Der Tor
Roman
von
Bernhard Kellermann
Achte Auflage
S. Fischer, Verlag, Berlin
1913
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
Copyright 1908 S. Fischer, Verlag, Berlin.
Erster Teil
Erstes Kapitel
Jener junge Mann, um den es sich hier handelt, ein schlichter junger Mann, wie es deren Tausende gibt, traf gerade zu einer Zeit in der kleinen fränkischen Stadt ein, als sich alle Welt in der größten Aufregung befand.
Ein Dienstmädchen nämlich, eine brave und beliebte Person, die jeder hundertmal mit ihren roten Backen und dem Mund voll weißer Zähne gesehen hatte, nahm sich das Leben. Sie war nicht zur Stelle, als man sie rief; man wartete, suchte und fand sie erhängt auf dem Speicher. Aber das war nicht alles. Dieses Dienstmädchen mit den roten Backen und weißen Zähnen, diese ordentliche, unschuldig aussehende Person hatte zuvor ein Kind geboren und es in ihrer Kammer versteckt. Sie hatte das Kind in ein Körbchen gebettet und in die Ecke hinter einen Schrank gelegt. Ein Gesangbuch lag dabei, ein goldenes Kreuzchen, ein silberner Ring mit einem winzigen blauen Stein. Das Kind war in ein weißes seidenes Tuch gehüllt. In die Wand, oberhalb des Körbchens, hatte sie eine Unmenge von Kreuzen geritzt, einen ganzen Friedhof. Plötzlich nun schrie das Kind jämmerlich in der Kammer der Magd. Ja, da schreit ja ein Kind, sagten die Leute, in ihrer Kammer! Und die Frau des Hauses, Frau Häberlein, die Gattin des Bezirksamtmannes, fand das Kind in der Ecke. Es war in ein seidenes Tuch eingehüllt, das die Frau des Hauses dem Dienstmädchen einige Wochen vorher zu Weihnachten geschenkt hatte. Ein fast neues, feines Tuch.
Die Stadt geriet mehr und mehr in Aufregung. Man riß die Fenster auf und rief: Was ist denn wieder? Ein Kind, sie haben ein Kind in ihrer Kammer gefunden! Zwei barmherzige Schwestern schwebten über den Marktplatz und verschwanden im Hause des Bezirksamtmannes. Sie trugen das Kind in das Waisenhaus.
Aber damit war es noch nicht zu Ende. Plötzlich hörte man ein Geschrei auf der Straße, ein schreckliches Geschrei, und man sah eine verschrumpfte, alte Frau, ein winziges Etwas von einer alten Frau, in großen Filzsocken durch die Straßen rennen. Sie lief in das Haus des Bezirksamtmannes, erschien wieder schreiend, lief zum Westtor und zurück zum Osttor, hin und her, und immer tauchte sie wieder auf und ihr Geschrei und entsetzliches Weinen schien überall zu sein und plötzlich dicht unter den Fenstern aus dem Erdboden zu dringen. Die Leute öffneten die Fenster: Beruhigen Sie sich doch! sagten sie. Sie sagten es mit eindringlicher, tiefer Stimme; sie sagten es weich und tröstend. Aber die kleine alte Frau sah nichts, hörte nichts. Sie schlug die Hände über dem Kopfe zusammen, rannte Straße auf, Straße ab und schrie, schrie.
Vor dem Westtor gab es eine Szene. Hier kam ein Fleischergeselle auf einem Karren angefahren, in dem ein Rudel kleiner Schweine saß. Arbeiter, Handwerker stellten den Wagen und fielen mit den Fäusten über den Gesellen her. Der Bursche wehrte sich so gut er konnte und brüllte, daß man es bis in die Stadt hinein hörte. Die kleinen Schweine steckten die Schnauzen durch das Gitter und quiekten. Zwei Stadtsoldaten nahmen den Fleischergesellen in Schutz, man hätte ihn sonst erschlagen. Ich bin nicht schuld! schrie er. Sie führten ihn zur Sicherheit aufs Stadthaus. Auf dem Wege dorthin begegneten sie der alten, kleinen Frau, die in ihren Filzsocken hin und her rannte. Das ist er! riefen die Leute und deuteten auf den Burschen. Aber die schreiende Frau sah und hörte nichts, sie schrie und rannte weiter.
Man sprach den ganzen Abend und den folgenden Tag von nichts anderm als dem Dienstmädchen und dem Kinde und der kleinen schreienden Frau. Es gab förmliche Redeschlachten und erregte Szenen. Man verurteilte, verteidigte, mutmaßte, und in dem Abendzug, der von der Nachbarstadt zurückkehrte, wäre es beinahe zu einer richtigen Schlägerei gekommen. Da war ein Lehrer, ein entlassener Volksschullehrer, ein riesenhafter Mann mit einem schwarzen, wilden Kopf, der den Zorn aller Reisenden herausforderte. Er sagte, es wäre nun genug, immer nur dieses Dienstmädchen und nichts als dieses Dienstmädchen, eine solch alberne, beschränkte Person —
Kurz und gut, damit begann es.
„Genug nun von dieser albernen, beschränkten Person, die sich wegen eines Kindes und eines untreuen Geliebten aufhängt,“ schrie er. „Genug und abermals genug —“ Aber da erhob sich ein solcher Tumult in dem überfüllten Coupé, daß man nicht verstand, was er sonst noch sagte, trotzdem er mit einer ungeheueren tiefen Stimme wie eine Baßtrompete wetterte. Eine Bäuerin in Trauerkleidern, die bis jetzt ruhig dagesessen war, stand plötzlich auf und stieß eine Menge Schimpfwörter heraus, einen ganzen Strahl von Schimpfwörtern, allein ihre Stimme schnappte über, man hörte nichts als Gekreische. Sie schüttelte einen dünnen raschelnden Blechkranz in der Hand und machte Miene auf den Lehrer loszufahren; ein starker Geruch von Schmalz und saurer Milch drang aus ihren Kleidern. In der Mitte des Abteils saß ein jüdischer Viehhändler, ein dicker, fetter Kerl mit Brillantringen an den Händen und Stallmist an den Stiefeln, der vor Vergnügen auf- und abtanzte und mit den Händen seine kurzen, fetten Schenkel bearbeitete. Er lachte, daß ihm das Wasser aus den Augen sprang und stieß einen hohen gurgelnden Laut hervor, ähnlich einer Turteltaube, während er hin- und herschaukelte und die Leute zu beiden Seiten zusammendrängte. Im Nebenabteil hatte sich eine Dame erhoben, sie blickte über die Trennungswand, drehte den Kopf hin und her in einer bauschigen Boa aus schillernden Hahnenfedern und lächelte mit tief herabgezogenen Mundwinkeln. „Pfui!“ rief sie, „Pfui! Welch entsetzliche Roheit. Pfui!“
Der Lehrer stand ruhig im Lärm und lächelte. „Sie vergeben, meine Dame!“ wandte er sich mit einer Verbeugung zu dem Kopfe, der sich noch immer in der bauschigen Federboa hin und her drehte. „Aber ich denke, wenn dieses Dienstmädchen, diese Margarete Sammet oder wie sie heißen mag, mit Ruhe und Überlegung, mit Stolz —“
Aber man unterbrach ihn. „Ruhe! Ruhe!“
„Die Herrschaften müssen doch einräumen —“
Man räume nichts ein, gar nichts räume man ein! Alle schrien und der Lehrer lachte und zuckte die Achseln. Der jüdische Viehhändler schaukelte auf und ab, so sehr gurrte er, und schließlich bekam er einen brüllenden Hustenanfall, der jedes andere Geräusch verschlang.
In diesem Augenblick hielt der Zug und unwillkürlich wurden alle still. Aber sobald sich die Laterne in der Nacht draußen schwang und die Maschine heulte, begann der Lärm von neuem. Eine heisere Stimme arbeitete sich mühsam durch das Getöse.
„Davon war ja gar nicht die Rede!“ sagte ein Mann mit aufgeblähtem Hals, ein Schuhmachermeister, und riß die Augen so weit auf, daß man fürchtete, sie fielen heraus. „Wir sprechen vom Dekan, vom Pfarrer, von der Beerdigung.“
„Ich würde sie auch nicht beerdigen!“ sagte der Lehrer mit ruhigem Baß und der Kopf der Dame mit der Boa schnellte augenblicklich wieder empor.
„Schweigen! Schweigen!“
Der Viehhändler riß den Mund auf, um laut zu schreien, wurde aber im gleichen Moment vom Sitze geschleudert, die Bäuerin mit dem Blechkranz und alle auf der einen Bank flogen in die Höhe. Ein runder schwarzer Korb rollte aus dem Netz und fiel dem Händler auf den Rücken. Die Bremsen waren plötzlich angezogen worden, der Zug hatte sich kaum in Bewegung gesetzt gehabt.
Es wurde still und eine Stimme in der Dunkelheit draußen rief: „Ja, weshalb schlafen Sie denn, wenn Sie mitfahren wollen, Sie! Ein solcher Tölpel — marsch!“ Die Coupétüre sprang auf und ein junger Mann wurde hereingeschoben. Hut und Mantel des jungen Mannes waren beschneit und mit Eiskörnern bedeckt, wie sie entstehen, wenn man sich lange in der Kälte aufhält. Er zog einen roten Reisesack nach sich, beugte sich zum Fenster hinaus und rief: „Vielen Dank, mein Herr!“ Der Zug fuhr wieder. Alle sahen auf den jungen Mann, dessen Augen von Schlaf, Ermüdung und Kälte gerötet waren. Er kniff die Augen zusammen, blickte durch die Wimpern, die auffallend lang und dicht waren, in den Tabaksqualm und schob sich behutsam mit seiner Reisetasche zwischen den Stiefeln, Knien, Packen und Säcken hindurch.
„Ich bitte um Entschuldigung,“ sagte er leise, ohne die Lippen zu öffnen, „vielleicht erlauben Sie mir —“
Alle Augen folgten seinem Reisesack. Es war ein gestickter Reisesack. Auf einem abgewetzten roten Grund war eine Henne gestickt, die auf farbigen Eiern brütete. Sie hatte einen ziegelroten, flammenden Kamm und als Auge eine große schwarze Perle. Mit diesem roten Kamm und schwarzen Auge sah sie herausfordernd und zornig aus. Über ihr stand in weißen Perlen: Glückliche Reise. Der Viehhändler deutete auf den Reisesack und gluckste, und alle begannen plötzlich über die herausfordernd und zornig dasitzende Henne zu lachen. Nur der Lehrer blieb ernst, er sah sich aufmerksam den Reisenden an.
Der junge Mann fand ein schmales Plätzchen in der Ecke, er machte sich so dünn als möglich, nahm den Hut ab und legte ihn aufs Knie, knöpfte den Mantel eng zu und schloß sofort die Augen.
Der Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten Hals betrachtete mit einem raschen Blick die vom Schnee rotgebeizten Stiefel des jungen Mannes, dann ließ er wieder die aufgerissenen Augen von einem zum andern gleiten und schrie:
„Ist das nicht — meine Herren — hören Sie! Ist das nicht empörend! Der Dekan will sie nicht beerdigen. Nein, er will sie nicht beerdigen!“ wiederholte er und rollte die Augen.
Der Lehrer lachte belustigt.
„Schweigen Sie!“ schrie der Schuhmachermeister empört und deutete auf den Lehrer. „Ja, Sie, Sie sollen schweigen! Ich finde es unbegreiflich! Er beerdigt sie nicht. Wie einen Hund wird man sie einscharren, kein Glockengeläute, kein Gesang, kein Segen.“ Tränen traten in seine großen Augen. Er zog die Dose heraus und schnupfte. „Keine geweihte Erde!“ fügte er hinzu. Die Bauernfrau in Trauerkleidern jammerte. „Oh du lieber guter Himmelsvater —“
„Es wird sich nicht mit den Kirchengesetzen in Einklang bringen lassen,“ sagte der jüdische Händler, „so scheint es mir — die Kirchengesetze — eben —“
Hier begann der Schuhmachermeister sich vollständig zu verändern. Er schwoll an, sein Hals, sein Gesicht, er wurde dunkelrot, und mit den stierenden großen Augen hatte er Ähnlichkeit mit einem jener rotlackierten chinesischen Götzenbilder. Er sah aus, als wolle er den Händler vernichten, aber im letzten Momente schrumpfte er zusammen, er beugte sich zu dem Händler und reichte ihm mit übertriebener krampfhafter Freundlichkeit die Dose. „Mein Freund!“ zischelte er. „Mein Freund, Kirchengesetze, ich bitte Sie! Kirchengesetze hin, Kirchengesetze her. Gehen Sie zum Henker, mein verehrter Herr, mit Ihren Kirchengesetzen. Kirchengesetze? Ich will Ihnen —“
„Ich will Ihnen mal einen Fall erzählen,“ unterbrach ihn der Händler, die Prise Tabak auf dem Daumen.
„Lassen Sie mich mit Ihrem Fall in Teufelsnamen in Ruhe. Ich sage Ihnen, die Mutter, hören Sie, eine alte, kleine, eine arme kranke Frau, rannte wie verrückt herum und schrie, verrückt, ich wiederhole. Sie lief also ins Pfarrhaus, obwohl sie doch wissen sollte, daß unser Pfarrer gestorben ist. Sie klopft also, trommelt an die Tür, schreit, jammert. Er ist ja gestorben, der alte Hummel, sagten sie, ja, bei allen Heiligen, Sie wissen doch, daß er gestorben ist, vor einem Monat, Sie waren ja selbst bei der Beerdigung. Aber die Frau, hören Sie, sie verstand kein Wort, sie klopfte, pochte, hämmerte an die Tür. Sind Sie denn ganz verrückt, sagten sie, wie kann er aufmachen, wenn er tot ist? Es ist niemand da, keine Seele, der neue Pfarrer ist ernannt, aber er ist noch nicht da. Gehen Sie nach Weinberg, zum Dekan, er hat die Verwesung, gehen Sie dahin. Sie lief also nach Weinberg — sie lief eine Stunde weit im Schnee, geängstigt, gehetzt, verzweifelt — sie lief und lief — sie stellte sich vor das Haus des Dekans und schrie. Meine liebe Frau, sagt der Dekan — Gesundheit, Sie beniesen es — meine liebe, gute Frau, es tut mir leid. Hören Sie in Teufelsnamen, ich brauche also gar nicht erst Ihren Fall zu erfahren — lassen Sie mich in Ruhe mit Ihrem Fall, lassen Sie mich in Ruhe und Frieden damit — diese verzweifelte Frau wirft sich ihm zu Füßen, jammert, schreit. Aber alles ist umsonst, für die Katze, alles. Meine liebe gute Frau, sagt der Dekan, ich kann nicht. Es ist unmöglich. Ja, wenn der Lebenswandel Ihrer Tochter — ich kann nicht — ich sage, der Lebenswandel Ihrer Tochter — es tut mir leid. Die alte Frau, eine Greisin, grau, alt, ein beklagenswertes Mutterherz, wirft sich ihm zu Füßen, beschwört ihn in des Heilands Namen, aber er sagt, liebe, gute Frau, trösten Sie sich — des Allmächtigen Wege sind unerforschlich —“
„Da sehen Sie eben die Vorschriften!“ sagte der Händler und nieste dröhnend, indem er Mund und Nasenlöcher und Augen läppisch aufsperrte und das Coupé mit sprühendem Dunst anfüllte.
„Die Frau Dekan hat der verzweifelten Mutter eine Tasse Kaffee angeboten, es sind gute Menschen — aber eine Tasse Kaffee macht ihr die Tochter nicht lebendig, eine Tasse Kaffee ist kein Trost für ein verzweifeltes Mutterherz, keine Einsegnung.“
Hier wurde der Schuhmachermeister von einem Herrn mit langem messinggelben Schnurrbart und großer Glatze, Postadjunkt Kaiser, unterbrochen. „Sie hat ihn zurückgewiesen, den Kaffee“, sagte er. „Die Frau Dekan hat es mir selbst erzählt. Mein Mann kann nicht, es ist unmöglich“, sagte sie.
Der Händler nieste zweimal, leckte sich den Bart und sagte:
„Die Kirchenverordnung meine Herrn, es steht fest, die Kirche muß einen Unterschied machen zwischen einem Selbstmörder und einem anständigen Menschen —“ Der Lehrer ließ ein lautes Lachen hören — „zwischen einem Mädchen, das außerehelich entbindet und einer, sagen wir, einer barmherzigen Schwester —“
Aber der Schuhmachermeister mit dem Blähhals fiel ihm ins Wort. „Hören Sie auf!“ zischte er und sein Gesicht schwoll an, als werde es von einer unsichtbaren Macht bis zum Zerplatzen aufgeblasen. „Was verstehen Sie? Ich sage, solch ein Jammer, eine alte arme Frau, die nahe daran ist, den Verstand zu verlieren, ja, vielleicht hat sie ihn schon verloren? — Sie kniet vor dem Pfarrhaus und schreit wie besessen, sie rennt in alle Häuser und bittet die Leute zu bezahlen — die Kosten zu bezahlen — ein jeder ein wenig, dann ginge es. Sie will ja alles zurückbezahlen —“
Die Stimme eines kleinen graubärtigen und sauber gekleideten Mannes, der sich bisher mit keinem Worte an dem Gespräche beteiligt hatte, sagte: „Der Herr Dekan wird recht wohl wissen, was zu tun ist!“ Die Stimme sprach so bestimmt und die Kinnladen des alten Herrn bewegten sich mit solcher Würde, daß alle auf ihn hören mußten. „Weshalb also ereifern Sie sich so, meine Herren? Die Kirche kann ihre Segnungen nur Gliedern derselben angedeihen lassen, die sich ihrer würdig zeigen. Ein Mädchen jedoch, das einen solch unzüchtigen Lebenswandel führte und zuletzt zu all den Sünden noch jene des Selbstmordes fügte, ist meines Erachtens dieser Segnungen unwürdig — unwürdig, voll und ganz —“
Der Lehrer, der in der Mitte des Abteils stand, funkelte mit den Brillengläsern und brach in ein lautes lustiges Lachen aus, der alte Herr hielt inne und starrte ihn mit offenem Munde an. Diese Pause benutzte der Schuhmachermeister. Er rollte die Augen und schrie zu allen gewendet:
„Sodann also rannte die alte Frau, dieses gepeinigte Mutterherz, zu dem katholischen Geistlichen. In des Heilands Namen, helfen Sie mir! Aber der geistliche Rat sagt, es tut mir leid, liebe Frau, gehen Sie zum Herrn Dekan nach Weinberg. Ich habe hier nichts zu tun!“ Er schlug die Hände zusammen und ließ die Augen fragend von einem zum andern wandern.
Der graubärtige Herr hatte sich von seiner Verblüffung erholt und nahm das Wort wieder auf. „Ich selbst habe Angehörige auf dem Friedhof liegen,“ sagte er, „ich glaube den Herrschaften bekannt zu sein — Messerschmied Ulrich, eingesessener Bürger und Magistratsrat — ich wünsche nicht, daß meine Angehörigen in der gleichen geweihten Erde ruhen mit einer Person — nun, ich habe nicht zu richten — aber es ist in Ordnung, was der Herr hier sagt: Es muß ein Unterschied herrschen! Wer unwürdig ist, ist unwürdig.“
O Gott, o Gott, jammerte die Bäuerin in Trauerkleidern.
„Hier!“ schrie der Schuhmachermeister, „hier sitzt sie! Hier sitzt eine Tante von ihr! Sie muß so etwas mit anhören!“
Der Händler sagte: „Ein Unterschied muß herrschen, das ist klar!“
Da erhob sich der Schuhmachermeister und schrie zornig: „Was verstehen denn Sie, wie? Sie als Israelit, was verstehen Sie?“ Das rief ein lautes Gelächter hervor. „Nein!“ fuhr der Schuhmachermeister fort und dämpfte die Stimme. „Ich kann dem Herrn Dekan nicht recht geben und auch Ihnen, Herr Rat Ulrich, auch Ihnen kann ich nicht recht geben, niemals, niemals!“ Er flüsterte.
Messerschmied Ulrich zuckte die Achseln. „Ich äußerte nur meine bescheidene Meinung!“ sagte er und ein böser Glanz kam in seine Augen. „Ich gebe dem Herrn Dekan vollkommen recht und kann auf keinen Fall dulden, daß man eine Behörde öffentlich in dieser beleidigenden Weise kritisiert. Das ist meine Meinung! Ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen!“
„Ja, Gott helfe ihm, Amen!“ sagte lachend der Lehrer. „Gott helfe dem Herrn Messerschmied Ulrich, eingesessenen Bürger und Magistratsrat und mache ihn selig, Amen! Er kann nicht anders! Er hat gestritten für die gute Sache und sein Leben dabei aufs Spiel gesetzt! Gott helfe ihm! Hahaha! Aber die Wahrheit ist die, meine Herrschaften, daß morgen Hochzeit auf Schloß Bruck ist, der Dekan hält die Trauung. Hohe Herrschaften kommen von allen Himmelsgegenden, nach der Feier ist großes Diner, bei dem der Herr Dekan beileibe nicht fehlen kann. Das ist — hol’ mich der Teufel! — der Grund, weshalb er so standhaft und mutig die in der Erde ruhenden Bürger, Ulrich und Konsorten verteidigt. Im übrigen kann er nicht da und dort sein, das versteht sich von selbst.“
Der dicke Händler ließ wiederum den hohen gurrenden Laut hören, ähnlich einer Turteltaube, und sein Bauch begann zu zittern. Er zog ein gelbes Taschentuch heraus, eine Art Fahne, die für einige Zeit durchs ganze Coupé flatterte und einen Staubregen von Schnupftabak, Brotkrumen und andern Dingen ausstreute; dahinter verbarg er sich.
Aber, was der Lehrer doch daher schwätze! Der neue Vikar sei ja angekommen — he! — hier, Kaiser habe es erzählt!
„Ja, ich habe ihn gesehen!“ sagte der Adjunkt und wischte sich etwas unsicher den langen messinggelben Schnurrbart. „Auf Ehre! Er sieht wie ein Offizier in Zivil aus, schwarzer Schnurrbart, Zylinder. Im übrigen hat mir die Frau Dekan erzählt, daß es der neue Vikar ist. Aber ich bitte Sie, meine Herrn — das ändert an der Sache ja nichts. Der Dekan ist sein Vorgesetzter und er hat zu gehorchen, fertig!“
„Also, trotzdem ein Verweser da ist, trotz alledem, das ist ja — das ist ja —“ sagte ratlos der Schuhmachermeister.
Der Lehrer lachte. „Alterieren Sie sich nicht, mein Freund!“ sagte er. „Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß es dem Dienstmädchen ganz gleichgültig ist, ob man sie einsegnet oder nicht, ob man sie beerdigen wird wie einen eingesessenen, ehrenhaften Bürger oder nicht.“
„Wie? Wie?“
„Sie hat, was sie will. Sie ist tot. Basta! Und gesetzt den Fall, daß es einen Himmel gibt — was ich für meine Person nicht glaube — so ist es einerlei, ob sie erster, zweiter oder dritter Klasse beerdigt wird. Sie kommt hinein, ob ihr der Herr Dekan von Weinberg einen Empfehlungsbrief mitgibt oder nicht. Oder? Deshalb sage ich, ich würde sie auch nicht kirchlich beerdigen — ganz wie der Magistratsrat Herr Ulrich — ebenfalls nicht, nein!“
„Wie? Wie?“
„Nein, denn es ist ja absolut einerlei, absolut einerlei. Ich für meine Person verzichte freiwillig auf jede Einsegnung, ja, ich verbiete diesen Pfarrern, Vikaren und geistlichen Räten, sich überhaupt einzumischen. Ich will nicht einmal etwas zu tun haben mit dieser Gesellschaft!“
„Wie? Wie? Ja, da hört sich denn doch —“
Ein unbeschreibliches Getöse entstand. Einige sprangen auf, und der Kopf der Dame tauchte wieder hinter der Scheidewand empor und drehte sich empört hin und her. Der Händler schaukelte vor Vergnügen hin und her und der Schuhmachermeister saß wie niedergeschmettert da und starrte mit großen, leeren Augen auf den Lehrer.
Der Lehrer antwortete mit einem dröhnenden Gelächter.
Aber hier nahm die Sache plötzlich eine Wendung.
Zweites Kapitel
Der Messerschmied Ulrich nämlich stand auf. Er stand auf und trat auf den Lehrer zu. Sein Kinn und sein grauer Bart, der lang und schmal war und Ähnlichkeit hatte mit einem Zopfe, fingen an zu zittern, noch ehe er zu sprechen begann.
„Herr!“ sagte er dann. „Herr!“ sagte er dann. „Herr! Ich sage, Sie haben — Herr! — Sie gehörten früher einem Stande an, einem gebildeten Stande — ich hätte so etwas nicht für möglich gehalten! Nein! Sie haben sich — erfrecht — jawohl, erfrecht, die mir teuern Toten auf dem Gottesacker zu bespei — bespeien, jawohl! — Aber nicht genug damit — Sie haben sich erfrecht, die Religion und ihre Priester zu verhöhnen. Das ist mir zuviel!“ Der Lehrer lächelte gutmütig, und der Messerschmied schöpfte tief Atem, wurde blaß und wiederholte einigemal keuchend: „Das ist mir zuviel!“ Und sein Bart zitterte.
Der Lehrer winkte nachlässig mit der Hand und sagte mit ruhigem Lächeln und gutmütigen Augen hinter den Brillengläsern: „Beruhigen Sie sich doch, Verehrtester! Sie können sich in Ihrer Gesundheit schädigen.“
Jedoch der Messerschmied Ulrich gehörte dem Stadtrat an und war überhaupt ein Mann, der keinen Spaß verstand.
„Wie?“ schrie er pfeifend. „Wissen Sie auch, mit wem — mit wem — Sie sprechen? Und erinnern Sie sich vielleicht, was Sie, wer Sie eigentlich sind?“
Der Lehrer lächelte und sein gleichsam von einem braunen Firnis überzogenes Gesicht nahm einen gütigen, väterlichen Ausdruck an. Seine Augen waren von verschiedener Größe, das größere betrachtete erstaunt den Messerschmied, das kleinere lachte ihn lustig an.
„Fragen Sie mich, junger Mann?“ sagte er endlich.
„Junger —!“
„Ich sage vergleichsweise: junger Mann,“ fuhr der Lehrer fort, „denn Sie sind ja mir gegenüber noch sehr jung, eine Art Säugling, möchte ich sagen, ja, noch ungeboren — in der Tat! Ich meine, ob Sie mich fragen?“
„Ob ich Sie frage?“ antwortete der Messerschmied und seine Stimme zitterte, als ob ihn jemand unausgesetzt auf den Rücken klopfe. „Ja, gewiß, ich frage Sie! Ich möchte das zu gerne wissen!“
Der Lehrer kämmte mit der Hand den langen, knisternden, schwarzen Bart und schüttelte den Kopf. „Wenn Sie mich nun fragen — und Sie fragen mich doch, nicht wahr? — so kann ich Ihnen wohl antworten, aber es tut mir leid für Sie, denn ich sage keine Schmeichelei: Sie sind eine Art Scherenschleifer und ich bin ein Edelmann!“
Es wurde ganz still und man hörte die Räder auf den Schienen stampfen. Der jüdische Händler gluckste leise.
Der Messerschmied tat zuerst gar nichts. Es schien, als ob er nichts gehört habe. Dann schüttelte er die Schultern, als sei ihm der Rock unbequem, er schnitt eine Grimasse, zischelte und plötzlich verbeugte er sich tief vor dem Lehrer. Er lachte meckernd und sagte mit wütender, zitternder Stimme:
„Gut! Sie mögen im Recht sein, Herr Edelmann — mein Herr Edelmann. Sie mögen zehnmal im Recht sein — aber, wenn Sie ein Edelmann sind — was hier von all diesen Herren niemand bezweifelt — ach, nein, nein, niemand bezweifelt es — ach, du gütiger Himmel, nein, nein! — so werden Sie gefälligst, Herr Edelmann, zuvor Ihre Schulden bezahlen. Nicht wahr, Sie werden zuvor Ihre Schulden bezahlen, mein Herr Edelmann. Sie erinnern sich vielleicht, daß Sie mir seit sechs Jahren — seit sechs Jahren! — neun Mark und fünfzig Pfennig schuldig sind! Bitte! Ich weiß nicht, wo Ihr Schloß liegt oder Ihr Besitztum — also, bitte sehr, bitte!“
Gelächter. Er streckte die bebende Hand hin und musterte mit übertrieben spöttischer Miene den Lehrer vom Kopf bis zum Fuße. Der Lehrer war ohne Kragen, ein Tuch war um seinen braunen Hals geschlungen. Wie sein Gesicht, so war seine ganze Kleidung verwettert und verwildert, seine Schuhe klafften und man sah die nackten Füße, die Ärmel waren an vielen Stellen zerrissen und mit unordentlichen Stichen zusammengenäht.
Der Lehrer blickte mitleidig lächelnd auf die bebende Hand des Messerschmieds und schüttelte den haarigen Kopf. „Ist das Ihr Ernst?“ fragte er voller Bedauern, im tiefsten Baß.
„Ja — hähä — das ist mein Ernst!“
„Wie leid es mir tut, daß Sie sich so in meine Hände liefern, mein Herr!“ sagte der Lehrer. „Aufrichtig gestanden, ja! Wie niedrig Sie doch denken, Geld, Schulden und dergleichen Geschichten mit dem Begriffe Edelmann in Verbindung zu bringen? Edelmann, mein Herr, das ist Noblesse, Weltgefühl, Kraft, Genialität — Dinge, von denen Sie noch gar nichts gehört haben, nicht mehr als ein Hering vom süßen Wasser. Aber nun hören Sie: Ich bezahle nie, nie mit Geld. Ich bezahle mit Liebenswürdigkeit, Geist, Humor.“
„Bitte, bitte!“ heulte der Messerschmied und schüttelte die Hand.
„— eine Münze, die für Sie gar nicht existiert, leider. Ich habe die halbe Welt durchwandert, ohne zu bezahlen, Tatsache! Ich habe tausend Freunde in der Welt, Edelleute, Fürsten — ich bringe Glück und frohen Sinn in jedes Haus — man empfängt mich mit Freuden, man entläßt mich mit Tränen in den Augen — ich kann den ganzen Heine, Schiller, Goethe und Shakespeare auswendig, jede Szene, die die Herrschaften nur immer wünschen — wollen Sie eine Probe? — Nun, wollen Sie eine Probe — he! Und nun Sie, ein geborener Scherenschleifer, der alle Schaltjahre einen Gedanken hat, eine krankhaft zur Menschenähnlichkeit aufgeblähte Blase, ein alter Hanswurst, der dreißigtausend Siriusfernen abseits aller Kultur geboren ist —“
„Bitte, bitte!“ heulte der Messerschmied unaufhörlich und schüttelte die ausgestreckte Hand, daß seine Gummimanschetten rasselten. Alles lachte, weniger oder mehr ungeniert, je nachdem man in freundschaftlicher Beziehung zu dem Magistratsrat stand. Aus dem Lachen des Viehhändlers hörte man die aufrichtige Freude eines fetten Menschen heraus.
Der Lehrer aber stand ruhig wie ein Turm inmitten des Gelächters, mit seinem verwilderten schwarzen Kopf, seinem nußbraunen Gesicht, seinen kindlichen gütigen Augen, und deklamierte lächelnd und in aller Ruhe mit einer solch tiefen Stimme, wie man sie noch nie gehört hatte.
„Aha, ich sehe schon, Sie bestehen auf Bezahlung!“ sagte er endlich. „Ich habe nun zwar keinen Pfennig in der Tasche, arm wie eine nackte, junge Ratte bin ich — ich werde Sie trotzdem bezahlen, hier im Augenblick werde ich Sie bezahlen, in diese Hand, Sie sollen sehen, Sie kostbare Versteinerung, teuerste Essenz der bürgerlichen Gesellschaft, Aushängeschild der Krämergilde, Sie werden es erleben, daß ich Sie bezahle. Ehe Sie sich auch nur den Geruch Ihrer Lieblingsspeise vorstellen können, wird das Geld auf Ihrer Hand liegen. Es ist Ihnen doch einerlei, woher ich es nehme?“
„Bezahlen, bezahlen, Herr Edelmann!“
„Gut! Wieviel, sagten Sie? Neun Mark und fünfzig Pfennig, wenn ich richtig hörte, nicht wahr? Schön. Sofort. Ich habe zwar keinen Heller in der Tasche — aber sofort.“ Er wandte sich an die Anwesenden. „Wer ist so freundlich, mir sofort neun Mark fünfzig Pfennig zu schenken — zu schenken?“ fragte er und verneigte sich.
Gelächter. „Bitte, bitte!“ wiederholte der Messerschmied, der sich dem Siege nahe wußte.
„Seine Münze ist außer Kurs!“ sagte der Viehhändler. „Hat er nicht selbst gesagt, daß er niemals bezahlt?“
„Schenken, schenken — meine Herrn?“
„Bitte, bitte!“ triumphierte der Messerschmied. „Sie großes Maul von einem Edelmann — Sie Vagabond von einem Edelmann (er sagte Vagabond), bezahlen Sie, haha — so etwas von — haha.“
„Geduld!“ sagte der Lehrer. „Sofort werde ich Sie befriedigen, verehrter Herr!“ Er musterte spöttisch die Gesellschaft und zog mit der Hand den schwarzen Bart herab, so daß seine roten Lippen zum Vorschein kamen. Sie sahen aus, als pfeife er. Er rief über die Scheidewand ins Nebenabteil hinüber — „neun Mark und fünfzig — schenken!“ Aber man lachte und sagte ihm Schmeicheleien.
„— so etwas von einem großen Maul von einem Edelmann — haha!“
Der Lehrer lächelte, er verlor nicht die Fassung. Er zuckte bedauernd die Schultern und sagte: „Aus Kieselsteinen läßt sich kein Likör abziehen, ich hätte das wissen sollen. — Aber Geduld, Edler, wenn ich nicht sofort bezahle, so sollen Sie sagen, ich sei eine Null, ein Loch, eine Einbildung, ein eingesessener Bürger.“ Damit wandte er sich an den jungen Mann, der in der Ecke schlief.
Der junge Mann saß mit geschlossenen Augen. Die Lippen halb geöffnet, den Hut auf den Knien, genau so wie er sich nach seinem Eintritt gesetzt hatte. Er hatte dunkelbraunes weiches Haar, eine hohe Stirne, die weit über die Augen vorsprang, sein Gesicht war fein, mager und lang, ohne Bart und von jener weißlichen Hautfarbe, wie man sie oft bei Rothaarigen findet. Sein Mund war knabenhaft und rot.
Der Lehrer näherte sich ihm und berührte seinen Arm mit der Fingerspitze.
Sofort schlug der Fremde die Augen auf, braune, sanfte Augen; nun sah sein Gesicht auffallend schön und strahlend aus.
Der Lehrer verbeugte sich und wiederholte seine Bitte: „neun Mark und fünfzig Pfennig, sofort. Wenn es dem Herrn möglich sein sollte.“
Gelächter.
Aber nun ereignete sich etwas, was alle verblüffte, nur den Lehrer nicht. Der Fremde lächelte, richtete sich ein wenig auf und griff in die Tasche und klimperte mit Geld. Es reichte nicht. Er errötete leicht, griff nach dem gestickten Reisesack und öffnete ihn, tauchte mit der langen Hand hinein und zog ein Taschentuch mit einem Knoten heraus. Den Knoten öffnete er und es fand sich ein zusammengefaltetes Stück Papier darin Diesem Papier entnahm er ein kleines Goldstück und gab es dem Lehrer.
„Danke!“ sagte der Lehrer und verbeugte sich. Er wandte sich an den Messerschmied. „Sie sehen, daß es noch immer Edelleute auf der Welt gibt. Bitte, Herr Messerschmied Ulrich!“
Alle saßen mit aufgerissenen Mäulern und Augen und begannen erst zu lachen, als der Messerschmied, der einen Augenblick nicht wußte, was er tun sollte, das Goldstück einsteckte und fünfzig Pfennig zurückgab. Diese fünfzig Pfennig überreichte der Lehrer dem Fremden, der sofort wieder die Augen schloß und sich in die Ecke zurücklegte.
In der letzten Station — Stadt Weinberg — stieg ein Herr mit glänzendem Zylinder und schwarzem gewichsten Schnurrbart ein. Adjunkt Kaiser grüßte und rückte höflich zur Seite. Das Gespräch stockte. Dann wandte sich der Viehhändler an den Herrn mit dem glänzenden Seidenhut.
„Verzeihen Sie mir die Kühnheit;“ sagte er mit schmeichlerischer Stimme. „Können Sie mir vielleicht Auskunft geben, ob man dieses Dienstmädchen, diese Selbstmörderin, kirchlich beerdigen wird oder nicht?“
Der Herr mit dem Seidenhut legte die Stirne in Falten und sagte kühl: „Nein — soviel mir bekannt ist — hat das Dekanat von einer Einsegnung Abstand genommen.“
Er zog ein Notizbuch heraus und blätterte darin, um weitere Fragen abzuschneiden.
Der Händler verneigte sich. „Danke!“ Und er flüsterte den andern zu: „Nein, nein.“
Der Schuhmachermeister nickte resigniert mit dem Kopfe und bot allen eine Prise an.
Der Zug verlangsamte die Fahrt und schließlich schlief er ein und regte sich nicht mehr. Als man hinaus sah, fand es sich, daß man weit draußen vor der Station stehen geblieben war. Man war angekommen. Der erste, der ausstieg, war der Herr im Zylinder, alle ließen ihm den Vortritt. Zuletzt stieg der Fremde mit dem gestickten Reisesack aus.
Es war düster und kalt; nur wenige Laternen brannten in der kleinen Station, die ganz im Schnee versank.
Drittes Kapitel
Der Fremde stieg aus und er wäre beinahe in den großen Filzhut gestiegen, den der Lehrer vor ihm bis zur Erde schwang. Er lachte laut und fröhlich.
„Sie konnten sich wohl vorstellen, daß ich nicht verschwinden würde, ohne Ihnen zuvor unter vier Augen gedankt zu haben!“ sagte er und half dem Fremden beim Aussteigen. Das heißt, er griff nach dem rechten, dem linken Arm, der Achselhöhle des Fremden, ohne ihn jedoch zu berühren. „Erlauben Sie Ihre Tasche — bitte — nur bis Sie richtig auf den Beinen sind.“
Der Fremde lächelte fein und gütig. „Danke, ganz und gar unnötig,“ sagte er. Er hatte schöne Augen, denn sie waren golden. Ihr klarer und leuchtender Blick machte den Lehrer einen Moment lang betroffen. Der Fremde sprach leise, als ob er sehr müde wäre. Er lächelte und sah den Lehrer an, wie wenn er ihn schon Jahr und Tag kennte. Der Lehrer betrachtete ihn eine Weile, er bog sogar den Kopf zurück, um ihn genau ansehen zu können; dann stürzte er sich wieder auf die Reisetasche. Er strömte über von Freundlichkeit und Diensteifer.
„Erlauben Sie, nur bis Sie über die Geleise sind!“
„Bitte, oh, ich kann ja selbst —“ sagte der junge Mann und zog mit einer geradezu lächerlichen Besorgnis die Tasche an sich, und verbeugte sich leicht gegen den Lehrer. Er blickte sich um. Er sah die Leute an, die über den beschneiten Bahnsteig eilten, er sah in die Höhe, nach rechts, nach links, er sog die Luft ein. Jede Kleinigkeit schien ihn zu interessieren.
Aber der Lehrer verneigte sich abermals, zog den Hut und ergriff endlich die Tasche. „Ich betrachte es als eine Auszeichnung, mein Herr!“ sagte er. „Welche Kälte, nicht wahr? Eine verfluchte, angenehme Kälte, bei allen Teufeln! — Sie haben mir einen großen Dienst erwiesen,“ fuhr er fort, indem er unvermittelt seinem beweglichen, von vielen Falten durchzogenen Gesicht einen ernsten Ausdruck gab. „Das war eine echte Edelmannstat!“ Seine kindlichen Augen leuchteten.
Der Fremde sah umher. „Aber die Sache ist ja nicht der Rede wert,“ sagte er.
Der Lehrer lachte. „Da haben Sie recht! Klar gesehen ist es etwas ganz Selbstverständliches, ein Edelmann springt dem andern bei, ja, er springt jedem bei, der in der Klemme sitzt. Ganz einerlei wer es auch sei, und sei es der Teufel selbst. Aber trotz alledem, ich freue mich und danke Ihnen! Wenn Sie nun nicht dagewesen wären — nehmen wir an — oder keine zehn Mark gehabt hätten? — Hol’ mich der Teufel, wie wäre ich vor diesen Scherenschleifern und Schuhflickern dagestanden. Es juckt mich immer, sehen Sie, dieses Gesindel mit Worten niederzuschmettern, aufzudonnern — zum Beispiel, einmal wollte ein Lump von einem Gastwirt mich hinauswerfen, buchstäblich hinauswerfen aus seiner Bude. Er hetzte den Hund auf mich! Immer heran mit deinem gichtbrüchigen Hund, schrie ich und breitete die Arme aus — heran mit diesem Floh von einem Hund! — Was glauben Sie, was passierte? Es war eine Ulmer Dogge —“
„Nun?“ fragte der junge Mann lächelnd.
„Haha, er riß mich zu Boden, buchstäblich, wie einen Pfahl rannte er mich um — aber, bin ich gegangen? — Nein — werde doch vor keinem Hunde ausreißen — hahaha!“
Auch der Fremde lachte.
„Dann hören Sie, einmal, da donnere ich also, donnere vor Wichten und Schneidern und sage, ich bin ein Mann, der ein Pferd an den Zähnen in die Höhe hebt und einen Kilometer weit damit springt. Hebe den Tisch, sagen sie, hebe diesen Tisch. Ich hob diesen Tisch, ein schwerer Tisch, mein Herr, ich hob ihn und brach mir einen Zahn dabei aus — sehen Sie hier — sehen Sie in der Mitte, diesen schönen Zahn, auf den ich immer stolz war, brach ich mir ab — aber ich hob den Tisch! Entschuldigen Sie einen Augenblick!“ Er wandte sich ab und zog den Hut vor einer jungen Dame mit auffallend reichem schwarzen Haar und stolzem Profil, die, gefolgt von einem Diener in ledergelber Livree, die Geleise überschritt. Der Diener war mit Schachteln und Paketen beladen. „Guten Abend, gnädiges Fräulein!“ sagte der Lehrer und verbeugte sich mit großer Würde.
Die Dame aber schenkte ihm nicht die geringste Beachtung.
Der Lehrer lachte gutmütig und wandte sich an den Fremden. „Sie ist sehr stolz? Haben Sie es bemerkt?“ sagte er mit gedämpftem Baß. „Sie dankte mir nicht, aber ich grüße sie — erstens ist sie sehr schön und zweitens ist sie eine Freundin meiner Tochter Susanna! — Deshalb grüße ich sie und deshalb werde ich sie immer grüßen, wenn sie mir auch hundertmal nicht danken sollte. Denn, wer meiner Tochter Susanna nur zulächelt, den küsse ich auch schon, sehen Sie,“ fügte er mit einem leisen zutraulichen Lächeln hinzu. „Geben Sie acht, eine Schiene. Welche Rattenfalle von einem Bahnhofe, nicht wahr? Sie kommen in Geschäften in die Stadt, mein Herr?“
Der Fremde, der der Dame mit dem auffallend reichen schwarzen Haar nachblickte, sagte: „Ja, man könnte es so nennen.“ Und er nickte. Die Dame verschwand.
Der Lehrer berührte die Schulter des Fremden. „Verzeihung!“ Er lachte und sein lautes, gesundes Lachen hallte in dem schmalen nach Papier riechenden Gange wieder, den sie durchschritten. „Es war mehr eine Verlegenheitsfrage als Neugierde. Ich hoffe aber, ja, ich wünsche Ihnen ganz speziell, daß Sie nicht lange hier zu tun haben werden. Eine recht elende Stadt, von bürgerlichem Volke bewohnt. Ohne Würde, ohne schöne Gebärde, ohne Ziel und Wunsch, mit verächtlichen Maßstäben. Eine Grube voller Ausschuß, Scherben von Menschen, wie in den meisten kleinen Städten, wo die geistige Konkurrenz gleich Null ist und dickranzige Bürger jeden Gedanken in Grund und Boden hineinlächeln. Sind Sie Sammler von Abnormitäten, so werden Sie auf Ihre Kosten kommen. Gewissermaßen ein Museum von Bürgerlichkeit und Dummheit. Aber was wollen Sie, verehrter Herr: Ein Kork kann sich so schwer machen wie er will, er sinkt nicht unter! Dies ist wiederum eines meiner dreitausend Sprichwörter über den Bürger.“ Der Lehrer lachte zufrieden; dann fuhr er fort: „Da haben Sie zum Beispiel den geistlichen Rat, fett wie ein Schwein — aber, ich bitte Sie, welch prächtiges kluges Geschöpf ist ein Schwein im Vergleich zu ihm! Er treibt Teufel aus, am lichten Tag und verbrennt sie auf einem Spirituskocher. Da haben Sie wimmelnde Beispiele. Der Bürgermeister allein — von einer Essenz aus ihm gewonnen, würde ein einziger Tropfen hinreichen, ein Genie augenblicklich zu verblöden. Solch eine Stadt ist das! Geist ist alles, sehen Sie, auf Moral pfeife ich!“
Der Lehrer war wieder im Schwunge. Er zog den Hut in die Stirne, so daß sein halber Kopf darunter verschwand, sprach, gestikulierte, lachte, und je länger er sprach, desto glücklicher und zufriedener sah er aus. Er streckte die Arme bald gerade aus, bald gegen den Himmel, er wiegte sich hin und her und drehte sich auf dem Absatze.
Vor dem Bahnhofe wartete eine Art Wagen, einer großen Hutschachtel ähnlich, die ganz oben ein winziges Fensterchen hatte. Aus dem Fenster blickte das fette, zufriedene Gesicht des Viehhändlers, der sich im Zuge so gut amüsiert hatte. Eine Zigarre glimmte in seinem Munde und sein Gesicht füllte das ganze Fenster aus. Auf dem Bock des Wagens saß ein dunkles Bündel und dieses Bündel rief: „Weißer Elefant?“
„Nein, danke!“ antwortete der Fremde, der in der eisigen Luft heftig zu zittern begann. „Ist es denn weit zur Stadt?“
„Höhö! Eine halbe Stunde! Der Herr fahren also nicht mit? Hü!“
Die Hutschachtel rollte davon und die glimmende Zigarre des Händlers erlosch in der Nacht wie ein kleines Fünkchen.
Der Lehrer lachte herzlich. „Sie können sich doch denken, verehrter Herr,“ rief er aus, „daß der Bahnhof weit außerhalb der Stadt liegt! Man befürchtete, die Häuser würden einfallen. Ich werde mir erlauben, Ihnen in aller Eile eine Skizze von dieser Stadt zu entwerfen und Sie werden mir in einer Woche, nein, morgen schon sagen können, ob ich ein Talent zu Schilderungen habe oder nicht. Diese Stadt also —“
„Verzeihung!“ unterbrach der Fremde den geschwätzigen Lehrer. „Darf ich mir eine Frage erlauben? Hier in der Stadt hat sich ein Unglück ereignet, nicht wahr?“
„Ja.“
„So viel ich hören konnte, ein Mädchen hat sich das Leben genommen?“
„Ja — ja — richtig!“ Der Lehrer blickte den jungen Mann prüfend von der Seite her an. „Haben Sie denn nicht geschlafen?“ fragte er, ohne seine Überraschung verbergen zu können.
„Nein!“ Der Fremde lächelte fein. „Ich habe nicht geschlafen, ich habe jedes Wort gehört.“
„Ah!“ Das größere Auge des Lehrers erweiterte sich vor Erstaunen, das kleinere prüfte den Fremden mit einem langen scharfen Blick.
„Aber Sie haben sich schlafend gestellt?“ sagte der Lehrer langsam, gleichsam für sich; und er fügte rasch hinzu: „Ja, ich habe dies und jenes gehört. Interessiert Sie der Fall?“
Der junge Mann nickte. „Ich habe das allergrößte Interesse!“ sagte er.
Der Lehrer erzählte. „Was für merkwürdige Dinge auf der Welt passieren!“ schloß er. „Nicht wahr?“ Er lachte leise. Wenn man des Lebens komischen Spuk recht ins Auge fasse, murmelte er, indem er sich den schwarzen Bart strich, man müsse die Folgerung ziehen, daß Gott wahnsinnig sei.
Der Fremde blickte den Lehrer mit klaren, ernsten Augen an. „Sie kennen vielleicht die unglückliche Mutter des Mädchens?“
Der Lehrer erstaunte immer mehr. Er trat einen Schritt zurück und vermochte nicht sofort zu antworten. Aber er faßte sich und lächelte. „Diese kleine, alte Frau?“ sagte er und blickte den Fremden mit einer gewissen Scheu an, die immer wieder in seinen Zügen auftauchte, so oft er sie auch zu unterdrücken versuchte. „Sie ist eine Eierhändlerin, wissen Sie, geht herum in den Dörfern und kauft Eier ein, um sie in der Stadt zu verhandeln. Ein armes Dingchen, sie wohnt neben dem Armenhaus, dicht daneben, fast im Armenhaus selbst, im Hexengäßchen wohnt sie, jedes Kind kennt sie.“
„Danke!“ sagte der Fremde und streckte dem Lehrer mit einer offenherzigen Bewegung die Hand entgegen. „Danke Ihnen aufrichtig!“ Die Herzlichkeit in seiner Stimme besiegte die sonderbare Scheu des Lehrers vollständig. Ein Lächeln verklärte sein männliches, wildes Gesicht. Er streckte ihm beide Hände hin.
„Verehrter!“ rief er aus. „Verehrter! Es ist mir eine große Freude, Ihnen auf meiner Wanderschaft begegnet zu sein. Ich hoffe, das Glück wird nicht ohne Nachwuchs bleiben, das heißt, Sie verstehen mich wohl, ich hoffe, daß ich Sie wiedersehen werde. Vielleicht schenken Sie mir die Ehre Ihres Besuches? Ich bin in Acht und Bann, ohne jeglichen bürgerlichen Kredit, ein entlassener Volksschullehrer — sage es gleich, ohne zu befürchten, daß Sie das abhalten könnte mein Haus zu betreten.“ Und als der Fremde mit herzlichen Worten für die Einladung dankte und seinen Besuch zusagte, fügte er mit strahlendem Gesichte und aufrichtiger Freude flüsternd hinzu: „Ah, herrlich! Mein Heim ist bescheiden, aber die Flagge des Glückes flattert darüber. Sie werden Mütterchen kennen lernen, meine Frau! — Mütterchen, so heißt sie in der ganzen Stadt — haha — Sie werden sie kennen lernen, so klein wie sie ist! Ich bezahle Ihnen hundert Flaschen Wein, wenn Sie sich vorstellen können, wie klein sie ist und wie leicht! Oft, wenn ich in den Feldern herumliege, denke ich, wie klein ist sie doch — wie klein und leicht — wie ein Kork. Und Susanna werden Sie kennen lernen — meine Tochter — ein herrliches Geschöpf, herrlich an Körper und Geist — eine Art Heldin — nun, Sie werden sie ja sehen! Ich bin eben auf dem Wege zu ihnen, zu Mütterchen und Susanna, seit einem Jahre bin ich nicht mehr da gewesen — aber plötzlich hat mich die Sehnsucht gepackt, so daß ich sogar den Zug nahm, was seit sechs Jahren nicht mehr passierte, ich mache alles zu Fuß —“
„Sie arbeiten also auswärts?“ fragte der Fremde.
„Wie?“
„Sie arbeiten also auswärts, nicht hier am Platze?“
Der Lehrer gab seinem Kopfe einen Ruck und beugte das Ohr lauschend herab. „Ah!“ rief er, „arbeiten?“ Er schüttelte langsam den haarigen Kopf und seine Augen glühten. „Ich hasse die Arbeit! Ich bin ein freier Mann, ein Wanderer, wandere umher, jahraus — jahrein — in Sturm und Wetter, in Sonne und Tau — ein Bruder der Vögel, ein Freund der Bäume, ein Sohn der Sonne“ — hier legte er die Hand aufs Herz und seine Augen glänzten schwärmerisch — „ein Schrecken für alle eingesessenen Bürger! Ein Komet, der unterwegs ist, wenn Sie wollen. Nein, ich arbeite nicht, junger Freund, haha, was Ihnen doch einfällt!“ Er betrachtete den Fremden mit einem gönnerhaften, väterlichen Blick. „Meine Familie lebt in angenehmen Verhältnissen — sozusagen in sehr angenehmen Verhältnissen. Ich hoffe, Sie werden den Besuch nicht vergessen, gleich hier beim Bahnhof!“
„Auf keinen Fall.“
Der Lehrer sah den jungen Mann lange an, gleichsam, um sich sein Antlitz für alle Zeiten einzuprägen; er bewegte den Kopf in kleinen Rucken, um genauer zu sehen und tiefer in die Züge eindringen zu können. Dann schüttelte er leicht den Kopf.
„Sie sind ein eigentümlicher Mensch!“ sagte er leise. „Ich habe auch Ihr Gesicht noch nicht gesehen, alle anderen Gesichter habe ich ja tausendfach gesehen. Ich schätze es mir zur Ehre, Ihnen begegnet zu sein. Allezeit Ihr Diener!“ Darauf nahm er den Hut ab, drückte ihn gegen die Brust und verbeugte sich. „Erlauben Sie mir, daß ich mich Ihnen zum Abschied vorstelle!“ sagte er in tiefstem Baß. „Heinrich Löwenherz, ein fahrender Gesell!“
Der Fremde nahm den Hut ab und verbeugte sich seinerseits.
„Richard Grau,“ sagte er.
Der Lehrer verschwand wie ein Phantom irgendwohin und der Fremde sah ihm mit einem nachdenklichen und erstaunten Blicke nach. Aber dieser Heinrich Löwenherz hatte eine schöne Empfindung in ihm zurückgelassen, und er nahm sich vor, ihn sobald als möglich aufzusuchen.
Viertes Kapitel
Die kleine Stadt lag schon ganz ausgestorben. In den krummen Gassen brannten einige Laternen, halb zugeschneit, mit kleinen verrußten Petroleumlämpchen. Die alten buckligen Häuser standen stumm und vornüber gebeugt und erinnerten an im Stehen schlafende Pferde. Da und dort schimmerte ein helles Fenster. Der Schuhmachermeister Männlein saß friedlich über die Arbeit gebeugt, der Fleischer Keim hackte etwas auf einem Blocke und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Auch Fräulein Karola Sperling, Modes, hatte noch Licht. Denn sicherlich war sie es, die da droben im Giebelzimmer wohnte.
Über den öden Marktplatz fuhr der Wind und kämpfte mit einem Zeitungsblatt, das offenbar die Absicht hatte, die Kirchgasse hinauf zu rollen. Aber der Wind zwang es, umzukehren, zerrte es an den Häusern entlang und ließ es endlich die Gasse, die zum Flusse führte und Fischergasse hieß, hinabflattern.
Sobald das Zeitungsblatt in der Fischergasse verschwunden war, tauchte der Fremde, der sich Richard Grau genannt hatte, aus der langen Gasse auf, den Reisesack in der Hand.
Er ging langsam auf das Hotel „Zum weißen Elefanten“ zu und sah sich das Hotel von oben bis unten aufmerksam an. Es war ein alter gelber Fachwerkbau, der die Fenster gerade da hatte, wo niemand sie suchte und sich im Gegensatz zu all den andern Häusern ringsum zurückbog. Rechts unten hatte es einen kleinen Erker, der sich auf eine kurze, plumpe Säule stützte. Aus dem Erker schimmerte Licht. Vor dem breiten Tor stand der Hotelwagen, der einer großen Hutschachtel ähnlich sah.
Die Aufschrift „Hotel zum weißen Elefant“ zog sich über die ganze Breite des mächtigen Hauses hin und zum Überfluß hing noch ein Schild über dem breiten Tore, ein kleiner, drolliger Elefant mit kurzen Stoßzähnen und geschwungenem Rüssel und listigem Schmunzeln, ähnlich jenen ausgestopften Exemplaren, die die Kinder an einem Stricke hinter sich herschleifen.
Der kleine weiße Elefant schwang sich im Winde und schmunzelte.
Grau stellte die Reisetasche ab und ordnete sein Halstuch. Es wird wohl besser aussehen! dachte er und suchte in den Manteltaschen nach den Handschuhen. Aber diese Handschuhe, dicke, warme Handschuhe, die er erst gestern gekauft hatte, waren nicht zu finden. Plötzlich hörte Grau auf zu suchen. „Aber natürlich!“ rief er aus und lächelte und sein Antlitz nahm einen glücklichen und träumerischen Ausdruck an.
Er räusperte sich und zog die Klingel. Ein kleines Fenster an der Wand fiel herab und eine hastige, sich überstürzende, ärgerliche Stimme fragte: „Wollen Sie Bier?“ Es hörte sich wie Gebell an.
Grau nahm den Hut ab. „Nein,“ sagte er, „ich will ein Zimmer — ein einfaches Zimmer, nicht zu teuer. Nur für diese Nacht.“
„Äh!“ bellte die Stimme und ein ärgerliches kleines Gesicht fuhr zum Fenster heraus. „Sie haben an der Gassenschenke geläutet, sehen Sie denn nicht die Fremdenglocke? Können Sie denn nicht lesen?“
Grau lächelte. „Natürlich kann ich lesen,“ sagte er, „entschuldigen Sie nur, wenn ich an der Gassenschenke geläutet habe —“
„Jajajaja!“ Der Wirt, ein x-beiniger Mann mit winzigem Kopfe kam heraus und musterte Grau. Er schlich im Halbkreis um ihn herum, wog den Reisesack mit den Blicken, betrachtete Graus alten Hut, abgetragenen Mantel, seine frostroten Hände und endlich machte er die Augen scharf und musterte sein Gesicht, das vor Erschöpfung bleich und ausgehungert und vor Kälte blau gefroren aussah.
„Treten Sie ein! Ins Gastzimmer!“
Nach all der Dunkelheit erschien das Gastzimmer festlich beleuchtet, obgleich nur eine einzige Hängelampe brannte. Alles erschien nahezu weiß, die Wände, der lange, mit Vasen, Papierblumen und Gipsfiguren barbarisch geschmückte Tisch, die Vorhänge, die Wände und selbst der Fußboden. Die Decke aber war braun. Es war wohltuend warm hier, und der Duft einer feinen Zigarette vermischte sich mit dem abgestandenen Geruch von Speisen und etwas Ranzigem. Aus dem Geruch schloß Grau, daß hier die unverheirateten Beamten der Stadt aßen, etwa zehn an der Zahl, die alle gut zu speisen liebten. Ihr durch die Tafel angeregtes Gespräch schien noch in der Luft zu hängen und irgendwo zu stecken, gleich dem Rauche der schweren Zigarren, die sie nach dem Essen pafften. Nun war das Zimmer öde. Irgendwo zirpte eine Spieldose eine Arie, und an einem Tischchen in einem Erker saßen eine Frau und ein junger Mann vor einer Batterie von Weinflaschen. Die Frau saß sehr unschön da, den Stuhl weit zurückgeschoben, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, das Gesicht in den Händen. Der junge Mann saß in seinem Stuhle, die Füße, an denen er abgeschabte Reitstiefel trug, weit von sich gestreckt und rauchte. An seiner weißen Hand blitzten Steine. Er kitzelte die Frau mit einer Reitpeitsche am Halse. Beide wandten das Gesicht zur Türe, als Grau eintrat und Guten Abend wünschte, die Frau tat es, ohne die Hände vom Gesicht zu nehmen. Sie war blond und schön wie eine Puppe. Sie hatte auch das Puppenlächeln. Der junge Mann hatte ein fahles, langes Gesicht und seine schwarzen gescheitelten Haare spannten sich wie glänzender Atlas über den Schädel.
„Hö!“ schrie der junge Mann und sprang auf. Er eilte auf Grau zu, nahm die Reitpeitsche unter die Achsel, verbeugte sich wie ein Kellner und rieb sich die Hände, als wasche er sie.
„Was befehlen der Herr?“ fragte er mit einer für seine zwanzig Jahre außerordentlich tiefen und rauhen Stimme und lachte betrunken. In seiner Rocktasche zirpte die Spieldose.
Grau sah ihn mit erstaunten Blicken an. „Sind Sie der Kellner?“ fragte er, indem er sich, unangenehm berührt, abwandte und den Mantel auszog. Ein alter, etwas knapper, dunkelfarbiger Gehrock kam zum Vorschein. Die Ärmel waren mit schwarzen Borten eingesäumt und die Brustaufschläge zeigten etwas wie schwarze Seide. Da und dort schien der Stoff mit Tinte nachgefärbt zu sein.
Die blonde Frau lachte kichernd. „Aber, Herr Baron!“ rief sie mit einer Mischung von Vorwurf und Koketterie in der inhaltslosen, hohen Stimme und sah Grau mit ihren großen Augen neugierig an.
„Ich fühle mich hier zu Hause, Tante!“ sagte der junge Mann, den die Frau Baron nannte und lachte. „Deshalb, mein Herr, deshalb. Außerdem, weil Sie mir gefallen. Sagen Sie das eine, sind Sie kurzsichtig?“
Ja, er sei ein wenig kurzsichtig, entgegnete Grau höflich.
„Aha — deshalb. Deshalb sehen Sie einen so eigentümlich an. Wenn Sie nun nicht kurzsichtig wären, so wäre — aber Ihre Kurzsichtigkeit entschuldigt Sie, natürlich, haha — natürlich. Haben Sie schon den Trompeter von Säckingen gehört? Wie? Ja, wenn Sie ihn noch nicht gehört haben, sofort soll das Orchester antreten — sofort —“
Der Baron lachte und sprach auf Grau unausgesetzt ein. Er nahm die Spieldose aus der Tasche und zog sie auf. Der Blick seiner dunkelgrauen Augen war unsicher und flackernd, ruhelos und gequält. Grau erinnerte sich, diesen Blick bei einem Manne gesehen zu haben, der mit nackten Füßen auf Glasscherben tanzte, um sich zu vergessen, um sich selbst zu foltern — der Mann hatte wohl seinen Grund gehabt. — Auf der rechten Wange hatte der junge Mann einen kleinen Schmutzflecken und gerade dieser Schmutzfleck allein schien sein Gesicht brutal und betrunken zu machen, denn außerdem war es fein und regelmäßig, ja sanft.
„Hören Sie das Orchester? Behüt’ dich Gott — Onkel!“ schrie er den Wirt mit dem kleinen Kopf an. „Bringe mir den schwersten Wein, den du hast im Keller — schwarz muß er sein — sofort! Das heißt, du brauchst dich nicht zu beeilen. Du kannst wegbleiben, solange du willst, Onkel, wir brauchen dich ja nicht hier — keine Seele fragt nach dir! Herrgott im Himmel, Onkel, wie ein Floh kommst du mir heute vor, genau wie ein im Dienst ergrauter Floh —“
„Herr von Hennenbach, Herr Baron!“ rief die blonde Frau im Erker und kicherte in die Hände.
Der Wirt murmelte eine Verwünschung und näherte sich Grau. „Was wünschen der Herr? Abendbrot?“
„Ja, eine Kleinigkeit.“
„Schweinebraten, Schnitzel, Nieren —“
Grau winkte ab und schüttelte den Kopf. Der Wirt begann laut zu bellen. „Der Herr können auch Taube haben, Huhn —“
Grau machte ein hilfloses Gesicht. „Nein, danke,“ sagte er, „ich bin nämlich gar nicht hungrig, müssen Sie wissen. Vielleicht haben Sie etwas Wurst und Bier?“
Der Wirt entfernte sich mit einer ärgerlichen Grimasse.
Die Frau im Erker begann zu kichern und zu keuchen und plötzlich stieß sie einen leisen Schrei aus. Dann hustete sie und rückte den Stuhl. „Sie sollten nicht mehr trinken, Herr Baron, Sie Wildfang!“ kicherte sie.
„Ruhe, Tante, Ruhe!“ sagte der junge Mann rauh. „Ich trinke die ganze Nacht, morgen, übermorgen, die ganze Woche, ich habe meine Periode und muß mich betäuben —“
Plötzlich stand er vor Grau und verbeugte sich. „Darf ich den Herrn zu einer Partie Billard einladen?“
„Danke.“
„Einsatz zwanzig Mark. Ich gebe dem Herrn fünfzig Bälle auf hundert vor.“
„Ich bedaure, ich spiele nicht Billard.“ Grau sprach sanft und höflich.
Der Baron lachte. Also nicht einmal Billard spiele der Herr? „Sie waren wohl nie Student? Kann ich mir denken.“
„Doch, mein Herr!“
„Ja, du meine Güte, da haben Sie nicht Billard gelernt? Ich möchte schon wissen, was Sie dann in Ihrer freien Zeit taten?“
„Ich habe Stunden gegeben.“
„Aha! Das ändert die Sache allerdings. Aber hören Sie, ob Sie Billard spielen oder nicht, das ist ganz egal — ganz egal — Sie lernen es. Trotzdem Sie sehr kurzsichtig zu sein scheinen — trotzdem prophezeie ich Ihnen, daß Sie es in fünf Minuten können. Ich gebe Ihnen auf hundert Bälle neunzig vor — Einsatz zwanzig Mark —“
Grau lächelte. „Entschuldigen Sie —“
„Ich gebe Ihnen fünfundneunzig vor — neunundneunzig — hören Sie — und wenn Sie blind sein sollten — einen Ball werden Sie doch machen.“
„Nein, ich danke Ihnen vielmals. Ich bin zu müde.“
„Ah!“ Der junge Mann warf sich rittlings auf einen Stuhl am Tische. „Dann vielleicht — Dame, Domino — oder Schach oder Mühle, was Sie wollen — Sie können ja sitzen bleiben, wenn Sie müde sind — ja, Sie brauchen nicht einmal zu ziehen, ich ziehe für Sie — die Hälfte Steine gebe ich Ihnen — ja, Donner und Doria!“ rief er plötzlich aus und lachte laut und roh. Er hatte Graus Reisesack entdeckt. Er sprang auf und besah sich den Reisesack in der Nähe. Er lachte und bewegte die Reitpeitsche, als ob er die Henne kitzle. „Was für eine kostbare Sache!“ schrie er. „Wohl ein altes Stück?“
„Es dürfte ziemlich alt sein, ja.“ Grau lächelte, er änderte nicht den Ton der Stimme.
„Wohl ein — ein Familienstück — ein Erbstück?“
„Nein.“
„Nicht! Es sieht genau so aus. Was würden Sie sagen, mein Freund, wenn Ihnen jemand für die Tasche zwanzig Mark gäbe?“
„Ich verkaufe sie nicht,“ antwortete Grau geduldig.
Der Baron lachte laut heraus. Er lachte Grau ins Gesicht, dicht ins Gesicht und sagte: „Hundert Mark! In die Hand! Na?“
Hier erhob sich Grau und verbeugte sich. „Ich sehe, der Herr sind in guter Laune,“ sagte er, „ich verstehe das recht wohl, daß der Herr scherzen wollen, aber sollte es nicht jetzt genug sein?“ Er sah den Baron an und plötzlich veränderten sich seine Augen. Eine leichte Glut begann in ihnen aufzuleuchten und ihr Blick schien langsam in die flackernden Augen des Barons einzudringen, bis hinab in die Tiefe.
Der Baron blinzelte, wie um sich von einer Macht zu befreien. Er kniff die Lider zusammen und lachte.
„Aber, Herr Baron!“ kicherte die blonde Frau im Erker.
„Hundert Mark! Für die Tasche hier! Barzahlung? Nicht? Aber Herr, Herr, was ist mit Ihnen? Sie scheinen nicht allein kurzsichtig zu sein — aber hole mich der Teufel, ich darf Sie doch zu einer Flasche Wein einladen?“
„Ich danke Ihnen herzlich,“ sagte Grau und errötete, „ich habe keine Lust. Ich bin zu müde, danke!“
Der Baron lachte und schrie: „Dieser Herr errötet, Tante, wie ein junges Mädchen, wie ein Jüngferchen aus dem siebzehnten Jahrhundert. Also, Sie schlagen die Einladung aus?“ wandte er sich wiederum an Grau. Er wartete ein wenig und sah Grau in die Augen; er wollte wieder zu sprechen beginnen, aber er zögerte und verlor von neuem unter dem Blicke Graus die Sicherheit. Einen Augenblick lang sah er überrascht aus, dann lachte er heraus und schrie: „Gut! Und wenn Sie mich auch noch so kurzsichtig ansehen, wissen Sie nun, was? — Hole Sie der Teufel!“ Er klappte die Reitstiefel zusammen und drehte sich um.
Grau zuckte die Achseln und winkte den Wirt heran. „Wo ist das Hexengäßchen, bitte?“ fragte er.
„Hexengäßchen? Hexengäßchen? Ja, was wollen Sie denn im Hexengäßchen, im Hexengäßchen?“
„Ich will jemand besuchen, der hier wohnt. Neben dem Armenhaus.“
„Armenhaus? Armenhaus?“
„Eine Frau Sammet möchte ich besuchen, eine Eierhändlerin. Sie wohnt doch da, nicht wahr?“
Nun verstand der x-beinige Wirt mit dem kleinen Kopf, der in Wirklichkeit mit den großen Augen, der langen, flachen Nase, dem kleinen Mund und dem verkümmerten Kinn dem Kopfe eines Flohs glich. „Der Herr kommen zur Beerdigung?“
„Ja,“ sagte Grau und schlüpfte in den Mantel, während ihm der Wirt den Weg beschrieb.
„Wenn er doch zum Teufel ginge!“ schrie der Baron mit einer zu Graus Verwunderung nahezu haßerfüllten Stimme.
Ah, wie traurig, dachte Grau, er ist unglücklich, und noch so jung!
Grau kehrte nach einer Viertelstunde unbefriedigt zurück und ging sogleich auf sein Zimmer. Er hatte die Eierhändlerin nicht zu Hause angetroffen.
Fünftes Kapitel
Grau schloß die Türe seiner Kammer und begann augenblicklich erregt mit sich selbst zu sprechen.
„Man nimmt sich doch nicht so rasch das Leben!“ sagte er und gestikulierte heftig. „Das Mädchen war doch so jung und gesund! Aus Scham allein hat sie es nicht getan, das glaube ich nicht. Nein, nie und nimmer! Es mußte noch etwas anderes mitspielen, eine Kränkung oder sonst etwas. Der Fleischergeselle leugnet. Man kennt den Verführer nicht. Ich werde ihn herausfinden, bei Gott, das werde ich!“
Er war todmüde und legte sich zu Bett. Er war einen vollen Tag unterwegs gewesen und hatte, um Geld zu sparen, noch dazu eine Strecke von fünfzehn Kilometern zu Fuß zurückgelegt, um einen Umweg der Bahnlinie abzuschneiden.
Dieses arme Mädchen! dachte er. Entsetzlich! Mit einem Seufzer der Lust empfangen, in Angst getragen, in Verzweiflung geboren und mit dem Leben bezahlt. Genug, genug!
Er schlief ein, wurde aber gleich darauf durch das Bimmeln einer dünnen Blechglocke geweckt.
Im Gastzimmer unter ihm rumorte die rauhe Stimme des jungen Barons. Hier und da bellte ärgerlich der kleine Wirt, und in nahezu gleichen Zwischenräumen ließ sich das leere Lachen der blonden Wirtin hören. Es hörte sich an wie der Ton einer kleinen dünnen Blechglocke, an der der Baron zog, wann es ihm gefiel. Einmal zog er zweimal nacheinander daran, ein andermal tat er nur einen kurzen, schrillen Ruck. Die Personen da drunten verkleideten sich, der Baron wurde zu einem Manne, der auf Flaschenscherben tanzte und seine Augen glühten.
Grau richtete sich im Bette auf. Er konnte nicht schlafen.
„Dieses arme Mädchen ist es ja nicht allein!“ rief er aus und schlug mit der flachen Hand auf die Bettdecke. „Da ist noch diese alte verzweifelte Mutter, die ganz von Sinnen hin- und herrannte und schrie. Da ist noch das arme verwaiste Kind! — Aber auch das ist noch nicht alles!“ fuhr er fort, wobei sich sein Herz zusammenkrampfte. „Tausende solch unglücklicher Mädchen gibt es, Tausende solch verzweifelter Mütterchen, Tausende solch verwaister Kinder! Tausende! Tausende! Tausende!“
Er befreite sich von diesem Gedanken.
Aber augenblicklich erschien an einer andern Stelle seines Kopfes ein Gefangener, der an der Wand der Zelle lehnte; es war Nacht, aber er schlief nicht, durch das kleine Gitter über seinem Kopfe drang ein fahles Licht, da stand er mit bleichem Gesichte, starrte vor sich hin und nagte an der Lippe. Wieder, da sah er in eine Kammer: Auf dem Bett lag eine tote Frau, eine Kerze brannte daneben, ein Kind saß auf dem Boden und lächelte ihm zu. Auf dem fahlen Gesicht der Toten stand mit erschreckender Deutlichkeit geschrieben: Ich wurde geboren und weiß nicht weshalb, ich habe gelebt, weiß nicht warum und weshalb bin ich doch gestorben? Nun aber kann ich den Weg zur Seligkeit nicht finden, ach! Dann sah er einen schlafenden Mann mit kurzen aschgrauen Haaren vor sich und er sah einen Gedanken, der im Haupte des Schlafenden wanderte. Der Gedanke wanderte hin und her, wie ein Licht, das in der Nacht wandert und vor verschlossenen Türen stehen bleibt. Plötzlich stand das Licht ruhig und loderte hell auf und der Schlafende erwachte verstört. Er schlüpfte in die Kleider, hastig, schlich sich aus dem Hause, verstohlen, und sein schneller Schritt verschwand in einer dunkeln Gasse. Aus der Ferne drang ein entsetzlicher Schrei.
Grau schrak zusammen. Den Schrei hatte die blonde Wirtin ausgestoßen. Aber es war kein Schrei des Schreckens, es war ein schrilles, ersticktes Lachen. Der junge Baron verabschiedete sich, das Tor fiel ins Schloß und durch das ganze Haus lief ein dumpfes Zittern vom Keller bis zum Boden. Der Wirt zankte, die Frau lachte gedämpft. Schritte schlichen hin und her auf knarrenden Dielen, bald unten, bald oben, an seiner Tür vorbei. Es war der kleine Wirt, der nachsah, ob alles in Ordnung war. Er flüsterte, tuschelte, zankte. Und wieder knarrte sein schleichender Schritt durch das ganze Haus.
Graus Züge fielen ein. All das Leid, das auf der Erde war! Er fühlte es, es lag wie eine Last auf seiner Brust, er hörte es, ja, er roch es! Dunkler und dunkler wurde es in seiner Brust und endlich erschauerte er von all der Finsternis, die in seinem Innern war. Er preßte die Hände vors Gesicht und zitterte und dieses Zittern kam nicht von der Kälte allein. Die ganze Erde schreit ja immerzu, dachte er, sie zittert und bebt ja unausgesetzt. Wenn sich das Schluchzen einer einzigen Nacht vereinigt, so tobt es lauter als das wilde Meer! Dieses leise Weinen in den Kissen, dieses Klopfen der Herzen, das Keuchen der Sterbenden, die Schreie der Gebärenden —
Ob man auch das Auge schließt, was hilft es, das verquälte Antlitz des Menschen ist überall, es dringt durch die Lider hindurch, ob man die Ohren verschließt, was hilft es doch?
Scheint nicht manchmal ein entsetzlicher Schrei durch die Nacht zu hallen, aller Menschen Stimmen, die sich zu einem einzigen Schrei der Anklage vereinigen, zu einem Schrei nach Erlösung?
Ein Schweigen noch furchtbarer als dieser Schrei ist die Antwort.
Grau saß regungslos im Bette und starrte vor sich hin. Und er sah Tausende von Menschen vor sich, die im Bette saßen und starrten und nur den Wunsch hatten, zu vergessen, zu schlafen, nicht mehr zu denken. Aber draußen in der finstern Nacht murmelte und tobte es und wollte nicht ruhig werden.
„Wenn man doch etwas tun könnte,“ sagte Grau und nickte und seine Augen brannten. „Nichts sollte mir zuviel sein, nichts! Aber man ist ja so arm — viel zu arm!“
Die Kerze erlosch, aber er regte sich nicht. Nun war es dunkel um ihn her und er starrte in dieses Dunkel hinein, seine Züge fielen ein, sie verzerrten sich. Er dachte, dachte, grub die Zähne in die Lippe —
Aber mit einem Male veränderte sich der Ausdruck seines Gesichtes und seiner Augen. Er blickte auf das Fenster, und Neugierde, Erstaunen, Verwunderung und Freude spiegelten sich in seinen Zügen.
Auf diesem Fenster jedoch war nichts Besonderes zu sehen. Es war eine schwarze Scheibe und vom Marktplatze, von irgendwoher fiel der Schein einer Laterne darauf, so daß feine Lichtbogen entstanden, wie man sie um den Mond sieht, wenn er einen Hof hat. Doch das war nicht alles. In diesem Lichtbogen lebte es! Es regte sich, es flimmerte, es zuckte darin. Feine Kristalle formten sich. Es war wie gesticktes Moos, wie feine zitternde Gräser, dann strebten schmale, wehende, glitzernde Pflanzen empor, dem Tang ähnlich, der auf dem Grunde des Meeres wächst. Weiße Korallenzweige wuchsen zwischen ihnen hindurch, verästelten sich feiner und feiner, etwas wie spitze Flossen tauchte auf, Sterne, deren Enden zitterten — und alles glitzerte und flimmerte als sei es aus Splittern von Brillanten gebildet.
Es war ein betörend schönes Bild, ein Wunder an Reichtum, Glanz und Formen, das eine unsichtbare Hand hier an das schwarze Fenster eines nichtigen Wirtshauses zeichnete.
Grau saß und seine Augen waren wach und hell und sahen zu, wie es sich formte, veränderte, wuchs. Auf seinen knabenhaften Lippen schwebte ein seltsames Lächeln und in seinen Augen war ein fremder Glanz. Er atmete wieder. Er atmete tief und befreit.
„Er schreibt! Er schreibt!“ flüsterte er leise und Freude erfüllte ihn und stummer Jubel. Gleichzeitig aber schämte er sich.
„Ich bin müde gewesen, er möge mir verzeihen!“
Grau schlief ein und er atmete tief und froh und lächelte im Schlafe. In seinen Traum kam ein alter kranker Bauernknecht mit entzündeten Augen, der eine zerrissene Jacke trug und dicke neue Handschuhe an den Händen hatte; er schwang die Hände vor ihm und lachte. „Deine Handschuhe sind warm, vergelt’s Gott!“ schrie er und nickte ihm zu.
Sechstes Kapitel
Es kamen viele Leute in Trauerkleidern und stiegen die beschneiten Stufen zu der kleinen Kirche mit dem weißen Turm empor. Es kamen Leute vom Land, Bauern, die ernste Gesichter machten und langsam daherstampften, es kamen immer mehr, auch die jungen Damen, die ein gutes Herz hatten, kamen; auch der Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten Hals kam, feierlich pustend, in einem engen Gehrock, mit frostroten Handgelenken, ein kleines Bukett aus Wachsblumen in der Hand. Es kamen immer mehr, in all den weißen Gassen wanderte es. Viele kamen aus Neugierde, natürlich. Der kleine Friedhof war ganz schwarz und alle drängten der Ecke zu, die den Namen Selbstmörderecke hatte. Es war sehr stille über dem Städtchen und die Sonne blendete.
Plötzlich hörte man ein Schluchzen, ein Schreien, und man sah, daß ein Sarg die Staffeln heraufgetragen wurde, ein roher Kasten. Man schaffte ihn aus dem Spital herauf. Hinter dem Sarge kam eine Gruppe von Frauen, die in der Mitte etwas Weißhaariges führten, das sich schüttelte und hin- und herwarf und sich auf die Staffeln werfen wollte und schrie.
Der Sarg kam heran und alle nahmen den Hut ab. Man räusperte sich, man hustete, man zog die Brauen zusammen und in den schwarzen Fäusten der jungen Damen erschienen blendendweiße Taschentücher. Die kleine Frau schrie ohne Aufhören, aber als sie an das Friedhoftor kam, schwieg sie plötzlich. Das aber war noch viel schrecklicher als ihr Geschrei. Sie wankte zwischen den Frauen einher, und alle wichen zurück, niemand wollte einem solch schrecklichen Jammer nahe kommen. Eine breite Gasse entstand.
Gestern sind ihre Haare noch grau gewesen, aber heute sind sie weiß. Aber diese Haare waren nicht nur weiß, das war es nicht allein, die Haare flatterten. Sie waren dünn und kurz und befanden sich in ununterbrochener Bewegung, immerzu stiegen einzelne Haare in die Höhe, kräuselten sich, sanken zurück, andere lösten sich und flatterten langsam in die Höhe.
Der gelbe Sarg wanderte durch die Menge, getragen von sechs Männern, es schien als stelze er auf diesen vielen dunkeln Beinen durch den Schnee, direkt auf das Grab zu, wie auf seine Höhle. Die weißhaarige Frau sagte etwas und machte mit beiden Händen Zeichen, daß man nichts zu befürchten habe. Dann ließ sie sich in die Knie nieder und küßte das Ende des gelben Sarges, küßte es mit gespitzten runzeligen Lippen, wobei sie die beiden Seitenwände des Sarges mit den Händen streichelte. Als die Träger sich anschickten, den Sarg hinabzulassen, begann die alte Frau zu lachen und mit den Fäusten auf ihre Stirn zu schlagen. Alle Leute wichen zurück und erblaßten. Der Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten Hals wurde blaurot im Gesicht und öffnete weit den Mund, die jungen Damen wandten sich ab und bissen in die Taschentücher.
Da begann es in der Luft zu schwirren, ein feines Sausen schwang sich in der Stille und es klang als fiele ein klingendes Becken hoch aus der Luft herab; die Glocken begannen zu läuten. Süß und feierlich klangen sie und alle Augen richteten sich auf den kleinen, weißgetünchten Turm, wo sie sich in den Luken schwangen. Es läutet! Ja, natürlich, es läutet, es läutet in der Kirche. Und alle Glocken läuteten, nicht nur die Beerdigungsglocke. Es gab einige, die sofort in den Turm hineingingen, wo der Kirchner und sein Gehilfe an den Stricken auf und abtanzten. Es läutet ja?
„Er hat es befohlen, der Neue!“
Die kleine verzweifelte Frau hörte auf zu lachen und lauschte, indem sie den weißen Kopf zur linken Schulter neigte und den Mund öffnete. Sie wandte sich nicht um, sie lauschte nur. Es war das große Geläute.
Die schmale Türe der Sakristei öffnete sich und der Vikar stieg die Stufen herab. Er war im Talar und auf seinem Arme lag ein Buch. Alle sahen ihn kommen und bildeten eine Gasse. Er schritt hindurch, den Blick auf den Boden geheftet. Er trat ans Grab und nahm das Barett ab.
Seine Haare waren braun und weich, mit einem Schimmer ins Rote, und alle konnten sehen, daß sein Gesicht lang und mager war.
Er schlug die Augen auf und sah nun aus, als ob er noch nicht zwanzig Jahre alt wäre. Er lächelte unmerklich und richtete den sanften, schimmernden Blick auf die weißhaarige Frau. Dann begann er zu sprechen. Es war totenstill und man hörte einen gedämpften Schritt im Schnee knarren. So leise sprach der Vikar, daß man ihn kaum verstand, seine Stimme zitterte und plötzlich blieb er stecken. Er schwieg eine lange Weile, errötete, aber er wandte den Blick nicht von der kleinen Frau ab. Dann fand er sich wieder zurecht und nun sprach er rasch und sicher bis ans Ende. Seine Stimme wurde nicht laut, aber sie schwebte doch klar und deutlich bis in jede Ecke des Friedhofes und ein feines, feierliches Echo antwortete von der Kirchenwand her.
Die Rede des Vikars war schlicht und nicht lang. Er sprach von den vielen Kränzen, die man der Verblichenen gebracht habe, und daß sie aus Nah und Fern gekommen seien, die sie kannten, so viele, viele seien gekommen, alle habe ihr Tod und ihr Schicksal erschüttert und in der Stadt und auf dem Lande trauere ein jeder um sie. Nun erst, da sie tot sei, wisse man, wie sehr man sie geliebt habe.
„Sie war jung und frisch und voll von Leben,“ sagte er, „ihr habt sie gekannt, ich habe nur von ihr gehört. Sie wandte sich ab von der Erde und starb den schwersten Tod, den es gibt.“
Der Vikar sprach davon, wie fleißig und treu sie gewesen sei, wie diensteifrig sie war und wie fein doch ihr Herz war.
„Es war so fein, ihr Herz,“ sagte er und lächelte leise, „sie starb an ihrem feinen Herzen. Sie glaubte auch, daß ihr alle sie mißachten würdet, sie fürchtete euren Blick, sie schämte sich vor euch. So fein war sie. Das aber wollte sie nicht. Da warf sie denn alles hin, was sie hatte, ihre Jugend, ihre Frische, ihre Erinnerungen, ihre Wünsche und alle Freuden, die auf sie warteten. Das alles warf sie hin. Viel zu viel war es, viel zu viel.“
„Viel zu viel war es, viel zu viel,“ wiederholte der Vikar, und das feine, klingende Echo rief: Zu viel, zu viel.
Da begann die alte Frau zu weinen, ihr Gesicht zog sich zusammen, nichts als braune Runzeln war ihr Gesicht, es sah wie eine Nuß aus.
Der Vikar blickte auf sie und lächelte. „Sie hat wohl Grund zu weinen,“ sagte er, „wer von uns allen würde nicht weinen an ihrer Stelle. Wir würden klagen wie sie und Worte könnten uns nicht trösten. Aber in ihrem Schmerze wird es wie eine feine Freude sein, daß die, um die sie trauern muß, so fein war und gut. Und sie wird ja ihr Kind haben! Es ist auch ein Mädchen, es wird wachsen, spielen, lachen, es wird etwas sein, das sie tröstet, nicht alles, aber doch viel, nicht wahr, viel!“
Nun sprach er ausschließlich zu der alten Frau und er sagte auch, daß ihre Tochter nun bei Gott sein werde, zu den feinsten Seelen werde sie gehören.
„Denn Gott versteht sich wohl besser auf Menschenseelen als wir,“ sagte er. „Er wird sagen: Ich habe gesehen, wie du gekämpft hast, wie du gerungen hast — ich habe alles gesehen, es ging über deine Kraft. Ich habe auch gesehen, daß du auf dem Wege zum Tode einem Kinde begegnetest und du hast es gestreichelt. Auch das habe ich gesehen, auch das. Ein Hund hat vor deinem Hause gebellt und du hast ihm Nahrung gegeben — damals warst du noch ein Kind — auch das habe ich gesehen und nicht vergessen, denke nicht, daß mir etwas entgeht und daß ich etwas vergesse — zittere nicht —“
Die alte weißhaarige Frau lauschte. Sie legte ein wenig den Kopf auf die Seite, ganz wie ein Vogel, der lauscht, und heftete die tränenwunden Augen auf die Lippen des Vikars; kein Wort sollte ihr entgehen, nichts, nicht das kleinste Wort. Sie begann leise und schmerzlich mit dem Kopfe zu nicken und die Tränen flossen langsam über ihr welkes Gesicht und tropften in den Schnee.
Der Vikar segnete die Tote ein und alle beugten die Köpfe, sein Blick ging über sie hin.
Unter all den Anwesenden befand sich ein Mann mit gelbem Gesicht und kleinem Spitzbart und dieser Mann war der einzige, der den Kopf nicht senkte. Er stand und lächelte und heftete die kleinen Mausaugen erstaunt und spöttisch auf den Vikar.
Der Vikar ging rasch durch die Menge hindurch und sein Talar verschwand in der schmalen Türe der Sakristei.
Die alte Frau folgte ihm und ging die Stufen empor. Aber hier geschah etwas Merkwürdiges. Auf jeder Stufe kniete sie nieder und küßte sie. Dann machte sie den Knöchel des Fingers ganz spitz und pochte an die Türe.
Sie blieb über eine Stunde in der Sakristei.
Siebentes Kapitel
Graus Hände zitterten: Nein, nein, er hatte nicht die rechten Worte gefunden, er hatte es nicht vermocht!
Er warf einen Blick in die kleine alte Kirche, wo er eine blitzblanke kleine Orgel entdeckte und an einem Fenster die Reste einer ehemaligen Bemalung. Ein herrliches Fleckchen Blau, ein Streifen von einem seltenen Weinrot. Dann ging er durch den gedeckten Gang und hinüber ins Pfarrhaus. Während er sich umkleidete, sah er sich in der neuen Wohnung um. Das Pfarrhaus war ebenfalls alt, klein, mit Winkeln und Erkern, Holzvertäfelungen und einer kleinen Wendeltreppe. Im Vorraum hing ein altes pechschwarzes Ölgemälde. An der Türe war eine große Glocke angebracht und zwar war sie so aufgehängt, daß sie gleichsam zu schwingen anfing, wenn man sie nur ansah.
Vorläufig war es für Grau noch ein Rätsel, was er mit all den Zimmern anfangen sollte.
Er öffnete eines der kleinen Fenster. Sonne, Stille, Weite! Unter ihm lag die Stadt und die weite Talebene. So unregelmäßig und klippig wie sich das Treibeis staut, so unregelmäßig und klippig drängten sich all diese hundert steilen Giebel und Dächer ineinander. Da und dort klafften Risse und Spalten, das waren die Gassen und kleinen Plätze. Über diese beschneiten Giebel war eine Unmasse von Türmchen und Dachreitern geschüttet. Aus den unzähligen Kaminen stiegen dünne opalisierende Rauchsäulen in die klare Winterluft. Hunderte von Fenstern und Scheiben blitzten und blendeten und farbige Fünkchen tanzten auf den Schneedächern.
Rings um die weiße Stadt war alles weiß. Auch der Fluß, der die Stadt die Höhe hinaufdrängte, war weiß, er war gefroren. Eine Menge von Kähnen, Barken, Fähren und Frachtschiffen mit Masten und Stangen lag fest im Eise und auf den Schiffen kletterten kleine Pünktchen herum, Kinder, die spielten.
Eine weiße Brücke spannte sich über den weißen Fluß. Dann begann die Ebene, weit und weiß dehnte sie sich, bis zu den Höhenzügen, ferne Wälder, kriechendem Moose ähnlich, waren über sie ausgestreut.
Ein feines Klingen schwang in der winterlichen Stille, es klang aus einer Schmiede. Die Pünktchen, die auf den Schiffen klettern, erwiderten es schrill.
Zwei Fenster gingen auf den Garten hinaus. Der Garten war klein, nahezu dreieckig und in zwei Terrassen angelegt. Er war angefüllt mit unberührtem, wie Seide schimmerndem Schnee, und in den Ecken lagen Büsche, Gestrüpp, Stickereien aus Schneekristallen und mit Schichten von Schnee bedeckt, die eigentümlichen Blütentellern ähnlich sahen. Gegen die Straße zu, die Höhe, war der Garten mit einem grünen Zaun abgegrenzt, auf den andern Seiten stieß er gegen Gärten. Da war ein Park, ein wahrer Wald alter, hoher Bäume, die tief im Schnee wateten; er konnte weit in ihn hinein sehen, denn die Mauer war niedrig. Zwischen den Stämmen der alten Bäume schimmerte ein langes weißes Gebäude, ein Herrschaftshaus. Die Mauer des andern anstoßenden Gartens war übermäßig hoch und sah düster aus wie eine Gefängnismauer. Über sie hinweg blickten die zwei trüben Fenster eines grauen alten Hauses, wie zwei düstere traurige Augen unter einer niedern vergrämten Stirn. Die übermäßig hohe Mauer aber bot einen ganz merkwürdigen Anblick dar. Sie war mit Glassplittern und Eisenspitzen gespickt und trug eine große Tafel, die man leicht von der Straße aus lesen konnte, mit der Aufschrift: Vor den Hunden wird gewarnt! Achtung, Selbstschüsse! Vorsicht! Fußangeln!
Grau lächelte. „Eigentümlich!“ sagte er.
Dann nahm er rasch den Hut und verließ das Haus, immer noch zitterten leise seine Hände. Wie töricht!
Grau begab sich in den „weißen Elefanten“ und trug den roten Reisesack in seine Wohnung hinauf. Auf dem Wege begegnete er jenem Mann mit dem gelben Gesicht, der ihm im Friedhof aufgefallen war. Der Mann strich an den Häusern entlang, blieb stehen, als er Grau gewahrte und ging dann geradeswegs auf ihn zu, als ob er ihn ansprechen wolle. Aber er tat es nicht, er machte plötzlich einen Bogen, blinzelte und verzog die Lippen zu einem saueren Lächeln. Er griff an den Hut und Grau grüßte hastig und freundlich.
„Ein schöner Tag!“ sagte er lächelnd. „Nicht wahr?“
Der Mann aber machte nur ein verblüfftes, ernstes Gesicht, zwinkerte und strich sich die Haare aus der Stirn, er grüßte nicht. Wie sonderbar! dachte Grau und vergaß die Begegnung nicht wieder.
Nach einer Weile sah man Grau wieder die Staffeln herabkommen, einen lächerlichen kleinen Zylinder auf dem Kopfe, eine Liste in der Hand. Er ging rasch und schwebend. Er schritt über den Marktplatz und trat beim Uhrenhändler Lux ein. Hier sprach er lange. Dann erschien der Uhrenhändler Lux im Fenster, eine goldene Uhr in der Hand, er ritzte, prüfte, zwängte ein Glas ins Auge und drehte die Uhr hin und her. Darauf verließ Grau heiter den Laden und der Uhrenhändler verbeugte sich hinter ihm.
Grau ging in den „weißen Elefanten“ und beglich seine Rechnung. Der x-beinige mürrische Wirt bellte wie am Abend, aber er gab sich Mühe zu lächeln. Hätte er gewußt, wer der Herr sei, so würde er ihm ein besseres Zimmer gegeben haben. „Bitte, bitte, ich habe prächtig geschlafen!“ Der Wirt verbeugte sich vor Grau und Grau verbeugte sich vor dem Wirt. Die blonde Frau sah übernächtig aus. Grau betrachtete sie mit einem eigentümlichen Ausdruck der Augen, und ein fades Lächeln kam auf ihr Puppengesicht und in ihre wasserblauen Augen. Grau errötete und ging.
Nun konnte man Grau mit seinem kleinen Zylinder, die Liste in der Hand, die Straße hinab gehen sehen. Er verschwand in den Häusern, verhielt sich einige Zeit darin und erschien wieder auf der Straße, um im nächsten Hause zu verschwinden. Ganz wie ein Briefträger.
Was Grau in den Häusern tat, ist sehr einfach zu erklären. Er klopfte an die Türe, zog den Zylinder, stellte sich vor und rückte mit der Liste heraus.
„Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, diese arme, alte Frau, sie ist im höchsten Grade bedürftig, der Kummer macht sie auf einige Zeit erwerbsunfähig — dazu die Unkosten — Grau, Vikar Grau — dann ist ja auch das Kind da, verzeihen Sie die Störung, ich bitte tausendmal um Entschuldigung!“
Überall brachte er das gleiche vor. Die Leute räusperten sich, putzten sich die Nasen, kamen in Verlegenheit — denn Grau stand geduldig wartend da, blickte sich lächelnd im Zimmer um und verbeugte sich ab und zu ein wenig mit der Liste in der Hand — sie fuhren hastig in die Taschen und klapperten mit Schlüsseln. Hier und da waren aber diese Schlüssel absolut nicht zu finden, und sie sprangen umher, rannten gegen Türen und Wände, aber die Schlüssel waren ganz einfach fort. Man wird die Spende ins Pfarrhaus senden.
„Schön, schön! Ganz nach Belieben, gnädige Frau. Darf ich Sie vielleicht bitten, Namen und Betrag einzuzeichnen, hier in diese Liste, Bleifeder habe ich, bitte hier. Es ist der Ordnung halber und dann ermutigt es die andern Herrschaften — denn wo ein Sperling ist, da sind auch schon zwei, wo zwei sind, sind drei, wo drei sind, da sind auch gleich hundert, nicht wahr? Hier, erlauben Sie gütigst, ein ungenannt sein wollender Wohltäter hat auf einen Schlag zwanzig Mark gezeichnet, Herr Bürgermeister Stürmer zehn Mark, Frau Tierarzt Hammer fünf, Frau Rentamtmannswitwe Ulzhöfer eine Mark — wenn es auch nur eine Kleinigkeit ist — mit einem Tropfen kann man den Durst ja nicht löschen, aber in einer Ansammlung von Tropfen kann man recht schön ertrinken — danke, herzlichen Dank, gnädige Frau.“