Schwedenklees Erlebnis
von
Bernhard Kellermann
1923
S. Fischer / Verlag / Berlin
Erste bis zehnte Auflage
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung
Copyright 1923 by S. Fischer, Verlag A.-G., Berlin
Schwedenklees Erlebnis
1
Es gibt Menschen, die vom Glück geradezu verfolgt werden. Sie wachsen in angenehmen Verhältnissen auf, behütet von Eltern und Verwandten, ihre Gesundheit ist vorzüglich, sie sind begabt genug, um ohne besondere Anstrengungen und Qualen ihre Erziehung zu beenden. Sie haben gerade soviel Leidenschaftlichkeit, als dazu gehört, das Leben zu genießen, allen wirklichen Konflikten aber weichen sie instinktiv aus – oder weichen die Konflikte vor ihnen zurück? Was immer sie anpacken, gelingt, sie kommen nach Monte Carlo und setzen auf eine ganz unmögliche Nummer, schon schiebt ihnen der Croupier zur Verblüffung der ergrauten Serienspieler einen Haufen Banknoten zu. Aber sie, diese vom Schicksal Verwöhnten, finden das vollkommen in Ordnung, so sehr sind sie an die Ovationen des Glücks gewöhnt. Es kann vorkommen, daß solch ein Umschmeichelter einmal aufs Trockene gerät, schon wird ihm der Atem etwas kurz – aber da stirbt im rechten Augenblick irgendein Verwandter, den man völlig vergessen hatte ...
Wie fangen diese Auserwählten es an, daß das Glück ihnen wie ihr Schatten folgt? Tragen sie einen Talisman auf der Brust? Vielleicht die Konstellation der Gestirne –?
Wie kommt es, das ist die Antwort, daß ein Vogel als Papagei am Amazonenstrom zur Welt kommt, dem Paradies der Vögel, in einer Luft, schwirrend von Insekten, warm selbst in den kalten Jahreszeiten – und ein anderer Vogel wird als Sperling in einer Dachrinne Berlins oder Londons geboren, wo jeder Tag ein Problem ist und jeder Winter ein Kampf auf Leben und Tod?
Zu jener Klasse von Umschmeichelten gehörte ohne Zweifel der Architekt Philipp Schwedenklee. Schwedenklee war wohlhabend, ohne gerade ein Rothschild zu sein. Er konnte es sich jedenfalls, zum Beispiel, leisten, einer jungen Dame ein Paar der elegantesten Lackschuhe zu schenken, nur dafür, daß sie einen Abend mit ihm bei einer Flasche Wein verplauderte. Er besaß ein schönes Wohnhaus im alten Westen von Berlin, daneben einige große Bauplätze am Kurfürstendamm, auf denen seit Jahren Scharen von Möbelwagen standen. Diese Bauplätze verzinsten sich mit nur drei Prozent, aber ihr Wert hatte sich im Laufe der Jahre verdreißigfacht. Daneben besaß er ein Landgut in Mecklenburg – aber Schwedenklee kümmerte sich wenig um seine Reichtümer. Sie schimmerten beruhigend im Hintergrund seines Bewußtseins, genug.
Schwedenklee hatte sein Vermögen von seinem Vater geerbt. Der alte Schwedenklee hatte schon mit fünfzehn Jahren im Schweiße seines Angesichts die Maurerkelle geschwungen, zehn Stunden täglich. Mit fünfunddreißig heiratete er eine reiche Gastwirtstochter und wurde Bauunternehmer, und im Alter von fünfundvierzig hatte er bereits einen ganzen Straßenzug einer Provinzstadt in der Mark aufgebaut. Mit fünfzig kam er nach Berlin, und damals erwarb er das schöne Wohnhaus im alten Westen, etwas später, spottbillig, die Bauplätze, deren Wert sich seitdem verdreißigfacht hatte.
Die Begabung des alten Schwedenklee, aus Mauerflächen, Fenstern und Türen ein Haus zusammenzustellen – so sahen seine Bauten aus –, war verfeinert in das Blut des Sohnes übergegangen. Philipp Schwedenklee wurde Architekt. Er war über den Durchschnitt begabt, in der Sauberkeit und Reinheit seiner Zeichnungen übertraf er alle seine Kameraden. Er hatte auch kaum seine Studien beendet, als er sich schon auszeichnete.
Eines Tages nämlich veröffentlichte die kleine Stadt in der Mark, die der alte Schwedenklee zum Teil aufgebaut hatte, ein Preisausschreiben: Eine alte Apotheke sollte in ein kleines Provinzmuseum umgebaut werden. Der alte Schwedenklee machte seinen Sohn auf den Wettbewerb aufmerksam. Und siehe da, schon hatte Philipp Schwedenklee – unter vierzig Bewerbern! – das Preisausschreiben gewonnen. Nun aber zögerte der alte Schwedenklee nicht länger. Er übertrug seinem Sohn die Aufgabe, ihm die Pläne für eine Villa in Schmargendorf, wo er seine Tage zu beschließen gedachte, zu entwerfen. Die Villa war im Rohbau kaum fertig, als ein Nachbar, ein Ofenfabrikant, den jungen Schwedenklee ebenfalls mit dem Entwurf einer Villa beauftragte. Dann kam ein Gastwirt, bei dem der alte Schwedenklee zweimal in der Woche Kegel spielte. Dieser Gastwirt wollte sich vergrößern und wünschte die Entwürfe zu einem Tanzlokal, in einem ganz besonderen, heiteren Stil, mit chinesischen Anklängen. Philipp Schwedenklee aber lehnte diesen Auftrag ohne Umstände ab! Er wollte sich nicht verzetteln, denn, bei Gott, er hatte höhere Pläne, als Tanzlokale mit chinesischen Anklängen zu entwerfen. Der alte Schwedenklee stimmte ihm bei. Philipp reiste zur weiteren Ausbildung nach Italien, und von Italien nach Paris. Einige Jahre blieb er im Ausland. Er gab viel Geld aus, man hörte wenig von ihm. Einmal wurde erzählt, daß er in Paris wie ein wahrer Zigeuner lebe, daß er in sozialistischen, ja sogar anarchistischen Kreisen verkehre. Aber das war offenbar eine Verleumdung, denn er kehrte aus Paris sehr elegant und als ausgezeichneter Billardspieler zurück.
Philipp Schwedenklee nahm sofort fieberhaft den Umbau der Parterrewohnung in dem alten Haus im Westen in Angriff. Wände, Türen und Fenster riß er heraus, zuletzt stand nichts mehr auf dem alten Fleck. Ja, er wollte Berlin, dieser Kapitale des Kitsches, zeigen, was Architektur war! Umbau und Einrichtung dauerten über zwei Jahre: nun aber war jeder Raum, jedes Möbelstück genau nach seinem Geschmack! Führende Zeitschriften veröffentlichten Photographien von Schwedenklees Wohnung. Zusammen mit einem befreundeten Architekten baute er dann ein Riesenhaus am Kurfürstendamm, ein Palais mit Marmortreppen und Marmorsäulen, das großes Aufsehen erregte. Beinahe wäre das Unternehmen eine finanzielle Katastrophe geworden, aber nur beinahe! Die Kinematographie war eigens zu dem Zwecke erfunden worden, um Schwedenklee vor dem Ruin zu bewahren. Sein Palast wurde in ein Kino umgebaut und er verdiente Unsummen.
Schwedenklee wurde später in den Zeitungen noch als der Erbauer eines Elektrizitätswerkes voller Achtung genannt, er baute eine Reihe von Bureauhäusern und Villen. Dann hörte man nichts mehr von ihm. Seine Laufbahn als Architekt, die so verheißungsvoll begonnen, schien zu Ende zu sein.
Er hatte sich in seine Parterrewohnung zurückgezogen und arbeitete, wie verlautete, an einem Werke über Städtebau. Es hieß, daß er Berlin von Grund auf umbauen wolle! Dieses ganze Berlin war völlig falsch angelegt! Er verschob Straßenzüge, ganze Stadtviertel. Sollte jemals aus Berlin etwas werden, so mußte man seinen Schwerpunkt an die Flußläufe verlegen! Der Reiz anderer Großstädte – Paris, London, Neuyork – bestand darin, daß sie von den Flußläufen aus sich entwickelt hatten. Berlin hatte unglücklicherweise seinen Aufschwung in einer Zeit genommen, da die Frachten der Bahnen kaum höher waren als jene der wenig entwickelten Flußschiffahrt. Es hatte sich in die Sandwüste des Westens hinausgeschoben und das landschaftlich schönste Gelände untergeordneten Vororten überlassen. Nun er, Schwedenklee, würde jedenfalls versuchen zu retten, was zu retten war. Ganz besondere Aufmerksamkeit widmete er dem Wirrwarr der Berliner Verkehrsverhältnisse. Auch in dieser Hinsicht würde er eine Lösung finden.
Jahrelang beschäftigten Schwedenklee diese Probleme. Er tat geheimnisvoll – eines Tages würde er Berlin mit seinem Werke überraschen! Zuweilen schlug er sogar einen etwas überheblichen Ton an.
Der alte Schwedenklee jedenfalls erlebte die Veröffentlichung des Werkes nicht mehr.
2
Schwedenklee pflegte spät aufzustehen, da er häufig, wie er dem Mädchen sagte, bis „zum frühen Morgen“ arbeitete. Gegen zehn Uhr, wunderbar ausgeschlafen, ausgehöhlt vom Hunger, frühstückte er mit Genuß: Kaffee, Weißbrot, Honig, Butter, Schinken, Eier, abwechselnd gekocht und gebraten. Nach dem Frühstück zog er sich in die geheiligten Räume, Bibliothek und Arbeitszimmer, zurück, wo ihn niemand stören durfte. Hier legte er sich noch etwas auf die Ottomane und las ausführlich die Zeitungen – er war sogar auf die Frankfurter Zeitung abonniert, die dreimal täglich erscheint. Er arbeitete an seinen Zeichnungen, telephonierte, sah nach dem Wetter, schrieb einen Brief – schon war es zwölf Uhr geworden. Schwedenklee ging spazieren, um „das Leben zu betrachten“.
Ohne jeden Tadel, fast etwas auffallend elegant gekleidet, das zart gepuderte runde Kinn in den Pelzkragen gedrückt, in Schuhen der letzten Mode, schwang er sich dahin, mit der Miene eines Menschen, der sich seines Wertes wohl bewußt ist. Zuweilen erschien er auch – ohne jeden Anlaß – im glänzenden Zylinder. Sein rascher, etwas kecker Blick streift Mädchen und Frauen, während ein zufriedenes Lächeln seine vollen Lippen umspielt. Er beobachtet sich, wie er, etwas voll, durch den schwarzen Glanz der Spiegelscheiben schreitet – sein Pelzkragen, seine koketten Schuhe. Voller Genuß zieht er die Luft in die breite Brust. Eine anziehende junge Dame geht an ihm vorüber und Schwedenklee folgt ihr eine Weile in angemessener Entfernung, voller List, um sich keine Blöße zu geben. Einen Augenblick später sieht man ihn in einem Antiquitätengeschäft, eine kleine blaue Vase in den Händen.
Um zwei Uhr aß er zu Mittag. Er hatte das Glück gehabt, eine ausgezeichnete Köchin zu finden, ein Wunder von einer Kochkünstlerin: Augusta, die sein Hauswesen führte. Sie hatte nur den einen Fehler, daß sie zuweilen Weinkrämpfe bekam, die Küchendünste und das Stehen vor dem Herde hatten ihre Nerven ruiniert. Und er, Schwedenklee, der nichts so sehr haßte als Tränen! Aber schließlich ging es immer wieder vorüber. Vollkommen war ja nichts auf dieser Welt.
Schwedenklee liebte es, gut zu essen, und er machte gar kein Hehl daraus. Er hatte einen ausgezeichneten Appetit und einen noch besseren Magen. Sein Magen – lieber Himmel, was für einen Magen hatte Schwedenklee! Diese Veranlagung verdankte er seiner Mutter, Tochter eines Provinzwirts. Er konnte essen, so oft und so viel er wollte. Er konnte, für gewöhnlich war er mäßig, auch trinken, so viel es sein mußte. Wenn andere schon lallten, begann Schwedenklee erst zu tanzen! Diese Veranlagung verdankte er dem alten Schwedenklee, der Tag für Tag schon von sechs Uhr morgens an mit allen denkbaren Getränken den Kampf gegen den Baustaub aufgenommen hatte. Schwedenklee, es muß ausdrücklich betont werden, stammte nicht von wohlhabenden Eltern ab, die das Wohlleben schon verweichlicht hat, die ihren Kindern mit ihrem Gelde degenerierte Organe hinterlassen, o nein, er wuchs mit beiden Füßen direkt aus der Scholle. Seine Gesundheit war ausgezeichnet.
Nach Tisch schlief Schwedenklee bis vier Uhr, dann schlürfte er den Tee, während er sich über seine Zeichnungen beugte oder die Abendzeitungen las. Zuweilen spielte er auch in der Dämmerstunde Geige. In den letzten Jahren allerdings seltener. Schwedenklee war ein ganz ausgezeichneter Dilettant! Seine Eltern, vernarrt in den Knaben, hatten keine Ausgabe für seine Erziehung gescheut. Zwei Jahre lang hatte Schwedenklee jeden Mittwoch und Sonnabend mit einigen Musikschülern, die er sehr gut bezahlte, Quartett gespielt. Die Musik erschien ihm damals als das Herrlichste auf der Welt, herrlicher noch als die Frauen! In dieser Zeit hatte er sich sogar mit dem Gedanken beschäftigt, Geiger zu werden. Er vernachlässigte seine Projekte vollkommen – wie nebensächlich erschienen sie ihm doch! – und übte täglich mehrere Stunden. Er träumte, ganz im geheimen, davon, wie er im Konzertsaal erscheinen würde, umbrandet vom Beifall. Die Damen steigen auf die Stühle und schwingen die Taschentücher: Schwedenklee, Schwedenklee! Oft gab er sich diesen Ausschweifungen hin.
Indessen, die Quartettabende fielen schließlich ganz aus, die Geige ruhte in ihrem Kasten, nur zuweilen – wie gesagt – nahm er sie noch heraus, nicht ohne Sehnsucht, Inbrunst, Reue ...
Um sieben Uhr ging Schwedenklee wieder etwas an die frische Luft, um „das Leben zu betrachten“, um acht Uhr aß er zu Abend, mit Genuß und Appetit. Dann wusch er sich, polierte die Nägel und erschien heiter und strotzend von guter Laune in seinem Stammcafé in der Potsdamer Straße.
In den früheren Jahren noch hatte er häufig Theater und Konzerte besucht, in der letzten Zeit aber verbrachte er die Abende fast ausschließlich im Café.
Acht Jahre verkehrte er in diesem Café. Nach drei Jahren gab ihm der Oberkellner den Titel „Herr Baurat“. Nach fünf Jahren „Herr Oberbaurat“. Jedermann nannte ihn so, die Kellner, die Gäste. Also selbst seinen Titel hatte Schwedenklee ohne Mühe erworben! Wie lange Jahre sitzt mancher Beamte in einer Behörde, bis er einen solch herrlichen Titel wie „Oberbaurat“ erhält? Schwedenklee erhielt ihn vom Oberkellner eines Cafés in der Potsdamer Straße, und er war genau so gut, als ob ihn ein Ministerium verliehen hätte.
Schwedenklee war heute fünfundvierzig Jahre alt. Die Anstrengungen seines Berufes hatten ihn fast sämtliche Haare gekostet – nur im Nacken, der sich feist über den weißen Kragen schob, stand noch ein dünner fahlblonder Saum. Die Pflege, die er genoß, hatte ihm eine gewisse vornehme Wohlbeleibtheit verliehen. Seine Wangen waren rund und leuchtend rot wie die eines Prälaten. Das Kinn fett und glänzend. Was er tief beklagte, war, daß sich sein Bauch nur noch schlecht in der elegant geschnittenen Kleidung verbergen ließ. Mit bekümmerten Blicken beobachtete er sich oft im Spiegel.
Übrigens, sonderbar: Schwedenklees Augen – einst förmliche Lampen – schienen von Jahr zu Jahr kleiner zu werden. Wie war es nur möglich? Seit einiger Zeit sah er auch schlechter. Er war genötigt, beim Lesen eine Hornbrille zu tragen.
3
In den letzten Wochen allerdings war Schwedenklee, der immer Heitere, Strahlende, der Sieghafte, vom Glück Umschmeichelte, verändert. Er war zerstreut, nachdenklich. Nur noch selten waren seine lauten Lachsalven, die jedermann mit fortrissen, zu hören. Sprach man ihn unvermutet an, so öffnete er erschrocken und hilflos den Mund, oft gab er überhaupt keine Antwort. Allen Stammgästen des Cafés fiel die Veränderung auf.
„Der Herr Oberbaurat scheinen in der letzten Zeit nicht ganz wohl“, sagte der von schlaflosen Nächten bleiche Oberkellner, ein alter Wiener. Also selbst ihm fiel die Veränderung auf!
„Etwas abgearbeitet.“ Schwedenklee runzelte die Stirn.
„Ich habe gelesen, der Herr Oberbaurat haben einen Vortrag im Architektenhaus gehalten.“
Schwedenklee seufzte.
„Nichts als Plackereien, die nichts einbringen.“
Ja, so hatte man zu tun. Schwedenklee hatte über „Moderne Bahnhofsarchitektur“ gesprochen – ein ganzer Winter Arbeit!
Schwedenklees Stammcafé war scheinbar ein Café wie jedes andere. Ein altes Berliner Café mit Gold und Stuck, verräuchert, die Plüschsofas zusammengesessen, die Kellner in befleckten Fräcken und ausgetretenen Schuhen. Unten saß das gewöhnliche Publikum, Familien, Liebespaare, einsame Zeitungsleser. Eine vergoldete Treppe mit Plüschgeländer führte zu dem großen Billardsaal empor, wo sechs Billards standen, und erst wenn man den Billardsaal durchquert hatte, gelangte man in das Allerheiligste: das Spielzimmer! Hier waren von fünf Uhr nachmittags an bis zum grauenden Morgen einige Spieltische, umgeben von Kiebitzen, im Gange, und hier kannte ein Gast den andern. Ärzte, Rechtsanwälte, Kaufleute, ein Bassist von der Oper, ein bekannter Pianist und einige junge Herren, die keinen ausgesprochenen Beruf zu haben schienen. Die Karten wurden gemischt, die Zigarren qualmten, die Kellner flogen mit Kaffeegeschirr und Biergläsern hin und her. Einzelne der Stammgäste kamen hierher schon um fünf Uhr und blieben bis drei Uhr nachts. Andere kamen nach dem Essen, wie Schwedenklee, nach Schluß der Theater und Konzerte kam noch ein Trüppchen Nachzügler. Es wurde in Schichten gearbeitet, fieberhaft und ohne jede Pause.
Die Billardbälle knallten nebenan im Saal. Zuweilen verirrte sich sogar eine Dame mit ihrem Freund in den Billardsaal und einer der Spieler machte es bekannt.
„Haben Sie die hübsche Person im Billardsaal gesehen?“
Der eine oder der andere der Kartenspieler warf einen Blick durch die Tür, während die Karten neu gegeben wurden, oder er machte sogar rasch einen Gang durch den Saal, wenn es sich lohnte. „Eine verteufelt hübsche Person, und Augen hat sie!“
Aber es geschah nur sehr selten, daß eine Dame sich zu den Billards hinan verirrte. Sonst gab es im Spielzimmer keinerlei Ereignisse. Das Spielzimmer ignorierte Berlin und die große Welt, wie Berlin und die große Welt das Spielzimmer ignorierten. Nur flüchtig wurden besondere Ereignisse gestreift: ein Krieg irgendwo, ein Sensationsprozeß, ein Schneesturm, eine Stockung der elektrischen Bahnen – blitzschnell flogen die Karten über die grünbespannten fleckigen Tische.
Es gab sogar Stammgäste, die noch länger als Schwedenklee im Café verkehrten. Ein Rechtsanwalt war zwölf Jahre lang Stammgast, und der Bassist kam schon seit fünfzehn Jahren hierher. In den Sommermonaten zerflatterten die Gäste auf einige Wochen, aber es blieb doch immer ein Spieltisch wenigstens im Gange.
So also sah Schwedenklees Heim aus, wo er seine Abende verbrachte, anstatt Museen, Bahnhöfe und Kaufhäuser zu entwerfen, wie er es früher plante.
Schwedenklee spielte vorzüglich Karten! Er war als Gegner gefürchtet, als Partner gesucht. Er war frisch und gut ausgeruht, natürlich, während zum Beispiel die Rechtsanwälte und Ärzte, die schon seit acht Uhr morgens in den Gerichtssälen und Kliniken arbeiteten, manchmal vor Müdigkeit einschliefen, wenn die Karten gemischt wurden.
Zuweilen war man der Karten überdrüssig. Man machte ein Spiel auf dem großen Matchbillard, und der Kellner mußte das sorgfältig eingeschlossene Privatqueue Schwedenklees aus dem Schrank holen. Dann und wann auch spielte Schwedenklee mit dem Bassisten eine Partie Schach.
Gegen drei Uhr, vier Uhr morgens leerte sich das Spielzimmer, die letzten Kiebitze verließen den Kartentisch, und schließlich riefen auch die leidenschaftlichsten Spieler, dem Erschöpftsein nahe, nach dem Zahlkellner.
Schwedenklee blieb selten länger als bis zwei Uhr. Nur während einer ganz kurzen Periode hatte der Spielteufel so heftig von ihm Besitz ergriffen, daß er jede Nacht hindurch bis sechs Uhr morgens Bakkarat spielte. Doch das war schon einige Jahre her, und nicht er allein war schwach geworden, die sämtlichen Spieler hatte plötzlich eine Art Besessenheit befallen.
Um zwei ging Schwedenklee nach Hause, um tief und ohne Pause zu schlafen, ganz allein in einem großen zweischläfrigen Bett mit einem hellgrünen Seidenhimmel.
Schwedenklee war Junggeselle, natürlich. Über Frauen und Ehe hatte er seine ganz besonderen Ansichten!
Ein einziges Mal hatte er den Kopf so weit in der Schlinge, daß er das Schlimmste befürchtete! Es war die „furchtbarste Zeit seines Lebens“, wie er sagte. Er hatte sich mit einer hübschen Base eingelassen, nettes Gesichtchen, plapperte erfrischend, und die Sache war gerade deshalb so verzweifelt, weil die ganze Verwandtschaft, die er jahrelang völlig ignoriert hatte, dabei im Spiele war. Schwedenklee verlor den Appetit und verbrachte die Nächte ohne Schlaf. Er entwarf hundert Abschiedsbriefe, ohne den Mut zu haben, die Base zu verabschieden. Es war ja ganz unmöglich, ein so entzückendes Geschöpf bloßzustellen. Das Wunderbare ereignete sich in dieser Periode: Schwedenklee hielt der Braut die Treue, so schwer es ihm auch zuweilen wurde! „Eine herrliche Sache ist die Treue,“ pflegte er in dieser Zeit zu sagen, „aber sie kostet Nerven, mein Freund!“ Eines Tages aber übersandte das entzückende Geschöpf ihm einen Abschiedsbrief! Voller Zerknirschung und Tränen: sie hatte sich auf einer Bahnfahrt in einen Offizier verliebt.
Gott sei gelobt! Glück zu, Schwedenklee!
Ja, in der Tat, es war eine furchtbare Zeit!
Schwedenklee schlief prachtvoll unter seinem hellgrünen Seidenhimmel, obschon neben ihm noch recht gut Platz gewesen wäre.
Wie gesagt, aber in den letzten Tagen gefiel Schwedenklee den Kartenspielern nicht mehr! Wer sollte sich sonst um ihn kümmern, wenn nicht sie? Etwa Augusta? Nein, Augusta wich ihm aus, floh ihn direkt, wenn sie merkte, daß er in schlechter Laune war, mit Rücksicht auf ihre zerstörten Nerven. Augusta hatte nur beobachtet, daß eines Tages ein Brief mit einem schwarzen Trauerrand angekommen war, und Schwedenklee die Augen rollte. Die Kartenspieler aber, sie kannten ja jeden Zug in seinem feisten, leuchtenden Gesicht. Und wenn ein gewiegter Spieler wie Schwedenklee ein „angesagtes“ Solo verlor, soviele Buben, soviele Asse, Könige, Damen, eine Farbe blank – was sollte man dann sagen? Wie? Ja, nun war es offenbar, nicht mehr wegzuleugnen: etwas war bei Schwedenklee nicht in Ordnung!
Es entstand eine solch furchtbare Aufregung, daß man eine Runde aussetzte und die Kellner aus dem Billardsaal zusammenliefen.
Schwedenklee war sogar erbleicht, als das Solo so katastrophal zusammenbrach! In all den Jahren hatte niemand beobachtet, daß Schwedenklee erbleichte. Heute aber, in der Tat, war das Blut aus seinen roten Wangen gewichen, und seine Nasenspitze war für eine Sekunde schneeweiß geworden.
Es nützte Schwedenklee nichts, daß er seine bekannte Lachsalve losließ. Die Ärzte, die Notare blickten prüfend und argwöhnisch in sein Gesicht.
Schwedenklee hatte trotz der geheuchelten Heiterkeit immer noch einen verwirrten Gesichtsausdruck. Sein Blick war flackernd, nicht unbekümmert und etwas keck wie gewöhnlich. Nun errötete er sogar. Er tat, als schäme er sich, ein mit solch triumphierendem Lächeln angesagtes Solo verloren zu haben.
Die Erregung verflog. Die Kiebitze, die aufgesprungen waren, saßen wieder ruhig auf ihren Stühlen, der Wollust hingegeben, die Chancen des Spielers besser zu kennen als die einzelnen Spieler, die große Überraschung, die jede Sekunde offenbar werden mußte, schon lange vorher genießend. Hinter Schwedenklees breitem Rücken verschanzt saßen drei Kiebitze dicht nebeneinandergedrängt. Schwedenklees Spiel interessierte heute abend am meisten. Er erhielt eine große Karte nach der andern, er spielte nunmehr konzentriert, führte jedes Spiel in großem Stil durch und gewann. Er wurde rot, sooft er die Karte aufnahm: so wie heute hatte ihn das Glück noch nie umschmeichelt. Den Kiebitzen aber fiel es auf, daß er gepreßt atmete, sooft er ein großes Spiel gewonnen hatte.
Plötzlich aber – mitten in der Glücksserie! – zog er die Uhr und erhob sich ohne alle Umstände, zum Erstaunen der Spieler, zur Enttäuschung der erregten Kiebitze. Er entschuldigte sich hastig mit dringlichen Arbeiten. Sofort sprang ein anderer Spieler, der schon eine Stunde lauerte, für ihn ein. Der Pikkolo lief mit seinem Überzieher herbei.
Begleitet von einem der Kiebitze, dem bekannten Nervenarzt Wittmann, einer Kapazität, durchschritt Schwedenklee, in Gedanken versunken, das Billardzimmer. Und er erbleichte tatsächlich an diesem Abend zum zweitenmal! Es war heute wirklich alles wie verhext, es gibt solche Tage. Auf dem Mittagsspaziergang hatte er jene ganz in sich zusammengekrümmte Bettlerin auf der Potsdamer Brücke getroffen, die wie eine Verkünderin von Unheil an jenen Tagen auftauchte, da irgend etwas Unangenehmes sich ereignen würde. Nun dieses Gesicht! Es saß gegenüber der Tür des Spielzimmers im Billardsaal an einem kleinen Marmortischchen. Das Gesicht eines zermürbten, alternden, grauhaarigen Künstlers, eines völlig Hoffnungslosen, eines Bittstellers, fahl, mit dunkeln, fiebernden Augen, und diese Augen streiften seinen Blick scheu und tastend. Vielleicht hatte dieser Hoffnungslose, Hungrige voller Neid beobachtet, wie Schwedenklee seinen Kartengewinn in die Tasche steckte? Jedenfalls gehörte dieses Antlitz voller Gram und Elend zur Klasse jener Gesichter, die Schwedenklee fürchtete, denen er aus dem Wege ging. Sie verdarben ihm die gute Laune und riefen in ihm augenblicklich die tausend Unannehmlichkeiten wach, große und kleine, die ihm das Leben getrübt hatten.
„Sie sind nervös, Schwedenklee“, sagte der berühmte Nervenarzt, die Kapazität, mit einem mahnenden Blick hinter dem schiefsitzenden Kneifer. „Sie sollten etwas für Ihre Nerven tun. Die ganzen Tage fiel mir schon Ihr Wesen auf. Ich möchte fast vermuten, daß irgend etwas Außergewöhnliches – ich will nicht aufdringlich erscheinen ...“
Schwedenklee schlug den Pelzkragen hoch, um sein Frösteln – dieser Nervenarzt! – zu verbergen. Dann reckte er sich ein wenig und lachte laut heraus, während er stehen blieb. „Was soll ich haben?“ rief er etwas zu laut. „Bedenken Sie, schon morgens um sieben Uhr kommt ein falscher telephonischer Anruf. Ich hatte nachts gearbeitet und nur wenige Stunden geschlafen. Dann kommen allein am Vormittag drei unangenehme Besuche. Es ist ein Wahnsinn, in dieser Stadt zu leben!“
„Ja, dieses Berlin ist eine Hölle!“
„Eine völlig sinnlose Hölle – eine Hölle ohne jeden Scharm. Bedenken Sie dagegen, zum Beispiel, Paris, eine Hölle mit Reizen ...“
„Mit fürchterlichen Reizen, Schwedenklee! Vielleicht ist Swedenborgs Ansicht berechtigt, daß diese Erde überhaupt nichts anderes ist als eine Art Fegefeuer, eine Vorhölle ...?“
„Ja, Swedenborg.“
Schwedenklee gestand nicht ein, daß er diesen Namen heute zum erstenmal hörte.
„Oft scheint es mir, als ob diese Großstädte Exponenten der Swedenborgschen Hölle seien: riesenhafte Kloaken, in die Tag und Nacht, ohne Unterbrechung, der Schmutz rinnt, Bordelle, Mördergruben, infernalische Verneinungen des göttlichen Gedankens!“
Der kleine Arzt fröstelte.
„Ja, in der Tat, vielleicht leben wir mitten in der Hölle, ohne es zu wissen! Vielleicht sind all unsere Freunde, die jetzt da droben Karten spielen, nichts als Teufel, Gespenster, Verdammte, Verfluchte ...“ Bleich und erschöpft von der Stubenluft blinzelte der berühmte Nervenarzt in Schwedenklees rotes Gesicht.
Plötzlich lächelte Schwedenklee und streckte dem Arzt die Hand hin. „Hölle hin, Hölle her!“ rief er mit einem sieghaften Lächeln. „Das Leben ist doch schön! Gute Nacht, Doktor!“
„Trotzdem“ – der Arzt berührte wohlwollend Schwedenklees Ärmel – „sollten Sie sich etwas Ruhe gönnen. Gehen Sie doch in Ihre Villa an der Ostsee!“
„Jetzt, im April? Sie ahnen nicht, Doktor, wie entsetzlich kalt es da oben ist. Übrigens regnet es immer. Nein, danke herzlich!“
Schwedenklee stand und sah dem kleinen, unsicher gehenden Arzt, der Kapazität, betroffen nach. Welch eindringliche Ermahnungen! Und „Fegefeuer, Gespenster –“?
„Ja,“ sagte Schwedenklee, „vielleicht hat er sogar recht! Aber, was für eine Welt wäre das – ein Betrug, nichts sonst! Und doch –?“
In tiefes Nachdenken versunken ging er weiter. Es half nichts, daß er die vorübergehenden Frauen musterte, um sich zu zerstreuen. Ein Paar herrische, schöne Augen leuchteten aus der feuchten Dunkelheit der Bäume – vergebens.
Schwedenklee atmete die laue Luft ein, er blickte in das knospende Geäst der hohen Bäume empor, sah die Sterne durch das leichte, schillernde Gewölk am Himmel jagen – aber seine Gedanken wurden düsterer und düsterer. Immer schwerer wurde die Last auf seinem Herzen.
Endlich blieb er stehen und holte tief Atem.
„Ja,“ sagte er halblaut vor sich hin, „vielleicht sind wir in der Tat von Gespenstern umgeben und vielleicht ist es wahr, daß die Toten nach mir greifen!“ Und er nickte ein paarmal schwer mit dem Kopfe.
Wie? Schwedenklee?
Wie ist es möglich, daß gerade er, Schwedenklee, der immer gut Gelaunte, Strahlende, der vom Glück Umschmeichelte, von der Melancholie übermannt wird?
4
Beruhigend brennt die grüne Schirmlampe auf dem riesigen Diplomatenschreibtisch. Besänftigend blicken all die vertrauten Dinge des Arbeitszimmers. Dort die Büste der Nubierin. Sie lächelt vertraulich, fast etwas verschämt.
Schon scheint das Düstere nicht mehr so drohend.
In weichen gefütterten Hausschuhen gleitet Schwedenklee über den Teppich, sein Blick wandert über die Decke. Schwedenklee schüttelt abwehrend den Kopf. „Es ist ja alles Unsinn!“ sagt er zu sich. „Diese pathetische Phrase von den Toten – und auch das mit dem kalten Hauch!“
In der letzten Zeit war es ihm zuweilen gewesen, als ob ihm ein kalter Hauch ins Genick blase.
„Alles Unsinn! Es sind deine Nerven, mein Freund! Wie kann ein Brief, ein unsinniger Brief – ja, wie ist es nur möglich?“
Schwedenklee bleibt stehen und mustert entschlossen den riesigen Diplomatenschreibtisch. Plötzlich steuert er mit zwei, drei großen Schritten auf den Schreibtisch zu und zieht, etwas asthmatisch atmend, die unterste Schublade heraus.
Es ist das beste! Er war entschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen, da es sich als unmöglich herausstellte, darüber hinwegzugleiten. Es war feige, keine Worte, nicht nachzuforschen! Nein, heute hatte es ihm bei den Karten keine Ruhe mehr gelassen ...
Diese Schublade stellte er auf einen niedrigen Rauchtisch und betrachtete, schon wieder etwas mutlos, den Wust von Karten, Bildern, Briefen, Theaterzetteln. Sogar eine graue Seidenschleife befand sich darunter.
Schwedenklee warf sich in einen Sessel und streckte die Hand nach einem der vergilbten Briefe aus. Aber schon erhob er sich wieder. Er entkorkte eine Flasche Bordeaux und zündete sich umständlich – um Zeit zu gewinnen – eine Zigarre an.
„Eine von euch weilt also nicht mehr unter den Lebenden!“ sagte er laut, um sich Mut zu machen, und blies heftig in die Zigarre. Eine leise, aber nicht quälende, ja fast angenehme Trauer überkam ihn. Ja, es ist sonderbar, er fühlte sich sogar als eine gewissermaßen wichtige Persönlichkeit, weil eine jener Frauen, die er geliebt hatte, schon ins Reich der Schatten entwichen war.
„Und sie gedachte meiner noch in ihrer letzten Stunde!“ Wieder schwebte Schwedenklee in den gefütterten Hausschuhen hin und her. Dann aber warf er sich in den Sessel und griff entschlossen mitten in die vergilbten Briefe hinein.
Dieses graue Seidenband – o, so deutlich erinnerte er sich – vor Jahren schmückte es Lissis blonden lockeren Haarschopf. Und es fiel ihm ein: wie sie einmal unerwartet in sein Zimmer stürmte, es war im Winter, Schneegestöber. Ihr Pelz war dick mit Schnee bedeckt – und so, wie sie war, im beschneiten Pelz, schloß er sie in die Arme. Noch heute fühlte er die stechende Kälte der einzelnen Schneekristalle ... Und hier ist eine Karte von Lissi, aus Oberhof, Lissi im Skikostüm.
Nein, Lissi, die Heitere, war es gewiß nicht! Lissi kann nicht sterben! Sie saß jetzt irgendwo in Nizza oder Gardone in der Diele eines Hotels und blies lächelnd den Rauch der Zigarette in die Luft.
Schwedenklee zog einen vergilbten Brief aus der Lade und begann ihn mit hochgezogenen Brauen zu lesen. Er erinnerte sich an diesen Brief nicht mehr! Wie? Er erinnerte sich auch nicht, jemals auf der Rennbahn in Karlshorst gewesen zu sein? Der Brief war signiert: M. Z.? Wer war M. Z.? Vorwürfe, Beteuerungen, Verdächtigungen, Küsse – voller Interesse las er den Brief vom Anfang bis zum Ende.
Aber wie merkwürdig – und er erinnerte sich gar nicht mehr!
Schwedenklee schlug die Schenkel behaglich übereinander und machte es sich im Sessel bequem: Diese Briefe, diese Erinnerungen waren weder so langweilig, noch so erschreckend, noch so unangenehm, wie er es befürchtet hatte.
Wo mochte, zum Beispiel, jetzt diese Martha sein, die ihn Sonnabend ein Viertel vor acht im Foyer des Lessingtheaters erwartete? Sie hatte wohl einen kleinen Beamten geheiratet und schlief jetzt Seite an Seite mit ihrem Gatten. Breit und weich waren ihre Hüften, eine schneeweiße, etwas volle Büste hatte sie, und plötzlich erinnerte er sich an den Geruch ihres Körpers: süße, frischgemolkene Milch. Martha schwärmte fürs Theater, wöchentlich zweimal führte er sie aus. Dann soupierten sie irgendwo, um bei ihm noch eine Tasse Kaffee zu trinken. Nie hatte er eine bescheidenere, sanftere Frau gekannt.
„So geht das Leben dahin!“ sagte Schwedenklee und legte die Karte zur Seite.
Wer war Otti? Unmöglich, sich rasch an alles zu erinnern. Sie schrieb etwas von Halensee – ja, o richtig, es war Otti mit der Matrosenbluse! Eine zierliche Stenotypistin, mit der er vor Jahren eine kleine Liebelei unterhielt. Otti liebte es, in zweitklassigen Lokalen zu tanzen und sich den frechen Blicken der Männer preiszugeben, die sie erregten. Sie war eitel auf ihre Beine, edle, rassige Beine, glatt und hart wie Elfenbein, und diese Beine stellte sie gern zur Schau. Auf Zurufe antwortete sie mit seltener Schlagfertigkeit, wobei sie das Stupsnäschen keck in die Luft warf. Unaufhörlich wanderten die Blicke ihrer großen blassen Augen, unausgesetzt auf der Suche nach neuen Abenteuern, neuen Erregungen. Sobald aber er auch nur einen Seitenblick wagte –! Verwirrend süß, die Ungerechtigkeit der Frauen!
Ihre Lippen waren breit und weich, dachte Schwedenklee, und sie standen immer vor Erregung etwas offen. Ihre Brüste aber waren klein und spitz, die Knospen waren deutlich unter der Bluse zu erkennen und gerade darauf war Otti stolz.
„Hoffentlich aber haben wir Ottis Abschiedsbrief noch!“ Ja, er erinnerte sich jetzt plötzlich, daß sie ihm einen solch amüsanten Abschiedsbrief geschrieben hatte, seinerzeit, und er suchte ihn hastig in heiterster Laune.
Er hatte damals, als er mit dem Kompagnon das Haus am Kurfürstendamm baute, das ihn beinahe ruiniert hätte, Otti in sein Bureau genommen. Ein unverzeihlicher Fehler! Otti erschien, wann es ihr behagte, saß rauchend bald auf diesem, bald auf jenem Zeichentisch, kokettierte mit dem Kompagnon, zeigte allen Besuchern ihre schönen Beine – kurz und gut, er mußte, so leid es ihm tat, eines Tages ein offenes Wort mit ihr reden. Es gab eine schreckliche Szene, an die er sich jetzt voller Behagen erinnerte. Diese kleine Otti bebte vor Wut, und ehe er es sich versah, schlug sie ihm mit ihrer kleinen, festen Hand ins Gesicht. Ja, tatsächlich! Und dann schrieb sie ihm einen Brief, er entsann sich genau, einen äußerst drolligen Brief.
Hier ist er!
Laut auflachend las Schwedenklee diesen Brief.
Ja, sie, Otti, wußte es schon vom ersten Tage an, daß sein Wesen im Grunde genommen ordinär war, obgleich er sich immer so aufspiele. Und wie geizig er doch sei: welche Vorwürfe – ein Dutzend Seidenstrümpfe, zwei Paar Tanzschuhe, ein Sommerhut – nein, nicht geizig, einfach schmutzig war er! Ja, sie, Otti, würde wohl nicht so verrückt sein und ihm die tausend Mark, die er ihr geliehen hatte, zurückzahlen, nein, für so wahnsinnig werde er sie gewiß nicht halten. „Was die Ohrfeige betrifft,“ schloß Otti, „so wird es mir noch in meiner letzten Stunde eine Befriedigung sein, daß ich Dich in Dein hochmütiges, aufgeblasenes Gesicht geschlagen habe, auf das Du Dir so viel einbildest.“
Noch in ihrer letzten Stunde! Schwedenklee lachte so laut, daß er husten mußte und seine rote Zunge herausfuhr. „Auf deine Gesundheit, Otti!“
Schwedenklee hatte nie Mangel an Frauen gelitten. Er war wohl keine Schönheit, aber er war auch nicht häßlich, und wenn er lächelte – seine Lippen waren voll und schön geschwungen –, so erhielt sein Gesicht sogar einen angenehmen Ausdruck. Er war elegant und er hatte stets Geld. Er besaß eine schöne, behagliche Wohnung und er war gesund. In der Tat, Schwedenklee konnte den Frauen etwas bieten. Schon als Student hatte er vor den Kameraden einen nicht zu unterschätzenden Vorsprung gehabt. Er verstand es ja ebenso gut wie sie, schöne Worte zu machen und schlagfertig zu antworten, aber es reichte bei ihm noch etwas weiter: zu einem kleinen Blumenstrauß, zu einer Einladung in eine Konditorei – siehst du!
Schwedenklee wählte für gewöhnlich die Frauen aus der sozialen Schicht, die gerade etwas unter der seinen lag. Diese Frauen schienen ihm am umgänglichsten. Natürlich gab es auch Ausnahmen, und zuweilen mußte er alle seine Energie aufbieten, um sich nicht zu verlieren. Man denke an die Base!
Nein, nein, Schwedenklee hatte geschworen, seine Freiheit nie aufzugeben! Man konnte als Junggeselle tun und lassen, was man wollte. Willst du ein Theater besuchen, so gehst du, ziehst du im letzten Augenblick doch das Café vor, nun so wendest du noch im Foyer um. Du willst ein paar Tage reisen, gut, du reisest, du wählst Reisetag und Zug ganz nach deinem Belieben. Einmal verheiratet, ist es mit aller Freiheit vorbei. Jeder deiner Schritte wird beobachtet, wann du dich niederlegst, wann du aufstehst, alles. Deine Frau erkrankt, das Kind hustet, schon telephonierst du erschrocken nach dem Arzt. Es könnte ein Unglück geschehen – nein, daran wollte er gar nicht denken! Als er die Mutter verlor, war er ein leichtsinniger Student, der es nicht allzu schwer nahm – als sein Vater starb, war er schon gereift genug, um sich zu beherrschen. Es war sein letzter wirklicher Schmerz. Nein, nein, Schwedenklee hatte alles genau durchdacht, es war am besten so, wie es war, und damit genug! Er wollte keine Aufregungen, keine Spannungen, keine Qualen.
Konnte man – um nur etwas zu sagen – als Ehemann mitten in der Nacht in einem bequemen Sessel sitzen, bei einer Flasche Wein und einer Zigarre, und in alten Liebesbriefen und Erinnerungen wühlen?
Wie? Versuch’ es. Und dazu, solange man wollte, es konnte Morgen werden ...
Da war noch diese und jene Freundin – diese und andere, in Rom, in Paris, in Wien – alle zogen sie vorüber: jung, heiter, strahlend. Tanzfeste, Ausflüge, eine Reise im Schlafwagen, eine Dampferfahrt nach Kopenhagen, ein kleiner Abstecher ins Holländische ...
Alle diese Freundinnen gehörten mit wenigen Ausnahmen jener bequemen sozialen Schicht an, die um ein Etwas tiefer lag als Schwedenklees Gesellschaftsklasse. Es waren Stenotypistinnen, Modistinnen, Erzieherinnen, kleine Schauspielerinnen, Tänzerinnen, sogar eine Dame vom Varieté war dabei. Sie alle waren gierig nach dem Leben, wollten zuweilen in einem eleganten Restaurant dinieren, wie feine Damen, wollten zu einem Rennen fahren, im Auto über den Kurfürstendamm rollen, wollten eine Oper besuchen, um vor ihren Freundinnen damit prahlen zu können. Eine kleine Reise, lieber Himmel, wie wunderbar, ein Paar Sommerschuhchen mit Seidenstrümpfen, herrlich! Ein Ausflug aufs Land, mein Gott, sie wurden sofort um Jahre jünger, dreizehn, plapperten wie Kinder. Sie genossen jede Kleinigkeit, das Nichts selbst, diese guten Geschöpfe, schlürften, waren berauscht. Sie schrien vor Erregung, wenn das Pferd, auf das sie gesetzt hatten, mit einer vollen Länge in den Einlauf einbog, und zerbrachen den Sonnenschirm, wenn es knapp vor dem Ziel noch geschlagen wurde.
Es war nicht schwierig, ihre Bekanntschaft zu machen. Schwedenklee war, es ist die Wahrheit, in gewissem Sinne schüchtern, und das Herz schlug ihm im Halse vor jedem Abenteuer, aber es gelang fast immer. Schwieriger war es schon, sie, wie er es nannte, „in der rechten Distanz zu halten“. O, oft war es eine Kunst! Sie durften in ihren Gefühlen und Ansprüchen niemals eine gewisse Linie überschreiten, die Beziehungen mußten leicht und immer unverbindlich bleiben. Und doch lag es im Wesen dieser Sehnsüchtigen, diese Linie stündlich, in jeder Minute zu verletzen.
Das schwierigste aber war es, sie zu verabschieden! Ein unerfreuliches Kapitel. Wirkliches oder geheucheltes Erkalten der Empfindungen, eine vorgebliche Geschäftsreise, etwas Schauspielerei – und, wenn es sein mußte, sogar Härte! Es fiel Schwedenklee nicht leicht, Härte zu zeigen. Zorn, Tränen, verzweifelte Briefe, Drohungen. Nein, nicht immer ging es so leicht und einfach wie bei Otti, die einfach auf ihn einschlug und einen rasenden Brief schrieb.
Schwedenklee saß hingestreckt in dem bequemen Ledersessel, die Beine übereinandergeschlagen, die Zigarre im Mund, und sah zur Decke empor. Der Wein ging zur Neige, er war in eine warme, heitere Laune geraten. Die Stunden flogen. Lächelnd, träumerisch war Schwedenklees Miene.
Gestehen wir es nur, er hatte es verstanden, sein Leben zu genießen! Seine Freundinnen waren alle gute, liebe Geschöpfe gewesen, auch Otti natürlich, er hatte wenige, fast keine Enttäuschungen mit ihnen erlebt.
Sonderbar, er hatte sie fast alle vergessen! Er erinnerte sich kaum noch an ihr Aussehen, die Züge waren in seinem Gedächtnis verblaßt. Welche Farbe hatten, zum Beispiel, ihre Augen? Die Farbe der Haare war einigermaßen haften geblieben, ähnlich wie die Haare sich in den Gräbern am längsten erhalten, wenn alles andere längst vermodert ist. Einzelne hatten nicht den geringsten Eindruck hinterlassen, von anderen wußte er nur, daß sie groß oder daß sie klein und zierlich waren. Von Otti hatte er am klarsten die Matrosenbluse in Erinnerung und, wie gesagt, die herrlichen Beine. Von einer Tänzerin wußte er noch, daß sie hohe Straßenstiefelchen trug, aus einem Leder wie graue rauhe Glacéhandschuhe. Von einer Französin war kaum mehr in seinem Gedächtnis verblieben, als daß sie einen Bleistift mit den nackten Zehen hochheben konnte.
Für eine gewisse Ellen, eine Schauspielerin, hatte er fortwährend Villen und Landhäuser entwerfen müssen, mit einem Schwimmbassin, das in ein Palmenhaus eingebaut war. Er erinnerte sich an Ellens zarte Fingerspitzen, die leise bebten, wenn sie ihn berührte. Diese Ellen errötete leicht und sehr merkwürdig. Ihre Haut war sehr zart, und die Röte überflog ganz unvermittelt wie ein Gluthauch ihr Gesicht und bedeckte auch Hals und Nacken. Nichts sonst fiel ihm in dieser Sekunde von Ellen ein.
Eine andere quälte ihn eifersüchtig, und ihre schwarzen Augen funkelten. Die Tänzerin sah er vor sich, wie sie im Varieté auftrat, abwechselnd kalkgrün und korallenrot beleuchtet. Ihre Züge waren ihm entfallen, aber er erinnerte sich, daß sie beim Souper nach dem Theater immer noch etwas Farbe von der Schminke um die Augenlider hatte. Das sah ungeheuer interessant aus.
Berta mit dem pechschwarzen, schnurgeraden Scheitel hatte die Unart an sich, in den Restaurants unbemerkt kleine Brotkugeln nach den Nachbartischen zu werfen. Sie trug eine Narbe von einer Blinddarmoperation am Leibe, und diese silbrige Narbe sah er ganz scharf vor sich. Die Dame vom Varieté, die er bald verabschiedete, weil sie täglich größere Ansprüche stellte, liebte es, eine schwermütige Miene anzunehmen, während sie ihn mit ihren glasig-glänzenden braunen Tieraugen ansah, um dann seufzend zu lächeln und ihr herrliches Gebiß zu zeigen.
Hier, siehst du, Schwedenklee, ist ein kleines, von schwarzen Haaren umflattertes Gesichtchen, das große Tränen in den schönen Augen hat. Und hier, Schwedenklee, da ist sie, wie hieß sie doch gleich, sie konnte so wunderbar lachen! Sie war eine Virtuosin im Lachen, sie steckte die Nachbartische an, sie gab Gastspiele im Lachen – ach Gott, wie hieß sie denn? Sie ging von dir zu einem Karikaturenzeichner über, der sie dann hundertmal zeichnete, in allen Witzblättern war sie zu sehen. Es wird ihr wohl nicht schlecht ergangen sein – wir wünschen es ihr.
Und da: Hanny im Schlafwagen – mit der kleinen blauseidenen Nachthaube ...
Schwedenklee saß und träumte. Er war so tief in Gedanken versunken, daß er regungslos zur Decke blickte und in der Tat mehr schlief als wachte. Aus seinem vollen, satten Gesicht stieg kerzengerade der Rauch der Zigarre.
Die Gesichte glitten ineinander; ein Rücken wie aus frischgefallenem Schnee geformt, ein Haarschopf, der im Nacken funkelt, rasche, flüchtende nackte Füße, ein Knie, wie aus der Hand Rodins, zitternde Hände, die das Haar aufstecken ...
Sonderbar! Schwedenklee sah fast keine seiner Freundinnen wieder, sobald er sich von ihnen getrennt hatte. Berlin verschlang sie, die Welt, das große Leben verschlang sie, ohne daß sie je wieder auftauchten. Sie verwehten wie die Blätter im Walde.
Schwedenklee sitzt inmitten einer Wolke von Träumen, der Zauber versunkener Herrlichkeiten hat ihn gebannt. Das Leben! Gab es etwas Wunderbareres als dieses verwirrende, unverständliche, dreimal verfluchte, dreimal gepriesene Leben? Er lächelt, und sein Lächeln verändert sich nicht mehr. Er ist glücklich.
5
„Aber Rosa?“
Plötzlich sprang Schwedenklee auf und ging mit erregten Schritten in den gefütterten Hausschuhen hin und her. Es war schon zwei Uhr morgens. Erst in diesem Augenblick war ihm wieder eingefallen, aus welchem Anlaß er nach den verblaßten Briefen gegriffen hatte.
„Aber Rosa? Wer ist diese Rosa?“
Unter all den Frauen gab es ja keine Rosa weit und breit! Wer war also diese Rosa, von der ihm dieser Unbekannte geschrieben hatte?
Geschrieben hatte –? Also hatte Augusta, die sonst wenig scharf beobachtete, doch recht, daß ein Brief – irgendein sonderbarer Brief – die Veränderung in Schwedenklees Laune hervorgerufen hatte!
„Wie kommt dieser Unglückselige überhaupt dazu, mir, einem Unbekannten, zu schreiben?“ fuhr Schwedenklee fast drohend fort.
In großer, ja förmlich unbegreiflicher, krankhafter Erregung eilte Schwedenklee im Zimmer auf und ab.
„Wie kommt dieser Unbekannte dazu?“
„Vielleicht aber hat diesen Unglückseligen der Verlust seiner Gattin um den Verstand gebracht – wie?“
„Rosa? Rosa? Aber, zum Satan, es gibt ja keine Rosa!“
„Vielleicht habe ich sie einmal gekannt, möglich – ganz flüchtig, vielleicht gab sie einen falschen Namen an – alles ist möglich!“
„Möglich, ja, natürlich! Was sollte sie dann aber bewegen, sich nach Jahren, in der Stunde ihres Todes, meiner zu erinnern –?“
Ja, unbegreiflich, unverständlich, ganz unerklärlich!
„Oder –?“ Schwedenklee blieb mit einem triumphierenden Lächeln stehen.
O ja! Auch das war recht gut denkbar!
Vielleicht war dieser Unglückselige gar kein fassungsloser Ehemann, der seine Frau betrauerte? Wie? Vielleicht war er nicht mehr und nicht weniger als ein Schwindler, der einen Pumpversuch schlau einleitete? Ein Erpresser? Schwedenklee war geneigt, sich wegen seines Scharfsinns selbst zu bewundern. „Man braucht nur die Zeitungen zu öffnen, beim großen Gott, welche Sorte von Spitzbuben haust in diesem Berlin! Sie simulieren epileptische Anfälle in der Untergrundbahn, um die mitleidigen Reisenden ungestört ausplündern zu können – sie verfallen auf die unmöglichsten Dinge! Ein Freund übersendet dir ein Billett zur Oper, du gehst hin, und unterdessen plündern sie dir die Wohnung aus.“
„Nein, mein Freund, du bist an den Unrechten gekommen. So einfach ist die Sache mit mir nicht!“ rief Schwedenklee mit überlegenem Lächeln aus. Aber schon klang sein Lachen wieder unsicher, schon wurde er wieder nachdenklich.
Der Ton dieser Briefe! Denn Schwedenklee hatte ja nicht einen, er hatte eine Reihe von Briefen erhalten – seit Wochen erhielt er Briefe! Und diese Briefe waren es ja, die in der letzten Zeit seinen Gemütszustand so sehr beeinflußten. Der Ton dieser Briefe war ohne Zweifel – echt!
„Prüfen wir, überlegen wir,“ rief Schwedenklee eifrig, schon etwas berauscht – „weshalb diese unsinnige Beunruhigung? Wir werden, wenn es nicht anders geht, den Unglückseligen selbst aufsuchen. Ja, selbst, das wird das allerbeste sein!“
In dieser Minute war Schwedenklee außergewöhnlich mutig und entschlossen. Er kam sich in seiner Entschlossenheit fast verwegen vor – beinahe wie Don Juan, der mitten in der Nacht im Friedhof das Standbild des Comturs zu Tische lädt.
„Gehen wir der Sache auf den Grund!“
Aus einem Winkel der Bibliothek zog er einen Stoß Briefe hervor.
Fast überkam ihn wieder Kleinmut. Wozu schließlich? Was kümmerte ihn das Schicksal dieses Unbekannten?
Schwedenklee hatte diese Briefe nie richtig gelesen – nur durchflogen, unwillig, ungehalten – und doch im Tiefsten, ohne ersichtlichen Grund! erschrocken. Drohung des Schicksals ging von diesen Blättern aus und dumpfe Traurigkeit. Sie rochen nach welken Kränzen, und diesen Geruch hatte er noch deutlich in der Erinnerung von der Beerdigung des alten Schwedenklee her. Er haßte diesen Geruch von Moder, er haßte diese Kränze in den Blumengeschäften, mit den Aufschriften in bleicher Silberschrift auf den schwarzen Seidenbändern. Er schloß sogar die Augen, wenn er an einem jener Geschäfte mit den häßlichen plumpen Särgen vorbeiging, deren öffentliche Ausstellung die Polizei, die sich sonst in alles mischt, verbieten sollte. Diese Särge waren in der Tat solch unglaubliche Monstrositäten, daß Schwedenklee sich einmal die Mühe genommen hatte, einige Särge zu entwerfen, die nobel und würdig aussahen, wie sie eigentlich sein sollten. Er haßte wie gesagt alles, was mit dem Tode und den Zeremonien der Bestattung zusammenhing. Vor zwei Jahren war einer der Kartenspieler gestorben, der Doktor Helm, ein Landgerichtsrat, ein sympathischer Mann – einige der Spieler waren zur Beerdigung gegangen, aber Schwedenklee hatte sich wohl gehütet.
Er liebte es nicht, an den Tod zu denken, nein, ganz im Gegenteil, diese Gedanken haßte er! Manchmal erwachte er mitten in der Nacht und mußte daran denken, daß auch er einmal sterben mußte! Diese entsetzliche Stunde wird kommen, so sicher wie etwas – er sah sich liegen, er röchelte noch, eine Pflegerin stand am Bett mit einer Kompresse. Oh, es konnte auch ganz anders sein! Zum Beispiel, ein Autobus konnte ihn auf der Potsdamer Straße zermalmen. Diese Gedanken folterten ihn zuweilen derart, daß er Licht machen mußte. Und doch, die Menschen lebten dahin, lachten, rauchten Zigarren, spielten Billard, tanzten – unbegreiflich!
Aus all diesen Gründen machte er sich hart und gefühllos gegen das Geschick dieses Unglücklichen, den der Schmerz gezwungen hatte, an ihn, Schwedenklee, zu schreiben.
„Nun wohl“, sagte Schwedenklee und setzte sich, ergeben in sein Schicksal, zurecht. „Dieser hier, ohne Trauerrand, war der erste!“
Schwedenklee holte tief Atem.
„Mein Herr!“ Schon diese fahrige Schrift, diese Gespenster von Buchstaben! „Ich fühle mich gedrängt, Ihnen mitzuteilen, daß eine Frau, die wir beide geliebt haben – heute abend nach langem Krankenlager zur ewigen Ruhe heimgegangen ist. Das edelste Frauenherz hat aufgehört zu schlagen. Rosa hielt ein Leben lang die Freundschaft, die sie einst mit Ihnen verband, hoch in Ehren. Es wird Ihnen gewiß ein Bedürfnis sein, der edlen Verblichenen die letzte Ehre zu erweisen. Die Beisetzung findet am Freitag, den 21., statt ... In tiefstem Schmerz – Edgar Blank, ehemaliger Hofopernsänger.“
Schwedenklee las den Brief mit fast der gleichen Verwunderung, Verblüffung, dem gleichen leisen Grauen, wie vor Wochen, da er ihn erhalten hatte. In einer Art von leichter Lähmung hielt ihn der Sessel fest.
Was sagt man dazu? Er war natürlich nicht zur Beerdigung gegangen, wie sollte es ihm in den Sinn kommen – eine ihm völlig Unbekannte! Als er seinen Vater begraben hatte, hatte er sich geschworen, nie mehr einer solchen Zeremonie beizuwohnen, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ. Unvergeßlich war ihm dieser schreckliche Vormittag. Der alte Schwedenklee ließ sich verbrennen. Im Krematorium warteten schon mehrere Parteien, und Schwedenklee geriet, noch heute empfand er die Peinlichkeit, zuerst in eine falsche Gruppe von Seidenhüten. Alle hatten Eile. Dann sank der Sarg in die Versenkung. Der alte Schwedenklee hatte noch im Alter den typischen Kopf eines Maurers gehabt, mit etwas zu langem Schnurrbart, etwas abstehenden Ohren und verwittertem Gesicht. Als der Sarg sank, verwandelte sich, so schien es Schwedenklee, der ganze Sarg in den Kopf des Vaters. Schwedenklee jagte voller Schrecken nach Hause, und noch heute sah er, wie der langsam sinkende Sarg sich in den Kopf des Vaters verwandelte, noch heute hörte er das fürchterliche kalte Klirren der sich schließenden Eisenplatten.
Der zweite Brief des Unglücklichen schilderte ausführlich die Beerdigung der Unbekannten. „Wir haben heute Rosa zu Grabe getragen. Sie sind nicht gekommen! Es hätte die Tote geehrt. Aber vielleicht sind Sie gar nicht in Berlin. Vielleicht hat mein erster Brief Sie überhaupt nicht erreicht! Wir waren nur zwei im Trauergefolge, von den Trägern abgesehen. Ein jämmerliches Trauergefolge – und doch jubelten Rosa früher auf der Bühne Tausende zu – vergessen und einsam ging sie zur Ruhe, und selbst Sie, den sie ihren Freund nannte, sind nicht gekommen ...“
Diesen Brief hatte Schwedenklee vor Wochen, als er ihn empfing, entsetzt zur Seite gelegt, ohne ihn zu Ende zu lesen. Der Briefschreiber verlor sich selbstquälerisch in all die traurigen Einzelheiten: der Regen, der Schmutz, die Grabsteine, der Trott der Sargträger, das lehmige Grab –.
„– ich schäme mich nicht, Ihnen zu bekennen, daß mich der Schmerz übermannte, als der Sarg hinabglitt. Ich schrie und fiel zu Boden ...“
Schwedenklee war erbleicht und wischte sich die Stirn ab. Er ging auf und ab in seinen weichen Schuhen und suchte Beruhigung bei einer neuen Zigarre. Man durfte nicht vergessen, daß ein Unglücklicher diesen Brief schrieb!
Aber Rosa? Ja, bei Gott, wer sollte –?
Vielleicht war es ein Mißverständnis, eine Verwechselung –? Aber nein, nein, in einem der Briefe schrieb der Unglückliche, daß Rosa mit Schwedenklee in dem und dem Jahre in Paris zusammengetroffen sei. Er, Schwedenklee, habe damals im Hotel Panthéon gewohnt. Alles stimmte.
In einem der zuletzt eingetroffenen Briefe drückte der Unbekannte seine Verwunderung darüber aus, daß Schwedenklee sich in Stillschweigen hülle. „Ich habe mir in meinem letzten Brief“, schrieb er, „die Freiheit genommen, anzudeuten, daß ich glücklich wäre – so weit ich es in dieser Zeit sein kann – wenn ich Sie aufsuchen dürfte. Ich habe zwei Wochen vergebens gewartet. Sie zögern, aus welchem Grund? Ich weiß, daß Sie in Berlin sind. Vielleicht erscheine ich aufdringlich. Befürchten Sie nichts. Ich befinde mich in tiefer Not, ich bin ein Bettler, aber nichts läge mir ferner, als Rosas freundschaftliche Beziehung zu Ihnen zu beflecken. Was ich wünsche, ist, einen Menschen zu sprechen, der Rosa kannte, den Rosa liebte – ich wiederhole: liebte!“
Schwedenklee schüttelte den Kopf. Immer wirrer, dunkler schien das Labyrinth. Ein Unglücklicher wollte sich in seinem Schmerze an ihm aufrichten!
Den Rosa liebte –? War es möglich, daß eine der vielen, die durch sein Leben gegangen waren, noch nach zwanzig Jahren seiner gedachte? Daß eine der vielen, die er „in der nötigen Distanz hielt“, für ihn eine wirkliche Liebe empfunden haben sollte?
„Ich werde ihn besuchen“, beschloß Schwedenklee mit feierlichem Ernst. „Morgen – und wenn es morgen nicht geht, spätestens übermorgen.“ Er war plötzlich von schwerer Müdigkeit überwältigt worden. Der Wein, die Zigarren ...
Fast augenblicklich schlief Schwedenklee hinter den hellgrünen Seidenvorhängen ein.
6
Schwedenklee hatte in dieser Nacht verworrene, aber angenehme Träume: Fremde, phantastische Landschaften, transparente Wälder, glühende Meere, fremde, bezaubernd schöne Städte, unwirklich, wie aus Alabaster geschnitten, sonderbare Begegnungen, seltsame Abenteuer, Frauen, bekannte und fremde, eigenartig, aber alle in Tun und Gefühl nach ihm, Schwedenklee, strebend. Er war umdrängt von Zuneigung, von Bewunderung, von Liebe, es war ein großer und einziger Reichtum, man verschwendete sich an ihn. Er genoß diese Bevorzugung, sie schien ihm selbstverständlich, und gerade der Umstand, daß sie selbstverständlich schien, erfüllte seine Seele mit Ruhe und Heiterkeit.
Trotz der angenehmen Träume erwachte Schwedenklee spät am Morgen in gereizter Laune und mit schmerzenden Schläfen. Er nahm sein Bad, und von der Badewanne aus gab er das dreimalige Klingelzeichen zum Frühstück, so scharf und hart, daß Augusta genau wußte, woran sie war. In grau- und weißgestreiftem seidenen Pyjama betrat Schwedenklee das Speisezimmer. Beschwörend hatte Augusta den Frühstückstisch gedeckt: Lachs und Appetitsild, Oliven und gekochte Eier.
Schwedenklee näherte sich dem Tisch mit gerunzelten Brauen. Ein Brief! Wieder ein Brief mit den Gespensterbuchstaben! Mit zitternder Hand nahm ihn Schwedenklee auf.
„Sie verschmähen es, mir zu antworten. Sie ahnen wohl kaum, daß ich Ihnen unter Umständen Mitteilungen machen könnte, die für Sie von Wichtigkeit wären. Ich werde mir die Freiheit nehmen, bei Ihnen anzurufen, und hoffe, daß Sie einer Begegnung nicht länger ausweichen.“
Schwedenklee war an diesem Morgen schonungsbedürftig. Er hatte in der Nacht eine Flasche schweren Bordeaux getrunken – hingerissen von den Erinnerungen, er hatte ein halbes Dutzend Zigarren geraucht. Er war übernächtig, abgespannt, und seine Schläfe schmerzten.
Ohne zu denken, ohne die Herrlichkeiten des Frühstückstisches zu beachten: Lachs, Appetitsild, Oliven, stürzte er an den Schreibtisch und schrieb mit wütender Hand, ihn endlich gefälligst mit diesen sinnlosen Zuschriften verschonen zu wollen. „Sie mögen der Ansicht sein, daß Sie mir wichtige Mitteilungen zu machen haben, behalten Sie diese Mitteilungen für sich, ich lege nicht den geringsten Wert darauf.“
Fort, Rohrpost – augenblicklich!
Augusta zitterte, sie hatte ihren Gebieter nie mit solch zornrotem Gesicht gesehen.
„Das überschreitet doch alle Grenzen!“ schrie Schwedenklee wütend.
„Welche unverschämte Zudringlichkeit! Besuchen, habe ich gesagt, ich will ihn besuchen? – Aber ich bin doch kein Narr!“
Nun, nachdem er seinem Herzen Luft gemacht hatte, schmeckten all die Leckerbissen des Frühstückstisches plötzlich wunderbar. Der Ärger verflog, und Schwedenklee vertiefte sich in die Zeitung.
Sein Unmut verrauchte vollends. Der Ausbruch von Raserei kam ihm nun selbst lächerlich vor. Als er das Frühstückszimmer verließ, hatte er sich soweit wiedergefunden, daß es ihn befriedigte, den zudringlichen Brief noch einmal in die Hand zu nehmen. Offenbar hatte der Unbekannte dieses letzte Schreiben in der größten Erregung hingeworfen. Die Buchstaben waren kaum zu entziffern. Mit einem verächtlichen Lächeln riß Schwedenklee den Brief mitten durch – die Antwort würde ihre Wirkung nicht verfehlen, er hätte schon lange Schluß machen sollen.
Zu seinem Erstaunen entdeckte er aber plötzlich auf der Rückseite des Briefbogens eine Nachschrift!
„Ihr mir so unverständliches Verhalten, Ihre unbegreifliche Gleichgültigkeit kann ich mir nur so erklären, daß Sie sich offenbar nicht mehr entsinnen, wer Rosa ist – oder leider – war, dieser Gedanke zuckt eben durch mein krankes Gehirn! Rosa, meine geliebte Frau, die ich, selbst dem Tode nahe, betrauere, war eine geborene Rosa Ellen Fröhlich, ihr Bühnenname lautete Rosa Froh.“
Eine leise Lähmung befiel die Hand, die den Brief hielt. „Ellen Fröhlich!“ sagte Schwedenklee leise. „Dieses reizende Geschöpf! Sie also ...“
Ein leises flüchtiges Bedauern, andere Empfindungen der Trauer löste diese Mitteilung nicht aus. Diese lebenslustige Frau, für die er Villen und das berühmte Schwimmbassin entwerfen mußte! Sie, die so sonderbar rasch errötete, die Röte überzog sogar den Nacken – diese Arme, sie schien nicht glücklich geworden zu sein ...
Und er, dieser Törichte, der sein Gehirn selbst ein krankes Gehirn nannte, hätte er ihm nicht schon früher sagen können, wer sich hinter dieser Frau Rosa Blank versteckte?
Schwedenklee fühlte sich ordentlich erleichtert. Die Ungewißheit, das Grübeln wider Willen hatten ihn gemartert. Was hatte er weiter mit der ganzen Sache zu schaffen? Er hatte vier Wochen lang, oder vielleicht sechs, eine Liebschaft mit dieser Frau gehabt, eine kleine reizende Liebelei, vor achtzehn, zwanzig Jahren – damals in Paris – das war alles.
Er instruierte Augusta, daß heute vormittag ein gewisser Herr Blank anrufen werde. Sie möge sagen, er sei auf unbestimmte Zeit verreist.
In bester Laune kleidete er sich an, um auszugehen. Seit langen Tagen kam endlich die Sonne wieder durch.
Schwedenklee war gerade mit der Toilette fertig, als das Telephon klingelte.
Er öffnete die Türe und hörte Augusta mit weinerlicher Stimme einigemal wiederholen, daß der Herr Oberbaurat verreist sei. Offenbar gab sich Blank mit dieser Auskunft nicht zufrieden.
Augusta geriet in große Erregung. „Unverschämte Leute gibt es schon!“ rief sie aus, als sie abgehängt hatte.
„So und damit ist die Sache erledigt“, dachte Schwedenklee und begab sich in ausgezeichneter Laune zu seinem Schneider in der Charlottenstraße.
Bei diesem Schneider in der Charlottenstraße – einer großen Firma – war eine junge Dame, ein Fräulein Wiedehopf, als Buchhalterin tätig. Die dicken, glänzend braunen Flechten turmartig über dem heiteren, offenen Gesicht aufgebaut, die Fingernägel glänzend poliert, duftend nach Frische, wie aus dem Ei geschält, ohne das kleinste Staubkörnchen – auf diese junge Dame hatte Schwedenklee seit einiger Zeit ein Auge geworfen.
„Ich lebe zu stumpfsinnig“, sagte er zu sich, als er dahinschlenderte. „Immer das ewige Kaffeehaus. Dieses Leben bekommt dir nicht, Schwedenklee. Wir werden diese kleine Wiedehopf heute abend zu ‚Figaros Hochzeit‘ einladen.“
Unterwegs löste er Karten zur Oper, und obwohl die Schar der Verkäufer und Zuschneider diesen weiblichen Schatz mit eifersüchtigen Blicken bewachte, hatte er Fräulein Wiedehopf, ohne daß es irgendwie auffiel, beim Hinausgehen zu ‚Figaros Hochzeit‘ eingeladen. Man mußte es nur verstehen.
7
Eine ganze Woche blieb Schwedenklee dem Kaffeehause fern. Theater, Ballhäuser, Bars, sogar in ein Kino führte er die junge Dame mit den turmartig aufgebauten Haaren und den glänzenden Fingernägeln.
Diese kleine Wiedehopf war verlobt, nahezu verlobt, der Auserwählte war zur Zeit auf Reisen – wie oft hatte er das schon gehört! Sie spielte die Dame, ließ sich verwöhnen, lockte an, wehrte ab – sie tat, bei Gott, wie eine Generalstochter ...
Als Schwedenklee nach so langer Abwesenheit wieder das Kaffeehaus aufsuchte, fand er die Spielergesellschaft von einer neuen Spielwut besessen wieder. Man hatte die Karten verlassen und war zum Billard übergegangen.
Man spielte „vom roten“. Jeder Billardspieler kennt dieses Spiel. Die Karambolage wird nur dann gezählt, wenn der rote Ball zuerst getroffen wurde. Es spielten drei bis vier der besten Spieler, und auf sie wurde gesetzt wie auf Pferde.
Die Ärzte, die Rechtsanwälte, die Kaufleute, Spieler und Kiebitze, Kellner saßen und standen in dichten Reihen um das Matchbillard herum, in atemloser Spannung jeden Stoß verfolgend.
Schwedenklee wurde freudig begrüßt.
„Wie gut Sie aussehen, Schwedenklee!“ rief der Nervenarzt Wittmann. „Sie waren also doch verreist!“
„Nein, ich war hier, habe gearbeitet und abends ein bißchen Zerstreuung.“
„Sie haben Ihr altes Aussehen wiederbekommen, prächtig!“
„Ah, der Herr Oberbaurat. Nun wird es interessant! Kellner, das Queue des Herrn Oberbaurat!“
Sofort stiegen die Einsätze ums Dreifache.
Einige Abende hintereinander spielte Schwedenklee hier vier, fünf Stunden „vom roten“. Es wurden hohe Summen umgesetzt. Seine Kopfstöße, Rückzieher, Zwei- und Dreibänder riefen lautes Händeklatschen hervor.
Schwedenklee war bei bester Laune. Selbst das graue kreidige Antlitz des alternden Künstlers, der nun häufiger ins Café kam, störte ihn in seinem jetzigen Gemütszustande nicht mehr. Er genoß den Triumph. Nach dem dritten Abend ließ er seinen schwarzseidenen weitärmeligen Billardkittel von Augusta ins Kaffeehaus bringen, und nun konnte man fast meinen, es mit einem Billardchampion zu tun zu haben. Er mußte seinen Gegnern zuerst zwei Points auf zehn vorgeben, sodann drei. Je länger er spielte, desto vollendeter wurde sein Spiel.
„Schwedenklee ist in großer Form!“ Man tuschelte.
Es war Schwedenklee äußerst angenehm, für einige Abende Zerstreuung gefunden zu haben: es war gewiß das beste Mittel, den Hochmut der kleinen Wiedehopf zu beugen, wenn er eine Woche lang nichts von sich hören ließ. Diese Methode nannte er die Methode des „Aushungerns“, im Gegensatz zur Methode der „Belagerung“, die darin besteht, ununterbrochen um die geliebte Frau zu werben, so daß sie – wie Schwedenklee sich ausdrückte – überhaupt „nicht mehr zur Besinnung kam“.
In der Tat, die Methode des Aushungerns schien Erfolg zu versprechen. Fräulein Wiedehopf wurde mürbe, schrieb ein violettes Kärtchen: Weshalb hört man nichts mehr von Ihnen? Sind Sie verstimmt?
O nein, nein, gar nicht verstimmt, gnädiges Fräulein Wiedehopf. Ganz im Gegenteil! In vorzüglicher – ich wiederhole: vorzüglicher Laune.
Zwei Tage beantwortete Schwedenklee das Billett gar nicht. Dann schrieb er einige höfliche Zeilen: gesellschaftliche Verpflichtungen – in einigen Tagen aber würde er wieder zur Verfügung sein.
„Sonderbare Wesen sind doch diese Frauen!“ dachte Schwedenklee, als er nach dem Billardspiel nach Hause ging und den gleißenden Vollmond über den Dächern betrachtete. „Zeigt man ihnen seine Verliebtheit, so neigen sie augenblicklich dazu, ihre Macht zu mißbrauchen, zeigt man Zurückhaltung, so lassen sie sofort wieder alle ihre Künste spielen. Merken sie, daß man sich zurückziehen will, so entdecken sie plötzlich ihre große Liebe. Ja, wie soll man sich bei ihnen zurechtfinden?“
„Heiratet man sie, so ist man vollkommen verloren! Sieh dich doch um, Schwedenklee – die Ehen all deiner Bekannten und Freunde, mit ganz vereinzelten Ausnahmen? Gleichgültigkeit, Untreue, Kampf bis aufs Messer, Lüge.
Ja, wie soll man es anstellen? Etwas ist hier sicher nicht in Ordnung, das Leben ist zu kompliziert.“
Es war gegen Abend etwas Schnee gefallen – der Vollmond brachte die Kälte mit – Schwedenklee steckte das rasierte Kinn wohlig in den Pelzkragen, während er langsam zwischen den hohen Bäumen am Kanal dahinschlenderte. Die Straße war fast menschenleer, nur hinter ihm, in einiger Entfernung, kroch eine hagere, zusammengekrümmte Gestalt, die zuweilen scharf hüstelte. Die dünne Schneeschicht war an den Sohlen der Passanten haften geblieben, so daß eine Anzahl geisterhafter schwarzer Fußspuren kreuz und quer über die Straße lief, aus dem Unbekannten kommend, ins Unbekannte verschwindend, verwirrend, wenn man sie lange betrachtete.
Plötzlich blies ein kalter Hauch in Schwedenklees Genick, ja, so schien es ihm wenigstens. Er blieb erschrocken stehen und fröstelte. Kalte Schauer überrieselten seinen Rücken. Weshalb mußte er gerade in diesem Augenblick an die tote Ellen Fröhlich denken? Und weshalb hatte die Erinnerung an diese Frau den Beigeschmack einer leisen, unerklärlichen Scham?
Unergründlich ist das Leben, und auch sein Herz, Schwedenklees Herz, war ein unerforschtes Labyrinth. Weshalb? Weil die Fußspuren schwarz kreuz und quer liefen? Ja, nur aus diesem Grunde! In Paris fällt selten Schnee – aber einmal hatte er Ellen abends nach Hause gebracht, und durch ihre verschneite einsame Straße liefen genau dieselben schwarzen verwirrenden Fußstapfen. Er sah sie in dieser Sekunde, zierlich, in ihren weiten Mantel eingehüllt, klar vor sich, Schneekristalle glitzerten auf ihren Haaren, und aus dem dunklen Gesicht glänzten heiter und lebensfreudig die Augen. Fast zwanzig Jahre lang hatte diese Erinnerung in seinem Kopfe geschlummert.
Fragend, lauschend waren diese Augen gewesen, sie waren bernsteingelb, wenn das Licht voll in sie fiel, dunkel, fast schwarz, wenn sie beschattet waren – Schwedenklee gab sich mit einer gewissen Wehmut der Erinnerung hin, obgleich ihn dieses unerklärliche Schamgefühl im Innersten peinigte. Er hatte sich jedoch nichts vorzuwerfen, o nein, er erinnerte sich sogar, daß er ihr später zwei- oder dreimal noch geholfen hatte, als sie sich an ihn wandte. Sie war damals Anfängerin und hatte noch zu kämpfen.
Plötzlich kroch eisige Kälte an ihm empor. Vielleicht – wer weiß es – schritt ihr Geist in der Tat neben ihm? Schwedenklee war sehr abergläubisch.
„Ellen Fröhlich!“ sagte er leise zu sich, etwas betreten. „Ich habe keine Furcht, an dich zu denken!“
Klar bis in die kleinsten und unscheinbarsten Einzelheiten stand vor ihm die erste Begegnung mit Ellen. Er sitzt an einem kleinen Marmortisch auf den großen Boulevards, zwei Damen, Mädchen, nehmen neben ihm Platz. Sie sprechen deutsch, sie sprechen ungeniert und vergessen ganz oder wissen es nicht, daß auf den großen Boulevards in Paris jeder vierte Mensch deutsch versteht. Ihre Ungezwungenheit entzückt Schwedenklee: die jungen Damen sprechen mit einer gewissen Kühnheit von unschuldigen Liebesabenteuern. Eine hat wunderbar warme und weiche Augen, die offenbar die Farben wechseln, von hell zu dunkel leuchten. Zuweilen streifen diese fragenden Augen, lächelnd, voller Übermut, Schwedenklees absichtlich kühl beobachtenden Blicke. Das ist Ellen Fröhlich! Die Freundin ist eine Schwedin, eine Bildhauerin.
Die jungen Damen gehen. Sie wandern zu Fuß durch die wimmelnden Straßen bis zum Boulevard Raspail. Die Schwedin verabschiedet sich von der Freundin, die in ein kleines Hotel verschwindet. Es ist sieben Uhr. Als sie um neun Uhr das Hotel wieder verläßt – wer tritt ihr in den Weg? Schwedenklee.
„Ein Landsmann, der das Vergnügen hatte, Ihr Gespräch heute nachmittag im Café zu belauschen, bittet tausendmal um Entschuldigung –“
Ihr Blick gesteht, daß sie ihn wiedererkennt. Sie ist verwirrt. Er habe also alles gehört? Ja. Sie bricht in Lachen aus.
„Aber,“ sagt sie – „wie kommt es, daß Sie hier sind?“
„Ich wartete auf Sie!“
„Es ist nicht schön von Ihnen, so etwas zu sagen, selbst wenn Sie es getan haben sollten. Sie hätten sagen sollen: zufällig!“
Schwedenklee war ja nicht zwei Stunden auf und ab gegangen, so war es nicht gerade. Gegenüber lag eine kleine Speisewirtschaft, und hier aß er zu Abend; dann trank er Kaffee, und gerade als er gezahlt hatte, war sie wieder aus dem Hotel getreten.
Jedenfalls aber – sie verzieh – sie hatte nichts vor, und er brachte sie in ein Tanzlokal, das er als äußerst anständig kannte.
Museen, Ausstellungen, Ausflüge, Tanzlokale – wie Ellen Fröhlich genoß! Sie saugte die Eindrücke in sich, sie staunte, wunderte sich, bewunderte. Ellen sprühte auf, berauscht, verwandelt, verhundertfacht.
Und Schwedenklee, obgleich weniger schwärmerisch, lebt und atmet leichter und heiterer in ihrer Nähe.
Ja, es war die Jugend, nichts sonst. Die Sonne schien, man fuhr auf dem Dach des Omnibusses, unvergleichlich, herrlich, als sei man nie auf dem Omnibus im Sonnenschein gefahren.
„Die Jugend, nichts anderes!“ dachte Schwedenklee. „Wie herrlich! Ein Zauber! Ist die Jugend ein Zauber?“
Ein Ausflug nach St. Cloud. Vorfrühling. Das erste Grün, einige versteckte Blümchen, die Knospen glänzen, die schwarzen Baumstämme schwitzen Feuchtigkeit. Rasch schnellen die hohen Wasser der Seine dahin. Auf dem Dampfer einige Pärchen – er und Ellen unter ihnen, zu den „Pärchen“ gehören sie! Ein junger Geck mit einem dünnen Spazierstöckchen amüsiert sämtliche Passagiere. Ellen klemmt zu ihrem Vergnügen ein Monokel ins Auge, der junge Geck macht ihr den Hof, und Ellen mustert ihn durchs Monokel und spielt etwas Theater. Wie sie lachten, die „Pärchen“. Ja, worüber lachten sie so furchtbar? Und damals gehörten sie zu den „Pärchen“ und waren jung wie die anderen.
Der frische Wind hat ihre Gesichter gerötet, die reine Luft hat den Glanz in ihren Augen entfacht. Ihre Stimmen sind klar und laut geworden. Ellen wirbelt und tanzt. Sie kriecht in die triefenden Büsche und findet unter dem faulenden Laub Veilchen und gelbe Sternblumen. Sie steht auf einem Stein und spricht voller Inbrunst ein paar wundervolle Verse, die er vergessen hat. Sie essen zu Abend in einer kleinen Wirtschaft mit fleckigen Tischtüchern und feuchter Tapete. Der Kellner bringt eine verstaubte Macon in einem Körbchen.
Sie plaudern. Ellens schöner frischer Mund steht nicht eine Sekunde still. Sie lachen den ganzen Abend. Worüber? Wie herrlich war dieser Tag, wie lang! War es nicht sonderbar, die Tage der Jugend schienen so lang, sie nahmen kein Ende. Was war heute ein Tag? Nichts. Kaum hatte er begonnen, war er schon zu Ende.
„Es ist die Jugend, nichts anderes! Es gibt keine andere Erklärung dafür“, rief Schwedenklee aus. „Sie verleiht dem Unscheinbarsten einen zauberhaften Glanz. Ja, wie lang war dieser Tag doch. Reich an Erlebnissen, an guten Einfällen, an schönen Gefühlen. Und Ellen mit dem Monokel auf dem Dampfer! Ja, die Jugend! Und das da, was dahinten keift und hustet“ – Schwedenklee drehte sich um, empört, daß man ihn in seiner Träumerei störte – „das ist das Alter! Das häßliche Alter!“
Die hagere, zusammengekrümmte Gestalt, die den ganzen Weg hinter ihm herkroch, stand wenige Schritte hinter ihm, mit der Hand an einen Baum gestützt, geschüttelt von einem Hustenanfall.
„Das abscheuliche Alter! In zwanzig Jahren wirst du auch so häßlich husten, und die Jüngeren, die nicht gestört werden wollen, werden dich verfluchen. Oh, wie boshaft und grausam ist dieses Leben eingerichtet!“
Aber Schwedenklee schüttelte die düsteren Gedanken ab. Ellen! Wo waren wir doch gleich geblieben?
Ellen klagte über ihr Hotel. Schwedenklee, befreundet mit dem Pförtner, Kellner und der Besitzerin seines Hotels, arrangierte alles aufs vorzüglichste. Er trat Ellen sein großes bequemes Zimmer ab und bezog eine kleine danebenliegende Kammer. Ellen staunte, wie billig ihr schönes Zimmer war! Ja, man mußte nur Freunde und Beziehungen haben!
„Wir werden Ihren Einzug feiern, Ellen, und heute abend zu Hause speisen. Sie sollen sehen. Lassen Sie mich nur machen.“
Schwedenklee besorgt den ganzen Nachmittag lang alles, was Paris an leckeren Dingen zu bieten vermag. Geröstete Hähnchen und Hummer, Vorspeisen und Nachtisch, Früchte. Auch Blumen vergißt er nicht.
„Muß man in Abendtoilette kommen?“
„Es wird gebeten, Ellen!“
Von sieben bis acht ist Schwedenklee fieberhaft tätig. Punkt acht Uhr klopft Ellen – herein! Ellen ist im Abendkleid, er im Frack – und schon lachen sie, daß sie kaum die Tür zu schließen vermögen.
Der Hausknecht, der im Kamin nachlegte – Ellen sollte es recht behaglich haben – wird von der Heiterkeit mit fortgerissen. Der Kellner, der den Wein angeschleppt bringt, wird ebenfalls angesteckt, und so lachen sie alle – weshalb? Gott allein weiß es.
Ellen steht und staunt: „Jetzt sehe ich, daß Sie ein Künstler sind, Schwedenklee!“ ruft sie aus. „Mein Gott, wir sind ja Hunderte von Personen!“
„Sie sind in großer Gesellschaft, Ellen!“
Dank Schwedenklees Freundschaft mit dem Pförtner und Hausknecht war es ihm möglich gewesen, einige große Spiegel und Leuchter aus anderen Zimmern des Hotels auszuleihen für den Abend. Die Kerzen blendeten, und infolge der Spiegelung glaubte man in einem langen, sonderbar gebauten Saale voller Lichter und Blumen zu sein. Schwedenklee führte seine Dame zum Sessel – und im gleichen Augenblick geleiteten Dutzende von befrackten Kavalieren ihre Dame in heller Seide zu Tisch. Er sah Ellen gleichzeitig von allen Seiten, und nie kam ihr herrlicher schmaler Nacken mit dem braunroten Haarknoten reizvoller zur Geltung ... Ellens Augen richteten sich blitzend im Schein der Kerzen auf ihn, und augenblicklich funkelten Dutzende von gleichen Augen von allen Seiten ihm entgegen.
„Das Diner kann beginnen, Ellen – aber ich habe vergessen“ – und er erhebt sich und küßt Ellen auf den Mund.
„Willkommen!“
Sie errötet. Auch ihr Busen wird behaucht von flüchtigem Rot.
„Das Diner kann beginnen“, wiederholt sie mit einem verwirrten Lächeln, mit etwas matter Stimme.
Schwedenklee war bei seinem Hause angelangt. Automatisch stieg er die Treppe empor, automatisch schloß er auf.
So tief war er in die Erinnerung dieses Diners versunken, daß die Kerzen ihn in der Tat blendeten und Ellens zarter wunderbarer Nacken aus all den blitzenden und flammenden Spiegeln ihm entgegenleuchtete.
„Und zu denken, daß ich zwanzig Jahre lang nicht an diesen Abend dachte!“ sagte er seufzend, als er in das kalte finstere Haus trat, und begann zu pfeifen, um seine melancholische Anwandlung zu überwinden.
In diesem Augenblick glaubte er das hastige, ungeduldige Scharren eines raschen Schrittes draußen auf der Treppe zu vernehmen. Irgend jemand, der die Gelegenheit benutzen wollte, ins Haus zu kommen.
Aber auch das ist nicht völlig sicher. Jedenfalls wußte Schwedenklee nie zu erklären, was in dieser Sekunde vorgegangen war. Hatte er diesen hastig scharrenden Schritt gehört oder nicht? Es schien ihm später, als ob er in der Tat gar nichts gehört habe, aber ein gänzlich unverständlicher, ja mysteriöser Zwang ihn veranlaßt habe, das Haustor nochmals zu öffnen.
Jedenfalls, Schwedenklee ging, ohne viel zu denken, zur Türe, öffnete sie ...
Kaum aber hatte Schwedenklee das Tor geöffnet, da erschrak er so heftig, daß er zurückprallte und am ganzen Körper entlang einen Schlag verspürte, wie von einem schweren Eisenstab. Später erinnerte er sich deutlich, daß sich ihm die Haare im Nacken gesträubt hatten, eine Erscheinung, die er bisher nur für eine leere Redensart gehalten hatte.
Dicht vor ihm war ein Gesicht erschienen, eine gespenstische Erscheinung, etwas größer als er, die offenbar in diesem Augenblick ausholte, um zu pochen. Gerade diese Geste hatte etwas ungeheuer Drohendes und Erschreckendes an sich gehabt.
Die Erscheinung prallte ebenfalls erschrocken zurück und tastete sich hastig rückwärts die Stufen hinab. Das unter einem weichen, flachen Filzhut verborgene Gesicht der Erscheinung glitt durch den Lichtschein der Straßenlaterne, und in diesem Augenblick erkannte Schwedenklee das Gesicht: es war das bleiche, vergrämte Antlitz jenes alternden, verbrauchten Künstlers, das ihm zuweilen unangenehm und störend im Billardsaal des Cafés aufgefallen war.
Am Fuße der Treppe blieb die hagere, etwas zusammengekrümmte Gestalt stehen und griff hastig nach dem flachen Hut. Es sah aus, als wollte sie den Hut im Winde festhalten.
Im Augenblick, da Schwedenklee das Gesicht erkannte, ließ das tödliche Erschrecken nach. Er öffnete das Tor völlig und machte einen entschlossenen Schritt vorwärts, obgleich der Schrecken noch in all seinen Gliedern zitterte.
„Was wünschen Sie?“ fragte er, unnötig laut, und seine Stimme bebte noch vor Erregung.
Der Hagere wich noch einen kleinen unsicheren Schritt zurück, die Hand aufs Herz gepreßt. Es schien Schwedenklee, als ob er heftig zittere. Deutlich hörte er seinen hastig keuchenden Atem.
„Was wollen Sie von mir?“ wiederholte Schwedenklee, weniger laut, aber härter im Ton. Er erkannte die völlige Gefahrlosigkeit der Situation.
Der Hagere nahm den Filzhut ab und verbeugte sich, den Hut gegen die Brust pressend. Sein graues wirres Haar bewegte sich im Winde.
„Ich heiße Blank!“ stammelte er, ganz Demut. Seine Stimme klang leise, kaum vernehmbar, heiser dazu. Aber Schwedenklee verstand den Namen augenblicklich!
8
Schwedenklee hatte schon manches erlebt. Nicht ohne weiteres wird man fünfundvierzig Jahre alt! Einmal, zum Beispiel, war in einer hellen, heißen Sommernacht ein Herr auf ihn zugetreten und hatte in liebenswürdigstem Ton gefragt, ob er die Ehre habe, mit Herrn Schwedenklee zu sprechen? Schwedenklee aber hatte kaum bejaht, als der Liebenswürdige schon den Stock gegen ihn schwang. Es stellte sich heraus, daß er der Gatte einer schönen Frau war, mit der Schwedenklee zuweilen im Bristol Tee trank. Damals war es zu einer regelrechten Schlägerei gekommen, und der Eifersüchtige brachte sogar die Passanten gegen ihn auf. Erst als Schwedenklee heilige Eide schwor, daß die bewußte Beziehung völlig platonisch sei, war der Rasende ruhiger geworden. Die schöne Frau hatte ganz einfach gelogen, um ihren Gatten bis aufs Blut zu reizen. Immerhin, Geständnis und Eide in der Bedrängnis waren so peinlich, daß Schwedenklee den Auftritt als einen dunkeln Schatten in seinen Erinnerungen empfand.
Ja, schon mancherlei hatte er erlebt, Herr Schwedenklee – nie aber hatte er sich in einer Situation befunden, die peinlicher und unbehaglicher war.
Die unverständlichen Briefe Blanks schossen ihm wirr durch den Kopf, auch sein brutaler Rohrpostbrief, der ihm im Augenblick noch weitaus brutaler erschien, auch jene alberne, pathetische Phrase: „Die Toten greifen nach dir!“
Und hier unten also, dieser Grauhaarige, der sich demütig verbeugte und vor Erregung kaum stammeln konnte, das war also Ellens Gatte – der ihn aus unerklärlichen Gründen zu sprechen wünschte ...
Schwedenklee hatte das Gefühl, langsam in den Boden zu sinken. Es schien ihm später, wenn er an diese unbehagliche Szene dachte, als habe er für Sekunden das Bewußtsein verloren gehabt. Er glaubte sich auch zu erinnern, wie seltsame Ahnungen, daß diese Begegnung ungeheure Bedeutung für sein Leben gewinnen sollte, ihn erfüllten und erschreckten. Jedenfalls empfand er deutlich die Ungewöhnlichkeit dieser nächtlichen Begegnung, anders wäre sein Verhalten nicht zu erklären.
Verlegen und unschlüssig starrte Schwedenklee auf die hagere Gestalt, die unter ihm stand. Vor kaum fünf Minuten – sonderbar genug! – hatte er sich der Erinnerung an Ellen hingegeben. Er konnte Blanks Gesicht nur sehen, wenn ein schwankender Zweig das Licht des Mondes durchließ. Gleich verlegen und hilflos starrten Blanks dunkle Augen aus dem bleichen Gesicht zu ihm empor.
Schwedenklees Empfindungen waren Chaos. Er wollte die Türe wütend ins Schloß werfen, wollte seiner Empörung, daß Blank es wagte, ihn zu verfolgen, unverblümt Ausdruck geben – aber er tat nichts dergleichen.
Im Gegenteil! „Herr Blank?“ sagte er nach einer Weile, mit einer unsicheren und unterwürfigen Stimme, deren er sich später schämte, und einer verstümmelten Verbeugung.
„Sie haben mir geschrieben, Herr Blank?“ fuhr er fort, nur um das unerträgliche Schweigen zu unterbrechen.
Blank antwortete mit einer Verbeugung. Er erwiderte nichts.
Ratlos stand Schwedenklee auf der Treppe. Nacht ringsum, kein Mensch auf der Straße. Und ohne Unterbrechung fühlte er Blanks Blick auf sich gerichtet. Schwedenklee trat wieder etwas mehr in das Haustor zurück.
„Vielleicht erklären Sie mir –“, begann er von neuem.
Endlich bewegte sich Blank.
„Ich handle unter einem geheiligten Willen“, begann er leise, mit heiserer Stimme, aber doch verständlich, ja sogar etwas deklamatorisch, wie Schauspieler es häufig zu tun pflegen. Schwedenklee sah deutlich, daß er hin und her schwankte und nach Atem rang.