Die Kegelschnitte Gottes
Die Horus-Romane
von
Sir Galahad
Erster Roman:
Die Kegelschnitte Gottes
Albert Langen, München
1921
Die Kegelschnitte Gottes
Roman
von
Sir Galahad
1. bis 10. Tausend
Albert Langen, München
1921
Copyright 1920 by Albert Langen, Munich
Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechts,
auch für Rußland, vorbehalten
[Ein Verzeichnis]
der früher
von
Sir Galahad
verfaßten und herausgegebenen
Werke findet sich
am Schluß
dieses Buches.
An das Publikum. Du führst einen Namen und brauchst keinen Beweis deines Daseins, du findest Glauben und tust keine Zeichen, denselben zu verdienen. Du erhältst Ehre und hast weder Begriff noch Gefühl davon. Wir wissen, daß es keine Götzen in der Welt gibt. Ein Mensch bist du auch nicht; doch mußt du ein menschlich Bild sein, das der Aberglaube vergöttert hat. Es fehlt dir nicht an Augen und Ohren, die aber nicht sehen, nicht hören; und das künstliche Auge, das du machst, das künstliche Ohr, das du pflanzest, ist gleich den Deinigen blind und taub, du mußt alles wissen und lernst nichts. Du mußt alles richten und verstehst nichts. Du dichtest, hast zu schaffen, bist über Feld oder schläfst vielleicht, wenn deine Priester laut rufen und du ihnen mit Feuer antworten solltest. Dir werden täglich Opfer gebracht, die andre auf deine Rechnung verzehren, um aus deinen starken Mahlzeiten dein Leben wahrscheinlich zu machen. So ekel du bist, nimmst du doch mit allem fürlieb, wenn man nur nicht leer vor dir erscheint ... weil du Züge menschlicher Unwissenheit und Neugierde an deinem Gesichte trägst ... was die Wirkungen deiner Mahlzeiten anbetrifft, so lernte bei einem ähnlichen Gefühl derselben Vespasian zuerst das Glück deines Namens kennen und soll auf einem Stuhl, der nicht sein Thron war, ausgerufen haben: Uti puto, deus fio.
Johann Georg Hamann
Erstes Buch
Der reife Schlaf fließt auseinander.
Immer lichter schimmern selige Schichten dem Bewußtsein zu. — Dort oben kreist, noch wolkig, das Dasein: Grünes und Gezwitscher. Hebt, was seinen Rand berührt, herauf in gleitenden Erdentag und geordnetes Wegeneinander.
Doch auch der zeitlose Abgrund bleibt beständig — samtene Nächte tief unter den Wirbeln —, und hintüberstürzend läßt sich’s nach Willen in ihn zurücksterben: in lautlose Schwärze.
Nach einem dunklen Klumpen Ewigkeit rötet sich abermals die Zeit an den gewölbten Lidern. Ein Niederpressen, und wieder ist der ganze Kopf voller Sterne da; geschlängelte Goldfäden dazwischen und Wirbel bunter Atome.
Doch bananenfarbne Glorie lockt und lockt in die sanfte Geburt des Erwachens. Etwas steigt auf — stößt durch letzte Schimmerschichten — ist ein Ich und ruht in einem wunderguten Eck; jedes Glied zum Besten und ganz still, ja nicht zu stören, was der Muskelgeist im Unbewußten prächtig geordnet. — Wonne läuft von einem zum andern. Dort um das Ohr besonders, wo das Kissen eiderdaunig am Hals zergeht, staut sich ein kleines Privatparadies animalischer Seligkeit. Das Linnen ist eine laue Wolke über den Beinen und schwebt. — Unter ihm schwelen noch alle Wunder der Nacht: der Ichverlöscherin.
Aus lichten Gebärden und dunklen Trieben wirkt sie das Zwiegespinst allen Erdenglücks: verküßte Glieder jenseits von Ich und Du. Die Grenzen der Körper zergangen, Blütenweiches ineinandergegossen, Muskelwellen und Täler sich rhythmisch streifend; Duft — Hauch — Haar zu einem Frühling gemischt.
Allmählich aber in den Reigen blinder Sinne mengt es sich scheu, heiß, sehnsüchtig auch, wie ein Kind, das andere nicht mitspielen lassen: Das Schauen will sein Teil:
Horus hat die goldenen Knabenaugen aufgeschlagen. Das Ich und Du fällt auseinander. Unerbittlich nah, wie es nur Wesen in der Liebe sind, sieht er das holde Gespiel gleich einem Schleier leicht auf sich ruhen. Geisterhaft fein gebaut, vorweiblich edel in der Vollkommenheit ihrer dreizehn Jahre. —
Und er erschauerte ihrer Schöne.
Weise menschliche Bräuche des Tropenlandes, in denen der Knabe aufwuchs, hatten sie an den Grenzen der Kindheit zueinander gelegt. So blühten sie mit dem allmählichen Zentrieren der Sinne in die Ehe hinein; nach wonnig-langem Aneinanderhinbeben noch herbverschlossener Lust. Ohne Eheeinbruch: roh und frech. Horus Elcho löste sich tierweich von dem Liebesgespiel, hauchte hinknieend die Silberhalme der Schenkel hinauf zur noch verschlossenen Quelle des Lebens unter dem glatten jungen Frühlingshügel. Sie duftete nach den zartesten Harzen der Welt. Ein Falter aus atmendem Brokat, angelockt, ließ sich nieder mit gebreiteten Farben. Entrollte umständlich eine brünette, haardünne Spirale und begann starren Auges zu saugen aus diesem ganz unbegreiflichen Kelch. Dann stieg er lautlos auf in seinen einzigen, großen Lichttag.
Des Knaben Hände sehnten sich, das schlafende Kindergesicht wie einen Kelch zum Mund zu führen, mit den Lippen die befiederten Wimpern zu heben: dann schnitten sie flügelhaft weit in die Schläfen, und man sah lebendige Kerne in wunderbar wagrechten Schalen voll flüssiger Magie. Oder es waren klare Bergseen in der Form eines Fisches, leicht gebogen ruhend, wo aus bläulichem Tal der durchsichtige Nasenfelsen unbegreiflich edel steigt. Und auf einmal warf man alle Bilder weg, um nur „Auge“ zu fühlen — nichts als: Auge. Man sah auch, daß der Schwung der Braue verströmte und eigentlich etwas Unendliches war ... man sah ... man sah; der Segen des Sehens an diesem jungen Liebeskörper war ohne Ende.
Doch feine Hemmung hielt: nie einen Schlaf zerbrechen — nie einen Traum ermorden und Jene vielleicht, die drüben in ihm sind.
Er berührt einen Hebel an der Brüstung aus rosigem Granit, die das Halbrund der offenen Schlafterrasse umläuft. Lautlos dreht sich eine Metallkuppel — wie der Sektor einer Sternwarte — schließt den Raum, auf daß die Sonne, der gelbe Tageslöwe, nicht ihren Schlaf bespringe, ruhiges Ausschwingen des Unbewußten in der Elfenschale störe.
Dann steigt er hinab zu den Bäderhallen. Nur an der Schwelle hat sich der Knabe noch einmal sanft zurückgewandt über seine Schulter, die hart ist und geschwungen wie eines Falken Fittich.
Torflügel aus lichtem Erz glitten in mächtigen Angeln zurück, und zum Ausgehen bereit, schritt Horus die Terrasse des südlichen Parks hinab. Es war noch früh. Mit schleppenden Schleiern kam zarter Tag herauf, doch in den Palmen hingen noch streitlustige Sterne: Falmahaud, Sirra, Antares: der Gegenmars.
Es war die Frühe vor den Morgennebeln und alles blasser Kristall. Da kamen durch die reine Weite her drei Wesen herangeflogen: Wettläufer. Strahlengrade Glieder, sprunggestreckt, schienen den Raum nach rückwärts zu treiben; Wehen war um sie, Gefunkel von Spiel und Frühe. Hellfarbig die Sarongs, bloß ihr Haar, das um der Mittleren Haupt als silbriger Schleierhelm stand.
„Agai — Sigiria“. — Doch sie flogen winkend weiter. Nur die Läuferin mit dem silbrigen Helm bog ab, Horus entgegen, der sie an der Treppe auffing. Es war seine Mutter. Er verbeugte sich. Küßte ihre Hände; erst deren Rücken, dann die Innengeburt jedes Fingers. Linde liefen seine Lippen die azurnen Aderfäden hinauf zum Ellenbogen. Dann ließ er ehrerbietig los — trat zurück — Licht im Blick, verneigte sich ein zweites Mal. Ganz tief.
Stets war es ein kleines Fest, Lady Elcho am Morgen zu treffen, oft blieb sie bis Mittag unsichtbar: nach späten Stunden in Laboratorium und Bibliothek, klaren Nächten auf der Sternwarte oder vor der großen Orgel allein. Erschien sie aber, gehörten alle Stunden ihm, bis der Mittagdämon mit bleierner Rüstung jedes Lebendige in den Schatten niederdrückt. Dann schweiften beide über die Tropeninsel, nach Laune den Träger der Bewegung wählend: vom Rolls-Royce bis zu Rama-Krishna, dem alten Reitelefanten. War es sehr früh, die Straßen blank, schien es dem Knaben Lust am Volant — als Herr des Raumes — Kokosplantagen an sich vorbei zu peitschen, Blöcke blauer Lichtungen: alles, was Zäune hat, Grenze ist, und, sein Schicksal zwischen den Fingerspitzen, vorzustürzen ins herzzersprengende Nichts. — Oder sie ritten auf Pferden durch alle Farben; übergrellt vom phantastischen Grün der Reisfelder: dem zitternden Smaragd — durch Kakaopflanzungen, Dörfer. Und hier war es gerade, daß Begrenztes wieder, Enges, Einzelnes unermeßlich werden konnte: der Brunnenrand, ein lichtes Tier, Paradiesesaugen brauner Kinder.
Stand aber die Sonne hoch, trug Rama-Krishna sie auf schlingernden Pneumatiksäulen in den Dämmer der Wildernis: Ceylons Reservat. Hoher Urwald, Freistatt aller Tiere; an Ausmaß einem deutschen Bundesstaate gleich und dem Fußgänger undurchdringlich wie haushoher Filz.
Flach auf des Elefanten Rücken liegend, um von den Luftwurzeln nicht herabgefegt zu werden, getürmten Pflanzenozean über sich, erzählten sie einander ihre Träume, und das leiseste Tier, mächtigster Beschützer zugleich, drang immer tiefer in das dumpfdunkle Abenteuer — den lautlosen Tumult — berstend vor Leben und duftend nach Brunst und Tod.
War es gar Frühling nach den Monsunen, dann brach wohl Rama-Krishna nach solchem Ritt aus dem Dschungl hervor, anzuschauen wie einer jener Elefantenfürsten des Hitopadéça: „dahinstürmend gleich einer Wetterwolke, schwefelgelb vom Staub der Banjanblüten, mit honigfarbnen Stoßzähnen, und um den Duft des Brunstsaftes, der ihm aus den Schläfenhöhlen quoll, kreiste ein Schwarm wilder Bienen.“
An diesem Morgen aber begab es sich anders. Der Sinn stand ihnen nach Weite und Maß zugleich, nach beweglichem, mancherlei Möglichkeiten umspannendem Tun. So flirrten sie auf Rädern in die schönste Tropenstunde hinein, jene, die beide polare Klarheiten scheidet. Aus weißer Seide war die Welt. Mit hängenden Flatterschlägen strebten Schwärme fliegender Hunde — schwer wie Hammel — den Dickichten zu, um in höchsten Wipfeln zu zackichten Säcken gefaltet, an einer Kralle aufgehängt, schlafend im Winde zu wehen.
Wallen und Brauen war es einer noch wolkig-flüssigen Welt. Wie wenn aus Gischt und Licht das Lebendige sich eben zeugte. Noch unbegrenzt. Unverloren. Früh, sanft und ungeheuer. Aus verdunsteten Opalen gebären sich haarige Schäfte. Aus dem Nirgends kommen Luftwurzeln gehangen, saftgetränkt: Gelegenheitsorgane des Nichts. Durch niedre Regenbogen fahren beschweifte Vögel, leuchten auf — vergehen. Nebelgroß treibt ein Büffelhaupt aus schwarzen Nüstern seine Sonderwolken in den goldnen Dunst.
Und durch alles hindurch, über alles hinweg: Wissen um die Sonne. Daß sie wirkt, teilt, ordnet, die Luft dünn und schließlich fein werden muß wie Geist, und daß der letzte Rest des Chaos nur mehr als Tau-Franse in den Wimpern hängen wird.
Sie gleiten hügelab durch steigerndes Licht in weichgewelltes Land. Ein Streifen Löwenozean zergeht am Horizont. Vom unbändigen Grün bis an den Straßenrand gespült, klammern sich dort braune Dörfer an dem leblosen Strich fest; verteidigen sich mit Äxten und Spaten gegen den immer wieder anschwellenden Wald. Zahme Arbeitselefanten stehen als runzlige Ballons überall herum, lassen uralte Stämme unter gespannten Rüsseln knacken, schichten sie dann säuberlich lotrecht und wagrecht, ganz allein, mit weisem Wiegen des Hauptes und vielem Flappen der Ohren. Dann tritt man hinter sich, prüft das Werk und reibt unterdes mit lieben kleinen Verlegenheitsbewegungen ein Hinterbein am andern, wo zwischendurch das pauvre Schweineschwänzchen töricht hängt. Man ist auch sonst genau: Schlag zwölf die Mittagspause — und jeder der großen Professionisten läßt aus schon erhobnem Rüssel sein Stück Holz wieder fallen, alles liegen und stehen läßt er, geht einfach weg zum Lunch aus Reis und Zuckerrohr.
Die Straße herauf wandeln neben großäugigen Tieren Männer aus dem Blut der Sonne, schmale Frauenakte dazwischen — in einen einzigen farbigleuchtenden Schleier geschlagen. Kommen näher — sind Greisinnen; das Antlitz verfurcht, eingewelkt die winzigen, weitgespannten Kinderbrüstchen, so zart aber blieben die Lineamente — oder sind es Glied gewordene Gebärden? —, daß im wechselnden Sonnenstand der Lebensalter auch letzter, schräger Strahl reinen Kontur zeichnet, das Wunder geschieht und eine Greisin lieblich ist. Über nackten Männerschultern schwanken an Stangen Messingeimer oder Bananenbüschel, grellgelb und schwer. Wagschalen an diesem höchst edlen Menschenmaß. Es scheint das Maß zu sein „dieser ganzen in Namen und Gestalten auseinandergetretenen Welt, die der Brahman als Zauberer aus sich heraussetzt, wie der Träumer den Traum“.
An einer Stelle der Straße biegt der Wandelzug von Mensch und Tier in eine Kurve aus: Büffelgespanne, Reitelefanten, Rikshaw-kulis, Bananenträger, alles dämpft den Tritt. Es bildet sich eine stehende Welle von Rücksicht. Mitten im Weg liegt ein schlafender Hund.
Auf der feuchten Erde schweben viele Geisterspuren bloßer Füße; Zehenfächer mit leichter Ferse, vom unsichtbaren Bogen überspannt. Da und dort ein Blumenring, den Frauenfesseln abgestreift.
Unbeirrbar flirren die Räder hindurch.
Weiße Zebus: Gazellenrinder. Sie springen ab und hin, die helle Tierstirn in die Arme zu nehmen, den haarigen Stern mit seinen zottigen Radien zu streicheln — wie ein lauer Champignon fühlt sich der sanfte Schnüffel an — sie versinken in herrliche Geschöpfaugen. Dann führen Seitenpfade wieder leicht bergauf; grasbewachsene Dämme geleiten zwischen Wasserspiegeln der Reisfelder in das Überhangene der Haine.
Quer über Damm liegt ein alter schwarzer Wasserbüffel. Mit ihm verhandeln ist nicht leicht. Von Argumenten hält er wenig in seinem ungeheuren Schädel voll Wut. Doch volle zwanzig Sekunden braucht es, bevor er selber weiß, wie bös er ist. Die beiden ducken sich zu schnellster Fahrt. Knapp hintereinander sausen sie über den basaltnen Rücken weg.
„Flohzeug — — damisches — — damisches — — damisches! Solchen Unfug mit einem ernsten und anständigen Vieh treiben — — ich werd’ euch!“ Furchtbar steht er auf. Da flitzen schon die zwei blanken Insekten um eine Biegung ins Nichts.
Wo der Fluß im „Tal der nephritgrünen Wolke“ sanft geworden, erwarteten sie die Fähre. Mit ihnen ein bunter Trupp; der wuchs an hennaroten Zehen als tiefe Farbeninsel vom Ufer verkehrt ins goldne Wasser hinab. In den dunklen Spiegel blühte es herunter: aus weißem Lendentuch braunsamtne Muskelkelche, arisch klare Züge, überzüchtet fast, und, feuchter als die Flut, Augen von der Farbe des Paradieses. Aus Körben zittert es hell, Mangos, Ananas, safrangelbe Reiskuchen tropfen unten wehend ab ins Nichts wie Wasser von Riemen.
Ein dünner Afghane hockte abseits. Splitternackt. Fädelte sich seine Hose ein. Zwanzig Meter war sie weit. Benützte statt der Nadel gleich einen jungen Bambusschößling, in dessen Spalt das Durchzugsband geklemmt war. Die Hose selbst lag als gestrandeter Ballon über die Landschaft gebreitet. Seine goldne Spitzmütze mit grünen Zauberzeichen auf Rabenlocken, saß er: ein vazierender Magier im Negligé.
Nun öffnete sich der wartende Kreis den Ankommenden; in ohnegleicher Anmut. Tamils, Singalesen, Bengali, Rhajputen: es waren die Ärmsten der Armen. Die Typen rein, dank der Kastentrennung unvermischt, unverkötert. Standen da in golddunkler Allbegabung und feinstem Wissen um den Eros: wie der schmale Kopf über den glatten Haarknoten stieg, der Sarong das Antilopenhafte zeichnete, eine Spange, ein Nichts an Linie war von gepflegtester Sinnlichkeit. Und die dankbare Natur achtete im Alter ihre schlanke Anmut, weil ja auch sie Süße und Wert des Daseins zu achten vermocht. An diesem abgelegenen Küstenstrich des östlichen Reservats hatten wohl noch die Wenigsten weiße Menschen gesehen, oder gar einherreiten auf glimmernden Skeletten. Doch in unverlierbarer, blutgewordener Gesittung behielt Jedes die zufällige Stellung des Augenblicks bei, führte in leichten Lauten die Wechselrede weiter, wandte nicht einmal, ängstlich sich selbst zügelnd, die Augen ab — ganz des eigenen Taktes sicher. Keine Gebärde, kein Blick, nur unaussprechliche Freundlichkeit nahm die Andersartigen auf.
Horus stand neben einem hochgewachsenen Rhajputen. Sonderbar ziehender Rhythmus, von dem er sich klare Rechenschaft nicht gegeben, hatte ihn hingeleitet, wiewohl merkbarer Abstand diesen von den übrigen schied.
Er war glatt, faltenlos wie Diorit. Breit in den Schultern, aus schmalsten Lenden wuchs sein Torso zum Dreieck aus dunklem Stein.
Paramahansa nach den Sektenmalen: vier Stücke lachsfarbenen Tuches, das fünfte um die Schläfen, der Rudrakshabeere am Hals — das Auge aus Asche im Herzen der Stirn. Einer, der weder an Feuer, noch Geld, noch irgend Metall rührt — nichts genießt, was aus Arbeit stammt.
Lässig und doch strahlengerad an Haupt und Rücken stand er, das Profil dem Knaben zugekehrt. Da fühlte Horus, wie der Rhythmus seiner Pulse sich zu verändern — anders zu schwingen begann. Wußte, es hing an dem wunderbar langen, doch unhörbaren Atem des andern. Ihm war: Hände aus Hauch griffen an sein Herz, stellten es nach einer andern Sternenstunde. Die Wellenlänge seines Wesens schien sich zu wandeln — weiter schwang die Amplitude seines Ich, bis es riß — die Zeit zerriß — bis es unbegreiflich stark, wehrlos und geborgen sich ausblühend in ein neues Maß ergoß. Und ein silbern unirdisches Erinnern ward groß in ihm, daß es schon immer so gewesen — heute — in der Freiheit des Tiefschlafs, als sie im Spiegelbilde eines Morgentraumes kindlich und sanft verzerrt zerging.
Dann begann der lange, wunderschöne Atem ihn langsam wieder zurückzuspülen in sein eignes Maß.
Als wäre er in eine Froschkehle gestürzt, so zappelnd und klein tickte das jetzt. Dumpf, kurz. —
Sehr allmählich schmolz alles ins Gewohnte wieder. Der Rhajpute hatte sich ihm nun zugekehrt, unfaßbaren, ortlosen Blicks. Nur das Aschenauge sah einen Augenblick auf ihn.
Er fühlte: wie eine Flaumfeder herangesogen, hatte er einen Atemzug lang, solang ein einziger Ein- und Aushauch währt, an einem Wesen andern Ranges teilgehabt. Wußte zugleich: das blieb. Unverlierbar irgendwie. Ließ ihn stark — wehrlos und geborgen zurück.
Die Fähre legte an. Trug die Wartenden ans andre Ufer. Der Rhajpute aber ging zurück ins „Tal der nephritgrünen Wolke“, ohne sich umzusehen.
Auf grasiger, leicht abfallender Höhe, unter dem breiten Tempelblütenbaum — vor Weite und Meer — sprang ein Sonnenrausch sie an. Betäubung, Bezauberung des Lichts. Lachend fielen sie einander in die Arme. Begannen zu ringen; geballt, verschlungen, aufschnellend und gespannt. Ein Umeinandergleiten wie von Echsen, Aufgebäumtes und Kauerndes auch, Raubzeug im Ansprung: gepflegte Kunst japanischer Samurais. Es endete wie immer: bis hart an den Sieg ließ der so viel Stärkere die Gegnerin kommen, glitt, fast am Boden schon, mit stets erneuten Varianten unter ihr durch, hob die Leichte auf, gab ihr einen Kuß — warf sie dann auf beide Schultern weit ins Gras.
Vor wenig Jahren noch, auf einer Reise in Japan, als sie auf dicken Kokosmatten bei dem gelben Lehrer Griff und Gegengriff geübt, wußte er es anders. Dann eine Periode des Gleichgewichts — und jetzt! Ruchlos war der Siegestanz. Eine Schnur greiser Papageien, aus ihren Betrachtungen aufgestöbert und außerdem in der Mauser, traten vor Ekel von Bein zu Bein. Mißbilligten alles über Hornbrillen herab, schimpften mit dicken Zungen in einer uralten heiligen Gaunersprache. Flatterten schließlich fluchend davon.
Horus warf sich neben seine Mutter in den Schatten des Riesenbaumes. Sanfte Rührung dessen, der vom Beschützten zum Beschützer wird, allein durch die Magie der Zeit, griff an sein Herz.
Unheimlicher, verborgener ist nichts, als dies gespenstige Kontinuum, wenn es den Schwerpunkt unmerklich vom Schöpfer hinüberspült in das Geschaffene. Von der Gebärerin in das Geborene. Zu geisterhaftem, unzerreißbarem System sie schließend, in dem das eine schwillt, steigt, strahlend wird, indes das andre langsam scheidend sich verdunkelt und schließlich, ganz erloschen, nur mehr von reflektiertem Leben nachglänzt. War der Tag auch nur zu denken, da er in anderm noch, als bloßem Muskelspiel: als Persönlichkeit, der Mächtigere bliebe?
Sie hatten von je eine Art stiller Übereinkunft geschlossen, den großen Unterschied, den Leben und ungemeines Schicksal der Älteren schuf, diesen ganzen Fond unendlich überlegenen Wissens und Verstehens, in der Regel beiseite zu setzen. Den Knaben gleichsam „mit Vorgabe“ spielen zu lassen. Er wußte es wohl, war sich’s aber nicht immer bewußt. Doch kurze Trennung — noch so kleiner Anlaß — Umkehr des Gewohnten, und wieder wirkte der ergreifende Zauber dieser wissenden Güte auf ihn wie ein Schauer von Glück.
Als er vorhin die Überwundne von der Erde abgelöst, die Schleierschlanke über sich gehalten, das war ein Grenzenloses gewesen, einen Herzschlag lang. Jubelnd — tröstend:
„Du bist ja in mir. Und aus meinem Blut will ich dich weitergeben, und im Fernsten, wo die Lebenskette in Unfaßbares mündet, soll noch dein liebes Wesen sein.“
In der Stille sang das Licht. Schmeichelte zwischen den weißen Tempelblüten herab auf Schulter und Haar: ein heißes Händchen am Ende des weltenlangen Strahls. Er hätte das Händchen nehmen und küssen mögen. In ihm war das dumpfe goldne Bienensummen des Glücks. Auf seinen nackten Armen schwankten schwerelose Blätterschatten: schwimmende Gespenster von Edelsteinen, unirdische Opale aus Aladins Fruchtschalen, und an ihrem Aberglanz schien sein eigner Leib durchleuchtend wie belebter Beryll.
Riesige Varane zickzackten umher: bekrönte Drachenprinzen, Neurastheniker. Erschraken maßlos, standen still, steifen Hauptes, und während die Pigmentporen sich langsam öffneten, bis alle Regenbogenfarben ihrer Körper vor lauter Feigheit zu Erdbraun verebbt waren, tickten die butterweichen Kehlen wie die Unruhe in der Uhr. — Geraume Zeit verstrich. Da sagte er, ohne sich zu rühren:
„Heut nacht hat sich ein großer Falke wirklich reizend gegen mich benommen.“
— — „?“ — —
„Er sah zu, wie ich mit einer Quadriga von Kolibris über unsrem Golfplatz aufzukreuzen versuchte, und bewies mir mit Hilfe kolossaler Differentialgleichungen, wie wenig Sinn das hätte. Er selbst aber sei gern bereit, mich mitzunehmen. Nur, vorher — darauf müsse er bestehen — sei ein Probeflug nötig. Womöglich auf einem Eisvogel.
Ein vermietbarer Eisvogel war sofort zur Stelle. Dort, wo das Türkisblaue ist, legte ich mich auf die Flügel. Er schoß schräg herab, ritzte den Weiher dann so steil an Bethelranken vorbei zu Arekapalmenhöhe, daß mir das Licht ins Herz schnitt. Der Falke kommandierte. Das Weibchen des Eisvogels saß neben ihm, und zwischendurch erklärte er ihr das Ganze.
„Aber es gibt Sie doch gar nicht hier,“ fuhr ich plötzlich mein Flugzeug an; „Eisvögel auf Ceylon!“
Es war ein dummer Wortwitz, aber er schien sichtlich betreten. Ich lenkte ein:
„Aber von mir aus können Sie ruhig hier vorkommen.“
Er murmelte etwas von „verdammter Ornithologie“, versuchte es aber englisch auszusprechen, verwickelte sich rastlos im Akzent, wurde immer böser und schließlich so voll Trotz, daß er schwebend die Erde unter sich durchrotieren ließ, um an sein korrektes Vorkommen zu gelangen. Dreimal verpaßte er es, als es unter ihm durchsauste. Das wurde dem Falken zu dumm, und er nahm mich zu sich herüber. Es war ein braunseidner Falke, wie er auf unsren chinesischen Holzschnitten in Rhododendronwipfeln spitzgefiedert steht.
Von dort schweifte er mit mir auf. Wie ich so gebreitet lag im staubigen Zimtduft der großen Federn, schlossen sich meine Schultern genau dem Schwung seiner Flügel an. Meine Arme begrenzten sie als lichte Säume. In den gespreizten Federfingern war eine schwingende Kraft. Ich trug mich selbst durch die anstürmende Bläue. Auch im Herzen war ich ihm und in den goldnen Augen. Nur die Gedanken blieben mein. Ich genoß den Raum wie eine Symphonie der Richtungen. Leer von Dingen, mit nichts als diesem unirdischen Äthersturm unter den Flügeln, ließ ich mich in einer wundervollen Kurve, die der Wille meines Blutes schrieb, in den oberen Lichttrichter hinaufsinken. Den Sonnenkern im Auge.
Was mir dort geschah, war so schön, daß ich es nicht mehr weiß.
Mir ist nur, als wäre die Spitze meines Herzens leuchtend geworden und mit ihm die Adern an meinem Haupt. Und von der hundertundersten Ader ging ein Strahl hinaus — bis in den Herzkern der Welt, um den alle Ströme und Wirbel treiben. Nach zeitlosen Wonnen kam ich mir zurück aus Ader und Strahl. Lag wieder als Körper in braunseidenen Schwingen und sagte schwer von Abschied:
„Pardon, ich muß jetzt aufwachen.“
„Schade,“ meinte der Falke, — „recht schade. Ich dachte, wir wollten im Westen landen, aber“ — er schien nachdenklich — „vielleicht wäre es Ihrer Mutter nicht recht gewesen.“
Ich wollte verneinen — ihn zum Weiterfliegen bewegen: da floß der reife Schlaf auseinander.“
„Nicht recht gewesen.“ Sachte belustigt horchte er den Traumworten nach. War doch, so lange er denken konnte, jedes Schöne, jedes Geschenk seiner Mutter für ihn aus eben diesem geheimnisvollen Westen, über den Löwenozean, hergekommen.
Nur Gargi nicht: sein Liebesgespiel.
[Lebendiges nie.]
Aber all die glitzernden Zwitter aus Zweck und Zahl: Räder — Rolls-Royce — Jacht, jedes wieder bedient von einem Stab wundervoller Werkzeuge. Durch das ganze Haus pulste dann Jubel; Erasmus van Roy verließ Bücher und Instrumente, er und der japanische Monteur des Hauses begannen zu zerlegen, zu erklären, bis der junge Besitzer den neuen Ankömmling wie seinen Leib beherrschte, im Gleiten der Achsen war wie in sich selbst: Lenker und in Wahrheit Herr.
Quer durch das Bilderspiel ging eine Stimme, sehr gepflegt, leicht gebrochen:
„Wärt ihr weitergeflogen, wir hätten uns im Westen treffen können: Bei Tag wirft man mich zwar ins Gras; heut nacht aber hab’ ich im größten Zirkus Londons einen Elefanten im Diu-Diuzu besiegt. Schon bei der Ankunft in Charing-croß war alles voll Plakate. Peinlichst berührt, sah ich an allen Wänden, in Überlebensgröße den Elefanten und mich — mich und den Elefanten. Buchmacher liefen umher. Legten Wetten. Ich floh in ein geschlossenes Cab. Sauste ganz draußen immer rund um London herum in der Hoffnung, sie fänden mich nicht. Sie fanden mich aber. Kein Sträuben half.
Schwarz war alles vor Menschen, und inmitten der Arena stand schon der Elefant und krempelte sich die Ärmel auf. — Es begann wie der XXII. Gesang der Ilias: Achilleus und Hektor. Doch wie ich das drittemal um den Zirkus lief, kam mir der „große Drachengriff“ wieder, von dem doch Jamagata uns immer zu sagen pflegte: „And then you finish your man — dann beenden Sie Ihren Mann“. Nun, ich beendete meinen verblüfften Elefanten. Packte seinen Rüssel und schloß ihn im „großen Drachengriff“ wie in einem Schraubstock fest. Führte ihn gebändigt dreimal um die Arena unter dem Jubel der zehntausend entzückten Zuschauer.“
Auf einmal fühlte Horus sich von rückwärts sanft umarmt — hochgezogen und plötzlich im „großen Drachengriff“ zu seinem Rade geleitet.
Erheitert fuhren sie heimwärts.
Das Haus der Elchos war von köstlicher Glätte.
Zwischen diesen Menschen, ihrem Wohnen, allen Dingen, die sie berührten, war jene adlig verwandte Lauterkeit, Reine und Noblesse, die aus der Knappheit aller Begrenzungslinien ersteht.
Wie sie selbst in jeder Gebärde stets die eleganteste Lösung der Gleichung „Mensch“ darzustellen nicht müde wurden, so mußte auch der bescheidenste Gegenstand, der hier geduldet wurde, restlose Lösung seines Sinns verkörpern — bis in die letzte Linie hinein.
Neue Formen waren lediglich neuen Bedürfnissen entsprungen, wie die Kurve des Türgriffs nachgegossen dem Druck der Hand.
Dieses Heim enthielt keinen läßlichen Gegenstand. Jeder unerläßliche aber hatte den Charme gewachsener, doch nicht unmittelbar gewachsener Dinge: als hätte die Natur dies alles durch das Medium eines Lieblings schaffen lassen wollen, der aus reineren Gesetzen schöpft als sie. Das Ding aus Zweck — Zahl — letzter Geisteszucht, hier berührte es sich wieder, ein Lebendiges höherer Ordnung, mit dem Organischen, das gleich ihm nie gewollt, nur geworden wirkt.
In diesem Heim gab es kein Kompromiß. Jedes Problem mußte restlos, wenn auch einmalig und höchst persönlich gelöst werden. Sonst völliger Verzicht. Und alles ward hier wieder zum Problem, denn jede Frage wurde neu gestellt.
Von den Fundamenten auf.
Schon in der beglückend reinen Kurve, mit der fugenlos die Wände aus der Decke in den Marmorboden übergingen, der nachzugleiten pausenlose körperliche Wonne schuf.
Jeder Raum, geschlossen durch die Synthesis von Einordnung und Eigenleben der Dinge, wirkte als ein Monolith. Kein Gegenstand griff, optisch zudringlich, hinüber in das Gebiet der Bewohner, und die Reizfülle, die Anmut, mit der das Leblose im Dienen ganz sich darbot, verlieh ihm etwas Genienhaftes, wie aus Märchen her. Dinge, die ihren Herrn erraten — weiser sich benehmen, als er in seinem Alltag, sind sie doch Geisteskinder seiner höchsten Stunde; aus Phantastisch-Schöpferischem und dem Regulativ technischer Klarheit in wägendem Gefühl ans Licht getrieben. Wissen um die Struktur, um das Geheim- und Kristalleben der Materie; Marmoräderung, Holzflader, Reflex oder Biegsamkeit der Erze und Erden: dieser Komplex von Geist-Zucht-Wissen-Können ...; die Gleichung all dieses: ein Torsturz — eine Fensterbank — ein Leuchtkörper.
Etwas vom Stil der Atriden.
Von der mächtigen bronzenen Milde Chinas auch.
Doch wiedergekehrt aus den Jahrtausenden in Abgeschliffenheit, Vertiefung, Beseeltheit und Präzision. Wie hindurchgegangen durch das Wesen der Newton, Lagrange, Helmholtz und Poncelet. Wiedergeboren aus einem höchst geistigen Äther: aus der gleichen Mühsal, Tapferkeit und Kraft, die den Bug einer Jacht, Kurve des Klüvers, der Wanten, einer Helice — Nieten am Dampfkessel — Drill des Rohres herausgeschliffen aus dem Amorphen.
Ähnlich all diesem. Artverwandt. Mit dem geschwisterlichen Zug jener Elite der Dinge, deren Mutter die Echtheit ist.
Atridenstil an Glätte, Fugenlosigkeit und Größe. Ihm unendlich überlegen an Problemstellung — Lösung — Erfüllung — auch an später Einfachheit, die letzte Verwöhntheit ist.
Horus genoß diesen idealen Wohnleib und die Continuität seiner Stimmung von je wie das vertraute Gefüge eigner Glieder: natürlich und leicht erregt zugleich. Doch schien ihm vollkommene Gestaltung eines Wohnleibes zu den von selbst verständlichen Formen abendländischer Lebenshaltung zu gehören. In Struktur und Bestandteilen zum mindesten ebenso herübergesandt vom Genius der weißen Rasse wie reine Typen edler Mechanik: Werkzeug, Maschine, Instrument.
„Der Bau“. — Immer wieder war das Wort aufgestiegen dort im ganz Frühen, wo das Ich noch nicht recht zusammenhängt. Kein lückenloses Geschehen bleibt. Immer nur einzelnes aus dem Vagen ragt: eine rosa Torte — ein Klang, groß wie die Welt — das Gesicht der Katze als furchtbarer Magnet.
Zwischendurch aber war immer das Wort „Bau“ gewesen. Im Bungalow Tische, auf Reißbretter gespannt knisternde Bögen, groß wie Leinentücher, Mama mit wunderbar eckig-graden Geräten dran herabstreifend. Lärm, Leute, Lasten. Zu Wagen, zu Schiff. Dann geht man fort aus dem Bungalow in ein Großes, Lichtes, Liebes. Der „Bau“, was immer er gewesen sein mag, ist plötzlich weg, das Wort erloschen. Erst viel später weiß man langsam irgendwie, das Große, Lichte, Liebe sei eben der verschwundene „Bau“.
Vieles kam wohl erst später hinzu. Hing mit günstigen Kopra- und Teeernten, oder steigendem Ertrag der Graphitminen zusammen: so der Riesenrefraktor für Erasmus van Roy, das Laboratorium, der Instrumentensaal. Vielleicht waren noch Räume unvollendet. Er kannte nicht alle, hatte viele freiwillig nie betreten, wie manche Gemächer der Meditation. Denn jedem Bewohner des Hauses, auch ihm, auch Gargi seinem Liebesgespiel, war, östlicher Sitte gemäß, ein Raum zu eigen, den niemand als nur er betrat. Mit seinen Strahlen ganz erfüllt, lebendig von dem Fluidum seiner tiefsten Stunde: dem „kef“ des Orientalen.
Die Gemächer der Meditation hatten weder Schloß noch Riegel.
Hoher Mittag. Nach seinem solitären indischen Lunch schritt Horus durch die Bibliothek. Der mannigfache Raum ging über in Terrassen aus durchscheinendem Onyx. Auf ihnen breitete Weiches sich rundum hin — vor Luft und Meer — bereit, ein Buch im Niedergleiten aufzufangen, denn: der diesen Raum ersonnen, hatte wohl gewußt: im Freien liest man nicht, man hebt ein Schönes aus dem Buch und träumt ihm nach, bis es im Blauen groß wird und zergeht.
Luftmüde kehrte er in den Zentralraum zurück, der von Büchern ganz umgrenzt war. Schräg floß aus hochgelegenem breiten Fenster das Goldne nieder; ließ die gestuften Tafeln der ungeheuren Mahagonitische aufduften wie Tiefland. Es leuchtete von Geist und Stille. Ihn aber zog es zu ganz beschatteter Versunkenheit. Aus dem Niedren tat es sich auf wie Grotten: taube Alkoven, wo tief in Pfühlen die Körper ausgelöscht sind und die Gedanken sich befruchten, indes ein klar und zartes Licht als Hochzeitsfackel leuchtet.
Ein kultivierter Europäer hätte gar bald in dieser erlesenen Bibliothek etwas höchst Sonderbares entdeckt und in wachsender Betroffenheit die hartnäckige, ja manische Konsequenz seiner Durchführung bestaunt. Lückenlos stand als seelisches Riesenwerk das Ethos Asiens da. Wie es, hochaufgerichtet in den lebendigen Körpern seiner Rassen, noch in die Gebärde seines letzten ärmsten Sohnes ein Unbeschreibliches an weiser Anmut gießt.
Da waren die Veden, Upanishaden, Bhagavad-Gita, Gajatri und Upnekhad. Auch die Sutras mit dem Kama-Sutra. Die sieben großen Philosophensysteme Indiens, gekrönt mit dem Vedanta, verströmend im Buddhismus. Chinas Religion des „guten Bürgers“: das Wu-king Con-fu-tses. Lao-Tsu, das Buch vom quellenden Urgrund, die unvergleichliche chinesische Lyrik. Überdies fast der gesamte Formen- und Geistesinhalt Ägyptens, Kretas, Babylons, Persiens.
Auch Europas?
Hier begann das Sonderbare. Während die Großen im Reich der Naturwissenschaften in Originalen und einer Vollständigkeit, die jener des Britischen Museums wenig nachgab, vertreten waren; während Neues und Neuestes unaufhörlich in Fachschriften zuströmte, enthielt dieser offenbar tiefdurchdachte Geisterbau keine Zeile, aus der auf Geschichte, Religion, soziale Zustände Europas hätte geschlossen werden können: auf Sexualbräuche, Sitten, Jus. Die Unnaturwissenschaften fehlten gänzlich.
Die Existenz des Christentums war ignoriert und aus den großen Philosophen jene Teile ausgeschieden, die es — wenn auch in antithetischer Form — streiften. Auch das meiste aus den Werken der Dichter entfiel: Faust, die historische Mordfolge Shakespeares; nur wo Oberon Herrscher, Ariel Diener, Böhmen eine Insel war, das blieb. Es blieben auch Schillers ästhetische Schriften, Lessings Laokoon, denn hier wurde Zeitlich-Gegenständliches durch divine Behandlung aus passagerer Umwelt ins Durchscheinend-Verklärte gehoben.
Auch das Süßeste des Minnesanges blieb, als dem Weltwesen der Liebe zugehörig. Außer Globen, Stern- und Weltatlanten gab es auch Spezialkarten Europas: Geographie, geologischen Aufbau, Städte, Kanal- und Eisenbahnnetz erläuternd. Da aber jegliche Historie fehlte, konnten die abgegrenzten Flecke: England, Deutschland, Frankreich, Spanien, ebensogut die vereinigten Republiken von Europa, die Provinzen des Großmoguls der Schweiz: Fürsprech Brüstli, als den Aktienbesitz eines Wallstreettrusts bedeuten.
In die Bibliothek mündete der Orgelsaal, mit Flügel und Streichinstrumenten, enthielt auch die Musikliteratur, mit Ausnahme jener Opernauszüge, deren Text in die geächtete Zone ragte.
Bildhafte Darstellungen hörten mit dem Ägyptisch-Griechischen auf. Auch in der Baukunst. Das Letzte: der Parthenon. Aus sämtlichen europäischen Büchern waren die Porträts ihrer Verfasser sorgfältig entfernt.
Erwuchs hier ein begabtes junges Wesen, so war ihm eine Umwelt bereitet aus europäischer Wissenschaft, Technik und Musik, Asiens mystischem Ethos und allen freien, daher gepflegten Liebesformen des Gesamtorients als Morgengabe.
Tief in seinen Bücherschluf geschmiegt, rosenquarzgedämpftes Licht zu Häupten, griff Horus nach einem Band Pascal. Er war seltsam erregt heute. Alle Nerven lagen wehend wie in einem flüssigen Medium, das hinstrebte nach zwei Polen: dem Traum und dem Rhajputen. Wollte sich sammeln, beruhigen, oder falls das mißlang, die Erregung, wie oft schon, zu einem Stachel machen, ihn ins Geistige zu treiben — dorthin, wo die großen Zusammenhänge waren in dieser ganzen rätselhaften Raum-Zeit-Welt, zu denen ihn seit früher Kindheit heilige Gier immer wieder unter Schauern trieb.
Erinnerte sich dabei eines Ausspruchs, den Erasmus unlängst halb im Scherz getan:
„Die meisten Menschen bleiben dumm, weil sie feig, nicht weil sie unintelligent sind; es fehlt ihnen einfach der Mut, so lange zu denken, bis es weh tut! Doch dort kommen erst die Einblicke und Ausblicke.“
Seine Jugend war der Räude des Alltags fast ganz entrückt.
All den elenden Köterleiden, die in den schmierigen Augenblick herabzerren von einer Spanne zur andern. So blieb seine Seele feinhäutig und wach für die fruchtbare Qual der großen Fragen aller Kreatur, die ins Ewige ziehen. Denn nur zwei Wege tiefster Erschütterung gibt es, auf daß der Mensch außer sich gerate und über sich hinaus: den Weg der Qual und den Weg der Freude. Qual aber ist, je nach der sensitiven Stufe des Gequälten: für einen Heloten auch hundert Peitschenhiebe am eigenen Leib noch kaum, — für Gotama Buddha war schon ferne Ahnung, daß es auf Erden etwas wie Alter und Siechtum gäbe, Leids genug und erschütterte ihn in die Vollendung hinein.
Horus hatte längst — nicht nur aus van Roys Worten — auch traumhaft erahnt: „das Wesen aller Dinge sei die Zahl.“
Wenn dann aus dem dreifachen Reich der Natur das Mannigfaltige hervorbrach, ihm die Sinne sprengen wollte, trat er zurück in die reinen Raumgebilde des Geistes: Schemata alles Erschaffenen und alles Erschaffbaren. Vor denen — wie ihn gelehrt worden war — der pauvre Klumpen dieses Kosmos ganz ohne Importanz wird, versinkt, sind sie doch tiefer und weiter als er. Denn die Gesetze der Mathematik gelten für jede mögliche Natur, für alle physikalischen Universen, die Riemann sämtlich vorausberechnet hat, und von denen das Eine — Unsre, nichts als ein Spezialfall ist. Nicht aber gelten die Gesetze der Physik für Gegenden der Mathematik, denn: wo immer in der Natur eine bestimmte Zahl erscheint, gleichsam als Ursaite angeschlagen wird, da muß auch der gleiche Ton erklingen, muß gleiche Farbe, Gestalt und chemisches Geschehen sie begleiten. Die Zahlen und ihre Beziehungen sind Traversen der Welt, jenseits der Erscheinungen; wer in ihnen, ist in geheimnisvoller Weise auch im Baumeister aller Welten. Und van Roys Worte kamen ihm wieder:
„Was sind die kindischen und kläglichen Wunder aller Religionen, verglichen mit dem einen mathematischen Wunder der „harmonischen Teilung“, in Geometrie und Natur: dies Zueinanderstehen von Zahlen, aus dem die Proportionen der Musik und die Kegelschnitte sich gleicherweise erzeugen. — Das geisterhafte Schema, nach dem die Welt klingt und die Gestirne sich bewegen.“
„Wo sonst ist ein Erahnen so herzerschütternd großartig für das Hereinragen eines Außerweltlichen — geheimnisvoll Ordnenden. Wer da innen ist, durch den gehen die Fäden der erschaffenden Gesetze, der hängt gleichsam im ewigen Fadenkreuz und rührt an Grenzen des Unzerstörbaren.“
Da war es dem Knaben Horus oft, als ob ganz große Gedanken, die im Unvergänglichen dahinwehen, außen am Rand seines Erfassens vorüberstrichen, knapp an der dunklen Monade vorbei. Nur ein Weniges noch an sehnender Kraft, und er müsse ihrer mächtig werden, sie hereinziehen in das passagere Ich. Doch dies Vorüberstreichen schon rührte mit einem klar und magischen Glück an sein großpochendes Herz.
Daß er gerade heute Pascal zur Hand genommen? Vielleicht um des Wunders willen, daß dieser — ein Kind von sechs Jahren — mit einem Stäbchen im Sande spielend, die ganze Euklidische Geometrie aus sich entwickelt hatte. Mit winziger Kinderfaust dies Wissen von zwei Jahrtausenden erspielte, wie andre Steinchen halten. Horus schlug jene weltberühmte Abhandlung auf, von dem Halbwüchsigen — kaum älter, als er selbst jetzt war — der Akademie von Paris überreicht. Und er begann zu lesen:
„Über die Kegelschnitte“.
Doch die leuchtende Geometrie, der ätherische Glanzraum Pascals, schien ihm heute in eisige Phantastik seherhaft entrückt. Wo war in dieser Kristallwelt Durchdringung mit dem Warmen, das in ihm schlug: ein Vogelherz in harter Hand? Er ließ den Band sinken, blickte auf. Am andern Ende des Raumes war eine einfache Gestalt. Unnachahmliche Bescheidenheit lag als stiller Ring um sie.
Ein irgend Etwas an Haupt und Haltung ließ Horus fühlen, er störe nicht. Sei erwartet und willkommen. Drüben dann, in den weiten easy-chair hineingeschmiegt neben den alten Freund, erkannte er, daß dieser nicht, wie er zuerst geglaubt, ein Buch, sondern ein aufgeschlagenes Manuskript in den Händen hielt. Und Horus las:
„Die Hyperbel hat mir von jeher etwas Gespenstiges gehabt, ohne daß ich mir einen Grund davon anzugeben wußte. Ich fand ihn indes nachher in einer symbolischen Beziehung, die sich ihr unterlegen läßt, und ich bin überzeugt, daß alle, die sich unterlegen lassen, in dem ähnlichen Charakter zusammentreffen. Man muß sie aber gleich in bezug auf die übrigen Linien betrachten.
Der Kreis symbolisiert mir die Eigenliebe: den Egoismus.
Die Ellipse das Ideal der Liebesfreundschaft.
Die Parabel das der Liebe gegen das Unendliche, Göttliche.
Die Hyperbel das Ideal des bittersten Hasses.
Der Brennpunkt in jeder der angeführten Linien stelle eine Seele vor; die Strahlen, die von da nach dem Umkreis gehen, die Bestrebungen dieser Seele, wiefern sie nach außen (durch Handlungen) wirksam sind, und die Richtung der zurückgebrochenen Strahlen den Zweck, zu welchem die Bestrebungen auf das Äußere gingen. — Ich kann z. B. nach außen handeln, teils um meinetwillen, teils um eines andern willen. Wenn die Strahlen also, die von dem Brennpunkt ausgehen, die aktiven Bestrebungen der Seele vorstellen, so müssen umgekehrt — wenn wir das Symbol treu verfolgen wollen — die Strahlen, die von der Peripherie in den Brennpunkt fallen, die Gefühle und Empfindungen vorstellen, welche die Seele passiv von außen in sich aufnimmt. Wird daher ein Strahl, der von einem Brennpunkt an die Peripherie fiel, in einen andern Brennpunkt zurückgebrochen, so sind des letzteren Gefühle — nach dem Symbol — durch Bestrebungen oder Handlungen des ersten Brennpunktes veranlaßt worden.
Der absolute Egoist handelt nur um seinetwillen. Er läßt nur Strahlen gegen die Peripherie ausgehen, damit angemessne Gefühle in seine Seele durch die Rückwirkung kommen; er ist ganz in sich abgeschlossen. Was er auch tun mag, davon hat nichts auf eine Seele außer ihm Bezug. Der Strahl, der aus dem Mittelpunkt des Kreises kommt, wird ewig wieder in ihn zurückgebrochen.
Die Ellipse läßt sich als ein Kreis mit in zwei Brennpunkten auseinandergetretenen Mittelpunkten betrachten.
Eine Seele hat sich in zwei gespalten, und beide existieren nur mit- und durcheinander; jeder ist die Seele eines Freundes; jede wirkt nur, um in der andern angemessene Gefühle und Empfindungen zu erregen, denn welcher Strahl auch von dem einen Brennpunkt an die äußere Peripherie fällt, der nimmt seine Richtung nach dem andern Brennpunkt zu. Was der eine nur denkt und hat, das gießt er in des andern Seele aus. Um die Außenwelt bekümmern sich beide nur, insofern sie mittelst ihrer in bezug aufeinander wirken können; beider Gefühle ergänzen einander stets: alle gebrochenen Ellipsenradien sind gleich der großen Achse, die beide Brennpunkt-Seelen zunächst verbindet. Sie können jede einzeln nichts denken, nichts fühlen, was nicht mit des andern Gefühlen und Bestrebungen zusammenstimmte, daß es dieses Band darstellte: das Ideal der Liebesfreundschaft hat viel schönere Symbole — wohl kaum ein wahreres.
Nehmt die Hyperbel: beide Liebende sind durch einen ungeheuren Haß gespalten worden! Der eine hat sich von dem andern abgekehrt, jeder reißt seinen Brennpunkt heraus, hält ihn für sich fest und mag mit dem andern nichts zu schaffen haben. Sie fliehen sich in Ewigkeit — Nein, sie sind noch aneinander gebunden, aber durch die Bande des feindseligsten Hasses. Ihre Gesinnungen beben divergierend vor einander zurück bis ins Unendliche, aber doch bleiben sie hadernd einander gegenüberstehen, und daß jedes Gedanken nur von des andern Seele zurückfahren, sieht man daraus, daß die Divergenz der Strahlen ihr Zentrum in dem gegenüberliegenden Brennpunkt findet. — Was in der Ellipse das Band war: die große Achse ist in der Hyperbel in den Gegensatz übergegangen, und alle Strahlen, die von einem Brennpunkt in den andern fallen könnten, sind sich nur in der Differenz gleich.
Die Parabel ist ein erhabenes Symbol der Liebe zu einem Ideal, zum Übersinnlichen, zu jedem Großen und Schönen, was nur in der Unendlichkeit erreichbar, der Seele vorschwebt: alle Strahlen, die der Brennpunkt der Parabel aussendet, laufen in gleichförmiger Richtung nach dem andern Brennpunkt, der in der Unendlichkeit liegt; alle Bestrebungen und Gedanken sind nur dahin gerichtet. Umgekehrt kann kein Strahl in die Seele fallen, der nicht vom Unendlichen ausgegangen wäre. Alle Gefühle beziehen sich auf dieses.
Eine Liebe zum absolut Infernalischen — etwa im Gegensatz zur Parabel, dem absolut Idealen gibt es nicht: ja, das Symbol für sie ist sogar unmöglich! (y² = √-px) Es müßte eine Parabel sein, die sich vom Brennpunkt, der in der Unendlichkeit läge, abkehrte und seinem Gegensatz zueilte, aber die Mathematik zeigt, daß es ein solches Symbol gar nicht geben kann.
Noch Schlimmeres als der absolute Egoismus ist also, soweit unsre Denkformen reichen, nicht vorstellbar. Er und sein Symbol: der Kreis, bilden den geometrisch größten Gegensatz zur Parabel, den der Geist zu bilden vermag.
Wie die Selbstliebe alles auf sich zurückbezieht, so ist alles, was die Parabel tut, ohne allen Bezug auf sich, denn der Strahl hat erst in die Unendlichkeit zu laufen, ehe er zum Brennpunkt wiederkehren kann; daher ist die Parabel zugleich das Symbol der Tugend, welche nur dadurch, daß sie für das All gewirkt hat, für sich und auf sich zurückwirken will, und das Symbol der Tugend fällt mit dem Symbol der Liebe gegen das Unendliche zusammen.
Denkt man sich einen unendlich großen Kreis, der das All befaßt, so ist — wie sich Extreme stets berühren und im Unendlich-Großen all unsre Symbole ineinander laufen — dieser Kreis zugleich das Symbol des absoluten Egoismus und der absolutesten Liebe gegen andre: ein Göttliches als Mittelpunkt des Allkreises kann sich nur selbst lieben, insofern außer ihm nichts ist, denn die Peripherie: die Welt gehört ihm wesentlich als Körper zu. Aber indem er sich selbst liebt, liebt er zugleich alles, was es gibt. Die Liebe gegen seine Geschöpfe ist ihm Selbsterhaltungstrieb und er mag nur sich erhalten, indem er alle seine Geschöpfe: Teile des unendlichen Körpers, erhält.“
Das Manuskript brach ab.
„Laß es mir,“ bat Horus, und da er des andern Zögern fühlte: „es ist wohl sehr kostbar,“ — dann dringender: „Nur für kurze Zeit; nur das über die Parabel.“
In ihn brauste der Traum zurück und das Traumlicht in jede Ader seines Hauptes, doch das war nur wie leichtes Zerrbild und heller Hauch, herausgeatmet aus dem reinen Mund des Hochschlafs. Nun floß es zusammen mit der Klarheit, in der sein Herz schwamm, als es der Rhajpute einen Pulsschlag lang nach einer andern Sternenstunde eingestellt.
Was jenseits jedes Wortes, jeder menschlichen Verständigung geschienen, kam nun aus gespenstigen Tiefen, als geisterhafte Beziehung reiner Lineargebilde zurück. Das ranzige Wort „Symbol“ wurde stark und schrecklich neu. So blendend, als wenn man einen Ätherstrom durch beide Lungen breit in sich hineinreißt, so steigernd riß ein Dunkles jetzt in ihm entzwei.
„Behalte es ganz,“ sagte Erasmus; „vergiß auch die Ellipse nicht.“
Als der Tag sich schon leicht zu neigen begann, waren Horus und Gargi auf der Schillerfalterjagd. Nach den Monsunen, gegen Abend — im schrägen Strahl ist das seltene Geschöpf zu sehen, wo tief in tropischen Hainen Feuchtes spiegelnd steht.
Bei jedem Schritt bricht eine Wolke warmer Narden aus brünstiger Erde. Stachlichte Früchte, schwer wie Säcke, hocken blattlos an Stämmen. Drüben schießen Jukkapalmen hinauf in die Freiheit. Bersten als Raketen in Büscheln von Leuchtkugeln auseinander. Dann wird es dunkelgrün, dicht, still. Tollgeformte Vögel auf behaarten Ästen zieht ein ungeschlachtes Horn im Kopf vornüber. In wahnsinnige Stellungen verhext, stieren sie dann aus kahlen Augenkreisen überquer ins Leere.
Auf hohen, sehnigen Beinen schleichen die beiden durch schlingerndes Grün: Bethel und Pfefferranken, dann längs des Wassers eine Schlucht hinan, bis wo auf kreisrunder Lichtung Klares rieselnd auseinandertritt, um feuchte, schiefrige Platten. Kauern heran, fahren flach nieder wie ausgegossen vor der Sonne; kein Schatten darf auf das Braun-Graue fallen, das sich eben aus der Luft dort niederläßt.
Köpfe schief, Augen wie Phosphorbänder, tasten sie nach richtigem Blickpunkt. Jetzt ein schräger Strahl, und das Braun-Graue geht in weißem Feuer auf als brennender Brillant, bricht in blendendem Äther über seine Ränder, wird zu einem kleinen Strahlensee, der auf sechs abgeknickten Fadenbeinchen sitzt, und während die atmenden Flügel sich glätten, gehen Adern aus Juwelenfarben durch sie hin. Zwei Lichtketten rinnen über die spiraligen Fühler: Antennen der Liebe, endend in einem großen Tropfen Licht.
Es sitzt und zittert. Spannung in den Flügeln steigt und steigt; zu tief erregendem Vibrieren ohne Pause: samtnem Elfenbrausen an. Da fährt ein zweiter kleiner Strahlensee im Gleitflug nieder zum ersten, und eine zarte Mythe hebt an: von Wesen, bei denen die Liebe zu einer Inkarnation für sich geworden. Wesen nur aus Organen der Wonne: ganz Auge, Flügel, Taster, Geschlecht. Keine Vorkehrungen mehr im Körper für diffamierende Funktionen: Kampf — Fraß. In einem Krampf von Stille, um Geschöpfe, die in der Liebe sind, ja nicht zu stören, schauen die Kinder das Weitergeben des Lebensfunkens in den atmenden Edelsteinen.
Unten im Tal saßen sie dann am Rand eines winzigen Beckens. An einem jener kleinen, brunnentiefen Trichter, wie sie der Fluß ausspült zwischen Felsen, deren Spiegel glatt sind und wo im Glasigen die Fische fließen. Gargis Füßchen spielten mit Staubgefäßen des rosenroten Lotos, der als Porzellan auf grünen Tafeln steht. Durchbrachen dann den lauen Smaragd und ließen sich schwimmend vom Strom dem Hause zutreiben; ließen sich fließen — tauchten — bildeten, eins ins andre verschlungen, seltsame Doppelwesen oder formten, die Beine verspreizt, aus ihren fast brüderlichen Körpern eine Art Kanu: Bug und Heck die Köpfe, Riemen die Arme.
Bei der „Höhle der weißen Träume“ suchten sie das Ufer, wateten durch Seichtes, Gargi voraus. Im schrägen Strahl blühten die beispiellosen Farben ihres Sonnenblutes auf: über grünlichem Dunkel ein silbriger Samt. Gleißend von dem Gleichen wie Panther und Orchis: dem, was von tief innen heraus zu Leben verbrannt magisch aus Fellen und Kelchen bricht.
Das selige Silber rann an ihr nieder, die Lustfurche des Rückens hinab, in der ein Wellchen sich brach. Lanzendünn blitzten die geisterfeinen Hüften.
Halb Fee, halb Knabe schien sie im Schaumschleier aus Licht und Wasser, leicht wie Schaum. Sie küßte zum Abschied die abfallenden Wassergewänder — das Verrieselnde von den Schultern, den glatten Kinderbrüstchen. Erschauerte einen Moment schmal und möwenhaft, warf dem Wind die Arme um den Hals und flog den Strand entlang.
Gut war das: die aus sich selbst bewegten Sprunggelenke spüren, ein Lebendes, Laufendes sein, das gehoben von Blut zwischen Himmel und Gestein dahinfliegt, die sich nicht bewegen können. Und hinter sich das andre laufende Leben. — Gut war das.
Denn ein Entflammter flog ihr nach.
Lange vermag ein wohlgebornes junges Wesen ohne Sexualität zu sein, wenn es die Liebkosung hat. Nur in nächtlich einsam eingesperrter Pubertät schwillt der primäre Trieb zu manisch-hündisch-hämischer Besessenheit: armselig, eintönig und roh. Ein Elend den Frauen, an denen er sich später vielleicht ehelich — jedenfalls weihelos entlädt.
Horus, frühzeitig einem holden Bettgespiel gesellt, stillte seine warme, junge Sehnsucht von je in feinerer Mannigfaltigkeit.
Das Leben war ihm — auch abgesehen vom Nur-Erotischen — so angefüllt mit Sinnenwonnen, daß er spät zur Zentrierung der Einen kam. So verweilte sich Eros lange auf allen Gliedern. War im Ozean der Tastempfindungen, irisierte vielgestaltig über die kleinsten Muskeln hin, die — winzige Zentren der Wollust — sich in zarten Schauern erlösten, und Liebe blieb ein süßer Grenzfall am Rande kühner Zärtlichkeiten.
Wird aber eines Tages der innre Lenker wach — wach über alles —, sieht er sich von der ersten Stunde Gebieter über ein erlesenes Heer von Wonnen: dem Gefolge im Märchen, das lang vor seinem Herrn erwachen soll, den Traumbann abtun, sich schmücken, festlich bereiten, dienend zur Stelle sein, wo es am Schönsten wird: bei seines Prinzen Auferstehen.
Als der Knabe Gargi den Strand hinauffliegen sah, in der jungen Herrlichkeit eines Pfeils, vom Bogen der Spannungen entsandt, trieb ihn erst reine Beutelust ihr nach, auch das Glück, von ganz nah die Sprungsehnen in den langen Kniekehlen spielen zu sehen, dort wo die Haut fast unirdisch wird.
Doch Reiz ist Schönheit in Bewegung. Sein Blut riß ihn über den Blick hinaus, begann nach den Flammen ihrer Anmut zu schwingen, wie am Morgen nach dem Atem des Rhajputen. Groß und unruhig wurde die Luft. Schwüle strich ihm um die Flanken. Schwoll durchs Adernetz. Sie halten — umschlingen — tragen — beißen, es war nichts, aus taumelndem Bewußtsein schrak er auf mit dem manischen Drang, ihre Stimme zu küssen, ihr Fliehen, ihr Leben: dort ganz dort. Auch ihm nur mit der Essenz seines Lebens erreichbar.
Vor ihm her strahlte sein Begehren. Leckte hinüber in ihr fliehendes Blut. Stahldunkel vor Gewalt, schoß es über sie hinaus. Da wurde sie zu einer einzigen flirrenden Linie der Flucht und genoß die Härte ihres kindlichen Schoßes.
Die Frau will die Erwartung — der Mann die Erfüllung. Lief wie sie noch nie gelaufen. Spürte an der Bestürzung ihres Herzens seine wachsende Nähe. Auf einem neuen Schauder kam er heran. Ihre Adern keuchten das weibliche: noch nicht — noch nicht. Ein manischer, wahndunkler Trieb: immer den gleichen Abstand zwischen sich und der Erfüllung wahren. Sei es um den Preis der Erfüllung selbst.
Nicht enden sollte die berauschende Angst.
Nie mehr enden die pulsende Not.
Und Freude an der Not.
Überhangen bleiben mit allen süßen Möglichkeiten.
Dauern in einem Weltenbrennpunkt unaufhörlichen Begehrtseins.
Lief wie sie noch nie gelaufen. Konnte nicht mehr. Brach zusammen mit geschlossenen Augen. Klammerte sich an die Wonne ihrer Angst. Preßte die spiegelnden Gazellenbeine herb aneinander — — zu einem langen Pfad der Verführung.
Ein Dämon der Inbrunst, war er über ihr. Sekunden perlten wie Champagnertropfen auf.
Dann: hart, langsam, gnadelos stemmte sich sein Knie auf ihre blaßgepreßten Schenkel. Der Block aus Bronze trieb die Zitternden ohne Schonung auseinander — so weit es ihm beliebte. Und gab sie frei. Leer, kühl strich Luft um ihren versiegelten Schoß. Nur über dem Haupt duftete noch das Glück seiner lebendigen Nähe. War sie verschmäht? Besiegt und dann verschmäht? „Er will seinen Willen, nicht mich,“ fuhr es durch sie hin. Es war nicht mehr zu ertragen.
Das Herz schlug ihr die Augen auf. Sah ihn nah. Wimper an Wimper besprangen sie die goldbeschwingten Panther seiner Augen. Neigten ganz in sie hinein voll Verheißung und Geduld.
Da flog sie an ihm auf wie ein angewehtes Blatt. Barg das wunderbar junge Haupt im alten Mantel seiner Zärtlichkeit. Er hatte ihr die letzte Süße geschenkt: Erleiden der Gewalt genießen lassen ohne Demütigung.
Seine Hände kamen. Widerstandslos nun, in wartendem Aufruhr, ließ sie sich an ihm entlangführen. Über seine dröhnend harte Violinenbrust langsam abgleiten, hineinreißen in die Höhle seines Leibes — hineinsaugen in eine Schale von Kraft.
Sie stürzen ineinander.
Horchend hingegeben dem geheimen Rhythmus, mit dem die Essenzen des Lebens in ihren tiefen Kelchen — kraft so vieler Liebkosungen — einander wunderbar entgegenfluten. Gesteilt — getürmt.
Sie verströmen in die verborgene Mond- und Sonnenspringflut: die Gezeiten des Eros.
Lang durch sie hin geht die selige Wehe.
Zur Stunde der Krähe, Tau im Haar, waren sie heimgekehrt. In wonniger Ermattung entschlummert, hoch oben auf der Terrasse aus rosigem Granit.
Inmitten der Nacht tauchte Horus aus dem Tiefschlaf. Heiß vor Wirklichkeit, ganz glücklich, wach zu sein — da zu sein.
War auch Gargi wach? Trunken taumelte sein Gesicht dem ihren zu. Vor dem Lichtjubel seiner Seele kreisten die riesigen Opale ihrer Augen, deren Wimpern wagrecht in die Schläfen schnitten, dem kindlichen Haupt etwas Durchleuchtetes gaben.
Sie erhoben sich vom weiten Lager, schritten — zu einem Wesen geschlossen — bis an die Brüstung, die das Halbrund der offenen Schlafterrasse umlief.
Dem Garten enthoben sich die Farben der Nacht. Über Blüten und Wegen stand strahlende Materie der Finsternis. Griffen tastend in Blumen, lehnten sich weit hinaus in den veilchenhaften Samt des oberen Abgrunds, aus dem Gestirne gehangen kamen, groß, frei schwebend: Kitalphar — Archanar — die Beteigeuze. Der Raum sog die Seelen an. Es war so schön, daß man nicht denken konnte — kaum fühlen — nur schauen.
Ihre Hände öffneten sich dem Astralschein: magnetischem Puls kosmischer Zentren. Die schlanken Finger streckten sich — Antennen — feinste Sender und Empfänger dem Äther und seinen namenlosen, unirdischen, alles lenkenden Wirbeln entgegen.
Fern aus dem Dschungl kamen, in Pausen, die Weltlaute reißender Liebe; schwimmend in einer Stummheit: Gepfauche auf Tatzen der Unrast — Brautgebrüll — Zischen — aus dem Ganz-schwarzen ein Blutschrei, kühn wie die Not.
Mitten inne zwischen Dschungl und Sternen stand, in machtvollem Aufriß, ruhend in seinen klaren Achsen, mit Toren aus lichtem Erz — das Haus der Elchos: Kristallform eines höheren Lebens.
Freiheit der Wildnis stieg an ihm auf mit tausend grünen Adern, zerbarst in Kelche, ward oben Duft am reinen Raum aus Zucht und Zartheit: dem kindlichen Ehegemach in rosigem Granit, dessen Kuppel wie der Sektor einer Sternwarte sich auftat in die bodenlos selbstblühenden Sterne.
Diana Elcho hatte an Gargis durchscheinendem Körperchen seit dem Frühlingslauf zur „Höhle der weißen Träume“ neue, heißere Male entdeckt: „die getigerte Wolke“ — „das Korallenband“ — „zackichte Krone“ — „Perlmuschel“ geheißen, in Indiens lächelnder und gönnender Sprache, die erlesene Liebkosungen in heiligen Schriften vermerkt.
Ohne Wort, ohne indiskrete Miene, wie von selbst und ganz einfach stellte sich alles auf die hohe Zeit der beiden Kinder ein. Frei von gierendem Wohlwollen. Auch das Haus: der Raumkristall wandte ihnen eine neue Facette zu.
Sie hatten bisher nicht alle Räume gekannt. Außer dem Halbrund aus rosigem Granit standen ihnen jetzt drei Schlafgemächer offen. Zwei einsame: licht, frei, glatt, — fast leer. In der Mitte ein Gemeinsames, das ohne Fenster war; eckenlos zu einer Ellipse geschlossen. Ozonisierte und durchduftete Luft erneuerte sich unmerklich in ihm. Es war nichts als ein immenses, hingebreitetes Pfühl — nur verschieden überhöht und durchtieft.
Linde Kurven aus dunkelglühenden Samten, schräge Lichter und Spiegel, da und dort, klarer wie Tag, eine Pore im Kelch der Liane rügend, oder mit einem Griff zu opalisierenden Nebeln verschleierbar — warteten. In Andacht. Ganz der Nacktheit und ihren Festen geweiht.
Denn Erotik des Auges: die feinste, holdeste, ist die verletzlichste auch. Immer echt unter Gräsern und Sternen: im zartweiten Nebel von Leben als Liebesumschlingung sein geballterer Kern.
Doch im Alltagsraum: Schon an der schutzlosen Haut beginnt die Fremde. Kein sinnlicher Zauberkreis hält da dicht. Kalt schaut ein Fenster zu. Möbel leiern hölzerne Litaneien taktlos weiter:
„Wasch dich,“ — „setz dich.“
Halbwesen, Unwägbare, tasten sich liebeleer herein in einen tiefen Schauder, verzerren ein leidenschaftlich in sich Geschlossenes zu ungewollter Exhibition. Daß im Liebesraum kein Ding, von Alltagstun noch trächtig — niederträchtig, die hohe Tugend der Wollust beflecke, hat das Fundament aller menschlichen Lebenshaltung zu sein.
Vom Kopf bis zu den Füßen in die „fließenden Wasser von Bengalen“ eingehüllt, betraten sie die samtne Tiefe, und die berühmten Musseline zitterten als plissierter Nebel um ihre Körper und um die Füße als lockiger Schaum. Fließen die „Wasser von Bengalen“ über ein schlagendes Herz, Beben einer Schulter, alles was pulst, verborgen schauert, nehmen sie da und tragen es herauf an den Schimmer ihrer Oberfläche. Wie im geheimnisvollen, hellen Bad, beim roten Schein der Dunkelkammer, ein Bild aus blinder Platte gehoben wird und sichtbar. Ganz scheu steht es dann — rührend und groß auf einmal.
Auch alle Liebesspiele kannte das Gewand und spielte mit. Warf seidne Arme um den Hals bei stürmischem Nahen, floh weich in die Senkung einer Achsel, wehte dann wieder als Flügel dahin, listig mit entwendetem Duft beladen. Endlich gab es sich besiegt, hing vielleicht noch schmal an einem Knie, fiel auf einmal wie Asche in sich zusammen und war überhaupt nicht mehr der Rede wert. Die befreiten klaren Körper: Frühlingsäste im japanisch Leeren aber nahm der ganze Raum voll Inbrunst in seine samtnen Arme. Selbst das weite, gönnende Hochzeitsgewand.
In ihm meißelten sie ihre eignen Statuen unter dem anklingenden Rhythmus der großen Gewalt.
Dann, nach Stunden, aufschauernd aus Umarmungen an den Grenzen des Lebens, erblickten sie sich selbst, erblickten ehrfürchtig, was Shiva, der Herr der Glieder, sich aus dem edelsten, dem lebenden Material herausgeglüht, auf daß es — ungleich dem sparsamen Werk der Kunst — gleich wieder zu noch heißerem Leben, noch wilderer Anmut zergehen möge.
„Das sind wir.“ — „So viel ist uns anvertraut.“
Glätte jedes Muskels, Feinheit jeder Phalanx, das Wunder des Knies, alles hatte plötzlich einen Wert ohnegleichen. Nur weil es so, gerade so, konnte der Gott es bespielen. Hoch über aller Eitelkeit beugten sie sich — heiß vor Verantwortung — Hüter zu sein von lauter Dingen ohne Preis. Dem Einmaligen, Heiligen, Unwiederbringlichen, das ein lebender Körper ist: Statue, die nie erstarren darf, weichglühender Kelch von Murano, dem edler Atem Tag und Nacht, von innen heraus, die immer leise schwankende, feine Form bewahren muß.
Jeder unreine Bissen, ein häßlicher Gedanke, eine unvornehme Geste droht schon ihn zu mindern, seine Einzigkeit zu trüben. Denn Vollendung ist freigewählte, unaufhörliche, lückenlose Zucht. So fühlten sie. Und das Licht, das Gewissen des Körpers, lächelte ihnen dabei zu. Und es lächelte sogar die Zeit, denn vom Anfang dieser Erkenntnis war sie noch einen weiten Weg mit ihnen, statt gegen sie.
Der Tag begann seine Form zu verlieren, weil die roten Wogen der Nächte über seine Ränder spülten, so daß letzter Schauer des Erinnerns mit dem ersten der Erwartung am hohen Mittag zusammenfloß. Noch viel zu viel Bedrängnis in der Entzückung. Hoch über dem Glück laufen ihre unerhörten Spannungen hin — zu Glück werden sie erst in der Erinnerung verblassen.
Menschen schienen zu nah und grell. Sie gingen zu Tieren und Musik. Beide Begleiter des Dionysos, des Herrn der Wollust, dem die Flöte heilig ist und der Astragalos: das Sprunggelenk des Panthers. Und das aus tiefen Gründen. Oft balgten sie sich stundenlang, wie große junge Katzen, mit dem Pantherbaby herum, das, ein Findling vom Rand des Dschungls, von der Leonberger Hündin gesäugt wurde. Das setzte sich manchmal, mitten im Spiel — kein Mensch wußte warum — plötzlich tiefernst geworden, auf seinen runden Schwanz und versuchte in den Zenith hineinzubeißen. Da mußte man es auf die trocken glimmernde Granulierung der Nase küssen, trotz seines empörten Protestes. Um den moosigen Mund lag das Hold-Fremdweltliche noch: Verschlafenheit alles ganz Jungen. Durch die Wolke von Milch und Babytum aber strich schon fahler Dunst walddurchstreichender Flanken, und die wunderbar blauen Augen, in denen das künftige Gelb in Goldkörnern schwamm, besprangen königlich alle Dinge, kraft ihres leuchtenden Rechts.
Solche Arme voll allersaftigsten Zuckerrohrs hatte Rama-Krishna in seiner hundertzwanzigjährigen Erfahrung noch nicht erlebt, als jetzt täglich, von vier jungen Händen gereicht, in seiner dummen Säuglingslefze verschwanden.
Er nahm es als karmische Fügung: man frägt nicht viel und lutscht. Leise schaukelnd. Seine beborsteten Augen, geäderte Billardbälle, weichen vorbei, immer ins Leere, nur die Rüsselspitze, hellfühlend, äugt nach mehr.
Vor siebzig Jahren war er Buddhist geworden, damals, als das Malheur mit der Herde passierte. Die „Affäre“ war zwar ohnehin verjährt, aber auch so — nein, er hatte sich durchaus nichts vorzuwerfen.
Wie etwa mit Benedek bei Königgrätz Anno 66 war es gewesen. Alle hatten das auch anerkannt und sich wirklich reizend benommen. Durchaus würdig. Keine Vorwürfe: „wären Sie nicht“ ... „und hätten Sie doch nicht“ ... „und sehen Sie, das kommt davon ...!“ — Nein, nicht einmal die Kühe hatten gekeift. Wie hätte er auch wissen sollen, daß der neue Vize-Roy, so einer von den fahlen Affen mit dem komischen Geruch, einen Kraal: Einfangen wilder Elefanten in heimtückisch kaschierter Umzäunung, anzusehen gewünscht?
Monate der Qual waren das gewesen: immer gescheucht, abgetrieben vom Wasser; wo man nur eine Quelle roch, fielen Schüsse, und Feuerbrände jagten die verdurstende Herde weiter. Die armen Babys, zum Schutze unter den Müttern laufend, wie unter einem galoppierenden Säulenportikus, waren schon ganz eingeschnurrt, mit verdorrenden Rüsselchen die saftlosen Brüste sehnsüchtig drückend. Da — endlich eine Nacht des Friedens, der Ruhe, auf dicht umhegter Lichtung Wasser. Einen Augenblick zauderte er: der Führer. Alles roch so verdächtig nach fahlen Affen rundum. Wäre er umgekehrt, die Herde hätte vielleicht noch gehorcht. Aber so—o—o— viel Wasser! Bis zum Bauch. Man war schließlich auch nur ein Elefant. Röchelnd vor Gier stürzte er sich hinein. Ihm nach die schwere, graugebuckelte Wolke.
Da schwang wie ein Tor der schmale Eingang der Lichtung zu, sie war nichts gewesen als umzäuntes Gehege, und ein Kranz von Geschrei stand plötzlich um sie auf, von Fackeln und Raketen, daß man an die elenden, mit Lianen umschnürten Pflöcke nicht herankönne, sie zu zersplittern.
Da hatte er noch einen Rüssel voll Wasser geschluckt — auf die fünf Minuten kam es auch nicht mehr an —, dann alles hinaus ins Zentrum der Lichtung beordert. Babys und Kühe in die Mitte, die Bullen ringsum: Rücken an Rücken, Stoßzähne und Rüssel nach außen geschlossen, zu einem verzweifelten Kreis. So erwarteten sie den letzten Kampf; in Disziplin und Selbstachtung. Die ganze Nacht stand man. Nichts geschah. Dann am Morgen geschah: eine Gemeinheit. Auf Gongs, Schüsse, Feuer, war man gefaßt gewesen, doch es kamen — Elefanten. In hoffärtigem Zug, und jeder trug auf seinem Haupt als Krone einen fahlen Affen mit Schlinge und Seil.
Sprachen durch die Rüssel in einem völlig vertrottelten Slang von „Kulturfortstrom“ — „Gliedpersönlichkeit“ — „individualistischer Irrlehre“. Schließlich blieben es aber die alten Hauer, mit denen sie erst die Schwächsten gewaltsam aus der Phalanx drängten, und die alte Hundsgemeinheit, mit der sie zuließen, daß ehrlich Kämpfenden von dem fahlen Affen oben hinterrücks eine Schlinge ums Bein geworfen wurde. Sofort packten die eignen Entartgenossen dann den Strick, schleppten den wehrlos Gewordenen zur Fesselung an den nächsten Baum.
Qualvoll schnitten die Riemen ins Fleisch. Tag und Nacht. Nie mehr ganz heilten die Wunden. Nach vierundzwanzig Stunden waren erste Bestechungsversuche genaht: Ananas, Kokosnüsse, Zuckerrohr. Aber die Bande hatte alles wieder an den Schädel retour gefeuert bekommen, daß es nur so krachte. Später freilich, wenn niemand hersah, hatte man wohl sachte — sachte mit dem Rüssel hinter sich getastet nach einer Ananas, sie im Kernschatten des geblähten Ohres zum Mund geführt, dabei aber möglichst umdüstert nach der andern Seite gestarrt. Ja — viel durchgemacht in diesen Tagen.
Später, als Rama-Krishna genug vom Leben verlernt hatte, um „gelehrig“ zu werden, trat er in den englischen Staatsdienst: ins Colonial Service mit Pensionsberechtigung nach dem hundertachtzigsten Jahr. Damit war es zwar wieder nichts, seitdem er zu Elchos gekommen, aber dafür galt man hier mehr als Freund und Ratgeber des Hauses.
„Liebes, großes Rüsselschwein, so sieh einem doch einmal in die Augen,“ und Gargi versuchte, durch Rama-Krishnas Sehfeld gleitend, seinen kurzsichtigen Blick zu fangen. Es schlug fehl. Da berührte eine schwebende Spitze ihre Schulter: die zweifingrige Rüsselmuschel, aus der es satt und lau duftete, wie aus einem Riesenfaß voll Met. Es war eine Liebkosung von überraschend zarter Weisheit, verklärtem Hedonismus. Aus flaumiger Nähe, die keusch das Berühren ins Ätherische hob, küßte er Arabesken aus Hauch über ihre Haut. Gargi verstand. Machte die Kinderarme knochenlos und muskelhaft geschmeidig, wie das Wunder des grauen Nasenarms vor ihr. Nun begann es in den Lüften: schwebendes Spiel dreier Schlangenkurven. Jede an jede funktionell gebunden, einander nie berührend, schufen sie reizende Raumgebilde aus unwägbarer, reueloser Lust.
Kurzsichtig oder nicht kurzsichtig, nein, mit so einem Rüssel ist niemand zu bedauern, und eine Elefantenkuh sein, muß auch seine Meriten haben.
Es kam naturgemäß die Zeit, wo zwei Körper der schöpferischen Phantasie nicht mehr genügen konnten. Auf einem Eiland von Frühling, ineinandergeschlossen zu einem Block von Glück, waren sie bisher gewesen. Unter ihnen trieb das Leben, daß sie wie auf Kelchen standen — blühte an ihren Gewändern hinauf bis zu verstreuten Sternen im Haar. Um sie keine Welt mehr, nur Gold.
Schritten sie jetzt Hand in Hand dahin, zuckte es allenthalben im Äther rundum auf. Frohe Flammen, die langhin durch ihre azurnen Adern gingen, leckten hinüber in andre Wesen, und Freudenfeuer grüßten zurück: liebe Helfer für die strahlenden Zwei. Ein körperlicher Liebeszauber ging von ihrem jungen Wandel aus, Entzücken für Menschen, befähigt, Empfinden sogleich in lebendige Anmut umzusetzen, und die, welcher Kaste immer zugehörig, der Essenz des Daseins mit so weisem Brauche zu huldigen gewohnt waren, daß vor jeder bindenden Vereinigung von Mann und Frau, Er — Ihr eine Banane, Sie — Ihm einen Mango sendet; als Maß ihrer erotischen Wesenskerne. Ob sie zur Erfassung und Erfüllung für einander geschaffen.
In den westlichen Zimtgärten begegnete ihnen einmal eine Straßenkehrerin von solchem Wohllaut der Gliederung, daß sie trunken innehielten. Sonne fiel durch einen krokusgelben Sarong, in dem die Nahende als Docht in der Flamme stand. Sie schien fast ohne Schwere. Nur so viel der Last, als Kraft bedarf für ihre allerbesten Spiele. Unter den Sohlen ward ihr der Staub zu tragendem Sperlingsgefieder. Aus der Schmalheit ihrer Kniee ging sie auf Flaum dahin, im Klingen der Choorees: der Kupferspangen; nach rechts und links die Blätter von den Wegen fegend. Ihres Füßchens Ferse hinterließ keine sichtbare Spur; die erbsengroßen Mulden der vier Zehen — die kleinste berührte den Boden nie — aber waren so rührend abgetieft, so vollkommen gerundet, daß Horus niederkniete, die Innigkeit des Abdrucks mit dem Finger zu umlaufen. Und ihrer immer mehr wurden es: bei jedem Schritt fiel wieder so ein Feenhusch auf den Sand. Aus ihren Abständen, in den Raum hinauf, ersann man dann des Dreiecks süßen Scheitel sich hinzu, aus dem der Schritt entsprang.
Eine zahme Antilope ging ihr nach, in geschwisterlichem Anstand. Der sternigen Stirn des zarten Tiers entstieg klirrendes Gehörn. Messingamulette spielten um die Männlichkeit des sanften Hauptes, um eine Tönung höher abgestimmt als der Herrin dumpfere Kupferfesseln.
Es wollte Abend werden. Inne hielt die junge Frau, breitete ein dunkel- und weißgeflecktes Fell der Axishindin, wie einen privaten, kleinen Sternenhimmel, neben dem Brunnen aus. Begann in der Haltung der Sandalenbinderin am Parthenon den Staub von sich zu baden. Dann — einen Fuß noch gesteilter auf dem Brunnenrand — lag der Schenkel als Sehne dem Abdomenbogen an, der edeleingewölbt, sichelförmig hoch darüber hinging.
Und des Phidias selige Kore verplumpte, ward unmöglich daneben.
Tiefer beugte sich die Badende. Erfrischte eine Kette aus Tempelblüten, die lang vom Halse niederfiel, neben der hanfenen Schnur. Die Luft war von silbriger Feuchtigkeit. Steigernder Geruch lebendigen Zimtes, heraufgerissen durch Wurzel und Stamm, bis er lanzettscharf aus Blattspitzen brach, trieb kühne Abkehr jeglicher Erdenschwere durchs Blut. Als brauchte man nur blaue Adern ausspannen, um vibrierend an doldenüberstürzten Wipfeln sausend still zu stehen, wie die Honigvögel dort oben, wenn sie mit langen, gekreuzten Nagelscheren aus Gold tief hineingriffen in flammichtes, grelles, malvenkühles Geschlecht, daß duffer Fruchtstaub aufflog.
Nun wandte das Wesen am Brunnen auf sanftem Hals den diademgestirnten Kopf: aus ihrem Haarknoten, der auf dem langen Nacken schwamm, lockten sich winzige Flocken frei, umstanden als Fest und Feier die fünfkantige Stirn. Nun hatte sie das kindliche Paar aus dem Hause der „Beleberin der Herzen“, wie Diana Elcho bei den Eingeborenen hieß, erkannt.
Wie um eine Kostbarkeit bat Gargi um den Besen. Ging denn das an, aus einem Ding niedrigster Verrichtung ein Instrument solcher Anmut zu machen, solcher Augenweide?
Und die Diademgestirnte zeigte es: von Schulter zu Fingerspitze müsse es laufen, sei eigentlich nichts anderes als Freude, so fein fühlen zu können, daß die Enden des Besens immer nur Blätter träfen — nie Sand. Kein Körnchen dürfe auffliegen. Wie der ganze Körper mitschwingen müsse und etwas an sich haben von der Kunst des Rutengängers; auch sei es rätlich, seine Besen selbst zu binden. Fertiggekaufte taugten nichts. Gargi ward einer versprochen aus Pisangrippen mit federndem Bambusstiel. Dann sei es viel leichter. Denn es ergab sich, daß es nichts weniger als leicht war. Freilich, einfach Schmutz fliegen machen, rechts und links, das konnte jeder. Das war Sklavenfrohn. Dann sah man aber auch anders aus dabei.
Sie ruhten am Brunnen. Nun wandte die Diademgestirnte dunkle Augenblüten in klaren Schalen Horus zu. Sah ihn zum ersten Mal an. Ganz groß, ganz tief. Gönnenden Wissens voll. Er überküßte sie: mit aufreizenden und wieder beruhigenden Küssen. Plötzlich ganz neuen, niegewußten, während Gargi, die holden Füße der Fremden im Schoß, mit ihnen spielte, als wäre jede Zehe ein kleines Feenweibchen, auf Seidenkissen zur Liebkosung bereit. Nun legte er die Diademgestirnte auf seine Arme. Den linken ganz umspült von ihren Sprunggelenken und Gargis Glieder wie Schleier über seinen Rücken fließend, riß es ihn nach vor; den Kopf in der Fremden Schoß gewühlt, daß sein leichtes Haar wie eine Anemone auseinanderfiel, warfen seine Zähne Anker in der ewigen Bucht. Wo aber dies sein Haar warm im Nacken auseinanderfiel, entstand zwischen zwei gebräunten Sehnen aus betörender Männlichkeit eine winzig harte Mulde. Flaum silberte in ihr. Dort trafen sich in einem kleinen Gruß die zärtlich entrückten Hände beider Frauen.
Als ein ungemeines Glück empfanden sie die mächtige Potenz dieser immediaten Annäherung. Noch scheu, ganz steil heraufgerissen werden in Intimität mit Überspringung aller Zwischenstufen, nur der des Taktes nicht. Denn irgendwie blieb jene ehrfürchtige, diskrete Distanz, mit der man Fremdheit ehrt — auf die sie Anspruch hat — die blieb bestehen. Auf unbegreifliche, nur dem Takt begreifliche Weise standen noch Formen und Schalen makellos. Nur war aus jeder dieser gesitteten Menschenschalen deren tiefster Kern unwiderstehlich hinübergewallt in die geheimnisvolle Dimension der Wonne. Auch dort gesetzlos nicht — nur anders eben.
Dann nahmen sie die Diademgestirnte in ihre Mitte — Schwertlilien ihrer Schenkel spielten dahin — führten sie dem Hause zu: den Bäderhallen des Erdgeschosses, den Ruheräumen. Nur in die samtnen Wände führten sie auch diese nicht. Keinen von all den heißen Knaben- und Frauenkörpern, die durch ihre Arme gingen und die sie erkannten: im einzigen Sinn, da Erkenntnis zwischen Sterblichen für einen Augenblick möglich ist oder — scheint.
Kamen oft in dieser Zeit zu Ganapati Sastriar: dem Märchenerzähler. Immer wieder gut, wie im Schatten der Weltesche, ruhte sich’s in seiner machtvoll-breiten Unzüchtigkeit.
Hockend am Fuß seiner Träume, erzählte er. Verkaufte Früchte dazwischen. Aß, was er nicht verkaufte, selber. Lebte doppelt: vom Erlös und Nicht-Erlös zugleich. War so dick, weil er immer im Schatten saß. Kein Sonnenstrahl durfte ihm das Fruchtfleisch der Bananen wieder aus den Poren ziehen. Schien aus einem süßen, prallen Stoff gemacht. Manchmal blieb ein kleines, nacktes Kind stehen, steckte den Finger an ihn, meinend, er schwitze Zuckerharz gleich einer Palme; klimperte dann enttäuscht mit seinem Aramudhi, dem Lendenamulett, zwischen den Beinen davon. War Ganapatis Mehlsack: die Brotfrucht, weg — der Mango auch —, nicht die dünnste Ananas für ihn übrig geblieben, pries sein Mund jene asketischen Bräuche, vor deren Macht alle Götter zittern, dann sprühten aus seinem Schlund ungeheuerliche Kasteiungen der Sadhus, wie Kraft aus einem Krater, bis die drei Reiche erbebten vor seinem Mangel an Obst ... Oder seine Lippen funkelten von Dhruva, dem Polarstern:
„Der König Uttanapada hatte zwei Frauen, von jeder einen Sohn. Einst saß der König auf dem Throne, auf seinem einen Knie das Kind der Lieblingskönigin Suruchi. Das sah Dhruva, sein zweites Kind, und voll Sehnsucht nach gleicher Zärtlichkeit, versuchte es des Königs andres Knie zu erklettern. Doch die Lieblingsfrau wies es mit höhnischen Worten zurück. Scham schlug in sein kleines Herz gleich dem einsilbigen Blitz, stumm ging es hinaus, hielt die Tröstungen seiner Mutter von sich ab und sprach in seiner großen Empörung:
‚Ich will aus mir selbst so hohen Rang erreichen, daß des Königs Thron und sein Knie und auf seinem Knie mein Bruder Uttama tief unter mir liegen sollen, und das für immer, nur erreichbar ihrem Gebet; ob ich gleich nicht von Suruchi, der Lieblingsfrau, geboren bin, sondern von dir, und du, meine Mutter, sollst meine Herrlichkeit schauen.‘
Dann ging dieses Kind von fünf Jahren aus der Stadt bis in den Dschungl. Dort saßen sieben Munis auf schwarzen Antilopenfellen; von ihnen erbat es Rat.
‚Prinz, die Kraft deines Willens ist über uns,‘ sprachen sie und neigten sich ihm. ‚Wir müssen dir den Weg zum Ziele zeigen: er ist in dir. Tue alle äußeren Eindrücke, tue Sonne, Mond und Sterne von dir ab, tue den jungen Frühling aus deinem Herzen, die äsenden Antilopen aus deinen Augen, die süßen Gräser von deinen Lippen, die singenden Erze von deinen Ohren. Lösche alles aus und für immer. Die furchtbare Leere aber lege um dich wie einen Gürtel, bis du entworden. Dann versenke dich in das Eine Tag und Nacht: das „Seiende“, in dem die Welt ist. Presse dein Bewußtsein des „Seienden“ hinab, bis wo am Grund der Wirbelsäule, dreieckig zusammengerollt, Kundalini wartet: die schlummernde Gottkraft in allen Wesen. Auf sie laß die nach innen gedrehten Sinne wie ein Brennglas glühen, versenkt jetzt alle in das Eine, das „Seiende“, bis Kundalini sich aufzurollen beginnt und durch die Wirbelsäule steigt und steigt ... Hat sie endlich den tausendblättrigen Lotos im Haupt berührt, so zwingst du das Seiende, du selbst zu sein, aus ihm heraus aufs neue zu werden, was immer du willst. A. U. M.‘
Dhruva zog sich an die Ufer des Jumna zurück, tat, wie ihm die Munis geheißen. Tag und Nacht, ohne Nahrung, ohne Schlaf vibrierte sein ungeheurer Wille einwärts gewandt in ihm, erweckte Kundalini, verwandelnd seinen Leib, daß er durchsichtig ward wie ein Schatten und Vishnu zwang, in ihm offenbar zu werden. Als aber das geschah, ward er auf einmal so schwer, daß die Erde das Gewicht des winzigen Asketenschattens nicht mehr zu tragen vermochte.
Verstört suchten die unteren Götter auf jegliche Art Dhruva aus seinen Devotionen zu reißen. Umsonst. Da flehten sie zu Vishnu um Hilfe:
‚O Vasudeva,‘ klagten sie, ‚wie der Mond Tag um Tag an seiner Scheibe wächst, so wächst dieses unbezwingliche Kind, kraft seines Willens, in übermenschliche Macht hinein. Wir wissen nicht, wonach er strebt: ist es der Thron Indras, die Herrschaft der Sonne, oder sind es die Schätze der Tiefe, die ihn reizen. Erbarme dich, Herr, nimm den Alp von uns, mache, daß der Sohn des Uttanapada abläßt von seinem Tun.‘ Da stieg Vishnu in Person herab, mit Dhruva zu verhandeln und gewährte des Asketenkindes Wunsch: für immer so hoch zu stehen, daß nur Gebete ihn erreichen, indem er Dhruva zum Polarstern des sichtbaren Universums erhob.“
Manchmal wieder ward Ganapati Sastriar flammicht ritterlich in seinen Fasten, erzählte den strahlenden Haß der Prinzessin Amva von Benares:
„Um Bhishma zu vernichten, hatte sich die holde Tochter des Königs von Kaçi jahrelang den furchtbarsten Kasteiungen unterworfen, bis ihre Macht groß genug geworden, um dem Gott Mahadeva das Versprechen abzuzwingen: nach ihrem Tode solle sie ungesäumt als Krieger wiedergeboren werden, der den unbesiegbaren Bhishma schlüge. Mit dem Wort des Gottes ging die Lotosfüßige an die Ufer des Yamuna, häufte und entzündete einen Holzstoß, bestieg ihn sodann im Angesicht aller großen Rishis mit dem Ruf: ‚Zu Bhishmas Vernichtung‘.
Doch die Flammen bogen rundum aus vor ihr, daß sie unversehrt im feurigen Kelche stand, und es kräuselten sich die Lippen des Rauches und sprachen: ‚Oh, Lotosfüßige, wir wollen so Holdes nicht vernichten.‘
Da ließ die Prinzessin den reinen Haß aus ihrem Herzen flammen, entzündete eins ihrer Glieder nach dem andern an ihm und verbrannte aschelos wie ein Diamant. Stürzte ungesäumt ihre Seele in den härtesten Schoß, tauchte aus ihm als junger Kriegsheld, unter dessen gnadelosen Händen der sterbende Bhishma noch einmal in das Auge der Amva von Benares sah.“
Keine Scheibe der Horcher heute. Sie waren enttäuscht. Dann getröstet: „Oh, er macht ‚neti Karm‘, da wird abends seine Nase neu sein und seine Kehle freundlich.“ — Aus jedem Nasenloch hing dem Märchenerzähler ein gedrehtes Seil von ungesponnener Baumwolle; die andern gewachsten Enden, innen bis zur Nasenwurzel hinauf und hintüber durch den Rachen gezogen, kamen wieder beim Mund heraus. Wie Zügel hielt er alle vier in Fäusten, zog sie ab und auf, her und hin. Stunden dauerte die Reinigung.
Abends erzählte er wieder, um ihn die Scheibe der Horcher wie das Blatt um den Lotos: „Die Episode der tausend Jahre“:
„Unübersehbare Zeiträume schon hatte die Rivalenschaft in der Askese zwischen dem Kshatriyakönig Vismavitra und dem Brahmanen Vasishta gewährt. Schließlich hatte der furchtbare Kshatriya elf unerhörten Kasteiungen durch elf Jahrtausende obgelegen, aber immer noch hatte er die Brahmanenschaft, deren er zum Endsieg über Vasishta bedurfte, nicht zu erringen vermocht, seine Macht aber war bereits ins Unermeßliche gewachsen. So beschloß er, seinem Gegner wenigstens zum Tort, einen gewissen Trisanka, den die Priesterschaft in Bann getan, wie er da war in seinem menschlichen Fleische, unter die Himmlischen zu erheben.
Diese verweigerten seine Aufnahme. Da drohte Vismavitra in seiner Wut einen zweiten Indra zu machen — oder die Welt ganz ohne Indra zu lassen — ja, er begann bereits vor den erstaunten Göttern neue Gestirne und Sternkonstellationen aus sich herauszuschleudern. Da gaben die Entsetzten nach. Doch immer noch nicht zufrieden, kehrte der unermüdliche König auf den Himalaya zurück, um in der Triebkraft seiner furchtbaren Devotionen fortzufahren. Da erkannte Brahma, so könne das unmöglich weiter gehen, und er sandte nach Menaka, der allerbesten seiner Nymphen, sie möge den Meisterasketen ablenken und sein Karma zu beflecken suchen, auf daß der bedrohliche Berg seiner Verdienste dahinschmelze in Lust. Menaka erbat hundert Jahre Frist, um noch schöner zu werden, denn ob sie gleich allen ohne Fehl dünkte, erwuchs ihr eben aus der eignen Vollendung auch wieder um so höheres Wissen um neue Vollkommenheit.
Als die Goldgliedrige — endlich mit sich selbst zufrieden — vor Vismavitra erschien, verließ er sogleich alles, um mit ihr der sechsundsiebzig Arten des Liebesgenusses zu pflegen. Bald war ihre Liebe die des Hengstes mit der Gazelle: jene die Sehnen der Knie von rückwärts im Sprung Genießende. Oder es war die Bespringende des Löwen — die des Marders mit der Schlange — auch die der Schlingranken, Vögel und Dämonen. Doch niemals des Hasen mit der Elefantenkuh, weil diese Art der Liebe unter allen Umständen zu vermeiden ist.“
An dieser Stelle legte sich Ganapati Sastriar breit in die Sielen der Erzählung. Er hatte ausschweifende Gebilde aus elastisch dehnbarem oder auch herb stoßkräftigem Stoff ersonnen — nur spannenlange Zauberwesen, mit denen er die Vorgänge zwischen der Nymphe und dem König zu erläutern pflegte. Doch ließ er sie dazwischen oft lange ruhen, um von den wunderbaren Gesprächen der beiden zwischen der Liebe zu berichten. Denn ist eine Frau weise, dann schmeckt ihre Weisheit süßer als die Brahmas, weil der Speise ihrer Weisheit noch die entflammende Drogue „Anmut“ beigemengt ist. Das wußte auch der große Sankara Acharya, denn er unterbrach eigens einmal seine Inkarnation, um auf kurze Zeit den toten Körper des Königs Amru zu bewohnen und solchermaßen vorübergehend der Königswitwe Gatte zu werden, damit er in den Stand gesetzt würde, aus eigner Erfahrung mit Madana, der Frau eines Brahmanen, Zwiesprache auch über Liebesdinge pflegen zu können, dem einzigen Wesen, das er an weiser Rede nie zu besiegen vermocht.
„Du warst vorhin bei der neunundsechzigsten Art der Nymphe Menaka, den Sonnenschirm des Liebesgottes aufzuspannen,“ sagte Gargi.
Und Ganapati ging über zur siebzigsten und einundsiebzigsten ... „Nach der sechsundsiebzigsten aber waren tausend Jahre in Liebesekstase vergangen. Da verabschiedete Vismavitra die Nymphe sehr freundlich und sprach zu ihr: ‚Sage Brahma, ich danke ihm, daß er mir nur vom Allerbesten, was er besaß, gesandt, wohl wissend, daß einzig du, Goldgliedrige, mich von meinem Ziele abzulenken die Macht besitzen könntest.‘
Dann gab er ihr noch bis zum Rand des Mondes das Geleit, empfahl sich ehrerbietig, kehrte um, setzte sich wieder auf den Himalaya und begann neue Reihen noch nicht dagewesener Kasteiungen, so daß die Berge anfingen, davon zu glühen. Hielt seinen Atem an die tausend Jahre lang. Da stieg Rauch aus seinem Haupt zur großen Konsternation der drei Welten, denn alle Regionen fingen an durcheinander zu stürzen, kein Licht schien irgendwo mehr, und die Götter flohen in Angst zum Herrn der drei Welten:
‚Hilf, Mahadeva! Denn es hält sonst der Entsetzliche den Atem an, bis dieser an Länge gleich geworden dem Ein- und Aushauch Parabrahms, der die Schöpfung ist. Dann vermag der Entsetzliche mit einem Einhauch die Schöpfung und alle Götter in sich zu saugen und eine neue Schöpfung mit neuen Göttern im Aushauch aus sich zu stoßen.‘“
Da aber drehte Ganapati Sastriar plötzlich auf dem Absatz der Erzählung wieder um, denn er hatte noch eine vortreffliche Zärtlichkeit der Nymphe Menaka in der „Episode der tausend Jahre“ zu schildern vergessen.
Eines Tages zog Gargi sich von ihrem jungen Gatten zurück. Verlangte nach der Sitte indischer Damen von Stand an einer bestimmten Wende des Blutes nach abgesonderten Frauengemächern, die der Herr des Hauses bei Tage nie und auch des Nachts unangemeldet nicht betritt. Wo sie in Ferne und Geheimnis sich jedesmal für den Entbehrten bereitet, wie für einen fremden Gott. Pfauenäugiges Nachtgeschöpf am Zaubergewirk aus Trieben und Hemmungen: Bauherrin — Dichterin — Bildnerin am ohnegleichen Werk hoch über aller Wissenschaft und Kunst: Liebe. Des Nebeneinander entratend um des Ineinander willen. Sie durften sich ja jede steigernde und edle Künstlichkeit gestatten, ohne Furcht vor Entfremdung, Dank ihrer Kinderehe, die lang vor dem Zentrieren der Sinne sie zu Nachtgeschwistern versiegelt.
Denn es ist gewiß, daß unabhängig vom Nur-Geschlechtlichen, durch Schlafvermischung allein, aus einem tieferen Eros her ein Etwas kommt: unerforscht, verhangen mit Geheimnis, und doch, gewaltiger wie Umarmung, mächtiger wie Tag und Tat, die Wesenskerne der Bewußtlosen ineinander zu ketten vermag zu einem dunklen Zwiegeschöpf. Hat sich dieses erst einmal gebildet und fährt das Schwert eines Schicksals dann hindurch: bis zum Tode gehen die Entzweiten herum, wie mit einem Schnitt durch die Persönlichkeit, ja aus dem Schnitt heraus blutet neue Bindung: ein Band aus hartem Blut, stärker als Leidenschaft — länger als Gewöhnung.
Ohne dürren Instanzenweg der Überlegung, von dem die köstliche Glätte ihrer Stirn nichts wußte, hatte Gargi die Zeit ihrer Entrückung gewählt. Sie, nicht Horus, auch Diana Elcho nicht. Denn sie war eine asiatische Dame, somit für die Essenz des Lebens gebildet — nur für sie.
Wenn man will, ein rein weibliches Dasein.
Verstände sich darunter:
Generationenlang nie einer Trägheit nachgegeben haben und nie einer Gier. Um der Anmut willen viel getan haben an zarter Mühsal. Viel gelassen, um des Geschmackes willen.
Vom fünfzehnten Lebensjahre bis zum Tod nie zu-, nie abnehmen im Dienst geschmeidiger Glätte und nie eine derbe Speise berühren im Dienst des Duftes.
Mit einem durch Jahrhunderte geklärten und durchglühten Blut die Sehergabe des Schoßes erwerben. Als Hüterin des köstlichen Potentials zu entgleiten verstehen ohne Entfremdung, auf daß die süßen Wasser der Sehnsucht sich wieder sammeln.
Wissen, wie jener unentrinnbare Haß der Übernähe zu lösen, damit auch die Qual noch ihre Stelle unter den Seligkeiten finde. Die Abstürze kennen, zwischen: Liebe — Erotik — Orgiasmus — Ehe. Über sie alle hin mit fragilem Arm die kühne, junge Brücke schlagen, an deren Ende schon die Hand den Gefährten mit warmem Druck erwartet, und auf dem Frühlingszweig des Armes jubelt noch sein Kuß.
In den seltenen, vielgliedrigen Festen des Blutes nach Ergänzungen suchen, die sie selbst nicht bieten kann. Mit und an ihnen sich abschatten oder entflammen. Die Liebe über den Geliebten stellen, damit das Weltenkunstwerk des Entzückens sich vollende. Und erkannt haben, daß ein Eros, der dieses Namens wert, auf jedem Instrumente anders spielt, und daß die Flöte nichts der Geige raubt.
Ein rein weibliches Dasein: an der Feinheit der Polygamie frei — großartig — taktvoll — und weise geworden.
Im zweiten Jahr nach dem Frühlingslauf zur „Höhle der weißen Träume“ sah Horus nur einmal seine Frau bei Tag. Es kam so:
Diana Elcho lag flach auf dem Bauch in der Halle und spielte mit dem Spektrum.
Pendelte den Wasserspiegel im halbgefüllten Kelchglas linde vor sich auf und ab. In ätherischen Kanten schlug die Sonnenpyramide hindurch, schlug ihre winzige Farbengarbe auf die Hand der Frau. Ein Cabochon am kleinen Finger daneben verschleimte — ward unmöglich. Nur ein Edelstein: Licht, schon verunreinigt durch Erden. Sie streifte ihn ab. Auch die Hand nicht hell genug. Sie suchte nach anderer Foliierung. Wollte den Sonnenbruch ins schmerzhaft Herrliche heben. Papier — Seide — Porzellan? Suchte passives Weiß, nicht spiegelnd, nicht körnig, nur gleich und rein. Über Alabaster endlich wuchs — wie von flüssigen Brillanten getragen — das winzige Band zu solcher Intensität in einen Paroxysmus des Glanzes hinein, der betäubte. Sie spürte ihr Herz.
Die anderen kamen, kauerten herum, spielten schauend mit. Ein kleines Insekt aus der Luft knallte seine Chitindeckel zu, schlenderte zu Fuß verblüfft durch die flimmernde Wandelbahn von Purpur nach Violett; an der unstofflichen Wonne des Gelb lutschte es ein wenig. Sie nickte ihm zu, sah auf:
„Gut haben’s die Ganzkleinen. Schönes ist immer so groß für sie. Ihnen wachsen fugenlose Häuser aus elastischem, leuchtendem, duftendem Stoff, mir sieben Jahre Mühen, bis sich nur das Furnier der Bibliothekslambris restlos schloß. Der da aber geht gar in den sieben ersten ‚Taten des Lichts‘ spazieren. — Wir sind zu groß. Reines reicht kaum für den kleinen Finger; der Rest tunkt schon wieder rundum in den Sudel.“
Und dann bekam Diana Elcho langsam ihr großgewordenes Kindergesicht.
Van Roy lächelte Horus in die Augen:
„Das wird ein Nachspiel geben.“
Sechs Monate später lud sie beide in den neuen Annex am südlichen Park. Umplankt von freiwilliger Diskretion, war sein Inhalt Geheimnis geblieben. Passierten das Atrium, glitten auf eine Rundbank in der lichtlosen Apsis aus silbrig-finsterem Labrador. Die dreht sich mit ihnen langsam hinein in ein alabasternes Riesenei: nur Raum, strahlender Materie voll bis zum Rand. Wabernde Spektra, dick wie Wildbäche, stürzen in ihn und lautlos zueinander, von äußeren Spiegelreflektoren durch Prismenbänder längs der Wände rundum hereingebrochen in das lebendigweiße Ei. Eiskalter Staub von süßem Wasser fängt die Spektra in der Luft — hält sie schwebend im Raum. Kühlt zugleich.
Doch es ist zuviel. Die Blicke werden hart, erstarren in einer Lichttrance zu Stein. Der Reiz dieses leeren, beziehungslosen Glanzes steigt zum Bersten an; schreit nach Zentrum — nach Kern.
Da kommt aus dunkler Zwillingsapsis gegenüber die Erlösung. Durchsichtig wie Libellenschatten. Zittert vor Sonne. Legt opalisierende Hände weich vor sich auf die Farben, wie trinkende Vögel. Kommt auf langen, zarten Schenkeln durch die fließenden Edelsteine gewandelt bis in die Mitte des Raums: steht nacktklar im gewalttätigen Licht. Schräg schlagen Flimmersäulen von Purpur bis Violett hart durch den feinen Körper, durch Hals — Herz — die fingerdünnen Weichen hin: ein junger Büßer steht gepfählt an ein geheimnisvolles, sehr wonniges Martyrium, das er auf weißen Lidern trägt.
Dann weicht die Luststarre allmählich holder Ungeduld und magischem Sang der Glieder. Was rhythmisch wechselnd von Strahl zu Strahl durch die Farben gegangen, ist jetzt ein neues, ganz liebliches Gemüt — dem Licht nicht mehr entgegen. Es wiegt und spielt sich, löst sich ganz, zu schwingen, heller wie Geist, in strahlendem Äther, wie die gleitende Welle im Leib eines diaphanen Meergeschöpfs: Sylph vom fließenden Licht.
Es schaute der Knabe Adorant. Und die zerfallenen Hälften der Welt: die voll feurigen Atems unten — die zeitlos ätherische oben, schlossen sich in ihm zu einer Vollendung. Denn was durch das Auge eingeht, wandert den Weg der Entzückung ins Geschlecht — den Weg der Entrücktheit zu Geist. Im Auge aber sind sie eins.
Ein Etwas um Diana Elcho ließ Erasmus sich ihr zuneigen:
„Was ist, ‚Beleberin der Herzen‘?“
Ihre Wimpern wiesen vor sich, stürmischer Sieg stand auf in dem jünglinghaften Gesicht:
„Jugend soll unaufhörlich Feste feiern! Jugend ist das Leben. Welcher Wahn, welche Torheit, sie in Vorbereitung auf das Leben verschwenden, also auf etwas, das mit ihr selbst erlischt. Alles den unlädierten Wesen. Es lebe die Immatura.“
„Falls die Erziehung vor der Geburt vollendet war, dann“ — er verbeugte sich leicht gegen sie — „mögen die Feste in Freiheit kommen.“
Sie nickte. „Wissenswertes läßt sich ja so nicht lehren, nur gebären, das ist: unbeirrbarer Sinn für das Echte. Er, aus dem die unbeweisbare, allmächtige Prämissenbildung aller Urteile erfließt. Das geht nicht von Mund zu Ohr, nur von Blut zu Blut. Die wahre Alma mater aller Fakultäten, Fähigkeiten bleibt ewig die Plazenta.“
Ihr Auge weidete auf den Farbensäulen, in die sie das Licht zerbrochen, so groß sonst nur als unfaßlich freie Glorie über Wolkenrändern — hier von einer Frau in ihr Gemach verdichtet, gezwungen, es zu füllen bis zum Rand.
„Bildung“ — eine Welle rann unbewußt durch ihre Hand und wie eine Erhellung in die Luft hinüber — „alles liegt schon im Wort — ‚gebildet‘: was von innen heraus ringsum ausgeblüht, sich planmäßig Gestalt erzwang: Struktur. Im Gegensatz zu dem, was noch amorph ‚ungebildet‘: ein Haufen Schlauheiten — Meinungen — Instinkte — Urteile bestenfalls. Erbmassen, durcheinanderkollernd wie Schrotkörner in einem schlaffen Beutel, an den Schwanz eines kopfscheuen Affen gehängt.