Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1897 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original gesperrt gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt erscheinen.
An deutschem Herd.
Kulturgeschichtliche Erzählungen aus alter und neuer Zeit
mit besonderer Berücksichtigung
des
Lebens der deutschen Frauen.
Für das reifere Mädchenalter
von
Brigitte Augusti.
Motto:
Willst du genau erfahren, was sich ziemt,
So frage nur bei edlen Frauen an.
(Goethe.)
II.
Im Banne der freien Reichsstadt.
Leipzig,
Ferdinand Hirt & Sohn.
1897.
Jeder Band bildet ein selbständiges Ganze und ist einzeln käuflich.
Fröhliche Hochzeit. (Zu [Seite 212].)
⇒
GRÖSSERES BILD
Im Banne der freien Reichsstadt.
Kulturgeschichtliche Erzählung aus dem fünfzehnten Jahrhundert.
Für das reifere Mädchenalter
von
Brigitte Augusti.
Motto:
Dienen lerne bei Zeiten das Weib nach seiner Bestimmung;
Dienet die Schwester dem Bruder doch früh, sie dienet den Eltern,
Daß sie ganz sich vergißt, und leben mag nur in andern!
(Goethe.)
Mit vielen Abbildungen von Professor Woldemar Friedrich.
Vierte Auflage.
Leipzig,
Ferdinand Hirt & Sohn.
1897.
Alle Rechte vorbehalten.
Vorbemerkung der Verlagsbuchhandlung.
Die allgemeine Anerkennung, welche dem ersten Bande von „An deutschem Herd“, betitelt „Edelfalk und Waldvöglein“, gleich bei Erscheinen zu teil geworden ist, hat uns die wohlthuende Bestätigung gebracht, daß unser Gedanke ein glücklicher war: Frau Brigitte Augusti zur Veröffentlichung einer Serie von kulturgeschichtlichen Erzählungen für die reifere weibliche Jugend aufzufordern. Zumeist wird derselben ja viel leichtere Kost geboten; wir haben uns hierüber in unserer Vorbemerkung zu Edelfalk und Waldvöglein ausgesprochen.
Daß die „Erzählung“ auch in diesem Bande die Leserinnen befriedigen wird, dürfen wir hoffen nach dem großen Erfolg, den die bisher erschienenen Schriften Brigitte Augustis errungen haben; steht es uns als den Verlegern auch nicht zu, unsern eigenen Verlag zu loben, so können wir jedenfalls der Überzeugung Ausdruck geben, daß auch dieser zweite Band von „An deutschem Herd“ nichts der Jugend „Ungesundes“ enthält.
Der geschichtliche, beziehentlich kulturgeschichtliche Inhalt der vorliegenden Erzählung ist ein reicher und abwechslungsvoller: das tyrannische Regiment Karls des Kühnen von Burgund, das kluge Walten des Kurfürsten Albrecht Achilles von Brandenburg, die Vereinigung der Krone von Burgund und der der Habsburger durch die Heirat Maximilians und Marias, der Bauernkrieg und die beginnende Reformation bilden den geschichtlichen Hintergrund.
Die Erzählung spielt (wie der Titel besagt) wesentlich in und um Nürnberg; seine bürgerlichen Einrichtungen, im Gegensatz zu dem sich auflösenden Rittertum, werden, mit freier Benutzung älterer Schriften ähnlichen Inhalts, geschildert; das Leben und Wirken der Künstler Nürnbergs, die Bestrebungen der Meistersinger, die kirchlichen Verhältnisse vor der Reformation finden sich berücksichtigt. Daneben ist das Augenmerk der Verfasserin stets darauf gerichtet geblieben, interessante Einzelheiten aus dem Kleinleben, z. B. über Trachten, Geräte, Inneres der Häuser u. a. m., an geeigneter Stelle einzuflechten.
So glauben wir denn mit Recht auch diese Schrift Brigitte Augustis der wohlwollenden Beachtung von Eltern und Erziehern empfehlen zu dürfen.
Leipzig.
Ferdinand Hirt & Sohn.
Prolog.
Von unserm Spiel das zweite Stück zu sehen!
Kein Lustspiel ist’s, ein ernstes Antlitz zeigt
Die Zeit, auf deren Boden heut’ wir stehen;
Denn vieles, was uns groß schien, sank in Staub,
Und manches Gute ward des Bösen Raub.
Die holde Poesie, sie ist entflohn,
Die einst mit Sang und Klang die Welt erfüllte,
Die von der niedern Hütte bis zum Thron
Mit schönem Schein die Wirklichkeit umhüllte.
Nicht führt das Kreuz den Ritter mehr zum Sieg:
Rauflust und Beutegier bestimmt den Krieg.
Der freie Bauer ward zum „armen Mann“,
Schwer drückt das Joch der Herren seinen Rücken.
Schon grollt’s wie dumpfer Donner dann und wann,
Schon sieht von ferne man die Blitze zücken.
Blut und Zerstörung birgt der Wolken Schoß:
Weh Herrn und Knechten, bricht das Wetter los!
Was Großes, Gutes noch besitzt die Welt,
Das flüchtet in der Städte feste Mauern;
Und wenn das Rittertum in Trümmer fällt —
Treufest wird es der Bürger überdauern.
Die ems’ge Arbeit füllt ihm Haus und Schrein,
Und Kunst und Wissenschaft ziehn bei ihm ein.
Noch beugt er sich der Kirche Machtgebot,
Noch kann nur Priesterwort die Seele retten;
Doch eines neuen Tages Morgenrot
Verheißt Befreiung schon von Geistesketten. —
Nun schaut ob uns das ernste Spiel gelang,
Und nehmt für güt’ge Nachsicht Gruß und Dank!
Erstes Kapitel.
Afras Heimkehr.
In den gewaltigen Baum fährt zündend das Feuer des Kriegsgotts;
Wehe der Vöglein Schar, welche dort Nester gebaut!
Die glorreiche Zeit der Hohenstaufen war längst vorüber; an poetischer Schönheit, Glanz und Größe jedem andern Königsgeschlecht auf Erden überlegen, waren sie doch innerhalb eines Menschenalters von der höchsten irdischen Höhe hinabgestürzt und erloschen, — der letzte Sproß eines mächtigen Hauses, welches Deutschland sechs Herrscher gegeben hatte, war ohne Land und Leute zu Neapel auf dem Blutgerüst gestorben. Der Untergang der Hohenstaufen schien auch den Verfall deutscher Kraft und Herrlichkeit zu bedeuten; überall herrschte Auflösung und Kampf, die Macht des Gesamtreiches zerbröckelte in unzählige kleine Staaten, Fürsten und Städte suchten nur noch das eigne Wohl und fragten wenig nach dem Gedeihen des Ganzen. Wohl bestieg hin und wieder ein Kaiser den deutschen Thron, der mit kraftvoller Hand in das Chaos eingriff und die Geschicke des Reiches in festere Bahnen lenkte: ein Rudolf von Habsburg, ein Heinrich der Siebente von Luxemburg umgaben die Krone noch einmal mit dem Glanz einer mächtigen Persönlichkeit, — aber sie konnten den Verfall nur aufhalten, nicht dauernd verhüten. Im Innern stritten Deutsche wider Deutsche: die großen Städte vereinigten sich zu festen Bündnissen gegen die benachbarten Fürsten, diese standen gegen den Kaiser in Waffen, von außen aber drohten mächtige Feinde von allen Seiten. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts verwüsteten die böhmischen Hussiten die angrenzenden deutschen Lande mit Mord und Brand; später drängten in wildem Fanatismus die türkischen Scharen, welche das morsche, oströmische Reich erobert hatten, gegen Ungarn und Deutschland vor; im Westen breitete ein gewaltiger Gegner, der Herzog von Burgund, seine Herrschaft immer weiter aus und brachte manches schöne Reichsland unter sein Scepter.
Solchen Männern gegenüber saß auf Deutschlands Kaiserthron um diese Zeit ein Mann, der so großen Gefahren wenig gewachsen war. Friedrich der Dritte war ein Philosoph, der sich bei astrologischen Träumereien, Gartenzucht und Heilkunde über den schlimmen Lauf der Welt tröstete. Er besaß keine einzige große königliche Eigenschaft; mit zäher Berechnung verfolgte er ein halbes Jahrhundert hindurch nur ein einziges Ziel, das, seine österreichische Hausmacht zu vermehren. Er selbst klagte, daß „das Reich voll Gewaltthätigkeit, Mord und Brand sei, davon es gar schädlich gemindert werde,“ aber er fand kein Mittel, dem Verderben zu steuern.
Man schrieb das Jahr 1468. Mit einem starken Heer lag der Burgunderherzog Karl der Kühne vor den Mauern von Lüttich; er hatte einen hohen Schwur gethan, dasselbe für seine wiederholte Widersetzlichkeit furchtbar züchtigen zu wollen. Die Stadt hatte seit alter Zeit zum Deutschen Reich gehört, in allen kirchlichen Dingen hatte der Erzbischof von Köln die oberste Entscheidung. Widerwillig fügte sie sich dem burgundischen Regiment und befand sich in stetem Widerstreit gegen den aufgedrungenen Bischof, der ein naher Verwandter des Herzogs war. Die strengsten Strafen hatten den kühnen, trotzigen Geist der Einwohner nicht zu brechen vermocht; aufs neue hatten sie sich erhoben, um ihre Freiheit und Selbständigkeit gegen den herzoglichen Statthalter zu verteidigen, und mit dem Mute der Verzweiflung wehrte sich jetzt die Bürgerschaft gegen den Angriff des Herzogs, welcher mit einer Anzahl gewaltiger Geschütze ihre festen Mauern bedrohte.
Schon acht Tage lang tobte der erbitterte Kampf, und auf beiden Seiten war eine Pause der Ermüdung eingetreten. Der Donner der Kartaunen war endlich verstummt, die Einwohner atmeten nach der furchtbaren Spannung freier auf. An der Thür eines kleinen Hauses stand in der Abendstunde ein junges Weib und schaute mit angstvollem Blick die Straße hinab, auf der jetzt bewaffnete Männer, einzeln und in Gruppen, vorübereilten. „Habt Ihr den Matthias Fiedler nicht gesehen, Nachbar?“ rief sie dem einen und dem andern Bekannten zu, doch erhielt sie keine Antwort, außer einem flüchtigen Kopfschütteln; es hatte eben keiner Zeit, an den Nächsten zu denken. Jetzt kam ein Mann daher, müden Schrittes schleppte er sich weiter, tödliche Erschöpfung war seiner ganzen Erscheinung aufgedrückt. Sie flog ihm entgegen und legte stützend den Arm um ihn. „Kommst du endlich, mein Matthias?“ sagte sie liebevoll, „o wie habe ich mich um dich geängstigt! ich meinte schon, ich sollte dich niemals wiedersehen!“
„Es fehlte nicht viel, so wäre ich auf dem Wall liegen geblieben,“ erwiderte er langsam; „es war harte Arbeit, und die neuliche Wunde schmerzt noch immer. Doch — den Heiligen sei Dank! — jetzt darf ich eine Weile ruhn.“
Sie führte ihn in das Haus, wo ihnen ein zehnjähriger Knabe entgegenkam; Mutter und Sohn beeiferten sich, dem Vater die Rüstung und die schweren Waffen abzunehmen, und bald streckte er sich behaglich auf dem bereitstehenden Lager aus. Erst, als er sich mit Speise und Trank gestärkt, that die Frau einige Fragen nach dem Stande der Dinge. „Für die nächsten vierundzwanzig Stunden ist nichts zu fürchten,“ versetzte Matthias, „unsre Kundschafter brachten uns Botschaft, daß Herzog Karl selbst der Ruhe bedarf. Freilich ist’s nur ein kurzer Aufschub; morgen, zu Allerheiligen, werden die Geschütze schweigen, danach aber müssen wir uns auf einen Sturm gefaßt machen. Mögen Gott und alle vierzehn heiligen Nothelfer uns beistehen, daß wir der Gewalt des furchtbaren Herzogs nicht erliegen — sonst würde es uns schlimm ergehen.“
Zitternd drückte die Frau seine Hände und schlang den Arm um den Knaben, der aufmerksam, mit weit geöffneten Augen, zugehört hatte. „Warum sind wir nicht geflohen, ehe die Belagerung begann!“ klagte sie leise; „warum müssen wir, die wir hier fremd sind, all dieses Ungemach ertragen? O, hätten wir nie die teure Heimat verlassen, wären wir nie in dieses Land gekommen, das uns in sein Verderben hineinzieht!“
„Arme Afra!“ versetzte er wehmütig, „warum hast du dein Leben an das meine geknüpft? habe ich doch nur Unruhe, Mühe und Sorge über dich gebracht! Und du hättest daheim so friedlich und wohl behütet leben können!“
„Nein, nein!“ rief sie lebhaft und schloß ihm die Lippen mit einem Kuß, „sprich nicht so, Matthias! Tausendmal lieber mit dir in Lüttich zu Grunde gehen, als in Nürnberg ohne dich ein ruhiges Leben führen! Es ist auch nicht um mich, wenn ich klage, nur um die Kinder — um unsern Hans und die kleine Matthäa —, das Mutterherz blutet, wenn es denkt, daß ihnen ein Leides geschehen könnte! Aber nun schlafe, teurer Mann, und sammle neue Kraft, du wirst sie brauchen.“
Die Nacht verging ruhig; am nächsten Morgen luden alle Glocken der zahlreichen Kirchen Lüttichs zur Feier des Allerheiligenfestes ein. Zu Tausenden drängten sich die Einwohner um die Altäre; fühlte doch ein jeder, daß ohne höhere Hilfe sicheres Verderben das Los der Stadt sein müsse. Auch Afra war in die nächste Kirche geeilt, während Matthias noch schlief und die kleine einjährige Matthäa der Obhut ihres Bruders Hans übergeben war. Heiße, brünstige Gebete stiegen zu allen Heiligen des Himmels empor; nie hatte man eine andächtigere Menge vor ihren kostbaren Schreinen und Altären versammelt gesehen. Da scholl plötzlich der dumpfe Ton der Sturmglocke in den Gesang der Gemeinde hinein; zugleich dröhnten die burgundischen Kartaunen, und wildes Geschrei erklang von den Wällen. Entsetzt stob die Menge auseinander; in tobender Angst drängte jeder hinaus, die Frauen stürzten in ihre Häuser, die Männer auf ihre Posten, die vorher jedem sorgsam angewiesen worden waren. An allen Gliedern bebend, erreichte Afra ihr Haus: schon war Matthias vom Lager aufgesprungen und wappnete sich in atemloser Hast. „Der Herzog hat uns überrumpelt — Gott sei uns gnädig — halte alles zur Flucht bereit ...“ — ohne Abschiedsgruß war er davon gestürmt.
In halber Betäubung raffte Afra die notwendigsten Sachen zusammen und packte sie in ein Bündel, schnürte die kleine Matthäa in Betten ein und rüstete Hans für die Reise aus. Dann setzte sie sich nieder, drückte ihre Kinder fest an sich und schaute mit brennendem, thränenschwerem Blick um sich. Wie freundlich sah es in dem Häuschen aus! mit welcher Freude hatte sie ein Stück nach dem andern angeschafft, war doch jedes ein Merkmal des Fleißes und der Kunstfertigkeit ihres Matthias, die hier so reichen Lohn gefunden, daß sein unbezwinglicher Wandertrieb endlich zur Ruhe zu kommen schien. War auch in ihrer Seele das Heimweh nie erloschen, so war sie doch dankbar gewesen, hier in Lüttich eine bleibende Stätte zu finden, — und nun sollte sie alles verlassen und flüchtig in die Welt hinaus ziehn! — o, es war sehr bitter, und das Herz zog sich ihr krampfhaft zusammen vor Kummer und namenloser Angst.
Auf der Flucht.
⇒
GRÖSSERES BILD
Ein Schlag gegen die Hausthür schreckte sie aus dumpfem Brüten auf; blutbespritzt, mit dem Ausdruck der Verzweiflung in den verzerrten Zügen, stand Matthias vor ihr. „Fort, fort!“ keuchte er, „die Burgunder sind auf den Wällen, in wenig Augenblicken überschwemmen sie die Stadt. Wehe dem, den sie hier finden!“ Er nahm Hans auf den Rücken, ergriff Afras Hand mit eisernem Druck und eilte mit den Seinen dem südlichen Thore zu, das von dem feindlichen Angriff noch verschont geblieben war. Schon wälzte sich ein breiter Strom von Flüchtlingen die Straße hinab, erzwang die Öffnung des Thores und stürmte hinaus, dem nahen Walde zu. Zu Fuß, zu Pferde, in Wagen und Karren suchten die unglücklichen Bewohner sich und ihre Habe in Sicherheit zu bringen, während hinter ihnen entsetzliches Geschrei und wildes Toben anzeigte, daß die wütenden Feinde in die besiegte Stadt eingedrungen seien.
Herzog Karl hatte seinen Schwur erfüllt: das blühende Lüttich mit seinen dreihundert Kirchen, seinen kunstreichen Werkstätten und Eisenhämmern war fast vom Erdboden verschwunden! Ohne Rücksicht auf Alter, Stand und Geschlecht waren die Einwohner hingemordet worden, Priester lagen am Altar erschlagen, Gefangene wurden massenweise in die Maas gestürzt, die Häuser waren zuerst geplündert, dann den Flammen übergeben worden. Aber noch nicht genug der Greuel: auch an den Wehrlosen, die in den Schluchten des Ardennenwaldes eine Zuflucht gesucht, ließ der Herzog furchtbare Rache üben; wochenlang verfolgten seine Kriegsknechte die Flüchtlinge, damit auch nicht eine Seele übrig bleibe, um in die verödeten Wohnstätten zurückzukehren. Und dennoch hob das grausam zerstörte Lüttich sich mit der Zeit wieder aus der Asche empor, als sein Bezwinger längst besiegt am Boden lag. —
Auf der Landstraße, etliche Meilen von Nürnberg entfernt, wanderte müden Schrittes ein Weib dahin, einen Knaben an der Hand, ein kleines Kind im Arm. Es wäre schwer gewesen, in den abgezehrten Zügen, dem erloschnen Blick, der zerfetzten Kleidung, irgend eine Ähnlichkeit mit der schmucken Erscheinung der blühenden Frau Afra wiederzuerkennen, die wir einige Monate früher in Lüttich gesehen. Furchtbare Leidenswochen lagen hinter ihr; sie wäre nicht fähig gewesen, die Geschichte ihres Elendes zu erzählen, dem ihr Gatte längst erlegen war; sie konnte überhaupt nicht mehr denken; in ihrer geknickten Seele waren nur zwei Regungen übriggeblieben, die sie fast bewußtlos vorwärts trieben: die Liebe zu ihren Kindern und ein brennendes Heimweh. Barmherzige Seelen hatten sie auf ihrem langen, trübseligen Wege mitunter gespeist und beherbergt; hin und wieder hatte ein mitleidiger Bauer oder Kaufmann sie in seinem Wagen ein paar Meilen weit mitgenommen: so war sie endlich bis in die Nähe der Heimat gelangt.
„Mutter, ich kann nicht weiter“, wimmerte der Knabe, indem er sich auf den harten Waldboden warf; „ich bin so müde, die Füße schmerzen mich und mich hungert so sehr.“
„Sei gut, Hans!“ versetzte die Mutter mit einer tonlosen Stimme, die an eine zersprungene Glocke mahnte; „nur noch ein paar Stunden, dann sind wir bei der Großmutter auf dem Annenhof; da kannst du schlafen und essen, so viel du willst.“
„Das hast du schon so oft gesagt,“ versetzte der Knabe, laut aufweinend; „aber der Annenhof ist immer noch nicht da, und ich kann nicht weiter gehen. Der Weg ist so weit, wird er nie ein Ende nehmen?“
„Der Weg wohl, aber mein Jammer nicht,“ murmelte Afra in sich hinein. Sie setzte sich auf einen Stein am Wege und löste die Hüllen, in welche die kleine Matthäa sorgsam gewickelt war. Ein zartes Köpfchen, unsäglich blaß, aber von großer Lieblichkeit, lächelte ihr entgegen, sie preßte es mit schmerzvoller Zärtlichkeit an ihre Brust. „Arme, arme Kleine,“ flüsterte sie, „warum habe ich dich so angstvoll gehütet, zu welchem Elend dich aufbewahrt? wäre es doch tausendmal besser für dich gewesen, du wärest deinem Vater in das Paradies gefolgt! Und doch danke ich dir, barmherziger Gott, daß du mir meinen einzigen Schatz, meine Kinder, gnädig erhalten hast!“
Ein Wagen kam langsam des Weges daher und schlug am nächsten Kreuzweg die Richtung nach Nürnberg ein; pfeifend ging der Fuhrknecht daneben. Afra bat ihn schüchtern, sie eine Strecke mitzunehmen; er nickte und half ihr gutmütig, aufzusteigen. Es saß sich warm und weich in dem duftigen Heu, aus dem die Ladung bestand; bald sank ihr Kopf müde auf die Seite, und ein tiefer Schlummer senkte sich auf ihre Lider herab. —
Plötzlich weckte ein tüchtiger Stoß sie auf, sie blickte um sich und griff erschrocken nach den Kindern. Hans lag süß schlafend neben ihr, aber wo war Matthäa? Sie rief, sie suchte — vergebens, das Kind war verschwunden. In Todesangst sprang sie vom Wagen herab, „habt Erbarmen, wartet ein wenig!“ rief sie dem Fuhrmann zu und jagte von dannen, die Straße zurück, die sie gekommen waren. Mit einem heftigen Ruck hielt der Bauer die Pferde an. „Ist das Weibsbild toll geworden?“ schrie er ihr zornig nach. „Meint Ihr, ich solle hier stehen und warten, bis die Thore der Stadt geschlossen sind? Hier lege ich Euch den Knaben hin, Ihr mögt ihn auflesen, wenn es Euch beliebt!“ Er hob Hans heraus und fuhr davon; jammernd sah der Verlassne bald dem verschwindenden Wagen, bald der enteilenden Mutter nach.
Afra lief weiter, solange ihre Füße sie tragen wollten, aber wie sie auch spähte und suchte, — von dem verlornen Kinde war keine Spur zu entdecken. Tödlich erschöpft stürzte sie endlich zu Boden und blieb eine Weile bewußtlos liegen, dann scheuchte der Gedanke an Hans sie wieder auf. Einen letzten, verzweifelten Blick warf sie auf die kahle, öde Landstraße, dann schlich sie zurück zu der Stelle, wo laut weinend der Knabe saß. Sie drückte ihn heftig an sich, aber kein Wort kam über ihre Lippen, keine Thräne in ihre Augen. Auch Hans war still geworden, der starre Ausdruck im Gesicht der Mutter ließ sein Schreien und Weinen plötzlich verstummen. Schweigend pilgerten sie fürbaß, bis nach kurzer Zeit der Wald sich lichtete und ein stattlicher Hof vor ihnen auftauchte, — das Ziel ihrer Wanderung war erreicht.
Es dämmerte stark, als die beiden vor dem Hause ankamen und den metallenen Klopfer gegen die Thür fallen ließen. Die obere Hälfte der Hausthür ward geöffnet, ein freundliches altes Gesicht guckte über die Scheidewand und fragte beim Anblick der zerlumpten Gestalten in einem Ton, der strenge sein sollte: „Woher des Wegs? und was begehrt ihr?“
„Bist du die Großmutter?“ fragte Hans sehnsüchtig, „dann mach uns auf, wir sind todmüde und sehr hungrig.“
„Wer bist du, Knabe?“ fragte die Alte erstaunt, indem sie den Sprecher forschend ansah.
„Ich bin Hans Fiedler, und dies ist meine Mutter, kennst du uns nicht?“
„Heilige Anna! ist’s möglich?“ rief die alte Frau, „Afra, mein Kind, so kommst du zu mir zurück?“ Sie riß die untere Thür auf und breitete ihre Arme aus, ohnmächtig fiel das unglückliche Weib an ihre Brust, — endlich hatte sie eine Stätte gefunden, an der sie ausruhen konnte. —
Der Annenhof war ein ansehnliches Landgut, das seit undenklichen Zeiten im Besitz der Tuchers gewesen war, einer alten Nürnberger Patrizierfamilie, welche der Stadt eine lange Reihe von Ratsherren und Bürgermeistern gegeben hatte, deren männliche Erben zu dieser Zeit aber ausgestorben waren. So war der Hof mit der Hand der letzten Tochter des alten Geschlechts an Herrn Wilibald Ebner[1] gekommen, welcher Kaufherr und Beisitzer des kleinen Rats von Nürnberg war. Sein Weib, das frühe die Mutter verloren, hatte manchen Sommertag auf dem Annenhof verlebt, unter Obhut der biederen Crescentia, welche mit ihrem Gatten die Bewirtschaftung des Gutes leitete. Afra, die einzige Tochter des würdigen Paares, war in enger Gemeinschaft mit der Tucherin aufgewachsen und folgte derselben bei ihrer Verheiratung als vertraute Gürtelmagd in die städtische Häuslichkeit. Dort hatte sie den Matthias Fiedler kennen gelernt, einen frischen, frohen Gesellen und geschickten Goldschmied; sie hatten einander alsbald geheiratet und ein glückliches Leben begonnen. Die Fiedlers waren auch schon seit langer Zeit in Nürnberg ansässig, und oft hatte unter den zünftigen Handwerksmeistern der Stadt einer des Namens eine angesehene Stellung eingenommen, doch hatte sich die Familie nie ausgebreitet, denn von mehreren Söhnen blieb sicher nur einer der Heimat treu; die andern zogen in die Welt hinaus und suchten ihr Glück in der Ferne. Auch den Matthias hatte es nicht lange auf der heimischen Scholle geduldet; er hatte als Jüngling in den glänzenden Städten von Flandern und Brabant gearbeitet, und seine Sehnsucht stand dorthin. Ungern ließ Crescenz, die inzwischen ihren Mann begraben hatte, die Tochter in die Fremde ziehn, doch hatte sie kein Recht, sie zu halten; fünf Jahre hatte jene in der Fremde verweilt, und nun stand sie plötzlich vor ihr, krank und gebrochen an Leib und Seele, eine landflüchtige, hilflose Bettlerin! —
[1] Der Name Ebner ist hier nur gewählt, um eine angesehene Patrizier-Familie zu bezeichnen. Mit der wirklichen Geschichte dieses alten Geschlechtes, das in der Entwicklung Nürnbergs oft eine Rolle gespielt hat, und das in zahlreichen Gliedern noch in seiner Vaterstadt fortlebt, haben die hier geschilderten Personen und Ereignisse nichts gemein.
Der Winter, der bis dahin ungewöhnlich mild gewesen war, brach jetzt mit verdoppelter Macht herein, Eis und Schnee umgaben den Annenhof, schnitten ihn von jedem Verkehr mit der Welt ab und vereitelten alle Nachforschungen nach dem verlorenen Kinde. Auch innen sah es traurig aus: Afra war nach der furchtbaren Anspannung aller Kräfte, nach den harten Schicksalsschlägen, die sie betroffen, auf das Krankenlager gesunken und schwebte wochenlang in Todesgefahr. Endlich überwand der Körper das Leiden und fing allmählich an, zu genesen, aber der Geist blieb umnachtet; Tage lang saß die unglückliche Frau stumm und regungslos auf ihrem Platz und starrte ziellos in die Ferne, selbst für ihre Mutter und für Hans hatte sie nichts weiter, als ein müdes Nicken oder einen matten Händedruck. Nur zuweilen, wenn sie ganz allein war, oder in dunkler Nacht, öffneten sich die stummen Lippen und leise gemurmelte Worte drangen daraus hervor. Einmal belauschte Crescenz solch ein Selbstgespräch: „Fluch dem Räuber meines Glücks, Fluch dem blutigen Herzog!“ klang es an ihr Ohr. Sie schlug ein Kreuz: „das Fluchen bringt uns keinen Segen, Afra; du solltest lieber beten,“ sagte sie angstvoll. „Beten?“ schallte es kaum vernehmbar zurück, „zu wem? mich hört niemand.“
Solche Lästerung erfüllte die Seele der guten Alten mit Entsetzen, und sie rief um so eifriger zu allen Heiligen, um Vergebung und Besserung für ihr unglückliches Kind zu erflehen; sie versuchte auch all ihre Beredsamkeit, um Afra auf andre Gedanken zu bringen, — aber vergebens. Die Tochter ließ sie sprechen, ohne etwas zu erwidern, doch kein Blick, kein Wort verriet, daß sie überzeugt, daß die starre Rinde ihres Herzens geschmolzen sei.
Allmählich fing sie jedoch an, ihre Hände fleißig zu regen, und vom Morgen bis zum Abend drehte sie in rastlosem Eifer die Spindel. Die Knechte und Mägde des Hofes, die anfangs mit beklommener Scheu auf Afra gesehen, gewöhnten sich an ihren immer gleichen Anblick, und nach wenigen Monaten erregte „die stille Frau“, wie sie dieselbe nannten, kein Fragen und Verwundern mehr.
Hans hatte die Folgen der weiten Reise bald von sich abgeschüttelt und sich auf dem Annenhofe vollkommen heimisch gemacht; seine Gegenwart war für die Alte wie ein heller Sonnenstrahl, der siegend durch Sturm und Wolken bricht. Sie wurde nicht müde, sich von den Erlebnissen seines jungen Lebens berichten zu lassen, von dem Wanderleben, das er mit den Eltern geführt, von den Schrecken der Belagerung und der Flucht, vom Tode des Vaters und dem Verlust der kleinen Matthäa. Vergoß Mutter Crescenz auch viele heiße Thränen bei diesen Erzählungen, so wußte der Knabe sie doch wunderbar zu erheitern; in seinem fröhlichen Kindergemüt verlor selbst das Schwerste seine düsteren Farben; er bewahrte jede ihm erwiesene Freundlichkeit in dankbarem Gedächtnis und hatte mitten in aller Trübsal auch allerlei Frohes erlebt. Die wie zu Stein erstarrte Mutter und der heitre, lebensfrische Knabe — das waren ein paar wunderbare Gegensätze in dem engen Rahmen des ländlichen Hauses.
Zweites Kapitel.
Patrizierhaus und Ritterburg.
Fest, auf gesichertem Grund, erbaut sich die Heimat des Bürgers,
Aber des Ritters Geschlecht sinkt von der Höhe herab.
Am Ägidienplatz zu Nürnberg stand ein stattliches Haus, breit und hoch, mit steil ansteigendem Dach, dessen Fläche vielfach durch kleine Fenster und Luken unterbrochen war, als guckten neugierige Augen von der Höhe herab über die belebten Straßen, die ansehnlichen Plätze, mit ihren hohen Häusern und doppeltürmigen Kirchen, bis hinauf zum Burgberge, wo die alte Kaiserburg mit ihren mächtigen Mauern und Türmen weit hinausschaut in das gesegnete Frankenland. Dort oben hatte schon im 10. Jahrhundert Konrad der Erste gern verweilt; Friedrich Barbarossa hatte den ehrwürdigen Bau erweitert, und seine Nachfolger hatten oft ihre Residenz, wenigstens zeitweilig, dort aufgeschlagen. Die Burggrafen von Nürnberg, seit Jahrhunderten dem edlen Geschlecht der Hohenzollern angehörend, hatten sich, im Anschluß an die alte Burg, ein eignes Gebäude errichtet, das sie bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts bewohnten; dann aber hatten sie die Burg mit allem Zubehör an die Reichsstadt verkauft und residierten seitdem auf der Bergfeste Kadolzburg oder zu Onolzbach.
In das Patrizierhaus führte ein breiter Thorweg, der nicht nur für Menschen, sondern auch für Wagen und Pferde zum Eingang diente; die kleinen tiefliegenden Fenster zu beiden Seiten waren mit Eisenstäben vergittert und gaben dem Gebäude das Ansehen einer wohlverwahrten Festung. Wer durch das Thor eintrat, befand sich in einem gepflasterten, nach hinten geöffneten Hausflur, aus dem zu beiden Seiten Stufen zu den Schreibstuben und Warenräumen emporführten; geradeaus aber kam man in einen großen Hof, an dessen einem Ende leere Fässer und Kisten aufgespeichert lagen, während an dem andern ein uralter Nußbaum emporragte. Der hatte wohl schon seit zweihundert Jahren dort gestanden, und wie er sich aus einer schlanken Gerte allmählich zu einem mächtigen Stamm entwickelt hatte, so war auch das Haus ringsumher gewachsen und die Familien, die darin gewohnt, hatten zugenommen an Reichtum und Bedeutung. Er war ein treuer Freund aller Bewohner gewesen, der alte Nußbaum; den Kindern diente er als unschätzbarer Helfer bei ihren Spielen, beim Klettern und Verstecken; den Mädchen ließ er im Frühling seine raupenartigen Blüten neckend in den Schoß fallen, den Knaben warf er im Herbst seine Früchte an den Kopf, den Hausfrauen aber schenkte er seine wohlriechenden Blätter, die, mit Lavendel vermischt, die geschnitzten Schränke und mächtigen Truhen mit einem gar lieblichen Geruch erfüllten. Wenn kosende Frühlingslüftchen mit den Zweigen spielten, dann klopften diese wohl leise an die Fenster, wie gute Bekannte, die um Einlaß bitten; wenn aber in Herbst- und Winternächten der Sturm heulte, dann peitschte er die Äste gegen die Mauern, daß die Schläfer drinnen die Köpfe tiefer unter die Decken steckten, weil es klang, als zögen böse Geister über den Hof.
Eine bedeckte Treppe führte in das obere Stockwerk, zunächst auf einen Vorplatz, dessen Wände mit buntglasierten Kacheln belegt waren und dessen Decke auf einem Pfeiler von dunklem Holz ruhte. Der Treppe gegenüber sprang ein geräumiger Erker weit in die Straße hinaus, hölzerne Sitze liefen ringsum und gewährten einen anmutigen Platz, wo sich in der guten Jahreszeit die Frauen des Hauses mit Vorliebe aufhielten. Mehrere Thüren von schwerem Eichenholz in schönverzierten Gerüsten führten zu den verschiedenen Wohn- und Schlafgemächern, während die Hintergebäude Speicher und Stallungen enthielten. Ein Gewirr von schmalen Gängen, Treppen und Treppchen verband die Teile des weitläufigen Baus und die Stockwerke miteinander, und es gehörte schon ein kundiges Auge dazu, um sich in diesem Labyrinth zurechtzufinden.
In einem Zimmer des Erdgeschosses, der Schreibstube des Hausherrn, saßen zwei Männer, der eine in dunkler, bürgerlicher Tracht, mit pelzverbrämter Schaube, der andre von ritterlichem Aussehen, in grünem Samtwams, kurzen Beinkleidern und hohen Reiterstiefeln, — eine kräftige Gestalt, welche durch die Jahre nicht gebeugt, sondern nur gerundet worden war. Es war der Ritter Werner von Maltheim, der auf der Burg gleichen Namens, dem alten Erbe seiner Väter, saß, ein getreuer Freund und Anhänger des Burg- und Markgrafen Albrecht Achilles, des streitbaren Hohenzollernfürsten. Der Mann ihm gegenüber war der Herr des stattlichen Patrizierhauses, Herr Wilibald Ebner, eines der reichsten und angesehensten Glieder der ansehnlichen Nürnberger Kaufmannsgilde. Er war viel kleiner und schmächtiger gebaut, als sein ritterlicher Gast, aber sein kluges Auge deutete auf einen scharfen, gebildeten Verstand und ließ ihn dem Kriegsmann sehr überlegen erscheinen. Er saß auf dem einzigen Stuhl des Gemaches vor einem großen Schreibpult, über dem von der Decke herab eine Ampel hing, die fast den ganzen Tag brennen mußte; der Ritter hatte auf einer der schweren Truhen Platz genommen, welche zu größerer Bequemlichkeit mit weichen Kissen belegt waren.
Herr Ebner hatte eifrig geschrieben, jetzt legte er die Feder hin und begann laut aus einem Schriftstück zu lesen. Es war ein Vertrag zwischen den beiden Männern, in welchem der Kaufmann sich verpflichtete, dem andern die Summe von zehntausend Gulden vorzustrecken, wogegen der Ritter Dorf und Flur Hohenheiligen in Pfand gab, welche verfallen sollten, wenn der Schuldner sie nicht innerhalb fünf Jahren einlösen könnte. Das alles war mit vielen vorsichtigen Worten und weitschichtigen Redensarten verklausuliert, so daß der Ritter mit steigender Ungeduld zuhörte. „Macht’s kurz, Herr,“ sagte er endlich, „wir wissen beide, worauf es ankommt. Zahlt mir von dem Gelde, so viel Ihr bei der Hand habt, den Rest hole ich mir in ein paar Wochen.“
„Alles nach Recht und Ordnung, edler Herr,“ erwiderte der Kaufmann bedächtig; „habt die Gewogenheit, die Schuldverschreibung zuvor durch Eure Unterschrift zu vollziehen.“
„Meint Ihr, ich sei ein Schulmeister?“ rief der Ritter unmutig; „die Hand, die seit langen Jahren das Schwert geführt, hat längst die Schreibekunst verlernt. Gebt mir ein wenig Wachs, ich will meinen Degenknopf darauf drücken: das Zeichen gilt bei Juden und Christen.“
Aufmerksam prüfte der Kaufmann das Siegel, schrieb seinen eignen Namen darunter und schloß das Dokument in sein Pult; dann öffnete er eine der Truhen, nahm einen gefüllten Beutel heraus und zählte die klingenden Gulden vor dem Ritter auf, der sie mit zufriedener Miene auf seiner Brust verwahrte. Er stand auf und griff nach seinem Barett.
„Ich hoffe, edler Herr,“ sagte Ebner höflich, „Ihr werdet mein Haus nicht verlassen, ohne einen kleinen Imbiß einzunehmen; meine Hausfrau würde es mir nicht verzeihen, hätte ich Euch ohne Speise und Trank davonziehen lassen.“
„Und ich möchte Nürnberg nicht den Rücken kehren, ohne die werte Frau Ursula gesehen zu haben,“ erwiderte der Ritter mit gleicher Höflichkeit, „hat mir doch mein Weib eine Menge warmer Grüße an die Jugendfreundin aufgetragen.“
Beide stiegen die Treppe zum Vorsaal hinauf, von dem ihnen fröhlicher Lärm entgegenschallte. Mehrere Kinder trieben hier ihr Spiel mit Haschen und Verstecken, wobei ihnen die tiefen Winkel des Erkers und die schwerfälligen Stühle, die um den Tisch in der Mitte standen, trefflich zu statten kamen. Der älteste unter der kleinen Schar war Ulrich von Maltheim, der den Vater begleitet hatte, ein hoch aufgeschoßner Knabe von seltner Schönheit, mit langen goldnen Locken und tiefblauen Augen, die am liebsten träumerisch in die Ferne schauten. Sein jüngerer Genosse war Berthold, der einzige Sohn des Kaufherrn, dessen geschmeidige Glieder, blitzende Augen und weiche, dunkle Haare manchen Tropfen welschen Blutes verrieten, — hatten doch die Vorfahren des Kaufhauses von altersher in lebhafter Verbindung mit dem Süden gestanden und manche junge Hausfrau aus Italien in die nördliche Heimat geführt. Auch zwei kleine Mädchen, Bertholds Schwestern, waren dabei; die größere lief auf den Vater zu und schmiegte sich zutraulich an sein Knie, während die jüngere beim Anblick des fremden Ritters davonlief und sich im Erker versteckte. Herr Ebner fuhr liebkosend über Margaretas braunes Lockenköpfchen und schob sie dann von sich, um die Thür zu öffnen, die in das Prunkgemach des Hauses führte. Dunkles Getäfel bedeckte die Wände bis zur halben Höhe; auf dem breiten Bord waren schöne Krüge und Pokale, silberne Schüsseln und Schaustücke aufgestellt, darüber zeigte sich die Wand mit allerlei Bildnissen geschmückt. Ein weicher, dunkler Teppich bedeckte die Mitte des Fußbodens, auf demselben stand ein zierlich gedeckter Tisch, der mit blinkendem Gerät besetzt war.
Mit tiefer Verneigung trat Frau Ursula Ebnerin dem Gaste entgegen. Sie war mit gediegener Pracht gekleidet: das Kleid von schiefergrauem Samt hatte ein tief ausgeschnittenes Leibchen, welches vorn mit einer silbernen Kette zugeschnürt und durch einen fein gefältelten Einsatz von schneeweißem Linnen ergänzt wurde. Um die breite Halskrause schlang sich ein Perlenhalsband, eine zweite silberne Kette schmiegte sich um die Hüften, wo sie den langen Rock seitwärts aufraffte, während an der andern Seite ein Schlüsselbund hing, das nie fehlende Sinnbild hausfräulicher Würde.
Herr von Maltheim begrüßte die Patrizierin mit ritterlicher Artigkeit; er hatte sich viel am Hofe des Markgrafen aufgehalten und daher die alte, höfische Sitte bewahrt, welche zu dieser Zeit mehr und mehr auszusterben drohte, denn auf den Ritterburgen gewann rohe Trink- und Rauflust immer mehr die Oberhand, und der frühere Frauendienst trat dagegen in den Hintergrund.
Man setzte sich zu Tische. „Wie geht es Eurer edlen Hausfrau und Euren Töchtern?“ fragte die Ebnerin den Gast.
Über des Ritters wettergebräuntes Gesicht flog ein wehmütiger Schatten. „Habt Dank für Eure gütige Nachfrage, ehrsame Frau,“ erwiderte er; „mein Weib ist gesund, aber mit unsern Töchtern haben wir kein Glück. Zwei hat der Himmel wieder zu sich genommen, und Sankt Kilian mag wissen, ob ich die jüngste noch am Leben finde, wenn ich heimkehre.“
„O, wie beklage ich Euch!“ rief Frau Ursula, indem sie einen zärtlichen Blick durch die offene Thürspalte auf ihre eignen, blühenden Kinder warf; „wie still und öde muß es auf Eurer Burg sein, wenn die hellen Stimmen und die trippelnden Schritte verstummen! Und Euer jüngstes Kind ist auch krank?“
Der Ritter fuhr sich über den Schnauzbart, und seine Stimme klang rauh, als er erwiderte: „Ich verließ mein Weib in großer Sorge um das Leben der kleinen Irmgard, — ich konnte den Jammer nicht mehr mit ansehn und bin davongeritten.“
„Ihr ließt Frau Kunigunde allein in ihrem Kummer,“ sagte Ursula mit leisem Vorwurf, „und nahmt auch den Knaben mit, der ihr ein Trost in ihrem Leid gewesen wäre!“
„Sie hat unsern Haus-Pfaffen, Pater Benedikt, um sich, der versteht das Trösten besser, als unsereiner! Und der Junge mußte einmal heraus aus den alten Mauern, wo es jetzt allzuviel Thränen und Trauergesänge giebt, — er soll kein Duckmäuser werden, wozu er ohnehin Neigung zeigt. Doch schicke ich ihn von hier zurück, während ich zum Durchlauchtigen Markgrafen nach der Kadolzburg reite. Die Nähe des löwenherzigen Herrn verscheucht all die kleinen Kümmernisse, die uns daheim bedrücken, und das Herz wird wieder groß und frei, wenn es mit ihm verkehrt. Freilich — bei Euch Herren vom Rat findet man taube Ohren, wenn man den deutschen Achilles lobt.“
„Wir Nürnberger haben wenig Grund, den Hohenzoller zu preisen,“ versetzte Herr Ebner mit ernster Zurückhaltung. „Wenn Ihr nach der Kadolzburg reitet, werdet Ihr an manchem Meierhof und mancher städischen Burg die Spuren der Wunden sehen, die uns der Markgraf in blutiger Fehde geschlagen hat.“
„Ja, wo der Löwe seine Tatzen einschlägt, da ist es freilich zu spüren,“ lachte der Ritter. „Aber zeigt mir unter den deutschen Fürsten einen, der an unverwüstlicher Kraft und Tapferkeit diesem gleich wäre! Wollte Gott, unsre Kaiserliche Majestät gliche ihm nur ein wenig, dann stünde wohl manches besser im Reich, als jetzt.“
„Wenn das so großes Lob bringt, unnötige und unbillige Kriege anzufangen,“ erwiderte der Ratsherr mit gerunzelter Stirn, „so muß auch der Türke des Lobes wert sein.“
„Wollt Ihr den edlen Markgrafen mit dem heidnischen Erzfeind vergleichen?“ rief Herr von Maltheim unwillig. „Warum mußtet Ihr ihm überall seine Befugnisse bestreiten, die ihm doch der Kaiser selbst verliehen hatte? Sollte der stolze Fürst sich vor den Städtern beugen? Endlich wäre es doch wohl Zeit, den alten Hader zu vergessen, über dem schon Gras gewachsen ist! Auch ich habe damals unter Albrechts Banner wider Euch gefochten und doch längst meinen Frieden mit der Stadt gemacht. Aber wo Euer Hab’ und Gut angerührt wird, da habt Ihr Herren vom Handel ein ellenlanges Gedächtnis, und solche Schulden werden nie aus Euren Büchern gestrichen.“
Frau Ursula sah mit Besorgnis, wie sich die dunkle Wolke auf ihres Gatten Stirn immer drohender zusammenzog. Sie erhob ihren Becher und fiel mit gewandter Rede den Männern ins Wort. „Laßt uns auf Frieden und gute Nachbarschaft trinken, edler Herr; möge die Freundschaft, welche einst Eure Gattin und mich in der Jugend verband, auch unsere Kinder vereinigen! Ulrich und Berthold sind fast in gleichem Alter, möchten sie Freunde sein und bleiben!“
Die silbernen Becher klangen aneinander, mit einem Zuge goß der Ritter den Inhalt des seinen herab. „Das ist ein guter Trinkspruch, werte Frau, und ich thue Euch von Herzen Bescheid darauf. Seid so gütig und laßt die Knaben hereinkommen, sie sollen in unserer Gegenwart einen festen Bund schließen.“
Die Thür ging auf, und in fröhlichen Zuge traten die Kinder ein. Margarete hatte ein blaues Tuch an ihrem Leibchen befestigt, so daß es wie eine lange Schleppe hinter ihr dreinzog, über ihren Locken lag ein weißer Schleier, den ein grünes Kränzlein festhielt. So trippelte sie mit gesenkten Augen neben Ulrich hin, der einen langen Mantel um die Schultern geworfen hatte und mit stolzer Miene einherschritt. Voran ging Berthold als Herold, mit Fahne und Trompete, und die kleine Elsbeth folgte als Schleppträgerin. Es war ein liebliches Bild und Frau Ursulas Mutterherz hob sich höher beim Anblick der reizenden Kinder. „Welch ein Spiel habt Ihr heute ausgedacht?“ fragte sie liebreich.
„Wir spielen Hochzeit,“ versetzte Berthold eifrig, „Ulrich ist der junge König, und die Grete ist seine Braut.“
„Kein übles Paar!“ lachte der Ritter wohlgefällig; „was meint Ihr, Herr Ebner, wollen wir die Kinder auf der Stelle verloben? Ihr verschreibt dem Bräutchen Dorf Hohenheiligen als Mitgift — dann sind wir mit einem Schlage aller Sorgen ledig.“
„Ich bin kein Freund von Kinderheiraten,“ versetzte der Ratsherr steif, „dergleichen überlassen wir nüchternen Städter den Fürsten und hohen Herrn. Über zwölf Jahre mag Margarete selbst entscheiden, ob ihr der Freier gefällt, den ihr der Vater ausgesucht hat.“
Auf des Ritters Stirn schwoll die Zornesader bei dieser nachdrücklichen Zurückweisung; war sein Vorschlag auch nur scherzhaft gemeint, so mußte er doch, nach seiner Meinung, für den Städter sehr schmeichelhaft klingen. Er öffnete schon die Lippen zu einer gereizten Entgegnung, als ihm Frau Ursula zuvorkam. „Junker Ulrich würde es Euch wenig danken,“ sagte sie in heiterm Ton, „wenn Ihr ihn an ein kleines Stadtkind binden wollet; seine ritterliche Schönheit wird ihm sicher überall die edelsten Herzen erwerben. Werdet Ihr ihn an den Hof bringen, um seine Erziehung zu vollenden?“
„Mir wäre nichts lieber, als das, — aber mein Weib jammert, daß sie sich von dem Knaben trennen soll, und Pater Benedikt, der sein Lehrer ist, behauptet, er hätte einen Kopf für die Wissenschaften, und es wäre schade, seinen Unterricht zu unterbrechen. Der Junge selbst sitzt wahrhaftig lieber hinter den Büchern, als zu Pferde! Ein Maltheim ein Federfuchser! ich kann’s nicht begreifen, wie es möglich ist, — aber freilich, die Welt scheint mir heutzutage ganz aus dem Gleise zu kommen. Es ist nicht mehr, wie es früher war, seit nicht Mut und Tapferkeit im Kampf den Ausschlag geben, sondern die Menge der Donnerbüchsen; seit der hochherzigste Ritter nicht mehr sicher ist, daß ihn nicht eine tückische Kugel zu Boden streckt, die ein feiger Knecht aus sicherm Hinterhalt entsendet. Wer vermag tapfer zu sein gegen die bösen Geister, welche in dem teuflischen Pulver ihr Spiel treiben? Wenn es so fortgeht, werden sich Männer von altem Schlage bald nicht mehr in der Welt zurechtfinden.“ Er wandte sich an Berthold. „Was willst du denn werden kleiner Freund? ein Gelehrter oder ein Handelsmann?“
„Ein Ritter will ich werden!“ rief der Knabe mit leuchtenden Augen, „ich will hoch zu Rosse sitzen und mein Schwert schwingen; ich will ausziehen und große Thaten thun, wie die alten Recken, von denen, mir Muhme Lene erzählt hat!“
„Das ist brav gedacht!“ rief der Ritter, indem er kräftig auf Bertholds Schulter schlug, „solche kühnen Worte thun einem echten Manne wohl. Komm her, Ulrich, reiche diesem wackern Knaben die Hand und gelobt euch Freundschaft und Treue für alle Zeit eures Lebens.“
Die Knaben thaten mit feierlichem Ernst, wie sie geheißen waren; aufmerksam sah Margarete dem Bündnis zu, das durch einen Becher Wein besiegelt wurde. Plötzlich legte sie ihr kleines, rundes Händchen auf die verschlungenen Hände der beiden Freunde und rief: „Ich will auch dabei sein, mich soll Ulrich auch lieb haben!“
Herr von Maltheim lachte herzlich und hob die Kleine auf sein Knie. „Recht so, kleine Dame,“ sagte er scherzend, „halte ihn fest und laß ihn nicht entschlüpfen; ein schmuckeres Bräutchen, als dich, kann er nicht finden, und du keinen hübscheren Bräutigam.“ Er küßte das Kind und erhob sich, um sich zu verabschieden. Frau Ursula trug ihm Grüße an seine Gattin auf und lud Ulrich ein, bald wiederzukommen; der Ratsherr begleitete die Gäste bis auf den Hof, wo ein Diener des Hauses mit den Pferden bereit stand. Vor der Thür hielten ein paar berittne Knappen, und bald war der Reitertrupp um die nächste Ecke verschwunden.
Mit umwölkter Miene kehrte Herr Ebner zu den Seinen zurück, schickte die Kinder hinaus und rief seine Gattin zu sich. „Berthold wird nun bald 10 Jahre alt,“ sagte er in strengem Ton, „und es wird Zeit für ihn, den kindischen Märchen zu entsagen, womit Base Lene bisher seinen Kopf angefüllt hat. Er ist nicht geboren, um ein Ritter zu werden und sein Leben in Waffenspielen und nutzlosen Kämpfen zu vergeuden, sondern um in die Fußstapfen seines und deines Vaters zu treten, und als Kaufmann in redlicher Arbeit für sich und die Seinen zu sorgen. Vergiß es nie, Ursula, daß dies seine eigentliche Bestimmung, alles andere nur Vorbereitung und Nebensache ist. Was soll das Gaukelspiel einer Freundschaft mit dem jungen Ulrich von Maltheim? ein Bürger und ein adliger Junker können so wenig Freunde sein, wie Wasser und Feuer sich je miteinander paaren werden.“
Er wandte sich ab und ging in sein Schreibzimmer, wo er stundenlang eifrig rechnete und schrieb. Frau Ursula seufzte tief, und leise flüsterte sie vor sich hin: „Wer weiß, wozu der Himmel dich bestimmt hat, mein Berthold! vielleicht sollst du Liebling meines Herzens doch noch höher steigen, als bis zum Warenspeicher und zum Zahltisch!“
Als Junker Ulrich gegen Abend in den Schloßhof von Maltheim einritt, bemerkte er, daß Knappen und Knechte in lebhaftem Gespräch bei einander standen und die Mägde am Brunnen geheimnisvoll die Köpfe zusammensteckten. Ihm fuhr es wie ein Stich durchs Herz: sicher war die kleine Irmgard tot, die er so zärtlich geliebt hatte! Das war nun in wenigen Jahren schon die dritte Schwester, die der Tod ihm entriß; warum durfte er ihrer nicht froh werden, warum erwuchs ihm keine liebe Gespielin, wie seinem neuen Freunde Berthold? Wie hätte er ein Schwesterchen, gleich der holden Margarete, lieben und auf Händen tragen, wie hätte er sie, wenn sie lieblich erblühte, vor jeder Gefahr schützen wollen! Mit traurig gesenkten Augen stieg er die Treppe hinan, die in den Oberstock zu den Gemächern seiner Mutter führte; er sehnte sich, sie zu umfassen und an ihrem Herzen den gemeinsamen Verlust zu beweinen.
Es war ganz still auf dem langen Gange, niemand kam ihm entgegen, und mit beklommnem Herzen stand er eine Weile horchend an der Thür, ehe er es wagte, sie aufzuklinken und in das Zimmer zu treten, in dem die kleine Irmgard krank gelegen hatte. Eine verdunkelte Lampe warf nur einen schwachen Dämmerschein um sich, das Bettchen stand ganz im Schatten, doch sah er deutlich, wie sich das wachsbleiche Gesicht von dem purpurroten Kissen abhob. Leise schlich er heran, knieete nieder und sprach ein wehmütiges Vaterunser für die entflohene Seele der Schwester. Aber was war das? hatte sich die Hand, die auf der Decke lag, wirklich bewegt, oder täuschten ihn die Thränen, die aus seinen Augen rannen? Er wischte sie hinweg und starrte auf die Schläferin — nein, es war keine Täuschung, die Händchen ballten sich und streckten sich wieder aus. Er sprang zum Tisch hin, riß den Schirm von der Lampe und ließ den vollen Schein auf das Bett fallen. Die dunklen Wimpern ruhten auf den schneeigen Wangen, aber aus dem halbgeöffneten Munde kamen regelmäßige Atemzüge.
„Heilige Mutter Gottes, sie lebt!“ rief er mit leisem Jubelton und beugte sich über die Kleine, um ihre Hände zu küssen.
„Ruhig, ruhig, Junker Ulrich,“ sagte eine mahnende Stimme; „weckt das Kind nicht auf und stört eure Frau Mutter nicht, die der Ruhe sehr bedarf.“
„O, Bärbel, sage mir, wie dies gekommen ist,“ bat Ulrich, „ist Irmgard wirklich genesen?“
Die Wärterin, welche schon seit Jahren im Dienst des Hauses stand und auch ihn einst auf ihren Armen getragen, zog ihn in die andre Ecke des Zimmers, und nachdem sie die Lampe wieder verdunkelt hatte, sagte sie in gedämpftem Ton: „Es ist ein Wunder geschehen, Ulrich; die heilige Jungfrau hat unsre Irmgard aus dem Rachen des Todes gerissen, während wir sie schon beweinten.“ —
„O du liebe heilige Gottesmutter, habe Dank für deine Gnade!“ rief Ulrich glückselig aus. „Aber wo ist mein Mütterlein? laß mich zu ihr, Bärbel, daß ich mich mit ihr freue.“
„Eure arme Mutter ist noch sehr krank von Angst und Kummer, sie hat das selige Wunder noch kaum begriffen. Als wir alle glaubten, es ginge mit unserm Kindchen zu Ende, da brach sie ohnmächtig zusammen; Pater Benedikt trug sie auf ihr Lager und suchte sie mit stärkenden Essenzen ins Leben zurückzurufen. Es dauerte lange, bis sie wieder zu sich kam, und niemand hatte unterdessen Zeit, sich um die arme Kleine zu bekümmern. Als ich später an ihr Bettchen trat, da sah sie mich plötzlich mit klaren Augen an; wir aber vermochten die unverhoffte Freude kaum zu fassen.“
Am nächsten Morgen war Ulrichs erster Gang zu Irmgards Bett; sie lag mit offnen Augen da, aber während sie ihn sonst mit Lachen und Jauchzen zu begrüßen pflegte, blieb sie heute stumm und wendete sich von ihm ab. „Was bedeutet das?“ fragte der Knabe erschrocken den Pater, der sich zu ihm gesellt hatte, „warum thut mein Schwesterlein so fremd mit mir? Sieht sie nicht seltsam verändert aus?“
„Du darfst dich nicht wundern, mein Sohn,“ versetzte Pater Benedikt sanft, „daß eine Seele, die schon an der Schwelle des Todes gestanden hat, Zeit braucht, um sich hier wieder heimisch zu machen. Bedenke, daß sie vielleicht schon von fern einen Blick in die Seligkeit des Paradieses gethan hat.“
„Und wird auch sie der Gottesmutter dankbar sein, daß sie sie vom Paradiesesthor wieder zurückgescheucht hat? sie könnte jetzt schon mit den seligen Engeln spielen,“ sagte Ulrich träumerisch.
Der Kaplan schwieg einen Augenblick. „Uns ziemt es nicht, zu grübeln und zu deuteln,“ sagte er dann entschieden. „Hüte dich, mein Sohn, die Gnade der Heiligen durch solche Fragen in Zweifel zu ziehn.“
Frau Kunigunde war an Leib und Seele zu heftig erschüttert, um sich in wenigen Tagen zu erholen; erst allmählich kehrten ihre Kräfte zurück und damit auch die Freude über das wunderbar erhaltene Kind, das ihr wie neugeschenkt erschien. Manchmal war es ihr, als sei in das teure, kleine Wesen etwas Fremdes gekommen, das sie sich nicht zu erklären vermochte; die auffallende Weiße des Gesichts, die nicht weichen wollte, der Glanz der großen dunkeln Augen, die sie so fragend und verwundert anblickten, verwirrten sie fast; sie hatte sie früher nicht an ihrem Kinde bemerkt. Es mußten wohl die Folgen der schweren Krankheit sein, denn in einigen Wochen verwischte sich der fremdartige Eindruck, und bald war die vorige Zärtlichkeit der Kleinen zu Mutter und Bruder wiederhergestellt.
Als Herr Werner von Maltheim endlich von seinem Besuch bei dem Markgrafen zurückkehrte, fand er zu seiner frohen Überraschung seine kleine Tochter am Leben und alle Herzen voll Dank und Freude, wodurch er sich sehr erleichtert fühlte. Er war ein tapferer Mann und hatte sein gutes Schwert in unzähligen Kämpfen geschwungen, aber vor Weiberthränen hatte er eine geheime Angst und ging ihnen aus dem Wege, so weit er konnte.
So war das Leben auf der Burg wieder in das gewohnte Geleise zurückgekehrt, nur eine Veränderung unterbrach das Stillleben: Frau Barbara bat um ihre Entlassung. „Was ficht dich an, Bärbel?“ fragte ihre Herrin erstaunt, „willst du jetzt deinen Pflegling verlassen, da die Kleine zu unser aller Freude so lieblich zu gedeihen beginnt? hast du sie nicht lieb, wie dein eignes Kind?“
„Gewiß, gewiß, edle Frau,“ stammelte Frau Barbara sichtlich verlegen „aber dennoch bitte ich Euch inständig: gebt mich frei! Mein Ehemann Klaus — Ihr wißt, er war jahrelang in fremden Kriegsdiensten — ist heimgekehrt und begehrt meiner. Zwar ist er immer ein rauher Geselle gewesen, aber er bleibt doch der Vater meiner Kinder, und ich mag ihm nicht widerstehen. Wir wollen uns allesamt in der Stadt niederlassen.“
Dagegen konnte die Edelfrau wenig einwenden; sie entließ die treue alte Dienerin mit huldreicher Güte und streckte ihr eine Summe vor, um sich in Nürnberg eine Schenke zu pachten. So verließ Frau Barbara unter tausend Thränen und beiderseitigem Bedauern die Burg.
Drittes Kapitel.
Fastnachtsscherze und Osterspiel.
Fort mit Arbeit und Ernst! heut’ gilt es, sich fröhlich zu tummeln!
Kurz sind die Stunden der Lust, ach, und die Fasten so lang!
Der Gottesdienst am Sonntag Estomihi war beendet, und mit dem Läuten der Nachmittagsglocken schien sich über die löbliche Stadt Nürnberg ein Geist ausgelassner Freude und lärmender Lustigkeit zu ergießen, der selbst die Verständigen ergriff und ruhige Männer und Frauen zu Kindern und Narren machte. Für einige Tage lösten sich die Bande strenger Zucht und Sitte, welche sonst dem Benehmen der Bürger den Stempel gemessener Ehrbarkeit aufdrückten: die Reichsstadt feierte ihren Karneval, „das Schembartlaufen“ genannt, weil man sich dabei durch falsche Bärte, später durch ganze Larven, unkenntlich zu machen suchte. Der Himmel schien dem tollen Treiben hold zu sein, ein starker Wind hatte die Straßen getrocknet, heller Sonnenschein lachte von oben herab, und die Luft war, wenn auch kühl, doch von der belebenden Frische, welche einer Bewegung im Freien günstig ist.
Die Belustigungen der ersten Faschingstage gehörten vorherrschend dem niederen Volke an: da zogen Scharen vermummter Spielleute durch die Straßen, angeführt von komischen Tiergestalten, aufrechtgehenden Löwen, Bären und Affen; wo sie an den Fenstern ein neugieriges Gesicht erblickten, da machten sie halt, stimmten auf den wunderlichsten Instrumenten ihre Musik an und sangen dazu ihre possenhaften Lieder deren derber Witz meist herzlich belacht wurde, wenn er auch verwöhnteren Ohren oft recht roh und anstößig klingen mochte. Rotten von Buben zagen mit Tannenbäumen umher, pflanzten sie vor die Thüren der größeren Bürgerhäuser und fingen unter lustigen Sprüngen und Grimassen die kleinen Münzen auf, welche man ihnen herabwarf. Junge Burschen vom Lande schleppten Pflüge herein, die mit bunten Bändern geschmückt waren; mit List und Gewalt suchten sie die Dirnen einzufangen und mit Strohseilen an das Ackergerät zu spannen, bis jene sich, unter dem Jauchzen des umgebenden Volkes, durch ein paar Heller oder einen Kuß auslösten. So dauerte der Jubel fort bis zur Dunkelheit, um am nächsten Morgen wieder zu beginnen; an jedem folgenden Tage tauchten neue Larven, andre Scherze auf, bis am letzten Nachmittag auch die besseren Stände sich in das heitere Treiben mischten und die Mummereien und Aufzüge immer glänzender und überraschender wurden.
Im Erker des Ebnerhauses waren alle Fenster geöffnet und buntfarbige Decken herausgehängt; stattliche Frauen und lachende Kinder beugten sich darüber hinab. Mehrere Freundinnen des Hauses, die Frauen ansehnlicher Kaufherrn, deren Stellung ihnen eine persönliche Teilnahme an der Lust des Volkes nicht gestattete, hatten sich hier zusammengefunden, um von dieser günstigen Stelle aus dem Treiben auf der Straße zuzusehen. Auf dem großen Tisch in der Mitte des Vorsaals waren allerlei Erfrischungen aufgestellt, gewürzter Wein, eingemachte Früchte und Honigküchlein, die man nirgend so schmackhaft zu backen verstand, wie in Nürnberg. Eine Verwandte der Hausfrau, Jungfer Magdalena Löffelholzin, war eifrig bemüht, dieselben immer wieder den Gästen anzubieten und sie zum Essen und Trinken einzuladen. Magdalene, von den Kindern der ganzen Bekanntschaft nur Muhme Lene genannt, war weder jung, noch besonders hübsch, aber die kleine, rundliche Gestalt, mit dem apfelwangigen Gesicht und den freundlichen Augen darin, war überall gern gesehen, denn wo es galt, zu helfen und zu trösten, wo es Kranke zu pflegen oder wilde Kinder zu beruhigen gab, da war Jungfer Magdalene immer bereit; sie verstand es, sich in jedes Hauswesen zu schicken, jedem Hausherrn seine kleinen Liebhabereien abzulauschen und die Kinder mit schönen Geschichten und kleinen Scherzen so zu beschäftigen, daß sie niemand zur Last fielen.
„Seht nur den stattlichen Türken dort unten,“ sagte eine der anwesenden Frauen, „wie er hier heraufschaut und uns Grüße zuwinkt; doch scheinen seine Blicke offenbar noch jemand zu suchen ...“
„Ich wette, es ist der lustige Herr Stadtschreiber,“ rief eine andre. „und dann weiß ich auch, wen er sucht. Jungfer Lenchen, Ihr müßt Euch einmal am Fenster zeigen, eher wird er sich nicht zufrieden geben.“
„Ich?“ fragte Magdalene errötend, „Ihr beliebt zu scherzen, Frau Hallerin.“
„Ei, thut nur nicht so unwissend,“ lachte die junge Frau, „es weiß es ja jeder, daß er Euch gar zu gern zur Frau Stadtschreiberin machte.“
„Wie mögt Ihr nur so sprechen,“ stotterte Magdalene, „Ihr wißt doch — — ich bin ja längst — — wollet mich doch mit solchen Reden verschonen, die mir wehthun, da ich mein Wort ....“
„Solltet Ihr wirklich immer noch an jenen jungen Gesellen denken, Magdalene,“ fragte in strengem Ton eine ältere Frau, die Gattin des gebietenden Bürgermeisters Friedrich Volkamer, „an jenen Adam Krafft, welcher seine Vaterstadt vor langen Zeiten verließ, da Ihr noch ein halbes Kind wart? ich kann Euch bei Euren Jahren kaum für so thöricht halten.“
„Wir haben uns damals Treue versprochen, gestrenge Frau,“ erwiderte Magdalene mit niedergeschlagenen Augen, „könnt Ihr es tadeln, wenn ich mein Wort halte?“
„Gewiß nicht, solange man vernünftigerweise auf Adams Rückkehr rechnen konnte, aber wie lange ist es denn her, seit er fortging?“
„Zwanzig Jahre werden es im nächsten Frühjahr,“ sagte Magdalene, und ein schmerzliches Zucken spielte um ihren Mund.
„Zwanzig Jahre!“ rief die lebhafte Frau Hallerin, „lieber Himmel, da war ich noch ein kleines Kind, das kaum gehen und sprechen konnte! Und die ganze Zeit habt Ihr gewartet, Base Lenchen? Heilige Agathe, welche Geduld — mir wäre sie schon zehnmal gerissen! Und wie lange denkt Ihr getreue Eva noch auf Euren Adam zu harren?“
„Bis er aus der Fremde zurückkehrt.“
„Und wenn er gar nicht kommt? wenn er längst gestorben ist, oder im Auslande Euer vergessen und eine andre Frau genommen hat?“
„Das hat er sicher nicht gethan, — und sollte er nicht mehr leben, so hoffe ich ihn im Paradiese wiederzufinden.“
„Ihr seid eine Thörin, Magdalene,“ sagte die Volkamerin strenge, „hat Euch das Leben denn gar so weich gebettet, daß Ihr hartnäckig an Eurer gegenwärtigen Lage festhalten müßt? Mich dünkt, Ihr könntet froh sein, wenn Euch einer eine geachtete Stellung und ein wohl eingerichtetes Haus anböte, worin Ihr als Herrin walten könntet, statt daß Ihr jetzt nur jedermanns gehorsame Dienerin seid.“
„Laßt mir die Base in Frieden,“ fiel Frau Ursula ein, indem sie liebevoll den Arm um die Gescholtene legte, „wir alle haben sie herzlich lieb, und unsre Kinder könnten die Muhme Lehne schlecht entbehren.“
Magdalene drückte dankbar die Hand der Ebnerin und war froh, als die Aufmerksamkeit der Frauen sich wieder auf die Vorgänge draußen richtete. Die Kinder jauchzten laut auf, als jetzt ein lustiger Zug um die Ecke bog, voran ein Pickelhering, der auf einem Esel ritt und eine mächtige Narrenfahne schwang. Seine Kleidung schillerte in allen Farben des Regenbogens; die Eselsohren auf der hohen Mütze, die dicke Nase, der flatternde Spitzbart sahen gar lächerlich aus, und die Glöckchen, die ihm an Ohren, Gürtel, Ellenbogen und Schnabelschuhen befestigt waren und bei jedem Schritt seines Reittieres einen hellen Ton gaben, erhöhten noch den drolligen Eindruck. Ihm folgte auf einem niedrigen Wagen der Fasching selbst, eine Gestalt von unförmlicher Dicke, umkränzt von Würsten, Schincken und Kürbisflaschen; hinterdrein wurde auf einem Thronsessel sein Weib, die prächtig geputzte Fastnacht getragen, welche aus einem riesigen Korbe Brezeln und Wecken unter das jubilierende Volk streute. Ein lustiges Gesindel von Narren und Masken umschwärmte den Zug; sie schlugen Purzelbäume, ließen ihre Schellen klingen, rasselten mit den Trommeln, bliesen auf Trompeten und Schalmeien, — kurz, sie trieben jede Art von ausgelassenen Scherzen, und in diesen betäubenden Lärm mischte sich das Jauchzen und Lachen der zuschauenden Kinder.
„Wo steckt denn Euer Berthold, Ursula?“ fragte die Hallerin, „hat Euer Gatte ihn mit sich auf die Straße genommen?“
„Mein Gatte? wo denkt Ihr hin!“ versetzte die Ebnerin achselzuckend, „der sitzt in seinem Schreibgemach, wohin von dem ganzen Treiben auch nicht ein Laut dringt. Ich schickte Berthold, auf seine Bitte, unter der Obhut eines Dieners hinaus; ein junges Herz will doch auch seinen Teil an der allgemeinen Lustigkeit haben.“
„Fast wundre ich mich, daß Euer gestrenger Herr es ihm gestattet hat,“ bemerkte die Volkamerin.
„Er hat es nicht verboten,“ versetzte Frau Ursula kurz und wendete das Gespräch auf etwas anderes. Ihr war nicht ganz wohl zu Mut, denn sie hatte die Erlaubnis ihres Eheherrn nicht eingeholt und sah nun schon seit einer Weile unruhig nach Berthold aus. Wenn in der aufgeregten Menge dem Knaben ein Leid zustieße! wenn er nicht zu rechter Zeit zurückkehrte! sie wußte, daß der Hausherr dann unmutig die Stirn runzeln und strenge Worte sprechen würde, und sie fürchtete die Zeichen seines Unwillens noch mehr für ihren Sohn, als für sich selbst.
Wie würde sie gezittert haben, hätten ihre Blicke ein paar Straßen weiter gereicht! Da war ein Bäuerlein, das auch an dem Faschingsjubel seinen Teil haben wollte und dabei dem starken Nürnberger Biere mehr als billig zugesprochen hatte; unsicher schwankte es durch die belebten Gassen, und seine kleine Begleiterin hatte Mühe, seine Schritte zu lenken und ihn vor unliebsamen Zusammenstößen zu bewahren. Mit gütlichem Zureden und sanften Stößen hatte sie ihn endlich in ein stilleres Gäßchen gedrängt, wo sie hoffen konnte, ungefährdet das Thor zu erreichen, als plötzlich eine Rotte vermummter Buben den beiden mit lautem Geschrei entgegenkam. Im Augenblick waren sie umringt; die tolle Schar ließ ihren Übermut an dem halbberauschten Bauer aus, indem sie ihn von rechts und links zupfte und stieß, und seine taumelnden Versuche, sich seiner Peiniger zu erwehren, mit Hohngelächter begleitete. Vergebens versuchte das Mädchen, dem Vater beizustehn, ein großer Bursche drängte sie fort, riß ihr den Korb vom Arm und stürzte ihn um, so daß sein Inhalt auf die Straße kollerte. „O meine Wecken!“ rief die Kleine jammernd, „ich wollte sie den Geschwistern mitbringen, sie haben noch nie Weizengebacknes gegessen!“
„Die kleinen Dorfteufel mögen sich mit Haferbrot begnügen!“ schrie der Bursche lachend, „die Wecken sind viel zu gut für das lumpige Gesindel, die gebühren den Stadtkindern.“ Er wollte das Mädchen festhalten, doch traf ihn unvermutet der Schlag einer Narrenpritsche ins Gesicht, so daß er den Arm fahren ließ und sich dem Gegner zuwandte. Ein maskierter Knabe, viel kleiner und schlanker als er selbst, stand vor ihm.
„Laß los!“ rief er dem Großen herrisch zu, „und du, kleine Dirne, lies deine Wecken auf und mach’, daß du fortkommst, ich will dein Beschützer sein.“
„Wie kommst du dazu, kleiner Knirps, so unhöflich um dich zu schlagen?“ fragte der große Bursche ärgerlich, „denkst du, ich werde mit dir viel Federlesens machen?“
Berthold stürzte in ein offenes Haus ....
⇒
GRÖSSERES BILD
„Komm nur heran,“ rief der kleine Ritter, indem er sich stolz in die Brust warf, „ich nehme es mit jedem auf.“ Es bildeten sich sofort zwei Parteien, die mit Pritschen und Fäusten aufeinander losgingen, aber die Kräfte waren zu ungleich verteilt, und der tapfre kleine Mann sah sich bald von seinen Helfern verlassen. Er erkannte, daß ihm nur ein beschleunigter Rückzug übrig bliebe, wenn er nicht jämmerlich zerbläut werden wollte, und so ergriff er eilends die Flucht. Flink und geschmeidig wie er war, entkam er dem stärkeren Gegner und stürzte in ein offenes Haus, auf dessen Schwelle eine Frau stand, welche, schnell den Zusammenhang begreifend, die Thür ins Schloß warf. Der Knabe riß die Larve vom glühenden Gesicht, in welchem die dunklen Augen vor Aufregung blitzten. „Ich wäre nicht davon gelaufen, wenn ihrer nicht so viele gewesen wären,“ rief er keuchend, „denkt nicht, daß Berthold Ebner feige sei, gute Mutter!“
„Seid ohne Sorge, Junkerlein,“ lächelte die Frau, „Ihr mögt wohl brave Streiche ausgeteilt haben, aber Ihr habt auch tüchtige Püffe eingesteckt — seht, da sickert Euch das helle Blut aus der Nase und befleckt Euch das schmucke Habit.“
Sie führte ihn in die Küche und machte sich in mütterlicher Fürsorge um ihn zu schaffen; dann, als sie sah, daß der Flüchtling müde zum Umsinken war, stieß sie die Kammerthür auf und zeigte auf ein sauberes Bett. „Legt Euch hin und ruht ein wenig, Junker; inzwischen wird es ruhiger auf den Straßen, und Ihr könnt ungefährdet nach Hause gehn.“
Sie trat in das andere Zimmer ein, wo in einem großen Lehnstuhl, dicht am Fenster, ein grauhaariger Mann saß. In kurzen Worten berichtete sie ihm das kleine Abenteuer und setzte hinzu: „ein prächtiger Junge voll Leben und Feuer, und denke dir, Alter, er heißt Ebner.“
„Ebner?“ fragte der Mann betroffen, „des Wilibalds Sohn?“
„Ich glaube wohl; es giebt nur den einen des Namens hier in Nürnberg.“
„Sonderbar!“ sagte der Alte, indem er nachdenklich das graue Haupt hin- und herwiegte, „des Wilibalds Sohn in unserm Hause!“ Und die beiden alten Leute versanken in tiefes Sinnen, in das sich mancherlei schmerzliche Erinnerungen zu flechten schienen, denn die Frau fuhr ein paarmal mit dem Zipfel der Schürze über die Augen, und über dem freundlichen Gesicht des Mannes lag ein trüber Schatten.
Inzwischen war Just, der Diener, welcher Berthold begleiten sollte, in tausend Ängsten durch die Straßen geirrt, um seinen jungen Herrn zu suchen. Er war, wie er sich selbst zur Beruhigung sagte, nur für einen einzigen Augenblick in eine Schenke getreten, um ein Maß Bier hinabzustürzen, denn er fühlte sich schier verschmachtet vom langen Umherlaufen, Gaffen und Lachen. Nun fuhr er auf jeden verlarvten Knaben zu, um seinen Junker zu entdecken, aber er fand ihn nicht, und vergebens gelobte er seinem Schutzpatron eine immer längere Reihe von Gebeten, sogar eine Kerze für seinen Altar, wenn er ihm den Ausreißer wieder in die Arme führe. Schon fing es an zu dämmern, und er konnte sich denken, mit welcher Ungeduld die Frau Ratsherrin den Sohn erwarten würde. Sie war zwar immer sanft und mild, aber diesmal war die Sache doch zu ernst, und mit dem gestrengen Herrn war ohnehin nicht zu scherzen, der fuhr immer gleich mit erschrecklichem Ernst darein, obgleich er wenig Worte dabei machte. Als Just angstvoll nach Hause schlich und vom Thorweg aus noch einmal seine suchenden Blicke umherschickte, sah er eine kleine Gestalt auf sich zukommen, ohne Kappe und mit wirrem Haar, das zierliche Narrenkleid zerrissen und beschmutzt. Just stürzte auf den Knaben zu und hob ihn jubelnd in die Höhe.
„Heiliger Sebaldus, sei tausendmal bedankt!“ rief er, „da ist mein Junkerlein heil und gesund! Aber wo habt Ihr Euch umhergetrieben und wie habt Ihr Euch zugerichtet? kann man auch nicht ein kurzes Augenblickchen die Augen von Euch abwenden, ohne daß Ihr die größten Dummheiten macht?“
„Ich erzähle es dir ein andermal,“ sagte Berthold gähnend und reckte die Arme, als ob alle Glieder ihn schmerzten; „jetzt bin ich zu müde.“
Auf dem Vorsaal empfing ihn Muhme Lene. „Den Heiligen sei Dank, daß du da bist,“ sagte sie inbrünstig, „deine Mutter hat sich sehr um dich gesorgt.“
„Und der Herr Vater?“
„Der hat deine Abwesenheit noch gar nicht bemerkt.“
„Dann ist’s gut,“ sagte Berthold beruhigt, „die Herzmutter wird nicht so arg zürnen, wenn sie hört, wie es mir ergangen ist.“ —
Am folgenden Tage beleuchtete die Sonne ein ganz andres Bild in den Straßen der freien Reichsstadt. Verstummt waren Lachen, Lust und Scherz, spurlos verschwunden die bunten Gestalten, die darin ihr tolles Spiel getrieben. Ein dumpfes Schweigen schien auf allen Häusern zu lasten, bis ernst und feierlich die Glocken von St. Sebald, St. Lorenz und all den andern Kirchen zu läuten begannen. In einzelnen Gruppen, die kaum miteinander flüsterten, in dunklen Gewändern und mit ernsten Gesichtern, wandelten die Bürger mit Weib und Kind zu den Gotteshäusern und warfen sich vor den verhüllten Altären auf die Kniee. Die Orgel schwieg, nur hin und wieder unterbrach ein eintönig gesungener Bußpsalm die drückende Stille. Dann erschien der Priester, mahnte in strengen Worten zur Buße und Einkehr, zu Gebet und Kreuzigung des Fleisches und streute die geweihte Asche auf die Häupter der Betenden. — Auf den Fastnachtsjubel war der Aschermittwoch gefolgt, welcher die lange, ernste Fastenzeit einleitete.
Auch im Ebnerschen Hause herrschte volle Aschermittwochsstimmung. Just war in die tiefste Ungnade gefallen; trübselig saß er in seiner Kammer und murmelte die gelobten Gebete, die ihm sehr sauer wurden. Auch Berthold wäre der Strafe für sein spätes Ausbleiben nicht entgangen, hätte er sich nicht als Andenken an seine Rauferei ein Dutzend brauner und blauer Flecke heimgebracht, bei deren Anblick die Strenge der Mutter in weiches Mitleid zerschmolz. Und als er ihr erzählte, daß er die Schläge bei der Verteidigung eines wehrlosen Mädchens erhalten habe, da konnte sie vollends nicht mehr zürnen, sondern belohnte den ritterlichen Kämpen mit Kuß und Lobspruch. — —
Die Fastenzeit ging zu Ende; ihre ernste Bedeutung mußte sich selbst einem stumpfen Gemüt durch die tägliche Entbehrung gewohnter Genüsse einprägen. Nun rüstete sich alles, um das Osterfest mit Freuden zu begehen, und in allen Häusern der Stadt gab es ein eifriges Waschen und Scheuern, Putzen und Schmücken, Backen und Braten. Die letzten Nachwehen des Winters waren überwunden, überall drängten sich Knospen ans Licht, blühten die Veilchen, zwitscherten die Vögel — Natur und Menschheit waren in gleicher Weise bereit, ein Auferstehungsfest zu feiern. Die Ostersonne ging in blendendem Glanze über der Reichsstadt auf, von allen Türmen läuteten die Glocken, geputzte Menschen zogen scharenweise, mit Gebetbüchern und frischen Sträußchen in den Händen, den Kirchen zu, und wo sich Bekannte trafen, da grüßten sie sich mit dem uralten, freudigen Ostergruß: „der Herr ist erstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“ Überall sah man glückliche Gesichter, hörte man frohe Stimmen, und am Nachmittage tummelten sich unzählige Gruppen von Spaziergängern vor den Thoren und auf der Hallerwiese, deren kunstreich angepflanzte Strauchpartieen im ersten, grünen Hauch des Frühlings prangten.
Der zweite Feiertag brachte nach herkömmlicher Weise das Osterspiel, das auf dem großen Platz hinter der Johanniskirche, vor dem Tiergärtner Thor, zu Nutz und Frommen der Bevölkerung von der Geistlichkeit aufgeführt wurde. Da drängte sich alles hinzu, Große und Kleine, Hohe und Geringe; nur wenige Häupter der alten, städtischen Geschlechter, unter ihnen Herr Wilibald Ebner, dünkten sich zu vornehm, um sich mit ihren Frauen unter die Volksmenge zu mischen. So war denn Muhme Lene allein mit Berthold hingegangen, um das Spiel anzusehn, das in seinen Hauptzügen alt und feststehend war, aber in jedem Jahr durch neue Zuthaten erweitert und verschönert wurde.
Ein riesiges Brettergerüst stellte die Bühne dar, denn dieselbe mußte drei übereinander liegende Schauplätze umfassen, Himmel, Erde und Hölle. Zuerst öffnete sich der Himmel: Gott Vater sitzt auf einem Thron, von Engelscharen umgeben, zu seiner Seite halten die Erzengel Michael und Gabriel die Wacht. In vollstimmigem Chor singen die Himmlischen das Lob Gottes des Schöpfers und seines Sohnes, welcher gerade auf Erden weilt, um das Werk der Erlösung zu vollbringen. Da tritt Satanas ein; scheu und verlegen senkt er den Blick vor der göttlichen Glorie; er bekennt, daß er sich vergebens bemüht habe, den Gottessohn in Versuchung zu führen, daß jener ihn aber dreimal siegreich aus dem Felde geschlagen habe, — und von neuem brechen die Engel in den Lobgesang zu Ehren Christi aus. Aber der Satan ist noch nicht von seiner unantastbaren Heiligkeit überzeugt; der Menschenleib, meinte er, müsse dem Teufel irgend eine schwache Stelle darbieten. Gott Vater gestattet ihm, den Sohn aufs neue zu versuchen, ja, ihn zu martern und zu töten, und froh der gewordenen Erlaubnis geht der Böse von dannen.
Jetzt öffnet sich der mittlere Schauplatz, man sieht Christus, auf einem Esel reitend, seinen Einzug in Jerusalem halten, jubelndes Volk ringsum, das ihm die Kleider auf den Weg breitet und Palmen streut. Die Jünger triumphieren über des Meisters Verherrlichung, nur Judas schaut düster darein. Er bleibt allein zurück, und Satan flüstert ihm den Gedanken des Verrats ins Ohr. Die nächste Scene zeigt Judas vor dem hohen Rat, mit der Frage: was wollt Ihr mir geben, ich will ihn Euch verraten. Es folgt eine Verhandlung voll derber Komik, ein Feilschen und Handeln ohne Ende, denn selbst in ernster Darstellung verlangt der Sinn des Volkes Stoff zum Lachen, und Judas ist gewissermaßen die komische Person in diesem tragischen Spiel. Die Einsetzung des heiligen Abendmahls, Christi Seelenkampf in Gethsemane, Judas’ Verrat und die Gefangennehmung des Heilandes, sein Verhör und seine Verurteilung durch Pilatus — das alles entrollt sich in kurzen, erschütternden Bildern vor den Augen der Menge, die bald in andächtigem Schweigen lauscht, bald in lautes Gelächter, bald in Schluchzen und Thränen ausbricht.
Als der Vorhang von neuem aufgeht, sieht man die drei Kreuze aufgerichtet. Die Getreuen umstehen den sterbenden Erlöser, die Trauer der Maria bricht in ergreifender Klage aus: „O weh der Leiden, der Tod will uns scheiden; Tod, nimm uns beide, daß er nicht allein zum Jammer von mir scheide. Herzenskind, deine Augen sind dir so gar verblichen, deine Macht und Kraft ist dir so gar entwichen! O weh, was soll ich armes Weib, seit ich dich, liebes Kind mein, leiden sah so große Pein; des sticht mich zu dieser Stund’ ein Schwert durch meines Herzens Grund. Ach liebes Kind, sprich doch ein Wort, daß ich deine Mutter bin! weh mir, er kann nicht, er ist dahin!“ Johannes will die Weinende von der Stätte des Jammers fortführen, aber kaum ist sie entfernt, so ertönt vom Kreuz herab der erschütternde Ruf: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ und mit dem Aufschrei: „O weh, ich hörte einen Ruf, das war mein Kind Jesus, das in seinen Ängsten rief!“ eilt Maria zurück, um auszuharren, bis mit dem Wort: „Es ist vollbracht!“ die Marter Christi ihr Ende erreicht hat. —
Es folgt eine längere Pause, denn man hat stundenlang gesehen und zugehört und die heftigsten Gemütsbewegungen durchgemacht. Der Leib macht seine Rechte geltend, man will essen und trinken, ehe man mehr von der gewaltigen Geschichte in sich aufnimmt, aber keiner denkt daran, den Platz zu verlassen, ehe das letzte Wort gesprochen ist.
Die nächste Scene spielt in der Hölle, die als ein groteskes Zerrbild des Himmels erscheint. Satan sitzt in abschreckender Majestät auf seinem Thron, seine Scharen um ihn her, deren komische Geberden und derbe Späße mächtig auf das Zwerchfell der Zuschauer wirken. Der Böse triumphiert, daß er durch seine Künste zwei Jünger zu Verrat und Verleugnung verführt, den Sohn Gottes dem Tode überliefert und das Werk der Erlösung vereitelt habe. Ein Haufe kleiner Teufelchen schleppt den Judas herein, der in der Verzweiflung seinem Leben ein Ende gemacht hat. Mit spöttischer Höflichkeit steigt Satan von seinem Throne und bietet ihn dem Verräter an, der durch seine unerhörte Bosheit selbst ihn übertroffen habe; dann aber giebt er den Seinen den Befehl, den Unseligen zu martern und zu peinigen, und vor den Augen der Zuschauer wird er in das ewige Feuer geworfen.
Wieder öffnet sich der mittlere Schauplatz, die Auferstehung stellt sich den Blicken dar. Als Christus im leuchtend weißen Gewande den Seinen erscheint, als die Jünger auf der Bühne den Lobgesang ertönen lassen, da ergreift es die Menge mächtig, und wie aus einem Munde stimmt sie ein in den Ostergesang:
„Christ ist erstanden
Von der Marter alle.
Des sollen wir alle froh sein,
Christe soll unser Trost sein.
Kyrie eleison!“
Den Schluß bildet die Himmelfahrt, Christus nimmt von den Seinen Abschied und verschwindet vor ihren Augen; zu gleicher Zeit thut sich oben der Himmel auf, wo die Engelscharen den verklärten Überwinder mit Jauchzen und Preisen empfangen. Gott Vater eilt ihm entgegen und führt ihn zu seinem Thron, wo er zu seiner Rechten Platz nimmt. Satan wird hereingeführt; er sieht mit Entsetzen, daß all seine Anschläge zunichte gemacht sind, bekennt sich als vollständig überwunden und stürzt mit teuflischem Geheul von dannen. Ein Engelchor zum Preise Gottes und seines Sohnes schließt das Spiel. —
Eine Weile verharrten die Zuschauer in andächtigem Schweigen, tief ergriffen von allem, was sie mit erlebt; dann aber begann ein Summen vieler Stimmen, ein Scharren unzähliger Füße, und in dichten Wogen drängte die Menge aus den engen Sitzreihen ins Freie. Magdalene hielt Berthold fest an der Hand, um ihn nicht zu verlieren; plötzlich sahen sie vor sich eine alte Frau stolpern und zu Boden fallen. Von gleichem Eifer getrieben, sprangen beide hinzu und halfen ihr aufstehen; Magdalene schob ihren Arm in den der Alten, Berthold lehnte sich fest an ihre andere Seite, und so führten sie dieselbe bis auf einen etwas freieren Raum, wo sie sich hinsetzen und erholen konnte. „Es ist die gute Alte, die mich zur Fastnacht so liebreich aufgenommen!“ rief Berthold mit Erstaunen, „wie schön, Mutter, daß ich Euch hier wiederfinde; ich hatte Euch wahrhaftig ganz vergessen!“
„Ihr habt es heute wett gemacht, Junker,“ versetzte die Frau, „mich freut’s daß Ihr mich wenigstens erkannt habt. Und ist dies Eure werte Frau Mutter, die Gattin des Herrn Wilibald Ebner?“
„O nein, nein,“ rief der Knabe laut lachend, „das ist nur die Muhme Lene; mein Mütterchen ist um einen Kopf größer und viel schöner und vornehmer.“
Da die alte Frau noch zitterte und schwankte, erbot sich Magdalene, sie heimzugeleiten; alle drei erreichten unter freundlichem Plaudern das kleine Haus im Hundsgäßlein und traten zusammen ein. Das Stübchen bot einen anheimelnden Anblick dar; alles glänzte von Sauberkeit und Nettigkeit, am Fenster standen geweihte Palmen und Veilchen in Scherben mit frischem Wasser, und auf seinem Platz im Lehnstuhl saß der alte Mann, auf dem ehrwürdigen Kopf ein schwarzes Käppchen, unter dem sich die silbergrauen Locken hervordrängten, die gefalteten Hände müßig im Schoße; er mußte wohl guten Gedanken nachgehangen haben, denn auf seinen Zügen lag es wie ein Hauch von Verklärung.
„Ist dir die Zeit sehr lang geworden, mein alter Andreas?“ fragte die Frau in herzlichem Ton; „dem, der allein zu Hause sitzt, scheint sie immer länger, als dem, der draußen viel Schönes zu sehen und zu hören bekommt. Aber nun bringe ich dir auch liebe Gäste mit, die sich meiner aufs gütigste angenommen haben.“
Der Alte rückte grüßend sein Käppchen und streckte beiden die Hände entgegen. „Sieh da, unser kleiner Junker,“ sagte er herzlich, „seid willkommen, ehrsame Frau, und verzeiht, wenn ich Euch sitzend begrüßen muß, meine Füße gehorchen mir nicht mehr.“
„Wie traurig!“ sagte Magdalene voll Teilnahme, „seid Ihr schon lange so hilflos, Vater?“
„Seit vier Jahren schon muß meine Eva mein Stab und meine Stütze sein, — dem Herrn sei Dank, daß er mir solch ein treffliches Weib geschenkt hat! Seht, von unten bin ich zwar gelähmt, aber oben fehlt mir nichts, Kopf und Augen sind klar, die Hände zu aller Arbeit tüchtig, — das ist eine große Gnadengabe meines himmlischen Vaters.“
„Und womit beschäftigt Ihr Euch vom Morgen bis zum Abend?“
„Der Tag ist mir stets zu kurz für das, was ich schaffen möchte; ich zeichne Bilder, um die Bücher damit zu schmücken, und schneide sie in Holz.“
„So seid Ihr ein Künstler, Meister? wollt Ihr mich etwas von Euren Sachen sehen lassen?“
Er streckte den Arm aus und nahm vom Bord, der hinter ihm an der Wand hinlief, einen dicken Band. „Seht,“ sagte er mit wohlgefälligem Lächeln, „dies ist in schönem Druck die ganze Geschichte unsres Heilandes, die habe ich mit vielen Tafeln verziert.“
Neugierig blickte Magdalene in das Buch, sie verstand etwas vom Zeichnen, und ihre Neugier verwandelte sich bald in Staunen und Bewunderung, denn was sie sah, stand hoch über den gewöhnlichen Holzschnitten, mit denen man Gebetbücher und Heiligengeschichten zu verzieren pflegte. „Wie schön!“ rief sie aus, „wie lieblich ist die reine Magd Maria dargestellt, und wie leuchtet die Gottheit aus den Augen des Kindes! Und wie herrlich ist diese Tafel, welche die Anbetung der heiligen drei Könige zeigt!“
„Die ist nicht von mir entworfen,“ sagte der Alte, „sondern von einem lieben, jungen Freunde — wollte Gott, ich dürfte ihn noch einmal wiedersehn! Er hatte herrliche Gaben, der Adam Krafft!“
„Adam Krafft!“ rief Magdalene in höchster Überraschung aus, „Ihr kennt ihn? lebt er noch? wird er endlich zurückkehren? O sprecht, lieber Meister, — Ihr wißt nicht, was dieser Name in meinem Herzen für Gedanken, Erinnerungen und Hoffnungen weckt, eine ganze Welt von Freud und Leid!“
Der Alte sah sie fragend an, erstaunt über die plötzliche Heftigkeit, die gegen ihr sonstiges, stilles Wesen seltsam abstach. „Solltet Ihr die Magdalene sein, von der er einmal sprach?“ fragte er nachdenklich.
„So hat er von mir gesprochen? dachte er noch an mich? hat er mich lieb behalten?“ drängte Magdalene, indem ihr die hellen Thränen in die Augen traten, „o lieber Meister, erzählt mir alles ganz genau; seht, es sind bald zwanzig Jahre, seit er seine Vaterstadt verließ, und seitdem hat kein Sterbenswörtchen von ihm meine durstige Seele erquickt.“
„Ja, meine werte Jungfer,“ versetzte der alte Mann mit größter Freundlichkeit, „viel Neues kann ich Euch auch nicht erzählen. Laßt sehen, es sind wenigstens fünfzehn Jahre her, seit ich ihn da unten in Venedig traf, denn ich war noch ein rüstiger Mann in der Blüte meines Lebens. Viele schöne Stunden habe ich damals mit dem Adam verlebt, der ein gar trefflicher, froher Geselle war, und manch artiges Bildchen kann ich Euch zeigen, das er mir zum Andenken verehrt hat.“
„Heute ist’s zu spät,“ erwiderte Magdalene, indem sie sich zögernd erhob, „die Base Ebnerin würde sich ängstigen, wenn wir so lange ausblieben. Aber ich darf wiederkommen, Meister, nicht wahr? Ihr erzählt mir dann alles von meinem Adam und zeigt mir jeden Strich von seiner lieben Hand?“
„Gern, werte Jungfer, von Herzen gern. Meister Andreas Fiedler und seine Eva werden Euch stets willkommen heißen, wenn Ihr unser bescheidenes Häuschen für Euren Besuch nicht zu gering achtet.“
Von nun an verging selten eine Woche, in der Magdalene nicht bei dem alten Paar eingekehrt wäre, und kam sie anfangs nur, um von ihrem Adam zu hören und zu sprechen, so lernte sie bald die beiden so hochschätzen, daß sie gern um ihrer selbst willen wiederkam. Es herrschte solch ein seliger Friede in dem kleinen Hause, solche ungetrübte Eintracht und eine lautere Frömmigkeit, welche gleichwohl ein ganz andres Gepräge trug, als die der meisten andern Menschen. Nie führten sie einen der zahllosen Heiligen im Munde, in deren Anrufung und Verehrung damals fast die ganze Gottesfurcht der großen Menge bestand, und die oft in ein abgöttisches Wesen ausartete. Als Magdalene einmal eine Bemerkung darüber machte, erwiderte Meister Andreas lächelnd: „Wozu soll ich mich bei den Dienern aufhalten, die doch auch nur an der Thür meines Gottes stehen, während ich gradeswegs zu dem Herrn hereingehen darf, der die Freundlichkeit und Leutseligkeit selbst ist?“ Das gab dem Mädchen viel zu denken.
Auch Berthold, für den sonst Stillsitzen die schwerste Aufgabe war, ging gern einmal mit zu den alten Leuten; die vielen Bilder, die der Meister ihm zeigte, die schönen Geschichten, die er ihm dazu erzählte, fesselte seinen lebhaften, unruhigen Sinn, und er wußte seiner Mutter immer viel von dem kleinen Hause im Hundsgäßlein zu berichten. So kam der Name Meister Fiedlers auch vor die Ohren des Herrn Wilibald Ebner, der ein seltsames Gesicht dazu machte und zuerst geneigt schien, den Verkehr zu verbieten. Doch besann er sich eines besseren und ließ die Sache ungehindert ihren Weg gehen.
Viertes Kapitel.
Die Tochter des Herrn von Maltheim.
O Sankt Lorenz, wer führt die unliebsamen Gäste ins Haus mir?
Heiliger! brächtest du doch schleunig sie wieder hinaus!
Über der Burg Maltheim lag heller Frühlingssonnenschein, der die alten Mauern wunderbar verschönte und sich in den unzähligen, kleinen Scheiben auf der Südseite behaglich spiegelte. Zwitschernde Schwalben segelten mit weit ausgespannten, metallisch glänzenden Flügeln hin und her, mit Strohhalmen und kleinen Zweigen im Schnabel, um die Nester instandzusetzen, welche die Winterstürme arg zerzaust und beschädigt hatten. Zwischen allen Ritzen sproßten frische, grüne Triebe hervor, hier ein bescheidenes Blümchen, dort ein schlankes Bäumchen, das unsicher im leisen Frühlingswinde hin und her schwankte, da seine Wurzeln zwischen Mauersteinen und Felsspalten nur geringen Halt fanden. Der Wald, der in einiger Entfernung die Burg umgab, hatte sein zartestes Blätterkleid angelegt, wozu die dunklen Tannen eine wirksame Verbrämung bildeten, und aus dem Burggärtchen drang der würzige Duft blühender Obstbäume bis zu dem steinernen Altan hinauf, auf dem Herr Werner von Maltheim mit seiner Familie den lieblichen Tag genoß.
Der Ritter saß im bequemen Hauskleide in einem Lehnstuhl, dessen Behaglichkeit durch weiche Kissen und Decken noch erhöht worden war; sein rechtes Bein, das mit Binden und Tüchern wohl verwahrt war, ruhte lang ausgestreckt auf einem Schemel; neben ihm auf der steinernen Balustrade stand ein Deckelkrug, aus dem er hin und wieder einen mäßigen Schluck nahm. Der tapfere Herr sah lange nicht so rüstig und unternehmend aus, wie einige Wochen früher; die frische Röte seines Gesichts war ganz verblichen, und auf seiner Stirn hatten heftige Schmerzen ihre unverkennbaren Furchen gezogen. Es war ihm auch schlecht ergangen, denn er war wieder einmal seinem grimmigsten, unversöhnlichsten Feinde erlegen, der ihn aus tückischem Hinterhalt zu überfallen pflegte, wenn er am wenigsten an ihn dachte, und seine Tage bei Jagden und Waffenspielen, die halben Nächte bei frohem Becherklang durchschwärmt hatte. Das war die Gicht, die ihn dann überwältigte und in schwere Fesseln schlug, und gegen diesen Feind half keine Tapferkeit und kein Schwert, sondern nur Geduld und stilles Aushalten, im Verein mit den Tränkchen und Kräuterbädern seiner Hausfrau, die sich auf die Bereitung von Arzeneien trefflich verstand. Neben dem Ritter saß Frau Kunigunde mit einer Arbeit in den fleißigen Händen, und um die Eltern tummelten sich in heiterem Spiel Ulrich und Irmgard. Die Kleine hatte sich seit dem Winter erfreulich entwickelt, sie lief sicher umher, die dunklen Augen glänzten vor Vergnügen, die aschblonden Löckchen ringelten sich üppig um das zarte Gesicht, das immer noch eine auffallende Blässe zeigte. Zwischen den Geschwistern bestand eine zärtliche Liebe, welche Ulrich zum gehorsamen Diener des kleinen Fräuleins machte. Sobald seine Lehrstunden beendet waren, die Pater Benedikt mit großem Ernst abhielt, eilte er zu Irmgard und suchte sie in jeder Weise zu unterhalten; wenn aber einmal der gestrenge Lehrmeister den Unterricht über die Gebühr ausdehnte, so klopften ein paar weiche Händchen an die Thür der Bücherei, und der ungeduldige Ruf: „Ulli, Ulli!“ schallte im Gange wieder.
Eine Schwalbe hielt in ihrem Fluge still, duckte sich auf der steinernen Brustwehr nieder und schaute mit den klugen Äugelein die Kinder an. Irmgard lief jauchzend auf sie zu und streckte die Hände aus — im Nu war der Vogel verschwunden. „Greif ihn, Ulli,“ rief sie eifrig, „ich will ihn haben!“
„Viel verlangt, mein weißes Röslein,“ sagte er lachend, „gieb mir Flügel, um mich in die Luft zu heben, auf zwei Füßen holt man die Vögel nicht ein.“
„Greif ihn mir!“ bat sie dringender, und als er vor ihr niederkniete und ihr sagte, daß er zu ungeschickt dazu sei, faßte sie in seine blonden Locken und zauste so wacker darin, bis sie die Händchen voll goldener Fäden hatte. Er ließ es sich ohne einen Schmerzenslaut gefallen. „Ich will ein Netz aufstellen, kleine Herrin,“ sagte er begütigend, „morgen sollst du den Vogel haben.“
Mit behaglichem Lächeln hatte Herr Werner den beiden eine Weile zugesehen, jetzt versank er in ein tiefes Brüten. „Was sinnt Ihr, lieber Herr?“ fragte Frau Kunigunde nach längerer Pause, „Ihr seht nicht froh aus, schmerzt Euer Fuß Euch wieder?“
„Nein, das nicht,“ erwiderte er, „aber das lange Stillsitzen erzeugt allerlei schwere Gedanken. Wenn ich diese alte Burg ansehe, die nun bald vierhundert Jahre auf dieser Stelle steht, und in der eine lange Reihe von Maltheims aus- und eingegangen ist, so muß ich mich fragen, ob auch nach mir alles bleiben wird, wie es ist, und ob nach weiteren vierhundert Jahren noch eine Spur meines Geschlechtes übrig sein wird. Denn es ist eine böse Zeit angebrochen; vieles, was wir von den Vätern überkommen haben, fängt an zu wanken, und das Neue will mir nicht gefallen.“
„Aber es ist nicht immer so gewesen, lieber Herr? gerade diese Burg kann es Euch lehren, das jedes Geschlecht neue Bedürfnisse hat und seinem eignen Sinne folgt. Pater Benedikt hat mir erst kürzlich aus alten Chroniken bewiesen, daß fast jeder Inhaber den Bau in einzelnen Teilen umgestaltet hat, denn was dem Großvater noch ausreichend erschien, das war dem Enkel nicht mehr schön und bequem genug. Wenn jener Ritter von Maltheim und Buchenbühl, der den Ruhm seines Namens so herrlich leuchten ließ, heute wiederkehrte, glaubt Ihr, er fände nicht vieles anders, als er es verlassen hat; meint Ihr, er würde sich nicht wundern über die Ansprüche seiner Nachkommen, die ihre Fenster mit Glas verkleiden und das Feuer in Kachelöfen sperren, damit es besser wärme?“
„Pater Benedikt macht dich ja gewaltig klug, Gundel; ich muß wirklich Respekt vor die haben,“ meinte der Ritter mit gutmütigem Spott. „Ihr mögt auch wohl beide recht haben, — dennoch, wenn ich Ulrich ansehe, so weiß ich, daß er anders geartet ist, als ich oder mein Vater. Er gleicht mehr den Männern deiner Sippe, unter denen mancher geistliche Herr und Gelehrte war. Ja, wenn mein Friedrich noch lebte — der wäre wohl ein echter Maltheim geworden! Hat er doch, so jung er war, sein Leben im ritterlichen Kampfe eingebüßt.“
In Frau Kunigundens Seele stieg eine eifersüchtige Regung auf; sie liebte die Erinnerung an diesen Friedrich nicht, welcher ein Sohn aus des Ritters erster Ehe gewesen war. Erst nach seinem Tode hatte Herr Werner den zweiten Ehebund mit der bedeutend jüngeren Frau geschlossen, welche anfangs schwere Tage verlebt hatte. Denn sie fand eine erwachsene Tochter vor, die es gewohnt gewesen war, als Herrin auf der Burg zu gebieten, und die sich nur widerwillig der Stiefmutter beugte, welche wenig älter war als sie selbst. Es hatte sich zwischen den beiden Frauen kein freundliches Verhältnis herstellen wollen; beide hatten sich unglücklich gefühlt, und als der kecke Junker Veit von Rotenhahn um Fräulein Walburg geworben, hatte sie ihm freudig ihr Jawort gegeben, obgleich er nur ein heimatloser Abenteurer war, der nirgend ein Fleckchen Erde sein eigen nannte, sondern von einem Fürstenhof zum andern zog, um seine Dienste anzubieten. Der Ritter von Maltheim hatte zuerst die Ehe nicht zugeben wollen, aber die eigenwillige Tochter hatte ihm seine Zustimmung halb abgeschmeichelt, halb abgetrotzt; die Hochzeit ward gefeiert, und das junge Paar zog von dannen. Seit manchem Jahr hatte der Vater nichts von Walburg gehört, und Frau Kunigunde hoffte im stillen, die störrische Hausgenossin nie wiederzusehn.
„Komm her, Ulrich,“ sagte der Ritter, als Irmgard mit ihrer Wärterin verschwunden war, „ich hab mit dir zu reden. Hast du schon einmal ernstlich bedacht, Knabe, daß du der Erbe eines alten, herrlichen Namens bist, und daß es deine heilige Pflicht ist, dich deiner glorreichen Ahnen wert zu zeigen?“
Ulrich sah eine Weile sinnend vor sich hin, dann hob er den Blick mit tiefem Ernst empor.
„Kann man nur mit dem Schwert den Ruhm erwerben, Herr Vater? und giebt es für einen Edelmann nichts zu thun, als Schlachten zu schlagen?“
Der alte Ritter sah seinen Sohn ganz verblüfft an. „Wunderliche Frage!“ brummte er, „wie willst du dich denn auszeichnen, wenn nicht durch Tapferkeit, und wo willst du Ruhm erwerben, wenn nicht auf dem Schlachtfelde? Sieh doch die Reihe unserer Vorfahren an, haben sie nicht alle als Krieger und Helden geglänzt? Alle haben treu zu ihrem Kaiser gehalten und wacker auf seine Feinde — oder ihre eigenen — losgeschlagen; ich selbst habe im Gefolge meines tapfern Herrn, des Markgrafen, wohl hundert Fehden ausfechten helfen, und man hat mich deshalb oft das Schwert des Achilles genannt, — wo findest du ähnlichen Ruhm? Willst du ein Pfaffe werden und nach Inful und Krummstab, oder gar nach Sankt Peters Stuhl trachten?“
„Nein, Vater,“ versetzte Ulrich, „ein Priester möchte ich nicht werden, und eine Kutte will ich nicht tragen. Aber ich möchte etwas thun, um die Menschen besser und glücklicher zu machen, um die Gerechtigkeit zur Geltung zu bringen und die Wehrlosen gegen die Gewalt der Mächtigen zu schützen. Pater Benedikt hat mir von den großen Universitäten zu Padua und Bologna erzählt, wo man lernen kann, was Recht und Unrecht ist; das möchte ich studieren und dann die Fürsten beraten, damit Mord, Brand und Fehde aufhöre, und aller Streit fortan friedlich geschlichtet werde.“
In sprachlosem Erstaunen hatte Herr Werner dem Knaben zugehört, der mit leuchtenden Augen vor ihm stand; dann brach er zornig los: „Also solche Hirngespinste setzt dir Pater Benedikt in den Kopf? Thörichtes Geschwätz von Friede und Gerechtigkeit — das Recht ist immer auf Seiten des Stärkeren gewesen und wird es bleiben, solange die Erde steht. Meinst du, der Krieg solle fortan mit Tinte und Feder geführt werden, statt mit klingenden Waffen und frischem Dreinschlagen? Heiliger Georg, bewahre mich vor solch einer faulen Welt! — ich will nichts mit ihr zu schaffen haben, und ich hoffe, es wird auch im Paradiese noch Feinde geben, denen ich mit meinem guten Schwert zu Leibe gehen kann. Es ist Zeit, daß ich dich von der Leitung des Pfaffen befreie, er hat schon zu sehr jeden ritterlichen Funken in dir erstickt — Heiliger Kilian! muß mein einziger Erbe an adliger Gesinnung hinter dem Sohne eines Krämers zurückstehen?“
Besänftigend legte Frau Kunigunde die Hand auf den Arm ihres Gatten. „Erzürnt Euch nicht so sehr über seine kindischen Gedanken,“ sagte sie bittend, „Ihr schadet Euch, lieber Herr. Ulrich ist ja noch so jung; in seinem Kopf spiegeln die Dinge sich anders, als in Eurem erfahrnen Blick, und er spricht wohl nur nach, was ihm der Pater vorgesagt hat. Laßt ihn nur verständiger werden, dann werdet ihr sicher Freude an ihm erleben.“
Des Ritters Gesicht zuckte in heftigem Schmerz. „Mein Fuß, mein Fuß!“ stöhnte er, „o wie das bohrt und mich peinigt, als säßen lauter boshafte Teufel darin! Geh mir aus den Augen, Knabe, deine abgeschmackten Reden haben mich krank gemacht!“ Er lehnte sich bleich und matt in seinen Stuhl zurück; schweigend verließ Ulrich den Altan.
Frau Kunigunde eilte ihrem Ehegemahl mit den gewohnten Linderungsmitteln zu Hilfe und blieb bei ihm, auch, nachdem er sich von seinem Anfall erholt hatte, obgleich ihr Herz sie unbeschreiblich zu ihrem Knaben zog. Wie gern hätte sie ihn in ihre Arme genommen und getröstet, wie gern ihm ganz leise zugeflüstert, daß sie immer stolz auf ihn sein wolle, auch wenn er kein blutdürstiger Kriegsheld, sondern ein Apostel des Friedens und der Gerechtigkeit würde! Stammte sie doch selbst, wie ihr Gatte zuweilen mit einiger Geringschätzung hervorhob, aus einem friedliebenden Hause, das von jeher Kunst und Wissenschaft gepflegt hatte, warum sollte sie traurig sein, wenn ihr Sohn die besten Eigenschaften ihrer Sippe erbte? —
Walburgs Heimkehr.
⇒
GRÖSSERES BILD
Von der Zugbrücke her erscholl jetzt Pferdegetrappel und Rollen von Rädern; bald darauf trat der alte Hausmeister aus der Halle. „Edler Herr, ich melde ehrenwerte Gäste: Junker Veit von Rotenhahn mit seiner Gemahlin und seinen Kindern wünscht Euch zu begrüßen.“
Frau Kunigunde legte die Hand aufs Herz, das plötzlich stillzustehen schien. Walburg hier? all ihr Glück und häusliches Behagen drohte mit einem Schlage in einen tiefen Abgrund zu versinken. Der Ritter richtete sich lebhaft auf. „Meine Tochter? hat der gütige Himmel sie wieder zurückgeführt? Geh, Daniel, und geleite sie zu mir, ich kann ihr ja nicht entgegengehn, — und du, liebes Weib, eile, die unverhofften Gäste willkommen zu heißen.“
Mühsam faßte die Hausfrau sich so weit, um zu thun, was ihr Gatte und ihre Pflicht geboten, aber schon standen die Ankömmlinge in der Halle, und ohne der Mutter zu achten, stürmte Walburg, an jeder Hand einen Knaben, an ihr vorüber. „Mein teurer Vater!“ rief sie, indem sie neben dem Sessel des alten Herrn auf die Kniee sank, „da bin ich wieder daheim! segnet Eure Tochter und Eure Enkel, die sich von Herzen gesehnt haben, Euer geliebtes Antlitz zu schauen und Eure Hände zu küssen!“
Herr Werner war sehr gerührt durch diese gefühlvolle Anrede, er umarmte Walburg und küßte die Knaben, zwei stämmige Burschen von acht und zehn Jahren, welche etwas verdutzt dreinschauten und sich bei dieser zärtlichen Scene offenbar sehr unbehaglich fühlten. Walburg überströmte den Vater mit einer Flut von Versicherungen, wie schmerzlich sie ihn all diese Jahre hindurch vermißt habe, wie glücklich sie sei, wieder als Kind im Vaterhause leben zu dürfen, wie traurig es sie mache, ihn so krank und hinfällig zu finden, wie sie aber alles aufbieten wolle, um ihn zu pflegen und zu erheitern.
Mittlerweile hatte Frau Kunigunde den Junker Veit begrüßt, dessen räuberartiges Aussehen ihr einen neuen Schrecken einflößte. Auf der übermäßig schlanken Gestalt saß ein Kopf, dessen wachsgelbes Gesicht mit den kleinen, unheimlich funkelnden Augen und dem rabenschwarzen Zwickelbart einen fast dämonischen Eindruck machte. Seine Kleidung war ritterlich, trug aber unverkennbare Spuren langen Gebrauchs: die Halskrause hing welk und matt über das arg verschossene, rote Samtwams herab, der kurze Mantel zeigte manchen Riß, der nur unvollkommen geflickt war, und die Federn des Baretts senkten sich, wie geknickte Blumen, traurig hernieder. Auch Frau Walburgs Anzug zeigte nur noch Überreste ehemaligen Glanzes; das Kleid war von kostbarem Stoff, aber stark abgetragen, und in der Pelzverbrämung ihres Überwurfs schienen die Motten manches ungestörte Fest gefeiert zu haben. Sie sah viel älter aus, als ihre Stiefmutter, und so holdselig sie jetzt auch lächelte, so waren doch in ihren Zügen die Spuren von Leidenschaft und Trübsal unschwer zu erkennen.
Nachdem die ersten Begrüßungen vorüber waren, sagte Frau Kunigunde, sie wolle nun gehen, um den Reisenden Imbiß und Nachtlager zu bereiten, zuvor aber bat sie den Gatten, sich von ihr in die Halle führen zu lassen, damit die kühlere Luft ihm keinen Schaden thäte. „Geht nur an Eure Geschäfte, Frau Mutter,“ rief Walburg eifrig, „wir wollen für des geliebten Vaters Bequemlichkeit schon sorgen; es soll ihm sicher an nichts fehlen, nun ich wieder zu Hause bin.“ Der Ritter nickte ihr freundlich zu und nannte sie sein gutes, treues Kind; Frau Kunigunde aber ging mit einem bittern Gefühl von dannen. Kaum eine Stunde war Walburg im Hause, und schon suchte dieselbe sie aus ihren heiligsten Rechten und Pflichten zu verdrängen; durfte sie das dulden, mußte sie nicht vom ersten Augenblick an ihr gutes Recht als Gattin und Hausfrau verteidigen? Aber dann gab es Zank und Streit ohne Ende, vor dem ihr friedliebender Sinn zurückschreckte, — nein, lieber wollte sie eine Weile in der Stille dulden und jede Pflicht der Gastlichkeit erfüllen; vielleicht befreiten die Heiligen sie dann eher von den lästigen Gästen. Sie beugte einen Augenblick das Knie vor dem Muttergottesbild in ihrem Gemach, benetzte Stirn und Brust mit geweihtem Wasser und ging mit besserem Mut an ihre häuslichen Anordnungen.