Der Krieg im Westen

Kriegsberichte
von
Bernhard Kellermann

1915
S. Fischer, Verlag
Berlin

Erstes bis zehntes Tausend.
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere die der Übersetzung.
Copyright 1915 S. Fischer, Verlag.

Inhalt

[Zur Westfront] [7]
[Das Feuer von Ypern] [12]
[Die Feldschanze] [17]
[Die Schlachtfelder in Flandern] [24]
[Nach den Schlachten] [30]
[Ein Flieger über Brügge] [38]
[Die Schlacht bei Arras] [44]
[Die Lorettohöhe unter Feuer] [48]
[Nachtkämpfe bei Arras] [57]
[Ein tapferes Regiment] [64]
[Gefangene aus der Arrasschlacht] [73]
[Die Gewitterstadt] [80]
[Die Kämpfe bei Moulin-sous-Touvent] [87]
[Granaten auf die Vororte von Soissons] [94]
[Fliegerangriff auf Fesselballone] [102]
[Der gefangene Sozialist] [109]
[Die Grabenkämpfe bei Souchez] [115]
[Der Kirchhof von Souchez] [123]
[Die Überlebenden aus dem Kirchhof von Souchez] [129]
[Das Schlachtfeld Arras-Souchez-Lorettohöhe vom Fesselballon aus] [137]
[Der Argonnerwald] [142]
[Die Kämpfe in den Argonnen] [150]
[Höhe 285] [154]
[Der Krieg unter der Erde] [159]
[La Bassée] [165]
[Die Gräben bei La Bassée] [171]
[Dicke Luft] [177]
[Der Herr der Haubitzen] [183]
[Der siegreiche Angriff in den Argonnen am 8. September] [189]

Zur Westfront

3. Mai 1915

Das besetzte Frankreich ist heute Friede und Sonne. Der Zug fliegt dahin, sorglos und leicht, als ob er Vergnügungsreisende an Bord habe, durch grüne Täler und blühende Landschaften. Er hat nichts Martialisches mehr an sich. Vor Monaten keuchte und klirrte er, wie ein schwerer Krieger, der in die Schlacht geht, er rasselte wie Panzer und tastete sich zornig vorwärts. Heute ist er ein gutmütiger europäischer D-Zug geworden, der unbekümmert seine Meilen abfährt. Fern ist der Krieg. Auf den Höhen der Ardennen liegt die Sonne, die Luft schmeichelt, die junge Saat leuchtet. Die Felder sind bestellt, säuberlich bunt wie ein Teppich. Nur da und dort liegt ein Acker grau und welk, vergessen und verödet, ungepflegt und stumpf, wie ein Mensch, der trauert. Man sieht ihn meilenweit! Was an Leuten zurückgeblieben ist und nicht vor dem Krieg entfloh, arbeitet in den Fluren. Es sind nur spärliche, dünne Trupps, die in der Sonne zerrinnen. Viele, die diese fruchtbare Erde gebar, sind fort, und viele kommen nicht wieder. Eine leise Beklommenheit liegt auf dem Lande. Halbwüchsige Burschen, Frauen und Greise streuen die Saat und verrichten heuer jene Arbeit, die sonst den Kräftigsten, Blühendsten und Erfahrensten zusteht. Hingegeben und ganz bei der Sache, voll heißer Wünsche, denn das Brot ist kostbar, schreiten sie durch die Äcker und schwingen den Arm, mit jener schönen und freien Geste, die ein Symbol des Friedens und der Wiedergeburt ist. Der Pflug ist hinter den Kanonen hergekommen und nahm seine Arbeit wieder auf. Die Schützengräben hier und da, wo der Krieg seine Zähne einschlug, sind längst zugeschüttet, Narben in der gemarterten Erde, und der Pflug geht darüber. Bald wird sich das Korn hier wiegen und das Land wird vergessen. Verbrannte Häuser und Dörfer, im hellen Schrecken verlodert, erwecken heute, in der Sonne, in der summenden heißen Luft, den Eindruck, als seien sie einem Schadenfeuer zum Opfer gefallen. Nicht anders sehen sie aus. Sie jammern und schreien nicht mehr wie im Herbst und Winter, wo sie ihre rauchgeschwärzten, verstümmelten Mauern in den Himmel streckten. Der Frühling deckt sie zu. Sie schweigen. Grün und Blüten verhüllen ihren Gram. Ein blühender Kirschbaum steht jung und schön, triumphierend inmitten der rauchgebeizten Trümmer einer Mühle, und Gras und Blumen sind dabei, die verbrannte Erde zurückzuerobern. Das Leben ist stärker als der Tod und der liebe Gott läßt sich nicht durch Granaten imponieren! Im November war ich im zerschossenen Longwy, alles war durchlöchert, zerschmettert, verbrannt – aber schon trieben die angekohlten Platanen des Kirchplatzes wieder starke grüne Knospen. Herden von Rindern weiden friedlich im Gras, dem Geschäft des Fressens hingegeben, und Väterchen hütet sie, das alte nämliche französische Väterchen, mit Holzschuhen, einem verwilderten grauen Bart, hager und mit entzündeten Augen, die flache Mütze auf dem kahlen Schädel. Weidende Pferde, Stuten mit ihren Füllen. Eine glückliche Schwangerschaft hat sie vor schwerem Dienst bewahrt.

Der Bahnhof von Sedan ist so still, daß ich ihn kaum wiedererkenne. Im Oktober stand hier Zug an Zug, Gewühl, Lärm, Staub, Kanonen, Truppen, Sanitäter, Schwestern, Gefangene, Verwundete, Schmutz und Blut. Er war ein krachendes Rad am Kriegswagen. Heute ist es der Bahnhof einer kleinen Provinzstadt mit mäßigem Verkehr. Nichts sonst. Zwei endlos lange Lazarettzüge stehen da, aber sie sind beide unbelegt. Sie stehen in der grellen Sonne, alle Türen und Fenster offen, und schlafen. Das Personal sitzt und sonnt sich. Eine kleine rotbäckige Schwester gähnt und klopft sich auf den Mund, als sie sich beobachtet sieht. Ein Krankenwärter sitzt auf dem Trittbrett und schneidet sich sorgfältig die Nägel; ein andrer wäscht sich, er hat eben ausgeschlafen. Im Arztwagen ist keine Seele zu sehen. Wahrhaftig, wäre es nicht frivol, so könnte man sagen, die Lazarettzüge sehen wie Badehotels aus, die auf Gäste warten. Bei den Rampen stehen auf den Loren zwei nagelneue Flugzeuge, die Flügel zusammengeklappt, wie Schmetterlinge, die eben aus der Hülle schlüpfen und sich die Flügel von der Sonne trocknen und ausbügeln lassen. Bald werden sie hoch oben auf der sonnigen Luft liegen. Vom Frühling ausgebrütet, glänzend neu, liegt Material da und dort auf den Stationen: Lastautomobile, ohne Tadel, grüngestrichene Pumpen, feldgraue Karren; ein Trupp Infanterie, mit neuen Uniformen und frischen, roten Gesichtern, wie Knospen, gerade vom Gärtner geschnitten. Auf einem in der Sonne blitzenden Geleise stehen ein paar Geschütze. Neu wie das Gras auf der Wiese. Sie haben noch kein Blut geschluckt, es sind Kanonenjungfrauen; drall, massiv, die Haut glatt und kalt. In ihre ehernen runden Hüften gestützt, harmlos und unschuldig wie junge Raubtiere, glotzen sie mit ihren runden Mäulern, von dem Instinkt ihrer Rasse getrieben, in die Richtung, in der sie den Feind wittern.

Der Zug fliegt weiter, läßt die Jungfern hinter sich, die neugierig und dumm noch immer in die gleiche Richtung starren, bis sie plötzlich hinter einem Berg von Blüten verschwinden. Ja, die Geschütze werden bis an den Hals in Blumen versinken, aber feuern werden sie doch! Eine Feldwache liegt unten im Schatten von Kastanien und schreit nach Zeitungen. Auch sie, die Biedern und Treuen, haben ein frühlingshaftes und friedlicheres Aussehen bekommen. Früher, in den kalten Monaten, eingemummt in Decken, Tücher und Mäntel, erschien jeder einzelne, der an der Strecke stand, wie ein festmontierter Panzerturm, drohend und unerbittlich. Heute, mitten im Grün, sehen sie lachend und friedfertig aus, wie gutmütige, treuherzige Burschen, die sie sind. Das herrliche Wetter hat sie aus ihren Löchern und Bauten gelockt und sie sonnen sich und genießen. Sie haben es redlich verdient. Ich konstatiere mit Freuden, daß der Winter ihnen nichts geschadet hat. Wohlgenährt, rosig und blühend sehen sie aus. Sie sind guter Laune und nun ganz zu Hause. Eine Wache hat große Wäsche und wirtschaftet schwitzend und halbnackt im Garten. Die Herrlichkeiten bleichen auf dem Rasen. Ein Dienstfreier hat soeben sein Bad genommen. Nur mit einer hochgekrempten Leinenhose bekleidet, sitzt er im saftigen Gras und schmort. Er hat ein Handtuch wie einen Turban um den rotglühenden Schädel geschlungen, da sitzt er wie ein Sultan und glänzt vor Gesundheit und guter Laune. Neben ihm hockt ein winziger weißer Hund, kaum acht Tage alt. Andre stehen vergnügt in einem Kreise von Weibern und Kindern und winken dem Zuge zu. Häufiger und häufiger aber werden die Angler!

Ist es das französische Wasser, das zum Angeln lockt? Ist es der französische Fisch? Jedenfalls sitzen sie genau wie Stockfranzosen geduldig und aufmerksam mit der Rute da, wie gewiegte Sportsleute und Kenner und ergeben sich der Hypnose des glitzernden Wassers. Es handelt sich hier um einen Sport wie jeden andern, und der Erfolg ist nicht die Hauptsache. Sie sitzen an Pfützen und Löchern, wo gar keine Fische sein können, aber das ist einerlei. Auf einer Station trete ich an einen feldgrauen Angler heran, der so angespannt arbeitet, daß er nicht einmal nach dem Zug umblickt. Ich erlaube mir die Frage, ob er schon etwas gefangen habe? Der Angler dreht bedächtig den roten Nacken. Ob ich nicht sehen könne? Er ist Württemberger. Ach so! Entschuldigen Sie. In einer Blechbüchse neben ihm schwimmen zwei winzige Sardinen.

Aber was ist das? Eine Rudergesellschaft! Fünf Feldgraue befahren in einem gebrechlichen Nachen einen Wassergraben, kaum zwei Schritt breit. Sie haben so voll geladen, daß der Mann im Heck schon mehr im Wasser sitzt als im Boot. Mit ihren primitiven Rudern legen sie einen Knoten in der Stunde zurück. Aber Sport ist Sport. Plötzlich schreien sie laut und wild und lachen: sie sind auf Grund gelaufen.

So viel frohe und helle Stimmen sind in der Luft. Die Hühner gackern in den Gärten, Vögel zwitschern, Kinder wälzen sich lärmend im Gras, die Luft summt von Insekten. Der Himmel strahlt Zuversichten und Hoffnungen. Man atmet auf. Viele Monate hat man an einem schweren Gedanken getragen ...

Ich will in den Speisewagen gehen und frühstücken. Aber gerade als ich die schlingernden Korridore entlang balanciere, beginnt es in der Ferne zu brummen. Ich horche auf. Es rollt, murrt, grollt wie Gewitter, ein Satz ferner Kanonenschläge. Er steht immer noch da draußen, der blutige Trommler und schlägt seine Wirbel! Ich hatte ihn fast vergessen.

Das Feuer von Ypern

8. Mai 1915

Während die verbündeten Armeen in Westgalizien das russische Tor aus den Angeln brechen, sind wir hier oben im Westen dabei, die englisch-französische Panzertür einzurennen. Der Gegner hier oben ist zäher und intelligenter und läßt sich die Zähne aus dem Maul schießen, bevor er weicht. Die Kämpfe sind wütend. In aufrechten Sturmkolonnen liefen die Engländer da und dort gegen das Feuer unsrer Gräben an. Man ist guten Muts und voller Zuversicht. Wie ich höre, haben sich unsere Truppen in höllischen Nahkämpfen wie Rasende geschlagen. Sie gingen wie glühende Teufel vor. Ich sah sie heiß und dampfend aus den Stellungen zurückkehren, und der Rausch des Kampfes lag noch in ihren siedenden Augen und über den rauchenden, marschierenden Kompanien. Einige trugen Verbände, die meisten hatten schon wieder den Weg in die Wirklichkeit zurückgefunden und lachten. Seit den letzten Tagen dröhnt hier Himmel und Erde vom Donner der Geschütze. Die Kraterkette, die die deutschen Batterien in weitem Bogen gegen Ypern vorschoben, speit täglich Hunderte von Tonnen Eisen in den Hexenkessel von Ypern hinein. Ein Hauptmann versicherte mir, das Feuer sei heftiger, als es vor Antwerpen war.

Heute morgen um sechs Uhr war ich an der Front, die im Südosten an das Operationsgebiet von Ypern stößt. Die Kanonen sind noch früher aufgestanden. Sie pochen, atemlos, wie schwere Schmiedehämmer, die im Akkord arbeiten, und die Luft wettert von den wütenden Schlägen. Auch nicht eine einzige kleine Sekunde Pause gönnen sie sich. Sie sind ein Rudel von Gewittern im Hochgebirge, die knurren und grollen, verstört hin und her irren und nicht zur Ruhe kommen. Häufig fallen die Schläge zusammen, und dann dröhnt und rollt es, als donnere eine Bergwand zu Tal. Sie stampfen über und unter der Erde, sie sind ringsum, überall. Der ganze Horizont brandet. Sie saugen die Atmosphäre ein und schnauben sie aus. Das Gebäude der Luft wankt. Je näher das Auto jagt, desto wütender und wilder wird das Feuer. Deutlich hört man aus dem atemlos auf und ab wogenden Pochen und Stampfen das böse, tiefe Raubtierknurren der schwersten Geschütze heraus, die die andern überbrüllen.

Wir halten in einem zerschossenen Gehöft, einige hundert Meter von den englischen Stellungen entfernt, und der Boden rollt ununterbrochen unter meinen Füßen, wie von schweren Lastautomobilen. Die Seismographen, denke ich, müssen die Erschütterung der Erdkruste auf Hunderte von Meilen im Umkreis anzeigen, falls sie etwas taugen. Ich habe noch kein Erdbeben erlebt, aber es kann kaum anders sein. Es ist richtiges wildes Trommelfeuer (ein neues Wort für mich) und zuweilen verschlägt es mir den Atem, obschon ich einigen Lärm vertrage. Schlag auf Schlag, bebend von Leidenschaft, unerbittlich und rasend, Salvenhiebe eines Boxers, der den Gegner erbarmungslos niederhämmert. Die Geschütze schütteln sich vor Wut, sie glühen und taumeln, kochenden Schaum vor dem Maul, und speien ihren Haß hinüber.

Der Morgen ist göttlich. Die Welt leuchtet und die Vögel singen unbekümmert. Aber ich sehe und höre nicht, ich ergebe mich der lauten Brandung des Feuers, die mächtig, wie der Ozean, daherrollt. Zuweilen wage ich es, einen kleinen scheuen Blick zum Himmel emporzuwerfen, der in seiner Herrlichkeit blendet, zuweilen erbleiche ich im Innern, und manchmal hätte ich Lust, mich zu bekreuzen. Ich bin, ohne mich’s zu versehen, mitten in ein Gewitter der Urzeit geraten, da die Erde sich spaltete und die Gebirge gebar. Oder was ist es? Führt die Erde Krieg mit der Sonne und befeuert sie aus ihren Vulkanen rasend das Gestirn am Himmel? Poltern Unholde im Raum, die ich nicht sehe und die rings um mich toben? So unheimlich und mächtig ist das Toben, von solch elementarer Wucht, daß meine Maßstäbe versagen, wie vor den Zahlen der Astronomen, und es mir schwer wird zu glauben, daß hier Menschen kämpfen und auf Fleisch und Knochen geschossen wird. Ja, verstehst du wohl, es ist der Mensch, von menschlichen Müttern geboren, der hier eine Sache unter sich ausmacht. Auf seine Art, mit seinen Maschinen und seinem Zorn. Der Dämon der Erde, angefüllt mit urweltlichen Instinkten, die lange schlafen und die ein Nichts wecken kann. Ich bin, wenn man will, in ein Völkergewitter geraten, das sich wütend entlädt, bei dem es Eisen hagelt und Blut regnet.

Ich muß gestehen, ich möchte heute nicht in Ypern und in der Umgebung Yperns sein. Ich möchte auch nicht, daß ein Freund und Bruder von mir dort wäre. Selbst für englische Nerven, denke ich, muß es genügen, und ich bin sicher, heute gehen ihnen die Pfeifen aus. Ich spreche gar nicht von den Franzosen und Farbigen, die mit der Hälfte zufrieden wären. Sie – die Engländer – wissen recht gut, daß es uns Ernst ist, und täuschen sich nicht über die Lage. Unerbittlich und mitleidlos ist die Sprache der Geschütze. In ganzen Rudeln stoßen ihre Flugzeuge aus dem Feuerloch, aufgescheucht und unruhig, und kreuzen hartnäckig und verzweifelt über unsern Stellungen, um die Geschütze zu finden. Wie zornige Raubvögel, deren Horst brennt, kreisen sie hoch oben und spähen nach dem Feind. Heute morgen, vor fünf, hat mich schon das Krachen der Abwehrkanonen aus den Federn getrieben. Nun, da der Tag wächst, stehen bald rechts, bald links hoch oben am blauen Himmel die Reihen der weißen Schrapnellwölkchen. Plötzlich kracht es auch dicht neben mir, ein harter und naher Knall, und eine Granate zischt gierig und böse knirschend über meinen Kopf hinweg in den Himmel empor. Ein englischer Doppeldecker in eiliger Fahrt, gut 2000 Meter hoch. Das Schrapnell explodiert hinter ihm. Zwei, drei. Wie Raketen fauchen sie in die Höhe. Vier, fünf. Ein Maschinengewehr rasselt und streut eine Fontäne von Spitzkugeln in den Äther. Nun reißt ein Geschütz in einiger Entfernung links ab und der Engländer bekommt Stirnfeuer. Prächtige Schüsse! Ein Schrapnell muß dicht über ihn weggeflogen sein. Der Engländer hat genug, er wendet in toller Kurve und geht mit dem Wind davon. Aber er kommt wieder. Dreimal versucht er es, hartnäckig und kühn, unsre Stellungen zu überfliegen, und dreimal muß er zurück. Das Maschinengewehr hämmert wie toll und kann sich nicht mehr beruhigen.

Das Geschützfeuer aber rollt und pocht, ohne Atem zu holen, die Salven dröhnen. Die Schlacht geht weiter. Wie sage ich? Sie hat erst begonnen. Es ist sieben Uhr.

Am Abend sah ich die Sonne im Westen versinken, blutrot, groß und düster, wie sie an großen historischen Schlachttagen gesunken sein soll. Sie sah aus wie ein blutüberströmtes Antlitz, die Sonne von Ypern, naß, zerschossen, und sterbend noch voll Majestät.

Die Geschütze aber schlugen noch immer.

Die Feldschanze

Mai 1915

Der Adlerwagen fegt die Landstraße hinunter, als sei der böse Feind hinter ihm her. Er springt in langen Sätzen über die frischbeschotterten Granattrichter hinweg und sucht so rasch wie möglich in Deckung des zerschossenen Gehöftes zu kommen, auf das die staubige Straße schnurgerade zuführt. Die Sache ist die: gewöhnlich setzt es hier eine Lage, und die feindlichen Geschütze sind, wie ein Blinder sehen kann, verteufelt genau eingeschossen. Allein nichts geschieht. Der Wagen duckt sich hinter eine Backsteinbaracke, ein ehemaliges Wirtshaus, dessen Stirn jämmerlich zerschmettert ist wie von Keulenhieben. Hier pflegen die Granaten gewöhnlich einzuschlagen.

Der Begleitoffizier hegt noch immer Hoffnungen. Er lauscht hinüber, und ich sehe ihm deutlich an, daß er enttäuscht ist. Er hatte mir die Lage angekündigt und empfindet es als eine Störung des Programms, daß der Feind zu faul ist zu schießen.

„Dann bekommen wir sie sicher auf der Rückfahrt!“ Das ist ein gewisser Trost.

Zu Fuß geht es weiter, denn er – der Feind – würde es als eine Achtungsverletzung betrachten, wenn man auch die allerletzte Strecke zu den Gräben noch im Auto zurücklegte. Es gibt immerhin Grenzen. Eigentümlich ist das Gefühl, zu Fuß zwei Kilometer in der hellen Sonne eine Landstraße entlang zu promenieren, ohne jede Deckung, knappe achthundert Meter an den feindlichen Gräben entlang. Sie können uns ja deutlich sehen, mit bloßem Auge, und die roten Streifen der Offiziersmützen leuchten weithin. Weshalb schießt er nicht? – „Sie frühstücken, sie rasieren sich.“ – Drüben liegen Engländer. Sie trinken jetzt wohl Tee und essen Marmelade dazu, was mögen sie tun? Immerhin, es liegen Hunderte von Gewehren schußbereit. Vielleicht reizt sie das kecke Rot der Offiziersmützen, vielleicht haben sie schlecht geschlafen, oder vielleicht sind sie mit dem Frühstücken gerade fertig geworden und haben Lust, ein wenig zu arbeiten. Es ist möglich, ja wahrscheinlich, daß uns ein Offizier durch das Glas genau beobachtet, in unsern Mienen mit den Blicken herumtastet, und es lediglich von seiner Laune abhängt, ob er feuern lassen will. Nichts ereignet sich. Auf dem Rückweg allerdings, ich will das vorausnehmen, summten ganz unvermittelt ein paar Kugeln über uns weg – aber nur weil wir stehengeblieben waren, um einen Flieger zu beobachten. Es gibt eben hier Sitten wie überall, gehen ist erlaubt, stehenbleiben wird als Unhöflichkeit angesehen.

In dem von Granaten übel zugerichteten Dorf empfängt uns der Kommandeur des Regiments. Ein Mann wie aus Wurzelholz geschnitzt, knorrig, stark und schlicht, ohne Pose und ohne Phrase. Das gibt es hier außen nicht. Er hat die Augen des Frontoffiziers, Frontaugen, die aus Hunderten herauszufinden ich mich jederzeit erbiete. Sie sind glänzend und rein, bewußt, ein wenig nachdenklich und voll Anteilnahme. Der Mensch ohne Lack und Firnis blickt aus ihnen. Es sind Augen, wie Menschen sie haben, die der Tod anschauerte, die er zuweilen mit seinem Finger berührte und denen er ein kleines Wort zu irgendeinem Augenblick ins Ohr flüsterte.

Wir steigen in die Schanze ein. Hier stand früher einmal eine Brauerei. Früher! Die Granaten sind heißhungrig darüber hergefallen und haben nur Trümmer übriggelassen. Sie haben die Mauern zerfressen, die Kamine mit Stumpf und Stiel verschlungen und Kessel und Röhren zu Klumpen zerkaut. Fanden sie nichts andres, so fraßen sie tiefe Löcher aus der Erde. Laufgänge und Schützengräben durchspinnen und umspinnen den Komplex der Ruine. Mit Sandsäcken und erdgefüllten Bierfässern hat der Kommandeur ein Fort aus den Trümmern gebaut, eine groteske und musterhafte Festung, in der man vor Gewehrkugeln wenigstens ziemlich sicher ist, wenn man nicht allzu großes Pech hat. Wieder und wieder versucht der Feind, die Schanze durch Granaten zu zerstören, immer wieder wird geflickt, gebaut und verrammelt. Bombensichere Mannschaftsunterstände mit winzigen Eingängen – Villa Duck dich, Villa Frieden usw. – mit kleinen blühenden Gärtchen davor. Hier und da ein paar blumengeschmückte Gräber. Der „Friedhof der Leichtsinnigen“. Hier ruhen zur Warnung für die Lebenden jene Tapferen, die aus Unvorsichtigkeit und Leichtsinn dem Tod entgegenliefen. Sie streckten den Kopf aus dem Graben, um zu sehen, ob etwas los wäre, sie krochen aus dem Graben heraus, obgleich es verboten ist, nur um einmal etwas Neues zu tun. Nun liegen sie da, dicht neben den Blumenbeeten, und die Kameraden pfeifen ihr Liedchen über ihr Grab. Das ist, ganz kurz, was es hier oben zu sehen gibt, zwischen den Wällen sozusagen. Die eigentliche Festung aber liegt in den Kellern der Brauerei, zweistöckig und labyrinthisch. Nasse, finstere, niedrige Gänge wie in einer Schauerburg. Trübes Bier schwimmt in einem Graben, Treppen und Verschläge, die in pechschwarze Stollen und Kamine hinabführen, Mauern aus Sandsäcken und Fässern. Schießscharten dazwischen, vorsichtig mit Ziegelsteinen verschlossen. Sehr freundlich sieht es hier nicht aus. In den Kellerräumen, wo die Mauern am dicksten sind, schlafen die Mannschaften beim trübseligen Schein einer verstaubten, elektrischen Lampe. Sie liegen, dicht nebeneinander gepackt, in Uniformen und schweren Stiefeln, so wie sie aus den Gräben kommen. Wie verwunschene Bergleute, von einem Zauber eingeschläfert, liegen sie da. Sie wachen nicht auf, wenn wir eintreten. Der Schweiß perlt auf ihren eckigen Stirnen, es ist heiß hier unten. Sie genießen den Schlaf, sie klammern sich an ihn. Heute sind sie soundsoviel, morgen sind sie einer oder zwei weniger. Ein Platz wird leer sein oder zwei oder mehr. Daran sind sie gewöhnt. Sie leben von heute auf morgen, und sie gehen vom Leben in den Tod, wie man eine Tür zumacht, und niemand sieht sie wieder. Wenn sie heute das erste Wort sprechen, so wissen sie nicht, ob es nicht ihr letztes ist. Ein junger Schläfer schwitzt stärker als die andern, seine Wimpern sind nahezu weiß. Auf seinen roten Backen flimmern feine Härchen. Sein Mund steht offen und zeigt die weißen starken Zähne. Er scheint zu lachen im Schlaf und schläft so ruhig und gesund wie in seinem Dorf zu Hause. Neben ihm liegt ein Dunkelhaariger, mit gelber Gesichtsfarbe und dichten Bartstoppeln. Er schläft unruhig und röchelt gepreßt. Träumt er? Träumt er, daß der Engländer kommt und ungeniert in den Drahtverhauen wirtschaftet, und er schießt und schießt, aber der Engländer ist nicht zu treffen, er zieht eine Zange heraus und fängt an, in aller Gemütsruhe die Drähte zu durchschneiden ... Plötzlich öffnet er die Augen, sie blicken grünlich, und starrt mich an. Sobald er sich regt, taucht hinten ein fahles Gesicht empor. Aber im nächsten Augenblick schlafen sie wieder, und alle schlafen, dicht aneinandergedrückt, tief und traumlos, als ob sie keine Lust hätten aufzuwachen.

Luft, Licht. Wir tauchen aus dem dunkeln Bergwerk empor in die grelle Sonne. Über meinem Kopfe rasselt und trommelt plötzlich ein Kobold in den Kupfertöpfen der Brauerei. Eine Kugel. Sahen sie uns an den Schießscharten vorübergehen? Die Gräben sind das Letzte an Bequemlichkeit und Umsicht. Tief eingeschnitten, so daß man sich nicht zu bücken braucht, die Schießscharten solid verschalt wie tiefe Nischen. Bei jeder ein Täfelchen mit dem Namen des Schützen. Der Boden ist mit Brettern ausgelegt, und da und dort steht: Nicht ausspucken! Es spuckt auch niemand aus. Eine Dame könnte in einem Ballkleid hier gehen. Ich habe von französischen Gräben gehört, wo sie in ihrem eignen Dreck herumlaufen und ihre Toten, mit einer Lage Erde darüber, als Diele benützen. Ein Toter ist tot und spürt nichts mehr, aber trotzdem ...

„Sehen Sie etwas?“

„Ja. Einer guckt immer mit dem Kopfe raus. In der Nacht haben sie eine Puppe an einer Stange aufgehängt. Dort!“

Durch die kleine, rechteckige Schießscharte blickt man in das grüne Land hinein, wie durch ein Fernrohr. Unsere Drahtverhaue, dann eine Wiese, die leicht im Winde schwankt. Dahinter dünnes, wirres Gestrüpp. Das sind seine Drahtverhaue. Ein kleiner Wall aufgeworfener Erde. Sonst ist nichts zu sehen, so sehr ich mich auch anstrenge. Auf diesem Streifen Wiesenland, ein paar hundert Meter breit, bewegt sich nichts, seit vielen Monaten nichts. Es ist ein verfluchter Streifen Land. Das Gras wächst, weil es keine Vernunft hat, aber kein Falter, kein kleiner Vogel lebt hier. Nur die Kugeln spinnen ihr Netz darüber. Plötzlich erschrecke ich. Da steht, man mag es glauben oder nicht, wahrhaftig ein Mensch aufrecht und unbekümmert auf dem Erdwall drüben! Ich erschrecke für ihn, obwohl ich es ja nicht bin, der da drüben steht, und ich erschrecke vor allem, weil sich auf diesem leblosen Streifen Land überhaupt etwas zeigt. Ist er toll geworden? Aber das ist ja die Puppe! Dann und wann knallt es da drüben, in der Ferne rumpelt Geschützdonner. Die Schanze aber schweigt. Sie hat seit zwei Tagen keinen Schuß abgegeben. „Es ist ein richtiger Spaß! Er soll glauben, daß wir fort sind.“ Aber er glaubt es ja doch nicht. Gestern hat er alle Schießscharten einzeln abgestrichen und die Schanze hatte zwei Tote.

Sonderbar ist so ein winziges rechteckiges Fensterchen ins grüne Land. Es ist ein Fenster ins Jenseits ... Es ist möglich, daß in dem gleichen Augenblick, in dem der Feldgraue hinaussieht, der Tod hereinblickt, und der Feldgraue erschrickt und fällt hintenüber ...

Ein Gewirr sind die Gräben, auf, ab, hin und her. Maschinengewehre, sie haben den schönsten Platz. Überall stehen Posten. Sie stehen hier Tag und Nacht, heute, morgen und in diesem Augenblick. Seit dem Herbst, da das Laub fiel, und jetzt ist es wieder grün.

In den letzten Tagen hat die Festung ein neues Fort dazubekommen. Der Feind hat einen Minengang vorgetrieben und gesprengt. Es ist ein Krater, rund und groß wie ein Karussell, und der Rand des Kraters ist schon wieder ausgebaut und befestigt. Ideal ist das Fort, es flankiert unsere Gräben. Leider hat es drei von unsern tapfern Leuten gekostet. Sie liegen tief unten in der Erde, so tief, daß man sie nicht holen kann. So hat hier jeder Tag seine Ereignisse, und die nächste Minute kann sie bringen. Er kann ja eine neue Mine hochfliegen lassen, Gott weiß, worüber er jetzt, in dieser Sekunde, brütet?

Ein Laufgang führt mitten durch das zerschossene Dorf zum Unterstand des Kommandeurs. Hübsch und freundlich ist es hier unten, eine Schiffskabine erster Klasse unter der Erde. Hierher kommen die Offiziere zuweilen des Abends, sozusagen, wenn sie ausgehen wollen. Es sind nur hundert Schritte, aber es ist immerhin eine Abwechslung. Nur eine Schattenseite hat dieser Salon unter der Erde. Er stößt direkt an den Friedhof. Die Granate ist ein böses Tier ohne Vernunft. So ist sie wiederholt in den Friedhof gefahren, wo sie nichts zu suchen hatte, und hat die Gräber der französischen Bürger aufgerissen. Sie warf die Grabsteine durcheinander, hat die Gebeine mit in die Tiefe gerissen, und in einer Familiengruft schwimmt ein Kindersarg. Von der Treppe des unterirdischen Salons aus sieht man über eine Reihe frischer Gräber. Das sind die Toten der Schanze. Der frühere Kommandeur, Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften. Nebeneinander liegen sie, so wie sie auf der Schanze nebeneinander kämpften.

Ja, hier liegen sie, aber in Wahrheit sind sie nicht tot. In Wahrheit leben sie, denn sie sind unvergessen. Sie leben mit den Kameraden auf der Feldschanze, ganz wie früher. Sie wandern durch die Schlafgewölbe und sehen nach, ob sie noch nicht aufstehen, sie sitzen auf den Gräbern und lauschen auf die Gespräche der Kameraden. Bei den Maschinengewehren stehen sie und lugen aus. In der Nacht wandern sie in den Gräben. Sie warnen die Kameraden, sie richten ihnen die Gewehre, sie zeigen ihnen den Feind: dort, dort ...

Die Schlachtfelder in Flandern

Mai 1915

Durch die Luke in der Kirchturmspitze hat man einen weiten Blick über das Land: unten liegt winzig und verwinkelt das Dorf. Ein paar Häuser sind zerschossen. Soldaten hantieren vor den Häusern. Eine Radfahrerabteilung – braune Marinesoldaten, das Gewehr auf dem Rücken – schlängelt sich über den kleinen Marktplatz. Ein großes Postauto tutet und überholt sie. Karren, trottende Pferde, die roten Gesichter der Fuhrleute sind alle nach oben gerichtet. Zwei Flugzeuge kreuzen unter den grauen Wolken. Rasch und klein wie eine Maus läuft das entferntere am Himmel entlang. Hinter dem kleinen Dorf aber breitet sich das Land. Flandern. Es ist grün von den Wiesen und gelb von den blühenden Rüben, ganz flach; trübe und resigniert duckt es sich unter dem hängenden Gewölk. Silhouetten von Alleen, die die Landstraßen begleiten, stehen geisterhaft auf dem Lande, eine hinter der andern, wie Schleier, die herabhängen, und alle scheinen sie parallel, quer durch das Land zu laufen, bis zum Horizont, wo eine graue Regenwolke Ypern verbirgt. Dazwischen flache graue Wolken, die auf der Erde liegen, Wälder und Wäldchen, die niemand kannte, und die plötzlich einen Namen bekamen: Polygonenwald, das Wäldchen von St. Julien. Hier standen die vier großen englischen Geschütze. Hinter den geisterhaften Silhouetten der Alleen Dörfer, Reste von Dörfern, dem Auge kaum erkennbar. Zonnebeke, St. Julien, Langemark. Im Frieden werden Orte berühmt durch ihre Kultur und ihren Geist, im Krieg durch ihr Unglück. Da liegen sie und verstecken sich in der Erde. Still und verzweifelt liegt das Land, und der Donner der Geschütze rollt darüber weg.

Heute, Flandern, mit deinen geisterhaften Alleen, die stillstehen und sich nicht bewegen, erscheinst du mir wie ein großer Friedhof.

Eine knappe Viertelstunde von dem Kirchturm entfernt zieht sich ein lehmiges ausgetrocknetes Flußbett in weitem Bogen durch die Landschaft. Oft nähern sich die Ränder bis auf dreißig Meter, oft entfernen sie sich bis auf ein paar hundert. Die Ränder sind tief ausgegraben, unterhöhlt, gewunden und verzweigt, wie Bauten von Bibern. Das sind die verlassenen Stellungen.

Hier auf diesem Gürtel Landes lagen sie einander sechs lange Monate gegenüber, Tag und Nacht, und Tag und Nacht saß der Tod dicht angelehnt neben jedem einzelnen Mann. Hier lagen die Gewehre und hier, man sieht es noch deutlich, standen die Maschinengewehre. Zwischen den Gräben lagen die Leichen, wo sie gerade hinfielen, und da lagen sie und blieben liegen, und die Kugeln durchlöcherten sie noch hundertfach, obschon sie schon zehnfach gestorben waren. Tausendfach starb hier jeder einzelne Mann, auch der, den der Zufall verschonte. Oft raste der Tod hier wie ein Orkan, mit Finsternis, Feuer, Eisen und erstickenden Gasen. Die Gräben wurden eingetrommelt, Meter für Meter. Einmal hatten sie drüben Besuch (nicht in den Gräben, sondern weit dahinten!), zwei Könige und einen Präsidenten. An diesem einzigen Tage warfen sie siebzigtausend Granaten herüber – und wir hatten keine dreißig Mann Verluste. Sie gaben den hohen Herrschaften eine Vorstellung und schossen ein Vermögen in die Luft hinein. Die Komödie auf dem Schlachtfelde! So und nicht anders ging es hier zu. Der Soldat kroch in die Erde. Aber da kam ihm das Wasser entgegen. Bis an die Knie wateten die Tapfern im Wasser. Jedes Haus hinten war zerschossen und die Trümmer unausgesetzt unter Feuer. Es entstanden ganze Städte unter der Erde, Städte in Wäldern, die Mannschaften ruhten aus in Eisenbahnzügen, die zurück mußten, sobald das Feuer zu stark wurde.

Die Erde bei den Gräben ist zerrissen. Trichter an Trichter. Der Regen spritzt heute in den kreisrunden Lehmtümpeln. Auch die Allee hat mitgekämpft. Die hohen Bäume schlugen der Länge nach hin, wie Riesen, von der Granate in den Wurzelbau getroffen und hochgeschleudert. Sie wurden in der Mitte abgerissen. Ihre Kronen stürzten zersplittert in das Feld, und so stehen sie noch. Kein Baum, der nicht seine Wunde hätte, manche sind von oben bis unten zerfetzt. Die Allee hat sich tapfer geschlagen, die Allee von Poel-Capelle nach St. Julien. Eine Armee von Krüppeln steht an der Straße.

Die verlassenen Gräben sind mit allerlei Schutt angefüllt. Konservenbüchsen, Waffenteile, zerweichte und unleserlich gewordene Briefe. Ein blutiger Tuchfetzen, den einer an die Wunde preßte, erblassend und zu Tode erschrocken. Sie sprechen eine grauenhafte Sprache und ihr Flüstern verfolgt mich. Es ist sehr still hier und es hat den Anschein, als ob die Stille sich über den Gräben verdichtete und über all den Dingen, die einst Menschen gehörten. Ich wünschte wohl, sie kämen hierher, die drei hohen Herrschaften, zu deren Ehre einmal so furchtbar laut geschossen wurde, sie kämen hierher und hörten sich die Stille an. Vielleicht würden sie den süßlichen Geruch spüren, der aus den Gräben steigt, vielleicht würde sich ihr Auge schließen vor all dem Grauenhaften, das der Schutt in den Gräben deckt. Sie würden gehen und nun würden sie stolpern! Bei jedem Schritt würden sie über Gräber stolpern. Gräber hier, Gräber dort. Franzosen, Schottländer, Kanadier, Kolumbier, Farbige und Schwarze. Sie würden die Namen auf den Kreuzen lesen. Sie würden die verstümmelte Allee hinabgehen, und links und rechts würden die Kreuze ihnen folgen. Sie würden bei St. Julien die Massengräber sehen. Hier lagen die Kanadier so dicht, daß die Fliegerphotographien aus 2000 Meter Höhe die Leichenhaufen zeigten. Nun würden sie begreifen, daß sie in einen Friedhof geraten sind, der naß ist von Blut und Tränen.

Aber weiter. Die Kanonen krachen. In Erdhöhlen hocken Soldaten um die dampfenden Kochtöpfe und sind guter Dinge, denn sie leben.

Langemark, berühmt geworden durch sein Unglück, wie viele andre Orte, ist das grinsende Skelett einer kleinen Stadt. Die wenigen Häuser, die noch stehen, zeigen fröstelnd das nackte Gebälk. Die Ziegel sind ohne Ausnahme herabgerasselt, als die schweren Geschosse einschlugen. Wie Gespenster von Häusern stehen sie inmitten der Trümmerhaufen. Der Kirchturm sieht aus wie ein verwitterter Sandsteinfelsen, rostrot und brüchig steht er am Rande eines niedergemähten Parkes. Ein Haus ist mit dem Schieferdach niedergebrochen, wie ein gefallener Elefant, der sich auf die Stoßzähne stützt. Es ist deutsche Arbeit, sie ist gründlich, das muß man sagen. Hut ab vor unsern Kanonieren!

Aus dem Keller irgendeines zerschossenen Hauses steigt langsam und still ein General, in den weiten Mantel gehüllt. Er scheint das einzige lebende Wesen weit und breit zu sein. Gelassen und würdevoll, ein wenig gelangweilt, zeigt er uns sein Heim. Das Haus ist verschüttet, es liegen noch Leichen unter dem Schutt. „Hier lebe ich nun, im Keller,“ sagt er mit leiser, gelangweilter Stimme. „Sie schießen oft wütend herein. Sehen Sie die Trichter? Es sind ganz große Dinger. Na, man gewöhnt sich an alles.“ Wir gehen und der General promeniert ruhig, in seinen Mantel gewickelt, im Regen auf und ab.

In dieser Gegend sieht man kein Tier und kein lebendes Wesen. Zuweilen ein paar Soldaten, die laut und fröhlich antworten, wenn man sie anruft. Aber die Geschütze krachen ringsum, obschon man sie nicht sieht.

Sie sind trotz des schlechten Wetters fleißig bei der Arbeit und die Luft dröhnt wie von Explosionen, hart und metallen. Die Geschosse toben in die Höhe, es röhrt und wühlt in der Luft, sie pflügen sich hinauf. Die Luft zischt, genau wie das Wasser unter dem Kiel eines Rennbootes. Es gurgelt gierig da oben, wie Gurgeln voller Blut. Unwillkürlich sucht der Blick das Geschoß, obwohl es natürlich zu rasch ist, als daß man es sehen könnte. Aber es scheint greifbar nahe zu sein. Ja, ich sehe es auch, wie es in seiner Kurve dahinjagt. Es ist gelb und dreht sich rasend um die Längsachse, eine donnernde, dröhnende Röhre von Luftwirbeln als Schleppe, den blanken Zünder zischend in die dicke, graue Regenluft bohrend. Die gelbe Farbe verbrennt rauchend auf seiner Hülle. Nun ist nur noch das schleifende Zischen der Luft zu hören. Es ist hinüber! Links und rechts schlagen die Geschütze, es kracht wie von einschlagenden Blitzen. Alle paar Minuten dröhnt hinter mir ein hellerer Schlag und eine Granate jagt gurgelnd und zischend über mich hinweg. Die Luft ist voller Eisen. In den Pausen der Geschütze hört man das hastige, heisere Kläffen der Maschinengewehre und das Knattern der Gewehre.

So ist es hier. Es ist das Morgenkonzert, das gewöhnliche. Und so ist das Abend- und Nachtkonzert. Man gewöhnt sich daran, und das flandrische Land hat seit vielen Monaten nichts andres gehört. Die Front ist um einige Kilometer vorgerückt, sonst hat sich nichts geändert.

Nach den Schlachten

Mai 1915

Die Welt des Feldsoldaten ist groß und erhaben. Der sausende Himmel, die Sterne, die Wolken und das freie Feld: das ist seine Wohnung. Vertraute Wege und bekannte Dörfer, die Heimat in der Ferne, Briefe, Zeitungen, alles gehört ihm. Kameraden, bekannte Gesichter, neue, immer neue Gesichter, neues Gelächter und neue Stimmen. Ein spukhaftes Dasein, voll des Unbekannten, stetig Wechselnden. Die alltäglichsten Dinge, Essen, Schlafen, abenteuerlich und absonderlich. Außergewöhnlich, groß und unerhört, voll nie gekannten Grauens und nie gekannter Wonnen sind seine Empfindungen. Der Feldsoldat ist kein gewöhnlicher Mensch mehr, er ist der Erkorene, er ist das Volk selbst, für das er kämpft. Wäre es anders, nicht den zehnten Teil der Anstrengungen, die das Feld fordert, könnte er ertragen. Wenn er sein Geschütz abreißt, so ist es nicht seine Faust, die Millionen Fäuste seines Volkes reißen das Geschütz ab, und sein Volk sendet den großen Fluch hinüber zum Feinde.

Wehe aber, wenn er das Unglück hat, gefangengenommen zu werden! Seine große und stolze Welt bricht in einer einzigen unglückseligen Stunde zusammen. Er ist nicht mehr sein Volk, er ist ein gefangener Soldat, nichts andres. In einer Sekunde sind seine Tressen und seine Auszeichnungen verblaßt, die Bewunderung seiner Kameraden, die ihn belebte, ist verstummt. Kennt hier jemand seine Geschichte, seine Geschichte als Soldat, meine ich? Weiß hier jemand, wie er sich schlug, welch kühne Patrouillengänge er hinter sich hat, daß seine Offiziere ihm die Hand drückten und ihn vor versammelter Mannschaft lobten? Fremde Gesichter, fremde Worte, eine fremde Welt. Eine Ewigkeit trennt ihn von seinen Kameraden, seinem Pferde, seiner Batterie, seiner Heimat, seinen Angehörigen, unwirklich scheinen schon jetzt die Bilder zu sein, an die sein Gedächtnis sich klammert. Sein Mut, sein Ehrgeiz, sein Rausch, sie sind dahin. Er war alles, jetzt ist er nichts. Eine Nummer in den Listen der Gefangenenlager ist er, in dem das Herz seines ganzen Volkes schlug, geworden. Nüchtern, klein und erbärmlich ist jetzt seine Welt.

Sieht man Gefangene gehen, so versteht man alles. Sie trotten müde dahin, gleichgültig, ohne Haltung, aber nichts wäre verkehrter, als von Gefangenen auf die Truppe zu schließen, der sie angehörten. Häufig wird der stolzeste und stärkste Soldat der gebrochenste Gefangene sein.

Schlimmer noch, um vieles schlimmer ist es, verwundet in Gefangenschaft zu geraten. Noch kleiner und elender ist die Welt des verwundeten Gefangenen. Ein Bett, ein getünchter Saal, die Gesichter der Pfleger und Pflegerinnen und der Ärzte, nichts sonst. Der Schritt der Wache vor der Tür. Droben in Flandern habe ich verwundete Gefangene besucht, und von ihnen will ich erzählen.

Ich trete ein, und sofort sind alle Augen auf mich gerichtet. Ein neues Gesicht! Seit vielen Tagen, seit Wochen das erste neue Gesicht. Was will er, was tut er hier, was bringt er uns? All diese glänzenden Augen forschen neugierig und aufmerksam in meinen Zügen. Einzelne haben sich aufgerichtet, um mich besser sehen zu können. Niemand spricht ein Wort, alle stellen die Ohren und es ist ganz einerlei, in welcher Sprache ich rede, die Hauptsache ist, daß sie eine neue Stimme hören.

Da ist zunächst ein Neger. Schwarz und glänzend wie ein gewichster Stiefel, das Gebiß blendend weiß. Er ist eines der hübschesten Exemplare, die ich je sah, das sauberste gewiß, fast noch ein Kind, und versucht sofort, meine Milde durch ein naives, vertrauliches Lächeln zu gewinnen. Ich rede ihn englisch an, da ich bis heute nur Englisch mit Negern gesprochen habe, aber siehe da, er antwortet französisch. Aus dem Senegal. Und wie alt? Zwanzig. „Wo hast du gekämpft?“ – Er zeigt sein schönes Tiergebiß und lächelt. Er weiß es nicht. „Bei Ypern?“ – „Ja, bei Ypern. Chemin de fer, hin und her, immer hin und her, chemin de fer“ – er radebrecht, gestikuliert, nein, er weiß gar nichts. Vergnügt legt er sich in das weiße Kissen zurück. Nie in seinem ganzen Negerleben ging es ihm so gut, nie so sauber, Gott, er wird sich nie mehr zu waschen brauchen. Er hatte zwei Lungenschüsse, aber das schadete ihm ebensowenig, wie wenn man eine Katze anschießt.

Neben ihm liegt ein Engländer, ebenfalls Lungenschuß. Ein junger, zarter, hellblonder Bursche, der eben aus dem Jenseits zurückkommt. Er hat noch die großen, glänzenden Augen, die man von dort mitbringt, und die durchsichtigen, schmalen Wangen. Er ist aus Birmingham, Kaufmann. Aufrecht sitzt er in seinem Bett, die beiden Hände auf der Decke, und sein Kopf sinkt schwach von einer Seite auf die andre, während er flüsternd antwortet. Er trägt eine Kette mit einem kleinen Kreuz um den dünnen Hals. – „Was bedeutet das Kreuz? Seid ihr Katholiken in Birmingham?“ – „Nein, ich war protestantisch, aber nun bin ich katholisch geworden.“ Eine Nonne steht neben dem Bett, eine belgische Schwester, rotbäckig und gesund, und blickt auf ihr blondes Lämmchen.

„Hier sind Kanadier!“ sagt der Arzt.

Ja, das sind sie. Schmale, feste Schädel, klar gezeichnete Gesichter, kräftige Augen, breite Schultern, die Arme lang gemessen, das Haar weich und kurz. Es sind Amerikaner, ohne jeden Zweifel, wenn sie auch etwas nördlich von den Staaten geboren wurden. Ich sehe mir sie an, und sie betrachten mich mit der gleichen Aufmerksamkeit. Sie wissen genau, daß sie nun an die Reihe kommen, und haben keine Angst.

„Wer von euch war beim Sturmangriff von St. Julien dabei?“

„Wir alle.“

Nun sehe ich, daß sie geschient und verbunden sind. Trotzdem sehen sie gesund und kräftig aus. Es sind Leute, die einen Stoß vertragen können, ausgezeichnetes Material. Sie antworten höflich, aber sie sagen nicht mehr als gerade nötig ist. Allmählich erst werden sie etwas gesprächiger. Sie sind zufrieden, sie beklagen sich über nichts. Jeder deutsche Soldat, mit dem sie es zu tun hatten, war „gut“ zu ihnen. „Nach dem Kriege werden wir uns die Hände drücken.“ – „Aber die englischen Zeitungen? Sie sind die gemeinsten Lügner der Welt!“ – Ihre Augen stehen auf Abwehr. – „Wann seid ihr herübergekommen?“ – „Ich im September, die andern später.“ – „Wieviel wart ihr? Seid ihr in England gelandet oder in Frankreich?“ – Die schönen Augen des Clerks von Toronto sehen mich offen an und schweigen. Er will nicht sprechen. Aber später, als wir mehr Vertrauen zueinander gefaßt hatten, kam er ganz von selbst auf den Transport zurück und sagte mir, daß sie 30000 waren, 21 Dampfer, drei Wochen auf See, in Plymouth gelandet, in England noch ein paar Monate gedrillt. Es war sehr schlechtes Wetter, immerzu Regen, einer ist am Regen gestorben.

„Am Regen gestorben?“ – „Ja!“

Der Seemann im Nachbarbett, dessen Fuß zerschossen ist, lacht. „Es war verdammt schlechtes Wetter, Sir!“

Sie erzählen mir alles mögliche, und ich bemühe mich, sie gesprächig zu halten. Die Deutschen schießen gut, sie würden es niemand raten, den Kopf auch nur eine Sekunde aus dem Graben zu strecken. Weshalb sie aus Kanada herüberkamen, um gegen uns zu kämpfen, das wollen sie mir auf der Stelle sagen. „Die Neutralität Belgiens, Sir! Wir sind gekommen, um euch aus Belgien zu vertreiben.“ – „Weshalb überlaßt ihr das nicht den Engländern, haben sie nicht genug junge Leute? Weshalb sollt ihr Kanadier die Arbeit der jungen Engländer tun?“ – Das Gespräch wird lebhafter und die Franzosen auf der andern Seite recken die Hälse.

„Und St. Julien? Wie war es da?“

Der hübsche Clerk mit dem geschienten Arm, drei Kugeln, richtet sich im Bett auf, so gut es geht: Sie kamen also da in Gräben, in denen vorher Engländer lagen. Aus welchem Grunde gewechselt wurde, wußten sie vorläufig noch nicht. Später erst begriffen sie es. Zwei Tage lagen sie da. Sie wußten gar nichts, weshalb, warum, nichts. Essen gab es nicht regelmäßig. Die Straßen um Ypern herum lagen unausgesetzt unter Feuer. Plötzlich aber hieß es vorgehen! Weshalb, warum, wohin, kein Mensch wußte es. Nun aber bekamen sie furchtbares Feuer, schwere Granaten, auf offenem Felde, ohne jede Deckung. „Ich lag hinter einem Haufen von gefallenen Kameraden, den rechten Arm zerschossen. Die Kameraden stürmten weiter, plötzlich Maschinengewehrfeuer, Flankenfeuer, Gewehrfeuer. Die Kameraden fielen wie hingemäht. Es war zu Ende.“

Er sieht mich an. „Wie groß sind die Verluste, Sir?“ Seine Augen fragen, er denkt, ich könnte mich jetzt recht wohl revanchieren für die Angaben, die er mir über die Transporte machte. Aber ich weiß es wirklich nicht. Sehr große Verluste!

Der Clerk nickt und wendet den Blick ab. „Ich glaube nicht, daß viele davongekommen sind!“ sagt er ruhig und schlicht.

„Sie haben wohl genug vom Krieg?“ frage ich ihn, indem ich mich verabschiede. „Werden Sie wieder gegen uns kämpfen?“

Er lächelt. „Nein!“ Und leiser, so daß es die Kameraden nicht hören, fügt er hinzu: „Es war die Hölle, Sir!“

Nun kommen die Franzosen an die Reihe. Sie haben die ganze Zeit aufmerksam zugehört, die Ohren gespitzt, auf jede Bewegung geachtet, damit ihnen ja nichts entgehe; verstanden haben sie kein Wort. Sie wußten, daß auch ihre Zeit kommen würde. Höflich und gefällig erwidern sie den Gruß. Selbst der Landwirt aus der Gegend von Rouen nickt mit dem dicken rechteckigen Schädel, obwohl er Schmerzen hat und fiebert. Mich interessiert mehr als alle andern der Greis an seiner Seite, ein schmächtiger Mann mit ausgeprägt französischen Zügen. Sein weißgraues Haar zieht mich an und seine lebendigen, fröhlichen Augen. Er stammt aus der Bretagne, und da ich mich dort auskenne, so haben wir gleich ein Thema, um bekannt zu werden.

„Wann wurden Sie verwundet?“ frage ich. „Im Herbst.“ Er hebt die Decke in die Höhe, und nun sehe ich, daß ihm das linke Bein bis zur Hüfte amputiert ist.

„Wie alt sind Sie?“

„Siebenunddreißig Jahre, mein Herr.“

Um meine Überraschung zu verbergen frage ich rasch nach dem Alter des Landwirts aus Rouen. Er ist zwei Jahre jünger.

„Sie fühlen sich jetzt gesund?“ „Sehr wohl!“ Und der Mann aus der Bretagne sprudelt seine Geschichte heraus, ungeheuer lebhaft, mit vielen plastischen Gesten. „Ja, man muß Glück haben, mein Herr, das ist alles. Es war im Herbst, hier oben in Flandern. Wir mußten zurück, die Deutschen waren hinter uns her. O, lala, wir hatten es eilig! Da – eine Granate zerreißt mir den Fuß. Ich verkrieche mich in ein Loch in der Erde und warte. Die Kameraden sind fort, alle weg, niemand zu sehen. Ich warte, immer in meinem Loch. Zweiunddreißig Stunden liege ich da, aber nun hören Sie! Plötzlich Schritte. Ich spitze aus meinem Loch hinaus. Ein Sergeant vom Roten Kreuz. Ich rufe, er hört. Ich strecke die Arme hoch – so – er kommt heran und sagt: ‚Rühren Sie sich nicht!‘ Zwei Stunden später war ich im Lazarett. Man muß Glück haben.“

Fröhlich und heiter ist der Mann aus der Bretagne. Er hat dem Tod ein Bein hingeworfen wie einem Haifisch und triumphiert über den Handel. Im Krieg wird der Mensch bescheiden.

Unten im Garten des Klosters treffe ich einen Scheich, mit Turban, würdigem Bart, elfenbeinernem Gesicht und elfenbeinernen Händen. Er bittet mich um eine Zigarette. Vielleicht hat er ein Dutzend Frauen zu Hause, vielleicht ist es Sünde, daß er etwas aus meinen Händen entgegennimmt, vielleicht verliert er seine Kaste. Einerlei, es ist nun doch so weit mit ihm gekommen, daß er bettelt.

Ein Flieger über Brügge

Im Mai

Brügge, das tote Brügge, ist heute keineswegs tot. Es lebt. Aber noch weiß es nicht recht, ob es wirklich erwacht ist oder ob es nur träumt. Einen wunderlichen, wirren Traum, grotesk, unfaßbar und unterhaltend, aus dem aber jeden Augenblick der Schrecken züngeln kann wie eine Stichflamme roten Feuers. So liegt es, zwischen Wachen und Schlaf, ein heiteres Lächeln auf den Zügen und einen kleinen Tropfen Angstschweiß auf der Stirn.

Seine stillen verwinkelten Gassen hallen wider von schweren genagelten Stiefeln, die ungeniert auftreten wie zu Hause, und an den Klöpplerinnen vorüber, die fleißig vor den kleinen Häuschen sitzen, rumpeln schwere Lastautomobile, so daß der Boden erbebt. Auf dem Fischmarkt hocken putzige Weiber und ziehen den Aalen die Haut über den Kopf, und während sie schaben und feilschen, rasselt eine Maschinengewehrabteilung an ihnen vorbei. Aus dem Schmuckkästchen der Rue de l’Ane Aveugle quillt ein Bilderbuch: Weiber mit weißen Hauben, Krausen und sonderbaren Umhängen, und plötzlich weichen sie zur Seite, und der Teufel in der Vermummung eines Motorradfahrers prasselt und knallt mitten durch sie hindurch und bewedelt sie mit seinem langen Schweife aus Schwefeldämpfen und Gestank. Die herrliche Grande Place wimmelt von Leben. Wachen, Autos, Karren, Züge brauner Marinesoldaten, heiß und staubig, das Gewehr auf dem Rücken. Die Zeitungsjungen schreien und rennen, um die neuesten Blätter aus Berlin, Frankfurt und Köln an den Mann zu bringen, und wenn jemand es wagt, einen scheuen Blick auf die Wunder von Architektur ringsum zu werfen, so ist eine Meute von Postkartenverkäufern hinter ihm her. Die Bevölkerung Brügges ist auf den Beinen, denn es ist immer etwas zu sehen, und die Soldaten sind auf den Beinen, um die Bevölkerung zu sehen. Ein paar Mönche in braunen Kutten rudern durch einen Schwarm Feldgrauer. Drei Jahrhunderte fließen auf der Grande Place zusammen, nicht mehr und nicht weniger. Aber jede Viertelstunde singt das Glockenspiel oben auf dem Beffroi seinen Choral, fromm und gottergeben, während unten die Motoren prasseln und rattern.

Der Krieg ging an Brügge vorüber, und Brügge freut sich, daß es lebt. Es ist eine Stadt des Friedens, eine Stadt auf Urlaub. Kommt man von da draußen, wo die Häuser keine Dächer mehr haben und mit Sandsäcken ausgestopft sind, so wirkt Brügge wie eine Großstadt, in der man nun ruhig Atem holen will.

Ein Lehmfarbiger stolpert vor mir über den Platz. An seinen Stiefeln hängt noch der Schmutz der flandrischen Gräben. Er stolpert, weil er nicht mehr gewohnt ist, auf richtigem Pflaster zu gehen, er torkelt vor Verwunderung und kann sich gar nicht zurechtfinden. Hier gibt es noch Häuser ohne Granatlöcher, und hier sehen wirklich und wahrhaftig Menschen, Zivilisten, aus den Fenstern und nicht Soldaten und Pferde! Er dreht den gebräunten Hals hin und her und kratzt sich den golden schimmernden Stoppelbart. Und hier gibt es – Frauen! Er betrachtet sie aufmerksam und eingehend, als ob er sie kaufen wolle, von den Schuhen angefangen bis hinauf zum Scheitel. Er bleibt stehen und glotzt ihnen direkt ins Gesicht. Zeitungen? Nein, Zeitungen will er nicht. Er will nichts wissen vom Krieg, er will nichts als dieses Leben hier, diese Welt, in der er fast ein Fremder geworden ist, und die ihm, weiß Gott wann, abhanden kam. Hätte er je gedacht, daß es noch eine Stadt gäbe wie diese, unversehrt, friedlich und sonnig, eine Stadt, genau so wie Städte früher waren? Er begreift es nicht. Aber nun kommt ein Mädchen über den Platz, rotweiß gestreiftes Kleid, blondes Haar, hochbusig und mit Hüften, die sich sehen lassen können. Eine Köchin. Der Lehmfarbige steht wie angewurzelt, er beginnt zu wachsen, seine Brust wird breiter, und sein heller Blick strahlt der Köchin entgegen. Sein braunes, mageres Gesicht ist ernst und ohne jede Bewegung, aber sein Blick folgt jedem Schritt des Mädchens und sein Gedanke ist so stark, daß die Köchin instinktiv einen Bogen macht, als sie nahe kommt. Und nun betrachtet er sie von hinten! Dann stolpert er weiter, bestaunt die Läden, die Frauen, und immer wieder bleibt er stehen und läßt den Blick über den Platz wandern. Die Großstadt Brügge hat ihn berauscht! Ein kleines Café, schon ist er drinnen. Ich genieße das Behagen, mit dem er ein Glas Bier hinuntergießt. Ein Schluck. Zahlen, gehen. Man sieht, er hat nicht eine Minute Zeit zu verschwenden. Ein kleines Restaurant, hinein. Beim dritten Glas verlasse ich ihn. Ich gehe nahe an ihm vorbei und sehe, daß seine linke Backe eine Anzahl Schmisse trägt. Der Lehmfarbene ist Student, Gott weiß, wer er ist, momentan ist er gemeiner Soldat, und das genügt.

In der Stunde, in der ich in dem verzauberten Brügge eintraf, hatte das Leben auf der Grande Place gerade seinen Höhepunkt erreicht. Die Matrosenkapelle konzertierte. Sie spielte laut und vergnügt wie in einem Badeort an der Ostsee, Warnemünde oder Arendsee. Das Glockenspiel des Beffroi klingelte seine fromme Weise bescheiden dazwischen. Der Platz wimmelte von Menschen, und der Waffelbäcker in seinem weißen Jahrmarktskarren machte glänzende Geschäfte. Plötzlich krachten die Kanonen in nächster Nähe. Es klang wie Kirchweihschießen, lustig und ermunternd. Unter dem grauen Gewölk, hoch oben, hing, kaum zu sehen, ein grauer Doppeldecker, mit direktem Kurs auf den Beffroi. Alle Gesichter wandten sich nach oben. Die Fenster füllten sich mit Köpfen. Aus den Haustüren, den Läden strömten die Leute und standen dicht gedrängt auf dem Platze; ganze Scharen von Kindern. Brügge bekam Besuch, und jedermann wollte sehen, wie er herankam über den Giebeldächern. Alles zappelte vor Neugier und Spannung. Die Neugier des Volkes ist immer größer als seine Angst. Aber es kam noch etwas andres dazu! Mehr oder weniger freundlich gesinnt, mehr oder weniger gleichgültig, mehr oder weniger feindlich, die Leute von Brügge waren im Herzen alle Belgier geblieben, und die da oben in der Luft waren Freunde von ihnen, Belgier, Franzosen, Engländer, einerlei. Man hatte sie nicht vergessen, da drüben, hinter dem Yserkanal, auf dem letzten Fleckchen belgischen Landes. Sie waren Boten, die man ihnen sandte. Mochten sie nun ein paar Leute, ein paar Bürger töten, darauf kam es nicht an. Es kam darauf an, daß sie mit der Absicht hierherkamen, dem Feinde zu schaden. Hätten sie es gewagt, so hätten sie dem Flieger zugejubelt, obwohl er sie töten konnte, denn er war einer der ihrigen! Die graue Maschine kam rasch näher. Die Kanonen krachten, Schlag auf Schlag. Ein Maschinengewehr kläffte wütend in die Höhe. Die Schrapnelle platzten rings um die graue Maschine, in einem Rahmen grauer Tupfen stand sie. Sie stieg höher, hinein in die Wolke, aber die Schrapnelle folgten ihr in die Wolke hinein. Es blitzte in der Wolke wie Büschel scharfer Messer, die sich gegen die Maschine zückten. Es knisterte. In all den Lärm hinein sang plötzlich das Glockenspiel seinen friedlichen, frommen Choral, unbekümmert um den Lärm der Welt, und es wird seine Weise singen, sollte einmal Brügge in Flammen aufgehen, was Gott verhüten möge. Da fiel mein Blick auf einen Mönch, der neben mir stand. Er hatte den Kopf halb in die Kutte gezogen und sah mit großen, warmen Augen zum Flugzeug empor. Im Schoß hielt er ein kleines Gebetbuch. Dieser Mönch verhielt sich zu den Leuten da oben wie der fromme Singsang des Beffroi zum Krachen der Geschütze. An Stelle des Gebetbuchs hielten sie Bomben im Schoß, und mit zusammengekniffenen kalten Augen fegten sie dahin. Es waren, wie gesagt, die Jahrhunderte, die sich hier auf der Grande Place von Brügge begegnen.

Nun aber wurde es Ernst! Er kam heran, so wütend auch das Maschinengewehr hämmerte. In ein paar Sekunden mußte er über dem Platze schweben. Wie der Tod auf Flügeln kam er daher.

Wie auf ein Signal rissen die Leute aus. Die Panik setzte ein, und die Menge explodierte. Nach allen Seiten, strahlenförmig, machten sie sich davon, die Kinder auf raschen, dünnen Beinen voran. Sie stürzten in die Gassen, in die Haustüren, in die Kaffeehäuser. Die Erde verschluckte sie, und die Köpfe verschwanden aus den Fenstern. So erstaunlich ihr Mut vor einigen Sekunden war, so komisch wirkte diese überstürzte Flucht. Mein Mönch? Er war wie weggeblasen.

Ich zog mich unter ein solides Portal zurück, und man kann mir glauben, wenn ich sage, daß ich das Portal vorher genau auf seine Konstruktion untersuchte.

Leer lag der Platz, wie reingefegt. Keine Seele weit und breit, kein Gesicht in einer Tür, einem Fenster. Es war wie Zauberei. Nicht einmal ein Hund war zu sehen.

Der Kampfplatz war dem Maschinengewehr, den Geschützen und dem Flugzeug unter den schmutzigen Wolken überlassen. Die Maschine schwebte eine Sekunde über dem Rande des Platzes, dann, gerade im entscheidenden Moment, bog sie scharf nach rechts aus. Es war ihr zu ungemütlich geworden. Sie stieg höher, verschwand in der Wolke und machte den Versuch, zurückzukehren. Aber eine Salve von Schrapnellen fuhr ihr entgegen, eine ganze Mauer grauer Wölkchen. Sie kehrte um.

Ein paar Minuten blieb der Platz leer, dann aber strömte das Leben wieder auf ihn zurück. Kinder, Mädchen, Hunde, der Waffelbäcker, Feldgraue und Lehmfarbene. Die Chauffeure, die ausgerückt waren, standen plötzlich wieder bei ihren Wagen.

Das Glockenspiel des Beffroi bimmelte wieder seine fromme, gottergebene Weise.

Nichts war geschehen. Das träumende Brügge war zusammengeschauert in seinem Traum. Das war alles.

Die Schlacht bei Arras

4. Juni

Auf der Lorettohöhe, die gestern noch niemand kannte und die heute in aller Munde ist, stand eine Kapelle, die berühmte Kapelle von Notre Dame de Lorette. Nach einer französischen Legende sollte sie in diesem Kriege eine geheimnisvolle und wunderbare Rolle spielen. Die Kapelle existiert heute nicht mehr, sie ist ein Schutthaufen. Zusammenstürzend hat sie die Legende unter ihren Trümmern begraben.

Joffres zweiter, größter und wütendster Durchbruchsversuch ist gescheitert. Diesmal sollte es geschehen! Es handelte sich nicht um ein paar lumpige Gräben, es handelte sich um die Zerschmetterung der feindlichen Menschenmauer. Die Fahnen des französischen Marschalls flatterten bereits in Lille, in Valenciennes. Es ist nichts daraus geworden.

Sorgfältig und umsichtig, wohldurchdacht waren Joffres Vorbereitungen. Sie reichen bis in den April zurück. Truppenverschiebungen, Heranziehen der Reserven, das Herbeischaffen von Munition, jener Berge von Munition, die der Marschall brauchte, um uns zuzudecken. Das alles mußte so geheimnisvoll wie möglich geschehen, heute, wo die Augen der Heere hoch oben in der Luft hängen. Eine bedeutende Leistung! Eine Provinz wollte Joffre erobern, ein Riesenheer setzte er in Bewegung, ein paar Dörfer und Schützengräben hat er gewonnen. Sie kosteten ihn eine ungeheure Zahl von Menschenleben.

Und heute, nach beinahe vier Wochen, ist diese ungeheure Schlacht noch nicht zu Ende. Noch immer stampfen und pochen die Geschütze. Die ganze letzte Nacht hindurch schlugen sie. Aber es ist nicht mehr die Wut des Orkans, der ausbricht, es ist die hohe Dünung nach dem Sturm.

Vier Tage vor dem 9. Mai begann der Feind unsre Stellungen unter schweres Feuer zu nehmen. Am 9. Mai, dem Tage des Angriffs, in aller Frühe, eröffnete er, ganz wie im Frühjahr in der Champagne, ein beispielloses Trommelfeuer auf unsre Gräben. Er trommelte sie auf der ganzen Front ab, von Arras angefangen bis hinauf in die Höhe von Lille, eine Strecke von vierundzwanzig Kilometern. Es war die Hölle. Die Erde dort ist durchsiebt von Granaten. Dann gingen seine Kolonnen in dichten Staffeln vor. Aber das Unmögliche geschah: unsre Truppen hielten stand gegen die mehrfache Übermacht. Wir wollen sie nicht vergessen, die Leute von Ecurie, Neuville, Ablain, Carency und wie sie heißen! Was sie taten für uns, das wird die Geschichte später verkünden. Es war übermenschlich, mehr als Heldentum. Ein paar Gräben gingen verloren, Carency und Ablain mußten geräumt werden von uns, das war alles. Unbedeutende vorgeschobene kleinere Stellungen gaben wir freiwillig auf.

Zu gleicher Zeit, am 9. Mai, griffen die Engländer im Norden an. Südwestlich von Neuve Chapelle, östlich von Richebourg. Im Vergleich zu dem wütenden, heroischen und fanatischen Angriff der Franzosen war ihr Sturm matt. Nach einem aufgefundenen Befehl stand uns hier ebenfalls eine große Übermacht gegenüber. In drei Linien griffen die Engländer an. Das erste Regiment ging zurück. Ein zweites englisches Regiment, das vorgeworfen wurde, versagte gänzlich. Es streikte. Wie so häufig überließen die Engländer die schwere Arbeit den andern. Nun stürmten die Schotten vor, das Regiment Scotch Blackwatch. Es wurde durch unser Feuer fast gänzlich niedergemäht. Nach Aussagen von Gefangenen zählte man an diesem Tage achthundert Tote. Zwei Schotten, die bis an unsre Gräben gelangt waren, ergaben sich. Sie konnten nicht hereingenommen werden und lagen vor der Brustwehr von fünf Uhr nachmittags bis sechs Uhr früh, und unsre Leute mußten über ihre Körper wegfeuern.

Der wütende Ansturm kam zum Stehen. Unsre Heeresverwaltung ließ ihren Apparat spielen und warf Reserven und Truppenmassen ins Gefecht: Joffres Durchbruch war mißglückt.

Zu einem einheitlichen Angriff großen Stils fehlte dem Gegner seit dieser Zeit die Kraft. Indessen fanden Tag und Nacht größere und kleinere Teilangriffe statt. Der Erfolg schwankt hin und her. Zuweilen gelingt es dem Feind, in unsre Gräben einzudringen, er wird durch Handgranaten vertrieben. Ein Angriff ohne Artillerievorbereitung, den er am 12. unternahm, erstarb schon im Feuer unsrer Geschütze. Nahkämpfe, bei denen Bajonett, Kolben und Handgranaten arbeiten, sind alltäglich. Alles in allem zählte man sechsundvierzig Angriffe gegen verschiedene Stellungen unsrer Front, seit dem 9. Mai. Unter diesen sechsundvierzig Angriffen waren acht von größerer Bedeutung.

Wieder und wieder, hartnäckig und verbissen, läuft der Feind gegen Punkte unsrer Front an, die strategisch besonders wichtig sind. So gegen unsre Stellungen an der Straße Souchez-Aix-Noulette. Bei Ablain, das wir, wie erwähnt, geräumt haben. Gegen die Höhe nördlich Neuville. Im Dorfe Neuville selbst wird Tag und Nacht gekämpft, und hier werden die Kämpfe noch lange wüten. Vor einigen Tagen überrannte hier der Feind unsre Barrikaden, aber nach halbstündigem erbitterten Kampf wurde er wieder zurückgeworfen. Gegen den starken Riegel, den wir über die Lorettohöhe zogen. Die Trümmerstätte der Kapelle selbst ist in den Händen des Feindes. Gegen die Straße Ecurie-Roclincourt. Hier hatte der Feind bei La-Maison-blanche ungeheure Verluste, und die Erde trank das französische Blut in Strömen. Gegen unsre vorspringende Front nördlich von Ecurie. Hier fanden wiederholt wütende Angriffe statt. Unsre Geschütze legten einen Kranz von Geschossen vor unsre Gräben. So heftig war das Feuer, daß ein französischer Offizier überlief, er war fertig mit den Nerven. Das oft genannte Labyrinth bei Ecurie befindet sich noch in unsrem Besitz.

Die Engländer im Norden haben in der letzten Zeit größere Angriffe nicht unternommen.

Obwohl unsre Heeresleitung keine andre Absicht verfolgte als unsre Stellungen zu halten, sich also rein defensiv verhielt, haben wir in den letzten Kämpfen doch acht Offiziere und fünfzehnhundert Mann zu Gefangenen gemacht. Joffre gewann etwas Terrain. Auf einer Front von vier Kilometern rückte er achthundert bis fünfzehnhundert Meter vor. Dieser geringe und unwesentliche Geländegewinn steht in einem tragischen Mißverhältnis zu dem Aufwand an Kampfmitteln und den Verlusten. Wenn Joffre seine Toten beerdigt, so wird er finden, daß er einen Friedhof erobert hat.

Die Lorettohöhe unter Feuer

Im Juni

Der Tag ist heiß, und die Schlacht wütet. Es ist immer dieselbe Schlacht, eine der furchtbarsten und größten dieses Krieges, die Schlacht bei Arras. Sie dauert schon Wochen, wird sie nie enden? In der schwülen Nacht polterten und schlugen die Geschütze, und sie poltern und schlagen in den heißen, glühenden Tag hinein. Die Kanoniere schlafen nicht mehr. Je näher der Wagen kommt, desto lauter krachen die harten Schläge der Kanonen.

Die Landschaft ändert sich. Aus dem Grün der Wiesen und Felder heben sich riesige, unförmige Aschenhaufen, grauschwarz und öde, die Schlackenberge der Kohlenzechen. Plump und häßlich liegen die Schutthalden da, unproportioniert, die Wohnstätten der Menschen, die grünen Baumwipfel überragend, unfruchtbar inmitten der fruchtbaren Erde. Sie sehen aus wie die Krater erloschener Vulkane. Hohe Kamine, Fördertürme, Backsteingebäude, Beton- und Eisenfachwerk. Hier vorn, in der Feuerzone, stehen die Zechen still. Weiter hinten rauchen Schlote. Im Norden, im Dunst der Sonne, steht auch die feine Rauchfahne der Zeche von Courrière, deren Unglück vor Jahren das Herz der ganzen Welt erschütterte. Damals eilten westfälische Bergleute herbei, um ihren französischen Kameraden Hilfe zu bringen. Es handelte sich um zwei- bis dreihundert Bergleute, die in der harten Schlacht um das tägliche Brot fielen, und die Welt brachte ihnen jene Summe von Mitgefühl entgegen, die im geraden menschlichen Verhältnis zu der Katastrophe stand. Man hat es vergessen. Viele tausend Jahre liegen zwischen der Schlacht von Arras und jenem denkwürdigen Tage, da deutsche Männer ihren französischen Kameraden im gleichen Landstrich zu Hilfe eilten! Heute handelt es sich um Hunderttausende, um mehr. Die Welt schweigt! Mehr als das: die ganze Welt arbeitet fieberhaft, um Material zu liefern, das die Legionen der Opfer vermehrt. Die Welt will leben, damit andre sterben. Das ist die Wahrheit.

Auch drüben beim Feinde rauchen die Schlote! Sie fördern sogar in der Feuerzone, sie brauchen Kohle. Selbst wenn hineingefunkt wird, stellen sie den Betrieb nicht ein. So ist der Krieg.

Das Auto biegt in einen Zechenhof ein. Es ist still hier und so sauber wie in einem Tanzsaal. Die Zeche steht still, sie ist längst ersoffen. Wo es früher rasselte und zischte, daß man sein eignes Wort nicht verstehen konnte, herrscht jetzt Feiertagsschweigen. Stille Leute sind hier eingezogen, Verwundete und Ärzte. Die Zeche ist ein Lazarett.

In dem großen Zechensaal liegen sie, die Tapferen, die für uns gekämpft haben, in langen Reihen. Der Saal ist hoch, luftig und rein und die Betten schneeweiß. Die Fenster stehen offen. Von dem Saal aus blickt man direkt in die Baderäume, die früher den Bergleuten dienten. Nichts fehlt, nichts ist vergessen, für alles ist hier wohl gesorgt. Ärzte und Pfleger bewegen sich zwischen den Betten, Schwestern gibt es hier außen nicht. Leichter oder schwerer verwundet, je nachdem die Schlacht sie losließ, liegen sie da und leiden heroisch, so wie sie vorher heroisch kämpften. Viele schlafen. Sie sind erschöpft, oder das Morphium hilft ihnen über die schlimmsten Schmerzen hinweg. Einzelne stöhnen im Schlaf. Einer hat das Gesicht mit einem Tuch bedeckt, und seine Hände zupfen im Schlaf leicht an der Decke. Es gibt hier blutige Verbände und viel Schreckliches, daß einem das Herz stehenbleibt, aber ohne Blut und Wunden gibt es keinen Krieg. Die meisten sind erst heute nacht und in den letzten Tagen eingeliefert worden. Einer hat den Kopf vollkommen eingewickelt, so daß er aussieht wie eine Wattekugel. Aber zwei frische und muntere Augen blicken aus den Binden hervor. Es gibt hier Gesichter von allen möglichen Farben. Ein gelbes Gesicht mit geweiteten Augen verfolgt mich lange. Der Mann war am Tode, aber der Arzt versichert mir, daß für ihn keine Gefahr mehr besteht. Die meisten Gesichter aber sind, so erstaunlich es ist, braun und frisch, es sind robuste Burschen, die etwas vertragen.

Einer sitzt in seinem Bett, der geschiente linke Arm ist hoch gelagert und an einem richtigen Strick aufgehängt. Mit der Rechten schreibt er eine Feldpostkarte. Ja, er schreibt an seine Frau, daß es ihm gut geht, und er hat keine Lust, sich lange stören zu lassen. Ein junger Unteroffizier lächelt mir mit roten Wangen und hellblauen Augen entgegen. Er ist achtzehn Jahre, blond und frisch, Zögling einer Unteroffizierschule. Er bekam einen Schuß in den Schenkel, wuchtig wie eine große Keule warf ihn die kleine Kugel nieder. Er hat keine Schmerzen, nein, zuweilen ein bißchen, morgen geht es in die Heimat, und bald kommt er wieder.

Aber es gibt hier viele, die nicht schreiben und nicht fröhlich plaudern, und hier gibt es manche, die ihre Heimat nicht mehr sehen werden.

Im Hof sind zwei Krankenautos vorgefahren. Eine Tragbahre steht auf der Erde, und darin liegt ein Kanonier mit verbundenem rechten Arm. Schmutzig und zerrissen, wie er aus der Schlacht getragen wurde, liegt er da, und sein Verband rötet sich langsam vom Blute. Die Stiefel hat man ihm ausgezogen. Sein Gesicht ist braun, fast schwarz und sein Blick stark. Ich sehe, daß er die Zehen in den Socken verkrampft. Die Mütze, eine runde, schirmlose, verstaubte und verknüllte Mütze, hat er noch keck auf dem Kopfe sitzen.

„Haben Sie Schmerzen?“ frage ich ihn und sehe, wie seine Zehen arbeiten.

Er schüttelt den Kopf. „Ein bißchen Schmerzen muß man schon aushalten, es schadet nichts. Ein Volltreffer kam in die Batterie, schweres Kaliber, drei Mann tot, fünf verletzt.“ Er spricht, als stünde er mit Granaten auf du und du. „Die andern sind im Wagen.“

Ich blicke hinein. Es stöhnt da drinnen. Ich gehe.

Im Zimmer des Zechenpförtners liegt ein Franzose. Er liegt allein, nicht weil er ein Franzose ist, sondern weil es schlecht um ihn steht. Seine Wunde ist zu furchtbar, als daß man ihm wünschte, durchzukommen. Er ist ein schöner junger Mann, vielleicht fünfundzwanzig. Sein schmales Gesicht ist bleich und still, seine Augen tiefbraun und noch voller Leben und Bewußtsein. Tagelang wird er noch unterwegs sein, bevor er sein Ziel erreicht.

Die beiden Krankenwagen fahren aus dem Hof, ein voller Wagen kommt herein. Herrlich ist die Hilfsbereitschaft und Unermüdlichkeit der Ärzte und Pfleger und Krankenträger. Es gibt viel zu tun in diesen Tagen.

Mit der Landschaft haben sich die menschlichen Wohnstätten und die Menschen geändert. Es sind keine anmutigen Dörfer mehr, es sind Arbeiterviertel, aus der Großstadt in die Landschaft geworfen. Rußige Backsteinhäuser, staubige Straßen, schmucklose Fenster mit ein paar Fetzen schmutziger Gardinen. Die Bewohner sind keine Dörfler und Bauern, es sind Städter aus den Kellerwohnungen, in billigen, verschlissenen Kleidern. Bleich, schlecht genährt und schwindsüchtig stehen sie untätig vor den Haustüren und starren dem Wagen mit stumpfen Blicken nach. Fahle, greisenhafte Kinder, mit einer Spur von Schönheit, die in den Geschlechtern verklingt, halbwüchsige Burschen mit kecken Mützen, die Zigarette zwischen den schmalen Lippen. Sie greifen an die Mütze, wenn man vorbeikommt, und strecken die Zunge heraus, sobald man vorüber ist. Nur ganz selten kann ich jenen schönen und helläugigen Typus des Arbeiters entdecken, den die Arbeit nicht vernichtete.

In das Industriedorf B. wird zuweilen hineingeschossen. Ein paar Dächer sind abgedeckt, ein paar Häuser zeigen Granatlöcher. Gestern kamen einige Granaten herüber und töteten eine Frau und zwei Kinder. Heute sitzen Weiber und Kinder schon wieder an der Straße, als sei nichts geschehen.

Gleich hinter diesem Dorf sinkt die Straße ins Tal, in die breite Talmulde hinab. Und drüben liegt sie ausgebreitet wie ein Panorama, die berühmte Höhe, die so viel Blut getrunken hat, die Lorettohöhe.

Sie sieht anmutig aus. Golden und grün steigt sie aus der grünen Talmulde empor, breit und sanft, ein flacher Höhenzug, von Hügelketten flankiert. Oben ist sie bewaldet, Laubwald, das Bois de Bovigny. Sie liegt in der glühenden Sonne, und Wolkenschatten ziehen darüber hin. Sie sieht aus wie eine sonnige Höhe in Franken oder in Thüringen oder irgendwo, es ist gar nichts Besonderes an ihr. Ein breiter, sanfter Höhenzug in der Junisonne, der Dunst der Hitze darüber und etwas Wald auf der Kappe, nichts sonst. Und doch ist diese anmutige, sonnige Höhe, die so friedlich aussieht, daß man glauben könnte, Schafe würden dort weiden und Kinder spielen in den Wiesen, heute nichts als ein großer Grabhügel, ein Riesengrab. Tausende und aber Tausende liegen dort, Freund wie Feind. Sie fielen im Herbst, im Winter, im Frühjahr. Viele konnten nicht begraben werden. Sie lagen monatelang in der Sonne, im Schnee, im Regen, und die Erde zerrte an ihnen und zerrte sie langsam in sich hinein. Des Nachts starrten sie aus ihren offenen Augen in die glitzernden Sterne empor, in jene Welt des Friedens und der Herrlichkeit, wo ihre Seelen jetzt wanderten, während ihre Leiber in der Hölle dieser Erde lagen. So furchtbar ist die Wut des Krieges, daß die Gegner sich nicht einmal die Zeit zur Bestattung ihrer Toten gewähren können, wie es Heiden und Wilde taten.

Man wird nun einsehen, daß die Anmut und Lieblichkeit dieser Höhe eine Lüge ist. Dort oben gibt es schauerliche Dinge, an die niemand gern denkt. Es gibt dort Sumpfstreifen, in denen die Toten langsam versunken sind, so daß heute nur noch ein Stiefel oder ein Ellbogen heraussieht. Es gibt Gräber voller Unheimlichkeiten, halb voll Wasser und Schlamm, und ein Schnurrbart sieht aus dem Wasser. Es gibt hier Dinge, die man nicht erzählen kann. Wenn der Bauer einst hier wieder pflügt, so wird er bei jedem Schritt auf Knochen stoßen, auf Stiefel und zerbrochene Gewehre.

Hier oben stand die oft genannte Kapelle von Notre Dame de Lorette. Sie ist heute ein Haufen Trümmer.

Hier oben hat jeder Quadratmeter Boden seine Kämpfe gehabt, seine Toten, sein Entsetzen. Die Erde ist zerfetzt von Granaten. Hier oben hat jeder Weg, hat jede Besonderheit ihren Namen, und an all diesen Namen hängt viel Blut und Heldenmut. Diese Namen werden weiterleben, und die Soldaten, die die Höhe freigab, werden von ihnen sprechen, wenn sie alt sein werden. Da ist die Kanzel, der Hohlweg, der Barrikadenweg, die Schlammulde, die Totenwiese. Diese Namen kehren wieder in den Gefechtsbüchern der Regimenter, die hier kämpften.

Hat jemand gewußt, welche Bedeutung diese Höhe in diesem Kriege hat? Niemand. Zuweilen wurde sie in kurzen Telegrammen genannt. Man wird anfangen, an sie zu denken.

Seit Wochen ist sie unter schwerem Feuer. Auch heute.

Sie raucht.

Auf den ersten Blick sieht es aus, als würden auf dem goldgrünen sanften Abhang der Höhe, über den still die Wolkenschatten ziehen, Feuer von Kartoffelkräutern abgebrannt, deren rostbrauner Qualm senkrecht in die heiße Luft steigt. Als ständen hinter der Höhe, hinter dem Bois de Bovigny, Reihen von Fabrikschlöten, die ihren Rauch emporwirbeln lassen. Aber diese dicken Säulen rostbraunen Qualms entstehen urplötzlich, ohne jede Vorbereitung, drei, vier fahren nebeneinander aus der Erde. Sie wechseln ebenso urplötzlich den Ort, bald stehen sie höher, bald tiefer, bald ein paar Kilometer rechts, bald links. Sie sind rostbraun und rostrot und zuweilen schwarz wie Ruß. Es sind die Einschläge der französischen Granaten, die unsere Gräben eindecken wollen. Die Gräben selbst kann man von hier aus nicht sehen, aber an den Einschlägen der Granaten kann man ihre Kurve verfolgen, die sich quer über den Fuß der breiten Höhe zieht. Auch hört man die Einschläge nicht, denn die Geschütze donnern und rollen ohne Pause.

Aus dem Bois de Bovigny wirbelt eine pechschwarze Rauchwolke empor, turmhoch, und in der nächsten Sekunde eine zweite, deren Qualm sich hoch oben mit dem Qualm des ersten Einschlages vereinigt. Deutsche Granaten. Die schwarzen Rauchfahnen hinter dem Wald wehen hin und her, sie steigen an verschiedenen Stellen zur gleichen Zeit in die Höhe, stehen minutenlang und nehmen die Form von Pinien an. Sie verblassen, und ein neuer Krater speit Schwärze und Finsternis in die Luft empor.

In der Talmulde, die so friedlich und sonnig aussieht, hinter den winzigen Häusern da unten, wälzt sich eine safranfarbene Wetterwolke. Sie schwankt schwer und unheilvoll am Boden, hebt sich hoch und steigt dick geballt in die Luft, einen Teil der Höhe verdeckend. Eine schwere Granate, die einer unserer Batterien galt. Wütende Abschüsse. Schlag auf Schlag, die Luft dröhnt. Hinter dem Bois de Bovigny, im Tal gegen Ablain zu, steigt eine schwarze Wetterwand in den blauen Himmel. Wir bleiben ihnen nichts schuldig!

Plötzlich kommt unten in der Talmulde eine rostbraune Granatwolke ins Laufen. Es sieht merkwürdig aus. Es ist ein spitzer Kegel, ein spitzer Wirbel von rostbraunem Rauch, der sich rasch dahinbewegt wie der Rauch eines Eisenbahnzuges. Es ist ein Auto, das da drunten auf dem staubigen Straßenfaden wie toll dahinfegt. Es fährt um sein Leben. Ein weißes Wölkchen steht urplötzlich über dem Auto im heißen Blau des Himmels. Ein Schrapnell. Zu hoch. Ein zweites. Das Auto läuft wie eine Maus, die Angst hat. Es ist toll, hier zu fahren! Droben im Bois de Bovigny sitzt der Franzose mit seinen Scherenfernrohren und sieht jede Katze im Tal. Es sind Offiziere, Befehlsüberbringer. Es muß sein. Durch!

Die Sonne brennt. Es ist drückend heiß, und der Schweiß läuft mir über das Gesicht.

Die Lorettohöhe blinzelt und blinkt. Ein unsichtbares wütendes Fabeltier stampft auf ihr hin und her und reißt den Boden mit den Hörnern auf und schleudert die Erde in die Höhe. Heiß, heiß wie die Hölle muß es dort drüben in den Gräben sein, wo unsere tapferen Jungen liegen. Der Himmel sei ihnen gnädig.

Nachtkämpfe bei Arras

Im Juni

Erstickend heiß, staubig und lärmend waren die Straßen am Tage, und nun genieße ich es, in die sinkende Nacht hinauszufahren. Schon stehen die Sterne blaß am Himmel. Die Bäume rauschen, und die Luft ist lau und erfrischend. Die Dunkelheit erquickt die Augen, die entzündet sind von Staub und Schweiß. Es ist die Zeit, da die Kröten aus den Löchern kommen.

Auf all den dunkeln Straßen der flachen Landschaft wandert und knirscht und knarrt es. Aber es ist ein Lärm ohne Hast und Geschrei, ein Lärm wie im Frieden, wenn die Bauern auf den Markt fahren. Die Kolonnen sind unterwegs. An endlosen Wagenzügen fahren wir entlang, und die schweren Pferde strecken die Schenkel, sobald sie die Hupe hören. Große, vom Lichtschein erschreckte Pferdeaugen glotzen uns argwöhnisch von der Seite an. Es ist das Futter für die unersättlichen Schlünde der Kanonen. Langsam knarren die Wagen dahin. Sie haben keine Eile. Sie haben das Futter zur bestimmten Zeit gefaßt, sie sind zur bestimmten Zeit aufgebrochen, und sie werden auf den Punkt dort eintreffen, wo sie hin sollen. Keine Erregung, kein lautes Wort. Die Fahrer rauchen die Pfeife, sie haben sich behaglich und faul zurechtgesetzt, aber sobald der Wagen vorbeikommt, werfen sie mit einem kurzen Ruck die Nase in die Luft. Die Pfeife behalten sie dabei zwischen den Zähnen, aber niemand verlangt, daß sie hier außen die Pfeife aus dem Mund nehmen. Hier draußen ist vieles anders. Es geht auch so.

Zwischen den dunkeln stummen Pappeln marschiert ohne Tritt eine Kompanie. Auch sie traben gemächlich dahin, sie haben keine Eile. Auf den Punkt werden sie dort sein, und auf den Punkt werden sie im Graben stehen. Ihre grauen Helme wackeln hin und her, und die schweren Stiefel schlagen Staub aus der Straße. Junge Gesichter fliegen vorüber, bärtige, rasche, neugierige Blicke, ein Scherzwort. Sie sind gut ausgeruht, frisch gewaschen und gehen gleichmütig ins Gefecht, als gingen sie zur Arbeit. „Rechts getreten!“ Der Zug an der Spitze tritt zur Seite.

Wieder eine Munitionskolonne. Ein Zug Lazarettwagen kommt ihr entgegen. Wir müssen halten und uns an den muskulösen Schenkeln der Lastpferde vorbeidrücken. In den Lazarettwagen haben sie die Leinwand zurückgeschlagen, um frische Luft zu bekommen. Still und ergeben liegen sie in den Wagen. Einzelne, mit Binden um den Kopf oder mit Armschlingen, sitzen auf dem Bock. Auf der einen Seite ziehen sie hinaus, auf der andern zurück. So ist der Krieg. Neuville, die Zuckerfabrik, Souchez und die Lorettohöhe kosten viel Opfer. Tag und Nacht.

Überall wandert und trappelt es in der Nacht. Am Tag ist hier nicht viel zu sehen, ein paar Autos, ein paar Karren, fast keine Soldaten. Denn am Tage wimmelt es hier von Fliegern wie an keiner Stelle der Front. Am Tage ist hier Ebbe, aber in der Nacht kehrt die Flut zurück, um Gräben und Batterien da draußen zu speisen, und sie verschlingen viel. Nacht um Nacht ist es das gleiche, bei uns wie bei ihnen da drüben.

Achtung! Wir müssen zur Seite. Ein paar Autos kommen wie die Hölle angeritten. Es sind Befehlsempfänger, die von den Stäben zum Oberkommando jagen, und sie kennen keine Gnade. Die Mützen über den Schädel gestülpt, die Köpfe eingezogen im Luftzug, fliegen sie vorüber.

Ein schweres Geschütz, von sechs Pferden gezogen, kraucht durch die Nacht. Zur Front, wie alles. Es läßt den Kopf hängen und scheint auf der Lafette zu schlafen wie ein müdes ergrautes Walroß. Aber die Kanoniere da draußen werden es wachrütteln, und es wird seine Arbeit wieder aufnehmen wie in der letzten Nacht. Wird seinen grauen Kopf heben und zum Himmel emporbellen.

Ein matterleuchtetes Fenster. Ein Dorf. Der Posten tritt vor und mustert rasch Wagen und Insassen. Das Dorf ist stockfinster. Keine Lampe, nichts, keine Bewohner. Ein paar Soldaten sitzen in Hemdärmeln in den finsteren Haustüren. Wieder Chaussee. Wieder Kolonnen. Stille finstere Dörfer. Der Wagen biegt ab, passiert eine schnurgerade Straße schwarzer Arbeiterhäuser. Er hält bei einer Zeche.

In wenigen Minuten sind wir oben auf dem dunkeln, öden Schlackenhaufen. Ich hole Atem. Was ich sehe, ist ein nächtlicher Spuk.

Ich will versuchen, es zu beschreiben, obschon es unmöglich ist. Niemals aber werde ich imstande sein, mein Erstaunen auszudrücken, als ich es zum erstenmal sah: nicht mehr ist es und nicht weniger als ein Feuerwerk des Teufels.

Zuerst sehe ich nichts. Die dunkle Halde, der Zechenhof. Ein paar Fabrikschlöte, der Förderturm, dunkle Wände mit schwarzen hohen Kirchenfenstern. Schuppen, Bahngeleise. Die Dächer einer Arbeiteransiedlung, alle gleich hoch, gleich groß, wie Treibhäuser.

„Dort unten liegen zwei französische Spione begraben,“ sagt die Stimme des Offiziers an meiner Seite. „Dort bei den Schuppen. Vor dem kleinen Schuppen, ein paar Schritte nach rechts.“

Nun entdeckte ich den Grabhügel. „Waren es wirkliche Spione?“

„Ja. Zwei Offiziere. Sie hielten sich lange Monate in Douai verborgen. Dann verkleideten sie sich als Frauen, ein schmutziges Straßenmädchen nahmen sie noch mit. Aber sie wurden gefaßt.“

Ich bin ungläubig. Es klingt wie ein Märchen.

„Es ist wahr. Ich sah sie sterben. Sie leugneten gar nicht, sie gestanden es ein. Sie starben gefaßt und mit Würde, wie Offiziere. Es waren zwei mutige Burschen.“

Elend sieht dieser helle Fleck bei den Schuppen drunten aus. Mich fröstelt. Die Frösche quaken in den Wiesen, die dunkeln Baumwipfel bewegen sich. Die Kanonen brummen und pochen. Man gewöhnt sich daran; Tag und Nacht hört man hier nichts anderes, selbst wenn man schläft. Man hört nicht mehr hin, nur wenn eine schwere Batterie donnert und trommelt, wendet man den Kopf. Hinter den Arbeiterhäusern dehnt sich das mächtige Land, gespensterhaft durchsichtig im Licht der Sterne. Und aus dem fahlen Lande, am Horizont, steigen dunkle Höhenzüge empor, scharf abgegrenzt gegen den graublauen Nachthimmel.

„Das da links ist die Höhe von Vimy. In der Mitte, der breite Rücken, das ist die Lorettohöhe, und rechts davon, das sind die Höhen hinter Aix-Noulette.“

Plötzlich steigt hinter der Lorettohöhe ein weißer, sprühender Mond empor und bleibt minutenlang stehen. Kreidebleich ist ein Teil der Höhe. Der Mond sieht aus wie ein Leuchtfeuer, das auf das Meer hinaussprüht. Plötzlich aber sind es zwei, drei, sechs Monde, die über den Höhenzügen schweben, ein Viertel des Horizontes beherrschen sie. Hinter den dunkeln Höhen wetterleuchtet es unaufhörlich, ein Feuerstrahl, rot und flammend, dick wie ein Balken fährt schräg aus dem Wald auf der Höhe heraus. Die Monde sinken, ganz langsam, und verlöschen. Aber schon stehen neue über den Höhen. Weitab links blinzelt ein rötliches Feuer am Himmel, wie ein entzündetes Auge. Ein Blinkfeuer im Dunst. Im Norden antwortet eine grüne Kugel, die rasch steigt und rasch verlischt. Die Geschütze trommeln. Ein paar sanfte schöne Sterne versprühen, Schrapnelle. Aus der Lorettohöhe schießen, dicht nebeneinander, zwei Fühlhörner empor, mit glühenden Kugeln an den Enden. Blitze fahren über das Land und den dunkeln Himmel. Die Sterne verblassen. In der Ebene poltert und kracht es. Fahle Lichtgarben, stumpf wie Rasierpinsel, stehen in der Ebene: Einschläge von Granaten. Ein Rudel roter Leuchtkugeln. Ein gelber Halbmond, der traurig und trüb verglimmt, schauerlich wie über hoffnungsloser See.

Es ist wie ein toller Spuk, ein Traumgesicht. Das höllische Feuerwerk zuckt und spielt, jede Sekunde sprüht es anders, schöner, wilder.

Diese Lichtsignale sprechen zu den Batterien. Alles können sie lautlos in den Himmel emporsprühen. Und die Geschütze antworten, sie verstehen alles, sie antworten präzis und unerbittlich.

Früher dauerten Schlachten ein paar Stunden, höchstens ein paar Tage. In der Nacht standen sie still. Heute dauern sie wochenlang und der Tag ist zu kurz, in der Nacht wüten sie weiter.

Über der Lorettohöhe stehen nebeneinander, in gleicher Höhe, drei rote Monde und glühen zu uns herüber. Grüne Raketen fahren gespenstisch in die Höhe. Horch! Durch das Poltern und Trommeln der Geschütze hindurch, in den sekundenlangen Pausen zwischen den dumpfen Schlägen hört man deutlich das rollende Gewehrfeuer und das Knattern der Maschinengewehre. Es klingt, als würde ein Wagen voll Kohlen ausgeschüttet. Angriff!

Wieder greift Joffre an. Gestern nacht griff er an sechs verschiedenen Stellen an und dreimal an ein und derselben. Um zehn, um ein Uhr und um drei Uhr. Unsere Leute sind hart wie Stahl. Sie halten Unmögliches aus. Die Maschinengewehre mähen die französischen Kolonnen dahin, ganze Züge fliegen in die Luft, Lawinen von Leibern rollen über die Abhänge. Aber Joffre greift an! Man hat mir gesagt, wie hoch man seine Verluste schätzt, es sind irrsinnige Zahlen, ich wage sie nicht niederzuschreiben. Und doch wirft er Regiment um Regiment ins Feuer. Er erscheint mir wie ein nervös gewordener Spieler, der verloren hat und nun sein Geld aus allen Taschen reißt, Ringe und Uhr, und alles auf den Spieltisch schmeißt, um das Glück zu zwingen.

„Es ist bei der Schlammulde,“ sagt mein Begleiter.

Nichts ist mehr zu hören. Die Stimmen der Kanonen überbrummen alles, die Dunkelheit deckt alles zu, was dort geschieht und geschehen ist. Besser, es nicht zu sehen! Es mitzumachen ist möglich, es mitanzusehen, wäre unmöglich.

Feuerschein steht hinter der Höhe von Vimy. Er verblaßt. Es blitzt und wetterleuchtet, donnert und rumort. Feuerbalken fahren aus dem dunkeln Wald der Lorettohöhe wie ungeheure Stichflammen in die Nacht. Und ununterbrochen steigen Monde und fremde, nie gesehene Sonnen in die Nacht empor. Sie stehen da und dort, überall, bald sechs, acht zur gleichen Zeit, bald zwei, bald nahe, bald fern! Ein Mond sinkt herab und blinzelt im Fall, Scheinwerfer tasten: das Mündungsfeuer ferner Batterien. In der dunkeln Ebene tanzen fahle Lichtgarben. Grüne, rote Meteoriten, die hochfliegen und langsam sinken. Schwer und gewaltig schlägt eine deutsche Batterie da unten, sie saugt den ganzen Lärm auf und schlägt einen rasenden Wirbel. Und wieder steigt ein Schwarm gespenstischer leuchtender Bälle in die Nacht.

Es ist eine Gespensterküste mit hundert wechselnden und fremden Feuern, die sprühen und blinzeln, eine höllische Küste mit unverständlichen Signalen. Ich kann mir denken, daß ein Seemann, der ein Leben lang die Küsten aller Kontinente ansteuerte, im Fieber, im Wahnsinn eine Küste wie diese erblickt und verzweifelt vor diesen fremden, verwirrenden Feuern.

Ja, wohlverstanden, es ist die Küste eines fremden, geheimnisvollen Landes, und viele von denen, die da drüben kämpfen, werden noch in dieser Nacht, in dieser Stunde ihren Fuß auf das ferne, unbekannte Gestade setzen.

Ein tapferes Regiment

Im Juni

Was ist das Regiment? Das Regiment ist alles. Es ist Anfang und Ende, Offizier und Mann sterben dafür. Offizier und Mann gehören sich nicht mehr selbst, sie gehören dem Regiment. Ihre Ehre ist die Ehre des Regiments. Sie haben zu seiner Fahne geschworen, seine Fahne ist heilig, und die Eide werden besiegelt mit heißem Blut. Das Regiment will! Es geschieht. Das Regiment befiehlt! Es ist getan. Offizier und Soldat, sie können sterben bis zum letzten Mann, das Regiment stirbt nicht. Das Regiment ist ein Glaube, eine Religion, es ist alles. So war es, seit es Regimenter gab, und so muß es sein, solange es Regimenter gibt.

Hunderte stehen heute am Feind, Hunderte von Regimentern. Alle, Offizier und Mann, von all den Hunderten von Regimentern wissen wohl, was es bedeutet: das Regiment! Und die Kommandeure all der Regimenter, sie wissen es wohl. Sie sterben für die kleinste Faser der heiligen Standarte. So muß es sein.

Hier soll berichtet werden von einem tapferen badischen Regiment. Es ist nicht tapferer als andere, es ist ebenso tapfer wie sie, aber es hatte schwere Arbeit zu leisten in den ersten Maitagen, droben auf der Lorettohöhe, und deshalb will ich von ihm berichten.

Am 20. November bezog das Regiment die Stellungen auf der Höhe. Diese Stellungen! Mit ihren Gräben, Sappen, Verbindungsgängen und Horchstollen sehen sie auf der Karte aus wie das feine Geäder des Auges. Bei Ablain begannen sie, stiegen hinauf zur „Kanzel“, einer Kuppe, und zogen quer über den Ostabhang der Lorettohöhe, an der Kapelle Notre Dame de Lorette vorüber, hinab zur Schlammulde.

Im November lag etwas Schnee auf der kahlen Höhe, aber das Vergnügen dauerte nicht lange. Regen setzte ein, ein ganz verfluchter dünner grauer Regen, wie die Soldaten ihn nie erlebt hatten. Es regnete wochenlang. Der feine Nebelregen durchdrang alles, Haut und Haare, Kleider, Riemenzeug und Schuhe, es gab keine Rettung vor ihm. Wenn sie aus den Gräben kamen, so sahen sie nicht mehr menschlich aus. In der Schlammulde versank man im Morast. He, Kamerad! Zu Hilfe! Und man mußte ziehen, mit vereinten Kräften, um den Pechvogel zu befreien. Mancher Stiefel blieb im Dreck stecken. Na, das war natürlich nicht sehr schlimm, dieser Regen und Schmutz, davon nur nebenbei, es war das Allerleichteste. Nebenher wurde auch noch gekämpft! Es ging scharf zu, da oben, Tag und Nacht. Man brauchte sich nur zu rühren, schon knallte es. Alles buddelte, die Gräben rückten auf zwanzig, auf fünfzehn Meter heran. Es regnete Handgranaten und Minen. Du hockst im Graben, den Blick nach oben gerichtet, und lauerst. Nun kommt sie heran. Wohin wird sie fliegen? Fällt sie in den Graben, so heißt es verschwinden. Nägel und Schrauben und Fetzen von Eisen speit sie nach dir und spickt dich damit. Fällt sie in deine nächste Nähe, dann bleibt dir keine Wahl mehr. Du mußt ihr entgegengehen! Immer rasch, angefaßt und zurückgeschleudert, bevor sie explodiert. So ging es da oben zu, es war so, daß man sich in jeder Sekunde sagen mußte: diesmal –

Noch schlimmer war es oben auf der Kanzel. Von dieser Kuppe aus konnte man die Straße Souchez-Ablain einsehen. Fiel die Kanzel in die Hände des Feindes, so sah die Sache bös aus. Keine Katze konnte sich mehr auf der Straße zeigen, Zufuhr, Ablösung, alles in Frage gestellt. Nein, die Kanzel durfte er nicht haben! Das Regiment sagte es und das Regiment hielt die Kanzel! Die französischen Batterien standen bei der Topartmühle, im Bois de Bovigny, im Bois de la Haie. Sie beschossen die Gräben von vorn, von der Flanke und im Rücken. Täglich trommelten sie die Gräben auf der Kanzel ein. Nachts wurde fieberhaft gebaut, Sandsäcke, Brustwehren, Drahtverhaue, am nächsten Tag war alles wieder zum Teufel. Oft waren die Gräben verschüttet, sie hockten in Löchern, sie hockten in Granattrichtern, Angriff auf Angriff, aber das Regiment hielt die Kanzel.

So ging es also da oben zu. Wohlgemerkt und wohlverstanden: sechs Monate lang! Fast ohne jede Unterbrechung und Ruhe.

Anders ist die bewegliche, die fließende und flutende Schlacht. Sie rauscht dahin über die Felder. Gefahr und Tod, Rausch, Wut, Entsetzen, Schrecken und Triumph in ein paar Stunden gepreßt. Sie kann zwei, drei Tage, eine Woche dauern, einmal ist sie doch zu Ende. Atemholen, neue Quartiere, neue Abenteuer. Der Stellungskrieg zehrt am Mann. Immer das gleiche, aber immer die gleiche Gefahr, tagaus, tagein. Kein sichtbarer Erfolg, kein Abenteuer im großen Stil, keine neuen Quartiere, Gegenden und Menschen. Hier ist der Graben, und davor liegen die Toten. Übermenschlich muß die Energie des Mannes im Graben sein, übermenschlich seine moralische Kraft. So gewiß es ist, daß Offizier und Mann im Westen genau das gleiche leisten wie Offizier und Mann im Osten, so gewiß ist es, daß sie, du brauchst sie nur zu fragen, ohne zu zögern ihren Graben mit Polen, Karpathen und Rußland vertauschen würden. Augenblicklich, lieber heute als morgen. Trotz den Läusen und schlechten Quartieren. Denn Läuse gibt es auch hier und die Quartiere sind nicht viel besser, wenigstens in der Feuerzone.

Aber, es muß gesagt werden, unser Regiment hatte auch seine Abwechslung. Am 17. Dezember wies es Joffres Angriffe ab. Es ging blutig zu. Mitte Januar nahmen ihm die Franzosen ein paar Grabenstücke weg, aber das Regiment revanchierte sich und nahm seinerseits den Franzosen zwei ausgedehnte Gräben. Am 3. März ging es wieder vor. Das Regiment nahm die Gräben bei Notre Dame de Lorette. Die schlichte Kapelle auf der Höhe ging dabei in Trümmer, die Glocke, die frei in dem durchbrochenen Türmchen hing, stürzte in den Schutt. Die Arbeit am 3. war schwer, und schwerer noch war sie am 22. Die französischen Gräben waren angehäuft mit Leichen, und man begrub und begrub, es wollte kein Ende nehmen. Mit Schaudern sprechen sie davon.

Aber all das war nur Vorbereitung, eine Art Training!

Der 9. Mai kam heran! Offizier und Mann werden ihn nie mehr vergessen. Er kam heran, und nun mußte es sich zeigen, was eigentlich in ihm steckte, in dem badischen Regiment Nummer X! Nun mußte es sich zeigen, ob die Höhe, die blutgierige und verfluchte Höhe, das Regiment gestählt hatte in der halbjährigen harten Schulung oder nicht. Es mußte sich zeigen, ob das Regiment imstande wäre, sich selbst um das Doppelte und Dreifache, das Zehnfache zu überbieten! Darum handelte es sich, um nichts Geringeres. Joffre wollte die Höhe! Er wollte sie um jeden Preis! Über Souchez von unten, die Schlammulde von oben, über Ablain und die Kanzel von hinten wollte er vor. Zwischen Souchez und Schlammulde wollte er abdrosseln. Das war die Lage. Es ging ums Ganze, das Regiment mußte zeigen, was in ihm steckte.

Und das Regiment zeigte es!

Um sieben Uhr morgens fing es an. Die französische schwere Artillerie begann die vordersten Grabenlinien einzutrommeln. Wirbelfeuer, schwerstes Kaliber. Dieses Höllenfeuer dauerte bis elf Uhr dreißig Minuten.

Der Kommandeur des Regiments: „Als ich von unserem Beobachtungsstand aus das Feuer beobachtete, da dachte ich mir, es kann kein Mann mehr in den Gräben am Leben sein!“

Der Reservist aus Bretten: „Die habe uns die Gräbe hübsch zusammengewichst. So was war noch gar nicht da. Alles war schwarz!“

Die Drahtverhaue und Barrikaden waren niedergetrommelt, die vorderen Gräben existierten nicht mehr. Sie waren Granatlöcher. Die Kompanien lagen in den zweiten Gräben. Alles war schwarzer und gelber Qualm, glühende Rasiermesser zischten über die Gräben hin.

Halb elf wurde das Feuer weiter zurück, auf die zweiten Gräben gelegt. Was ist zu tun? Frage die Soldaten, die in diesen Gräben waren. Nichts kann man tun. Man liegt der Länge nach im Graben, den Kopf in die Erde gedrückt. Einer schreit auf, einer stöhnt. Was man denkt? Man denkt nichts, nichts, gar nichts! So ist es also, ohne jede Phrase. Es ist die Agonie. Punkt elf Uhr dreißig schweigt plötzlich das Feuer. Was noch kann, erhebt sich. Gewehre fertig. Ein Maschinengewehr ist noch intakt, ein einziges. Los! Schon kommen sie!

Sie kommen heran in dichten Kolonnen, mit unerhörter Bravur, bewundernswürdig. Nie vorher sah man Franzosen so stürmen. Das Maschinengewehr hämmert. Sie fallen, in Reihen. Schnellfeuer. Sie brausen näher. Ein Offizier an der Spitze, mit gezücktem Degen! Er überspringt den ersten Graben, will seine Leute mitreißen, allein, ganz allein stürmt er weiter. Er fällt. Nahkampf. Angriff erledigt! Aber was ist das? Sie sind im Rücken! Eine halbe feindliche Kompanie ist in die Verbindungsgräben eingedrungen und kommt in den Graben. Sandsäcke!! Nun gilt es. Der Offizier schreit, der Mann. Jeder einzelne Mann ist jetzt Offizier, Kommandeur, er muß handeln, rasch und klar. Sandsäcke! Handgranaten! Die Barrikade ist fertig, die Handgranaten fliegen in Schwärmen zum Feind über die Sandsäcke hinüber. Der Feind ist abgeschlossen. Aber neue Sturmkolonnen kommen heran, sie fliegen die Höhe herunter. Salvenfeuer, das Maschinengewehr schnarrt. Es sind ihrer zu viele, immer neue Kolonnen. Aber der Kommandeur hat seine Leute nicht vergessen und den kühlen Kopf bewahrt. Artillerie! Plötzlich schlagen Granaten in die feindlichen Sturmkolonnen. Fontänen von Leibern, Kleidungsstücken, Köpfen und Gliedmaßen fliegen hoch. Es ist zwei Uhr, schon nahen die Bataillone, die in Ruhestellung waren.

Nein, allein hätten sie es nicht schaffen können, gewiß nicht. Alle Regimenter, von Neuville bis hinauf nach Aix-Noulette, mußten mithelfen, mit gleicher Tapferkeit, alle Batterien, Munitionskolonnen, Telephonisten, Beobachter, Flieger, jeder einzelne Mann. Frage die Soldaten des tapferen badischen Regiments. Sie sprechen nicht von sich allein. Sie sagen: Souchez war unter Feuer, daß die Häuser auf die Straße flogen. Es waren Torpedogranaten, schwere Dinger, die sich tief einbohren und dann alles in die Luft schmeißen. Die Munitionskolonnen fuhren mitten durch Souchez! Eine Kolonne raste auf offener Landstraße dahin. Granaten rechts und links. Zur Batterie, abgeladen, weiter. Zurück denselben Weg. Ohne einen Mann, ein Pferd zu verlieren. Eine Batterie ist zusammengeschossen. Noch zwei Geschütze. Sie verfeuert noch rasch 1300 Granaten, immer hinein in die Sturmkolonnen, Verschlußstücke abgeschraubt und aus dem Staube gemacht ...

Nein, allein hätten sie es nicht geschafft, aber ihre Arbeit war mörderisch hart und schwer. Und sie hielten die Gräben, die Granatlöcher besser gesagt. In Abständen von fünf Metern lag der Feind eingegraben, fünf Metern! Fünfzehn und zwanzig Meter Abstände wurden gar nicht mehr für schwierig empfunden. Einen Tag und eine Nacht, und noch einen Tag und noch eine Nacht. Was sie mühsam zusammenbauten in den Sekunden, in denen die Leuchtkugeln sie nicht abblendeten, war in einer Stunde wieder zusammengeschossen. Angriff auf Angriff. Heroisch kämpfte der Franzose, wie nie zuvor.

Die Soldaten, die da oben kämpften, sprechen mit Ehrerbietung vom Feind.

„Und der Kommandeur?“

„Der Kommandeur kam jeden Tag zu uns herauf in die Gräben. Es war ein Wunder, daß es ihn nicht erwischte. Wir waren jedesmal erstaunt, wenn wir ihn heil wiedersahen.“

Dann kamen Reserven, Verstärkungen. Die Krisis war überstanden. Das Regiment war zurückgegangen auf seine zweiten und dritten Gräben, aber es hatte die Stellung gehalten. Joffre kam nicht durch, das war es! Frage nicht, wieviele des tapferen Regiments da oben fielen, es sind ihrer nicht wenige, aber das Regiment stand wie eine Mauer.

Der Kommandeur des Regiments, Major G., hat mich empfangen. Ein schlichter, gerader und einfacher Mann. Ein Soldat der Front! Ich kam zwei Stunden zu spät, aber das war ihm einerlei, er kümmert sich nicht um lumpige Formalitäten.

Major G. sagte: „Ich glaube wohl behaupten zu können, daß das Regiment seine Pflicht getan hat.“

Das glaube ich auch!

Hoch das Regiment!

Gefangene aus der Arrasschlacht

Im Juni

Sie stehen in einer Reihe, wie die Orgelpfeifen, dicht neben dem Misthaufen des Bauernhofes. Der größte rechts, seine zwei Meter hoch, der kleinste am linken Flügel, immer noch gut einen Meter fünfundsiebzig. Es sind prächtige Burschen, wie man sie sonst nur bei Hagenbeck sieht. Sie stecken in graugelben Khakiuniformen, graue Wickelgamaschen, derbe Rohlederstiefel, alles ohne Tadel. Auf den schmalen Schädeln tragen sie Turbane, ein verblaßtes Zitronengelb, einzelne ein verstaubtes Blaugrau. Übrigens sind es keine faltenreichen, schwellenden Turbane, sondern Tuchstreifen, die eng um den Kopf geschlungen sind und den Turban nur noch andeuten. Ihre Gesichter sind scharf und fein geschnitten, von der edlen Färbung gedunkelten Elfenbeins. Die Sonne glänzt auf ihren Stirnknochen. Ihre Augen sind tiefbraun, glänzend und unergründlich wie Tieraugen. Die vollen Lippen sind bläulich und grau. Ihre langen, sehnigen, braungelben Hände liegen an den Hosennähten, Nase geradeaus.

„Was für Leute seid ihr? Regiment?“ – „Kiff, Kiff!“

„Französisch, spanisch, englisch? Was versteht ihr?“

„Kiff, Kiff!“

Kiff bedeutet eins – erstes Regiment.

„Français?“

Der blaßgelbe Turban schüttelt sich. Der Adamsapfel zuckt, ein Maul voller Zähne, eine rollende Zunge, die Kehle kracht und schnarrt: marrrroc – maroc. Eh bien, es sind Marokkaner. Sie verstehen keine Silbe Französisch, und es ist nichts aus ihnen herauszubringen. Wie Statuen stehen sie, Hände an der Hosennaht, Nase geradeaus, und es ist unmöglich, ihre Erstarrung zu lösen.

Sie sind Automaten. Die Zivilisation hat sie an ihre Brust genommen und ihnen beigebracht, wie man vor dem weißen Mann stramm zu stehen habe. Die Dressur erstreckte sich auf die Künste der Zivilisation, auf rechtsum und linksum, das Abfeuern des Gewehrs, und damit hatte die Zivilisation ihre Aufgabe erfüllt. Sie waren mechanische Puppen geworden, und nichts in der Welt konnte sie wieder in Menschen zurückverwandeln. Sie standen wie Säulen und wagten keinen Finger zu rühren, denn bei Gott, was konnte der weiße Mann tun, wenn sie es wagten? Er konnte sie mit einem Fußtritt auf den Misthaufen befördern, er konnte – ja, was konnte er nicht? Man sah es ihnen an, daß sie die Zivilisation des weißen Mannes begriffen hatten! Ihr Gott war der Korporal.

Dabei hatten sie Namen wie in den Märchen. Mohammed ben Abdel Kader! Jeder Name ein Fürst! Sie stammten aus Casablanca, Sous-Maroc, Mogador. Sie hatten keine Vorstellung, wo sie sich befanden, ihre Gehirne träumten, aber sie wußten, daß der weiße Mann sie hinschicken konnte, wohin er wollte, denn sie waren wilde Völker, Kiff, Kiff.

Um die Handgelenke, sehnig und edel wie die Fesseln von Tigern, trugen sie dünne Kettchen und daran hingen die Erkennungsmarken, Name, Regiment, Heimat, Nummer. Es waren kokette Armreife, anmutige Geschenke der Zivilisation, die sie, die Zivilisation, für ihre Register und Bücher nötig hatte, wenn man die gelben Kadaver in die Massengräber fegte.

Mitten in der Reihe der gelben Automaten stand ein Franzose. Auch er stand in militärischer Haltung, aber man sah auf den ersten Blick, daß er keine Maschine, sondern ein Mensch war. Seine Haltung war locker, frei und würdig. Sie waren Statisten auf dem Kriegsschauplatz, er war Soldat. Sein Kopf war rund wie eine Kugel, gespickt mit blonden Haarstoppeln, oben und unten, sein Blick blau und seine Backen rot. Er war ein guter Bursche, der typische bon garçon, Spaßvogel und pfiffiger Junge in einer Person. Noch war er ein wenig eingeschüchtert durch das Unglück, das ihn betroffen hatte, aber das würde sich bald wieder geben, keine Sorge.

Wieso er hierher käme? – Oh, ja, pardon – seine Hände lösen sich, denn er brauchte sie zum Sprechen – er hatte eben Pech! Nichts andres. „Que voulez-vous, monsieur?“ Er war Koch und arbeitete in der berühmten Zuckerfabrik zwischen Souchez und Ablain. Er steigt also vom Garten aus in seine Küche hinunter, um anzufangen. Zwei deutsche Gefangene sitzen da unten im Keller, sonst aber ist niemand zu sehen. Das ist ein bißchen merkwürdig, nicht wahr? Also steigt er die Treppe hinauf, und die zwei deutschen Gefangenen begleiten ihn, da sie ja nichts zu tun haben. Kaum aber stecken sie die Köpfe in den Korridor – na, was sagst du dazu: die Deutschen sind da! – Man kann es nicht leugnen, das ist solides Pech!

Der Koch zieht den Kopf zwischen die Schultern und breitet die Arme aus. „Eh, bien! Que voulez-vous ...“

„Können Sie sich denn mit diesen Gelben hier verständigen?“ Ein Blick, ein Ruck, ein verächtliches Achselzucken: „Mit diesen Gelben? Kein Wort, mein Herr!“ –

Man weiß, daß wir in diesen Kämpfen bei Arras fünfzehnhundert Gefangene gemacht haben. Heute sind es schon mehr. Das ist eine hübsche Anzahl, wenn man sich daran erinnert, daß wir uns rein defensiv verhielten, und für den Westen ist es ein großer Erfolg. Denn hier regnen die Regimenter nicht von den Bäumen wie in Rußland, sie hocken zäh in ihren Dachsbauten und jeder Mann muß sozusagen einzeln geholt werden. Die Fünfzehnhundert sind längst abtransportiert, aber heute nacht sind neue eingebracht worden, und ich besuchte sie in einem Nebenhofe der Kaserne. Im eigentlichen Kasernenhof exerzieren ein paar Kompanien unsrer Feldgrauen, und hier, drei Schritte davon entfernt, kauern sie, die gestern noch kämpften, und denen man die Waffe aus der Hand nahm.

Es sind ungefähr fünfzig. Sie sitzen und liegen in der Sonne, mit Schmutz und Blut bespritzt, so wie die Schlacht sie auslieferte. Einzelne starren bis hinauf zur Brust von trockenem Lehm. Der eine und der andre hat einen Verband, eine leichte Verletzung an der Hand, am Kopf. Einer sitzt mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt, starrt zum Himmel und friert trotz der höllischen Hitze. Die meisten aber haben sich schon wieder zurechtgefunden, ihr Blick ist klar und ruhig. Nur zwei, drei rote Hosen sind darunter. Alle andern stecken in taubengrauen oder, wenn man will, taubenblauen, langen Röcken aus solidem filzartigen Tuch, die taubengraue Mütze auf dem Kopf. Es sind Elitetruppen.

„Die Leute über vierzig sollen vortreten!“ Sie kommen heran, sechs, acht, zehn. Aus fünfzig! Gott weiß, ob sie alle über vierzig sind, vielleicht denken sie, hier werden an ältere Semester Zigaretten oder Vergünstigungen, man kann es nie wissen, verteilt. Jedenfalls aber sind sie alle keine jungen Leute mehr, manche sind schon grau. Ich bin so überrascht, so erschüttert, daß ich keine Worte finde. Wie fürchterlich muß der Krieg unter Frankreichs Männern gewütet haben, daß sie hier stehen, zehn aus fünfzig, Familienväter, Ergraute und Gealterte. Sie sind alle gefaßt und wissen sich zu benehmen. Die meisten von ihnen sind Bauern und Handwerker. Ja es war furchtbar! Es war das furchtbarste Feuer, das man sich vorstellen kann. Sie wurden abgeschnitten von einem Riegel trommelnder Granaten. Sie haben genug! „Ja, mein Herr, man schlägt sich, man ist nicht gerade feige, man kämpft für sein Vaterland, das man liebt, wie Sie das Ihrige lieben, man schlägt sich bis zum letzten Atemzug – aber was zuviel ist, ist zuviel. Die menschlichen Nerven sind nicht berechnet für Explosionen dieser Gewalt. Nein, es war genug, genug, zuviel, zuviel. Ich war in der Champagne, im Frühjahr, bah, nichts gegen diese Kämpfe! Nichts! Ich kann Ihnen sagen – nein, es gibt keine Worte, um das zu schildern ...“

„Sie haben schwere Verluste gehabt?“

„Ho, ho, ho!! Schwere Verluste! Hatten wir nicht schwere Verluste? Ja, mein Herr, wir hatten fürchterliche – aber auch Sie, auch Sie hatten schwere Verluste, Sie können es nicht leugnen. Was für ein Krieg!“

Einer, ein Hagerer, Langer, mit krankem gelben Gesicht und entzündetem rechten Auge, schüttelt unausgesetzt verstört den Kopf. Furchtbares Feuer – er schüttelt den Kopf, schwere Verluste – er schüttelt den Kopf, genug, genug, er schüttelt den Kopf und hustet dabei. Ja, gewiß, genug, genug. Er ist noch ganz vernichtet. Er spricht nichts, aber er bestätigt, er unterstreicht. Er ist ein trauriges, melancholisches Echo.

Ein Granatsplitter fegte an seinem Gesicht vorbei, nahm ein Stückchen der Braue mit, ein kleines Eckchen des Lides und eine Spur des Nasenrückens. Ich beglückwünsche ihn, ein wenig tiefer und was wäre aus Ihnen geworden?

Aber er schüttelt den gelben Kopf und blickt mich mit seinen kranken Augen an. Ah, wozu? Für ihn gibt es keinen Trost.

Es ist nicht leicht, mit Gefangenen zu plaudern. Ein Wort, ein Blick, eine Änderung der Haltung und ihr Vertrauen ist wie weggeblasen. Sie stoßen einander an, sie starren auf den Sprecher, daß er verstummt, sie schweigen. Dann ist es vorbei, nichts kann mehr ihre Zunge lösen. Man muß es fühlen, wenn dieser Augenblick droht, und dem Gespräch eine neue, harmlose Wendung geben.

Die Geschichte mit den „schweren Verlusten“ war der kritische Moment. Der Sprecher hatte zuviel gesagt, obwohl er ja nichts verriet, sie fühlten es, und weil sie es fühlten, fühlte er es auch. Sie erkalteten.

„Ihr habt euch bewunderungswürdig geschlagen!“ sage ich. Sie rekeln sich, bescheiden, verlegen, sie schweigen.

Ich greife mir einen Mann heraus, der einen dünnen, schäbigen Leinwandkittel anstatt des Blaugrauen trägt.

„Et toi, mon ami, wie siehst du aus?“

Die Kameraden, die Blaugrauen und Eleganten lachen. Wie er sich schämt, es ist rührend. Er blickt auf sie, auf mich, er windet sich vor Feinfühligkeit. Er stellt mit der ausgebreiteten Hand eine Grenze her zwischen den Kameraden und mir: „Mein Herr!“

Ja, eine Granate hat ihn ausgezogen. Er flog in einen Granattrichter, sein Rock verbrannte und die Lumpen fielen ihm von den Schultern. Ebenso erging es seinen Pantalons. Es ist nur gut, daß es warm ist! Er deklamiert und seine Kameraden lachen.

„Sie sind ein tapfrer Soldat wie die andern. Es ist ja ganz egal, wie Sie aussehen.“

„Ja, aber es ist nicht schick!“

Das Mißtrauen ist verschwunden. Sie fragen, wohin man sie wohl bringen wird? Ob sie ihren Angehörigen Nachricht geben können? „Ich bin von Roubaix, kann ich nicht an meine Frau schreiben? Ich konnte ihr seit dem Herbst keine Nachricht geben.“ – Ich will mit dem Offizier sprechen.

Einen Trost, einen gewichtigen und wunderbaren Trost kann man Gefangenen immer geben: „Der Krieg ist für euch zu Ende!“

Ihre Blicke ruhen stumm und klar auf mir. Diese Blicke sollen sagen: Nennen Sie es einen Trost, gefangen zu sein? Wir sind Soldaten, viel lieber möchten wir für unser Land weiter kämpfen! Sie sind stolz, und sie möchten nicht, daß ein Fremder ihre Freude sähe, daß die Sache ein Ende habe für sie und daß sie – lebten. Aber sie nicken und ihre Mienen erheitern sich. Der Verstörte schwingt den gelben Kopf und stößt einen tiefen Seufzer aus, während er die Finger krampfhaft ineinander flicht. Ja, ja, ja ...

Aber der im Leinenkittel lacht über das ganze Gesicht und strahlt vor Entzücken: „Ja, Gott sei Dank, mein Herr, der Krieg ist für uns zu Ende!“

Die Gewitterstadt

Im Juni

Seit vielen Wochen hat Douai Gewitter. Es sind Gewitter jeden Formats, fürchterliche, wovon die Stadt erzittert, und harmlosere, die nur leise knurren. Sie währen Tag und Nacht. Sie ziehen in Rudeln um die Stadt, prallen aufeinander, toben und poltern, im grauen Morgen rumoren sie ferner, mit jeder Stunde des Tages aber kommen sie wieder näher. Am Abend wüten sie am lautesten. Dabei ist der Himmel über den Dächern der Stadt blau und heiß.

Eines Nachmittags zog ein wirkliches, ein natürliches Gewitter über die Stadt herauf, aber es konnte nicht aufkommen gegen die Konkurrenz, es brummte ein bißchen und war wieder weg.

Die Kanonen von Arras, Loretto und Souchez aber schlugen weiter, dumpf und zornig, wie seit Wochen. Die Bewohner von Douai kennen es nicht anders, sie gehen mit Kanonenschlägen zu Bett. Wie der Müller erwacht, wenn das Rad stehen bleibt, so werden Douais Bürger einmal erschrocken auffahren, wenn der Geschützdonner plötzlich schweigen sollte.

Jeden Tag aber, einmal, zweimal und öfter, löst sich aus dem großen Gewitter ein kleines Separatgewitter los und erscheint direkt über der Stadt. Dann kracht und poltert es ganz in der Nähe, die Stadt selbst kracht. Douai bekommt Besuch. Der fällige Flieger erscheint, klein und golden wie eine Mistfliege, um nachzusehen, ob Douai noch steht, um seinen Landsleuten ein paar Bomben auf die Köpfe zu schmeißen und um nach Neuigkeiten in den Straßen und auf dem Bahnhof zu schnüffeln. Dann sieht man die Schrapnelle oben im heißen Blau des Himmels platzen. Man sieht die weißen Schrapnellwölkchen, während man seinen Kaffee trinkt, und man sieht sie, wenn man zufällig einmal den Kopf zum Fenster hinaussteckt. Der Flieger gehört hier zum täglichen Brot, wenn man so sagen kann. Einmal kamen sie in der Nacht und warfen achtundsechzig Bomben; sie warfen neulich fünfzig auf den Flugplatz bei der Stadt, ohne eine Katze zu treffen, sie warfen wiederholt auf den Bahnhof; man ist hier nie ganz sicher, ob nicht eine Bombe unterwegs ist. Vor drei Tagen warfen sie Zeitungen herunter, eine gutgemeinte Aufforderung an unsre Soldaten, nach Hause zu gehen, da ja nun auch Italien das Messer für sie wetze ...

Seit einigen Tagen kommen sie seltener, und wenn sie kommen, fliegen sie in Rekordhöhe. Sobald sie gemeldet werden, erscheint der deutsche Kampfflieger über der Stadt, der Luftpolizist. Er brummt hoch über den Dächern dahin, zieht weite Kreise um den Beffroi, dann stellt er den Motor ab und sticht wie ein Habicht in die Tiefe, um zu landen. Ein paar Minuten später ist er schon wieder oben und brummt. Zwei Franzosen hat er in den letzten Tagen ohne viele Umstände abgeschossen. Ich habe die Luftpolizisten gesehen und auch die Maschine. Sie haben mir ihre Schliche erklärt und den Apparat vorgeführt. Es sind reizende Leute, aber ich möchte ihnen nicht da oben begegnen, so in 2000 Meter Höhe.

Das große Gewitter aber grollt weiter, während die Abwehrkanonen knallen.

Douai ist eine mittlere Provinzstadt, mit einem rechteckigen Marktplatz, wie ihn alle französischen kleinen Provinzstädte hier im Norden haben. Ein paar Droschken stehen da, mit jämmerlichen Pferden, ganz wie in Berlin. Zum Glück haben sie nie etwas zu tun. Ein paar schöne alte Kirchen, ein hübscher Stadtpark mit ein paar modernen Denkmälern im Geschmack der Provinz, gewundene, nicht gerade breite Straßen – schon ist Douai zu Ende, und die Industrie, die Kohle beginnt. Es gibt noch prächtige Sachen hier zu kaufen: feinste, allerfeinste Kuchen, Orangen, Zitronen, Spargel, Artischocken, Konserven, Butter, Streichhölzer, Tabak, kurz alles, was ein Europäer nötig hat. Die Leute leiden keine Not. Unerschöpflich müssen ihre Vorräte und Reserven sein. Im November war ich hier, und aus dem Keller eines Händlers wurde ein großes Weinfaß gerollt und auf einen Wagen geladen. Heute sah ich aus dem gleichen Keller riesige Fässer rollen. Es ist mir unbegreiflich! Und doch wird hier nicht wenig getrunken, das kann niemand behaupten. In der Nähe des Rathauses hat sich eine deutsche Bierhalle aufgetan, aber fast immer hängt an der geschlossenen Türe ein Plakat: Ausverkauft! Nur einmal traf ich es glücklich, die Halle war geöffnet. Die Feldgrauen spülten sich den Staub hinunter, am nächsten Tage schon wieder: Ausverkauft. Wie wunderbar und rätselhaft ist dagegen der Weinkeller des französischen Händlers! Wenn ich das Faß im November nicht gesehen hätte, so würde ich gar nichts sagen, aber nun rollen sie hier schon monatelang Fässer heraus ...

Im Herbst zogen in Douai fünf Feldgraue ein, besahen sich die Stadt und verschwanden wieder. Ein paar Wochen später kamen mehr, und nun gingen sie nicht wieder fort. Die französischen Soldaten, die geflüchtet waren, verbargen sich in den Häusern und warfen Uniformen und Gewehre auf die Straße. Welche Angst, welch schreckliche Angst hatten die Leute von Douai anfangs vor den deutschen Soldaten. Aber es zeigte sich, daß alles Schwindel war. Les journaux! Nichts begeistert die Franzosen mehr, als sich tüchtig belügen zu lassen. Die Lüge ist Phantasie, Rausch, Genie, die Wahrheit ist allzu nüchtern. Kurz und gut, Douai setzte seine Papiergeldpresse in Bewegung und damit war die Sache im Gange. Unsre Verwaltung ist einsichtsvoll und der Bürgermeister ist vernünftig, also wurden größere Reibungen vermieden. Douai hat sein Schicksal, aber man muß gestehen, es trägt es mit Würde. Die Leute sind höflich und taktvoll, sie haben sich an die Feldgrauen gewöhnt. Ja, eines Tages, eines Tages werden sie ja doch wieder verschwinden. Es ist nicht für ewig.

„La guerre est triste, pour nous, pour vous, pour tout le monde!“ Jedermann gebraucht hier diese Redensart, der Kaufmann, die Verkäuferin, der Kellner. Sie leiern diese Phrase ohne jede Betonung und ohne zu denken herunter, wie einen Spruch, den man hundertmal am Tage hersagt.

Oder: „Oh, cette guerre, quand sera-t-elle finie?“ – Gott allein weiß es. (Origineller drückte sich ein Kellner aus: „Dieser Krieg ist eine internationale Schweinerei, mein Herr, ich bin Kosmopolit!“)

Mitte Mai hatte Douai seine großen Tage. Es war in der Zeit der wütenden französischen Vorstöße. Man buk Kuchen und band Blumensträuße. Auffallend viele Zylinder und schwarze Gehröcke erschienen in der Straße. Der Bürger schnupperte in der Luft. Man wartete! Joffre hatte gesagt (so erzählt man!), er hatte gesagt, er werde am 12. in Douai soupieren. In Lens wollte er frühstücken und am Abend des gleichen Tages, wie gesagt, in Douai soupieren. Er sagte nicht: ich komme, sondern er sagte ausdrücklich, er wolle am 12. in Douai soupieren, obwohl es doch eigentlich selbstverständlich ist, daß er speisen würde, wenn er käme. Wie, wo, wann und zu wem er es gesagt hatte, wußte niemand. Aber daß er käme, das stand fest.

Es ist begreiflich, daß sich in einer seit sechs Monaten besetzten Stadt die Nervosität bis zur äußersten Spannung steigern kann. Nun, Joffre kam nicht. Er kam nicht am 13., 14., 15. Die Zylinder verschwanden langsam, und heute habe ich nur noch zwei gezählt. Douai sank ermattet in seine Resignation zurück, und heute glaubt es nicht mehr, daß Joffre in der nächsten Zeit kommen werde. Nein, ich sah es Douai deutlich an.

Heute braust und donnert Douai vom kriegerischen Lärm eines Heeres, das Menschen, Material und Energie im Überfluß hat. Es ist eine der lautesten Städte Europas, und die Rue St. Jacques schlägt spielend die großen Pariser Boulevards in der Hochsaison. Die Gewitterstadt rasselt und bebt in einer Atmosphäre von Krieg. Lastautos poltern vorüber, Automobile schnarren, zwitschern und trompeten. Regimentsmusik, laut und breit. Zwei Bataillone Feldgrauer marschieren vorbei, frisch gewaschen, ausgeruht, mit hartem, tapfrem Tritt, der weder Erschöpfung noch Müdigkeit zeigt. Es sind jene Bataillone, die Joffre daran hinderten, in Douai am 12. zu soupieren, sie lagen oben auf der Lorettohöhe. Frisch und guter Laune sind sie – denn sie leben! Ein Auto schnarrt vorbei: zwei blaugraue Offiziere sitzen darin. Französische Fliegeroffiziere, die gestern bei Vimy abgeschossen wurden. Dann kommen Kolonnen, endlose Kolonnen, von schweren Bierbrauerpferden gezogen, die mit den Hufen Funken aus dem Pflaster schlagen. Sie nehmen kein Ende, und alle Fensterscheiben der Rue St. Jacques klirren. Tag und Nacht gibt es hier keine Ruhe.

Im Hotel du Cerf – ein vernachlässigtes, schmutziges, ödes Hotel, das ich hiermit verfluche! – spielen ein paar Kriegsfreiwillige, noch den Schmutz der Gräben an den Stiefeln, einen flotten Tango, in einer Nebenstraße marschieren Soldaten und singen ein fröhlich schallendes Lied. Plötzlich knallt es: ein Flieger.

In das ewige Getrappel der Pferde und Tuten der Automobile tönt getragene Musik. Der Chopinsche Trauermarsch. Ein Major wird zur letzten Ruhe geleitet. Wieder tuten und trompeten die Autos. Am Abend gehe ich selbst hinter dem Sarg eines gefallenen jungen Offiziers her zum Bahnhof. Ein Güterwagen nimmt den Sarg und die Blumen auf. Daneben steht eine Lore mit einem neuen Geschütz. Heute mittag passierte uns, nicht mir, eine äußerst peinliche Sache. Wir waren, ein paar Bekannte und ich, beim Delegierten des Roten Kreuzes zum Frühstück geladen. Wir wußten, daß ein junger Offizier gefallen war, der den Namen eines bekannten Sportmannes trug, aber wir wußten nicht, war es der bekannte Sportmann selbst oder sein Bruder. Ein Herr fragt bei Tisch: „Ist der bekannte Sportmann gefallen oder sein Bruder?“ Der Wirt sieht den Fragenden an und deutet auf einen anwesenden jungen Offizier: „Hier sitzt der Bruder des Gefallenen. Er ist der bekannte Sportmann.“

Ja, man soll hier außen nie derartige Fragen stellen.

An diesem Abend trafen wir in der Rue St. Jacques einen Dragoner, der in hohen Stiefeln dahinstampfte und lustig pfiff. Was pfiff er? Den Chopinschen Trauermarsch. Wir fragen: „Sagen Sie mal, was pfeifen Sie eigentlich da?“

Der Dragoner geschmeichelt, verlegen: „Es ist so ne neue Sache. Das Neueste, das man hat, von Berlin in den Theatern –“

Ein merkwürdiges Pflaster, dieses Douai! – Wenn die Sonne untergeht und die Lichter des Himmels verlöschen, versinkt die Gewitterstadt in Dunkelheit, in rabenschwarze Nacht. Die Estaminets, die kleinen Gastwirtschaften, die kleinen Cafés schließen. Kein Licht, kein Mensch, kein Hund. Der Beffroi, die Kirchen, Giebel, Bäume ragen schwarz und stumm zum Himmel empor. Eine verkohlte Stadt. Geht man über den Marktplatz, so schallt es, als käme eine Kompanie daher, und man erschrickt, solch einen furchtbaren Lärm zu machen. Man ist verloren und auf den „Cerf“ angewiesen. Hier ist wenigstens Licht. Aber es kommt vor, daß auch hier das Licht plötzlich ohne jede Warnung ausgeht und man eine Stunde im Dunkeln sitzt. Ein Flieger ist irgendwo. Die Wachen klappen auf ihren schweren Stiefeln draußen vorbei, Autos ohne Lichter schleichen dahin. Es knarrt von Rädern, Kolonnen, Transporte von Verwundeten. Douai ist tot. Aber horch!

Um so lauter und härter rollt der Donner der Geschütze. Wie die Brandung des wilden, nächtigen Meeres an einer schrecklichen, öden Küste.

Die Kämpfe bei Moulin-sous-Touvent

Im Juni

Der Franzmann – so nennen die Frontsoldaten den Franzosen – der Franzmann versucht sein Heil an verschiedenen Stellen, die ihm einige Aussicht auf Erfolg zu bieten scheinen. Seit sechs Wochen trommelt er oben bei Arras, und am 16. und 17. Juni sah es dort aus, als wolle er Frankreich in Grund und Boden schießen. Er hat keine Zeit mehr zu versäumen, das weiß er recht wohl. Vorwärts, Regiment um Regiment wirft er gegen die Gewehre, jeder Schritt kostet ihm Tausende. Bei Arras verbiß er sich, er kam nicht weiter, und so versuchte er es an andrer Stelle. Bei Moulin-sous-Touvent, etwa zwanzig Kilometer nordwestlich von Soissons. Er wollte durch, er wollte zum mindesten Truppen und Geschütze fesseln, abziehen von da oben, und er ging mit großartiger Energie zu Werke. Es war umsonst. Er gewann einen Graben, aber er bezahlte ihn zu teuer, viel zu teuer. Man legt sich hundert Meter dahinter, und nun liegt man wieder mit geschliffenen Zähnen, die Maschinengewehre stehen an ihrem Platz, Gräben, Drahtverhaue, alles wie früher.

Die Kämpfe aber waren furchtbarer, als die paar Zeilen in den Wolff-Telegrammen es ahnen lassen. Sie waren ein kleines Arras, ein Stück Arras, es ging hier zu ganz wie da oben bei Souchez und Neuville. Aber die gleichen Leute wie bei Souchez und Neuville standen auch hier, und sie stehen überall an der Front, wo Joffre anklopft. Je näher man unsre Leute kennenlernt, desto mehr überraschen sie. Sie waren niemals weich, o nein, aber der Krieg hat sie stahlhart geschweißt. Sie sind braun und hart wie Erz. Sie waren tapfer, nun aber, nach langen Monaten, sind sie unüberwindlich. Jeder einzelne ist ein Panzerturm für sich, ein Graben mit Drahtverhauen ringsum, und jeden einzelnen Mann muß Joffre einzeln mit Granaten zusammentrommeln, anders geht es nun nicht mehr. Sieht man einen Kanonier in seinen schweren Stiefeln, so scheint er selbst wie ein Mörser zu sein, ein Mörser, mit dem nicht zu spaßen ist. Ein Schrapnell zerspritzt vor der Batterie, der Hauptmann schreit: „Weg da!“ Der Kanonier rührt sich nicht: „Wegen mir, Herr Hauptmann, da muß schon ne Lage kommen.“ Ja, Kerle sind sie, das muß man sagen!

Wären sie anders, dann wäre es bei Arras und Moulin-sous-Touvent nicht so gegangen! Hundert Meter zurück und alles wie früher, nein ... denn er, der Franzmann, ist ein Gegner, vor dem man den Degen senken muß. Im Friedhof zu Anizy-le-Château ruht ein französischer Batteriechef, der Kapitän Lerroy Beaulieu. Seine Batterie war zerschossen, die Mannschaft tot, ganz allein bediente er noch das letzte Geschütz, und dann feuerte er mit dem Revolver auf unsre stürmenden Grauen. Ein Hurra unsern Grauen, ein Hurra dem Kapitän Lerroy Beaulieu! Solche tapferen Leute haben sie viele da drüben. Nicht wir allein besitzen sie, es wäre falsch, das zu denken.

Ich habe einen Oberleutnant gesprochen, der bei Moulin-sous-Touvent in den letzten vierzehn Tagen ununterbrochen kämpfte. Er war lang und hager, sein Gesicht scharf und kantig gemeißelt. Seine Augen stahlhart, und immer zeigte er ein wenig die obern Zähne. Er war nicht gerade elegant, aber er legte auch keinen Wert darauf. Sein langer, grauer Mantel war an einzelnen Stellen abgeschliffen, voller Falten, und schimmerte von den Farben der Erde und des Grases und einem sonderbaren Rostrot. Die ganzen vierzehn Tage hatte er kaum ein Auge zugemacht, hier und da zehn Minuten, das war alles. Es ging nicht anders! Sie hockten in rasch aufgeworfenen Gräben, aber er hatte keine Zeit, an sich selbst und die persönliche Gefahr zu denken. Es gab zu tun. Die Truppe, nichts andres als die Truppe! Kein andrer Gedanke. Er ist der Kopf und das Herz der Leute. Man darf nicht vergessen, daß die Flagge, die schwarzweißrote Flagge des Reiches, unsichtbar all die vierzehn Tage und vierzehn Nächte über seinem Kopfe und seiner schiefen, verknüllten und staubigen Mütze knatterte, das darf man nicht vergessen – anders wäre es ihm und den andern wohl nicht möglich gewesen, die vierzehn Tage und Nächte auszuhalten.

So war es also bei Moulin-sous-Touvent, und so ist es zum Teil noch heute.

Am 5. Juni nachmittags begann der Franzose zu trommeln, und er trommelte volle drei Stunden lang. Am 6., am Sonntag, trommelte er weiter von sieben Uhr bis zehn, ein halb elf. Die Drahtverhaue müssen eingetrommelt sein, die vordersten Gräben, denn anders ist ein Sturm unmöglich, will man nicht, daß ein ganzes Regiment in den Drähten hängen bleibt. Dazu hielt er alle Zugänge und Verbindungswege unter Feuer, damit niemand vor und zurück konnte. So ist es jedesmal, die Taktik steht fest. Dieses Wirbelfeuer war das fürchterlichste, das mein Oberleutnant je erlebte. Und dann kamen die Schwarzen angefegt! Das Plateau ist eben, Gras und Halme, so kamen sie heran, die schwarzen Kugelfänger der Franzosen, die den ersten Regen von Geschossen mit ihren dicken Mäulern schlucken sollen. In einer Breite von zwölfhundert Metern, in mehreren Kolonnen, kamen sie näher. Erst die Granaten, dann die Schwarzen, es ist immer das gleiche Rezept. Der Franzose weiß wohl einen Unterschied zwischen Schwarz und Weiß zu machen! O, ganz gewiß. Afrika brütet. Die dunkelhäutigen Mütter sind Tiere, die Junge werfen, und die dunkelhäutigen Mütter haben keine Augen, um Tränen zu vergießen. Nein! Dein schönes, edles Antlitz, Frankreich, auf das du so stolz bist, und das du so gern bewundern läßt, es ist geschändet. In deinen Salons und Parlamenten, in denen so viel gesprochen wird von Menschenwürde, Menschlichkeit und Gleichheit und ähnlichen Dingen, wird für ewig ein Gestank sein, der Gestank von hunderttausend schwarzen, faulenden Kadavern, die du in diesem Kriege zynisch geschlachtet hast. Nie, nie wirst du diesen Gestank mit deinen Parfümen ersticken können, niemals, du weißt es wohl! Wohlgemerkt, ich habe deinem tapfern Kapitän Lerroy Beaulieu ein Hurra gebracht, denn ich liebe und bewundere ihn, er ist das Frankreich von einst, aber ich verabscheue dich, wenn du, roh und schamlos, die Peitsche des Tierbändigers schwingst. Afrika wird dir nie vergeben, denke an mich! Es wird dir ja nicht gelingen alle Schwarzen abzuschlachten, und einige werden wohl oder übel zurückkehren in ihre Dörfer. Sie sprechen deine Sprache nicht, aber dort können sie sich verständlich machen, und man wird sie verstehen. Man wird dir die Rechnung vorlegen, und du wirst erbleichen, denke an mich! Sie werden deine Bataillone niedermetzeln und ihre Köpfe auf Spieße stecken. Dann wirst du schreien, sie sind Tiere, und das unwissende, belogene und verlogene Europa wird dir glauben, daß sie Tiere sind, und vor Empörung beben.

Kurz und gut, die Schwarzen müssen vor! Ein gerader, nicht mißzuverstehender Blick ins Auge, ein Griff an den Revolver – du verstehst mich wohl! – Maschinengewehre im Rücken, der Schwarze versteht. Er schnellt vor wie ein Tier, das um sein Leben läuft, Maschinengewehre voraus, Maschinengewehre im Rücken, der Todesschweiß glänzt auf den dunkelhäutigen Gesichtern.

So kamen sie heran bei Moulin-sous-Touvent in den heißen Stunden der Schlacht. Sie fielen wie Hammel, in die der Blitz schlägt. Dann erst fluteten die Wellen der französischen Infanterie heran. Die Übermacht war so groß, daß es Wahnsinn gewesen wäre, sie in zerschossenen Gräben und Granattrichtern zu erwarten. Man ging zurück. Aber die flankierenden Gräben standen wie Festungen und gaben Flankenfeuer. Verlängerungen wurden vorgetrieben, um die Flankenstellungen auszudehnen. Die Schlacht war im Gange. Reserven kamen blitzschnell heran, vorwärts, Sturm! Um sechs Uhr abends war der Feind wieder zurückgeworfen. Was er noch hielt, waren zwei zusammengetrommelte Gräben von etwa hundert Meter Tiefe. Die ganze Nacht hagelten die Granaten bis acht Uhr morgens. Die Kämpfe wogen hin und her. Die Gewehre peitschen, die Maschinengewehre hämmern, Minen, Handgranaten. Unsre Grauen hocken in rasch aufgeworfenen Gräben, Sandsäcke vor, es ist heiß, staubig und stickig. Sappen, Gräben, man beißt sich langsam durch die Erde näher. So geht es fort, ohne Pause, bis zum 14. Es ist immer das gleiche. Das heißt, es ist immer gleich furchtbar, gleich blutig, es erfordert immer den gleichen Mut, die gleiche Ausdauer, die gleiche unmenschliche Anstrengung!

Am 14. abends setzten wir zum Gegenstoß an und nahmen den Franzosen einen Graben weg. Unsre Geschütze trommelten nun ihrerseits. Die feindlichen Reserven wurden zugedeckt. Ein feindliches Bataillon in Reservestellung geriet, wie Gefangene aussagten, derart in die Zähne unsrer Haubitzen, daß der Kommandeur das Kommando: „Sauve qui peut!“ gab. So ging es hin und her. Am 16. machte der Franzose drei wütende Vorstöße. Den Tag leitete er mit Wirbelfeuer ein wie gewöhnlich. Um elf Uhr brach er nördlich von Moulin bei der Ferme Quennevie vor. Die kleinen Vorteile, die er dort errang, nahmen ihm unsre Grauen am Abend wieder ab, und somit war es wieder nichts. Ein Angriff etwas südlicher scheiterte. Um drei Uhr nachmittags griff er zum dritten Male an diesem Tage an. In dichten Kolonnen stürmte er vor, kühn und tapfer, aber der Sturm brach in unsrem Infanteriefeuer zusammen.

In den ersten Tagen des Angriffs hatte er schwere Verluste, am 16. aber ungeheure. Ein kleines Grabenstück, das nicht den geringsten Wert hat, war das Resultat der vierzehntägigen Schlacht, die, wie mir mein hagerer Oberleutnant versicherte, heißer war als die Schlachten bei Soissons und Vailly. Sie ist noch nicht ganz zu Ende, es flackert immer noch auf da oben – aber eines ist gewiß: so wenig es Joffre gelang bei Arras durchzubrechen, so wenig gelang ihm sein verzweifelter Versuch bei Moulin-sous-Touvent. Und er wird ihm nicht gelingen. Er mag anklopfen, wo er will, immer wird er auf die gleichen Leute stoßen wie bei Arras und Moulin-sous-Touvent – ob sie nun sächsisch sprechen oder bayrisch oder märkisch oder schwäbisch – es sind immer die gleichen. Es sind Kerle, braun und hart wie Erz.

Granaten auf die Vororte von Soissons

Im Juni

Ich frage, was hat die Granate dort links mitten im Feld zu suchen? Sie kam heran, ohne besondern Lärm zu machen, und klang wie der Abschuß irgendeines der Geschütze, die hier in der Umgebung stehen und zuweilen in den heißen Morgen hineinfeuern. Unsern Ohren muß der Krach anscheinend aber doch nicht geheuer vorgekommen sein, denn instinktiv drehten wir alle den Kopf. Nun raucht sie in der grellen Sonne wie der Qualm eines Kartoffelkrautfeuers. Ein Reiter trabt auf seinem Pferd feldein. Er reitet in einer Mulde und ist vom Feind nicht einzusehen. Plötzlich stutzt er, hält das Pferd an und betrachtet den grauweißen Rauchklumpen im Felde, der sich langsam in die Höhe zieht. Er reitet weiter, hält wieder an, blickt auf den Rauch, den Himmel, das Feld ringsum und auf unser Auto. Er dreht bei, siehst du wohl, und macht sich langsam und in aller Ruhe davon.

Auf dem Felde ist nichts zu sehen, es ist unberührt, hier war nie etwas, weder ein Graben noch eine Batterie. Ohne Zweifel, die Granate galt uns, aber sie fiel zu kurz. Wir halten auf der weißen, sonnigen Landstraße, über das Feld ragen Höhenzüge empor, und dort sitzt der Franzose mit seinen Fernrohren. Der Hauptmann, der mich fährt, mager und geschmeidig wie ein Panther, spitzt die Ohren, horcht auf die Abschüsse und äugt durch das Monokel auf das öde heiße Feld, um den nächsten Einschlag zu beobachten. Nichts mehr. Sie wollten uns nur andeuten, daß sie immerhin noch da seien und alles sähen.

Wir fahren weiter. Es ist das Prinzip meines Hauptmanns „lieber etwas zu riskieren, als zuviel zu laufen“. So sagt er. Gestern schleppte er mich bei einer Höllenhitze quer über die Abhänge bei Vailly, und hier gab es Striche, die nackt vor den Franzosen dalagen. Mit dem bloßen Auge konnten sie uns sehen. Da hieß es dann trab, trab, eins, zwei, drei, hundert Schritte Abstand und hinüber. Zuletzt kamen wir auf eine kalkweiße Landstraße auf der leeren Höhe, von der wir uns wie Tintenflecke abhoben. Wir mußten schließlich in ein Rübenfeld hinein und durch die hochgeschossenen Samenstauden hindurch. Gelb, wie von Insektenpulver zugedeckt, tauchten wir wieder auf. Selbst das Monokel des Hauptmanns war gelb. Der Schweiß lief uns übers Gesicht. Das nannte mein Hauptmann „abschneiden“.

„Lieber ein bißchen riskieren, aber nur keine Umwege.“ So ist er also und nicht zu ändern.

Diese Felder ringsum, die in der mörderischen Sonne zittern, sind das Schlachtfeld von Soissons. Soissons? Es klingt schon, als wäre es in einem andern Krieg gewesen. So lange ist dieser Krieg! Hier gingen sie vor, im Januar ... Die Felder sind verlassen und öde. Die Rüben sind ins Kraut geschossen, der Weizen ist von selbst gewachsen und steht dazwischen in langen Halmen. Ein grellrotes Feld von Mohn. Verwildert und verwahrlost sehen diese Felder aus, kein Mensch, kein Tier. Wie ein verfluchtes Land, das kein Fuß mehr betritt. Die Hitze kocht darüber, und die Halme stehen regungslos, wie tot. Die Felder haben einmal den wilden Lärm gehört: Keuchen und Schreien, Röcheln, Kommando, Granaten und den lauten Fall von vielen Männern. Nun aber schweigen sie. Die Toten ruhen unter der Erde. Hier! Sie ruhen unter der Erde, ja, aber sie sind nicht vergessen! In der Sonne kann ich sie ja stehen sehen, im grellen, lichten Tage, die Mütter, Bräute und Schwestern, die hierhergekommen sind auf diese heißen Felder, ohne Regung stehen sie und weinen leise und können es noch immer nicht fassen, daß ihre Lieben unter dieser Erde ruhen. So stehen sie, die Frauen, ich sehe sie deutlich, und so werden sie noch viele Jahre stehen und leise weinen, bis sie selbst in die Erde sinken. Aber noch nach fünfzig Jahren werden einzelne hier stehen, bis es nach sechzig, siebzig nur noch eine einzige ist, und auch sie wird in diese Erde hineinsinken. Und auch dann sind sie noch nicht vergessen, die Toten von Soissons. Verflucht und verrucht wäre Deutschland, vergäße es sie je! Einer, nach tausend Jahren, schlägt ein Buch auf, und was schreit ihm entgegen? Schlacht bei Soissons, 11. bis 15. Januar 1915, Regimenter, Bataillone, Divisionen, Kommandeure und Generale, der Steinbruch, La Perrière, Crony, das Zuavenwäldchen – und er, der in einer glücklicheren Zeit lebt, der Kriege so fern sind wie uns Hexenverbrennungen, er wird der Toten von Soissons gedenken.

Die Gräben und Sappen sind überwuchert von Kräutern und blühenden Wicken. Sie sind heiß wie Backöfen. Hier ist der Steinbruch, Sandsäcke, Barrikaden, alles ist noch da. Selbst die Sturmleitern, acht Meter hoch und sechs Meter breit, stehen noch an Ort und Stelle. Hier mußten sie hinauf und vor! Hinein in das zischende Feuer. Hier ist der Verhau des sächsischen Scharfschützen, der vom grauenden Morgen bis in die sinkende Nacht hier hockte und gar keine Zeit für etwas andres hatte, selbst das Essen ließ er sich bringen. Zerschmetterte Bäume. Ein Haus, durch das ein „großer Minenhund“ ging und es glatt zerlegte. La Perrière. Zerschossen und ausgestorben.

„Sehen Sie her, hier unten liegen die Schwarzen!“

Eine Schlucht wie ein tiefer, runder Brunnen. Ein breiter Erdhügel hebt sich daraus, nahezu hoch bis zur Straße, Sand, Erde, Schmutz, Moder. Darunter liegen sie. Man mußte sie aus dem Wege räumen und warf sie hinein, die Schwarzen, es waren viele. Chlorkalk und Erde darauf, und fertig war die Sache. Unten bei Berry-au-Bac sah ich an zweitausend Schwarze vor unsern Stellungen liegen. Sie waren noch unbeerdigt. So ist der Krieg. Eine Fliege kommt aus dem Brunnen und brummt mich an. Sie wohnt da unten bei ihnen. Ich fahre zurück. Grauen und Entsetzen trägt die schmutzige Fliege auf ihren kleinen Flügeln mit herauf. Sie ist die Seele der Schwarzen und kommt herauf, um Protest zu erheben dagegen, daß ich hinuntersehe. Fort mit dir! An meinem Schritt schon hat sie erkannt, daß hier ein Weißer kommt. Sie ist zornig und hartnäckig und treibt mich in die Flucht. Ich lasse die Schwarzen allein mit ihrer Fliege. Sie ist alles, was sie haben.

Gräber. Eine ganze Reihe. Es sind die Unsrigen. Die Granaten haben in letzter Zeit die Kreuze etwas zerzaust und schief geschlagen. Das ist den Toten einerlei. Die Höllenmaschinen dieser Erde können ihnen nichts mehr anhaben.

Dicht neben dem Friedhof hat sich ein Major eine Baude gezimmert. Die Decke, der Plafond besser gesagt, besteht aus zwei gehäkelten Bettdecken, die eine Art Baldachin bilden. Ein vergoldeter Sessel, Empire, sehr nobel. An der Wand ein Öldruck: Salut aux blessés. Französische Offiziere, hoch zu Roß, an einer Landstraße. Ein Trupp deutscher Gefangener wird vorbeigeführt. Die Gefangenen sind große, blonde Männer, verwundet, die Offiziere lüften das Käppi. Der Major ist ein Mann von Welt und zieht sofort eine Flasche auf. Leider kann er uns keine Zigarren anbieten. Sitzt er da gestern hier in seinem Sessel, sein Wachtmeister dort, auf dem Tisch stehen die Zigarren, kommt ein Granatsplitter angefegt und zerschlägt ausgerechnet die Zigarren. An der Wand sind Bretter und Stäbe zersplittert.

Mein Hauptmann entschließt sich nun doch, das Auto stehen zu lassen. Er kann schließlich nicht bis in die Gräben fahren. Es geht bergan. Wegweiser, Holzbrettchen mit Aufschriften: Batterie X, Geschütz Y, Beobachtungsstand Z. Dahin wollen wir. Auf Schleichwegen gelangen wir ans Ziel.

Der Beobachtungsstand Z. ist keineswegs so nobel wie die Baude des Majors unten. Er ist ein dunkles Erdloch. Eine Ruhebank, ein Stuhl, ein Telephonapparat, das ist die ganze Einrichtung. Zwei Schatten hausen in der dunklen Höhle. Ein Offizier und ein Soldat. Verbeugungen gegenseitig, ein Händedruck, wir sind zu Hause.

Hier ist es kühl und schattig.

Durch einen Spalt, einen knappen Meter lang und eine Spanne hoch, fällt das Licht des Tages. Vor dem Schlitz steht das Scherenfernrohr. Wie ein eleganter Teufel auf dünnen Spinnenbeinen, mit grauen, dicken Hörnern.

Und da unten, zum Greifen nahe, liegt Soissons!

Eine Stadt! Dicht aneinandergedrängt stehen Häuser und Giebel, schiefergrau und staubig rostgelb. Man blickt in Straßen hinein, kann an den Krümmungen der Giebelreihen das Gewimmel von Straßen, Gassen und Plätzen haarscharf erkennen. Aus der Stadt erheben sich Kirchen und Türme, auffallend hoch, denn selten sieht man eine Stadt aus der Höhe. St. Jean des Vignes, zwei spitze Türme, einer etwas niedriger als der andre, Gotik, alles ganz genau. Rechts davon die Kathedrale. Sie scheint einfacher gehalten zu sein. Der stumpfe Turm leuchtet in der Sonne. Oben rechts ein weißer Fleck. Ein Loch? Durch das Glas sieht man, daß eine Granate in den Kantenpfeiler gefahren ist. Es ist weiter nicht schlimm. Regierungsgebäude, langgestreckt und ehrwürdig grau, Schuppendächer beim Bahnhof, Fabriken. Mit bloßem Auge sieht man die einzelnen Fenster, mit dem Glas die Fensterkreuze. Die Stadt aber ist tot. Kein Fenster blinkt beim Schließen oder Öffnen, kein einziger der Kamine auf den Giebeln raucht. Auch nicht eine Spur von Leben, und doch hausen Tausende von Menschen in der stillen Stadt. Sie stellt sich tot, nur in der Nacht, wenn es ganz finster ist, kann sie ein wenig Atem holen. Die Vororte strahlen von ihr aus in das grüne Tal der Aisne. Neue Häusergruppen, Schuppen, Fabriken. Eine leuchtend gelbe Fabrik auf dem ansteigenden Hang hinter der Stadt, blendend in der Sonne wie ein Schloß.

Breit und sonnig liegt das Flußtal. Ein paar Krümmungen der Aisne blitzen in der Sonne. Erlengebüsche, Baumgruppen, Dörfer und die Hügel, grün, zum Teil bewaldet. Hoch oben und fern ein paar Häuser. Alles schweigt. Ein paar Geschütze feuern zuweilen, sonst regt sich nichts. Unten, in Deckung, hantieren Leute, so groß wie Fliegen. Es sind Feldgraue. Einer sägt Holz. Straßen, staubige Landstraßen, die sich aus Soissons emporwinden, ohne Leben. Ich streiche mit dem Scherenfernrohr die Hügel ab, die Landstraße, Hänge und Wäldchen, vielleicht sehe ich einen Menschen von Baum zu Baum huschen, oder einige – eins, zwei, drei und hinüber. Nichts.

„Sehen Sie denn nichts?“ frage ich den Offizier.

„Nein, gar nichts. Vor einer Viertelstunde sah ich einen Mann im Feld. Heute morgen hoch oben ein Reiter.“