Robert Bontine
Enßlins Mark-Bände.
In derselben Ausstattung wie der vorliegende Band erschienen
in demselben Verlage:
| Band | |
| 1: | Leben. Preisgekrönter Münchner Roman. Von C. Camill. |
| 2: | Theaterkinder. Roman von L. Pany. |
| 3: | Der goldene Schatten. Roman von L. T. Meade. |
| 4: | Gib mich frei! Roman von H. Courths-Mahler. |
| 5: | Die Bettelmaid. Roman von J. Fitzgerald Molloy. |
| 6: | Sein Recht. Roman von E. Fischer-Markgraff. |
| 7: | Eigenart. Roman von C. von Ende. |
| 8: | Auf eignen Füßen. Roman von K. Krehmcke. |
| 9: | Soldatentöchter. Offiziergeschichten von Christa Hoch. |
| 10: | Die Erbin. Roman von H. Köhler. |
| 11: | Das Recht auf Glück. Roman von H. Gréville. |
| 12: | Der Scharlachbuchstabe. Roman von N. Hawthorne. |
| 13: | Jessika von Duden u.~a. Novellen. Von G. Genzmer. |
| 14: | Die goldene Stadt. Roman von L. vom Vogelsberg. |
| 15: | Freie Menschen. Roman von Thé von Rom. |
| 16: | Vom Baum der Erkenntnis. Roman von H. Hessig. |
| 17: | Ebba Hüsing. Roman von Willrath Dreesen. |
| 18: | Des Andern Ehre. Roman von H. Courths-Mahler. |
| 19: | Sulamith. Roman von A. und C. Askew. |
| 20: | Irrende Seelen. Roman von V. Luzická. |
| 21: | Mandus Frixens erste Reise. Von E. G. Seeliger. |
| 22: | Der Herzbruchhügel. Roman von H. Vielé. |
| 23: | Die Kosaken. Erzählung von Leo A. Tolstoj. |
| 24: | Viktoria. Roman von G. von Mühlfeld. |
| 25: | Nordnordwest. — Die beiden Friesen. Zwei Inselgeschichten. Von Ewald Gerhard Seeliger. |
| 26: | Hilde Schott. Roman von Adolf Gerstmann. |
| 27: | Waldasyl. Roman von Johanna Klemm. |
| 28: | Was Gott zusammenfügt ... Roman von H. Courths-Mahler. |
| 29: | Aus dämmernden Nächten. Roman von Anny Wothe. |
| 30: | Kajus Rungholt. Roman von Charlotte Niese. |
| 31: | Der verkaufte Kuß. Roman von Alwin Römer. |
| 32: | Durch Sturm und Not. Roman von J. Gräfin Baudissin. |
| 33: | Ich will vergelten. Roman von Ellen Svala. |
| 34: | Haus Schottmüller. Roman von August Niemann. |
| 35: | Robert Bontine. Roman von C. Andrews. |
| Vom 1. August 1914 an erscheinen in monatlichen Zwischenräumen: | |
| 36: | Käthes Ehe. Roman von H. Courths-Mahler. |
| 37: | Herbstgewitter. Roman von Anna Behrens. |
| 38: | Das arme Glück. Roman von L. vom Vogelsberg. |
| 39: | Die Karsteins. Roman von H. Lang-Anton. |
| 40: | Von fremden Ufern. Roman von Anny Wothe. |
| Die Sammlung wird fortgesetzt. | |
| Preis jedes Bandes: 1 Mark oder 1 Krone 20 Heller oder 1 Fr. 35 Centimes oder 60 Kopeken. | |
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Robert Bontine
Roman
von
C. Andrews
Autorisierte Übersetzung von Marie Schultz
1. bis 12. Tausend
Reutlingen
Enßlin & Laiblins Verlagsbuchhandlung
Nachdruck verboten.
Alle Rechte vorbehalten.
Übersetzungsrecht vorbehalten.
Printed in Germany
Inhaltsverzeichnis
| Seite | ||
| Kapitel | 1. | [5] |
| Kapitel | 2. | [21] |
| Kapitel | 3. | [35] |
| Kapitel | 4. | [48] |
| Kapitel | 5. | [59] |
| Kapitel | 6. | [71] |
| Kapitel | 7. | [83] |
| Kapitel | 8. | [91] |
| Kapitel | 9. | [101] |
| Kapitel | 10. | [113] |
| Kapitel | 11. | [126] |
| Kapitel | 12. | [138] |
| Kapitel | 13. | [152] |
| Kapitel | 14. | [165] |
| Kapitel | 15. | [175] |
| Kapitel | 16. | [189] |
| Kapitel | 17. | [203] |
| Kapitel | 18. | [213] |
| Kapitel | 19. | [224] |
| Kapitel | 20. | [240] |
| Kapitel | 21. | [256] |
| Kapitel | 22. | [265] |
| Kapitel | 23. | [283] |
| Kapitel | 24. | [298] |
| Kapitel | 25. | [309] |
1.
s schien, als ob das Gewitter sich in wenigen Minuten zusammengezogen hätte. Den ganzen Tag war das Wetter wunderschön gewesen, warm und sonnig. Es war schwer zu entscheiden, ob der Himmel oder das Meer tiefer blau sei, — an ersterem zeigte sich kaum ein Wölkchen, auf der Meeresfläche kaum eine schaumgekrönte Welle. Dann war plötzlich die Sonne verschwunden, große, schwarze Wolkenbänke schoben sich über die zackigen Bergkuppen, hinter denen sie versanken, und See und Himmel waren grau. Ein fahler Blitz zuckte am Horizont auf, ein dumpfes Donnerrollen unterbrach die schwüle Stille, und schwere Regentropfen begannen zu fallen. Sie rauschten schneller und schneller hernieder, und der Wind erhob sich in heulenden Stößen, als freue er sich des gestörten Friedens in der Natur.
»Das ist angenehm! Im Umkreis einer Meile allem Anschein nach keine menschliche Behausung, und dabei ein Gewitter! Sehr angenehm in der Tat!«
Bei diesen laut gesprochenen Worten blieb der, der sie sagte, stehen, um den Kragen seines leichten Oberrockes in die Höhe zu schlagen. Auf der breiten, ebenen Fläche, die sich vom Rande der Klippen herüberzog, war kein lebendes Wesen außer ihm zu erblicken, noch irgendein Gebäude, das ihm Obdach hätte gewähren können.
Er beugte den Kopf tiefer, als ihm der Wind den Regen ins Gesicht trieb, und eilte schnelleren Schrittes auf dem unebenen Fußpfade, den er seit einer Stunde verfolgt hatte, weiter. Aber sein Fuß zauderte plötzlich, als ob der Donner, der über seinem Haupte krachte, ein Schuß gewesen wäre, der unmittelbar an seinem Ohre abgefeuert worden.
»Kehren Sie um!« rief eine Stimme laut hinter ihm. »Sie finden weit und breit kein Obdach und werden bis auf die Haut durchnäßt werden! Hierher! Schnell!«
Der Angeredete wandte sich jäh um. Eine kleine Strecke hinter ihm, ungefähr in der Mitte zwischen dem Fußweg und dem steil abfallenden Rande der Klippe, stand eine weibliche Gestalt neben einigen hohen Ginsterbüschen und Farnkraut. Als er einen Augenblick stehen blieb und sie schier verwundert anstarrte, winkte sie ihm gebieterisch mit der Hand.
»Schnell!« rief sie ungeduldig. »Ich werde sonst auch noch naß! Beeilen Sie sich, der Regen wird bald noch schlimmer werden als jetzt.«
Er lief über den kurzen, schlüpfrigen Rasen, ihrem herrischen Befehle folge gebend. Als er bei ihr anlangte, versank sie plötzlich und verschwand unter dem nassen Gestrüpp.
»Kommen Sie herein!« klang es jetzt in dumpfem Tone aus der Tiefe herauf. »Seien Sie vorsichtig — es kommen drei Stufen. Aber fallen können Sie nicht.«
Er schob die Blätter beiseite und folgte ihr. Ein Lichtschein, der zu hell war, als daß er durch das Laub hätte fallen können, zeigte ihm das kleine höhlenähnliche Loch in der Klippe, in das er auf diese Weise Zutritt erlangt hatte, und die drei unebenen Felsstufen, neben denen sie stand. Er war ein hochgewachsener Mann und mußte sich deshalb bücken, um nicht gegen das niedrige Dach zu stoßen, während er vorsichtig hinabstieg. Sie lachte.
»Es ist nicht sehr hübsch hier unten,« meinte sie, »aber es ist doch dem Naßwerden vorzuziehen. Geben Sie mir lieber die Hand, sonst möchten Sie straucheln — der Boden ist so uneben. Warten Sie einen Augenblick! Hören Sie nur, wie es regnet! Ich wußte, daß es noch schlimmer werden würde.«
Sie hatte recht gehabt. Der Regen rauschte in Strömen herab und prasselte auf den Felsen nieder. Aufhorchend wandte er seiner Gefährtin das Gesicht zu, aber er konnte das ihre kaum in schwachen Umrissen erkennen. Der helle Lichtschein, der von unten kam, fiel nur bis auf die Hand, mit der sie die seinige ergriffen hatte.
»Kommen in dieser Gegend die Gewitter immer so plötzlich zum Ausbruch?« fragte er.
»Sehr oft. Es ist das eine Spezialität von Rippondale. Aber ich kenne die Vorboten und konnte deshalb Schutz suchen. Sie sahen mich nicht — nicht eher?«
»Erst als Sie mich anriefen.«
»Das dachte ich mir; aber ich sah Sie und wartete am Eingang, um Sie hereinzurufen, aber das erstemal hörten Sie mich nicht. Hierher! Treten Sie dorthin, wohin ich trete, so werden Sie nicht ausgleiten.«
Ihre Hand, die kühl und naß vom Regen war, umschloß die seine, und er schritt vorsichtig hinter ihr die schmale, abschüssige Senkung hinunter, an der sie ihn entlangführte. Mit jedem Schritte wurde der Lichtschein heller und das murmelnde Plätschern der Wellen am Fuße der Klippe vernehmlicher. Nach einer Minute etwa ließ sie seine Hand los.
»Nicht weiter!« sprach sie ruhig. »Wie ich schon sagte, ist es kein besonders anziehender Zufluchtsort, aber er ist mir schon oft von Nutzen gewesen.«
Der abschüssige Gang mündete in eine natürliche Höhle, die sich so groß wie ein kleines Zimmer in der Vorderwand der Klippe befand. Mit einem belustigenden Blick in das Gesicht des Gefährten, das sie jetzt erst deutlich sah, setzte sich das Mädchen gelassen auf einen flachen Vorsprung der Felswand nieder, der groß und niedrig genug für den Zweck war.
»Sie haben sich wohl gewundert, wohin ich Sie führte, nicht wahr?« meinte sie.
Er schien ihre Frage nicht zu hören. Er hatte sich der Öffnung der Höhle genähert und blickte nach unten. Eine dicht von Schlingpflanzen überwucherte Felsplatte sprang etwa vier oder fünf Fuß vor, dann fiel die Klippenwand senkrecht ins Meer hinunter. Ein Schauder überlief ihn, als er auf die wogende Wasserfläche herniedersah, und er trat aus dem Bereich des herabströmenden Regens zurück.
»Sie haben sich einen gefährlichen Zufluchtsort gewählt,« sagte er. »Gefährlich?« gab sie zurück.
»Freilich. Im Falle eines Sturzes von hier oben —«
»O, eines Sturzes!«
Sie zuckte die Achseln. »Daran habe ich nie gedacht,« meinte sie gleichgültig. »Ich werde doch nicht so nahe herangehen, daß ich hinabstürzen könnte.«
»Absichtlich vermutlich nicht. Aber,« beharre er, »ein Sturz von hier oben würde den Tod bedeuten.«
»Ganz ohne Zweifel. Aber dasselbe ließe sich bei vielen anderen Stellen der Klippen behaupten. Die Felswände sind fast überall furchtbar steil. Es ist schon die Rede davon gewesen, den Klippenpfad durch ein Geländer zu schützen, glaube ich; aber der Plan ist wieder aufgegeben worden. Vielleicht ist es auch kaum nötig, denn die Eingeborenen kennen jeden Schritt und Tritt des Weges, und Fremde, wie Sie, sind eine seltene Erscheinung.«
»Sie wissen also,« sagte er langsam, »daß ich hier fremd bin?«
»Freilich. Erstens kenne ich Sie nicht, zweitens fragten Sie mich, ob unsere Gewitter sich immer so plötzlich zusammenzögen.«
»Und drittens — wußte ich nichts von diesem Ihrem Zufluchtsort,« ergänzte er.
»Das sagt nichts, denn wenige Leute kennen ihn, — ich glaube, kaum irgend jemand. Ich selbst habe ihn ganz zufällig entdeckt.«
»So?«
»Ja. Eines Tages hatte ich einen Hund bei mir, und er verschwand in dem Ginstergebüsch, das den Eingang verdeckt. Er muß wohl die Stufen herabgesprungen oder heruntergerutscht sein und konnte sich nicht wieder herausfinden. Ich rief und wartete, und schließlich hörte ich ihn bellen und leise winseln. Da fand ich das Loch und bahnte mir einen Weg hinunter.«
»Und so entdeckten Sie die Höhle?«
»Ja, und ich rief Sie herein, weil ich wußte, daß Sie bis auf die Haut durchnäßt sein würden, ehe Sie St. Mellions erreichten.«
»Ja, ich war auf dem Wege nach St. Mellions.«
Sie verriet durch ein leichtes Neigen des Kopfes, daß sie ihn gehört habe, antwortete aber nicht. Sie wandte das Haupt und blickte in den grauen Himmel, auf die graue See, den strömenden Regen und die flammenden Blitze hinaus und gewährte ihm so Gelegenheit, sie ungestört zu mustern.
Sie war über Mittelgröße, ohne doch groß zu sein; ihre kaum voll entwickelte Gestalt war biegsam und anmutig; ihr dunkles Sergekleid war so schlicht und einfach, wie ein Kleid nur sein konnte. Dem Beobachter fiel das dicke, lockige kastanienbraune Haar auf, die Schwärze der Brauen und der langen, gebogenen Wimpern, das dunkle, bläulich schimmernde Grau der großen, glänzenden irischen Augen, die schneeige Weiße ihrer Haut und der schöngeschwungene kleine herrische Mund.
Sein Urteil lautete, daß sie schön, daß sie sicherlich stolz und wahrscheinlich von heftigem Temperamente war, und er zerbrach sich den Kopf darüber, wer sie wohl sein möge. Hätte sie ihn angeschaut, wozu sie keine Neigung zu verspüren schien, so würde sie einen Mann gesehen haben, der dreißig Jahre alt sein mochte, dessen sehnige, aufrechte Gestalt auf große Energie und Kraft schließen ließ, dessen sonnengebräunte Haut einen wunderlichen Gegensatz zu seinen blonden Haaren und seinem spitzgeschnittenen Vollbart bildete, dessen Züge weder besonders hübsch noch besonders unschön waren, und dessen Äußeres durch die festgeschlossenen Lippen und ein Paar ruhigblickende, kalte blaue Augen nicht anziehender wurde.
Er seinerseits hatte schnell genug wahrgenommen, daß sie ohne allen Zweifel eine Dame sei, obgleich ihm der Schnitt ihres Kleides das nicht verriet. Sie ihrerseits war durchaus nicht sicher, ob sie ihn für einen Gentleman halten solle. Eine gewisse kurze Brüskheit des Benehmens, — zu unbewußt, um als ungezogen zu gelten, — war den Männern nicht eigen, mit denen täglich zu verkehren ihr Los war. —
Der Donner krachte, die Blitze zuckten, der Regen rauschte hernieder und füllte die Pause aus, die beiden schnell peinlich zu werden anfing. Das junge Mädchen machte eine unruhige Bewegung; sie wollte nicht verraten, daß sie sich der verstohlenen Musterung des Fremden bewußt sei. Sie nahm den Matrosenhut ab, der die losen kastanienbraunen Löckchen, die sich auf ihrer weißen Stirn ringelten, verdeckt hatte.
»Es ist unerträglich warm!« meinte sie ungeduldig. »Und dabei sind wir erst in der ersten Hälfte des Juni. Mitte August ist es sonst nicht schlimmer!«
»Und ich habe Mitte August Frost erlebt,« gab der Mann ruhig zurück.
»Frost?« Sie warf ihm einen schnellen, ungläubig fragenden Blick zu. »Aber nicht in diesem Teile Englands,« erklärte sie sehr entschieden.
»Überhaupt nicht in England. Ich spreche von Australien.«
»O!« Sie musterte ihn wieder mit ehrlichem Interesse. »Daher kommen Sie also?«
»Ich bin vor drei Tagen gelandet.«
Er begegnete ihrem Blicke und lachte matt.
»Es war ein merkwürdiges Gefühl — ich werde es niemals vergessen: mir war zumute, als sei ich aus den Wolken auf die Erde niedergefallen.«
»Weil Ihnen alles so fremd vorkam?«
»Wohl zum Teil, aber mehr noch, weil es in dem ganzen Lande kein Wesen gibt, das ich kenne.«
»O!«
Die Worte machten ihre schnell gefaßte Vermutung zunichte.
»Sie haben also keine Verwandten hier?«
»Ich habe nirgends Verwandte, — die ich kenne.« Er stockte seltsam in der Mitte des Satzes, und sein Lächeln war verschwunden. »Sie glaubten vermutlich, ich ginge nach St. Mellions, um sie aufzusuchen?«
»Nein, denn wenn irgend jemand in St. Mellions einen Verwandten in Australien hätte, so würde ich davon gehört haben. Aber da Ihnen ganz England neu ist, so ist es eigentlich wunderlich, daß Sie sich zuerst einen so weltentlegenen Winkel ausgesucht haben. Ich fürchte, Sie ahnen nicht, wie langweilig es hier ist.«
»Das glaube ich gern. Aber ich hatte keine Wahl in der Sache.«
»So?« Unwillkürlich blickte sie ihn wieder neugierig an. »Dann sind Sie nicht zu Ihrem Vergnügen hergekommen?«
»Zu meinem Vergnügen!« Er lachte bitter. »Nein — in Geschäften!«
Sein Ton war so schroff und abweisend, daß sie ihr Gesicht fast beleidigt abwandte und verstummte. Sie blickte wieder in das graue Landschaftsbild und den Regen hinaus und nagte verstimmt an der Lippe.
Der andere, der sich seines Vergehens anscheinend nicht bewußt war, hub wieder an:
»Da Sie hier so gut Bescheid wissen, können Sie mir vielleicht sagen, wie weit es noch bis St. Mellions ist?«
»Ungefähr eine Viertelstunde.«
Sie sprach sehr kurz zu ihm.
»Weiter nicht? Und doch konnte ich keine Spur von Häusern erblicken.«
»Das liegt an der Beschaffenheit des Bodens.« Vielleicht hatte er sie gar nicht beleidigen wollen. Bei dieser Erwägung wurde sie wieder fast liebenswürdig und setzte ihm auseinander, daß das Dorf in einer Talmulde läge.
»Der Ort ist hoffentlich nicht so klein, daß er kein Wirtshaus hat?«
»Nein — sogar zwei.«
Sie blickte wieder seewärts und fuhr in verändertem Tone fort: »Wir werden nicht mehr lange gefangengehalten werden: die Wolken teilen sich, der Regen wird gleich vorüber sein.«
Sie hatte recht, denn wenige Minuten später schien die Sonne, und Meer und Himmel waren blau. Wie sie ihm in die Höhle vorangegangen war, so übernahm sie auch jetzt wieder die Führung den abschüssigen Gang und die drei Felsenstufen hinauf, durch das dichte Ginstergestrüpp, das den Eingang verbarg, bis sie wieder auf der Klippe oben standen. Hier nahm der Fremde ernst den Hut ab und verneigte sich vor ihr. Sie hatte ihm diesmal nicht die Hand gegeben.
»Noch einmal tausend Dank,« sprach er. »Sie gehen, — entschuldigen Sie, — nicht denselben Weg wie ich?«
»Nein.«
Sie lächelte, und in ihren grauen Augen blitzte es schelmisch auf. »Dorthin führt mein Weg,« sagte sie leichthin und deutete schräg über die Halde auf eine dichte Baumgruppe, »und Sie können den Ihren nicht verfehlen. Geradeaus! Adieu!«
»Einen Augenblick, bitte! Ich fürchte, ich habe einen Verstoß begangen. Wenn das der Fall ist, so müssen Sie das, bitte, meinem Leben in Australien zugute halten. Ich habe Ihre Güte angenommen und müßte Ihnen sicherlich meinen Namen nennen.«
»Das steht ganz in Ihrem Belieben,« antwortete sie lächelnd.
»Dann will ich es tun. Ich heiße Everard Leath.«
»Danke, Herr Leath.«
Daß er ihr seinen Namen genannt hatte, in der Hoffnung, sie werde jetzt ein gleiches tun, wußte sie sehr wohl, bereitete ihm aber aus Schelmerei eine Enttäuschung.
»Ich will Ihnen auch etwas sagen. Es gibt zwei Wirtshäuser in St. Mellions. Gehen Sie nicht in den Schwarzen Adler — die Schlafzimmer sind dort feucht. Begeben Sie sich in die Chichester Arms, die den gewissenhaftesten Eigentümer und die beste aller Wirtinnen haben.«
»Vielen Dank. Ich werde Ihren Rat befolgen.«
Wohl wissend, daß sie ihn hatte abblitzen lassen, machte er noch einen Versuch — diesmal einen direkten. — »Wollen Sie Ihrer Freundlichkeit nicht die Krone aufsetzen, indem Sie mich wissen lassen, wem ich zu Dank verpflichtet bin?«
»Wie ich heiße, meinen Sie? O ja! Es ist nur natürlich, daß Sie das gerne wissen möchten — freilich!«
Sie entfernte sich bei diesen Worten immer weiter und raffte geschickt ihre Röcke zusammen, damit sie das regenfeuchte Gras nicht streiften. »Nun, wenn Sie nach den Chichester Arms kommen, so fragen Sie nur Ihre Wirtin.«
Sie huschte über den blitzenden Rasen fast so leicht und schnell wie ein Vogel dahin und blickte sich mit hellem Lachen noch einmal um. Everard Leath schaute ihr einen Augenblick nach, zuckte dann die Achseln, lachte kurz auf und schlug die Richtung nach St. Mellions ein.
Der Abhang, den er hinabsteigen mußte, war so steil, daß der einsame Wanderer fast in die Schornsteine des Dorfes hinabsehen konnte. Er ließ sich von einem Manne im Arbeitskittel, der Wasser aus einem Brunnen schöpfte, zurechtweisen und betrat bald die niedere Gaststube der Chichester Arms.
Die rosige und behäbige Wirtsfrau, die eilfertig zu seinem Empfange herbeikam, führte ihn in ein kleines sauberes Wohnzimmer mit getäfelten Wänden und einer Holzdecke, einem Paar blitzblanker Butzenscheibenfenster, einer Fülle leuchtendroter Geranienstöcke und riesigen kissenbedeckten Windsorstühlen.
Er hatte sich kalten Aufschnitt und Tee bestellt, und nachdem er sich in einem fünfeckigen Schlafzimmer von dem Reisestaub gesäubert hatte, setzte er sich und wartete darauf.
Als er mit der müßigen Neugier, die einem Menschen, der sich an einem fremden Orte befindet, natürlich ist, aus einem der Fenster schaute, sah er einen etwa achtzehnjährigen blonden Burschen vors Haus reiten. Mit schnell erwachtem Interesse in den Zügen wandte er sich an das Mädchen, das gerade die letzten Schüsseln hereinbrachte und auf seinen Tisch stellte, mit der Frage:
»Wissen Sie, wer das ist?«
»Das, gnädiger Herr?«
Das Mädchen steckte ihr blühendes Gesicht durch die Geranien und erhielt sofort einen fröhlichen Gruß von dem Reiter.
»O freilich — das ist Herr Roy!«
»Ah!« Ein Lächeln überflog Leaths ernste Züge. »Das sagt mir nicht viel. Wer mag Herr Roy sein?«
»Er ist Sir Jaspers Sohn, gnädiger Herr. Er ist sein Einziger. Außerdem ist noch Fräulein Cäcilie da.«
»Wie heißt Sir Jasper weiter?«
»Sir Jasper Mortlake, Herr.«
Das Mädchen blickte ihn verwundert an. Jemand, der Sir Jasper nicht kannte, war augenscheinlich in ihren Augen ein Phänomen.
»Sie haben doch sicherlich von ihm gehört?« meinte sie in fast vorwurfsvollem Ton.
»Nein — niemals. Gehört ihm dies Haus?«
»Ach nein, gnädiger Herr! Der Schwarze Adler ist seines. Unser Herr ist Herr Chichester. Wünschen Sie sonst noch etwas?«
Leath hatte weiter keine Wünsche und begann sein Mahl, aber nicht ehe er Roy Mortlake hatte davonreiten sehen und seiner Reitkunst im stillen Beifall gezollt hatte.
Später, als er in einem der großen Stühle saß und seine Zigarre rauchte, klopfte es, und seine rührige Wirtin trat ein, um sich zu erkundigen, ob es ihm geschmeckt habe und wo sie sein Gepäck abholen lassen könne, worauf er ihr sagte, daß es am Bahnhofe in Market Beverley stände.
»Wie weit ist es von hier bis dahin?« fragte er.
»Das kommt auf den Weg an, den Sie einschlagen, gnädiger Herr. Oben auf den Klippen entlang mögen es wohl anderthalb Meilen sein.«
»Den Weg bin ich gekommen.«
Ein plötzlicher Gedanke kam der Wirtin.
»Wenn Sie zu Fuß von Market Beverley gewandert sind, gnädiger Herr, so müssen Sie von dem Gewitter überrascht worden sein!« rief sie.
»Freilich, dort oben auf der Halde. Ah, dabei fällt mir ein, mir ist aufgetragen, Ihnen eine Frage vorzulegen, Frau Buckstone.«
»Eine Frage? Mir, gnädiger Herr?«
»Ja, — von einer Dame, die mir als rettender Engel erschien und mich vor dem Naßwerden bewahrt hat. Es war ordentlich ein Abenteuer.«
Er schilderte in aller Kürze und in belustigtem Tone sein Erlebnis.
»Sie weigerte sich, mir ihren Namen zu nennen, und sagte mir, ich möchte mich an Sie wenden, wenn ich ihn wissen wolle,« schloß er lächelnd, »und fort war sie.«
»War sie hübsch, gnädiger Herr?«
»Hübsch? Freilich — mehr als das. Aber wer war es? Können Sie es sich denken?«
»O ja, gnädiger Herr!« Die Wirtin lächelte ebenfalls. »Darüber kann kaum ein Zweifel sein. Das war natürlich die Gräfin Florence.«
»Gräfin Florence?« Leath wiederholte den Namen mit erstauntem Blick. »Was? Ist die junge Dame verheiratet?«
»O nein. Gräfin Florence Esmond ist die Tochter eines Grafen drüben in Irland, der starb, als sie ein ganz kleines Ding war. Sie ist Sir Jasper Mortlakes Nichte — und wohnt meistens bei ihnen in Turret Court. Sie haben das Schloß vielleicht bemerkt, gnädiger Herr? Es liegt an der anderen Seite der Halde, etwa dreiviertel Stunden von hier.«
»Nein, es ist mir nicht aufgefallen,« antwortete Leath und griff wieder nach seiner Zigarre.
»Das war also Gräfin Florence Esmond!« sprach er halblaut und gedankenvoll vor sich hin, als die geschäftige Wirtin den Tisch abgeräumt und ihn allein gelassen hatte. »Ein merkwürdiger, ungewöhnlicher Name. Eines Grafen Tochter und lebt in Turret Court.«
Er lachte rauh auf, als er aufstand und durch eines der Erkerfenster in den dunkelblauen Abendhimmel hinausblickte. »Es ist ein Glück, daß ich etwas anderes als Narrenpossen im Kopfe habe, sonst könnten mir jene grauen Augen gefährlich werden, fürchte ich!«
Aber er hatte etwas anderes im Kopfe, das ihn beschäftigte, und sein Antlitz wurde düsterer und strenger, als er darüber nachsann. Nicht an Florences graue Augen, noch an die hellbraunen Locken auf ihrer weißen Stirn, noch an ihre schöngeschweiften roten Lippen dachte er. Er begann in dem engen Raume hin und her zu schreiten und beim Gehen vor sich hinzumurmeln.
»Was wohl das Ende sein wird? Wird überhaupt ein Ende kommen? Jetzt, wo ich hier bin, steigen zum erstenmal Zweifel in mir auf, ob — wenn ich nicht mein Wort verpfändet hätte — es nicht verständiger gewesen wäre, ich hätte alles gehen lassen, wie es wollte, und niemals diesen Ort betreten? Mein Plan sah Tausende von Meilen von hier nicht so verwegen, nicht so hoffnungslos aus, wie er mich jetzt dünkt. Soll ich ihn aufgeben, trotz meines gegebenen Wortes wieder gehen?«
Seine Augen flammten plötzlich auf; er ballte seine kräftige Hand. »Bah! Welche Feigheit ist das auf einmal! Ihn aufgeben! Ich will der Wolke gedenken, die meine Jugend verdüstert hat, des Sterbebettes, an dem ich vereinsamt stand, meiner acht Jahre einsamer Arbeit und schweren Ringens, und will nicht den Mut sinken lassen, noch ehe meine Arbeit anfängt!«
Er blieb stehen, um wieder aus dem Fenster zu starren. »Nun, der erste Schritt ist getan. Ich bin hier in Mellions, dessen Name mir fast von meiner Kindheit an vertraut und verhaßt ist. Aber um wieviel näher bin ich jetzt wohl meinem Ziele — wieviel näher daran, Robert Bontine zu finden?«
2.
Das sogenannte getäfelte Zimmer in Turret Court hatte verschiedene Vorzüge, die es erklärlich machten, daß es der Lieblingsaufenthalt der Damen der Familie war. Die bemalten, in die Wände eingefügten Holzplatten waren hervorragende Kunstwerke; die bis auf den Boden hinabgehenden Glastüren führten auf eine von Schlinggewächsen berankte Veranda, vor der sich gleich einem grünen Sammetteppich ein herrlicher, von prangenden Blumenbeeten und üppigem Gesträuch eingefaßter Rasen ausbreitete, und von der man überdies eine wundervolle Aussicht über die Heide nach den zackigen Bergkuppen hinüber und auf das ferne Meer genoß. Turret Court lag hoch, so hoch, daß man von dort das Tal, in dessen grünem Schoße St. Mellions lag, sehen konnte.
Das Zimmer enthielt den einzigen Lehnstuhl im ganzen Hause, in dem die sanfte Lady Agathe behauptete, ein behagliches Mittagsschläfchen halten zu können, und ferner das Klavier, zu dessen Klängen ihre Tochter immer am besten singen konnte. Der größte Vorzug aber von allen war, wie Gräfin Florence mehr als einmal kühn ausgesprochen hatte, daß Sir Jasper seine Schwelle höchstens zwölfmal im Jahre überschritt. Indessen nur Roy pflichtete ihr darin offen bei, denn Sir Jasper war kein angenehmer Mann, und sowohl seine sanfte Frau wie sein hübsches Töchterchen waren viel zu bange vor ihm, um einzugestehen, daß sie sich vor ihm fürchteten.
An dem heutigen sonnigen Morgen war er nicht in der Nähe des getäfelten Zimmers, sonst hätte dort nicht so heiteres Behagen geherrscht. Lady Agathe saß an einer der offenen Glastüren in dem Stuhle, den sie so hoch hielt, und las in einem Roman, dessen Gewicht fast zu groß für ihre zarten weißen Hände zu sein schien. Sie war eine schlanke, blasse, blonde Frau, die einst hübsch gewesen war, von jener blonden, rosig angehauchten Schönheit, die meistens so früh verblüht. Ihre zierliche Gestalt und das schmale, feine Antlitz mit den sanften Augen hatten noch etwas Mädchenhaftes, obgleich sie schon zwei oder drei Jahre über die Vierzig hinaus war. Sanft und gutherzig, ohne je eine eigene Meinung zu haben, und keinesweges gescheit, war sie doch in jedem Zoll die vornehme Dame, wie es von der Tochter eines der ältesten irischen Grafengeschlechter zu erwarten war. Das Geschlecht der Mortlakes auf Turret Court sei sehr alt, aber doch nichts gegen die Esmonds von Ballancloona, pflegte Lady Agathe bisweilen mit unschuldiger Eitelkeit zu sagen; nicht um die Welt hätte sie eingestanden, was ihre innerste Überzeugung war, — daß es eine ziemliche Herablassung von ihr gewesen war, die Frau ihres Mannes zu werden. Ihre Hauptbeschäftigung und Freude war es, Romane zu lesen oder dem Geplauder ihrer beiden jungen Gefährtinnen zu lauschen, die in bequemen Schaukelstühlen auf der Veranda saßen. In ihren weißen Kleidern sahen die beiden Mädchen schneeiggefiederten Vögeln nicht unähnlich.
Florences graue Augen blitzten schelmisch, während sie ihre Cousine ansah, aber es leuchtete auch tiefe, leidenschaftliche Zuneigung aus ihnen. Diejenigen, die Florence Esmond am besten kannten, pflegten zu sagen, daß, wenn sie kein Geheimnis daraus machte, Sir Jasper Mortlake, ihren Vormund, beinahe zu hassen, sie seine Frau und Tochter vergötterte und den jungen Roy kaum weniger liebte. Die Behauptung war nicht sehr übertrieben, denn es entsprach des Mädchens innerster Natur, heiß zu lieben, wo es überhaupt liebte.
Cäcilie — im Familienkreis stets Cis genannt — war ein sehr hübsches Mädchen, — in der ganzen Grafschaft waren die Mortlakes wegen ihrer Schönheit berühmt, — klein und zart gebaut, mit goldblondem Haar und lichtbraunen Augen und mit vollendet schönen und zarten Farben. — Dem Aussehen nach schien sie weit jünger als ihre größere Cousine mit ihrer stolzen, entschlossenen Haltung, ihrem schlanken Hals und Nacken und dem hochmütig getragenen braunen Köpfchen; aber der Altersunterschied zwischen ihnen betrug in Wirklichkeit nur wenige Wochen. Beide hatten im vergangenen Winter ihren zweiundzwanzigsten Geburtstag gefeiert.
Während sie so plaudernd dasaßen, sagte Florence: »Wie viele Torheiten habe ich mir im Leben schon zuschulden kommen lassen, die dir nicht einmal eingefallen wären, du gutes kleines Ding! Ich tue freilich in Sack und Asche Buße, das ist wahr, aber was nützt das? Und ach, was noch schlimmer ist, wie zahllose werde ich voraussichtlich noch begehen.«
»Das möchte die Herzogin auch wissen,« meinte Cäcilie lächelnd.
»Die Herzogin! O!« Florences fröhlicher Mund wurde ernst; sie setzte sich aufrecht in ihrem Stuhle hin. »Liebes Herz, — dabei fällt mir ein, — wie du weißt, hatte ich heute morgen Kopfweh und frühstückte oben. Mit einer Tasse Tee überreichte mir meine ahnungslose Jungfer eine Bombe. Die Herzogin hat geschrieben.«
»Florence!« Cis sah entsetzt aus. »Sie verlangt nach dir?«
»Allerdings. Auf zwei Briefbogen überhäufte sie mich mit Vorwürfen, daß ich sie mitten in der Saison im Stich gelassen, besonders nach der Mühe, die sie sich um meine Toilette gegeben habe; der dritte meldet mir, daß sie sich gar nicht wohl fühle, und daß der Doktor ihr anempfohlen, ohne Aufschub nach Pontresina abzureisen, und der vierte befiehlt mir, heute über acht Tage in London mit ihr zusammenzutreffen und bereit zu sein, sie zu begleiten.«
»O Florence! Welch eine schreckliche Enttäuschung! Du sagtest, du wolltest den ganzen Sommer bei uns bleiben, und jetzt sollen wir dich verlieren!«
Cis’ schöne Augen füllten sich mit Tränen. Ihre Cousine erhob sich lachend, küßte sie und strich ihr mit der weißen Hand über den blonden Kopf.
»Nein, das sollt ihr nicht, du liebes Gänschen! Ich habe schon geschrieben, um Ihrer Durchlaucht respektvoll zu melden, daß ich sie nicht begleiten werde.«
»Wie lieb von dir! Aber ich fürchte, sie wird furchtbar böse werden.«
»Sie beabsichtigt, ein Vierteljahr fern von England zu bleiben,« gab Florence gelassen zur Antwort. »Bis sie zurückkommt, wird sie es überwunden haben.«
»Das will ich um deinetwillen hoffen.« Fräulein Mortlake empfand ein gut Teil Angst und Scham vor Ihrer Durchlaucht der verwitweten Herzogin von Dunbar, da sie ein schüchternes kleines Geschöpf war, und sah fast ebenso ängstlich aus, als hätte sie selbst gewagt, der hochgeborenen Dame Trotz zu bieten.
»Ich möchte, sie teilte sich nicht mit meinem Vater in die Vormundschaft über dich, Florence,« sprach sie. »Ein Vormund ist genug.«
»Liebste, ich bin oft der Meinung, daß einer schon zu viel ist.« Florence setzte sich wieder in ihren Stuhl, verschränkte die Hände im Nacken unter dem vollen, lose verschlungenen Knoten ihres kastanienbraunen Haares und fuhr langsam fort: »Es ist recht lästig, das muß ich zugeben. Aber siehst du, die Herzogin hat bei mir Gevatter gestanden, und so hätte sie es wohl nicht gern gesehen, wenn sie übergangen worden wäre. Und mein Vater mag wohl der Ansicht gewesen sein, daß Frauen nicht viel von Geschäften verstünden. Er hielt es im Interesse meiner Angelegenheiten für besser, ihr einen männlichen Vormund an die Seite zu stellen, und da war es natürlich, daß seine Wahl auf Sir Jasper, den Mann seiner einzigen Schwester, fiel. Ihre Durchlaucht waren unbedingt froh, mich los zu sein, und jetzt, seitdem ich mündig bin, kann ich überhaupt tun, was mir beliebt — was meinen Aufenthalt betrifft wenigstens.«
Der Ton ließ darauf schließen, daß die Sprecherin in anderer Hinsicht nicht tun könne, was ihr beliebte.
»Hast du — hast du es der Herzogin erzählt, Florence?« fragte Cis, anscheinend ganz ohne allen Zusammenhang, mit gedämpfter Stimme.
»Nein, mein Herz. Ich beschloß, damit noch zu warten. Teils weil ich der Ansicht war, mein Brief sei sowieso schon hinreichend, um ihr auf die Nerven zu fallen, — von der Laune, in die er sie versetzen wird, gar nicht zu reden. Teils weil ich es für möglich hielt, sie könne ihren Doktor samt seinen Verordnungen und Pontresina ganz und gar vergessen und in höchsteigener Person hier auf der Bildfläche erscheinen, um ihre Ansicht kundzutun. Ihre Ansichten sind mir gewöhnlich langweilig.«
Sie brach geflissentlich von dem Gegenstande ab und fragte: »Wo ist Roy heute morgen, Cis?«
»Ausgeritten, glaube ich. Nein, ich weiß es sogar bestimmt. Er sagte beim ersten Frühstück, er wolle nach Arborfield hinüberreiten.«
»Und Harry zum zweiten Frühstück mitbringen!« setzte Florence gleichmütig hinzu. »Weshalb sprichst du nicht zu Ende, Cis?«
Sie lachte, während sie in das Porzellangesichtchen schaute, dessen zarte Farbe dunkler wurde.
»Wie rot du wirst, Kind, obgleich du schon seit drei Monaten verlobt bist! Vielleicht ist es doch ganz nett, einen Harry zu haben. Weißt du, ich denke mitunter, wie mir das wohl gefallen würde.«
»Florence!« Cis richtete ihre kleine Gestalt mit der würdigen Miene, die sie mitunter annahm, empor. »Wie kannst du jetzt nur so etwas noch sagen, wo du —«
»Wo ich noch nie verliebt gewesen und moralisch davon überzeugt bin, daß ich es nie sein werde!« beendete Florence munter den Satz. »Ganz recht, mein Herz,« fuhr sie fort, »es geziemt mir gewiß nicht, mich in sentimentalen Erwägungen zu ergehen. In Zukunft will ich mich benehmen, wie es sich gehört, und dich und Harry nur aus dem angemessenen überlegenen und unpersönlichen Gesichtspunkte betrachten. Und darin kann ich gleich anfangen, mich zu üben, denn da sind sie schon.«
Zwei junge Leute kamen von den Stallgebäuden her quer über den Rasen — der blonde, glattwangige, langaufgeschossene Roy Mortlake, dessen Sitz zu Pferde Everard Leath vor drei Tagen vom Erkerfenster der Chichester Arms aus bewundert hatte, und Harry Wentworth, der Sohn und Erbe des Barons Charteries von Arborfield, dessen Verlobungsring Cis seit drei Monaten trug. Er war ein hübscher Mensch mit lebhaften Augen, der aussah, als ob er des noch reizenderen Errötens, mit dem sein Bräutchen ihn begrüßte, würdig sei.
Sie wanderten sogleich miteinander davon, Cis’ goldblonder Kopf wurde sorgfältig mit einem Sonnenschirm beschützt, und Roy setzte sich auf eine Stufe der Verandatreppe neben Florences Schaukelstuhl. Lady Agathe hatte die Ankömmlinge nur mit einem freundlichen Lächeln begrüßt, sich aber nicht weiter stören lassen, sondern in ihrem Roman weitergelesen.
»Flo,« — Roy liebte es, Gräfin Florences Namen so abzukürzen, — »ich habe Chichester gesehen — Hallo! Zum Kuckuck auch!«
Bei diesem Ausruf fuhr Roy von seinem niederen Sitze empor. Sir Jasper riß plötzlich die Tür auf und betrat das Zimmer, zur schreckensvollen Bestürzung seiner Frau und seines Sohnes und zu Florences grenzenlosem Erstaunen, da er sonst, wie gesagt, nie in diesem Raume erschien.
Er sah — wenigstens auf den ersten Blick — nicht so aus wie jemand, dessen plötzliches Erscheinen geeignet war, eine Störung zu verursachen. Wie alle Mortlakes sah er sehr gut aus. Cis’ hübsches rosiges Gesichtchen hatte nicht regelmäßigere Umrisse und Züge als das seine. Man hätte es fast allzu regelmäßig, zu glatt, zu farblos und ruhig nennen können. An seinem letzten Geburtstage war er sechsundfünfzig gewesen, aber er sah bei weitem nicht so alt aus. Sein blondes Haar war von jener hellen Farbe, die die grauen Fäden nicht hervortreten läßt, sein Antlitz zeigte wenig Falten, seine grauen Augen waren klar und glänzend; daß er nur einen großen Schnurrbart trug und Wangen und Kinn glattrasiert waren, ließ ihn noch jugendlicher erscheinen, und seine hohe, aufrecht getragene Gestalt bewegte sich mit einem leichten, ungezwungenen Anstande, der auf einen viel jüngeren Mann hätte schließen lassen.
Ja — Sir Jasper Mortlake, der Besitzer von Turret Court, war entschieden ein schöner und auf den ersten Blick ein anziehender Mann für fast jeden. Nur bei einem zweiten Blick gewahrten Leute, die sich auf Physiognomik verstanden, daß seine grauen Augen ebenso eisig kalt und strenge wie glänzend waren, daß die schmalen, schöngeschnittenen Lippen sich gewöhnlich fest aufeinanderpreßten, und daß die Umrisse des Oberkiefers und Kinns auf erbarmungslose Härte deuteten.
Es gab indessen eine Menge Menschen, deren Augen hierfür blind blieben, ebenso wie ihre Ohren taub gegen die Tatsache waren, daß seine langsame, klare, wohlbeherrschte Stimme einen unerbittlichen scharfen Klang hatte. Diese Leute pflegten Sir Jasper für einen sehr netten Mann und Lady Agathe für eine sehr glückliche Frau zu erklären, eine Ansicht, der zu widersprechen Lady Agathe selbst nie im Traume eingefallen sein würde.
Sie fuhr jetzt aus ihrem Stuhle auf und ließ ihren Roman fallen, während ein ängstliches Beben ihre zarte Gestalt durchlief. Roy schlich sich die Verandatreppe hinab, augenscheinlich darauf bedacht, sich womöglich ungesehen aus dem Staube zu machen. Florence gab ihrem Schaukelstuhle einen Ruck und blickte ihren Vormund mit fragenden Augen an. Ihr jagte er nie einen Schrecken ein, hatte es nie getan seit der Zeit, wo sie ein übermütiges, dreizehnjähriges Mädchen in kurzen Kleidern gewesen und er ihr Vormund geworden war. Das war vielleicht ein Grund, weshalb er fast immer höflich und mitunter fast liebenswürdig gegen sie war, obgleich ein anderer Grund in der Tatsache zu finden sein mochte, daß, wenn sie es abgelehnt hätte, wenigstens die Hälfte des Jahres unter seinem Dache zu verbringen, tausend Pfund Sterling jährlich weniger in die Tasche des Barons geflossen sein würden. Es wurde gemeiniglich angenommen, daß Turret Court fast so alt sei wie die Berge, die hinter ihm emporragten, aber an irdischen Gütern hatte das Geschlecht der Mortlakes nie Überfluß besessen.
»Ist — kann ich — wünschest du irgend etwas, Jasper?« stammelte Lady Agathe ängstlich hervor.
»Danke — nein. Bitte, laß dich nicht stören.« Der Baron warf einen verächtlichen Blick auf den hingefallenen Roman; für die harmlosen Bände, die das Hauptinteresse und Vergnügen seiner Gattin ausmachten, hatte er eine unsägliche Verachtung.
»Ich glaubte, Roy wäre hier,« setzte er, sich umblickend, hinzu.
»Das ist er auch.«
Florence übernahm die Antwort und deutete nickend auf Roys verschwindende Gestalt, wofür ihr ein vorwurfsvoller und entrüsteter Blick wurde. »Wolltest du etwas von ihm, Onkel Jasper?«
Niemand außer ihr hätte es gewagt, die Frage zu stellen, oder würde sie gestellt haben, ohne eine beißend sarkastische Antwort zu erhalten. Sir Jasper trat an die offene Glastür.
»Ja, danke, meine Liebe.« Er rief seinem Sohne zu: »Roy, du hast nichts zu tun, — du kannst nach St. Mellions reiten und einen Brief von mir mitnehmen.«
»Was, jetzt, Vater?« Roys Gesicht wurde zusehends länger, als er sehr gegen seinen Willen kehrtmachte. »Ich komme gerade eben mit Wentworth aus Arborfield zurück,« sagte er in einem so mißvergnügten Tone, wie er nur anzuschlagen wagte, »und die Sonne scheint so furchtbar heiß — es ist der reine Backofen. Hat es nicht bis nach dem Frühstück Zeit?«
»Es hat nicht bis nach dem Frühstück Zeit. Ich bedaure unendlich, deine kostbare Muße in Anspruch nehmen zu müssen,« antwortete der Baron mit schneidendem Hohn. »Unglücklicherweise habe ich nicht Lust, meine Geschäfte warten zu lassen, bis es dir beliebt, sie zu erledigen. Du wirst Herrn Sherriff das Billett bringen und —«
»Herrn Sherriff?« fiel ihm Florence ins Wort. »Der liebe alte Mann — ich habe ihn seit einer Woche nicht gesehen! Und dabei ist er nicht wohl! Wie schändlich! Das muß ich wieder gutmachen.«
Sie sprang auf und sagte mit einer entlassenden Handbewegung: »Schon gut, Roy, du kannst davonlaufen und spielen. Ich will dein Briefchen besorgen, Onkel Jasper.«
»Liebes Herz, es ist so heiß! Und du mußt doch erst frühstücken,« wagte ihre Tante milde einzuwenden, während sie ihren Roman aufnahm.
»Nein, das brauche ich nicht. Ich werde mich bei Herrn Sherriff zu Gast laden. Er wird das gern sehen, und ich werde ihn aufheitern. Und außerdem muß ich wirklich im Pfarrhause vorsprechen und mich nach dem Datum des Basars erkundigen. Wenn wir uns nicht sputen, so werden Cis und ich das Regiment Puppen dafür nicht rechtzeitig fertig angezogen bekommen. Das Billett, bitte, Onkel Jasper, und ist noch irgend etwas dabei zu bestellen?«
Es war nur noch auszurichten, daß der Überbringerin des Briefes eine Antwort mitzugeben sei. Sir Jasper erteilte diese Weisung, sagte seinem Mündel ein paar sehr förmliche Dankesworte und ging hinaus. Florence pfiff ein paar Takte des ›Hausgespenstes‹ vor sich hin, schlug ihrer Tante das Buch wieder auf, gab ihr einen Abschiedskuß und lief auf den Rasen hinaus.
»Roy, lauf nach dem Stall hinüber — tu’s mir zuliebe, und laß Jakob mir Orange Lily satteln. Aber er selbst braucht sich nicht fertigzumachen, denn ich habe keine Lust, ihn hinter mir zu haben.«
Sie richtete ihre lustigen Augen auf das Brautpaar und klopfte ihrer Cousine leicht auf die schöne Wange. »Finden Sie nicht, daß Cis gut aussieht, Herr Wentworth? Wissen Sie wohl, daß sie einen demoralisierenden Einfluß auf mich ausübt? Wenn ich sie ansehe, so bin ich wirklich fast geneigt, mich zu verlieben.«
»Nun, ich glaubte, der Schritt wäre schon getan, Gräfin Florence!« gab Harry Wentworth lachend zurück.
»Das glaubten Sie? Von mir? Du meine Güte, wie kommen Sie nur auf solchen Gedanken? Liege ich nachts wach und kann nicht schlafen? Verliere ich den Appetit? Werde ich rot? Härme und gräme ich mich? Nun, was sagt ihr beide?«
»Ich sehe wenigstens keines dieser Symptome,« meinte Harry.
»Das werden Sie auch nie, so wahr ich eine Esmond von Ballancloona bin! Lebt wohl! Ich werde Herrn Sherriff von euch grüßen und ihm einen Kuß geben, um ihm meine Liebe zu bezeigen. Ich verliebt! Wirklich, Harry, ich schäme mich Ihrer! Liebe! Wie ist einem denn zumute, wenn sie sich unserer bemächtigt hat?«
Sie eilte leichtfüßig über den Rasen dem Hause zu, und ihre Stimme tönte fröhlich zu ihnen herüber, während sie munter vor sich hinträllerte:
»Mein Herz, ich will dich fragen,
Was ist denn Liebe, sag?
Zwei Seelen und ein Gedanke,
Zwei Herzen und ein Schlag.« —
»Ist sie nicht ein liebes Geschöpf?« sagte Cis mit zärtlicher Bewunderung und drückte Harrys Arm liebevoll an sich.
»Sie ist auf alle Fälle ein Original.« Er lachte. »Und sie ist außerdem verteufelt hübsch. Das steht fest. Ich finde, sie wird jedesmal, daß ich sie sehe, hübscher. Trotzdem, Cis, bin ich ganz ungemein froh, daß ich sie nicht heiraten soll, weißt du. In der Tat, ich beneide einen gewissen Jemand, den wir beide nennen könnten, nicht sonderlich.«
»Florence ist viel zu gut für jenen gewissen Jemand,« erklärte Cis.
»Das bestreite ich nicht. Ich bin nur froh, daß ich es nicht bin. Welch wunderlicher Einfall veranlaßte sie nur, solche Reden zu führen? Aus dem, was du mir gesagt hast, schloß ich, daß es eine ganz abgemachte Sache sei.«
»Das ist es auch. Wenigstens glaube ich es.«
»Weiß Sir Jasper darum?«
»O ja! Aber die Herzogin noch nicht.«
»Und dann spricht deine gräfliche Cousine so? Nette Aussichten!« Harry zuckte die Achseln und lachte. »Ja, ich wiederhole, ich bin von Herzen froh, daß ich nicht in der Haut eines gewissen Jemand stecke.«
»Ach,« meinte Cis und schüttelte in sinnendem Widerspruch den hübschen Kopf, »es ist leicht, so zu reden! Ich würde es wohl ebenso machen, wenn ich du wäre. Aber du verstehst Florence nicht.«
3.
Gräfin Florence ritt auf ihrem Lieblingspferde Orange Lily, einer Goldfuchsstute, über die Halde und bog in den langsam abwärts führenden Reitweg ein, der in die kleine, krumme Hauptstraße von St. Mellions einmündete. Manche Mützen flogen von den Köpfen, manche Knickse wurden beim Anblick der anmutigen Gestalt des bildhübschen, sonnigen Antlitzes gemacht, das mit dem strahlendsten Lächeln für jeden Gruß dankte. Es gab weder einen Mann, noch eine Frau, noch ein Kind im Orte, die sie nicht kannten, und nur Roy nahm es an allgemeiner Beliebtheit im Dorfe mit ihr auf.
Man hatte die sanfte, freundliche Lady Agathe und die hübsche Cäcilie gern, — wie sie es für ihre Herzensgüte und vielen Wohltaten auch verdienten, — aber nicht in demselben Grade und nicht nach derselben Art wie Florence.
Sie ritt langsam an der alten, grauen Kirche und dem wohnlichen Pfarrhause mit seinen Erkerfenstern vorbei, wandte sich dann rechts und hielt vor einer niedrigen weißen Pforte, die sich inmitten einer hohen Hecke befand, an. Sie beugte sich im Sattel vornüber, sie aufzuklinken, und ritt in den dahinterliegenden Garten. Dort sprang sie mit solcher Leichtigkeit und Behendigkeit vom Pferde, wie Roy es nur hätte tun können, nahm Orange Lilys Zügel und ging den breiten Kiesweg hinauf, der nach dem Hause führte.
Es war ein niedriges, kleines Gebäude, das anscheinend nur aus wenigen Zimmern bestand und nur ein Stockwerk hatte. Aus roten Backsteinen aufgeführt, von Schlinggewächsen bis an die niedrigen Schornsteine, die vielen Türen und Fenster überwuchert, mit blühenden Blumen auf den Simsen, mit Balkon und Veranda bot es einen überaus malerischen Anblick dar. Gräfin Florence hatte oft erklärt, daß sie viel lieber im Bungalow — so hieß es — wohnen möchte, als in Turret Court.
Sie setzte eine kleine silberne Pfeife, die an ihrer Uhrkette hing, an die Lippen und ließ einen hellen Pfiff ertönen. In demselben Augenblick erschien schlürfenden Ganges ein großer junger Mann, der beim Anblick des jungen Mädchens einen riesigen Zeigefinger an sein strohgelbes Haar legte, denn eine Mütze hatte er nicht auf.
»Guten Morgen, Joe,« sagte Florence in ihrer liebenswürdigen Weise und dankte ihm mit ihrem reizenden Lächeln für seinen Gruß. Dann erkundigte sie sich, ob Herr Sherriff zu Hause sei, und wies ihn an, Orange Lily zu versorgen, ihr aber nicht zu viel Wasser zu geben, da sie bald wieder heimreiten wolle. Darauf schritt sie über den samtweichen Rasen, stieg die Verandatreppe hinan und blickte durch ein niedriges offenes Fenster.
»Herr Sherriff, wissen Sie nicht, daß Sie an diesem wundervollen Tage draußen im Sonnenschein sein sollten?«
»Gräfin Florence! Mein liebes Kind, welch eine Freude, Sie zu sehen!«
Der Herr, der diese Worte sprach, erhob sich schnell von einem mit Büchern bestreuten Tische, an dem er saß, kam ans Fenster und nahm die Hand, die ihm das junge Mädchen bot. Er war groß und hager, mit breiten Schultern, und ging ein wenig gebückt. Er hatte ein stilles, träumerisches, zerstreutes Wesen. Die meisten würden ihn für einen ganz alten Mann gehalten haben, denn seine Stirn war gefurcht und sein Haar wie sein langer Vollbart schneeweiß; nur die schöngeschwungenen Brauen seiner dunklen Augen waren noch schwarz. Trotzdem zählte Matthias Sherriff noch nicht sechzig, obwohl er gewöhnlich für volle zehn Jahre älter gehalten wurde.
»Welch eine Freude, Sie zu sehen, liebes Kind! Wie hat mich der Klang Ihrer Stimme erschreckt!« sagte er und beugte sich mit ritterlicher Artigkeit und Höflichkeit über den kleinen hellbraunen Stulphandschuh. Sir Jasper Mortlake, der sich so viel auf seine weltmännischen Formen zugute tat, war kein so vollendeter Kavalier wie der Hausherr des Bungalow, der auf nichts stolz war als auf seine geliebten Bücher.
»Habe ich Sie erschreckt? Das tut mir leid! Es war sehr unüberlegt von mir, Sie so plötzlich anzureden. Soll ich hereinkommen, oder wollen Sie meinen Rat befolgen und mit mir in den Garten gehen?« fragte Florence lächelnd.
»Ihr Rat ist immer der beste. Ich will zu Ihnen kommen.«
Herr Sherriff stieg bei diesen Worten über die niedrige Fensterbrüstung, zog einen Korbstuhl herbei, der im Schatten der Veranda stand, und wartete, bis sie Platz genommen, ehe er sich einen zweiten herbeiholte.
»Führt eine geschäftliche Angelegenheit Sie her, Gräfin, oder sind Sie so freundlich, einem einsamen alten Manne einen Besuch zu machen?«
»Beides, Herr Sherriff.«
Sie setzte ihm auseinander, was sie hergeführt, und lud sich zum Frühstück bei ihm ein; dabei zog sie Sir Jaspers Brief aus der Tasche ihres Reitkleides. Herr Sherriff nahm ihn ihr ab, las ihn und schob ihn wieder in den Umschlag.
»Die Sache ist sehr einfach, und ich glaubte, sie Sir Jasper vorige Woche genügend erklärt zu haben. Wenn Sie gestatten, so werde ich Sie mit ein paar Zeilen für ihn behelligen. Wie geht es allen in Turret Court, Lady Agathe, Fräulein Cäcilie?«
»Meine Tante ist so wohl, wie sie überhaupt sein kann, und Cis ist hübscher denn je. Sie und Harry Wentworth machen mich ganz sentimental — wirklich. Was wollte ich noch sagen? Ach ja! Roy ist sehr fidel und Sir Jasper griesgrämlich. Ich bin, wie Sie mich vor sich sehen.«
»Und wie Sie hoffentlich bleiben werden. Besseres können Sie nicht tun, liebes Kind.«
Der alte Herr blickte mit wohlwollendem, väterlichem Lächeln in das liebreizende, strahlende Gesicht.
»Sie wollen hoffentlich nicht damit sagen, daß irgend etwas Besonderes vorgefallen ist, was Sir Jasper verstimmt hat?«
»Du meine Güte, nein. Es ist eben nur sein chronisches Leiden! Wenn ihm einmal wirklich etwas Widerwärtiges zustieße, so würde es ihn vielleicht liebenswürdig machen — wer weiß? Ich habe jetzt angefangen, ›Das Hausgespenst‹ zu flöten, was der armen Agathe jedesmal einen furchtbaren Schrecken einjagt! Als ob ihr Herr und Gemahl den Gassenhauer kennte!«
»Das ist wohl kaum anzunehmen,« meinte Herr Sherriff lächelnd.
»Natürlich nicht. Trotzdem sah ich sie erzittern, wenn ich nur die Lippen spitzte. Ich sollte es natürlich nicht tun, nicht wahr? Junge Damen sollten niemals flöten. Da hat die arme Herzogin recht — kommt dort nicht jemand, Herr Sherriff?« unterbrach sie sich und horchte auf näherkommende Schritte — Schritte, die ihr ganz fremd waren.
Dann fuhr sie empor und rief in grenzenlosem Erstaunen: »Was, Sie sind es? Hier?«
Es war Everard Leath, der um die Ecke der Veranda bog, und der bei ihrem Anblick in ebenso großem Staunen stehen blieb.
Verwundert über ihr gegenseitiges Erkennen blickte Sherriff von einem zum andern.
Leath sprach zuerst.
»Ich bitte um Entschuldigung, Gräfin Esmond. Ich hatte keine Ahnung davon, daß Sie hier wären, und erwartete, Herrn Sherriff allein zu finden.«
Er verbeugte sich und entfernte sich wieder. Florences graue Augen richteten sich verwundert auf den Hausherrn.
»Wie in aller Welt kommt er hierher?« rief sie.
»Liebes Kind, erlauben Sie mir erst, Ihnen eine Frage vorzulegen: Wie kommt es, daß Sie ihn kennen und er Sie?«
»Wie das kommt?« Sie lachte bei der Erinnerung hell auf. »Soll ich es Ihnen erzählen?« meinte sie schelmisch in überlegendem Tone. »Ja, Sie sollen es hören.«
Sie entwarf ihm darauf eine anschauliche und sehr drollige Schilderung, wie es gekommen, daß Everard Leath in ihrem geheimen Schlupfwinkel in der Klippenwand eine Zuflucht gefunden.
»Hat er Ihnen nichts davon erzählt?« fragte sie neugierig.
»Kein Sterbenswort.«
»Auch Sie gar nichts über mich gefragt?«
»Mein liebes Kind, Herr Leath hat Ihren Namen mir gegenüber gar nicht in den Mund genommen! Ich hatte keine Ahnung davon, daß Sie ihm je begegnet!«
»Höflich! Es nimmt mich sehr wunder, daß er sich überhaupt die Mühe gegeben hat, herauszufinden, wer ich bin. Und jetzt zu meiner Frage, bitte, Herr Sherriff. Wie kommt er hierher? Ich verstand von ihm, daß er keine Seele in St. Mellions kenne.«
»Und das ist auch wahr, glaube ich. Ich habe seine Bekanntschaft auf fast ebenso zwanglose Weise gemacht wie Sie. Als ich vor einigen Abenden spazieren ging, überkam mich einer meiner unglücklichen Schwächeanfälle. Ja, ohne ihn würde ich hingestürzt sein, denn ich hatte das Bewußtsein fast gänzlich verloren.«
»O, wie mir das leid tut!« Das fröhliche, neugierige Gesicht des jungen Mädchens wurde ernst. »Und er — dieser Herr Leath — brachte Sie nach Hause, nicht wahr?«
»Ja, mein Kind — als ich mich hinreichend erholt hatte, um ihm zu sagen, wo ich wohnte, was ohne seine Kognakflasche wohl noch länger gedauert haben würde. Natürlich kamen wir nachher ins Gespräch, und ich erfuhr, daß er hier fremd, daß er aus Australien sei und in den Chichester Arms abgestiegen wäre. Ich sagte ihm, daß er an einem einsamen alten Mann ein gutes Werk tun würde, wenn er mir während seines Aufenthalts in St. Mellions einen Teil seiner Zeit widmen wolle. Er scheint sich auch einsam zu fühlen, denn er ist jeden Tag mehrere Stunden bei mir gewesen. Gestern lud ich ihn für heute zu Tisch ein. Ist diese Erklärung vollständig genug?«
»J—a.« Florence zog die Brauen zusammen. »Ausgenommen,« fuhr sie in etwas pikiertem Tone fort, »daß ich nicht recht einsehe, weshalb Sie einen völlig Fremden so gern haben sollten, Herr Sherriff.«
»Habe ich gesagt, daß ich ihn sehr gern habe, mein Kind?«
»Nein. Aber Sie tun es. Das sehe ich,« schmollte sie.
»Selbst wenn dem so wäre, so hat die Sache ihren Präzedenzfall. Vor zehn Jahren zum Beispiel wurde ich einer jungen Dame vorgestellt, die ich immer seither von Herzen liebgehabt habe.«
»Es ist so lieb von Ihnen, das zu sagen.« Mit einem reizenden Lächeln legte sie zärtlich die Hand auf seinen Arm. »Aber gestehen Sie — mögen Sie diesen Herrn Leath leiden? Nun?«
»Ich gestehe, mein Herz, daß ich ihn sehr gern habe.«
»Und um nichts,« sagte Florence wieder schmollend, »aus keinem besonderen Grunde.«
»Gerade ebensowenig Grund haben Sie, ihn nicht leiden zu mögen.«
»Mag ich ihn nicht leiden?« Sie lachte. »Ich fühle mich getroffen,« setzte sie freimütig hinzu, »denn jetzt, wo ich darüber nachdenke, glaube ich, daß dem so ist. Und doch kann ich nicht sagen, weshalb eigentlich. Sein Benehmen war allerdings brüsk, aber ich glaube nicht, daß das der Grund war. Aber wir können unseren Antipathien und Sympathien nie auf den Grund kommen, nicht wahr?«
Sie blickte nachdenklich auf die Blumenbeete hinaus und zog die Stirn wieder kraus. »Herr Sherriff!«
»Ich höre, liebes Kind.«
»Glauben Sie, daß er dauernd hier — in St. Mellions — bleiben wird?«
»Ja, wenigstens vorläufig. Das hat er mir gesagt.«
»Ja, ja, aber —« sie stockte. »Sie wissen wohl nicht, was ihn hergeführt?«
»Darüber weiß ich ebensowenig wie Sie, mein Kind, gar nichts.«
»Vielleicht weiß ich doch etwas. Jedenfalls weiß ich, daß er nicht zum Vergnügen, sondern in Geschäften gekommen ist. Das erzählte er mir, und es war ihm Ernst damit.«