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BJÖRNSTJERNE BJÖRNSON

LEGENDEN

1·9·1·3

MÜNCHEN BEI GEORG MÜLLER


COPYRIGHT 1913 BY GEORG MÜLLER IN MÜNCHEN


Deutsch von Niels Hoyer und Hanns von Gumppenberg


INHALT

Geleitwort [1]
Der Satyr [14]
Ruth [36]
Ein Mann mit tiefen Augen [42]
Die Zeder [45]
Die Brücke [51]
Mittelalter [53]
Die Rose der Infantin [82]
Bürgerkrieg [92]
Der kleine Paul [99]
Der Baum [109]
Der Frosch [113]
Die Armen [121]

GELEITWORT

Der Widerklang vom Leben und seinem Geschehen: das Echo vom Menschen – das ist die Legende.

Ohne Falsch ist das Echo. Ohne Trug.

Das Echo kann nicht lügen.

Das Echo ist die Wahrhaftigkeit, die Wahrheit.

Darum wandere zu den Legenden, wenn du das wahre Gesicht des Lebens und seiner Menschen sehen willst.

Björnstjerne Björnson ist der Wahrheit nachgepilgert zeit seines langen glückhaften Lebens. Ein Wahrheitssucher, ein Wahrheitskämpfer ist er gewesen. Und er muss wohl die Wahrheit gefunden haben: er fand das Glück. Und er muss wohl die Wahrheit geliebt haben: das Glück blieb ihm treu.

Seltsam mutet es an, dass Björnsons letzte Gabe, die er uns mit schon unirdischen Händen reichte, dieses Büchlein war. Deshalb seltsam, weil er diese Legenden sein Glaubensbekenntnis nannte, diese Legenden, die er in fremder Form bei dem ihm in Phantasie so verwandten Victor Hugo fand.

Ein hoher Sechziger, ein Weiser war Björnson schon, da er im Jahre 1897, aus Paris nach Christiania zurückgekehrt, die »Legenden« vor einem zu jubelnder Begeisterung entfachten Publikum vorlas, ihm erzählte.

Ibsen, sein Freund und grosser Gegner, der ihm damals auch gelauscht hatte, sagte mit bewegter Stimme zu ihm: »Ich hatte nicht geglaubt, dass Victor Hugo so gross war.«

Victor Hugo ist gross. Er hat den herrlichen Zyklus »La Légende des Siècles« gedichtet. Bunt und schillernd aus märchenhaftem Reichtum seiner Phantasie, im grossartigen Pathos, mit tausend königslichsten Gesten und abertausend berauschenden Wortklängen, in perlenden Versen und glitzernden Reimen singt uns der grosse Romane das Hohelied von der Wahrheit des Lebens, von den Legenden. Die Ästhetik der Wahrheit, so möchte ich sein prunkvolles Gedicht nennen.

Und da kommt Björnson, der die grosse Geste liebte und auch das grossartige Pathos, dessen Phantasie reich wie ein Rothschildbesitz war, – und erzählt uns von dem, was er gefunden. Und erzählend vergisst er, selbst ergriffen ergreifend, jede Geste, alles Pathos, allen Wortklang und Vers und Reim, erzählt in schlichtester Prosa und ist zu bescheiden, sich mehr als den Dolmetsch des grossen Franzosen zu nennen.

Darum hielt er wohl auch mit der Drucklegung dieses Büchleins zurück, und es fehlte nicht viel, so wäre durch den vornehmen Widerstand von Frau Karoline, Björnsons Witwe, die als Vermächtnis und Erbe auch diesen Verzicht ihres grossen Toten übernommen, des Dichters letzte Gabe uns allen für immer vorenthalten geblieben.

Wir ehren Victor Hugo und wollen seinem Dichterruhme nichts nehmen; aber wir sind nur ehrlich, wenn wir sagen, dass diese Legenden ganz das dichterische Eigentum Björnsons sind und in der Darstellungskunst mit das Vollendetste, das er uns gab.

In seinem ersten Werk, der »Synnöve Solbakken«, hatte Björnson im Jahre 1859 den »Sagastil« wiedergefunden, jenen elementaren, wortknappen Stil, der auf die isländische Saga zurückführt. Und niemals hat Björnson, der mit seiner Sprache Henrik Ibsen, dem Dramatiker, zum Vorbild wurde, den Sagastil so sehr und ganz erfüllt und gemeistert, wie in diesen seinen Legenden.

Was er Victor Hugo zu danken hat, ist nur die Anregung, ist lediglich der Stoff.

Aber der Stoff macht nicht das Werk.

Und wenn die Kunst die grösste ist, die mit den wenigsten, sparsamsten, bescheidensten Mitteln sich vollendet, dann gebührt Björnson für seine Legenden der Kranz.

Wir wollen nicht werten.

Jeder von beiden ist der grosse Sohn seines Stammes: Hugo der Vollblut-Romane, Björnson der Vollblut-Germane. Und darauf beruht die Grösse beider und das Getrennte, ja Antipodische ihrer Kunst.

Der Romane mit dem nervösen, heissen Saft in den Adern muss, ungebändigt, immer aus dem Vollen schöpfen und schaffen. Sein Temperament reisst ihn zur Subjektivität hin.

Der Germane mit den straffen, urgesunden, disziplinierten Nerven in Hirn und Herz ist immer Herr seines Temperaments. Sein kühleres Blut erzieht ihn zum Masshalten, zur Objektivität.

Verbunden sind beide einander, Björnson und Hugo: in Wahlverwandtschaft.

Aber sie können nie die gleiche Wirkung hervorrufen, wenn sie auch einmal gleiche Stoffe in ihren Dichtungen behandeln.

Die Ästhetik der Wahrheit, so nannte ich Hugos Gedicht.

Die Ethik der Wahrheit, so nenne ich Björnsons Legenden.

»Wo ich das Gute finde, nehme ich es,« sagte Molière. Wir wissen es, dass er skrupellos Ideen und Stoffe und meist auch noch mehr von anderen Dichtern in seine zahllosen Bühnendichtungen aufgenommen hat, genau so wie Shakespeare. Und die Nachwelt gab ihnen Recht und Ehre. Unsterblich sind ihre Werke.

Und wir sind nun auch schon Björnsons Nachwelt.

Björnson schläft schon, und wir fühlen noch den Blick seines Auges, die Gewalt seiner Stimme, den Druck seiner Hand.

Wir wissen noch so viel von den Worten, die er gesprochen, nur gesprochen. Und jetzt mit diesen Legenden haben wir das Letzte gehört, das er uns zu sagen hatte.

Sein Glaubensbekenntnis: das Bekennen eines Weisen, der am Ziel ist, der lächelt.

»Es gibt nur ein Heldentum auf Erden: das ist, die Erde so zu sehen, wie sie ist, und sie zu lieben«, las ich vor ein paar Tagen bei Romain Rolland.

Solch ein Heldentum hat Björnson erfüllt.

Er hat seiner Zeit und ihren Menschen wie selten einer ins Herz, tief ins Herz geschaut. Und er blieb voll Zuversicht, voll Glauben, voll Liebe. Gerecht und wahrhaftig, einer vom kleinen Fähnlein der Aufrechten. Gut sein, helfen, Wege weisen, Licht entzünden, das war ihm Beruf. Darin war er Berufsenthusiast.

Sein Glaubensbekenntnis, es ist das Bekennen zur Liebe und Ehrfurcht, zur Barmherzigkeit und Güte.

Und man darf es glauben: in diesem Büchlein ist mehr eigenstes Erleben und Leiden Björnsons verborgen, als mancher ahnt.

Ein elender Frosch am Wege offenbart ihm seine Gottheit.

Er weiss von dem Evangelium des Weibes und nennt Ruths seligmilden Namen.

Der Mutter aller Mütter weiht er eine fromme Kerze, wenn er vom armen Fischerweib erzählt.

Zu Kindern lauscht er nieder, er kennt sie alle, kennt die kleine Infantin, die mit der Rose spielt, den kleinen Paul, das Söhnchen des Polizisten, die blonde Isora. Er hat Ehrfurcht vor Kindern. Er fragt Kinder um Rat, und er folgt ihrem Rat, er, Björnson.

Und Gott sucht er, wenn er Pan sein Flötenlied träumen lässt, wenn er die Zeder zu Johannes wandern lässt, wenn er dem Propheten nachschaut, wenn er vor dem Wunder der seligen Brücke: dem Gebet die Hände faltet.

Und die Menschen sucht er, wenn er dem Waldbaume Worte gibt, für die Ärmsten der Armen zu bitten, über die wir Glücklicheren noch immer uns als Blutrichter glauben setzen zu dürfen.

Es hat wohl ein tieferer Dichter als Björnson unter uns hier oben gewohnt: Ibsen.

Aber kein höherer Mensch hat unter uns hier oben geweilt als Björnson.

Ein hoher Mensch!

Und wenn du ihn nie mit eigenen Augen gesehen hast, wenn du nichts weiter von ihm kennst als seine Dichtungen: du kannst ihn noch finden, fühlen, erfahren, wenn du dorthin gewandert kommst, wo zu Füssen einer Riesenpappel, wie sie Meister Böcklin gemalt, Björnson schläft.

Vor eine breite Hügelhöhe musst du dich stellen und deine Augen emporheben, immer höher heben, bis du die Pappel gemessen hast.

An eine Gigantenfackel magst du denken, die dem Tage das Licht gibt.

An eine Sagensäule, die den Himmel trägt.

An einen Riesen und Helden und Menschen, alle überragend, und von ihnen getragen, getragen von den tausend, hunderttausend, den Millionen anderen Menschen, die zu ihm pilgern, die an ihn glauben, für die er war und bleiben wird.

Und du findest noch mehr Bilder, wenn du hier stehst, und alle Bilder musst du vereinen: dann siehst du Björnson, dann hast du es erfahren, dass dieser hohe Mensch noch mehr ist als der Dichter des Nordens: er ist der Genius dieses reinsten Germanenvolkes.

Er war der Wecker des neuen, erstarkten Norwegens.

Er wird der Wächter von Norwegens Freiheit bleiben.

Er ist nicht tot. Er lebt. Er lebt immer noch und immer ewiger und wird bei den Enkelkindern unseres Geschlechts in tausend Legenden weilen, er, die Wahrheit Norwegens, Norwegens Echo, Norwegens Legende, Björnson.

Drüben, jenseits der Ostsee, im Süden wohnt das Brudervolk der Norweger.

Das hat teil an Björnson.

Darum trug ich seine letzte Gabe nach meiner deutschen Heimat als Björnsons letzten Gruss, und fand mit Hanns von Gumppenberg zusammen aus Björnsons Sprache die Worte unserer Muttersprache. Dafür möchte ich Hanns von Gumppenberg herzlich danken. Und meinen innigen Dank auch an Lars Svanström, den Neffen und Verleger Björnsons. Denn nur seine Fürsprache bei Frau Karoline hat die deutsche Ausgabe ermöglicht: und diese deutsche Ausgabe sei unser Dank an Frau Karoline.

Möge diese Ausgabe Björnsons würdig sein!

Sundet-Röros, im Juli 1912.

NIELS HOYER.


DER SATYR

Weithin breiteten sich die Wälder am Fusse des Olymp, des heiligen Berges, der Wohnung der Götter; und in diese Wälder war ein Satyr gekommen. Niemand kannte ihn. Hier war er heimisch geworden, hier schwärmte er im Laubdickicht umher. Woher stammte er? Niemand wusste es: nicht Flora, nicht Vesper, nicht einmal Aurora, die doch alles weiss, weil sie über jedem Auge strahlt, das aus seinen Träumen erwacht und erwachend sich verrät. Auch der Rosenstrauch hatte nie etwas über den Fremdling gehört. Es half nichts, alle Vogelnester abzufragen. Der Windhauch in den Gräsern hatte gleichfalls keine Ahnung. Und die Blätter der Bäume schüttelten sich nur stumm, wenn man von ihnen Auskunft haben wollte.

Aber alle zusammen fürchteten sich vor ihm. Denn immer, bei Tage wie bei Nacht, gebärdete er sich wie ein Trunkener. Selbst die Bacchantinnen ergriffen vor ihm die Flucht. Die Waldnymphen verbargen sich vor ihm in die Berghöhlen. Das Echo schlüpfte in tiefe Felsgrotten hinein. Die Dryaden getrauten sich kaum mehr hervor. Wagten sie es doch einmal, wenn alles stille war, sich im Wasser zu spiegeln, und blinkte dabei nur ein winziges weisses Leuchten von ihnen auf, husch! war auch schon der zottige Traumbold über sie her. Hinter Bäumen, die am See schatteten, lauerte er, ob nicht eine Najade irgendwo aus dem Wasser hervorschimmerte, wie ein Stern, der sich in ein Weib verzaubert hat. Durch die Nacht irrlichterten seine gierigen, lüsternen Augen wie flackernde Flammen. Unschuldigen Blumen stellte er nach. Der Goldregen war nicht sicher vor ihm. Der Mohn vermochte ihn nicht einzuschläfern. Am allerschlimmsten aber wurde er im Mai. Duft und Gezwitscher machten ihn toll. Er wälzte sich im Grase. Mit Lilien trieb er Unfug und mit Myrten. Die Disteln, die er verschmähte, stachen nach ihm. Ja er benahm sich so unmoralisch, dass selbst die Drosseln und Krähen es schamlos fanden und ihn im ganzen Walde verschrieen.

Als die Zeit der Dürre kam, und die Flussgöttinnen nichts weiter als einen dünnen Flor trugen, standen sie jedesmal Todesängste aus, dem frechen gehörnten Lümmel zu begegnen, wenn sie ihre Krüge mit Regenwasser füllen wollten. Eines Tages nun war Psyche, die hohe Göttin, zum Bade dort unten am See. Natürlich konnte es nicht anders sein, als dass sie hinter dem Laubwerk seine lüsternen gelben Augen sah. Und so kam es zum Klappen. Die Göttin beklagte sich. Herkules stellte ihn. In seinem heimlichsten Versteck stöberte er ihn auf, packte ihn bei den Ohren und zog mit ihm ab, hin zu Jupiter …

Der Satyr stand auf dem Berge, dem ewig blumenbedeckten, und schaute den Steig, der in das unendliche Licht, in den Himmel emporführte. Mit seinen Bocksfüssen stand er da, schmutzig von Erde, aber im Hirn fühlte er einen seligen Rausch von all dem Duften und Singen und dem Anblick der himmlischen Schönheit und Reinheit.

Da begann ihn zu frieren. Aber Herkules liess ihm keine Zeit, er schleppte ihn weiter, höher, immer höher hinauf, bis hellster Lichtglanz sie umfing, am Tore der heiligen Halle, darinnen Jupiters Herrlichkeit thront. Zu den Plejaden schaute der Satyr auf. Sie schienen so nah, ganz nahe. Eben wollte der Sonnenwagen seine Fahrt beginnen. Erwachend bebte der Himmel. Mit gewaltigem Dröhnen sprangen die Torflügel auf, in das Glühen der Morgenröte hinein. Und flammend zeigte sich etwas masslos Gewaltiges, wie ein millionenfaches Auge – der Sonnenwagen! Goldglanz ging aus von den Armen des Gottes, der ihn lenkte. Es strahlte das Geschirr der beiden Rosse, die ungeduldig mit den Vorderhufen das Dunkel vom Licht wegscharrten. Von ihrem Zaumzeug rollte ein schimmernder und blitzender Strom von Perlen, Diamanten und Saphiren …

Der Himmel, der Tag, der emporstieg und sich dehnte, das Zurückschwinden der Erde, all das Erhabene, Glückselige, Reine … der Satyr trottete hinein, seine Bocksfüsse traten Löcher ins Licht, noch hässlicher und plumper wurde sein tierisches Aussehen hier über den goldenen Wolken. Aber weiter musste er; Herkules hielt ihn fest an den langen Ohren …

Mit einem Male taumelte der Satyr hin und wollte sich verkriechen. Ihm war, als wenn der Boden unter ihm wiche. Licht stürzte ihm flutend entgegen, Licht, so überwältigend unermesslich, dass es ihn schmerzend auf die Kniee zwang.

Vor sich sah er die unsterblichen Götter in ihrer ewigen Freude. Unsichtbar fast, bei aller Sichtbarkeit, denn das Unfassliche blendet. Am weitesten vorn erblickte er Venus. In übersinnlicher Schönheit, faltenbefreit, lag sie da, nackt hingeschmiegt, wie weisser, sich wiegender Schaum, von heiss verlangendem Leuchten umflirrt. Und das Leuchten war die Glut aller Augen und Wünsche, die auf ihr weilten. In ihrem Goldhaar schienen die Wellen des Weltmeers zu spielen …

Auf einem Adler ruhte Jupiters Fuss. In seinen Augen sah man das All in Bildern. In dem einen Auge die Welt, die gewesen ist, in dem andern die Welt, die werden soll. Aus dem Hintergrunde her kam Kupido gegangen, der aus Lichtstrahlen Geborene …

Himmlische Musik, tausend Melodieen voll von seliger Freude umwogten die hohen Götter. Wohin man schauen mochte, war Festglanz. Denn der Himmel spiegelte der Götter Schönheit wider. Das All sang ihnen Lob und Preis, weil sie die Herren der Welten waren. Die Tiere liebten ihren Bogen, der ihnen den Tod gab. Die Menschen beteten der Unsterblichen todbringende Speere an. War aber einer unter ihnen, der die Himmlischen hasste: auch sein Hass wurde frommer Gesang zu ihren Füssen.

Jetzt liess Herkules den Satyr los, und versetzte ihm einen Puff, dass er kopfüber hinpurzelte. Und dann stand er da, der zottige Geselle, mit gesträubten Borsten, finster und hässlich. Doch in seinen Augen sprühte ein feuriger Funken auf …

Da die Himmlischen seiner ansichtig wurden, brach rundum ein schallendes Gelächter los, so übermütig und lärmend, dass es von den Gestirnen widerklang. Ein felsengefesselter Riese hob den Kopf und brummte: »Was für einen Kunden haben die Seligen denn da zu fassen bekommen?«

Begonnen mit dem Lachen hatte Jupiter. Neptuns Gelächter rief einen Orkan hervor; unermessliche Schätze gingen in dem Sturmeswüten zugrunde. Aber Neptun musste weiter lachen, er konnte nicht aufhören. Venus wandte den Kopf und fragte, was denn der Bursche hier solle, Diana griff ganz unwillkürlich nach einem Pfeil ihres Köchers. Die Tauben schlossen die Augen. Die Pfauen schlugen ein Rad, mit bitterbösem Schreien. Und die Göttinnen lachten, so wie eben alle Weiber zu lachen pflegen …

Als der Satyr sie erblickt hatte, glotzte er ungeniert von einer zur andern, von einer zur andern, die ganze Reihe entlang, und torkelte schliesslich auf Venus zu. Aber ihre schneeweissen Füsse blendeten ihn dermassen, dass er nicht zu ihr hin gelangte. Das brachte den weiten Kreis der Götter wieder so fürchterlich zum Lachen, dass Dianens Hunde in wilder Rotte kläffend den Berg Öta hinabrannten …

Und dann hörten sie alle Jupiters Stimme: »Du verdientest zu Marmor versteint zu werden, oder in Wasser zu zerfliessen, oder auseinandergezerrt zu werden wie ein Baum. Jedoch – du hast uns zum Lachen gebracht. Es war ein herzerfreuendes Lachen! Darum magst du zurückkehren nach dem raunenden Walde am See. Doch vorher, Bursche, musst du uns noch einen deiner wilden Tiergesänge singen. Der Olymp will dich hören!«

Der Bocksfüssige antwortete: »Herkules – Herkules hat meine Rohrflöte entzweigetreten! Ohne die geht es nicht.«

»Da!« rief Merkur, und warf ihm seine Flöte zu.

Der arme Waldteufel war an Schattendunkel gewöhnt. In einem Winkel kauerte er sich hin, ganz für sich allein, und sammelte seine Träume. Dann probierte er die Rohrflöte. Bei dem ersten wundersamen Triller schaute der Adler auf. Der hatte nicht mitgelacht …

Und dann begann der Sang des Waldteufels. Leidensschwer klang er … bis zur Erde tönte er nieder. Das Getier rings um den Olymp und unten an den Waldhängen, mit dem Geweih aus dem Laube hervorlugend, die Hirschkuh mit ihren tiefen Augen, alle streckten sie den Hals und spitzten die Ohren. Die Bäume drunten huben an, ihre Zweige nach dem schwermütigen Rhythmus des Flötenliedes zu wiegen, Zedern und Pinien, alle, alle. Die rotblättrigen Buchen schauten noch ernster drein. Der Wolf gab dem Tiger ein Zeichen, dass auch er lauschen solle …

Und der Satyr wusste nicht mehr, vor wem er sang, wo er sang …

Er sang das Lied der Erde. Er sang das Lied der Schöpfung. Und er sang von den gewaltigen Vulkanen, die nun schlummern unter den Meeren und Seen und träumen von dem Gebirge, das einst ihr Helm, und von den Flammensäulen, die einst ihr Helmbusch gewesen. Er sang von Felsen, schlafend unter dem Eis – er sang von des Wurmes unterirdischer Arbeit. Also begann sein Sang. Und dann sang er vom Walde … den kannte er am besten. Er sang von den herrlichen Bäumen, die ihre Wurzeln tief im Erdball haben, ihre grauenvollen Wurzeln, die wie geduckte Schlangenhälse mit aufgesperrten Rachen über schwarzen Tiefen hangen und trinkgierig sich bohren in schaurigste Finsternis. Und was sie getrunken, geben sie wieder als Nebelrauch, der zum Himmel steigt, oder sie speien es aus wie Gift. Was kümmert das alles die Erde? Sie sammelt und zeugt ohne Ende. Aller Wesen Durst und Hunger saugt an ihren Brüsten … die Bäume aber sind Kiefer, die alles vorkauen, für alles die Vorarbeit tun; Regen schlürfen sie ein, Luft und Wind, Nacht und Tod! Alles ist gut genug für sie. Die Bäume verwandeln alles wieder in Sand, in Erde.

Dort unten aber, wo ihre Wurzeln tätig sind, werden Kämpfe ausgefochten. Denn Raubtiere sind die Wurzeln … Und der Satyr sang von dem Kampf tief unten im Dunkel des Daseins, von dem Kampf zwischen den lichtfremden Geistern …

Und während er sang, ward ihm so seltsam, als fielen Fesseln von seinem Nacken. Die Worte sprangen von seinen Lippen, als machten sie ihn frei. Zu mächtigen Flügelschlägen wurden sie …

»Das Gebirge,« so sang er, »der grosse Zeuge, erhebt sich über dem ewigen Kampf in der Erde und auf der Erde. Das kahle Gebirge ahnt zwischen Nebeln und Nächten das grosse Geheimnis. Sein ewig ruhiges Antlitz späht in die wilden Tiefen und sieht in den wahren Himmel, den die olympischen Götter nicht kennen! Die uralten Weisen, die Berge, grübeln dem nackten Ursprung der Dinge nach. In der keuschen, ehrwürdigen Natur forschen sie nach den Urgründen, den Quellen des Seins! Etwas aber bleibt immer noch übrig, das keiner enträtselt, auch sie nicht …«

Des Satyrs Augen hatten sich geschlossen – er griff nach seiner Flöte, und liess sie fallen … griff sie wieder auf, und liess sie abermals fallen … Schweiss rann ihm von der Stirne, wie Wasser von einem Netz, wenn man es aus dem Meere zieht.

Die Tiere der Erde waren zur Höhe geklommen. Gehörnte Köpfe und wilde Augen stierten in den Äther herauf.

Apollo sagte: »Willst du meine Leier haben?«

»Ja,« antwortete der Satyr, und nahm sie. Es war, als ob er erwachte, und er blickte umher … doch die Träume von aller Dinge Morgen füllten seine Sinne mit seliger Trunkenheit.

»Er ist ja schön!« sagte Venus.

»Ist das … ist das nicht Antäus?« fragte Vulkan den Herkules. Der aber antwortete nicht, er lauschte dem Satyr …

Und der Satyr griff in die Leier … und verlor sich wieder: wusste nicht, vor wem er sang, nicht, wo er sang.

Er sang das Lied der Menschheit.

Erde ist der Mensch: Erde, die zum Himmel will. Doch immer wieder wurde der Mensch zurückgeworfen, immer wieder wurde er geknechtet. Nicht den Namen Prometheus nannte der Satyr. Doch seine Augen sprühten Funken metallenen Feuers, da er sang vom Kampfe des Menschen mit schändlichen Königen und gierigen Göttern. »Und furchtbar war der Mensch in diesem Ringen. Wen kann das wundernehmen? Wälz' einen Berg auf die Glut des Menschengeistes, und er speit Lava! Und noch immer steckt der Menschengeist zur Hälfte in Chaos und Schlamm. Unter eurem Regiment, Götter! Noch immer kämpft der Mensch hart und schwer mit euern Elementen, mit dem Erdboden, mit der Pest, mit den Meeresfluten. Des Urstoffs ungelöstes Rätsel drückt ihn darnieder, ist fast immer sein armseliges Schicksal, an dem er zugrunde geht, und entfesselt seine Leidenschaften, sodass eine Menschenhorde mordend auf die andere sich stürzt – und eine jede hat ihren König!

Aber, ihr Götter – kommen wird der Tag, da der Mensch eure Elemente wie gebändigte Rosse anschirrt und herrlich mit ihnen dahinfährt ins Reich der Freiheit! Dann macht er sich zum Herrscher über alle, die heute seine Tyrannen sind. Schon hör' ich das Feuer knistern unter der Asche … den Axthieb schon seh' ich, der die Rinde zerspellt! Aufbäumen wird sich der geknebelte Mensch, durch Flammen wird er schreiten wie ein Dämon, durch Wälder, Ströme, Lüfte, in der Hand jauchzend die Fackel, die in Brand gesetzt ist an demselben Feuer, das die Sterne entzündet hat! Und zu des Urstoffs gelöstem Rätsel wird er sprechen: »Nimm Flügel!« Und zu den Grenzen: »Ihr seid nicht mehr!« Denn wer kann wissen, ob er nicht eines Tages alle Schwere von sich werfen wird, diese unreine Hülle, womit der Staub den Gedanken belastet? Wer kann wissen, ob nicht dereinst dieser Erdenwurm in euerm Himmel seine Schwingen breitet? Darum auf, Menschengeist – empöre dich! Leg' deine Bahn ums Licht herum! Ströme mit hinein in den grossen Chor! Mach' dich frei vom Joch der Sünden! Werde Menschheit, jene herrlichste Dreiheit: Mann, Kind, Weib! Unermüdlich sollst du in Geist dich verwandeln! Greife die Strahlen des Lichts! Lass den beschwingten Körper, die göttliche Stirn auf den Thron dich erheben! Und stehst du dort oben, so wirf deine Bocksfüsse zurück in die Nacht, aus der sie kamen!! …«

Der Satyr hielt inne. Und wie ein Haupt, das aus dem Gischt eines Wasserfalles emportaucht, schöpfte er tief Atem. Ein ganz anderer war er jetzt. Die erschreckten Götter starrten auf Jupiter; der sass finster auf seinem Thron, als drohte ein Unheil …

Und der Satyr fuhr fort: »Götter – die Erde habt ihr geschaffen, und kennt sie nicht! Der blaue Olymp, die neblichte Unterwelt, Tempel, Gräber, Wälder, Städte, Adler, sie werden und vergehen! Etwas aber dauert über dem allen, das nie jemand gekannt hat und nie jemand kennen wird, ob auch alle, alle davon träumen. Die Zukunft wird mehr davon offenbaren, bis endlich des Menschengeistes unaufhaltsame Eroberungen alle Schranken brachen – alle, die heute noch sind. Darum rufe ich euch zu: Freie Bahn dem Menschengeist! Gebt ihn frei! Überall Licht! Überall Raum für den Genius!«

Indem er so stand und sang, war er grösser geworden als Polyphem, grösser als Typhon, grösser als die Titanen, grösser als der Berg Athos: und rings um ihn her war Finsternis …

Das war kein Satyr mehr, der da sang – das war eine Landschaft, von allen Meeren herauf zu den Felsen, von den Felsen empor zum Himmel … die Tiere aber, deren seltsam staunende Augen noch eben aus dem Äther hervorlugten, zogen nun friedlich weidend über die Landschaft hin …

Des Satyrs Hörnerpaar war zu zwei unermesslich hohen Bergspitzen geworden, und die Leier an seiner Brust zu einem gewaltig breiten Bergstrom, der in tausend rauschenden Wasserfällen schäumend ins Meer hinab sich ergoss …

»Wer bist du?« frug Jupiter.

»Ich bin Pan« …


RUTH

Boas hatte sich zum Schlummer hingestreckt. Er war allzu müde geworden. Den ganzen Tag hatte er gedroschen. Nun ruhte er sich bei seinem Korn aus. Weites Land rundum deckten seine Weizen- und Roggenfelder.

Er war reich, aber mildtätig und rechtschaffen.

Wenn er jemanden kommen sah, der Ähren aufsammeln wollte, die noch zerstreut auf dem Stoppelfeld lagen, sagte er zu seinen Schnittern: »Ach, nehmt doch nicht alles mit!«

Er lebte einsam. Sein Bart hatte schon längst die Farbe des Silbers. Leuchtend wallte er über sein weisses, makelloses Linnenhemd herab.

Die Weiber vergassen, dass er alt war. Sie sahen nur, wie schön er war.

Jedes Lebensalter hat seine Schönheit.

Was Flamme ist in den Augen der Jungen, ist Licht in den Augen der Bejahrten. Der unbeständige Tag weicht dem ewigen Tage …

Dort, wo Boas sich zum Schlummer niedergestreckt hatte, schliefen auch seine Schnitter. Wie ein schwarzer Haufen nahm sich das von ferne aus.

Das war unter südlichem Himmel, und vor langer, langer Zeit …

Wie Boas so lag und schlief, hatte er einen Traum, und im Traume eine Offenbarung, wie Jakob, wie Judith.

Zu seinen Häupten sah er den Himmel offen.

Er sah einen Eichbaum. Der hob sich von ihm aus hoch in die Lüfte, als ob er in ihm wurzelte. Und mit den Ästen stieg ein Geschlecht empor, Glied um Glied. Hier unten nahe der Wurzel schlug ein König seine Harfe … und ganz droben am Wipfel ging ein Gott in den Tod …

Und Boas träumte, dass er also zu dem Herrn sprach: »Wie kann denn dies nur geschehen? Ich habe keinen Sohn und auch kein Weib. Die an meiner Seite schlief, die nahmst du von mir. Wohl sind wir noch zusammen, sie halb bei mir im Leben, ich halb bei ihr im Tode. Doch kann ich Stammvater eines Geschlechtes werden? In der Jugend, ja, da haben wir wohl manchen schönen Morgen! Der Tag steigt auf aus der Nacht als Sieger. Aber im Alter, und wenn wir einsam geworden sind, fällt der Abend schwer auf uns … da beugt sich die Seele nieder nach dem Grabe, – wie ein Stier, der dürstet, seine Stirne zum Wasser senkt, davon er trinken will …«

Also sprach Boas in seinem Traum, und glaubte glückselig, er habe den Herrn geschaut.

… So wenig eine Zeder fühlen kann, dass an ihrem Fusse eine Rose blüht: so wenig fühlte Boas, dass neben ihm ein Weib ruhte. Denn indessen er schlief, hatte Ruth, die Moabiterin, sich dort hingelagert. Sie wartete wunderbang, was wohl geschehen würde, wenn Boas erwachte …

Nicht wusste Boas, dass neben ihm ein Weib harrte, – nicht Ruth, was Jehova mit ihr beginnen wollte …

Der Odem der Nacht umwogte sie. Dann und wann wellte durch das Dunkel ein Strom balsamischer Wohlgerüche. Übervoll von Sehnsucht waren die Schatten, gleich bangen hochzeitlichen Bräuten … Gewiss schwebten hier schweigende Engel … Oft war da etwas Blaues im Dunkel … wie ein leises Flüstern von leuchtenden Flügeln …

Ruth hörte die Atemzüge des Boas. Sie mengten sich mit dem Murmeln eines Baches im Moos. Mild war die Luft, und die Lilien standen hoch …

Ruth sann vor sich hin: und Boas schlief …

Schwarzdunkel war das Gras.

Herdenglockengeläute klang von ferne.

Unendliches Schweigen wölbte sich vom Himmel über die Erde. Es war die stumme Stunde, wo Löwen sacht nach Quellen suchen …

Alles ruhte im Lande Ur …

Die Sterne strahlten glitzernd auf dem schwarzen Sammet der Himmelskuppel …

Im Osten hob sich der Neumond. Seine Sichel hatte scharfe Spitzen …

Und Ruth sann, leise die Augenlider hebend, und also war ihr Sinnen: »Was für ein Schnitter mag das wohl sein dort oben im Ewigen, der seine goldene Sichel in den Sternfeldern vergass?« …


EIN MANN MIT TIEFEN AUGEN

Ein Mann mit tiefen Augen ging vorbei.

Ein Patriarch stand am Wege, und sprach ihn an.

»Du kommst doch von Osten? So begegnetest du der Karawane? Bei Engaddi, denk' ich? Wieviele Reisende waren dabei? Und vieviele Kamele führten sie mit sich?«

»Ich habe sie nicht gezählt«, antwortete der Fremde. Der Greis sah ihn an.

»Ganz recht – Warst du nicht dort am Brunnen zwischen Edon und Gaza? Du riefst doch wohl dreimal den Namen des Heiligen, der den Brunnen grub?«

Der Fremde entgegnete verwundert: »Welches Heiligen? Was meinst du?«

Da lächelte der Greis.

»Hörtest du, ob es Myrrhe ist oder Balsam, was der Vierfürst Antipas in diesem Jahre als Tribut erhalten soll?«

»Ich weiss von alledem nichts«, sagte der Fremde gleichgültig.

»Hast du denn garnichts von dem König gehört, den ich nannte?«

»Nein.«

Sie standen an einem Gräberfeld.

»Hier,« sagte der Greis, »hier wächst nun Gras über gar viele, die jüngst noch jauchzten, die glücklich waren und stark! Da liegen sie nun allesamt zerstreut zwischen Sand und Asche!«

»Nein,« erwiderte der Fremde, »nicht hier! Sie sind fortgeflogen! Wer begraben wird, der geht in das grosse Grenzenlose!«

Er ging weiter. Die Abendsonne vergoldete ihn, bis seine Gestalt in der düsteren Wüste verschwand.

Der Greis sah ihm nach.

»Wahrlich,« dachte er, »dieser war ein Prophet – er weiss nur von dem, was verborgen ist!« …


DIE ZEDER

Scheik Omar, der grosse Gottesmann, so gross wie Mohammed, der Wundertäter, erging sich eines Tages am Gestade des Roten Meeres, an einem langen Stab gestützt.

Bei dem heiligen Djeddah machte er Halt, dort, wo Gott sich Israel geoffenbart hatte.

An dieser geweihten Stätte ward Omars Auge fernsehend. Er schaute weiter als die Wüste sich dehnte, er schaute über Ägypten hinaus, über Judäa hinaus bis hin zur Insel Patmos.

Dort lag am Fusse eines kahlen Berges Johannes der Täufer und schlief. Denn der grosse Einsiedler ist noch nicht tot. Gott hält ihn hier verborgen. Mit Elias und den anderen Propheten soll er einst wider den Antichrist streiten.

Das Haupt des heiligen Johannes lag in der heissen Sonne.

Scheik Omar, der gewaltige Priester vor dem Herrn, der so gross war wie Mohammed, sah empor zu einer alten, mächtigen, dichtbelaubten Zeder, die sich an seiner Seite erhob. Und Scheik Omar streckte die Hand aus gegen den nördlichen Horizont nach dem Ägäischen Meere hin, gen Patmos.

»Auf und voran, Zeder! Breite deinen Schatten über den schlafenden Mann dort!«

Das Salzgespenst von Sodom und Gomorrha stand nicht starrer als die Zeder, da Omar zu ihr gesprochen.

Und der Gottesmann rief aufs neue: »Auf und voran!« und schlug mit seinem Stab gegen den Baum.

Die Zeder hatte ihre Wurzeln im Marmor eines Eremitengrabes dort am Meer. Sie zitterte nicht. Sie verharrte in Ruhe.

Da hob der Scheik seine Augen auf zu dem Unsichtbaren, machte drei Schritte, öffnete seine Rechte und streckte sie empor: »Voran, Zeder!« rief er, »in des lebendigen Gottes Namen!«

»Warum nanntest du diesen Namen nicht gleich?« sagte der Baum. Zuckend zersprengte er den Marmor, zog seine Äste dicht an den Stamm zusammen, wie ein Schiffsmast sein Takelwerk, spaltete den Erdboden, raffte aus den tiefen Rissen seine Wurzeln heraus – und schwebte fort wie ein ungeheurer schwarzer Vogel, zog hin über den Berg Gor, der gleich einem riesigen Rauchfang über den roten Flammen der unterirdischen Schmiedefeuer sich wölbt … hin über Ägypten, das formlose Pantheon mit den vielen Göttern, – über den Nil hin und über das Meer, – schwebte finster und feierlich über den feindlichen Abgrund hin, selig erfüllt von seiner Sendung … und senkte sich dann sanft auf Patmos über den schlummernden Johannes herab …

Johannes erwachte – und erschaute den fremden Baum. Er musste sich eine Weile besinnen … dann aber sprach er, bebend in jener fanatisch eifernden Strenge, die alles Volk in angstvolles Grauen versetzt: »Baum, was machst du hier? Wie hast du es angefangen, Wurzeln zu schlagen, zu wachsen, gross zu werden in einer einzigen Stunde? Jehova will: der Baum soll in tiefer Erde gegründet sein, auf dass er stehe, indes die Menschen kommen und gehn! Ein Baum soll Stürmen trotzen! Nicht aber soll eine Zeder jäh wie ein Traumbild emporgaukeln! Was aus einer Stunde emporschiesst, hoch wie ein Berg, das mag auch zerfallen in einem Augenblick!«

Die Zeder erwiderte: »Warum klagst du mich an? Ich bin hier, weil ein Mensch es mir gebot!«

Und wieder frug Johannes, der düstere Träumer: »Wer ist dieser Mensch, vor dem du dich beugst?«

Der Baum antwortete: »Es ist Omar, der Priester Mohammeds! In Djeddah stand ich, viele, viele Jahre hindurch. Da kam er und sagte, ich sollte fort nach Patmos, um dir Schatten zu geben, derweilen du in der Sonnenglut schliefst!« …

Da wandte sich Johannes, den Gott wieder unter die Lebenden gesetzt hatte, – gen Süden wandte er sich und schrie von dem wilden Strand in die Winde hinein: »Du Neugekommener! ich sage dir: lass die Natur in Frieden!«


DIE BRÜCKE

Vor meinen Augen war Finsternis. Ein bodenloser Abgrund hemmte meinen Schritt. Nichts regte sich ringsumher. Ich fühlte mich verloren in Nacht und Stille.

In weiter, weiter Ferne hinter einem undurchdringlichen Schleier sah ich Gott wie einen dämmernden Stern.

Da rief ich: »Meine Seele! Meine Seele! Wenn du über diesen Abgrund hin, durch diese Nacht hindurch zu Gott gelangen sollst, brauchst du eine Brücke mit Millionen Bogen! Wer kann die bauen? Keiner! Keiner! Verderben muss ich hier!«

… Da erhob sich vor mir eine weisse Schattengestalt. Und dieser Schatten hatte die Stirne einer Jungfrau und die Hände eines Kindes. Einer Lilie glich er, die einen Schutz in ihrer eigenen Reinheit hat. Der Schatten faltete seine Hände, und Licht strömte aus diesen Händen.

»Wenn du es ernstlich willst, werde ich dir deine Brücke bauen!«

Ich hob meine Augen auf zu dem bleichen Unbekannten: »Wer bist du?«

»Ich bin das Gebet« …


MITTELALTER

Ratbert, der Sohn Rudolfs, König von Arles – auch Kaiser liess er sich nennen – thronte auf dem Marktplatz von Ancona. Er hatte die Stadt mit List überrumpelt. In der Kleidung eines römischen Patriziers sass er auf einem ziselierten Fürstenstuhl, die Lanze des heiligen Mauritius in seiner Hand. Hundert Barone und Ritter, die Blüte von Italiens edelsten Geschlechtern, hatte er um sich versammelt. Von ihren Burgen und Herrensitzen waren sie herbeigeeilt wie Fliegen zum Honig. Bei Ratbert war etwas zu holen.

Hellebardiere und Negersklaven hielten den Marktplatz abgesperrt. In einen Festsaal war er verwandelt. Die Banner der versammelten Edlen umkränzten ihn.

Die Stadt war wie ausgestorben. Die Bürger hatten sich in ihre Häuser eingeschlossen. Der Tag war sonnenheiss. Die Sonne leuchtet über Pestilenz wie über goldene Ährenfelder.

Die Vornehmen hatten ihre Plätze eingenommen. Ratbert winkte bald den einen, bald den andern zu sich heran und sprach leise mit ihm. Was er zu jedem einzelnen sagte, verbreitete der weiter. Ein jeder zeigte dabei ein vergnügtes Gesicht, und jene, an die sie Ratberts Worte weitergaben, nicht minder, bis zuletzt die ganze Versammlung in heiterster Laune war. Und alle harrten auf das, was nun kommen sollte.

Der Bischof von Verceuil eröffnete die Tagung mit einem feierlichen Gebet. Der König betete inbrünstig. Das Volk liebt es, seinen König beten zu sehen.

Einer nach dem andern gab dann seinen guten Rat, und jeder, der des Königs Meinung war, wurde auf der Stelle durch ein Geschenk ausgezeichnet. Johann von Carrara bekam des Königs eigene Goldkette um den Hals gelegt. Der Marquis von Cibo erhielt die Stadt Spoleto. Herr Urbin konnte künftig von jedem Fasse Wein, das man in Besançon trank, einen Sou erheben … So ging das eine Weile fort, bis der Bischof Afranus das Wort ergriff.

Der war ein frommer Mann, ein guter Mann, des Königs Almosenverteiler.

In jungen Jahren hatte er sich vorgenommen, Einsiedler zu werden. So früh schon hatte er sich von der Welt und ihrer Eitelkeit abgewandt. Ein grosser Theologe, besonders bewandert in der Gewissenslehre. Eine grobe Kutte war sein Gewand mit einem Strick als Gurt. In demutsvoller Bescheidenheit stand er da. Er bat erst Gott um Erleuchtung, und sprach dann also:

»Eine Kriegslist hat es Ratbert ermöglicht, seine Fahnen auf Anconas Mauern zu pflanzen. Vom Standpunkt der Kirche ist das gutzuheissen. Denn Ancona hatte sich töricht betragen. Es lässt sich nur billigen, wenn bürgerlichen Zwistigkeiten mit bewaffneter Hand ein Ende gemacht wird, auch wenn dabei eine List den Ausschlag gibt. Solche List an Stelle von Blutvergiessen und anderen Gewalttätigkeiten zu setzen, heisst die Kriegskunst mildern und den Sieg von vornherein sichern. Ich bin ja nur ein Mann der Kirche, ich verstehe mich besser darauf, im Hause Gottes – gelobt sei sein Name – die Messe zu lesen, als zu einer so vornehmen Versammlung zu sprechen. Aber soviel verstehe doch auch ich, dass man in dieser Welt auf verschiedene Weise seinen Weg macht. Der König panzert seinen Streithengst mit Eisen und füttert ihn mit frischem, fettem Hafer. Der Erzengel reitet auf einem Drachen. Der Apostel auf einem Esel. Und so ist es auch mit dem Recht. Auch das ist nicht gleich für alle. Für den König ist es dehnbarer als für das gemeine Volk. Es ist notwendig, dass der König Freiheit hat. Es ist notwendig, dass das Volk in strammer Zucht gehalten wird. Das Volk ist Herde. Der König ist sein Hirte. Der König führt die Befehle Gottes im Volke aus. Der König darf zum Wohl seines eigenen Volkes ohne besondere Kriegserklärung andere Völker überfallen, besonders wenn es sich um Türken handelt. Die Türken stehen ausserhalb des allgemeinen Völkerrechts, denn sie sind keine Christen. Aber die Christen, die sich dem König widersetzen und sich wie jene betragen, sind ja im Grunde auch nichts anderes als Türken und können ganz ebenso behandelt werden. Gilt es das Wohl des Staates, so dürfen den König keine Bedenken zurückhalten. Jede Sache hat ihr besonderes Gesetz und fordert eine besondere Einsicht. Die Tochter des Grafen von Final ist ein Kind, und es ist nicht recht, dass Minderjährige den Thron innehaben. Nun sitzen ja wohl auch in anderen Reichen Minderjährige auf dem Thron. Da erhebt sich die Frage: darf man den einen absetzen, und den andern nicht? Ja gewiss, das darf man. Sind doch die Sitten und die Verhältnisse so grundverschieden. Das salische Erbfolgegesetz mag anderswo heilsam sein, aber in Final ist es verwerflich.«

»Bischof,« sprach der König, »du sollst Kardinal werden!«


Auf einem Felsen an der genuesischen Küste lag die Feste Final. Eine treue Besatzung wachte über das Kind, über die Erbin der Freigrafschaft. Bei der Kleinen war ihr Grossvater. Sie lebten dort einsam zwischen Mauern und Schluchten. Das Mädchen war fünf Jahre alt, der Grossvater achtzig.

Sie hiess Isora von Final, er Fabrice Graf von Albenga, ein wackerer Mann, von allen geliebt, einst als gewaltiger Feldherr gefürchtet, als Admiral und General, seine Zeitgenossen durch Charakterstärke und Lauterkeit der Gesinnung überragend. Nun war er ein Greis. Und wie alle Hochsinnigen war er rückhaltlos vertrauensselig gegen jedermann. Denn er stammte aus einem besseren Jahrhundert als dieses war, das er nun noch miterlebte. Für diese Zeit hatte er eigentlich kein Verständnis. Er kam sich darinnen vor wie ein Landflüchtiger. Alle seine Altersgenossen waren dahin. Die betagteren Leute erinnerten sich wohl seiner noch ein wenig, die jungen aber hatten ihn ganz und gar vergessen. Oft schritt er wie im Traum einher, ohne zu hören oder zu sehen. Man konnte glauben, seine Seele weile in solchen Augenblicken im Jenseits, um zu erfahren, wann ihre Stunde schlagen würde. Das Einzige wohl, was ihn noch eine Weile hienieden zurückhielt, war Liebe. Er lebte für seine Umgebung. Man muss lieben, wenn man in den Ruinen der Vergangenheit Wurzeln schlagen will. So wie es der Efeu macht. Seine Blätter haben alle die Form eines Herzens …

In seiner Enkelin lebte ihm noch einmal die alte, versunkene Zeit auf. Ihm war, als sähe er sein Weib und seine Tochter in der Kleinen wieder. Ungestört lebte er sein Traumleben. Jeden Morgen gürtete er sich sein Schwert um, obschon er es kaum mehr aus der Scheide ziehen konnte. Jeden Abend nahm er das Kind mit in die Kapelle und betete dort, indes er mit klaren Augen auf die Grabsteine im Chor schaute. Das Kind frug. Und er erzählte. Manchmal spielte die Kleine frühmorgens allein in den Türmen, ihren alten guten Freunden. Wenn er sie dann fand, entsprang sie ihm und lief lachend hinter Schmetterlingen her, rund um die Grüfte …

In diesem räuberischen Jahrhundert hatte jedes Volk seine Grossen, die es ausplünderten. Und über den Grossen sassen wieder die Könige als gierige Geier. Aber die Grafschaft Final war eine Freistatt für Rechtschaffenheit und Wohlfahrt. Die Einkünfte der Domänen und die Abgaben der Herrensitze wurden Jahr für Jahr auf zwanzig Maultieren in die Feste gebracht. Gold und Silber lag in einem Keller verwahrt, den nur der greise Graf wusste. Uralt war der Keller, und er barg noch grosse Schätze aus den Zeiten Wittekinds und der Ottonen. Am ganzen Mittelmeer erzählte man von seinem Reichtum. Viele, die an Final vorbeisegelten, hatten schon die Stärke des Turmes bewundert, der hoch in den Himmel ragend über diesem Keller Wache hielt. Die vier Evangelisten standen geschnitzt und vergoldet auf vier Wurfmaschinen. Ausserdem war der Zugang zu dem Felsgelass geschützt durch zwei stolze, riesenhafte Kriegergestalten aus Stein, die im hohlen Innern ihrer gewaltigen Sturmhauben viele lebendige, eisenbewehrte Hüter verbargen. Uneinnehmbar war die Feste.


Eines Morgens stiess die Torwache ins Horn. Ein Geistlicher, von einem Läufer begleitet, überbrachte einen Brief des Königs von Arles. Ratbert schrieb: Bevor er nach Tarent segle, fühle er sich gedrängt, seine Base Isora zu begrüssen und ihr die Stirne zu küssen. Der Geistliche verneigte sich vor dem Grafen und betonte, es sei das eine Ehre, wie sie der König sonst nur Königinnen erweise.

Dem Briefe hatte Ratbert einen Wagen mit Geschenken und kostbarem Spielzeug vorausgesandt. Isora klatschte entzückt mit den Händchen. Der fromme Gottesmann wurde gut aufgenommen, und als er schied, erwies er der Kleinen Ehren, wie sie nur einem grossen Souverän zukommen.

Dem alten Grafen schmeichelte es sehr, seine Enkelin so hoch geschätzt zu sehen. Er gelobte Ratbert gastlichste Aufnahme.

Wie Fabrice nun eines Tages so stand und gerührt wieder und immer wieder das gnädige Handschreiben des Königs durchlas, flog ein Rabe vorbei und warf seinen dunklen Schatten über den Brief. Diese schwarzen Vögel folgten einst auch Judas, als er dem Herrn Jesus den Weg wies.

»Habt acht auf den Raben!« mahnte die Wache. Der Vogel hatte sich auf einen der Türme gesetzt. »Den Raben dort«, sagte der Graf, »kenne ich seit meiner Knabenzeit. Der hat ganz in der Nähe sein Nest. Der ist mindestens hundert Jahre alt, und krächzte von jeher so wunderlich. Aber erschreckt hat er mich noch nie!«

Nun bekam man in Final alle Hände voll zu tun. Das Gras auf den gepflasterten Wegen und an den Steintreppen wurde ausgejätet, die Türme wurden gesäubert, Wände getüncht, reife Gartenfrüchte aufgehäuft, Fässer mit Öl und Wein aus den Kellern heraufgeschafft, grünes Laub und Salbeiblüten über alle Stufen und Gänge gestreut. In den Küchen brieten Wildschweine an Spiessen. Aus allen Winkeln scholl Lachen bei fröhlicher Arbeit. Köstliche Teppiche hingen von den Balkonen nieder.

Der grosse Tag war gekommen …

Die kleine Gräfin wird noch angekleidet. Ihre Kemenate ist voll von dienenden Frauen, und bei ihr weilt der alte Graf. Mit blossen Füsschen sitzt sie auf ihrem Bette. Er vor ihr in einem alten Lehnstuhl, und schaut auf die weisse Kinderstirn, die nun bald ein König zu küssen kommt. Und goldenes Haar leuchtet fromm um das kleine, feine Gesichtchen. Er spricht mit ihr und mit den Dienerinnen und mit sich selbst allerlei, was ihm gerade einfällt – Altes, Neues, Trauriges, Lustiges.

»Ja, nun musst du auch richtig Staat machen! Nun kommt ein grosser Herr, dich zu begrüssen, dich zu küssen, hörst du? Vergiss aber nicht, ihn ›Monseigneur‹ anzureden. – Nein, schau, das hat er dir auch noch geschenkt: die heilige Jungfrau mit dem Silberdiadem! Und diesen Ritter! Du, der war gewiss einer von Attilas Bogenschützen! Und dieser Kerl da von Gold! Was für eine Pracht! – Nun kommen schon die Bauersleute von weit her. Die halten viel von dir, weisst du! Und Goldzechinen sollst du auf sie niederwerfen! Und dann sollst du nur sehen, wie die ihre Mützen von den Köpfen reissen, um deine Münzen zu erhaschen! Ei, wird das ein Fest werden! Dass ich den Tag noch erleben darf! – Nein nein – nun muss ich der Kleinen helfen. Das ist mein Amt! Als ihre Mutter noch klein war – ja, damals war ich schon ein alter Geselle – da habe ich sie auch immer angekleidet. Ja ja – ich dachte, der Tod könnte mit grauen Haaren zufrieden sein – ja, das dacht' ich so oft, und dass er nicht dunkles und blondes Haar mit sich zu nehmen brauchte! Das Kind sollte seine Mutter noch haben – und ich mein Weib! Aber da die beiden nun meinen Platz eingenommen haben, muss ich eben an ihre Stelle treten!«

Und dabei knöpfte er das Kinderkleidchen zu, indes andere der süssen Kleinen die Schuhe banden. Aber gewiss hatte er sich ehedem den Panzer besser umgelegt als jetzt das Seidenkleidchen der Kleinen.

Die Ritter und Edeldamen und das Volk harrten schon in festlichem Schmuck draussen vor dem Schlosse.

Als aber die Sonne rotglühend niedersank, waren alle Klippen und Höhen am Meer mit Raubvögeln bedeckt. Seltsam! Die Gabelweihe hockte dort, der furchtbare Seeadler, der gefrässige Taubenhabicht, alle gierig nach Menschenfleisch … und neue Schwärme kamen in wilden Zügen hinzu, Abkömmlinge sicherlich der alten Raubvögel, der römischen Adler über dem Zirkus, dort, wo die kupferne Wölfin stand und ihnen zuheulte, jener Adler, die dem Marius folgten und den Sulla kannten … ihre Abkömmlinge hockten nun kreischend auf den Riffen und Felsgraten … angefressene Menschenschädel hatten sie irgendwo liegen gelassen, nur um eiligst nach Final fliegen zu können … von Galgen waren sie weggeflogen, von zersplitterten Masten gescheiterter Schiffe, die mit schwarzverwittertem Tauwerk und Hunderten von Leichen draussen im Meer festsassen … und von Lazarethen kamen sie her, wo die Kranken schneller starben, als sie begraben werden konnten … und alle waren freudig erregt und schrieen schon von ferne, wenn sie Final, die stolze Feste, erspähten: »Dort lohnt sich unser Flug! Sputet euch! Dorthin kommt ein Kaiser!!«


Er war gekommen. Die Glocken hatten geläutet. Fanfaren hatten geschmettert. Volksjubel hatte gelärmt. Freudenfeuer hatten geloht. Alle Türme hatten übers Meer geleuchtet wie riesige Flammenbrände. Unter den Bäumen des Schlosses war in langen Tischreihen das Bankett gerüstet. Alles war zu einem jauchzenden Freudenfest bereitet worden … Und wer hatte so seinen Einzug gehalten? Satan und seine Orgien! Erst Mord und Brand … dann ein zügelloses Gelage. Der Böse feierte da sein Fest, in dem besiegten, geplünderten, verwüsteten Final. Gesungen wurde da, aber Angstschreie gellten dazwischen. Neben des Herdfeuers friedlicher Glut raste der Hölle wüstes Geflacker. Die Türme brannten. Alles war zum Skelett einer anklagenden Ruine geworden. Dort oben hatte der Rabe gesessen …

Eine mächtige Eiche hatte Feuer gefangen und stand in hellen Flammen. Es sah aus, als leuchtete ein fackeltragender Riese zu dem höllischen Treiben!

Rot dampften die Pflastersteine von Menschenblut, das sich mit dem Windgebraus mischte. Wenn die Scheiterhaufen aufloderten, blinkte der Widerschein im Gold und Silber der Tischgeräte. Da tafelte er nun, der Kaiser, mit seinem Gefolge. Die Klingen, die noch eben gemordet hatten, zerteilten jetzt friedlich den Braten von Lämmern, Hasen und Fasanen. Trommeln, Hörner und Posaunen einten sich zu einer wahnwitzigen Musik. Man sang und schrie und trank und frass und kotzte sich. Weiber sah man zwischen Priestern und Rittern und Landsknechten, Bischofshüte und Bischofskreuze zwischen blutbefleckten Wurfspeeren und Hellebarden.

Auf einem Thronstuhl zuoberst an der langen Tafel sitzt Ratbert, bleich und befriedigt. Griechische Sänger singen vor ihm, preisen ihn als Cäsar, König, Sieger, Genius und Gott: und dazwischen tönt aus der Tiefe herauf das Todesröcheln der Überlisteten … Die Luft ist verpestet vom Dunst warmen Blutes und frischer Leichen … die Schmausenden suchen den Gestank mit Essenzen und Gewürzen in Silberschalen und mit Weihrauch zu verscheuchen, der frommen Gefässen entströmt. Bluthunde stehen im Dunkel und nagen an Knochen … Wenn die Eiche auflodert, glaubt man ein Menschenantlitz zwischen den gefletschten Hundezähnen zu sehen …

Pagen und Kriegsknechte, noch erhitzt von dem Gemetzel, warten bei der Tafel auf. Unter dem klaren Abendhimmel brennt in blaulohenden Schalen der Trank der Liebe, der Willkommtrunk. In Gläsern funkeln Würzweine, und Schaumweine perlen und brausen … Alle Lippen trinken und küssen, umschwült von glutheisser, schwerer Luft, durch die der Gemordeten grauenvolle Geister racheheischend schweben …

Hier finden sie alle Futter genug, die nach Menschenaas gierenden Vögel: Raben, Eulen, Gabelweihen und Adler … Grausig ist es, einem Geier zuzusehen, der über einer Leiche hockt, sie zerfleischt, zerreisst, und, wenn er gesättigt ist, alles wieder hinter sich säubert und sich ableckt – oder einem Habicht, der kreischend zerschmetterte Gliedmassen daherschleppt …

Aber ihr Mahl ist noch lange nicht so grauenvoll wie das Gelage des Kaisers …

Wenn Raben mit ihren kreisrunden Augen die Nacht durchspähen, wenn Spinnen in ihren blassen Netzen lauernd hangen, treibt sie dazu das Gesetz des Hungers, das Gesetz des Lebens, der Erde, dessen dunkles Geheimnis nur dem Himmel enthüllt ist. Aber dass der Mensch, der Erkorene, der das Gute gesucht und gewollt und erkannt hat, dass der seinen Bruder aus dem Weg räumt mit Lachen und Jubel – davor erschrickt der ewige Lebenszeuger, auch wenn das Verbrechen sich feig in die Nacht verbirgt. Ob der Himmel blau oder schwarz ist – dass Kain seinen Bruder erschlägt, davor erschrickt Gott …

Mit einem Mal verstummt die trunkene Orgie … So jäh und tief ist das Schweigen, dass sogar die Hunde von den Knochen, daran sie nagen und knacken, aufschauen … Ein Greis steht mitten unter den Zechern, ein Gefangener, mit weissem Haar, mit auf dem Rücken gefesselten Händen wie ein Dieb, doch mit einer Miene und in einer Haltung, die Ehrfurcht gebietet … Lanzenträger führen ihn vor. Es ist Graf Fabrice.

Ratbert spricht zu ihm: »Du allein weisst, wo der Schatz verborgen liegt – nur deshalb lebst du noch. Und bei Gott! sagst du, wo der ist, so rettest du dein Leben.«

Fabrice sieht ihn an und schweigt.

Der König ruft: »Bist du taub, Kamerad? Gib Antwort, Graf, oder du alter Löwe sollst dich krümmen wie ein Hund!«

Der Greis steht regungslos zwischen den blanken Lanzen, als hätte er schon seinen Platz in dem ewigen Schweigen.

Und er schaut den König mit solchen Augen an, dass der auffährt und schreit: »Ein dummes altes Schaf warst du, dass du uns in deine Burg hereinliessest! Und all das Kinderspielzeug, das ich sandte, war für dich bestimmt – denn du lebst ja in einer zweiten Kindheit! Heraus jetzt mit dem Schatz, den du zusammengestohlen hast, und reize mich nicht länger! Denn sonst werde ich deinen Kopf aufpflanzen lassen, droben auf dem Turm auf einem Pfahl – dann hast du Zeit genug zum Schweigen!«

Der Greis bleibt stumm. Der Henker kommt grinsend mit Schraubschuhen, legt sie ihm an und schraubt sie fest, dass die alten Knochen krachen.

Erschüttert und durchgraut aber sehen die plötzlich ernüchterten Gäste der Kaisertafel drein, als im selben Augenblick ein Bärenkäfig herangeschleppt wird. Ein Seil schleift nach. Ein Leichenkleidchen liegt auf dem Käfig, zwei dünne weisse Kinderärmchen hangen aus den Ärmeln heraus. Fabrice bebt wie ein Baum im Wirbelsturm … und Ratbert reisst das Totenlaken von dem Kinderantlitz – die kleine Isora ist es, bleich und stumm … ihr Händchen hält noch ein Spielzeug umkrampft … da fährt Riesenkraft in den Greis, los reisst er sich aus den Henkerfäusten und schleppt das Marterwerkzeug mit …

»Erwürgt!« schreit er. »O ich Unseliger! Einem König hatte ich die Tore aufgetan, Rittern und Priestern – und es kam ein Rudel Wölfe … O ich Unseliger! Zertreten konnt' ich dich und deinen ganzen Haufen! nicht einer wär' mir lebendig entwischt! … Jetzt kannst du sagen, das Glück folge deinen Fahnen – bist du doch Sieger über ein fünfjähriges Kind! Verflucht seist du, Ratbert, du Kaiser, du König, du Schurke! Nun hörst du, dass ich sprechen kann! Und nun will ich auch mein letztes Wort sagen auf dieser Erde: Lebt denn wirklich noch ein Gott?? Wagt er es wirklich, seine Gestirne noch einmal aufgehen zu lassen über dieser Erde??«

Da, wie ein tausendfältiger Blitz, schiesst ein furchtbarer Lichtschein hernieder, so blendend und jäh, dass niemand sieht, wie es geschehen – und des Kaisers Haupt, Ratberts Haupt rollt über den Tisch, zwischen Bechern und Kelchen rollt es hinab und liegt auf der Erde. Entsetzt sind alle aufgesprungen und starren nach dem Thronsitz, wo Ratbert der Herrscher noch thront, ohne Kopf … sein Blut spritzt noch wild über die Tafel … in weitem Bogen ergiesst es sich über die Gäste … Und keiner konnte es fassen, wer den Kaiser getötet habe …


Zur selben Zeit, Hunderte von Meilen entfernt, ergeht sich der Abt von Jong-Dieu, Heraklius der Kahle, der Bruder des Erzbischofs von Lyon, in seinem friedlichen Park. Die Nacht ist mondhell, und es tut ihm immer so wohl, nach dem langen Stillesitzen seines gottgefälligen Tages ein wenig im Garten zu wandeln. Da, in jähem Erschrecken, ist ihm, als sähe er einen Riesenschatten aus der Höhe fallen! Er schaut empor … und staunend erblickt er einen Cherub, der ein ungeheures, blutbeflecktes Schwert an einer Wolke wieder blank streicht …


DIE ROSE DER INFANTIN

Sie war ganz klein. Eine Hofmeisterin war bei ihr. Sie hielt eine Rose in der Hand und schaute über das ungeheure Marmorbassin. Pinien standen in der Runde und riesige Birken. Jetzt, im ersten Abenddämmern, schatteten sie auf das Wasser. Tiefer im Park lag ein grosses Schloss. Unter den Bäumen blinkten murmelnde Quellen. Eine Hirschkuh trank daraus. Pfauen stolzierten umher mit ausgebreiteten Sternschwingen.

Auf der einen Seite des Marmorbeckens war der Rasen ganz übersät von Rubinen und Diamanten. Das machten die marmornen Delphine. Die spieen weite Wasserstrahlen gegen den Wind.

Auf der anderen Seite sass die Kleine. Aus Genueser Spitzen trug sie einen Kragen. Eine Arabeske lief um ihr Seidenkleid, durchbrochen von Stickereien aus Florentiner Goldfäden.

Die Rose war voll und offen. Das Händchen des Kindes umschloss den Stiel, und wenn es das Näschen in die Blüte hineinsteckte, um den Duft zu atmen, so verbarg sich darin das halbe Gesichtchen der königlichen Rosenknospe. Und niemand vermochte die Wangen der Kleinen von dem Rosenkelch zu unterscheiden. Blau war ihr Auge, und die braunen Wimpern machten es noch tiefer blau. Schön war das Kind, und zart wie ein Duft.

Und es sass im Lenz, im Licht, auf dem Rasen so feierlich wie eine Königin auf ihrem Thron. Die Kleine wusste, wer sie war. Sie hatte niemals die Menschen anders als mit krummen Rücken gesehen. Sie sollte eines Tages Herzogin von Brabant werden, Flandern regieren oder über Sardinien herrschen. Sie war Infantin von Spanien, und fünf Jahre alt. Sie sass und sog den Duft der Rose, darauf wartend, dass jemand für sie ein Königreich pflücken möchte.

Ihr Auge ist schon königlich. »Ist das nicht mein?« sagt sie, und zeigt mit dem Fingerchen herum. – »Ja, Hoheit!« – »Das auch?« – »Das auch, Hoheit!« – »Und das da auch?« – »Auch das, Hoheit!« – »Alles zusammen ist mein?« – »Alles zusammen, Hoheit!«

Falls jemand ohne königliche Erlaubnis sie berühren würde, und wäre es auch nur, um ihr zu helfen, denn sie ist so zart und klein, dem läge schon, bevor er nur ein Wort hervorbrächte, der Schatten des Galgens über der Stirn. So befahl das Gesetz.

Das liebliche Kind hatte nichts anderes zu tun, als zu leben, mit einer Rose in der Hand, und den Himmel über sich, und unter sich die Blumen.

Der Tag ging zur Neige. Ein leises Flattern und Zwitschern kam von den Nestern rundum hernieder.

Die Abendsonne leuchtete purpurn durch die Bäume und auf nackte Marmorgöttinnen. Die standen um einen offenen Platz und zitterten im Ahnen der nächtlichen Kühle. Während das Kind mit dem Atem der Rose spielte, sass hinter den Fenstern des Schlosses jemand. Mitunter glitt ein Schatten von Fenster zu Fenster. Mitunter stand er stundenlang still. Ein Wesen, das nichts von all dem hier aussen bemerkte, nicht das Kind, nicht den Park, nicht das leise Geplätscher des Wassers. Auch nicht die Vögel, die sich im Nest just vor dem Fenster schnäbelten. Er presste die finstere Stirn gegen die Scheibe, bleich wie ein Gespenst. Wenn einer vorüberging und sah dorthin, so dachte der: entweder ist das der Tod, oder es ist der König.

Es war der König. Und alles, was sich in seinen abgrundtiefen Augen widerspiegelte, das sahen die Augen ganz gewiss nicht hier, nicht, so weit sie sehen konnten, das war weit, weit fort, auf dem offenen Ozean war es.

Er sah eine unendliche Flucht von weissen Segeln, ausgespannt gegen die Winde: die unüberwindliche Armada, von ihm ausgesandt, um Blitz und Donner über das Meer zu bringen nach England. Englands weisse Burg sah er auch – weit, weit fort hinter Nebelteppichen.

Philipp der Zweite war der Böse mit dem Schwert. Ein Grauen packte jeden schon, wenn er den Hofmeister des Königs sah.

Der Schrecken hatte Philipp gross gemacht, so gross, dass er einem Gotte glich. Sein finsterer, harter Wille bestimmte das Schicksal vieler Millionen. Er umklammerte Amerika und Indien, auf Afrika stellte er seinen Fuss, und der Herr war er in Europa. Nur England machte ihm Unruhe. Sein Mund war stumm. Sein rätselvoller Geist grübelte und hatte Gemeinschaft mit den Mächten der Nacht.

Immer kleidete er sich in Schwarz, als ginge er immer in Trauer. Er glich einer Sphinx, die sann und schwieg. Da er doch alles war, weshalb sollte er da noch sprechen? Keiner hat ihn je lächeln gesehn. Aber in seinen Augen war mitunter ein seltsames Feuer: das war der Widerschein von Scheiterhaufen, die er für Ketzer errichtete.

Wenn der König ganz still an irgend jemand dachte und dachte, so fühlte der es und sagte: mir geht es heute nicht gut.

Wenn der König betete, wollten manche es donnern gehört haben, und schauten aus dem Fenster, ob es blitzte …

Je länger er in Gedanken hinausstarrte auf das Meer nach der Armada, um so grösser wurde die Flotte. Er sah sie so, wie es seine Natur war, und er dachte: die Schiffe segeln in gleichen Reihen, mit gleichem Abstand zwischen den Reihen und zwischen den Schiffen. Eine endlose Folge von Quadraten also, Maschen in einem Fischernetz. Und jedes Schiff ein Maschenknoten. Das Netz schiebt sich meilenweit über das Meer hin, um England zu fangen.

Er sah nicht allein, er hörte; hörte Matrosen auf dem Deck laufen, hörte Kommandorufe, Bootsmannspfeifen, Trommelwirbel, – denn ein ganzes Heer war an Bord –, er sah Signale auf- und niedersteigen, er hörte das Krachen der Maste und Stangen, er hörte das Schlagen der Segel: klar zum Gefecht wurde gemacht. – Es war ein furchtbares Getöse auf dem Meer von dieser ungeheuren Kriegsflotte.

»Endlich werde ich das bleiche England fassen. Endlich hab' ich es in meiner Hand.«

Als Beit Cifresil, der Sohn von Abdallah-Beit, den tiefen Brunnen in Kairos grosser Moschee gegraben hatte, schrieb er an den Brunnenrand: »Der Himmel ist Gottes, mein ist die Erde.« Diese Sultansworte dachte jetzt Philipp …

Indessen sitzt die kleine ernste Prinzessin noch immer bei dem Marmorbecken und hält ihre Rose in der Hand. Plötzlich saust ein Wirbelwind durch den Park, wie so oft bei Sonnenuntergang. Das rauscht durch die mächtigen Bäume, Wellen schlagen aus dem Wasserbassin, die Gräser beben, die Myrten erschrecken, der Wirbel rast gegen das ruhige Kind, und wie mit einem heftigen Flügelschlag, so stark, dass die Baumkronen über dem Kinde sich biegen, reisst er aus der Kinderhand alle, alle Blätter der Rose und streut sie wild über das Wasser. Nur den Stiel hält die Kleine noch. Zu dem Marmorbecken beugt sie sich nieder und starrt auf die Wellen. Die ganze Rose, alle Blätter schwimmen dort, und das Wasser ist schwarz und böse. Und es wirft die Rosenblätter hin und her und stösst sie gegeneinander, bis sie sich wälzen und versinken. Das ist, als ginge eine ganze Flotte zugrunde.

»Aber –?« sagt die Prinzessin.

Sie begreift das nicht und schaut fassungslos zur Hofmeisterin auf: »Aber –?« –

»Ja, Hoheit – alles ist den Fürsten untertan, nur nicht der Wind!«


BÜRGERKRIEG

Den ganzen Tag hatte man in den Strassen gekämpft. Das Kaisertum war gestürzt worden. Einige von den Siegern hatten einen kaiserlichen Polizisten zu fassen bekommen, geschwärzt von Pulverrauch, mit blutbesudelten Kleidern.

Er hatte sich bis zum äussersten verteidigt.

»Wir kennen ihn – er hat auf uns geschossen!« schrieen mehrere Weiber.