Bianca Bobertag
Eheglück
Roman
Berlin
Concordia Deutsche Verlags-Anstalt
1900
Concordia Deutsche Verlags-Anstalt, Berlin.
Der kleine Martin.
Erzählung
von
Karl Emil Franzos.
Zweite Auflage. Ein Band. Groß 8°. Geh. Mk. 2,–, geb. Mk. 3,–.
St. Petersburger Zeitung. (P. von Kügelgen.): »Karl Emil Franzos' neueste Geschichte »Der kleine Martin« ist die reife Frucht der Erzählerkunst des Autors. Der Held der Erzählung ist der beste, edelste, selbstloseste Mensch, den man sich denken kann, nur zu weich, zu wenig mutig und schneidig für diese schnöde Welt. Die Geschichte ist musterhaft erzählt, jeder Zug, jedes Detail paßt zum andern, alles greift so konsequent, so logisch, so unabwendbar in einander, daß man den Eindruck erhält, Alles mit eigenen Augen mit angesehen, mitfühlenden Herzens miterlebt zu haben.«
Berliner Tageblatt: »Man kann diese Novelle wohl als ein Pendant zu dem großen Romane des Autors: »Ein Kampf ums Recht« betrachten, nur daß Franzos diesmal uns das Kampfgebiet von einer anderen Seite zeigt. Die Erzählung ist interessant und fesselnd vom Anfang bis zum Ende; es fehlt auch trotz der tragischen Grundstimmung nicht an Scenen, die uns Land und Leute in Halbasien mit köstlichem Humor vorführen.«
Bohemia: ».... Mit sicherem Pinsel ist in die leichte, nicht drückende, die Wirkung rein abschließende landschaftlich-ethnographische Umrahmung ein psychologisches Kabinetstück hineingemeistert: die Erscheinung eines gutmütigen, weichen Menschen, der hilflos mit den Rauheiten und Roheiten der Welt nicht fertig zu werden weiß, der aber darin, was Comte den »Altruismus« nennt: in der Hinopferung für Andere, in der herzhaften Selbstlosigkeit immer wieder seine Stärke findet und offenbart. Wir beschränken uns auf diese allgemeine Charakteristik der ergreifend schönen kleinen Geschichte.«
Hamburger Fremdenblatt: ».... Die hauptsächlichsten Vorzüge dieses neuen Buches sind die prächtigen Sittenschilderungen, eine scharfe Charakteristik der Personen und der in der bewegten, dramatisch aufgebauten Handlung verborgene sittliche Kern. Dem schönen Buch, einem echten Kinde der Muse unseres Dichters, ist manche Neuauflage vorherzusagen.«
Berl. Börsen-Courier: »... Die Personen, die uns der Dichter hier vorführt, sind scharf gezeichnete Typen von lebendigster Anschaulichkeit. Es ist wie eine Abrechnung, die erlösend wirkt durch ihren sittlichen Wert.«
Norddeutsche Leute.
Novellen
von
Adalbert Meinhardt.
Zweite Auflage. Ein Band. Groß 8°. Geh. Mk. 2,–, elegant geb. Mk. 3,–.
Blätter für litterarische Unterhaltung (1. Jan. 1897): »... Es ist nicht Willkür, die für diese Novellen diesen Namen erfand. Vielmehr haben die Charaktere durchgängig ein gewisses Etwas gemeinsam, was sie als Menschen eines Schlags erscheinen läßt, eben als Norddeutsche. Diese Eigenheit, mit glücklicher Sicherheit erfaßt, ist mit bewußter Treue dargestellt und durchgeführt. Scheinbar harte, starre, verschlossene Naturen zeichnet uns A. Meinhardt, Herzen, die nicht leicht zu entzünden sind. Um so nachhaltiger und rückhaltsloser lieben sie da, wo einmal ihr Gefühl eine Wahl traf. Auch die leise Wehmut, die über beiden Erzählungen ruht, entspricht der künstlerischen Absicht sehr wohl. Kurz: Die »Norddeutschen Leute« seien als gesunde, im besten Sinne unterhaltende Lektüre nachdrücklich empfohlen.«
Hamburger Correspondent. (Nr 1, 1897): »... Zu jenen schriftstellernden Frauen, von denen jedes neue Buch von einem weiteren geistigen Wachstum zeugt, gehört Adalbert Meinhardt.... Man muß der Kraft der Darstellung und Charakteristik wie der feinen Seelenmalerei volle Anerkennung zollen. Die Gegensätze, die ungemein zart und keusch angedeutet sind, finden hier auch eine harmonisch ausklingende Auflösung.«
Heimgarten. (XX. 5.): »Die jugendliche Mutter und die heranblühende Tochter lieben denselben Mann – gewiß ein starker Konflikt, der auch energisch gelöst wird, in feiner und vornehmer Art.... Eine Schilderung des norddeutschen Wesens, die alles Bezeichnende ungemein fein und scharf wiedergiebt.«
St. Petersburger Herold. (29. XII. 1896): ».... Die Novelle »To Hus is best« ist eine Perle deutscher Erzählungskunst und Tiefe des Problems, wie an Kunst und Kraft der Charakteristik. Gleich wertvoll ist auch die zweite Novelle des Buches. Wohl nächst »Heinz Kirchner« das beste Buch, das A. Meinhardt bisher veröffentlicht hat.«
Hamburger Fremdenblatt. (25. Dez. 1896): »... wirkliche norddeutsche Leute, groß geworden in der kleinen Welt, die sie ihr eigen nennen, darum eingeengt in ihren Ansichten und Anschauungen, rauh nach außen, aber unter der unansehnlichen Außenschale ruht ein gesunder Kern, schlummert ein reiches Gemüt ... Das Werk sei bestens empfohlen.«
Eheglück
Roman
von
Bianca Bobertag
Berlin
Concordia Deutsche Verlags-Anstalt
1899
Alle Rechte, namentlich auch das der Übersetzung vorbehalten.
Erstes Kapitel.
Salzbrunn war in der Mitte der vierziger Jahre noch nicht der mit modernem Komfort eingerichtete, teure Badeort, der es heute ist. Es besaß noch keine eleganten Hotels und keine Verkaufsbazare, keine Teppichbeete und keine Wiesbadener Preise. Trotzdem war sein Besuch ein lebhafter und bei aller Einfachheit der Verhältnisse gab es etwas wie ein Badeleben. Gegenüber dem Kursaal stand eine Art Vogelgebauer, das das »Orschester« genannt wurde und in dem man eine jener Bademusiken veranstaltete, die zwischen dem Erträglichen und dem Unerträglichen die Mitte halten. Es gab eine Promenade, auf der die neuesten Pariser Moden spazieren geführt wurden, Réunions, bei denen getanzt und musiziert wurde, und selbst eine Leihbibliothek von etwa hundert Bänden, in der neben den Räuberromanen von Spindler und Vulpius die Flygare-Carlèn und die Paalzow, Walter Scott, eine Anzahl »Taschenbücher für Liebe und Freundschaft« und für verwegenere Gemüter Paul de Kock und Eugen Sue zu haben waren.
Selbstverständlich gab es auch den nötigen Badeklatsch; die Toiletten-, Gesundheits- und Moralitätsjury waltete damals so gut wie später ihres Amtes, und Neuangekommene mußten sich so lange bemäkeln lassen, bis sie glücklich selbst in dem großen Gerichtshof Aufnahme gefunden hatten.
Da zwei auffallende Erscheinungen, Madame Florentine Gernoth, und ihre Tochter, Frau Doktor Rhode, sich sehr zurückhielten, gehörten sie zu den meistbesprochenen Persönlichkeiten.
Sie lebten einfach. Jeden Morgen zur gleichen Zeit sah man sie nach dem Brunnenhause und zur Molkenanstalt gehen, Wanda Rhode ihr Glas in der Hand, Madame Gernoth ihre kleine Enkelin führend, und wen die Frauen mit ihren schlanken, ebenmäßigen Figuren, den kühngeschnittenen Nasen, den großen, stolzblickenden Augen der älteren, den zärtlichen, geistreichen der Tochter nicht mehr interessierten, der warf gewiß einen Blick auf das kluge, ernsthafte Gesicht des kleinen Mädels, dessen blitzende Augen jede Seite des großen Bilderbuches, das vor ihm aufgeschlagen lag, aufmerksam musterten. Es war Rasse in den drei Figuren, wenn auch nicht in aristokratischem Sinne.
Es hatte sich herumgesprochen, daß Madame Gernoth von ihrem Manne geschieden und in sehr bescheidenen Verhältnissen zu leben gezwungen sei, während dieser, ein reicher Breslauer Fabrikant, als Lebemann galt, der im Musik- und Theaterleben der Stadt eine Rolle spiele. Man nannte große Summen, die er im Dienste der Musen verschwende. Von der Frau Doktor wußte man nicht zuviel: sie war viel umworben worden, hatte einen jungen Arzt geheiratet, ein paar kleine Kinder gehabt, von denen sich nur eines am Leben erhalten und war seit der Geburt des letzten leidend gewesen. Das war alles.
Wenn Frau Gernoth darauf bestand, daß sie sich in den ersten beiden Wochen vollständig von der Badegesellschaft zurückhielten, geschah es auf Wunsch des Arztes, der bei der Lebhaftigkeit der jungen Frau fürchtete, daß vieles Sprechen ihr schädlich sein könne. Sobald nur aber die Halsaffektion sich gegeben hatte und die Farbe auf Wanda Rhodes Wangen zurückkehrte, war die sorgliche Mutter auch bereit, ihr den Verkehr mit anderen und die Teilnahme an einigen bescheidenen Vergnügungen zu gönnen.
Sie überlegte eben, an welche der Frauen, die sie vom Sehen und ein paar gelegentlich gewechselten Worten kannte, sie sich am besten zu einer Kremserfahrt oder dergleichen anschließen möchten, als Wanda von einem Spaziergange, den sie allein durch die Anlagen unternommen, zurückkehrend, in fröhlicher Erregung auf sie zueilte.
»Mutter – Konzert im weißen Lamm – Stücke von Beethoven und Chopin-Liedervorträge – Deklamationen von Holtei, denk bloß: Holtei! Entree vier gute Groschen, das ist doch nicht schlimm? Nicht wahr, wir gehen? Ich bin ja wieder ganz gesund, von Halsschmerz keine Spur mehr, ganz gesund, bloß daß ich vor Langerweile sterbe.«
»Holtei hätt' ich auch gern einmal gehört! Aber das wären für uns beide acht gute Groschen.«
»Wir müssen uns doch auch einmal etwas gönnen. Zuletzt Tanz. Denk' doch.«
»I wo werd ich Dich denn tanzen lassen!«
»Gesunde Menschen können tanzen, soviel sie wollen. Habe ohnedies das ganze Jahr so schlimm zugebracht. – Ach Gott!«
»Nun ja, das hast Du. Mach nur nicht die Unglücksmiene.«
»Nein, ich will nicht mehr dran denken. Also die Polonaise und 'nen Walzer erlaubst Du schon, Walzer ist ja ein Tanz zum Einschlafen. Nur das ewige Stillsitzen in der Laube, das ist zu schrecklich. Und das schablonierte Muster an unseren Wänden kenn' ich wahrhaftig auch auswendig, die Erzählung, wie die Mutter der Wirtin die Wassersucht hatte, ebenfalls, und also, wenn ich nicht wieder krank werden soll aus Langweile und Unruhe, so gehen wir dorthin, Mutter. Ja?!«
»Du bist auch ganz wieder wie als Mädchen.«
»Freut Dich denn das nicht?«
»Nun ja – freilich.«
»Ach, denk Dir, und der Spaß: das Lied, das Kreowski einmal an mich gemacht hatte: »Ich weiß nicht, ist es Unrecht,« das wird auch gesungen –«
»Ist denn Kreowski hier?« fragte Frau Florentine mißtrauisch.
»Ach bewahre. Wer weiß, wer es singt! Wer weiß, ob es überhaupt dieses Lied ist; es kann auch ein anderes so anfangen! Ich dachte bloß – vielleicht.«
»Du bist ja rot geworden.«
»So? Na, weißt Du, er gefiel mir doch damals sehr gut. Aber das ist ja nun so lange her, so lange, vier lange Jahre. – Klärchen hübsch artig gewesen? Ja Puz? Komm mal her, sag mal, hat Dir Großel eine hübsche Geschichte erzählt?«
Und sie nahm das kleine Mädel auf den Schoß und küßte es, bis es wieder hinunterstrampelte.
Frau Gernoth betrachtete sie scharf. Ihre Tochter war keine allzu pünkliche Mutter, nicht lieblos, aber nicht von der überströmenden Zärtlichkeit mancher anderen; die Heftigkeit, mit der sie das Kind küßte, erschien ihr mehr als der Ausdruck einer starken Erregung, die irgend einen anderen Grund hatte.
In diesem Augenblicke fiel die Musik ein, und
| »Leswig-Holstein, meerumslungen |
| Leswig-Holstein, stammverwandt,« |
sang das kleine, noch nicht ganz zweijährige Ding jauchzend; entzückt hob es die Großmutter auf und überschüttete es jetzt ihrerseits mit Liebkosungen.
»Sie kennt jedes Lied an der Melodie heraus! Und Verse über Verse weiß sie auswendig, unser Goldkind!«
»Du bist noch viel eitler auf sie, als Ewald,« sagte die junge Frau.
»Bist Du es denn nicht?«
»Ich – na – das ist doch ganz selbstverständlich, daß ich so ein Kind habe! Bin ich denn von Dummersdorf? Und Verse und Lieder – weiß ich auch ohne Ende. Ja, denk mal, Mutter – ich hab eben ein Gedicht gemacht. Auf dem hübschen Aussichtspunkt saß ich, wo wir mal neulich zusammen waren« –
»So weit bist Du gegangen?«
»Und da hast Du ein Gedicht auf die Aussicht gemacht?«
»Na ja. Und ich glaube – es kommt mir so vor – als wäre es anders, als meine sonstigen Reimereien auf Tante Lottens Geburtstag und Vetter Hermanns Polterabend. Soll ich's Dir mal sagen?«
»Meinetwegen, sag es.«
Wanda Rhode sah sich um – rechts und links war niemand zu erblicken – breitete ihre Arme aus und fing an zu deklamieren:
»Das ist ja ganz verrücktes Zeug! Du hast die Wälder ersonnen und die Vögel singen Deine Lieder? Nein höre, das ist doch zu abgeschmackt.«
»Es ist aber so.«
»Und was soll denn das heißen mit der Liebesfülle?«
»Das? Ja das weiß ich selbst nicht. Das sollte wohl heißen, daß mir das Herz so übervoll ist. Mutter, Mutter, ich könnte ja ganz laut schreien vor Vergnügen: so schön ist es hier, so gesund und so jung bin ich wieder und so glücklich! Und jetzt gehe ich um die Billets.«
»Warte doch. Hier ist noch ein Brief an Dich. Von Ewald.«
»Von Ewald? Na, das hat Zeit.«
»Ich dächte.«
»Sei doch nicht so eilig. Hör' einmal –«
»Nun?«
»Die Wirtin selber geht heut Abend fort und ihre Bertha ist so unzuverlässig, da wär' Klärchen so gut wie allein – und dann – ich hätte ja Holtei gern gehört, aber acht gute Groschen – weißt Du: Registrators gehen, so schließe Dich nur an die an.«
»Nun, wie Du denkst. Und wenn Du Dich wegen Klärchen aufopfern willst, so bin ich ja desto beruhigter. Also auf Wiedersehn.«
Und fort eilte sie.
Madame Gernoth sah ihr nach. Gott sei Dank, daß sie wieder so war! Was hatten diese vier Jahre aus ihr gemacht – und nun war sie wieder so frisch und blühend, und sie sollte ihr nicht ein Vergnügen gönnen? Da verfolgten sie auch schon Zwei! Nun, sie verstand, sich die Zudringlichen vom Halse zu halten.
Der Brief! Florentine Gernoth wog ihn einen Augenblick in der Hand und legte ihn dann in ihr Strickkörbchen. »Das hat Zeit!«
Sehr zärtlich war das gerade nicht gewesen. Aber, lieber Gott! drei Kinder in vier Jahren, zwei davon wieder gestorben, und diese Qualen, Sorgen und Mühen, die das arme Ding damit durchgemacht – ja was wissen denn die Männer, wie es nach alledem im Gemüt einer jungen Frau aussieht? Wie ihr der Mann damit zu einem Objekt steter Angst, seine Zärtlichkeit zum Grauen, sein Verlangen zur verderblichen Gefahr wird, wie die innigste Liebe hinstirbt in dieser beständigen entsetzlichen Furcht vor Wiederholungen des Schrecklichen! Erst neulich hatte Wanda ihr gestanden, daß das Schönste an diesen fünf Wochen im Gebirge die Befreitheit von der Angst vor neuer Mutterschaft sei, und wie sie am liebsten alles vergessen möchte, was hinter ihr läge, alles, sogar daß sie überhaupt einen Mann habe.
»Das hat Zeit!« Madame Gernoth seufzte. Seufzte über Frauenlos und »Eheglück« und in noch irgend einer Bangigkeit, deren Grund ihr nicht gleich bewußt war. Ja so: diese Verse, die die junge Frau in heller Begeisterung gedichtet und ihr mitgeteilt hatte, Verse von so sprudelnder Lebensempfindung, von einem so jauchzenden Hochgefühl, daß siegender Verstand nur mit Wehmut des Prozesses denken konnte, der alles das wieder zerstören würde. Es nützte Frau Florentine gar nichts, daß sie sie als Ausfluß einer »verrückten Laune« abzuthun suchte, sie blieben der Ausdruck einer starken, lodernden Empfindung, die in ihrer schrankenlosen Subjektivität die ganze Welt in sich hineinzieht. »Verse und Lieder? – weiß ich selber ohne Ende!« Ganz schön! und Wanda hatte sich mit ihnen über tausend Armseligkeiten und Kümmernisse hinweggeholfen – und doch schienen sie ihr ein gefährliches Mittel für die Frau eines Armendoktors, deren Hauptlebensaufgabe darin bestand, zu sparen und Kinder auf die Welt zu bringen. In allem Unharmonischen liegt eine Gefahr. Das hatten schon Frau Florentinens Vater und Großvater erkannt, als sie in ihr und ihrer Mutter denselben Hang zu Versen und Liedern mit eiserner Härte unterdrückten und alles Künstlerische verpönten, bis sie es hassen gelernt, wenigstens die persönliche Beschäftigung damit; und das hatte sie, Florentine Gernoth, erkannt, als sie ihre Tochter in diesem Sinne erzogen. Denn dergleichen läßt sich unterdrücken, das wußte sie – und wußte nur nicht, daß, wo der Hang die Stärke der Leidenschaft hat, er ununterdrückbar bleibt – und sollte späterhin auch in dem kleinen Mädchen, ihrer Enkelin, vernichtet werden! Und obgleich sich die ernste Frau dunkel der Inkonsequenz bewußt war, die diese Absicht und ihre Freude an der frühzeitig sich offenbarenden Begabung des Kindes bedeutete, beging sie sie doch in einem Erziehungsfanatismus, der seine Befriedigung darin findet, die Natur grade da zu verkrüppeln, wo sie am stärksten ist, und die eben damals in der Mädchenerziehung am nachdrücklichsten das Ideal von Weiblichkeit zu erreichen suchte, das die Kultur entwickelt hatte: die aller Persönlichkeit bare, in den engsten Horizont eingeschränkte, mit ihren Händen arbeitende Wirtschafterin.
| »Welt, du bist ein Abbild nur |
| Meiner Liebesfülle.« |
»Hm.«
Neben ihr wurde es unruhig.
»Alle Steinchen heruntergefallen, alle Steinchen?« sagte sie mechanisch zu dem Kinde, das zu weinen angefangen, und bückte sich, die Kiesel, mit denen es gespielt, wieder aufzuheben. Dann nahm sie die Kleine auf den Schoß und bemühte sich, die Wolken von der eigenen Stirn zu verscheuchen, um das Kind aufzuheitern.
| »Das ist der Daumen, |
| Der schüttelt die Pflaumen, |
| Der hebt sie auf, |
| Der trägt sie nach Hause, |
| Und der Kleine – ißt sie alle alleine auf!« |
Da lachten sie beide, das Kind herzlich und ausgelassen, die Großmutter mühsam und mit verhaltenen Seufzern in der Brust.
Die Kapelle hatte inzwischen »Denkst du daran, mein tapferer Lagienka« exekutiert und setzte jetzt nach einer Pause mit einer Polka ein. Auf dem Kurplatze wogte eine bunte Menge hin und her in der uns heut so wunderlich steif und geschmacklos erscheinenden Tracht der Zeit: den weiten, gesteiften Kleidern, den dreizipfeligen Tüchern, ungefälligen Mantillen und korbartigen Backenhüten der Frauen und den engtailligen, breitaufgeschlagenen Röcken, Vatermördern und bunten Westen der Männer, einer Tracht, die an Geschmacklosigkeit und Stillosigkeit nur von der der Möbel und Geräte erreicht wurde, mit denen man sich umgab; und in der man sich dennoch gefiel, sich haßte und liebte, würdig und sogar flott erschien und der übrigens ein fremdnationales Element half, einen gewissen sentimental interessanten oder sogar pikanten Anstrich zu geben.
Die Welt stand nämlich damals politisch nicht ausschließlich unter dem Zeichen der Revolutionen zu Gunsten eines zu erringenden Konstitutionalismus, es war zugleich die Zeit der politischen Insurrektionen. Und Europa, obschon kein Staat die Hände rührte, diesem in seiner politischen Sünden Maienblüte getroffenen Volke zu neuer Selbständigkeit zu helfen, zerfloß in romantischem Mitgefühl mit ihm. Es war die Zeit, da die Blätter teils mit Wollust, teils mit Entrüstung ihre Spalten füllten mit Berichten über die Heldenthaten der Sensenmänner Galiziens, über die Umtriebe Mieroslawskis, und über die grausame Barbarei, der die edlen Söhne der sarmatischen Ebene in Rußland erlagen, da kaum ein Pinsel, kaum eine Feder war, die, sich lieber der Vergangenheit zukehrend, wo die Gegenwart so ungewiß war, nicht etwas zur Verherrlichung Poniatowskis oder des Todesrufes Kosciuszkos leisteten. Die Zeit, da polnische Flüchtlinge der Welt den Zauber der pelzverbrämten Schnürröcke, der Kassawaikas und Konföderatkas übermittelten, die alten einheimischen Tänze von feurig-schwermütigen Polkas, Mazurkas und Krakowiaks verdrängt wurden, und die Romanhelden auf Kasimir und Ludmilla hörten.
In der Badegesellschaft zu Salzbrunn machte sich dieses interessante Element ebenfalls geltend. Es gab echte Polen dort, aus deren düstern Mienen der ganze Schmerz der vernichteten Nationalität sprach, Polinnen in Nationaltrauer: schwarzen Kleidern mit schmalen weißen Streifen am Saum und mit dem Ausdruck wehmütigen Selbstgefühls, das das allgemeine Unglück ihnen verlieh. Und daneben gab es dieses Modepolentum, die melancholischen Schnurrbärte, die Pekeschen und viereckig geschnittenen Mützchen:
| »Polkahöschen trägt der Kleine, |
| Polkajäckchen die Mama, |
| Polkamütze, Polkalocken, |
| Polkaröckchen der Papa,« |
heißt es auf einem Bilderbogen der Vierziger Jahre.
Kurz das Polnische war die Mode, und zwar war es eine gefühlvolle Mode. Wie hätte sie nicht besonders eine der Frauen sein sollen, denen jene Zeit das »schöne Gefühl« neben der Wirtschaftlichkeit als Domäne zuerkannte.
Madame Gernoth teilte es nicht, sie war nicht sentimental, trotz ihrer Zeit. Als die Polka noch schmetternd den Platz erfüllte, stand sie auf und zog die Kleine fort. »Diese polnischen Hopser! Ob sie nichts Vernünftiges mehr können.«
Zweites Kapitel.
Es war halb Acht und die deklamatorisch-musikalische Abendunterhaltung sollte ihren Anfang nehmen.
Der Gasthofsaal, mäßig erleuchtet, roch nach frischgewaschenem Holze, war aber gut besetzt von einer Gesellschaft, die man als gemischte, indes nicht im üblen Sinne des Wortes, bezeichnen konnte.
Man saß an den Wänden herum oder stand in Gruppen in den Winkeln, trank Vanillethee mit Sahne und sprach vom Wetter, von der Weltlage und von einem neuen Pariser Westenschnitt. An einem Ende des himmelblau getünchten Saales stand ein engbrüstiges, merkwürdig eckiges Fortepiano, dessen Klaviatur schwarze Unter- und weiße Obertasten hatte, ein Geigenpult und ein kleiner Tisch mit silbernen Armleuchtern und einem Glase Wasser. Von der Decke herab hing ein steifer Kronleuchter mit schiefstehenden Lichtern, in den Ecken markierten ein paar magere Epheulauben lauschige Plätzchen.
Die Toiletten der Damen waren einfach, doch sah man zwischen philiströsen Spitzenhauben und Barben ein paar extravagante Haartrachten, zwischen bescheidenen, recht bescheidenen Festgewändern, die Jahrzehnte hindurch ihren beinahe sakramentalen Charakter als »gute Kleider« in unabgeänderter Form behielten, einiges nach neuen Pariser Blättern. Die Haltung – nicht nur der Frauen – war ein wenig geziert: die »schöne Empfindung,« das »gebildete Gefühl« beherrschte die Zeit und drückte sich in den Mienen auch der Männer aus. Aber zwischen den wohl Toupierten und Steifbevatermörderten, Bartlosen unter ihnen sah man ein Paar mit wildem Haarwuchs, ungestärkter Wäsche und großen Bärten, welche Demokraten sein mochten.
Als die Registratorin mit ihren nicht mehr ganz jungen und niemals hübsch gewesenen Töchtern und der schönen jungen Doktorin eintrat, war der Saal fast gefüllt und hundert neidische oder entzückte Blicke richteten sich auf Wanda Rhode, die in dem Bewußtsein ihrer siegreichen Erscheinung und in der Erwartung des Verheißenen trotz ihrer einfachen Kleidung reizend aussah.
Zuerst trat Holtei auf, der schlesischeste Dichter, den Schlesien gehabt, eine schöne, stattliche Erscheinung, groß, mit langherabwallendem Haar, das Prototyp des leichtverbummelten Genies und edelmännischen Wanderkünstlers; ganz und gar von jener leichtbeweglichen, etwas eiteln Art, die mit einer Beimischung von Rührseligkeit und bewußter Gemütlichkeit den Schlesier alten Schlages charakterisiert.
Er las ein paar Scenen aus »Lorbeerbaum und Bettelstab« mit der ihm zu Gebote stehenden Vortragskunst, die ihm immer Erfolg sicherte und auch hier rauschenden Beifall eintrug, den der gefeierte Mann mit einer Handbewegung entgegennahm, wie eine gutgelaunte Majestät die Ovationen eines Volkshaufens.
Dann trat ein Geiger auf – man flüsterte sich einen zungenbrechenden Namen zu – und trug Variationen über ungarische und polnische Volkslieder vor, und er spielte sie mit der Schwermut, der Innigkeit und der Raserei, mit denen diese Stücke zur Geltung gebracht werden mußten. Man applaudierte ihm entzückt, nannte ihn unter sich einen Meister ersten Ranges und behauptete, daß er mit Chopin befreundet sei.
Dann wurde es hinter dem Fortepiano lebendig. Man konnte nicht gleich sehen, was oder wer sich da zu Kunstproduktionen heranließ, schließlich verständigte man einander doch: ein kleiner, verwachsener Jude schicke sich an, das Instrument zu bearbeiten. Und da erklangen auch schon die ersten Accorde der Cismollsonate, die er mit Meisterschaft den Saiten mit dem kurzen, spitzen Klange entriß.
Man war ergriffen, begeistert, entzückt. Der Pianist dankte und teilte den geehrten Anwesenden mit, daß Herr Witold von Kreowski einige von ihm gedichtete und komponierte Lieder vortragen werde. Worauf ein junger Mann in Sammetpekesche und mit dunklem, leichtgelocktem Haar zögernd hervortrat, etwas Weißes, das er in Händen hielt, langsam entrollend.
Gleich darnach begann der Gesang:
| »Ich weiß nicht, ist es Unrecht, |
| Ich weiß nicht, ist es Schuld, |
| Ist es mir Fluch des Schicksals, |
| Ist's neuen Glückes Huld. |
| Ich frage nicht, liebst Du mich, |
| Bin ich Dir auch nur wert, |
| Noch hab ich Deiner Liebe |
| Verlangend je begehrt. |
| Ich breite meine Arme |
| Zum Himmel jubelnd laut, |
| Wie wunschlos man zur Sonne, |
| Wunschlos und jubelnd schaut. |
| Du bist – und Glanz und Wonne |
| Umfluten strömend mich, |
| Ich habe Dich gefunden. |
| Und jauchzend lieb ich Dich.« |
Wanda Rhode wagte nicht aufzusehn, sie wagte kaum zu atmen, es war ein Lied, das sie besser kannte als tausend andere, und doch erschien es ihr in dem Vortrage seines Verfassers und Komponisten, frei herausgesungen vor allen diesen fremden Ohren, ein neues, von ihr abgelöstes, das auf sie keine Beziehung mehr hatte. Und dann schon im nächsten Augenblick wie ein nur ihr dargebrachter, unter dem Deckmantel der Öffentlichkeit ganz allein an sie gerichteter Gruß, wie die stärkste Huldigung, die sie je erfahren. Und eine Verwirrung nahm sie gefangen, die etwas von den glühenden Nebeln hatte, die dem Dunkel eines Waldbodens entsteigen, während purpurne Strahlen der Abendsonne sie durchdringen, etwas von einem Zwange, in zu heißer Luft zu atmen oder in ein zu helles Licht sehen zu müssen. Die Registratorin stieß sie mit dem Ellbogen an: »Nein, daß Ihre Frau Mutter das nicht hört!« und ihre Töchter seufzten: »himmlisch« und »reizend«.
Indessen präludierte der kleine Musiker schon etwas Neues und Herr Witold von Kreowski entfaltete ein anderes Notenblatt. Gäbe der Himmel, daß er sich jetzt mit einer Ballade oder einer Ode an den Frühling aus der Affäre zog! Aber der Sänger erfüllte diesen Wunsch nicht. Er schien nichts als die indiskrete Sucht aller Dichter zu haben, der Welt seine Gefühle mitzuteilen.
Er schwieg und das Publikum schwieg auch, lautlos verharrend in dieser Erschütterung der Empfindung, die der höchste Beifall ist. Bis es dann doch rauschend losbrach, stürmisch, Wiederholung verlangend.
Wanda Rhode hatte jetzt den Kopf erhoben und ließ ihre Blicke über die Versammlung schweifen. Und sie sah den Schmelz in den schwimmenden Augen der Mädchen, die elegische Wehmut auf den zuckenden Lippen der Frauen, den tiefen Ernst, die sinnende Trauer in den Zügen der Männer, die Demut, mit der sich selbst Greise dem Ausdruck der stärksten Empfindung beugten; und die siegende Allmacht der Liebe, die sich in jedem schwingenden Nerv, in jedem leise gehauchten Seufzer und in diesem plötzlich ausbrechenden Dankessturm für den Sänger aussprach, wurde zum Triumphe für sie, der sie auf einen Thron erhob, vor dem sich jedes Haupt beugte, ohne zu wissen, daß er mitten unter ihnen stand. Jetzt war sie nicht mehr befangen: wer herrscht, weiß auch die Stirn hoch zu tragen.
»Ach Frau Doktorn, wie entzückend!« seufzte die gute Frau, die sie chaperonnierte. »Aber es scheint, der arme Mensch hat eine unglückliche Liebe.«
»Herr Joachimsthal spielt noch einmal,« flüsterte Registrators Bertha. »Was mag es für ein Stück sein?«
»Es ist der Türkische Marsch von Beethoven.«
»Konnte der Beethoven türkisch? Diese Leute müssen doch zuviel wissen!«
»Das geht schön, sehr schön, Frau Doktorn.«
Wanda lächelte. Sie vernahm nur einen unbestimmten Lärm vom Klavier her – deutlich hörte sie nur eins und immer wieder nur eins:
| »Und größer als aller Sehnsucht Qual |
| Ist meine Liebe zu Dir.« |
Alles um sie her schwamm in Licht, Tönen und Versen, berauschte sie mit seligem Gluthauch und ließ sie alles vergessen: Vergangenheit, Zukunft und die eigene Gebundenheit und gab ihr ein grenzenloses, alles aufhebendes, unbeschreibliches Gefühl.
Nachdem diese Nummer und noch einige ferneren Deklamationen, Cello- und Flügelstücke beklatscht worden waren, – sich verschiedene Herren in der Gegend des Flügels die Hände geschüttelt und bekomplimentiert hatten, das Badepublikum sich genügend versicherte, daß es so gelungene Vorträge bisher nicht gehabt hätte, die »Marköre« in kurzen Jacken frischen Vanillethee und Mandelplätzchen ausgeboten, kamen einige »Orschester«-Mitglieder mit Flöte, Brummbaß und Violine und ließen sich, nachdem sie gründlich gestimmt, zu einer Polonaise herbei, einem Tanze, dessen Verbreitung wohl ebenfalls in irgend einer Weise mit den Teilungen Polens zusammenhängen mochte.
Wanda Rhode zuckte es in allen Gliedern vor Spannung, was die nächsten Augenblicke bringen würden.
Kreowski hatte sie noch nicht gesehen. Wenn es geschehe, würde er an sie herankommen? Und was würde er dann sagen? – In dem Gasthofsaale mit dem Geruch nach frischgewaschenem Holze, tropfendem Wachse und Patschouli – damals noch ein vornehmes Parfüm – schwebte etwas wie eine Schicksalsfrage.
Zunächst sollte sie nicht gelöst werden. Mit vielen Bücklingen näherte sich Wanda der Badevorstand, von einem Schwarme jüngerer Herren begleitet, die vorgestellt sein wollten. »Hier Herr Müller, Herr Brand, Herr von Makowski, Herr Supphahn und Herr Hielscher, die sämtlich die Polonaise mit Ihnen tanzen wollen, mein schönes Fräulein.«
»Bin weder Fräulein, weder schön, kann nur mit einem zum Tanze gehn.«
»Alles in der Welt können Sie behaupten, selbst das erste und das dritte – aber das zweite nicht,« sagte der Vorstand. »Aber bitte sich zu entscheiden. Wenn ich nicht weißes Haar hätte, so würde ich bitten, die Polonaise mit mir anzuführen – wie, meine schöne Frau, Sie wollen mir die Ehre geben?« Und die Herren Müller bis Hielscher, die bisher einige hungrige Komplimente gemacht hatten, zogen sich sachte zurück.
»Den nächsten Tanz, meine Herren,« sagte sie und schob ihren Arm in den des alten Galans. Und nun konnte sich wirklich keiner beklagen.
»Sie ist bezaubernd,« sagte einer der jungen Herren, »sie hat meergrüne Augen und die Gestalt einer Hebe und in ihrer Stimme ist Musik.«
»Eine Frau? – ob der Mann hier ist?«
»Ganz gleich, sie ist bezaubernd.«
»Um so besser sogar,« – setzte Herr Supphahn hinzu, der französische Romane gelesen hatte und für das Pikante schwärmte.
Der beglückte Vorstand führte den Tanz indessen mit Wanda an und machte seiner reizenden Partnerin in halb väterlicher Weise bestens den Hof. Er merkte nichts von der fieberigen Glut der Erwartung, die sie bewegte. –
Hand um Hand wechselte. Jetzt hatte sie einen jungen Baron, dann einen geschniegelten Kaufmannsdiener, jetzt einen Studenten, dann einen Badearzt, dann einen polnischen Flüchtling, einen Freiwilligen von den Jägern, den kleinen verwachsenen Herrn Joachimsthal und einen Kandidaten der Theologie und endlich legte sich ihre Linke in die Hand des Mannes, dessen Liebe weiter und tiefer war als das Meer und größer noch, als die Qual seiner Sehnsucht.
Drittes Kapitel.
Witold von Kreowski erbleichte, als er sie erkannte, starrte sie ein paar Augenblicke mit ringendem Atem an und sagte endlich heiser: »Ein ebenso großes als unerwartetes Glück.« Er sprach völlig accentfrei.
»Ein freundlicher Zufall.«
»Und ebenso unerwartet als schmerzlich.« Damit reichte er die Hand der vorhergehenden Dame.
Sie wußte nun, was ihr freilich ohnehin nicht zweifelhaft gewesen, daß auch das zweite Lied ihr gegolten. Und während er jetzt vor ihr promenierte, bemerkte sie, daß er etwas breitschultriger geworden war, daß er einen sehr schönen Nacken hatte und daß in einem schönen Nacken etwas seltsam Verführerisches liegen könne. Und es kam ihr vor, als ob die Unruhe, die er ihr erregte, dieselbe sei, die sie vor vier Jahren empfunden und als ob er nie aufgehört habe, sie zu belästigen, obgleich das ganz gewiß nicht wahr war.
Der nächste Tanz war eine Polka und er engagierte sie sofort. Sie sprachen nicht, sie tanzten schweigend, aber die Erregung, die in ihren Adern brannte, teilte sich ihren Bewegungen mit. Man tanzte diese polnischen Tänze damals noch nicht verdeutscht oder verwälscht, man exekutierte sie noch, mit einigen Vorbehalten im Takt, mit einer gewissen schwermütigen Glut und nach den häufig sich in Moll bewegenden echten Melodien. Die Tänzer stemmten noch die rechte Hand ihrer Dame in die linke Hüfte, warfen den Kopf nach hinten und preßten ihre Partnerin fest an die Brust. Es war noch etwas Feuriges und Hinreißendes in der Art, diese Nationaltänze auszuführen. Es befanden sich außer Witold von Kreowski noch einige echte Schlachzizensöhne unter den Anwesenden, solche, die das Deutsche nur hart und gebrochen sprachen – er tanzte trotz ihrer mit der Verve und der Anmut eines Królewicz.
Dann folgte ein Walzer. Ein kunstsinniger Musikant hatte »Wir winden dir den Jungfernkranz« aus dem Vierviertel- in einen langsamen Dreivierteltakt übertragen, der ungeheuren Beliebtheit dieses Stückes grausam Rechnung tragend, und darnach schleifte die Gesellschaft gefühlsselig; es war eine Art zu walzen, bei der man Geibel, Lenau und die Romantiker tanzte und die wackeligsten Jubelgreise noch mitthun konnten in sanften Erinnerungen an ihre friedlichen Eroberungen während der Freiheitskriege.
Es wurde nicht fest engagiert. Wanda Rhode tanzte mit allen, auch eine Tour mit Kreowski. Ohne mit ihm zu sprechen.
Ehe die Musikanten mit einem Krakowiak einsetzten, kam die Registratorin, der die Thränen vor Freude in die Augen traten, wenn eine ihrer Töchter einmal geholt wurde, an die junge Frau heran und bat sie, sich zurecht zu machen, da sie in ein paar Minuten gehen müßten.
Sie habe sich verpflichtet, Wanda um elf Uhr gesund an Madame Gernoth abzuliefern.
»Und ich soll Ihnen halten, was ich meiner Mutter versprochen habe?« fragte Wanda Rhode lachend.
»Aber das versteht sich doch, liebe Frau Doktorn.«
»Kennen Sie nicht das Gedicht von der schönen Bianca, die über den See zum Tanze fuhr und, als ein Gewitter heraufzog und die Wellen das Schiff zu verschlingen drohten, bei der Sonne schwur, keinen Fuß zu rühren, wenn sie nur glücklich das Land erreiche?«
»Nein, das kenne ich nicht.«
»Nun, hören Sie nur: als sie nun drüben war, zuckte es ihr zwar in allen Gliedern, aber sie hielt sich tapfer. Nur wie der Mond heraufstieg, die Musik immer berauschender wurde, die Lust immer lauter, da konnte sie nicht länger widerstehen und tanzte, und tanzte –«
»Aber hier ist doch kein Gewitter und kein See, liebe Frau Doktorn!«
»Hören Sie nur: tanzte, bis der besorgte Fährmann herankam und sie mahnte:
| Bianca, Bianca, was hast Du gethan, |
| Du hast dein Wort ja gebrochen. |
Worauf die Schöne lachend rief:
| Ach, die Sonne ist jetzt in Amerika |
| Und dem Mond hab ich gar nichts versprochen. |
Nun, sehn Sie, Frau Registrator, meine Mutter ist die Sonne, und Sie der Mond, und wahrhaftig! ich will um kein Haar besser sein als die kluge Bianca! – Fräulein Bertha und Fräulein Malchen, erlauben Sie, daß ich Ihnen diese Herren vorstelle?«
Da fand sich denn der Mond in seine zuwartende Rolle.
»Ich freue mich, Sie so heiter zu sehn,« sagte jetzt der Pole, dessen Augen inzwischen einen ganzen Band Verse geredet hatten, die sie mit dem Epigramm eines kurzen Blickes beantwortete, indem er wieder in die Reihe mit ihr trat.
»Haben Sie vermutet, eine Unglückliche wiederzufinden?«
»Durchaus nicht. Um so weniger, als Sie überhaupt hier zu finden außerhalb meiner Vermutungen stand. Und warum sollten Sie unglücklich sein?«
»Gewiß, warum sollte ich es sein? Ich bin sogar sehr froh: ich war krank und bin wieder gesund, ich lebte öde und eingeengt und lebe befreit und heiter und – ich finde zum Überfluß einen guten Freund wieder, mit dem ich manche vergnügte Stunde verlebt.«
»Sehr gütig, das der Summe Ihres Glückes zuzuzählen. Ich bin nicht so unbescheiden, diese Wendung ernst zu nehmen.«
»Sie leben nicht mehr in Breslau?« fragte sie, als sie wieder anhielten.
»Ich halte mich bei Verwandten auf dem Lande auf. Aber ich stehe in Verhandlung mit dem Direktor des Breslauer Stadttheaters und darf mir einige Hoffnung auf die Stellung eines Korrepetitors an der dortigen Oper machen. Ich habe einige Sachen von Herrn von Holtei in Musik gesetzt, und er hat die Güte gehabt, mich zu empfehlen. Ich würde das Glück haben, wieder dieselbe Luft mit Ihnen atmen zu dürfen und Sie würden mir vielleicht gestatten, Sie manchmal zu sehen.« In seinen Augen und in seiner Stimme war das Dringende, Werbende und dabei Verzweifelte einer aussichtslosen und unauslöschlichen Leidenschaft.
»Noch sind Sie nicht in Breslau,« sagte sie ruhig lächelnd, während ihre ganze Seele sich dieser Leidenschaft zukehrte und ihr Ohr mit Entzücken das Beben der Stimme neben ihr trank.
»Nein, es ist noch unsicher, doch ich darf hoffen. Herr von Holtei forderte mich auf, hierher zu kommen, um mich persönlich kennen zu lernen und um mich zur Mitwirkung heut Abend heranzuziehen.«
»Sie kamen erst heut hier an?«
»Heut Mittag. Ach! und kam so leichten Herzens! so leichten, als ich überhaupt zu haben vermag, und ohne Ahnung –«
»Mich hier zu finden. Sie wollten mich nicht wiedersehen?«
»Nein,« sagte er dumpf.
Sie tändelte mit dem Fächer – in diesem Tone ging es nicht weiter, so ernsthaft durfte er nicht werden; mochte ihm zumute sein, wie ihm wollte, man mußte die heiteren Mäntelchen behalten. Sie lachte also und antwortete schalkhaft: »Und müssen nun ehrenhalber die herzhaftesten Fluchtgedanken heldenmütig im Blute der Höflichkeit ersticken. Aber ich bin nicht unmenschlich und gebe Sie frei. Sehen Sie mal diese etwas zu dick geratene Friederike von Sesenheim aus der Guhrauer Gegend, die mit den verwelkten Kornblumen am Herzen, sie sitzt, scheint es, den ganzen Abend! Reizt Sie diese –«
»Quälen Sie mich doch nicht. Wenn Sie scherzen und spotten können, ich kann es nicht.«
Sie suchte nach einem andern Thema.
»Haben Sie außer Liedern noch etwas komponiert? Wie steht es mit der Oper, die Sie damals schreiben wollten?«
»Sie erinnern sich dieses Planes?«
»O, sehr gut, besonders eines Motives. Warten Sie mal, ich muß es noch wissen.« Und sie summte, mit dem Kopfe den Rhythmus angebend, die Melodie.
»Ich bin entzückt, daß Sie das behalten haben.«
»Es hat mir gut gefallen, und so hab' ich es manchmal auf dem Klavier gespielt und ein bißchen Baß dazu gesucht.«
»Wirklich?«
»Wirklich! In der Einsamkeit der Dämmer- und Abendstunden, in diesen Stimmungen der Sehnsucht und – nun ja, phantasiere ich gern auf dem Flügel, so gut oder so schlecht ich's kann.«
»In der Einsamkeit? Sind Sie denn manchmal einsam? Kann man Sie denn bisweilen allein lassen? Sie verzeihen.«
»Aber das ist doch nicht anders. Die Kranken und dann die Politik –«
»Und dann haben Sie meine Melodien gespielt und haben manchmal ein klein wenig an mich gedacht?«
»Warum nicht? Denkt man der Melodien, denkt man wohl auch des Komponisten. Was ist da weiter?«
»Freilich, was ist da weiter! Und die ›Sehnsucht‹ ist die nach dem vermißten Gatten? Natürlich. Ist Ihr Herr Gemahl auch hier? – ich meine in Salzbrunn.«
»Nein.«
Ein knappes »Nein,« in das nichts von Bedauern oder Sehnsucht hineinklang, aber auch nichts Feindseliges, und auf das sie eine Weile schwiegen, um, endlich die Unterhaltung wieder aufnehmend, über das Badeleben, das Wetter, die Menschen zu plaudern, banales Zeug, dem Wanda doch beständig einen Reiz zu geben wußte durch gut herangezogene Citate, drollige Spöttereien und kleine Sentimentalitäten. Dadurch kamen sie nun doch in jene behagliche Stimmung, mit der man etwa an heiterem Sonnentage in kleinem Boote ein tändelndes, blaues Meer befährt, dessen Leidenschaft Windstille gebändigt hält.
Ganz unvermittelt – die Musik hatte inzwischen eingesetzt und sie waren zum »Contre« angetreten – sagte er dann:
»Sie haben es nicht etwa für eine Entweihung meiner Gefühle genommen, daß ich jenes Lied – ich meine jetzt das andere, das Sie schon kannten, öffentlich mitzuteilen wagte?«
»›Mitteilung ist das Wesen des Dichters,‹ sagt Goethe.«
»So, sagt er das? Und Sie, so jung, verstehen es?«
»Ich denke.«
»Sie begreifen also, daß der Künstler nichts entweiht, auch wenn er alles preisgiebt, daß die Form, in der er es thut, wenn sie sonst eine gelungene ist, ihm das Recht giebt, alles zu gestehen, weil er sich damit zum Interpreten der Gefühle aller macht, ihrer tiefsten und reinsten Gefühle, alles ihres Ringens und Sehnens?«
»Warum sollte ich das nicht begreifen?«
»Gewiß. Und es macht mich sehr glücklich, daß es so ist.«
»Nur ist mir die Richtigkeit Ihrer Auffassung zweifelhaft: denken und dichten die Poeten nicht am Ende über diese Philister- und Werktagsseelen hinweg, wie die Lerchen und Nachtigallen über die Köpfe der Sperlinge und Finken hinweg ihre Lieder singen? Und ergreift der Künstler diese Seelen vielleicht nur, indem er ihnen die Ahnung beibringt, daß es andere giebt, die unendlich viel stärker empfinden und persönlicher denken als sie? Und was sie ergreift, ist vielmehr Schauer des Mitgefühls mit dem größerem Maß von Leiden, das ein Künstler ertragen muß?«
»Wohl möglich, daß es so ist. Jedenfalls: wenn man den Künstler nach seiner Fähigkeit zu leiden schätzen dürfte, dann hätte ich den Vorzug, als ein großer Genius zu gelten.«
»Sehen Sie, so finden die Unglücklichen immer einen Trost. Aber wie ist mir denn: pflegen Ihre Landsleute ihren Schmerz nicht zu vertanzen? Sind sie nicht eben darum Meister in dieser Kunst? Tanzen wir. Es ist eine Mazurka, nicht wahr?«
»Gewiß.«
Lächelnd legte er seinen Arm um sie, und gleich darnach verschlang der Wirbel des Reigens die Beiden.
Viertes Kapitel.
Als Madame Gernoth den Entschluß gefaßt, sich von ihrem Manne zu trennen, hatte sie es in dem Trotz und dem Selbstgefühl einer etwas eckigen, aber redlichen Natur gethan und aus einer Empfindungsweise heraus, der alles Kühne frech, alles Gewagte unsolid dünkt, und die keine Nachsicht kennt für die impulsiven, schnellen Eindrücken empfänglichen Gemüter, die auch einer Versuchung einmal unterliegen, ohne deshalb schlecht zu sein, die vorübergehend untreu sind, ohne es mit ihren besten Gefühlen zu werden. Und obgleich, als das Zerwürfnis einmal ausgebrochen, Gernoth sie zu versöhnen strebte, zog sie, unbeugsam wie sie war, vor, Not und Sorge auf sich zu nehmen, statt dort ein Wohlleben zu führen, wo sie ihr Gefühl täglich verletzt sah.
Not und Sorge sollten jedenfalls nicht ausbleiben. Gereizt durch die Härte seiner Frau, brachte Gernoth es fertig, sie und das Kind, das er ihr überließ, sehr ungünstig zu stellen und über einem neuen Verhältnisse rasch zu vergessen. Dagegen schien Frau Florentine viel Glück bei der Erziehung ihrer Tochter zu haben, die zwar schon frühe viel von dem übersprudelnden, leicht beweglichen Wesen des Vaters, aber auch andere Eigenschaften verriet, die die Mutter als Hebel ansetzte, um alles an väterlichem Erbteil in Wanda zu unterdrücken. Es war etwas von dem Fleiß und der Sparsamkeit der mütterlichen Linie in dem Mädchen, das sich sehr gut hierzu eignete und von Madame Gernoth beständig herangezogen wurde, um Wanda zu rastloser Thätigkeit anzuhalten und ihr die Notwendigkeit, einen Spargroschen für Fälle besonderer Not anzulegen, einzuprägen; eine Vorsichtsmaßregel, der die sorgliche Frau besondere Wichtigkeit beimaß, der Tochter sogar die bescheidenen Freuden, die der Jugend Bedürfnis sind, verkümmernd und – vielleicht nicht ganz weise – in die Freude an dem Wachsen ihres kleinen Schatzes verkehrend.
Es schien inkonsequent zu sein, daß Madame Gernoth, als ihr unverhofft eine kleine Erbschaft zufiel, sich beeilte, diese dazu zu verwenden, ihre inzwischen herangewachsene Tochter gefällig zu kleiden und ihr eine Reihe von Vergnügungen zu bereiten. Dennoch glaubte sie so verfahren zu sollen. Hätte sie das Martyrium einer langen unglücklichen Ehe hinter sich gehabt, so hätte sie vielleicht versucht, Wanda den Männern fernzuhalten. Aber sie hatte eine kurze Enttäuschung hinter sich, die sie selbst korrigiert hatte; sie hatte die Unbefriedigtheit und Schutzlosigkeit einer gattenlosen Existenz kennen gelernt und war so zu der Ansicht durchgedrungen, daß selbst eine nicht ganz glückliche Ehe noch immer besser sei als gar keine. Zudem war es noch die Zeit, in der die Unvermähltgebliebene unter der Bezeichnung »alte Jungfer« eine bemitleidete Erscheinung war, so daß Tausende heirateten, bloß um socialer Mißachtung zu entgehen. Endlich aber besaß Wanda eine Eigenschaft, die es geradezu unmöglich machte, sie der Aufmerksamkeit der Männer zu entziehen, und Frau Florentine vielmehr wünschen ließ, diese Aufmerksamkeit da zu erregen, wo sie ihr mütterliches Auge darüber wachen lassen konnte.
Wanda war eine der Schönheiten, an denen alles packt, entzückt und hinreißt.
In ihrem Wuchse, in ihrem schwebenden Gange lag allein etwas, das bezauberte, in ihrem Nacken, der Bildung und Haltung der Schultern etwas Verführerisches. Dazu kam ein flirrender Glanz in den Augen, etwas Kühnes, Eroberndes in dem Schnitt ihrer Nase und ein geheimnisvolles Zucken um die lebensvollen Lippen, das wechselnd die ganze Skala ihres Wesens verriet und doch nie ganz verriet. Wie sie nun dabei mit blitzartiger Klugheit und einem Gedächtnis ausgestattet war, das alle Eindrücke und Vorkommnisse, jeden Vers, jede Melodie, jedes launige Wort festhielt und mit spielender Leichtigkeit an die Oberfläche warf, eroberte sie, was in ihren Gesichtskreis trat.
Die Erfahrungen, die Frau Gernoth in dieser Beziehung machte, waren geradezu verblüffend. Sie hätte ohne alle mütterliche Eitelkeit sein müssen, wenn sie ihr nicht geschmeichelt hätten, aber wie dann Wanda zu denen gehörte, die Wirkung ausüben und erfahren müssen, um ganz sie selbst zu sein, dann aber auch unauslöschlich sie selbst sind, wurde Frau Florentine auch klar, daß ihre haushälterische Erziehung den Kern des Wesens ihrer Tochter unberührt gelassen hatte.
Wanda berauschte sich an ihren Erfolgen. Die Natur hatte garnicht daran gedacht, Fischblut in ihre Adern zu gießen, mit dem Temperament ihres Vaters hatte sie sein leichtentzündliches Herz geerbt; und sie nahm diese Eigenschaft keineswegs übel: nur wer selbst die Unruhe, die Schmerzen und die Süßigkeiten der Liebe in vollem Maße kennen zu lernen veranlagt ist, ist fähig, die ungeheuren Triumphe zu genießen, die die Schönheit feiert.
Wenn sie indessen davon träumte, ein Lebensglück zu finden, das diesen Triumphen entspräche, so sollte ihr das Schicksal diesen Traum nicht erfüllen.
Unter ihren Bewerbern befand sich ein junger Arzt, der eben seinen Doktor gemacht, den Kopf voller Ideale und die Brust voll ehrgeiziger Träume hatte. Was sein Äußeres anlangte, so konnte er sich, ohne unschön zu sein, mit Wanda Gernoth nicht vergleichen, geistig war er ihr durchaus ebenbürtig. Doktor Rhode war nicht ohne Witz und Humor, der Schwerpunkt seines Wesens indessen lag in einem starken wissenschaftlichen Hange und in der Tiefe seines Geistes, der sich zu dem ihren verhielt, etwa wie eine ruhige, starke Flut zu einem sprudelnden Sturzbach oder wie schweres Geschütz zu den knatternden Gewehrsalven einer leicht beweglichen Truppe.
Aber das war doch nicht der Hauptunterschied in der geistigen Signatur dieser beiden hochbegabten jungen Menschenkinder: in dem Doktor war die stärkste Objektivität der Interessen, in Wanda war alles subjektiv. Was immer in den Bannkreis ihrer Sinne und Begriffe trat, hatte Wert für sie, nur soweit es sich zu ihr in irgend eine Beziehung setzen ließ, und nur weil ihre eigene Natur außergewöhnlich reich war, war auch der Kreis ihrer Interessen groß. Auf diese Weise täuschte sie gewissermaßen über sich.
Der Doktor liebte sie mit einer Leidenschaft, die einem Manne etwas seiner Natur fremdes zu verleihen vermag. Ihm gab sie einen Hauch von Poesie, etwas Glänzendes und Erfinderisches, das sonst nicht in seiner Richtung lag.
Wanda zögerte trotzdem sehr lange, bis sie ihm Gehör schenkte. Sie fühlte instinktiv die Verschiedenheit ihrer Naturen, und es war nichts an ihm, das sie bezauberte oder bestach. Und dann that sie es doch. Er besiegte sie durch die Hartnäckigkeit, die die stärkste Schmeichelei der Liebe ist, durch den Geist, mit dem er anmutigere Nebenbuhler ausstach, und mit Hilfe von Frau Gernoth, die in ihm den ernsten und soliden Mann gefunden hatte, den sie ihrer Tochter wünschte.
Kurz vor der Hochzeit wandelte die Braut die Laune an, zurückzutreten. Sie hatte die Bekanntschaft Kreowskis gemacht, der ihr jene Lieder widmete, die in Text und Melodie Huldigungen für sie waren, die sie verwirrten. Aber es handelte sich doch auch hier um keine große Leidenschaft, die alle guten Gefühle für den Doktor ausgelöscht hätte, und so kämpfte sie denn diese Anwandlung nieder, um so mehr als Madame Gernoth ihre Bedenken durchaus nicht wollte gelten lassen, und heiratete den Doktor.
Und siehe: das Glück sproßte ihr auf, wie eine Blume, die man zögernd in ein ihr fremdes Erdreich gesetzt, ängstlich, ob sie darin zu Grunde gehen oder doch klein und unansehnlich werden würde, und die darin aufblüht, in einer Schönheit, die niemand geahnt, mit einem Schmelz, der ein Wunder zu sein scheint.
O diese goldenen Stunden geliebten Beieinanders! Diese fröhlichen kleinen Mahlzeiten mit ihren einfachen Schüsseln, die der Appetit würzt; diese Spaziergänge an den Flußdämmen entlang, wenn die an landschaftlichen Schönheiten arme Gegend zum Paradiese wird, sobald die Sonne, deren Glanz alles mit dem Glücke der Herzen in Verbindung zu setzen scheint, leuchtend darauf liegt; dieses harmlos frohe Geplauder, unter dem man die Wege zurücklegt! Ach! und diese holden Abende bei traulichem Lampenschein! Wie beseligend dieses Näher- und immer Näherrücken der Geister, dieses Überfließen der Seelen, dieses Aufgehen der Herzen im Austausch aller Gedanken und Empfindungen!
Wie hold dann selbst diese kleinen Bekenntnisse und Mitteilungen aus den Tagen junger Vergangenheit, in denen man sich noch nicht kannte, der Eifer, auch sie in Beziehung zur Gegenwart zu bringen, Teilnahme, Verständnis, Vergebung zu suchen, wo man so sicher weiß, daß man sie findet. Schonungslos werden dann frühere kleine Neigungen preisgegeben, in denen die gegenwärtige immer die erste ist, weil sie unvergleichlich stärker erscheint, lustig kleine Verlegenheiten gebeichtet, kindliche Nöte und Sorgen erzählt. Dann müssen selbst Schulhefte, Stammbücher und Prämien herhalten, dann Sträußchen, Locken und Liebesbriefe, dann werden Andenken von Tanten und Erbstücke der Großmutter hervorgesucht, eine kindliche Sammlung von billigen Kleinodien, Henkeldukaten oder Denkmünzen, kurz, alle diese hundert kindischen Wichtigkeiten, denen man entwachsen ist und an denen das Herz doch noch hängt.
Dann wird selbst der Spargroschen aus der Mädchenzeit einmal produziert: dieser langsam und mühselig erworbene kleine Schatz, der Notgroschen, den man auf Rat der Mutter eigentlich ganz geheim halten soll – aber gerade das ist nun so hold: diese rückhaltlose Vertraulichkeit, die auf dem reinsten Vertrauen, der rückhaltlosesten Liebe beruht.
O, die goldenen Stunden! Goldener noch, wenn die Kindereien dann wieder ernsterer Unterredung weichen. Wie strömen dann die Herzen alles Beste aus, geben für frohe Erinnerungen froheres Gefühl der Gegenwart und das starke, schwellende Empfinden der Zukunft: diese Träume leichten Gelingens stolzer Pläne, der Erfüllung junger Hoffnungen, des Gewinnes früher Mühen. Und in Persönlichstes hinein die Hochflut großer allgemeinster Ideen und Ideale, die die Gemüter erfaßt und fortreißt, um sie auf fremdem, objektiven Gebiete einander wieder um so inniger zuzutragen. Bis wohl die Lampe unter hohen Gesprächen zu erlöschen droht, und die Nacht, ganz herabgesunken, alles umhüllt, Persönlichstes und Unpersönlichstes und nur eins erfüllt: die heißen, süßen Mahnungen der Natur, bis stärkstes Lebensgefühl das Ich auslöscht und zugleich über sich erhöht. –
Wie reizend auch die Freuden einer harmlosen Geselligkeit in einem Kreise, der sich bei bescheidenen Lebensbedingungen durch Witz und Geist auszeichnet, in dem man Anregung giebt und findet, sich schätzt und liebt und, wo man sich gehen läßt, doch niemals die Anmut verletzt. Man war in mancher Beziehung damals noch kindlich. Man vergnügte sich noch an Pfänderspielen und den Bildern einer laterna magica, man machte Verse über launige Themata und führte Charaden auf, leierte Bänkelsängereien zu selbstgemalten Tableaus und jagte sich im Freien herum. Man sang noch zur Guitarre, und wenn man sang, brauchte man keine »Schule« zu haben, die Herren rauchten Cigarren aus einheimischem Tabak, und die Frauen buken ihre Zuckernüsse noch auf dem Herdfeuer. Wenn die Politik die Gemüter nicht erhitzte – was sie freilich dann mit Heftigkeit that, – war man äußerst friedfertig in Principien und Anschauungen. Es gab damals keine socialen Fragen, es gab keine Judenfrage und kaum eine konfessionelle, es war die Zeit, wo Pastor und Kaplan geistliche Brüder waren. Man war ein bischen kosmopolitisch neben aller bösen Demokraterei und unglaublich positiv. Man war anspruchsloser und darum sorgloser und naiver als man heute ist. Wer aber obendrein jung und witzig war, war ausgelassen, wie man es jetzt fast verlernt hat. Und dann, nach diesen Vergnügungen, die Rückkehr in das eigene Heim mit dem Gefühl, daß seine Freuden über alle anderen gehn!
Aber es giebt einen Höhepunkt des Glückes, auf dem es sich nicht zu halten vermag: die alte Wahrheit von der Blüte, die im herrlichsten Entfalten den Moment erreicht, wo sie zu welken beginnt; einen Höhepunkt, da die Engel den Atem anhalten, die Natur stillzustehen scheint, um den Augenblick zu verlängern, und nach dem es doch bergab geht, wenn nicht eine Wundermacht, die zugleich begreift und fühlt und Gefühl und Erkenntnis in den stärksten Willen strömen läßt, das Glück immer wieder aufwärts trägt.
Der Aufschwung des Geistes, des Gemütes, der den Arzt seine idealsten Anschauungen vor seiner jungen Frau sich ergießen ließ, fing eines Tages an, für diese etwas gleichförmiges zu haben. Diese philosophischen Ergüsse Hegelschen Gepräges, diese naturwissenschaftlichen Gesichtspunkte, diese demokratische Begeisterung wurden ihr – ein ganz klein wenig langweilig.
Die Zeit hatte das stärkste Vorurteil gegen tiefere wissenschaftliche oder gar politische Bildung der Frauen. Man hielt ihnen beides fern, da man beides, Wissenschaft und Politik, unweiblich fand, und es mußte das persönliche Bedürfnis eines Mannes vorliegen, eine Frau zu seinen Interessen heranzuziehen, was ihr die Ehre verschaffte, hier bisweilen den Schleier gelüftet zu sehn. Nur schlimm, daß ein persönliches Interesse ein sachliches, an den Dingen selbst haftendes niemals dauernd ersetzen kann; schlimm, daß es Wanda Rhode nach diesen Lüftungen gar nicht einmal gelüstete, daß sie, weit davon entfernt, sich geehrt zu fühlen, die Geduld, die sie schließlich bei Anhörung der Vorträge ihres Mannes entwickelte, ihm wiederum zumutete, indem sie von den Dingen sprach, die nur sie interessierten. Denn waren Politik und Medizin ihr gleichgültig, so waren es ihm Musik und die nachklassische Litteratur, die in den vierziger Jahren die Litteratur der Gegenwart war: Heine, die Jungdeutschen und die fremden Romanschriftsteller der Periode. Aber Verse und Belletristik waren das, womit sich zu beschäftigen für weiblich galt. Und wie in hundert anderen Fällen, wirkte die künstliche Scheidung der Interessen, hier unterstützt durch persönliche Neigungen, langsam als eine Scheidung der Gemüter.
So empfand man die ersten Enttäuschungen, die ersten Lücken und die Notwendigkeit, sie anderweitig auszufüllen. Der Doktor fing an, Bierstuben aufzusuchen, wo er sich entweder mit Fachgenossen über Trepanationen des Gehirns und Behandlung von Geschwülsten unterreden oder mit Politikern über allgemeines und Klassenwahlrecht erhitzen konnte.
Ach! Und es ward noch mehr: durch die Geburten dreier Kinder, von denen zwei ganz jung wieder starben, ward Heiterkeit in Angst und Schwermut, Freude an häuslichem Walten in Gleichgiltigkeit, ja – um gemeinen Mangels willen – endlich in traurige Sorge gewandelt; Rausch der Herzen wurde zum Grauen, Kraft und Gesundheit zur Hinfälligkeit und physischen Qual – die Wiege des Glückes zu seiner Grabstätte.
Es war immerhin ein Glück, daß Wanda den Nöten ihrer jungen Ehe eine Elastizität, eine Fähigkeit, momentanen kleinen Freuden gerecht zu werden, eine Beweglichkeit des Geistes entgegenzusetzen hatte, die über diese Nöte ihre raschen, bunten Schleier warf. Ein schönes Gedicht, eine glückliche Melodie, eine lebhafte Gesellschaft waren im Stande, in ihrem sonst wunderbaren Gedächtnis zeitweise alles auszulöschen, was peinlich und quälerisch darin war. Und dieser merkwürdigen Versatilität ihres Wesens war es dann auch zuzuschreiben, daß die Naturschönheiten des Berglands, alle die gefälligen Eindrücke, das Neue der Situation sie so rasch zu befreien vermochten, als ihre ursprüngliche körperliche Zähigkeit und Kraft rasch das Siechtum überwanden, das ihr diesen Wechsel des Aufenthaltes verschafft hatte.
So erblühte wiederum ihrer Krankheit neues Leben, in dem sie Jugend, Frohsinn und Ichgefühl zu herrlichem Gewinne wiederfand. Freilich zu einem Gewinne, der nicht mehr im Centrum der Pflicht und der Gewöhnung lag.
Fünftes Kapitel.
Nachdem Wanda ein paar Stunden schlaflos verbracht, dämmerte der Morgen nach jener Réunion, auf der sie Kreowski wieder begegnet war, trübe herauf und brachte einen feinen Sprühregen, der auffrischte, ohne alles unter Wasser zu setzen.
Als Wanda auf dem Kurplatze erschien, umdrängte man sie von allen Seiten und sie hatte alle Hände voll zu thun, die schönen Redensarten, mit denen man sie begrüßte, zu parieren und all den schmachtenden und feurigen Blicken um sie her Stand zu halten. Die Männer kokettierten damals noch nicht mit soviel militärischer Zusammengerafftheit wie heute – die Sentimentalität war auch bei ihnen eine schöne Tugend und respektvolle Galanterie ein Zeichen urbaner Bildung – aber man kokettierte ebenso gern.
Es war ihr lieb, daß Kreowski nicht darunter war.
Als sie sich aber später in einen der sanftaufsteigenden Seitenpfade verlor, fand es sich, daß er sie dort in ahnungsvoller Hoffnung erwartet hatte. Es war ein reizendes Stück Weges, das sie zusammenführte. Die Badeverwaltung war hier schon mit allerlei Anlagen vorgegangen, hatte Wege graben, befestigen und zu beiden Seiten mit jungen Lärchen einfassen lassen, die mit ihren hellgrünen zart gefiederten Zweigen traumhaft in dem leise wallenden Nebel standen.
Sie war ein Stück gegangen, als sie stehen blieb, versuchend, ihre Gedanken ganz von diesem grünen, dämmernden Märchen einspinnen zu lassen, diese Gedanken, denen sie abwechselnd nachhing und zu entfliehen suchte. Da trat er ihr in den Weg.
»Verzauberte Königskinder,« begann er, »die sich zu einem stummen Reigen an den Händen fassen, um ihrer Herrin ihre Huldigungen darzubringen. Erlauben Sie, daß ich mich ihnen anschließe, obgleich meine Huldigung weiß und papieren ist und ich den Reigen schon gestern Abend aufgeführt habe. Ich würde Ihnen die Rolle zu Füßen legen, wenn das nicht meine Huldigung erniedrigen und die Fleckenlose beflecken hieße. Also in Ihre verehrten Hände.«
Sie dankte ihm mit einem Lächeln, das ihm reichster Dank schien. »Wie hübsch, daß Sie heute heiter sind,« sagte sie.
»Heiter? Glückberauscht!«
Sie errötete ein wenig, fing dann an von Holtei zu sprechen und redete endlich allerhand durcheinander: von dem Badevorstand, der Friederike von Sesenheim und den Epheulauben, die sie Schlupfwinkel für Strumpfwirkerleidenschaften und Spielhöllen für Domino- und Lottospieler nannte. Sie besaß eine beneidenswerte Geschicklichkeit, kleine Verlegenheiten zu Tode zu schwatzen, und wenn ein paar Spöttereien mitunterliefen, hörte es sich ihr darum nicht schlechter zu.
Er war so entzückt und so guter Laune, daß es ihm sogar gelang, auf ihren Ton einzugehen.
Mit einem Male, in all ihre Narrheiten hinein, brach die Sonne hervor und durchglomm den weißlichen Dunst um sie her silbern und goldig, rieselte an den moosumsponnenen und rötlichen Stämmen der Buchen und Kiefern herab und glühte in tausend bunten Farben an jedem Blatt, jeder Nadel, jedem Hälmchen am Wege, daß es wie ein Glückserschauern durch den ganzen Wald ging.
Da verging ihnen alles Geschwätz. Sie standen wie verzückt, sahen in die Wunderwelt um sich her, sahen sich an und lächelten.
Dann begann Kreowski leise eine Melodie zu summen. Das hatte etwas wundervoll Feierliches und Unmittelbares. Sie hörte andächtig zu, sie begriff, daß sich ihm die Stimmung der Stunde in Töne umsetzte, und das Schöpferische neben ihr erschien ihr heilig.
»Das wäre das leise Rauschen des Regens durch die Blätter und das Wogen der ziehenden Nebel gewesen,« sagte er. »Sehnsuchtsvoll, schwermütig. Jetzt aber – jetzt der Durchbruch der Sonne, der Glücksstrahl, der alles überloht! Aus es moll über es-dur in e-dur. Trah – tratatatah!! Das müßten die Trompeten machen, die haben zugleich das Herzzerreißende und das Glänzende.«
»Muß es denn herzzerreißend sein?«
»Es muß so sein, weil es so ist. Aber ich erscheine Ihnen wohl als ein thörichter Phantast, Ihnen, die Sie glücklich sind, wirklich glücklich, wie Sie gestern sagten, und die Sie nicht begreifen können, daß wir abgeschmackt werden, wenn wir's nicht sind, so abgeschmackt, daß wir uns sogar die Gaben mitleidiger Teilnahme behagen lassen, die uns vielleicht demütigen sollten.«
Sie sah ihn an und schwieg doch. Es war wie gestern: das Pathos zwischen ihnen ging nicht, sie mußte einen andern Ton suchen. Und ihrer leichtbewegten Natur fiel das nicht schwer.
»Was Sie doch alles reden!« rief sie lachend. »Ich wollte, es machte Sie ein bischen lustig, wie wir hier zusammen spazieren gehn, während die verzauberten Königskinder hochachtungsvoll und ergebenst zur Seite stehn und ihre Nebeltaschentücher schwenken, wenn wir kommen, die Sonnenstrahlen sich in schlüpfende Eidechsen verwandeln, die Wassertropfen rot werden vor Vergnügen und die Blumen sich wichtig zuflüstern: dort kommen zwei Phantasten, die denken, sie sind Menschen wie die andern auch, weil sie auf zwei Füßen gehn und reden wie die andern auch. Aber diese guten Leute sind Flüchtlinge aus Genieland, sie tragen die Flügel unter ihren Flanelljäckchen, weil Flügel im Philisterlande durchaus unmodern sind und sie sich ihrer also schämen müssen. Und bloß wenn es die andern nicht sehen, legen sie Jäckchen und Fräckchen ab, breiten ihre Flügel aus und kehren auf ein paar Stunden in ihre Heimat zurück. Eines Tages aber werden sie kommen wie Simson, werden irgend einen großen Esel unter den Philistern erschlagen und mit seinen Kinnbacken die übrigen ausrotten und dämpfen mit der Glut ihres Geistes.«
»Wundervoll!«
Sie lachte.
»Und werden,« nahm der Pole ihre Phantasterei auf, »das Evangelium verkünden, das die Augen und Ohren aller Sterblichen jauchzend vernehmen werden und lachend mitteilen ein Mund dem andern, das Evangelium von der Kraft und Tugend, die eine Kraft und Tugend ist über alle: das hehre, jubelnde Evangelium von der Schönheit.«
»Sie schwärmen.«
»Was könnte ich besseres thun? Ich, der ich sie anbete im Geist und in der Wahrheit, der ich ihrer Gläubigen demütigster und zugleich ihr Hoherpriester bin? Der ich trunken bin von dem Trank meiner Augen und als ihr Blutzeuge sterben wollte, – wenn Sie es forderten?«
Diese Art Unterhaltung, geistreichelnd, pathetisch und voller Schmeichelei für Wanda war nur allzu sehr nach ihrem Geschmacke. Dennoch fühlte sie, daß sie bereits wieder an der Grenze angelangt waren und daß es Zeit war, den Ernst zu persiflieren.
»›Und die blutgefüllte Schale reicht er ihr zum Opfer dar!‹ Schauderhaft! Ich merke, man ist seines Lebens neben Ihnen nicht sicher, denn leicht könnte der neue Hohepriester die Schärfe seines Messers an seinen Nebenmenschen wetzen wollen, ehe er sich selber darbringt. Gehen Sie und besänftigen Sie erst Ihr barbarisches Gemüt, eh ich mich wieder in Ihre Nähe wage.«
Und sie lief ihm lachend davon, den Abhang hinunter, ihm ihre spöttischen Grüße hinaufsendend, ehe sie ganz verschwand.
Als sie nicht mehr zu sehen war, schwand Lächeln und Glückseligkeit aus seinem Gesicht. Halb schwermütig, halb verwundert starrte er ins Leere vor sich nieder. Was für gekräuseltes Zeug hatte er noch eben geredet, das er nie vorher gedacht, das seiner Art zu denken und zu empfinden neu und seltsam war. Aber war es denn so, daß uns die Liebe in Augenblicken der Ekstase uns selbst entfremdet und uns Worte reden läßt, wie aus anderem Munde? Daß sie uns bald blind, bald hellseherisch, heut zu Propheten, morgen zu Gotteslästerern macht?
Langsam ging er den Weg hinunter. In einem leisem Winde rauschten die regenschweren Bäume, rauschten Tropfen, Melodieen auf ihn nieder; schwermutsvolle Melodieen, wie Thränen, die wir zögernd vergießen, weil uns angst wird, daß wir uns selber verlieren, bis sie sich zu Freudenthränen wandeln in dem jauchzenden Bewußtsein, daß das Fremde in uns Gewinn, Zuwachs, Steigerung unser selber war, und daß es die Flut unserer Schmerzen ist, in der die Sonne unseres Glückes sich am hellsten spiegelt. – –
Sechstes Kapitel.
Es war etwa anderthalb Wochen nach jenem Tage, da Holtei die Salzbrunner Badegäste mit seiner Vorlesung aus »Lorbeerbaum und Bettelstab« entzückt hatte, daß Madame Gernoth und ihre Tochter wieder einmal im Buchengange lustwandelten, zwischen sich das Kind führend.
»Die Gerichtsrätin aus Brieg hat mir ein sehr hübsches Muster zu einer Strumpfkante gegeben, wie aus kleinen Fächern zusammengesetzt. So will ich Klärchen ein paar Sonntagsstrümpfel stricken.«
»Was wirst Du Dich nur so quälen.«
»Es soll mir Freude machen.«
»Wie Du willst, Mutter.«
»Die Registratorin, denk nur, schüttet Salz in das Faßbier, sagt sie. Sie zieht alle vierzehn Tage welches ab. Aber wo hat man das gehört? Das muß abscheulich schmecken, ordentlich giftig.«
»Die einen mit ihrer Liebe, die andern mit ihrem Salz.«
»Du interessierst Dich auch für nichts Vernünftiges mehr.«
»Dazu ist dann in Breslau wieder Zeit genug. Wenn Hauswirtschaft denn das Vernünftige schlechthin ist.«
»Die Fräulein Meier, die Lehrerin, hat mir ein Gedichtbuch geborgt, es ist von einem Grafen Strachwitz.«
»Ach ja, Strachwitz! ›Mein treues Roß, mein Spielgenoß.‹« Dann ließ sie auch dieses Thema wieder fallen.
Madame Gernoth sah sie von der Seite her an. Wanda lächelte vor sich hin. Eine ganze Zeitlang gingen sie nebeneinander und schwiegen, die Mutter verletzt, die Tochter unruhig und von irgend etwas voreingenommen.
An einer Biegung des Weges stießen sie auf Bekannte, eine Mutter und drei Töchter, mit denen sie einige Worte wechselten. Nachdem die Damen wieder außer Hörweite waren, bemerkte die Gernoth:
»Wie waren die wieder aufgedonnert, und ist nichts dahinter. Die Krause sagt, sie kaufen die übertragenen Toiletten einer Baronesse Richthof und suchen Einen damit einzufangen. Du lieber Gott, die garstigen Dinger! Die und Registrators sind die richtigen Mexikaner.«
»Nun – Mexikaner – Magsiekeiner. Der Polowski machte neulich den Witz.«
Die Doktorin lachte, sie lachten alle beide. Sie waren gewiß nicht böse, aber der Spott über die »Sitzengebliebenen« war eine der Grausamkeiten, die jede Zeit in reicher Fülle besitzt und die wir erst als solche empfinden, wenn wir sie abgelegt haben.
»Wer ist denn der Polowski?«
»Ich meine den polnischen Musikanten.« – Wanda schwieg verletzt.
»Man begegnet dem Menschen ewig. Paß mal auf, er wird uns gleich wieder begegnen und ansprechen.«
»Er mißfällt Dir natürlich?«
»Er hat so was Unmännliches!«
»Nach Deiner eigenen Erklärung, Mutter, ist Männlichkeit nichts als eine Dosis Anmaßung, Brutalität und – na, was war es denn noch? ja: Treulosigkeit. Wenn aber einer nicht so ist, nennst Du ihn unmännlich. Dir ist eben keiner recht.«
Madame Gernoth sagte hierauf nichts. Sie war eine kluge Frau, aber Haß und Verbitterung machen den Klügsten unlogisch. Es war ihr sehr lieb, daß ihre Enkelin jetzt ihre Aufmerksamkeit auf sich zog.
»Können die Bäume auch sprechen?« fragte das Kind.
»Freilich,« sagte die Großmutter wichtig, »hast Du noch nicht gehört, wenn der Wind puh, puh bläst, wie dann die Bäume rauschen und miteinander plaudern? Paß nur mal auf, wie sie sich dann unterhalten und tiefe Diener machen, ihre Arme nacheinander ausstrecken, sich ihre schönen Blumen hinhalten und sagen: riechen Sie mal, Herr Nachbar. Und dann riecht der Herr Nachbar an dem Bouquet und sagt: Hazzi. Da! horch mal! Hörst Du, wie sie jetzt sprechen?«
»Ja. Hörst Du's auch, Machen?«
»Jaja. – Freilich, nun wundert's mich nicht mehr, wenn sie die Tischbeine sich unterhalten läßt und von den Fußbänken Mordgeschichten erzählt. Sie ist ein kleiner Phantast.«
»Wenn man das erlebte!«
»Was, Mutter?«
»Daß sie Bücher schriebe. Wie die Paalzow und die Carlèn, weißt Du.«
»Dann würde sie aber keinen Sinn für die Strickmuster und das Bierabziehen haben, und das würde Dir auch nicht recht sein.«
Madame Gernoth schwieg wieder. Nein, das würde ihr nicht recht sein. Eine ordentliche Frau mußte für so etwas Sinn haben. »Wir wollen uns ein bischen setzen,« sagte sie.
Die Frau Doktor hob ihr kleines Mädel auf und setzte es auf die Bank.
»Sag von Eia popeia,« bat die Großmutter.
»Eia –«
»Nein, sag lieber: mein dunkles Herze,« meinte die Mutter.
| »Mein dunkles Herze lieb dich, |
| Es lieb dich und es bicht, |
| Es bicht und zuckt und verbutet, – |
| Aber du siehst es nicht.« |
Die letzte Zeile sagte das Kind im Ton herzlicher Begütigung, was von überwältigendem Effekt war.
»Aber Du bist toll, Wanda, Du bist toll,« schalt die Großmutter, während sie doch mit beglücktem Lächeln die kleine Deklamatrice an ihre Brust drückte.
Die junge Frau lachte helllaut. »Sie sagt es zu drollig, so wichtig und ernsthaft. Und zuletzt dieses: aber Du siehst es nicht.« Und nun küßten sie alle beide das Kind ab.
»Sie könnte Schauspielerin werden, Mutter.«
»Weiter gar nichts!«