Die Brüder Schellenberg
Roman von
Bernhard Kellermann
1925
S. Fischer / Verlag / Berlin
Erste bis zwanzigste Auflage
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung
Copyright 1925 by S. Fischer Verlag A.-G., Berlin
Die Brüder Schellenberg
Erstes Buch
1
Das Tor des Krankenhauses fiel hinter Georg Weidenbach ins Schloß. Er hüstelte, als er die rauhe Straßenluft einatmete, und stülpte den Mantelkragen in die Höhe. Und schon schlug er, fast automatisch, jenen Weg ein, den er in tausend Träumen und Phantasien während seines Krankenlagers gegangen war. Er verlor sich rasch im Gewimmel jener endlosen Straßenzüge, die quer durch die Stadt nach dem Alexanderplatz führen. Hier, am Alexanderplatz, war in einem Warenhaus seine Geliebte als Verkäuferin tätig, Christine, „der schwarze Teufel mit den Augen eines wilden Hengstes“, wie der Zeichner Katschinsky sie genannt hatte. Seine Geliebte, und wenn man wollte, seine Frau. Oder durfte er sie nicht so nennen? Nach all dem, was sich zwischen ihnen ereignet hatte? Und das war, bei Gott, nicht alltäglich!
Trotz der Knappheit seiner Barschaft, die zu äußerster Sparsamkeit mahnte, hätte Georg wohl die Elektrische nehmen können, aber er empfand es als eine Art Wollust, diese Stunde zwischen der Entlassung aus dem Krankenhaus und dem Wiedersehen mit Christine bis auf die letzte Minute und Sekunde auszukosten.
Ja, nun kam er also, treibend in diesem Strom hastender Menschen und jagender Wagen, und sie sah ihn nicht! Sie ahnte es nicht, daß er, Schritt für Schritt, immer näher kam. Würde sie zu Boden sinken? Er lächelte mit geweiteten Augen, ein erregtes, fast verzücktes Lächeln, aber so elend hatte ihn die Krankheit gemacht, daß sein Lächeln wie eine Grimasse des Schmerzes aussah. Er keuchte leise. Schweißperlen standen auf seiner Stirn, die Knie zitterten ihm.
Das lange Krankenlager hatte ihn der Gegenwart entfremdet. Menschen, Stimmen, Gesichter, Gebärden erschienen ihm fremd, als sei er nach Jahrzehnten in diese Stadt zurückgekehrt, als sei er verändert in sie zurückgekehrt. Das monatelange Rauschen des fiebernden Blutes hatte seine Sinne verfeinert, so daß er Bewegung und Lärm um vielfaches verstärkt empfand. Die Straße jagte, die Straße donnerte, und fast überkam ihn eine Beklemmung.
Menschen und Gefährte schienen von einem wilden Strom fortgerissen zu werden, sie glitten und schossen vorüber, um in den Wirbel der Seitenstraßen geschleudert zu werden. Funken stoben aus den Rädern, blaues Feuer spritzte durch die nasse Luft. Omnibusse, mit Menschenleibern dicht beladen, Gesicht an Gesicht, bleich und fahl, schwankten wie Schiffe in den Strudel der Plätze, wo sie auf und ab stampften wie auf hoher See, und versanken. Der Boden zitterte und schwankte, die Luft gellte, es knallte wie von Explosionen. Wahrhaftig, es war wie in einer Schlacht.
Aus einem dicht über den düsteren Häusern hängenden lehmfarbenen Himmel fiel gleichmäßig ein feiner Sprühregen wie durch ein dünnes Sieb herab. Der Regen lag in Bläschen auf den schwarzen steifen Hüten der Herren, auf den Pelzen der Damen. Er hing auf den Schnurrbärten der Trambahnführer, und wenn man das Gesicht etwas schräg hielt, so netzte er, angenehm kühlend, Augenlider und Wangen.
Schritt für Schritt – und sie ahnte es nicht!
Würde sie einen ihrer wilden Schreie ausstoßen? Würde sie die Arme in die Luft werfen und an seine Brust stürzen, angesichts der Käufer, angesichts der Kolleginnen, angesichts der strengen Augen der Aufsichtsdame? Oh, Christine – nein, nein, sie kümmerte sich um nichts ...
Die großen Scheiben des Warenhauses blendeten, drinnen schwankten Lichter und Menschen. Georgs Herz schlug: Die Stunde war da, tausendmal ersehnt und erträumt. In wenigen Minuten würde er sie sehen – würde er alles erfahren, Aufklärung erhalten über all das Unbegreifliche. Oder –? Sein geschwächter Körper bebte.
Um ganz offen zu sein, es gab ja manches, das nicht so einfach war. Er hatte nur nicht den Mut, es sich einzugestehen. Wie oft war er mitten in der Nacht aus dem Schlafe aufgefahren, um mit offenen Augen dazuliegen, bis der Tag graute? Wenn Christine etwa, nehmen wir es an, auch das war ja möglich – wenn sie nicht mehr hier sein sollte? Seit Wochen – warum betrügst du dich? –, seit Monaten hatte er, seit genau drei Monaten, keine Antwort mehr auf seine Briefe erhalten ...
Die trockene Wärme beruhigte, die Lichter, die Teppiche, die den Schritt dämpften. Eine Art von Wohlbehagen, ein Gefühl des Geborgenseins kroch über seinen durchfrorenen Körper, Röte überzog seine eiskalten, nassen Wangen.
Wie herrlich die Seide schimmerte! Eine Kaskade bunter Seidenstoffe stürzte aus einem hohen Brunnenbecken herunter in den Saal, funkelnd im Licht. Das Silber in den Vitrinen blitzte. Ein Verkäufer schleuderte einen Ballen Tuch auf den Ladentisch, daß er sich wie eine Schlange entrollte, die Schere blitzte in der Luft. Es roch nach feinem Leder, Juchten, nach den Parfüms der Frauen, die vorüberglitten. Die Türen der Aufzüge klirrten, Menschenbündel flogen in die Höhe, stürzten blitzschnell ins Bodenlose.
Hier war Reichtum, Luxus, Überfluß. Es sah ganz so aus, als gäbe es auf dieser Erde weder Hunger noch Kälte noch Entbehrungen. Das Riesengebäude mit seinen hundert Sälen war von oben bis unten angefüllt mit Waren. Die Waren waren bis zur Decke aufgeschichtet, sie überschwemmten die Säle, sprengten die Wände, überströmten die Wandelhallen und Treppenhäuser. Aber, war es nicht auffallend, im Vergleich zu diesen ungeheuren Warenmassen war die Zahl der Käufer nur gering. Man drängte sich nicht wie früher, stieß einander nicht an, kein Gedränge an den Kassen. Die Verkäuferinnen saßen hinter den Tischen, polierten sich die Nägel, färbten sich die Lippen, tuschelten. Glatzköpfige Herren gingen in den Gängen hin und her und blieben ab und zu stehen, um eine abgeschabte Stelle des Läufers zu untersuchen. Eine auffallende, fast bedrückende Stille herrschte in dem Warenpalast.
Nun brauchte man nur noch das Lager der Damenkonfektion zu durchqueren, an einigen gespreizten Wachspuppen vorbei, und man war in Christines Reich: Wäsche, Linnen, Spitzen für Damen.
Georg verbarg sich hinter einer dieser gezierten Puppen, die heiter glänzte und ihn mit ihren Augen verführerisch anstrahlte. Von hier aus vermochte er die Abteilung „Damenwäsche – Spitzen“ unauffällig zu überblicken. Auch hier, wo früher tausend eifrige Hände erregt in den Waren wühlten, waren nur vereinzelte Käuferinnen zu sehen. Eine dicke Dame in einem rötlichen Pelz, wie ein dicker Hamster, einige halbwüchsige Mädchen mit hohen fleischroten Strümpfen.
Wie oft stand dieser Saal, glitzernd von Lichtern, wie eine Vision vor seinen Augen, während er in schlaflosen Nächten in die Ampel des Krankensaals starrte!
Plötzlich aber – plötzlich verspürte Georg einen Riß in der Brust, als sei ein Blutgefäß zersprungen: dort stand Christine!
Er hielt sich an der glänzenden Wachspuppe fest, an dem dünnen Kimono, das sie über den nackten, lackierten Beinen trug: an der Kasse lehnte, in einem blau-weiß gestreiften Kleide, ein Mädchen, das, einen Zettel in der Hand, mit der Kassiererin sprach. Beine und Arme etwas dünn, der Nacken mager, aber die Hüfte breit. Über dem Nacken ein Gewirr von Locken, schwarz, blauschwarz, lebendig bei jeder kleinen Bewegung, fliegend, und immer in Erregung. Die Damen schienen sich zu zanken. Die Kassiererin setzte den Kneifer auf und beugte sich ärgerlich über den Zettel.
Georgs Herz schlug. Wie lange schon mochte sich die Kassiererin über den Zettel beugen? Die Wachspuppe, die er mit den Fingern berührte, begann zu schwanken und drohte über ihn zu stürzen.
Plötzlich aber wandte sich das Mädchen mit den schwarzen Locken ab und kam geradewegs auf ihn zu ...
Es war nicht Christine. Ein flaches, ödes Gesicht, wie Insulaner sie aus Kokosnüssen schneiden, die Augen flach wie Kürbiskerne, leer, ausdruckslos. Er blieb betäubt stehen. Das hölzerne Gesicht kam immer näher, wurde größer und ging vorüber.
Aber – so sagte er sich –, und er fühlte, daß er sich mit einer Hoffnung betrog, um sich zu beruhigen, sie kann ja in einer andern Abteilung tätig sein, nicht wahr? Langsam, leise zitternd in den Knien, wanderte er durch alle Stockwerke des Warenhauses. Höhlen aus blitzenden Messern, Grotten aus funkelndem Kristall. Phonographen schrien, elektrische Sonnen glühten ihn an. Er spähte, forschte. Nirgends.
Als er wieder die Straße betrat, war es Nacht geworden. Es regnete noch immer. Die Häuser schienen geborsten, und das Licht brach aus allen Fugen und zerrann in den Asphaltseen.
Georg verkroch sich in die Ecke einer kleinen Kneipe, um sich mit einem Imbiß zu stärken. Plötzlich aber sprang er auf, bezahlte und eilte zu dem Warenhaus zurück. Es war geschlossen.
„Wie töricht!“ rief er aus und schlug sich heftig die Stirn. „Du hättest doch ihre Kolleginnen fragen können. Sie hätten dir gewiß Auskunft gegeben. Einen ganzen Tag hast du verloren, du Narr! Jetzt ist es zu spät.“
2
In einer Nebenstraße fand Georg nach langem Suchen ein kleines Hotel, das ihm billig genug schien. Er kroch unter die Decke und schlief, völlig erschöpft, augenblicklich ein, obschon es noch früh am Abend war und die Treppen und Türen des Hotels (für Wochen und Tage!) unaufhörlich knarrten. Nach tiefem Schlaf erwachte er früh am Morgen, dampfend am ganzen Körper, aber erfrischt und in zuversichtlicher Laune. Selbst die mürrischen Mienen der Zimmermädchen und Kellner, die in den Einzelgästen ein schlechtes Geschäft sahen, konnten ihm die Laune nicht verderben.
Er suchte eine Kaffeeschenke auf, und während er sein bescheidenes Frühstück einnahm, entwarf er einen genauen Plan für den heutigen Tag. Es galt vor allem zu handeln, nicht eine Stunde durfte er verlieren: seine Barschaft ging zu Ende! Erstens, sagte er sich, erstens also wollte er nochmals das Warenhaus besuchen, um nach Christine zu fragen. Es gab ja keinen Grund, sich zu erregen, verstehe mich recht, er würde Christine finden, heute, morgen. Berlin war eine Stadt der Ordnung, niemand konnte sich hier verbergen.
Zweitens wollte er bei Winter & Co. vorsprechen, jener Baufirma, bei der er zuletzt als Zeichner beschäftigt war, und anfragen, ob es Arbeit für ihn gäbe. Sollte ihm bei Winter kein Erfolg beschieden sein, nun, so gab es andere Firmen, Hausmann & Brune oder Hegelström oder Feinhardt. Er war nicht verlegen, oh, keineswegs.
Wenn die Zeit reichte, so wollte er – drittens – die wenigen Bekannten und Freunde besuchen, die er in Berlin besaß. Das waren vor allem der Bildhauer Stobwasser und der Zeichner Katschinsky. Vielleicht würden sie ihm raten können, was er beginnen solle. Mein Himmel, sechs Monate waren eine Ewigkeit! Er mußte ganz von vorn anfangen.
Es regnete noch immer, feine Regenschnüre rieselten auf dieses endlose Berlin herab. Die Wasserperlen lagen auf den Haaren der Hunde und auf den Lackschuhen der Damen, die in ihre Mäntel gewickelt vorübereilten. Die Straßenkehrer fegten den gelben Schlamm mit Gummistreifen in die Gosse, und Automobile mit großen Walzen wuschen den Asphalt der Straßendämme.
Das Warenhaus war noch völlig verödet. Die Geländer wurden poliert, es wurde Staub gewischt, der Fußboden gewichst. Die glatzköpfigen Herren gingen auf den Teppichen hin und her und gähnten. In der Damenabteilung wurden die Vitrinen abgestaubt, die Wäsche zurechtgelegt.
„Christine März?“ Die Verkäuferinnen kannten sie nicht.
„März?“ sagten sie. „Nein. Es gab große Veränderungen im Personal. Viele Damen wurden entlassen.“ Die Kassiererin mit dem Kneifer kam hinzu. Sie kannte Christines Namen. „Ich erinnere mich,“ sagte sie. „Aber ich glaube nicht, daß Fräulein März noch bei uns ist. Es scheint mir – wenn ich mich recht erinnere, hat sie vor einigen Monaten gekündigt. Sie hatte etwas Besseres gefunden.“
„Besseres?“
„Vielleicht täusche ich mich. Fragen Sie in der Personalabteilung nach.“
Zu allem Unglück war der Chef der Personalabteilung bei einem Termin auf dem Gericht, und die Schreibdamen wagten es nicht, Auskunft zu geben. Der Chef aber würde bestimmt am Nachmittag hier sein.
Gut, also am Nachmittag.
Bei Winter & Co., wo Weidenbach zuletzt gearbeitet hatte, wurde er mit Anteilnahme empfangen. Man erinnerte sich seiner. An der Tür und den Schalterfenstern erschienen einige neugierige Gesichter. Jemand nickte ihm zu. Der stattliche und nach Pomade duftende Prokurist kam heraus und erklärte ihm höflich, daß eine Vakanz zur Zeit – leider! – nicht offen sei. „Später vielleicht. Versuchen Sie es in einigen Wochen, Herr Weidenbach. Und mit Ihrer Gesundheit geht es wieder besser?“ Ein Lächeln, eine Verbeugung.
Georg empfahl sich.
Er erwog, ob es sich überhaupt lohnte, zu Hausmann & Brune zu gehen. Es war eine kleine Firma, die nicht immer mit Aufträgen versehen war. Sie baute Laden aus, Dachwohnungen. Das war ihre Spezialität. Indessen, er beschloß einen Versuch zu machen. Aber – Hausmann & Brune waren nicht mehr zu finden! In den früheren Geschäftsräumen standen, so schien es von außen, Öfen und Herde. Ein Herr, in einen Pelz gehüllt, ging hinter den angelaufenen, nassen Scheiben auf und ab, eine riesenhafte Erscheinung.
Georg klopfte. „Ist hier Hausmann & Brune?“
Ein rothaariger junger Mann, schmächtig und klein, erschien, in einen Pelz eingewickelt, im Türrahmen und putzte sich den Kneifer. „Nein, hier ist Mohrenwitz Söhne, Öfen und Heizungsanlagen.“
„Und Sie wissen nicht, wohin Hausmann & Brune verzogen sind?“
Der Rothaarige zog sich kopfschüttelnd zurück.
Bei der Firma Hegelström hatte Georg vor zwei Jahren, als er nach Berlin gekommen war, als Volontär begonnen. Diese Firma machte alles: Häuser, Kirchen, Theater, Läden, Innenausstattungen, was man wollte. Hegelström war einer der begabtesten und meistbeschäftigsten Architekten Berlins. Er hatte jahraus, jahrein gegen zwanzig Zeichner sitzen.
Georg aber fand die Bureaus verödet. In dem kleinen dunklen Vorzimmer saß ein älterer Herr, der Prokurist. Georg erkannte ihn wieder.
„Mein Name ist Weidenbach,“ sagte er, indem er seiner Stimme einen mutigen Klang gab und ungeniert näher trat, „ich habe bei Ihnen vor zwei Jahren sechs Monate lang als Volontär gearbeitet und frage an, ob Sie Beschäftigung für mich haben.“
Der Prokurist drehte ihm erstaunt den grauen Kopf zu und lächelte hämisch. Er war schlecht rasiert und sah verwahrlost und ungemütlich aus, wie ein verärgerter zottiger Hofhund, der auf Streit wartet. „Beschäftigung?“ keuchte er, „Sie wollen Beschäftigung? Sie glauben wohl, daß wir nur auf Sie gewartet haben, Herr Weidenbach? Oder sind Sie hierher gekommen, um sich einen Scherz zu erlauben?“ Er stand auf, schob die Hände in die weiten Hosentaschen und weidete sich an Georgs Verlegenheit. „Sie sollten also nicht wissen, daß Hegelström bankerott gemacht hat?“
„Hegelström – bankerott?“
„Ja, junger Mann, und ich sitze hier und verwalte die Masse, das ist meine Beschäftigung. Wir haben umgeworfen. Die Zehlendorfer Terrainkäufe haben Hegelström ruiniert. Ich war immer dagegen gewesen, aber Hegelström hörte ja nicht auf mich. Seine Gläubiger haben ihm ohne Gnade die Kehle zugezogen. Und Sie wissen das nicht? Wo in aller Welt steckten Sie, daß Sie das nicht wissen?“
Georg entschuldigte sich, er sei lange Zeit krank gewesen.
Der Prokurist ächzte: „Ich sitze hier noch bis zum Ersten. Dann liege auch ich auf der Straße. Sie wissen also nicht, was mit Hegelström geschehen ist? Ganz Berlin sprach wochenlang von nichts anderem.“
„Nein, wie sollte ich es wissen?“
„Er hat sich vergiftet, junger Mann. Uns allen wird schließlich nichts anderes übrig bleiben, als Arsenik zu fressen. Die Zeiten sind miserabel. Hegelströms Sozius ist Antiquitätenhändler geworden, wie viele Architekten. Er hat einen kleinen Laden in der Kantstraße. Besuchen Sie ihn. – Ja, nun erinnere ich mich wieder an Sie, Herr Weidenbach. Sie haben seiner Zeit die kleinen Villen entworfen, die Hegelström so gut gefielen, nicht wahr?“
„Es waren kleine Landhäuser für Zehlendorf.“
„Ja, richtig. Und Sie waren krank, sagen Sie? Warten Sie einmal – es ist mir so, als habe man mir etwas von Ihnen erzählt? Oder habe ich über Sie etwas in den Zeitungen gelesen?“
Georg wurde blutrot.
Der Prokurist aber gab es gottlob sofort auf, in seinem Gedächtnisse nachzuforschen. „Es sind schwere Zeiten für das Baugewerbe, Herr Weidenbach,“ fuhr er fort. „Es gibt keine Aufträge, und die meisten Neubauten wurden eingestellt. Raten? Nein, ich kann Ihnen keinen Rat geben, ich wüßte nichts.“
Georg war schon in der Türe, als ihm der Prokurist hämisch lachend nachrief: „Vielleicht gehen Sie zu Schellenberg! Versuchen Sie es doch einmal bei ihm!“
„Schellenberg? Wer ist Schellenberg?“
„Schellenberg, das ist ein Unternehmer, der den Arbeitslosen zwanzig Pfennig die Stunde bezahlt, und dazu verspricht er ihnen eine Villa auf dem Monde. Ich sehe schon, Sie haben nicht übel Lust, zu ihm zu gehen – hahaha. Aber nun leben Sie wohl, Herr Weidenbach.“
Bestürzt verließ Georg das Haus.
Er hatte heute nicht mehr den Mut, bei anderen Firmen sein Glück zu versuchen. Kurz entschlossen sprang er auf eine Elektrische, um nach Charlottenburg zu fahren, wo sein Freund Stobwasser wohnte.
3
Karl Stobwasser sah nicht aus wie ein Bildhauer, eher wie ein Schneider. Es war ein kleiner schmächtiger Bursche mit einem schmalen Kopf, etwas schiefem Mund und auffallend spitzer, langer Nase. Auf der Baugewerbeschule in der Provinz – wo Weidenbach sein Mitschüler war – hatten seine vorzüglichen Steinmetzarbeiten und Holzschnitzereien die Bewunderung der Mitschüler und selbst der Lehrer erweckt. Vor zwei Jahren war Stobwasser nach Berlin gegangen, fest entschlossen, seinen Weg als Bildhauer zu machen. Er hatte auch bald Erfolge, wenn auch nur geringe. Ein angesehener Kunstkritiker hatte lobend auf seine Holzplastiken hingewiesen.
Stobwasser hatte seine Werkstatt im Hofe einer Charlottenburger Mietskaserne in einer Art Remise oder Stall aufgeschlagen. Dieses kleine Loch nannte er sein Atelier. Neben der Werkstatt befand sich ein wirklicher Stall, aus dem ununterbrochen eine Ziege in den kleinen finsteren Hof hinausjammerte, sooft sich nur ein Schritt vernehmen ließ.
Stobwasser war zu Hause, Gott sei Dank! Eine heisere, krächzende Stimme antwortete auf Georgs Klopfen. Als er in den kleinen, eisigkalten, halbdunklen Raum eintrat, fuhr ein verwilderter Kopf aus den Decken einer kleinen Eisenbettstelle empor. Eine lange, spitze Nase war das einzige, was Georg klar erkennen konnte.
„Wer ist es?“ fragte die heisere Stimme des Bildhauers, und Nebel dampfte aus seinem Munde.
„Ich bin es, Georg.“
Der Bildhauer fuhr noch höher aus den Decken empor und richtete seine spitze Nase auf Georg. Er bewegte den wilden Haarschopf hin und her und vermochte kein Wort hervorzubringen.
„Wie? Wer?“ rief er dann erschrocken aus.
„Georg!“
„Aber ist es möglich?“ Stobwasser warf erregt die Arme in die Luft. „Du? Weidenbach? Ist es denkbar? Aber – verstehe mich – du siehst, daß ich es nicht fassen kann! Man hat mir doch gesagt, daß du – gestorben seist!“
„Nein, ich lebe noch,“ entgegnete Georg mit einem leisen, bitteren Lachen.
Der Bildhauer schüttelte fassungslos den Kopf. „Wie ist es denkbar?“ rief er aus. „Wer erzählte es denn nur? Katschinsky? Die Jenny Florian? Ich verstehe es nicht, wie konnte man es denn erzählen, wenn es nicht wahr war? Oh, mein armer Kopf, ich kann gar nicht denken! Nun, einerlei, wie das Gerücht aufkam – du lebst!“ schrie Stobwasser mit heiserer Stimme. „Du lebst also noch! Ach Gott sei Dank! Dreimal war ich im Krankenhaus, um dich zu besuchen, aber man hat mich nicht vorgelassen! Und dann also – dann erzählte man es im Café! Lieber Himmel, was für Dinge geschehen können!“ Er streckte Georg beide Hände entgegen. „Nun, Gott sei gelobt! Umarme mich, Bruderherz! – Oder bist du aus dem Jenseits gekommen, um mir einen Besuch abzustatten? Wie?“ Der Bildhauer lachte und hustete. Glühendheiß brannten seine Hände. Er schwieg eine Weile, während er Georg mit großen, glänzenden Augen betrachtete. „Laß dich ansehen, alter Freund,“ sprudelte er dann außer sich vor Freude hervor. „Wie wunderbar ist es doch! Und ich trauerte schon um dich. Und manchmal, es ist wahr, da habe ich dich beneidet. Nein, wie wunderbar ist es doch! Und da kommt er also plötzlich herein –!“
Georg sah sich in der kahlen Werkstatt um. „Wo sind deine Tiere?“ fragte er, um von dem Thema abzulenken, das ihn peinigte. Früher war Stobwasser stets von einer Menge von Tieren umgeben gewesen: Papageien, Katzen, Kakadus, Mäusen.
„Meine Tiere?“ Der Bildhauer ließ den Kopf sinken. „Meine lieben Tiere? Ach, es war zu kalt für sie hier, ich habe keine Kohlen. Eine Dame, eine barmherzige Seele, hat sie in Kost und Logis genommen. Seit Wochen bin ich nicht wohl. Selbst ein Hund würde in diesem Loch krank werden. Setze dich doch, Georg. Ich war eben aufgestanden, um etwas Tee zu kochen. Auf dem Wandbrett dort steht eine Tasse, nimm diese Tasse für dich und gib mir das Glas.“
Der Bildhauer nahm das heiße Glas in die Hände und wurde von Frost geschüttelt. „Schade, schade. Auch nichts kann ich dir anbieten, nicht einmal einen Kognak. Es ist zu ärgerlich!“
„Und wie ging es dir, seit wir uns nicht sahen, Stobwasser?“
Stobwasser führte das Glas mit zitternden Händen zum Munde und versuchte, den heißen Tee zu schlürfen. „Ich kann es immer noch nicht fassen, liebster Kamerad – aber sprechen wir nicht mehr davon. Ja, du fragst, wie es ging? Gut und schlecht. Es war nicht so einfach durchzukommen,“ sagte er heiser, „aber ich verlor den Mut trotz allem nicht. Du weißt ja, ich hatte damals drei Figuren zu modellieren für die Villa eines Seifenfabrikanten. Nun, die Figuren mißfielen leider der Madame und wurden wieder heruntergeschlagen, und ich bekam keinen Pfennig. Ich konnte ja klagen, siehst du, so sind sie, die reichen Leute. Aber ich konnte ja nicht einmal den Anwalt bezahlen. Dann verkaufte ich eine kleine Holzschnitzerei, aber der Käufer zahlte nur eine geringe Summe an, und seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Die Reichen können sich nicht in die Lage des Armen versetzen. Sie können sich nicht vorstellen, daß man dasitzt und auf jeden Schritt horcht. Dann hatte ich Aussichten, die sich nie verwirklichten. Und nun bin ich krank und liege hier. Aber nun erzähle du,“ schloß der Bildhauer, indem er das Glas abstellte und sich in die Decken hüllte. „Das Sprechen strengt mich an.“
„Ich? Es gibt nichts zu erzählen von mir,“ wich Georg aus.
Stobwasser blickte ihn mit großen, fiebernden Augen an. „Nichts zu erzählen, sagst du? Man sollte doch meinen! Höre, Weidenbach, wir haben ja stundenlang über dich diskutiert und sind uns doch nicht klar geworden.“
„Worüber wolltet ihr euch denn klar werden?“ unterbrach ihn Georg verlegen, mit leiser, hilfloser Stimme.
„Es war uns allen unerklärlich,“ flüsterte der Bildhauer und streckte den Kopf so nahe wie möglich an Georg heran. „Es ist mir noch wie heute! Zwei Tage vorher waren wir alle zusammen in Potsdam, Katschinsky und Jenny Florian, du und die kleine Christine, und wir waren ja in solch ausgelassener Laune. Oh, du meine Güte!! Und zwei Tage später, da kommt Katschinsky zu mir hereingestürzt, hier herein in mein Atelier und sagt: ‚Weißt du schon – Weidenbach –?‘ Und ich sagte: ‚Unmöglich, wie soll das nur möglich sein!‘“ Der Bildhauer brach ab, neigte sich vor und fragte noch leiser, während seine Augen doppelt so groß wurden: „Sage mir doch, Weidenbach, weshalb hast du es getan?“
Weidenbach erhob sich hastig und stammelte irgend etwas.
Augenblicklich versuchte Stobwasser ihn zu beruhigen. Beschwörend streckte er die Hand aus. „Setze dich wieder, Weidenbach, ich bitte dich! Ich will nicht mehr davon sprechen. Es gibt Dinge, die man selbst seinen Freunden nicht sagen kann. Aber, wie gesagt, es war uns unerklärlich, denn wir waren doch alle in solch vorzüglicher Laune, damals. Nun, ich verstehe, man tut manches, und später –“ Der Bildhauer hustete.
„Wie geht es Katschinsky?“ unterbrach ihn Georg.
„Katschinsky?“ Stobwasser lachte leise. Irgend etwas Lustiges war ihm eingefallen beim Klang dieses Namens. Er streckte die spitze Nase zur Decke. „Ich weiß es nicht. Du kennst ja Katschinsky, man sieht ihn oft wochenlang nicht. Er brachte mir den Kunden, der mir die kleine Holzplastik abkaufte und bis heute nicht bezahlte. Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen. Es soll ihm nicht schlecht gehen. Er ist elegant und vornehm geworden, verkehrt in Tanzdielen und Spielklubs. Soviel ich weiß, ist er beim Film angekommen. Höre, Weidenbach, eben denke ich daran, was wirst du beginnen? Hast du schon eine Beschäftigung?“
„Ich suche etwas. Ich fragte heute da und dort an.“
„Schön. Höre. Gehe sofort zu Katschinsky. Er hat ja Verbindungen in allen Kreisen, und ohne Verbindungen ist heute schwer etwas zu machen. Vielleicht kannst du auch beim Film ankommen?“ Ein Hustenanfall unterbrach Stobwasser, dann fuhr er lebhaft fort: „Und Christine, Georg, wie geht es Christine?“
Pause. Stille.
„Ich habe Christine im Warenhaus gesucht, aber sie scheint nicht mehr dort beschäftigt zu sein.“
Der Bildhauer richtete sich erstaunt auf. „Scheint? Scheint? Aber stehst du denn nicht in Verbindung mit Christine?“ schrie er vor Erregung.
Leise antwortete Georg: „Christine schrieb zuletzt nicht mehr. Meine Briefe, meine letzten Briefe“, schaltete er ein, da er sich vor dem Freunde schämte, „kamen als unbestellbar zurück.“
Stobwasser erwiderte nichts. Er lag lange still, und sein Atem pfiff. „Die Frauen sind merkwürdig,“ sagte er dann, mit einem neuen Hustenanfall kämpfend. „Sonderbar. Ich hätte es nicht für möglich gehalten,“ fuhr er fort, während er Georg mit seinen großen, fiebernden Augen aufmerksam betrachtete. „Und du hast dir doch ihretwegen – es ist doch ganz gewiß, sonst wäre es ja überhaupt unverständlich –, du hast dir doch Christines wegen eine Kugel in die Brust geschossen, Weidenbach?“
Wiederum erhob sich Weidenbach. Er trat einen Schritt zurück, schwieg, blickte zu Boden. Dann erwiderte er ganz leise, so daß Stobwasser ihn kaum verstehen konnte: „Sprich nicht mehr davon, Stobwasser, ich bitte dich herzlich. Was geschehen ist, ist geschehen. Es gab eine Szene zwischen Christine und mir, es gab immer Szenen und immer heftigere, und schließlich wußte ich nicht mehr, was ich tat.“
Stobwasser drückte Georgs Hand. Nach langem Schweigen sagte er: „Welch ein Satan, diese Christine! Und dabei ist sie noch kleiner als ich! Ach, und sie hörte auf, dir zu schreiben. Ja, die Frauen! Der Teufel soll sie holen, alle zusammen. Weißt du, Weidenbach, ich glaube, diese periodischen Störungen machen die Frauen völlig verrückt. Sie wissen nicht, was sie tun. Nun wohl, Christine hin, Christine her. Vergiß sie, Weidenbach – es gibt hundert Christinen!“
Georg schüttelte den Kopf. „Du täuschst dich, es gibt nur eine,“ entgegnete er.
Stobwasser saß keuchend in den Decken und sah Georg lange an. „Also – trotz alledem?“ rief er überrascht aus. „Nun, sie war ja ein wundervolles Mädchen, diese Christine, zugegeben. Sie war ein herrliches Geschöpf, gütig und wild in einem und voll toller Einfälle. Aber gehe jetzt, Weidenbach,“ keuchte er, „das Sprechen tut mir weh. Die Brust schmerzt mich. Ich bin so glücklich, daß ich dich wiedersah, alter Freund. Und komme bald wieder, ich liege hier tagelang. Du kannst auch bei mir wohnen, wenn du willst. Wir können recht gut zu zweien hier hausen. Und der Kaufmann kann ja jeden Tag bezahlen, ich habe ihm geschrieben. Lebe wohl, Weidenbach, und vergiß nicht zu Katschinsky zu gehen, er weiß stets Rat.“
Schon im Hofe hörte Georg Stobwasser noch husten. Aus dem Ziegenstall schob sich zwischen Lumpen der Kopf der hungrigen Ziege, die Georg kläglich nachmeckerte.
4
„Heißes Wasser nennen Sie das?“ rief Katschinsky unwillig der Wirtin zu. Noch immer tyrannisierte er die alte gutmütige Frau. Sie ließ sich alles von ihm gefallen. Er mochte bezahlen oder nicht, sie scharrte ihre letzten Groschen für ihn zusammen, denn sie hatte sich in den hübschen Jungen vergafft.
Katschinsky war eben dabei, sich zum Ausgehen fertig zu machen. Während er sich mit dem Apparat den weichen, kaum sichtbaren blonden Flaum von Wangen und Kinn schabte, unterhielt er sich mit Georg. Es war warm und hell in seinem Zimmer.
„Stobwasser? Natürlich werde ich Karl besuchen,“ sagte er mit seiner immer etwas spöttisch und hochmütig klingenden Stimme. „Aber ich will Ihnen etwas sagen, Weidenbach. Dieser Stobwasser ist ein kurioser Bursche. Ich bringe ihm einen Käufer, er kauft ihm eine Plastik ab, macht eine Anzahlung, und nun schreibt ihm dieser unglückselige Stobwasser fortgesetzt Mahnbriefe.“
„Es geht ihm nicht gut, zur Zeit, Katschinsky,“ warf Georg ein.
„Nun, wem geht es gut, frage ich? Man tut so etwas nicht, es verstimmt den Käufer. Es hätte nicht viel gefehlt, so hätte er Karl die Plastik zurückgeschickt.“
„Stobwasser ist krank. Er hat nicht einmal Geld, um zu heizen.“
„Trotzdem, trotz alledem, Sie müssen zugeben, Weidenbach –“
Katschinsky hatte offenbar ganz vergessen, daß sie sich früher geduzt hatten. Er hatte augenblicklich einen um eine Nuance förmlicheren Ton gewählt, als sein Blick Georgs abgetragene Kleidung streifte. So schien es Georg wenigstens.
Für Kurt Katschinsky, den Maler und Zeichner, hatte er immer Bewunderung empfunden und sich ihm ganz von selbst untergeordnet. Einige Karikaturen Katschinskys waren in Witzblättern erschienen. Katschinsky hatte in der Juryfreien mit Erfolg ausgestellt, und es bestand für Georg kein Zweifel, daß Katschinsky den Weg zum Ruhm betreten hatte.
Katschinsky war ein ungewöhnlich hübscher junger Mann. Er war blond und trug das Haar peinlich genau gescheitelt. Er wirkte größer, als er tatsächlich war, und auch schlanker. Er hatte große graue Augen und das etwas zarte und blasierte Gesicht eines verwöhnten Muttersöhnchens. Er war der Sohn einer Beamtenwitwe in Hamburg, die ihren letzten Pfennig für ihn opferte. So kam es, daß Katschinsky stets etwas Geld hatte und es sich leisten konnte, Jenny Florians Freund zu sein, einer jungen Schauspielerin, die zu den schönsten Frauen Berlins zählte. Wenn diese beiden jungen Menschen sich auf der Straße oder in einem Restaurant zeigten, so richteten sich stets alle Augen voller Bewunderung auf sie.
„Darf ich eine Frage an Sie richten?“ fragte Katschinsky, während er sich mit einem heißen Tuch, das die alte Wirtin gebracht hatte, das Gesicht abtrocknete und Georg durch den Spiegel mit seinem schönsten, liebenswürdigsten Lächeln zulächelte.
„Fragen Sie ruhig.“
„Ich meine, Weidenbach“ – der Maler puderte Wangen und Kinn mit einer zarten flockigen Quaste – „es interessiert mich: tut es weh – das, Sie verstehen mich?“
Georg antwortete nicht. Das Blut stieg ihm in die Wangen.
Da begann Katschinsky zu lachen. „Ach, es fehlte noch, daß Sie mir böse sind, lieber Freund. Es interessierte mich. Ich werde es ja nie tun, ich hätte gar nicht den Mut dazu. Und einer Frau wegen – ach, du lieber Himmel!“ Er goß eine Essenz ins Haar und zog sorgfältig den Scheitel. Dann legte er den Kragen an und knüpfte mit großer Sorgfalt die Binde. Er schien für eine Weile die Anwesenheit Georgs ganz vergessen zu haben.
Katschinsky war stets gut gekleidet gewesen, und doch staunte Georg über die Eleganz des modischen Anzugs, den er heute trug. Die Hosen, an den Hüften weit geschnitten, waren tadellos gebügelt. Dazu trug Katschinsky Seidenstrümpfe und Lackschuhe. Die Krawatte war aus schiefergrauer schwerer Seide.
„Ich freue mich, daß es Ihnen gut geht, Katschinsky,“ sagte Georg – und er schämte sich des heimlichen Gedankens, daß Katschinsky ihm vielleicht aus der Verlegenheit helfen könnte. Die Wärme des Zimmers hatte Georg aufgetaut. Seine Stimme wurde leichter, sein Benehmen freier.
„Der Schein trügt,“ erwiderte Katschinsky, indem er kokett den Kopf über die Schulter drehte und spöttisch lächelte.
„Sie haben gewiß Erfolge? Stobwasser deutete es an.“
Katschinsky prüfte mit einem Handspiegel die Zähne, wobei er das Gebiß von den Lippen entblößte. Seine Zähne waren vorbildlich schön, regelmäßig, schneeweiß. „Erfolge!“ rief er aus und lachte leise. „Es ist eine sonderbare Art von Erfolgen!“
„Haben Sie viel gearbeitet?“
Katschinsky schüttelte den Kopf. „Nein, nein,“ erwiderte er und polierte sorgfältig die Nägel, „ich habe fast nichts gearbeitet, seitdem wir uns nicht mehr gesehen haben. Es ist eine Müdigkeit über mich gekommen, eine ungeheure Müdigkeit. Ich bin wohl stets ehrgeizig gewesen, Weidenbach, aber ich hatte nie eine große Energie. Wozu auch? Im übrigen habe ich nicht die geringste Begabung.“
„Sie sollten keine Begabung haben, Katschinsky!“ rief Georg erstaunt aus und lachte, seit langer Zeit zum erstenmal.
Katschinsky sah einen Augenblick auf. Der bedingungslose Glaube an sein Können, der so deutlich aus Weidenbachs Lachen klang, hatte seiner Eitelkeit geschmeichelt. Er errötete leicht. „Nein, nein,“ sagte er, „ich habe es einmal geglaubt, aber ich sehe jetzt ein, daß ich kein Talent habe. Ich kann nur nachahmen, was andere vorgemacht haben. Ich müßte arbeiten, viel arbeiten, aber dazu fehlt mir die Energie.“
„Was tun Sie also?“
Katschinsky zog die Schultern hoch. „Sie sind ein ehrlicher Junge, Weidenbach,“ sagte er, während er die Hände mit Puder einrieb. „Es ist möglich, daß Sie einmal ein großer Künstler werden, gerade weil Sie so einfach und aufrichtig empfinden. Ich will Ihnen nichts vormachen. Meine Mutter ist gestorben, und ich habe die Möbel, die sie mir hinterließ, verkauft. Für den Erlös habe ich mir Garderobe angeschafft. Ich tat das nur aus Eitelkeit, aber es stellte sich heraus, daß es das Vernünftigste war, was ich tun konnte. Ist es Ihnen nicht aufgefallen, Weidenbach, daß es hier in Berlin Hunderte von jungen Männern gibt, die elegant gekleidet sind – Bügelfalten, Monockel, elegante Schuhe –, und man weiß nicht, wovon sie leben. Aber sie haben das Aussehen der Sorglosen, ihre Gesichtsfarbe ist gut, die Hände sind gepflegt. Auf den Kleidern auch nicht ein Stäubchen. Sie gehen auf dem Kurfürstendamm spazieren und trinken in den Hallen der vornehmen Hotels um fünf Uhr Tee. Wovon leben all diese jungen Leute, Weidenbach? Nun, sie werden es Ihnen nicht verraten. Sie bilden eine Klasse für sich. Und erst, wenn Sie sich so kleiden wie diese jungen Männer, haben Sie die Möglichkeit, in ihre Geheimnisse einzudringen.“
„Also wovon leben sie denn?“ unterbrach Georg den Maler ungeduldig und sah ihn mit einem neugierigen Blick an.
„Wovon wir leben?“ antwortete Katschinsky, und ein eitles, zynisches Lächeln umspielte seinen schönen Mund. „Das ist nicht so leicht gesagt. Nun, wir leben, und wir leben nicht schlecht. Können Sie tanzen, Weidenbach, gut tanzen? Nun, so kommen Sie mit mir in eine Tanzdiele, um fünf Uhr. Ich führe Sie ein. Sie tanzen ein paar Schritte, man wird Ihnen Tee, Gebäck, Zigaretten und Liköre servieren, und wenn Sie besonders gute Figur machen, wird man Sie noch honorieren. Sie werden erfahren, daß es elegante Restaurants gibt, wo man mit einer hübschen Dame, die natürlich ebenfalls ohne jeden Tadel gekleidet ist, ganz umsonst zu Abend speisen kann.“
„Ist es möglich?“ fragte Georg.
„Ja, es ist möglich,“ erwiderte Katschinsky, dem die Verblüffung dieses armen, abgehetzten, bleichen, vom Regen zerweichten Weidenbach Vergnügen bereitete. Er schlüpfte in das Jacket und strich es mit den Händen am Körper glatt. Dann begann er mit leisen Schritten auf und ab zu gehen, und in seinem Gang drückten sich Befriedigung über die tadellose Kleidung und jenes Wohlbehagen aus, das eine sorgfältige Toilette bereitet. Sein schönes Gesicht strahlte von einem leichtsinnigen Lächeln, während er plauderte. „Man macht Bekanntschaften, knüpft Beziehungen an. Zuweilen trifft man auch da und dort eine hübsche Dame, die einen in ihr Haus einlädt. Man ißt und trinkt und läßt es sich wohl sein. Und dann, das ist das Allerwichtigste, gibt es eine ganze Menge von Spielklubs, die sich erkenntlich zeigen, wenn man ihnen zahlungskräftige Mitglieder zuführt. Man kann auch spielen, wenn man es versteht. Aber, um ehrlich zu sein, Weidenbach, darin bin ich noch Dilettant. Ich habe einen Freund, früherer Offizier der russischen Garde. Oh, der versteht zu spielen! Nimmt er nur die Karten in die Hand, so ist das Glück auf seiner Seite. Sie sehen, Weidenbach, so lebt man also. Und wenn man so leben kann, weshalb soll man sich anstrengen? Kunst – wer will heute in diesem Lande etwas von Kunst wissen, wer versteht etwas von Kunst. Diese Zeiten sind vorläufig vorüber.“ Plötzlich hielt Katschinsky inne. Er blieb stehen und blickte Georg nachdenklich an. „Es gibt übrigens noch etwas, womit man mühelos Geld verdienen kann!“ rief er dann lebhaft, von seinem Einfall begeistert, aus. „Hören Sie, Weidenbach, vielleicht wäre dies etwas für Sie!“
In Weidenbachs Augen erwachte Hoffnung.
„Ja, mein lieber Junge, ich glaube, ich habe es gefunden! Am Ende sind Sie zu mir gekommen, weil Sie Geld brauchen und sich sagten, Katschinsky hat vielleicht etwas. Aber Weidenbach, Sie brauchen nicht zu erröten, um Himmelswillen. Ich kann Ihnen nur dies sagen,“ Katschinsky zeigte lächelnd seine schönen Zähne, „es gibt in der Welt nichts Törichteres, als vor einem Katschinsky zu erröten. Aber, um es nicht zu vergessen. Diese eine Sache, die vielleicht etwas für Sie wäre! Kokain!“
„Kokain,“ flüsterte Georg enttäuscht.
Katschinsky lachte laut auf. „Ja, Kokain!“ rief er aus. „Sie scheinen wenig begeistert zu sein, und die Sache ist doch so einfach. Sie versuchen Kokain aufzutreiben. Sie werden schon Leute finden, die Kokain haben, und wir könnten dann zusammen arbeiten. Für die Abnehmer sorge ich. Was sagen Sie dazu?“ Katschinsky lachte laut und fröhlich.
„Das ist nichts für mich,“ stammelte Georg. „Ich bin nicht für solche Dinge geschaffen. Ich habe dazu nicht die geringste Begabung.“
Katschinsky betrachtete ihn mit einem leisen Bedauern in den grauen Augen. „Schade, sehr schade,“ sagte er dann leise. „Ich befürchte, daß Sie es nicht leicht haben werden, Weidenbach. Nein, Sie sind nicht für solche Dinge geschaffen, das sehe ich. Sie sind nur für die Arbeit geschaffen. Sie werden ewig arbeiten, und die andern werden den Nutzen von Ihrer Arbeit haben und Sie auslachen?“
„Nun, so lassen Sie sie lachen. Meinetwegen, wenn ich nur Arbeit habe,“ antwortete Georg, indem er sich erhob. Der Zynismus Katschinskys widerte ihn plötzlich an. „Sie sind nicht böse, Katschinsky, daß ich Sie besuchte?“
„Böse, wieso? Ich versäume ja nichts. Ich gehe hier auf und ab und warte auf einen telephonischen Anruf. Ich muß wissen, wo heute abend gespielt wird, und dann, sehen Sie, habe ich eine Verabredung im Bristol.“
„Und Jenny, Jenny Florian?“ fragte Georg, schon den Hut in der Hand. „Wie geht es Jenny Florian? Ist sie noch in Berlin?“
Katschinsky erbleichte. Er blieb augenblicklich stehen. Seine Augen schillerten böse, und sein hübscher, knabenhafter Mund wurde plötzlich hart und herrisch. Dieses Gesicht würde Georg nie vergessen. Es war hochmütig und kalt und verriet allzu deutlich, daß Katschinskys freundliches und liebenswürdiges Benehmen nur Verstellung war.
„Sie sollen Jennys Namen nie mehr aussprechen!“ herrschte Katschinsky Georg an, und wie ein eigensinniges Kind stieß er mit dem Schuh auf den Boden. Sofort aber sah er ein, daß er Georg verletzt hatte, und er versuchte es wieder gutzumachen. „Verzeihen Sie,“ sagte er mit ruhigerer Stimme, obwohl die Worte noch zitterten. „Vergeben Sie mir, daß ich erregt wurde. Aber sooft ich an Jenny denke, könnte ich rasend werden. Sie hat Karriere gemacht, Weidenbach. Sie fährt in einem wunderbaren Mercedeswagen, und Sie sollten einmal sehen, wie sie lächelt, wenn sie mich grüßt, ganz als sei ich ihr einmal auf einer Gesellschaft so nebenbei vorgestellt worden. Jenny Florian, ich will Ihnen eines verraten, Weidenbach, ist eine Frau, die es weit bringen wird! Sie ist die gewandteste Schauspielerin auf der Bühne des Lebens, die es gibt. Auf der Bühne versagte sie. Sie wissen, daß sie es versuchte. Sie versucht es jetzt mit dem Film, wir werden ja sehen, wie weit sie kommt. Allerdings – in diesem Falle steht eine Finanzmacht hinter ihr. Im Leben aber, das muß man zugeben, spielt sie ihre Rolle wunderbar! Sie spielt nur gegen sehr hohe Gage. Und sie wird jedes Engagement sofort brechen, wenn Sie ihr mehr bieten können.“ Katschinskys Gesicht war während der letzten Worte – er deklamierte etwas – wieder erbleicht. Seine Lippen bebten. In seinen hellgrauen Augen funkelte ein kalter böser Glanz.
In diesem Augenblick schrillte das Telephon.
„Hier ist der Anruf,“ sagte Katschinsky erregt und reichte Weidenbach flüchtig die kühle Hand.
„Leben Sie wohl, Weidenbach,“ sagte er, ohne Georg anzusehen, und eilte an den kleinen Schreibtisch, wo das Telephon stand.
5
Georg stieg langsam die Treppe hinab. Er hat sich ja sogar die Lippen gefärbt! dachte er. Er roch nach Essenzen, Puder und Zahnwasser des Malers.
Das also war Katschinsky, vor dem er sich neigte, dachte Georg, während er, verwirrt von dem Besuch, zur Station der Untergrundbahn eilte. Wenn er mit den Zügen Glück hatte, so konnte er noch vor Geschäftsschluß am Alexanderplatz sein. Enttäuschung und Traurigkeit bemächtigten sich seiner. Was war aus Katschinsky geworden? Was machte diese Zeit und diese Stadt mit den Menschen? Ein Verräter, ein Abtrünniger, ein Schamloser. Er wollte es sich nicht eingestehen, daß er Katschinsky geliebt hatte und zwei Jahre lang um seine Freundschaft warb. Und wie erregt er wurde, als er Jennys Namen nannte? Wie er sie sofort beschimpfte. Was war geschehen? Nun, er würde ihn nicht wiedersehen, lebe wohl!
Gerade noch zur rechten Zeit erreichte Georg das Warenhaus. Die Verkäufer und Verkäuferinnen, erschöpft von der trockenen verbrauchten Luft, warfen schon Blicke auf die Zeiger der Uhren. Der Chef der Personalabteilung aber, ein kleiner runder Herr, hatte eigentlich schon Schluß gemacht und empfing Georg mit einer verdrießlichen Miene. Er zog die Brauen zusammen und sah nun wahrhaft vergrämt und verzweifelt aus.
„Ich bin ja eigentlich kein Auskunftsbureau, junger Mann,“ rief er aus, „aber immerhin – Christine März, sagen Sie? Nun, einen Augenblick. März, Christine – sie hat vor drei Monaten die Firma verlassen und wohnte damals –“ Er schrieb die Adresse nieder und reichte Georg den Zettel mit den Fingerspitzen, als klebe Schmutz daran. Es war eine etwas verrufene Straße.
Georgs Gesicht aber leuchtete. Augenblicklich machte er sich auf den Weg, und blitzschnell, wie ein Mensch, dem die Verfolger auf den Fersen sind, schoß er durch die Menge, die in der Zeit des Geschäftsschlusses die Straßen überschwemmte. Außer Atem und mit Schweiß bedeckt erreichte er das bezeichnete Haus. Er blieb stehen und sah sich dieses Haus an. Sofort schüttelte er, enttäuscht und niedergeschlagen, den Kopf.
Die Adresse war vom August, und jetzt war man im November. Es war recht gut möglich – ja es war sicher, er fühlte es – daß Christine nicht mehr in diesem Hause wohnte. Immerhin, vielleicht würde man ihm Auskunft geben können.
Und während er langsam und etwas zaghaft auf das Haus zuging, quälten ihn wiederum die alten Gedanken, die ihn seit drei Monaten marterten: Weshalb hatte sie plötzlich keine Nachricht mehr gegeben? Hatte sie Berlin verlassen? O nein, er fühlte, daß sie in der Stadt war! War sie gestorben? O nein, er fühlte, daß sie lebte! War sie krank? Lag sie in irgendeinem Krankenhaus? Vielleicht. Unmöglich, gänzlich unmöglich war es ja, daß sie ihn verlassen haben könnte, ohne ein Wort. Hatte er nicht Beweise ihrer Liebe und Leidenschaft, wie? Gab es größere Beweise als das, was Christine getan hatte?
Wie eine gewöhnliche Mietskaserne im Osten sah das Haus aus, ebenso verwahrlost, dunkel und finster wie die Häuser ringsum. Neben dem Toreingang war eine Kneipe. Zwei bezechte Kutscher standen darin, kleine Schnapsgläschen in der Hand. Hier trat Georg ein und fragte nach der Adresse des Schlossers Rusch. Rusch? Das sei richtig hier. Im dritten Hof, parterre.
Die Höfe waren klein und eng, eigentlich nur Lichtschächte. Es brannten winzige Laternen, und die Wände sahen wie mit Schimmel bedeckt aus. Da und dort glomm ein trübes Licht, der Geruch schlechten Fettes, mit dem gekocht wurde, drang aus den Türen. Aus dem dritten Hof kam eine kleine Frau, ein Tuch über den Kopf geschlagen. Georg beugte sich vor, um unter das Tuch blicken zu können: das kleine bleiche Gesicht einer älteren Frau, die still und lautlos weinte.
Der dritte Hof war der kleinste. Er war ganz dunkel, und das Regenwasser plätscherte aus irgendeiner durchlöcherten Rinne mitten auf den Hof herab. Zwei Parterrefenster des Hofes zeigten hinter herabgelassenen fleckigen Vorhängen mattes Licht.
Diesen Vorhängen tastete sich Georg entgegen. Sofort roch er, daß er an der rechten Stelle war. Er roch die Werkstatt eines Schlossers. Noch einen anderen Geruch unterschied er – den Geruch von Kerzen.
Die Türe zur Wohnung des Schlossers war nur angelehnt, und Georg lugte durch den Spalt. Sein Herz schlug so sehr, daß es ihm nicht möglich gewesen wäre, jetzt irgendein Wort zu sprechen. Drinnen glitzerte es – was war es doch? – Kerzenlicht, wie ein Christbaum. Er hatte in der Erregung die Tür berührt, so daß der Spalt sich vergrößerte. Da sah er, daß in der Stube, der Werkstatt des Schlossers, die Leiche einer dicken, behäbigen Frau aufgebahrt lag. Zu beiden Seiten des fahlen, gutmütig lächelnden Gesichts standen zwei flackernde Kerzen. Er hörte ein gurgelndes Schluchzen und dann ein lautes Räuspern. Ein Schatten reckte sich über Wände und Decke, und eine laute, rauhe Stimme sagte: „Ist jemand hier?“
„Ich bitte zu verzeihen, daß ich störe,“ stammelte Georg, und schon näherte sich die Gestalt der Türe.
Ein großer breitschultriger Mann stand vor Georg. Seine Augen waren verweint. Er hatte sich offenbar mit den schmutzigen Fäusten die Augen ausgerieben, so daß dicke schwarze Ringe um die Augen lagen, wie eine phantastische Brille.
„Was wollen Sie?“ fragte der Mann unwirsch und heftete den Blick scharf und funkelnd auf Georg.
„Ich komme sehr ungelegen,“ erwiderte Georg leise. Der Blick dieses Mannes erschreckte ihn. „Ich wollte eine Auskunft haben.“ Er fragte, ob Christine März noch hier wohne?
Das Gesicht des Schlossers nahm einen verächtlichen Ausdruck an. „Die!“ knurrte er. Oh, die sei schon lange, lange nicht mehr hier. „Aber was wollen Sie von ihr, junger Mann? Wollen Sie etwa die Schulden bezahlen, die diese Person hinterlassen hat? Sie ist noch zwei Monate Miete schuldig.“
Georg stammelte eine Entschuldigung und wich zurück.
Der Schlosser Rusch trat aus der Türe und rief ihm nach: „Es ist noch eine Pappschachtel von dieser Person hier, mit alten Lumpen! Vielleicht wollen Sie die Pappschachtel haben? Ich werde sie Ihnen bringen.“
„Ich will nichts,“ erwiderte Georg, indem er in den Torweg eilte.
„Nun, so warten Sie doch!“ polterte Rusch. „Weshalb gehen Sie so rasch. Warten Sie doch! Es ist ja alles nicht so schlimm gemeint. He, Sie!“
Bei der Kneipe, die am Ausgang des Torwegs zur Straße lag, holte ihn der Schlosser ein. Nun erst bemerkte Georg, daß der Schlosser mit dem beschmutzten Gesicht betrunken war.
„Sie wollten nach Christine fragen?“
„Ja.“
„Nun, ich werde Ihnen von Christine erzählen.“
„Sie wollten?“
„Ja, kommen Sie.“ Er drängte Georg mit dem Eigensinn eines Betrunkenen in die Kneipe. „In aller Gemütlichkeit,“ fuhr er fort, indem er Georg auf einen Stuhl schob, „in aller Gemütlichkeit wollen wir sprechen. Bringe zwei Kognak, Anton!“ schrie er dem hemdärmeligen Wirt zu. „Ja, Christine – ein feines Kerlchen, ein apartes Kerlchen, aber –“
„Ich wollte Sie ja nicht erschrecken und beleidigen, mein Herr,“ wandte er sich wieder an Georg und schob ihm ein Glas Branntwein hin. „Es war nicht meine Absicht. Sie haben gesehen, daß meine Frau dahinten tot liegt, und aus diesem Grunde bin ich bei jeder Gelegenheit gleich so außer Rand und Band.“ Er goß sich den Kognak in die Kehle und nötigte Georg zu trinken. „Trinken Sie, junger Mann, damit Sie Farbe bekommen. He Anton! Auch Christine liebte es, zuweilen ein Gläschen zu trinken. Sie war garnicht so zimperlich.“
„Christine?“ unterbrach ihn Georg verwundert.
„Ja, Christine. Am Abend, da tranken sie zuweilen ein Gläschen zusammen, Ihre Christine und sie, die nun dahinten liegt.“ Rusch deutete mit dem Daumen hinter sich.
„Einmal nun, sehen Sie, da stieg sie in eine Droschke ein – und hast du nicht gesehen – auf der andern Seite fiel sie wieder hinaus. Und wir lachten, hahaha! Alles lachte. Was ist dabei, wir haben alle unsere Schwächen.“
„Christine fiel aus der Droschke?“
„Aber nein, nein. Sie fiel aus der Droschke, sie, die nun dahinten liegt. Trinken Sie doch, trinken Sie aus, damit ich sehe, daß Sie mir nichts nachtragen.“
Georgs Augen brannten. Seit wann Christine nicht mehr bei ihm wohne?
Der Schlosser dachte nach. Er kniff das beschmierte Gesicht zusammen. „Seit wann?“ erwiderte er. „Lassen Sie mich nachdenken? Ja, seit wann? He, Anton, erinnerst du dich? Diese kleine Schwarze, weißt du, die soviel lachen konnte.“
„Verkehrte sie auch hier, in diesem Lokal?“ fragte Georg, bemüht, sein Erstaunen zu verbergen.
„Ja, gewiß. Sie verdarb niemand den Spaß, lachte, scherzte, erzählte Schnurren. Ein feines wildes Kerlchen. Sie wollte ja zum Theater gehen. Sie erzählte immer Großes von einer Schauspielerin, die einen Millionär zum Freund hatte. Mit ihr zusammen wollte sie zum Theater gehen. Oder zum Kino.“
Das sind alles Phantasien, dachte Georg. Er ist ja betrunken. „Auch Sie wissen nicht, wo Christine hingezogen ist?“ fragte er.
Der Schlosser kniff wieder das beschmierte Gesicht nachdenklich zusammen. Es sah aus, als begänne er zu weinen. „Lassen Sie mich nachdenken, mein Herr,“ antwortete er. „Mir scheint – eines Tages verschwand sie – ich weiß es nicht. Lassen Sie mich nur nachdenken.“
Abermals brachte der Wirt zwei neue Gläschen Kognak.
„Tun Sie mir Bescheid, mein Herr,“ drang der Schlosser in Georg. „Sind Sie Künstler? Christine erzählte immer, daß sie mit Künstlern verkehre. Auf Ihre Gesundheit! He, du, Anton,“ wandte er sich plötzlich an den Wirt. „Ob man es wohl riskieren kann? Sie liegt da hinten, und die Tür steht offen. Sie trägt noch den Ring an der Hand. Hier in diesem Hause lebt solch ein Gesindel, das vor nichts Respekt hat. Hier in dieser Stadt ist alles möglich, mein Herr. Ich kannte einmal einen verflixten Burschen, der erzählte mir, er brach in einer Villa im Grunewald ein, und plötzlich, was sieht er: einen toten Juden, der aufgebahrt liegt. Aber das hat ihn nicht abgehalten, das ganze Silber auszuräumen. Sehen Sie, mein Herr, solche Menschen gibt es hier.
Und nun will ich Ihnen noch eine Geschichte erzählen,“ fuhr er berauscht fort, rückte näher und legte die schwere Hand auf Georgs Arm. „Hören Sie, noch eine Geschichte, und eine so merkwürdige Geschichte, wie Sie sie noch nicht gehört haben werden. So etwas lesen Sie nicht einmal in der Zeitung.
Sehen Sie, junger Herr, ich bin heute nicht mehr der jüngste, aber vor zwanzig Jahren, da hätten Sie mich kennen sollen. Da war ich ein toller Kerl. Ich hatte da ein Mädchen, sie hieß Mariechen. Sie hatte Augen wie ein Reh, so groß und sanft. Und sie war zart und schlank, nur so groß, sehen Sie, kaum so groß wie eine Konfirmandin. Aber wie die Frauen so sind, sie wollte Schuhe aus Lackleder, dann wünschte sie sich Schuhe mit grauem Einsatz, und wenn sie die Schuhe mit grauem Einsatz hatte, dann wünschte sie sich Knopfstiefelchen. Und so ging es immer fort. Und wie es mit den Schuhen war, so war es auch mit den Hüten. Ich arbeitete damals in einer Fabrik in Weißensee, und mein Lohn reichte nicht aus, alle die Schuhe und Hüte und Kleider zu kaufen, die Mariechen sich wünschte. Wenn ich sie aber nicht kaufte, dann ging Mariechen zu einem andern, denn die Männer liefen alle hinter ihr her.
Nun hören Sie aber weiter,“ fuhr Rusch fort, „hören Sie weiter, und Sie werden staunen. In der Fabrik arbeitete ein Kollege. Er war ein einfacher Schlosser, aber wenn er am Sonntag ausging, so konnten Sie glauben, er sei ein Baron. Wie er das machte, das war unbegreiflich. Er hieß Roth.
Eines Tages nun kam dieser Roth zu mir und sagte: Höre, Rusch, willst du viel Geld verdienen? Ich sagte, warum nicht, denn Mariechens Geburtstag war nahe, und ich hatte auch nicht einen Pfennig Geld in der Tasche. Mariechen hatte im Jahr dreimal Geburtstag. Aber ihre Augen waren so schön, und wenn sie sprach, diese schöne Stimme, und wenn man mit ihr tanzte, und alle verdrehten die Hälse nach ihr, nun, weshalb sollte sie nicht dreimal im Jahre Geburtstag haben? Ich will es Ihnen kurz erzählen. Dieser Roth brachte mich auf Abwege. Es ist lange her, und es ist ja keine Schande. Sehen Sie, dieser Roth ging durch verschlossene Türen, genau so wie der Wind durch ein offenes Fenster geht. Wir arbeiteten also zusammen, und Mariechen hatte gute Tage. Wir waren vorsichtig und übernahmen uns nicht. So ging es eine lange Weile. Aber nun hören Sie, nun kommt das Interessante. Wir gingen ja nun viel aus und tanzten, Roth, Mariechen und ich. Eines Tages nun sagte Roth zu mir, wir können eine Menge Geld verdienen. Dieser Lederhändler ist verreist, bei dem ich das elektrische Licht repariert habe. Hast du Courage? Ich sagte, weshalb nicht. Wir gingen tags vorher um das Haus, und Roth zeigte mir ein Fenster und sagte mir, ich werde also vorausgehen, und wenn ich dieses Fenster aufmache, so steigst du ein. Morgen abend, sagte Roth, morgen abend ist Neumond, da wollen wir die Sache machen.
Aber nun hören Sie, Herr, nun kommt das Interessante. Eine Straße vorher verließ mich Roth und sagte mir, in genau einer Viertelstunde wirst du nachkommen. Es ist jetzt ein Viertel vor zwölf Uhr. Komme du Punkt zwölf. Ich komme Punkt zwölf. Das Fenster wird langsam aufgemacht, und ich steige ein. Wissen Sie, mein Herr, was nun passierte?“
„Nein,“ sagte Georg, der nur aus Höflichkeit zuhörte. „Wie sollte ich es wissen?“
Rusch lachte, daß seine dicke Zunge zwischen den Bartstoppeln sichtbar wurde. „Sofort ergriffen mich zwei Paar Arme. Ich war der Polizei in die Hände gefallen. Haben Sie in Ihrem Leben so etwas gehört?“
„Also hatte Roth Sie verraten?“
„Er hatte mir eine Falle gestellt, und ich war in diese Falle gegangen. Er und Mariechen wollten mich loshaben, und so ließen sie mich hochgehen.
Nun, ich bekam zwei Jahre, und ich schwieg.
Aber ich sagte mir, wenn ich herauskomme, seid ihr beide verloren. Und als ich herauskam, sehen Sie, mein Herr, da kaufte ich mir ein Messer und einen Revolver, und ich sagte mir, wartet nur ihr beiden, wo ich euch auch finde! Aber es war schwer sie zu finden. Ich arbeitete am Tage, abends aber besuchte ich immer eine Reihe von Tanzlokalen. Und nun hören Sie, Herr, nun kommt das Interessanteste.“ Rusch goß sich ein neues Glas hinunter. „Nun kommt das Interessanteste, mein Herr. Eines Abends komme ich in ein kleines Tanzlokal in Treptow. Es war nicht sehr voll, und plötzlich, wen sehe ich? Roth und Mariechen. Ich gehe auf sie zu, und was glauben Sie? Ich hatte die Hände in den Taschen und hatte den Revolver und das Messer bereit. So kam ich also auf sie zu. Roth riß sofort aus. Aber Mariechen, was glauben Sie, was sie tat? Mariechen fiel in die Knie und schrie so jämmerlich, wie ich nie einen Menschen schreien hörte. Und dabei hob sie die Arme in die Höhe. Und was glauben Sie, was geschah? Ich vergaß meinen ganzen Zorn und alle Eide, die ich geschworen hatte. Ich hob Mariechen auf und sagte, aber Mariechen, was gibt es denn zu brüllen? Und sie weinte und schluchzte, und ich beruhigte sie. Da wurde sie endlich ruhig, und sie sagte, sie werde jetzt wieder bei mir bleiben. Denn sie liebe mich viel mehr als diesen Roth. Das tat sie auch, mein Herr. Und sehen Sie, solche Dinge gibt es auf der Welt.“
Plötzlich hob Rusch die beiden großen Fäuste in die Luft und brüllte: „Und nun ist sie tot, Mariechen! Nun liegt sie da hinten und ist tot! Mariechen! Mariechen!“ Er schlug sich mit der Faust auf den Kopf.
„Nun, Rusch, beruhige dich,“ sagte der Wirt. „Du wirst es schon verwinden.“
„Und nun ist Mariechen tot!“ brüllte Rusch nochmals.
Georg erhob sich, um zu gehen.
„Nein, nein, bleiben Sie bei mir,“ bat der Schlosser, „bleiben Sie bei mir. Ich muß einen Menschen haben, mit dem ich reden kann. Ich werde Sie nicht mehr mit meinen Geschichten belästigen. Wir wollen von Ihrer Christine sprechen.“
Und er fing an zu erzählen, wie gut Christine zuerst mit seiner Frau ausgekommen sei. Sie haben immerzu Kuchen gebacken – ah, fein! Dann aber habe sie ihre Stellung verloren und sei in Verlegenheit geraten. Da sei öfter ein kleiner, blonder Herr gekommen mit einem Kneifer und habe sie ausgeführt. Und später, da sei ein hagerer, dunkler gekommen, vielleicht ein Russe. Er kam immer in den Hof und pfiff – so eine traurige Weise ...
Georg sprang auf, und er war so rasch verschwunden, daß der Schlosser ins Leere griff, als er mit den beiden Fäusten nach ihm langte.
6
Die Herrlichkeit in dem kleinen Hotel, in dem Georg Unterschlupf gefunden hatte, dauerte nicht lange. Schon nach wenigen Tagen konnte er die Dachkammer nicht mehr bezahlen, und eines Morgens schlich er sich in aller Frühe aus dem Hotel – die kleine Handtasche mit den Habseligkeiten ließ er zurück. Mochten sie sehen wie sie zurecht kamen.
Nun, da er merkte, daß es abwärts mit ihm ging, daß der Boden unter seinen Füßen einbrach, rang er seinem erschöpften Körper die letzten Kräfte ab. Er wehrte sich.
Vom grauenden Tag bis zur sinkenden Nacht war er unterwegs. Treppauf, treppab. Er holte seine Papiere hervor. Stunden des Wartens. Geduld. Wie andere Stellungslose las er an den Anschlägen der Zeitungen die noch nassen Zeitungsblätter, um davonzustürmen, irgendeiner blassen Hoffnung entgegen. Er verlor nicht den Mut, mit jedem Tag nahm er den Kampf mit neuer Zähigkeit auf. Er stand nicht mehr bescheiden in der Ecke, er trat vor, fragte, forderte. Seine Stimme klang sicherer, sein Blick wurde tapfer.
Immer mußte er an die Geschichte jenes Kapellmeisters denken, die man ihm einmal erzählt hatte. Dieser Kapellmeister kam völlig unbekannt und ohne einen Pfennig in der Tasche in eine größere Provinzstadt, und am Abend dirigierte er bereits die Oper. Die beiden Kapellmeister waren plötzlich erkrankt. Heute ist er einer der ersten Operndirigenten Deutschlands.
Weshalb sollte ihm, Georg Weidenbach, das Glück nicht ebenfalls zulächeln? Und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre es ihm wie jenem Kapellmeister ergangen. Er sprach bei einem der ersten Architekten Berlins vor, zu dem er sich bis heute noch nicht gewagt hatte. Es schien nicht ohne Aussicht. Nicht das höfliche Lächeln und gelangweilte Abwenden des Blickes. Man bat ihn zu warten. Eine Fabrik war abgebrannt und sollte so schnell wie möglich wieder aufgebaut werden. Siehst du, dachte Georg, und er erinnerte sich an seinen Kapellmeister, den man wenige Minuten vor der Vorstellung in den Frack steckte. Eine Fabrik mußte im rechten Augenblick abbrennen, damit er – aber ein hagerer, glatzköpfiger Herr trat ins Wartezimmer, streifte seinen dünnen, abgeschabten Mantel mit einem raschen Blick und schüttelte bedauernd den Kopf. So war es also nichts.
Nun, wenn nicht hier, so anderswo.
Auf den Bahnhöfen gab es dann und wann für eine Dienstleistung, eine Auskunft ein paar Groschen zu verdienen. Aber man mußte einen schnellen Blick und rasche Beine haben. Die Konkurrenz lauerte.
Mittags dampften auf dem Alexanderplatz drei Feldküchen der Heilsarmee und zwei Küchen eines großen Zeitungsverlags. Scharen von Weibern und Männern, elend, zerlumpt, bleich, stellten sich in endloser Reihe an und schoben sich geduldig vorwärts. Hier erhielt man einen Napf heißer Suppe, es war nicht viel, aber es war doch etwas. Neugierige umdrängten die Küchen. Einmal kam sogar ein Photograph, um eine Aufnahme zu machen. Georg wandte den Kopf ab. Sollte ihn etwa Katschinsky auf dem Bilde sehen, während er in einer vornehmen Diele den Tee schlürfte?
Schwer waren die Nächte. Sie waren die Hölle. Rot lohte der Himmel zwischen den schwarzen Häusern. Ein Zufallsquartier, Wartesäle der Bahnhöfe, Asyle. Georg hatte eine Schlafstelle im Norden entdeckt, wo man für ein paar Groschen auf dem Fußboden übernachten konnte. Hier lag Körper an Körper gedrängt, und selbst auf den Gängen lagen die erschöpften Leiber. Man mußte über sie wegsteigen. Die Ausdünstungen dieser zusammengepferchten, mit Schmutz bedeckten Menschen benahmen den Atem. Georg fiel zumeist erst gegen Morgen in Schlaf. Da lag er also mit offenen Augen. Die Schläfer schnarchten, röchelten und stöhnten. Manche schrien wirr im Traum. Es schliefen Männer und Frauen und Kinder durcheinander, und zuweilen kam aus einem Winkel ein wollüstiges Stöhnen, bis irgendeine Stimme ungehalten knurrte. So war es in dieser Stadt, deren Straßen am Tage mit Gummiwalzen reingefegt wurden.
Ein paarmal fand Georg seinen Platz neben einem jungen Mädchen, einem Kind eigentlich noch, mit dünnen Beinen und kleiner, unentwickelter Brust. Auch sie lag schlaflos. Oft sah er ihren Schatten ganze Stunden lang aufrecht sitzen. In einer Nacht rückte sie ganz nahe an ihn heran, so daß er ihren mageren Körper spürte, und flüsterte lüstern: Schlafen Sie? Sie zupfte ihn behutsam am Ärmel, beugte sich über ihn. Aber er regte sich nicht, seine Glieder waren vor Entsetzen gelähmt.
Manche Nächte aber schienen kein Ende zu haben. Ruhelos warf er sich von einer Seite auf die andere. Bald zitterte er vor Frost, bald glühte sein Körper wie im Fieber. Die Schläfer röchelten und schrien, und die Stadt grollte zuweilen in der Ferne. Es hörte sich ganz so an, wie wenn das Eis eines Flusses im Frühjahr aufbricht. Mittendurch schien die große Stadt zuweilen zu reißen – arm, reich, elend, gesund, Untergang, Auferstehung. Mittendurch: Tod, Leben, Zerstörung, Wiedergeburt, Freude, Jammer. Er dachte an Stobwasser, der nun unter seiner dünnen Decke hustete. Er dachte an Katschinsky, und er sah den Maler elegant und lächelnd in irgendeinem Spielklub sitzen, wo das Licht von Decken und Wänden blendete. Eigentümlich, die Vision hellerleuchteter und überheizter Räume folgte ihm jede Nacht in seine Finsternis.
Bald würden die Elektrischen wieder fahren und die flinken Autos dahinfliegen, die Geschäftshäuser sich mit frischen, ausgeschlafenen Menschen füllen – noch aber war es Nacht, und noch war die Stadt düster und schrecklich. Gestern Nacht, da hatten sie einen Mann vom dritten Stock herab in den Hof geworfen, sie hatten die Wächter einer Automobilfabrik ermordet, sie hatten einen Schutzmann erschossen. Und so geschah es in jeder Nacht.
Oft auch dachte er an Christine, die ihn betrogen hatte. Dann saß er die ganze Nacht aufrecht.
7
An jedem Morgen – in diesen regnerischen Tagen war es noch völlig finster – erschienen die Massen der Arbeitslosen vor den Bureaus der Arbeitsnachweise. Es waren Scharen, Bataillone, Armeen, die die Straßen überfluteten. Jeden Morgen kamen sie fröstelnd und hustend auf ihren dunklen Löchern hervor, in die sie sich in den Nächten verkrochen. Ihre Schuhe waren zerweicht und zerrissen, die abgetragenen, zerfetzten Kleider feucht vom Regen. Viele trugen nicht einmal ein Hemd auf dem Leibe. Sie sahen fahl aus, schmutzig und ungepflegt, und manche krümmte der Husten bis zum Boden.
Da standen sie nun geduldig im Sprühregen, die roten Hände in den Hosentaschen, vertraten sich die Füße und warteten. Sie sprachen wenig. Nur einzelne schrien erregt, redeten von ihren hungernden Weibern und Kindern, fluchten und schimpften auf die Regierung, die Gewerkschaften, die Kapitalisten. Nach einer halben Stunde waren die Arbeitsnachweise schon wieder geschlossen, so gering war die Zahl der offenen Stellen.
Für heute war es vorbei, und so setzten sich die Bataillone der Unglücklichen wieder in Bewegung und zerstreuten sich über die tausend Straßen der Stadt, die sie müde, stumpfe Verzweiflung im Herzen, durchzogen. Was hatten sie verbrochen, daß sie verdammt waren, die müden Füße zwölf Stunden lang über das harte Pflaster zu schleppen?
Eine schwere wirtschaftliche Krise war über die Welt hereingebrochen. Die Märkte waren überfüllt. Die Speicher waren bis zum Bersten angefüllt mit Waren, die die Fabriken aller Kontinente ohne Pause ausspien. Bis tief hinauf den Yangtsekiang, den Amazonenstrom hatten die Schiffe die Waren getragen, bis tief hinein in die Kontinente der farbigen Völker. Die Händler saßen auf ihren Ballen und warteten. Erst wenn diese ungeheuren Lager der Welt anfingen, sich zu lichten, konnte eine Besserung erwartet werden.
Unterdessen lagen die Flotten der Handelsschiffe still in den Häfen. Die Kohlenberge der Zechen häuften sich zu Gebirgen, und täglich schwoll das Heer der Arbeitslosen mehr und mehr an.
Es schien fast ohne alle Aussicht. Tag für Tag, zwei Wochen lang, war Georg mit dem Morgengrauen vor den Arbeitsnachweisen erschienen. Ohne den geringsten Erfolg! Er runzelte die Stirn, seine Gedanken verwirrten sich. Oft schwankte er beim Gehen.
Er war nun genötigt, die Nächte häufig im Freien zu verbringen. Die Nächte waren zur Zeit noch nicht kalt, gottlob. Zufällig hatte er einen kleinen Platz entdeckt, der auffallend windgeschützt war. Hier kauerte er auf seiner Bank, in den Mantel gewickelt. Und auf anderen Bänken kauerten andere Schatten.
Die Automobile tuten, Gelächter, Geschrei, Zank. Liebespaare huschen durch die Schatten, Dirnen standen bei den Laternen, das Täschchen in der Hand. Es kamen Betrunkene, die laut vor sich hinsprachen. Nicht eine Sekunde kam die Stadt während der ganzen langen Nacht zur Ruhe. Und nun kam auch jener langsam knirschende Schritt wieder, den man von weitem schon erkannte. Dann hieß es aufstehen, gehen, um wiederzukehren, sobald der langsame Schritt in der Ferne verklang.
Wie eine Feuersbrunst lohte der Himmel über der schwarzen Stadt. In der Ferne, irgendwo, rauschten die Züge, bald hämmernd, sausend, bald nur feinklingend in der stillen Nacht.
In einem solch rauschenden Zuge war Georg vor zwei Jahren aus der kleinen thüringischen Provinzstadt nach Berlin gekommen, die Augen fiebernd von Träumen, das Herz berauscht von Hoffnungen. Berlin! Stadt der Kühnheit und des zähen Wollens, die Stätte seines Aufstiegs. Hier würde er seinen Weg machen, er fühlte es, als er auf dem Bahnhof aus dem überfüllten Abteil kroch. Diese Gewißheit blitzte aus den Bogenlampen, die so stark und mächtig flammten. Die Stimmen der Stadt, dröhnend und gewaltsam, schrien ihm diese Gewißheit entgegen. Die ganze erste Nacht war er durch diese Stadt gewandert, seinen Träumen hingegeben. Etwas wie Triumph lag in seinen Schritten, daß er diese Stadt erobern werde.
Hart war seine Jugend gewesen. Seine Mutter war eine Witwe, eine kleine fleißige Frau, die noch früher aufstand als die Hühner und noch spät in der Dunkelheit bei ihrer kleinen rußenden Lampe rumorte. Sie wusch, fegte und plättete in den Häusern, und mit ihren vom Munde abgesparten Pfennigen hatte sie seine Erziehung bestritten.
Mit sieben Jahren trug Georg die Morgensemmeln aus, mit acht setzte er im „Goldenen Engel“ des Abends die Kegel auf, bis er vor Müdigkeit umfiel. Hier arbeitete er zusammen mit Stobwasser, der noch nebenbei Chorsänger war. Aber von seinem vierzehnten Jahre an mußte er sein Brot ganz allein verdienen. Er machte Schreibarbeiten, zeichnete für einen Möbeltischler, malte ein Schild für einen Krämer, gab Nachhilfestunden. Um sechs Uhr morgens schon kam sein erster Schüler. Es war ein Mechaniker, der in die Baugewerkschule eintreten wollte und dem er die Elemente der Mathematik beibrachte. Am Nachmittag und am Abend unterrichtete er Mitschüler, die der Nachhilfe bedurften. An den Abenden und in den Nächten aber arbeitete er für sich selbst. Sein Traum war es, zu bauen: Museen mit unerhörten Sälen und Kuppeln, mächtige Rathäuser, Theater, riesenhafte Fabriken und Industrieanlagen – und seiner Mutter baute er ein schönes schlichtes Haus in einen Garten. Das war sein schönster Traum. Arme Mutter! Welche Entbehrungen! Während die Mitschüler in den Straßen spazieren gingen, mit Mädchen lachten, Ausflüge machten, Sport trieben, in der Kneipe sangen, saß er zu Hause bei der Arbeit. Während seine Kameraden leichtfertig in den Tag hineinlebten, fing er schon an, das Lachen zu verlernen, das er kaum kennengelernt hatte. Es gab an der Schule kleine Unterstützungen, Stipendien und Freitische. Georg war ein stets erfolgreicher Bewerber. Aber diese Unterstützungen verpflichteten zu einem besonderen Aufwand an Fleiß und Betragen, zu Katzbuckeleien und Danksagungen. Welche Demütigungen! Georg ertrug sie, still, ohne Auflehnung, nur dumpf bedrückt. Nur wenige Jahre, und die Stadt sollte erfahren, wer Georg Weidenbach war! Welch glühende Träume im Gehirn eines jungen Menschen, welche Ausschweifungen der Phantasie!
Und nun saß er hier auf der Bank, einsam in der großen Stadt. Er sah seine Mutter, wie sie in ihrer mit Backsteinen ausgelegten Küche bei der kleinen Lampe scheuerte und wusch, wie sie dann und wann aus der blauen Tasse einen Schluck ihres dünnen Kaffees trank, wie sie die faltigen Lippen dabei spitzte und die Augen zukniff. Er hatte ihr nichts von seinem Aufenthalt im Krankenhaus geschrieben. Sie durfte nicht wissen, wie es ihm ging. Er hatte ihr nur geschrieben, daß die Zeiten hier in Berlin schwer seien und daß man sich zur Zeit mit Hungerlöhnen begnügen müsse, so gering, daß er ihr leider nichts schicken könne.
Die Träume der Jugend kamen wieder, die Versuchungen des Ehrgeizes, während er in der langen Nacht auf der Bank kauerte, und sein Herz erbebte.
8
Mitten im Gedräng der Menschenmassen blieb Georg plötzlich stehen. Er runzelte die Stirn – dachte nach. Welcher Gedanke war ihm doch soeben durch den Kopf geschossen? Die Rettung. Ja, Stobwasser.
Vielleicht sollte er doch zu Stobwasser gehen?
Sie waren ja alte Freunde, seit den Tagen, da sie als Knaben im „Goldenen Engel“ die Kegel aufgesetzt hatten. Hatte Stobwasser ihn nicht aufgefordert, ihn zu besuchen, hatte er ihm nicht seine Kammer angeboten? Schon begann Georg dahin zu eilen, aber nach wenigen Schritten blieb er, außer Atem, wieder stehen. Er sah Stobwasser in der eisigen Werkstatt liegen, krank, fiebernd, ohne Mittel. Unmöglich konnte er ihm zur Last fallen.
Einige Tage später aber überwältigte ihn plötzlich die Mutlosigkeit, und er konnte der Versuchung nicht länger widerstehen. Es gab keine andere Rettung mehr. Zwei Stunden lang schleppte er sich nach dem Westen, bis er endlich, schwindelig und erschöpft, den Hof erreichte, in dem Stobwassers Werkstatt lag. Kläglich meckernd streckte die Ziege den Kopf aus ihrem Stall. Schon wollte er an Stobwassers Türe pochen: da hörte er drinnen eine Frauenstimme plaudern und lachen. Er schlich sich davon, es war wohl besser so. Er zitterte plötzlich, Schweiß bedeckte seine Stirn, als habe er ein Verbrechen begehen wollen.
Nein, es ging nicht gut mit ihm, er fühlte es selbst.
Er hatte jetzt schon das elende und verwahrloste Aussehen jener Verarmten bekommen, denen die Gutgekleideten, die noch einiges Mitgefühl haben, nicht gerne begegnen. Es gab viele, die den Anblick jener elend aussehenden Menschen, denen man auf Schritt und Tritt begegnete, nicht mehr ertragen. Nur die Stiernacken, die Feisten, die Krieg und Revolution prächtig überstanden hatten, waren nicht aus ihrer Bahn zu bringen. Mit eisigen und harten Blicken sahen sie mitten durch ihn hindurch, ohne ihn zu sehen. Andere rollten in ihren Autos vorüber, die sie von den Sesseln ihres Bureaus zu ihren Villen brachten. Sie blieben sogar vom Anblick der Elenden und den hündischen Blicken der Bettler verschont.
Plötzlich bemerkte Georg, daß er Blut spuckte. Ah, seht an, sagte er sich, ein Rückfall!
Aber bald beruhigte er sich, er war nicht der einzige, dem es so erging. Es waren viele, viele, da draußen im Osten, unter den Arbeitslosen und Armen litt jeder zehnte Mensch an diesem Übel.
In diesen Tagen, da sein Blick immer leerer wurde und sein Schritt immer müder, sah er einmal ganz plötzlich Katschinsky. Fast hätte er ihn übersehen. Es war in der Nähe des Anhalter Bahnhofs. Katschinsky kam mit einem jungen Manne aus einem Blumenladen und überschritt schnell die Straße, beladen mit einem Strauß gelber Rosen, um in ein Auto zu steigen. Er trug einen herrlichen mausgrauen Mantel und einen grauen Plüschhut. Der Geruch seiner Zigarette schwebte in der Luft.
Katschinsky hatte ihn mit einem Blick gestreift. Hatte er ihn erkannt? Ja, ja, o gewiß, er hatte ihn erkannt! Georg beobachtete, wie er nervös in den Wagen kroch.
In diesem Augenblick aber ereignete sich etwas ganz Unverständliches, etwas, was Georg, wenn er sich dessen erinnerte, nie begriff. Plötzlich sprang er mit zwei, drei wilden Schritten auf das Auto zu, um an die Scheibe zu klopfen. Aber der Wagen fuhr in dieser Sekunde ab. Gottlob.
Bleich vor Scham blieb Georg stehen. Er zerbiß sich die Lippe: so ging es nicht weiter, nicht einen Tag länger. Ein Entschluß, ein Entschluß!
Und wieder nahm er seine planlose Wanderung durch die Straßen auf. Da aber erwachte ein Gedanke in seinem Kopf. Weshalb war er nicht schon früher auf diesen Gedanken gekommen?
Er erinnerte sich plötzlich, daß er in einem Asyl für Obdachlose, wo er zuweilen übernachtete, einen kleinen, alten Bettler kennengelernt hatte, der, in eine Wolke von Schnapsdünsten eingehüllt, neben ihm kampierte. Dieser Bettler, ein „Zitterer“, der aus Gewohnheit zuweilen sogar im Asyl zitterte, hatte ihm von einer sagenhaften Firma, einem Großunternehmen erzählt, das Arbeitslose beschäftige. Diese Firma sollte sich in der Lindenstraße befinden, und das Haus wäre nicht zu verfehlen, da es in ein großes Gerüst eingehüllt sei.
„Dahin sollten Sie gehen,“ riet der Alte. „Für mich ist es nichts, aber für Sie ist es vielleicht etwas, junger Mann. Fragen Sie getrost nach einem Herrn Schellenberg. Den Namen sagte mir ein Bekannter. Ich ging also in den Neubau und fragte nach Herrn Schellenberg. Dieser Herr Schellenberg, nun, Glück muß der Mensch haben, kam zufällig die Treppe herunter. Was glauben Sie? Er schenkte mir sofort fünf Mark und befahl seinen jungen Leuten, mir Beschäftigung zu geben. Sie gaben mir eine Fahrkarte nach Nauen und sagten mir, da gehst du hin und meldest dich da und da.“
„Sind Sie hingegangen?“ hatte Georg geforscht.
„Ich? Was sind Sie denn für einer? Nein, das ist nichts für mich, ich bin zu alt dazu, die Stadt zu verlassen. Ich habe ganz einfach die Fahrkarte am Bahnhof verkauft.“
Es war eine merkwürdige Geschichte, so merkwürdig, daß Georg sie für eine Phantasie des Schnapses halten mußte. Aber jetzt, in diesem Augenblick, da er der Verzweiflung nahe war, sagte er sich plötzlich: Und doch? Vielleicht existiert diese sagenhafte Firma Schellenberg wirklich? Jedenfalls, was konnte es schaden, er konnte ja nachsehen, wie? Es kostete ja kein Geld! Er befand sich in dieser Minute beim Wittenbergplatz, und es war eine ziemlich weite Entfernung bis zur Lindenstraße.
Trotzdem beschloß Georg, sich augenblicklich, jetzt in dieser Sekunde noch, auf den Weg zu machen. Wenn es auch schon spät am Tage war, vorwärts. Und sofort begann er auszuschreiten.
Es war schon reichlich dunkel, nahezu sieben Uhr, als er, keuchend und in Schweiß gebadet, die Lindenstraße erreichte. Ja, nun hatte ihn wieder jegliche Hoffnung verlassen. Das Geschwätz eines Säufers.
Zu seiner größten Überraschung aber fand er tatsächlich ein Haus, das ganz in Gerüststangen eingehüllt war. Es roch nach Kalk und Nässe. Das Erdgeschoß war mit einer Bretterverschalung zugeschlagen, und darauf stand mit riesigen Buchstaben: „Arbeit! Wir geben euch Arbeit! Tretet sofort ein! Jede Auskunft!“
Das Haus war fast dunkel. Nur die obere Etage war hell erleuchtet.
Ein Pförtner trat aus der Loge und sagte mürrisch und übermüdet: „Bedaure, es ist geschlossen.“
In diesem Augenblick kam ein junger Mann in einem langen Arbeitskittel, wie ihn Architekten und Maler bei der Arbeit tragen, über den Korridor und warf einen Blick auf Georg. Dieser junge Mann war bereits im Begriff, in einer Tür zu verschwinden, blieb aber plötzlich stehen und sah Georg mitten ins Gesicht: dieses Gesicht war schneeweiß, die Augenhöhlen schiefergrau, und die Augen darin fieberten ohne Blick und Gedanken.
„Der Arbeitsnachweis ist bereits geschlossen, mein Herr,“ sagte der junge Mann und lächelte liebenswürdig. Er blickte zu Boden, dachte nach und winkte dann mit dem Kopfe. „Aber kommen Sie, wir wollen sehen, was ich für Sie tun kann. Schließen Sie das Tor ab,“ rief er dem Pförtner zu, „und lassen Sie niemand mehr herein, niemand, hören Sie!“ Und zu Georg gewandt, fuhr er fort: „Wir haben in den letzten Tagen fünftausend Leute angenommen und sind mehr als überfüllt. Wir haben keinen Pfennig Geld mehr, um auch noch einen einzigen Mann zu bezahlen. Aber treten Sie ein. Ich sehe, Sie sind leidend, und ich will sehen, was ich für Sie tun kann.“
Georg atmete auf. Seit Wochen hatte niemand mit ihm mit einer solch schlichten Freundlichkeit gesprochen wie dieser junge Mann.
„Ist es möglich, Herrn Schellenberg zu sprechen?“ wagte Georg zu fragen.
Der junge Mann sah ihn verwundert an. Er trat sogar einen kleinen Schritt zurück. „Herrn Schellenberg wollen Sie sprechen?“ sagte er leise, mit dem Ausdruck äußersten Erstaunens. „Haben Sie besondere persönliche Empfehlungen an Herrn Schellenberg?“
„Nein, nein,“ stotterte Georg.
Der junge Mann lächelte. „Es ist ganz unmöglich, Herrn Schellenberg zu sprechen, ganz unmöglich. Herr Schellenberg arbeitet sechzehn Stunden am Tag, und ich selbst, ich gehöre zum Komitee der Ärzte, kann ihn jede Woche nur fünf Minuten sprechen.“ Der junge Arzt sah Georg prüfend ins Gesicht und sagte nach einer Weile: „Gehen Sie in dieses Zimmer. Man wird Ihnen unsere Arbeitsbedingungen mitteilen. Leben Sie wohl und alles Gute!“
Georg las irgendein Formular, ohne es zu verstehen. Er war geneigt, Arbeit zu jeder Bedingung anzunehmen, und es konnte ihm völlig gleichgültig sein, was dieser Unternehmer Schellenberg bot. Man informierte ihn, daß er das Haus heute nicht mehr verlassen könne, und wies ihm eine Holzpritsche in einem langen Korridor an.
Es ist alles wie ein Wunder, sagte Georg zu sich, als er sich zerschlagen und fiebernd auf der Holzpritsche ausstreckte. Vielleicht träume ich, vielleicht ist es das Fieber? Vielleicht ist es das Ende? Plötzlich aber schlief er vor Erschöpfung ein.
Als er am Morgen erwachte, befand er sich zu seinem Erstaunen noch immer auf der gleichen Pritsche. Es war also kein Traum, keine Gaukelei des Fiebers gewesen. Man drückte ihm eine Eisenbahnfahrkarte in die Hand, mit der Weisung, sich da und dort, es war der Name einer kleinen Stadt in der Nähe Berlins, bei der Arbeitsstelle zu melden.
Georg bestieg den Zug, und als der Zug aus der Halle fuhr, beugte er sich weit hinaus, um diese Stadt nochmals zu sehen, durch die er wochenlang wie ein Hund, der seinen Herrn verlor, geirrt war.
Die Stadt dampfte. Es regnete noch immer. Wolken von Dampf stiegen aus der Stadt empor und hüllten ganze Viertel in dichten Dunst.
„Ich komme wieder!“ sagte Georg. Und – zu scheu, um in Wirklichkeit durch eine Geste seine Erregung zu verraten – breitete er in Gedanken die Arme gegen die Stadt aus. „Ich komme wieder, Christine!“
Und Christine, die irgendwo in diesem unendlichen Meer von steinernen Würfeln verborgen war, streckte ihm die Arme entgegen und erwiderte: „Ich warte auf dich. Komm! Ich liebe dich noch immer!“
Als der Zug die letzten Häuser der Stadt hinter sich ließ, rückte sich Georg auf der Holzbank zurecht, und eine Empfindung, die er lange nicht mehr gefühlt hatte, erfüllte sein Herz. Es schien ihm fast, als sei er glücklich. Trotz allem.
9
Die Brüder Schellenberg stammten aus Mecklenburg. Hier auf dem fetten mecklenburgischen Boden, in einer anmutigen, stillen, dünnbesiedelten Landschaft hatte sich vor zwanzig Jahren der Major Schellenberg das Gut Klein-Lücke gekauft, nachdem er seinen Abschied beim Regiment genommen hatte.
Der Major war ein großer Mann, breit, mit sehnigen, schweren Händen, die immer etwas rot waren, und einem kantigen, massiven Schädel. Er war früh ergraut und wurde schnell weiß. In seiner Jugend war er ein leichtlebiger Offizier gewesen, Spieler, unermüdlich im Dienst des Bacchus und der Venus, bis er sich eines Tages ganz plötzlich von der Gesellschaft übermütiger Freunde zurückzog. Irgend etwas hatte sich ereignet, er sprach nie darüber. Eine Frau? Das Schicksal einer der vielen? Wer weiß es? Er lebte fortan nur noch für den Dienst, und es fiel den Kameraden auf, daß er von Jahr zu Jahr schweigsamer wurde. Anfangs lächelte er über ihre Spöttereien, dann überhörte er sie, und schließlich ließ man ihn in Ruhe. Er war streng, gerecht, sein Lebenswandel ohne Tadel, das Muster eines Offiziers. In späteren Jahren war er leicht reizbar. Er neigte zum Jähzorn und war furchtbaren Zornesausbrüchen unterworfen, unter denen er mehr noch als seine Umgebung litt. Die Maßlosigkeit der Jugendjahre schien wieder durchzubrechen. Einen Knecht, der faul im Heu schlief, schlug er einmal mit der Hundepeitsche nahezu tot.
Das Gut des Majors, Klein-Lücke, war nicht groß, kaum vierhundert Morgen, aber es wurde musterhaft bewirtschaftet. Die Felder stachen gegen die Äcker der Nachbargüter derartig ab, daß man glauben konnte, der Boden sei vollkommen verschieden. Die Wagen standen in Reih’ und Glied, blitzblank alles Gerät, die Ordnung musterhaft. Wenn nur eine Schaufel am unrechten Ort stand, so begann die Stimme des Majors zu gellen. Die Ställe! Er liebte Pferde und Vieh leidenschaftlich.
Der Major sprach am Tage kaum zehn Worte. Selbst im Schelten war er wortkarg. Er redete in einer Art von Telegrammstil. Nach der Tagesarbeit zog er sich in seine Bibliothek zurück. Er besaß mehrere tausend Bände und pflegte bis spät in die Nacht zu lesen, während er langsam seinen Rotwein schlürfte und drei Zigarren rauchte. Nie mehr. Sein Spezialgebiet waren Werke über Napoleon, Cromwell, Bismarck, Friedrich den Großen, kurz über Menschen der Tat. Die schöne Literatur interessierte ihn überhaupt nicht. Oft las er die halbe Nacht durch, aber in früher Morgenstunde war er wieder auf dem Hof.
Eines Tages erwachte der Major mit einer leichten Lähmung des linken Armes und der linken Schulter. Der Knecht mußte ihn mit Franzbranntwein einreiben, und als das nichts half, befahl er ihm, ihn mit der Peitsche zu schlagen. „Schlag zu!“ schrie er. „Fester! Fester!“ Schließlich ging er an einem Stock. Es war nicht Rheuma, wie er angenommen hatte, es war eine Lähmung, die langsam aber stetig fortschritt.
Das Leiden verhinderte den Major, aktiv am Krieg teilzunehmen. Er verwünschte sein Dasein; ohne mit der Wimper zu zucken hätte er sein Leben für sein Land hingegeben. Während der Kriegsjahre war er nachsichtig gegen das Gesinde und fürsorglich für alle Familien. Er schlief nun fast nicht mehr. Große Karten lagen auf den Tischen in der Bibliothek ausgebreitet. Den Verlust des Krieges konnte er nicht verwinden. Er sprach nun überhaupt nicht mehr, zog sich völlig zurück und vernachlässigte sogar den Hof. Am Tage der Unterzeichnung des Friedens von Versailles schoß er sich eine Kugel durch den Kopf. Man hörte einen dumpfen Fall in der Bibliothek, mitten in der Nacht. Es war ein Laut, als falle ein Baum.
Eine Sekunde nach dem Fall wurde das Haus alarmiert durch ein verzweifeltes, hilfloses Weinen, als weine ein entsetztes Kind. Das war die Gattin des Majors. Sie hatte den dumpfen Fall gehört und wußte augenblicklich, was geschehen war.
Margarete Schellenberg war eine zarte, stille Frau, im Wesen völlig verschieden von ihrem Gatten. Sie war verträumt und ging durch die Wirklichkeit wie eine Schlafwandlerin. Sie zitierte Verse von Goethe und Heine und las Romane. Früher hatte sie auch gesungen – Schellenberg hatte sich in ihre süße Stimme verliebt. Sie sang auch jetzt noch zuweilen, mit einer kleinen, rührenden, etwas zittrigen Stimme. Das aber tat sie nur, wenn sie sich unbelauscht glaubte. Sie hatte die zartesten Hände und einen leisen, fast unhörbaren Gang. In den letzten Jahren hatte sie neben ihrem Gatten gelebt, fast ohne von ihm noch beachtet zu werden. Er sah sie kaum mehr, auch wenn er ihr bei Tisch gegenübersaß. Nach dem Tode des Majors verließ sie ihre Zimmer nicht mehr. Der Hof verfiel.
10
Die Brüder Schellenberg, Wenzel und Michael, hatten die Statur ihres Vaters.
Sie waren groß, breitschultrig und hatten denselben massiven, eckigen Schädel. Beiden war es eigentümlich, daß immer ein Lächeln auf ihren etwas derben, gebräunten Gesichtern lag, ein fast unsichtbares Lächeln, oft nur der Schimmer einer inneren Fröhlichkeit. Wenzel hatte die stahlgrauen, zuweilen etwas harten Augen des Vaters, während Michael die sanften braunen Augen der Mutter erbte. Allerdings ohne den goldenen Grundton, der die Augen der Mutter auszeichnete, als sie noch jung war, und der herrlich warm funkelte, wenn das Licht tief in die Augen fiel. Wenzel und Michael wuchsen wie junge Wölfe auf Klein-Lücke auf. Der Vater kümmerte sich kaum um sie, ihre Wildheit gefiel ihm. Die Mutter, verschüchtert und still, hatte nicht die Kraft, sie zu bändigen. Sie zitterte nur. Sie waren die wildesten Knaben, die man weit und breit finden konnte. Sie ritten zu zweit, ohne Sattel, auf einem Pferde, einem Hengst, den sonst niemand berühren durfte. Das Tier – sonderbar genug – ließ sich von ihnen alles gefallen. Es stand still, wenn einer der Knaben abstürzte. Sie kletterten auf die höchsten Bäume, sodaß die Mutter fast ohnmächtig wurde, wenn sie sie oben in den Wipfeln schwanken sah. Im Alter von zehn Jahren waren sie schon gewaltige Jäger. Sie jagten, was sie jagen konnten: Vögel, Eichhörnchen, Schlangen, Hasen. Damals lebte auf dem Hof ein Hund, ein Fleischerhund – genannt Isaak – groß wie ein Kalb, ein bissiges und übelgelauntes Tier. Mit diesem Hunde, dessen Augen gelb und böse blendeten und dem selbst der Knecht auswich, balgten sie sich auf der Erde, daß die Kleider in Fetzen gingen. Sie hatten Bogen, nahezu zwei Meter hoch, und schossen riesige Pfeile, die dreizöllige Nägel als Spitze trugen. Sie beschossen sich gegenseitig, und bei einem dieser Kriegsspiele erhielt der jüngere Michael einen Schuß in den Knöchel, der leicht fatale Folgen hätte haben können. Aber es ging gut ab. Seit dieser Zeit hinkte Michael ein wenig.
Mit zwölf Jahren kamen die beiden Knaben zur Schwester der Mutter in die Stadt. In dieser Stadt – einer kleinen Stadt Mecklenburgs – sah man sie auf den Dachfirsten reiten. Bei einem Eisgang trieben sie auf einer Eisscholle, mächtige Prügel schwingend, durch die ganze Stadt, zur Belustigung der Straßenjugend und zum Schrecken der Erwachsenen. Bei einer Brücke, wo sich das Eis staute, kletterten sie, gewandt wie Gemsen, über das Eis ans Ufer, um eine Viertelstunde später wieder auf einer Eisscholle, prügelschwingend, durch die Stadt zu treiben. Es waren richtige Teufel.
Der ältere, Wenzel, wurde Offizier. Der jüngere, Michael, wurde Landwirt und Chemiker.
Nach Beendigung seiner Studien arbeitete Michael einige Jahre in den Laboratorien der Deutschen Stickstoffwerke. Diese Laboratorien bildeten einen Komplex wie ein riesiges Hotel, und hier, inmitten des Luxus der wunderbarsten Apparate, fühlte sich Michael wie im Paradiese. Er war noch nicht dreiundzwanzig Jahre alt, als er ein Verfahren zur Herstellung von Harnstoff erfand, das fast um ein Drittel billiger war als die bekannten Methoden. Sein Name wurde in der Fachwelt bekannt. Die Deutschen Stickstoffwerke beeilten sich, die Erfindung zu erwerben, und auf diese Weise fiel dem jungen Mann eine jährliche Rente von beträchtlicher Höhe in den Schoß.
Michaels neue Methode zur Herstellung von Harnstoff sollte in dem großen Stickstoffwerk Logan am Rhein zuerst praktisch angewandt werden. Umbauten und Einrichtungen würden etwa sechs Monate Zeit beanspruchen. Michael befand sich aber kaum vierzehn Tage in Logan, als jene große Explosionskatastrophe eintrat, die noch in aller Erinnerung ist. Es flogen im ganzen fünfhundert Eisenbahnwaggons Stickstoff in die Luft, vierhundert Menschen wurden getötet, und ein großer Teil des etwa fünfzehn Kilometer langen Werkes von Logan wurde zerstört. Bei dem Explosionsherd entstand ein Loch, in das man eine fünfstöckige Mietskaserne ohne jede Schwierigkeit hätte unterbringen können.
Wie durch ein Wunder kam Michael bei der Katastrophe mit dem Leben davon. Er schlief im Junggesellenheim des Werkes und wurde am frühen Morgen, die Explosion ereignete sich bei der ersten Morgenschicht, aus dem Bett geschleudert. Im gleichen Augenblick schwankte das Haus und zerriß in zwei Teile. Mit einem verknitterten Schlafanzug bekleidet, erreichte Michael inmitten einer Lawine von Schutt das Freie. Was, um Himmelswillen, war geschehen? Er vermochte nicht zu denken, dann aber schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, daß die Stickstofflager explodiert sein müßten. Die Silos waren in die Luft gegangen! Mauern von Staub verdunkelten die Sonne. Die durch die Explosion zerrissenen Rohre und Röhren, die unter Druck standen, heulten infernalisch, und aus der Staubwolke stieg wie aus einem brodelnden Nebel eine rubinrote, glasige Stichflamme zum Himmel empor. Gestalten stürzten dahin, taumelnd, schreiend, schlugen mit dem Gesicht auf die Erde. Unaufhörlich folgten kleinere Explosionsschläge, und Felsblöcke, wie beim Ausbruch eines Vulkans, surrten heulend durch die Luft.
Die wenigen Überlebenden dieses Teiles des Loganwerkes erinnern sich heute noch an Michael, wie er augenblicklich handelte, dahin, dorthin eilte, um Verschüttete, die fürchterlich schrien, zu befreien. Dann sammelte er ein Häufchen verstörter Arbeiter um sich und disponierte. Und es fiel allen auf, mit welcher Klarheit er, dieser junge Mensch, der mit einer Kruste von Staub und Blut bedeckt in seinem Schlafanzug vor ihnen stand, seine Anordnungen gab.