke Morgenluft, daß er die Kälte, die sein Gesicht zerschneidet, nicht empfindet.

Schon steht er zwischen seinen beiden Stühlen.

Oh ... oh ... oh ... oh ...

Oh ... oh ... oh ... oh ... oh ... jeeeh heult zum zweitenmal die Pfeife.

Sssss zischt die Dampfmaschine, bewegt die Arme, bringt den Betrieb in Gang; die Schützen fliegen durch die Kettenfäden.

Und Vaclav weiß nicht, daß sich in das Ausklingen des zweiten Pfiffs daheim in seiner Hütte ein leiser Wehlaut mischt. Das erste Wimmern seines vierten Kindes.

Piska – es pfeift – wird sie genannt. Die Dampfpfeife, die sie zur Welt gerufen hat, wird ihre Patin.

* * * * *

Kind und Mutter. Alles Reiche, Starke, Zwingende ursprünglichster Instinkte ... Fünf Wochen lang kriecht das Tierchen Piska an die Mutterbrust. Mit seinem Hunger, seinem Frost, mit jedem Zittern seines leiblichen Verlangens.

Plötzlich liegt es in Verlassenheit. Lange Stunden, Ewigkeiten. Die Händchen tasten in das Leere, die Lippen stoßen klagend etwas Mißschmeckendes zurück, schließen sich, lustlos saugend, um etwas Kaltes, Nahrungsloses; bis sie der Lebensquell aufs neue füllt; bis Mutterzärtlichkeit mit Brust und Arm und Mund den kleinen Körper wärmend einhüllt.

In diesen Augenblicken tierischen Entzückens huscht durch das Dämmern des kindlichen Bewußtseins ein Geräusch, ein Laut ...

Oh ... oh ... oh ... oh ...

Oh ... oh ... oh ... oh ... oooh ... jeeeh ...

Die Lust verschwindet. Piska ist allein. Großmutter schüttelt sie.

»Psch, psch, Pisenka, raunz' nicht. Maminka kommt wieder, abends, wenn sie pfeifen.«

* * * * *

Das Band zwischen Natur und ihr ist durchgeschnitten. Piska ist kein Säugling mehr.

Doch von der Großmutter noch immer vor den anderen bevorzugt. Sie nimmt die Kleine mit, wenn sie, die schwarze Tasche auf dem Arme, zur Mittagszeit davonschlürft. Langsam, doch noch viel zu schnell für schwache, kurze Beinchen. Den Waldweg abwärts, über die Brücke, vor das große Haus.

Sie warten lange, bis sein Tor sich öffnet. Viele Menschen gibt es her. Männer, Frauen, Burschen, Mädel.

Božena und Vaclav sind darunter. Bleich und verdrossen. Er unzufrieden mit dem Zugebrachten. Keine fünfzig Deka Fleisch die ganze Woche. Sie oft zu kraftlos, um zu essen.

Sie sitzen zur Sommerszeit auf einer grünen Wiese. Im Winter in einem großen, kahlen Zimmer mit vielen anderen. Manch einer hätschelt Piska, schiebt ihr einen Bissen in den Mund, läßt Branntwein oder Bier in ihre Kehle laufen.

Die Hand der Mutter liebkost sie nicht mehr. Müde ruht sie auf dem Schoß, in dem sich wieder neues Leben regt. Schon ruft es abermals zur Mühsal. Seufzend stehen alle auf, folgen der Mahnerin, der Unerbittlichen ...

Oh ... oh ... oh ... oh ...

Oh ... oh ... oh ... oh ... oooh ... jeeeh ...

* * * * *

Was sich die kleine Piska alles denkt, wenn sie die Pfeife hört. »Ein großer Mann, ein Riese, noch höher als ihr Häuschen, der so schreit.«

Sie ahmt ihm nach, wenn sie mit den Kindern spielt. Auf der offenen Heerstraße, die ihr Spielplatz ist. Sie pfeift, die anderen müssen in den Winkel rennen, »in die Fabrik«. Im Winter dringt ihnen der Schnee in die zerlumpten Stiefel. Im Sommer wühlen ihre nackten Sohlen den Staub auf, daß er in Wolken aufsteigt und ihnen fressend in die Lungen dringt.

Viel später, Piska geht schon in die Schule und weiß: es ist der Dampf, der mit so tobendem Gekreisch entweicht, verbindet sie geheimnisvolle Vorstellungen mit dem grellen Schrei.

Er ist ihr der Direktor, vor dem die Mutter zittert, der die gut und schlecht bezahlte Arbeit zu vergeben und die Strafen anzusetzen hat. Auf den der Vater schimpft: »Lump, verfluchter, tritt den Arbeitsmann, kriecht dem Herrn in den H.....n!«

Oder gar der Herr Besitzer selbst, der furchtbar reiche, der die Tasche voll mit Sechserln hat, alle Tage zweimal Fleisch kriegt und drei Liter Pilsener Bier dazu.

Oder sonst ein Übermächtiger, ein Zauberer.

Alles richtet sich nach ihm. Daß die Eltern weggehen und daß sie wiederkommen. Daß es Samstag eine halbe Stunde früher die Suppe und die aufgewärmten Knödel gibt. Daß die Mutter dann das Zimmer aufreibt und die Kinder badet. Daß der Vater erst um Mitternacht nach Hause kommt und die Mutter prügelt, die ihm weinend vorwirft, daß er wieder den halben Wochenlohn vertrunken hat.

* * * * *

Nun ist sie selber in des Zauberers Bann geraten.

Bei der Mutter, die die Fäden durch die Zeuge zieht und sie an eine neue Kette andreht, hockt die Kleine. Garnabfälle hängen ihr am Arm, und die Finger lernen Weberknoten.

Eine blasse, magere Vierzehnjährige, der der Pfiff kein Spiel mehr bedeutet.

Bald rückt sie auf, sitzt an der Spulmaschine. Wie beim Instrument die Tasten reihen sich dem samtnen Kissen Stifte an, auf denen die Bobinen stecken. Und dahinter trägt der große schräge Rahmen Spulen.

Aufgepaßt. Nicht geprudelt, nicht gefaulenzt. Geld verdienen. Aufgepaßt, daß keine Fäden reißen, daß, wenn die Bobine abgespult ist, kunstgerechte Knoten zu der neuen führen. Und daß ja der Baumwollflug nicht auf dem Kissen bleibe und den Faden schädigt.

Schwere Arbeit für die schwachen Kräfte. Aber Jugend, goldene Jugend. Über deine Brücke geht aus jedem Dunkel der Weg zu hellen Fröhlichkeiten.

Neckereien, Gelächter, Püffe rechts und links. Rasch und heimlich. Wenn ein Unberufener naht, gleich die Augen wieder ehrbar auf die Bank gerichtet. Eine Hetz'!

Und endlich pfeift sie doch, die Stunde der Erlösung. Wie dann mittags im Winter der aufgewärmte Kaffee schmeckt. Im Sommer die Handvoll Birnen und die saure Gurke.

Manche freilich essen besser. Streichen Schmalz aufs Brot und kaufen einen halben Liter Bier in der Kantine. Zu so etwas reicht Piskas Lohn noch nicht. Sechzig Heller täglich; dreißig davon an die Mutter. Was bleibt da für den Putz? Mag auch jeder arbeitsfreie Augenblick beim Sticheln aufgehen, beim Waschen, Stärken, Bügeln. Dem Johann Tronezek zuliebe.

Der Johann Tronezek steht schon am Webstuhl. Er webt Kattune. Schlecht bezahlte Ware. Leichte Ware, wie er selber ist. Kein hübscher Junge. Dürr und käsig. Sohn eines Säufers und mit Branntwein aufgezogen. Aber flink und frühreif wie die Piska selber.

Sie passen gut zusammen, wenn sie am Sonntag miteinander tanzen. Stundenlang. Die Arme eng verschränkt, die Hände gegenseitig auf den Schultern, die Köpfe einander zugeneigt, daß die Stirnen sich berühren. Brust und Leib dem anderen angeschmiegt, schieben, drehen und drängen sie sich durch den Knäuel der Paare. Sie sprechen nicht. Das Mädchen schließt die Augen, öffnet ihre Lippen. Gibt sich in sinnlicher Verzückung der Wonne hin. Dem Tanz, der schwindelnden Bewegung, der dichten Nähe ihres Burschen.

Die Luft wird schwül und dick. Aus Bierneigen, Speiseresten, Menschenschweiß ballt sich Gestank zusammen. Die Fiedel quietscht, der Baß ist brummig und verstimmt, mißtönig kreischt der Chor der halb Betrunkenen dazwischen. Das Mädchen sieht, hört und riecht es nicht. Die Augen zu, die Lippen offen, dreht sie sich inbrünstig im Kreise.

An ihres Liebsten Körper angepreßt, genießt sie dumpf und unbewußt, wonach des Menschen tiefste Notdurft schreit – das Glück.

Andere haben Muße, Bildung, Luxus, Kunst, Natur.

Sie hat nichts als diese kurze Freiheit. Der Inhalt ihres Lebens drängt sich in diese Stunden. Sie sind das Licht, nach dem die Schatten ihres Daseins flüchten, die Sonne in dem Dunkel ihres Denkens, die Freude, die sie gierig einschlürft, mit all der Leidenschaft, die das Entbehren ihrer Seele in ihrem Körper aufpeitscht.

Tanz und Liebe ... Bis zur Neige leert sie den Becher, sinnlos, zügellos. Dem allzu schnell enteilten Tag fügt sie die Nacht hinzu, den frühen Morgen. Noch eine Runde ... eine noch ...

Erschöpft und schwindlig möchte sie die fliehenden Minuten halten.

Oh ... oh ... oh ... oh ...

Oh ... oh ... oh ... oooh ... jeeeh ... schreit die Pfeife.

Der Arbeitstag ist da, rennt, Leute, eilt, daß ihr der Strafe nicht verfallt!

In ihren Sonntagskleidern, ungesäubert, ungestärkt, stürzen sie den Berg hinunter, den Fluß entlang, über die Brücke, an das große Tor ...

Gerade sitzen, Piska, die Lider offen halten! Aufpassen, nichts verpatzen, Geld verdienen!

* * * * *

Piska tanzt noch immer. Aber lange Pausen legt sie zwischen jede Runde. Ihre blauen Augen liegen tief und schwarzumrändert in den Höhlen, ihre jungen Züge sind verfallen, lässig schleppt sie ihre Glieder. Sie ist krank. Doch diese Krankheit gilt nicht bei der Krankenkasse. Auch zu Hause muß sie sie verschweigen. Aus Angst vor Prügel und vor hartem Zanken.

Zwar die Mutter wurde auch erst kurz vor Piskas Ankunft Vaters Frau. Doch der Eltern eigene Verfehlung strafen sie bei ihren Kindern. Anständig soll die Tochter bleiben, Geld nach Hause bringen. Überhaupt die Piska, so ein Fratz, noch keine sechzehn. Und die Mutter selbst noch alle Jahre in der Hoffnung.

Auch der Johann ist verdrossen. Nicht wie sonst macht er sich häufig in dem Spulmaschinenraum zu schaffen. Sie ist es nun, die einen Vorwand sucht, den Websaal durchzulaufen. Aber das Getöse übertönt die Stimme. Sie zieht ihn mit sich in den Seilgang.

Nur ein Wort.

Na also – was? Wie wenn er nicht schon wüßte. Also ja, wie oft soll er es sagen. Er wird sie nehmen. Wahrscheinlich. Später, wenn sie beide mehr verdienen. Aber gleich das Haus voll Kinder. Dafür dankt er. Sucht sich lieber eine andere, die nicht so ungeschickt ist. Na – nicht gleich. Sie braucht nicht so zu weinen.

Sie drängt sich angstvoll an ihn an. Eine kurze, heftige Umarmung vereint die beiden, die Strafe und Entdeckung nicht bedenken.

* * * * *

Hochsommer. Glühend brennt die Sonne auf die ungeschützten Scheiben. In schrägen Streifen tanzt der Staub und Baumwollflug im Saale. Piska sieht weiß aus. Ihre Finger zittern, wenn sie den Knoten knüpfen sollen. Bei jeder Lohnauszahlung trifft sie seit Wochen eine Strafe, und der Direktor droht mit der Entlassung.

Jetzt nimmt sich eine Mitleidige ihrer an.

»Geh' bissel auf die Luft, ich gib' dir Obacht.«

Die Kleine wankt hinaus; sie schleppt sich aufwärts in den Wald. Ein Tier, das in das Dickicht kriecht, dort zu verenden.

Ist ihr schlecht. Jeschisch Margotte ... was für Schmerzen. Sie schreit und jammert. Stromweise stürzen ihr die Tränen aus den Augen, die Hände krallen in die glatten Tannennadeln, die den Boden decken.

Die Pfeife hört sie noch und denkt verworren: Wenn man nur nicht gemerkt hat, daß ich eher weg bin. Dann überwältigen die Qualen die Gedanken.

*

Ein grelles, langgedehntes, aufheulendes Brüllen weckt sie auf. Sie möchte aufstehen, an die Spulbank eilen.

Sie kann nicht. Entkräftet, sterbend sinkt sie nieder. Und in das Ausklingen der Pfeife mischt sich ein leiser Wehlaut. Das erste Wimmern ihres Kindes.

Der Kreislauf ist vollendet. Ein Leben geht zugrunde und gibt der Arbeit einen neuen Sklaven.

Oh ... oh ... oh ... oh ...

Oh ... oh ... oh ... oh ... oooh ... jeeeh ...

Wir saßen mit gesenkten Köpfen. Von der Trostlosigkeit dieser Zustandsschilderung bedrückt und aufgereizt, uns zu verachten. Nur ein grauhaariger Herr, wie schlafend an die Kachelwand gelehnt und in die Spiralen seiner kunstgerechten Rauchringe gewickelt, schlug die Augen auf und sagte: »Ja, so seid Ihr. Immer Weiß und Schwarz. Der Proletarier ist edel, der Bürger ist ein elendes Subjekt. Ein Ausbeuter. Und ohne ein paarmal hunderttausend Guldenrente tut Ihr's bei ihm nicht. Meiner Erfahrung nach taugen wir Menschen auf beiden Seiten nichts. Wer die Macht hat, übt Gewalt und unterdrückt das Recht. So ist's von Weltanfang gewesen. Wenn Ihr am Ruder seid, werdet Ihr's nicht anders machen.« Er bewegte die Feder seines Benzinfeuerbüchschens, entzündete bedächtig eine frische Zigarette und führte ein Beispiel für seine Weltanschauung an.

Die Erziehung zur Bosheit

Denkt euch einen braunen Wollknäuel, dem man vier Pfötchen und ein Schwänzchen angebunden hat. Oder noch besser, stellt euch eine Kugel vor, mit einem braunen Fellchen überzogen. Daran ein Köpfchen mit zwei blanken Augenpunkten, einem schwarzen Näschen und einer sammetweichen Schnauze. Oder ein lächerliches, winzig kleines Löwenjunges ...

Aber vielleicht glich Bello, als ihn der Gärtner in der Rocktasche vom Markte mit nach Hause brachte, am meisten einem jener Spielzeugshunde, die schreien, wenn man sie etwas auf den Magen drückt. Nur daß man Bello dazu nicht zu drücken brauchte. Denn er klagte unaufhörlich um die Mutter, der man ihn zu früh entrissen hatte. Selbst, als er sich bereits darein ergeben hatte, tags die leere, kalte Luft und nachts eine lieblose Filzdecke über sich zu fühlen (an Stelle des weichen, gastfreundlichen Leibs, in dessen tierisch temperierter Wärme er mit den Geschwistern gekuschelt war), suchte sein Mäulchen sehnsüchtig im Halbschlaf die stets bereite Nahrungsquelle. Und er weinte schmerzlich, wenn noch niemand wach war, um ihm das gewohnte Dämmerfrühstück zu kredenzen.

Nach und nach verblaßte in ihm die Erinnerung an die Großmut der Natur. Er paßte sich der rauhen Notwendigkeit an, und aus dem wehleidigen Säugling wurde ein frohes, spielerisches Kind. Mit der Vertrauensseligkeit der ersten Jugend blickte er ins Leben. Wenn er des Morgens über die Schwelle des Gartenhäuschens rollte, trat er wie ein Herrscher in sein Reich. Die ganze Umwelt war sein Eigentum. Die kiesbestreuten, glattgeharkten Wege, die Blumenbeete, das Birkenwäldchen und der Rosenflor. Und die Himmelsglocke, die über dem Garten blaute, und die Sonnenflecken, die den grünen Rasen rötlich sprenkelten.

Er war keinen Augenblick im Zweifel, daß auch die Villa ihm gehöre, die Freitreppe, die zu der Eingangshalle führte, die Korbmöbel und Lorbeerkübel. Und daß der Spitzensaum der Tafeldecke nur darum tief herabhänge, um seinen Pfötchen ein angenehmes Spiel zu bieten. Wenn ihn ein unmutiges Wort verscheuchte, hielt er's für einen Scherz und antwortete in der Sprache, die er eben erst in sich entdeckt und die anzuwenden ihm offenbar eine richtige Erfinderfreude gab; antwortete mit einem Bellen, das an das Krähen eines sehr jungen Hahnes gemahnte.

Ohne Hochmut besuchte er die Küche, schnupperte in allen Winkeln, schleckte alle Schüsseln aus und verschaffte sich Genüsse, die ihm sein zweites Vaterhaus nicht bot.

Für Zärtlichkeiten war er sehr empfänglich. Wehrte sich nicht, wenn die Küchenmagd ihn auf die Ohren küßte. Und träumte sich auf dem Schoß der umfangreichen Köchin, von ihrem hinströmenden Busen überragt, in den Dunstkreis seiner Kinderstube. Allem Beweglichen und Raschen sprang er entgegen; ob es auf vier oder zwei Beinen ging, auch nur ein Schatten war, ein Blatt, das eigene Schwänzchen, nach dem er sich im Kreise drehte.

Doch seine liebsten Kameraden waren die kleinen Jungen, die allmorgendlich die Zeitungsblätter brachten. Sie kamen stets zu zweit, als fühlten sie, daß ihre dürftige Erscheinung erst verdoppelt ein Individuum ergebe. Sie gingen barfuß, ihre ausgewachsenen Kleider waren mehr zerrissen als geflickt, und in den abgemagerten Gesichtern standen die dunkeln Augen unnatürlich groß.

Bello bereitete ihnen stets einen festlichen Empfang. Schon von weitem lief er ihnen zu, umhüpfte sie und entschüchterte sie so geschickt mit seinen Kapriolen, daß sie zum Schluß mit ihm auf einem Haufen gemeinsam an der Erde lagen.

Damit war der Gärtner, Bellos Besitzer, gar nicht einverstanden. Er mißbilligte schon Bellos Verkehr im Herrenhaus. »Bello soll nicht zutunlich zu Tier und Menschen sein. Bös soll er werden, mißtrauisch und scharf, sonst taugt er sein Lebtag nicht zum Kettenhund,« und duldete nur aus wirtschaftlichen Gründen sein herzliches Verhältnis zu der Köchin. Die Freundschaft mit den Zeitungsbuben aber war ihm geradezu zuwider. Zum Schutz gegen Leute, die barfuß gingen und abgenutzte Kleider trugen, sollte der Hund ja gerade aufgezogen werden.

Es wurde Bello sehr schwer, seine Bestimmung zu begreifen. Zu den ersten Kläpsen hatte er, wie ein rechter frecher Bengel, mit mutwilligen Lauten erwidert. Bald aber verspürte er, wie bitter Schläge schmecken.

Diese Erfahrung nahm ihm das Vertrauen zu der Menschengüte. Und mit dem Kinderglauben auch die Kinderzuversicht. Er lernte lügen und betrügen. Er tat heimlich, was er bisher für sein gutes Recht betrachtet hatte. Mit geducktem Kopf, das Schwänzchen (sonst der Vergnügungsanzeiger des kleinen Körpers) zwischen die Beine eingeklemmt, schlich er in die Halle, vor jeder Handbewegung fluchtbereit. Den Berührungen der Dienstboten wich er ängstlich aus und stahl, was ihm bisher freiwillig angeboten worden war.

Am zögerndsten entsagte er der Neigung zu den zerlumpten Kameraden. Immer wieder wurde er im Spiel mit ihnen angetroffen.