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Aus Mitleid
Die gekaufte Stimme — Des Kaisers Fünf usw.
Neue Novellen und Skizzen
von
Alexander Baron von Roberts
Aus Mitleid
Die gekaufte Stimme — Des Kaisers Fünf usw.
Neue Novellen und Skizzen
von
Alexander Baron von Roberts
Berlin
Verlag des Vereins der Bücherfreunde
1891
Frau
Chlotilde von Schwartzkoppen
in aufrichtiger und herzlicher Verehrung
zugeeignet
vom
Verfasser
Alexander Baron v. Roberts.
Der Autor des vorliegenden Buches ist einer der berühmtesten modernen deutschen Dichter. Das beweist aber nicht viel. Wir haben momentan in der Litteratur viele Berühmtheiten, um die sich kein Mensch kümmert, und zwar mit Recht. Wir haben sogar einige berühmte und große Schriftsteller, denen das Publikum die gebührende Aufmerksamkeit leider nicht entgegenbringt. In diesem Satze liegt ein Widerspruch und doch eine traurige Wahrheit. Die alles öffentliche Interesse aufsaugende Politik, die von Jahr zu Jahr schwerer werdenden Daseinsbedingungen, und — das schöne gute Bier leiden es nicht, daß man die Werke bedeutender Autoren kauft und liest oder — lassen wir das Kaufen weg, ich spreche da im Sinne der Majorität — nur liest. Ja, wenn unsere Größen alle neue Theaterstücke schrieben, das wäre was anderes! Da brauchten sie sich nicht einmal allzusehr anzustrengen, flache und witzelnde Arbeiten thäten auch ihren Dienst. Alle Zeitungen schreiben darüber ausführlich, und das gesamte Publikum sieht sich die Stücke an. Der Autor eines aufgeführten, selbst schlechten Stückes erregt heutzutage in weit höherem Grade die Beachtung der Öffentlichkeit als der Dichter eines genialen Epos oder eines ausgezeichneten Romans.
Unter solchen Mißständen haben künstlerische Kräfte wie z. B. Alexander Baron von Roberts schwer zu leiden. Er hat große Erfolge geerntet, sonst wäre er nicht berühmt geworden, und doch ist es nur in der deutschen Nation möglich, daß ein Autor eher berühmt als allgemein gekannt wird. Und so kann sich auch Alexander Baron von Roberts beklagen, daß sein Name eine Berühmtheit erlangt hat, während seine Werke wohl das feinste, aber kein allzugroßes Publikum gefunden haben. Aber ein Autor, der die Anwartschaft hat, auch von den nächsten Generationen gelesen zu werden, kann ruhig die Stunde erwarten, wo ihm das Volk jene Stelle in der Litteratur zuweist, die ihm die Litteraturkundigen bereits längst zuerkannt haben.
Roberts ist kein gewöhnlicher Unterhaltungsschriftsteller, dem es nur darum zu thun ist, den Leser zu spannen und ihn über ein Stündchen hinwegzutäuschen. Er hat uns stets etwas zu sagen, er fällt stets Verdikte in künstlerischer Form, ein hochstehender Seelenarzt fühlt er seiner Zeit den Puls und bringt das Ringen und Gären der Gegenwart zu Protokoll. Sein Schaffen gleicht keiner farbigen Luftspiegelung, keiner gleißenden Fata Morgana, er ist kein Träumer, der, verzückte Seufzer ausstoßend, nach der blauen Blume sucht und über den ersten Wegstein stolpert, nein, er ist der Mann der Wirklichkeit, ein Künstler, der die Materie des Lebens zu wundersamen Gebilden modelt und ihnen mit dem blendenden Glanze seiner Weltanschauung ein höheres Leben verleiht. Die Vorzüge besonders französischer Schriftsteller, welche sich viele deutsche Dichter in sklavischer Nachahmung zu eigen machen suchen, haben sich von Natur aus mit seinem deutschen Wesen amalgamiert: er ist Luxemburger, das moussierende Element des Rheinländers hat sich in ihm mit französischem Chic, mit Pariser pikanter Grazie vereinigt. Aber das ist es nicht allein, was Alexander von Roberts zu einer so interessanten Erscheinung stempelt. Sein Wesen besteht eigentlich aus einer Reihe einander sich widersprechender Eigenschaften, die in ihrer Gesamtheit den reizvollen Anschein spröder Koketterie, ironischen Tiefsinns und nervös zuckenden Wahrheitsdranges haben. Er ist auf der einen Seite von entzückender Einfachheit, Schalkheit und Gemütlichkeit. Man lese nur seine kleinen Skizzen, z. B. »Aus der Chronik unseres Glückes« und »Es«. Wie anschaulich, wie echt deutsch schildert er das Leid und Glück der Ehe, die Zärtlichkeiten und Zerwürfnisse der Liebe. Er entfaltet sich da als ein Meister der Kleinkunst der Alltäglichkeit. Und neben dieser sympathischen Seite seines Naturells findet man bei ihm, dem Menschenkenner par excellence, eine besondere Vorliebe, Tiere und unbelebte Wesen in den Vordergrund der Handlung zu stellen. Der Schreiber dieser Zeilen hat ihn deshalb bei anderer Gelegenheit den »Andersen der Wirklichkeit« genannt und dargethan, welch Unterschied trotzdem zwischen dem romantischen Märchenerzähler und dem realistischen Romancier besteht. Diese Vorliebe giebt Roberts’ Arbeiten oft etwas Fatalistisch-Satirisches, welches ihm gar nicht so übel zu Gesichte steht. Den großartigsten und im direktesten Gegensatz zu seinem gemütsvoll-familiären Zug stehenden Ausdruck findet diese Vorliebe in »Lou«, einer der exotisch-bizarrsten Erzählungen der modernen Litteratur. Ein Hund und ein Mohrenknabe sind die Helden der Handlung. Aber welche kühne, weltweite Satire gehört dazu, das berauschende, große, glänzende, lasterhafte Paris zum Hintergrunde der Geschichte zweier höchst gleichgiltigen Geschöpfe zu machen und hinter dem grinsenden Schädel eines Mohrenknaben alle Schönheit der Welt zu entfalten und aus dem brausenden Gewühl einer Weltstadt das heisere Gebell eines Köters heraushören zu lassen! Wahrhaftig, die hohnlachende Genialität eines Hogarth könnte sich keinen besseren Stoff wählen. Ein Seitenstück zu »Lou« ist die »Pensionärin«, aber stiller, sinniger sich gebend. War es im »Lou« ein Hund, so ist es hier eine »Schildkröte«, um die sich die Handlung der Geschichte gruppiert. Man darf die Schöpferkraft unseres Autors nicht allein nach seinen kleinen Skizzen, die ungefähr fünf Bände füllen, beurteilen. Aus seinen Novellen lernt man ihn bald als gemütsvollen, bald als bizarren Dichter kennen und lieben, der den unbeseelten Dingen eine poetische Seite abzugewinnen weiß, der das Leben im kleinen mit großer Kunst schildert und besonders aus seiner militärischen Wirksamkeit die schönsten, lustigsten und ergreifendsten Stücklein zu erzählen versteht. Sein Talent entfaltet aber seine Schwingen am mächtigsten, wenn es heißt, ein großes Zeitgemälde zu entrollen und einer bedeutsamen sozialen Idee eine in allen philosophischen und dichterischen Farben schillernde Fassung zu geben. Seine Romane gehören zu den unbestrittensten Meisterwerken der modernen deutschen Litteratur, und sein den höchsten Zielen zugewandtes Streben überflügelt den weitaus größten Teil der deutschen Autoren, welche ebenfalls auf dem Gebiete des Romans sich bethätigen.
Im engen Rahmen dieser Skizze ist es mir unmöglich, auseinanderzusetzen, weshalb die Deutschen wohl Novellen besitzen, die zu dem festen Bestande der Weltlitteratur zählen, aber in Bezug auf Romane hinter anderen Völkern, z. B. den Engländern, Russen und Franzosen, zurückgeblieben sind. Diese Thatsache ist weniger auf den Mangel an dichterischen Kräften, als auf politische, kulturelle und soziale Gründe zurückzuführen. Roberts’ blitzende Beobachtungsgabe, sein plastisches Schilderungstalent, seine eminente Welt- und Menschenkenntnis und vor allem die vollste Beherrschung der Bedingungen und Gesetze, unter denen das komplizierte Gebäude eines Romans errichtet werden kann, prädestinieren ihn geradezu, den modernen Roman zu schaffen, d. h. den Roman, welcher der Nachwelt als getreuestes Spiegelbild unserer Zeit, unserer Sitten, Anschauungen, Fehler und Vorzüge gelten soll. Man mag den Novellisten Roberts liebenswert finden, als Romancier verdient er unsere Bewunderung. Jeder seiner Romane steht unter dem Zeichen einer mächtigen Idee, und sein Roman-Cyklus »Moderner Götzendienst« sucht wahrhaftig seinesgleichen. [A] In der »Schönen Helena« führt er uns den unüberbrückbaren Gegensatz des süd- und norddeutschen Wesens auf Grund eines tragischen Einzelfalles vor. Eine Köchin und ein Sergeant sind die Volkstypen, die er mit unwiderruflicher Echtheit und Unerbittlichkeit zeichnet; und wohl keinem ist es gelungen, auf das öde Kasernenleben einen solchen Lichtstrom von Poesie zu lenken, wie ihm. In seinem »Modernen Götzendienst«, von dem mir einige Bände vorliegen, zeigt sich Roberts als ernster, gewichtiger Sittenrichter. Wenn er uns in »Preisgekrönt« den lähmenden, unterjochenden Bann physischer Schönheit schildert, so ergreift er uns da nicht minder wie in dem prächtigen Buche: »Um den Namen«. Die Titelsucht, die blinde, urteilslose Ehrfurcht der Menschen vor veralteten Vorurteilen geißelt er bis aufs Blut; und wenn er sich auch bisweilen zu Excentricitäten und Unwahrscheinlichkeiten hinreißen läßt, so wollen wir ihm dies angesichts des Eifers, mit dem er seine Aufgabe erfaßt, nicht besonders anrechnen. Für sein bisher bedeutendstes Buch halte ich die »Revanche«. Hier feiert die realistisch-lebendige Kunst des Autors ziel- und zweckbewußte, wahre Triumphe. Der abenteuerlich sich äußernde, oft zu wahnsinniger Wut gesteigerte Revanche-Gedanke der Franzosen erfüllt unheimlich, beklemmend das ganze Buch. Nicht nur ein großer dichterischer, sondern auch ein bleibender kultureller Wert wohnt ihm inne. Und wie in allen seinen Dichtungen, so auch hier: keine träumerische Stimmung, kein romantisches Helldunkel, auch kein sonnenloses, trübseliges plein air, sondern vollste, grelle, greifbare, wie in elektrisches Licht getauchte Wirklichkeit; wie in allen seinen Schöpfungen so auch hier die plastische Gegenständlichkeit des Ausdruckes, die unmittelbare Frische, die scharfe Leuchtkraft der Sprache.
Alexander von Roberts ist seit wenigen Jahren nach Berlin übergesiedelt. Er befindet sich auf der Höhe seiner dichterischen Schaffenslust. Die Eindrücke, mit denen Berlin auf jedermann einstürmt, werden sich auch in ihm in reiche, dichterische Leistungen umsetzen. Er zählt zu den wenigen festen Stützen der modernen deutschen Litteratur, ihm ist es vom Schicksal vergönnt, belebend auf unser Schrifttum einzuwirken. Seit jeher gehört es zu den Eigenschaften der deutschen Kritik, gerade an unseren besten Dichtern herumzunörgeln und herumzumäkeln; ich glaube, die wahre Kritik hat eine höhere und bessere Aufgabe. Sie sei unerbittlich gegen die Dilettanten, aber die beste, treueste Freundin bedeutender Autoren. Unermüdlich soll sie die Aufmerksamkeit des Publikums auf diese hinlenken, unermüdlich für die Verbreitung ihrer Schriften thätig sein. Und so gereichte es auch uns zur freudigen Aufgabe, wieder einmal der Lesewelt das Wirken eines unserer hervorragendsten Dichter näher geführt zu haben.
Ernst Wechsler.
[A] Eine Art Einleitung zu diesem Roman-Cyklus bildet eine der wirkungsvollsten Novellen unseres Autors, die er »Satisfaktion« betitelte. Den die Duellfrage behandelnden Stoff hat Roberts dramatisiert, und sein dramatischer Erstlingsversuch ging vor kurzem über die Bühne des Berliner »Lessing-Theaters«. Er erzielte auf das Publikum einen bedeutenden, tiefgehenden Erfolg, und der Übertritt Roberts von der Novelle und dem Roman zum Theater hätte sich somit glücklich und vielversprechend vollzogen. Und doch kann ich meinerseits ein leises Bedauern über diese Metamorphose nicht unterdrücken. Als Novellist und Romancier ist Roberts unbestritten eine Größe ersten Ranges. Ob er sich diese Bedeutung auch unter den modernen Bühnenschriftstellern erringen wird? Wer weiß es! Ich glaube, seine Begabung ist eine so ernste und mächtige, daß sie ihn möglicherweise hindern wird, mit unseren heutigen Bühnen-Spaßmachern und den Nachäffern Ibsens zu rivalisieren.
Aus Mitleid
Magnus Joël war noch rechtzeitig genug aufgesprungen, um sein Gegenüber, das junge Mädchen, aufzufangen und vor dem Hinstürzen zu bewahren. Eben hatten sich ihre Gläser über dem kleinen, doch glänzend servierten und mit Blumen wie zu einem Feste geschmückten Tisch hellklingend getroffen, und ihre bebenden Lippen, mehr noch die Glut ihrer Augen, hatten das süße Geheimnis ihrer versteckten Liebe gefeiert. Emmy nippte nur von dem goldigen, feinduftenden Inhalt des olivengrünen Römers — »Mir wird so seltsam!« sagte sie, das Glas hinsetzend. Eine plötzliche Blässe flog über das feine Oval ihres Gesichtes, ihre auffällig schlanke Hand, an der ein paar wertlose, altmodische Ringe glitzerten, tastete über Stirn und Augen, gegen die Nacht der Ohnmacht ankämpfend, die sich über ihre Sinne legte.
Nach der ersten Bestürzung geleitete er die wankende Gestalt vorsichtig nach dem Divan, der aus dem Bereich des magischgelben Scheines der tief über dem Tisch herabhängenden Lampe im Dämmer des Hintergrundes stand, von breiten Palmblättern wie zu einer Laube überschattet.
Wie ihr Kopf mit dem dunkelbraunen Wirrnis des üppigen Haares gegen seine Schulter lehnte und die schwarzen Wimpern sich wie schwere Schatten auf die Blässe der Wangen senkten, mochte man auch jetzt noch, in diesem Zustand, das Hingeben sehnender Liebe verspüren; und wie er sie umschlungen hielt, ihre Gestalt fast leidenschaftlich an seine Seite pressend, sie mit seinen kräftigen Armen mehr trug als geleitete, das war etwas anderes als Sorge und Erbarmen um den plötzlich erkrankten Gast.
»Mir ist zum Sterben schlecht —« hauchte es über ihre blutlosen Lippen, nachdem er sie behutsam auf den Teppich des Divans gestreckt.
Er eilte in das Schlafzimmer, um kaltes Wasser, Riechsalz, was er fände, herbeizuschaffen. Sie begehrte nach Luft. Er stürzte auf das Fenster hin, dessen schwere Plüschvorhänge vorhin so vorsichtig gegen fremden Einblick geschlossen worden waren, und öffnete. Die regenfeuchte Luft des Aprilabends wehte kühl herein, und wie entweihend brach das Geräusch der Straße in die diskrete Stille des Salons. Das Chambregarnie, das der junge Magnus Joël, zweiter Sohn aus der bekannten Großfirma Hildebrand Joël, Seiden- und Spitzenwaren, inne hatte, lag in dem lebhafteren Teil der Charlottenstraße, der Nähe des väterlichen Geschäftes wegen, das in der Leipzigerstraße mit seiner glänzenden Schaufensterfront paradierte.
Nah und fern rasselte und klingelte die Pferdebahn, Droschken holperten über das Pflaster, Tritte wie Unterhaltung der Passanten hallten vom Trottoir herauf, stoßweise kam die accentuierte Musik einer nahen Festlichkeit hergehuscht. Es war mehr die Wirkung dieses vieltönigen Lärms als der frischen Luft, welche die Kranke aufleben hieß. Hier ist nicht der Ort, um krank zu werden, für sie!
Wie neidisch das Schicksal! Kaum, daß die Liebenden ihm die paar Stunden eines ersten, ungestörten Beisammenseins mit Notlügen und Ausflüchten abgestohlen, da fährt es in all die Seligkeit mit dem schwarzen Gespenst einer Ohnmacht herein!
Magnus kauerte zur Seite des Divans in einer Romeostellung, die seinem starken Körperbau und der etwas ungelenken Art seiner Bewegungen weniger entsprach; mit seinen breiten Händen hielt er je eines ihrer Händchen umfaßt, die darin völlig verschwanden. Er trug den Namen Magnus zu Recht, obgleich der Vater ihm denselben bei der Taufe nicht in Erwartung zukünftiger Körpergröße zugelegt, sondern aus Geschäftsgründen, denn das wenig klangvolle Joël bedurfte einer tönenden Verbesserung; der älteste hieß Gisbert. Der Ausdruck seines Gesichtes deutete nicht auf den angehenden Berliner Großkaufmann, es schien nach einer idealeren Seite ausgeprägt. Das dunkelblonde Haar war leicht gewellt und zeigte Seidenglanz wie bei artigen Kindern; unter der edelgeformten Stirn lagen schwärmerische grellblaue Augen vertieft; der weiche Mund, den ein aufkeimendes Bärtchen leicht beschattete, schien nicht zum Befehlen geschaffen. Ein Hauch naiver Güte war über das Antlitz gebreitet. Sein Vater und sein Bruder, beide aus härterem Metall geschmiedet, hielten ihn für gründlich aus der Art geschlagen — stand er ihnen doch sogar in dem schändlichen Verdacht, heimlich in Poesie zu sündigen.
»Ist Dir wirklich besser, Emmy?«
Sie nickte matt, aber mit der vollen Zärtlichkeit ihrer wundergroßen Braunaugen, die sich wieder zu weiten und mit Glanz zu beleben anfingen.
»Du bist so gut, Maggi —« hauchte sie hin.
»Aber ich werde es von jetzt ab nicht mehr sein, Emmy! Ich werde nicht mehr dulden, daß Du solche Holzhackerarbeit verrichtest! Von morgens 9 bis abends 9 an der Kasse zu sitzen, in solcher Luft, dazu gehört eine andere Gesundheit als die Deine!«
Er schien jetzt erst recht auf die gebrechliche Zartheit ihrer Erscheinung aufmerksam geworden zu sein. Die Beweglichkeit ihrer Mienen, der Glanz ihres Blickes, die ganze facettierende Art ihres lebhaften Wesens mochten über diese Gebrechlichkeit hinwegtäuschen; in der Unterhaltung pflegten sich ihre Wangen mit einem blühenden Hauch zu färben. Sie hatte eine feine, an den Schläfen durchsichtige Stirn, von schwer zu bändigendem Wildhaar umwuchert, sehr kleine, rosafarbene, mit zwei einfachen Korallenperlen geschmückte Ohren, die in dem Wildhaar fast verschwanden, eine leicht gebogene, in den Flügeln vibrierende Nase und einen vollen energischen Mund. Sie war nicht immer hübsch; wenn sie schwieg oder an ihrem Kassenpult arbeitete, so drückten ihre Züge einen herben Ernst aus, der sie älter machte als ihre einundzwanzig Jahre. Dann, im Affekt, wenn eine Begeisterung für Kunst und Natur, ja nur die erste Begrüßung mit dem Geliebten, ihr leicht empfängliches Wesen in Flammen setzte, konnte sie sogar durch eine eigenartige, wie hergezauberte Schönheit überraschen, die ihre Umgebung stutzen machte.
Sie war schlank gewachsen, und die volle Büste erhöhte noch den Eindruck ihrer sylphenhaften Zartheit. Ihr Kleid war von einfachstem Schnitt, aus schwarzem Lüster, die Uniform des Konfektionsgeschäftes von Kapp und Müller in der Breitenstraße, wo sie als Kassiererin angestellt war; am Halsschluß trug sie eine Brosche aus Silber, die das Monogramm der Firma darstellte, gleichfalls zur Uniform gehörig.
Ja, ihr Körper war der Anstrengung solches Dienstes nicht gewachsen! »Ich weiß, was es heißt,« fuhr er fort, »Tag aus Tag ein in dem engen Kassaverschlag zu sitzen wie in einem Schilderhaus. Gelder einzunehmen, zu buchen und zu verrechnen — alle Augenblicke Anfragen, und die Prinzipale, die fortwährend umherschleichen, um jemanden wegen einer Unregelmäßigkeit zu verschlingen. Dazu die große Verantwortung! Und die Luft, die vielen Menschen, jetzt, zum Anfang der Saison, das Gewimmel, besonders die Anhäufung von Wolle und Baumwolle in solchem Lokal. Wir haben ungleich luftigere Räume, und die Seide staubt nicht; dennoch ist unsere zweite Kassiererin krank geworden, und der Arzt hat sie gezwungen, ihre Stelle aufzugeben.«
»Du weißt doch, Maggi, ich hab’ es Dir schon ein dutzendmal erzählt, welche Mühe ich hatte, die Stelle zu bekommen. Das Handelsinstitut, wo ich die Buchführung lernte, hat Geld genug gekostet. Die verstehen es, einen auszupressen. Solche Stellen sind rar.«
»Laß mich nur sorgen, mein armer Liebling! Ich dulde und dulde nicht, daß Du Deine Gesundheit um der paar Mark wegen opferst!«
»Neunzig Mark — keine Kleinigkeit! Meine armen Eltern sind überglücklich. Übrigens kennst Du meine Meinung. Ich bitte Dich, fange nicht wieder davon an.«
Es hatte ihn vom Beginn ihrer Bekanntschaft an geschmerzt, sie sich quälen zu sehen, während er im Vollen saß. Aber alle Versuche, ihr mit irgend einer Hülfe beizustehen, scheiterten an ihrem Stolz. Fast wäre es einmal deswegen zu einem Bruch gekommen: — ein einfaches, harmloses Schmuckstück, das er ihr zum Ersatz der häßlichen und an die Knechtschaft erinnernden Uniformsbrosche in die Tasche geschmuggelt. Höchstens duldete sie eine seltene Rose oder ein Sträußlein, das die Gelegenheit auf der Straße bot.
Ein wundergroßes Paar, das in das moderne Berlin mit seinen Pferdebahnen, seiner elektrischen Beleuchtung und seinen Wiener Cafés nicht hineinpaßte; es schien einer älteren Periode anzugehören, wo die Liebenden in kleinen Winkelkonditoreien hinter Chokoladentassen ihrer Sehnsucht Genüge thaten, wo stille, entlegene Orte, wie der damalige Hafenplatz, zu zaghaften Rendezvous dienten, und die klassische Musik eines Papa Liebig in Sommer’s Salon die Begleitung zu dem Liebesweben schmachtender Augen gab. Man staune — ein reicher Kaufmannssohn, der mit geschlossenem Geldbeutel wie ein Primaner liebte, und ein armes, auf sauren Verdienst angewiesenes Mädchen, das ihr liebendes Herz von der Befleckung des Goldes rein erhielt!
Der Zufall der Straße hatte sie zusammengeführt. Er besaß keinerlei Routine in der Kunst, Herzen zu stürmen, trotz seiner vierundzwanzig Jahre und seines Geldes, das die mächtigste Hülfstruppe bei solchen Eroberungen bedeutet. Staunte er doch anfangs selbst über seine Verwegenheit und über die Beharrlichkeit, mit der er den Gegenstand seiner plötzlichen Leidenschaft umlagerte. Wochenlang, nach Schluß des eigenen Geschäftes, patrouillierte er, einem Grenadier gleich, der auf sein Mädchen wartet, vor den Schaufenstern von Kapp und Müller in der Breitenstraße. Er ließ sich durch ihre Abweisungen nicht abschrecken. Alle die hübschen kleinen Künste, die das ABC der Verführungskunst vorschreibt, wie anonyme Bouquets, Theaterbillets, selbst Verse, die an der Kasse von Kapp und Müller abgegeben wurden, erwiesen sich als wirkungslose Trivialität. Eine andere Trivialität, ein Regenschirm, der sich bei einem herabstürzenden Regenguß mitten auf dem Schloßplatz plötzlich über ihrem schutzlosen Kopf öffnete, brachte die endliche Annäherung. Viele Wochen lang begnügte Magnus sich damit, sie von der Breitenstraße bis zum Lustgarten an den dort vorüberfahrenden Omnibus zu geleiten. Und er war schon überglücklich, wenn der Omnibus sich um einige Minuten verzögerte. Bald schrak er nicht davor zurück, in den dumpfen Kasten des rumpelnden Fuhrwerks selbst zu kriechen, um die Seligkeit ihrer Nähe bis zur Rosenthaler Vorstadt, wo ihre Eltern wohnten, zu genießen. Dann folgten flüchtige Besuche in einer Konditorei, kurze Rendezvous an den Sonntagen, wo sie auf ungeheuren Umwegen den menschengefüllten Straßen auswichen, um irgend einen diskreten, nur von dem verschwiegenen Himmelsblau eingesehenen Erdenwinkel draußen in der Bannmeile zu erreichen.
Sie zwang ihn zu der Genügsamkeit ihrer Armut, und ihre beiderseitige Liebe erstarkte nur um so mächtiger und glühte um so heißer in dieser Kargheit. Sie wußten, daß sie einander nicht gehören durften und daß ihrem Liebestraume nur das kurze Leben eines Frühlingstages beschieden wäre. Die drohende Trennung lag wie ein Schatten über diesem Frühlingstag. Sie war ihnen so sicher wie der Tod, und sie meinten ein jedes, daß sie die Scheidestunde nicht überleben würden. —
Emmy hatte sich erholt, Magnus begann wieder aufzuatmen: es war nichts weiter, als ein Schwächeanfall, vielleicht auch die Aufregung dieses ihres ersten Besuches in seiner Wohnung.
»Komm, wir wollen uns wieder zu Tische setzen, liebes Herz, —« sagte er, »die Zeit eilt!«
»Du Ärmster, wie hat Dich mein Besuch enttäuscht! Wie hübsch hattest Du alles angeordnet!«
War sie doch bei ihrem Kommen durch die funkelnde und schimmernde Pracht der mit kostbarem Geschirr und prächtigen Blumen ausgestatteten kleinen Tafel, auf der die seltensten Leckerbissen der Jahreszeit sich drängten, in kindliches Staunen ausgebrochen. — »Doch nicht meinetwegen, Maggi?«
Sie wollte ihm nun die Freude wenigstens nicht ganz verderben und sich abermals mit ihm zu Tisch setzen. Als sie sich aber erhob, begann die Standuhr über dem Divan zu schlagen. Sie horchte, mit steigender Aufregung zählte sie die Schläge.
»Neun Uhr — Ah!«
Erschreckt fuhr sie zusammen. »Nicht möglich!« rief sie. »So muß ich sofort nach Haus!«
»Eine Viertelstunde!« bat er. »Die Uhr geht nicht richtig — Du bist doch eben erst gekommen!«
»Du weißt, wie Mama sich ängstigt. Wenn man sie hört, so ist Berlin zu drei Vierteln mit Räubern und Missethätern bevölkert, die nach neun, wo alle anständigen Leute von der Straße verschwinden, ihr Tagewerk beginnen. Ich muß fort! Vor einer halben Stunde kann ich nicht dort sein. Es ist Angst genug für Mamachen —«
»Nur zehn Minuten, süßes, einziges Herzlieb —« flehte er. »Wir nehmen eine Droschke und lassen fahren wie die Eisenbahn. Bitte, bitte, nur noch zehn Minuten —«
Er wandte ihr Köpfchen zu sich empor und erstickte das abwehrende Nein ihrer bebenden Lippen mit der Leidenschaft seiner Küsse. — »Nein, ich laß Dich nicht! Ich laß Dich nicht!« stammelte er.
»Armer Maggi —« hauchte sie in seine Liebkosung. Ihre Augen füllten sich mit Thränen: — eine solche Liebkosung wird eines Tages, bald, gar bald, ihre Trennung bedeuten!
Wo war die Zeit hin? Wie hatten sie jedes für sich die Seligkeit dieses ersten rückhaltlosen Zusammenseins ausgeschmückt! Emmy hatte aus ihrem Kassagefängnis sich mit Mühe durch eine Notlüge zu früherer Stunde befreit. Magnus ahnte nicht, welche Angst sie ausgestanden, bis sie endlich hier in seinen Armen lag. Die peinigenden Skrupel, die sie mehrere Male umkehren heißen, die Furcht vor Entdeckung und das drohende Gespenst der Schande, das auf sie lauert — es will immer noch nicht dunkel genug werden — die Läden diesseits und jenseits der Straße sind so neugierig — alle Passanten wissen um ihr Geheimnis — die Stiege knarrt — sie schrickt zusammen — eine Thür öffnet sich, jemand kommt die Treppe herab — atemlos vor Schreck stürzt sie auf die beigelehnte Thüre des ersten Stocks — »Endlich!« ruft drinnen eine Stimme.
»Ach Maggi ...«
Lange verbarg sie ihr vor Scham glühendes Antlitz an seiner Brust und ihr Atem stürmte vor gewaltiger Erregung.
»Du wirst mich nicht mehr lieben ...« bebte es über ihre Lippen. Sie wagt nicht mehr aufzuschauen — o, sie wird nicht mehr wagen, ihrer Mutter unter die Augen zu treten!
»Du meine Welt! Du mein Alles!« Und mit einem neuen Sturm umpreßte er ihre zarte Gestalt.
Aber die Standuhr war nicht so barmherzig, still zu stehen für ihr Glück. So, mit der Angst, mit der Freude dieses Willkomms war die Zeit dahingeflogen — dazu der fatale Ohnmachtsanfall. —
Während er ihr half den Paletot anzulegen, schwelgten sie bereits in der Seligkeit eines neuen Wiedersehens.
»Ist Dir auch wirklich ganz besser?« fragte er besorgt. Es war ihm, als hauchte abermals eine Blässe über ihre Wangen.
»Ganz gut, Maggi ...«
Aber der Name hauchte so matt heraus — ein neuer Schatten umflorte plötzlich ihren Blick — sie wankte.
»Um Gotteswillen!« — rief er — »was ist?!«
Abermals brachte er sie zum Divan, diesmal mußte er ihren Körper völlig auf den Armen tragen, wie leblos lehnte ihr todbleicher Kopf gegen seine Brust.
»Emmy! — was ist? — Emmy!«
Es war die volle Ohnmacht. Er besprengte ihr das Gesicht, versuchte ihr Mieder zu öffnen — da zeigte sich Blut in dem einen Mundwinkel — und jetzt zog sich eine rote Linie von Blut zwischen den blassen Lippen hin.
»Ein Blutsturz!« stieß er aus.
In höchster Bestürzung fuhr er empor, das Schwellen der roten Linie anstarrend. Dann stürzte er auf den altmodischen gestickten Klingelzug hin und riß daran.
Jemand klopfte; ohne das Herein abzuwarten, erschien ein Kopf in der Thür, und eine wie verrostet klingende weibliche Stimme meldete, daß das Mädchen nicht da sei — »womit könnte ich dienen?«
Es war Frau Gornemann selbst, seine Wirtin.
»Lassen Sie, bitte, irgend jemand nach dem Arzte eilen — Sanitätsrat Herz, Mohrenstraße 28!«
Frau Gornemann war ganz eingetreten. Die Situation für sie sehr interessant — höchst pikant!
Es war eine starke Dame von mittlerem Alter, mit unförmlicher und wie mit verzweifelter Überanstrengung eingeschnürter Taille; ein männlich ausgeprägtes Gesicht von starkem und kaltem Ausdruck, dick gepudert, von dem überaus künstlichen Gebäude einer pompösen Frisur überragt. Sie trug ein schweres schwarzes Seidenkleid, eine protzige Herrenuhrkette mit Berloques baumelte aus dem Taillenschluß; zwischen ihren Rockfalten raschelte ein Seidenhündchen mit gänzlich von langen Haaren überhangenem Gesicht und einem feinen Glöckchen am Hals.
Der Blick ihrer eisigen Augen belebte sich, und sie nickte mit einem fast cynischen Lächeln. Sie versteht vollkommen: der festlich gedeckte Tisch und der Damenbesuch, Alles!
»Schnell! Lassen Sie schnell den Arzt rufen! — Ich bitte! — Sie stirbt! — ein Blutsturz —«
Neugierig rauschte Frau Gornemann mit dem klingelnden Hündchen, das sie nie verließ, an den Divan heran.
»Eine befreundete Dame —« erläuterte er linkisch. Es klang recht dumm! Was denn sonst? — man kennt dergleichen! — sie bedarf keiner Erklärung! — schien der ironische Zug ihres von einem Bartflaum überschatteten Mundes zu sagen.
Die Gegenwart dieser Frau, vor der er stets eine Abneigung gespürt, empfand er selbst in diesem Augenblick als eine Entweihung; statt ihrer, der Ohnmächtigen, befiel ihn eine Scham. Aber Eile — höchste Eile!
Frau Gornemann rauschte hinaus, um den Auftrag auszuführen, dann kam sie wieder, das weibliche Mitgefühl hatte doch über die kritische Neugier die Oberhand gewonnen. Ja, fast schien sich seine Ratlosigkeit ihr selbst mitgeteilt zu haben. Es ist jetzt keine Zeit zu Glossen!
Nach der Ewigkeit einer halben Stunde erschien der Sanitätsrat. Er machte sich sofort an den Fall, ohne die außergewöhnlichen Umstände zu beachten. Und dieser Fall lag einfach: eine schwere innere Blutung — sofort solle die Kranke zu Bett gebracht werden — er wolle so lange bleiben ...
Magnus’ verzweifelter Blick traf Frau Gornemann. In einem schnippischen Anfall erklärte diese, die massiven Schultern hebend, daß sie weder Platz, noch ein Bett übrig hätte!
Es half kein Zaudern und keine Rücksicht im Angesicht dieser Gefahr. So ward die Kranke also in Magnus’ Schlafstube gebettet. Völlige Reglosigkeit, völlige Stille, Eisumschläge und eine Liste von Vorsichtsmaßregeln. Offenbar hing das Leben der Ärmsten nur noch an einem Haar. —
Thränen zitterten durch Magnus’ Stimme, als er den Sanitätsrat beim Fortgehen nach den Aussichten fragte.
Der Arzt hob die Schultern langsam empor, preßte die schmalen, bartlosen Lippen vollends ein und hob die grauen Büsche der Brauen über den freundlich und gutmütig blickenden Augen. Da er Thränen über die Wangen von Magnus stürzen sah, tappte er ihm auf die Schulter: »Was machen Sie für Geschichten!« schien dies stumme Tapfen zu sagen.
»Sie begreifen, Herr Sanitätsrat ...«
Es schien ein Appell an den Menschen. Dr. Herz war nicht der Hausarzt der Familie Joël, aber er hatte den jungen Joël, dem jener andere zu weit ab wohnte, gelegentlich eines flüchtigen Leidens hier in derselben Wohnung behandelt.
»Machen Sie sich keine Gedanken, junger Herr!« fiel er ein. »Wir Ärzte sehen und hören nur, was wir wollen. Wir erleben hier in Berlin jeden Tag einige Romankapitel.«
Nach einer kurzen Pause: »Leben die Angehörigen der Dame hier in Berlin?«
»Beide Eltern.«
»Sie thäten gut, dieselben zu benachrichtigen.«
»Oh!«
»Es wäre das Beste — und möglichst bald, ehe Sie eine noch viel schlimmere Verantwortung übernehmen. Ich kann Ihnen übrigens für die Nacht und überhaupt eine Wärterin senden,« (mit einem bedeutsamen Blick nach der Schlafstube: — Frau Gornemann möchte er die Kranke nicht anvertrauen!)
»Bitte, Herr Sanitätsrat!«
Magnus war aufs äußerste bestürzt. Welch eine Situation! Welch eine Verlegenheit! Die armen Eltern — arme Emmy! Er weiß, der Tod wäre ihr lieber, als ein Wiedersehen mit ihren Eltern an diesem Ort ...
Eine Stunde darauf erschien Schwester Jemima, ein wachsblasses Gesicht mit großen, dunkelgrauen Augen, die weder Kummer, noch Schreck, noch Freude, noch Trauer zu kennen schienen; ihr Gang war ein schattenhaftes Schweben und ihre Bewegungen völlig lautlos. Sie war eine geborene Komtesse M. und als Wärterin in allen aristokratischen Krankenstuben beliebt.
Auch sie sah und hörte nichts und schien über nichts nachzudenken. O, auch sie erlebte Romankapitel genug in ihrem schweren Dienst! Moralische Kasteiung ist ja noch viel verdienstvoller, als körperliche!
Am Morgen noch vor acht Uhr betrat Magnus in der Treskowstraße das Haus, wo Emmys Vater, der Zahlmeister a. D. Köster, wohnte. Es war eines jener Häuser, die gleich nach dem Neubau schon einer zehrenden Alterskrankheit verfallen, als ob die Armut, die sie bewohnt, ein bösartig gefräßiges Ungeziefer sei. Man wies ihn in einem feuchtdüstern, brunnenartigen Hof nach einer Hintertreppe. Langsam stieg er die abgetretenen Stufen hinan, als schleppte er mit seiner peinvollen Meldung eine Last empor. Die dumpfe Luft der Armut, die ihm entgegenwehte, fiel ihm schwer aufs Herz. Die Thüren trugen entweder gar keine Schilder, oder sie waren mit einer Menge vergriffener Karten, ja nur Zettelchen statt solcher bedeckt. Hinter der einen gellte Weibergekeif, Kindergeschrei jeglicher Tonart drang aus allen Ritzen, das ganze Haus schien davon zu vibrieren. Und er hatte dulden müssen, daß sie, die Geliebte, unter solchem Druck atmete! Wenn sie wieder besser ist ... ach, er wagte nicht, sich diese Hoffnung vorzugaukeln!
Emmy hatte die Verhältnisse ihres Elternhauses nur mit kurzen Andeutungen gelüftet. Ihr Vater hatte als Zahlmeister in der Armee gedient, er litt am Größenwahn, sein störrischer Sinn hatte ihn hart an einer Insubordination vorbeistreifen lassen, und er kam noch gerade mit dem blauen Auge eines einfachen Abschieds davon. Dann hatte er sich in allerlei Winkelstellungen versucht, die seinem stolzen Sinn aber zu subaltern dünkten. Nun war er seit lange ohne Beschäftigung, seine angeborene Rolle als verkanntes Genie ins Virtuosenhafte ausbildend. Die Mutter war ein Engel an duldender Güte. Sie war vor ihrer Heirat Lehrerin gewesen, nun gab sie für ein Spottgeld Klavierstunden an erste Anfänger. Drei Geschwister waren gestorben, Emma war die einzige — ihrer Eltern Trost und Hoffnung! — das hatte Magnus längst gemerkt.
Im vierten Stock fand er eine Thür beigelehnt. Eine scharfe militärische Stimme inquirierte jemand da drinnen.
»Also um sieben Uhr hat sie das Geschäft bereits verlassen?«
Die Köster hatten jedenfalls in ihrer Angst um die rätselhaft Ausgebliebene zu Kapp und Müller geschickt und diesen Bescheid erhalten.
»O Gott, was ist denn das?« jammerte eine matte Frauenstimme.
Magnus stutzte. Er hatte mit Frau Gornemann ein Märchen vereinbart, und da war dieser verdächtige Punkt, daß Emmy das Geschäft wider die Gewohnheit um sieben Uhr statt gegen neun verlassen, übersehen worden. Zu einer anderen Zeit hätte ihn der Gedanke angewidert, sich mit dieser Frau gemeinsam auf krumme Wege zu begeben, denn er war Berliner genug, um hinter dem »Witwentum« von Frau Gornemann eine schwüle Vergangenheit zu wittern. Aber die entsetzliche Verlegenheit drängte.
»Je kräftiger Sie flunkern, desto eher wird Ihnen geglaubt, Herr Joël!« lautete die Parole, die seine Vermieterin ihm auf den schweren Gang mitgab.
Wohlan! Und er klopfte an die Thüre.
»Herr—rein!«
Ein kräftiger Mann, schwarzhaarig, mit argwöhnisch spürenden dunkeln Augen blieb in seinem aufgeregten Gange durch die Stube halten. Diese war mit Möbeln und Hausgeräten überfüllt, am Fenster stand ein altes Tafelklavier aus gelbem Kirschbaum.
»Ich komme, um Ihnen Nachricht von Ihrer Tochter zu bringen —« brachte Magnus ziemlich sicher hervor.
Mit einem Freudenschrei schoß eine kleine Frau mit einem kümmerlichen Gesichtchen, das die Angst nun vollends verstört hatte, aus einem Winkel empor.
»Wo ist sie? — Sie haben Nachricht? — Um Gotteswillen, wo ist sie?«
Gleich wandelte sich die Freude in Schreck. Magnus sah, wie die zarte, gebrechliche Frau am ganzen Leibe vor Aufregung zitterte.
»Ihre Tochter lebt! Sie brauchen nicht das Ärgste zu denken!« rief er.
Herr Köster spannte die Augen. »Du kannst gehen, Karl,« sagte er zu dem Knaben, welcher der Überbringer der Nachricht von Kapp und Müller gewesen. Als fürchtete er, des Nachbars Kind könnte Dinge über seine Tochter zu hören bekommen, die sich nicht für die Verbreitung im Hause eigneten. Er argwöhnte immer nur das Schlimmste.
»Also Ihre Tochter ist gestern Abend auf der Straße plötzlich erkrankt. Ich war zufällig in ihrer Nähe. Sprang noch rechtzeitig heran, sonst wäre sie auf das Trottoir hingestürzt. Wir brachten sie ins Haus. Es wurde ein Arzt gerufen und der erklärte sofort —«
»O Gott!« stieß Frau Köster aus, und sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen.
»Verhehlen Sie uns nichts!« rief Herr Köster — »wir sind auf alles vorbereitet nach dieser Nacht!«
»Ich bitte, sich zu beruhigen! Der Doktor, den ich — den wir sofort rufen ließen, erklärte es nicht für sehr gefährlich — ein leichter Blutsturz —«
»Warum hat man sie denn nicht zu uns gebracht? Oder noch besser zur Charité, wo sie jedenfalls die sicherste Hülfe gefunden« — fiel jener ein.
Die arme Mutter zuckte entsetzt bei dem Worte »Charité« zusammen, als bedeute das den Gipfel der Schande.
»Der Doktor erklärte sofort, daß die Kranke nicht weiter transportfähig —«
»Wir müssen gleich zu ihr, Frau! Hier hilft kein Jammern und kein Besinnen! Wo ist es, wenn ich bitten darf?«
»Charlottenstraße 55a bei meiner Wirtin« — (das klang nicht gut!) »bei einer Frau Gornemann,« verbesserte er sich. »Eine barmherzige Schwester war die Nacht über da. Es ist für alles gesorgt. Sie können ganz ruhig sein.«
»Mein Name ist Joël —« fügte er zögernd, mit einer leichten Verbeugung hinzu. Er hätte in diesem Augenblick viel darum gegeben, wenn er nicht diesen stadtbekannten Namen trüge.
»Ach — von den Joëls in der Leipzigerstraße?« fragte der Vater heftig. Gleich stürzte sich sein Argwohn auf den Namen.
Magnus nickte. Kann es unter den reichen Leuten denn keine Ehrenmänner geben?
»Wie kam — wie kam das Mädchen denn um sieben Uhr in die Charlottenstraße, Herr Joël?«
Magnus erstaunte selbst später über seine Geistesgegenwart, die diese Frage nach kürzestem Zögern parierte:
»Die Dame war, so viel ich herausbekam, im Auftrag von Kapp und Müller ausgegangen ...«
Doch Frau Köster schnitt all diese Abschweifungen von der Hauptsache mit der Erklärung ab, daß sie vor allem hin müßten — gleich auf der Stelle! O, sie läßt sich nur vom ersten Schreck so niederducken — nachher findet das Schicksal sie stets gewappnet!
»Darf ich Ihnen meine Droschke zur Verfügung stellen? — sie ist bereits bezahlt,« fragte Magnus.
Sie nahmen das Anerbieten an, und er empfahl sich, froh aufatmend. Doch da draußen auf der Straße fiel der Jammer über den drohenden Verlust der Heißgeliebten wieder über ihn her. Während er im Sonnenschein durch das Gewühl der Rosenthaler Straße schritt, stürzten ihm plötzlich Thränen aus den Augen. Und ein Gefühl, daß nachdem, wenn sie ihm geraubt würde, das ganze Leben für ihn keine Bedeutung mehr hätte, legte sich gleich einem Schleier über seine Sinne. —
Magnus war nach einem kleinen Hotel in der Nachbarschaft übergesiedelt; den Seinen gegenüber hatte er diese Veränderung mit einem ansteckenden Krankheitsfall in der Familie Gornemann begründet, so kam er auch jeder Überrumpelung in der Wohnung zuvor.
Die Kranke schwebte zwischen Tod und Leben; die Miene des Sanitätsrates bemühte sich krampfhaft, eine Hoffnung zu heucheln. Frau Köster und Schwest Jeremima teilten sich Tag und Nacht in die Pflege, während Herr Köster ruhelos ab und zu ging, von der Sorge um sein Kind gehetzt. Magnus verrichtete seinen Dienst im väterlichen Geschäft wie ein Träumender. Alle Gedanken bei ihr! — und es war eine solche Qual für ihn, wenn er in ihrer Nähe weilte, seine überquellende Sorge sänftigen, den Ausdruck seines Schmerzes unterdrücken zu müssen, damit die Eltern nicht Verdacht schöpften.
Doch nur zwei Tage gelang die Täuschung gegenüber Herrn Kösters argwöhnischem Spürsinn. Diesem war die angstvoll vibrierende Teilnahme eines Wildfremden, angeblich nur durch einen Zufall Angenäherten, gleich verdächtig vorgekommen, so sehr sich Magnus gerade in seiner Gegenwart Gewalt anthat.
Kapp und Müller hatten auf seine Erkundigung nichts von einem in ihrem Auftrag erfolgten Ausgang um sieben Uhr gewußt, Fräulein Emma hatte im Gegenteil ein Familienfest für ihr Urlaubsgesuch vorgeschützt. Dazu trat der schändliche Verrat der kleinen, leblosen Dinge, die unseren Alltag tyrannisieren, ja zuweilen unser Schicksal meistern. Magnus hatte sorgfältig alle Spuren, die zur Entdeckung des Geheimnisses führen konnten, entfernt. Der Doktor suchte bei einem seiner Besuche nach einem Zettelchen, um den lateinischen Namen einer Tinktur darauf zu schreiben; er griff aufs Geratewohl in den Papierkorb und zog ein beschriebenes Blättchen hervor, auf dessen leere Seite er den Namen hinwarf. Herr Köster, der die Besorgung in der Apotheke übernahm, erstarrte, als er unterwegs das Blättchen näher prüfte: es war das Stück eines Briefcouverts, und die Adresse, an Herrn Magnus Joël gerichtet, zeigte die Handschrift seiner Tochter! Keine Täuschung: — ein gewisser flotter, für ihre Hand charakteristischer Schnörkel ließ keinen Irrtum aufkommen.
Dann, bei seiner Rückkehr, gab die Kranke selbst den Anlaß zur Gewißheit. Er war leise an das Lager herangeschlichen. Magnus saß dort neben der Mutter. Emmys fieberglänzende Augen weiteten sich, sie schienen nach jemand ins Leere hinein zu suchen. Endlich trafen sie Magnus’ Antlitz. Nun tastete ihre Hand mit Mühe, bei der übergroßen Schwäche, über die Bettdecke nach ihm hin. Sie suchte seine Hand, und er reichte sie ihr, alle Vorsicht vergessend. Mit einem seltsamen Ausdruck des Glückes schloß sie die Augen, die Hand immer noch haltend.
Herr Köster wußte genug. Emmy und Herr Joël hatten sich längst gekannt — der Krankheitsanfall und das zufällige Eingreifen dieses übergefälligen Herrn war erfunden — seine Tochter, seine einzige verführt und verdorben! — und dort steht der Verführer!
Ein ungeheurer Grimm überfiel ihn. Er hätte sich am liebsten auf den Verbrecher gestürzt. Mit zitternder Stimme ersuchte er, Herrn Joël draußen auf der Straße sprechen zu dürfen. Dort ging er geradenwegs auf die Sache los.
»Sie haben uns irre geführt, Herr Joël, als Sie uns meldeten, wie der Unglücksfall sich ereignet —«
»Herr Köster!«
»Ich denke, es ist jetzt nicht der Moment, Komödie zu spielen. Ich weiß alles — kenne die Beziehungen des Mädchens zu Ihnen —«
Magnus hielt es diesen Umständen und den fanatischen Blicken des in seinem Vaterstolz Verwundeten gegenüber nicht mehr für angebracht, sein Märchen aufrecht zu erhalten.
»Ja, ich liebe Ihre Tochter!« flüsterte er, und er legte beteuernd die Hand auf die Brust; seine Augen strahlten.
»Liebe Ihre Tochter ...« höhnte Köster. »Ungeheure Gnade — der reiche Herr Joël, der sich herabläßt, meine Tochter mit seiner Liebe zu beglücken!«
Dann in einen Ton jammernder Verzweiflung umschlagend: »Mein Kind, mein armes Kind! — sie war unsere ganze Freude! — Liebe Ihre Tochter ... was heißt denn das? Bekennen Sie doch Farbe, Herr!« Drohend klang es, und unwillkürlich wich Magnus zur Seite.
»Ich versichere Sie — ich schwöre Ihnen bei allem, was mir heilig ist ...« fiel Magnus ein.
»Kennen wir — kennen wir! — bin lang genug in Berlin, um zu wissen, was solche Liebe bedeutet ... zum Teufel, Herr, ich fordere die Ehre meiner Tochter von Ihnen! Sie haben Ihren Ruf vernichtet! Sie werden mir Rechenschaft geben, Herr ...«
»Ein so verzweifelt unglückseliger Zufall —« stotterte Joël — »ich bin bereit, alles gut zu machen ...«
Er war sich zwar nicht klar, wie das zu geschehen hätte; gleich schämte er sich auch der Redensart.
»Mit Geld? Zum Teufel mit Ihrem Geld! Eine Ehre läßt sich nicht mit Geld reparieren! — Mein Kind, mein armes Kind —« jammerte der Vater von neuem los.
»Herr Köster, hören Sie doch ...« bat Joël, von innigem Mitleid ergriffen.
»Lassen Sie mich! — es ist jetzt nicht der Moment — wir rechnen schon mit einander ab! — lassen Sie mich ...«
Und er wehrte Joël ab, zu folgen, während er eiligst um die nächste Ecke bog. Joël stand und sah der Gestalt des unglücklichen Mannes nach, wie sie, die Arme mit den geballten Fäusten in ohnmächtigem Grimm nach abwärts gesenkt, dahinwankte.
Wie verstört strich er selbst aufs Ungewisse durch die Straßen. Der Mann hat recht! Der Ruf des Mädchens ist vernichtet — kein Geld der Welt vermag ihn herzustellen, denn der Leumund glaubt nicht an die Schändlichkeit dieses Zufalls. »Welche Sühne könnte ich leisten? Blut wäre trivial — und widersinnig, ihm, dem Vater, solches anzubieten!«
Der Gedanke an einen Ausweg fiel ihn an. Sein Geschick für immer an das ihre zu fesseln? — sie zu heiraten? — Das bedeutete für seine Familie, für seinen Vater das Ende der Welt! — Und er belog sich, daß er dennoch den Mut haben würde, den Schritt zu thun, der ganzen Welt zum Trotz — wenn sie nur am Leben bliebe — nur das!
Aber sie wird und kann nicht am Leben bleiben! Der Sanitätsrat hat ihm erst heute Mittag jede Hoffnung geraubt.
Ein Eheversprechen? — das klänge hier im Angesicht des sicheren Todes wie ein entweihender Hohn.
Herr Köster erschien an diesem und dem folgenden Tage nicht mehr in Joëls Wohnung. Es war die stumme Ächtung, die er über sein armes Kind verhängte. Sein Starrsinn gebot ihm, eher grausam, ja brutal zu sein, als den Schein auf sich zu laden, daß er seine und der Seinen Ehre antasten ließe.
In der Villa Joël zu Charlottenburg wurde der Geburtstag des Chefs gefeiert; zugleich das Gründungsfest des Berliner Hauses. Magnus durfte und konnte nicht fern bleiben, ein triftiger Vorwand fand sich nicht. Doch würde er Gelegenheit erhaschen, sich zeitig genug zu entfernen — denn die Geliebte lag im Sterben.
Herr Hildebrand Joël, der seit fünfzehn Jahren verwitwet war, bewohnte einen Teil des Parterregeschosses der großartigen Villa, während sein Ältester, Gisbert, mit seiner Familie die übrigen Räume inne hatte. Für Magnus hätte sich wohl noch ein Plätzchen in dem weiten Hause gefunden, doch hatte sich das Bedürfnis herausgestellt, daß einer von der Firma wenigstens seine Wohnung in Berlin und in der Nähe des Geschäftes hatte. So hatte Magnus in erster Ermangelung eines besseren Logis, und da er durchaus anspruchslos war, sich bei Frau Gornemann eingemietet, selbst die Bedienung verschmähend, die ihm sein Vater aufdrängen wollte, damit auch diese Filiale des Namens Joël mit genügendem äußeren Glanz vertreten würde.
Gisbert Joël war mit einer Tochter des großen westfälischen Eisen-Sturz vermählt; sein Schwager war der Baron Kehren, ein wegen seines wütenden Strebertums in weiten Kreisen der Armee berüchtigter Offizier. Gisbert war das Gegenstück des jüngeren Bruders. Schon die fast ans Geckenhafte streifende Sorgfalt für Kleidung und Äußeres verriet den Lebemann. Er hatte seine Jugend tüchtig ausgetobt, und der Arnheim von Herrn Hildebrand wußte davon zu erzählen; aber das Stirnrunzeln des alten Herrn war wohl nicht ernst zu nehmen: — leben und leben lassen! — ein Joël, der der schönsten Figurantin von Friedrich-Wilhelmstadt Equipagen und Pferde hält und den Mut hat, bei Friedländer Zehntausende für ein Schmuckstück aufschreiben zu lassen, um damit die Gunst einer bekannten Soubrette zu erobern — das bringt den Namen nur in Umsatz, das kann den Glanz des Hauses nur erhöhen! Warum begeht der Jüngere keine solche Heldenthaten? Man muß ihn wahrhaftig zwingen, standesgemäß Geld zu vergeuden! Hätten die beiden Cyniker, Vater und Sohn, erfahren, daß ein Joël allabendlich in einen Rumpelkasten von Omnibus kroch, um in den Blicken eines unscheinbaren Ladenmädchens seine Seligkeit zu finden — sie hätten ihn für ein Tollhaus reif erklärt.
Da Magnus so schmählich aus der Art geschlagen, da er nichts für den Ruhm des Hauses zu thun gewillt war, blieb schließlich nichts übrig, als ihn wenigstens glänzend zu verheiraten. Magnus war mit seinen vierundzwanzig Jahren alt genug; er würde einen Musterehemann abgeben — meinte Frau Gisbert, eine lebhafte und imposante Brünette, nach ihrer Art ironisch mit den Lippen zuckend.
Es war auch schon eine Braut für ihn bestimmt. Bei Gisberts war eine Cousine der geborenen Eisen-Sturz zu Besuch, eine Gußstahl-Prinzessin aus Bochum. Eine blühende Blondine von bezaubernd liebenswürdigem Wesen — und sie schien sich wahrhaftig für den »guten Kerl« von einem Magnus zu erwärmen, all den glänzenden Huldigungen zum Trotz, denen ihre Schönheit und ihr Reichtum ausgesetzt waren. Der engere Familienrat hatte diese Heirat beschlossen. Gisbert erklärte zwar die Dame viel zu schade für den »Duckmäuser«; er war selbst mit einer schönen und reichen Frau verheiratet, gönnte das gleiche Glück aber keinem anderen. Die beiden Schwestern, Frau Gisbert und Baronin Kehren, pflichteten lachend, ihre berühmt prächtigen Zähne weisend, diesem Urteil bei. Auch sie hätten für die gußstählerne Cousine wohl eine bessere Partie erwünscht, aber mit dieser Heirat waren allerlei verlockende Pläne verknüpft. Der Alte beabsichtigte nämlich nach Magnus’ Verheiratung, diesen das Obergeschoß beziehen zu lassen und für Gisbert eine Mustervilla zu erwerben, die er auf die erdenklich prachtvollste Weise ausstatten wollte. Die beiden Schwestern schwärmten schon von dem neuen Besitz, und eifrig arbeiteten sie an dem Heiratsprojekt.
Magnus sah sein Schicksal. Über kurz und lang mußte er ja doch von der Geliebten getrennt werden! Über diese Trennung hinaus war alles andere, was geschähe, gleichgültig! Aber er glaubte das Schicksal noch eine Weile aufhalten zu können! —
Welch eine entsetzliche Qual, heute hier mitten im Festestrubel zu weilen, als Sohn des Hauses den Höflichen und Zuvorkommenden zu spielen, eine lächelnde Miene aufzusetzen und den Damen banale Nichtigkeiten zu spenden — während Emmy im Sterben liegt und eine Welt unter ihm zusammenzustürzen droht!
Die Festtafel war in dem großen neudekorierten Hauptsaal hergerichtet. Während die Austern gereicht wurden, bewunderte man den jüngst erst fertig gestellten Meyerheimschen Fries und die farbenglühende italienische Decke von Meurer. Doch den Haupteffekt gab der herrliche, sonnenfrohe Frühlingstag, der durch die hohen Bogenfenster der Gartenterrasse hereinglänzte. Die hohen Bäume waren noch von dem bronzefarbenen Hauch der ersten Knospung überhaucht, während das Strauchwerk schon in seinem vollentfalteten grünen Schmucke prangte. Auf dem blendenden Smaragd der Wiese stolzierten kostbare weiße Pfauen, und die saisongemäßen Beete voll seltener Tulpenarten machten, von hier oben gesehen, die Wirkung von bunten Geschmeidestücken aus der Renaissance. Das feine Säuseln eines unsichtbaren Springbrunnens lag wie ein dämpfender Schleier über dem vielartigen Geräusch der Speisenden; ein paar Amselstimmen bemühten sich, von draußen her zur Tafelmusik beizusteuern.
Der Glanz der Gäste konnte fast mit der Pracht der Gedecke, dem Prunk der schweren Aufsätze und der auch jetzt am hellen Tage brennenden Kandelaber wetteifern. Einige strotzende Generalsepauletten, einige verdienstvolle Ordenssterne von staatlichen Würdenträgern, ein paar Breitseiten von Diner-Orden auf der Brust von Flügeladjutanten, einige Kommerzienräte, einige vielgezackte Kronen aus der Diplomatie, ein paar der augenblicklich modernsten Namen aus Kunst und Litteratur.
Natürlich hatte der Festordner Gisbert seinem Bruder Magnus die gußstählerne Prinzessin als Nachbarin zudiktiert. Und es geschah von seiten der Verschworenen das möglichste, um die Gäste wie das Paar selbst auf dessen Zusammengehörigkeit aufmerksam zu machen. Die zukünftige Braut wurde mit Aufmerksamkeit überhäuft, die beiden Schwestern ließen sie und Magnus nicht aus den Augen, mit Lächeln und Nicken und allerlei kleinen bedeutsamen Zeichen suchten sie die Gelegenheit zu schmieden.
Magnus verrichtete ein Wunder an Selbstbeherrschung. Krampfhaft zwang er sich, er, der sonst still war und nicht den Ruf eines interessanten Gesellschafters besaß, zu einer lebhaften Unterhaltung. Wollte er doch dem lieben und hübschen Wesen an seiner Seite, dem die helle Lebenslust aus den blauen Augen lachte, diese frohe Festesstunde nicht verderben! — galt es doch mit dem Klang seiner eigenen Worte und seines Lachens den wühlenden Schmerz hier in der Brust betäuben! Vielleicht mochte auch der Wein, den er in vollen Römern herabstürzte, seine Schuldigkeit thun ....
Die Verschworenen hatten ihr Werk mit feiner List insceniert. Nach den ersten feierlichen Galatoasten erhob sich Herr Perkisch, der bekannte Tafelpoet, der, wie Koch und Lohndiener, in gewissen Kreisen zu den notwendigen Requisiten eines Diners gehört. In seiner schwungvollen Art feierte er das Glück des Hauses Joël. Nicht das gegenwärtige allein, sondern ein zukünftiges, das er mit einem ausdrucksvollen Zwinkern seiner schmalen Augenschlitze fern dort hinten auf der smaragdenen Wiese zwischen den weißen Pfauen aufsteigen sah. Und sein beim Reden vergnügt schmunzelnder Mund malte dies Glück in so verlockenden Farben aus, daß die beiden Schwestern ganz Begeisterung waren. Der von ihnen gedungene Tafelpoet konnte seinen Auftrag nicht effektvoller ausführen.
Alles zielte mit offenen und verstohlenen Blicken auf das Paar. Nun, nachdem Perkisch geendet und das erste Läuten und Klingen der Gläser verhallt war, wußten die Schwestern eine Art Cour vor dem Paar in Scene zu setzen. Sie traten vereint auf Magnus und Fräulein Helmons zu, und ihre Blicke, ihr Lächeln und die Art, wie sie mit den beiden anstießen, alles das sah wahrhaftig wie eine Gratulation aus! Andere folgten dem Beispiel. Hier und da wurde getuschelt — »noch nicht offiziell!« hieß es — »aber die Verlobung hängt in der Luft!«
Fräulein Helmons glühte, aber mit ihrem bezaubernden Lächeln überwand sie die seltsame Verlegenheit. Ihrem Herzen schien es wahrhaftig fast recht zu sein, wenn sich all diese versteckten Huldigungen zu einer wirklichen greifbaren Gratulation verdichteten.
Magnus ließ in seiner etwas linkischen Art den unbegreiflichen Sturm gegen sich anprallen. Zum Teufel, es kann doch kein Mensch auf der Welt mit klingenden Gläsern und Toasten zu einer Ehe gezwungen werden!
Eben fand sich der alte Papa ein, sein Rotweinglas (er trank nie Champagner) in der Hand, um zu »gratulieren« — wie soll man es sonst nennen? Über sein glattrasiertes, von einem silberschimmernden Kranzbart unter dem Kinn eingerahmtes Gesicht vibrierte ein Ausdruck verschmitzter Freude. Mit bekannter Artigkeit verneigte er sich vor seiner zukünftigen Schwiegertochter, und seinen liliendünnen Lippen entschlüpfte ein besonders liebenswürdiges Kompliment. Kräftig stieß er dann mit Magnus an, und seine grauen, schlauen Blinzelaugen forschten in dessen Miene: — »Nun, alter Junge?« rief er laut.
Zugleich erhielt Magnus von rückwärts einen Schlag auf die Schulter: — »Prosit Brüderchen!«
Es war Gisberts schnarrendes Leutnantsorgan, und das feiste, von einem unternehmenden Schnurrbart gezierte Gesicht des Lebemannes grinste ihn an.
Warum that der Duckmäuser auf das erhobene Champagnerglas keinen Bescheid? Magnus zuckte zusammen, sein Blick stierte wie gebannt nach dem einen Gartenfenster hin.
Gegen die sonnige Helle des Gartens scharf abgezeichnet, stand dort ein Dienstmann, einen Brief in der einen Hand haltend, während die andere schirmartig über den Augen erhoben war; sein von der Eile echauffiertes Gesicht weidete sich mit glotzender Neugierde an dem festlichen Gewirr hier innen. Seine Erscheinung wirkte wie eine lächerliche Trivialität; der Mann mochte irrtümlicherweise den Weg durch den Garten genommen haben. Ein Diener sprang hinzu und winkte entrüstet dem Eindringling ab.
Magnus erblaßte, und eine eisige Blutwelle ließ ihm den Atem stocken: — es ist die Todesnachricht!
»Was hast Du nur, Bruder?« rief Gisbert stutzend.
»Nichts — nichts! — es wird vorübergehen!«
Und mit einer konvulsivischen Anstrengung, die ihn sogar körperlich zu schmerzen schien, zwang er seine verstörte Miene zu einem Lächeln. Gellend stieß sein Glas gegen das des Bruders — »Prosit!« rief er schrill.
Er wollte hinausstürzen in seinem Schmerz, um dem Dienstmann das verhängnisvolle Billet zu entreißen, aber er fühlte sich wie gelähmt — als wenn etwas hier innen zerbrochen wäre — mechanisch setzte er sich mit den anderen wieder zu Tisch.
Gleich darauf reichte ihm Gisbert über die Schulter den Brief hin: »Ei, ei, Brüderchen« — flüsterte der Lebemann — »eine Damenhand und eilig!«
Auch das schien dieser eingefleischte Egoist dem andern nicht zu gönnen.
Magnus entriß dem Bruder den Brief, und seine bebende Hand barg ihn uneröffnet in der Brusttasche — hatte er noch nicht den Mut dazu, das Unselige hinzunehmen? Fürchtete er, sich nicht beherrschen zu können und eine Scene hervorzurufen? Hinweg mit den schwarzen Schatten aus der Festessonne ...
Abermals krampfte er all seine Willenskraft zusammen — später staunte er darüber, wie er es fertig gebracht, das Lächeln auf sein Antlitz zu bannen und seine Rolle als höfliche Gesellschaftspuppe weiterzuspielen, während ihm der Brief mit der Todesnachricht auf der Brust brannte.
Endlich hob Frau Gisbert, die die Honneurs des Hauses machte, die Tafel auf. Er riß den Brief auf — es war nicht die Todesnachricht — nur begehrte die Sterbende ihn noch einmal zu sehen ...
Heimlich machte er sich auf — hielt auf der Straße eine vorüberfahrende Droschke an und ließ sie nach Berlin hineinjagen, was sie zu jagen vermochte.
Wohl eine Stunde hatte er in dem Dämmer der verhangenen Stube an dem Krankenlager gesessen. Emmy hatte vorhin sein Kommen mit offenen, zum Bewußtsein erwachten Augen begrüßt, jetzt hielt das Fieber wieder ihre Sinne umschleiert. Ihre heiße, pochende Hand hatte in der seinen geruht, ihre bebenden Lippen hatten sich bemüht, ihm ein paar Worte zuzuflüstern, doch auch hierzu reichte die Kraft nicht mehr aus. Anstatt der Worte schwoll in ihrem Auge eine Thräne und rollte langsam über die von fliegender Glut gerötete Wange.
Sie weiß — es ist die Scheidestunde! — Sie hätte so gerne, ach so gerne gelebt und geatmet in dem Sonnenschein seiner Liebe! Wenn auch nur auf Monate, Wochen und Tage — solange das Schicksal ihr den Sonnenschein gönnte. Aber nicht dem unsäglichen Weh dieser Scheidestunde entquillt solche Thräne. Sie hatte in diesen Tagen öfter nach dem Vater gefragt und bald verstand sie die ausweichenden Antworten der Mutter, daß er vorhin, als sie schlief, dagewesen, daß er dann und dann wiederkommen wollte; sie sah die Thränenspur auf den verhärmten Wangen ihres Mütterleins — immer schwerer, immer schwüler fühlte sie den Alp der väterlichen Ächtung auf sich lasten. Ihre gestammelten Fieberworte gaben Zeugnis von dem Druck, unter dem ihre Seele keuchte.
O, Magnus wußte jene Thräne sehr wohl zu deuten!
Während er dort brütend und vor sich niederstierend saß, begann ein Trotz in ihm zu wachsen, grimmig und herausfordernd; er fühlte eine zuckende Gier, aufzuspringen und die Lüge und Heuchelei zu zertrümmern, unter der er ihre herrliche Liebe in seinem Kleinmut wie ein ungeheures Verbrechen versteckt. Was für erbärmliche, feige Wichte sind wir doch, wir von der sogenannten Gesellschaft, die wir das festgewurzelte Glück unserer Herzen auf ein Gebot des sogenannten Herkommens herausreißen! Ein gewaltiger Zorn gegen sich selbst ergriff ihn — wohlan, da nun doch alles zusammenstürzt, so will er wenigstens Rache nehmen an dem Phantom dieses Herkommens ...
Er stand auf und hatte mit Frau Köster eine Unterredung nebenan im Salon, die diese brave Frau zuerst erschrecken machte, dann in einen Thränenstrom ausbrechen ließ — er wehrte noch gerade, daß sie nicht seine Hand, die sie umklammert hielt, an ihre Lippen drückte. Dann traf er Anordnungen mit Schwester Jemima, und deren starre, schicksalsstumme Augen schienen sich wie zu einem Erstaunen zu weiten, ein Affekt, den sie sonst nicht kannte. Frau Gornemann aber, die ebenfalls um ihren Beistand angegangen wurde, hatte Mühe, nicht mit einem Lachen hell herauszuplatzen, trotz der Situation — und sie rauschte davon, das Seidenhündchen zwischen ihren Rockfalten festhaltend, ganz außer Fassung gesetzt über das Gehörte: zu welch entsetzlichen Verrücktheiten die Liebe, die platonische zumal, einen jungen Mann hinreißen kann! Totschießen und ins Wasser springen ist gar nichts dagegen!
Magnus machte sich eilig auf, denn es war keine Minute zu verlieren, ehe der Tod sein Vorhaben zerschnitt. Er suchte einen früheren Schulkameraden auf, der jetzt die Stelle eines Hilfspredigers an der Neuen Kirche bekleidete.
»Gottlob, daß ich Dich treffe, Bruno!« rief er, in die stille Studierstube des theologischen Strebers tretend.
»Was ist Dir, Magnus? Du bist so erregt —«
»Durchaus nicht! — ich komme, — um einen wichtigen Dienst von Dir zu fordern!«
»Sehr gern — aber nimm doch Platz!«
»Es ist höchste Eile — bist Du bereit, mich zu verheiraten?«
»Sehr gern — aber ...«
Der junge Geistliche stutzte vor seinem eigenen schnell entschlossenen Ja. Seine nüchterne Denkungsart hinderte nicht, daß die Erinnerung von geheimen, auf einem Verbrechen basierenden oder auf ein solches zielenden Heiraten ihn anflog.
»Kein aber! Entweder bist Du bereit oder nicht! Ich habe keine Zeit! Meine Braut liegt im Sterben, und ich wünsche ...«
Hier versagte Magnus die Stimme.
Den Prediger erfaßte ein Mitleid — »Aber ich bitte Dich — was ist denn geschehn? Setz’ Dich doch und erleichtere Dein Herz!«
»Ja oder nein! Halt’ mich nicht auf!« rief Magnus.
Aber er war dem Geistlichen, bevor dieser sich zu einer folgenschweren Amtshandlung herbeiließ, doch wohl eine Erläuterung schuldig. Und er erklärte in kurzen hastenden Worten die Lage.
Der Geistliche machte ein bedenkliches Gesicht — der Fall war ihm noch nicht vorgekommen.
»Ich bitte Dich, ich beschwöre Dich, Bruno! Es muß sein! Sie soll nicht mit dieser Schande belastet zu Grabe getragen werden! Der Makel soll nicht an ihrem Namen haften über das Grab hinaus!«
Der Geistliche hatte in Magnus’ Elternhaus verkehrt, er ahnte die Katastrophe und wagte darauf hinzuweisen.
Entrüstet wehrte Magnus. »Es ist alles gleichgültig! Eine Autorisation meines Vaters sagst Du — ich bitte Dich — der Tod autorisiert mich! — Du willst also nicht —?«
»Ich mache Dich darauf aufmerksam, daß diese improvisierte Eheschließung meinerseits ja doch keine gesetzliche Gültigkeit haben würde.«
Das klang mehr, als wollte der Prediger seine eigenen Zweifel damit niederschlagen. Und ein anderer Zweifel fuhr darein: ob Magnus sich wirklich zu dieser phantastisch zu nennenden Extravaganz entschlossen haben würde, wenn der Tod nicht endgültig seine Autorisation gegeben.
Doch der Beruf des Seelenretters erwachte in ihm, und er redete sich ein, daß er sich dieser an ihn herantretenden Pflicht nicht entziehen dürfte.
Gut, er wollte in einer Stunde zur Stelle sein, unter dem Vorbehalt, daß »später« die nötige Formalität nachgeholt würde.
Magnus eilte zum Juwelier und erstand die Trauringe. Dann hetzte er nach der Treskowstraße, fand Herrn Köster aber erst am zweiten Orte. Der Mann geriet außer sich vor Überraschung. Gleich aber war der alte unausrottbare Dünkel wieder da:
»Ich habe das auch nicht anders von Ihnen erwartet, Herr Joël!« rief er, diesen mit seinen fanatischen Augen anblitzend. —
Eine Stunde darauf fand die seltsame und in ihrer Seltsamkeit so ergreifende Feierlichkeit statt.
Schwester Jemima hatte einen Altar mit einem Kruzifix und einigen brennenden Kandelabern gerüstet. Dies konnte an eine andere — später vorzunehmende noch viel ernstere Feier, die dieser ersten folgen würde, gemahnen.
Als Trau-Zeugen waren zugegen die Eltern, Schwester Jemima und die Wirtin. Die Amtshandlung des Predigers fand in einem vorsichtigen Flüsterton statt, den die Stille des Sterbezimmers gebot — einige kurze einleitende Worte — einige inbrünstig hingehauchte Gebete, die der gewaltigen Tragik der Stunde entsprachen. Seine Stimme bebte — auch ihn meisterte die Rührung.
Die Braut schien nicht bei Bewußtsein zu sein — ein paarmal ging ein Aufhorchen über ihre Züge — die Wirklichkeit mochte sich ihr in einem Traume verdämmern.
Nun richtete der Prediger die rituellen Fragen an sie: — ob sie gewillt sei, dem Geliebten auf Tod und Leben die Hand zu reichen. Da zuckte ein so seltsam ungläubiges Lächeln um ihre vom Fieberodem geöffneten Lippen — langsam hob sie die Wimpern und starrte den Frager ungläubig angstvoll an: was will man denn? — was kommt man denn, mir solch ein Trugbild vorzugaukeln in dieser Stunde? — warum läßt man mich denn nicht in Ruhe sterben?
Nun fühlte sie, wie etwas Kaltes, Metallisches sich über einen Finger ihrer rechten Hand streifte. Dann wurde diese Hand von einer andern ergriffen, und sie fühlte wieder etwas Heißes darauf glühen — den Brand von leidenschaftlichen Küssen, die zwei Lippen darauf preßten.
Magnus war in die Kniee niedergestürzt, ihre Hand, die den Trauring trug, wie verzweifelt umklammernd.
Der Prediger hielt seine beiden Arme segnend über dem Paare ausgebreitet, und seine bebende Stimme flüsterte: »Der Herr segne Euch und behüte Euch — der Herr hebe sein Angesicht auf Euch —«
Da ward sein Flüstern durch Magnus’ hervorbrechendes Schluchzen unterbrochen: — »Nein, Du darfst nicht! Du darfst nicht gehen — mein Weib! — mein liebes, liebes Weib ...«
Gewaltsam mußten sie den halb Sinnlosen von dem Bette entfernen. —
Magnus stand am anderen Morgen im Kabinet seines Vaters.
»Du hast mich rufen lassen, Vater?«
Der alte Herr saß vor dem einfachen, mit grünem Leder bezogenen Schreibpult, die Unterarme auf die Platte gelegt, und hielt ein Schriftstück, das er dem Haufen von Vorlagstücken entnommen, seiner weitsichtigen Augen wegen, mit den Händen abgestreckt.
Auf diese Meldung des Sohnes nickte er nur unmerklich mit dem Kopf, legte das Schriftstück hin und nahm ein anderes. Dann nach einer Pause, wie auf das Papier einredend, sagte er:
»Ich dächte, Du hättest Dich zu entschuldigen — Du wärest uns eine Erklärung schuldig —«
Magnus schwieg.
Ein drittes Schriftstück und: »Was soll das heißen, daß Du Dich an einem solchen Tage auf französisch drückst? Ich möchte mir doch sehr ausbitten! — wo hast Du denn die Manieren her?«
Das Schriftstück zitterte ein wenig in den Händen.
Magnus griff zu der für die Situation so banalen Trivialität einer Notlüge:
»Ich leide in letzter Zeit an Schwindelanfällen —« Und die Worte erstickten ihm fast im Hals. Teufel! was für ein Rückfall in die alte Feigheit!
Der Kopf des Vaters wandte sich langsam herum, und die grauen schlauen Blinzelaugen unter den silberschimmernden Büschen der Brauen glitten prüfend kurz über Magnus’ Gestalt.
»Du siehst in der That in letzter Zeit nicht ganz gut aus. Du machst Dir zu wenig Bewegung. Ich wünschte, daß Du Deine Ritte am frühen Morgen wieder aufnähmest.«
Magnus errötete.
»Du hättest Dich wenigstens gestern Deiner Desertion wegen entschuldigen können,« fuhr jener fort, abermals in die Papiere hinein. »Nun, es ist aber jetzt egal — wir haben Dich hoffentlich herausgerissen: das Telephon rief Dich also nach Berlin ins Geschäft, verstehst Du?«
Die Stimme des alten Joël klang ungewöhnlich weich: es war nicht des Vorwurfs wegen, daß er seinen Jüngsten hatte rufen lassen; es war etwas anderes im Werk.
Eine Pause, die nur das dumpf surrende Geräusch der den Elevator treibenden Dampfmaschine, die den Elevator trieb, ausfüllte; die Gegenstände, die Luft hier in dem kleinen, mit dunkler Ledertapete bekleideten Kabinet, schienen zu beben von diesem Surren.
»Bitte, bleib’ einen Moment!« knurrte der Alte — »à propos, ist die neue Sendung aus Neuschatel schon ausgepackt? — wie ist sie ausgefallen?«
»Man ist eben daran, sie auszupacken.«
Ein Nicken und: »Bitte, klingle Sierling!«
Magnus drückte dreimal auf den Elfenbeinknopf neben der mit mattem Glas versehenen Thür.
Wieder eine Pause, bis der Buchhalter erschien, einen Pack erledigter Papiere in Empfang nahm und in seiner aalglatten Art wieder durch die Thür hinaushuschte.
»Setze Dich — ich habe mit Dir zu reden, Magnus.«
Herr Joël senior rieb die flachen Hände übereinander und machte dann damit die Gebärde des Waschens — eine offenbare Verlegenheit, wie er seine Rede zu inscenieren hätte. Ungeduldig wiederholte er: »Aber, ich sage Dir ja, Du sollst Platz nehmen!«
Magnus gehorchte und setzte sich auf einen der Lederpolster, seitab des Pultes, vor dem Fenster.
Der Alte lehnte sich mit dem Kopf gegen die hohe geradaufragende Rückwand des altertümlichen Holzsessels und visierte mit den Augen einen der wetterprophetischen Apparate an, welche über dem Pulte hingen.
»Du weißt — das heißt, Du müßtest wissen, worum es sich handelt,« begann er. »Du wirst gestern deutlich genug gemerkt haben, was unser aller sehnlichster Wunsch ist. Und wie ich voraussetze, hast Du nichts dawider. Fräulein Helmons ist hübsch, sogar schön, man kann nicht liebenswürdiger sein, als sie ist. Auf die anderen Vorteile einer solchen Wahl brauche ich Dich nicht erst aufmerksam zu machen. Der Name Helmons spricht für sich, er wiegt die Sturz mindestens auf. Du stehst hinter Deinem Bruder keinenfalls zurück. Die Verbindung würde einen Glücksfall für das Haus Joël bedeuten —«
Er hielt inne und visierte nur um so schärfer auf das Barometer hin. Abermals rieb er die flachen Hände übereinander — es sah fast aus wie ein Ausdruck der Freude über den eintreffenden Glücksfall.
»Die Sache ist sehr einfach —« hob er wieder an, »ich schrieb an den alten Helmons und fragte unter der Blume an. Seine Antwort konnte nicht deutlicher sein. Es hängt nur an Dir ...«
Die Helle des Fensters verdunkelte sich — Magnus’ starke Gestalt hatte sich langsam erhoben. Mit einem stutzenden »Nun?« wandte jener den Kopf nach dem Sohne hin.
Magnus streckte die Hände wie hülfesuchend nach dem Alten aus: »Verzeih’, Vater! — ich bitte Dich um Verzeihung!«
»Was? Nun?«
Der silberhaarige Kopf erhob sich von der Rückwand des Sessels, und die Hände griffen nach den Seitenlehnen.
»Ich kann nicht, Vater — ich darf nicht —«
Mit einem Ausdruck des staunenden Zornes blitzten ihn die grauen Augen an. Was? Er wird doch nicht sein Herz als Hindernis vorschieben? Er wäre Idealitätstölpel genug!
»Weshalb nicht?« donnerte Herr Joël senior.
»Ich bin nicht frei —!«
»Unsinn! Blödsinn! Was soll das heißen?!«
Magnus gewann seine Festigkeit wieder. Was er gethan, das wird er auch verantworten! — »Vater —« sagte er, und seine Stimme wankte nicht mehr — »Vater, ich weiß, was ich Euch angethan — aber es ist geschehen! — Ich bin nicht frei, ich bin — verheiratet!«
Das glattrasierte Antlitz des Alten verzerrte sich zu einem starren Entsetzen. Seine Hände griffen zitternd und hülflos tastend über die beiden Armlehnen.
»Lieber Vater — verzeih’ mir — ich konnte nicht anders! — Es war eine Ehrensache — die Betreffende war kompromittiert — sie liegt im Sterben — vielleicht ist sie schon tot — das Mitleid überwältigte mich — ich konnte nicht anders —«
Gleich schämte er sich des Wortes, das hier so häßlich klang. Aber das allein schien sein phantastisches Vorgehen entschuldigen zu können.
»Wer? — Was?« kam es stotternd, nach Luft schnappend über die Lippen des Alten.
»Ich darf Dir nichts verhehlen, Vater! — Hier die ganze Wahrheit!«
Und er erzählte in kurzen Sätzen, wie verhängsnisvoll ihm der Zufall gespielt, nannte Namen und ehemalige Beschäftigung seines nunmehrigen Weibes.
»Nicht möglich! Undenkbar! Du phantasierst!« kreischte der alte Joël, und der Versuch eines stummen höhnischen Lachens umgrinste seinen Mund. Doch der Blick des stieren Entsetzens gewann wieder die Oberhand über dieses Lachen.
Magnus ergriff ein Mitleid. Er flehte den Alten an, ruhig zu sein. Er fürchtete wirklich, daß die Nachricht, die den Stolz des alten Kaufmanns so niederschmetternd getroffen, ihn auch körperlich zu Boden schlüge.
»Vater, ich bitte Dich! — nimm Dir es nicht so zu Herzen! — ich sagte Dir, die Dame hat keine Hoffnung aufzukommen — sie liegt im Sterben —«
Es graute ihm vor dem fürchterlichen Trost, den er da vorbrachte. Und noch mehr graute es ihm zu sehen, wie der alte eingefleischte Egoist sich an diesen Trost klammerte, wie er nun, da ihn das lähmende Entsetzen verlassen, sich sogar nach den näheren Umständen, nach dem Ausspruch des Arztes erkundigte.
Und der schlaue Ausdruck kehrte allmählich wieder in die grauen Augen zurück: »Magnus ist ein Dummkopf — er ist reif für das Narrenhaus — aber — aber sie liegt im Sterben, gottlob!« schien dieser Ausdruck zu sagen.